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2 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen in:

Ramona Kahl

Manga, page 29 - 82

Wirkungsvolle Bildergeschichten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3893-2, ISBN online: 978-3-8288-6650-8, https://doi.org/10.5771/9783828866508-29

Series: Kulturanalysen, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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29 2 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Forschungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Wirkungsweise japanischer Jugendcomics. Obschon es hinsichtlich der Herleitung wie Identifizierung mangatypischer oder gar -spezifischer Merkmale eine kontroverse wissenschaftliche Debatte gibt, kann gleichwohl die Annahme graphischer wie thematischer Eigenheiten als ein wiederkehrender, geteilter Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Manga angesehen werden. Diese besondere Verfasstheit des Medienmaterials wird in diesem Kapitel veranschaulicht vor allem hinsichtlich ihrer visuell-sprachlichen Verfasstheit sowie ihrer Themenstellungen und Narrative. Dass das Angebot von Manga eine Wirkung ausübt, lässt sich neben diesbezüglichen inhaltlichen Befunden auch an Ergebnissen aus Rezeptionsuntersuchungen und Fanaktivitäten des jugendlichen Publikums ablesen. Insbesondere die Folgeaktivitäten zur Mangalektüre – wie der Drang zur eigenen Darstellung und zeichnerisch-schriftstellerischen Nachahmung der Comiclektüre – verweist auf eine Resonanz des Medienangebots, die als ein Indiz für dessen Wirkung zu begreifen ist. Nach einer Herleitung des Begriffs »Manga« und seiner Verwendung in dieser Arbeit geht es deshalb im Kern um die Darstellung bisheriger Ergebnisse zur möglichen Wirkung von Manga.43 Anhand einer Auseinandersetzung mit dem Wirkungsbegriff in der Medienforschung wird das Wirkungsverständnis dieser Untersuchung sowie ihre sozialisationstheoretische Kontextualisierung entwickelt, was in die resümierende Formulierung des Erkenntnisinteresses dieser Arbeit mündet. 43 In der Arbeit beziehe ich mich auf den deutschsprachigen Diskurs unter Berücksichtigung einschlägiger englischsprachiger Beiträge. Der japanische Diskurs ist aufgrund sprachlicher Barrieren lediglich in seiner Rezeption in der deutsch- und englischsprachigen Sekundärliteratur berücksichtigt. Zum japanischen Mangadiskurs vgl. Berndt, J.: Phänomen Manga. Berlin 1995, S. 78ff.; Kamm, B.-O.: Nutzen und Gratifikation bei Boys‘ Love Manga. Hamburg 2010, S. 45ff.; Köhn, S.: Traditionen visuellen Erzählens in Japan. Wiesbaden 2005, S. 13ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten30 2.1 Manga: Annäherung an einen mehrdeutigen Begriff Der japanische Ausdruck »Manga« setzt sich in der kanji-Schreibweise aus den beiden chinesischen Schriftzeichen »man« und »ga« zusammen.44 Die Übersetzung fällt in der Literatur unterschiedlich aus und wirft damit unterschiedliche Schlaglichter auf das japanische Comicprodukt. Bei der Übersetzung des Schriftzeichens »ga« besteht in der Literatur Einigkeit, dass es sich um das Wort »Bild« handelt. Zum Schriftzeichen »man« hingegen existieren verschiedene Auslegungen. Stephan Köhn übersetzt es mit »zufällig, ziellos, zusammenhanglos«45. Eine ähnliche Auslegung findet sich bei Brigitte Koyama-Richards, die das Ideogramm im Sinne von »rasch und flüchtig ausgeführt«46 wiedergibt. Laut Jaqueline Berndt »(steht) ‚man’ für ‚spontan, impulsiv, ziellos’ und damit auch für die Rhetorik der Übertreibung, für humoristische Traditionen und eine Abkehr von bestehender Ordnung.«47 Frederick Schodt übersetzt »man« als » ‚involuntary’ or ‚in spite of oneself’, with the secondary meaning of »morally corrupt«48, was in der Sekundärliteratur übersetzt wird mit »unfreiwillig«, »gegen besseres Wissen« und »moralisch verdorben«49. In der Begriffserläuterung des Duden »wird vor allem die inhaltliche und bunte Vielfalt des Mediums betont«50, indem »man« als »bunt gemischt, kunterbunt«51 wiedergegeben wird. Es handelt sich demnach bei »Manga« um einen Ausdruck für farbige, dynamische, ungelenkte Bilder mit hohem Variantenreichtum, denen nach Schodt ein Hauch des Unmoralischen anhaftet.52 44 Die folgenden Ausführungen zum Begriff Manga sind abgesehen von stilistischen Korrekturen in dieser Form bereits veröffentlicht, lediglich der letzte Absatz ist überarbeitet und ergänzt worden (vgl. Kahl, R.: Manga. In: Kids + Media: Kontinente, 2 (2012b) 2, S. 2–30. URL: www.kids-media.uzh.ch/2-2012/kahl.pdf, letzter Abruf: 01.09.2014). 45 Köhn, S.: Japans Visual Turn in der Edo-Zeit. In: Deutsches Filminstitut DIF u. a. (Hg.): Ga-Netchû. Berlin 2008, S. 43. 46 Koyama-Richards, B.: 1000 Jahre Manga. Paris 2008, S. 7. 47 Berndt, J.: Comics in Japan. In: Lexikon der Comics. Teil 3: Themen und Aspekte, 26. Erg.-Lfg. Meitingen 1998, S. 4. 48 Schodt, F.: Dreamland Japan. Berkeley 2007, S. 34. 49 Gravett, P.: Manga. Köln 2006, S. 9. 50 Brunner, M.: Manga. Paderborn 2010, S. 13. 51 http: www.duden.de/rechtschreibung/Manga, 04.07.12. 52 Der moralische Bias in Schodts Übersetzung hat laut Gravett einen willkommenen Anlass zur negativen Rezeption des Manga in der westlichen Debatte geboten (vgl. Gravett 2006, S. 9). Brunner führt die Vorbehalte und negativen Vorurteile gegenüber Manga 312 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Ein Blick in die Verwendungsgeschichte des Begriffs offenbart, dass in der Sekundärliteratur der Ausdruck häufig auf den japanischen Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai53 zurückgeführt wird, der 1814 eine Reihe seiner Skizzenbücher mit Körperstudien als »Manga« betitelt hat.54 So geht etwa Andreas Platthaus davon aus, dass der Ausdruck von Hokusai stamme und sich aufgrund des humoristischen Charakters seiner Figurenskizzen die Bedeutung Manga für »komische Zeichnungen« und in der Folge Comics etabliert habe.55 Auch Brigitte Koyama-Richards führt an, dass der Ausdruck erstmals bei Hokusai Verwendung gefunden habe und von seinen Zeitgenossen übernommen worden sei.56 Stephan Köhn zeigt jedoch auf, dass der Ausdruck »Manga« keine originäre Wortschöpfung des Künstlers Hokusai gewesen ist. Es handele sich vielmehr um einen gängigen Ausdruck der damaligen Zeit, der auch von anderen Kunstschaffenden – sogar vor Hokusai – verwendet wurde.57 Zudem habe es sich laut Köhn bei den Mangaskizzen des Holzschnittkünstlers Hokusai um Vorlagen für den künstlerischen Nachwuchs zu jener Zeit gehandelt, deren satirisch-humoristischer Charakter und insofern ihr Vorgängertum zum Manga gering sei. An der Rückführung der japanischen Comics in Wort und Inhalt auf Hokusai zeige sich vielmehr eine auch in der Forschungsliteratur verbreitete Tendenz, den Manga als japanisches Kulturprodukt mit langer historischer wie künstlerischer Tradition auszuweisen.58 Zutreffend sei eine auf das schlechte Ansehen der Comicliteratur im Allgemeinen und Missverständnisse bzgl. der Adressatengruppe und kulturell anders tradierter Inhalte und Zensurbestimmungen von Manga im Besonderen zurück (Brunner, M.: Manga. München 2009, S. 81ff.; Brunner 2010, S. 11ff.). 53 Japanische Namen werden in der europäischen Reihenfolge benannt, zuerst der Vor- und dann der Nachname. 54 Vgl. Schodt 2007, S. 34; Gravett 2006, S. 9; Treese, L.: Go East. Berlin 2006, S. 24; Maderdonner, M./Bachmayer, E.: Aspekte japanischer Comics. Wien 1986, S. 3. 55 Platthaus, A.: Die 101 wichtigsten Fragen. München 2008, S. 90. 56 Koyama-Richards 2008, S. 6f. 57 Vgl. Köhn 2005, S. 204ff. 58 Eine solche kulturelle Traditionsbildung und künstlerische Veredelung findet sich etwa bei Koyama-Richards 2008; May, E.: Buch und Buchillustration im vorindustriellen Japan. In: Formanek, S./Linhardt, S. (Hg.): Buch und Bild als gesellschaftliche Kommunikationsmittel in Japan einst und jetzt. Wien 1995, S. 45ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten32 solche Verwurzelung in der visuellen Erzähltradition, die mitunter bis ins 7. Jahrhundert zurückgeführt wird, jedoch nachweislich nicht. »Unter dem Einfluss verschiedener performativer Unterhaltungsmedien entwickelt sich zwar in Japan eine lange Tradition der visuellen Narrativität, bei der die Bilder als Supplement das durch den Text gesteuerte Handlungsgeschehen punktuell bereichern und ergänzen. Eine narrative Visualität aber, bei der das Handlungsgeschehen primär über die Bildinformation gesteuert wird, kann sich hingegen erst nach dem ‚Import’ amerikanischer Comics langsam herausbilden.«59 Wie kam es dann zur Etablierung des Ausdrucks Manga für Comics in Japan? Von dem Zeichner Rakuten Kitazawa wurde der Begriff am Ende des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und auf seine Bilderkurzgeschichten im Comicstil angewendet. Wie Köhn anmerkt, wahrscheinlich in dem Versuch, darüber an die Bekanntheit und den Erfolg von Hokusai anzuschließen, mit dem der Begriff verknüpft gewesen sei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnete »Manga« vornehmlich Satirebilder und kurze Bildergeschichten.60 Erst mit den 1920er Jahren verbreiteten sich die ersten Bild-Text-Erzählungen nach dem Vorbild US-amerikanischer Comics und wurden unter dem Label Manga zum gängigen Ausdruck für Comics in Japan. In den 1960er Jahren etablierte sich in Japan zudem der Anglizismus »kommiku« (von engl. »comic«). Nach Köhn diente das Label der Abgrenzung neuer Comicperiodika gegenüber dem traditionellen Label Manga.61 Für »kommiku« und »Manga« gilt, dass heute beide Ausdrücke zur Bezeichnung sequenzieller Bilderliteratur in Japan Verwendung finden,62 ohne dass hiermit 59 Köhn, S.: Japan als Bild(er)kultur. In: Grünewald, D. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 306. 60 Vgl. Köhn 2010, S. 296. 61 Vgl. ebd., S. 291. 62 Über die Verwendung von »Manga« und »kommiku« in Japan existieren unterschiedliche Ansichten in der Fachliteratur. Nach der Mangaforscherin Berndt ist kommiku aktuell in Japan gebräuchlich für Comics im Taschenbuchformat (vgl. Berndt, J.: Mangamania. In: Deutsches Filminstitut DIF u. a. (Hg.): Ga-Netchû. Berlin 2008, S. 23). Nach der Literaturwissenschaftlerin Koyama-Richards ist der Anglizismus mittlerweile der gängige Name für die sequenzielle Literatur in Japan. Für satirisch-politische Pressezeichnungen werde Manga lediglich noch von Personen, die vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, benutzt. »Die jüngere Generation versteht darunter Holzschnitte aus der Edo-Zeit.«(Koyama-Richards 2008, S. 7) 332 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen jedoch eine Unterscheidung zwischen einheimischen und importierten Comicwerken – etwa US-amerikanischen – markiert würde (obgleich importierte Comics angesichts der Fülle inländischer Angebote ohnehin in der Minderheit sind). Entsprechend ist der Begriff »Manga« im Japanischen ein Synonym für Comics aller Art, gleich welchen Ursprungs. Im Unterschied dazu steht die Begriffsverwendung in westlichen Ländern. Analog zu der marktstrategischen Abgrenzung des Labels »kommiku« gegenüber dem leicht antiquierten Manga-Format im Japan der 1960er Jahre findet sich seit den 1990er Jahren auf dem westlichen Buchmarkt eine begriffliche Trennung zwischen »Comic« und »Manga«. Eine Differenzierung, die zwar verkaufsstrategisch sinnvoll sein mag, jedoch dem Bedeutungshorizont wenig entspricht. Denn im Grunde sind beide Termini innerhalb ihrer jeweiligen Entstehungskultur analoge Oberbegriffe derselben Literaturform und weisen sogar eine ähnliche Wortbedeutung auf. Ebenso wie Manga verweist auch der Begriff »Comic« über das englische Adjektiv »comic« für »komisch« und »lustig« in seiner ursprünglichen Bedeutung auf einen humoristischen Charakter der gezeichneten Geschichten (auch wenn Sprechblasengeschichten längst über diesen Themenbereich hinausgewachsen sind)63. Doch in westlichen Ländern hat sich Manga als Eigenname für Comics aus Japan etabliert, seit die fernöstlichen Druckerzeugnisse in den 1990er Jahren begonnen haben, diesen Markt zu erobern. Dies gilt sowohl für die Wahrnehmung der jugendlichen Zielgruppe, wie entsprechende Umfragen zeigen,64 als auch für den Fachdiskurs. Die Definition als Manga erfolgt dabei anhand der regionalen Herkunft der Comics bzw. ihrer japanischen Autorenschaft.65 Neben dieser Verwendung existiert in westlichen Ländern jedoch noch eine zweite Definition des Ausdrucks »Manga«. Dabei handelt 63 Vgl. Grünewald, D.: Das Prinzip Bildgeschichte. In: Ders. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 13. 64 Vgl. Treumann, K. u. a.: Medienhandeln Jugendlicher. Wiesbaden 2007, S. 142ff.; Keller, S.: Der Manga und seine Szene in Deutschland von den Anfängen in den 1980er Jahren bis zur Gegenwart. München 2008, S. 111f. 65 Dasselbe Prinzip trifft auch für den synonymen Ausdruck für Comics aus China (Manuah) und Korea (Manhwa) zu. Sie werden in westlichen Ländern als eigenes Label verwendet, um Comicerzeugnisse koreanischer oder chinesischer Herkunft zu markieren. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten34 es sich um die begriffliche Klassifizierung einer Comicstilform.66 Gemäß dieser Auslegung kann es sich bei jeder bildtextlichen Narration um einen Manga handeln, unabhängig vom geographischen Produktionsort oder der ethnischen Zugehörigkeit der Autor_innen, sofern die Geschichte narrativ-visuelle Prinzipien im Mangastil verwendet. Auch bei dieser Definition handelt es sich um eine (westliche) Unterteilung in Comic und Manga, nun allerdings entlang einer differierenden graphischen Erzählweise. Vor dem Hintergrund dieser zweiten Definition wird plausibel, wie Werke von deutschen, US-amerikanischen oder auch französischen Comicautor_innen als Manga bezeichnet werden können. Mit dem internationalen Erfolg der japanischen Bildnarrative hat sich eine zunehmend breitere Riege an Zeichner_innen in westlichen Ländern herausgebildet, die sich in Zeichenstil und Erzählweise an den fernöstlichen Vorbildern orientieren und erfolgreich ihre eigenen Manga publizieren. Vor allem deutsche Verlage haben einen wachsenden eigenen Markt an jungen Nachwuchszeichnern und vor allem Nachwuchszeichnerinnen gefördert, deren Werke mittlerweile sogar exportiert werden.67 Ob die westlichen Eigenproduktionen als Manga zu bezeichnen sind, hängt von der jeweiligen Definition der Befragten ab. Unter der Leserschaft gehen die Meinungen auseinander, wobei die Vorstellung vom Manga als einem japanischen Comicprodukt vorherrscht und selbst unter der Nicht-Leserschaft weit verbreitet ist.68 Von den deutschen Comicverlagen werden die Werke der deutschen Nachwuchstalente in jedem Fall unter dem Label Manga publiziert, und sei es auch nur aus verkaufsstrategischen Gründen. Im Fachdiskurs verweist Niel sen mit seiner Bezeichnung der deutschen Eigenproduktionen als »Germanga«69 auf eine Mischung beider Begriffsdefinitionen, indem er ebenso die Nationalität wie den Comicstil als Referenzpunkt aufgreift und in der Wortschöpfung verbindet. 66 Vgl. Cohn, N.: Japanese Visual Language. In: Johnson-Woods, T. (Hg.): Manga. New York, London 2010, S. 187–204. 67 Ein erfolgreiches Beispiel ist die Serie Gothic Sports von Anike Hage (Bd. 1–5, Hamburg 2006–2010), die mittlerweile in Frankreich, den USA, Spanien und als E-Book sogar in Japan veröffentlicht wurde. 68 Vgl. Treumann u. a. 2007, S. 142ff. 69 Nielsen, J.: Manga. In: Ditschke, S. u. a. (Hg.): Comics. Bielefeld 2009, S. 337. 352 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Resümierend lässt sich festhalten, dass es zu einer differierenden Verwendung bzw. Definition des Terminus Manga kommt, die sowohl vom kulturellen Hintergrund als auch den Definitionskategorien der Befragten abhängt. In dieser Arbeit wird der Terminus Manga für Comics japanischer Herkunft auf dem deutschen Buchmarkt verwendet, »die sich an ein jugendliches Publikum richten, das visuelle Dynamik, niedliche Figuren und den großzügigen Einsatz comicspezifischer Symbole schätzt.«70 Damit soll einerseits der in westlichen Ländern etablierten Verwendung sowie dem zugehörigen Fachdiskurs Rechnung getragen und gleichzeitig Jugendcomics japanischer Machart als eigenständiger Untersuchungsgegenstand markiert werden. Inwiefern sich eine solche Sonderstellung japanischer Comics aus inhaltlich-graphischen Eigenheiten begründen lässt, sprich ob Manga ein eigenständiges Angebot visueller Narration darstellen, wird an späterer Stelle erläutert. Für die weiteren Ausführungen gilt es zunächst festzuhalten, dass sich das Medienformat der Untersuchung durch einen eigenen (Zeichen- und Erzähl-)Stil sowie eine spezifische Alterszielgruppe auszeichnet. 2.2 Manga im Spiegel der Forschung Die Forschungslandschaft zur japanischen Comicform ist ein überschaubares, junges Gebiet, das als Unterbereich der Comicforschung anzusehen ist, welche selbst ein Nischen- wenn nicht sogar Schattendasein innerhalb der Medienanalysen führt.71 Bisherige Forschungstätigkeiten zum japanischen Comic umfassen Auseinandersetzungen mit der historischen Entwicklung des Manga,72 seiner Genre73, Pro- 70 Berndt, J.: Manga für Erwachsene. In: Diekmann, S./Schneider, M. (Hg.): Szenarien des Comic. Berlin 2005, S. 130. 71 Der Manga-Diskurs im japanischen Herkunftsland ist ungleich umfangreicher und reicht bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück (vgl. Berndt 1995, S. 78ff.; Köhn 2005, S. 13ff.). 72 Maderdonner, M.: Kinder-Comics als Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung in Japan. In: Bachmayer, E./Maderdonner, M.: Aspekte japanischer Comics. Wien 1986, S. 1–94. (Erste deutschsprachige Geschichtsdarstellung zu Manga); Schodt, F.: Manga. Manga. Tokyo 1993, S. 28ff.; Kinsella, S.: Adult Manga. Richmond 2000, S. 19ff.; Gravett 2006; Koyama-Richards 2008; Brunner 2009, S. 21ff.; Köhn 2005; Keller 2008, S. 15ff. 73 Viele Monographien vor allem zur historisch-ökonomischen Genese von Manga enthalten Kapitel über (einzelne) Mangagenres: Berndt 1995, S. 45ff. (Shonenmanga/Jun- Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten36 duktions- und Vertriebsbedingungen im Herkunftsland Japan,74 den USA75 oder Deutschland76, Analysen bedeutender Mangaautor_innen77 und ihrer Werke,78 Betrachtungen des Mediums in intermedialen Vergleichsstudien79 sowie als Teil der gegenwärtigen Medien- und Populärkultur80. Zudem finden sich Arbeiten über die Fanszene in Japan81 und Deutschland82 sowie zu einzelnen Aktivitätsformen von Mangafans wie die Untersuchung von Fangeschichten (Fan Fiction)83 oder gen-Manga), 95ff. (Shojomanga/Mädchenmanga), 127ff. (Frauen-, Pornomanga); Brunner 2009, S. 32ff. (Genreübersicht); Schodt 1993, S. 68ff. (Manga für Jungen und Männer unter besonderer Berücksichtigung des Samurai-Typus), S. 88ff. (Manga für Mädchen und Frauen); Gravett 2006, S. 38ff. (Gekiga), S. 52ff. (Storymanga/Jungenmanga), S. 74ff. (Mädchen-, Frauenmanga), S. 96ff. (Seinenmanga/Manga für junge Männer); Kinsella 2000, S. 70ff. (Mangagenre für Erwachsene inklusive Wirtschafts- und Politikmanga). Zudem finden sich Artikel und Beiträge zu einzelnen Genre: Berndt, J.: Shojo-Manga. In: Lexikon der Comics. Nr. 35, 2000 (Mädchenmanga); Berndt, J.: Manga für Erwachsene. In: Diekmann, S./Schneider, M.: Szenarien des Comics. 2005, S. 129–145; Toku, M.: Shojo Manga. In: Lunning, F./LaMarre, T.: Networks of Desire. Minneapolis 2007, S. 19–34; Shamoon, D.: Revolutionary Romance. In: Lunning, F./LaMarre, T.: a. a. O., S. 3–19; Drummond-Mathwes, A.: What Boys will be. In: Johnson-Woods, T.: Manga. London 2010, S. 62–77; Eckstein, K.: Die Visualisierung von Zeit im modernen shojo manga. 2012. 74 Kinsella 2000; Berndt 1995. 75 Schodt 2007, S. 305ff. 76 Mertens, E.: Mehr als ‚nur‘ Manga und Anime. Hamburg 2012b/Ossmann, A.: Phänomen Manga. Stuttgart 2004. 77 Die Schreibweise japanischer Namen von Autor_innen und Zeichner_innen in dieser Arbeit entspricht der westlichen Schreibweise: Vorname Nachnahme (Bsp. Osamu Tezuka). 78 Vor allem liegen Arbeiten über den berühmten Mangazeichner Osamu Tezuka und seine Werken vor: Einholz, E.: Der Manga-Künstler Osamu Tezuka (1928–1989). Berlin 1994; Philipps, S.: Erzählform Manga. 1996; Schodt 2007, S. 233ff.; Gravett 2006, S. 24ff. Bei Schodt findet sich auch ein Überblick über andere beachtenswerte Künstler und Werke (vgl. Schodt 2007, S. 136ff.). 79 Köhn 2005; Stumpf, M.: Im Spiegelkabinett von expressionistischem Stummfilm, Film Noir, Manga, Anime und japanischem Computerspiel. Hildesheim 2013. 80 Avella, N.: Graphic Japan. Mies 2004; Scherer, Elisabeth/Mae, M.: Nipponspiration. Köln 2013; Heinze, U.: Japanische Blickwelten. Bielefeld 2013. 81 Kinsella, S.: Japanese Subculture in the 1990’s. In: The Journal of Japanese Studies. 24 (1998) 2, S. 289–317; Grassmuck, V.: »Allein aber nicht einsam« – die Otaku-Generation. In: Bolz, N. (Hg.): Computer als Medium. München 1999, S. 267–296. 82 Mertens, E.: Mehr als ‚nur‘ die Fans. Hamburg 2012a; Keller 2013. Rezeptionsstudien zu Mangaleserschaft mit ihren zentralen Ergebnissen werden an späterer Stelle explizit ausgeführt. 83 Black, R.: Adolescents and Online Fan Fiction. New York 2008. 372 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Kostümierungspraxen (Cosplay)84. Darüber hinaus liegen einzelne Untersuchungen zu spezifischen Thematiken wie der Gewaltdarstellung oder den Männer- und Frauenbildern in Manga vor.85 2.2.1 Disziplinäre Zugänge Die Wissenschaftsdisziplinen, die sich dem Gegenstand vor allem zuwenden, sind Japanologie, Literatur- sowie Medienwissenschaften. Im erziehungswissenschaftlichen Diskurs finden sich bislang nur vereinzelte Beiträge zu Manga. Zumeist handelt es sich dabei um medienpädagogische Auseinandersetzungen, in denen Manga als neuartiges Jugendmedium hinsichtlich ihrer Inhalte, japanischen Herkunft und Entwicklungsgeschichte vorgestellt werden. Diese Arbeiten widmen sich dem Medium bevorzugt im Zusammenhang mit seinem audio-visuellen Pendant, den japanischen Zeichentrickserien (Anime) oder behandeln es gar als Unterpunkt in der Darstellung der Zeichentrickangebote. So verweisen Marci-Boehncke und Just in ihrer Auseinandersetzung mit dem Leistungsideal in japanischen Sport-Zeichentrickserien auf Manga »als Vorläufer der japanischen Zeichentrickfilme« und betonen die filmische Darstellungsweise sowie die Themenbreite ihrer Angebotspalette.86 Eine als Pionierarbeit zu bezeichnende Darstellung der Medienformate Manga und Anime in Deutschland, USA und Japan hat Ralf Vollbrecht vorgenommen.87 Sein Beitrag liefert einen fundierten Einblick in die Erfolgsgeschichte sowie Herstellungs- 84 Buhl, M.: Virtual Bodies in Cosplay. In: Baader, M. u. a.: Erziehung, Bildung und Geschlecht. Wiesbaden 2012, S. 177–189; Heinrichs, K.: Cosplay – Costume Play. Hildesheim 2007; Heinrichs, K.: Fan Costuming und Cosplay zu Star Wars und Anime. Gießen 2013 (Auseinandersetzung mit der kulturellen Praxis des Cosplay in Deutschland und den USA). 85 Gewaltdarstellungen: Dolle-Weinkauff, B.: Über Gewaltdesign im Comic. In: Ders. u. a. (Hg.): Gewalt in aktuellen Kinder- und Jugendmedien. Weinheim 2007, S. 127–146; Geschlechterbilder: Bachmayer, E.: Gequälter Engel. In: Dies./Maderdonner, M.: Aspekte japanischer Comics. Wien 1986, S. 95–223 (Analyse des Frauenbilds in pornograhischen Manga für Männer); Roedel, C.: Schön bis zur Unerträglichkeit. In: Hackl, C. u. a.: Models und Machos. Konstanz 1996, S. 121–151; Wiesner, M.: Die Revolte der Knopfaugen-Girlies. In: Kinder- und Jugendliteraturforschung Frankfurt: Aus der Arbeit des Instituts und der Bibliothek für Jugendbuchforschung (2006) 1, S. 14–20. 86 Marci-Boehncke, G./Just, D.: Höher, schneller und weiter. In: merz – medien + erziehung. (2006) 50, S. 33–39. 87 Vollbrecht, R.: Manga und Anime. In: Aufenanger, Stefan u. a. (Hg.): Jahrbuch Medienpädagogik 1. 2001a, S. 441–463. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten38 und Vermarktungsbedingungen von Manga und Anime in den drei Ländern, auch wenn Verkaufs- und Produktionszahlen mittlerweile veraltet sind. Daneben existieren erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzungen, die die japanischen Zeichentrickserien (Anime) fokussieren;88 hierunter ist vorzugsweise die umfangreiche qualitative Studie von Götz und Ensinger zu nennen, die sich mit der Faszination der erfolgreichen TV-Serie Dragon Ball Z bei 6–15-jährigen Kindern und Jugendlichen beschäftigt.89 Wenn sich der pädagogische Diskurs explizit dem Medium Comic widmet, dann vor allem in Bezug auf andere Comicstilrichtungen wie franko-belgische oder US-amerikanische Angebote – sei es in der Hochphase pädagogischer Auseinandersetzungen mit Comics im Zuge der »Schmutz-und-Schundliteratur-Debatte« der 1950er und 1960er Jahre90 oder im Rahmen schulpädagogischer Studien zur Verwendung der Bildlektüre im Unterricht.91 Letztgenanntes Feld hat in jüngster Zeit auch Manga in ihre didaktischen Überlegungen zur Bilderlektüre aufgenommen.92 Erziehungswissenschaftliche Untersuchungen zur Wirkung der Mangalektüre – sei es in Form hermeneutischer Inhaltsanalysen oder qualitativer Rezeptionsstudien – fehlen derzeit hingegen. 2.2.2 Methodische Zugänge Analysen des graphisch-thematischen Angebots von Manga sind − analog dem Feld der Comicforschung – vor allem mit semiotischen und narratologischen Ansätzen vorgenommen worden. Erstere widmen sich der Bild-Text-Erzählung des Manga im Sinne einer Zeichentheorie, in der unterschiedliche Formen der bildlichen wie textuellen 88 Paus-Hasebrink, I./Lampert, C.: Dragonball und Dragonball Z. In: merz – medien + erziehung. (2003) 47, S. 28–31. 89 Götz, M./Ensinger, C.: Faszination Dragon Ball Z. o.O. 2002. 90 Vgl. Baumgärtner, A.: Die Welt der Comics. Bochum 1966, S. 91ff.; Strzyz, W.: Comics im Buchhandel. Frankfurt 1999, S. 16f. 91 Vgl. Wermke, J.: Wozu Comics gut sind. Kronberg 1976; Baur, E.: Der Comic. Düsseldorf 1977; Grünewald, D.: Vom Umgang mit Comics. Berlin 1991; Dinter, S.; Krottenthaler, E.: Comics machen Schule. Seelze/Velber 2007; Mounajed, R.: Geschichte in Sequenzen. Frankfurt 2009. 92 Eder, K./Becker, S.: Comic, Graphic Novel, Manga und Co. In: Grundschule Deutsch, (2012) 35, S. 4–7; Mounajed, R./Semel, S.: Comics erzählen Geschichte. Bamberg 2010. 392 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Darstellungsmittel differenziert, systematisiert und analysiert werden.93 Narratologische Ansätze nehmen Erzählsituationen, Zeitebenen und Modi der Erzählung, narrative Schemata oder auch Motive bzw. Motivtraditionen in den Blick.94 Untersuchungen von Erzählweisen sowie von narrativen Funktionen verschiedener Darstellungsmittel in Manga betrachten die visuell-narrative wie inhaltliche Angebotsseite, indem sie analysieren, was wie erzählt und vermittelt wird, welche Prinzipien, Themen oder Strukturen dem Erzählten zugrunde liegen. Sie beschäftigen sich vor allem mit der Darlegung des Regelwerks in den Comics, der Bedeutung von Zeichen oder der Analyse der Erzählformen und -strukturen, sprich der Grammatik, Semiotik und Narrativik in Manga. Aus der tiefenhermeneutischen Perspektive dieser Arbeit lassen sich solche Ansätze hinsichtlich der Wirkungs- bzw. Rezeptionsfrage als Analysen des intendierten Aussage- und Erzählgehalts, als »Komponentenanalyse« (Iser) mit einer systematischen Darlegung von Erzähltechniken, Darstellungsstrategien, Mitteln und Formen beschreiben.95 Ob und wie diese intendierten Botschaften aufgenommen werden (können), welche auch unintendierten sowie unbewussten Wirkungen das Angebot über Inhalt und Form zu entfalten vermag, welche manifest-latenten Themenkonstellationen, Lebensentwürfe und kulturellen Konflikte darin verhandelt werden, stellt jedoch kein Erkenntnisinteresse dar. Dies für Manga zu untersuchen bildet daher eine Leerstelle im Forschungsfeld, der sich die vorliegende Studie mit ihrer tiefenhermeneutischen Inhalts- und Wirkungsanalyse widmet. Zur Rezeption von Manga liegen bislang vor allem (Online-)Fragebogenerhebungen sowie Interviewstudien mit Fans vor, die an Nutzungsverhalten und kulturellen (Leit-)Bildern interessiert gewesen sind.96 Qualitative Erhebungen von Reaktionen auf die Mangalektüre 93 Brunner 2009, S. 61ff.; Philipps 1996; McCloud, S.: Comics richtig lesen. Hamburg 2009, S. 85ff.; McCloud, S.: Comics machen. Hamburg 2010, S. 215ff. 94 Dolle-Weinkauff, B.: Manga. In: Kinder- und Jugendliteraturforschung 2004/2005, hg. v. Dolle-Weinkauff, B. u. a., Frankfurt 2005, S. 99–109; Brunner 2009, S. 179ff. (Zum Motiv des Cross-dressings) 95 Iser, W.: Der Akt des Lesens. München 1994, S. 39. 96 Dolle-Weinkauff, B.: Japanbilder bei Lesern und Nichtlesern von Manga. In: Köhn, S.: Fremdbilder – Selbstbilder. Wiesbaden 2013, S. 337ff.; Dolle-Weinkauff, B.: Manga Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten40 und die Auseinandersetzungen in der Anschlusskommunikation sind zuvor noch nicht vorgenommen worden. 2.3 Forschungsstand zu Wirkung und Rezeption von Manga Besondere Relevanz erlangt eine Auseinandersetzung mit Wirkungsweisen von Manga aufgrund der im Forschungsfeld vielfach diskutierten und erörterten Besonderheiten von Manga in visuell-formaler wie inhaltlich-thematischer Hinsicht.97 Obgleich die Debatte um spezifische Merkmale von Manga kontrovers geführt wird, kann gleichwohl die Annahme formaler wie auch inhaltlicher Eigenheiten als ein wiederkehrender Topos der Auseinandersetzung mit Manga angesehen werden.98 Sich mit der Wirkung des visuell-thematischen Angebots von Manga auf Jugendliche zu beschäftigen, lässt sich folglich aus zwei Aspekten begründen: aus der diesbezüglichen Leerstelle in der Forschung zu Manga sowie aus vorhandenen wissenschaftlichen Befunden zu den Eigenheiten des Mediums und seiner Rezeption. 2.3.1 Besonderheiten der Thematiken und Motive von Manga Inhaltlich böten Manga nach dem Kinder- und Jugendliteraturwissenschaftler und Mangaforscher Dolle-Weinkauff eine »Stoff- und Themenwahl, die weder in der herkömmlichen Kinder- und Jugendliteratur noch im zeitgenössischen europäischen oder nordameriund ihr Einfluss auf junge Leser in Deutschland. In: Haug, C./Vogel, A.: Quo Vadis Kinderbuch? Wiesbaden 2011, S. 121ff; Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 38 (URL: www.sozioland.de/rp/manga08/index.html l. A.: 21.05.12); Kamm, B.- O.: Nutzen und Gratifikation bei Boys‘ Love Manga. Hamburg 2010. 97 Was als Besonderheit oder gar Spezifikum von Manga in den Blick gerät, hängt von der Comictradition ab, mit der sie verglichen werden. Dahinter scheint ein grundlegendes erkenntnistheoretisches Prinzip von (Medien- oder Kultur-)Vergleichen bzw. der Benennung von Spezifika auf, demzufolge die Erscheinungsform des Anderen oder Fremden von der Bestimmung des Eigenen, Vertrauten bedingt bzw. inhaltlich abhängig ist (vgl. Lockemann, B.: Das Fremde sehen. Bielefeld 2008, S. 19ff.). 98 Im Diskurs wird diskutiert, welche visuellen Merkmale, Darstellungsmittel oder Erzählinhalte als mangaspezifisch gelten können, wobei Mangaspezifika häufig mit japanischen Kulturspezifika begründet bzw. auf diesen Aspekt bezogen erörtert werden. Nach meiner Einschätzung sind die Eigenheiten von Manga, die auf soziokulturelle Aspekte bezogen werden, jedoch vielmehr von den japanischen Produktions- und Vertriebsbedingungen sowie der medienkulturellen Marktentwicklung beeinflusst bzw. bedingt (vgl. Kahl 2012b). Eine vergleichbare Position vertritt Berndt (vgl. Berndt 2005, S. 130). 412 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen kanischen Comic in dieser Akzentuierung zu finden ist. Kindheits- und jugendspezifische Probleme, der Umgang mit Sexualität und Aggression, Generations- und Pubertätskonflikte werden hier oft in einer Drastik angesprochen, die in der westlichen Literatur ihres gleichen sucht.«99 Dass der Autor dabei zugleich von »bisweilen unbedarften Stories«100 spricht, erscheint nur auf den ersten Blick als Widerspruch. Denn »unbedarfte«, d. h. im Grundmuster schlichte, schematische Handlungsgestaltungen und drastische Darstellungen schließen sich keineswegs aus, handelt es sich beim Ersten doch um eine Frage des Komplexitätsniveau – etwa der Konfliktkonstellation – während das Zweite für emotionale Intensität und Dramatik der Themenbehandlung steht. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass in Manga einfache Handlungsverläufe bzw. Konfliktmuster, die besonders Jugendthemen behandeln, in eigener dramatischer Weise dargeboten werden. Zudem stellen Manga »eine üppige Ansammlung von Versatzstücken und Elementen der kulturellen und literarischen Überlieferung im Weltmaßstab dar, die mit eigenkulturellen japanischen Elementen amalgamiert wird. (…) Nirgendwo sonst werden Elemente fremdkultureller Herkunft, nicht zuletzt auch religiöse und esoterische Vorstellungen, derart unbefangen rezipiert, vermischt und integriert wie im japanischen Comic.«101 So ist beispielsweise die Figur des Engels eine vielfach eingesetzte Gestalt in unterschiedlichsten Manga, die wahlweise Züge aus christlichen oder jüdischen Traditionen aufweist, die bisweilen sogar kombiniert sind, wobei die Engelsfigur zusammen mit Gestalten oder Vorstellungen anderer Religionen auftreten kann. Aufgrund solcher Vermischungen von zumeist westlichen mit fernöstlichen Motiven, Konzepten und Erzähltraditionen weist der japanische Jugendcomic stets vertraute sowie exotische Elemente auch für eine deutschsprachige Leserschaft auf, ein Moment, das mitverantwortlich für seinen nationalen wie internationalen Erfolg ist. Innerhalb des Mangasegments findet sich eine Ausdifferenzierung in zahlreiche Genre und Subgenre, die permanent weiterentwickelt, neukombiniert und vermischt werden. Dadurch weist die Stilrichtung 99 Dolle-Weinkauff 2005, S. 107f. 100 Ebd., S. 103. 101 Ebd., S. 101. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten42 eine Vielzahl von thematischen Schwerpunktsetzungen auf, die weltweit einmalig ist und von Fantasy und Science Fiction über Horror und Humor bis zu (Sport-)Hobbies und Religion reicht.102 Da es sich bei den Genre sowohl um inhaltliche wie auch graphische Ausprägungsformen handelt, wird an späterer Stelle noch mal genauer darauf Bezug genommen (siehe 2.3.4). Neben solchen thematischen Merkmalen weisen Manga eigene formal-ästhetische Ausprägungen der Erzählmöglichkeiten der Comicform auf. Um ihre visuell-narrativen Eigenheiten zu veranschaulichen, bedarf es zunächst einer Erläuterung, was unter visueller Narrativität von Comics zu verstehen ist beziehungsweise worin die erzählerischen Eigenheiten dieser Mediengattung bestehen. Aus diesem Grund erfolgt an dieser Stelle ein Exkurs zu Spezifika der Comicerzählform.103 2.3.2 Exkurs: Der Comic als visuelle Narration mit schriftsprachlicher Struktur Die Erzählung mit Bild und Text hat sowohl in Japan wie auch in westlichen Ländern eine lange kulturelle Tradition,104 doch erst um 1900 hat sich in den USA die Gattung Comic105 als eigenständige Ausdrucksform des Erzählens mittels Bild und Text – oder genauer Bild und Sprache, wie sich im Weiteren zeigen wird – herausgebildet.106 Sie unterscheidet sich von anderen Narrationen aus Texten und Bildern durch ihre neuartige Verknüpfung der beiden Zeichensysteme. Während etwa in den humoristischen Erzählungen von Wilhelm Busch – dem Vorbild der ersten US-amerikanischen Comicprodukte – die Handlung über den Schrifttext vermittelt wird und die Bildelemente lediglich illustrativen 102 Bryce, Mio/Davis, Jason: An overview of manga genres. In: Johnson-Woods, T.: Manga. New York, London 2010, S. 34ff. 103 Die folgende Textpassage stellt eine Erweiterung und Ergänzung einer bereits publizierten Auseinandersetzung mit der Thematik dar (vgl. Kahl 2012b). 104 Vgl. Köhn 2005; Jäger, T.: Die Bilderzählung. Petersberg 1998; Sackmann, E.: Memlings »Turiner Passion«. In: Ders.: Deutsche Comicforschung. Hildesheim 2007, S. 7–16. 105 Der Terminus »Comic« wird hier als übergeordneter Begriff für alle Arten und Formen von Bild-Text-Erzählungen verwendet, die stilisiert gezeichnete Figuren, überwiegend wörtliche, direkte Rede sowie spezifische Zeichen wie Lautmalereien, Bildmetaphern oder Bewegungslinien einsetzen (vgl. Grünewald 2010, S. 13). Zur unterschiedlichen Terminologie für die bildliche Erzähllektüre und den Ausdruck Comic als verbreitetem Metabegriff vgl. ebd., 12ff. 106 Vgl. Köhn 2010, S. 306; Dittmar, J.: Comic-Analyse. Konstanz 2008, S. 21. 432 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Charakter haben (was gleichermaßen für Bilderbücher zutrifft), handelt es sich beim Comic um ein »sprachlich-bildliches Komplementärsystem«107: »Ein erstes und grundlegendes Spezifikum dieser Literaturart ist die integrierte Verwendung von piktoralen und verbalen Zeichen, die in ihrem Zusammenspiel einen Erzähltext konstituieren.«108 Welche Funktion das jeweilige Zeichensystem für die Erzählung inne hat, wird ersichtlich, wenn sie voneinander getrennt betrachtet werden. Eine solche Analyse hat Dolle-Weinkauff vorgenommen, an dessen Argumentationslinie sich im Folgenden orientiert wird.109 Reduziert man den Comic auf die Bildelemente, so wird deutlich, dass die piktorale Ebene bedeutsame, affektive Augenblicke nebeneinander stellt, die in einer engeren oder weiteren zeitlichen Abfolge »inhaltlich und prozessual zusammenhängen«110. Aufgrund dieser Eigenschaft wird im Fachdiskurs auch der Terminus »sequentielle Kunst« (McCloud) für Comics gebraucht.111 Zudem vermittelt die Bildebene in der Regel die nonverbalen Kommunikationsanteile in der »Körperhaltung, Körperrichtung, Blickrichtung, Gestik und Mimik«112 sowie die räumlich-situativen Rahmenbedingungen des Geschehens. Aufgrund des narrativen Aspekts der Bilderreihung stellt das Einzelbild keine vollständige, in sich ruhende Szene dar, sondern verweist auf ein prozessuales Davor und Danach, einen externen Bedeutungskontext, der dem Erzählzusammenhang, in dem es steht, geschuldet ist.113 Allerdings generieren die Bilderfolgen trotz ihres narrativen Charakters »keine eindeutigen Verweisbeziehungen«114. Die Bildebene ist 107 Dolle-Weinkauff, B.: Das heimliche Regiment der Sprache im Comic. In: Franzmann, Bodo u. a. (Hg.): Comics zwischen Lese- und Bildkultur. München 1991, S. 76. 108 Dolle-Weinkauff, B.: Schrift und Bild als Lesevorgabe im Comic. In: Deutschunterricht, 55 (2002) 2 , S. 17. 109 Vgl. Dolle-Weinkauff 1991, S. 67–73. 110 Grünewald 2010, S. 24. 111 Vgl. McCloud 2009, S. 17. Eine Klassifizierung, die nicht unumstritten ist; zu den damit verknüpften definitorischen Problematiken vgl. Packard, S.: Modellierung, Isolierung und Kontrolle. In: Grünewald, D. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 53–56. 112 Krichel, M.: Erzähltheorie und Comics. In: Grünewald, D. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 35. 113 Vgl. Grünewald 2010 S. 20ff. 114 Dolle-Weinkauff 2002, S. 19. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten44 wesensgemäß mehrdeutig, was sich im Comic sowohl auf den Zusammenhang der Einzelbilder – sogenannter Panels115 – wie auch auf ihren Erzählinhalt auswirkt. Betrachtet man den Schrifttext für sich, zeigt sich, dass sich mittels der geschriebenen sprachlichen Anteile in der Regel ein Interaktionsgeschehen vermittelt, dem eine zeitliche wie inhaltliche Abfolge inhärent ist. Mit dem Text lassen sich Komprimierungen und Vereindeutigungen erzielen; es können grosse Handlungssprünge etwa zeitlicher Art ebenso präzise und knapp vermittelt werden wie abstrakte Ideen oder komplexe Sachverhalte.116 Auch die zwischenmenschliche Kommunikation ist am besten über die wörtliche Rede vermittelbar. Diese stellt die am häufigsten im Comic verwendete Schrifttextart dar. Zusammengefasst haben die beiden Zeichenebenen im Comic strukturell verschiedene Aufgaben und Funktionen in der Erzählgenerierung. Die Bilder »übernehmen […] eine beschreibende Funktion, indem sie Handlung und Figuren zeigen [Hervorhebung im Original]«117. Dabei führen insbesondere die Atmosphäre, die Körperlichkeit und die Affekte in einzelnen Szenen vor. Der Text vermittelt einen abstrakten Zusammenhang des Geschehens und seiner Deutung. Er dient dazu, den bildlichen Handlungsverlauf zu strukturieren, das Geschehen inhaltlich zu präzisieren und das Gezeigte zu einem Narrativ zusammenzusetzen. Im Verhältnis zwischen Bild und Text herrscht im vermeintlich bilddominierten Comic nach Dolle-Weinkauff das »heimliche Regiment der Sprache«118. Der Comic kann als eine spezielle Form der Lektüre eingeordnet werden, da die Sprache nicht allein in Form des Schrifttextes das »primäre Ordnungsprinzip«119 des Inhalts darstellt, sondern darüber hinaus auch »die Anordnung der Einzelbilder und Bildfolgen […] den Konventionen der Lektüre von Schriftsprache folgt.«120 Neben der Leserichtung der Texte bestimmt die schriftsprach- 115 Mit Panel wird ein einzelnes Bild im Comic bezeichnet, das einen einzelnen Moment abbildet. In der Regel sind die Einzelbilder mittels eines Rahmens voneinander getrennt und markieren darüber eine zeitliche Abfolge. 116 Vgl. McCloud 2010, S. 31 und 2009, S. 128, 131. 117 Krichel 2010, S. 33. 118 Dolle-Weinkauff 1991, S. 66. 119 Ebd., S. 70. 120 Ebd. 452 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen liche Struktur gleichermaßen »die Anordnung beziehungsweise Erfassung zahlreicher bedeutungstragender Elemente«121 innerhalb des Bildes. Diese schriftsprachliche Strukturierung der Bild- und Textelemente stellt ein entscheidendes Gattungsmerkmal von Comics dar, das sogar wesentlicher ist als die Präsenz von Texten im Bild. Grünewald fasst diesen Umstand treffend zusammen: Comics »sind eine hybride Kunst, sie vereinen Bild und Sprache – nicht notwendig Bild und Text (Schrift), wohl aber zeigendes Bild und sprachlich-literarische Struktur.«122 Die Spannung zwischen »den sinnlichen Qualitäten des Bildes«123 und »der Strenge des Schriftprinzips«124 ist ein Spezifikum der Gattung Comic. Konstitutiv für sie ist ein Erzählen mittels bildlicher Darstellung und schriftsprachlichem Strukturprinzip,125 in dem Einzelbilder zur Herstellung eines Narrativ in einer Abfolge stehen.126 Die Verschränkung »des verbalen und des piktoralen Zeichensystems«127 geht jedoch weiter, denn in Comics kann auch der Schrifttext selbst in seiner visuellen Erscheinungsform eine narrative Aussage transportieren – etwa indem das Schriftbild, die Schriftart verändert wird, um Emotionen oder dialektische Einfärbung zu zeigen. Eine comicspezifische Sonderform des visuell-narrativen Textes sind die Lautmalereien, die Geräusche und Klänge benennen, die in der präsentierten Comicszene »hörbar« sind. Sie sind als Wörter oder Buchstabenfolgen ins Bild integriert und können mit ihrer Darstellungsweise Lautstärke, Richtung oder auch Bewegung von Tönen veranschaulichen. Gleichermaßen können Bildelemente mittels Abstraktionen in den Bereich for- 121 Dolle-Weinkauff 1991, S. 73. 122 Grünewald 2010, S. 16. 123 Dolle-Weinkauff 1991, S. 78. 124 Ebd. 125 Ein solcher (Definitions-)Ansatz von Comics findet sich nach Mounajed bei Scholz, Platthaus und Dohm, während Wolfinger und Lefèvre das Format der Comics (Heft, Taschenbuch, Zeitungsstrip etc.), ihre Materialität als zentrales Kriterium ansetzten (vgl. Mounajed 2009, S. 15). Zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ansätzen und Schwierigkeiten einer Definition der Gattung Comic vgl. Grünewald 2010, S. 11ff. 126 In Comics können auch Bilderabfolgen ohne Schrifttext auftreten, »doch handelt es sich dann um Folgen von ausgesprochen eindeutiger, hoher Informationsdichte und kürzester Erzählzeit.« (Dolle-Weinkauff 2002, S. 19) 127 Dolle-Weinkauff 2014, S. 458f. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten46 malisierter Zeichen mit feststehenden Bedeutungen übergehen, zum Beispiel indem sie in den Schrifttext integriert werden und dort für Redensarten und Metaphern stehen. Eine erleuchtete Glühbirne in einer Sprechblase wird dadurch zum »symbolischen Zeichen« (Dolle-Weinkauff) des erleuchtenden Einfalls, der spontanen Idee. »Letzten Endes haben wir es also bei diesen spezifischen Zeichenarten mit chimärenhaften Resultaten der verbal-piktoralen Doppelcodierung des Comic zu tun, die wie auch bestimmte konkrete und abstrakte Piktogramme (Wölkchen, Speed lines, Sterne u. a. m.) zum allgemeinen Inventar einer besonderen Sprache des Comic gerechnet werden.«128 Als genuines Merkmal der Gattung Comic kann demnach seine bildlich-sprachliche Doppelstruktur angesehen werden, aus deren Zusammenspiel sich die Erzählung generiert. Sie äußert sich in der sprachlichen Strukturierung von Bildelementen ebenso wie im doppelten Bezugssystem comicspezifischer Darstellungsmittel wie Onomato pöien (Laut-, Klangmalereien/Soundwords) oder symbolischen Zeichen elementen als Textbausteinen. Als weitere spezifische graphische Erzählmittel des Comics gelten der Einsatz von Sprech- und Denkblasen im Bild, die strukturell den Text- vom Bildraum differenzieren oder »grafische Indizes (z. B. Bewegung verstärkende Speedlines)«.129 Die basalen Prinzipien Bild-Text- bzw. Bild-Sprache-Verbindung und Narrativität durch Visualität können im Comic in unterschiedlicher Weise generiert, kombiniert und insofern erzählerisch genutzt werden.130 Wie sich Bild und Sprache im Manga in besonderer Weise organisieren, wird mit Blick in den Fachdiskurs im Folgenden dargelegt. 2.3.3 Besonderheiten der Erzähltechniken und Darstellungsmittel von Manga In Manga finden sich die Prinzipien und Erzähltechniken von Comics in eigenen, mitunter spezifischen Ausprägungen und Varianten, so dass sie als globale, innovative Comic-Strömung,131 »als eigenständi- 128 Dolle-Weinkauff 2002, S. 20. 129 Grünewald, D.: Comics. Tübingen 2000, S. 4. 130 Vgl. McCloud 2009 und 2010. 131 Vgl. Dolle-Weinkauff 2010, S. 90. 472 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen ge Traditionslinie«132, die »eigene stilistische Merkmale«133 aufweist, gelten. Eine eigene Stilausprägung der Darstellungs- und Erzählmöglichkeiten des Comics lässt sich in Manga sowohl in der Verbindung von Bild und Text bzw. ihrer sprachlich orientierten Strukturierung, der Einbindung von Text ins Bild oder der Herstellung einer Chronologie zwischen Einzelmomenten auffinden, als auch in Einsatz und Gestaltung comicspezifischer Erzählmittel wie Onomatopöien (Laut- und Klangmalereien, Soundwords), Bewegungslinien (Speedlines), symbolischen Darstellungen und Piktogrammen erkennen. An dieser Stelle kann keine erschöpfende Darlegung der eigenständigen Erzähltechniken und Darstellungsmittel im Manga erfolgen, da dies den Rahmen der Ausführung an dieser Stelle übersteigt.134 Um dennoch einen anschaulichen Einblick zu ermöglichen, werden im Folgenden verschiedenste Aspekte der Bild-Text-Verbindungen sowie der comicspezifischen Erzählmittel beschrieben, die zentrale Merkmale des besonderen Mangaerzählstils verdeutlichen. Als erster Aspekt ist die Leserichtung von Bild und Text zu nennen, die sich grundsätzlich entsprechend der japanischen Schriftsprache von rechts nach links und von rechts oben nach links unten bewegt – sowohl in der Reihung der Einzelbilder als auch in der Leseweise von Text- und Bildelementen innerhalb eines Einzelbilds.135 Demgemäß werden die auf dem deutschen Markt erhältlichen Mangataschenbücher in der japanischen Leserichtung – sozusagen von »hinten« nach »vorne« – gelesen, was in jedem in Deutschland erscheinenden japanischen Jugendcomic auf der ersten Seite (in deutschsprachiger Leserichtung) erklärt wird.136 132 Brunner 2009, S. 21. 133 Heinrichs 2013, S. 5. 134 Vgl. Brunner 2009. 135 Bis in die 1940 Jahre ist in Manga die traditionelle Leserichtung der japanischen Schriftsprache verwendet worden, nach der die Bilder zunächst von oben nach unten und dann von rechts nach links gelesen wurden (vgl. Berndt 1995, S. 90). 136 Die ersten Mangapublikationen in Deutschland sind zunächst in gespiegelter Form und somit westlicher Leserichtung publiziert worden. Die ungewohnte, japanische Leserichtung galt im Verlagswesen als Überforderung des Lesepublikums und insofern verkaufsschädigend. Im Folgenden hat sich jedoch die japanische Leserichtung als ein Erfolgsfaktor erwiesen, woraufhin Manga nur noch in dieser Weise publiziert werden. Der jungen Leserschaft gilt diese Leserichtung als ein Erkennungsmerkmal von Manga. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten48 Neben dieser Eigenheit weisen die Bild-Text-Verbindungen in Manga weitere Besonderheiten auf. So wird vielerorts auf Sprech- bzw. Denkblasen verzichtet, so dass die Zuordnung der Textpassagen zu Figuren uneindeutig und flexibel zu lesen ist. Auch eine in horizontale Reihen gegliederte Anordnung abgegrenzter Einzelbilder wird stellenweise oder grundsätzlich verlassen zugunsten unterschiedlich großer, ineinander verschachtelter, einander überlagernder Einzelbilder und Texte, ganzseitigen Abbildungen bis hin zur Auflösung von Bilderrahmen.137 »Wenn von den Besonderheiten des Manga die Rede ist, dann – neben den kulturspezifischen Erzählinhalten – von der bildlichen Art, in der er erzählt und in der er gelesen wird, vor- und zurückschlagend, kreisend Voran gegangenes wieder aufnehmend. […] Nicht allein die Panels untereinander, auch Bild und Text lassen sich im hochentwickelten Manga variabel kombinieren«.138 Über solche Anordnungen kann die zeitliche Linearität der gezeigten Einzelmomente zuweilen aufgehoben werden zugunsten einer beweglichen, wandelbaren Chronologie der Handlung, einer Veranschaulichung zeitlich paralleler Vorgänge oder auch der Darstellung eines Moments aus verschiedenen Perspektiven.139 Zudem haben Manga zahlreiche filmische Darstellungsformen adap tiert, indem sie etwa mit einer Verschränkung der »Handlungsund Wahrnehmungsachse«140 arbeiten. Das filmische Prinzip der Zeitlupe haben sie mittels der Ausdehnungen eines Augenblicks über mehrere Einzelbilder in ihr Erzählrepertoire integriert. Gleichermaßen erfolgen auch Verdichtungen von Handlungsverläufen, indem mehre- Erster Manga in japanischer Leseweise in Deutschland ist der überraschende Megaerfolg Dragon Ball von Akira Toriyama (1997–2000) gewesen. Koreanische Comicwerke (Manhwa), die in Format und Machart leicht mit japanischen Comics verwechselt werden können, verwenden analog ihrer Schriftsprache hingegen die hierzulande vertraute Leserichtung. 137 In diesem Kontext können etwa Einzelelemente wie Hauptfiguren herausgehobenen werden, indem sie ohne Einfügung in ein räumliches Setting zu sehen sind und dabei sogar verschiedene Einzelbilder überlagern. 138 Berndt 1995, S. 90f. 139 Mangabeispiele siehe Anhang 1–5. 140 Brunner 2008, S. 52. 492 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen re Einzelhandlungen nebeneinander in einem Bild präsentiert sind.141 Aufgrund dieser vielfältigen Erzählstrategien wird ein »anderer Umgang mit Raum und Zeit«142 als ein grundlegendes Merkmal von Manga ausgewiesen. Als zweites basales Merkmal ihrer erzählerischen Besonderheiten kann die ausgefeilte Visualisierung von situativen Atmosphären wie individuellen Stimmungslagen, die sich mit McClouds als expressionistischer Gefühlsausdruck bezeichnen lässt,143 angesehen werden. Dazu lassen sich strukturell die soeben benannten Bild-Text-Verknüpfungen der Verdichtung und der Ausdehnung von Einzelmomenten zählen, die zu Spannungssteigerung und somit Emotionalisierung der Handlung beitragen können. Auch der Einsatz einer filmischen Darstellungstechnik, in der das sich bewegende Objekt oder der/die Akteur_in klar erkennbar ist, während die Umgebung als vorbeiziehender Hintergrund verwischt, dient diesem Zweck. Zur Atmosphäre tragen ferner die prägnanten Handlungsorte in Manga sowie die Einzelbilder von Alltagsdetails (wie einer dampfenden Kaffeetasse) bei, die Momentaufnahmen der Alltagspraxis integrieren und somit auch als gegenständliche Repräsentanten von Lebenslagen fungieren.144 Daneben finden sich in Manga komplexere und vielfältigere Ausgestaltungen der visuellen Narrativität der Textpassagen, in denen der Textabschnitt nicht mehr vollständig gelesen werden muss, um »seine atmosphärische Bedeutung zu vermitteln. […] Die Aufteilung der Wörter und ihr Abstand voneinander zeigen bildlich an, ob zögerlich oder bestimmt, langsam oder schnell gesprochen wird.«145 Die verbale Aussage des Textes tritt dabei hinter seine non-verbale, emotionale Information zurück. Zur Visualisierung der emotionalen Verfassung von Protagonis t_innen werden neben dieser Textvisualisierung häufig symbolische Darstellungen (Blumenblüten, Blitze, u. ä.) eingesetzt, die anstatt des räumlichen Settings als Bildhintergrund fungieren. Auch ein vermehr- 141 Vgl. Brunner 2009, S. 100f. 142 Platthaus 2008, S. 89. 143 Vgl. McCloud 2010, S. 216; Mc Cloud 2009, S. 141. 144 Vgl. McCloud 2010, S. 216f. bzw. Abbildung in 2.3.5. 145 Berndt 1995, S. 91. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten50 ter Einsatz von Bildausschnitten, die extreme Nahaufnahmen der Protagonist_innen in erster Linie ihrer Gesichter beinhalten, befördert den Fokus auf die subjektive Verfassung; wobei die übergroßen Augen vieler Mangafiguren ein wichtiges, verstärkendes Element des mimischen Gefühlsausdrucks bilden, tragen sie doch mittels Schattierungen oder Symbolen (z. B. Sterne, Blitze, Kreise) wesentlich zur Emotionsdarstellung bei. Eine andere mangaspezifische Stilisierungstechnik der Emotionsrepräsentation ist die Super-Deformed-Figurendarstellung. Dabei werden die Protagonist_innen in intensiven emotionalen Situationen (Beschämung, Erstaunen, Ärger, Freude etc.) in einer cartoonartigen, d. h. schematisiert-übertriebenen, verkleinerten und kindlicheren Körperform dargestellt, die die Emotion schnell und prägnant aufzeigt.146 Situative, einzelne Körperveränderungen, wie ein Wechsel der Haarfarbe oder die Abwesenheit von Gesichtsmerkmalen (z. B. der Nase) oder Körperteilen (z. B. den Händen) in der Figurendarstellung stellen eine weitere Strategie dar. Mit diesen optischen Wandlungen wird je nach Erzählkontext keineswegs eine tatsächliche körperliche Veränderung der Figuren, sondern vielmehr eine Änderung ihrer emotionalen Verfasstheit visuell repräsentiert, die sowohl situationsals auch figurenspezifisch auftreten kann.147 Derartige Formen visueller Emotionsrepräsentation in der Körperdarstellung haben Abbott und Forceville als Ausdruck von Repräsentationen des sozialen Wissens (embodied cognition)148 besonders der von Kövecses entwickelten Conceptual Metaphor Theory (CMT) gefasst. Nach Kövecses Analyse englischsprachiger Metaphern werde das Denken über Emotionen 146 »The conventions of this technique are: bodies with child-like proportions, including unnaturally large heads, short arms, very big eyes; and simplified, sometimes lacking, facial features (e.g. noses may not be depicted). The SD [Super-Deformed, R. K.] technique enables manga artists to depict emotions quickly and efficiently.« Abbott, M./ Forceville, C.: Visual Representation of emotion in Manga. In: Language and Literature. 20 (2011) 2, S. 97. 147 Vgl. Abbott/Forceville 2011, S. 109. 148 Diese psychologische Theorie geht von einer Wechselwirkung zwischen Kognition, Sensorik und Motorik aus, welche sich in Denkprozessen wiederspiegelt. Denken ist demzufolge multimodal und körpergebunden. 512 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen zentral durch die Metaphorik »Emotions are Forces«149 (Emotionen sind Kräfte) strukturiert, zu der Unterformen gehören wie die Annahme »Emotional Harm is physical Damage«150 (Emotionale Verletzungen sind physische Verletzungen). Derartige kognitive Konzepte in der Verbindung von Emotion und Körpererscheinung ließen sich nach Abbott und Forceville in der starken visuellen Kodierung, Schematisierung und »Übertreibungen, die potentiell narrative Bedeutung tragen«,151 von Mangadarstellungen wiederfinden. Die verschiedenen visuellen Erzähltechniken verweisen insgesamt auf eine ausgeprägte metaphorisch-narrative Bedeutung der Darstellungsweisen von Körpern wie auch Räumen im Manga, die tendenziell den beschreibenden Charakter in der visuellen Inszenierung von Affektlagen (das (Mit-)Erleben der erzählten Situation) über eine »realistische« Abbildung stellen. Manga nutzen demnach die comictypischen Mechanismen der Reduktion, Stilisierung, Übertreibung und narrativen Visualität in einer Weise, die die Verbindung von Körpererfahrung, Emotion und Vorstellung verstärkt anspricht.152 2.3.4 Zusammenspiel von Inhalt und Form: Entgrenzungen von Produktion und Rezeption sowie Genrediversifizierung Zum Abschluss der Ausführungen über Besonderheiten der japanischen Jugendcomics sei auf zwei unterschiedliche, prägende Merkmale im Zusammenspiel von inhaltlicher und formaler Gestaltung verwiesen: das Gestaltungsmoment der Entgrenzung sowie die Genreausdifferenzierung der Angebotspalette. Hinsichtlich der Gestaltung von Manga lässt sich nach Brunner ein Moment von Entgrenzung zwischen Inhalt und Form ausmachen, etwa indem Bild- und Textrahmen zu »Requisiten« (Berndt) in der fiktiven Handlung werden (bspw. wenn Figuren die Bildrahmen oder Buchseiten durchstoßen wie eine physische Grenze).153 Eine andere Variante ist, 149 Kövecses, Z.: Metaphor and Emotion. Cambridge 2000, S. 385 zit. n. Abbott/Forceville 2011, S. 105. 150 Ebd. 151 Eigene Übersetzung des engl. Originalzitats »exaggerations that potentially carry narrative meaning« (Abbott/Forceville 2011, S. 104). 152 Näheres dazu im Abschnitt 2.2.5 Schlussfolgerungen. 153 Vgl. Brunner 2009, S. 156; Berndt 1995, S. 60. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten52 Manga als mediales Erzählformat innerhalb der Narration zu thematisieren (bspw. wenn Figuren über ihre Existenz als Protagonist_innen in einem Manga sprechen). Zudem »bauen Zeichner […] eine reflexive Ebene in ihre Werke ein, indem sie sich selbst auftreten lassen und mit ihren Figuren kommunizieren oder über deren vorgeführte Manipulation die Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums testen«154. Ferner kommentieren sie die fiktive Handlung sowie den eigenen Arbeitsprozess im Anschluss an die Comicerzählung oder mittels Einschüben auf den Comicseiten sprich parallel zur Erzählhandlung.155 Derlei »Entgrenzungen von Form und Inhalt und […] von Fiktion und Realität«156 sind Strategien, »das Gemachtsein von Manga auszustellen«157 und zu reflektieren. Als solches bilden sie ein drittes Merkmal und strukturelles Prinzip in Manga, das die inhaltliche Ebene der fiktiven Narration mit der formalen Ebene des Erzählmediums sowie der realen Ebene der Herstellung und Rezeption verknüpft.158 Aus den benannten inhaltlichen wie formalen Merkmalen und ihren Ausgestaltungsmöglichkeiten generiert sich zudem ein breites Spektrum an Mangagenres, die allein im hierzulande primär zugänglichen Angebotssegment für Kinder und Jugendliche unterschiedlichste inhaltliche wie formale Konventionen aufweisen.159 Die Komplexität des Angebotsspektrums lässt sich exemplarisch an den unterschiedli- 154 Berndt 1995, S. 75ff. 155 Diese direkt an die Leser_innen adressierten Kommentare enthalten auch persönliche Angaben des Autors/der Autorin zu seinen/ihren Medienpräferenzen, Freizeitaktivitäten oder Arbeitsverhalten, so dass der Eindruck von direkter Ansprache, Nähe und Vertrautheit zwischen Leser- und Autorenschaft entsteht. 156 Brunner 2009, S. 154. 157 Berndt 1995, S. 62. 158 Mangabeispiele siehe Anhang 6–7. 159 Der Drang der japanischen Verlage, sich weitere Zielgruppen zu erschließen, die Verbindung mit flankierenden Medienangeboten (vor allem den Zeichentrickserien) und die Nachfrage nach adäquaten Lesestoffen seitens der älter werdenden Lesenden herzustellen, etabliert eine japanische Comiclandschaft, die für nahezu jede Alters- und Interessensgruppe Comiclektüre bietet. So umfasst das Mangaspektrum im Herkunftsland neben der auf dem deutschen Markt erhältlichen Auswahl an vor allem Jugendmanga seit den 1980er Jahren bis in die Gegenwart auch ältere Angebote sowie Lektüre für Postadoleszente, Erwachsene und Senioren, die auch Sachthemen, politische Themen oder Pornographie zum Inhalt haben sowie andere Stilformen aufweisen, die dem franko-belgischen Erzählstil folgen. Einzelne japanische Werke franko-belgischen Erzählstils sind ins Deutsche übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet worden, rangie- 532 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen chen Systematisierungslogiken ablesen, die zwischen stilistischen, thematischen und zielgruppenbezogenen Aspekten variieren, wie schon Marci-Boehncke und Just anführen.160 Unter die Erzählstile fassen sie im Rekurs auf Berndt Satiren, kurze Gag-Manga sowie romanhafte Erzählungen (Story-Manga).161 Die in Deutschland publizierten Manga gehören dabei fast ausschließlich der längeren fiktiven Erzählform des Story-Manga an. Als thematische Differenzierungen lassen sich im Bereich der Jugendmanga Genre wie Sport, Science Fiction, Historie, Fantasy, Krimi, Romanze oder Mystery nennen. Eine Zuordnung zu einem Genre stellt sich dabei häufig als uneindeutig heraus, da Manga in ihrem inhaltlichen Spiel mit internationalen Erzähltraditionen auch Neukombinationen von Elementen unterschiedlicher Genre aufweisen bzw. neuartige (Sub-)Genres generieren.162 Als greifbarer wenngleich auch inhaltlich undifferenzierter erweist sich da eine Zielgruppenzuordnung, in der häufig eine Verbindung der Kategorien Alter und Geschlecht vorgenommen worden ist. Es wird zwischen Mangaangeboten für Mädchen (jap. »Shojo-Manga«) und Jungen (jap. »Shonen-Manga«), jungen Männern (jap. »Seinen-Manga«) und Frauen (sog. »Lady’s Comic«) unterschieden. ren aber aufgrund der älteren Zielgruppen und des anderen Zeichenstils hierzulande nicht unter dem Label Manga. 160 Marci-Boehncke/Just 2006, S. 34. 161 Nach Berndt finden sich im »Verzeichnis japanischer Manga-Zeichner« sieben Genre-Kategorien, die aus meiner Sicht unterschiedliche Bezugspunkte wie Thematik, Länge, Zielgruppe, Publikationsort sowie Schöpfungszeitraum aufweisen. Berndt schlägt vor, zuerst eine Unterteilung nach Bildanzahl vorzunehmen und diese dann nach Zielgruppen und Themen zu untergliedern (vgl. Berndt 1995, S. 21f.). 162 Die enge Verzahnung der Mangaserien mit den Publikumsinteressen ist ein Anlass zur Entstehung neuer Sub-Genre. Denn gedruckt wird, was gefällt. Eine solch enge Leserbindung ist vor allem durch die Publikationshäufigkeit der Magazine möglich, die alle zwei Wochen einen neuen Sammelband mit den neuesten Kapiteln verschiedener Serien herausbringen, die via beiliegender Postkarte direkt von den Lesenden kommentiert werden können. Die Rückmeldungen können nicht nur beeinflussen, ob ein Angebot abgesetzt wird oder wie die Serie weiter verläuft, sondern führen bei breitem Zuspruch auch zur Generierung neuer Genres. So führte etwa die Beliebtheit der Abenteuer von und mit Dienstmädchen zur Ausgestaltung eines eigenen »Dienstmädchen-Genre« (»Maid«). Ein besonders beliebtes Sub-Genre vor allem bei der weiblichen Leserschaft hat sich gar aus Fangeschichten zu bestehenden Serien im regulären Markt etabliert – das Genre der romantischen, homoerotischen Liebesgeschichten zwischen Jungen bzw. jungen Männern, das als »Jungenliebe« (japanisch »shonen ai« bzw. »yaoi«, englisch »boys love«) bezeichnet wird. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten54 Die in Deutschland erhältlichen Manga gehören im Schwerpunkt den Bereichen Science Fiction, Fantasy und Romanze sowie Jungenund Mädchenmanga an.163 Die thematische wie graphische Ausgestaltung ist maßgeblich durch das alters- und geschlechtsbezogene Genre (vor-)geprägt.164 Die zentralen Erzählmuster für Jungen verlaufen nach meiner Expertise entlang der Motive Körperaction, Heldenbilder und Bewährungsproben und beschäftigen sich häufig mit Wettkampf und sozialem Aufstieg. Die Narrative für Mädchen kreisen stärker um Beziehungsthemen, Attraktivität, Schönheit und Weiblichkeitsentwürfe, wobei sie Konflikte in Paar- und Freundschaftsbeziehungen, Körperfragen und Auseinandersetzungen mit der Geschlechtsrolle in den Vordergrund rücken. Dazu formuliert Toku in zugespitzter Form, dass Manga für Jungen heldenhafte Beschützerabenteuer im Prozess der Mannwerdung bieten, Manga für Mädchen Geschichten von romantischer Liebe mit Hindernissen: »Regardless of the subject depicted in the story, the main theme of boys‘ manga is how the heroes become men by protecting women, family, country, or the earth from enemies. The theme of girls’ manga is how love triumphs by overcoming obstacles.«165 In den Angeboten für weibliche bzw. männliche Lesende werden demnach differierende markante, geschlechtstypische Identitätsentwürfe und Thematiken behandelt. Mit diesen unterschiedlichen Themenschwerpunkten geht die Etablierung und Entwicklung verschiedener graphischer Erzählstile und Darstellungskonventionen einher, die sich bei Mädchenmanga stärker auf die empathisch-atmosphärische Visualisierung von Emotionen und Innerlichkeit richtet, bei Jungenmanga auf die dynamische Inszenierung von körperlichen Auseinandersetzungen und Actionszenen. Hinsichtlich des narrativen Kodes lernen beide Erzählstile jedoch immer wieder voneinander und entwi- 163 Respondi AG (Hg.): Sozioland: Tabellenband Manga 2008, S. 3 (URL: www.sozio land.de/rp/manga08/index.html, letzter Abruf: 21.05.2012); Dolle-Weinkauff, B.: Fandom, Fanart, Fanzine. In: Deutsches Filmmuseum DIF u. a.: Ga-Netchû. 2008, S. 118ff. 164 Für eine ausführliche Darstellung der Genrespezifika vgl. für Mädchenmanga: Berndt 1995, S. 95ff.; Schodt 1993, S. 88ff.; Berndt 2000; Toku 2007; Shamoon 2007; Eckstein 2012. Für Jungenmanga: Berndt 1995, S. 45ff.; Schodt 1993, S. 68ff.; Gravett 2006, S. 52ff.; Drummond-Mathwes 2010. 165 Toku 2007, S. 19. 552 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen ckeln so das Mangaerzählrepertoire insgesamt weiter; aus Verknüpfungen ihrer inhaltlich-affektiven Schwerpunkte können neuartige (Sub-)Genre hervorgehen. Insofern ist es allein für das in Deutschland erhältliche Angebot an japanischen Jugendcomics angezeigt, von Manga im Plural zu sprechen als einem heterogenen und zeichnerisch wie stofflich vielgestaltigen Angebotssegment im Bereich der Comiclektüre mit besonderen graphisch-thematischem Stilformen. 2.3.5 Schlussfolgerungen: Komplexe Rezeptionsanforderungen und intensive Leserinvolvierung Das Besondere an Manga, so kann aus dem bisherigen Forschungsstand erschlossen werden, ist ihre reibungslose Vermischung von internationalen literarischen Themenstellungen, Motiven und Erzähltraditionen sowie ihr komplexer und differenzierter Einsatz graphischer Darstellungsmittel und ihrer Verknüpfungen von Bildern und Texten. »‚Japanisch‘ meint hier eine global bewegliche ästhetisch-kulturelle Mixtur, die tendenziell auf Kosten von Lokalspezifik geht, zugleich aber Nationalisierungen unterläuft und gerade damit zur Plattform für den Austausch zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft werden kann.«166 Spezifikum des inhaltlichen Angebots ist dabei die pointierte Behandlung von Lebens- und Konfliktlagen Heranwachsender mit unterschiedlichen zielgruppenbezogenen Themenschwerpunkten. Innovatives Potential und Alleinstellungsmerkmale im Comicbereich wird vor allem dem formal-graphischen Bereich zugesprochen, in dem Manga ein »Spiel mit einer ständigen Erweiterung des verbalen und piktoralen Codes«167 betreiben. »Denn unbestreitbar hat das Arsenal der erzählerischen und zeichnerischen Mittel in keiner Phase der Geschichte des Comic eine solch rasante Entwicklung und Ausdehnung erfahren wie unter der Ägide des zeitgenössischen Manga […]. Wenn im Kontext von Manga von Rasanz die Rede ist, so meint dies gewöhnlich den Hang zu Action, schnellen Schnitten und dynamischen Bildfolgen. Dies ist […] lediglich ein Oberflächenphänomen, 166 Berndt 2005, S. 130. 167 Dolle-Weinkauff 2005, S. 103. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten56 denn als viel wesentlicher ist die Dynamik der Konstitution und Entwicklung der narrativen Codes anzusehen.«168 Diese narrative Kodierung, so lassen sich die bisherigen Ausführungen zusammenfassen, ist durch einen komplexen und vielfältigen Einsatz graphischer Darstellungsmittel wie Piktogrammen oder Lautmalereien, eine vielfältige, stilisierte Repräsentation von Emotionslagen und Stimmungen sowie einem flexiblen zeitlich-räumlichen Aufbau von Bild-Text-Verschränkungen und Bilderfolgen gekennzeichnet. Zudem finden sich unterschiedliche Formen von Entgrenzungsstrategien im Bereich von Inhalt wie Form der Erzählungen, aber auch zwischen Erzähl-, Produktions- und Rezeptionsebene. Als grundlegende, übergeordnete Merkmale der Mangaerzählweise (insbesondere der formalen Erzählweise169) lassen sich aus meiner Sicht deshalb Dynamisierung (der visuellen Kodeentwicklung sowie der Handlungsgestaltung), Emotionalisierung (über den vielfältigen Einsatz von visuellen Darstellungstechniken) sowie Entgrenzung (im Bereich des chronologischen Handlungsverlaufs) benennen.170 Der Strategie der Entgrenzung scheint dabei eine prominente Stellung unter den Besonderheiten zuzukommen, tritt sie doch auf allen Ebenen – der formalen, der inhaltlichen sowie in der Verbindung von Inhalt und Form – in je eigener Weise in Erscheinung. Eine Form rein inhaltlicher Entgrenzung zeigt sich nach meiner Ansicht in den internationalen Bezugsquellen der Stoffe, wenn unterschiedliche literarische Themenstellungen, Motive, Genreelemente bzw. kulturelle Erzähltraditionen reibungs- wie vorbehaltlos miteinander vermischt werden, was eine Fülle an intertextuellen Referenzpunkten und assoziativen Bezügen eröffnet. Auf der formalen Ebene tritt Entgrenzung 168 Dolle-Weinkauff 2005, S. 103. 169 In gewisser Weise lassen sie sich auch auf die inhaltlich-thematische Seite anwenden: Grenzüberschreitungen zeigen sich in der reibungslosen Vermischung von literarischen Themenstellungen, Motiven, Erzähltraditionen und Genres unterschiedlichster religiöser oder soziokultureller Herkunft; Emotionalisierung erfolgt mittels einer »drastischen«, pointierten Behandlung jugendlicher Konfliktthemen und unter Dynamisierung ließen sich die zuweilen komplizierten, schnell wandelbaren Beziehungsgeflechte und Ereignisverknüpfungen in den Erzählungen fassen. 170 Die strukturellen Eigenheiten japanischer Comics weisen Parallelen zu dem Medienformat des Affektfernsehens, das auch als Reality-TV bezeichnet wird, auf. Überlegungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden finden sich im Ausblick (7.2). 572 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen auf, wenn Bild- und Textrahmen aufgelöst werden, was eine unterschiedliche Lektüre der Handlungsabfolge ermöglicht und ferner die Verschränkung der beiden Zeichensysteme befördert – die visuelle Bedeutung der Textstruktur sowie die sprachlich-zeichenhafte Bedeutung von Bildelementen –, so dass sich die narrative Aussagekraft der Zeichensysteme erhöht. In der Entgrenzung von Inhalt und Form liegen die womöglich interessantesten Neuerungen, sorgt sie doch für eine Durchlässigkeit zwischen fiktiver und realer Ebene nebst einer Verbindung von Rezeption und Produktion. Als Effekte dieser Besonderheiten des Mangaangebots, in der Forschungsliteratur auch unter Wirkung der Erzähl- und Darstellungsweise gefasst, wird zum einen eine hohe Rezeptionsanforderung, zum anderen eine verstärkte Involvierung in die Mangalektüre ausgewiesen. Mit ihren ausgefeilten und komplexen visuellen Darstellungsmitteln sowie den zuweilen zirkulären oder uneindeutigen Bilderfolgen stellt die japanische Comiclektüre erhöhte Rezeptionsanforderungen an die Leser_innen. So kommt Brunner zu dem Schluss, dass »die komplexe Bild-Text-Fügung eine ganz eigene Sprache konstituiert, die – ähnlich wie das Alphabet – erst erlernt werden will.«171 Dasselbe gilt für das Verständnis des vielfältigen comicspezifischen Zeicheneinsatzes, der methaphorischen Körperdarstellungen oder dem Spiel mit der medialen Form. Manga stellen mit ihrem komplexen Darstellungscode eine spezifische Decodierungsanforderung an die Lesenden, die Einlesen, Einsehen und folglich Einüben in eine innovative Bildsprachlichkeit (sowie in eine ungewohnte Leserichtung zumindest für deutschsprachig sozialisierte Lesende) erfordert. Zum zweiten dienen die graphischen wie inhaltlichen Besonderheiten nach dem Forschungsstand einem gemeinsamen, übergeordneten Ziel: der Involvierung des Lesenden in die Handlung. Brunner benennt diese Zielsetzung zum einen für die Entgrenzung von Inhalt und Form, deren »Illusionsbrüche […] darauf (zielen), die strikte Grenzziehung zwischen fiktionaler und realer Welt, die in den Köpfen der Leser präsent ist, durchlässiger zu machen.«172 Zum anderen sieht sie eine erhöh- 171 Brunner 2009, S. 15. 172 Ebd., S. 156. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten58 te Involvierung über die Ebene der Wahrnehmung und Verarbeitung der im Manga dargestellten Bewegung im Gehirn gegeben: »Wenn bei der Anschauung gemalter oder gezeichneter Bewegung auch diejenigen Hirnareale aktiviert werden, die für die reale Bewegungserkennung wichtig sind, müsste eine gezeichnete Bewegung den Betrachter sehr nahe ins Geschehen einbinden können, als sei die durch die vielfältigen Bewegungsdarstellungen dynamisierte Struktur von Manga besonders geeignet, den Leser in ihren Bann zu ziehen, weil sie die bewegte Aktion hautnah erfahrbar macht.«173 Neben einer solchen Verbindung von gezeichneter mit erfahrbarer Bewegung aufgrund spezifischer hirnphysiologischer Wahrnehmungsund Verarbeitungsprozesse bieten Manga gleichermaßen einen weiten Raum für eigenständige Ergänzungen und imaginäre Ausgestaltungen des Gezeigten. So verweist Berndt auf die Assoziationsfülle und angeregte Phantasietätigkeit aufgrund des Zeichenstils von Manga: »Die abstrahierende Sparsamkeit der Linien steigert den Reichtum der Assoziationen zusätzlich und setzt eine ausmalende, ergänzende, Disparates zusammensetzende Phantasie in Gang«174. Was auf Comics mit ihren Stilmitteln der Reduktion, Typisierung, Übertreibung, Auslassung und Verdichtung generell zutreffen kann, gilt aufgrund ihrer graphisch-narrativen Eigenheiten im Speziellen für Manga, wie sich etwa am unterschiedlich lesbaren Handlungsverlauf aufgrund flexibler Bild-Text-Kombinationen zeigt. Dass es bei solch angeregter Imaginationstätigkeit auch zu einer verstärkten emotionalen Einbindung ins Geschehen kommt, hebt Niel sen hervor, demzufolge Manga »gerahmte Schlüssellöcher des Gefühls«175 vorführen und dabei die Geschichte deutlicher in die Vorstellung des Lesenden verlagern. »Und wer dabei nichts fühlt, dem wird, anders als bei einem westlichen Erzähl-Comic, eben auch nichts oder zumindest nicht viel gesagt.«176 173 Brunner 2009, S. 99. 174 Berndt 1995, S. 90. 175 Nielsen 2009, S. 351. 176 Ebd., S. 356. 592 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Abb. 2: Acht typische Manga-Erzähltechniken nach McCloud (McCloud, S.: Comics machen. Hamburg 2010, S. 216). Während die Leserinvolvierung bei den bisherigen Literaturbezügen als Folge einzelner Darstellungs- oder Erzählmittel erscheinen mag und insofern auch als wünschenswerter Nebeneffekt einzelner Aspekte der Mangastilform verstanden werden könnte, macht ein Bezug auf Scott McCloud deutlich, dass es sich vielmehr um eine übergeordnete Gemeinsamkeit wie Zielsetzung von Mangaerzähltechniken handelt. In seiner Übersicht benennt McCloud acht innovative Erzähltechniken von Manga im Vergleich zu US-amerikanischen Superhelden-Comics der 1980er Jahre, deren Zweck die Involvierung des Lesenden in das Handlungsgeschehen ist. Diese Systematik stellt die graphischen Gestaltungsmittel ins Zentrum, indem sie die Figurendarstellung hinsichtlich Mimik, Charak- Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten60 tereigenschaften und sozialer Rolle, die Herstellung von Atmosphäre über Bildausschnitt, -abfolge und -inhalt neben der visuellen Techniken zur Visualisierung von Bewegung, Emotion und Eigenschaften zu erzähltechnischen Kategorien fasst; zugleich geht sie jedoch auch auf inhaltliche Besonderheiten des Mangaangebots ein, wenn auf die Fülle an unterschiedlichen thematischen Genres verwiesen wird. Wie die Zusammenstellung verdeutlicht, weisen die besonderen Erzählstrategien und -inhalte von Manga den übergeordneten Sinn und Zweck der starken Einbindung des Lesenden auf – eine Zielsetzung, die nach McCloud keinem anderen Comicstil bislang in dieser Intensität gelungen ist, wie dem globalisierten Mangaangebot. Aufgrund der vorherigen Ausführungen lässt sich ergänzen, dass diese Involvierung nicht nur in das fiktive Handlungsgeschehen der Mangaerzählung erfolgt, sondern gleichermaßen in die mediale Form des Manga sowie die Imago von der kreativen Autorenarbeit des Mangazeichnens, wie die formal-inhaltlichen Entgrenzungsstrategien anzeigen. Aufgrund dieses besonderen graphisch-thematischen Angebots mit seinen erhöhten Rezeptionsanforderungen, der Assoziationsfülle und angeregten Phantasietätigkeit sowie der intensiven Ausrichtung auf die Involvierung der Lesenden über formale wie inhaltliche Gestaltung ist von einer verstärkten Wirkungsweise von Manga im Feld der Comics auszugehen. 2.3.6 Ergebnisse zur Leserschaft und ihrer Mangarezeption Mit dem eigenen Wirkungsangebot der Mangastilform innerhalb der Comiclandschaft korrespondiert auf Publikumsseite eine eigenständige Rezipient_innengruppe mit speziellen Rezeptionsformen. Im Folgenden werden deshalb Ergebnisse zu Publikumsmerkmalen, Nutzungsgewohnheiten und Einflüssen der Lektüre auf Meinungen wie Aktivitäten der Rezipient_innen ausgeführt. 2.3.6.1 Befunde zur Mangaleserschaft Bei der Leserschaft von Manga handelt es sich hierzulande um eine Publikumsgruppe, die nur eine geringe Schnittmenge mit der konventionellen Comicleserschaft aufweist. Im Vergleich zu herkömmlichen Comicleser_innen zeigt das Mangapublikum nicht nur eigene Präferenzen und Auseinandersetzungsformen mit der Lektüre – wozu die 612 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Vorliebe für die graphisch-thematischen Eigenheiten von Manga sowie die Kommunikations- und Aktivitätsformen der Fanszene zu zählen sind, die im weiteren dargelegt werden – sondern ist auch deutlich jünger.177 Die Altersspanne der Mangarezipient_innen erstreckt sich zwischen 10 und 30 Jahren wobei die Kerngruppe zwischen 14 und 24 Jahren alt ist.178 Besonders auffällig hierbei ist der Schwerpunkt bei den weiblichen Rezipienten. So weist die Beteiligungsquote an der Sozioland-Studie (2008) rund 70% Leserinnen auf,179 über 80% sind es bei der ersten Fragebogenerhebungen des Europäischen Mangaforschungsnetzwerks (2006–2007)180. Selbst wenn diese hohen Prozentsätze »mit einer größeren Bereitschaft der Mädchen und jungen Frauen zur Teilnahme an einer […] Umfrage«181 verbunden sein mögen und aufgrund der offenen Stichproben keine validen Aussagen über geschlechtsbezogene Verteilungshäufigkeiten in der Gesamtleserschaft bilden können, bürgen die Zahlen der drei Studien doch für »eine klare Mehrheit«182 an Mangaleserinnen. Dieses Geschlechterverhältnis stellt ein Spezifikum des deutschen Mangapublikums (im Vergleich zu europäischen Nachbarländern wie Italien, Frankreich oder Schweiz) dar,183 was laut dem Europäischen Mangaforschungsnetzwerk durch das geringfügige Comicangebot für Mädchen und junge Frauen in Deutschland vor Einzug des Manga bedingt sein kann.184 In der Sozioland-Studie zeigen sich entsprechende geschlechtsbezogene Genrepräferenzen:185 Das mit Abstand beliebteste Genre, die Fantasy, steht bei beiden Geschlechtern an erster Stelle und wird von rund 50% der Mädchen wie der Jungen favorisiert. Die zweit- und drittbeliebtesten Genres variieren jedoch zwischen den Geschlechtergruppen. Bei den männlichen Befragten ste- 177 Vgl. Dolle-Weinkauff 2008, S. 223. 178 Vgl. Bouissou, J.-M. u. a.: Manga in Europe. In: Johnson-Woods, T.: Manga. London 2010, S. 257 f.; Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 38 (URL: a. a. O.). 179 Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 38f. (URL: a. a. O.). 180 Dolle-Weinkauff 2011, S. 131ff. 181 Ebd., S. 133. 182 Ebd., S. 131. 183 Dies gilt vor allem für die zentralen Altersgruppen der Jugendlichen und jungen Erwachsene, in der »jüngeren Alterskohorte (ist auch)(in Frankreich und Italien) eine weibliche Majorität gegeben.« (Ebd.). 184 Bouissou 2010, S. 257. 185 Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 3 (URL: a. a. O.). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten62 hen die Genre »Humor« bzw. »Comedy« (42,3%) und »Action« (37,5%) hoch im Kurs, während die weiblichen Befragten »Romantik« bzw. »Liebe« (46 %) und »Shonen Ai« bzw. »Boy’s Love« (40%) präferieren. Im Grunde gehört auch das Boy’s Love-Genre, wie der Name bereits anzeigt, in die Spart der Liebesgeschichten (in diesem Fall zwischen Jungen bzw. jungen Männern). Zusammengenommen bildet dieses Themenfeld demnach das Hauptinteresse der weiblichen Leserschaft. »In welch hohem Maß Manga-Lektüre und Adoleszenz zusammenhängen«186, lässt sich am Einstiegsalter bei der Mangalektüre ablesen, die im Schwerpunkt zwischen 10 und 14 Jahren liegt.187 Entsprechend besteht der Großteil der Leserschaft aus Schüler_innen,188 so dass bei Manga zu recht von einer Jugendlektüre gesprochen werden kann. 2.3.6.2 Befunde zu Manganutzung und -rezeption Vorliegende Nutzungs- und Rezeptionsstudien der Mangaleserschaft in Deutschland verweisen in ihren Einzel- wie Endergebnissen in eigener Weise auf eine eigenständige formal-inhaltliche Wirkung der Comicform Manga. So zeigen Fragebogenerhebungen sowohl des Meinungs- und Marktforschungsinstituts Sozioland wie des Europäischen Mangaforschungsnetzwerks, dass die Leserschaft insbesondere Merkmale, die zuvor als Eigenheiten von Manga benannt wurden, an der Lektüre schätzen. So resümiert die Sozioland-Studie von 2009, »der typische Zeichenstil und die Ästhetik sind für die meisten Leser (74%) der ausschlaggebende Grund für die Faszination der fernöstlichen Comics. Für mehr als die Hälfte (54%) macht erst dieser Stil den echten Manga aus. Und auch eine andere Eigenart hat sich ihren Platz in den Herzen der Anhänger erobert: Für zwei von drei Lesern (67%) macht die japanische Leserichtung von rechts nach links eine Geschichte zu einem richtigen Manga.«189 Am meisten schätzen die Lesenden an der japanischen Comiclektüre den Stil der Zeichnungen, bevorzugt die Darstellungsweise der Figuren 186 Dolle-Weinkauff 2011, S. 135. 187 Vgl. ebd. 188 Vgl. Ebd., S. 133f. 189 BisaFans.de: Erste Ergebnisse der sozioland Umfrage zum Thema Anime und Manga. (URL: www.bisafans.de/cgi-bin/news/viewnews.cgi?id=EkylplpEulFdmTZVJa, letzter Abruf: 11.09.2014). 632 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen sowie die abwechslungsreichen Erzählhandlungen, die sich nach ihrer Sicht zudem von denen anderer Comicstile positiv unterschieden.190 Zentrales Auswahlkriterium für einen Manga bildet dabei sein (autoren-)spezifischer graphisch-narrativer Stil: »Für den Leser entscheidet der erste visuelle Eindruck, ob sich die Vertiefung in den jeweiligen Manga lohnen könnte, so es nicht um das bloße Mitreden-Können geht.«191 In der Studie des Europäischen Mangaforschungsnetzwerks zeigt sich an unterschiedlichen Aspekten eine große Bedeutung der ausgewählten Lektüre für ihre Rezipient_innen. Zum einen wird von über der Hälfte eine hohe Lesefrequenz angegeben, die bei »täglich« oder »3–4 Mal pro Woche« liegt.192 Verstärkt wird dieser Befund noch durch die Auskünfte der Befragten, mehr Geld für Manga ausgeben und mehr Zeit mit der Lektüre verbringen zu wollen, was durch (im)materielle Bedingungen jedoch begrenzt werde. Zum anderen ist die Relevanz der Mangalektüre an den diesbezüglichen Selbsteinschätzungen der Befragten abzulesen: »82 Prozent wären frustriert und unglücklich, wenn sie keine japanischen Comics mehr lesen könnten, […] 70 Prozent glauben, dass die Manga generell Einfluss auf ihr persönliches Leben haben, und noch 42 Prozent sind davon überzeugt, dass sie ihr individuelles Bewusstsein, ihre moralischen Auffassungen und ihre Lebensweise prägen.«193 Hinzu kommt, dass viele angeben, durch die Lektüre neue Freundschaften geknüpft, andere Werte kennengelernt und ein angenehmeres Lebensgefühl entwickelt zu haben. Geschlechterdifferenzen zeigen sich hinsichtlich der Aussagen zur emotional-empathischen Involvierung in die Handlung, die von nahezu jeder zweiten Leserin, aber weniger als einem Drittel der Leser benannt wird. Demgegenüber gehen die männlichen Leser eher von einer Wirklichkeitsnähe der Erzählungen aus und zeigen sich stärker von den Figuren beeindruckt. Auch was die zukünftige Mangalektüre betrifft, gehen zwar 80 Prozent der Jungen und jungen Männer davon 190 Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 4, 16 (URL: a. a. O.). 191 Berndt 1995, S. 92. 192 Dolle-Weinkauff 2011, S. 136. 193 Ebd., S. 137. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten64 aus, noch mit über 50 Jahren Manga zu lesen, bei den Mädchen und jungen Frauen hingegen weniger als die Hälfte. Obschon es sich bei all diesen Angaben um subjektive Einschätzungen handelt, verweisen sie dennoch auf den vielfältigen positiven Einfluss und die vielfältigen Folgen, die die Mangaleserschaft ihrer Lektüre zuschreibt. Zudem verweisen auch die wissenschaftlichen Analysen auf gewisse Effekte der Lektüre. In ihrer Untersuchung zum Einfluss der Mangalektüre auf das Japanbild stellt das Europäische Forschungsnetzwerk fest: »Der Vergleich der Voten bei Lesern und Nicht-Lesern im Jahr 2011 zeigt […] deutlich mit einer Differenz von jeweils annähernd zehn Prozentpunkten, dass die Manga-Lektüre in gewissem Umfang geeignet ist, Fremdes bereitwilliger zu akzeptieren und gravierende Vorurteile abzubauen oder zumindest abzumildern.«194 Obschon die generelle Veränderung durch Manga von der Studie als gering eingeschätzt wird, da sie dem eigensinnigen Einsatz durch die jugendlichen Akteur_innen großes Gewicht beimisst, ist der meinungsbildende Einfluss auf das Japanbild deutlich erkennbar. In Richtung eines meinungsbildenden Einflusses ganz anderer Art lassen sich die Ergebnisse der Uses-and-Gratification-Studie von Kamm zu Nutzungsmotiven der weiblichen Leserschaft des sogenannten Boys’Love-Genres195 in Deutschland und Japan einordnen.196 Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Leserinnen versierte Kennerinnen des Genres sind und in der Lektüre vor allem auch das kreative Spiel mit dessen Motiven und Konventionen, ihren Abwandlungen und Veränderungen schätzen. Demzufolge ließe sich von der Ausbildung einer genrebezogenen Expertise und eines comicliterarischen Geschmacks sprich einer Art ästhetischer Präferenzbildung in der Auseinandersetzung mit Manga sprechen. Bei ihrer Analyse der Nutzungsmotive der weiblichen Leserschaft kommt die Studie zu unterschiedlichen Typen 194 Dolle-Weinkauff, B.: Japanbilder bei Lesern und Nichtlesern von Manga. In: Köhn, S.: Fremdbilder, Selbstbilder. Wiesbaden 2013, S. 17. 195 »Boys’ Love« bezeichnet ein Subgenre des Mädchenmanga, bei dem es um romantische, homoerotische Liebesgeschichten zwischen Jungen bzw. jungen Männern geht, auf Deutsch als »Jungenliebe« in Japanisch als »Shonen-ai« bzw. »yaoi« bezeichnet. 196 Kamm 2010. 652 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen der Medienzuwendung. Eine Berücksichtigung des inhaltlich-affektiven Genreangebots für die Zuwendung und Präferenzen durch die Leserschaft, das konkrete Leseerleben als Motiv der Lektürewahl ist hingegen nicht Gegenstand der Untersuchung. 2.3.6.3 Befunde zur Mangafankultur Neben diesen bisherigen Forschungsergebnissen lassen sich in einem erweiterten Verständnis auch die diversen »Begleit- und Folgeaktivitäten der Lektüre«197, die Fanaktivitäten als eine Form der Mangarezeption fassen. Obschon sich eine grundlegende Tendenz zur Aktivierung, Gruppenbildung und kreativen Bearbeitung von populären Medienstoffen in den letzten Jahren feststellen lässt,198 ist ihre Existenz im Anschluss an die Mangalektüre dennoch von eigener Bedeutung. Denn zum einen ist es eine Art Alleinstellungsmerkmal der Comicstilform Manga, »dass sie in deutlichem Gegensatz zu ihren europäischen und amerikanischen Counterparts den üblichen Rahmen einer vornehmlich passiven Rezeption weitestgehend gesprengt haben.«199 Zum anderen weist die Mangafankultur im Vergleich mit anderen Fankulturen neben Gemeinsamkeiten und Parallelen auch eigenständige Ausdrucksund Erscheinungsformen auf. Dazu lässt sich zunächst die soziokulturelle Ausrichtung auf japanische Medienprodukte und -praxen zählen, während sonst US-amerikanische Bezüge vorherrschen. Dabei erweist sich die Mangafankultur als adoleszente Jugendszene: »Die weitgehende Einbindung des Mangas nicht in die Kinder-, sondern in die Jugendkultur wird […] an den spezifischen Praxen der Manga-Szene deutlich, die diese neben Japanimation und J-Pop als Mittel der Kommunikation und Teilnahme an gegenwärtigen globalen Jugendkulturen kultiviert.«200 197 Dolle-Weinkauff 2008, S. 223. 198 Vgl. Hepp, Andreas; Vogelsang, Walter: Populäre Events. 2003; Krischke-Ramaswamy, Mohini: Populäre Kultur und Alltagskultur. Konstanz 2007; Mikos, Lothar u. a.: Die Herr-der-Ringe-Trilogie. Konstanz 2007; Click, Melissa u. a.: Bitten by Twilight. 2010; Stach, A. (Hg.): Männlichkeiten, Sexualitäten und Autorität im Fantasy-Land. Marburg 2011b. 199 Köhn 2010, S. 289. 200 Dolle-Weinkauff 2014, S. 465. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten66 Zudem steht mit der Mangalektüre ein spezifisches inhaltlich wie medial verfasstes Angebot im Zentrum, das eigenständige thematische, ästhetische und tätigkeitsbezogene Anknüpfungspunkte bietet: »Manga und ihre charakteristischen Figuren stehen im Mittelpunkt zahlreicher, oft höchst kreativer Fan-Aktivitäten […], die sich in Internet-Blogs, in Produktion und Rezeption von Scanlations (i. e. Übersetzungen aus dem Japanischen ins Englische von Fans für Fans), auf Fan-Conventions und in den Verkleidungs- und Rollenspielevents des sogenannten Cosplay abspielen. Diese Aktivitäten, in denen Fans im Kindesalter nur eine sehr randständige Rolle spielen, gipfeln in einer Amateurzeichner-Bewegung bisher nicht gekannten Ausmaßes.«201 Zu den zentralen Aktivitäten des jugendlichen Fandoms gehören vor allem die komplexen Kostümierungsspielpraxen (Cosplay), der onlinegestützten Ausbildung einer Szene rund um Manga und andere primär japanische Medienprodukte (Anime, Computerspiele, Musik) sowie die vielfältigen zeichnerischen und narrativen Nachahmungen und Manga-Eigenproduktionen der Fans. Über diese medienbezogenen Aktivitätsformen hinaus lässt sich ferner eine imaginative wie handlungspraktische Ausrichtung auf Japan und japanische Aktivitäten in der »Beschäftigung mit anderen Phänomenen der japanischen Populärkultur wie auch Entwicklung einschlägiger landeskundlicher Interessen«202 feststellen – wie das Erlernen der Sprache, den Besuch des Landes, die Aufnahme von bestimmten Freizeitaktivitäten (Kampfsportarten, Ikebana, Origami etc.) bis hin zu erhöhten Einschreibungszahlen im Studiengang Japanologie und anderen beruflichen Orientierungen (Comic-Zeichner_innen, Synchronsprecher_innen u. ä.). Dieses ausgeprägte und vielschichtige Aktivierungsmoment von Manga bürgt für eine spezifische Attraktivität des Medienangebots bei der jugendlichen Zielgruppe und ihre intensive Beschäftigung mit dessen Angebot. 201 Dolle-Weinkauff 2014, S. 464f. 202 Dolle-Weinkauff 2008, S. 223. 672 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen 2.3.6.4 Schlussfolgerung: Wirkungsstudie zu Mangamaterial All die unterschiedlichen Folgeaktivitäten und -interessen zur Mangalektüre sowie die Ergebnisse bisheriger Rezeptions- und Nutzungsstudien zeigen eine intensive Beschäftigung der adoleszenten Rezipien t_innen mit Inhalten und graphischen Formen des Medium Manga auf. Sie verweisen damit auf eine besondere Wirkung des inhaltlichen wie formalen Angebots des Comicstils, die es insofern einer dezidierten Untersuchung zu unterziehen gilt. Da die Fanaktivitäten, Meinungsbildungen sowie Genrekenntnisse als langfristige Folgeerscheinungen von kurzfristigen Wirkungen der (wiederholten) Lektüre anzusehen sind,203 konzentriert sich die vorliegende Studie auf die Frage nach Wirkungsweisen der Lektüre von Manga und beabsichtigt diese systematisch zu erkunden. 2.4 Forschungsansatz: Tiefenhermeneutische Wirkungsanalyse zu sozialisatorischen Impulsen von Manga Eine Wirkungsanalyse des graphisch-thematischen Mangaangebots findet sich trotz der Hinweise auf diesbezügliche Besonderheiten der Comicstilform Manga wie ihrer Rezeption durch Jugendliche bislang in der Forschungslandschaft nicht. Vor allem die manifest-latente Themenstruktur von Manga als Inszenierung kultureller Konfliktthematiken ist in ihrer Relevanz für das Erleben der Lektüre noch nicht strukturiert betrachtet worden. Dies für Manga zu analysieren, bildet insofern eine Leerstelle im Forschungsfeld, der sich die vorliegende Arbeit aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive widmet. Der erziehungswissenschaftliche Blick zeichnet sich durch ein sozialisationstheoretisches Interesse am Wirkungsangebot des Massenmediums Manga vor dem Hintergrund der sensiblen (Identitäts-)Entwicklungsphase seiner jugendlichen Zielgruppe aus. Die theoretischen Bezugspunkte dieses Forschungsinteresses – das Wirkungsverständnis sowie seine sozialisationstheoretische Rahmung – sind nachfolgend dargelegt und münden in das Erkenntnisinteresse ein. 203 In der Medienforschung sind »Wirkung« und »Folgen« begrifflich differenziert entlang der Zeitachse: Als »Wirkungen« gelten kurzfristige Effekte im Zuge der Rezeption, mit »Folgen« sind langfristige Effekte betitelt (vgl. Früh/Wünsch 2005, S. 424). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten68 2.4.1 Plurale Wirkungsauffassungen in der Medienforschung Die Existenz einer Wirkung von Medien ist eine Prämisse, die »als solche noch nie strittig«204 gewesen ist und insofern als ein Minimalkonsens des medienwissenschaftlichen Diskurses angesehen werden kann. Welcher Art205 und welchen Umfangs206 die Wirkung jedoch ist, geschweige denn, was unter Wirkung verstanden wird, darüber existieren unterschiedlichste Positionen und Ansichten in der Medienwirkungsforschung, die sich in einer Vielzahl von Theorieansätzen, Konzepten und Modellen niederschlagen. Sie erstrecken sich von naturwissenschaftlich geprägten Reiz-Reaktions-Modellen über konstruk tivistische, systemtheoretische oder lebensweltliche Zugänge bis hin zu kulturtheoretischen Ansätzen wie den Cultural Studies oder der materialistischen Medientheorie der Kritischen Theorie. Angesichts dieses »mittlerweile fast unüberschaubar großen Forschungsfeldes«207 findet sich eine Vielzahl an Wirkungskonzeptionen. Sie reichen von Ursache-Wirkungs-Vorstellungen, die von einer Beeinflussung des Publikums durch das Medium ausgehen und den media- 204 Früh, W./Wünsch, C.: Wirkung. In: Hüther, J./Schorb, B. (Hg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005, S. 420. 205 Hinsichtlich der Art der Wirkung differenzieren sich die wissenschaftlichen Perspektiven etwa anhand der sozialen Bezugsgröße, indem sie Wirkung entweder auf der Mikroebene der Subjekte, auf der Mesoebene sozialer Gruppen und Institutionen oder auf der Makroebene gesamtgesellschaftlicher Prozesse ansiedeln bzw. untersuchen. Zudem können unterschiedliche zeitliche Konzeptionen identifiziert werden, wenn unter Wirkung ein kurzfristiger medialer Effekt oder eine langfristige Veränderung verstanden wird. Eine weitere disparat eingestufte Eigenschaft medialer Wirkung ist ihre prozessurale Entstehungsrichtung, die als lineare Kausalverbindungen oder zyklische Wechselwirkungen konzipiert werden. (Vgl. Früh/Wünsch 2005, S. 420ff.; Jäckel, Michael: Medienwirkungen. Wiesbaden 1999; Vollbrecht, R.: Einführung in die Medienpädagogik. Weinheim 2001b; Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. Tübingen 2007, S. 57ff.) 206 Bezüglich des Wirkungsumfangs existiert ein Spektrum, das sich nach Früh und Wünsch in drei zentrale Positionen differenzieren lässt: eine Allmachtshypothese der Medien, die Annahme einer starken sowie die einer schwachen Wirkung (vgl. Früh/ Wünsch 2005, S. 421f.). Das Forschungsfeld der Medienwirkung wird zuweilen entlang dieser Ausprägungen strukturiert, die als eine Abfolge von Phasen beschrieben werden. Dabei ist ein Zweiphasenmodell vorherrschend, in dem auf die Annahme einer starken die von einer schwachen Wirkung der Medien folgt. Früh und Wünsch kritisieren diese Form der Diskursstrukturierung als »überpointierte Beschreibungen« (ebd., S. 422) und stellen ihr das Konzept einer Überschneidung und Parallelität der starken und schwachen Ausprägungsannahme in der Forschungsgeschichte gegenüber. 207 Ebd., S. 421. 692 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen len Stimulus zentral setzen (Reiz-Reaktions-Modell bzw. Stimulus-Response-Modell)208 über rezeptionsfokussierte Vorstellungen wie im Uses-and-Gratification-Ansatz, in dem Wirkung als Folge eines funktional-nutzenorientierten Auswahl- und Entscheidungsprozesses der Rezipient_innen zur Befriedigung von Bedürfnissen mittels medialer Kommunikation verstanden wird bis zur Konzeption medialer Kommunikation als Wirkung im dynamisch-transaktionalen Paradigma, demzufolge »Wirkung […] an allen relevanten Teilen des Kommunikationszusammenhangs (entsteht).«209 Im weiten Feld der Medienwirkungsforschung differenzieren sich diese drei von Früh und Wünsch als paradigmatisch bezeichneten Wirkungsvorstellungen in vielfältiger Weise aus. Angesichts dessen ist Jäckel zuzustimmen, der die Wirkungsdebatte als »eine spezifische Variante einer grundlegenden geistes- und sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung«210 bezeichnet, in die zahlreiche Disziplinen involviert sind. Bilanzierend lässt sich über das Forschungsfeld zur Medienwirkung sagen, dass es plurale theoretische, konzeptionell-methodische und disziplinäre Ansätze und Zugänge umfasst,211 die mit einer entsprechenden Vielzahl von Wirkungsbegriffen operieren. Eine einheitliche bzw. übergeordnete Definition von Medienwirkung findet sich folglich nicht. Vielmehr kann geschlussfolgert werden, dass das Verständnis medialer Wirkung(sprozesse) vom jeweiligen theoretischen Zugang, Erkenntnisinteresse, Problembereich bzw. Forschungsgegen- 208 Auch unter den Namen »Hypodermic Needle-Modell, Transmission Belt-Theorie oder Magic-Bullet-Theorie« zu finden (vgl. Jäckel 1999, S. 59). 209 Früh/Wünsch 2005, S. 423. 210 Jäckel 1999, S. 19. 211 Gemäß einer Übersicht von Ralf Vollbrecht reichen sie vom Kaffeehausmodell, der Lasswell-Formel, der Kampagnenforschung und dem Meinungsführermodell über den Konstruktivismus, die Systemtheorie oder alltags- und lebensweltliche Zugänge wie dem medienbiographischen oder medienökologischen Ansatz bis hin zu mediensozialisatorischen Ansätzen und Konzepten latenter Wirkungsannahmen, unter denen er etwa die materialistische Medientheorie der Kritischen Theorie, die Agenda-Settings-Hypothese, die Simulationstheorie und die Kultivierungshypothese sowie den kulturtheoretischen Ansatz der Cultural Studies aufführt (vgl. Vollbrecht 2001b, S. 99ff.). Andere Überblicksdarstellungen und Strukturierungen der Medienwirkungsforschung finden sich bei Jäckel, Schenk oder Schweiger und Fahr. (vgl. Jäckel 1999; Schenk 2007; Schweiger, W./Fahr, A. (Hg.): Handbuch Medienwirkungsforschung. Wiesbaden 2013. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten70 stand abhängt. Folglich ist es erforderlich, für die vorliegende Arbeit ein eigenes Wirkungsverständnis zu formulieren. 2.4.2 Tiefenhermeneutischer Wirkungsbegriff der Arbeit Unter Wirkung sind zunächst alle in der Rezeption des medialen Angebots ausgelösten bewussten wie unbewussten Effekte des graphisch-thematisch konturierten Angebots von Manga auf Vorstellungen, Affekte, Phantasien wie Verhaltensimpulse benannt. Dahinter steht die Prämisse, dass das Medienprodukt kein weißes Blatt ist, das die Rezipient_innen nach Belieben nutzen können, sondern ein inhaltlich bestimmtes, bewusste wie unbewusste Dimensionen umfassendes Angebot, das zwar erst vom Publikum realisiert und in aktiver wie eigenständiger Weise bearbeitet und angeeignet wird, dieser kommunikative Prozess jedoch stets mit dem Angebot des Medienstoffs verbunden ist. Für einen solchen Ansatz findet sich hinsichtlich der zuvor benannten paradigmatischen Wirkungskonzepte ein Bezug zum dynamisch-transaktionalen Ansatz, der von einer aktiven wie passiven Seite bei der Medienrezeption (wie -produktion) ausgeht. Demnach können Rezipient_innen das mediale Angebot aktiv auswählen und verarbeiten, sind dabei jedoch sowohl auf die vorhandene Angebotspalette beschränkt als auch an ihr ritualisiert-habitualisiertes Medienverhalten, persönliche Dispositionen sowie soziokulturelle Bedingungen gebunden.212 Was in dieser Konzeption unberücksichtigt bleibt, sind mögliche latente Wirkungsweisen. Zwar verweist das dynamisch-transaktionale Konzept auf die Annahme von »Kollateralschäden«(Früh/Wünsch) durch die Beschäftigung mit Medien, demzufolge sich Rezipient_innen stets auch Bestandteilen aussetzen, die sie vielleicht lieber umgehen möchten – als ein Beispiel ist die Beeinflussung durch Werbefelder auf Trikots und Stadienbanden bei Fußballspielen angeführt.213 Die Vorstellung möglicher latenter Wirkungsanteile des Medieninhalts, ver- 212 Vgl. Hugger, K.-U.: Uses-and-Gratification-Approach und Nutzenansatz. In: Sander, U. u. a.: Handbuch Medienpädagogik. Wiesbaden 2008, S. 177; Früh, W.: Dynamisch-transaktionaler Ansatz. In: Sander, U. u. a.: a. a. O., S. 179ff. 213 Vgl. Früh/Wünsch 2005, S. 423. 712 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen standen als unbewusste Aspekte in seiner Be- und Verarbeitung (wie Erschaffung), gehört allerdings nicht zum expliziten Denkhorizont des Ansatzes. Eine solche Wirkungskonzeption erscheint mir jedoch von besonderem Erkenntnisgewinn, eröffnet sie doch eine Analyseperspektive, die bislang auf das Medium Manga noch nicht eingenommen worden ist und deren Ergebnisse insofern eine innovative Sicht auf das Themenfeld eröffnen. Als theoretischer Bezugspunkt meiner Wirkungskonzeption bietet sich von daher der tiefenhermeneutische Medienforschungsansatz von Alfred Lorenzer und Ulrike Prokop an, in dem sowohl »der Zusammenhang von Angebot und Rezeption betont«214 als auch latente Wirkungen von Medien zentral in den Blick genommen werden. In diesem Ansatz wird Wirkung verstanden als: »Die vom vorgegebenen Angebot ausgelösten Assoziationen bzw. affektiven Reaktionen, die […] einen Impuls zur Verständigung über das Gesehene auslösen.«215 Gemäß diesem Wirkungsverständnis liefert der Medienstoff vorentworfene Nutzungsmöglichkeiten, die Vorstellungen, Gedanken, Eindrücke, Affekte und Impulse auf bewusster wie unbewusster Ebene hervorrufen, welche individuell variieren, jedoch keinesfalls beliebig ausfallen, da sie »an konkrete Themen«216 des Angebots geknüpft sind. Bei den inszenierten Themenkomplexen medialer Angebote mit ihren Nutzungsmöglichkeiten handelt es sich nach Lorenzers psychoanalytisch fundiertem tiefenhermeneutischen Ansatz um eine Form menschlicher Symbolbildung, in der kollektive Konflikt- und Tabuthemen zumeist auf unbewusster Ebene (mit-)inszeniert wie rezipiert werden. Latente Wirkungsweisen stehen dabei mit latenten Angebotsinhalten in Zusammenhang, da sie eine Reaktion auf die medialen Inhalte darstellen. Ein solches Verständnis latenter Wirkungsanteile geht über eine intendierte Manipulation von Zuschauern hinaus und verweist auf kulturelle Aushandlungsprozesse (un-)erlaubter, (un-)erwünschter Lebenspraxis über Medienangebote. 214 Prokop, U.: Einleitung. In: Prokop, U./Jansen, M. M. (Hg.): Doku-Soap, Reality-TV, Affekt-Talkshow, Fantasy-Rollenspiele. Marburg 2006, S. 25. 215 Prokop 2006, S. 22. 216 Ebd., S. 19. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten72 Die Tiefenhermeneutik betrachtet mediale Angebote als Symbolisierungen kollektiver unbewusster Spannungsfelder in sozialen Teilgruppen oder Gesellschaften,217 bei denen es sich nach Lorenzer um tabuisierte Bedürfnisstrukturen und Erlebniserwartungen, um Tatentwürfe sozialer Interaktionen handelt, die er auch Lebensentwürfe nennt. Aufgabe medialer Inszenierungen ist es, so Lorenzer, »neue Lebensentwürfe in der sinnlichen Erfahrung zur Debatte zu stellen«218, »die vom gesellschaftlichen Konsens ausgeschlossen«219 und das bedeutet unbewusst sind. Aufgrund ihres Gegensatzes zu herrschenden Normen und Werten sind sie mit einem Verbot belegt und nicht ohne weiteres bewusstseinsfähig, jedoch im teilnehmenden Miterleben der medialen Symbolisierung spürbar und über die sinnliche Erfahrung latent wirkmächtig. Mediale Inszenierungen sind demnach von einer Doppelbödigkeit gekennzeichnet, in der unterhalb der bewusstseinsfähigen und verhandelbaren Inhalte respektive Lebensentwürfe gesellschaftlich unerlaubte Lebensentwürfe mit inszeniert werden. In der Denktradition der Freud‘schen Psychoanalyse bildet auch die unbewusste Sinnebene kultureller Werke eine eigenständige Bedeutungsschicht unterhalb der bewussten und steht mit der manifesten Sinnebene in Dissens. Diese zwei Sinnebenen symbolisieren kulturelle Konfliktthematiken zwischen sinnlich-leiblichen Wünschen und Bedürfnissen und kulturellen Normen und Verhaltensanforderungen und »stellen sich in der 217 Die Existenz kollektiver Tabuthemen wie Bedürfnislagen ergibt sich aus analogen Sozialisationsbedingungen, zu denen Familienstrukturen ebenso gehören wie sprachliche Symbolisierungsmöglichkeiten oder gruppeninterne, gesellschaftliche Normen, Werte und Tabus: Das gesellschaftliche »Unbewußte eines Individuums ist jener Teil seines gesamten Unbewußten, den er gemeinsam mit der Mehrzahl der Mitglieder seiner Kultur besitzt.« (Erdheim, M.: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Frankfurt 1988, S. 220) »Jede Kultur gestattet gewissen Phantasien, Trieben und anderen Manifestationen des Psychischen den Zutritt und das Verweilen auf psychischem Niveau und verlangt, daß andere verdrängt werden. Das ist der Grund, warum allen Mitgliedern ein und derselben Kultur eine gewisse Anzahl unbewußter Konflikte gemeinsam ist.« (Devereux, G.: Normal und Anormal (1956). In: Devereux, G.: Normal und Anormal. Frankfurt 1974. S. 23f. zit. n. Erdheim, M.: a. a. O., S. 220). 218 Lorenzer, Alfred: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Lorenzer, A. (Hg.): Kultur-Analysen. Frankfurt 1988a, S. 60. 219 Lorenzer 1988a, S. 27. 732 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen literarischen Szene zur Debatte.«220 Ihre Gleichzeitigkeit erzeugt eine Spannung im Angebot, die in der Rezeption »mitfühlbar [ist]. Nicht zuletzt darauf beruht die Wirkung«221. Wirkungen des Angebots nicht zuletzt in Gestalt von Irritationen, widersprüchlichen Wahrnehmungen und Affekten, ambivalenten Impulsen sowie einem gesteigerten Bearbeitungs- wie Verständigungsdrang sind demnach Reaktionen auf die Spannung zwischen den widerstreitenden Sinngehalten, den symbolisierten kulturellen Tabuthematiken. Zusammengefasst geht es in diesem tiefenhermeneutischen Wirkungsansatz demnach um Einflüsse des thematisch konturierten, doppelbödigen Medienangebots auf Erleben, Vorstellungen und Verhalten(-simpulse) bzw. Kommunikationsimpulse bei der Rezeption.222 Von der manifest-latenten Angebotsstruktur eines Mediums kann nach Prokop eine endliche Bandbreite von Eindrücken, von affektiv-assoziativen Reaktionen ausgelöst werden. Insofern handelt es sich bei den bewusst-unbewussten, affektiv-assoziativen Reaktionsweisen, die ein Mangaangebot auszulösen im Stande ist, um ein thematisch bestimmtes, endliches Wirkungsspektrum. Wenn demnach in dieser Arbeit von Wirkungsweisen eines Manga die Rede ist, ist damit das Spektrum an affektiv-assoziativen Reaktionsweisen, an Nutzungsmöglichkeiten gemeint, das von der manifest-latenten Themenkonstellation des graphisch-thematischen Angebots und dem darin symbolisierten Konfliktzusammenhang in der Rezeption hervorgerufen werden kann. Die Spannung im Angebot sowie die ihr zugrundeliegenden manifesten wie latenten Bedeutungsebenen und kollektiven Konfliktthematiken für Manga strukturiert zu untersuchen, stellt das zentrale Anliegen der vorliegenden Wirkungsanalyse dar. 220 Lorenzer 1988a, S. 28. 221 Ebd., S. 36. 222 Mögliche langfristige Effekte der Rezeption des medialen Angebotes und seiner Inszenierung kultureller Konfliktlagen etwa auf Werthaltungen, Lebensweisen oder Persönlichkeitsstrukturen werden nicht unter Wirkung gefasst, sondern als sozialisatorische Folgen der Medienbeschäftigung. Die begriffliche Differenzierung, kurzfristige Effekte als »Wirkungen« und langfristige Effekten als »Folgen« der Medienrezeption zu bezeichnen, entspricht der diesbezügliche Differenzierung der Medienwirkungsforschung (vgl. Früh/Wünsch 2005, S. 424). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten74 2.4.3 Manga als Sozialisationsangebot Jugendlicher Hintergrund des Untersuchungsanliegens ist, das Manga als (massen) mediale Angebote Sozialisationsagenturen für Heranwachsende darstellen, die als kommerzielles Unterhaltungsformat zwar keinen expliziten Erziehungs- und Bildungsauftrag haben, jedoch »gewissermaßen nebenbei Werthaltungen und Verhaltensmodelle«223 offerieren. »Die zunehmende Bedeutung von […] Massenmedien hat natürlich auch damit zu tun, dass diese den Jugendlichen ermöglichen, sich auch mit den Entwicklungsthemen auseinander zu setzen, die bei den Sozialisationsinstanzen Elternhaus und Schule auf Barrieren stoßen, etwa weil sie mit Gefühlen wie Scham und Peinlichkeit (z. B. Sexualität) oder unerwünschten bzw. illegalen Praktiken (z. B. Drogen) verbunden sind.«224 Als altersbezogene Medienangebote zu »Adoleszenz-, Schul-, Familien-, Generationen- und Gruppenkonflikten«225 stellen Manga demnach einen potentiellen medialen Sinnlieferanten dar, der Verhaltensmodelle und Lebensentwürfe liefert, anhand derer sich Heranwachsende mit Identitätsentwürfen, Lebensformen und Normaneignung auseinandersetzen. Vor allem erfolgreiche Medienangebote wie beliebte, absatzstarke Mangaserien bieten dem jugendlichen Lesepublikum offenkundig attraktive Modelle des Verhaltens, der Lebensführung und der sozialen (Geschlechts-)Rollen, denn »Bücher können nur dann eine große Anziehung ausüben, die sich über einen längeren Zeitraum aufrecht erhält, wenn sie wunscherfüllende Themenkreise, Phantasien und Emotionen berühren.«226 Für die Beliebtheit bestimmter Serien hat die Mangaforscherin Jaque line Berndt einen Zusammenhang von ansprechender Inszenierung und attraktiven Themenfeldern beschrieben: »Die Popularität bestimmter Werke rührt nicht weniger aus der Beherrschung der Linien, des Bildübergangs, der Seitenkomposition durch den 223 Hajok, D.: Theoretische Konzepte und empirische Fakten zur Mediensozialisation. In: Prokop, U./Jansen, M. M. (Hg.): Doku-Soap, Reality-TV, Affekt-Talkshow, Fantasy-Rollenspiel. Marburg 2006, S. 133. 224 Hajok 2006, S. 144. 225 Dolle-Weinkauff 2011, S. 134. 226 Stach, A.: Einleitung. In: Stach, A. (Hg.): Männlichkeiten, Sexualitäten und Autorität in der Fantasy. Marburg 2011a, S. 4. 752 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen Zeichner als aus den spannenden Stoffen und ihrer Organisation zu einer erzählerischen Handlung.«227 Demnach verweist der Erfolg eines Manga auf die breite Bedeutung der bearbeiteten Themenkomplexe und narrativ wie graphisch inszenierten Lebensentwürfe für die jugendliche Leserschaft. Welcher Art diese Modellvorlagen bzw. Lebensentwürfe sind, ist gerade deshalb von erziehungswissenschaftlicher Relevanz, als es sich um ein Medienangebot mit jugendlichem Publikum handelt. In der Jugendphase sind Heranwachsende mit biologisch-physiologischen Reifungsprozessen (Körperwachstum, Hormonumstellung, Geschlechtsreife, Erweiterung der kognitiven Kompetenzen etc.) konfrontiert, mit denen psychische Entwicklungen verbunden sind (gesteigerte Körperwahrnehmung und Selbstreflexion, Auseinandersetzung mit dem (Körper-)Selbstbild und der Geschlechtsrolle, emotionale Ablösung von der Herkunftsfamilie u.v.m.). Mit diesen psychisch-physischen Veränderungsprozessen gehen soziale und moralische Entwicklungen einher, die zu neuen Formen des Selbst-, Fremd- und Weltbezugs führen (Eingehen außerfamiliärer Bindungen, Entwicklung eines Sexualverhaltens, Beschäftigung mit der beruflichen Zukunft u.v.m.).228 Aufgrund der engen Verknüpfung der körperlichen wie psychisch-emotionalen Entwicklungen in der Adoleszenz mit der biologischen wie sozialen Geschlechtlichkeit stehen vornehmlich geschlechtsbezogene Rollen- und Identitätsfindungsprozesse im Zentrum der Veränderungen, so dass in dieser biographischen Phase Geschlecht »deutlicher in den Vordergrund tritt«229 als in anderen Lebensabschnitten.230 Die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit der Geschlechtsrolle und der eigenen (männlichen bzw. weiblichen) Identität zeigen sich nicht nur in differierenden »somatischen Kulturen« (Helffe- 227 Berndt 1995, S. 92. 228 Vgl. Oerter, R./Montada, L.: Entwicklungspsychologie. München 1982, S. 242ff.; Hurrelmann, K.: Lebensphase Jugend. Weinheim 1994; King, V.: Die Entstehung des Neuen in der Adoleszenz. Wiesbaden 2013. 229 King, V.: Geschlecht und Adoleszenz im sozialen Wandel. In: King, V./Müller Burkhard, K. (Hg.): Adoleszenz und pädagogische Praxis. Freiburg 2000, S. 40. 230 Vgl. Bilden, H.: Geschlechtsspezifische Sozialisation. In: Hurrelmann, K./Ulich, D.: Neues Handbuch der Sozialisationsforschung. Weinheim 1991, S. 279–301; King, V.: Männliche Sozialisation. Frankfurt 2005; Flaake, K./King, V. (Hg.): Weibliche Adoleszenz. 2003; Hoffmann, B.: Das sozialisierte Geschlecht. Opladen 1997. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten76 rich) etwa der Jugendszenen,231 sondern besonders auch anhand differierender Genrepräferenzen und geschlechtsspezifischer Aneignungsund Rezeptionsweisen medialer Angebote.232 Insgesamt sind im Ablösungsprozess vom Elternhaus neue, selbstaufgesuchte mediale Orientierungsgeber von zunehmender Bedeutung für die Weltaneignung und Identitätssuche der Heranwachsenden.233 Angesichts der biographischen Situation der Alterszielgruppe mit ihren vielfältigen, identitätsbezogenen Herausforderungen ist ihr Drang, sich mit Vorbildern und Entwürfen von Massenmedienangeboten wie Manga auseinanderzusetzen, insofern besonders ausgeprägt. 2.4.4 Sozialisation durch medial symbolisierte Lebensentwürfe Nach Lorenzer liefern mediale Angebote als kulturelle Symbolbildungen sowohl auf der manifesten als auch auf der latenten Bedeutungsebene Werthaltungen, Verhaltensmodelle bzw. Lebensentwürfe234. Dabei stellt die manifest-latente Bedeutungsstruktur eines medialen Angebots soziokulturelle Konfliktthematiken um erwünschte und ausgeschlossene Verhaltensmodelle, Wünsche und Lebensentwürfe sym- 231 Vgl. Helfferich, C.: Jugend, Körper und Geschlecht. Opladen 1994, S. 102ff.; Stauber, B.: Junge Frauen und Männer in Jugendkulturen. Opladen 2004; Bütow, B.: Mädchen in Cliquen. Weinheim 2006; Rohmann, G.: Krasse Töchter. Berlin 2007; Bütow, B.: Bildungsprozesse von Geschlecht in konjunktiven Erfahrungsräumen von Jugendkulturen. In: Bütow, B. u. a.: Körper, Geschlecht, Affekt. Wiesbaden 2013. 232 Vgl. Theunert, H. (Hg.): »Einsame Wölfe« und »schöne Bräute«. München 1993; Luca, R.: Medien und weibliche Identitätsbildung. Frankfurt 1998; Götz, M.: Mädchen und Fernsehen. München 1999; Prokop, U. u. a.: Die Talkshow Arabella. In: Lahme-Gronostaj, H./Leuzinger-Bohleber, M. (Hg.): Identität und Differenz. Wiesbaden 2000, S. 51– 86; Götz, M. (Hg.): Mit Pokémon in Harry Potters Welt. 2006, S. 177ff.; Stach, A.: Exkurs Schülerinnen und Schüler interpretieren Germany’s next Topmodel. In: Prokop, U. u. a.: Geiles Leben, falscher Glamour. Marburg 2009, S. 159–191; Behm-Morawitz, E. u. a.: Relating to Twilight. In: Click, M. u. a. (Hg.): Bitten by twilight. New York 2010, S. 137–155; Sheffield, J./Merlo, E.: Biting Back. In: Click, M. u. a.(Hg.): a. a. O., S. 207–225; Lange, B.: Elemente geschlechterbezogener Rezeption in der Trilogie Der Herr der Ringe. In: Stach, A. (Hg.): Männlichkeiten, Sexualitäten und Autorität in der Fantasy. Marburg 2011, S. 59–73. 233 Vgl. Süss, D.: Mediensozialisation von Heranwachsenden. Wiesbaden 2004. 234 Mit dem Begriff Lebensentwurf sind »Intentionen, Wünsche, Ängste, Phantasien« umfasst (König, H.-D.: Tiefenhermeneutik als Methode psychoanalytischer Kulturforschung. In: Appelsmeyer, H., Billmann-Malecha, E. (Hg.).: Kulturwissenschaft. Weilerswist 2001, S. 172). 772 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen bolisch zur Debatte, die Bewusstsein wie Bedürfnislagen organisieren und formen können. Dies geschieht vor allem über die Symbolisierung sinnlich-symbolischer Interaktionsformen, die nach Lorenzers Sozialisationstheorie die »Basis der Identität«235 bilden. Zum besseren Verständnis erfolgt eine Zusammenfassung der verschiedenen menschlichen Symbolbildungsebenen der Lorenzer’schen Theorie: Als erste menschliche Erfahrungsschicht sieht Lorenzer die sinnlich-unmittelbaren, leibsymbolischen Interaktionsformen an, bei denen es sich um frühe individuelle, inkorporierte Erfahrungs- wie Erwartungsmuster handelt, die aus konkreten, wiederholten Interaktionserfahrungen mit einem Gegenüber entstehen (beim Säugling die primären Bezugspersonen). Die erste darauf aufbauende Symbolbildungsebene sind die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen. In ihnen treten zwei sinnlich-unmittelbare Erfahrungsmuster (wie im symbolischen Spiel) zusammen und bilden aus zwei Szenen ein Symbol.236 Als zweite ontogenetische Symbolebene entstehen die sprachsymbolischen Interaktionsformen, bei denen ein sinnlich-unmittelbares Erfahrungsmuster und eine sprachliche Benennung zusammentreten.237 Von besonderer Bedeutung für die (Wirkungs-)Analyse medialer Inszenierungen und ihre sozialisatorische Relevanz sind die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen, welche »mithin den Affekten und unbewußten Praxisformen näher [stehen] als die Sprachsymbole.«238 Als solches sind sie »nicht nur die Repräsentanten für Gefühle und für nicht verbal artikulierbare Lebensbeziehungen, sondern […] eignen sich mithin als Repräsentanten normwidrigen, nicht normgerechten Verhaltens.«239 Diese »bevorzugte Domäne der Phantasie«240 fungiert als innerer Entstehungsraum und Vorlage medialer Symbolisierungen: 235 Lorenzer 1988a, S. 60. 236 Lorenzers Beispiel einer solchen Symbolbildung ist das Garnrollenspiel, das Sigmund Freud beschreibt (vgl. Lorenzer, Alfred: Das Konzil der Buchhalter. Frankfurt 1988b, S. 158). 237 Für eine ausführliche Erläuterung der »szenischen Symbolbildungstheorie« (Hülst) vgl. Lorenzer 1988b, S. 85–95, 109–117, 155–167. 238 Ebd., S. 59. 239 Ebd. 240 Ebd. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten78 »Die greifbaren Symbole draußen sind Bedeutungsträger, Träger jener Bedeutungen, die in den inneren Symbolen gebildet und festgehalten werden. Die »inneren« Symbole, die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen bezeichnen eine wichtige Persönlichkeitsschicht zwischen unbewußten Interaktionsformen und Sprachsymbolen, die das Bewußtsein im engeren Sinne bilden, weil da die Praxis beim Namen genannt werden kann. Indem die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen zwischen den beiden anderen Schichten eingeschoben sind, institutionalisiert sich in ihnen die Vermittlung von Sinnlichkeit und Bewusstsein als Persönlichkeitsstruktur.«241 Indem mediale Angebote Verhaltens- und Praxisentwürfe, gebildet aus sinnlich-symbolischen Interaktionsformen, inszenieren, können sie neben den sprachlich fassbaren und kulturell erlaubten symbolischen Entwürfen (der manifesten Ebene) zudem sprachlich (noch) nicht fassbare oder aus der Sprache und dem kulturellen Bewusstsein ausgeschlossene, desymbolisierte Praxisformen umfassen, die auf der vorbewussten und vor allem unbewussten, latenten Ebene zu finden sind sowie auf dieser rezipiert werden. Im Weiteren wird auf den Vorgang der Desymbolisierung eingegangen, da dieser zum Verständnis der unbewussten Sinnebene medialer Angebote von spezieller Bedeutung ist. Beim Vorgang der Desymbolisierung kommt es zur Auflösung einer sprachlichen Symbolbildung, indem der Begriff vom Erleben, die sprachliche Benennung von der zugehörigen sinnlichen Erfahrungs- und Bedürfnisstruktur getrennt wird. In der Folge entsteht eine emotionslose, sinnentleerte Sprachverwendung, eine Sprachschablone, die vom Symbol zum Zeichen reduziert ist. Der sinnlich-leibliche Entwurf wird verdrängt und darf nicht mehr »inhaltsgetreu realisiert werden in einer Interaktion«242. Stattdessen wird er zum Klischee, einer entstellten, mitunter ins Gegenteil verkehrten Form des ursprünglichen Impulses, da dieser unter dem Druck des Bewusstseins nur als Kompromissbildung, als Ersatzbefriedigung ausgedrückt werden kann. Diese Auftrennung zwischen Wort und Erlebnisszene führt zu Fehlverbindungen zwischen Szenen und ihren Benennungen, so dass die Ersatzbefriedigung mit einem fehlerhaften Begriff belegt ist, während »die Sprachschablone der Rationalisierung 241 Lorenzer 1988a, S. 60. 242 Lorenzer 1988b, S. 112. 792 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen [unterliegt, R. K.]. Fehlverhalten und falscher Name verschleiern gemeinsam den Konflikt und damit die ursprünglichen Wünsche.«243 Derartige fehlerhafte Verknüpfungen zwischen Handlungs- und Verhaltensweisen und ihrer Bezeichnung finden sich auch in medialen Symbolgefügen und verweisen auf entstellt inszenierte, unbewusste kulturelle Lebensentwürfe und die damit verbundenen Tabuierungen. Abhängig von der Art des Zusammenspiels zwischen manifestem und latentem Sinn sowie der Darlegung der unterschiedlichen Lebensentwürfe können mediale Angebote in progressiv-emanzipatorischer Weise die Beschäftigung mit dem spürbaren Konflikt zwischen erlaubten und ausgeschlossenen Lebensentwürfen anregen oder in regressiv-verdrängender Weise die Abspaltung des latenten nahelegen bzw. tradieren. Anna Stach formuliert diese »Qualitätsfrage […] so: Sind Symbolgefüge klischee- und zeichenbestimmt oder können wir hier von Symbolisierungen im progressiven Sinn sprechen? […] Stehen manifester und latenter Sinn in einem Zusammenhang oder koexistieren sie wie in den Fällen der psychischen Abwehrprozesse unverbunden nebeneinander? An die Seite der Rezeption bzw. der Wirkung […] können wir die Frage stellen, ob das, was in den Angeboten liegt, Regressions- oder Aufklärungsbewegungen nahe legt.«244 Die Beschäftigung mit den manifest-latenten Bedeutungsstrukturen von Manga ist vor allem in Hinblick auf ihre Vorführung sinnlich-symbolischer Lebenspraxen unterhalb der sprachlich-bewussten Verfügbarkeit von Bedeutung, da sie in der Rezeption spürbar und in ihren unbewussten Gehalten wirkmächtig sind, indem sie an Gefühle, Phantasien und Impulse appellieren, ohne bewusst zugänglich zu sein. Da sie zudem auf der Symbolebene Vorbilder offerieren, die Lorenzer als die persönlichkeitsbildende Schicht ausweist, sind ihre Wertvorstellungen und Lebensentwürfe für eine in der Identitätsentwicklung befindliche Zielgruppe, die auf diese medialen Symbolisierungen auch als Sinnlieferanten und Orientierungsfolien blickt, von sozialisationstheoretischer Bedeutung. 243 Lorenzer 1988b, S. 113. 244 Stach, A.: Die Inszenierung sozialer Konflikte in der populären Massenkultur am Beispiel erfolgreicher Talkshows. Marburg 2006, S. 52. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten80 Obschon die Folgen der symbolisierten Entwürfe in Manga für die jugendliche Identitätsentwicklung schwierig abzuschätzen sind aufgrund weiterer zentraler Einflussfaktoren (auf individuell-biographischer, institutioneller wie soziokultureller Ebene), legen sie Verarbeitungsstrategien und Lösungsmuster geteilter kultureller Konflikte nahe, die entwicklungsförderlich oder -hinderlich sein können. Angesichts der vielfältig ausgeprägten Nachahmungsformen von Lebensentwürfen aus Manga, die von der Zeichnung der Protagonist_innen über ihre Verkörperung mittels Kostüm und Pose bis hin zur Phantasietätigkeit in eigenen Manga- oder Prosanarrationen reicht, kann von einer »szenischen Anteilnahme«245 am manifest-latenten Geschehen gesprochen werden, die einen Nachklang der symbolisierten Entwürfe (zumindest bei dieser Rezipient_innengruppe) evoziert. Insbesondere bei populären, breit rezipierten Mangaangeboten ist von einer Faszination und Attraktivität der vorgeführten Lebensentwürfe und Konfliktbearbeitungsweisen für Jugendliche auszugehen, von einer manifest-latenten Angebotsstruktur, die offene Wünsche und Bedürfnislagen anzusprechen vermag. Deren Offenheit und produktive Lösungsmodelle oder stereotype Konstellationen und regressive Modelle gilt es in dieser Arbeit schwerpunktmäßig zu analysieren. 2.4.5 Erkenntnisinteresse der Arbeit Zielsetzung dieser Arbeit ist es, den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen in einer exemplarischen Materialanalyse nachzugehen und die dadurch ausgelösten Wirkungsweisen im Sinne eines Spektrums an affektiv-assoziativen Reaktionsweisen strukturiert darzustellen.246 Dadurch soll ein Einblick in die manifest-latente Bedeutungsstruktur erfolgreicher Manga als Ausdruck eines Konfliktbearbeitungsangebots zwischen sinnlich-affektiven Wünschen und kollektiven Normen und Werten gegeben und die damit verknüpften Nutzungs- und Thema- 245 Lorenzer 1988a, S. 62. 246 Dabei ist insbesondere von Interesse, welche sinnlichen Wünsche und affektiv-leiblichen Bedürfnisse im Angebot inszeniert und welcher Umgang mit ihnen, welche Werthaltungen und Einstellungen nahegelegt werden sprich wie die Vermittlung zwischen der bewussten, handlungsanweisenden und der unbewussten, leiborientierten Ebene stattfindet. 812 Wirkungen von Manga bei Jugendlichen tisierungsmöglichkeiten untersucht werden. Auf Grundlage dieser Ergebnisse können Hinweise und Einsichten zum potentiellen Sozialisationsangebot des Jugendmediums für die adoleszente Zielgruppe gewonnen werden. Die zentrale Forschungsfrage dieser Arbeitet lautet vor diesem Hintergrund: • Welche Wirkungen kann das graphisch-thematische Angebot von Manga in sozialisatorischer Hinsicht bei der adoleszenten Zielgruppe entfalten? Die beiden spezifizierenden Unterfragen sind: • Welche Konfliktthematiken, Affektlagen und Lebensentwürfe sind in Manga (un-)bewusst wirksam? • Welche Thematisierungsmöglichkeiten und Sozialisationsimpulse tragen Manga damit den Jugendlichen an? Für dieses Untersuchungsanliegen lässt sich aus dem referierten Forschungsstand zu Manga ableiten, dass der (manifesten) Behandlung jugendbezogener Konfliktthemen, der Assoziationsfülle der visuellen Darstellungen besonders im Bereich der Narration über Visualität, der graphischen Erzählweise mittels Bild-Text-Kombinationen und vor allem der emotionalen Involvierung Beachtung zu schenken ist, stellen sie doch spezifisch ausgeprägte Merkmale des Mangaangebots dar, die ihre Wirkungsweisen mit bedingen. Zudem gilt es aufgrund ihrer unterschiedlichen inhaltlichen wie auch graphischen Gestaltung, Mangaangebote für Mädchen und für Jungen zu berücksichtigen. Programm der vorliegenden Wirkungsstudie ist insofern, die vom graphischen wie thematischen Angebot von Manga ausgelösten Gedanken, Assoziationen, Affekte und Impulse tiefenhermeneutisch zu analysieren. Dabei wird den inhaltlich konturierten Wirkungsangeboten von Manga in ihren manifesten wie latenten Dimensionen in Form einer Einzelfallanalyse von Angeboten für Mädchen wie für Jungen nachgegangen. Ergänzend werden anhand einer explorativ-qualitativen Studie die vom Mangamaterial ausgelösten Reaktionen und Auseinandersetzungsformen bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts zum Beginn der Pubertät analysiert, um die kommunikative Be- und Verarbeitung durch die jugendliche Zielgruppe in den Blick zu nehmen. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten82 Die methodische Operationalisierung des Erkenntnisinteresses ist im nächsten Kapitel expliziert.

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Zusammenfassung

Seit Ende der 1990er Jahre beanspruchen Manga als innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden weltweit eine marktführende Position und sind Bestandteil der globalisierten Jugendkultur. Die erfolgreiche internationale Etablierung der Manga – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdankt sich sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computer- und Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ramona Kahl geht den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen nach. Im Zuge einer tiefenhermeneutischen Analyse von Titelbildern und Narrativen populärer Mangaserien sowie der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zeigt sie auf, welche Reaktionen Manga bei Jugendlichen auslösen und was ihren speziellen Reiz für die Zielgruppe ausmacht. Dadurch eröffnet sie vielschichtige Einblicke in die Bedeutungsstrukturen wie Aneignung erfolgreicher Manga und legt diejenigen gesellschaftlichen Konfliktfelder offen, für welche Manga den Jugendlichen ein attraktives, aber fragmentarisches und ambivalentes Bearbeitungsangebot machen.