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6 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen: Regressionsfördernde Thematisierungsangebote und strukturelle Enttäuschung jugendlicher Bedürfnislagen in:

Ramona Kahl

Manga, page 337 - 352

Wirkungsvolle Bildergeschichten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3893-2, ISBN online: 978-3-8288-6650-8, https://doi.org/10.5771/9783828866508-337

Series: Kulturanalysen, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
337 6 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen: Regressionsfördernde Thematisierungsangebote und strukturelle Enttäuschung jugendlicher Bedürfnislagen Anliegen dieser Arbeit ist die Untersuchung der Wirkung japanischer Jugendcomics an ausgewählten Serien gewesen. Wirkung ist in tiefenhermeneutischer Perspektive auf der Basis von Lorenzers Methodologie der tiefenhermeneutischem Kulturanalyse konzipiert worden und fokussiert die von der bewussten und unbewussten Mitteilungsebene von Manga hervorgerufenen Effekte beim Rezipieren. Im Einzelnen handelt es sich dabei um Affekte, Phantasien, Ideen und Impulse, um Assoziationen und Irritationen, die durch das Mangaangebot ausgelöst werden – besonders aufgrund von Spannungen zwischen bewussten und unbewussten Sinngehalten. Grundlegend zielt die Analyse auf die mediale Symbolisierung soziokultureller Konfliktlagen zwischen bewussten Normen und Werten und unbewussten Wünschen im Mangamaterial ab inklusive dem damit verknüpften Thematisierungspotential in der Rezeption, das sich aus der Art und Weise der Symbolisierung ergibt. Lorenzer bezeichnet die manifesten und latenten Gehalte auch als Lebensszenen oder Lebensentwürfe und verweist damit auf den Vorbild- und Modellcharakter medialer Symbolbildungen. Welche Vorlagen und Entwürfe die untersuchten Manga für ihre jugendliche Zielgruppe bieten, ist im Weiteren unter Einbeziehung der Rezeptionsbefunde ausgeführt. Zu Beginn sind die Ergebnisse der einzelnen Materialinterpretationen sowie des Zusammenspiels von Titelbildern und Narrativen resümiert. Darauf erfolgen zwei Vergleichsperspektiven: eine kontrastierende Betrachtung, in der die beiden Serien in ihrer Unterschiedlichkeit als geschlechtsbezogene Angebote für Jugendliche reflektiert sind sowie eine verbindende Betrachtung, in der alle Befunde unter dem Oberthema des Umgangs mit der Opposition eines Gegenübers beleuchtet sind. Daraus ergeben sich die abschließenden Befunde zum Symbolisierungs- und Thematisierungsangebot der untersuchten Manga für Jugendliche. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten338 6.1 Zentrale Interpretationsbefunde der Mangamaterialien Exemplarische Materialien der tiefenhermeneutischen Wirkungsstudie sind je zwei Titelbilder und ein Kapitel der Reihe Grimms Manga und der Serie Death Note gewesen. Die zentralen Interpretationsbefunde zum manifesten und latenten Lebensentwurf der ausgewählten Mangamaterialien sind nachfolgend gemäß ihrer Reihenfolge in dieser Arbeit zusammengefasst: Das Paarmotiv des Umschlagsbildes von Grimms Manga inszeniert manifest eine unschuldige Verliebtheitsszene zwischen zwei Kindern – einem hübschen Mädchen und einer Jungengestalt mit Wolfsanteilen. Daneben werden Phantasien von erotischer Verführung und Überwältigung evoziert, die auf die latente Szene fehlender Selbstbehauptung und Identitätsbehauptung angesichts des Begehrens eines mächtigen (erwachsenen) Gegenübers verweisen. Der latente Lebensentwurf ist als Szene einer (kindlichen) Identifikation mit einem (erwachsenen) Aggressor gedeutet worden, die aufgrund ihres Sexualisierungsmoments als Folge eines sexuellen Kindesmissbrauchs pointiert worden ist. Das Titelbild zur Geschichte Die zwölf Jäger erscheint manifest als Szene einer entzweiten jugendlichen Liebesbeziehung zwischen zwei Adligen, die mit Hilfe eines selbstbewussten jungen Jägers vermittelt werden soll. Darüber hinaus übertragen sich zum einen Affekte von Traurigkeit und Kränkung sowie Phantasien von Rückzug und Isolation. Zum anderen ist neben dem Paarmotiv die Figurenkonstellation der Dreierbeziehung zwischen den Adligen und dem Jäger auffällig. Die latente Ebene vermittelt eine erotische Attraktivität der jugendlichen Jägergestalt und das tabuierte sinnliche Begehren des Betrachters/der Betrachterin, diese zu berühren. Die Mangaerzählung Die zwölf Jäger stellt sich manifest als Liebesgeschichte um ein adliges Jugendpaar dar, das trotz eines anderen Partnerwahlgebots des Vaters des jungen Mannes glücklich zusammenfindet. In einer Vertiefung dieses Sinns hat die Erzählung drei zentrale Lesarten mit zugehörigen abgewehrten Anteilen ergeben: Um die weibliche Hauptfigur entfaltet sich eine Rettungsphantasie des jungen Mannes, wobei auf der latenten Ebene die Kränkung und 3396 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen Beschämung der jungen Frau angesichts der Trennung des Partners abgewehrt sind. In dem Erzählstrang entlang der Dreieckskonstellation zwischen den beiden Jugendlichen und ihrem tierischen Begleiter (einem Adler) inszeniert sich latent eine triadische Konstellation, in der sich die Heranwachsenden mithilfe einer stellvertretenden Vaterfigur von einer negativen Mutterfigur lossagen und sich emotional an diese Vaterfigur binden. Diese Thematik verstärkt und vertieft sich anhand von Eindrücken zur Erzählhandlung um die männliche Hauptfigur, die Phantasien eines frühkindlichen Schuldgefühls gegenüber einer positiven Mutterfigur, die im Zuge der Verselbstständigung verlassen und verloren worden ist, auslöst. Jenseits der Narrativstränge vermittelt sich eine sexuelle Spannung und abgespaltene Erotisierung der Protagonistin in ihrer Verkleidung als jungenhafter Jäger, die latent ein Begehren des zum Fetisch stilisierten Kinderkörpers evoziert. Insgesamt stellt sich die latente Szene der Mangaerzählung als adoleszente Kränkungsabwehr des Liebespartnerverlusts dar, die das Bindungsmuster einer frühkindlichen Kränkungserfahrung durch die Mutter mit Hinwendung zum Vater reaktiviert und aufrechterhält. Aufgrund dieser latent inszenierten Bindung der Heranwachsenden an die Vaterfigur wirkt die manifest inszenierte Beziehung des jungen Paares am Ende nicht überzeugend. Zudem löst sich die erotische Spannung der Handlung nach der Lektüre nicht auf und bleibt an die Bilder des jungenhaften Jägerkörpers gebunden. Im Rekurs auf psychoanalytische Befunde sind diese Interpretationsergebnisse als Bestätigung einer ödipalen Bindung an die Vaterfigur aufgrund narzisstischer Kränkung durch die frühkindliche Mutterfigur und deren Reaktivierung in der jugendlichen Paarbeziehung gedeutet worden, die mit inzestuösen Phantasien spielt. Das erste Kapiteltitelbild der Serie Death Note zeigt manifest eine aggressive Bedrohungsszene durch die beiden Protagonisten – eine wohlgeformte Jungenfigur und eine große monströse Gestalt –, die autark und als Gegensatzpaar erscheinen. Die Bedrohung geht gleichermaßen von ihnen aus und bezieht sich auf sie, was durch das Setting, das an US-amerikanische Karteifotoaufnahmen von Verhafteten Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten340 erinnert, verstärkt wird. Über vielfältige Assoziationen und wechselseitige Verweisbeziehungen zwischen den Figuren vermittelt sich latent eine aggressionsgeladene Angstszene, die den Verlust der Selbstbzw. Triebkontrolle mit der Vernichtung des anderen oder durch den anderen zum Inhalt hat. Als adoleszentes Phantasma lässt sich dies als Furcht vor den körperlichen Veränderungen und Triebimpulsen der Pubertät verstehen mit der Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren und in Nähebeziehungen den/die andere_n zu zerstören oder selbst zerstört zu werden. Das zweite untersuchte Kapiteltitelbild der Serie weist dieselbe Bedeutungsstruktur auf und ist deshalb nicht gesondert ausgeführt worden. Das erste Kapitel der Mangaserie Death Note behandelt manifest die Machtbestrebungen eines hochintelligenten, disziplinierten Einserschülers, der eine neue Weltordnung unter seiner gottgleichen Führung erschaffen will, indem er mittels eines magischen Buches Verbrechen mit dem Tode bestraft. Dadurch gerät er ins Visier der (inter-)nationalen Verbrechensbekämpfung, deren Ermittler er fortan auch mithilfe des Todesbuchs zu eliminieren sucht, ohne selbst enttarnt zu werden. Auf der unbewussten Sinnebene thematisiert die Narration die Weigerung der Hauptfigur, emotionale Bindungen einzugehen und andere als bedeutsam anzusehen, verbunden mit der Angst, sich in intimen Beziehungen aufzulösen. Damit gehen Phantasien einer frühkindlichen Kränkung und Vereinnahmung des (männlichen) Kindes durch die Mutter einher. Psychoanalytisch betrachtet verweist das Szenario auf den Rückzug libidinöser Energie vom Liebesobjekt auf das ‚Ich‘ aufgrund tiefer Verletzungserfahrungen. Die kombinierte Analyse von ganzseitigen Abbildungen mit den Bild-Text-Kombinationen der Mangaerzählungen macht deutlich, dass die Einzelbilder zentrale Themenkreise, Affektlagen und Lebensentwürfe der Mangaerzählungen konturieren. Ihre Ausgestaltung und Konkretisierung erfolgt dann in den Erzählhandlungen. In den Interpretationsbefunden spiegelt sich das im Einzelnen wie folgt: Das Coverbild von Grimms Manga zeigt ein Bild des Paares aus der Erzählung Rotkäppchen. Die Paarinszenierung vermittelt manifest den Eindruck eines Verliebtheitsmoments der Kinder, während latent ein Erregungsspiel um das Tabuthema von Kindesmissbrauch und Inzest- 3416 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen phantasma angeregt wird. Dieses Verhältnis lässt sich bei einem Blick auf das zugehörige Narrativ wiederfinden. Die Erzählung verschiebt (sexuelle) Gewaltandrohungen vom Paar auf das entfernte soziale Umfeld und verstärkt damit den Wunschentwurf der glücklichen Liebesbeziehung. In der Grimms-Manga-Erzählung Die zwölf Jäger zeigt die Titelbildthematik eine unglückliche Liebe mit einem Affektspektrum von Traurigkeit bis Kränkung sowie der Bedeutung einer Dreierbeziehung. In der Mangaerzählung gestaltet sich dieser Entwurf zu einer manifesten Romanze mit glücklichem Ausgang und einer latenten Schamabwehr mit kindlicher (Rück-)Bindung an den Vater und Abwendung von der Mutter aus, die die präsentierte jugendliche Paarbindung auf der Wirkungsebene unterwandert. Zudem tritt das latente Thema der Erotisierung des Jägerjungen zusammen mit tabuierten Berührungswünschen im Titelbild wie der Erzählung in Erscheinung, wobei die Erzählung die Wirkungsebene ausbaut, indem sie ein Spektrum von sinnlich-taktilen bis sexuell-aggressiven Phantasien hervorruft. In der Zusammenschau des ersten Kapiteltitelbilds und des ersten Kapitels aus Death Note zeigt sich ebenfalls eine inhaltliche Verbindung. Das Titelbild skizziert die Gefährlichkeit und Gefährdung der beiden Figuren in Bindungen und eine Angst vor körperlichem Kontrollverlust. Im Narrativ faltet sich die Thematik manifest zu einer systematischen physischen Zerstörung anderer Menschen und einer latenten Angst, sich in (intimen) Beziehungen aufzulösen, aus, mit der die Weigerung einhergeht, andere emotional zu besetzen. Aufgrund dieser Befunde lässt sich festhalten, dass die Titelbilder der Manga als eine szenische Einstimmung wie Skizzierung zentraler bewusster wie unbewusster Themenkreise und Affektfelder der Erzählungen fungieren. Bereits über die graphische Inszenierung der Protagonisten in einem prägnanten Setting vermittelt sich demnach eine Kontur der evozierten Lebensentwürfe, die in der Erzählung ausgestaltet sind. Zum Verhältnis der beiden Materialsorten veranschaulicht die Rezeptionsanalyse mit jugendlichen Erstleser_innen von Manga, dass der Zugang zu den Manganarrativen von der Comic- bzw. Mangalesekompetenz abhängt. Angesichts der ungewohnten Bild-Text-Abfol- Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten342 gen erweist sich eine Erfassung der Manganarrative für die befragten Jugendlichen als herausfordernd bis unzugänglich. Auf die Bildebene reagieren sie hingegen expressiv, was sich sowohl in einer lebhaft-kontroversen Kommentierung der Titelbilder als auch in einer Konzentration auf einzelne Bilder der Mangaerzählungen ausdrückt. Die Kontroversen reagieren dabei auf verschiedene Bedeutungsfacetten und Wirkungsdimensionen der Bilder. 6.2 Vergleich der Serien als geschlechtsbezogene Jugendangebote Eine erste Gegenüberstellung der Einzelergebnisse der beiden Serien macht deutlich, dass die zentralen Themenkreise der beiden exemplarischen Mangaangebote unterschiedlich gelagert sind. In den Grimms-Manga-Inszenierungen stehen erste Paarbeziehungen von He ranwachsenden im Mittelpunkt, die von kindlichen Bindungsmustern an Elternfiguren und Sexualisierungen der Heranwachsenden überlagert bis durchkreuzt werden. Die Death-Note-Inszenierungen thematisieren das individuelle Streben nach einer kompromisslosen Veränderung und Aneignung der (Erwachsenen-)Welt in tödlicher Auseinandersetzung mit anderen, mit dem Ängste vor (körperlichen) Veränderungen und Bindungsimpulsen bzw. -anforderungen abgewehrt werden. Dies lässt sich angesichts der unterschiedlichen geschlechtsbezogenen Zielgruppen im Kontext typischer Thematiken von Mädchen- und Jungenmanga betrachten. Wie eingangs im Forschungsstand dargelegt, behandeln Manga für Jungen bevorzugt Bewährungsproben junger Helden im Wettkampf mit Kontrahenten zur Rettung der Welt, wodurch sie zu Männern reifen. Manga für Mädchen haben häufig Liebesbeziehungen mit Hindernissen und glücklichem Ausgang zum Thema, wobei die Selbstfindung als junge Frau ebenfalls eine Rolle spielt. In diesem Rahmen lässt sich Grimms Manga als Angebot für eine weibliche Zielgruppe ansehen, das Liebesbeziehungsfragen und weibliche Rollenentwürfe im Rahmen von Märchenadaptionen ins Zentrum stellt, während Death Note sich als phantastisches (Krimi-)Angebot für eine männliche Zielgruppe erweist, das die Bewährung eines Helden im Kampf um die Vorherrschaft in der Welt und seine Rollen darin bietet. 3436 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen Die Interpretation der bewussten und unbewussten Bedeutungsebenen liefert interessante Ergebnisse vor allem hinsichtlich des inhaltlichen Angebots für die Zielgruppe Jugendliche. Hier zeigt sich, dass im Lektüreangebot für Mädchen unterhalb der Paarphantasien elterliche Bindungsmuster virulent sind, die zugunsten der neuen unvertrauten Gleichaltrigenbeziehungen aufgesucht werden bzw. sich (noch) als stärker erweisen. Damit bilden sie eine altersbedingte Übergangsphase zwischen elterlichen Bindungen und gleichaltrigen Paarbeziehungen ab, in dem die familiären Bezüge noch die Oberhand haben. Der Lesestoff für Jungen behandelt im Schatten der weltumfassenden Einflussund Größenstrebungen Bindungs- und Kontrollverlustängste im Kontakt mit anderen bzw. im Umgang mit dem eigenen Körper, die mit der Bekämpfung und Beherrschung der anderen gebannt werden sollen. Damit verweist er auf altersbedingte Verunsicherungen angesichts körperlich-affektiver Veränderungen und Impulse sowie ein Gefühl der Bedrohung der Autonomie angesichts eines erwachenden außerfamiliären (geschlechtlichen) Bindungsdrangs. Darüber hinaus sind die idealisierten Körperdarstellungen der jugendlichen Held_innen erotisch aufgeladen und auf einen begehrenden Blick hin ausgerichtet. Als altersspezifisches Angebot lässt sich darin eine implizite Beschäftigung mit den erwachenden sexuellen Impulsen und körperlichen Veränderungen bzw. den erwachsenen Blicken und Reaktionen auf die wahrgenommene Reifung und erotische Attraktivität der Heranwachsenden lesen. Gleichermaßen kann sie aber auch als manipulatives Spiel mit einem gesellschaftlichen Tabu zur Erregungserzeugung angesehen werden. In den gemischtgeschlechtlichen Gruppendiskussionen mit Jugendlichen spiegelt sich eine geschlechtsbezogene Themenpräferenz, die Analogien zu den manifesten inhaltlichen Schwerpunkten der Manga für Mädchen und Jungen aufweist. In den Diskussionen äußern sich die Mädchen zu Weiblichkeitsinszenierungen und zur Innen- und Beziehungswelt der Protagonist_innen, im Speziellen nehmen sie die männlichen Figuren hinsichtlich ihres Partnerpotentials in den Blick. Die befragten Jungen fokussieren männliche Protagonisten als mögliche Geschlechtsrollenvorbilder und setzen sich zu ihnen als Konkur- Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten344 renten oder Mitstreiter im sozialen Ringen um Status in Beziehung.675 Folglich ist eine Schnittmenge zwischen zentralen Rezeptionsthematiken der männlichen und weiblichen Jugendlichen und manifesten Themenschwerpunkten der Manga für Mädchen und für Jungen ersichtlich. Zugleich zeigen die Gruppendiskussionen, dass Mangaangebote für Jungen auch die Mädchen anziehen und Mangaangebote für Mädchen in Teilen auch Jungen ansprechen – etwa aufgrund ihrer Inszenierung von männlichen bzw. weiblichen gleichaltrigen Hauptfiguren, die bezüglich ihrer erotischen Attraktivität begutachtet werden. Insgesamt lassen sich die untersuchten Mangaangebote als geschlechtsbezogene Thematisierungen altersbedingter Entwicklungsaufgaben begreifen, in denen die Beschäftigung mit der eigenen (Geschlechts-)Rolle ebenso bedeutsam ist wie außerfamiliäre Bindungen und die Suche nach einem Platz in der Erwachsenenwelt. Sie verweisen auf geschlechtstypische Schwerpunktsetzungen, demzufolge sich die inszenierten Lebensentwürfe für Mädchen mit Beziehungsgestaltung und speziell Paarbindungen beschäftigen, während Lebensentwürfe für Jungen die Bewährung im Wettstreit mit Konkurrenten um Einfluss in gesellschaftlichen Gruppierungen thematisieren. Es geht um Körper, Sexualität, Begehren und sozialen Status von Heranwachsenden, Thematiken, um die sich auch die Gruppendiskussionen der Jugendlichen (zumindest implizit) drehen. Mit einer solchen Ausrichtung greifen die untersuchten Manga geschlechtsdifferente Orientierungen und Lebensentwürfe einer weiblichen Orientierung auf Beziehungen und die private Sphäre und einer männlichen Orientierung auf autonomen Erfolg und die öffentliche Sphäre auf und tradieren sie zugleich. Neben dieser Bestätigung und Verstärkung traditionell-differenter Geschlechterkonstruktionen sind zudem relevante Anteile der jeweiligen Lebensentwürfe, die zu einer entwicklungsfördernden Auseinandersetzung mit den beiden Lebensbereichen relevant sind, in den Mangawerken ins Unbewusste verschoben. Bei den untersuchten Angeboten für Mädchen sind Affekte wie Kränkung, Beschämung, Überforderung, Angst und Wut aus dem Beziehungsgeschehen ausgeschlossen. 675 Insbesondere suchen die Jungen Männlichkeitsvorbilder, die sich eindeutig von allem Weiblichen abgrenzen und keine diesbezüglichen Assoziationen wecken dürfen. Damit rekurrieren sie auf eine heteronormative Männlichkeitskonzeption, in der der Ausschluss des Weiblichen fundamental ist. 3456 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen Bei dem Angebot für Jungen ist die Angst vor (Paar-)Beziehungen und einem Selbstverlust in Bindungen tabuiert.676 Als förderliche Orientierungsmuster bzw. Thematisierungsangebote für Heranwachsende sind diese Mangainszenierungen demnach fraglich. Bevor diesbezüglich eine weitergehende Einschätzung erfolgt, soll noch eine zweite Vergleichsperspektive auf die Interpretationsbefunde eingenommen werden. 6.3 Vergleich der Erzählstoffe hinsichtlich der Umgangsweisen mit Opposition Neben einer unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtung lassen sich die Interpretationsbefunde auch unter einem gemeinsamen Oberthema reflektieren: dem Umgang mit Opposition. Gemeint sind die (Handlungsund Verhaltens-)Modelle und Lebensentwürfe, die im Umgang mit der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, der potentiellen Eigensinnigkeit und Andersartigkeit des Gegenübers vorgeführt werden. Diese Thematik deutet sich verschiedentlich in den Interpretationen an. Zugleich spielt sie in der Adoleszenz eine bedeutsame Rolle. Einerseits kommt es zu einem gesteigerten Interesse am Anderen angesichts eines zunehmenden erotischen Begehrens sowie der wachsenden Bedeutung der eigenen sozialen Anerkennung durch Gleichaltrige.677 Andererseits nehmen die Wahrnehmung von Differenzen sowie ihre Herstellung mittels Abgrenzungsimpulsen und Gruppenbildungen im Jugendalter zu, wobei auch das Ausprobieren unterschiedlicher Lebensstile und die Ausbildung eigener Werte und Normen eine Rolle spielen.678 Der Umgang mit der Autonomie und Widerständigkeit bzw. der Anerkennung des Gegenübers gewinnt in der Jugendphase in neuer Weise an Bedeutung und lässt sich als ein kollektives Spannungsfeld begreifen, das besonders für Heranwachsende mit ihrer sich wandelnden, neu zu 676 Das Ergebnis von Nähe als Bedrohung weist Gemeinsamkeiten mit Befunden zur Bedeutung des Kampfnarrativs im Fantasygenre und Gewaltphantasien von männlichen Befragten zu Beziehungsszenen auf. Zum Fantasygenre vgl. Stach, A.: Männlichkeiten, Paarbeziehung und Sexualität in der Kino-Trilogie Der Herr der Ringe. In: Dies.: Männlichkeiten, Sexualitäten und Autorität in der Fantasy. Marburg 2011b, S. 15–58. Zu den Gewaltphantasien vgl. Gilligan, C.: Die andere Stimme. München 1982, S. 54ff. 677 Vgl. A. Freud 2002, S. 135f.; Tervooren 2006; Fritsche/Tervooren 2006, S. 139ff. 678 Vgl. Göttlich 2000, S. 42f.; Helfferich 1994. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten346 gestaltenden Identität gewichtig ist. Diesbezüglich inszenieren die analysierten Mangaangebote drei verschiedene latente Strategien: Identifizierung, Rückzug und Vernichtung. Das Grimms-Manga-Titelbildmotiv nivelliert die Differenz zwischen dem ‚Ich‘ und dem ‚Du‘ durch (symbiotische) Angleichung an das Gegenüber und dessen Absichten und symbolisiert insofern eine Identifizierung. Das Werk Die zwölf Jäger thematisiert eine beschämende Ablehnung eines begehrten Gegenübers, auf die zunächst mit Verstellung und schließlich mit der Rückkehr zu früheren Bindungen reagiert wird. Es findet demnach ein ausweichender Rückzug vom Gegenüber statt. Die dritte Strategie ist die Vernichtung und Auslöschung des/der Anderen oder des Selbst, welche in den Death-Note-Materialien zum Ausdruck kommt. Opposition bedeutet hier Kampf und Unvereinbarkeit zwischen den Strebungen des Selbst und den Strebungen des/der Anderen und stellt eine tödliche Gefahr dar, die eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod bedeutet. Als Lebensentwürfe für ein adoleszentes Publikum lassen sich die verschiedenen Umgangsweisen mit der Herausforderung der Eigenständigkeit des Gegenübers als überpointierte soziale Optionen auffassen. In der Adoleszenz können sie als Prototypen von Verhaltensentwürfen durchaus produktiven da kurzzeitig entlastenden Charakter von der Spannung zwischen dem Selbst und dem/der Anderen haben.679 Allerdings sind diese Vorlagen im medialen Angebot abgespalten und bilden den verdrängten, gegensätzlichen Anteil der manifesten Entwürfe glücklicher Paarbindung, erfolgreicher Selbstkon trolle und selbstbewusster Autonomie. Zentrale, wirksame Affektlagen des behandelten Spannungsfelds – speziell Gefühle von Abhängigkeit, Kränkung und Identitätsbedrohung – sind desymbolisiert sprich ins Unbewusste verschoben, so dass keine Auseinandersetzung mit ihnen dargelegt oder eröffnet wird. Entsprechend geben die Manga zum Umgang mit der Andersartigkeit des anderen und ihren Herausforderungen kein progressiv-emanzipatorisches Symbolisierungsangebot ab: Ihre affektiv wirkungsmächtigen Vorlagen sind in der Rezeption kaum zugänglich, da sie im negierten Untergrund eines nahezu konträr ausgerichteten erlaubten Sinns liegen. Dieser erlaubte Sinn bietet attrakti- 679 Vgl. Benjamin 1993, S.49ff. 3476 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen ve (Ideal-)Entwürfe an, die die Spannungen zwischen dem Selbst und dem anderen zugunsten der Einfluss- und Ermächtigungsmöglichkeiten des Subjekts verringern, während Abhängigkeiten und Selbstwertverunsicherungen durch den anderen tabuiert sind. In der exemplarischen Rezeptionsanalyse von Heranwachsenden zu Beginn der Pubertät ist die sprachlose Wirkmächtigkeit der unbewussten Affekte und Entwürfe nebst ihrer Unzugänglichkeit anschaulich. Die Jugendlichen – vor allem die Jungen – reagieren auf abgespaltene Anteile der Inszenierungen, indem sie etwa die latent sexualisierten Mangafiguren der Grimms-Manga-Titelbilder als manipulativ zurückweisen und in sexistischer Manier abwerten. Die Monstergestalt der Death-Note-Bilder beschimpfen sie wegen ihres Aussehens, wobei sie sowohl auf das Angstbild des unkontrolliert-entstellten Körpers wie auch die weiblichen Konnotationen der Erscheinung abwehrend ansprechen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was sie an diesen Aspekten der Mangadarstellungen fasziniert, aufwühlt oder beunruhigt, findet jedoch nicht statt. Dies mag mit den Gruppendynamiken zwischen den Geschlechtern und den Gesprächskulturen der Jugendlichen zusammenhängen, die eine Reflektion und einen Austausch über persönliche Eindrücke und Gefühle eher behindern. Zugleich bieten die Angebote der Manga keine Ansatzpunkte, keine Vorlagen und Räume an, um sich ihren spannungserzeugenden, aufregenden Gehalten anzunähern und sich konstruktiv mit ihnen zu beschäftigen. Die zum Teil harsche Kritik der Jugendlichen an den Darstellungen kann als Versuch der Distanzierung von der Emotionalisierung und unbenennbaren Faszination des Mangamaterials aufgefasst werden, die allerdings die affektive Erregung nicht lösen kann. Stattdessen kann das Gruppengeschehen sogar partiell als Spannungsabfuhr von den evorzierten Affektlagen gedeutet werden: Eine Diskussionsrunde führt den sozialen Gruppenausschluss einer als anders markierten Mitschülerin auf. Im parallel rezipierten Death-Note-Bild ist dies über die Darstellung eines befremdlich-entstellten Anderen (der Monsterfigur), den die Jugendlichen abwerten und dem latenten Thema der Vernichtung des Gegenübers präsent. Dies kann als eklatanter Hinweis dafür herangezogen werden, dass die Jugendlichen auf latente Anteile des Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten348 Mangaangebots emotional ansprechen, damit jedoch keinen konstruktiven Umgang finden können. Stattdessen scheinen sie ausgelöste Affekte, Impulse und Phantasien in Teilen auszuagieren, was zumindest eine gewisse Spannungsabfuhr eröffnen mag. Als wünschenswerte oder gar entwicklungs- und persönlichkeitsfördernde Verarbeitung, die einen Austausch über Ambivalenzen, Verunsicherungen und Gefühlslagen beinhaltet, kann es jedoch kaum angesehen werden. 6.4 Fazit: Abspaltung wirkungsrelevanter Affektlagen und regressive Verarbeitung Die Mangainterpretationen der Einzelbilder und Narrative aus Grimms Manga und Death Note zeigen, dass neben den manifesten Erzählungen um jugendliche Selbstermächtigung, elternbedingte Partnerwahlkonflikte und erste Verliebtheit zugleich latente (Bindungs-)Ängste um Selbstverlust in Beziehungen, beschämende Ablehnung, sexuelle Übergriffsimpulse an Heranwachsenden und Vernichtung durch den anderen bzw. Zerstörung des anderen mitinszeniert werden. In diesen abgewehrten Angst- und Aggressionsszenen treten Eltern-Kind-Konstellationen zu präödipalen oder ödipalen Konfliktlagen in Erscheinung, die in unterschiedlicher Weise mit Erfahrungen narzisstischer Kränkungen in Verbindung gebracht werden können. Angesichts der Narrative um heranwachsende Protagonist_innen und ihre Erlebnisse sind die latent inszenierten Beziehungsmuster um frühkindliche Konfliktszenen als Wiederbelebung erster Bindungserfahrungen in der Adoleszenz gedeutet worden.680 Insgesamt symbolisieren die untersuchten Manga nicht nur auf der bewussten sondern auch auf der unbewussten Ebene Lebens- und Konfliktlagen Adoleszenter im Zusammenhang mit den altersphasenbedingten Herausforderungen, neue auch geschlechtliche Bindun- 680 Einen Sonderfall stellt die Interpretation des Kinderpaars auf dem Cover von Grimms Manga dar, das auf der latenten Ebene als Inszenierung einer »Identifizierung mit dem Aggressor« in Folge eines sexuellen Kindermissbrauchs bzw. Inzests mit ausgelegt worden ist. Hierbei handelt es sich um keine adoleszente Regression in frühkindliche Bindungsmuster sondern um eine Persönlichkeitsbeeinflussung aufgrund traumatischer Erlebnisse. Gleichwohl ließe sich die Inszenierung als Fortsetzung oder Wiederbelebung der Missbrauchserfahrung angesichts der ersten kindlichen Verliebtheitsgefühle auffassen. 3496 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen gen außerhalb der Familie einzugehen und eine eigene (Geschlechts-) Identität zu finden.681 Dabei erweisen sich die Mangainszenierungen allerdings als wenig integrierend-konstruktive Symbolisierungsvorlagen. Sie präsentieren manifeste Lebensentwürfe narzisstisch gefärbter Größen- bzw. Omnipotenzvorstellungen, die mit der Abspaltung und Desymbolisierung von Affektlagen wie Scham, Schuld, Furcht, Bedrohung und Einsamkeit einhergehen. Derartige Strategien und Verarbeitungsansätze können im Prozess der jugendlichen Selbstfindung durchaus produktiv sein – als übergangsweise Abspaltung und Vereindeutigung widersprüchlicher innerer Anteile mit dem Sinn der Persönlichkeitsstabilisierung. Als mediale Symbolisierungen sind solche Angebote jedoch kritischer einzuschätzen. Die betrachteten Mangaangebote ermöglichen eine Identifikation mit narzisstisch aufgeladenen Wunschbildern von Stärke, Unabhängigkeit und Gestaltungskraft, wobei abhängige, ängstliche, verletzte und sinnliche Anteile und Impulse verleugnet und verdrängt werden. Eine solche Symbolbildung bietet wenig zur Auseinandersetzung und Verarbeitung des inszenierten Konfliktgeschehens speziell der damit verbundenen unbewusst wirksamen Affektlagen und Sinnebenen an, wie auch die Rezeptionsstudie zeigt. Folglich erweisen sich die untersuchten Manga als »klischee- und zeichenbestimmt[e] [Symbolgefüge]«682, die mit Abspaltung, Verdrängung und Desymbolisierung von sinnlichen Wünschen, Ängsten oder Bedürfnislagen arbeiten. Als Symbolisierungsangebote sozialer Konfliktlagen bilden sie regressive Entwürfe nach dem »Schema des Trivialen: Manipulative Erregung, manipulatives Stillstellen der Affekte«683. In pointierter bis überzeichneter Form präsentieren sie Umgangsweisen mit sozio- und psychodynamischen Konfliktsituationen, in denen »die affektive Erregung vor allem an das Latente gebunden [ist], das manifest geleugnet wird. Durch die Spaltung zwischen Manifestem und Latentem wird den Rezipienten eine regressive Verarbeitung des Gesehenen nahegelegt.«684 681 Vgl. Kapitel 2.4.3. 682 Stach 2006, S. 52. 683 Ebd., S. 277. 684 Prokop 2006, S. 25f. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten350 Die Auseinandersetzungen der befragten Heranwachsenden verweisen auf eine solche regressive Verarbeitung. Die zum Teil rigiden Be- bzw. Abwertungen der Mangaangebote durch die Jugendlichen sind als Abgrenzungsbemühungen, als Abwehr der ausgelösten Affekte wie provozierten Eindrücke verstehbar, die mit den latenten, tabuierten Entwürfen in Verbindung stehen. Diese Affekte und Lebensentwürfe werden den Rezipient_innen im Gruppendiskurs nicht zugänglich. Eine Auseinandersetzung mit diesen Entwürfen kann ebenso wenig stattfinden wie eine Reflektion der Wirkung des medialen Angebots oder gar eine emotionale Distanzierung. Vielmehr folgen die lebhaften Gruppendiskurse dem Bionschen Muster der »Kampf- Flucht-Gruppe«685 und führen Ausschluss und Ausgrenzung der beunruhigenden Mangaangebote (wie auch eigener abgewerteter Gruppenmitglieder) auf, anstatt das Beunruhigende thematisieren oder gar reflektieren zu können. Diese als regressiv fassbare Verarbeitungstendenz der Jugendlichen spiegelt die Struktur im Symbolisierungsangebot der Manga wider. Nach dieser Analyse greifen die untersuchten Manga mit ihren manifesten Thematiken die Bedeutung von Gleichaltrigenbeziehungen, Selbständigkeit und Selbstsicherheit für die jugendliche Zielgruppe auf. Im Besonderen nehmen sie die emotionalen Reaktionen auf deren abgewehrt-tabuierte Schattenthemen Abhängigkeit, Kontrollverlust und Selbstunsicherheit in den Dienst, um Aufmerksamkeit für das Angebot zu erzeugen und Spannungs- und Erregungszustände hervorzurufen. Diese Anteile sind in den Inszenierungen jedoch weder deutlich noch werden sie zufriedenstellend aufgelöst.686 Über die Erregungen vor allem durch die latenten Sinngehalte wird eine affektive Beteiligung an dem Medienangebot befördert. Die unvollständige Erregungsauflösung erzeugt strukturell einen Drang zur weiterführenden Rezeption desselben oder weiterer Manga. Demzufolge greifen die untersuchten Manga zwar die Interessens- und Bedürfnislagen heranwachsender 685 Bion 1971, S. 111. 686 Eine erfolgreiche Integration und Spannungsabfuhr lässt sich etwa bei Grimms Märchen finden (vgl. Kahl 2009; Bettelheim, B.: Kinder brauchen Märchen. München 1999, S. 147ff, 165ff.; Ludwig, H.: Zur Handlungsstruktur von Comics und Märchen. In: Fabula 19, 1978, S. 285). 3516 Tiefenhermeneutische Befunde zu Wirkungsweisen von Manga bei Jugendlichen Leser_innen thematisch auf, legen jedoch kaum entwicklungsfördernde Auseinandersetzungen nahe. Abschließend lässt sich über die untersuchten Manga sagen, dass sie kaum progressive Umgangsweisen mit den angeregten Ambivalenzen oder innovative Lösungsstrategien bieten, was ein Vertrauen auf emotionale Integration und Entwicklung reduzieren kann.687 Stattdessen wird die kompensatorische Wunscherfüllung in der Abwendung von der Realität unterstützt. Damit spiegelt die Mangalektüre in gewisser Weise, was Jugendliche in ihren Idealvorstellungen und Tagträumen tun. Doch handelt es sich dabei um individuelle Phantasieleistungen, die zudem eine Verarbeitungsstrategie der Jugendphase darstellen. In der weiteren Entwicklung wird diese Selbststabilisierung über Integrationsprozesse und reale Erfahrungen in der Regel überholt. Einen diesbezüglichen Beitrag leisten die untersuchten Manga jedoch kaum, erheben sie die kompensatorischen Verarbeitungsstrategien doch zum Strukturmuster. Vorbilder und Impulse, die die Heranwachsenden zur Beschäftigung mit Ängsten, Unsicherheiten und Bedürfnissen anregen und diesbezügliche Umgangsweisen vorführen, liefern die analysierten Mangaangebote weniger. Solche Vorlagen und Entwürfe gilt es andernorts zu finden. Ein konstruktives Symbolisierungsangebot jugendlicher Lebensthemen, die die Persönlichkeitsentwicklung und aktive gesellschaftliche Teilhabe befördern, lassen sich in den untersuchten Angeboten kaum ausmachen. Stattdessen lassen die analysierten Manga eine Spaltungs- und Fragmentierungstendenzen hinsichtlich adoleszenter Konflikte und ambivalenter Affektlagen erkennen. 687 Vgl. Bettelheim 1999, S. 143ff.

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References

Zusammenfassung

Seit Ende der 1990er Jahre beanspruchen Manga als innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden weltweit eine marktführende Position und sind Bestandteil der globalisierten Jugendkultur. Die erfolgreiche internationale Etablierung der Manga – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdankt sich sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computer- und Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ramona Kahl geht den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen nach. Im Zuge einer tiefenhermeneutischen Analyse von Titelbildern und Narrativen populärer Mangaserien sowie der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zeigt sie auf, welche Reaktionen Manga bei Jugendlichen auslösen und was ihren speziellen Reiz für die Zielgruppe ausmacht. Dadurch eröffnet sie vielschichtige Einblicke in die Bedeutungsstrukturen wie Aneignung erfolgreicher Manga und legt diejenigen gesellschaftlichen Konfliktfelder offen, für welche Manga den Jugendlichen ein attraktives, aber fragmentarisches und ambivalentes Bearbeitungsangebot machen.