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2 Qualitative Analyse in:

Anselm Geserer

Vom Erlebten zum Erlebnis, page 29 - 62

Eine Bestimmung des Außeralltäglichen durch Bungee

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3871-0, ISBN online: 978-3-8288-6652-2, https://doi.org/10.5771/9783828866522-29

Series: Studien zur Unterhaltungswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 29 2 Qualitative Analyse Das bisher eingehend beschriebene Ereignis des Bungee-Springens wird im Folgenden einer tiefergreifenden Analyse unterzogen. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Fragestellung, welcher Art die wahrgenommenen Qualitäten und Muster bei einem solchen Sprung sind und was mit dem Springer selbst während eines solchen Sprunges geschieht. Da ebendiese vermuteten Wahrnehmungsmuster derzeit weder bekannt noch skalierbar sind, werden Bungee-Sprünge einer retrospektiven und qualitativen Analyse unterzogen. Eine weitere Legitimation hierfür ergibt sich aus dem oberflächlichen Vergleich mit einer quantitativen Studie. 1996 wurde eine Befragung97 von 1051 Personen nach Bungee-Sprüngen schriftlich durchgeführt; hiervon sendeten 173 Personen den Fragebogen vollständig zurück. Selbstverständlich soll von einer Kritik der Repräsentativität dieser Umfrage abgesehen werden, dennoch sind einige Fragen gestellt worden, die sich außerhalb von deklarativen Kontexten, wie: „Wenn du die Möglichkeit hättest, würdest Du Deinen Sprung wiederholen?“98 befinden und insofern interessant für den Rahmen dieser Arbeit sind. So wurde beispielsweise in der siebten von 18 Fragen gefragt: „Als Du Deinen Jump absolviert hast, was hast Du empfunden?“99 Antwortalternativen waren: „Selbstbestätigung“, „Hochstimmung“, „Angst“, „nichts“ und „weiß nicht“. Abgesehen davon, dass eine solche Frage voller Präsumptionen und Suggestionen ist, bleibt dem Befragten wenig Möglichkeit, adäquat das Erlebnis zu beschreiben, sodass es möglich wäre, sich eine Vorstellung von Bungee als Erlebnis zu machen. Aus diesem Grund entschied ich mich für ein narratives und qualitatives Verfahren, um einen Blick in das „Innere“ der Probanden zu bekommen und auf diese Weise präziser beschreiben zu können, inwiefern Bungee eine Erlebnisqualität bietet und wodurch sich eine solche auszeichnet. Qualitative Forschung rekonstruiert Sinn oder subjektive Sichtweisen – im Einzelnen sehr unterschiedlich gefasst z.B. als „subjektiver Sinn“, „latente Sinnstruktur“, „Alltagstheorien“ oder „subjektive Theorien“, „Deutungsmuster“, „Wirklichkeitskonzepte“ oder –„konstruktionen“, „Bewältigungsmuster“ oder „narrative Identität“. Ihr Forschungsauftrag ist Verstehen, gearbeitet wird mit 97 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 189-193. Fragebogen: ebd. S. 214f. 98 Ebd, S. 190, 214. 99 Ebd. S, 213. 30 sprachlichen Äußerungen als ‚symbolisch vorstrukturierten Gegenständen‘.100 Ein qualitatives Vorgehen ermöglicht es demzufolge, die subjektive Erlebnisstruktur beim Bunge-Springen zu erfassen und zu charakterisieren. Im darauffolgenden Abschnitt sollen diese Ergebnisse dann theoretisch fundiert werden, um ein valides Verständnis von Erlebnis zu erlangen. 2.1 Vorgehensweise 2.1.1 Das Erhebungsinstrument Interview und der Leitfaden Um einen Einblick in die innere Qualität des Erlebnisses zu bekommen sind „narrative Leitfadeninterviews“ eine geeignete Alternative. Befragt werden drei „Erstspringer“ und ein „Vielspringer“, um Erlebnisse in ihrer Einzigartigkeit besser verorten zu können. Leitfadeninterviews sind allgemein mit einem spezifischen Dilemma konfrontiert und zwar jenem, das sich „zwischen Strukturierung und Offenheit“101 findet. Auf der einen Seite schränkt Strukturierung den Erzählenden ein und kann auf diese Weise Einfluss auf das Erzählte haben, auf der anderen Seite führt zu große Offenheit möglicherweise dazu, dass das Erzählte am Forschungsvorhaben vorbeiläuft. Nach Jan Kruse verletzten Leitfadeninterviews die Prinzipien der Qualitativen Forschung Offenheit und Kommunikation, da „sie etwas Bestimmtes wissen wollen, verschiedene Leitfragen stellen und somit das Interview steuern“102. Es ist nicht einfach diesem Problem zu entrinnen, dennoch ist es nach Kruse möglich: Das Dilemma zwischen Strukturierung und Offenheit in Leitfadeninterviews ist ... ein vermeintliches, wenn auch eine weiterhin grundsätzlich mögliche Problematik, die sich aber relativ gut in den Griff bekommen lässt, wenn man schon bei der Konstruktion der Interviewleitfäden einige Gesichtspunkte beachtet.103 Es ist möglich dem Interviewten das monologische Rederecht zuzugestehen und gleichzeitig zielgerichtet etwas wissen zu wollen, indem der Leitfaden ausschließlich aus offenen Erzählaufforderungen und offenen Fragestellungen besteht. Hierdurch findet zwar eine thematische Fokussierung statt, dennoch wirken die Erzählaufforderungen nicht „schließend“ sondern „offen“ auf die Befragten. 100 Helfferich, Cornelia: Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden, 4. Aufl. 2011, S. 21. 101 Vgl. Kruse, Jan: Arbeit und Ambivalenz. Die Professionalisierung Sozialer und Informatisierter Arbeit. Bielefeld 2004, S. 146. 102 Kruse: Arbeit und Ambivalenz, S. 146. 103 Ebd, S. 147. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 31 der Vorteil von Leitfadeninterviews ist oftmals die Verzahnung von Strukturierung beziehungsweise Fokussierung und Offenheit, wodurch eine höhere und forschungspraktisch einfachere Vergleichbarkeit mehrerer Interviews gegeben ist.104 Bei der Gestaltung der Leitfragen hielt ich mich an die Richtlinien über eine solche Vorgehensweise – die selbstredend unter anderem – sowohl von Cornelia Helfferich als auch von Jan Kruse diskutiert werden.105 Die Leitfäden selbst sind dem Anhang zu entnehmen, ebenfalls die datenschutzrechtlichen Vorlagen, die bei den Interviews ausgehändigt und unterschrieben wurden (Anhang: 9.1). Ich ging bei der Entwicklung der Leitfäden nach dem SPSS Prinzip106 vor: sammeln – prüfen – sortieren – subsumieren. Der Leitfaden selbst besteht letzten Endes jedoch nicht mehr aus einem linearen Fragenkatalog, sondern aus einer „nichtlinear“ und tabellarisch angeordneten Batterie von „Erzählaufforderungen“107; diese sollen gewährleisten, dass den Interviewten das monologische Rederecht zugestanden wird und hierbei keine Implikationen, Präsumptionen und Präsuppositionen die Befragten in ihrer Erzählung beeinflussen108. 2.1.2 Ablauf und Bedingungen Nachdem ich die Zusage des Unternehmens von Jochen Schweizer hatte, die Bungee-Anlage in München zu besichtigen, selbst zu springen und Interviews mit Erstspringern zu führen, fuhr ich am Samstag den 26.04.2014 nach Oberschleißheim bei München zur ersten in Deutschland offiziell eröffneten Bungee-Analage; diese befindet sich direkt an der Olympia Ruderregatta. An diesem Tage war die Anlage für Kunden noch nicht in Betrieb und Mitarbeiter wurden in Sicherheitsabläufen geschult. Wir einigten uns auf folgenden Ablauf: zuerst sollte der „Vielspringer“ springen und ich im Anschluss daran das Interview mit ihm führen, als nächstes sollten dann mein Kameramann und ich springen; die Interviews mit den Erstspringern, 104 Kruse: Arbeit und Ambivalenz, S. 150. 105 Vgl. Helfferich: Die Qualität qualitativer Daten. S. 179-187. Vgl. ebenf.: Kruse: Arbeit und Ambivalenz. S. 146-151. Vgl. ebenf.: Kruse: Kruse, Jan: Qualitative Interviewforschung. Ein Integrativer Ansatz. Basel, Weinheim 2014, S. 213-228. 106 Vgl. Helfferich: Die Qualität qualitativer Daten, S. 178-190. 107 Vgl. Kruse: Arbeit und Ambivalez, S. 149. Vgl. ebenf.:Kruse: Qualitative Interviewforschung, S. 217. 108 Generelle Anforderungen an die Interviewsituation und den Interviewer insbesondere bezüglich seines (verbalen) Verhaltens finden sich bei: Helfferich: Die Qualität qualitativer Daten, S. 108 u.a. 32 würde ich dann am nächsten Tag bei der Eröffnung führen (ein detaillierter Erlebnisbericht des Sprunges findet sich im Anhang (Anhang: 9.3). Der Sprung und das Interview des Vielspringers verliefen reibungslos. Dieses und alle weiteren Interviews wurden auf der danebengelegenen Tribüne geführt. Hierzu gingen wir ganz nach oben, zu den hintersten Plätzen der Tribüne, sodass wir uns entfernt vom „Trubel“ und mit einer Wand im Rücken entspannt hinsetzen konnten. Die Interviews mit den „Erstspringern“ führte ich am darauffolgenden Tag, dem Tag der Bungee- Saison-Eröffnung. Die Rahmenbedingungen waren sehr günstig, es fanden sich genügend Leute ein und einen passenden Interviewplatz gab es auch, dennoch trübte das Wetter an diesem Tag die Stimmung etwas. Es war relativ kalt, nebelig und nass. Ich versuchte die Stimmung mit den Probanden aufzulockern, in dem ich diesen Getränke und Kekse anbot; keiner der Teilnehmenden wollte jedoch etwas davon. Um Interviewpartner für mich zu gewinnen, sprach ich einfach wartende Teilnehmer direkt an. Hierbei versuchte ich die Personen so zufällig, wie es mir bewusst möglich war, auszuwählen und anzusprechen. Es gab lediglich zwei Auswahlkriterien: dies musste der erste Sprung des Teilnehmers sein und der Sprung sollte alleine durchgeführt werden109. Lediglich eine Person, die ich ansprach hatte kein Interesse an dem Interview, für alle Angesprochenen galt jedoch, dass es der erste Sprung war, dennoch wollten einige im „Tandem“ springen, etwa aller angesprochenen; das Personal versicherte mir, dass dies wesentlich mehr ist, als an anderen Tagen. Ich führte mit allen Erstspringern sowohl vor dem Sprung ein kurzes und nach dem Sprung ein ausführliches Interview. Alle Interviews fanden am Sonntag den 27.04.2014 zwischen 12:00 und 17:30 Uhr auf der erwähnten Tribüne statt. Besondere Vorkommnisse gab es keine. Die Interviews hatten überraschenderweise lediglich eine Länge zwischen sechs und zehn Minuten; erwartet hatte ich wesentlich mehr, doch die Befragten kamen nach diesem Zeitraum und den Erzählaufforderungen in keinen längeren Erzählfluss mehr. 109 Viele springen „Tandem“, das ist ein Sprung, bei dem zwei Personen an einem Bungee-Cord befestigt werden. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 33 2.1.3 Transkription Alle Interviews wurden mit einem digitalen Aufnahmegerät und Mikrofon aufgenommen. Die Aufnahmen wurden zu späterem Zeitpunkt auf einen PC überspielt und mit dem Programm „f4“ transkribiert110. Hierbei wurden folgende Regeln verwendet: 1. Pausen: (-), Wort – Wort Kurze Pause im Sprachfluss (1), (2), (3)… Pausen in Sekundenlänge 2. Stärkere oder starke Betonung: Unterstrichen Fragende Intonationen sind mit „?“ gekennzeichnet (Anstieg) 3. Sonstige Konventionen: [lach] ect. Außersprachliche Handlungen/Ereignisse […] Auslassungen im Transkript (xxxx) Anonymisierung {Parallel} Parallel stattfindende/s Handlung /Ereignis Lach = leichtes Lachen Lacht = mittelstarkes Lachen Oder Beschreibung Die Regeln sind an das GAT-System (Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem) angelehnt und für die Zwecke dieses Rahmens optimiert worden.111 Alle Transkripte 110 Vgl. die empfohlene Vorgehensweise in: Cremer, Jonas; Kruse, Jan; Wenzler-Cremer, Hildegard: Interviews auf Computer überspielen und transkribieren. Ein Manual für die Aufnahme und Transkription von Interviews mit einfachen EDV-basierten Lösungen. Version: Oktober 2008. http://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/kruse/texte/manual/ at_download/file Zugriff: 19.05.2014 111 Vgl. Lucius-Hoene, Gabriele; Deppermann, Arnulf: Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Wiesbaden, 2. Aufl. 2004, S. 310, 355f. 34 sind dem Anhang zu entnehmen (Anhang: 8.3). 2.1.4 Interpretation Die Interpretation der Interviews soll ein Ergebnis zutage fördern, das es ermöglicht Merkmale dessen, was als „Erlebnis“ empfunden wird, zu abstrahieren. Dieses Vorhaben ist gleichfalls mit der Problematik verbunden, dass sich Vorannahmen in die Interpretation einschleichen könnten. Dieser Umstand wird durchaus kritisch erfasst und somit der Versuch unternommen, Vorannahmen weitestgehend zu minimieren. Zwei grundlegende Hypothesen jedoch begleiten die komplette Arbeit und zwar jene, dass erstens Erlebnisse eine spezifische Qualität aufweisen und zweitens, dass Bungee diese Qualität in sich trägt oder auslösen kann. Die Analyse verläuft auf zwei Hauptebenen, der inhaltlichen, der Ebene der äußerungsimmanenten Semantik und auf der Ebene der rekonstruktiven Deutung112. Auf rekonstruktiven Ebene funktioniert die Deutung oberhalb des propositionalen Gehalts des Gesagten; bedeutend sind hier die Implikationen, die Assoziationen und die Art der Darstellung, die über die Semantik hinausgehen113; die beiden Ebenen finden sich dieserfalls (u.a. aus Platzgründen) in durchmengter Weise, jedoch geht aus den Analysen stets hervor, auf welche Ebene sich die beschriebene Deutung bezieht. Grundlegend bei dieser Form der Analyse ist ein differenzierter Blick auf das Geäu- ßerte, denn jedes strukturelle Merkmal kann von Bedeutung sein. Die gegenstandsfundierte und kontextsensitive Methode unterliegt verschiedenen Prinzipien114, die in der folgenden Analyse in weitestem Sinne beachtet werden. - Datenzentrierung: Alle Schlussfolgerungen müssen auf dem Text (dem transkribierten Interview) basieren und jede Form der Äußerung trägt Bedeutung in sich. - Rekonstruktionshaltung: Es kann verschiedene Interpretationen geben, von denen jede ihre Berechtigung hat. Ebenfalls das „Selsbtverständliche“ muss hinterfragt werden. - Sinnhaftigkeitsunterstellung: Es muss davon ausgegangen werden, dass jede Form der Äußerung sinnhaft motiviert ist und Bedeutung subjektiv kohärent generiert wird. - Mehrebenenbetrachung: Das Gesagte sollte auf verschiedenen Sinnebenen analysiert werden. - Sequenzanalyse und Kontextualität: Die Reihenfolge des Gesagten ist auf Grund Vgl. ebenf.:Kruse: Arbeit und Ambivalenz, S. 348. 112 Angelehnt an das Vorgehen in: Lucius-Hoene; Deppermann: Rekonstruktion narrativer Identität. 113 Vgl. Lucius-Hoene; Deppermann: Rekonstruktion narrativer Identität, S. 18. 114 Vgl. ebd, S. 97-107. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 35 des sich ändernden oder dynamischen Kontextes konstitutiv. - Explikativität und Argumentattivität: Die Interpretationen müssen klar und präzise formuliert sein, sodass sie zweifelsfrei auf dem Interview basieren. Die folgende Analyse wählt einen Mittelweg zwischen den erwähnten Ebenen. Das explizit Gesagte nimmt hier eine essentielle Rolle ein, da davon ausgegangen wird, dass die Teilnehmenden keine ersichtliche Veranlassung hatten, nicht die Wahrheit zu äußern. Hinzu kommt, dass den Befragten vor dem Interview keine Hinweise auf die Kernthematik gegeben wurden; in der Akquise wurde lediglich erwähnt, dass es sich hierbei um eine Arbeit über Bungee handele. Die Problematik, die sich für die rekonstruktive Sozialforschung aus der Strukturierung durch die Leitfragen ergibt, wurde bereits oben erwähnt. Die Rekonstruktion der impliziten Semantik ist ein weiterer Baustein der Analyse, die Interviews werden nach den gleichfalls oben beschriebenen Kriterien ausgewertet. Vier Interviews halten in die Analyse Einzug, wobei eines dieser Interviews einen Sonderstatus einnimmt, da es mit einem Auszubildenden von Jochen Schweizer geführt wurde; dieser ist der „Vielspringer“ und das Interview soll im Vergleich einige Erkenntnisse hervorbringen (25 jähriger Student: Code: 1) . Die anderen drei Interviews wurden geführt: mit einer 25 jährigen Frau, die im Bereich des online Eventmarketing arbeitet (Code: 2.x), mit einem 27 jährigen Mann, der einen Ausbildungsberuf ausübt (Code: 3.x) und einer 20 jährigen Frau, die sich nach dem Schulabschluss noch orientiert (Code: 4.x). Die Interviews sind mit fortlaufenden Zahlen nummeriert, hierbei bedeutet X.0, dass das Interview vor dem Sprung stattgefunden hat, X.1 hingegen verweist auf ein Interview nach dem Sprung. Das „I“ nach der Zeilenzahl im Transkript steht für den „Interviewer“, das „B“ für Befragte/r, Zeitmarken wurden in den hier angeführten Stellen entfernt, sind jedoch im Transkript einzusehen115. 2.2 Analyse der Erstspringer In der Erarbeitung und Redaktion der Interviews zeigen sich Motive, die in vergleichbarer Weise bei allen Interviewten thematisiert werden. Es deutet sich eine Form von Sprachlosigkeit an bezüglich einer besonderen Qualität; hinzu kommt eine spezifische Form der Relation zwischen Subjekt und Objekt/Umwelt und darüber hinaus findet sich ein fokussiertes Wahrnehmungsmuster, in dem das Zeitempfinden stark modifiziert zu sein scheint. 115 Durch die Entfernung der Zeitmarken ergeben sich an einigen Stellen Zeilenfehler und zwar genau dann, wenn die Zeitmarke in einer einzelnen Zeile stand. 36 2.2.1 Eine außergewöhnliche Qualität Im Folgenden werden die entsprechenden Passagen zueinander in Beziehung gesetzt, sodass sich eine Erlebnisqualität herausarbeiten lässt, die konstitutiv für das zugrundeliegende Phänomen ist. An einem Gummiseil befestigt in die Tiefe zu springen, ist zweifelsohne keine alltägliche Tätigkeit, dennoch betonen die Interviews einen weitaus sublimeren Aspekt, der über dieses „nicht dem Alltag Zugehörige“ hinaus geht: Interview Nr. 2.1: 11I okee - wie isses äm dir genau bei diesem sprung 12 jetzt ergangen? 13B eigentlich saugeil war super professionell - sau 14 witzig des ganze team - äm (.5) wie gesagt [stockt] 15 mir wurd da komplett eigentlich so die scheu auch 16 genommen oder die angst und swar eigentlich ganz 17 locker un des ging dann eigentlich reibungslos – 18 dann (1) ins un – gewisse - war super Zu Beginn der Passage steht das „Sichere“ (das Professionelle, Zeile 13) im Vordergrund, diese Deutung geht in die subjektive Wahrnehmung der Erwartungshaltung über (die Scheu und die Angst wurden besiegt, Zeile 15f) und mündet schlussendlich im „Ungewissen“ (Zeile 18). Dieses Ungewisse scheint auf etwas Besonderes im Au- ßergewöhnlichen des Bungee-Sprungs hinzuweisen, da es außerhalb des Definierbaren zu liegen scheint. Gewöhnlich ist der Alltag definierbar, eher rational und geordnet, er zeichnet sich durch Strukturen der Wiederholung aus116. Ebendiese Strukturen minimieren Ungewisses und Unsicherheit; so schließt sich dieses „Ungewisse“ an den „reibungslos“ (Zeile 17) funktionierenden Ablauf an, das hiernach als das Gewisse und das Sichere gilt. An dieser Stelle lassen sich zwei Positionen identifizieren, die dichotom zueinander stehen. 116 Vgl. Kapitel 3.3.1, 3.3.2 Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 37 Interview 2.1: 19I wie hast du dich gefühlt beim springen selbst? 21B sehr schön eigentlich n bisschen aber auch 22 unbeschreiblich - weil des war so – ja du fällst 23 [lacht] - denkste dir nur du siehst nur des wasser 24 unter dir - ja - und dann realisierst du auf einmal 25 moment [lach] also grad wenn auf einmal des gummi 26 ähm gummiseil dann irgendwie doch z - zieht und du 27 wieder nach oben federst - da merkst du eigentlich 28 erst richtig was du da eigentlich grad getan hast 29 [lach] So wie der Alltag gewohnt, geordnet und strukturiert ist, lässt er sich beschreiben; das „Unbeschreibliche“ (Zeile 22) hingegen deutet auf etwas Ungewohntes, dem Alltag Fremdes hin. Die allgemeine Unsicherheit (Zeile 22-27) lässt sich in dieselbe Richtung deuten; das Unbeschreibliche ist nicht nur ungewohnt, sondern ferner in seiner Form so eigen, dass es schwerfällt das Gefühl selbst zu beschreiben. Gleichfalls zeigt sich etwas, das sich zu verflüchtigen scheint, etwas, das kurzzeitig auflebt doch im unmittelbaren Anschluss wieder versiegt: während des Erlebens fällt es schwer zu beschreiben, was gerade geschieht, erst im Nachhinein, wenn es vorüber ist, „da merkst du eigentlich erst richtig, was du da eigentlich grad getan hast“117. Dass das Erleben in seiner Wahrnehmung nicht nur unbeschreiblich ist – oder wenigstens mit unserer symbolischen Sprache sehr schwer genau so zu beschreiben ist, dass es dem Erlebten gleicht – sondern gleichfalls die eigenen Erwartungen übertrifft, lässt sich im folgenden Abschnitt erkennen: Interview 2.1: 98 […] isses halt 99 doch was anderes - als man sichs vorher vielleicht 100 vorgestellt hat - weil man sichs eben aber nich 101 wirklich vorstellen kann es is einfach nich greifbar 102 dieses gefühl auch wenn man sich erzählungen 103 durchliesst oder videos ansieht denn isses einfach 104 noch viel da is einfach ne distanz - da die äm – 105 dass mans einfach soo jetzt nur objektiv betrachten 106 kann - aber wenn mans dann selber erlebt isses 107 einfach was komplett anderes Das Erlebte ist für die junge Frau etwas „komplett Anderes“ (Zeile 107) als das, was sie sich im Alltag vorstellen oder an Informationen eruieren kann (Zeile 100ff); erst 117 Interview 2.1, Zeile 28. 38 im Nachhinein ist es überhaupt vorstellbar (Zeile 100f), da im Vorfeld die Vorstellung mehrheitlich an den Alltag gebunden ist. An dieser Stelle findet sich erneut eine Qualität, die sowohl innerhalb des Erlebten zu finden ist, als auch dem Alltag gegenüber positioniert ist. Der folgende Abschnitt zeigt gleichfalls, dass es schwer fällt das Gefühl während des Sprunges zu beschreiben und dass es darüber hinaus auch überrascht, wie sehr es aus erwartbaren und gewohnten Kategorien des Alltags herausfällt: Interview 3.1: 5B also - des woa jetzt eigendlich des extremste wos i 6 gmacht hob bisher - muss i jetztä echt song - und es 7 woar - riesich des woa echt geil - des woa sgrößte 8 wos i bis jetzt gmacht ham muss i echt song 10I oke - äm kannst du mir speziell von diesem sprung – 11 berichten? 12B kann ich [lacht] - also i soch amol wenns so drinne 13 stehst - denkst de scho o o - dann umme - wenns du 14 bist - schaust runder denkst di du mogst des nit – 15 wirkli du host (.5) denkst da naa - des megst nit – 16 aber hinten die vo jochen schweizer di hom di echt 17 beruhicht die hom echt gsocht mensch - denk d nix 18 dabei - ne - spring einfoch (.5) {mittellaute 19 gespräche im hintergrund} hot mi au zusetz no weng 20 beruhich - uund - du schaust einfach nunder denkst 21 da scheiß drauf - spring jetzt einfoch und (.5) des 22 - is - so ä geiles gefüll - des des komma go net 23 beschreim des - issss hammer - dess [lufthol] (1) 24 wie gsacht du du willst schraie aber des isgeht – 25 des geht nit des isss - aah - des is - geil einfach 26 geil Übermannt und euphorisch wären wohl die Worte um zu beschreiben, wie sich dieser junge Mann während des Sprunges und danach gefühlt hat. Denn auch hier findet sich das Überraschungsmoment des Unbeschreiblichen (Zeile 22f), das in diesem Kontext als Hinweis auf eben dieses Unbeschreibliche und aus dem Alltag ausbrechende Qualität zu deuten ist118. Die Schilderung reduziert sich in Folge der Schwie- 118 Eine außeralltägliche Struktur macht das Erlebnis erst möglich, da in ihr die Struktur des Ilinx (des Rausches) erlebbar gemacht wird. Vgl. Kapitel 3.4. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 39 rigkeit des Beschreibens und Einordnens dieser besonderen Qualität auf ein Adjektiv, das mehrheitlich jugendsprachlich verwendet wird: „des is - geil einfach geil“119. Die arbiträre Referenz der Symbolik ermöglicht nun, dass die Imagination die umfassende „Größe“ und Eigenschaft des Erlebten fassen kann. Das phantastische Konstrukt referiert nun auf ein komplexitätsreduzierendes Symbol und wird hierdurch kognitiv erfassbar gemacht. Dies erweist sich als Indikator für das Außergewöhnliche, das in den hier angeführten Fällen permanent in Erscheinung tritt. Dieses Außergewöhnliche hat, wie es scheint, die Eigenschaft, dem Alltag fremd und entgegengesetzt zu sein. Hinzu kommt, dass es den Alltag sogar zu verdrängen scheint. Ebenfalls in folgendem Abschnitt lässt sich jene oben angesprochene Charakteristik aufzeigen: die außergewöhnliche Qualität scheint darüber hinaus in höchstem Maße vergänglich und flüchtig zu sein: Interview 3.1: 43 […] als a vom körper 44 her ALLES is wirklich angspannt des is echt der 45 wahnsinn des komma go nit beschreim - des isss (1) 46 und dann springst du -un [stockt] - des is leider 47 blos ä kurzer moment - wirklich des sen sekunden un 48 dann isses vorbei leider Der qualitative Moment, die Phase des Erlebens liegt außerhalb der beschreibbaren Kategorien (Zeile 45) und verflüchtigt sich. Insbesondere beim Bungee ist das Erleben auf einen wirklich kurzen, intensiven Moment reduziert, denn alltägliche Kategorien erobern die Deutungshoheit unmittelbar nach dem Erleben zurück (Zeile 48). Die außergewöhnliche Qualität, die den bisherigen Passagen zu entnehmen war, scheint eine Art Konstante zu sein. Im folgenden Abschnitt finden sich Hinweise auf spezifische physische und psychische Zustände, die mit eben dieser Qualität zu korrelieren scheinen: Interview 4.1: 13I oke und äm was kannst du mir von diesem bungeesprung 14 jetzt - direkt und speziell erzählen? 15B (3,5) ja also äm es woa sehr aufregend un man dengt 16 in dem moment also (1) ich hob in dem moment 17 [lufthol] eigndlich gor nix docht - gar - nichts 18 (.5) überhaupt - nichts - un des woar - man zittert 19 - immerno weiche knie - ich zitter immer no [lacht] 119 Interview 3.1, Zeile 25f 40 20 also es war sehr sehr aufregend Die Befragte befand sich, ihrer Schilderung zufolge, in einem Zustand, in dem sie „nichts“, an „überhaupt nichts“ dachte. Dieser Zustand deutet auf eine spezifische Form der Rezeption hin. Die Wahrnehmung der Springerin hat sich in einer bestimmten Form verlagert oder reduziert. Dieser Sachverhalt lässt zwei Deutungen zu: zum einen könnte die Wahrnehmung wirklich ausgeschaltet worden sein, das Gehirn hätte in diesem Fall die Verarbeitung des sensorischen Inputs schlichtweg eingestellt. Zum anderen deutet dieser Umstand darauf hin, dass die Gedanken inklusive der Denkstrukturen einen anderen Fokus zugesprochen bekommen haben. Es scheint als gäbe es für die Interviewte keine Prioritäten mehr; Gedanken des Alltags, Sorgen und Routinen scheinen in den Hintergrund gerückt. Diese Deutung wird durch die „aufregende“ Komponente des Erlebten (Zeile 15, 20) im Vergleich mit dem Alltag plausibel: der Alltag in seiner strukturierenden und sich wiederholenden Weise, ist dem Neuen, dem Undurchschau- und Unberechenbaren, eben dem Aufregenden entgegengesetzt positioniert. Gleichwohl lässt sich der Alltag als eine Art „Sicherheitsgenerator“ deuten, Komponenten wie „Wiederholung“, „Struktur“, „Ordnung“ oder „Routine“ bieten und generieren Sicherheit auf verschiedenen Ebenen120. Körperliche Reaktionen wie „Zittern“ oder das Auftreten des Gefühls von „weichen Knie“ (Zeile 18f) deuten darauf hin, dass sich das Subjekt aus den Sicherheitsstrukturen des Alltags herausgelöst hat. Hieraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass Angst oder Gefahr im Spiel war; in erster Linie deutet das auf eine Form der Negation des Alltags hin. Die junge Frau reagierte körperlich auf diese ungewohnte Situation. Deutlich ist, dass eine Form des außeralltäglichen Zustandes beim Bungee durch eine Situation ausgelöst wird, die primär auf den Körper einwirkt. Die hier zur Geltung kommenden Interviews weisen noch eine weitere beachtenswerte Charakteristik auf: es lässt sich eine unerklärbare Gravitation erkennen, die von der außergewöhnlichen Qualität oder dem identifizierten außeralltäglichen Zustand auszugehen scheint. Eine Art nicht greifbare und irrationale Anziehungskraft, die sich in erster Linie in den positiven Beschreibungen über das erlebte Bungee-Springen äußert. Insbesondere sind hier solche Passagen angesprochen, bei welchen es den Befragten schwer gefallen ist die „passenden“ Worte oder Kategorien zu finden. Das Unvermögen die richtige Formulierung zu finden, gepaart mit einer allgemeinen und sich durch das ganze Gespräch ziehenden Euphorie, Begeisterung oder Überschwänglichkeit, die sich implizit in den Beschreibungen zeigen, ist ein Indiz für diese 120 Vgl. Ausführungen über den Ausbruch aus dem Alltag und die damit verbundene Unsicherheit. Kapitel 3.4. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 41 Anziehungskraft, die weder skalier- noch messbar ist121. Die letzten Zeilen des oben angeführten Interviews (Interview 3.1, Zeile 21-26) münden, wie schon erwähnt in einer Situation, in der der Befragte das Gefühl hat, nicht zu wissen, welche Worte angemessen wären; er flüchtet sich in Folge dessen hilfesuchend in einen emphatischen Ausruf, der Interjektion: „aah“ und gelangt schlussendlich zu einer Beschreibung, die der Reduktion auf ein einziges Adjektiv (geil, einfach geil122) unterliegt. Auch im Folgenden steht für den Interviewten, bei der Thematik des Zeitempfindens „das Gefühl“ im Zentrum: Interview 3.1: 61B (1) also es war kurz ich hats ich hätts ma länger 62 vorgstellt - des gefühl dasss (1) fee freilosigkeit 63 aber (1,5) [säufz] ssssfffff i binno völlich – ja Das Unbeschreibliche der außergewöhnlichen Qualität paart sich hier mit einer Sehnsucht, die auf das Erleben bezogen ist. Die Anziehungskraft kanalisiert sich, in diesem Fall, durch die Worte „Freiheit“ und „Schwerelosigkeit“ (Zeile 62) und kombiniert sich zusammenfassend in dem Wort „Freilosigkeit“. Diese Form der latenten Gravitation lässt sich im folgenden Abschnitt aus einer Differenz folgern, der Differenz, die sich zwischen dem vorgestellten und dem erlebten Erlebnis auftut. Interview 2.1 100 […] weil man sichs eben aber nich 101 wirklich vorstellen kann es is einfach nich greifbar 102 dieses gefühl auch wenn man sich erzählungen 103 durchliesst oder videos ansieht denn isses einfach 104 noch viel da is einfach ne distanz - da die äm – 105 dass mans einfach soo jetzt nur objektiv betrachten 106 kann - aber wenn mans dann selber erlebt isses 107 einfach was komplett anderes Das echte und selbst erfahrene Erlebnis hat jene außergewöhnliche Qualität, die jede Imagination, Phantasie und selbst mentale Simulation übertrifft. Jene irrationale Anziehungskraft ist nicht in der Art fassbar, als dass sie an spezifischen Punkten fixiert werden könnte; wie die außergewöhnliche Qualität selbst, zeigt sie sich in dem subjektiven Verhältnis, das zwischen Individuum und Umwelt zu finden ist. Für jedes Individuum fördert ebendiese Qualität eine eigene Form der irrationalen Gravitation 121 Hierbei bildet der Vielspringer eine Ausnahme. 122 Vgl. Interview 3.1, Zeile 25f. 42 zutage. 2.2.2 Die Relation des Subjekts zu seiner Umwelt An diesem Punkt ist es essentiell eine gründliche Definition der Begrifflichkeiten „Ich“, „Subjekt“, „Objekt“ und „Umwelt“ vorzunehmen, da diese im Folgenden wesentliche Rollen einnehmen. Ausgehend von der „res cogitans“ bestimmt Helmut Plessner ein sich selbst gegenwertiges und demnach ein auf sich selbst bezogenes Ich123. Das Ich bedeutet in diesem Zusammenhang sich selbst zu erfassen124 und sich hierdurch selbst zu erleben125. Diese Selbstreferenz ist gleichfalls bei Niklas Luhmann innerhalb des „Psychischen Systems“ zu finden126. Psychische Systeme sind autopoetische Systeme, die beobachtende Gedanken beobachten, demzufolge Bewusstsein durch Bewusstsein besitzen. Diese Beobachtung zweiter Ordnung (Selbstbeobachtung) führt zu einer Selbstunterscheidung und charakterisiert das Ich. Das Subjekt hingegen entwickelt sich aus dem „Ich“ heraus. Es ist das Zugrundeliegende oder das Unterworfene127, es meint das psychologisch-erkenntnistheoretische „Ich“ als Gegenüber eines „Nicht-Ich“. Es erkennt sich selbst und seine Umwelt, die aus „Nicht-Ichs“ besteht128. Dieser Begriff von Subjekt ist innerhalb dieser Arbeit zugrunde gelegt. Dem gegenüber ist das „Objekt“ positioniert. Das Objekt ist das „Entgegengestellte“ oder „Entgegengeworfene“129. Alles was von Subjekten als „Nicht-Ich“ wahrgenommen wird. Dies soll hier ebenfalls für die Umwelt gelten, da ebendiese Merkmale für die Umwelt eines Subjektes zutreffend sind. Die Umwelt konstituiert sich demnach aus den wahrgenommenen „Nicht-Ichs“, die das Subjekt umgeben. Neben der außergewöhnlichen Qualität bei den Bungee-Sprüngen lässt sich bei den Befragten eine spezifische Transformation des Subjekts erkennen. Die Springenden, bei denen sich jene Qualität manifestiert hat, scheinen sich und die Umwelt anders wahrzunehmen. Interview 2.1 123 Vgl. Plessner, Helmut: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin, New York 1975, S. 46. 124 Vgl. Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, S. 47. 125 Vgl. Ebd, S. 292. 126 Vgl. Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann. Stuttgart, 4. Aufl. 2005, S. 237. 127 Vgl. Schmidt, Heinrich; Schischkoff, Georgi (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. Neu bearb. von Georgi Schischkoff. Stuttgart, 22. Aufl. 1991, S. 703. 128 Vgl. Ebd. 129 Vgl. Schmidt; Schischkoff (Hg.): Philosophisches Wörterbuch, S. 527. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 43 40I okee hast du was hast du so wahrgenommen? 41B wahrgenommen hab ich ehrlich gesagt nur die stimmung 42 kurz - des war aber jetzt von dem trainer von [lach] 43 den ruderern - äm eigentlich sonst nur so des wasser 44 die farbe - und - mehr eigentlich nicht [überrascht] 46I wie hast du - ä - dich in bezug auf deinen körper 47 gefühlt? 48B ja (1) sehr sehr leicht - also wirklich so [stockt] 49 so n bisschen schwerelos eigentlich - kann man 50 sagen, ja Das Wasser scheint in diesem Kontext (und gleichfalls in den anderen Interviews) eine Sonderrolle einzunehmen. Nahe liegt die Deutung, dass es für etwas steht, da es nicht als klassisches Objekt dem Subjekt gegenübersteht. Würde das Wasser (Zeile 43f) als Objekt gedeutet, das dem erlebenden Subjekt gegenüberstünde, hieße das, dass sich das Subjekt als solches identifizieren und sich demgemäß von seiner Umwelt trennen würde. Dieses Deutungsmuster verlangt es, das Augenmerk auf die Grenze des Subjekts zu richten, denn an dieser Stelle, kann sich ein Indikator finden, ob sich ein Individuum in gewohnter Weise oder in einer spezifisch modifizierten Weise wahrnimmt. Die Deutung, dass es einen Augenblick gibt, in welchem die strikte Subjektidentifikation keine Geltung mehr hat, ergibt sich aus der Gesamtheit der Beschreibungen und der Kombination mit der Wahrnehmung des „Ich“. Hier soll die Wahrnehmung des Körpers als Indikator für das Ich gelten130 (Zeile 48-50). Die Wahrnehmung der Umgebung beschränkt sich genau genommen auf das Wasser131. Retrospektiv ist die Befragte überrascht, dass sie lediglich das Wasser wahrgenommen hat (Zeile 44). Diese exklusive Rezeption lässt sich durchaus als Hinweis auf eine verschobene Grenze des Subjekts verstehen, insbesondere bei Hinzunahme der Beschreibung über den eigenen Körper, denn dieser sei „sehr sehr leicht“ und „schwerelos“132 gewesen. Grenzen, und hier bilden die Grenzen des Subjekts keine Ausnahme, haben genuin einen eingrenzenden – und hierdurch gleichfalls einen einengenden Charakter. Fühlt sich ein Individuum nun merklich leichter und somit freier, kann dies als Hinweis auf ein Transzendieren der Subjektgrenzen verstanden werden. Das Wasser steht beispielhaft für eine Einheit von Innenwelt und Außenwelt 130 Vgl. Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, S. 292. 131 Hinzu kommt in diesem Fall die Stimme des Ruderer-Trainers, der das Subjekt ablenkt und möglicherweise aus seinem akuten Istzustand herausreißt (Zeile 41-44). 132 Interview 2.1, Zeile 48, 49. 44 oder genauer von Subjekt und Objekt. Interview 3.1 27I oke - wie äm - wie war soauf was hast du dich 28 konzentriert bei dem sprung? 29B auf gonix - auf gonix - ich hob ma einfach blos 30 dengt - ääfff - jo (1) mach des - mach des [tiefes 31 luftholen] 32I oke - was hast du wahrgenommen? 33B (2,5) eigen eigendli eigendlich nur des wasser - des 34 wasser - des wasser under mirso weida hob i egndlich 35 go nix wohgnomme ich hab holt go nix denkt - 36 [stockt] (1,5) wiklich - desss (1) wo richtig 37 befreiend soch i jetzt amol - nä Das Wasser ist ebenfalls bei diesem Befragten im Fokus, dies geht aus der dreimaligen Nennung hervor (Zeile 33f). Hinzu kommt, dass die Erinnerung bezüglich des Gedachten oder des Wahrgenommenen – von dem Wasser abgesehen – „Nichts“ ist (Zeile 29, 34f und die oben angeführten Zeilen 42, 45). Dies lässt nun unterschiedliche Deutungen zu: zum einen könnte das heißen, dass der Befragte wirklich nichts gedacht oder wahrgenommen hat. Dies scheint jedoch extrem unwahrscheinlich, angesichts der Tatsache, dass die Wahrnehmung unseres Gehirns bei Bewusstsein nur schwerlich abgeschaltet werden kann. Zum anderen lässt sich dieser Sachverhalt (des „an nichts denken“) als Hinweis darauf verstehen, dass das Wahrgenommene nicht einzuordnen ist. Ist eine Akkumulation von Reizen nicht einzuordnen, kann dies einerseits bedeuten, dass es dem Bereich der außergewöhnlichen Qualität zugeordnet werden kann. Andererseits lässt es die Deutung zu, dass das Muster zu „groß“ ist um es zu fassen, da es „übergeordnet“ ist. Wenn das Individuum in einem Modus ist, in welchem die Grenzen des Subjekts in einer Weise nach außen transzendieren, so liegt es nahe anzunehmen, dass das Subjekt mit der Handlung oder der Umwelt „verschmolzen“ ist. Dies hieße gleichfalls, dass die Abstraktion Subjekt keine adäquate Beschreibung mehr darstellte. Wird die Deutung, dass das Subjekt mit der Handlung oder der Umwelt eine Einheit gebildet hat, angenommen, so wäre diese Einheit zweifelsfrei zu „groß“ und ungewohnt, als dass sie eingeordnet werden könnte. Ein weiterer Indikator für diese Form der Subjekttranszendenz, ist in der veränderten oder modifizierten Körperwahrnehmung zu finden. Hinweise sind bei einem der Befragten in folgendem Abschnitt zu finden: Interview 3.1: Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 45 77I oke - ähmm - wie fühlst du dich jetzt - nach dem 78 sprung? 79B (1,5) äh fff todol erleichtert irgndwie todol - ja 80 (1) frei irgendwie - weiß a nit so wie wendst nochm 81 masseur kommst eigendlich {lacht} irgendwie weiß a 82 net - des is echt (2,5) aso Selbst retrospektiv fällt es dem Interviewten schwer, die Gefühle und Rezeptionen zu beschreiben und einzuordnen. Sowohl der Hinweis auf das „frei sein“ (Zeile 80), welcher gleichwohl als Hinweis auf modifizierte Subjektgrenzen zu deuten ist, als auch der Hinweis auf den Körper, der sich so anfühlt, als käme dieser soeben vom Masseur (Zeile 80f), lassen sich in diese Richtung interpretieren. Der massierte Körper ist entspannt, er unterliegt weniger Beschränkungen und fühlt sich weniger eingeengt. Dieses Muster ist ebenfalls ein Anzeichen für die verschwommenen Grenzen des Selbst. Diese Art der Deutung wird in folgendem Abschnitt plausibel: Interview 4.1: 21I oke und also du hast an nichts gedacht 22B {nee goa nit} 23I wie war de wie wars mit deiner konzentration? […] 30B ich wollt die augen unbedingt offenlassen weil 31 [stockt] man [stockt] m wenn in solche situatione 32 mochma vielleicht kurz a mol die augen zu - wollt 33 ich gor net - und ja - ich hob eigndlich gor nix 34 gedocht ich hob äom natürlich (2) körper - spannung 35 (1,5) knie durchstrecken also des schon aber so etzt 36 an gar nix anderes - un des war sehr (.5) entspan – 37 nend (1,5) trotz alledem und sehr - joaa - wie soll 38 i song (2,5) ä [stockt] war super erfahrung 40I wie ähm - wie wars mit deiner wahrnehmung? was hast 41 du wahrgenommen während des sprungs selbst? 43B irgendwel [stockt] (1) eignlich gor nix - also ich 44 hob nur - [lacht] wahrgnommen - als ich gschrien hob 45 dass unten alle glocht hom - {I: lach} des hab ich 46 wohrgnommen und des wasser - olso ich hob eigndlich 47 immer nur s wasser gsehn - 48I {mhm} 46 49B aber sonst eigndlich an gor nix - anderes docht 51I wie wars - mit deinem körper hast du den gesppürt? - 52 oder? 53B {ne} - des woar [lach] des woa irgndwie ä ganz 54 komisch [verschluckt] gor net überhaupt net (1) des 55 woar - des woar toll [sehr bedacht] aber - so also 56 vom - mir wor net kolt mir wor net worm mir wor(.5) 57 goar nix, [lach] des woar irgndwei [stockt] des wor 58 - einfach toll Offensichtlich zeigt sich hier die scheinbar paradoxe Kombination aus „nichts wahrnehmen“, „nichts denken“ (Zeile 22, 33f, 43, 49) und dem in der Wahrnehmung vorhandenen Wasser (Zeile 46f). Dies kann als Hinweis gedeutet werden, dass sich eine Einheit zwischen Subjekt und Umwelt gebildet haben könnte. Jene Auslegung des Sachverhalts lässt erneut auf eine Form des transzendenten Subjekts schließen: Die Identität mit der Umwelt erzeugt eine mächtige, möglicherweise übergeordnete Einheit oder Entität, die für den Geist, der dies nicht gewöhnt ist, nicht fassbar ist. Stockende und unsichere Beschreibungen der Situation münden – in allen diesen Fällen; hier Zeile 43-47 – in der Wahrnehmung des Wassers. Nicht zu vernachlässigen ist selbstredend der Umstand, dass Menschen, die kopfvoraus einer Wasseroberfläche entgegenstürzen und dies darüber hinaus nicht gewohnt sind, vermutlich ihre Aufmerksamkeit dorthin fokussieren. Dennoch erlangt das Wasser in der Kombination mit den anderen Wahrnehmungen – sowohl die der Umwelt als auch die des Körpers – eine besondere Bedeutung, da es exklusiv zu sein scheint. Hätte es Angst gegeben, so wäre diese vermutlich geäußert worden. Dies spräche für eine die Sonderstellung des Wassers in diesem Kontext, da es Objekt der Gefahr wäre. Jedoch erlangt das Wasser seinen besonderen Status in der Wahrnehmung der Erstspringer weder durch Angst, noch durch irgendetwas anderes, das erwähnt worden wäre. Es liegt demzufolge nahe, eine Einheit des Selbst mit der Umwelt anzunehmen und das Wasser als Repräsentant dieser Einheit zu betrachten. Ähnlich wie bei der Befragten jungen Frau aus dem Interview 2.1 gibt es auch hier eine „störende“ Komponente, die nicht unerwähnt bleiben sollte. Während des Sprunges unterlag die situationsgesteuerte Wahrnehmung der Springerin dem Einfluss lachender Zuschauer. Dieses Lachen wurde durch Schreie seitens der Springerin hervorgerufen. Diese „Störung“ ist jedoch keine solche, da sich die Befragte trotz Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 47 dieser Interruption in einem Modus zu befinden schien, in dem sie dies nahezu ignorierte133. Diese Situation wurde weder besonders emotional affektiert geschildert, noch beziehen sich hierauffolgende Beschreibungen auf diese „Störung“. Zwar schien diese Situation erwähnenswert, jedoch nicht über die Maßen wichtig zu sein. Erwähnenswert ist diese Situation zum einen, da sie stattgefunden hat und zum anderen verweist sie implizit auf einen Zustand des Subjekts, in dem spezifische Prioritäten verlagert worden sind und die Grenzen desselben nach außen transzendiert sind. Diese Annahme führt zu der Ergründung, warum die Störung für das Subjekt nicht besonders bedeutend schien, da das Subjekt keine eindeutige Trennung zu seiner Umwelt herzustellen vermochte. In dem zitierten Abschnitt lassen sich weitere Indizien finden, die in dieser Richtung zu deuten sind. Es zeigt sich eine veränderte Körperwahrnehmung (Zeile 53-57). Die Schnittstelle des Körpers zu seiner Umwelt kann als Indikator für die Grenze des Subjekts betrachtet werden. Hieraus folgt, dass jede Subjektidentifikation, die nicht auf abstrakte Gruppen rekurriert, sich augenscheinlich am eigenen Körper orientiert. Die Wahrnehmung des Körpers ist in der oben stehenden Beschreibung minimiert oder sogar brachliegend. Wenn demzufolge eine Art Subjekttranszendenz angenommen wird, haben die an den Körper gekoppelten Grenzen keine Bedeutung mehr für das erlebende Subjekt, da es sich in einem Zustand befindet, in welchem die außergewöhnliche Qualität seine Wirkung entfaltet. Das Subjekt grenzt sich in seinem Identifikationsprozess von seiner Umwelt ab134. Im hier identifizierten transzendenten Zustand jedoch, ist die Wahrnehmung des Selbst in den Hintergrund gerückt und die Grenzen des Subjekts verschwimmen, sodass das Individuum mit seiner Umwelt oder seiner Handlung zu einer Einheit verschmilzt. Das Erlebnis fördert und fordert das Transzendieren der Subjektgrenzen, denn nur auf diese Weise geht das Individuum in der Situation, in der Handlung und letztlich in dem Erlebnis vollständig auf. 2.2.3 Wahrnehmung und Zeit Sowohl den angeführten, als auch weiteren Passagen ist eine weitere und besondere Charakteristik zu entnehmen, die die besondere Form der Wahrnehmung während des Erlebnisses eines Bungee-Sprungs beschreibt. Zusammenfassend ist den vorhergegangenen Ausführungen zu entnehmen, dass die Wahrnehmung auf einen Zustand gerichtet ist, in dem das Subjekt in einem besonderen Verhältnis zu seiner Umwelt steht, in dem die Grenzen des Subjekts nach außen zu verschwimmen scheinen. 133 An späterer Stelle werden die Gründe noch genauer diskutiert werden. 134 Vgl. Kapitel 3.4 und 3.5. 48 Aufgezeigt wurde, dass die Wahrnehmung entweder auf einem modifizierten Körpergefühl (Subjekttranszendenz) oder auf der Einheit von Subjekt und Umwelt ruht. Das Wasser kann hier als Repräsentant dieser Einheit gedeutet werden. Diese Hinweise stehen jedoch keineswegs für sich alleine, darüber hinaus findet sich in den Daten ein limitierendes Momentum, das die Wahrnehmung des Subjekts ausrichtet, limitiert und modifiziert. Um diesen Sachverhalt zu beleuchten, sollen nun die „störenden“ und ablenkenden Faktoren ins Zentrum der Betrachtung gerückt werden. Im Interview 2.1 wurde ein Ruderertrainer erwähnt: „wahrgenommen hab ich ... nur die Stimmung, des war ... von dem Trainer, von den Ruderern“135. Es soll davon ausgegangen werden, dass mit „Stimmung“ (Zeile 41) tatsächlich Stimmen oder Stimme gemeint war, da diese Stimmen zum einen tatsächlich hörbar waren und zum anderen die Propositionen des Satzes mit dieser Annahme kohärenter sind. Das Wort „Stimmung“ könnte lediglich bei abweichendem Verlauf des Gesprochenen angenommen werden. In dieser Passage ist erkennbar, dass die Wahrnehmung der Befragten in einer speziellen Weise fokussiert war, und zwar in der Art, dass die fokussierte Wahrnehmung durch den störenden Faktor rufender Stimmen temporär aufgelöst wurde und sich eben diese Stimmen den Weg ins Bewusstsein bahnten. Diese Deutung scheint plausibel, da einige andere Objekte – wie applaudierende Zuschauer – für die Sinne ebenfalls hätten wahrnehmbar sein können, von der Springerin jedoch unbeachtet blieben. Der laute und herausstechende Ruf des Trainers der Ruderer, unterbrach demzufolge für einen kurzen Moment die auf dem transzendenten Subjekt ruhende Aufmerksamkeit. Diese stabilisierte sich jedoch unmittelbar nach dieser Interruption wieder in der limitierten und fokussierten Wahrnehmung. Denn wahrgenommen hat die Springerin in unmittelbarem Anschluss: „eigentlich sonst nur so des Wasser, die Farbe – und – mehr eigentlich nicht“136. Ebenfalls die Befragte aus dem Interview 4 unterlag (wie oben geschildert) einer „Störung“ (Zeile 43-46), sie beschreibt, wie „unten alle glocht hom“ als sie schrie. Dennoch ist die Schilderung der Beeinträchtigung nicht in besonderem Maße hervorgehoben und das obwohl sich das Individuum hätte angegriffen fühlen können, da es eine solche Reaktion bei seiner Umwelt hervorgerufen hat. Die Einordnung des Sachverhalts geschieht nahezu beiläufig und wird schon im darauf folgenden Nebensatz übergangen: „und des wasser - olso ich hob eigndlich immer nur s wasser gsehn -“137. Dass die Reaktion der Umwelt keinen nennenswerten Einfluss auf das Subjekt hat könnte dem Umstand geschuldet sein, dass das Subjekt transzendent ist. 135 Interview 2.1, Zeile 41ff. 136 Interview 2.1, Zeile 43ff. 137 Interview 4.1, Zeile 46f. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 49 Das „Ich“ nimmt keine besondere Rolle mehr ein und daher werden persönliche Bezugnahmen der Umwelt ebenfalls belanglos. Darüber hinaus scheint die Fokussierung oder das limitierende Moment die Aufmerksamkeit unmittelbar nach dieser Unstetigkeit wieder in den Eigenschaften, die ein solches Erlebnis mit sich zu bringen scheint, zu verankern.138 Innerhalb dieser Wahrnehmungsmuster ist die Zeit ein Indiz und ein Repräsentant für modifizierte Wahrnehmung; sie ist für soziale Wesen geradezu ein objektiviertes Faktum, an das wir uns permanent anpassen und mit dem wir uns synchronisieren. Lediglich in Ausnahmezuständen139 wie Träumen oder extatischen Kontexten kommt es zu einer Korrosion dieser „objektivierten Zeit“. In solchen Fällen divergieren entweder die erlebte und die objektiv verstrichene Zeit oder die Wahrnehmung der Zeit verschwindet sogar zur Gänze. Interview 2.1: 51I ähm - was glaubst du wie lange der sprung gedauert 52 hat? 53B insgesamt? also - nur der fall? (3) [pffff] weiss 54 ich nicht - es hat sich angef - der fall vielleicht 55 so drei sekunden? [fragend] 56I hat sichs auch so angefühlt? 57B ja angefühlt nich - 58I wie hat sichs denn angefühlt? 59B hat sich schon länger angefühlt - wie - keine ahnung 60 (2) locker ne mi - jaa - ja sagen wir mal ne halbe 61 minute vielleicht sowas 62I okee - also aber du hast schon zeit auch 63 wahrgenommen? 64B ja des auf jeden fall - aber nicht wirklich so 65 richtig greifbar im endeffekt weil du einfach nich 66 an die zeit denkst grade irgendwie wie viel 67 verstreicht natürlich (.5) sondern koomplett 68 eigentlich nur di dieses gefühl einfach erlebst wie 138 Scham könnte ebenfalls der Grund sein, wieso die Befragte nicht näher darauf einging. 139 Vgl. hierzu die Ausführungen über außergewöhnliche Bewusstseinszustände in Kapitel 5.2. 50 69 du fällst un (1) [krangeräusch setzt ein] es fühlt 70 sich schon an n bisschen wie ewig - aber trotzdem is 71 halt noch - ja - der verstand noch so dabei und du 72 weisst es is jetzt einfach schnell gegangen un – ja Die Einordnung des Wahrgenommenen in eine objektive Zeitkategorie (Zeile 53-55) ist für die Befragte nahezu unmöglich140. Sie schätzt den Sprung schlussendlich auf drei Sekunden, womit sie nicht allzuweit neben der Realität gelandet ist141. Die erlebte oder innere Zeit (Zeile 57, 59-61) jedoch unterscheidet sich deutlich von der objektiv verstrichenen Zeit142 und auch von der subjektiv geschätzten, objektiv verstrichenen Zeit. Die erlebte Zeit in objektive Zeitkategorien einzuordnen scheint keine leichte Aufgabe zu sein, so enthält die Schilderung den Ansatz von einer Minute (Zeile 60), dieser wird jedoch halbiert, so dass die geschätzte und gefühlte Zeit bei einer halben Minute liegt. Die Zeitwahrnehmung ist demzufolge nicht lediglich modifiziert, sondern schon so abstrakt, dass sie nicht mehr vorhanden zu sein scheint. Diese Deutung wird im darauf folgenden Abschnitt (Zeile 64-72) verdeutlicht: die Befragte erläutert, dass ihr Zeitgefühl als Ganzes in den Hintergrund gerückt worden sei, sie die Zeit sozusagen nicht gespürt habe, lediglich das Fallen habe sie erlebt. Der Augenblick transformiert sich in dieser Beschreibung zum „Ewigen“ (Zeile 70), das hier als 140 Vgl. hierzu den Ende des Abschnittes (Zeile 71f), in diesem wird dann geäu- ßert, dass es jetzt einfach schnell gegangen sei. 141 Bei 50 Metern beträgt die Zeit des freien Falls circa eine Sekunde, bevor sich das Gummiseil zu spannen beginnt und den Fall abbremst. 142 Mit Zeit und speziell objektiver Zeit soll hier die Definition spezifischer periodischer Vorgänge gemeint sein. Diese Vorgänge sind unabhängig von subjektivem Empfinden und Subjekten selbst. Die Rotation der Erde wurde als Bezugspunkt gewählt und in gleichmäßige Perioden Unterteilt. Hierbei reicht die Spezifizierung einer Periode. Die Definition einer Sekunde basiert auf einer Caesium-Uhr, die den Zerfall eines Caesium Atoms misst. Eine Sekunde ist demnach die Zeit, „in der die Caesium-Uhr 9 192 631 770 Schwingungen ausführt.“ Vgl. Heintze, Joachim; Bock, Peter (Hg.): Lehrbuch zur Experimentalphysik. Band 1: Mechanik. Berlin, Heidelberg 2014, S. 7ff. An diesen Definitionen orientiert sich die Gesellschaft, um zeitliche Konvergenzen zu ermöglichen. Die soziale Synchronisation von Geschehensabläufen wird von Norbert Elias in „Über die Zeit“ geschildert. Für ihn steht die Synthese von sich zeitlich unterscheidenden und unterschiedlichen Geschehensabläufen im Zentrum. „Die >>Zeit<< [ist] als begriffliches Symbol für eine allmählich fortschreitende Synthese, für ein ziemlich komplexes In-Beziehung- Setzen zwischen verschiedenartigen Geschehensabläufen [zu betrachten]“ (Elias: 14) Vgl. Elias, Norbert: Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Baden- Baden 1984, S. VIII, XXXIX, 8, 14 u.a. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 51 Gegenstück zum eigentlich erlebten Moment betrachtet werden kann. Das „Ewige“ ist eine Kategorie, die hier zu Hilfe genommen wird um den qualitativen Augenblick des Erlebnisses oder besser die außergewöhnliche Qualität143 einzuordnen. Es liegt nahe anzunehmen, dass es nur so für die Befragte überhaupt möglich war, eine Kategorie zu finden, in die das Wahrgenommene und Erlebte einzuordnen war. Interview 3.1: 49 I: oke was glaubst du wie lang der sprung gedauert 50 hat? 51B [lach] net lang {lachend} [undeutlich] [?des war 52 gefühlt?] vielleicht - 10 Sekunden oda was do 53 neddamol - 54I oke w [stockt] hast du - des hat sich des für dich 55 auch so angefühlt? oder gibts da n unterschied hmein 56 du weißt ja ungefähr w wie lang sowas gehen könnte 58B {jaja - genau jaa} Ähnlich erging es diesem Befragten bei der Einordnung und der Schilderung des Zeitempfindens. In einer weiter oben zitierten Stelle desselben Interviews (Interview 3.1, Zeile 46-48) wird das Erlebte als „Kurzer Moment“ und „Sekunden“ beschrieben. Darauf folgend (ab Zeile 49) versucht der Interviewte die „gefühlte“ Zeit zu präzisieren, ist sich jedoch hierbei sehr unsicher. Es scheint schwierig, eine Erlebniseinheit in eine abstrakte und objektive Zeitkategorie einzuordnen. Zumindest wäre das eine Erklärung für die umgehende Revision des Gesagten: „zehn Sekunden oda was do neddamol -“144. Hierauf folgte eine Nachfrage145, die vom Befragten nur mit Schwierigkeiten zu beantworten war. Die einzige zeitbezogene Aussage, die sich finden lässt, ist, dass er sich das Gefühl von „freilosigkeit“146 länger vorgestellt hätte (Zeile 62f). Ansonsten äußert der Befragte lediglich einige Interjektionen und den Verweis darauf, dass er noch völlig außer sich sei (Zeile 63) und so lässt er schließlich die Antwort auf sich beruhen. Dieser Umstand deutet ebenfalls auf ein stillgelegtes Zeitempfinden hin, da zum einen keine adäquate Kategorie gefunden werden kann147 143 Im Folgenden soll nun davon ausgegangen werden, dass Erlebnisse prinzipiell diese außergewöhnliche Qualität und die dazugehörigen Komponenten in sich tragen. 144 Interview 3.1, Zeile 52f. 145 Weiter oben angeführt, Interview 3.1, Zeile 54-63. 146 Wie erläutert, vermutlich eine Kombination aus Freiheit und Schwerelosigkeit. 147 Dies soll ganz allgemein gedeutet werden: Die Zeitstruktur von Erlebnissen kann nicht in eine alltägliche Zeitkategorie eingeordnet werden. 52 und zum anderen der Befragte offensichtlich nicht weiter darüber sprechen möchte oder möglicherweise hierzu nichts mehr zu sagen hat. Drastischer äußert sich diese Schwierigkeit in folgendem Interview: Interview 4.1: 59I oke - äm was glaubst du wielang der sprung gedauert 60 hat? 61B keine Ahnung (1,5) [lacht] 62I hattest du - wie gings dir so mit der mit der zeit? 63 wie hast du dich zeitlich? 64B {also - ich - ja} ja also ich hob es gfühl ghobt äm 65 die fahrt nach obn dauert eewig - ewig - und dann 66 der - sprung - nach untern (.5) war eigendlich 67 schnöa [stockt] also des war eigndlich alles 68 schnöll vorbei (3) {ja [lach]} Wie lange der Sprung de facto gedauert hat, vermag diese Befragte gar nicht zu schätzen (Zeile 59-61); der Transport zur Absprungplattform hingegen schien ihr „ewig“ zu sein (Zeile 65). Dies lässt sich vermutlich auf die Spannung, die Höhe und die generelle Erwartung zurückführen. Die Schilderung der Zeit während des Sprunges selbst bewegt sich hingegen in einer flexiblen Kategorie: „des war eigentlich alles schnell vorbei“ (Zeile 66ff). „Schnell vorbei“ ist äußerst relativ, da der tatsächliche Zeitraum, der sich hinter „schnell“ verbirgt, subjektiver Auslegung unterliegt. Die Zeitstruktur ist auch in diesem Fall auf ganzer Linie sekundär und kein Bestandteil des Bewusstseins mehr. Hieraus lässt sich nun ein Schema abstrahieren, das es erlaubt die Wahrnehmung während eines solchen Erlebnisses zu beschreiben, zu definieren und zu kategorisieren.148 Das Subjekt ist während des Erlebens einer vollkommenen psychischen und physischen Partizipation unterworfen. Aus diesem Grunde werden „unbeteiligte“ und alltägliche Strukturen und Gedanken verdrängt. Das Schema lässt sich unter Fokussierung subsumieren. Hiermit soll eine gerichtete, limitierte und modifizierte Wahrnehmung gemeint sein. Gerichtet ist Aufmerksamkeit auf das Stimulusfeld der Subjekttranszendenz. Limitiert ist die Wahrnehmung, da diese Rezeption im Fokus des Bewusstseins steht und modifiziert ist, zumindest retrospektiv, das Erleben der Zeit, da dieses entweder stark verzerrt und nicht kategorisierbar ist oder gar nicht vorhanden zu sein scheint. 148 Vgl. Kapitel 3.5. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 53 Wenn die Zeit und ihre Wahrnehmungsformen nicht nur modifiziert, sondern im Erleben stillgelegt sind, ist dies als Hinweis darauf zu verstehen, dass erlebende Subjekte keine Zeitlichkeit mehr wahrnehmen. 2.3 Routine im Vergleich In den bisher angeführten Passagen wurde gezeigt, dass es spezifische Konstituenten für ein zugrunde liegendes Phänomen zu geben scheint. Um zu verdeutlichen, welchen Charakter dieses Phänomen in sich trägt, wird ein Vergleich mit einem Interview eines erfahrenen und routinierten Springers durchgeführt. Hierfür ist es notwendig, einige Begriffe zu erläutern und zu definieren. Zum einen soll hier das Skript zur Anwendung kommen. Skripte149 sind generische Wissenstypen, die komplexe Ereignisstrukturen repräsentieren. Hierbei ist ein Ereignis in einer relativ statischen Sequenz von Einzelaktionen verkörpert. Skripte bilden sich bei typischer Wiederholung und verfestigen sich in den Denkstrukturen. Zum anderen ist der von Jean Piaget geprägte Begriff der Akkommodation hilfreich, um die Äußerungen des Vielspringers einem gesteigerten Verständnis zuzuführen. Akkommodation ist Teil des Prozesses der Äquilibration, der Anpassung eines Organismus an seine Umwelt. Hiermit ist der Ausgleich einer Spannung150 durch Assimilation und Akkommodation gemeint.151 „Assimilation meint hierbei die Anpassung eines Reizes an ein vorhandenes kognitives Schema, wohingegen Akkommodation einen Reiz in ein neues Schema einbindet“152. 2.3.1 Der Antagonist des Außergewöhnlichen Für den Vergleich ist es von beachtlicher Bedeutung, dass der Befragte schon etliche Bungee-Sprünge hinter sich gebracht hat und darüber hinaus schon diverse Erfahrungen mit ähnlich „extremen“ Aktivitäten machen konnte. Interview 1: 15B äh ich hab noch houserunning gemacht und baseflying 16 (1) beim houserunning läuft ma ne Wand ähmim 149 Vgl. Strube, Gerhard (Hg); u.a.: Wörterbuch der Kognitionswissenschaft (Digitale Ausgabe). Klett-Cotta 2001. Artikel: Skript (script). 150 Vgl. Piaget, Jean: Nachahmung, Spiel und Traum. Die Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde. Stuttgart 1996, S. 117ff. 151 Vgl. Geserer, Anselm: Spiel im Zentrum des Kindes. Die Emanzipation des Spielobjekts – Playmobil®. In: Köpper, Hannah (Hg.); Szabo, Sacha (Hg.): Playmobil® durchleuchtet. Wissenschaftliche Analysen und Diagnosen des weltbekannten Spielzeugs. Marburg 2014, S. 21. 152 Geserer, Anselm: Spiel im Zentrum des Kindes, S. 21. 54 17 facedown runter (1) und ähm da is eben der der 18 gribbelnde Moment wenn man sich über diese kante 19 kippen lässt in die 90 Grad äh und dann is das wie n 20 normales abseilen (1) und baseflying äh is die 21 schnellste personabseilwinde deutschlands ähm (2) 22 wird mitten von berlin runtergeflogen und ä (1) ja 23 das issen extremer kick weil man hängt da 120 Meter 24 hoch und dann wird aufn Knopf gedrückt und dann ä 25 (1) wirst du da (1) äh sehr realistisch schnell 26 abgeseilt Es ist anzunehmen, dass die Gesamtwahrnehmung solcher Aktivitäten mit der Häufigkeit der Ausübung und der Unterschiedlichkeit der Sportarten in direktem Zusammenhang stehen, dennoch sind in erster Linie für diesen Kontext die Schilderungen über Bungee essentiell, da ebendiese einen Vergleich ermöglichen. Bungee wurde vom Befragten gleich zu Beginn thematisiert, hierbei wurden unmittelbar beachtenswerte Punkte angesprochen: Interview 1: 1I kannst du mir bitte allgemein von deinen erfahrungen 2 und erlebnissen mit extremsport erzählen und 3 aktivitäten die dich fesseln? 4B also bungee is natürlich ne ne extreme 5 herausvorderung immer äh den den sprung zu wagen und 6 ä die höhe spielt da natürlich au ne große rolle 7 [undeutlich] natürlich ä (2) äh immerer sehr viel 8 spaß (1) man äh dann feddich is (lach) aber wenn man 9 äh hochfährt dann hat man dieses leichte gribbeln im 10 bauch und dis is eigntlich immer der der aufregende 11 Moment der verschwindet nie (1) also wird nie 12 Routine Bungee scheint insofern einen besonderen Stellenwert zu besitzen, als dass das „Besondere“ nicht verloren geht, es demzufolge potentiell dazu geeignet ist, die angesprochene außergewöhnliche Qualität bereitzustellen. Kategorien und Prozeduralisierungen erleichtern und bestimmen den Alltag. So ist der Umstand, dass das „Gribbeln“ (Zeile 9) nie verschwindet und die „Routine“ (Zeile 12) nie die Oberhand gewinnt, derart zu deuten, dass es nicht möglich ist, für diese Aktivität Kategorien und statische Handlungsmuster auszubilden. Hinzu kommt, dass jeder Bungee-Sprung Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 55 für den Interviewten neue Überwindung kostet: „also bungee is natürlich ne ne extreme herausvorderung immer äh den den sprung zu wagen“153. Dies deutet zunächst ebenfalls auf jene außergewöhnliche und außeralltägliche Qualität hin, die im Erlebnis verankert scheint. Interview 1: 27I okay cool danke äh kannst du mir jetzt von diesem 28 sprung speziell berichten? 29B (1) äh der sprung war (2) heute mein zweiter sprung 30 und ich äh hab natürlich au wieder dieses gribbeln 31 im bauch gespürt (2) und äh genau dann bin ich - hab 32 mich normal kippen lassen ä wie mans ja 33 normalerweise macht und (1) ja (2) 34I hat dich irgendwie was besonderes beschäftigt? 36B nee - in dem moment is man einfach nur so fixiert 37 auf den auf den sprung äh dass man eben die 38 körperspannung wart - dass man ä grade kippt und das 39 man eben auch aufpasst wenn man dem wasser näher 40 kommt - dass man eben die augen schließt und ver 41 sucht das wasser zu brechen was in meinem (.5) fall 42 jetzt nicht der fall war ich hab vor dem Wasser 43 gestoppt (.5) aber das war sehr cool ja 44I wie is äm sonst so deine wahrnehmung? 45B (1) äh in wie fern? 46I ähm was nimmst du wahr wenn du da runterspringst? 48B äh ich nehm gar nichts wahr ich (1) flieg runnter 49 ich (1,5) m merke den Wind der mir entgegen kommt 50 ähm (1) merke diese extreme beschleunigung auf den 51 Körper (2) und (1) genau da wenn ich eintauche spür 52 ich natürlich auch des wasser Die Beschreibung zu Beginn (Zeile 29-33) unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht, von den Beschreibungen der „Erstspringer“. Diesem Abschnitt wohnt ein besonderer Stellenwert inne, da er in erster Linie das repräsentiert, was dem Interviewten an diesem Sprung charakteristisch und berichtenswert erschien. Auffällig ist die ablauforientierte und nahezu mechanische Beschreibung, die unmittelbar beim eigentlichen 153 Interview 1, Zeile 4f. 56 Höhepunkt versiegt (Zeile 33). Diese Verlaufsmechanik deutet auf ein Skript hin, das sich durch Wiederholung und Gewöhnung gebildet haben könnte. In diesem könnte der Verlauf in der Art festgelegt sein, dass die letzte Sequenz das Erlebnis in sich trägt. Der übergeordnete Rahmen jedoch wurde in den Alltag eingegliedert, der Gesamtreiz oder besser, der Ablauf in seiner Gänze ist demnach akkommodiert worden. Die Beschreibung über den Sprung selbst (Zeile 36-44), bezieht sich ebenfalls auf Verlaufspunkte, die jedoch in diesem Fall die letzte Position im „Metaskript“ betreffen. Der Befragte ist „fixiert auf den […] Sprung“154, hierbei wird an erster Stelle Körperspannung aufgebaut (Zeile 38), darauffolgend sollte das „Kippen“ über die Plattform gerade ablaufen (Zeile 38), anschließend sollte auf das Wasser geachtet und dementsprechend das Verhalten angepasst werden (Zeile 39ff) und zu guter Letzt findet sich eine Art variable Sequenz innerhalb des Skripts für die eingetroffene Situation, die dem Verhalten entspricht (Zeile 42f): so hat der Springer „versucht das Wasser zu brechen, was in […] [seinem] Fall jetzt nicht der Fall war, […] [er hat] vor dem Wasser gestoppt“155. Erneut ist die Beschreibung des Sprunges durch und durch ablauforientiert und folglich kategorisiert. Erst im letzten Nebensatz wird das Gefühl des Sprunges mit einem Wort angedeutet: „aber das war sehr cool, ja“156. Durchaus plausibel erschiene es, beschriebe der Befragte das Gefühl während Sprunges mit einigen Worthülsen oder neu gebildeten Kategorien, dies ist jedoch nicht der Fall, stattdessen verwendet der Interviewte ein Wort, dessen Konnotationen eher „ruhig“, „gelassen“ aber dennoch positiv sind. Dieser Umstand deutet darauf hin, dass die außergewöhnliche Qualität weiterhin innerhalb des Bungee-Sprunges existiert, jedoch in eine erzeugte Kategorie akkommodiert wurde. Hieraus ginge ebenfalls hervor, warum die Beschreibungen für den Kategorieninhalt so schwer fallen, da es sich hierbei um eben jene außergewöhnliche Qualität handelt und diese ist, wie schon erläutert wurde, nahezu nicht mit alltäglichen Symbolen oder Kategorien zu beschreiben. 2.3.2 Subjekt und Umwelt in der Routine Die Nachfrage, die auf die Wahrnehmung des Befragten gerichtet ist, muss zum Verständnis erst einmal spezifiziert werden (Zeile 44-46), der Springer kann demzufolge im ersten Moment nicht einordnen, worauf die Frage abzielt. Das kann zum einen bedeuten, dass die Frage nicht verstanden worden ist oder zum anderen könnte dies als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Wahrnehmung während des Sprunges ebenfalls in die Kategorie „Sprung“ innerhalb des Skripts eingeordnet wurde und 154 Interview 1, Zeile, 36f. 155 Interview 1, Zeile 41ff. 156 Interview 1, Zeile 43. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 57 insofern lediglich eine „Metaverarbeitung“ stattgefunden hat. Der Interviewte besinnt sich und beschreibt seine Wahrnehmung während des Sprunges (Zeile 48-52). In diesem Fall sind es ebenso primär „äußerliche“ Dinge, die angesprochen werden und darüber hinaus weisen diese gleichfalls den gleichen sequenziellen Charakter auf. Zu Beginn steht die Schwierigkeit der Beschreibung von etwas, das kategorielos zu sein scheint: „ich nehm gar nichts wahr“157, hiernach folgt das Hinunterfliegen, woraufhin der Wind spürbar wird; darauffolgend und vermutlich auch aus diesem Grunde wird die Beschleunigung auf den Körper spürbar und zu guter Letzt (in der variablen Sequenz des Skripts) kommt das Wasser ins Spiel, wenn der Springer in dieses eintaucht. Dass der Befragte zwar beschreibt, dass das Eintauchen ins Wasser zum Gefühl des Springens gehört, sich dies jedoch wenige Minuten zuvor (beim Sprung selbst) nicht ereignet hat, kann als weiteres Indiz für eine Form der Skript- Kategorie-Genese gedeutet werden. Die Wahrnehmung desjenigen, der es gewohnt ist, Bungee zu springen, unterscheidet sich maßgeblich von der der Erstspringer. Die Wahrnehmungstruktur wirkt relativ geordnet, wohingegen die der anderen Springer freier, direkter und ungeordneter erscheint; diese Differenz kann als äquivalente Differenz, die zwischen Alltag und Erlebnis oder besser zwischen Alltag und der außergewöhnlichen Qualität zu finden ist, gedeutet werden. Dies hieße gleichwohl, dass diese außergewöhnliche Qualität beim erfahrenen Springer in den Hintergrund getreten ist. Die Subjekttranszendenz ist einer der Charakteristiken, die auf das zugrunde liegende Phänomen des Erlebnisses hindeuten; demnach soll untersucht werden, ob dieses Erlebnis beim Vielspringer während des Sprungs zu finden ist. Ein starkes Indiz war bei den anderen Befragten, die Wahrnehmung des Wassers, das die Einheit mit der Umwelt verkörperte. Auch bei diesem Befragten spielte das Wasser ein Rolle, jedoch in einem abweichenden Kontext (Zeile 39ff, 52). In diesem Fall bleibt das Wasser für das Individuum ein Objekt, der Springer achtet auf das Wasser, falls er ihm nahe kommt, um die Oberfläche in einem solchen Fall zu brechen. Die Antwort ist an dieser Stelle nicht aufzufinden, Hinweise finden sich jedoch an späterer Stelle: Interview 1: 83I wie ist sonst so dein gefühl zum körper während des 84 sprungs - also wenn jetzt des - also ja 85B ähh (.5) ja man merkt diese diese beschleunigung ä 86 diese diese kraftwirkung äwenn du wenn du abbremst 87 und ä dann auch wieder diese schwerelosigkeit wenn 88 du im rebound oben stehst und bist wieder aufm 89 nullpunkt ähm des is n cooles erlebnis genau und 157 Interview 1, Zeile 48. 58 90 dann am schluss spürt man natürlich wie 91 beinmanschetten sich äh enger um deinen beine 92 schließen genau Bis auf wenige Ausnahmen deuten die Beschreibungen auf Äußerlichkeiten, demnach auf Dinge, die auf das Subjekt einwirken, beziehungsweise dem Subjekt entgegengeworfen158 sind. Zu Beginn steht die Beschleunigung (Zeile 85), hierauf folgt die Kraftwirkung des Abbremsens (Zeile 86), dann die Schwerelosigkeit (Zeile 87), die möglicherweise eine Ausnahme in diesem Kontext verkörpert und schlussendlich die Beinmanschetten (Zeile 91), die in ihrer haltenden Funktion auf das Subjekt einwirken. Ausgangspunkt um nach einer Form der Transzendenz zu suchen, scheint hier die Schwerelosigkeit zu sein. Die Restriktionen der Gravitation sind in der Schwerelosigkeit aufgehoben, durch das Ausbleiben der Einschränkung, die die Schwerkraft auf den menschlichen Körper hat, scheint der Körper „frei“ zu sein. Wenn die Umwelt keine Einschränkung oder Einwirkung dieser Art auf den Körper hat, könnte jene Umwelt auch nicht mehr als entgegengeworfenes Objekt betrachtet werden. Dennoch deutet der Rahmen, in welchem die Schwerelosigkeit zur Sprache gebracht wird, in eine andere Richtung. Der Kontext steht unter dem Leitsatz der mechanischen Kräfte, die auf das Subjekt einwirken: Beschleunigung, Trägheit, Beinmanschetten, die sich zuziehen und die Schwerelosigkeit. In diesem Kontext ist die Schwerelosigkeit genau diesem Zusammenhang zuzuordnen; die Schwerelosigkeit wird als ein temporärer Nullpunkt (Zeile 89) natürlicher Kräfte wahrgenommen. Ebendieser Umstand, die Umwelt als Entgegengeworfenes und Einwirkendes wahrzunehmen, ist ein kein Anhaltspunkt für verschwommene Grenzen des Individuums, sondern verweist auf eine statische Subjektidentifikation, die sich selbiger Grenzen bedient. An anderen Stellen des Interviews lassen sich ebenfalls keine Hinweise finden, die auf Transzendenz hinweisen; dieser Abschnitt wurde deswegen ausgewählt, da die entsprechenden Stellen in den anderen Interviews, Indizien, die auf Transzendenz hindeuten, hervorbringen. 2.3.3 Wahrnehmung und Zeitstruktur in der Routine Schlussendlich lässt sich aus den Interviews der Erstspringer eine Charakteristik extrapolieren, die Fokussierung genannt wurde. Diese beschreibt eine Wahrnehmungsverlagerung und -fokussierung und eine Modifikation spezifischer Wahrnehmungsstrukturen. Innerhalb dieses Analysekonzepts ist bezüglich der Modifikation insbesondere die Zeitstruktur hervorgetreten. Die Wahrnehmung, so wurde gezeigt, ist während des Erlebnisses auf die Subjekttranszendenz (oder die Handlung) gerichtet, 158 Vgl. Subjekt versus Objekt Kapitel 3.4 und 3.5. Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 59 auf diese Weise werden alltägliche Muster in den Hintergrund gedrängt. Die Fokussierung der Wahrnehmung deutet auf eine Begrenzung des Stimulusfeldes hin und ruht auf der Identität (Einheit) des Subjekts mit seiner Umwelt oder auf der Handlung selbst. In einem Abschnitt des hier behandelten Interviews (Interview 1, Zeile 34-43) wurde der Springer gefragt, ob ihn noch etwas beschäftigt habe, nach einem „nee“ folgte die Beschreibung des Sprungablaufes oder der Dinge, die dem Interviewten wichtig erschienen: generelle Fixierung auf den Sprung, Wahrung der Körperspannung, gerades Kippen, Vorsicht bei Annäherung des Wassers, Schließen der Augen und Brechen des Wassers (Zeile 34-43). Hieraus ließe sich eine Art des Verschmelzens mit der Handlung schlussfolgern, nicht jedoch mit der Umwelt. Der Fokus des Befragten ruht zur Gänze auf der Handlung und den Anforderungen159. Innerhalb des letzten identifizierten Charakteristikums steht die Zeitstruktur der Springenden im Fokus der Betrachtung; eine Zeitstruktur selbst lässt sich beim gewohnten Springer ebenfalls finden, diese unterscheidet sich jedoch deutlich von der der Erstspringer: Interview 1: 93I also ich nehm mal an du als erfahrener springer du 94 weißt ja sicherlich wie lang so n sprung geht ähm 95 wie fühlt sich des aber jetzt nur bezogen auf die 96 zeit wie fühlt sich des an findest du da gibts ein 97 unterschied zwischen zwischen der zeit die vergeht 98 die du fühlst und zwischen der zeit von der du weißt 99 dass sie vergeht weil du halt weißt wie lang so n 100 sprung dauert? 101B (.5) Ich glaub man merkt nicht wirklich ä den einen 102 unterschied also man man erlebt des genauso wie es 103 eigendlich auch is dass der fast sprung nicht länger 104 der der freie flug nicht länger als als eine sekunde 105 is du wirst natürlich langsam abgebremst un am 106 schluss halt dann extrem aber eigendlich auch nach 107 10 metern des is normalerweise nach einer sekunde 159 Vgl. die Ausführungen über Flow in Kapitel 3.5. An diesem Punkt könnte davon ausgegangen werden, dass innerhalb von Erlebnissen, in Abhängigkeit von der Eingliederung in den Alltag (und möglicherweise ebenfalls von der Außeralltäglichkeit), eine Art Hierarchie beobachtet werden kann. Diese Erlebnishierarchie könnte derart strukturiert sein, dass bei „neuen“ und „unverbrauchten“ Erlebnissen der Fokus eher auf der Transzendenz und bei veralltäglichten Erlebnissen der Schwerpunkt eher auf der Handlung ruht. Vgl. Kapitel 3.3.2 und 3.3.3. 60 108 dann äh (.5) is der freifall schon vorbei und du 109 merkst wie du im seil hängst also [schnauf] (1) 110 genau ne die äh man merkt kein unterschied 112I okay also aber zeit hast du schon (.5) irgdnwie im 113 nachhinein oder auch beim sprung selbst? 114B (.5) Zeit in wiefern? 115I also spürst du wie die zeit vergeht - während du 116 springst? 117B ja ich spür wie die zeit vergeht - also diese eine 118 Sekunde erlebt man ganz schnell aber man erlebt sie 119 natürlich auch sehr intensiv weil man natürlich ä 120 alles um sich rum schon bisschen wahrnimmt und äh 121 diese glücksgefühle des vielleicht des ein gaanz 122 kleines Bisschen verlängern Zu Beginn erläutert der Befragte, dass die Zeit, die objektiv vergeht, genau der erlebten Zeit entspricht (Zeile 102f); hieran schließt sich eine Beschreibung der objektiven Zeitstruktur des Bungee an (Zeile 103-109), wie lange der freie Fall dauert und wie es sich mit der Entschleunigung durch das Seil verhält. Abgeschlossen wird dieser Abschnitt mit der Bekundung, dass es keinen Unterschied gebe, zwischen der erlebten und der objektiv verstrichenen Zeit (Zeile 110). Die Nachfrage, ob Zeit vom Interviewten konkret wahrgenommen wird, wird positiv beantwortet (Zeile 117-122) und zwar unzweifelhaft. In der Beschreibung des Zeitgefühls wird die eine Sekunde (des freien Falls) als schnell und intensiv erlebt geschildert, jedoch wird diese eine Sekunde vielleicht durch die Glücksgefühle ein kleines Bisschen verlängert (Zeile 121f). Es nicht möglich hieraus ein Verhältnis zur objektiven Zeitstruktur herzustellen. Vom Befragten wird lediglich eingeräumt, dass das Zeitgefühl möglicherweise ein kleinwenig modifiziert werden könnte. Innerhalb dieser Zeitwahrnehmung ist demnach weder die Zeit als solches in den Hintergrund gedrängt, noch ist sie in erhöhter Weise modifiziert; folglich hat die Gewöhnung an ein Erlebnis eine Wirkung, die „schwächend“ auf die verschiedenen identifizierten Erlebnis-Charakteristiken wirkt. Die Wiederholung ruft eine besondere Eigenschaft ans Tageslicht, durch welche die außergewöhnliche Qualität und die damit verbundenen Eigenschaften kategorisiert und hierdurch in den Alltag integriert werden können. Diese Eigenschaft ist kein Bestandteil des Erlebnisses in eigentlichem Sinne, sie ist eher so etwas wie ein „Stiller Teilhaber“, sie weilt unter der sichtbaren Oberfläche und tritt genau dann zum Vorschein, wenn das Erlebnis seinen Vom Erlebten zum Erlebnis Qualitative Analyse 61 Status als solches verliert. Durch Wiederholung werden die Konstituenten des Erlebnisses geschwächt, eliminiert oder schlicht in den Alltag eingegliedert.160 Die flüchtige und unbeständige Eigenschaft der außergewöhnlichen Qualität steht mit der Deutungshoheit des Antagonisten, dem Alltag, in direktem Zusammenhang. Der Alltag stellt für die außergewöhnliche Qualität keine Kategorien bereit, hinzu kommt, dass der Alltag sogar von ebendieser Qualität in den Hintergrund gedrängt wird; eine andauernde Existenz dieses Außergewöhnlichen oder Außeralltäglichen innerhalb des Alltags jedoch generiert eine Definitionsstruktur, die es dem Alltag erlaubt, mit dem chaotischen und ungeordneten (wie Oben angedeutet) umzugehen. Anders formuliert: in solchen Fällen werden Kategorien erzeugt, die eine Einordnung des Wahrgenommenen ermöglichen; diese neuen Reize werden demzufolge akkommodiert und hierdurch in den Alltag eingegliedert. 160 Vgl. das Außeralltägliche im Alltag, Kapitel 3.3.2.

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References

Zusammenfassung

Ob in der Gastronomie, in Schwimmbädern oder in der Pädagogik – überall prangt das Versprechen um das „ganz besondere Erlebnis“. Tatsächlich sind Erlebnisse in unserer Gesellschaft essentiell. So lässt sich zeigen, dass erst das wahre und außeralltägliche Erlebnis Entgrenzung, Freiheit und persönliche Zufriedenheit möglich macht. Doch was genau ist ein „Erlebnis“ und worin unterscheidet es sich von einer ganz alltäglichen Erfahrung?

Wissenschaftlich fundiert arbeitet Anselm Geserer jene Konstituenten heraus, die das Erlebte auch tatsächlich zum Erlebnis werden lassen. Zur näheren Bestimmung dient ihm dabei der Bungee-Sprung als prototypische Verkörperung dessen, was wir als Erlebnisphänomen betrachten. In Kombination aus der Empirie qualitativer Erlebnismuster und einschlägiger soziologischer sowie psychoanalytischer Theorien zeigt der Autor, wie Bungee den Körper instrumentalisiert, unterwirft und mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt führt.

Für seine Arbeit erhielt der Autor den Alumni-Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.