VIII. Kleiner Ausblick, über Werner Heldt hinaus in:

Kristine Haarmann

"Wie man träumt, so soll man malen.", page 141 - 146

Der Berliner Malerpoet Werner Heldt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3713-3, ISBN online: 978-3-8288-6651-5, https://doi.org/10.5771/9783828866515-141

Series: kommunikation & kultur, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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141 VIII. Schluß: Werner Heldts „Stadtschaft“ Heldt setzt sich seiner Stadt bedingungslos aus, er verfällt ihr und ihrer Stimmung. „Was jedoch ist diese Stimmung? Baudelaire hätte sie ‚le spleen de Berlin‘ genannt. Im Grunde ist es die Art von Großstadtmelan cholie, die uns in einem Gewimmel von Menschen befallen kann oder auch des Nachts, wenn wir durch eine leere Straße kommen, auf der es gewöhnlich sehr lebhaft zu geht.“353 Heldts Blick entziffert beständig Häuser, Flächen, Farben als Stadt Berlin. Die Beharrlichkeit, mit der er immer und immer wieder, auch und gerade in der Fremde, sein Berlin sich vergegenwärtigt, erinnert an eine lebenslange Obsession – oder anders ausgedrückt: Sie bestätigt sehr sinnfällig Heldts künstlerisches Credo. Heldt entwickelt sich zum Meister gemalter Erinnerung. Er arbeitet ein ums andere Mal am Mnemosyne-Projekt. Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen ‚Erinnerung‘ war. So wie diese da mals lehrten, daß alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, daß das ganze Le ben eine Wiederholung ist. [...] Wiederholung und Erin nerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert. Deshalb macht die Wiederholung, wenn sie möglich ist, einen Menschen glücklich, während die Erinnerung ihn unglücklich macht, allerdings unter der Voraussetzung, daß er sich Zeit läßt zu leben und 353 Roditi, S. 11. 142 Haarmann, „Wie man träumt, so soll man malen…“ nicht sofort in seiner Geburts stunde einen Vorwand sucht, sich wieder aus dem Leben zu schleichen.354 Es ist die Dialektik von Erinnern und Wiederholen, in der Werner Heldt sich mit seinem Œuvre bewegt und jene Eigenständigkeit beweist, die ihm posthum als Allegoriker von Berlin Anerkennung ver schafft. Im wirklichen Leben getrieben, zwischen Welt angst und Weltschmerz hin- und hergerissen, ver spricht nur die künstlerische Praxis Mo mente der Er lösung. Der Zerrissenheit solch einer modernen Künst lerexistenz verleiht Heldt durch seine Kunst – sozusa gen über den Weg der ästhetischen Kompensation – Ausdruck. Le spleen de Berlin, die Großstadtmelancholie, wird bei Heldt in eine allegorische und tendenziell unheimliche, gleichwohl stimmige und einzigartige Bildsprache gebracht. „Das Unheimliche zeigt im ‚Spleen‘ – mit Sigmund Freud zu sprechen – seine Herkunft vom verdrängten Heimischen, und Allego rie erweist sich als das Verfahren, den Prozeß zu ver bildlichen, in welchem sich gegenläufig zur Entwicklung der äußeren Realität auf der inneren Szene die Wieder kehr des Verdrängten vollzieht.“355 Walter Benjamin schöpft aus seiner Beschäftigung mit Marcel Proust den Begriff von der „Stadtschaft“.356 Nicht zufällig mutiert unter Benjamins luzidem begrifflichen Denken Stadt in den „Aufzeichnungen und Materialien [zum Flaneur – die Verf.]“ zur Landschaft, zur „Stadtschaft“. Die Begründung für diesen Paradigmenwechsel liefert er sogleich mit: weil das „alte romantische Landschaftsgefühl“ sich zersetzt habe, entstehe eine „neue romantische Ansicht der Landschaft“, die „vielmehr eine Stadtschaft zu sein scheint“.357 Benjamin weiß sich in traditioneller Obhut (neben Proust z.B. Gustave Flaubert, E. Th. A. Hoffmann, Hugo von Hofmanns- 354 Sören Kierkegaard, Die Wiederholung. Ein Versuch in der experimentierenden Psychologie von Constantin Constantius, in: S.K., Die Wiederholung. Die Krise und eine Krise im Leben ei ner Schauspielerin, hrsg. von Liselotte Richter, Frankfurt/M. 1984, S. 7. 355 Hans Robert Jauß, Baudelaires Rückgriff auf die Allegorie, in: Formen und Funktionen der Allegorie. Symposium Wolfenbüttel 1978, hrsg. von Walter Haug, Stuttgart 1979, S. 696. 356 Walter Benjamin, [Der Flaneur], in: Das Passagen-Werk, S. 530. 357 Ebd. 143 VIII. Schluß thal). So schreibt Karl Gutzkow aus Paris nach Leipzig: „Es ist so schön, daß man in Paris selbst förmlich über Land gehen kann.“358 In der Stadt „über Land gehen“ ist das Schlüsselwort, um meiner Meinung nach Heldts Wandlung des in frühen Jahren durchaus in realistisch-anekdotischen Bildern festgehaltenen Gangs durch Berlin in eine mehr und mehr der Flanerie entspringenden surrealen Bilderwelt erklären helfen kann. Diese Entwicklung ist der radikalen Veränderung von Stadt und Stadtgefühl geschuldet, die die bildnerische wie literarisch-künstlerische Erarbeitung des Imago Berlin bewußt-unbewußt befördert. Der Formensprache der imaginierten Stadt fügt Heldt mit seinem „Berlin am Meer“ eine bedeutende Facette hinzu. Damit überdeckt er allerdings das reale Berlin. Seine Darstellung enträt aber nicht der Abbildhaftigkeit, der Wiedererkennung durch Ähnlichkeit, um diese beiden Gewißheiten im Bild jedoch sogleich zu demolieren. Das in seiner Kunst obwaltenden Neue verlangt nach einem anderen Hinsehen, einem neuen Hinsehen, das dem Betrachter eine neue Erfahrung ermöglicht. Wieso? Die Antwort: Heldt versetzt die Stadt paradoxerweise in einen Naturzustand (in das, was Benjamin „Stadtschaft“ nennt), auch weil er seine Stadt mit den Insignien einer Naturgewalt ausstattet: Wasser. Immer schon war und bleibt Wasser konnotiert als Ur-Element, als Grundbaustein der Welt. Im Gedächtnis der Menschen darüber hinaus als ein kaum zu bändigendes Element, ein Unglück, dem man hilflos ausgeliefert ist, wie Naturkatastrophen hinlänglich belegen. Heldt spürt dieser zerstörerischen, aber auch herausfordernden Kraft nach, selbst wenn einige seiner Berlin am Meer-Bilder oftmals in eine Idylle abzurutschen drohen.359 Gleichwohl steht der Befund: Hier malt und schreibt ein Künstler in der Rolle des Flaneurs, wie Benjamin ihn am Beispiel Paris beschrieben hat: Berlin ist ihm zur Landschaft geworden, zur „Stadtschaft“ eben. Denn „ihm tritt die Stadt in ihre dialektischen Pole auseinander. Sie eröffnet sich 358 Karl Gurzkow, zit. nach W.B., Das Paasagen-Werk , S. 531. 359 Vgl. dazu z.B. das Titelbild des vorliegenden Bandes mit einem in sich ruhenden, kontemplativen Angler im Mittelpunkt. Ganz anders dagegen Heldts Variationen des von Wasser umspülten und bedrohten Berlins der Nachkriegszeit. 144 Haarmann, „Wie man träumt, so soll man malen…“ ihm als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube“.360 Um nicht mißverstanden zu werden: Es ist nicht die sogenannte gute Stube, die Heimeligkeit verspricht. Es ist die Örtlichkeit, die zugleich bekannt und fremd ist, denn der Flaneur „saugt seine Nahrung nicht nur aus dem, was ihm da sinnlich vor Augen kommt, sondern wird oft des bloßen Wissens, ja toter Daten, wie eines Erfahrenen und Gelebten sich bemächtigen“.361 Insofern wird Held zum Archäologen, der wachen Auges und Geistes die Stadtschaft durchstreift, um des Untergründigen an der Realität der Stadt ansichtig werden und im Traum von deren Ursprünglichkeit bzw. Uferlosigkeit zu durchdringen. Damit kehrt das „im Unbewußten Deponierte als Inhalt des Gedächtnisses“362 in die künstlerische Bildwirklichkeit des Heldtschen magischen Realismus zurück. Ich wiederhole mich: An diesem Mnemosyne-Projekt arbeitet Heldt mit, wennauch manches Mal eigentümlich naiv. Denn eine Besonderheit bei Heldt fällt in seinem Werk durchgängig auf. Heldt frönt im besten Sinne des Wortes einer künstlerischen Spielart der Moderne: des Dilettantismus. Nicht mehr nur Nachahmung, sondern Neuschöpfung nach dem Gesetz der Phantasie! Ichversessen und die Momente der Verstörung auskostend, gefährdet Heldt sich selbst. Er ist nicht eigentlich philosophischer Künstler; er ist, wie mir scheint, wenn überhaupt ein Spontanphilosoph, der die Moderne in Theorie und Praxis seiner Kunstausübung zu begreifen sucht. Unter künstlerischen Qualen und mit Schüben existentieller Verzweiflung hat er sich den Zeitläuften und ihren Beschwerlichkeiten entgegengestemmt, um dann doch einem frühen Tod sich auszuliefern. So bleibt sein bildnerisches Werk wie sein schmaleres literarisch-philosophisches ein Solitär. In der Eigenwilligkeit seiner Großstadtwahrnehmung und -darstellung scheint der Grund zu liegen, daß die Heldtsche Kunst kaum beerbt wird.363 360 Walter Benjamin, [Der Flaneur], S. 525. 361 Ebd. 362 Walter Benjamin, [Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, anthropologischer Nihilismus,, Jung], in: W.B., DAs Passagen-Werk, S. 508. 363 Künstler wie Helmut Symmangk, Michael Hegewald oder Ernst Schroeder (vgl. dazu: Das Bild der Stadt Berlin von 1945 bis zur Gegenwart, hrsg. vom Märkischen Museum Berlin, Berlin/ DDR 1987 [Ausstellung Mai - August 1987]), die in der Tradition des Berliner Realismus ste- 145 VIII. Schluß Arno Mohr, nur vier Jahre später geboren als Heldt und seit 1911 in Berlin ansässig, ist einer der sehr wenigen Nachfolger und der er folgreiche Gegenpart zu Heldt: So ähnlich der Ausbil dungsgang im Studium, so ähnlich das Schicksal als Sol dat. Doch Mohr wird 1946 auf eine Professur an die neu ge gründete Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst nach Berlin-Weißensee berufen. Diese Karriere ver deckt die Seelenverwandtschaft zwischen dem zu Lebzei ten Anerkannten und dem erst postum Geehrten nicht. Gudrun Schmidt hat anläßlich der im Jahr 1990 veranstalteten Ausstellung in der Ostberliner Akademie der Künste einen Grundzug des Mohrschen Schaffens festgehalten: Sämtliche Zeichnungen entstanden aus der Erinnerung, ohne Skizzen von der lokalen Situation. Solche Arbeits weise ist nur möglich, wenn sich über Jahrzehnte durch genaues Sehen und Beobachten, dazu tägliches künstleri sches Arbeiten, Proportionen und Farbklänge geradezu in die Netzhaut eingegraben haben, bis ihre zeichnerischer Wiedergabe jederzeit verfügbar wird und außerdem mit ihrer präzisen äußeren Rekonstruktion gleichzeitig et was über ihr Gerüst, ihr Wesen, ihr Leben im Blatt mit erscheint.364 Die Eindringlichkeit der Kohle- bzw. Kreidezeichnungen resultiert allein aus dem, durch die unmittelbare Anschauung gesicherten Strich, mit dem Mohr das in seiner Vorstellung konservierte Berlin wieder und wieder bannt. Mohrs Stadtlandschaften beschreiben – wie bei Heldt – die signifikanten Orte der Metropole, die leeren Straßen und Plätze, die Häuserfassaden mit den Kuppeln der Dome und das Wasser der Spree, wobei schon auf den ersten, ver gleichenden Blick auffällt, daß nicht so sehr Maltech nik oder Bildaufbau Parallelen aufweisen, sondern gewisse Ähn lichkeit bei der künstlerischen Durchführung besteht. Was allerdings fehlt, ist die Anstrengung, das Anekdotische zurückzudrängen und einer neuen Formensprachen sich zu öffnen. Stilistische und auch farbliche Anverwandlunhen, könnten hier wegen der Bildmotive genannt werden; allein was ihren Bildern ermangelt, ist die spezifisch Heldtsche Großstadtmelancholie. 364 Gudrun Schmidt, in: Arno Mohr. Zeichnungen, Akademie der Künste der DDR, 27. Juni bis 3. August 1990, S. 5 (Hervorheb. von der Verf.). 146 Haarmann, „Wie man träumt, so soll man malen…“ gen hin zum magischen Realismus Heldtscher Prägung fehlen ganz. Die Mohrsche Palette ist denn auch insgesamt freundlicher, in der Handschrift eher an Lovis Corinth erin nernd, denn auf Heldt direkt Bezug nehmend. Doch gerade die „ein wenig spröde anmutenden Kohlezeichnungen sind mit der gleichen Melancholie getränkt, die Werner Heldts Berliner Veduten kennzeichnen“.365 Heldt ist Außenseiter, seine Kunst ein Sonderfall. Heldts Traum-Bilder und Texte atmen Einsamkeit, Trauer und Heimatlosig keit. Offensichtlich ist es eben diese Stimmung, die sein Werk über die Zeit rettet und zu ständig neuer Betrachtung herausfordert. 365 Camilla Blechen, Berlin verbunden. Arno Mohr wird achtzig, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juli 1990.

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Zusammenfassung

Doppelbegabungen als Maler und als Literat finden sich mit der Moderne bei einer Reihe von Künstlern, die an ihrem Sujet aus unterschiedlicher Perspektive arbeiten. Für Werner Heldt (1904 – 1954) steht Berlin im Zentrum seines Schaffens. Wo immer er sich aufhält, immer erinnert er seine Heimat. Mit „Berlin am Meer“ ist jene Metapher benannt, die ein ums andere Mal Berlin umkreist und mit der Heldt sein bildnerisches wie literarisches Traumbild findet.