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3 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie in:

Ramona Kahl

Manga, page 83 - 108

Wirkungsvolle Bildergeschichten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3893-2, ISBN online: 978-3-8288-6650-8, https://doi.org/10.5771/9783828866508-83

Series: Kulturanalysen, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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83 3 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie Im Folgenden ist die methodische Operationalisierung des Erkenntnisinteresses verdeutlicht. Diesbezüglich ist zunächst das zugrundeliegende tiefenhermeneutische Forschungsdesign für die kombinierte Inhalts- und Rezeptionsanalyse, die Konversionsanalyse, dargelegt. Daraufhin ist das Interpretationsverfahren der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse erläutert. Da die tiefenhermeneutische Methode sowohl den Materialanalysen wie den Rezeptionsanalysen zugrunde liegt, bildet die strukturierte Erläuterung ihrer methodischen Schritte in Bezug auf ihre Umsetzung in dieser Studie den Schwerpunkt des Kapitels. Daran angeknüpft sind Ausführungen zum Forschungsprozess sowie zur Materialauswahl und dem Materialzuschnitt der Untersuchung, die mit einer Übersicht der Darstellungsweise der gewonnenen Erkenntnisse abgerundet sind. 3.1 Konversionsanalytisches Forschungsdesign Als grundlegendes empirisches Design der vorliegenden Untersuchung dient die von Ulrike Prokop entwickelte Konversionsanalyse.247 Dabei handelt es sich um ein psychoanalytisch fundiertes, sozialisationstheoretisch verortetes Verfahren, dass in der Tradition der kritisch-hermeneutischen Medienwirkungsforschung248 und der Ethnopsychoanalyse steht. Im Speziellen knüpft das Verfahren an die von Alfred Lorenzer etablierte tiefenhermeneutische Kulturanalyse an, die Prokop zu einem qualitativen Forschungsansatz weiterentwickelt hat. Aufgrund dessen handelt es sich bei der Konversionsanalyse um »ein tiefenhermeneutisches Verfahren«249 der qualitativen Sozialforschung. Namensgeber der Analysemethode ist der psychoanalytische Terminus »Konversion«, der auf Sigmund Freud zurückgeht. Freud beschreibt damit Prozesse, bei denen überfordernd-unaushaltbare psy- 247 Vgl. Prokop u. a. 2000; Prokop 2006, S. 13ff.; Prokop, U.: Vorwort. In: Dies. (Hg.): Erziehung als Unterhaltung. Marburg 2008, S. 7–32; Stach 2006, S. 44ff.; Bereswill, M./ Morgenroth, C.: The depth-hermeneutic approach in cultural and media analysis. In: Psychoanalysis, Culture and Society. 15 (2010) 3, S. 302–314. 248 Vgl. Stach 2006, S. 45ff. 249 Prokop 2006, S. 17. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten84 chische Erlebnisse verdrängt werden und sich stattdessen auf der somatischen Ebene ausdrücken. Dabei kann es sich um die Verdrängung unterschiedlichster Affektlagen wie etwa Schuld, Scham, sexuelle Triebwünsche, Aggression oder Angst auf einzelne Organe oder das Muskel- und Nervensystem handeln. Im Verständnis der Konversionsanalyse als Forschungsmethode erfährt das Freud’sche Konzept eine Entpathologisierung und Erweiterung. In der Forschungsperspektive meint Konversion die Äußerung von Affektlagen in leiblichem Ausdruck und Körperinszenierungen (Mimik, Gestik, Tonfall, Körperhaltung) sowie die affektive Dynamik und Themensetzung mit ihrem Verweischarakter auf dahinterliegende verdrängte Erlebnisdimensionen und Konfliktlagen sowohl in der Inszenierung medialer Angebote als auch in der Dynamik ihrer Aneignungsweisen durch Rezipienten. Gemeinsam ist beiden Ansätzen, dem therapeutischen wie dem sozialwissenschaftlichen, dass sie im leiblichen Agieren Hinweise auf zugrundeliegende affektive Reaktionslagen sehen und diese als Hinweise auf verdrängte Affekte mit dazugehörigen Erlebnissen bzw. Lebensszenen zu verstehen suchen. Prokop erläutert den Zusammenhang wie folgt: »Freud hat die Körperinszenierung (das psychosomatische Symp tom) als Darstellung einer verdrängten Szene entschlüsselt. Die Darstellung des Konflikts im Symptom ist dem Betroffenen wie der Mitwelt unverständlich, da der Schlüssel des Verstehens fehlt: die Verbindung der aktuellen Symptomszene zu der »Ur-Szene« verläuft über assoziative Verknüpfungen. Außerdem werden im Symptom der verbotene Wunsch und das Verbot gleichzeitig dargestellt. Analog können kulturelle öffentliche Inszenierungen als Unkenntlich-Machen von Konflikten gedeutet werden, wobei ebenfalls Wunsch und Verbot in unverständlicher Form zum Ausdruck gebracht werden.«250 Theoretisch basiert das konversionsanalytische Verfahren demnach auf psychoanalytischen Annahmen kultureller Konflikte zwischen gesellschaftlichen Werten, Normen, konsensfähigen Strebungen sowie unerlaubten sinnlichen Bedürfnissen und Wünschen. Während die 250 Prokop 2006, S. 17. 853 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie Psychoanalyse diesen Konflikten in ihrem Niederschlag im individuellen Bewusstsein und den Lebenslagen des/der Patient_in nachgeht, untersucht die Konversionsanalyse sie im Wirkungsangebot von Medien sowie dem Prozess ihrer Aneignung. In ihrer Betrachtung medialer Angebot als Symbolisierungen kultureller Konflikte greift das Verfahren insbesondere den symboltheoretischen Sozialisationsansatz von Lorenzer auf, dass kulturelle Objektivationen Lebensentwürfe präsentieren und verhandeln und dabei sowohl gesellschaftlich erlaubte wie unerlaubte Entwürfe thematisieren. Die Konversionsanalyse ist im Kontext der Analyse audiovisueller Medienangebote und ihrer Publikumswirkung entwickelt worden und kombiniert unter Einbeziehung unbewusster Inhalte die Inhalts- und Wirkungsanalyse eines Medienformats mit einer qualitativen Rezeptionsstudie ihrer Zielgruppen. Die Analyse des Medienangebots erfolgt mit der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse von Lorenzer.251 Die Gruppenanalysen von Leithäuser und Volmerg liefern das Modell für die Erhebung der Rezeptionsweisen in den Jugendgruppen,252 deren Auswertung ebenfalls mit der tiefenhermeneutischen Methode vorgenommen worden ist. Entsprechend ist die Befragung in Form offener Gruppendiskussionen konzipiert und durchgeführt worden. Sie ermöglichen es, gruppenspezifischen Themensetzungen und Aushandlungsprozessen, internen affektiven Dynamiken sowie mimisch-gestischen Reaktionsweisen Raum zu geben und als Ausdruck der medialen Wirkung auf das Material zu beziehen. Damit können die Aussagen wie (Selbst-)Inszenierungen von Jugendlichen zum medialen Angebot eingeschätzt und für die Frage nach der Art ihrer Verarbeitung fruchtbar gemacht werden. Mit der Verschränkung von tiefenhermeneutischer Wirkungsanalyse des Medienangebots und tiefenhermeneutischer Rezeptionsanalyse von Publikumsgruppen ist es in der Konversionsanalyse möglich, die bewussten und unbewussten Inhalte medialer Inszenierungen mit der Rezeption in Beziehung zu setzen. Prokop fasst die Zielsetzung folgendermaßen zusammen: 251 Vgl. Lorenzer 1988a, S. 11ff. 252 Leithäuser, Thomas u. a.: Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewusstseins. Frankfurt 1977. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten86 »Das Ergebnis der tiefenhermeneutischen Inhaltsanalyse und der Auswertung der Publikumsdiskussionen ist die Beschreibung von thematischen Kreisen im Angebot und die Herausarbeitung von Strategien der Affektmodulierung, die im Angebot präsentiert werden, so wie die Darstellung des Umgangs mit dem Angebot und der Verarbeitung des Angebots bei den RezipientInnen.«253 In der vorliegenden Studie ist im Schwerpunkt die tiefenhermeneutische Inhalts- und Wirkungsanalyse exemplarischer japanischer Jugendcomics zur Anwendung gekommen. Ergänzend ist die Rezeption des Materials bei Jugendlichen zu Beginn der Pubertät untersucht worden. 3.2 Zur Methode der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse Um die bewusste wie unbewusste Wirkung des Untersuchungsgegenstands der Manga auf Erleben, Phantasien und Verhaltensimpulse in der Lektüre zu analysieren und die damit verbundenen Konfliktkonstellationen von kulturellen Normierungen und sinnlichen Bestrebungen sowie deren Thematisierungspotential in den Blick zu nehmen, bietet sich das im vorhergehenden Abschnitt vorgestellte, psychoanalytisch fundierte, qualitative Verfahren der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse an. Bei der tiefenhermeneutischen Kulturanalyse handelt es sich um einen von Lorenzer entwickelten Interpretationsansatz, der über die Analyse der durch das Material ausgelösten Reaktionen auf dessen bewusste und unbewusste Mitteilungsgehalte schließt. »Letztlich wird nicht der Text gedeutet, sondern die gesamte Wirkung, die er in uns auslöst. In diesem Sinne ist Tiefenhermeneutik eine Wirkungsanalyse.«254 Die zentrale Erkenntnisfrage der Methode lautet: »Was macht der Text offenkundiger und verschwiegenermaßen mit dem Leser?«255 Insofern fokussiert das Verfahren das Verhältnis, das Zusammenspiel zwischen Manga und Leser_in und gewinnt darüber Einsichten 253 Prokop 2006, S. 25. 254 Busch, Hans-Joachim: Die Anwendung der psychoanalytischen Methode in der Sozialforschung. In: Psychoanalytische Sozialforschung 5 (2001), S. 35. 255 Vgl. Lorenzer, Alfred: Verführung zur Selbstpreisgabe. In: Alfred Lorenzer. Szenisches Verstehen. Hg. v. U. Prokop und B. Görlich. Marburg 2006, S. 175. 873 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie über die Wirkung des Medienangebots. Hierzu modifiziert der Interpretationsansatz die Freud’sche Deutungsmethodik, die Lorenzer Szenisches Verstehen nennt und wendet sie auf das Medienangebot an. Dieser Methodentransfer umfasst eine Übersetzung des Verhältnisses von Therapeut_in und Analysand_in auf die verstehende Auseinandersetzung des Rezipienten/der Rezipientin mit einem kulturellen Symbolträger.256 Kurz gesagt nutzt das Verfahren die Übertragung und Gegenübertragung auf den Manga, um dessen unbewusste, aus der Sprache ausgeschlossene Mitteilungsebene, die lediglich im szenischen Charakter sprich den sinnlich-symbolischen Lebensentwürfen Gestalt annimmt, in Sprache zu bringen. Über die Analyse des gesellschaftlich benennbaren, manifesten mit den unterdrückten, latenten Bedeutungen entfaltet sich die Deutung der Wirkung des Mangaangebots. Mit der tiefenhermeneutischen Analyse von Manga ergänzt um eine Rezeptionsstudie lässt sich dem formulierten (erziehungs-)wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse dieser Arbeit nachgehen: Es geht darum, Lebensentwürfe und soziale Konfliktfelder im Manga in ihren sozialisatorischen Qualitäten als regressiv-reaktionäre oder progressiv-emanzipatorische Vorlagen und Thematisierungsangebote für Heranwachsende zu analysieren. Als psychoanalytisches Verfahren verfolgt die Methode darüber hinaus das Anliegen, unterdrückte Lebensentwürfe und unbewusste Wünsche zu versprachlichen, um sie dem Bewusstsein, dem gesellschaftlichen Diskurs (wieder) zugänglich zu machen, damit sie reflektierbar, verhandelbar und im Idealfall integriert werden können. Die vorliegende Analyse stellt folglich auch eine Form der sprachlichen Symbolisierung unbewusster Gehalte von Manga dar, die zur Auseinandersetzung anregen möchte. 3.2.1 Die tiefenhermeneutischen Interpretationsschritte im Überblick Anhand einer Gedichtanalyse hat Lorenzer »die wichtigsten methodischen Schritte«257 seines tiefenhermeneutischen Interpretationsverfahrens benannt: »Die Entdeckung der Irritationen«, »die Organisierung der Ähnlichkeiten« sowie den »Vergleich von manifestem und 256 Vgl. Lorenzer 2006, S. 180ff. 257 Ebd., S. 184. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten88 latentem Sinn«.258 Die weiteren, von Lorenzer zwar vorgenommenen doch nicht alle dezidiert benannten Teilschritte des Verfahrens sind in nachfolgenden Arbeiten zur tiefenhermeneutischen Methode expliziert worden. Dazu zählen vor allem die Analyse des manifesten Sinns, der Einsatz einer Interpretationsgruppe sowie die theoretische Kontextualisierung des Interpretationsergebnisses.259 Auf dieser erweiterten Methodenbeschreibung basiert die nachfolgende Darstellung der vier zentralen methodischen Schritte der Tiefenhermeneutik:260 Abb. 3: Methodische Schritte der Tiefenhermeneutik (Eigene Darstellung). Im Weiteren sind diese vier methodischen Schritte der Interpretation in ihrer hier vorliegenden Anwendung auf Manga sowie die Gruppendiskussionen mit Jugendlichen erläutert.261 258 Lorenzer 2006, 184ff. 259 Vgl. König, H.-D.: Tiefenhermeneutik. In: Flick, U. u. a.: Qualitative Forschung. Hamburg 2005, S. 556ff.; Stach 2006, S. 75ff.; Klein, R.: Tiefenhermeneutische Zugänge. In: Glaser, E. u. a.: Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn 2004, S. 632ff. 260 Die Betitelung von Schritt eins greift eine Formulierung von Stach auf (vgl. Stach 2006, S. 78), die von Schritt zwei und vier eine von Klein (vgl. Klein, R.: Tiefenhermeneutische Analyse, URL: www.fallarchiv.uni-kassel.de/lernumgebung/tiefenhermeneu tik/l. A.: 12.12.16) und die von Schritt drei die Benennung von Lorenzer (vgl. Lorenzer 2006, S. 190). 261 Obschon es in der Interpretationspraxis zu keiner dezidierten Trennung der ersten beiden Schritte kommt, sind sie der formalen methodischen Logik entsprechend sowohl für die Erläuterung des Vorgehens als auch in der Interpretationsdarstellung gesondert behandelt. 893 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie 3.2.2 Formal-logische Inhaltsanalyse des manifesten Sinns Zunächst geht es darum, den Aussagegehalt der Symbolisierung – des Manga(-bildes oder -narrativs) oder der Gruppendiskussion – festzuhalten. Der Fokus ist auf die offenkundige, intendierte Botschaft, die vermittelt werden soll, gerichtet, wobei »klar (ist), daß [sic!] die Beschreibungen immer schon Teil einer Deutung sind.«262 Doch bei dieser Deutungsebene spielen Irritationen oder plurale Assoziationen noch keine Rolle. Vielmehr steht ein logisches Verstehen im Vordergrund, mit dem nach Klein die Sachinformationen rational erfasst werden sollen.263 Die zentrale Frage dieser Analyseebene ist: Was wird vermittelt? Bezogen auf die Mangaanalysen geht es darum, was im Einzelbild wie der Bild-Text-Folge zu sehen und zu lesen ist bzw. in der Erzählung behandelt wird; bei den Gruppendiskussionen interessiert, worüber die Forschungssubjekte sprechen. Ergänzt wird dieser logische Zugang von einem psychologischen Verstehen, bei dem das »Wie« der Kommunikation bzw. Informationsvermittlung relevant ist. Im Medienformat des Manga sind dabei etwa die Darstellungsperspektive oder die graphische Erzählweise des Bild-Text-Gefüges von Bedeutung. Bei den sozialwissenschaftlichen Daten der Gruppendiskussion geht es um die Art und Weise der Mitteilungen, ein »Nacherleben des metakommunikativen Inhalts, der sich gestisch, mimisch und in der Intonation artikuliert.«264 3.2.3 Szenisches Verstehen zur Entdeckung des latenten Sinns Das szenische Verstehen zielt darauf, jenseits der intendierten, bewusstseinsfähigen und das heißt soziokulturell artikulierbaren Sinnebene den latenten Sinn der ausgeschlossenen, nicht wertkonformen Strebungen, Bedürfnislagen, sinnlichen Wünsche und Lebensentwürfe im Material aufzufinden. Zu diesem Zweck ist es erforderlich, sich in der Lektüre und Betrachtung auf das entstehende Zusammenspiel mit dem Material einzulassen und die eigene Rolle darin zu deuten. Vergleichbar einem/einer Psychoanalytiker_in, der/die das Interak- 262 Stach 2006, S. 78. 263 Vgl. Klein, R.: Tiefenhermeneutische Analyse (URL: www.fallarchiv.uni-kassel.de/ lernumgebung/tiefenhermeneutik/l. A.: 12.12.16). 264 Vgl. ebd. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten90 tionsangebot und die ihm/ihr darin zugewiesene Rolle zu verstehen sucht, um den unbewussten Konflikt des Patienten/der Patientin zu entschlüsseln, geht es im szenischen Verstehen der kulturellen Symbolbildungen der Manga und Gruppendiskussionen um die Deutung der Übertragung und Gegenübertragung auf das Material, um dessen verborgenen Sinn zu erkennen. »Szenisches Verstehen heißt […] die […] subjektive Verwobenheit mit dem Text zulassen, wahrnehmen, rational, emotional und affektiv reflektieren.«265 Die leitende Interpretationsfrage der vorliegenden Interpretationen ist deshalb: Was macht das Mangamaterial/die Gruppendiskussion offenkundiger und verschwiegenermaßen mit dem/der Lesenden bzw. Betrachtenden? Als Hilfsmittel hat Lorenzer die psychoanalytischen Verfahrenstechniken zur Erkenntnis des Unbewussten – die gleichschwebende Aufmerksamkeit und die freie Assoziation – auf die Interpretation von kulturellen Gegenständen übertragen.266 Bei der gleichschwebenden Aufmerksamkeit geht es darum, sich nichts Bestimmtes merken zu wollen, sondern aufzunehmen, was als bemerkenswert im Gedächtnis bleibt und damit »die Überraschung selbst zur Basis der Erkenntnis zu machen.«267 Gegenstück dieser absichtslosen Achtsamkeit ist die möglichst unzensierte Wahrnehmung aller auftretenden Assoziationen bzw. Eindrücke. Mittels der gleichschwebenden Aufmerksamkeit und freien Assoziation setzen sich Lesende und Betrachtende der Wirkung des Materials vorbehaltlos und schonungslos aus, wodurch sich vom intendierten Sinn abweichende, alternative Eindrücke einstellen, die Hinweise auf den latenten Sinn liefern. Bei diesen abweichenden Eindrücken oder mit Klein formuliert den Wegweisern zum latenten Sinn handelt es sich neben Assoziationen auch um Affekte, Wortbilder sowie insbesondere Irritationen. Mit diesem Zugang trägt die Wahl der tiefenhermeneutischen Auswertungsmethode bisherigen Befunden zur besonderen Wirkung von Manga Rechnung, allen voran ihrer beschriebenen Assoziationsfülle und emotionalen Involvierung.268 265 Klein 2004, S. 627. 266 Lorenzer 2006, S. 178ff. 267 Ebd., S. 180. 268 Vgl. Kapitel 2.3.3. 913 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie In der vorliegenden Interpretationsarbeit sind als Assoziationen alle Arten von Gedanken, Ideen, Phantasien, Erinnerungen, Fragen bis hin zu sinnlichen Eindrücken zum Material festgehalten worden. Als Affekte sind emotionale Reaktionen, Stimmungslagen, Körperempfindungen oder Handlungsimpulse auf einzelne Bestandteile oder das Material als Ganzes während und im Nachklang der Lektüre und Betrachtung in die Interpretation eingeflossen. Unter Wortbildern sind prägnante Ausdrücke, Beschreibungen, Redewendungen oder Metaphern erfasst, die im Material bedeutsam erscheinen. Damit komme ich zur letzten und bedeutsamsten Art von Eindrücken bzw. Reaktionen auf das Material: den Irritationen. Irritationen treten als Erwartungsbrüche in Erscheinung, die eine Diskrepanz zwischen den an das Material herangetragenen Erwartungshaltungen und Annahmen und den vom Material präsentierten Positionen darstellen. Solche Erwartungshaltungen nennt Lorenzer lebenspraktische Annahmen und verweist damit auf ein soziokulturell geteiltes Regel- und Wertesystem, eine kollektive Lebenspraxis, mit deren Hilfe das je spezifische Regel- und Praxissystem im kulturellen Angebot im inneren Abgleich zugänglich gemacht werden kann.269 In der Mangainterpretation haben sich Erwartungsbrüche beispielsweise bei perspektivischen Abbildungsregeln, Verhaltensweisen und Reaktionslagen der Protagonist_innen sowie Wendungen in der Narration gezeigt und sind in allen benannten Bereichen, den Assoziationen, Affekten und Wortbildern entstanden. Bei den Rezeptionsanalysen sind Redewendungen, Phantasien, Reaktionsweisen bis hin zu Themensetzungen der Jugendlichen bedeutsam geworden. Darüber hinaus sind Erwartungsbrüche zuweilen in den unterschiedlichen Verstehenszugängen aufgetreten wie es auch Klein beschreibt: Irritationen zeigen sich »beim logischen Verstehen als Widersprüche, Ungereimtheiten oder Lücken; beim psychologischen Verstehen als komische, verwirrende oder unangebrachte Gefühle und Handlungsimpulse; beim szenischen Verstehen als Eindruck in eine merkwürdige Insze- 269 Lorenzer 1988a, S. 26ff., 62ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten92 nierung oder ein seltsames Drama verstrickt zu sein, aus dem man sich nicht so einfach verabschieden kann«.270 Für die Entdeckung des latenten Sinns lässt sich die Relevanz dieser vielfältigen Irritationen kaum überschätzen, machen sie doch auf Unstimmigkeiten, Leerstellen und Brüche im Material aufmerksam, über deren sinnhafte Verknüpfung das unbewusste Geschehen in Erscheinung tritt. Lorenzer spricht diesbezüglich von der »Organisierung der Ähnlichkeiten«271 und meint damit die Strukturierung der Irritationen nach gemeinsamen Themenfeldern und zentralen Szenen. Nach Lorenzer »[liegt] der entscheidende Schritt in der Entdeckung einer verborgenen Sinnstruktur […] im Aufweis mehrfacher Übereinstimmungen, die sich am Text beweisen müssen. Es sind die »Knotenpunkte« eines Bedeutungsnetzes nachzuweisen, um glaubhaft zu machen, dass die subjektiven Eindrücke keine subjektivistischen Unterstellungen sind.«272 In der Mangainterpretation ist dieses Bedeutungsnetz etwa im Auffinden einer thematisch analogen Irritationslage auf der Bild- und der Textebene an verschiedenen Punkten der Narration in Erscheinung getreten; bei den Gruppendiskussionen über verschiedene Textstellen und die darin repräsentierte Gruppendynamik. Um die Ebene subjektiver Einzeleindrücke zu überschreiten und stattdessen eine intersubjektive Perspektive auf das Material zu gewinnen, arbeitet das Verfahren mit Interpretationsgruppen. In der vorliegenden Studie sind die tiefenhermeneutischen Inhalts- und Wirkungsanalysen der ausgewählten Manga sowie der Gruppendiskussionen mit Jugendlichen mit Hilfe von drei tiefenhermeneutischen Interpretationsgruppen durchgeführt worden: der Marburger Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik, der Marburger Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik und Kulturanalyse sowie dem Frankfurter Arbeitskreis Tiefenhermeneutik und Sozialisationstheorie. Die Erkenntnisse aus diesen Diskussionsgruppen sind durch die Ergebnisse von Materialbesprechungen in interdisziplinären universitären Promovendenkolloquien ergänzt worden.273 270 Klein, R.: Tiefenhermeneutische Analyse (URL: www.fallarchiv.uni-kassel.de/lern umgebung/tiefenhermeneutik/l. A.: 12.12.16). 271 Lorenzer 2006, S. 186. 272 Ebd., S. 188. 273 Dabei hat es sich um die Arbeitsgruppe »Gender Studies« des Marburger Graduiertenkollegs für Geistes- und Sozialwissenschaften sowie das Gießener Graduiertenkolleg 933 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie Vorteil der Forschungsgruppen ist, dass sie verschiedene, im Gegenstand angelegte Nutzungsmöglichkeiten (über unterschiedliche Reaktionslagen der Mitglieder_innen) zugleich abbilden und am Material diskutieren, wodurch diese geprüft werden und sich eine kollektive Sichtweise der Gruppe etablieren kann.274 So wie das individuelle Zusammenspiel mit dem Material als Szene aufgefasst ist, in der Übertragung und Gegenübertragung wichtige Hinweise auf den verborgenen Sinn liefern, entspinnt sich auch in der Gruppeninteraktion zum Material eine (Gegen-)Übertragungsreaktion, diesmal jedoch nicht nur individuell sondern auch kollektiv.275 Durch die Interpretation in verschiedenen, methodisch versierten wie ungeübten, interdisziplinären wie erziehungswissenschaftlichen Gruppenkontexten ist der Möglichkeit einer gruppenspezifisch verzerrten (Gegen-)Übertragung produktiv begegnet worden. Sowohl die Sammlung der unterschiedlichen Eindrücke, Sichtweisen und Deutungspositionen zum Material als auch die Szenen, die sich in den Gruppensituationen in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand gezeigt haben, liefert Hinweise für die unterschiedlichen Kulturwissenschaften, Sektion »Phantastische Welten« gehandelt. 274 »Anhand der unterschiedlichen Assoziationen entspinnt sich eine Diskussion über die ‚richtige Lesart‘. Im Zuge dieser Diskussion geht es nicht darum, auf theoretischer Ebene eine Sichtweise als richtig und die anderen als falsch herauszustellen. Vielmehr geht die tiefenhermeneutische Methode davon aus, dass jede Lesart ihre Berechtigung hat, da alle vom Untersuchungsgegenstand ausgelöst werden. Die Kontroverse zwischen unterschiedlichen Sichtweisen, der Konflikt, der zwischen den Gruppenteilnehmern szenische Gestalt annimmt, lässt ‚Rückschlüsse auf die szenische Struktur des […] Sinngefüges‘(König 2001, S. 181) im Text zu. Denn der Gruppenkonflikt wird von der manifest-latenten Struktur des Interviews ausgelöst, so dass er ein Mittel zum Verstehen des Doppelsinns im Gegenstand darstellt. Die Auseinandersetzungen werden somit im Rückbezug auf den Gegenstand gedeutet«. (Kahl, R.: Fantasy-Rollenspiele als szenische Darstellung von Lebensentwürfen. Marburg 2007, S. 75) 275 Aufgrund des szenischen Zusammenspiels von Material und Gruppe können sowohl die Befunde der Forschungsgruppe als Hilfsmittel im Interpretationsprozess eingesetzt werden als auch die Rezeptionsweisen von Ziel- und Publikumsgruppen als Ausdruck einer Reaktion auf das Materialangebot gedeutet werden. Methodisch fundiert ist dieser Ansatz durch den Einsatz der gleichen Interpretationsverfahrensschritte: Sowohl die Forschungsgruppe als auch empirisch untersuchte Rezipient_innengruppen sammeln ihre Assoziationen, Eindrücke und Wahrnehmungen zum Material und diskutieren darüber (vgl. Stach 2006, S. 77ff.). Ihre Gruppeninteraktionen liefern dem Untersuchenden zudem im Sinne der Konversion Hinweise auf latente Themen der Diskussionen. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten94 Textstrebungen und zentralen Irritationen des Materials.276 Diese vielfältigen Hinweise und Deutungsentwürfe sind mittels der eigenen wiederholten Analysearbeit am Material strukturiert und verdichtet worden, das sich »aus seiner festen Struktur heraus gegen unzulässige Deutungen sperrt.«277 Mittels der Ordnung der unterschiedlichen Wahrnehmungsfelder nach Analogien und auch Differenzen haben sich widerstreitende Textstrebungen heraus kristallisiert, die unterhalb manifester Sinnebenen latente Sinnstrukturen erkennen lassen. Die geforderte Haltung, sich »unbefangen und voraussetzungslos«278 dem Material auszusetzen, ist sowohl durch die Arbeit mit Forschungsgruppen wie auch der wiederholten assoziativen Beschäftigung mit dem Manga- und Datenmaterial und deren Protokollierung umgesetzt worden. Als zentrales Hilfsmittel im Arbeits- wie Deutungsprozess hat sich dabei ein Forschungstagebuch erwiesen. 3.2.4 Vergleich von manifestem und latentem Sinn Im Anschluss an die Interpretation latenter Bedeutungszusammenhänge im Material gilt es diese Befunde mit der manifesten Sinnebene in Beziehung zu setzen, um zu einer Einschätzung ihres sozialisatorischen Angebots zu gelangen. »Jede Bedeutungsschicht hat, von der oberflächlich-selbstverständlichen an ihre Funktion als Vermittlerin von Verhaltensanweisungen […]. […] Der manifeste Sinn darf dabei umso weniger übergangen werden als darin die vom Autor intendierten, und das heißt sozial anerkannten Verhaltensmuster zum Vorschein kommen.«279 Diese in der Gesellschaft oder zumindest einer Teilgruppen erlaubten Verhaltensweisen sind mit den latenten, ausgeschlossenen ins Verhältnis zu setzen, denn die potentielle Widersprüchlichkeit der beiden Sinnebenen führt keineswegs zu »einer wechselseitigen Paralysierung der Botschaften und ihrer Folgen […], weil den beiden ‚Vermittlungsebenen‘ ein unterschiedliches Gewicht 276 Vgl. König 2005, S. 557. 277 Stach 2006, S. 74. 278 Freud, S.: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. In: Sigmund Freud. Gesammelte Werke. Bd. VIII. Frankfurt 1990, S. 380. 279 Lorenzer 2006, S. 190. 953 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie zukommt. Die Einwirkung über den latenten Textsinn ist ungleich folgenschwerer, weil […] [sie, R. K.] die basale Schicht der Persönlichkeit unmittelbar erreicht.«280 Zudem unterläuft sie das Bewusstsein und dessen Einspruchs- wie Zensurfähigkeiten. Das bedeutet, dass die latente Bedeutungsebene des medialen Angebots ohne Wissen und Entscheidungsmöglichkeit des Rezipierenden eine Wirkung entfaltet, wenn er/sie sich auf das manifeste Angebot einlässt. Latent »können sowohl noch-nicht-zugelassene lebenspraktische Entwürfe sein, […] als auch obsolete Verhaltensformen, […] die sich nur kaschiert, versteckt unter einer gleichsam harmlosen manifesten Sinnfassade, darbieten lassen, aber ‚reaktionär‘ ihre Geltung behaupten.«281 Um die Qualität des latenten Sinns, seine soziokulturellen Implikationen einschätzen zu können, ist es insofern notwendig, ihn im Zusammenspiel mit der erlaubten Bedeutungsschicht zu betrachten. Denn was manifest in Manga offeriert wie verhandelt wird, eröffnet einen thematisch-affektiven Raum, mit dem die unterschwelligen Botschaften in Beziehung stehen und in dem sie sich unbewusst und nachdrücklich Geltung verschaffen können. Was das jeweilige manifest-latente Zusammenspiel für die Einschätzung des sozialisatorischen Angebots für Jugendliche als Zielgruppe bedeutet, kann über diese Verhältnisbestimmung, die Gesamtwirkung der verschiedenen Bedeutungsebenen betrachtet werden. Bei den Gruppendiskussionen vermittelt die latente Ebene ausgeschlossene, unterdrückte Aspekte der besprochenen Thematiken, die in der Gesprächssituation zwar tabuiert jedoch bedeutsam für die Sichtweise der Beteiligten sind. 3.2.5 Theoretische Kontextualisierung Abschließender methodischer Schritt einer tiefenhermeneutischen Interpretation ist demnach, ihr szenisches Angebot, die potentielle Konfliktinszenierung zwischen sinnlich-affektiven Wünschen und kollektiven Normen und Werten theoretisch zu kontextualisieren. »Der Prozess des szenischen Interpretierens stellt das erste Feld eines hermeneutischen Verstehensprozesses dar, auf dem man sich der Umgangs- 280 Lorenzer 2006, S. 197. 281 Ebd., S. 191. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten96 sprache bedient. […] Das zweite Feld des hermeneutischen Verstehensprozesses wird durch das theoretische Begreifen der Fallrekonstruktion konstituiert.«282 Nach der (alltagssprachlichen) Beschreibung des manifesten und latenten Sinns und ihrer Verhältnisbestimmung kommen – bedingt durch das Erkenntnisinteresse der Untersuchung – wissenschaftliche Theorien und Konzepte zum Einsatz, um die manifesten wie latenten lebenspraktischen Entwürfe und Verhaltensanweisungen zu generalisieren und einem erweiterten Verständnis zugänglich zu machen. Zielsetzung ist, »aufgrund von Erkenntnissen sozialwissenschaftlicher und psychoanalytischer Theoriebildung […] das Neue, das durch die szenische Fallrekonstruktion entdeckt wurde, zu typisieren und auf den Begriff zu bringen.«283 Klein benennt dieses Vorgehen im Rekurs auf Lorenzers Sprach- und Symboltheorie als Resymbolisierung284 und bezeichnet damit die bewusste sprachliche Erfassung des zuvor unbenennbaren latenten Bedeutungsgehalts, der über seine treffende Bezeichnung (erstmals oder wieder) verhandelt werden kann.285 Abschließend lässt sich für das tiefenhermeneutische Interpretationsergebnis folgendes festhalten: »Die Deutung sollte nicht unbedingt Zustimmung finden, aber geeignet sein, von den Beteiligten aufgegriffen und kritisch weiterentwickelt zu werden.«286 In dieser Arbeit sind die Befunde der Mangainterpretationen mit sozio- bzw. psychodynamischen Beziehungs- und Interaktionskonstellationen der frühen Kindheit und der Jugendphase, die in der psychoanalytischen Theorie herausgearbeitet worden sind, kontextualisiert und benannt worden, da diese die Konfigurationen im Material 282 König 2005, S. 565. 283 Ebd. 284 Klein, R.: Tiefenhermeneutische Analyse (URL: www.fallarchiv.uni-kassel.de/lern umgebung/tiefenhermeneutik/l. A.: 12.12.16). 285 Im Fall latenter Gehalte, die bisher noch nicht in Sprache erfasst worden sind, handelt es sich um eine erstmalige, diskursive Symbolisierung. Bei aus der Sprache ausgeschlossenen, desymbolisierten Entwürfen handelt es sich um eine Resymbolisierung im engeren Sinne, die den Zerfall von Sprachsymbol und Interaktionsform wieder herstellt (vgl. Kapitel 2.4.4). 286 Prokop, U. u. a.: Die Talkshow Arabella. In: Lahme-Gronostaj, H./Leuzinger-Bohleber, M. (Hg.): Identität und Differenz. Wiesbaden 2000, S. 56. 973 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie erhellend theoretisieren.287 Bei den Befunden der Rezeptionsstudie haben sich vor allem Bezüge auf andere Medienrezeptionsstudien bei Jugendlichen sowie geschlechtertheoretische Befunde als anschlussfähig erwiesen. Die Zusammenschau der Ergebnisse hinsichtlich der Nutzungs- und Thematisierungsmöglichkeiten, des sozialisatorischen Angebots des Jugendmediums ist zudem mit Befunden der (kritischen) Comicforschung diskutiert worden, die den Blick auf den gesellschaftlichen Produktionskontext, in dem das mediale Angebot steht, erweitert. 3.3 Zum Forschungsprozess Im Vorfeld der Studie sind unterschiedliche Feldzugänge zur Konkretisierung der Fragestellung und des Untersuchungsdesigns gewählt worden, sowohl aufgrund der begrenzten vor allem empirischen Forschungsliteratur als auch zur eigenen Einschätzung von Manga und ihrer Fanszene in Deutschland. In einer explorativen Annäherung an das Medium Manga ist zunächst eine Auseinandersetzung mit der Angebotspalette auf dem deutschsprachigen Buchmarkt über die Lektüre von mehreren hundert Werken unterschiedlicher Genre sowie Expert_innengespräche mit Comic- und Mangabuchhändler_innen und internationalen Mangaforscher_innen erfolgt. Weiterführend ist angesichts des neuartigen Interpretationsgegenstands eine Analyse verschiedener Manga in tiefenhermeneutischen Forschungsgruppen, universitären Arbeitsgruppen sowie in Seminaren mit Studierenden der Erziehungswissenschaft durchgeführt worden.288 287 Methodisch betrachtet, wird die alltagssprachlich formulierte Szene der Mangainterpretation aufgrund von Analogien mit einer theoriebasierten, mit wissenschaftlichem Begriffsinstrumentarium konturierten Szene verbunden bzw. ausgelegt. 288 Bei den Manga handelt sich zum einen um die ersten Bände folgender Serien: Toriyama, A.: Dragon Ball. Bd. 1. Hamburg 1997; Yazawa, A.: Nana. Bd. 1. Köln 2005; Yuki, K.: Ludwig Revolution. Bd. 1. Hamburg 2006; Shinjo, M.: Kaikan Phrase. Bd. 1. Köln 2006; Urasawa, N.: Monster. Bd. 1. Berlin 2002 sowie der Einzelband der deutschen Nachwuchszeichnerin Cheng, Y. Z.: Shanghai Passion. Köln 2005. Zum anderen sind die ersten Kapitel und Titelbilder folgender Serien besprochen worden: Yabuki, K.: Black Cat. Bd. 1. Hamburg 2010, S. 3–51; Watsuki, N.: Kenshin. Bd. 1. Berlin 2001, S. 5–55; Tanemura, A.: Fullmoon wo sagashite. Köln 2004, S. 3–42. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten98 Parallel sind zur weiteren Feldsondierung Beobachtungen bei einschlägigen Manga-Conventions als auch in den Comic- und Mangabereichen auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig vorgenommen worden.289 In diesen Szenekontexten konnten zudem Gespräche mit Mangafans, Nachwuchszeichner_innen und Mangaverlagsgründer_innen zu ihren Einschätzungen der Mangaszene und den eigenen Interessen an den Comics sowie vier Probeinterviews geführt werden. Darüber hinaus sind verschiedene Ausstellungen zu Manga besucht sowie ein Theaterprojekt mit Jugendlichen zum Manga Die zwölf Jäger initiiert und beratend begleitet worden.290 Die durch diese unterschiedlichen Zugänge gewonnen Einblicke haben maßgeblich zur Fokussierung des Erkenntnisinteresses auf die Grundlage der Fankultur sprich die Mangawerke und ihre Wirkungsanalyse beigetragen.291 Außerdem sind die Einsichten der Feldexploration in die Materialauswahl der Studie eingeflossen und haben ergänzend zum Forschungsstand Kontext- und Expertenwissen erbracht, das als Hintergrund zur tiefenhermeneutischen Interpretation des Mangamaterials von hoher Relevanz gewesen ist. Eine Konsequenz dieser Feldexplorationen für die Wirkungsstudie ist die Bestärkung, sowohl 289 »AnimagiC« 28.07.-31.07.2006 in Bonn, »Internationaler Comic- Salon« vom 15.06.- 18.06.2006 in Erlangen, »Connichi – Anime- und Mangaconvention« 07.-09.09.2007 und 12.-14.09.2008 in Kassel, Leipziger Buchmesse 17.-19.03.2006 sowie Frankfurter Buchmesse am 05.10.2006, 12.10.2007 und 18.10.2008. 290 Bei den Ausstellungen handelt es sich um »Mangamania – Comic-Kultur in Japan 1800–2008« im Museum für angewandte Kunst Frankfurt (besucht 22. Mai 2008) sowie »Neo Tokyo3 – Architektur in Manga und Anime« im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (besucht 22. Mai 2008) sowie die Dauerausstellung im Manggha – Muzeum Sztuki i Techniki Japońskiej Manggha (dt. »Museum der Japanischen Kunst und Technik Manggha«) Krakau 2008. Das Theaterprojekt ist eine Inszenierung des Manga Die 12 Jäger aus Grimms Manga von Kei Ishiyama mit dem Theaterspielclub »gedankenRausch« des Jugendbildungswerk der Stadt Marburg unter der Leitung von S. Mahnel (Uraufführung 16. April 2008 im KFZ – Kommunikations- und Freizeitzentrum in Marburg). 291 Durch die Feldkontakte hat sich der Eindruck verstärkt, dass zentraler Initialfaktor der diversen, privaten bis professionalisierten Szenebeteiligungen (von Kostümierungen über eigene Mangapublikationen bis hin zu Verlagsgründungen) die Begeisterung und Anregung durch das Mangalesen ist. Insbesondere die Probeinterviews haben die Relevanz konkreter Angebotsimpulse verdeutlicht, indem die Befragten bei der Darstellung ihrer Lieblingsserien sowie ihres biographischen Einstiegs zur Mangalektüre persönliche Leseeindrücke von Protagonist_innen, Handlungsmomenten und Darstellungsweisen aus Manga als ausschlaggebend hervorgehoben haben. 993 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie schlichtere als auch komplexere Bild-Text-Erzählstile von Manga zu analysieren sowie die schwierig zu erfassende Wirkung der Bildebene gesondert in den Blick zu nehmen. Eine Erläuterung der diesbezüglich vorgenommenen Mangaauswahl und ihrer Materialsorten für die tiefenhermeneutische Analyse findet sich im Kontext der Materialdarstellung. Für die qualitative Erhebung der Rezeption hat die Feldsondierung vor allem über die narrativen Probeinterviews ergeben, dass die spezifische Wirkung der Mangalektüre im Einzelgespräch kaum analytisch zu erfassen ist. Dies hängt mit den breit gestreuten Präferenzen für unterschiedlichste, zum Teil wenig bekannte Werke und dem subjektiven Augenmerk auf graphische wie erzählerische Details als Anlässe der Vorlieben zusammen, die zu ihrem Verständnis und zur Wirkungsanalyse eine detaillierte Studie der benannten Werke bedingen würde, was aufgrund ihrer Vielzahl schwerlich möglich ist. Aufgrund dieser Befunde hat es sich konzeptionell als zielführend erwiesen, exemplarische Manga auszuwählen und von den Heranwachsenden rezipieren zu lassen, um ihre Leseeindrücke mit dem Materialangebot in Beziehung setzen zu können. Als Erhebungsverfahren ist die Gruppendiskussion gewählt worden, da sie die Erfassung von informellen Gruppenmeinungen (nach Mangold)292 und ihnen »zugrunde liegenden tieferen Bewusstseinsstrukturen«293 ermöglicht, was dem Erkenntnisinteresse, Bearbeitungs- und Thematisierungsmöglichkeiten anhand von Manga zu erheben, förderlich ist. Der weitere Forschungsverlauf hat bezüglich des Untersuchungsdesigns zur Schwerpunktsetzung auf die tiefenhermeneutische Inhalts- und Wirkungsanalyse ausgewählter Manga und der lediglich ergänzenden Rezeptionsanalyse in Jugendlichengruppen geführt. Denn bei allem ausgeprägten Interesse an informellem Austausch über die Mangalektüre und öffentlicher Darstellung des eigenen Fantums sowie der erstellten Werke, die sich in der Szene beobachten lässt, ist die Bereitschaft der Mangalesenden, an einer qualitativen wissenschaftli- 292 Vgl. Lamnek, S.: Gruppendiskussion. Weinheim 1998, S. 54ff. 293 Volmerg, U.: Kritik und Perspektiven des Gruppendiskussionsverfahrens in der Forschungspraxis. In: Leithäuser, T. u. a.: Entwurf zur Empirie des Alltagsbewußtseins. Frankfurt 1977, S. 187. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten100 chen Studie teilzunehmen, zu gering gewesen. Die Untersuchung mittels Gruppendiskussionen konnte trotz intensiver Bemühungen der Felderschließung über die benannten Messebesuche sowie lokale Aushänge und Online-Foren nicht umgesetzt werden, da keine geeignete Menge an Teilnehmenden für mehrere Gruppendiskussionen zusammengestellt werden konnte. Gründe hierfür sind vor allem die überregionale Verteilung der Fans, ihre eingeschränkten Zeitressourcen und eine in den Vorgesprächen spürbare Befangenheit, im Kontext einer Studie über die persönlichen Eindrücke bei der Mangalektüre zu sprechen.294 Aufgrund dessen wurde von einer Erhebung von Gruppendiskussionen in existierenden Fangruppen abgesehen.295 Stattdessen ist ein durchgeführtes Forschungsprojekt an Schulen zu Werbespots und Comics hinsichtlich der Fragestellung dieser Studie reanalysiert worden.296 Durch die Erhebung im Schulkontext ist es möglich gewesen, die Reaktionen und Sichtweisen von Heranwachsenden beiderlei Geschlechts zwischen 10–15 Jahren – dem Einstiegsalter der Mangaleserschaft297 – in ‚natürlichen‘, altershomogenen Jugendgruppen unterschiedlicher Bildungsniveaus zu ausgewähltem Mangamaterial zu analysieren. 294 ‚Natürliche‘ Fangruppen existieren eher in Internetforen und Online-Communities oder treffen sich auf überregionalen Conventions, was beides zur Durchführung einer offenen Gesprächsrunde am besten mit gemeinsamer Mangalektüre ungeeignet ist. Auf Anime- und Manga-Conventions sind Terminfindung und Zeitumfang eines solchen Treffens aufgrund anderer vorgelagerter Interessen schwierig, in Internetforen sind die für die Tiefenhermeneutik relevanten nonverbalen Kommunikationssignale sowie die Gruppendynamik unzureichend gegeben. Ein gesondertes Treffen mit Fans hat sich aufgrund der verstreuten Wohnlagen wie Problematiken bei der Terminfindung als nicht umsetzbar erwiesen. 295 Lamnek unterscheidet zwischen Realgruppen und Ad hoc-Gruppen. Realgruppen (auch »natürliche« Gruppen genannt) sind reale soziale Gruppenkontexte, die jenseits der Forschungssituation existieren. Ad hoc-Gruppen sind vom Forschungsteam nach bestimmten Kriterien zusammengestellte Verbünde, die für die Diskussion zum Teil erstmals zusammenkommen. Vgl. Lamnek 1998, S. 98ff. 296 Bei dem Forschungsprojekt handelt es sich um die vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst geförderte Untersuchung »Mediale Darstellungsformen von Weiblichkeit und Männlichkeit heute. Geschlechterdarstellungen in Werbespots und Comics in ihrer Vorbildfunktion für Jugendliche«, die von Prof. Dr. U. Prokop unter Mitarbeit von N. Friese und der Autorin dieser Arbeit von 2008 bis 2009 durchgeführt worden ist. 297 Vgl. Kapitel 2.3.6. 1013 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie 3.4 Materialauswahl und Materialzuschnitt Voraussetzung der Materialinterpretation ist dessen kriterienbasierte Auswahl. Auf Grundlage des aus dem Forschungsstand abgeleiteten Untersuchungsansatzes (zu inhaltlichen wie formalen Eigenheiten von Manga, ihrer Genrediversifizierung und jugendlichen Leserschaft) sowie der explorativen Feldsondierung und ersten Materialanalysen sind zwei Manga für die Wirkungsanalyse ausgewählt und tiefenhermeneutisch interpretiert worden.298 Die Auswahl der zu analysierenden Werke ist nach drei Kriterien erfolgt: der zielgruppenbezogenen Genrezugehörigkeit, der graphischen Erzählweise sowie dem Publikumserfolg in Deutschland.299 Da alle drei Kriterien auf eine Vielzahl von Mangawerken zutreffen, sind für die weitere Eingrenzung eine Vielzahl von Werken gesichtet und vielversprechende Kandidaten in Arbeitsgruppen und Seminaren vorbesprochen worden. Die Erfahrungen bezüglich der Zugänglichkeit und Ergiebigkeit der verschiedenen Manga sind in der letztendlichen Entscheidung ebenso zum Tragen gekommen wie ein Serendipity-Prinzip, der Auswahlzeitraum mit seinen aktuell populären Werken sowie ein subjektives Angesprochen-Sein von Ästhetik wie Thematik der Manga. Letztlich ist aufgrund der Befunde zur großen Bandbreite des Mangaangebots sowie den inhaltlichen wie graphisch-narrativen Unterschieden zwischen Manga für Jungen und Mädchen für die Studie je eine absatzstarke Serie für ein männliches und eine für ein weibliches Zielpublikum aus unterschiedlichen thematischen Genres in deutscher Auflage ausgewählt worden. Dabei ist insbesondere auch auf eine divergierende graphische Erzählweise geachtet worden. 298 In dieser Arbeit sind die deutschsprachigen Veröffentlichungen sprich Übersetzungen der Manga verwendet worden. 299 Die Auswahl gemäß der zielgruppenbezogenen Genrezugehörigkeit leitet sich aus dem nach Alters- und Geschlechtszielgruppen unterschiedenen sowie inhaltlich differierenden Mangasortiment ab. Hinsichtlich der Umsetzung der Kriterien bei der Auswahl gilt für das Erfolgsmoment, dass es vom gesamten ausgewählten Mangamaterial erfüllt ist, während alters- und geschlechtsbezogenes Genre sowie graphische Erzählweise als Kontrastierungsmerkmale der Mangawerke fungieren. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten102 3.4.1 Mangaserien der Untersuchung Als Serie für eine männliche Zielgruppe ist Death Note von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata ausgewählt worden. Sie ist vom Verlag Tokyopop ab 15 Jahren empfohlen und gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Jungenserien auf dem (inter-)nationalen Markt. Bei dem Manga für eine weibliche Zielgruppe handelt es sich um die Reihe Grimms Manga von Kei Ishiyama. Sie ist ab 10 Jahren ausgewiesen und stellt einen nationalen Bestseller dar.300 Was die graphische Erzählweise angeht, bieten die beiden Comics formal differierende Konzeptionen. Das Seitenlayout von Death Note weist zumeist eine chronologische Bilderreihung in horizontalen Spalten mit abgegrenzten Einzelbildern auf (ein sogenannter Normaufbau), während in Grimms Manga die Einzelbilder einander häufig überlagern und ineinander übergehen (fortgeschrittener Aufbau) sowie vermehrt comicsprachliche Symbole zu finden sind.301 Über diese Erfüllung der Kriterien hinaus ist die Serie Death Note gewählt worden, weil sie sich als ungewöhnliche Jungenserie mit anspruchsvollem, technisch herausragendem Zeichenstil und interessanter Thematik erweist. Mit ihrer phantastischen Kriminalgeschichte um einen Schüler, der die Welt mittels eines Buches aus dem Reich der Todesgötter verändern möchte und dabei zum fanatischen Mörder wird, bietet die Erzählung eine ungewöhnliche Thematik, die eigene Akzente setzt. Zentrale Themen des Jungenmanga wie Wettkampf, Bewährung und Weiterentwicklung stehen hier nicht im Kontext physischer sondern vielmehr psychischer Herausforderungen. Bewährungsproben der Heldenfiguren sind als emotional-kognitive Belastungstest der Psyche thematisiert und nicht wie häufig in diesem Genre entlang von extremen Körpererfahrungen;302 ein Wettkampf findet zwischen der Hauptfigur und seinen Verfolgern im Feld des intellektuellen Kalküls 300 Der Erfolg ist bisher auf Deutschland beschränkt, da es sich um eine Eigenproduktion von Tokyopop Deutschland handelt. 301 Zum Seitenaufbau vgl. Harald, H.: Die Kunst des Comic-Lesens. IDE/Informationen zur Deutschdidaktik, 18 (1994) 3, S. 13. 302 Wie etwa bei anderen Bestsellern des Mangaangebots für männliche Heranwachsende wie: Toriyama, A.: Dragon Ball. Bd. 1–42. Hamburg 1997–2000; Oda, E.: One Piece. Bd. 1–75. Hamburg 2001–2015 (fortlaufend); Kishimoto, M.: Naruto. Bd. 1–69. Hamburg 2002–2015 (fortlaufend); Kubo, T.: Bleach. Bd. 1–66. Hamburg 2006–2015 (fortlaufend). 1033 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie und raffinierten Strategiespiels statt und nicht über Kampftechniken und physische Ressourcen. Zudem wird die Serie Death Note mittlerweile zum Kanon der Mangaliteratur in Deutschland gezählt, da sie sich dauerhafter Nachfrage und Beliebtheit erfreut.303 Grimms Manga ist als Mädchenserie gewählt worden, da sie mit ihrer freimütigen, modernisierten Adaption bekannter Grimms Märchen in Bildersprache und Erzählweise des Mädchenmanga ein Beispiel für die Vermischung deutscher Erzähltraditionen mit der japanischen Comicform darstellt. Dabei handelt es sich um humorvoll-eigenwillige Neuschöpfungen, die einen innovativen Blick auf die Märchenstoffe anbieten, indem sie etwa das Geschlecht der Hauptfigur in Rapunzel oder den Verlauf der Handlung von Rotkäppchen verändern. Mit den Erzählungen von der ersten Liebe, Nähebeziehungen und ihren Loyalitätskonflikten sowie dem Spiel mit den Geschlechtsrollen rekurriert Grimms Manga auf zentrale Themenkreise des mädchenbezogenen Angebotsspektrums. Ferner liefert die Reihe mit ihren kurzen, abgeschlossenen Geschichten zu einzelnen Märchen eine günstige Materialbasis, was im Weiteren näher erläutert ist. 3.4.2 Materialsorten der Untersuchung Aus den beiden Mangaserien werden für die Wirkungsanalyse zwei Materialsorten ausgewählt: Einzelbilder und Narrative. Mit dem Terminus Narrativ ist ein Manga im eigentlichen Sinn gemeint, nämlich eine Bild-Text-Erzählung, die mittels einzelner aufeinander bezogener Einzelbilder und Texten einen Handlungsverlauf über mehrere Seiten vermittelt. Mit dem Begriff Einzelbild ist eine einzelne, ganzseitige Mangaabbildung in Abgrenzung zu einer erzählenden Bildfolge gemeint. Für die Studie sind ganzseitige Abbildungen verwendet worden, die nicht in die sequenzielle Erzählabfolge der Handlung eingebunden sind,304 sondern Titelbild eines Mangabandes, seiner Kapitel 303 »Auffällig ist auch, dass von bereits länger laufenden Serien wie (…) »Death Note« (Tokyopop), »Black Butler« (Carlsen) oder »Blue Exorcist« (Kazé) jeweils die Startausgaben wieder unter den Top-20-Verkäufen auftauchten. Das zeigt, dass immer noch viele Leser neu in die Serien einsteigen«(https://www.buchreport.de/2015/03/10/mangaslegen-weiter-zu/l. A. 12.12.16. 304 Das heißt, sie weisen weder graphische Darstellungsmittel des Comics auf (wie Sprechblasen, Geräuschwörter, Bewegungslinien etc.) noch stellen sie einen für sich al- Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten104 oder Einzelgeschichten darstellen und insofern als übergeordnetes, einführendes Bild der Manganarration fungieren. In der Untersuchung sind diese beiden Materialformen zum Einsatz gekommen, um zwei Bereiche zu erfassen: Die Einzelbildwirkung mit Fokus auf der Körperlichkeit und der symbolisierten, affektiven Erlebnisszene und die Wirkung der Bild-Text-Erzählung mit Fokus auf den dargelegten manifest-latenten Konfliktthematiken der Handlung, ihrer Affektdynamik und Erlebnisszene. Als einführende Abbildungen stellen Titelbilder einen bildlichen Auftakt305 mit den »Funktionen […] der Aufmerksamkeitsweckung des Rezipienten und der atmosphärischen Einstimmung«306 auf die Handlung und die Protagonist_innen dar. Die Titelbilder der Mangaerzählung stimmen auf die Narration ein, indem sie zentrale Protagonist_innen der Handlung in prägnanten Settings und charakteristischen Posen307 zeigen. Damit inszenieren sie in verdichteter Form bedeutsame Spannungsfelder, Akteur_innen und Interaktionsmuster des Geschehens und konturieren eine zentrale affektive Grundsituation. In der Wirkungsanalyse der Einzelbilder steht deshalb die (Geschlechts-) Körperinszenierung der Mangaprotagonist_innen in charakteristischen Erlebnisszenen im Zentrum, wobei das besondere Augenmerk lein genommen womöglich unverständlichen Teilmoment einer Szene, einen Körperteil oder eine spezielle Perspektive (Frosch- oder Vogelperspektive) dar, wie es bei einzelnen Panel im Comic sein kann. 305 In den Literaturwissenschaften ist der Auftakt von der Exposition unterschieden, die aus Informationen über in der Vergangenheit liegende Ereignisse, die zum Verständnis der gegenwärtigen Situation der Erzählung relevant sind, besteht. (Vgl. Pfister, M.: Das Drama. München 2001, S. 124) Solche Informationen und Hinweise finden sich in den Titelbildern der Manga nicht. 306 Ebd. 307 »Die Pose ist im Grunde eine (meist durch den Künstler konstruierte) Momentaufnahme, die aus dem Prozess der Bewegung isoliert wird. Ein für die Wirkung der Pose grundlegender Mechanismus ist der Induktionsschluss, der den Betrachtenden dazu verleitet, diese gedanklich in einen Bewegungszusammenhang einzubinden. Das Davor und Danach wird durch die Vorstellungskraft des Betrachter[s] ergänzt. […] Die Pose wird im Comicbereich sehr häufig verwendet, da sie der Maßgabe der Verknappung und Verkürzung sehr entgegenkommt. Komplexe Abläufe können auf diese Weise in nur einem Bild komprimiert werden, ohne dass wesentliche Informationen verloren gehen. Zudem betont die Pose stets das Momenthafte.« Brunner 2009, S. 66f. 1053 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie den darüber vermittelten Affektlagen und sinnlich-symbolischen Lebensentwürfen308 auf manifester und latenter Ebene gilt. Die Mangaerzählungen entfalten über ihre Erzählweise aus Bilderfolgen mit Textelementen das Handlungsgeschehen und seine manifest-latente Dynamik. Durch ihre tiefenhermeneutische Wirkungsanalyse werden deshalb die bewussten wie unbewussten Konfliktlagen und Beziehungskonstellation mit den zugehörigen Affekten und Lebensentwürfen in den Blick genommen, wobei das Zusammenspiel von Erzählgehalt und graphischer Darstellung in Bezug auf die Wirkung berücksichtigt ist. Zusammengefasst geht es im Einsatz der beiden Materialsorten darum, zentrale Erlebnisszenen und Lebensentwürfe, die sich über die Inszenierung der Figuren sowie die symbolisierten, affektiven Konfliktthemen sowohl im Einzelbild wie auch den Bild-Text-Folgen der Narrative vermitteln, in ihren bewussten wie unbewussten Bedeutungsebenen zu untersuchen. Für die Wirkungsstudie sind das erste Kapitel der zwölfbändigen Serie Death Note sowie die Einzelgeschichte Die zwölf Jäger des ersten Bandes der Reihe Grimms Manga als Narrative ausgewählt worden.309 Das erste Kapitel der Serie Death Note bietet sich inhaltlich an, da es den Einstieg und Auftakt der Handlung präsentiert und – unter der Einschränkung durch die serielle Fortsetzungslogik – in sich abgeschlossen ist.310 Die Märchenadaption Die zwölf Jäger ist gewählt worden, da es sich um ein weniger bekanntes Märchen handelt, das insofern neugierig machen kann und zudem Jugendliche als Hauptfiguren aufweist, die sich im Ablösungskonflikt von elterlichen Normen befinden. 308 Vgl. Kapitel 2.4.4. 309 Aufgrund der Rezeptionsstudie sind keine kompletten Mangabände für die Studie ausgewählt worden, da die Lektüre eines 200-seitigen Mangabandes oder gar einer mehrbändigen Mangaserie in der Rezeptionsstudie mit den Jugendlichen nicht umsetzbar gewesen ist. Die Lektüre eines 20–50-seitigen Kapitels hat sich in dem Erhebungssetting hingegen als realisierbar erwiesen. 310 Da die Serie in Japan zuerst kapitelweise in einem wöchentlich erscheinenden Mangamagazin veröffentlicht worden ist, entspricht diese Materialauswahl einer zumindest im Herkunftsland gängigen Veröffentlichungspraxis. In Deutschland hat sich stattdessen das Taschenbuch als Publikationsformat von Mangaserien durchgesetzt. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten106 Als Einzelbilder sind aus der Reihe Grimms Manga das Titelbild des Buches sowie das Titelbild der Mangageschichte Die zwölf Jäger verwendet worden. Beide Abbildungen zeigen männliche und weibliche Protagonisten, wobei das Coverbild des Manga zwei Kinderfiguren präsentiert während das Titelbild von Die zwölf Jäger die drei jugendlichen Hauptfiguren in einer mittelalterlichen Szenerie zeigt. Bei Death Note handelt es sich um das Titelbild des ersten und des sechsten Kapitels aus dem ersten Band.311 Die beiden gewählten Kapiteltitelbilder zeigen die beiden Hauptfiguren des ersten Bandes, den Schüler und seinen übernatürlichen Begleiter, einen Todesgott an zwei unterschiedlichen Handlungsorten, die unterschiedliche Atmosphären, Affektlagen, Settings und Interaktionsmuster der beiden Figuren zeigen.312 Mit dieser Bildauswahl sind Protagonist_innen beiderlei Geschlechts sowie unterschiedlicher Altersphasen ebenso repräsentiert wie unterschiedliche Handlungsorte, was formal für eine gewisse Bandbreite des Bildangebots sorgt. Im Zuge der Einzelbildauswahl ist zunächst auch in Betracht gezogen worden, Titelbilder mehrerer, unterschiedlicher Mangaserien zu verwenden, um ein breiteres Spektrum an Bildwirkungsangeboten japanischer Jugendcomics zu untersuchen. Dieser Ansatz ist zugunsten der Verwendung von Titelbildern und Narrationen aus den gewählten Mangaserien verworfen worden, da mit diesem Materialkorpus das Wirkungsangebot der Abbildungen mit dem der Narrative in Beziehung gesetzt werden kann; zudem können Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Rezeption von Einzelbild und zugehöriger Narration reflektiert werden. 3.5 Darstellung der Befunde Die Ergebnispräsentation der Studie beschäftigt sich im Kern mit der tiefenhermeneutische Inhalts- und Wirkungsanalyse der ausgewählten 311 Es ist nicht das Coverbild des ersten Bandes ausgewählt worden, da es aufgrund der dunklen Farbgebung und filigranen Details bei einer Leinwandprojektion zur Besprechung in Gruppen auf Distanz schwierig zu erkennen ist, wie entsprechende Vortests in Forschungsgruppen ergeben haben. 312 Im ersten Band haben die Coverbild und Kapiteltitelbilder entweder die jugendliche Hauptfigur allein oder zusammen mit dem übernatürlichen Begleiter als Motiv, die erste weibliche Figur in einem Titelbild tritt erst im zweiten Band auf und wird deshalb nicht in die Auswahl einbezogen. 1073 Methodische Umsetzung der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie Manga, die entlang der beiden Serien Grimms Manga und Death Note in zwei Teile gegliedert ist. Ergänzend finden sich Befunde der Rezeptionsanalyse des Materials durch Jugendliche zu Beginn der Pubertät. Schlusspunkt bilden die resümierenden Endbetrachtungen zum Wirkungsangebot des untersuchten Materials und seiner sozialisierenden Impulse für Jugendliche. Eine graphische Übersicht des Befundaufbaus findet sich am Schluss dieses Abschnitts. Den Hauptteil und Schwerpunkt dieser Wirkungsstudie bildet die tiefenhermeneutische Interpretation der verwendeten Materialien der beiden japanischen Jugendcomics Death Note und Grimms Manga. Zunächst werden die Materialien aus Grimms Manga interpretiert, im Anschluss die Materialien aus Death Note. Eingeleitet sind die Analysen zu Grimms Manga und Death Note jeweils durch Kontextinformationen zur Reihe bzw. Serie maßgeblich einer inhaltlichen Gesamtübersicht und Genreverortung. Im Anschluss ist die tiefenhermeneutische Interpretation der verwendeten Serienauszüge umgesetzt. Die Darstellung der einzelnen Interpretationen findet gemäß der beschriebenen methodischen Schritte der Tiefenhermeneutik statt: Vom manifesten Sinn über die Darstellung von Irritationen, Phantasien, Impulsen und Affekten zum latenten Sinn, worauf das Zusammenspiel von manifester und latenter Ebene sowie die Theoretisierung der Deutungsergebnisse ausgeführt sind. Zunächst sind die beiden Titelbilder und das Mangakapitel aus Grimms Manga interpretiert. Dabei liegt der erste Schwerpunkt auf dem Coverbild der Serie. Das zweite Titelbild zur Geschichte Die zwölf Jäger ist lediglich in seinen Hauptlinien dargelegt. Den zweiten Schwerpunkt bildet die Analyse der Mangaerzählung Die zwölf Jäger. Im Anschluss sind zunächst die Befunde zu Titelbild und Geschichte von Die zwölf Jäger synthetisiert, danach die Ergebnisse zum gesamten Grimms-Manga-Material. Nachfolgend sind die beiden Titelbilder und das Mangakapitel aus Death Note analysiert.313 Bei diesen Analysen stellen das erste Kapiteltitelbild sowie das zugehörige Serienkapitel den Kern dar. Sie sind in 313 Das zentrale, analysierte Bildmaterial ist im Text eingefügt, das übrige Bildmaterial befindet sich im Anhang. Die Mangakapitel sind auf der beiliegenden Material-CD einzusehen. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten108 der benannten Reihenfolge – zunächst das Einzelbild und sodann dass Narrativ – interpretiert. Auf die Ergebnisse zum zweiten Kapitelbild ist lediglich im Rahmen der ersten Bildinterpretation resümierend verwiesen. Eine Zusammenschau der Einzelbefunde rundet die Materialinterpretationen zu Death Note ab. In einer nachgelagerten Ergänzung sind die Befunde der Rezeptionsstudie aufgezeigt. Die Ausführungen untergliedern sich in eine Erläuterung der zentralen Ergebnisse der Gruppendiskussionen in thesenhafter Form sowie eine exemplarische Analyse der Gruppenrezeptionen eines Mangabildes, dem ersten Kapiteltitelbild aus Death Note. Die Zusammenschau der Mangainterpretationen mit den Ergebnissen der Rezeptionsanalyse erfolgt im Ergebniskapitel. Auf dieser Basis findet eine abschließende Einschätzung der Wirkungsweise der untersuchten Manga und ihrer Thematisierungsangebote und Sozialisationsimpulse für Jugendliche statt. Eine Diskussion der Befunde und der Ausblick vor allem zu einer grundlegenden Reflektion des (Comic-)Mediums Manga sowie der soziokulturellen Bezüge eines bemerkenswerten Interpretationsbefunds (der Sexualisierung der heranwachsenden Protagonist_innen in Grimms Manga) runden die Arbeit ab. Abb. 4: Darstellung der Befunde (Eigene Darstellung).

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Zusammenfassung

Seit Ende der 1990er Jahre beanspruchen Manga als innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden weltweit eine marktführende Position und sind Bestandteil der globalisierten Jugendkultur. Die erfolgreiche internationale Etablierung der Manga – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdankt sich sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computer- und Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ramona Kahl geht den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen nach. Im Zuge einer tiefenhermeneutischen Analyse von Titelbildern und Narrativen populärer Mangaserien sowie der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zeigt sie auf, welche Reaktionen Manga bei Jugendlichen auslösen und was ihren speziellen Reiz für die Zielgruppe ausmacht. Dadurch eröffnet sie vielschichtige Einblicke in die Bedeutungsstrukturen wie Aneignung erfolgreicher Manga und legt diejenigen gesellschaftlichen Konfliktfelder offen, für welche Manga den Jugendlichen ein attraktives, aber fragmentarisches und ambivalentes Bearbeitungsangebot machen.