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5 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen in:

Ramona Kahl

Manga, page 303 - 336

Wirkungsvolle Bildergeschichten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3893-2, ISBN online: 978-3-8288-6650-8, https://doi.org/10.5771/9783828866508-303

Series: Kulturanalysen, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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303 5 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen Im Folgenden stehen Rezeptionsprozesse von Jugendlichen zwischen 12 bis 15 Jahren in Gleichaltrigengruppen zu dem im Hauptteil dargestellten Mangamaterial – die Titelbilder und Narrative aus den Serien Death Note und Grimms Manga – im Zentrum der Betrachtung. Die besagte Altersgruppe adoleszenter Mädchen wie Jungen ist angesichts der Befunde zur geschlechtsheterogenen Kernleserschaft von Manga mit Einstiegsalter zwischen 10 bis 14 Jahren ausgewählt worden.583 Entwicklungstheoretisch handelt es sich bei dieser Alterspanne um die »pubertäre Phase« (Scherr) bzw. »frühe Jugendphase« (Hurrelmann), was besagt, dass biographisch neue physische wie psychische Veränderungen auftreten, die von den Heranwachsenden verarbeitet und integriert werden müssen.584 Ihr ausgeprägter (Neu-)Orientierungsbedarf in entsprechenden Fragen von Körperidentität, Affektregulierung und Geschlechtsrolle sowie Normen und Werten kann in dieser Phase als besonders ausgeprägt angesehen werden, da sie am Beginn der Adoleszenz und folglich am Anfang ihrer diesbezüglichen Auseinandersetzungen stehen. In der Ablösung von der Familie werden Orientierungs- und Selbstfindungsprozesse verstärkt mittels Aushandlungen unter Gleichaltrigen auch anhand medialer Vorbilder vorangetrieben. Angesichts dessen sind Gruppen von Gleichaltrigen zur Rezeptionsanalyse gewählt worden, da sie ebenso wie Massenmedien als Sozialisationsagentur im Jugendalter fungieren, in der Heranwachsende sich mit altersrelevanten Themen insbesondere hinsichtlich der Identitätsfindung und -bildung beschäftigen. Fokus der vorliegenden Rezeptionsanalyse ist in diesem Kontext, welche Reaktionen und Thematiken bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts durch das Mangamaterial ausgelöst werden, besonders wie die diesbezüglichen Aushandlungsprozesse und Verarbeitungsformen in den Gleichaltrigengruppen verlaufen. Bei der Analyse stehen deshalb gruppeninterne (Leit-)Vorstellungen von Verhaltens-, Körper- 583 Vgl. Kapitel 2.3.6.1. 584 Vgl. Scherr, A.: Jugendsoziologie. Wiesbaden 2009, S. 28; Hurrelmann 1994, S. 41. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten304 und Selbstidealen ebenso im Vordergrund wie ihre gruppendynamische Aushandlung und Inszenierung.585 Eine solche Untersuchung der Rezeption populärer Manga in Jugendgruppen lässt zwar keine direkten Rückschlüsse auf sozialisatorische Effekte der Medienbotschaften oder der präsentierten Gruppenmeinungen auf das Individuum zu, da Sozialisationsprozesse sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Umwelteinflüsse und Persönlichkeitskomponenten in einem mittel- bis langfristigen Prozess ergeben. Allerdings ermöglicht diese Studie, vorhandene Orientierungsmuster, Normierungen und Bearbeitungsformen der befragten Jugendlichen im Umgang mit den angebotenen Lebensentwürfen der Manga zu erheben, die »als Indikator für Ressourcen der Verarbeitung«586 des medialen Sozialisationsimpulses durch die jugendlichen Sozialisand_innen fungieren. In der Zielsetzung bedeutet es folglich, die Ermöglichung von Thematisierungen anhand der Manga für das adoleszente Zielpublikum einzuschätzen und die Formen ihrer Verarbeitung zu untersuchen. Um dem Erkenntnisinteresse nachzugehen, sind Auszüge des Datenmaterials eines Forschungsprojektes zur jugendlichen Rezeption von Geschlechterdarstellungen in Werbespots und Manga analysiert worden, das von 2008 bis 2009 an der Philipps-Universität Marburg durchgeführt worden ist.587 Die Untersuchungsgruppe bestand aus je 585 Gemäß dem tiefenhermeneutisch-konversionsanalytischen Forschungsansatz sind Reaktionen wie Verhaltensweisen der Jugendlichen in den Gruppendiskussionen ein Ausdruck der Wirkung des Medienmaterials auf die Rezipient_innen (vgl. Kapitel 3.1 und 3.2.3 sowie Prokop 2006, S. 17f.). 586 Ebd., S. 18. 587 Das Forschungsprojekt »Mediale Darstellungsformen von Weiblichkeit und Männlichkeit heute. Geschlechterdarstellungen in Werbespots und Comics in ihrer Vorbildfunktion für Jugendliche« ist unter der Leitung von Prof. Dr. Prokop vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert worden. Ein zentrales Erkenntnisinteresse des Projekts ist die Wahrnehmung der (Geschlechts-)Körperbilder und Geschlechterverhältnisse in den beiden Medienformaten Werbung und Comic von Jugendlichen verschiedener Bildungsniveaus und Milieuzugehörigkeiten gewesen. Neben den Gruppendiskussionen sind anhand von Fragebögen soziodemographische Daten sowie Informationen zu Mediennutzung, Freizeitgestaltung und Lebenswelt der Befragten erhoben worden. Zu Ergebnissen im Bereich Werbung vgl. Friese, N.: Körperbilder in gegenwärtigen Modernisierungsprozessen. In: Büttow, B. u. a. (Hg.): Körper Geschlecht Affekt. Wiesbaden 2013, S. 137ff. 3055 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen einer gemischtgeschlechtlichen Jugendlichengruppe im Alter von 12 bis 14 Jahren aus dem Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig (Jahrgangsstufe 7) im mittelhessischen städtischen Gebiet.588 Die Teilnehmenden der Gruppendiskussionen sind per Zufallsprinzip aus einem schulischen Klassenverband zusammengestellt worden, wobei die Gespräche anstelle des Unterrichts stattfanden.589 Die forschungsmethodische Operationalisierung des Erkenntnisinteresses erfolgte mit dem Forschungsdesign der Konversionsanalyse, ein tiefenhermeneutisch fundiertes Verfahren zur Analyse der Wirkung von Medienangeboten bei Publikumsgruppen.590 Als kombinierte Inhalts- und Wirkungsanalyse ergänzt dieser Ansatz die tiefenhermeneutische Analyse der Manga mit der qualitativen Erhebung und tiefenhermeneutischen Auswertung ihrer Rezeption in der jugendlichen Zielgruppe. Die qualitativen Gruppenanalysen von Leithäuser und Volmerg lieferten hierbei das Modell zur Erhebung der Rezeptionsweisen in den Jugendgruppen.591 Die Auswertung erfolgte anhand von Transkripten der Gruppendiskussionen mit dem szenischen Verstehen, gekoppelt mit der Interpretation in Forschungsgruppen.592 Die Darstellung der gewonnenen Erkenntnisse zur Rezeption der Mangamaterialien in den Jugendgruppen gliedert sich in zwei Teile: eine thesenhafte Ergebnisübersicht sowie ein Rezeptionsfallbeispiel. Die thesenhafte Ergebniszusammenstellung umfasst sowohl basale gruppendynamisch-sprachstilistische als auch maßgebliche rezeptionsbezogene Befunde. Das Rezeptionsfallbeispiel stellt zentrale Reaktions- und Verarbeitungsmuster der Jugendlichen in vertiefender 588 Insgesamt sind 36 Jugendliche befragt worden davon 17 Mädchen und 19 Jungen. In den Gruppen der Real- und Hauptschule ist die Geschlechterverteilung ausgewogen lediglich in der gymnasialen Gruppe überwiegen die Jungen deutlich (10 Jungen, 6 Mädchen). 589 Der Feldzugang ist über Schulen bzw. Schulklassen erfolgt, da sie die Möglichkeit bieten, Jugendliche in altershomogenen gemischtgeschlechtlichen Gruppen zu befragen, die zudem unterschiedlichen sozialen Milieus und Bildungsschichten angehören, was insbesondere für das HMWK-Forschungsprojekt von Relevanz gewesen ist. Lehrpersonal ist in den Diskussionen nicht anwesend gewesen, sie sind von mir und einer studentischen Mitarbeiterin durchgeführt worden. 590 Vgl. Kapitel 3.1. 591 Vgl. Leithäuser, T. u. a.: Entwurf zu einer Empirie des Alltagsbewusstseins. 1977. 592 Vgl. Kapitel 3.2. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten306 Weise dar, indem es exemplarisch Wirkungsweisen des ersten Kapiteltitelbilds aus Death Note in den Jugendgruppen anhand von Diskussionsauszügen analysiert.593 5.1 Thesenhafte Ergebnisübersicht Zentrale Befunde des Forschungsprojekts zum Bereich Manga, die sich für die Frage nach der Wirkung japanischer Jugendcomics bei den befragten Heranwachsenden als relevant erweisen, sind im Folgenden ergebnisbezogen dargelegt. Jeder Einzelbefund ist in einen Bezug zu vorhandenen empirischen oder theoretischen Ergebnissen gestellt. 5.1.1 Jugendlicher Sprech- und Sprachstil in den Gruppendiskussionen Der erste Befund der Rezeptionsstudie betrifft den Sprech- und Sprachstil der befragten Jugendlichen.594 Die Auswertung der Diskussionen wird durch diesen beeinflusst, da die Auseinandersetzungen innerhalb der Jugendgruppen zumeist schnell, laut und emotional verlaufen. Kommentare sind häufig im Zwischenrufstil, gleichzeitig oder in parallelen Gesprächslinien gegeben worden, wobei sich die Phantasien zum Medienangebot in interpretationsbedürftige, jugendsprachliche Wort- und Zitierspiele kleiden. Aufgrund dessen sind die Rezeptionsprozesse in den Gruppengesprächen der Jugendlichen erst im Laufe der Interpretationsarbeit in verschiedenen tiefenhermeneutischen und interdisziplinären Forschungsgruppen zugänglich gemacht und in ihrem Zusammenhang zum Bildmaterial erschlossen worden.595 593 Die Diskussion der Auswertungsergebnisse erfolgt für die ersten vor allem gruppendynamisch-sprachstilistischen Befunde im Rahmen der thesenhaften Zusammenfassung. Rezeptionsbefunde, die im Fallbeispiel veranschaulicht sind, werden in diesem Kontext diskutiert. 594 Bei den Befunden handelt es sich methodisch betrachtet um manifeste Ergebnisse zur psychologischen Analyseebene des Materials. Ihre weiterführende Relevanz für die Reaktionen und Verarbeitungen des Medienangebots im Sinne der Konversion ist in die Interpretation der Rezeption miteingeflossen. 595 Bei den Forschungsgruppen handelt es sich um die Marburger Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik um Prof. Dr. Prokop, die Marburger Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik und Kulturanalyse, den Frankfurter Arbeitskreis Tiefenhermeneutik und Sozialisationstheorie ergänzt um die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Gender Studies des Marburger Graduiertenkollegs für Geistes- und Sozialwissenschaften. 3075 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen Entwicklungstheoretisch verweist der expressive Redestil auf die Altersphase der Befragten, die am Beginn der Pubertät stehen und in dieser physisch-psychischen Veränderungsphase ihre Impulse und Emotionen mittels eigener, gruppenbezogener Symbolisierungen und Jugendsprache(n) ausdrücken. Bezogen auf das Gesprächssetting kann der benannte Sprech- und Sprachstil als Reaktion der Jugendgruppen auf das ungewohnte Kommunikationsangebot der offenen, moderierten Gruppendiskussion eingeordnet werden. Insbesondere im schulischen Setting des Klassenraums scheint diese von den gewohnten Kommunikationsstrukturen des Unterrichtsgesprächs abweichende Art des Austauschs einen Raum zu eröffnen, in dem die Jugendlichen sich expressiver, ungezwungener und emotionaler äußern und verstärkt auf jugendsprachliche Redeformen zurückgreifen. »Die Jugendsprachen sind in soziologischer Hinsicht […] ein Rollensymbol […] [durch das, R. K.] der Jugendliche sich bewusst von der Kinder- und Jugendrolle abgrenzen und gleichzeitig seine Mitgliedschaft in einer jugendlichen Peergruppe demonstrieren (kann).«596 Die Gruppendiskussionen zum Mangamaterial mit ihrem jugendsprachlichen Stil sind insofern eher als eine Gleichaltrigenkommunikation denn als eine dem institutionellen Rahmen folgende schulische Interaktion anzusehen.597 Das Jugendsprachliche an dem Sprech- und Sprachstil der Gruppendiskussionsteilnehmenden zeichnet sich durch »eigene sprachliche Bilder und eigenständige Wortbildung […] Stilmittel wie Humor, Ironie, Unter- und Übertreibung«598 aus. »Die von den Jugendlichen bevorzugt verwendeten Begriffe […] spiegeln hauptsächlich die emotionale Einstellung der jeweiligen jugendlichen Sprecher wieder. Der jugendspezifische Sprachgebrauch wird somit kaum von den Sprechern reflektiert und besteht stattdessen aus überwiegend spontan gebrauchten Begriffen.«599 596 Chun, M.: Jugendsprache in den Medien. 2007, S. 68. Online: URL: urn:nbn:de:h bz:465-20070704-111248-8 l. A.: 25.05.15. 597 Vgl. Spiegel, C.: Jugendliche diskutieren im Unterricht. In: Neuland, E.: Jugendsprachen. 2003, S. 441f.; Friese 2013, S. 154. 598 Chun 2007, S. 52. 599 Ebd., S. 68. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten308 Dieser Sprachgebrauch »wirkt für die Außenstehenden häufig unverständlich und distanzierend«600 vor allem da sie den zugrundeliegenden Erfahrungskontext der jugendlichen Sprechenden nicht teilen.601 Mit diesem erfahrungs- wie emotionsbasierten, privatisierten Gruppensprachgebrauch, der von alltäglichen, erwachsenensprachlichen Begriffsverwendungen abweicht, erweisen sich die Kommentare und Reaktionen der Jugendlichen in den Diskussionen als deutungsintensives Material mit gesteigerter Interpretationsnotwendigkeit. Forschungsmethodisch betrachtet kommt der jugendliche Sprachgebrauch mit seinem spontan-unreflektierten, zum Teil unbewussten Ausdruck von Emotionslagen, Themen und Konflikten dem tiefenhermeneutischen Auswertungsverfahren entgegen. Die Methode schließt aus Assoziationen, Phantasien und Reaktionsimpulsen auf die Wirkungen des Angebots bei den Rezipient_innen, wobei auch die Analyse von »Sprachspielen« (Wittgenstein) ein Mittel des Erkenntnisgewinns darstellt.602 Insofern können die Sprach- und Interaktionsformen der Heranwachsenden Aufschluss über ihre Reaktionsmuster auf das mediale Angebot, ihre Verarbeitungsweisen im Gruppenkontext auch hinsichtlich latenter Dimensionen liefern. 600 Chun 2007, S. 52. 601 Grundsätzlich kann der Einsatz jugendsprachlicher Kommunikationsformen Heranwachsenden dazu dienen, ihre Emotionen auszudrücken und zu regulieren, sich als Jugendlichengruppe darzustellen und von Älteren – wie den Moderator_innen der Gruppendiskussion – abzugrenzen sowie sich in der Gleichaltrigengruppe zu inszenieren (vgl. ebd., S. 49ff.). 602 Lorenzer fasst Sprache als ein Symbolsystem auf, in dem ein originär leiblich-sinnliches Erfahrungsmuster (eine sinnlich-symbolische Interaktionsform) mit einer Lautfolge, einem Begriff verkoppelt ist und insofern die individuelle Lebenspraxis mit dem gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmustern verknüpft ist. Da dies ein spannungsvolles Unterfangen ist, indem es zu Ausschlüssen, Umdeutungen, fehlerhaften Verknüpfungen und sogar Desymbolisierungen lebenspraktischer Erfahrungen aus der sprachlichen Verfügung kommen kann, »bilden Sprachspiele im tiefenhermeneutischen Kontext keine unauflösbare Einheit zwischen objektivem Begriff und subjektiver Lebenspraxis ab, sondern sich im Prozess der Kompromisssuche befindliche Konflikttypologien.«(Klein, R.: Tiefenhermeneutische Analyse, URL: www.fallarchiv.uni-kassel.de/lernumgebung/ tiefenhermeneutik/l. A.: 12.12.16) Vgl. Lorenzer, A: Das Konzil der Buchhalter. Frankfurt 1988b; Lorenzer, A.: Sprache, Lebenspraxis und szenisches Verstehen. In: Ders.: szenisches Verstehen. Marburg 2006, S. 13ff. 3095 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen 5.1.2 Geschlechtsdifferente Diskussionsbeteiligung: Jungendominierte Gespräche Bei Mädchen und Jungen fällt die Beteiligung in den Gruppendiskussionen auffallend disparat aus.603 Es zeigt sich eine deutliche Dominanz der männlichen Teilnehmenden und die Zurückhaltung der weiblichen. In allen drei Befragungsgruppen bestreitet eine Gruppe aus Sprechern und jeweils einer Sprecherin im Schwerpunkt die Auseinandersetzungen. Bei den männlichen Jugendlichen handelt es sich augenscheinlich um die tonangebenden Personen innerhalb der (Jungen-)Gruppe. Die Mädchen haben nach Eindruck des Forscher_innenteams unterschiedliche Zugänge. In der Gruppe aus dem Gymnasium handelt es sich um eine engagierte Schülerin, die sich in das Geschehen einbringen möchte. In der Realschulgruppe ist die Sprecherin aufgrund ihres Faibles für japanische Zeichentrickserien engagiert beim Thema, während das Mädchen in der Hauptschulgruppe zur Clique der sich beteiligenden Jungen gehört. Die Gruppendiskussionen werden weitestgehend von Aushandlungen unter den männlichen Akteuren bestimmt. Die Beiträge der Sprecherinnen werden stellenweise in die Verhandlungen einbezogen, bleiben in Teilen aber auch für sich stehen. Andere Gruppenmitglieder beteiligen sich nur vereinzelt oder gar nicht am Diskussionsgeschehen. Die »Schweigergruppe« besteht aus einem Teil der Jungen und der Mehrzahl der Mädchen. Für die Ergebnisse der Rezeptionsstudie bedeutet das, dass die Themen primär von den aktiven, männlichen Sprechenden platziert, ausgestaltet und verhandelt werden. Eine Aussage über die Perspektive der Mädchen ist nur als Tendenz möglich. Über etwaige abweichende, zustimmende oder ergänzende Sichtweisen der männlichen wie weiblichen Schweigenden lassen sich keine Aussagen treffen. Als Gründe für die mangelnde Gesprächsbeteiligung der Schweigenden lassen sich im Rekurs auf Lamnek folgende in Betracht ziehen: »Persönlichkeitsstruktur (z. B. Introversion), mangelndes Verbalisierungsvermögen, keine Betroffenheit durch Diskussionsthema, keine Sachkom- 603 Die folgenden Ausführungen stellen eine Erweiterung veröffentlichter Befunde dar (vgl. Kahl 2013, S. 179f.). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten310 petenz hinsichtlich des Diskussionsgegenstandes, gruppendynamische Effekte (z. B. Vielredner, Statusunterschiede etc.), ihre tabuisierte, abweichende Auffassung soll verborgen bleiben, ihre Auffassung wurde (immer) schon vor ihnen geäußert, eine Verdoppelung […] wollen sie vermeiden.«604 In der Reflexion der Beobachtungen der Jugendgruppen im Erhebungskontext lässt sich hinsichtlich der schweigenden Jungen ableiten, dass sie zu den weniger populären Mitgliedern der Gleichaltrigengruppe gehören (Aspekt Statusunterschied), im Einzelfall mag es sich auch um Jugendliche handeln, die sich in Gruppensituationen oder dem Schulkontext eher zurückhalten (Aspekt Introversion). Zu den anderen Ansätzen von Lamnek lassen sich für diese Teilgruppe keine fundierten Aussagen treffen.605 Hinsichtlich der schweigenden Mädchen bzw. der geschlechtsbezogenen Gesprächsverteilung, der zufolge vor allem männliche Jugendliche die Diskussionen bestreiten, zeigen sich Verwandtschaften zu anderen Medienrezeptionsstudien in Jugendgruppen.606 Insbesondere in den tiefenhermeneutischen Rezeptionsstudien zu Fernsehsendungen in Schulklassen und Jugendgruppen finden sich vergleichbare geschlechtsbezogene Gesprächsbeteiligungen: Zumeist bestimmt eine der Geschlechtergruppierungen die Diskussion; in männlich dominierten Diskussionsrunden ziehen sich die Mädchen tendenziell ins Schweigen zurück, in weiblich dominierten die Jungen – ein gleich starkes Diskussionsverhalten bildet die Ausnahme.607 Dies kann zum einen mit der geschlechtsbezogenen Medienrezeption, sprich der unterschiedlichen Be- und Verarbeitung des medialen Inhalts- und Wirkungsangebots von Mädchen und Jungen zusammen- 604 Lamnek 1998, S. 153f. 605 Hinsichtlich der Sachkompetenz wie thematischen Betroffenheit fällt sie zumindest im Fall eines Schweigenden deutlich höher aus als bei den Sprecher_innen, handelt es sich bei diesem Jungen doch nach Aussage seiner Mitschüler_innen um den einzigen Mangaleser und -zeichner der Gruppe. Dabei könnte das private Interesse an dem Gegenstand gerade die Zurückhaltung des Jungen bedingen, da es mit der Befürchtung einhergehen mag, von der Gruppe bloßgestellt zu werden. 606 Vgl. Klaus, E.: Verhandlungssache Castingshow. In: diskurs, (2009) 2, S. 44f. 607 Prokop u. a. 2000; Prokop u. a. 2009, S. 159ff.; Stach, A./Lutz, C.: Geschlechterdynamiken in der Casting-Show Germany’s Next Topmodel. In: Stach, A. (Hg.): Von Ausrei- ßern, Topmodels und Superstars. Norderstedt 2010, S. 174ff; Friese 2013, S. 141f., 150ff. 3115 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen hängen, die an späterer Stelle ausgeführt ist. Zum anderen verweist das geschlechtsbezogene Beteiligungsverhalten in den Diskussionen auf die gruppeninterne Gesprächskultur zwischen Mädchen und Jungen: »Je näher und kommunikativer die Beziehung zwischen Mädchen und Jungen in der Klasse oder auch im außerschulischen Kontext sind, desto milder fällt die Konfrontation zwischen den Geschlechtern aus, und je eher ist eine Annäherung an einen Dialog über Wünsche und Gefühle möglich.«608 Umgedreht bedeutet das, je getrennter die Geschlechtergruppen gewohnt sind zu agieren und je unvertrauter den Mädchen und Jungen ein offener kommunikativer Austausch mit der anderen Geschlechtsgruppe ist, desto kontrovers-konfrontativer oder einseitig-dominanter kann das Gesprächsverhalten ausfallen. Auf latenter Ebene spielt in gemischtgeschlechtlichen Gruppendiskursen zudem eine Begehrensdynamik zwischen Mädchen und Jungen eine zentrale Rolle.609 In medienbezogenen Diskussionsrunden der Heranwachsenden zeigt sie sich als gruppenspezifische Inszenierung eines geschlechtsspezifischen Spiels, in dem das Medienangebot zum »Spielball« des wie auch immer gearteten Begehrensdiskurses avanciert.610 Neben einer solchen »Selbstdarstellung der Geschlechter voreinander«611 bildet »die Selbstdarstellung vor der eigenen Geschlechtsgruppe«612 einen zweiten zentralen Fokus der geschlechtsbezogenen Gruppendynamik. In welcher Weise sich diese Selbstdarstellungen in Gruppendiskussionen inszeniert und mit welchen Themen sie verknüpft ist, variiert gruppenspezifisch und kann lediglich am Einzelfall veranschaulicht werden. In der nachfolgenden Rezeptionsanalyse ist dieser Aspekt an entsprechenden Passagen in der Deutung veranschaulicht. Insgesamt kann die unterschiedliche Diskussionsbeteiligung von Mädchen und Jungen in den offenen Gruppengesprächen zu Manga 608 Stach 2010, S. 185. 609 Vgl. Tervooren, A.: Im Spielraum von Geschlecht und Begehren. Weinheim 2006. 610 Vgl. Prokop u. a. 2009, S. 77. 611 Stach, A.: Exkurs. In: Prokop U./Friese, N./Stach, A.: Geiles Leben, falscher Glamour. Marburg 2009, S. 188. 612 Ebd. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten312 demnach als Effekt wie auch Ausdruck geschlechtsbezogener Kommunikationsmuster mit latenten Begehrens- und Selbstdarstellungsdynamiken angesehen werden, die einen inhaltlichen, gegenstandsbezogenen Austausch zwischen Mädchen und Jungen behindern bzw. erschweren. Damit stehen die vorliegenden Befunde im Kontext geschlechtersensibler Medienrezeptionsforschung, demzufolge »Rezeptionsmodi abhängig von geschlechtsgebundenen Kommunikationsstilen sind […]. Diese wiederum werden durch die Komplexität des geschlechtsgebundenen strukturierten Lebenszusammenhangs, zu dem auch das Medienangebot gehört, geprägt.«613 Die geschlechtsbezogenen Gruppenprozesse passen jedoch nicht nur zu Ergebnissen anderer Rezeptionsstudien, sondern lassen sich darüber hinaus an gleichartige Befunde zu Gruppendynamiken in Schulklassen anschließen.614 Zudem verweisen sie auf altersbezogene Geschlechterseparierungspraxen und Begehrensdynamiken, wie sie sich auch in jugendkulturellen Szenen wiederspiegeln.615 In erweiterter Perspektive kann dieser Befund der Rezeptionsstudie deshalb als empirischer Beitrag zum Feld der Geschlechterdifferenzen in der Adoleszenz angesehen werden. 5.1.3 Rezeption der Untersuchungsmaterialien: Expressive Titelbilder-Rezeption und Lektüreschwierigkeiten bei den Bild-Text-Narrativen der Manga Hinsichtlich der Verwendung der zwei unterschiedlichen Materialien aus Manga, der Einzelbildern und Narrativen aus den Mangaserien Grimms Manga und Death Note, zeigt sich überraschend, dass sie beide primär auf der (Einzel-)Bildebene rezipiert werden.616 Die Titelbilder – 613 Beinzger, D.: Filmerleben im Rückblick. In: Luca, R.: Medien Sozialisation Geschlecht. München 2003, S. 112. 614 Faulstich-Wieland, H. u. a.: Doing Gender im Schulalltag. Weinheim, München 2004. 615 Vgl. Büttow, B.: Bildungsprozesse von Geschlecht in konjunktiven Erfahrungsräumen von Jugendkulturen. In: Büttow, B. u. a. (Hg.): Körper Geschlecht Affekt. Wiesbaden 2013, S. 32ff.; Büttow, B.: Mädchen in Cliquen. Weinheim, München 2006; Rohmann, G.: Krasse Töchter. Berlin 2007; Sobiech, G.: Mädchen spielen Fußball. In: Büttow, B. u. a. (Hg.): Körper Geschlecht Affekt. Wiesbaden 2013, S. 217ff.; Fritsche, B./Tervooren, A.: Begehrensdynamiken in der Sozialisation. In: Bilden, H./Dausien, B. (Hg.): Sozialisation und Geschlecht. Opladen 2006, S. 139ff. 616 Aussagen über die Rezeption der Narrative basieren auf Ergebnissen der Gymnasial- und Realschulgruppendiskussionen, da lediglich in diesen beiden Gruppen ge- 3135 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen insbesondere von Death Note – werden kontrovers doch angeregt diskutiert und auch die Beschäftigung mit den zugehörigen Narrativen (dem ersten Kapitel aus Death Note und der Grimms-Manga-Geschichte Die zwölf Jäger) verläuft hauptsächlich über die Kommentierung einzelner Bilder bzw. Darstellungen in den Bild-Text-Folgen. Die Themen und Konflikte der Erzählhandlung hingegen werden kaum aufgegriffen und verhandelt, so dass die Diskussionen bezüglich ihrer Rezeption keine nennenswerten Erkenntnisse liefern. Ein möglicher Anlass dieser geringen Beschäftigung mit den Erzählinhalten mag in der unvertrauten medialen Erzählform der Mangalektüre bestehen.617 Denn in den jugendlichen Diskussionen werden Leerstellen im Verständnis der Erzählhandlung deutlich (etwa wenn ein neu eingeführter Protagonist nicht als solcher erkannt wird).618 Daraus lässt sich ableiten, dass die Jugendlichen als bisherige Nicht-Lesende nügend Zeit für diesen Teil der Untersuchung, die Mangalektüre und nachfolgende Besprechung, zur Verfügung gestellt worden ist. In der Hauptschulgruppe ist die Erhebung auf das Einzelbildmaterial bezogen. Das unterschiedliche Zeitbudget ist durch die Einschätzung der Klassenlehrer_innen bedingt, wie lesewillig und redefreudig ihre Schüler_innen in der Untersuchung sein würden. 617 Die Mehrheit der befragten Jugendlichen kennt den japanischen Comicstil über die japanischen Zeichentrickserien (Anime) aus dem Fernsehen. Vor allem die Jungen kennen sich mit den Zeichentrickserien aus und benennen unterschiedliche Lieblingssendungen. Insofern ist ihnen der Mangazeichenstil und bestimmte comicspezifische Symbole durchaus vertraut. Einen Manga gelesen haben jedoch nach eigenen Angaben bisher nur vereinzelte Befragte. Diese Bedingungen spiegeln die Ergebnisse einer DFG-Studie zum Medienhandeln Jugendlicher wieder: Sie hat ergeben, dass Comiclesen eine Nischenbeschäftigung von Jugendlichen darstellt im Vergleich zur übrigen Mediennutzung. 26,2 % der über 3.000 befragten Jugendlichen lesen Comics. Mehr als doppelt so viele Jugendliche lesen regelmäßig Bücher (59,6%) und 99% schauen regelmäßig Fern. Dennoch zeigt sich, dass die Hälfte aller Jugendlichen weiß, dass es sich bei Manga um Comics japanischer Herkunft handelt. Denn nach den Ergebnissen der Studie ist die Comickultur unter Jugendlichen nicht zuletzt durch ihre Präsenz über Zeichentrickserien im Fernsehen weit verbreitet (vgl. Treumann u. a. 2007, S. 142ff.). 618 In einer der Besprechungen des ersten Kapitels von Death Note wird der zum Schluss eingeführte Widersacher der Hauptfigur (der Interpolberater L.) nicht als neuer Akteur aufgefasst, sondern mit der Hauptfigur (dem Schüler Light Yagami) verwechselt (vgl. Gruppendiskussion 2_R1, S. 31ff.). Dies mag auf der Bildebene mit der Darstellungsweise der Figur in Verbindung stehen, die lediglich den Körper nicht aber sein Gesicht zeigt. Zudem ist die Gestalt nur in einem einzigen Panel zu sehen. Auf der Textebene führt sich die Figur über die Benennung ihrer Aufgabe und die Kommentierung der Ereignisse ein und ist damit lediglich indirekt als neuer Akteur identifizierbar (vgl. Ohba/Obata 2003, S. 51). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten314 von Manga Schwierigkeiten bei ihrer ersten Lektüre des Bild-Text-Mediums und einer Erfassung der Erzählgehalte haben. Eine solche Schlussfolgerung lässt sich zum einen theoretisch stützen mit Erkenntnissen zu den besonderen Lektüreanforderungen und Decodierungsherausforderungen von Manga, wie sie an früherer Stelle bereits erläutert worden sind.619 Zum anderen liefern Beobachtungen in studentischen Seminargruppen Hinweise zu einer solchen Interpretation der Befunde aus den Jugendgruppen. Bei der Analyse des gleichen Mangamaterials aus Einzelbildern und Narrativen mit Studierenden der Erziehungswissenschaft zeigt sich eine bemerkenswerte Differenz im Lektüreverhalten der geübten Mangalesenden und der Erstlesenden in der Gruppe.620 Die studentischen Mangaleser_innen konzentrieren sich auf die Bilderfolgen (insbesondere die visuell hervorstechenden Signalelemente) und lesen die Texte nur in Auszügen. Demgegenüber fokussieren die Erstlesenden sich auf die Lektüre der Textanteile, da sie die Anforderung zur Verknüpfung der Bilderfolgen als verwirrend und überfordernd wahrnehmen. Bei den studentischen wie jugendlichen Erstlesenden von Manga lassen sich demnach Rezeptionsherausforderungen angesichts der Lektüre von Bilderfolgen mit Textelementen erkennen, die unterschiedlich bearbeitet werden. Während die Studierenden die Textebene präferieren, fokussieren die befragten Jugendlichen einzelne Bilder. Bei beiden Umgangsformen kommt es zu einer selektiven Reduktion der comicspezifischen bild-sprachlichen Doppelstruktur und der darüber vermittelten Erzählgehalte – im einen Fall zugunsten des verbalen im anderen zugunsten des piktoralen Zeichensystems mit unterschiedlichen Konsequenzen für die Rezeption des narrativen Zusammenhangs. Mit ihrer Präferenz für die textliche Zeichenebene können die studentischen Erstlesenden den Erzählverlauf tendenziell nachvollziehen, liefern die Textelemente doch einen erläuternd-vereindeutigenden Zusammenhang des ansonsten gezeigten Geschehens.621 Bei den Jugendlichen, die 619 Vgl. Kapitel 2.3, vor allem 2.3.3. 620 Die Beobachtungen entstammen medienpädagogischen Seminaren, die im Wintersemester 2007/2008 sowie in den Sommersemestern 2008, 2009 und 2010 an der Philipps-Universität Marburg am Institut für Erziehungswissenschaft von mir durchgeführt worden sind. 621 Vgl. Kapitel 2.3.2. 3155 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen in erster Linie die visuelle Ebene der Einzelbilder fokussieren, bleibt der Zugang zum Erzählinhalt hingegen unterbelichtet, da sie sowohl den sinngenerierenden Text als auch die narrative Bilderfolge nur eingeschränkt rezipieren. Hinsichtlich des jugendlichen Umgangs mit den beiden Materialsorten Titelbilder und Narrativen ist zudem ein Einzelinterview mit einer 12-jährigen Mangaleserin nacherhoben worden. Ihre Auseinandersetzung mit den Materialien zeigt eine differenzierte Rezeption der Einzelbilder und Narrative:622 Die Figurendarstellungen der Titelbilder rufen Vorstellungen über die dargestellten Charaktere sowie die zugehörigen Erzählungen und Mangagenre hervor, während bei den Narrativen eine Beschäftigung mit Erzählthematiken wie auch besonderen Bildeindrücken stattfindet. Bezüglich des Umgangs mit den Bild- und Text-Komponenten der Manga zeigt sich eine Lektüre der Bilderfolgen unter Berücksichtigung von ausgewählten Textanteilen, die sich mit der Lesepraxis der studentischen Mangalesenden vergleichen lässt.623 Abschließend verweist der gleichartige, visuell- und einzelbildorientierte Umgang der befragten Jugendlichen mit den beiden Materialsorten auf die Rezeptionsanforderungen der Mangalektüre, deren »komplexe Bild-Text-Fügung eine ganz eigene Sprache konstituiert, die – ähnlich wie das Alphabet – erst erlernt werden will.«624 Dieses Lernen setzt eine wiederholte Mangalektüre voraus und kann – so macht die Rezeptionsstudie deutlich – zu Beginn eine Verständnishürde im Umgang mit dem präsentierten Inhalt darstellen.625 Zugleich macht der 622 Vgl. Interviewtranskript Mangaleserin 04.08.2010, im Archiv der Verfasserin. 623 Die Lektürepraxis, sich auf die Bilderfolgen zu konzentrieren und Textbestandteile lediglich in Auszügen zu rezipieren, führt zu einer erhöhten Lesegeschwindigkeit und weist damit in Richtung der japanischen Rezeptionspraxis. Verlegerkalkulationen zufolge benötigen japanische Lesende 20 Minute für ein 320-seitiges Mangamagazin, was eine durchschnittliche Lesegeschwindigkeit von 15–16 Seiten pro Minute (bzw. rund 4 Sekunden pro Seite) bedeutet (vgl. Schodt 1993, S. 18). Diese Geschwindigkeit hängt nach Schodt mit der Konzentration auf die schnell erfassbaren, filmischen Bilderfolgen zusammen. Nach meiner Ansicht wird sie zusätzlich durch die im Manga nahgelegte Fokussierung auf prägnante visuelle Signalelemente befördert (vgl. Kapitel 4.2.5.2, Unterkapitel »Signalelemente als Anker der zentralen Erzählmomente«, Beispiel des Manga Die zwölf Jäger). 624 Brunner 2009, S. 15. 625 In das notwendige Zeichenverstehen, die Entschlüsselung der vielfältigen Mangazeichenkodes in Kombination mit der Kenntnis der unterschiedlichen auch visuellen Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten316 Befund die Eindrücklichkeit einzelner Bilder und (Figuren-)Darstellungen im Manga deutlich, die unabhängig vom narrativen Kontext die Aufmerksamkeit anziehen, da sie bei den Jugendlichen erfolgreich bedeutsame Phantasien, Affekte sowie Impulse auszulösen vermögen. Mit diesem Ergebnis liefert die Studie einen Beitrag zu den spezifischen Rezeptionsherausforderungen der verschränkten Zeichensysteme aus Bildern und Texten in Comics und ihrer besonderen Ausprägung in Manga. Sie verdeutlicht, dass eine Lesesozialisation in den »bimodalen Kode« (Köhn) von Manga erforderlich ist, um die zugehörige Bild-Sprache zu entschlüsseln und ihre Narrativik zu erfassen. Weiterführende Studien zu diesem Themenfeld insbesondere im Vergleich von Mangalesenden und Nichtlesenden sind wünschenswert. Für die Befunde der Rezeptionsstudie folgt aus dem Umgang mit den Materialsorten eine inhaltliche Schwerpunktsetzung auf die Bildrezeption des Einzelbildmaterials und die damit verknüpften Wahrnehmungen, Assoziationen sowie Diskussionsthemen. Die weitere Darstellung fokussiert demzufolge primär diese Ergebnisse. 5.1.4 Geschlechtsbezogene Rezeptionsweisen: (Geschlechts-)Körperideale und Geschlechtsidentitätsfragen Ein wichtiges Ergebnis ist, dass die Rezeption des Manga(bild)materials geschlechtsdifferent verläuft. Besonders die männlichen Jugendlichen reagieren expressiv auf die Geschlechtskörperdarstellungen der Mangafiguren, wobei polare, traditionelle Geschlechternormen vertreten werden. Uneindeutige Geschlechtsidentitäten und androgyne Erscheinungen werden mehr oder weniger heftig abgelehnt insbesondere als weiblich assoziierte Merkmale an männlichen Körpern. Sie betrachten die männlichen Protagonisten als Vergleichsfolien und klopfen sie nach einem Bild von Männlichkeit ab, das mit Stärke, Selbstkontrolle, Souveränität und der Abgrenzung von Weiblichkeit verbunden ist; demzufolge vertreten sie ein hegemoniales Männlichkeitskonstrukt.626 Genrekonventionen üben sich Mangaleser zunehmend ein und bilden damit spezifische visuelle Lektürekompetenzen (in japanischer Leserichtung) sowie Genrepräferenzen aus (vgl. Kapitel 2.3.6.1). 626 Unter hegemonialer Männlichkeit verstehen Meuser und Scholz eine »Dominanz männlicher Wert- und Ordnungssysteme, Interessen, Verhaltenslogiken und Kommunikationsstile«, die das Männliche zur Norm und das Weibliche zur unterlegenen Ab- 3175 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen Wenn die Figuren dem Ideal nicht eindeutig entsprechen, werden sie als homosexuell abgewertet und damit als »weiblich« aus der Männergruppe ausgeschlossen. Jungenhafte wie auch kindlich-verführerische Mädchenfiguren hingegen werden sexualisierend kommentiert und abgewertet, wobei sich die Auseinandersetzung als Schwanken zwischen (erotischer) Faszination und ängstlicher Ablehnung verstehen lässt. Zusammengefasst fluktuiert die Diskussion der männlichen Jugendlichen zwischen Aufregung, Angst und aggressiver Ablehnung. Insbesondere die Vieldeutigkeit der Comicfiguren mit ihrer wandelbaren unabgeschlossenen (Geschlechts-)Identität löst bei ihnen Verunsicherung aus, die zur Abwehr führt, wobei die Aushandlungen dem Muster Übersteigerung – Abwertung – Ausgrenzung folgen. Insgesamt etablieren sie eine rigide Norm komplementärer Geschlechterrollen und heterosexueller Identitäten, die nicht hinterfragt werden darf. In den einzelnen Beiträgen der sich artikulierenden Mädchen tritt ein interessiert-bewertender Blick auf weibliche Figuren(körper) sowie eine Betrachtung männlicher Figuren als potentielle Beziehungspartner zu Tage. Protagonistinnen werden auf ihre körperliche Erscheinung und Attraktivität hin betrachtet und kommentiert, was als »Auseinandersetzung mit der Inszenierung von […] Weiblichkeit«627 deutbar ist. In dem aufscheinenden Interesse an Attraktivitäts- und Schönheitsfragen insbesondere der weiblichen Figuren deutet sich die Suche nach weiblichen Identifikationsfiguren und Rollenmodellen ebenso an wie ein kritischer Blick auf (weibliche) Körper. Darin zeigen sich Verwandtschaften zu Ergebnissen anderer Rezeptionsstudien mit weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen.628 Jugendliche männliche Figuren nehmen die Sprecherinnen hingegen als potentielle Partner in den Blick und setzen sich zu ihnen als gegengeschlechtliches Gegenweichung erklärt (Meuser, M./Scholz, S.: Hegemoniale Männlichkeit. Versuch einer Begriffsklärung aus soziologischer Perspektive. In: Dinges, M. (Hg.): Männer – Macht – Körper. Frankfurt 2005a, S. 223). In Connell’s Ansatz ist mit dem Terminus die dominante (heterosexuelle) Männlichkeitsposition in einer Hierarchisierung verschiedener Männlichkeitskonstruktionen gemeint, zu denen auch die marginalisierte und die komplizenhafte Männlichkeit gehören (vgl. Connell, R.: Der gemachte Mann. Opladen 1999). 627 Stach/Lutz 2010 , S. 181. 628 Götz 2003, S. 101ff; Stach, A.: Einübung eines kritischen Blicks auf den weiblichen Körper. In: Büttow, B. u. a. (Hg.): Körper Geschlecht Affekt. Wiesbaden 2013a, S. 128ff.; Friese 2013, S. 142ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten318 über in Beziehung, wobei die Frage der erotischen Attraktivität das verborgene Thema bildet. Zudem versuchen sie einen Zugang zu den Figuren über empathisch ausgerichtete Phantasien zu ihrer Innenwelt herzustellen. Die weibliche Perspektive auf männliche Figuren ist in der exemplarischen Rezeptionsanalyse ausgeführt. Resümierend lassen sich die geschlechtsdifferenten Rezeptionsthemen zum Mangaangebot in den Feldern (Geschlechts-)Körperideale, (Paar-)Beziehungen sowie geschlechtsbezogenen Identitätsfragen finden. Diese Befunde verweisen auf vergleichbare geschlechtsbezogene Thematisierungsdifferenzen in der Aneignung anderer Medienangebote,629 die sich selbst in der jugendlichen Kritik von Medienstoffen zeigen.630 Zudem kann die geschlechtsdifferente Rezeption des Angebots im Zusammenhang mit geschlechtsbezogenen Mangapräferenzen gesehen werden, wobei verschiedene Genre bevorzugte Themenfelder und Interessensgebiete der Geschlechter bedienen und sie damit zugleich mitgestalten und verfestigen. 631 Die differierenden Rezeptionsthematiken und Reaktionsmuster der männlichen und weiblichen Jugendlichen, die ferner die zuvor ausgeführte geschlechtsbezogene Diskussionsbeteiligung mitbedingen, verweisen dabei auf unterschiedlich ausgerichtete Entwicklungsprozesse in der Ausbildung der Geschlechtsrollen und -identitäten. Als Hintergrund können geschlechtsbedingte physische wie psychische Anforderungen und soziokulturelle Herausforderung für Mädchen und Jungen in der Adoleszenz angesehen werden, die ihre Perspektiven wie Aneignungspraxen medialer Angebote in unterschiedlicher Weise leiten. Eine weiterführende Auseinandersetzung mit den geschlechtsbezogenen Thematisierungen findet im Kontext der exemplarischen Rezeptionsanalyse statt. 629 Luca, R.: »Andere« Fernseh-Frauen. In: medien praktisch, (1996) 3, S. 13ff.; Prokop u. a. 2000, S. 51ff.; Prokop u. a. 2009, S. 159ff.; Stach/Lutz 2010; Stach 2013, S. 127ff.; Schilter, I.: Geschlechtsgebundene Fernsehrezeption am Beispiel des Fernsehkrimis. In: Luca, R.: Medien Sozialisation Geschlecht. München 2003, S. 151ff. 630 Vgl. Stach 2010, S. 183ff. 631 Zu den geschlechtsbezogenen Mangapräferenzen vgl. Kapitel 2.3.6.1. 3195 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen 5.1.5 Gemeinsame Rezeptionsthemen der drei Jugendgruppen: Statusfragen und Geschlechterrollen Zentrales Ergebnis der Rezeptionsanalyse der verschiedenen Gruppen ist, dass sich in der Auseinandersetzung mit dem Bildmaterial gemeinsame Themenschwerpunkte zeigen. In den Diskussionen etablieren sich vor allem über die männlichen Jugendlichen in den verschiedenen Gruppen und Schultypen auffallend parallele Geschlechternormen wie im vorherigen Punkt benannt. Neben der Geschlechterfrage bildet die soziale Lage überraschend ein gemeinsames Kernthema der jugendlichen Rezeption. Es wird deutlich, wie bedeutsam für die Jugendlichen eine Selbstpositionierung im sozialen Gefüge ist, was sich in der exemplarischen Rezeptionsanalyse nachfolgend in gruppenvergleichender, themen- wie geschlechtsbezogener Hinsicht ausgeführt ist. 5.2 Rezeptionsanalyse zum ersten Kapiteltitelbild aus Death Note: Statusfragen und Geschlechternormierungen Die Auswertung der Gruppendiskussionen hat ergeben, dass die Jugendlichen expressiv auf die Comicdarstellungen reagieren und ihre Rezeption in Teilen durch ihre Geschlechts- und ihre Bildungsmilieuzugehörigkeit bedingt ist. Dies ist im Weiteren an der Rezeption des Mangabildes »Langeweile«, Titelbilds des ersten Kapitels der Serie Death Note exemplarisch veranschaulicht, da die Reaktionen auf diese Darstellung in den drei Gruppen am stärksten ausgefallen sind. Anhand der beiden Teilbereiche der tiefenhermeneutischen Bildanalyse – den Wahrnehmungen der Jungenfigur und der Monsterfigur – sind mittels Diskussionsauszügen zunächst Reaktionsweisen der drei schulzweigbezogenen Jugendgruppen dargestellt.632 Darauf aufbauend sind zentrale gemeinsame Themen ihrer Rezeption unter Berücksichtigung geschlechtsbezogener Differenzen herausgearbeitet und die 632 Assoziationen und Kommentare zum dritten Bereich der Bildanalyse, dem möglichen Handlungsort bzw. Setting der Bildszene finden sich bei den Jugendlichen nicht. Auch zum Verhältnis der beiden Figuren äußern sie sich nur vereinzelt, wobei Phantasien einer Doppelidentität, einer Verwandlung des Jungen in das Monster im Fokus stehen. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten320 damit verbundenen Leitvorstellungen und Verarbeitungsformen im Fazit reflektiert.633 5.2.1 Reaktionen auf die Jungengestalt Die Reaktionen auf die Darstellung des Jungen differieren in den Gruppen nach Schulzweig und Geschlecht. Der erste Kommentar im Gymnasium kommt von einem Teilnehmer: »Sieht aus wie ich, der Junge.«634 Der Beitrag ist paradigmatisch für die Auseinandersetzung vor allem der männlichen Gymnasiasten mit der Figur. Sie setzen sich mit dem Jungen in Beziehung und können sich teilweise in ihm wiedererkennen. Die Mädchen äußern sich kaum. Der eingeworfene Kommentar »sexy«635, den eines der Mädchen murmelt, wird im turbulenten Gruppendiskurs der Jungen nicht wahrgenommen und auch nicht weiter ausgeführt. Was in der Gruppe des Gymnasialzweigs noch leise geäußert wird und untergeht, wird in der Realschulgruppe lautstark in den Raum gestellt. Die Hauptsprecherin verkündet: »Also der Junge sieht geil aus. Hammergeil!«636 Sie betont mehrfach, dass sie ihn »sexy«637 findet und fordert die Moderatorin lachend auf: »Also backen Sie mir mal so einen Kerl.«638 Das Mädchen kommentiert als erste und hauptsächlich die Figur des Jungen. Dabei betrachtet sie ihn mit der Frage, ob er als potentieller Beziehungspartner in Frage kommt. Wenn sie ihn als attraktiven Jungen deklariert, veralbern die Jungen ihre Ausdrucksweise. In dieser Interaktion zeigt sich das altersrelevante Geschlechterspiel, in dem die Jungen von den Mädchen als attraktive Partner wahrgenommen werden möchten. Zudem nehmen die Jungen gegenüber der Mangafigur ohnehin eine ablehnende Haltung ein, indem sie ihn als »psychiatriefällige Missgeburt«639 beschimpfen. Die anderen Schülerinnen machen 633 Diese Abschnitte stellen eine erweiterte und ergänzte Überarbeitung einer Veröffentlichung dar (vgl. Kahl 2013, S. 179f.). 634 Gruppendiskussion 1_G1, S. 22. 635 Ebd. 636 Gruppendiskussion 2_R1, S. 24. 637 Gruppendiskussion 3_R2, S. 8, 19. 638 Ebd., S. 8. 639 Gruppendiskussion 2_R1, S. 27. 3215 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen durch vereinzelte Einwürfe wie »eingebildet«640 und »Psycho«641 ebenfalls deutlich, dass sie dem Jungen wenig abgewinnen können. Sie fokussieren die soziale (Milieu-)Differenz und schließen ihn von daher als adäquaten Partner aus. In der überwiegenden Ablehnung der Figur als »Streber«642 mit »Streberklamotten«643 reagieren die Jugendlichen des Realschulzweigs auf den Bildanteil, der die Figur als braven Musterschüler inszeniert. Dieses Image wird von ihnen abgelehnt, so wie sie auch »die Gymnasiasten« als »Streber« ablehnen.644 In der Jugendlichengruppe des Hauptschulzweigs taucht erneut der Einwurf »sexy«645 auf, ohne dass er näher spezifiziert oder aufgegriffen wird. Stattdessen wird von den Jungen kritisch auf die Kleidung Bezug genommen, indem die Krawatte abschätzig herausgestellt wird: »Immer mit seinem Schlips, den er an hat.«646 Das Kleidungsstück scheint eine soziale Distinktion zu versinnbildlichen, gegen die sich insbesondere die männlichen Jugendlichen abgrenzen. Darüber hinaus bietet die Jungenfigur ihnen als Gleichaltriger eine Projektionsfläche für eigene Erfahrungsräume an. So formuliert ein Junge: »Der ist auf der Flucht (gerufen) […] vor seiner Mutter. […] Der hat sein Zimmer net aufgeräumt.«647 Diese Phantasie zeigt das altersbedingte Thema der Auseinandersetzung mit den elterlichen Normen und Werten in Verbindung mit der Abgrenzung von einer mütterlichen Autorität. Demgegenüber benennt die jugendliche Sprecherin ihre Eindrücke der emotionalen Verfassung des Jungen: »Der Junge ist böse und lieb gleichzeitig. Er guckt ein bisschen deprimiert.«648 Sie stellt damit einen emphatischen Bezug her, der jedoch nicht weiter ausgeführt ist. Zusammenfassend lassen sich die Aussagen der Jugendlichen in zwei Schwerpunkten bündeln. Die Jungendarstellung regt sie zum einen zu einer Auseinandersetzung mit sozialen Statusfragen an; sie wird als Repräsentant eines gehobenen Bildungsstands und sozialen 640 Gruppendiskussion 2_R1, S. 30. 641 Ebd. 642 Gruppendiskussion 2_R1, S. 12. 643 Ebd., S. 10f. 644 Ebd., S. 2. 645 Gruppendiskussion 4_H1, S. 16. 646 Ebd., S. 23. 647 Ebd., S. 16f. 648 Ebd., S. 16. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten322 Milieus verhandelt, der mit der eigenen Bildungslage in Verbindung gebracht wird. Zum anderen geht es um den Jungen als männliche Figur, zu dem sich die Jugendlichen aufgrund ihrer eigenen Geschlechtsrolle unterschiedlich in Beziehung setzen. 5.2.2 Reaktionen auf die unmenschliche Gestalt Bei der Wahrnehmungen der monströs erscheinenden Figur stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt: die Mitschüler_innen und die Verhandlung über Männlichkeit. Grundsätzlich sehen die Jungen die Monsterfigur als einen Bösewicht an und zeigen sich (zunächst) beeindruckt. In der Gymnasialgruppe wird es zum einen mit dem Störenfried und Außenseiter der Klasse gleichgesetzt. Der Kommentar hierzu ist kurz und wird vom Angesprochenen nicht beantwortet. Zum anderen wird ein Vergleich zwischen dem Monster und einem anerkannten Mitschüler hergestellt. Der harmlose Mitschülerbezug wird in dieser Gruppe am ausführlichsten vorgenommen:649 Felix: Sieht aus, wie der Timo! Timo: Mach ich wirklich so’ n Eindruck? (Felix und Peter gleichzeitig) Felix: Jaha (Lachen). Die Fingernägel passen. Peter: Ja, machst du. Ich glaub, das liegt an diesen Zacken.650 In spielerischer Weise wird von den Jungen die Ähnlichkeit zwischen der Monsterfigur und einem Banknachbarn bekundet. Dass der Schüler seine Anerkennung in der Gruppe nicht in Frage gestellt sieht, drückt sich darin aus, dass er den Einwurf aufgreifen und mitspielen kann. Jenseits des Schülervergleichs wird das Monster von den Gymnasialschülern als »cool«651 klassifiziert. In der Realschulgruppe findet ebenfalls der Verweis auf die Ähnlichkeit des Monsters mit einem Schüler statt; hier allerdings in provokanter Weise von einer Schülerin einem Jungen gegenüber vorgebracht. Die Aussage gehört in den Kontext des gruppeninternen Geschlech- 649 Aus Datenschutzgründen sind alle Namen pseudonymisiert. 650 Gruppendiskussion 1_G1, S. 22. 651 Ebd., S. 23. 3235 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen terspiels. Es zeichnet sich durch die klare Abgrenzung von Mädchenund Jungengruppe aus und ist von sexuell konnotierten Sprüchen und Streitereien geprägt. Im Vordergrund der Gruppendiskussion im Realschulzweig steht neben dem Mitschülervergleich allerdings die Verhandlung über die Geschlechtszugehörigkeit, die maßgeblich in der Jungengruppe geführt wird. Sie reagieren emotional auf das Monster und rufen ihre ersten anerkennenden Kommentare »cool«, »monstermäßig« und »voll gut aussehend« lautstark in die Klasse.652 Nachdem sie das Bild länger betrachtet haben, fallen ihnen einzelne Merkmale jedoch negativ auf. Ein Auszug der Diskussion verdeutlicht dies exemplarisch: Bert: (rufend) Der hat einen Ohrring an! Schwuchtel. Hässlich! […] David: Der hat einen hässlichen Kopf. […] Und er hat so komische Glubschaugen, wie bei einem Frosch. […] Bert: Der Ryuk ist ’ne Schwuchtel […], der sieht total freakig aus. Und der sieht aus wie Britney Spears oder (Abbruch) Mark: Wie eine behaarte Britney Spears. Bert: Ja.653 Einzelne Aspekte der Darstellung lösen demnach bei den männlichen Jugendlichen Irritationen aus, so dass die Figur zunehmend in die Kritik gerät und schließlich als homosexuell abgewertet und abgewehrt wird. Die Jungen diffamieren die Figur zunächst als Monstrosität und verleihen dieser dann das Etikett »weiblich«. Die Darstellung scheint ihrer impliziten Vorstellung von Männlichkeit zu widersprechen, welche sich an heterosexuell-konservativen Normen männlichen Aussehens zu orientieren scheint. Die Mädchengruppe reagiert auf die zunehmende Verweiblichung und Abwertung des Monsters abwehrend. Sie stören die Verhandlung darüber durch laute Streitereien und ablenkende Zwischenrufe. Damit bringen sie die Jungen von dem Thema ab und verwickeln sie stattdessen in den klasseninternen Geschlechterdis- 652 Gruppendiskussion 2_R1, S. 23. 653 Ebd., S. 24ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten324 put. Die Unterbrechung der abwertenden Verhandlung über Weiblichkeit verläuft erfolgreich. In der Gruppe des Hauptschulzweigs kommt es vereinzelt zu einer Verweiblichung und homosexuellen Abwertung der Figur. In der allgemeinen Diskussion setzt sich jedoch die Bevorzugung der bösen Figur trotz Gegenstimmen, die ihn als ‚schwul‘ bezeichnen, durch. Den Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit der Figur in der Gruppe bildet jedoch der Bezug auf eine ausgegrenzte Mitschülerin: Kai: Mama, der hat Augen wie die Frauke […] (mit hoher, verstellter Stimme) Frauke, wir haben dich gefunne! (in normaler Stimmlage) Nur der is schöner. […] Boris: Das passt wirklich genau auf die Frauke. […] Guck mal die Augen, die Mähne, die dürre Ärm’sche (lauter) der Ausschnitt, der Ausschnitt. Kai: Und das Mui654.(lacht) (André und Kai gleichzeitig:) André: Muss nur noch ’ne Brille aufhaben. Kai: Frauke, zeig denen mal deinen Adlerblick. (Mehrere Schüler lachen.) André: Die Frauke kann mit einem Auge schielen. (Dina und Kai gleichzeitig:) Dina: Zieh mal kurz deine Brille ab. […] Frauke zieh mal ganz schnell deine Brille ab, ich will mal ganz kurz gucken, nur so runter. […] Kai: Die Frauke, die hat auch so ’ne gruselige Stimme. […] So (Gibt einen verzerrten, schrillen Laut zur Demonstration der angeblichen Stimmlage der Mitschülerin von sich.)655 Der Vergleich zwischen der Monsterfigur und der Außenseiterin wird ausgiebig hergestellt. Im Gegensatz zur spielerischen Vergleichsbildung in der Gymnasialgruppe, wo eine Antwort möglich ist, besteht die Reaktion hier im schweigsamen Erdulden der Betroffenen. Es entsteht 654 Das ist ein Ausdruck für »Mund«. 655 Gruppendiskussion 4_H1, S. 21f. 3255 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen eine Dynamik von Attacke und Beschämung sowie eine Opferposition. Innerhalb des Diskussionsverlaufs dient die gemeinsame Abwertung der Stabilisierung der Sprechergruppe. Zuvor ist die Sprechergruppe über die Auseinandersetzung zur Geschlechtszugehörigkeit und Einordnung der Figur in Aufruhr und internen Dissens geraten. Mittels der kollektiven Ausgrenzung der Mitschülerin findet eine Selbstvergewisserung der Sprechenden als WIR-Gruppe statt. Zusammengefasst lassen sich zwei Hauptstränge der Rezeption differenzieren. Zum einen regt die Andersartigkeit und körperliche Absonderlichkeit der Monsterfigur dazu an, Freunde mit der vermeintlichen Ähnlichkeit aufzuziehen und den Außenseiterstatus ausgegrenzter Mitschüler zu thematisieren. Insbesondere in der Hauptschulgruppe verknüpft sich das ungewöhnliche Aussehen der Monstergestalt mit der sozialen Ausgrenzungsthematik, welche in der Gruppe in Szene gesetzt wird. Zum anderen verhandeln die männlichen Jugendlichen ihre Vorstellungen von (adäquater) Männlichkeit anhand der ambivalent-vieldeutigen eigentümlichen körperlichen Erscheinung. 5.2.3 Zentrale Rezeptionsthemen in den gemischtgeschlechtlichen Jugendgruppen Trotz differierender Gruppenstrukturen und Gesprächsdynamiken zeigen sich überraschend klassenübergreifende Themenschwerpunkte in der Auseinandersetzung mit dem Bildmaterial. Die soziale Lage und das Geschlechterspiel bilden die Kernthematiken der Rezeption in allen drei Jugendgruppen. Das bedeutet, die Bildwahrnehmung der Mädchen und Jungen wird durch die Wahrnehmung der Statusdifferenz und der Geschlechtszugehörigkeit strukturiert. 5.2.3.1 Erstes Rezeptionsthema: Die soziale Selbstverortung Anhand des Bildmaterials findet eine Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihrem sozialen Status statt. Die Auseinandersetzung differiert gemäß der eigenen Verortung in der sozialen Hierarchie. Federführend in der Selbstpositionierung sind die Jungen, obgleich vereinzelte Kommentare von Mädchen in ähnliche Richtung weisen. An den Reaktionen auf den hellhaarigen Jungen mit dem ordentlichen Haarschnitt gekleidet in Hemd und Krawatte, manifestiert sich Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten326 die Verortung der Jugendlichen im sozialen Gefüge. Denn anhand dieser vom Manga intendierten Darstellung eines Musterschülers thematisieren die Jugendlichen ihren Status in der Bildungshierarchie. Sie dekodieren sein Aussehen und seine Kleidung – im Sinne des Comicnarrativs – als Ausdruck seines Bildungsniveaus (der beste Schüler Japans)656 und Distinktionsmerkmale der Zugehörigkeit zu einer gehobenen gesellschaftlichen Schicht, sein unauffälliges Äußeres verstehen sie als charakterliche Angepasstheit an die gesellschaftlichen Normen und Werte. Entsprechend ihrer eigenen Position in der gesellschaftlichen Hierarchie setzten sie sich dazu identifizierend oder abgrenzend in Beziehung. Für die Jugendlichen der Gymnasialgruppe ist er ein Gleichrangiger und lädt zur positiven Bezugnahme ein. Die Befragten des Realschulzweigs bewerten den Jungen als Streber. In ihrer negativen Reaktion auf den Bildanteil des braven, angepassten Jungen verdeutlicht sich eine bildungsmilieubezogene Rezeptionsperspektive. Sie identifizieren die Mangafigur als einen Repräsentanten der Erfolgreichen im Bildungssystem, denen sie sich unterlegen fühlen. In den ablehnenden Kommentaren zu der Figur so meine Deutung wiederholt sich ihre Abwehr der eigenen sozialen Abwertung. Die Teilnehmer_innen der Hauptschulklasse scheinen ebenfalls die Statusdifferenz wahrzunehmen und wenden sich der Figur daraufhin erst gar nicht näher zu. Anhand der Monsterfigur wird das Thema der sozialen Abgrenzung und Ausgrenzung verhandelt und gruppenspezifisch inszeniert. Die Figur wird von den Schüler_innen stets mit anwesenden Mitschüler_innen verglichen. Dabei handelt es sich entweder um das eher spielerische Foppen von Freund_innen oder den diffamierenden Vergleich mit unbeliebten Schüler_innen.657 In den beiden Gruppen, die einen Außenseiter erkennen lassen – ein Junge in der Gymnasialgruppe und 656 Vgl. Ohba/Obata 2006, S. 16. 657 Die Strategien des Foppens und Diffamierens können als zwei jugendsprachliche Varianten von »scherzhaften Provokationen« (Kotthoff) eingeordnet werden, die sich durch eine Doppelstruktur von Humor und Aggression auszeichnen (vgl. Branner, R.: Scherzhafte Provokationen unter Mädchen. In: Neuland, E.: Jugendsprachen. 2003, S. 365). Das Verhältnis von aggressiven und humorvollen Anteilen dieser Sprechakte hängt von den Akteur_innen, dem sozialem Kontext und ihrer situativen Funktion ab. Allgemein dienen solche Sprachmittel einer humorvoll-spielerischen Übermittlung ansonsten tabuierter Kritik, mit der die Vermittlung sozialer Normen ebenso verfolgt wer- 3275 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen ein Mädchen in der Hauptschulgruppe – werden beide mit der Monsterfigur identifiziert. Der ernste Unterton und die Beschämung dieses Vergleichs zeigen sich daran, dass beide nicht auf die Kommentare reagieren. Im Gymnasium beschränkt sich der Bezug dabei auf die kurze Benennung optischer Ähnlichkeiten, während in der Hauptschulklasse eine Diffamierung des Mädchens durch die Jugendlichen der Sprechergruppe vorgenommen wird. Die Abnormalität der Monstergestalt ist hier Anlass zur Gruppeninszenierung einer sozialen Ausgrenzung. Sie hängt zum einen an der Wahrnehmung der Absonderlichkeit der Monsterfigur, die mit der Außenseiterposition der Klassenkameradin verknüpft wird. Zum anderen wird sie mit Blick auf den Gesprächsverlauf durch die Notwendigkeit einer Restabilisierung der Sprecherrunde hervorgerufen, die mittels der kollektiven Ausgrenzung der Mitschülerin das Wir-Gefühl als Gruppe wiederherstellt. Dass der spielerische Bezug und der knappe Außenseiterkommentar in der Gymnasialgruppe stattfindet, während die ausgiebige Ausgrenzung in der Hauptschulklasse vorgenommen wird, lässt sich als eine Reaktion auf unterschiedliche soziale Lebenslagen und -erfahrungen der Bildungsgruppen deuten. Die Gymnasialschüler_innen stellen die Bildungsspitze dar und sind weder von sozialer Abwertung bedroht noch stehen sie unter Legitimierungsdruck. Dieser Erfahrungshorizont lässt sich jedoch für die Hauptschüler_innen als den ‚Schlusslichtern‘ des Bildungssystems annehmen. Aufgrund ihrer sozialen Realität agieren sie die Ausgrenzungserfahrung im Gruppenkontext der Klasse. Insgesamt zeigt sich, dass die Jugendlichen mit dem Thema des Bildungsstatus und der Außenseiterrolle auf eigene Lebenserfahrungen rekurrieren. Der wahrgenommene soziale Status der Jungenfigur führt zur Thematisierung der eigenen sozialen Lage. Die Andersartigkeit und körperliche Absonderlichkeit der Monstergestalt regt dazu an, gruppenintern den sozialen Ausschluss zu (re-)inszenieren. Besonders intensiv erfolgt das bei den Jugendlichen des unteren Bildungsniveaus, da sie tendenziell die ausgeprägtesten sozialen Ausgrenzungserfahrungen erlebt haben. den kann wie die Stärkung der Gruppenidentität oder der individuelle Statusgewinn (vgl. Chun 2007, S. 59f.). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten328 5.2.3.2 Zweites Rezeptionsthema: Männlichkeits- und Geschlechternormierung Neben dem sozialen Status reagieren die Jugendlichen auf wahrgenommene geschlechtsbezogene Körpermerkmale der Figureninszenierung, bei der sich deutlich eine geschlechtsdifferente Rezeptionsweise zeigt. Die Figur des jugendlichen Jungen lädt die männlichen Jugendlichen zum Selbstvergleich ein. Es kommt zur Projektion eigener Erfahrungen auf die gleichgeschlechtliche Abbildung. In der Phantasie, der gezeigte Junge hätte sein Zimmer nicht aufgeräumt und fürchte deshalb die Strafe seiner Mutter,658 drückt sich exemplarisch ein solcher persönlicher, lebensweltlicher Bezug aus, der den eigenen Erfahrungshorizont auf die gezeigte Figur überträgt. Auch die Debatte um den sozialen Status ist ein Ausdruck des Selbstvergleichs der Jungen mit der präsentierten Figur, wobei die wahrgenommene Differenz zwischen dem eigenen Sozialstatus und dem der Jungenfigur bei den Real- und Hauptschüler_innen zu seiner Beschimpfung und Abwertung führt. Eine explizite, heftige Auseinandersetzung um Männlichkeitsvorstellungen verläuft angesichts der Monstergestalt, auf die die Jungen expressiv reagieren und sie kontrovers debattieren. Sie stellen einen inneren Bezug zu der Figur her und erkennen in ihr zuerst ein attraktives Bild von Männlichkeit. Bei längerer Betrachtung sorgen einzelne Aspekte der Figur allerdings für Irritationen. Die Jungen gleichen die Figuren mit ihrem impliziten Männlichkeitsbild ab. Die Vorstellung von Männlichkeit, die dieser Prüfung zugrunde liegt, scheint sich an heterosexuellen und konservativen Normen von Männlichkeit zu orientieren. Zu ihnen gehört auf der Zeichenebene, dass Männer keine Ohrringe, Schmuck oder Federkragen tragen; denn das gilt als unmännlich bzw. ‚schwul‘. Da die Monsterfigur der Männlichkeitsvorstellung der Jugendlichen in diesen Aspekten widerspricht, wird sie kontrovers debattiert und schließlich mehrheitlich als homosexuell bzw. weiblich aus der Männergruppe ausgeschlossen. Die Mädchen kommen im expressiven Austausch der Jungen selten zu Wort. Ihre Bemerkungen und Einwürfe zeigen jedoch einen an- 658 Vgl. Gruppendiskussion 4_H1, S. 16f. 3295 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen deren Rezeptionszugang. Die Jungenfigur betrachten sie als Entwurf eines männlichen Gegenübers mit Blick darauf, ob er als Partner in Frage kommt. Die Frage nach der erotischen Attraktivität bildet das versteckte Thema. Es äußert sich leise in den gruppenübergreifend auftretenden Einwürfen »sexy«659 und verschafft sich Raum im Kommentar eines Mädchens der Realschulgruppe, indem der Junge offen als anziehender Idealpartner benannt ist. Ihre Mitschülerinnen grenzen sich hingegen vehement von der Figur als einem strebsamen Musterschüler ab. Sie fokussieren die soziale (Milieu-)Differenz und schließen ihn von daher als adäquaten Partner aus. Vereinzelt finden sich auch Ansätze für einen Zugang zu der Figur über die Beschäftigung mit seiner Innenwelt. Die Monsterfigur definieren sie wie die Jungen als ‚böse‘, ohne jedoch eine explizit bewundernde Komponente damit zu verbinden. Sie kommentieren sie entweder im Rahmen der zuvor dargestellten Auseinandersetzung um Andersartigkeit oder im Hinblick auf die mutmaßliche Verbindung zu seinem Begleiter. Insgesamt verweisen die Kommentare der Mädchen auf einen eigenen, beziehungs- und empathieorientierten Zugang zu der Bildszene. Vergleichend lässt sich schlussfolgern, dass die Jungen mit der stark und gefährlich aussehenden Monsterfigur zunächst ein positives erstrebenswertes Bild von Männlichkeit verbinden. Als Vorbild einer männlichen Erscheinung darf es aber keine als weiblich einzustufenden Anteile umfassen. Das erscheint für die sich entwickelnde männliche Identität einiger Jungen bedrohlich und muss deshalb abgewehrt werden.660 An der jugendlichen Figur der Abbildung ist die geschlechterdifferente Rezeption in anderer Weise deutlich, wobei eine Verknüpfung der beiden Differenzkategorien Geschlecht und Status erkennbar ist. Die Jungen betrachten die Jungenfigur aus der Perspektive einer gleichgeschlechtlichen Identifizierung. Je nach ihrem eigenen sozialen Status im Vergleich zu dem der Figur wird sie entweder als Idealselbst oder 659 Gruppendiskussion 1_G1, S. 22; Gruppendiskussion 3_R2, S. 8 und 19; Gruppendiskussion 4_H1, S. 16. 660 Dass die Mädchen keine vergleichbaren Kommentare einbringen, bestärkt eine solche Deutung. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten330 als soziales Abgrenzungsbild innerhalb der eigenen Geschlechtsgruppe wahrgenommen. Die Mädchen hingegen weisen eine gegengeschlechtliche Rezeptionsperspektive auf, die die Jungenfigur als potentiellen Beziehungspartner wahrnimmt und anhand seiner Distinktionsmerkmale als attraktiv oder unpassend bewertet je nach eigenem sozialen Status bzw. Partnerideal. Angesichts der gleichaltrigen Jungenfigur stehen für die männlichen Jugendlichen demnach Identifikations- oder Abgrenzungsprozesse im Vergleich mit dem Jungenbild im Fokus, während die Mädchen vor allem Paarphantasien anspielen, in denen die Jungenfigur als Partnerideal geprüft wird. 5.2.4 Fazit: Soziale Segregationsprozesse und regressive Gruppendynamiken mit retraditionalisierenden Geschlechterkonstruktionen Die Rezeption des Mangabildes der Serie Death Note zeigt programmatisch, dass die Jugendlichen sich in allen drei gemischtgeschlechtlichen (Bildungs-)Gruppen besonders mit den Differenzkategorien Geschlecht und Status auseinandersetzen, um das Angebot einzuschätzen und sich dazu zu positionieren. Mit dem Thema des Bildungsstatus und der Außenseiterrolle (re-) konstruieren die Jungen und Mädchen gesellschaftliche Gruppenbildungs- und Ausschlussverfahren, die entlang der eigenen sozialhierarchischen Position und sozialräumlichen Selbstverortung strukturiert sind und von daher für die drei Bildungsgruppen unterschiedlich ausfallen. Besonders auffallend sind in diesem Kontext die Abgrenzungs- und Legitimierungsimpulse der Realschulangehörigen gegen- über dem Gymnasialzweig wie auch die Ausgrenzungsinszenierungen der Gleichaltrigengruppe des Hauptschulzweigs. Ihre Interaktionsformen weisen Parallelen zu abwertenden kommunikativen Praktiken in Peergroups zur Herstellung des Gruppenzusammenhalts und Gemeinschaftsgefühls durch kollektive Abwertung anderer auf; in der Ausschlussinszenierung der Hauptschulgruppe treten zudem soziale Stigmatisierungsprozesse von als abweichend definierten Individuen in Erscheinung.661 Diese Handlungsweisen spiegeln auf der perso- 661 Vgl. Chun S. 58ff.; Chovan, M.: Kommunikative Praktiken in Peergroups. In: Neuland, E. (Hg.): Jugendsprachen. Frankfurt 2003, S. 353f.; Goffmann, E.: Stigma. Frankfurt 3315 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen nalen Ebene eine Unsicherheit der agierenden Jugendlichen wieder, die mittels der Ausgrenzung ihren eigenen Status stärken wie ihren internen Gruppenzusammenhalt bestätigen wollen. Ergebnisse der Sinus-Milieu-Forschung zu gesellschaftlichen Segregations- und sozialhierarchischen Abgrenzungsprozessen, bei denen eine zunehmende Distanzierung und Abgrenzung der Mittelschichtsmilieus gegenüber den unteren Milieus sichtbar ist, können als gesellschaftliche Ebene und soziokultureller Erfahrungshintergrund dieser unterschiedlichen jugendlichen Mangarezeption in den drei Bildungsgruppen herangezogen werden.662 Anhand der Debatten um die geschlechtsbezogene Inszenierung der Figuren zeigt sich vor allem eine geschlechtsdifferente Rezeption. Eine als uneindeutig assoziierte (Geschlechts-)Körperdarstellung männlicher Figuren stößt besonders bei den männlichen Jugendlichen auf starke Ablehnung. In den von den Jungen geprägten Gruppendiskussionen wird ein hegemoniales Männlichkeitsbild etabliert, das sich maßgeblich über die Ablehnung von als »weiblich« Attribuiertem konturiert. Es lassen sich komplementäre Rollenbilder, die am Primat des Zwei-Geschlechter-Modells663 und der Heterosexualität ausgerichtet sind, als Grundlage erkennen. Insgesamt rekurriert die Auseinandersetzung der männlichen Jugendlichen zu den Inszenierungen auf Geschlechtervorstellungen demzufolge auf hegemonial-heterosexuelle Männlichkeitskonstruktionen, die zu einer rigiden Abwehr und Ablehnung anderer Männlichkeits- bzw. Geschlechtsentwürfe führt.664 Ihr Gruppendiskurs etabliert eine starre Geschlechternorm, die nicht hinterfragt werden darf; bei Abweichungen kommt es zu Sanktion und Ausgrenzung. Dieses Ergebnis in allen drei Jugendgruppen und Schulzweigen ist unerwartet. Angesichts der befragten Altersgruppe kann diese Rezeptionspraxis im Zusammenhang mit der altersspezifischen Orientierungssuche als Phase innerhalb der Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentitäten speziell der eigenen männlichen Geschlechterrolle 2008, S. 13ff. 662 Vgl. Merkle, T./Wippermann, C.: Eltern unter Druck. Stuttgart 2008, S. 50ff. 663 Laqueur, T.: Auf den Leib geschrieben. Frankfurt 1992, S. 176. 664 Vgl. Meuser/Scholz 2005a; Connell 1999. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten332 eingeordnet werden. Die diesbezügliche Deutung versteht die Reaktionen der Jungen als Versuche, anhand körperlicher Merkmale eindeutige Geschlechterkonstruktionen vorzunehmen, um Sicherheit im Umgang mit den Geschlechterrollen zu gewinnen. Die Fokussierung der sekundären Geschlechtsmerkmale in der Physis und die traditionellen Geschlechterkonstruktionen lassen sich als Wunsch nach Eindeutigkeit verstehen, der in der zweigeschlechtlichen Polarisierung die eigenen Verunsicherungen und Ängste bannen will. Diese vorgefundene Rezeptionslinie verweist auf Tendenzen in Jugendkulturen, in denen »traditionelle Geschlechterrollen und Geschlechterrollenstereotype […] jenseits von medial durchgesetzter, inszenierter und empirisch gelebter Androgynität und Metrosexualität« wieder deutlicher in Erscheinung treten und »dem beobachtbaren, freilich fragilen Wunsch nach Sicherheit, Halt und Konformität in vielen jugendlichen Lebensmilieus entgegen zu kommen« scheinen.665 Demgegenüber sind die weiblichen Jugendlichen vorrangig mit Beziehungs- und Partnerfragen beschäftigt. Aufgrund der geringen Beteiligung lässt sich über die diesbezüglichen Geschlechterkonstruktionen und Normierungen der Mädchen zwar keine Aussage treffen, doch weisen ihre Rezeptionsthematiken Parallelen zu weiblichen Aneignungsmustern anderer Medienangebote auf.666 Insbesondere verweist die Betrachtung männlicher Medienfiguren aus einer Begehrensperspektive auf Paarbildungsphantasien, die als probeweise Beschäftigung mit »einem möglichen zukünftigen Eintritt in die heterosexuelle Beziehungspraxis«667 aufgefasst werden können. Welche Rezeptionsmuster bei jugendlichen Fans der ausgewählten Mangaserien zum Ausdruck kommen, sprich ob sie positiv auf die Geschlechterinszenierungen reagieren und beispielsweise ein androgynes Geschlechterbild befürworten, bleibt angesichts der vorliegenden Be- 665 Ferchhoff, W.: Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. Wiesbaden 2007, S. 351. 666 Die Thematiken des »Sein-in-Beziehung« sowie der »parasozialen Beziehung«, wie sie für die Rezeption von Daily Soaps der Altersgruppe aufgezeigt worden sind, scheinen auch in der weiblichen Mangarezeption auf. Bei diesen Rezeptionsthemen handelt es sich zum einen um das Interesse an der Darstellung von öffentlichen Lebenszusammenhängen aus der privaten Beziehungsperspektive, zum anderen um eine gedankliche Beziehung mit den medialen Figuren (vgl. Götz 2003, S. 104 ff.). 667 Fritsche/Tervooren 2006, S. 145. 3335 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen funde eine offene Frage. Für eine solche Rezeptionslinie sprechen zum einen Befunde aus Faninterviews. Gespräche mit jugendlichen Mangaleser_innen zwischen 12 und 20 Jahren zeigen auf, dass die Figuren als attraktive Repräsentationen von Überlegenheit, Einzigartigkeit und (Omni-)Potenz gelesen werden und die Geschlechtsattribuierung entlang des ersten Eindrucks von mehrheitlich als männlich entschlüsselten Signalen vorgenommen wird.668 Zum anderen lässt sich die große Popularität der männlichen Hauptfigur unter Mangafans an einer Leserumfrage des deutschen Herausgebers erkennen, in der sie auf Platz 2 der beliebtesten Mangahelden gewählt worden ist, sein Gegenspieler L. belegt Platz 3.669 Resümierend zeigen die vorgefundenen jugendlichen Rezeptionsweisen zum einen eine Gruppendynamik im Umgang mit dem Bildangebot, die regressive Tendenzen aufweist und im Gruppenmodell von Bion mit der Grundannahme von Kampf und Flucht gegenüber einem Außenbild zusammengedacht werden kann.670 In diesem Sinne greifen die (männlichen) Jugendlichen auf Strategien des Bekämpfens bzw. Ausweichens zurück, um mit dem Neuartig-Unvertrauten bzw. Verunsichernden des Mangabildangebots umzugehen. Des Weiteren machen die Befunde auf geschlechtsspezifische Umgangsweisen mit medialen Akteur_innen aufmerksam, bei denen »Jungen und Mädchen unterschiedliche Facetten von Identität herausbilden.«671 Die Mädchen erproben sich tendenziell in ihrer sozialen Identität als potentielle Beziehungspartnerinnen, während die Jungen sich mit der Ausgestaltung einer personalen (männlichen) Identität beschäftigen. 668 Die Gespräche haben auf der Anime- und Manga-Convention »Connichi« in 2009 und der Frankfurter Buchmesse in 2010 mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen stattgefunden. 669 Die Umfrage hat anlässlich des 40. Jubiläums des japanischen Magazins Shonen Jump in 2008 stattgefunden. Gewählt werden konnten alle Haupt- und Nebenfiguren, die einer Serie des Magazins Shonen Jump entstammen, dem japanischen Trendsettermagazin für Jungenmanga. Vgl. Tokyopop (Hg.): Die Welt von Shonen Jump. Hamburg 2008, S. 20f. Gewinnerveröffentlichung: Newsletter Tokyopop 07.2008 URL://shamanking.de/news/news.php?id=1645 l. A. 03.12.10 670 Vgl. Bion, W.: Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften. Weinsberg 1971, S. 111. 671 Wegener, C.: »Also ich finde ihn sexy«. In: TelevIZIon, 20 (2007) 2, S. 47. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten334 Ob der streng heteronormativ definierte Männlichkeitsentwurf als Durchgangsphase zu verstehen ist und die männlichen Jugendlichen im Älterwerden zu mehr Offenheit im Umgang mit Männlichkeitsinszenierungen gelangen oder es zu einer Stabilisierung der engen Identitätsvorlagen kommt, mit denen polare Schemata der Geschlechterrollen einhergehen, ist angesichts der Querschnittsstudie theoretisch zu bestimmen. Vorhandene Erkenntnisse im Feld der Männlichkeitsforschung und männlichen Identitätsbildung im Jugendalter lassen beide Entwicklungen möglich erscheinen.672 Bedenklich an einer möglichen Verfestigung des bei den Jugendlichen vorgefundenen Männlichkeitsbild und seiner rigiden Sanktionierung ist eine damit verbundene ansteigende Tendenz zu aggressiven Handlungen, die sich von verbalen bis zu körperlichen Attacken gegen andersartige Männlichkeitsentwürfe (und Geschlechtsidentitäten) erstrecken kann.673 Geschlechtertheoretischer Hintergrund solcher aggressiver Handlungen ist »eine bis zur Gewaltbereitschaft reichende Abwehr und Stigmatisierung der Homosexualität«674. Ob die befragten Jugendlichen eine solche aggressiv-ablehnende Haltung kultivieren oder eine andere Richtung einschlagen, hängt ebenso von lebensweltlichen Faktoren, institutionellen und soziokulturellen Einflüssen wie auch von individuellen Merkmalen der Heranwachsenden ab. In weiterführenden Untersuchungen sind Zusammenhänge zwischen jugendlichen Erlebniswelten und Lebenskontexten und akzeptierend-befürwortenden oder ablehnend-retraditionalisierenden Umgangsweisen mit androgynen, (post)modern-vielfältigen medialen Geschlechterkonstruktionen näher zu bestimmen, um die Hintergrün- 672 Connell 1999; King, V./Flaake, K. (Hg.): Männliche Adoleszenz. Frankfurt 2005; Matzner, M./Tischner, W.: Handbuch Jungen-Pädagogik. Weinheim und Basel 2008; Pohl, R.: Feindbild Frau. Hannover 2004. 673 In diesem Kontext lassen sich exemplarisch (inter-)nationale Anfeindungen und Angriffe gegen männliche Angehörige der Jugendszene Emo anführen, die mit »ihrer nach außen getragenen Emotionalität, ihren androgynen und femininen Selbstdarstellungen […] kulturübergreifend Aggressionen auslösen« (Schuboth, B.: Männlichkeitskonstruktionen in der Jugendkultur Emo und ihr aggressionsgeladenes Echo. In: Büttow, B. u. a. (Hg.): Körper Geschlecht Affekt. Wiesbaden 2013, S. 83f.). Als Hintergründe werden neben Klassenunterschieden und Kulturspezifika auch »aus homophoben Einstellungen und Affekten« (a. a. O., S. 84) resultierende Aggressionen angeführt. 674 Pohl, R.: Sexuelle Identitätskrise. In: King, V./Flaake, K. (Hg.): Männliche Adoleszenz. Frankfurt 2005, S. 249. 3355 Empirische Perspektive auf die Mangarezeption von Jugendlichen de und Entwicklungslinien der unterschiedlichen Geschlechtsrollenrezeption wie -konzeption von Jugendlichen näher zu beleuchten. Weiterführende Untersuchungen zur Klärung des Mangaeinflusses auf die Geschlechtsrollenbilder und geschlechtliche Identitätsbildung der Mangaleserschaft sind in diesem Kontext ebenfalls erstrebenswert. Zudem legt die vorgefundene Ausgrenzungsthematik im Material nahe, den Einfluss gesellschaftlicher Segregationsprozesse auf jugendliche Lebenserfahrungen zu untersuchen und ihren möglichen Zusammenhang mit Stigmatisierungen unter Jugendlichen und jugendlichen Gewalthandlungen insbesondere im Kontext von Geschlechterkonstruktionen zu erforschen. Darüber hinaus ist es wünschenswert, den Einfluss der Gesprächskulturen von Mädchen und Jungen auf ihre Thematisierungsmöglichkeiten in gemischtgeschlechtlichen Gruppen vor allem aber nicht nur in Bezug auf die mediale Rezeption in weiteren Studien in Augenschein zu nehmen.

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References

Zusammenfassung

Seit Ende der 1990er Jahre beanspruchen Manga als innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden weltweit eine marktführende Position und sind Bestandteil der globalisierten Jugendkultur. Die erfolgreiche internationale Etablierung der Manga – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdankt sich sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computer- und Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ramona Kahl geht den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen nach. Im Zuge einer tiefenhermeneutischen Analyse von Titelbildern und Narrativen populärer Mangaserien sowie der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zeigt sie auf, welche Reaktionen Manga bei Jugendlichen auslösen und was ihren speziellen Reiz für die Zielgruppe ausmacht. Dadurch eröffnet sie vielschichtige Einblicke in die Bedeutungsstrukturen wie Aneignung erfolgreicher Manga und legt diejenigen gesellschaftlichen Konfliktfelder offen, für welche Manga den Jugendlichen ein attraktives, aber fragmentarisches und ambivalentes Bearbeitungsangebot machen.