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1 Bungee-Jumping in:

Anselm Geserer

Vom Erlebten zum Erlebnis, page 11 - 28

Eine Bestimmung des Außeralltäglichen durch Bungee

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3871-0, ISBN online: 978-3-8288-6652-2, https://doi.org/10.5771/9783828866522-11

Series: Studien zur Unterhaltungswissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 11 1 Bungee-Jumping Bungee-Jumping ist ein interessantes und soziokulturelles Phänomen, dem, wie ich finde, bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit zugewendet worden ist; denn Bungee ist in seinen Charakteristiken einmalig. Bungee fällt, bei den meisten Ausübenden jedenfalls, aus dem Alltag und den alltäglichen Routinen heraus und eignet sich aus diesem Grunde für die Analyse eines außeralltäglichen Phänomens. Erklärtes Ziel dieser soziologischen Arbeit ist es, einen Begriff zu bestimmen, der außerhalb von psychophysischen Konstanten operiert. Anton Schäfer bezieht sich im „Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen“ auf eine klinische Untersuchung, die in Großbritannien in dem Jahre 1992 durchgeführt wurde4; in dieser wurden die körperlichen Reaktionen auf einen Bungee-Sprung5 gemessen. Die Messungen produzierten ausschließlich marginale Ergebnisse, sodass sich hieraus keinerlei Erklärungsmuster zur Faszination von Bungee oder zum erzeugten „Rausch“ folgern lassen. „Die Gefühle der Heiterkeit und guten Laune und des Wohlbefindens hängen ursächlich mit der Ausübung des Sports, dem Überwinden der Stresssituation, zusammen.“6 Andere Untersuchungen zeigen ähnliche, wenngleich nicht ganz so eindeutige Ergebnisse; die Resultate schwanken individuell und stark, und weisen teils auf eine körperliche und teils auf eben keine körperliche Reaktion hin7. Dies sind einige der Punkte, wieso Bungee in diesen Rahmen passt und einer kultursoziologischen Analyse unterzogen werden sollte. Zu Beginn soll nun Bungee-Jumping als solches im Zentrum der Betrachtung stehen, sodass in der darauffolgenden Analyse keine auf Bungee bezogenen Fragen mehr offen sind. 1.1 Bungee – Der Extremsport Bungee-Jumping, der Sprung in die Tiefe am Gummiseil, das Erlebnis des freien 4 Schäfer, Anton: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen. Dornbirn, 4. Aufl. 1998, S. 187. 5 Allerdings eines erfahrenen Springers. 6 Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 187. 7 Vgl. Zimmerman, Ulrich; Loew, Thomas; Wildt, Ludwig: „Stress hormones“ and bungee-jumping. In: The Lancet, Aug 1992, Vol. 340, S. 428. Entnommen aus: http://www.zeitschrift-sportmedizin.de/fileadmin/externe_websites/ext.dzsm/content/archiv1999/Heft02/1999_02_BUNGEE%20SPRINGEN.pdf Zugriff: 22.04.14 12 Falls, zwar schon fast in die Jahre gekommen, ist jedoch moderner als je zuvor. Subsumiert wird dieses Spektakel in die Fallsportarten8. Bemerkenswerterweise lässt sich trotz hinreichender Popularität nur sehr wenig Literatur zu dieser Thematik und insbesondere zu der Popularisierung selbst, finden. Das charakteristischste Merkmal am Bungee-Jumping ist wohl das Gummiseil, das an den Knöcheln befestigt wird, den freien Fall abbremst und einen Aufschlag auf der Erde verhindert9. Doch beginnen wir am Anfang. Ein Bungee-Sprung ist ein Sprung (oder ein Fallenlassen, oder ein Hinabstürzten) aus einer erhöhten Position in die Tiefe, wobei dieser Sturz durch ein stark elastisches Seil kurz vor einem drohenden Aufschlag abgefangen und der Proband in die Höhe gezogen wird und sich schließlich die Bewegungsenergie oszillierend auspendelnd verliert10. Die erhöhte Position kann eine natürliche sein, wie geeignete Klippen oder Ähnliches, meistens jedoch finden Sprünge von Brücken oder Kränen statt, die manchmal sogar eigens hierfür konstruiert wurden11. Das Wort „Bungee“ heißt im weitesten Sinne Gummi12 und ist durch seine Eigenschaft, die den Hauptteil des Ereignisses prägt, namensrelevant. Eine andere ebenfalls namensrelevante Deutung des Wortes lässt sich im „Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen“ finden, hier heißt es: „Das Wort Bungee kommt aus dem Englischen (to bung – hineinwerfen) und Bungee ist eine Weiterentwicklung dieses Wortes.“13 Das kontrollierte Fallen, der Verlust des sicheren Bodens unter den Füßen ist aus verschiedenen Gründen ein „hochattraktives Erlebnis“14. So ist die Anziehungskraft der Erde von großer Bedeutung15, denn sie beschleunigt (...) den Körper nach dem Newtonschen Gravitationsgesetz auf den Boden vehement (…). Mit dem Entschluss zu Fallen verwandelt (…) [der Fallende] die Lageenergie des erhöhten Standortes in Bewegungsenergie. Entsprechend der 8 Vgl. Warwitz, Siegbert: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. Hohengehren 2001, S. 139f. 9 Vgl. Köppern, Antje: Bungee-Springen. Achen 1993, S. 41. Und: vgl. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis, S. 82. 10 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 12. Und: vgl. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis, S. 82f. Und: vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 18. 11 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 23-38. 12 Vgl. ebd. S. 11, 22. 13 Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 186. 14 Warwitz: Sinnsuche im Wagnis, S. 78. 15 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 97f. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 13 Erdbeschleunigungsknstante (9,81 m/s²) rast er mit fast zehn Metern pro Sekunde potenziert beschleunigt, in die Tiefe.16 Dieses sich beschleunigende Fallen ist insofern doppelt ambivalent, als dass es zum einen den Rausch der Geschwindigkeit und zum anderen das berauschende Gefühl der Schwerelosigkeit in sich birgt17, denn „der Fallende erlebt sich gewichtslos“18. Zu diesen für den Liebhaber angenehmen19 Empfindungen, kommt nun eine weitere ambivalente Komponente hinzu: Die auf das Subjekt unaufhaltsam zurasende Bedrohung des Bodens, der einst Sicherheit bedeutete, doch nun durch die enorme Geschwindigkeit zum Objekt der Gefahr geworden ist20. Erst in dem Augenblick, in dem das Leben zu Ende zu gehen scheint, entfaltet das Gummiseil seine Wirkung, bremst den Fall und katapultiert den Springer seinem Rebound21 entgegen. So verliert sich die Lageenergie im Auf- und Abschwingen und ermöglicht dem Springer sich gewahr zu werden, überlebt zu haben und sich zu orientieren, bevor er am Boden in Empfang genommen wird. Dieses Ereignis scheint eine Art kontrollierter Kontrollverlust zu sein. Zweifelsfrei konstituiert sich das Vergnügen bei diesem Ereignis durch die Angstlust, dem thrill22. So wird im angelsächsischen die Fahrt mit einer Achterbahn als thrillride bezeichnet23, diese beschreibende Bezeichnung ließe sich gleichfalls auf den Bungee- Sprung anwenden und diesen so zum thrill-jump werden lassen. Bei Siegbert Warwitz, „Sinnsuche im Wagnis“, taucht der Begriff „suicidus interruptus“ auf24, der vorerst lediglich in makaberem Kontext und auf groteske Weise passend erscheint, jedoch bei 16 Warwitz: Sinnsuche im Wagnis, S. 79. 17 Vgl. hierzu den Begriff Ilinx bei Roger Caillois: Caillois, Roger: Die Spiele und die Menschen. Maske und Rausch. Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1982, S. 19, 21-36. Und Kapitel: 3.4.1 18 Warwitz: Sinnsuche im Wagnis, S. 80. 19 Vgl. hierzu Schilderungen zum Erleben beim Achterbahnfahren. Die technische Erzeugung einer psychischen und einer physischen Lust, sowie einer Angstlust, lassen sich mit der Inszenierung eines Bungee-Sprunges gleichsetzen. Menschen finden Gefallen an diesen Arten der Lust. Insbesondere das Airtime-Konzept ist mit einem Bungee-Sprung vergleichbar. Szabo, Sacha: Airtime. Die Geschichte der Achterbahn aus der Sicht der Wissenschaft. Kindle-Edition 2013, S. 5ff, 9. 20 Vgl. Michael Balints Konzeption des Oknophilen und des Philobaten und ihren Umgang mit Objekten in Kapitel 3.4. 21 Vgl. Glaser, Jason: Bungee Jumping. Mankato, Minnesota 1999, S. 10, 22. 22 Vgl. Kapitel 3.4. 23 Vgl. Szabo: Airtime, S. 2, 8. 24 Vgl. Warwitz: Sinnnsuche im Wagnis, S. 139. 14 tiefgreifender Analyse seine Legitimation erlangt.25 1.2 Die Geschichte des Bungee – Kulturhistorie eines modernen Phänomens Alles begann mit der informellen Formierung des Dangerous Sports Club im Jahre 1977 als sich Chris Baker und die beiden Freunde David Kirke und Ed Hulton beim Drachenfliegen in der Schweiz trafen26. Die Studenten der University of Oxford gründeten den Club und sollten hierdurch für die Verbreitung einiger Extremsportarten verantwortlich sein27. Chris Baker wohnte in Bristol mit Blick auf die Clifton Suspension Bridge28, einer 75 Meter hohen Brücke. Ihm verdanken wir wohl die Idee, das „Landtauchen“ einmal technisch abgesichert auszuprobieren29. Als Pilot und Konstrukteur von Hängegleitern besaß er einige elastische Gummiseile, die er zum Katapultieren und befestigen von Hängegleiterfliegern benötigte. „One day it dawned upon him that bungee cord 25 Vgl. Kapitel: 4.1.1, 4.1.2. Vgl. Ebenfalls die sozialpsychologischen und psychoanalytischen Deutungen von Bungee in: Szabo, Sacha: Free Falling. Über die Lust am Fallen. 2010 http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7742/pdf/fallen_9.10.10.pdf Zugriff: 12.04.2014. 26 Vgl. Lyster, Martin: The Strange Adventures of the Dangerous Sports Club. London 1997, S. 15ff. 27 Vgl. Lyster: The Strange Adventures of the Dangerous Sports Club. 28 Ebd. S. 15, 30. 29 Nach Jason Glaser haben die Clubmitglieder den Artikel „Land Diving Whit the Pentecost Islanders“ von Kal Muller gelesen und sind hierdurch auf die Idee gekommen. (Muller, Kal: Land Diving With the Pentecost Islanders. In: National Geographic, Dec 1970, Vol. 138, No. 6, S. 799-817.) Vgl. Glaser: Bungee-Jumping, S. 15. A. J. Hackett hingegen schreibt in seiner Autobiographie, dass die Mitglieder des Clubs eine Filmreportage gesehen hätten und auf Grund dieser den Einfall hatten: „They saw footage from the 1960s made by David Attenborough and BBC film Crew of the land divers of Pentecost Island in Vanuatu“ Hackett, Alan John/ Aldworth, Winston: Jump Start. The ultimate adrenalin rush! Glenfield, Auckland 2006, S. 100. Diese Reportage ist unter folgender Internetadresse zu erreichen: http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/p00y207q/The_People_of_Paradise_The_Land_Divers_of_Pentecost/ (Zugriff am 10.04.2014 über einen UK-Proxy möglich) Martin Lyster schreibt zu diesem Thema in seinem Buch „The Strange Adventures of the Dangerous Sports Club“ leider nichts und das obwohl er mit Chris Baker befreundet war. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 15 could provide a way to vine-jump the bridge. The Idea intrigued him, and he mentioned it to the other members of the club.“30 Nun folgten einige Berechnungen eines befreundeten Mathematikers und ein Computer-Modell von Alan Weston – ebenfalls ein Mitglied des Clubs – bevor im April 1979 der erste Bungee-Sprung in Bristol stattfand. Die Springer waren: David Kirke, Alan Weston, Simon Keeling und Tim Hunt. Chris Baker, der die Sprünge plante und die Idee hierzu hatte, konnte durch ungünstige Umstände leider nicht teilnehmen. Unmittelbar nach den Sprüngen, verhaftete die kurz vorher eingetroffene Polizei die vier Springer und arrestierte sie über Nacht. Die Aufmerksamkeit der Presse war groß, pendelte allerdings zwischen Unverständnis und Begeisterung. Schon beinahe zum Selbstläufer geworden, fand der nächste Sprung im Oktober 1979 in San Francisco von der Golden Gate Bridge mit der Unterstützung der Begründer statt und darauf hin ein weiterer von einem TV-Team bezahlter Sprung von der Royal Gorge Bridge in Colorado. „The producer Alan Landsberg, offered $20,000 to film a bungee jump from the Royal Gorge Bridge in Colorado, the highest bridge in the world.“31 Dieser Sprung von der bis 2001 höchsten Brücke der Erde, über einem Canyon, lieferte die ersten wirklich populären Bilder eines Bungee-Sprungs und legte endgültig den Grundstein, der zur Popularisierung des Bungee-jumpings führen sollte.32 Eine weitere wichtige Person ist in diesem Zusammenhang der Neuseeländer A. J. Hackett, der Bungee nicht nur in seiner Heimat populär gemacht hat33. 1980 simulierte Hackett mit einem Gummiseil und einem Sack voller Steinen einen Bungee- Sprung; im unmittelbaren Anschluss sprang er selbst. Doch nach einem eher weniger geglückten Sprung, rückte die Idee für Hackett in den Hintergrund34; so musste die Idee des Bungee-Springens noch eine Weile im Untergrund schmoren, bis Hackett 1987 im französischen Ski-Ort Tignes spektakulär und unter den Augen einer großen Öffentlichkeit aus einer Gondel sprang.35 Darüber hinaus gehen der erste Sprung aus einem Hubschrauber und die Entwicklung eines Bungee-Seiles auf sein Konto. Ab dem Jahre 1988 bot A.J. Hackett in Neuseeland die ersten kommerziellen Bungee- 30 Lyster: The Strange Adventures of the Dangerous Sports Club, S. 31. 31 Lyster: The Strange Adventures of the Dangerous Sports Club, S. 36. 32 Vgl. Hackett: Jump Start, S. 101. 33 Vgl. Hackett: Jump Start. Vgl. ebenf.: Glaser: Bungee Jumping, S. 16. Vgl. ebenf.: Schweizer, Jochen: Warum Menschen fliegen können müssen. München 2010, S. 155. 34 Vgl. Hacket: Jump Start, S. 104ff. 35 Hacket: Jump Start, S. 46. Vgl. ebenf.: Glaser: Bungee Jumping, S. 16. 16 Sprünge an36 Beim Thema Bungee ist hierzulande Jochen Schweizer zu nennen, der den Weg für kommerzielle Bungee in Deutschland geebnet hat37. So schreibt dieser: Ich erinnere mich mich an eine Nachricht, die sich Anfang der 80er unter Exremsportfans verbreitet hatte: Vier verrückte Engländer – David Kirke, Chris Baker, Alan Weston und Ed Hulton – gründeten auf der Insel den >>Oxford Dangerous Sports Club<<.38 In diesem Zusammenhang sprach sich ferner die Nachricht vom ersten Sprung in Bristol herum. Wie bei A.J. Hackett lag diese Idee weiter im Verborgenen, bis Jochen Schweizer sich bei dem Filmdreh „Feuer, Eis und Dynamit“ mit Willy Bogner 1987 mehr oder weniger zufällig daran erinnerte39. Das Bemerkenswerte an Pionieren ist, dass das Neuland, das sie betreten, kaum bekannt ist und sie demzufolge ein Risiko eingehen müssen. J. Schweizer hingegen liefert eine Beschreibung, die unbedachter nicht sein könnte: In den nächsten Tagen baue ich mir (…) ein Seil, das fest und doch nachgiebig ist. […] In einer längeren Drehpause stehe ich mit einem unserer Kletterer auf einer alten Genueser Brücke über dem Fluss (…) Wir binden das eine Ende meines Seils in eine besicherte Abseilacht, das andere Ende befestigen wir mit zwei Flachbandschlingen an meinen Fußgelenken. Dann stelle ich mich auf den Rand dieser alten Steinbrücke – und lasse mich vornüber herunterfallen.40 Dies scheint der erste Bungee-Sprung der Bundesrepublik Deutschland gewesen zu sein41. Am Filmset erfreute sich das Bungee-Springen nun einer großen Beliebtheit und in den darauffolgenden Tagen springt ein Großteil der Film-Crew von dieser Brücke. Weitestgehend spontan entscheidet Willy Bogner einen solchen Sprung in seinen Film einzubauen und überzeugt J. Schweizer von einer 220 Meter hohen Staumauer zu springen. Nach einem Test mit zertrümmertem Fass, wird ein Ausleger 36 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 186. Vgl. ebenf.: Hackett: Jump Start. 37 Vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen. 38 Ebd. S. 109. 39 Vgl. ebd. S. 110. 40 Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 110. 41 Vgl. http://presse.jochen-schweizer.de/pressemappe/zur-person/ Zugriff: 14.04.2014. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 17 (Kran) oben auf der Staumauer befestigt, Jochen Schweizer springt (in der verfügbaren Beschreibung gleichfalls ohne Zögern42) und setzt hiermit unmittelbar einen Bungee-Sprung Rekord43. Dieser Sprung entpuppte sich als der Keim, der Bungee in Deutschland populär werden ließ. Viele Anfragen bewegten Jochen Schweizer dazu Sprünge für andere zu organisieren, diese erfolgten mit eigenem Seil, nachts und illegal44, dennoch führen sie zu einer Verbreitung des Sports. Daraufhin wurde die 1985 gegründete Firma „Kajak Sports Productions“ zur Jochen Schweizer Bungee GmbH umbenannt45. Fast schon zum Selbstläufer geworden, gab 1989 die Premiere des Films „Over the Edge“ das letzte Quäntchen hinzu, wodurch sich Bungee verselbstständigte und in Deutschland gänzlich populär wurde. „Einen >>richtigen<< Erfinder des Bungee gibt es vermutlich nicht. Der Zeitpunkt war einfach gekommen, überall auf der Welt, für ein ganz neues Erlebnis...“46. Auch wenn Bungee inzwischen ein ziemlich sicheres Vergnügen ist, gibt es Zwischenfälle, die nicht unerwähnt bleiben sollten. In Deutschland und Europa gab es zwar bisher vergleichsweise wenig Unfälle, dennoch ist in Dortmund 2003 ein 31 jähriger Mann bei einem Sprung vom Florianturm ums Leben gekommen47. Die Ursachen sind bis heute ungeklärt, Vorwürfen, dass ein veraltetes Seil verwendet worden wäre, wurde von der Staatsanwaltschaft widersprochen48. Dieses Unglück war das erste in Deutschland, das mit tödlichen Folgen endete49 und hätte für das Unternehmen von Jochen Schweizer beinahe das Aus bedeutet. Jochen Schweizer zahlte 42 Vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 112. 43 Vgl. ebd. S. 111 ff. 44 Vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 130 ff. 45 Vgl. ebd. S. 135. Vgl. ebenf.: http://presse.jochen-schweizer.de/jochen-schweizer-von-der-bungee-bude-zur-unternehmensgruppe/ Zugriff: 14.04.2014. 46 Vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 155. 47 Vgl. ebd., S. 285ff. Vgl. ebenf.: http://www.welt.de/print-welt/article247957/Toedlicher-Unfallbeim-Bungee-Springen-in-Dortmund.html Zugriff: 29.04.2014. ebenf.: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/nach-toedlichem-unfall-jochen-schweizer-will-bungee-anlagen-wieder-oeffnen-1.665291 Zugriff: 29.04.2014. 48 Vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 285ff. Vgl. ebenf.: http://www.fr-online.de/panorama/dortmund-strafverfahrennach-bungee-unfall-eingestellt,1472782,6585636.html Zugriff: 29.04.2014. 49 Vgl. ebd. 18 eine große Summe an die Hinterbliebenen, spendete auf deren Wunsch an das Kinderhospitz Balthasar in Olpe und übernahm die Gerichtskosten für das Verfahren, welches 2011 eingestellt wurde.50 Sowohl die finanzielle Belastung als auch diejenige, die aus den Schlagzeilen entstand, machten es dem Unternehmen schwer wieder auf die Beine zu kommen.51 2004 wurde die Idee des Erlebnisgeschenkes geboren und von dem Unternehmen in die Tat umgesetzt, bis heute werden von Jochen Schweizer die verschiedensten Erlebnisse angeboten und verkauft. Unfälle sind im Vergleich zu den Sprungzahlen52 jedoch extrem selten, insbesondere in mitteleuropäischen Räumen, was wohl auf die strengen Sicherheitsrichtlinien zurückzuführen ist. Nach meinen Recherchen sind in Europa bisher lediglich vier Menschen ums Leben gekommen, eine Person in der Schweiz53, eine in Deutschland und zwei in Italien bei einem Tandemsprung54. In einem Artikel der Zeitschrift für Sportmedizin von 1999 heißt es: „Laut Vanderford haben seit den ersten Berichten über Bungee-Springen in den USA im Jahre 1987 über 2 Mill. Menschen Sprünge absolviert. Dabei traten nach Berichten einer Versicherungsgesellschaft 5 Todesfälle und 80 ernsthafte Verletzungen auf.“55 Bungee birgt demzufolge, wie viele andere Tätigkeiten, ein Risiko in sich, das bei Wahrung der Sicherheitsbestimmungen jedoch minimiert werden kann. Die sich aus den Zahlen ergebende Einschätzung erhärtet die Annahme, dass es von technischer Seite betrachtet unbedenklich ist, sich an einem Gummiseil in die Tiefe zu stürzen. 50 Vgl. Vgl.http://www.fr-online.de/panorama/dortmund-strafverfahren-nachbungee-unfall-eingestellt,1472782,6585636.html Und: vgl. Schweizer: Warum Menschen fliegen können müssen, S. 287ff. 51 Vgl. ebd, S. 321ff. 52 Es war mir leider nicht möglich herauszufinden wie viele Menschen bisher tatsächlich gesprungen sind. Die von mir angefragten Firmen, gaben diese Daten nicht preis. 53 Vgl. http://archiv.rhein-zeitung.de/on/00/05/14/topnews/bungee.html Zugriff: 29.04.2014. 54 http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/ article8503T-1.390437 Zugriff: 29.04.2014. 55 Fromme, A.; Linnenbecker, S.; Thorwesten, L.K.; Völker, K.: Bungee-Springen aus sportmedizinischer Sicht. Stellungnahme aus der Sektion Breiten-, Freizeitund Alterssport des DSÄB, S. 53. http://www.zeitschrift-sportmedizin.de/fileadmin/externe_websites/ext.dzsm/content/archiv1999/Heft02/1999_02_BUNGEE%20SPRIN- GEN.pdf Zugriff: 29.04.2014 Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 19 1.3 Der Ursprung: Die Lianenspringer von Pentecost Die Lianenspringer aus Pentecost sind als ideeller Ursprung des modernen Bungees anzusehen, hierin sind sich alle befragten Quellen einig; schon bei oberflächlicher Betrachtung ist dieser Schluss plausibel. „Vine-jumping“ oder „land-diving“ ist ein Brauch, der von Einwohnern der Insel Pentecost im Südpazifik praktiziert wird. Die Insel Pentecost liegt in den Neuen Hebriden im Inselstaat Vanuatu im Südpazifik56. Das Turmspringen selbst findet hauptsächlich in dem Ort Bunlap statt, aus welchem es stammt. Die ersten Berichte, die ihren Weg in die westlichen Welt fanden, stammen von Irvin und Electa Johnson; diese berichteten in der Zeitschrift National Geographic im Jahre 1955 von dem jährlichen Spektakel auf der Insel57; die Abbildungen nehmen jedoch den Hauptteil dieses Artikels ein. Fünf Jahre später erschien eine BBC Reportage von David Attenborough, welche die ersten bewegten Bilder des originalen und traditionellen Turmspringens lieferte58. Die Hauptquelle neuerer Analysen bildet ein weiterer Artikel der National Geographic von Kal Muller im Jahre 197059. Dieser Artikel legt im Vergleich zu dem früheren einen größeren Fokus auf die Beschreibungen des Ereignisses und der Zeremonie. In den 90ern befasste sich Margaret Jolly mit der Thematik und in den letzten Jahren hierzulande Thorolf Lipp60. Die Spur führt demnach nach Bunlap, einem kleinen Ort auf Pentecost, einer Insel im Inselstaat Vanuatu. In diesem Ort findet jährlich zwischen März und Mai das 56 Lipp, Thorolf: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu. Beschreibung und Analyse eines riskanten Spektakels. Berlin, Wien 2008, S. 13ff. Und: Köppern: Bungee-Springen, S19ff. Und: Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen, S. 82. Und: Glaser: Bungee Jumping, S. 13ff. 57 Johnson, Electa; Johnson, Irving: South Seas' Incredible Land Divers. New Hebrides Islanders Prove Their Manhood by Leaping Headfirst to Earth from a 65-foot Jungle Tower. In: National Geographic, Jan 1955, Vol. CVII, No. 1, S. 77-92. 58 http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/p00y207q/The_People_of_ Paradise_The_Land_Divers_of_Pentecost/ Zugriff: 10.04.2014 über einen UK Proxy. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Kommentare des Moderators extrem exotisierend und ethnozentristisch gelagert sind. Der daraus folgenden Problematik bin ich mir bewusst; dennoch soll die Analyse der Darstellung als solches, kein Teil dieser Arbeit sein. 59 Muller, Kal: Land Diving With the Pentecost Islanders. In: National Geographic, Dec 1970, Vol. 138, No. 6, S. 799-817. 60 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu. Und dortige Literatur: S, 423. 20 Spektakel61 statt, bei dem sich die freiwilligen männlichen Teilnehmer von einem selbst errichteten Turm, der bis zu 30 Meter hoch sein kann, lediglich mit Lianen am Fuße befestigt, kopfüber fallen lassen. Hier leben die Sa in der eigenen Kultur des Kastom. Der eigentliche Sa-Begriff für das Turmspringen ist Nanggol, heute jedoch wird dieses riskante Spektakel überwiegend Gol genannt62. Ursprünglich wurde jedes Jahr ein neuer Ort bestimmt, an welchem das Turmspringen stattfinden sollte, inzwischen jedoch ist dies nicht mehr immer der Fall. Es findet auch nicht zwingend jedes Jahr statt, das hängt ganz von der Lust der Springer ab63. Einige Interpretationen der Sa, lassen darauf schließen, dass es als eine Art Spiel gedeutet werden kann64. Dieses Ereignis wird inzwischen als Fest für (zahlende) Gäste veranstaltet und ist eine wichtige Einnahmequelle der Einwohner geworden65. Der Geldfluss ändert zwar nicht den Ablauf des Turmbaus oder des Ereignisses selbst, dennoch hat das Geld Einfluss auf die Legitimation des Festes, da durch Bezahlung Lohnarbeit geschaffen werden kann. Der Turm wird in Abwesenheit von Frauen gebaut, erst am Tag der Veranstaltung selbst, dürfen diese den Turm sehen und sich in seiner Nähe aufhalten66. Der Bau dauert circa zehn Tage, hinzu kommen nochmal ungefähr drei Tage für den Bau der eigenen Absprungplattformen, die jeder Springer für sich selbst baut, jedoch hierfür auch Hilfe bekommen kann. Meist dient ein leicht abschüssiger Platz als Baugrund des Turmes, der um einen Baum herum gebaut wird und insofern als Basis dient. Es werden ausschließlich natürliche Materialien wie Holz, Rindenstreifen und Lianen verwendet; mittels der getrockneten Rindenstreifen werden Holzelemente zusammengebunden. Die Plattformen und Sprungbretter werden als letztes von den Springern gebaut. Die mit Lianen umwickelten Sprungbretter sind so konzipiert, dass sie beim Sprung brechen und einen Großteil des Sturzes abfangen67. Vor der Veranstaltung werden aus dem Boden um den Turm alle Steine, Äste und andere harten Fremdkörper entfernt und die Erde aufgelockert. In den Artikeln der 61 Mit diesem Begriff halte ich mich an Thorolf Lipp, der in seiner ethnografischen Analyse andere Begriffe wie „Ritual“ oder „Feier“ ausgeschlossen hat. Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 395ff. 62 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 20. 63 Vgl. ebd, S. 210. 64 Vgl. Ausführungen über Spiel: Kapitel 3.4.1. 65 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 212. 66 Vgl. ebd. S. 213. Und: vgl. Muller: Land Diving With the Pentecost Islanders, S. 810. 67 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 217, 240f. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 21 National Geographic wird der Boden als „Pool of Earth“ oder „softened Earth“ bezeichnet. Das untere Ende der „Sprunglianen“ wird dann aufgefasert, sodass es um die Knöchel gebunden werden kann. Das Fest beginnt relativ formlos, dennoch gibt es rhythmische Gesänge, Handschläge und Tänze, die von einem der älteren vorgegeben werden. Männer und Frauen tanzen getrennt voneinander. Die Sprünge beginnen bei der niedrigsten Plattform, meist sind es Kinder oder Jugendliche, die diesen Sprung absolvieren; bei den Johnsons und bei Muller war das ein acht jähriges Kind. Jeder Sprung folgt von der nächst höher gelegenen Plattform, bis schließlich der Höhepunkt des Festes erreicht ist, wenn einer der erfahrensten Springer, meist der Chief oder ein anderes angesehenes Mitglied des Dorfes, von der Spitze des Turmes den letzten Sprung des Tages präsentiert. Die Lianen sind so bemessen, dass im Idealfall der Springer den Boden nicht berührt68. Dies scheint früher anders gewesen zu sein, denn die älteren Beschreibungen des Ereignisses, proklamieren, dass ein Berühren des Erdbodens mit dem Kopfe erwünscht sei; daher auch die angelsächsische Bezeichnung „Land-Diving“, hierzulande auch „Landtauchen“ genannt. Ein ästhetischer Sprung folgt einem spezifischen Verlauf: Vor dem Sprung werden die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, darauf folgend soll wenn möglich mit ausgestreckten Armen nach vorne weg-gesprungen werden, sodass die maximale Spannung der Lianen in einer Schräglage erzeugt wird; während des Sprunges werden die Arme an die Brust genommen, um sich beim Aufprall auf den Boden nicht zu verletzen. Erfahrene Springer versuchen sich beim „Snapback“, also dem ersten Zurückfedern, beim modernen Bungee „Rebound“ genannt, aufzurichten und auf den Füßen zu landen.69 Angesichts des Risikopotentials der Veranstaltung, gibt es doch erstaunlich wenige Verletzungen. In den älteren Artikeln wird betont, dass man sich nicht erinnern könne, dass jemals jemand umgekommen sei. Im Februar 1973 allerdings wurde eigens für die Queen ein Turmspringen abgehalten, bei welchem ein Mann zu Tode kam70; die Ursachen sind bis heute nicht ganz geklärt. In der Regel begrenzen sich die schwerwiegendsten Verletzungen auf Schürfwunden an den Knöcheln durch die umgebundenen Lianen. Umgeben wird dieses ganze Spektakel von einem Mythos, der sich mit dem Ursprung des Landtauchens befasst: 68 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 240. 69 Vgl. ebd. Vgl. ebenf.: Muller: Land Diving With the Pentecost Islanders. Vgl. ebenf.: Johnson; Johnson: South Seas' Incredible Land Divers. 70 Vgl. Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 272. 22 In einer längst vergangenen Zeit lebte ein Mann mit dem Namen Tamalié. Seine Frau war von seiner sexuellen Energie überfordert und hatte bereits mehrfach versucht, ihm davonzulaufen. Einmal flüchtete sie sich in die Krone eines riesigen Banyan-Baumes, aber ihr eifersüchtiger Ehemann folgte ihr auch dort hinauf. Oben angekommen rief sie ihm zu, wenn er sie wirklich liebe, müsse er es ihr beweisen, und wie sie selbst auch, vom Baum springen. Als sie tatsächlich sprang, tat ihr Mann es ihr ohne zu Zögern nach. Dabei bemerkte er zu spät, daß sie sich eine Liane um die Füße gebunden hatte, die ihren Fall kurz vor dem Aufschlagen auf dem Erdboden abbremste. Während Tamalié bei dem Sturz zu Tode kam, überlebte sie unverletzt.71 Dieser Mythos lässt sich in insgesamt fünf Variationen finden72, dennoch liefert keiner dieser Varianten Aufschluss darüber, wie lange das Turmspringen schon oder wieder praktiziert wird oder was die eigentlichen Hintergründe dieses Brauches sind. Eindeutig ist jedenfalls, dass es eine Art Revitalisierung durch den Tourismus gegeben hat73. Lange Zeit wurde es nicht oder nur sehr wenig praktiziert, bis es bei der Unabhängigkeit Vanuatus 1980 eine „Aufwertung des indigenen Selbstwertgefühls“74 gegeben hat und ab dieser Zeit das Gol-Springen systematisch veranstaltet wurde. Die Frage nach dem wahren Ursprung ist bedauerlicherweise nicht vollständig zu beantworten. Thorolf Lipp fasst die Möglichkeiten und Mythen darüber zusammen75, größtenteils lassen sich diese ebenfalls in den anderen angegebenen Quellen finden: „A manhood thing“: Das zur Schau stellen der Männlichkeit taucht in allen Texten und Dokumentationen auf, die hier als Quelle dienen. „Der Höhepunkt des Jahres“: Die Mehrzahl der Quellen betrachten das Ereignis als Höhepunkt des Jahres. „Initiation“: Dass das Ereignis ein Männlichkeitsritual ist, findet sich ebenfalls in den meisten Quellen. „Show off“ für die Frauen“: Das Beeindrucken der Frauen gehört genauso zum Turmspringen wie das Reden über „häusliche Probleme“ davor. „Kulturelles Ritual“: Körper und Geist sollen gereinigt, das Ende der Regenzeit soll gefeiert und die Yamsernte soll garantiert werden. „Fruchtbarkeitsritual“: Das Zelebrieren der männlichen Kraft ist sowohl durch die 71 Lipp: Gol – das Turmspringen auf der Insel Pentecost in Vanuatu, S. 96. 72 Vgl. ebd., S. 304. 73 Vgl. ebd., S. 261. 74 Ebd. 75 Ebd, S. 36. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 23 gesicherte Yamsernte als auch durch das Emporsteigen auf den von Männern gebauten Turm repräsentiert. Gelegentlich wird das Gol als Imitation des Trainings amerikanischer Fallschirmspringer“76 gedeutet. Dies wird jedoch sowohl von Lipp als auch von den Darstellungen im Internet widerlegt, da es bereits Berichte über den Brauch aus dem Jahr 1926 gibt und dies deutlich vor dem Bau der militärischen Trainingslager war77, so dass diese Deutung an Tragfähigkeit verliert. 1.4 Physikalische Konstruktion von Bungee Das Bungee-Springen, wie es heute praktiziert wird, ist eine sichere und sportliche Tätigkeit, die meist von Brücken oder Kränen durchgeführt wird. In Deutschland jedoch ist das Springen von nicht hierfür freigegebenen Objekten wie Brücken oder Gebäuden verboten78. Nur wenige öffentliche Brücken sind für solche Sprünge freigegeben, da sowohl die Verkehrssicherheit als auch der Schutz der Sportler gewährleistet werden muss79. Ausnahmen lassen sich in Österreich finden, so ist die 192 Meter hohe Europabrücke bei Innsbruck80 und die im Vergleich weniger imposante, 96 Meter hohe Jauntalbrücke in Kärnten81 für Bungee-Sprünge freigegeben. Mehrheitlich werden Sprünge jedoch von Kränen aus durchgeführt. Bungee-springen ist keine Tätigkeit, die ohne professionelles Team möglich ist; die Ausrüstung muss ebenso regelmäßig geprüft werden wie die Jump-Sites82 selbst, der Sprung hingegen liegt immer in den eigenen Händen. Die Konstruktionen unterscheiden sich, je nachdem ob es sich um eine stationäre oder mobile Anlage handelt und ob sich diese Anlage an Land oder über Wasser befindet83; häufig kommen Schwenk- und Hebekräne zum Einsatz84; Ausnahmen bil- 76 Diese Möglichkeit findet sich bei Thorolf Lipp, aber auch in verschiedenen Berichten, die im Internet zu finden sind: bspw.: http://www.phid.de/inhalt/ursprungalsbungee.htm Zugriff: 25.04.14 77 Vgl. ebd. 78 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 24. 79 Vgl. ebd, S. 24. 80 Vgl: http://www.bungee-jump.net/ Zugriff: 14.04.2014. 81 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 24. 82 Ein jump-site ist eine Absprungplattform. Vgl. Glaser: Bungee Jumping, S. 6. 83 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 24-52. 84 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 36 24 den hierbei der Sprung aus einem Heißluftballon und der Sprung aus einem Helikopter. Selbstverständlich gelten für jede Anlagenart unterschiedliche Sicherheitsrichtlinien und Vorschriften85. Das Bungeeseil ist das Herzstück des Ereignisses; es ist in der Regel aus Naturlatex, manchmal aus künstlichem Gummi hergestellt86. Ein solches Bungeecord wird ausschließlich mit einem Überdehnschutz verwendet und muss in seiner Gesamtheit mit der Anlage eine mindestens sechsfache Absicherung bieten.87 Die Fadenanzahl des Seiles bestimmt dessen Stärke, die theoretisch für jede Gewichtsklasse hergestellt werden kann. Um die Latexfäden ist ein schützender Mantel gelegt, welcher keine tragende Funktion erfüllt, sondern ausschließlich für den Schutz und den Zusammenhalt der Fäden verantwortlich ist. Aus den Einzelfäden ergibt sich die Bruchlast, die einem Bungeeseil zugeschrieben werden kann. Ein einzelner Faden hat eine Bruchlast, die zwischen 16 und 25 N (Newton) angesiedelt ist; ein durchschnittliches Seil mit 880 Fäden hat demzufolge bei einer mittleren Einzelfadenbruchlast von 20 N, eine Bruchlast von 17600 N, was 1,8 Tonnen entspricht. Die maximal zugelassene Körperbelastung beim Bungee-Springen beträgt hierzulande 3 G88, hieraus ergibt sich bei einem Springer mit 95 Kilogramm Körpergewicht und einem vierfach gedehnten Seil eine Belastung, die zwischen 240 und 290 Kilogramm liegt. Das Seil hält demzufolge bedeutend mehr an Gewicht aus, als bei einem Sprung auf das Seil einwirkt.89 Die am häufigsten verwendete Gewichtsklasse liegt zwischen 60 und 95 Kilogramm; für diese wird ein durchschnittlich starkes Seil mit 880 Fäden verwendet90. Die maximale Dehnung, die ein Bungeeseil erreichen kann ohne dauerhaft beschädigt zu werden, liegt bei dem vierfachen der Eigenlänge, ab dieser Länge greift ein nicht flexibler 85 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport - Veranstaltungen. 86 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport - Veranstaltungen, S. 12. 87 Vgl. ebd. 88 Mit der G-Kraft ist die auf ein Objekt einwirkende Kraft gemeint, die z.B. durch die Änderung der Geschwindigkeit in Kombination mit der Trägheit des Objektes auftritt. Diese Kraft wird als ein Vielfaches der Erdbeschleunigung angegeben und steht immer in direkter Abhängigkeit des Eigengewichts. Vgl. Heintze, Joachim; Bock, Peter (Hg.): Lehrbuch zur Experimentalphysik. Band 1: Mechanik. Berlin, Heidelberg 2014, S. 30ff. 89 Ein Seil mit 880 Fäden ist für die mittlere Kategorie (zwischen 60 und 95 Kilogramm) vorgesehen und besitzt eine Gebrauchsdehnung, die zwischen 150 und 300 Prozent angesiedelt ist und eine Bruchdehnung, die bei ca. 700 Prozent oder 17600 N liegt. 90 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 96. Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 25 Überdehnschutz, um das Seil zu schützen. Dieser Überdehnschutz ist eine außen und parallel geführte Bandschlinge, die keinen Reißschutz bietet. Das Seil, das bei Jochen Schweizer Sprunganalagen benutzt wird, ist theoretisch für 1500 Sprünge freigegeben, dennoch wird es nach 200 Sprüngen91 ausgewechselt92. Das Seil selbst ist an einem so genannten Varioseil befestigt. Das Varioseil ist ein Kunststoff „Bergseil“ mit einem Durchmesser von mindestens elf Millimetern und wird dennoch beim Bungee doppelt verwendet93. Dieses ist das Bindeglied, das sich zwischen dem Bungeeseil und der Aufhängung befindet. Da es nicht flexibel ist, eignet es sich für die Feinjustierung der Sprunghöhe. Mit diesem Seil kann beispielsweise ein „dip in“94 berechnet werden. Alle weiteren Verbindungspunkte wie Knoten oder Befestigungen müssen einer 91 Hierzu zählen selbstverständlich auch Übungen mit totem Gewicht ect. 92 Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 36. Und am 27.04.14 vor Ort, in Oberschleisheim an der Sprunganlage erfragt. 93 Vgl. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 128. 94 Ein „Dip in“ wird das Eintauchen mit dem Kopf oder Teilen des Körpers in das unter dem Sprung gelegene Gewässer genannt. Vgl. Köppern: Bungee-Springen, S. 37f. Abbildung 1: Bungee-Seil. Photographie: Anselm Geserer 26 Konvention entsprechend einer Bruchlast von mindestens 2,2 Tonnen standhalten.95 Im Allgemeinen gelten sehr strenge Sicherheitsrichtlinien, z.B. in Bezug darauf, wann die Materialien ausgetauscht werden müssen. Diese Richtlinien beinhalten das Alter, die Häufigkeit der Verwendung, Lichteinwirkung, Schlaufenbildung und einiges mehr. Um die Schien- und Wadenbeine oberhalb der oberen Sprunggelenke werden zur Befestigung des Bunggecords endlos genähte Bandschlaufen verwendet, die um eine darunter liegende Polsterungsmanschette geschlungen und durch sich selbst festgezogen werden. Diese sind miteinander verbunden, sodass zwischen den Schlaufen das Bungeecord befestigt werden kann. Für die Verbindungen von Varioseil und Bungeecord oder Bungeecord und Teilnehmer und auch anderen Schnittstellen werden Schraub- oder Stahlschraubkarabiner verwendet, die wie geschildert einer Bruchlast von 2,2 Tonnen standhalten müssen. Die Teilnehmer werden mit „Sitz-“ und „Brustgurten“ oder einem Kombinat (Bergsteigergeschirr) beim Transport gesichert; diese Sicherung wird erst unmittelbar vor dem Sprung gelöst. 95 Alle Werte sind dem Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen entnommen. Schäfer: Handbuch zur Durchführung von Action – Sport – Veranstaltungen, S. 90 ff. Abbildung 2: Screenshot Film: Philip Rämsch Abbildung 3: Screenshot Film: Philip Rämsch Abbildung 5: Screenshot Film: Philip Rämsch Abbildung 4: Screenshot Film: Philip Rämsch Vom Erlebten zum Erlebnis Bungee-Jumping 27 Das Personal wird selbstverständlich ebenfalls mit solchem Geschirr gesichert; hierbei spielen (bei Jochen Schweizer zumindest) eigene Erfahrungswerte eine große Rolle: so wird das Personal beispielsweise nicht mehr mit dem „Kravattenknoten“, sondern nur noch mit dem „Mastwurf“ gesichert96. Beim Bungee werden ausschließlich redundante und doppelt redundante Sicherheitssysteme verwendet. Wenn nun alles überprüft und gesichert worden ist, steht dem Bungee-Sprung nichts mehr im Wege und es kann losgehen... 96 Diese Information bekam ich bei einem Gespräch in Oberschleißheim, als die Interviews geführt wurden. 27.04.2014. Abbildung 7: Screenshot Film: Philip Rämsch Abbildung 6: Action-Cam Screenshot: Anselm Geserer

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References

Zusammenfassung

Ob in der Gastronomie, in Schwimmbädern oder in der Pädagogik – überall prangt das Versprechen um das „ganz besondere Erlebnis“. Tatsächlich sind Erlebnisse in unserer Gesellschaft essentiell. So lässt sich zeigen, dass erst das wahre und außeralltägliche Erlebnis Entgrenzung, Freiheit und persönliche Zufriedenheit möglich macht. Doch was genau ist ein „Erlebnis“ und worin unterscheidet es sich von einer ganz alltäglichen Erfahrung?

Wissenschaftlich fundiert arbeitet Anselm Geserer jene Konstituenten heraus, die das Erlebte auch tatsächlich zum Erlebnis werden lassen. Zur näheren Bestimmung dient ihm dabei der Bungee-Sprung als prototypische Verkörperung dessen, was wir als Erlebnisphänomen betrachten. In Kombination aus der Empirie qualitativer Erlebnismuster und einschlägiger soziologischer sowie psychoanalytischer Theorien zeigt der Autor, wie Bungee den Körper instrumentalisiert, unterwirft und mit seinem erbarmungslosen Charakter zum Erlebnishöhepunkt führt.

Für seine Arbeit erhielt der Autor den Alumni-Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg.