Content

6 Schlussbetrachtung in:

Anselm Geserer

Vom Erlebten zum Erlebnis, page 117 - 118

Eine Bestimmung des Außeralltäglichen durch Bungee

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3871-0, ISBN online: 978-3-8288-6652-2, https://doi.org/10.5771/9783828866522-117

Series: Studien zur Unterhaltungswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Vom Erlebten zum Erlebnis Schlussbetrachtung 117 6 Schlussbetrachtung Bungee ist als Erlebnisphänomen und Ausdruck des Erlebnismarktes als prototypische Inszenierung des urtümlichen Erlebens anzusehen. Aus diesem Grunde eignet es sich besonders für die Analyse der Erlebnisqualität, da es sich im semantischen Zentrum des Erlebnisses befindet. Die Analyse der Interviews mit den Bungee-Erstspringern förderte Elemente zutage, die mittels einer theoretischen Komplementierung die Abstraktion einer analytischen Konzeption von Erlebnis ermöglichten. Vier Erlebniskonstituenten ließen sich identifizieren: Die außeralltägliche Qualität, die doppelte Transzendenz, die Fokussierung und die latente und subversive iterative Limitation. Diese Elemente sind sowohl erlebnisimmanent, als auch erlebnisevozierend, sie stehen aus diesem Grunde, prototypisch für alle Erlebnisse. Das Beispiel und Objekt der Analyse wurde gewählt, da es in seiner heutigen Ausprägung nicht nur Aushängeschild für Erlebnis und Freiheit ist, sondern gleichfalls für das Überwinden von eigenen Ängsten, für das Durchbrechen von Grenzen, für eine Art Initiation und für vieles mehr steht. Bungee wurde unter der Prämisse zweier Theorien in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext eingebunden. Hierbei konnte gezeigt werden, dass die unbewusste ordalische Figur (vgl. Kapitel 4.1.1, 4.1.2), die sich durch eine (symbolische) Todesnähe auszeichnet, einen Anteil am Erlebnis des Bungee-Springens hat. Durch die bestandene Prüfung des Schicksals, konstituiert sich subjektiver Lebenssinn und gesteigerte Lebenslegitimation. Darüber hinaus konnte ebenfalls aufgezeigt werden, dass Bungee-Sprünge als Übergangsrituale fungieren (vgl. Kapitel 4.2.1, 4.2.2). Die liminale Phase, die in Ritualen zu finden ist, gleicht dem Außeralltäglichen, das einen zentralen Stellenwert innerhalb dieser Arbeit einnimmt. Während dieser Phase ist das Subjekt losgelöst von Gesellschaft und Struktur. Genau genommen kann es an diesem Punkt zu einer Auflösung des Subjekts kommen, in dem das „Ich“ entgrenzt wird. Das Außeralltägliche ist eine Attribution, die unabhängig von spezifischen Manifestationen von Erlebnissen den „besonderen“ Charakter arrangiert. Die hier vorgestellte Konzeption von Erlebnis ermöglicht es, Angebote und Erfahrungsmuster derart zu analysieren, sodass eindeutig beurteilt werden kann, ob wirklich ein außeralltägliches Erlebnis offeriert wird. Denn nur ein wahres und außeralltägliches Erlebnis kann die Entgrenzung, die Freiheit und die Zufriedenheit, die in derartigem Maße begehrt ist, ermöglichen. Diese Deutungen untermauern verschiedene Interpretationen des modernen Bungee. So kann die aktive Überwindung subjektiver Grenzen einen neuen Lebensabschnitt einleiten oder Bungee kann in entsprechendem Kontext als Mutprobe gedeutet werden. Bungee instrumentalisiert den Körper, unterwirft diesen und führt ihn mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Ob in der Gastronomie, in Schwimmbädern oder in der Pädagogik – überall prangt das Versprechen um das „ganz besondere Erlebnis“. Tatsächlich sind Erlebnisse in unserer Gesellschaft essentiell. So lässt sich zeigen, dass erst das wahre und außeralltägliche Erlebnis Entgrenzung, Freiheit und persönliche Zufriedenheit möglich macht. Doch was genau ist ein „Erlebnis“ und worin unterscheidet es sich von einer ganz alltäglichen Erfahrung?

Wissenschaftlich fundiert arbeitet Anselm Geserer jene Konstituenten heraus, die das Erlebte auch tatsächlich zum Erlebnis werden lassen. Zur näheren Bestimmung dient ihm dabei der Bungee-Sprung als prototypische Verkörperung dessen, was wir als Erlebnisphänomen betrachten. In Kombination aus der Empirie qualitativer Erlebnismuster und einschlägiger soziologischer sowie psychoanalytischer Theorien zeigt der Autor, wie Bungee den Körper instrumentalisiert, unterwirft und mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt führt.

Für seine Arbeit erhielt der Autor den Alumni-Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.