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1 Einleitung in:

Ramona Kahl

Manga, page 13 - 28

Wirkungsvolle Bildergeschichten

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3893-2, ISBN online: 978-3-8288-6650-8, https://doi.org/10.5771/9783828866508-13

Series: Kulturanalysen, vol. 15

Tectum, Baden-Baden
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13 1 Einleitung Im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungs-, Entgrenzungs- und Pluralisierungsprozesse sind Jugendliche in zunehmendem Maße gefordert, aus dem breiten Möglichkeitsspektrum auszuwählen, um eine eigene erwachsene (Geschlechts-)Identität sowie einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln. Aufgrund veränderter beruflicher, sozialer und lebensgeschichtlicher Bedingungen können sie dabei wenig auf traditionelle oder elterliche Vorbilder rekurrieren. Die jugendliche »Identitätsbildung [erfolgt] immer stärker durch massenmediale Kommunikation«1, da mediale Angebote als Lieferanten von Lebensentwürfen wie Sinngebungen im individuellen wie gemeinsamen Orientierungs- und Selbstfindungsprozess von Adoleszenten genutzt werden. »Beobachtbar ist, dass nicht zuletzt medienvermittelte jugendkulturelle Stile als Ausdruck konflikthafter Prozesse verstanden werden können, die in der (Mit-)Prägung sowie (Aus-)Gestaltung kultureller […] Identitäten eine entscheidende Rolle einnehmen«.2 In den Jugendkulturen findet eine Normgebung und Wertevermittlung für das Private statt, die neben Familie und Gleichaltrigengruppe an den Massenmedien ausgerichtet ist und sich in Auseinandersetzung mit den medialen Bilderwelten und ihren Lebensentwürfen ausgestaltet. Medienangebote fungieren insofern als »Faktoren in der Sozialisation«3, als Sozialisationsagenturen Jugendlicher im Individualisierungs- und Vergesellschaftungsprozess, die mittels ihrer »Affekt- und Phantasiewelten«4 bestimmte soziokulturelle Entwürfe von Lebensführung, Beziehungsgestaltung, Körperpraxen und Identitätsgestaltung vorführen und darüber befördern. Aufgrund der kulturellen Austauschprozesse in der Medienkommunikation spielen global zirkulierende Angebote eine zunehmende Rolle – als transkulturelle Lebensentwürfe und »Bausteine ‚imaginierter Welten‘, die weltweit von 1 Dörner, A.: Politische Kultur und Medienunterhaltung. Konstanz 2000, S. 15. 2 Göttlich, U.: Migration, Medien und die Politik der Anerkennung. In: Schatz, H. u. a. (Hg.): Migranten und Medien. Wiesbaden 2000, S. 42. 3 Schorb, B.: Sozialisation. In: Hüther, J./Schorb, B. (Hg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. München 2005, S. 386. 4 Dolle-Weinkauff, B.: Comics und kulturelle Globalisierung. In: Grünewald, D. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 90. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten14 Menschen […] mit verschiedenen Bedeutungen versehen, ausgetauscht und gelebt werden. [Hervorh. i. O.]«5 Ein bislang wenig erforschtes Medium in diesem Kontext stellen die international populären Jugendcomics japanischen Ursprungs, sogenannte Manga, dar. Phänomen Manga: Globales Jugendmedium mit (inter-)nationaler Erfolgsgeschichte Manga stellen gegenwärtig weltweit die marktführende und innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden dar. Die historische Entwicklung der Mediengattung Comic zeigt, dass »der gegenwärtige Prozess der ‚Mangafizierung‘ der internationalen Comickultur«6 einen Wechsel des führenden Produktionszentrums nach Fernost markiert. Mit Entstehung der Comicform Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten haben zunächst die nordamerikanischen Angebote und seit den 1960er Jahren die franko-belgischen Formate eine Vorreiterrolle inne gehabt. Jüngste Strömung des Kulturtransfers im Comicsektor bilden die aus Japan stammenden gezeichneten Bildergeschichten, die seit Ende der 1990er Jahre zur international prägenden Stilrichtung avanciert sind. Manga stellen die erste führende Comicströmung dar, die keinem »westlichen«7 Produktionszentrum entstammt: »Mangas […] sind […] zu einem bemerkenswerten medialen Exportgut geworden. Mit einem solchen Kommunikationsfluss ‚zurück‘ in den ‚Westen‘ wird an Mangas deutlich, dass die Globalisierung der Medienkommunikation längst keine Einbahnstraße (mehr) ist. Dabei erscheinen Mangas zunehmend selbst als transkulturelles Phänomen.«8 Japanische Comics sind Bestandteil einer Globalisierungsbewegung in der Medienkommunikation im Bereich Jugendmedien, die mit einer Rezentrierung von Unterhaltungstrends abseits europäischer und 5 Beck, U.: Was ist Globalisierung? Frankfurt 1997, S. 98. (Beck bezieht sich auf Appadurais Theorie globaler Imaginationswelten, vgl. Appadurai, A.: Globale Landschaften. In: Beck, U. (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt 1998, S. 11ff.) 6 Dolle-Weinkauff, B.: Comics und kulturelle Globalisierung. In: Grünewald, D. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 90. 7 Der Ausdruck »westlich« ist in geographischen Sinn gemeint; er umfasst die Länder Europas und die USA. Zur Problematik des Begriffs sowohl hinsichtlich seiner geographischen Dimension als auch in seiner Benennung einer kollektiven, westlichen Denkweise vgl. Maletzke, G.: Interkulturelle Kommunikation. Opladen 1996, S. 38ff. 8 Hepp, A.: Transkulturelle Kommunikation. Konstanz 2006, S. 7f. 151 Einleitung US-amerikanischer Herkunft einhergeht.9 Ihre erfolgreiche internationale Etablierung – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdanken sie sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computerund Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil: »Manga adaptieren und integrieren fremde Alltagsphänomene aller Art ebenso wie kulturelle, sprachliche, literarische, ökonomische und soziale Erscheinungen. Sie erweisen sich damit in gewissem Sinne als eine Literatur der Globalisierung, d. h. dem Umstand ihrer mittlerweile weltweiten Rezeption entspricht eine strukturelle und inhaltliche Ausformung, die ohne den Rückgriff auf die zahllosen fremdkulturellen Topoi nicht denkbar wäre.«10 Deshalb können Manga als ein referentielles Medium aufgefasst werden, das aus dem populärkulturellen Reservoir der Gegenwart ebenso schöpft wie aus traditionellen Erzählstilen.11 Bei der Vermischung nationaler und internationaler Kultur- und Narrativfragmente handelt es sich allerdings um kein strategisch-ökonomisches Kalkül, denn Manga wurden und werden zuallererst für den japanischen Markt produziert. Angesichts der soziohistorischen Rahmenbedingungen des Landes lässt sich vermuten, dass die Synthetisierung eigenkultureller Motive mit asiatischen und westlichen Motiv- und Erzähltraditionen eine mediale Verarbeitung der gesellschaftlichen Öffnung und rasanten marktwirtschaftlichen wie kulturellen Entwicklung hin zum modernen, post industriellen Staat abbildet.12 Obschon der japanische Mangamarkt seit Beginn der 1990er Jahre rückläufig ist – nicht zuletzt aufgrund der Verbreitung tragbarer Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefonen und Tablets –, sucht er 9 Vgl. Allison, A.: Pikachu’s Global Adventure. Durkham, London 2004, S. 48. 10 Dolle-Weinkauff, B.: Manga. In: Kinder- und Jugendliteraturforschung 2004/2005, hg. v. Dolle-Weinkauff, B. u. a., Frankfurt 2005, S. 102f. 11 Ob es sich bei Manga um ein Referenzsystem handelt, das nur in Bezug zu seinen intertextuellen Referenzpunkten verstanden werden kann, wie Seeßlen es für das Abbildungssystem in Computerspielen benennt, ist ein möglicher Diskussionspunkt in diesem Zusammenhang (Vgl. Seeßlen, Georg/Rost, C.: Pac man & Co. Reinbek bei Hamburg 1984). 12 Zur historischen Entwicklung Japans vgl. Zöllner, R.: Geschichte Japans. Paderborn u. a. 2006; zum Verhältnis der gesellschaftlichen Öffnungen und der Mediengeschichte Japans vgl. Grassmuck, V.: Geschlossene Gesellschaft. München 2002. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten16 an Volumen und Diversität weltweit seinesgleichen.13 Im Herkunftsland sind Manga »ein hochkapitalisiertes Produkt einer hervorragend aufgestellten Kulturindustrie.«14 Neben ihrer globalen Mixtur ist die Erscheinungsform von Manga von den spezifischen Produktions- und Vermarktungsbedingungen geprägt, zu denen etwa eine serielle, kostengünstige Herstellung (mittels Schwarz-weiß-Druck) und zügige Fortsetzungsveröffentlichungen sowie die enge Verzahnung mit Zeichentrickserien gehören.15 Vor diesem Hintergrund – und nicht primär aufgrund einer »fremdartigen«, »anderen« japanischen Kultur(tradition) – haben Comics in Japan eine eigene Ästhetik, einen »wiedererkennbaren japanischen Zeichenstil«16 ausgebildet.17 Allerdings weisen nicht alle Comics japanischer Provenienz den typischen Mangastil auf. Was international als Mangaform, als japanischer Comicstil gilt, »sind […] jene übersetzten Magazinserien und Buchausgaben, die sich an ein jugendliches Publikum wenden, das visuelle Dynamik, niedliche Figuren und den großzügigen Einsatz comicspezifischer Symbole schätzt. […] ‚Japanisch‘ meint hier eine global bewegliche ästhetisch-kulturelle Mixtur, die tendenziell auf Kosten von Lokalspezifik geht, zugleich aber Nationalisierungen unterläuft und gerade damit zur Plattform für den Austausch zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft werden kann.«18 13 Einige Daten zur Einschätzung: Im Jahr 2000 haben Manga 40% aller japanischen Druckerzeugnisse dargestellt (Brunner, M.: Manga. München 2009, S. 42). In 2006 sind pro Jahr 10 Mangamagazine und Taschenbücher pro Einwohner gedruckt worden, in den USA hat sich zeitgleich ein Verhältnis von einem Comicband auf drei Einwohner gefunden; das Produktionsvolumen von Manga in Japan hat bei 1,260 Millionen gelegen (vgl. Bouissou, J.-M. u. a.: Manga in Europe. In: Johnson-Woods, T.: Manga. London 2010, S. 28f.). 14 Nielsen, J.: Manga. In: Ditschke, S. u. a. (Hg.): Comics. Bielefeld 2009, S. 337. 15 Manche erfolgreichen Serien werden arbeitsteilig von Teams hergestellt, in denen der Autor zwar die Ursprungsidee und die ersten Ausarbeitungen der Figuren vornimmt. Für die zügige serielle Produktion werden im weiteren wiederkehrende Figurenposen nach den Vorlagen (model sheets) von Assisstenten gezeichnet (vgl. Nielsen, J.: Manga. In: Ditschke, S. u. a. (Hg.): Comics. Bielefeld 2009, S. 355). 16 Eigene Übersetzung von: »identifiable japanese graphic style« (Cavallero, D.: Anime Intersections. Jefferson, London 2007, S. 179f.). 17 Vgl. Kahl, R.: Manga – Der kulturspezifisch japanische Comic? In: Kids + Media: Kontinente, 2 (2012b) 2. 18 Berndt, J.: Manga für Erwachsene. In: Diekmann, S./Schneider, M.: Szenarien des Comics. 2005, S. 130. 171 Einleitung Die erfolgreichen Manga entstammen demnach einem bestimmten Sektor der japanischen Comicproduktion, die in Darstellungsweise und Erzählthematiken ein adoleszentes Publikum adressiert und weltweit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Anklang findet. Diese Leserschaft hat sich nicht allein der einsamen Lektüre verschrieben, sondern organisiert sich in aktiven Fanszenen, so dass »japanische Comics zur globalen Jugendkultur des frühen 21. Jahrhunderts [gehören].«19 Der internationale Erfolg der Comiclektüre aus Japan unter Heranwachsenden ist ein beredtes Beispiel für die »mediale Globalisierung«20 im Bereich der Kinder- und Jugendmedien. Die Bildergeschichten aus Japan sind Teil eines grenzüberschreitenden medienkulturellen Austauschprozesses, in dem sich deutliche Tendenzen der ‚Glokalisierung‘21 erkennen lassen. Aneignungs- und Fanpraxen unterliegen ebenso nationalen wie lokalen Abwandlungen und Ausprägungen wie beispielhaft das bevorzugte Lektüreformat. In Japan wird das Magazin (bestehend aus mehreren Fortsetzungsserien unterschiedlichster Zeichner_innen) als Printformat präferiert, während sich in Deutschland das serienbezogene Taschenbuch als prädestiniertes Format durchgesetzt hat. Die DIN A5 großen Bücher mit farbigem Einband sind aus den Regalen deutscher Buchhandlungen ebenso wenig wegzudenken wie in den europäischen Nachbarländern oder den USA. Mehr noch: »wer dem Buchmarkt prognostiziert hätte, dass er in Kürze seine attraktivsten Ladenflächen mit Comicregalen bestücken würde, wäre für verrückt erklärt worden«22. Was sich in »eher traditionellen Hochburgen des europäischen Comics wie Belgien, Frankreich oder Italien«23 noch im Kontext der allgemeinen Anerkennung der Bildnarration – etwa 19 Berndt, J.: Geleitwort. In: Kamm, B.-O.: Nutzen und Gratifikation bei Boys‘ Love Manga. Hamburg 2010, S. VII. 20 Hepp 2006, S. 13. 21 Der Ausdruck Glokalisierung geht auf Roland Robertson zurück und verbindet die Begriffe Globalisierung und Lokalisierung miteinander. Glokalisierung beschreibt den Prozess in der kulturellen Globalisierung, in dem globale Strömungen in einen lokalen Kontext eingebettet sprich re-lokalisiert werden (vgl. Beck, U.: Was ist Globalisierung? Frankfurt 1997, S. 88ff.). 22 Platthaus, A.: »Starke Streifen«. In: Börsenblatt, Nr. 41 (2003), S. 29. 23 Köhn, S.: Traditionen visuellen Erzählens in Japan. Wiesbaden 2005, S. 1. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten18 als die »neunte Kunst« (Frankreich)24 – als neuer Trend hätte auffassen lassen, kann doch für Deutschland überraschen, wo es die sequenzielle Literatur trotz ihres berühmten Vorbilds Wilhelm Busch eher schwer gehabt hat.25 Doch Manga »haben sich nicht nur in Japan zu einer wichtigen Säule im Verlagswesen entwickelt«26, sondern auch dem deutschen Buchmarkt seit Ende der 1990er Jahre einen enormen Konjunkturaufschwung beschert. Während der Comicmarkt in dieser Zeit in der Krise steckt, etabliert sich parallel die neue Stilrichtung aus Fernost, indem sie mit ihren günstigen Taschenbüchern und zumeist jugendlichen Held_innen eine neue Käuferschaft erschließt: Jugendliche und junge Erwachsene, insbesondere Mädchen und junge Frauen. Startpunkt der Mangaerfolgsgeschichte in Deutschland bildet die Serie Dragonball, die im Gefolge der gleichnamigen, im Fernsehen ausgestrahlten Zeichentrickserie erschienen ist und sich millionenfach verkauft hat. Zu Beginn umfasst das hierzulande publizierte Mangaangebot wenige Kinder- und Jugendserien mit hohen Absatzzahlen, die meist im Medienverbund mit den TV-Serien auftreten. Mittlerweile emanzipiert sich der Mangasektor zunehmend von der Bindung an Fernsehangebote und »nach gut zwei Jahrzehnten Mangas in Deutschland [bildet] [sich] jetzt langsam ein Kanon an maßgebenden Titeln heraus«27. Neben dauerhaften Bestsellern findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Serien auf dem Markt, wobei monatlich mehrere Dutzend Neuerscheinungen und die Neuauflagen vergriffener Bände hinzukommen. Damit bestreiten Manga in Deutschland rund 70% des Comicumsatzes.28 Der Gesamtumsatz des Comicbereichs hat in 2014 laut Buchreport bei rund 255. Mio. gelegen, was im Vergleich zum Jahr 2012 mit 235 Mio. Euro ein Wachstum von rund 8,5% darstellt.29 Das ist 24 Grünewald, D.: Das Prinzip Bildgeschichte. In: Ders. (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics. Bochum 2010, S. 14. 25 Vgl. Brunner, M.: Manga. München 2009, S. 15f. 26 Hepp 2006, S. 8. 27 Buchreport: Comics spielten einen Umsatz von 255 Mio. Euro ein. Manga legen weiter zu. Beitrag 10.03.15 URL: www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nach richt/datum/2015/03/10/mangas-legen-weiter-zu.htm, l. A. 12.12.16. 28 Knigge, A.: Alles über Comics. Hamburg 2004, S. 82. 29 Dreimalalles: Comic-Markt 2014 – Stabiles Marktsegment. URL: www.dreimalalles. info/news/comic-markt-2014-stabiles-marktsegment, l. A.: 28.7.15. 191 Einleitung nicht zuletzt der positiven Marktentwicklung des Teilsegments Manga zu verdanken, über die das Börsenblatt berichtet: »2014 haben die Umsätze zweistellig zugelegt; in Deutschland um fast 15 Prozent, in Österreich um 17 und in der deutschsprachigen Schweiz um 13 Prozent. […] Im Fünf-Jahres-Vergleich fallen die Unterschiede noch deutlicher auf: Seit 2010 fänden Mangas/Manhwas kontinuierlich mehr Käufer, meldet die GfK [Gesellschaft für Kon sumforschung, R. K.]. Mit einem Umsatzzuwachs von 58 Prozent legten sie in Deutschland um mehr als die Hälfte zu (Österreich: plus 58 Prozent; Schweiz: plus 19 Prozent).«30 Auch mit Blick auf die letzten zehn Jahre können Manga einen kontinuierlich ansteigenden Umsatz verbuchen.31 Gleichzeitig erfreuen sich überregionale Manga-Messen und -Events einer hohen Nachfrage, wie die jährlich steigenden Besucherzahlen der Manga-Anime-Convention »Connichi« exemplarisch veranschaulichen. Ihren in 2013 aufgestellten Rekord von 24.000 Gästen konnte die Veranstaltung in 2014 mit 25.000 Besucher_innen nochmals übertreffen.32 Die fast 20-jährige Erfolgsgeschichte mit den nach wie vor wachsenden Verkaufs- und Fanzahlen verweist auf die nachhaltige Anziehungskraft und Etablierung der japanischen Bilderlektüre in Deutschland als Jugendmedium und Adoleszenzlektüre. Anfänglich noch als Randphänomen oder kurzlebige Modeerscheinung betrachtet, sind Manga in Deutschland zu einem festen Bestandteil der Medienlandschaft und Jugendkultur herangereift. Den breiten Bekanntheitsgrad der fernöstlichen Comicprodukte unter Heranwachsenden auch jenseits der Leserschaft hat bereits in 2007 eine DFG-Studie zum Medienhandeln Jugendlicher belegt. Von den über 3.000 Befragten konnte die Hälfte der Jugendlichen – gleich ob Comicleser_innen oder nicht – angeben, dass es sich bei Manga um japanische Comics handelt.33 Umso 30 Boersenblatt.net: Fast 15 Prozent Plus in einem Jahr. Manga Mania. Beitrag 05.03.15 URL: www.boersenblatt.net/fast_15_prozent_plus_in_einem_jahr.947000.html, l. A. 12.12.16. 31 Buchreport: Comics spielten einen Umsatz von 255 Mio. Euro ein. Manga legen weiter zu. Beitrag 10.03.15 URL: a. a. O., l. A. 12.12.16. 32 Vgl. Rudolph, K.: Manga-Messe in Stadthalle. Besucherrekord – 24.000 kamen zur Connichi. HNA, 15.09.13 URL: www.hna.de/kassel/besucherrekord-24000-kamen-conni chi-3112000.html, l. A.: 28.07.15; Connichi 2014 – Offizielle Besucherzahlen. URL: www. fullgaming.de/connichi-2014-offizielle-besucherzahlen/, l. A.: 29.07.15. 33 Treumann, K. u. a.: Medienhandeln Jugendlicher. Wiesbaden 2007. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten20 mehr vermag es zu erstaunen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem »Phänomen Manga«34 und der »Faszination der Bilder«35 bislang nur sporadisch erfolgt ist. »Die geringe Beachtung der Comics durch wissenschaftliche Disziplinen«36 trifft in zugespitzter Weise für ihr jüngstes Segment der japanischen Ausprägung zu. Untersuchungsansatz: (Un-)bewusste Wirkungsweisen von Mangalektüre in ihren sozialisatorischen Folgen für Adoleszente Der (inter-)nationale Erfolg des Mediums Manga unter Heranwachsenden reicht mit ihrer stilprägenden Bildästhetik über das Comicmedium hinaus in andere Medienformate und bis in die Selbstdarstellungs- und Körperpraxen von Jugendlichen hinein. Ihre Popularität und Nachahmung verweist darauf, dass die Comics Inszenierungen und Symbolisierungen von Lebenslagen und Selbstkonzepten offerieren, die für die Altersgruppe attraktiv und relevant sind. Das Interesse dieser explorativen qualitativen Studie richtet sich auf die Konfliktthemen, Affektlagen und Lebensentwürfe, die in absatzstarken Mangawerken zum Tragen kommen. Ansatzpunkt bildet die Analyse von Wirkungsweisen des Mangaangebots im Lektüreprozess, welche anhand zweier exemplarischer Serien (Grimms Manga, Death Note)37 auf der Ebene von Einzelbildern wie Bildergeschichten interpretiert sowie über Gruppendiskussionen mit Jugendlichen erhoben werden. Aufgrund vielfältiger Herausforderungen und Schwierigkeiten im Feldzugang hat die empirische Studie eher illustrativen Charakter und stellt die Rezeptionsweisen jugendlicher Erstlesender von Manga in exemplarischer und fokussierter Art und Weise vor. Ausführlich und differenziert wird auf die inhaltlichen Aspekte wie das (un-)bewusste Wirkungsangebot der Mangamaterialien eingegangen. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive ist eine solche Auseinandersetzung aufgrund der adoleszenten Zielgruppe der Manga von besonderer Bedeutung, vermag ein Medienangebot doch insbesondere unter Heranwachsenden, die sich in einer intensiven, medienorientierten Welterschließungs- und Selbstentwicklungsphase 34 Berndt, J.: Phänomen Manga. Berlin 1995. 35 Brunner, M.: Manga – Die Faszination der Bilder. München 2009. 36 Mounajed, R.: Geschichte in Sequenzen. Frankfurt 2009, S. 40. 37 In dieser Arbeit sind Werkstitel von Medienangeboten sowie Eigennamen von Medienfiguren (bspw. Rotkäppchen, Donald Duck) kursiv gesetzt. 211 Einleitung befinden, als Sozialisationsagentur zu fungieren. In eine Forschungsfrage übersetzt lautet das Kerninteresse dieser Arbeit: Welche Wirkungen kann das graphisch-thematische Angebot von Manga in sozialisatorischer Hinsicht bei der adoleszenten Zielgruppe entfalten? Mit dem Fokus auf der Wirkung des Angebots überschreitet die Untersuchung die Inhaltsanalyse von Themen und Darstellungsmitteln in Richtung einer Verhältnisanalyse zwischen Medienstoff und Rezipierendem. Im Speziellen geht es dabei um die Erfassung des Spektrums an Wirkungsweisen, respektive Sinnzuschreibungen, die das Material hervorzurufen vermag. Im Weiteren stehen die Verarbeitungsstrategien und Lebensentwürfe, die Jugendlichen über dieses Angebotsspektrum eröffnet werden, im Blickpunkt. In diese Analyseperspektiven sind neben manifesten Bedeutungsstrukturen und intendierten Reaktionen gleichermaßen unbewusste Wirkungsweisen und latente Sinngehalte einbezogen gemäß einer psychoanalytischen Analysetradition kultureller Symbolbildungen von Freud bis Lorenzer und Prokop.38 Um die verschiedenen Ebenen systematisch zu untersuchen, kommt die tiefenhermeneutische Kulturanalyse als Interpretationsverfahren zur Anwendung. Aus den benannten Differenzierungen generieren sich zwei spezifizierende Unterfragen der Studie: Welche Konfliktthematiken, Affektlagen und Lebensentwürfe sind in Manga (un-)bewusst wirksam? Welche Thematisierungsmöglichkeiten und Sozialisationsimpulse tragen Manga damit den Jugendlichen an? Mit dem gewählten Forschungsgegenstand – den (un-)bewussten Wirkungsweisen von Mangalektüre in Bezug auf ihr sozialisatorisches Angebot für Adoleszente – betritt die Arbeit Neuland im Feld der Mangaforschung. Mangawirkungen sind bislang meist über die Analyse ihrer Darstellungsmittel oder quantitative Befragungen im Sinne nachträgli- 38 Vgl. Freud, S.: Der Moses des Michelangelo. Frankfurt 2008; Freud, S.: Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. In: Sigmund Freud. Gesammelte Werke. Bd. X. Hg. v. A. Freud et al., Frankfurt 1981a, S. 370ff.; Lorenzer, A.: Tiefenhermeneutische Kulturanalyse. In: Lorenzer, A. (Hg.): Kultur-Analysen. Frankfurt 1988a, S. 7ff.; Prokop, U.: Einleitung. Der tiefenhermeneutische Ansatz in der Medienforschung. In: Prokop, U./Jansen, M. M. (Hg.): Doku-Soap, Reality-TV, Affekt-Talkshow, Fantasy-Rollenspiele. Marburg 2006, S. 13ff. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten22 cher Selbsteinschätzungen der Leserschaft untersucht worden.39 Diese Untersuchung widmet sich hingegen: • der systematischen Analyse des (un-)bewussten Wirkungs- und Bedeutungsspektrums ausgewählter Manga als Zusammenspiel von Erzählthemen, graphischen Darstellungsweisen und Sinnzuschreibungen im Lektüreprozess und • bezieht eine qualitative Erhebung des Rezeptionsprozesses der verwendeten Manga mit Jugendlichen in Form von Gruppendiskussionen exemplarisch mit ein. Aus der vertiefenden Einzelfallanalyse werden mögliche sozialisatorische Folgen der Mangarezeption im konkreten Bezug zum Medienangebot erkennbar. Neben dem Erkenntnisinteresse stellt auch die methodische Auseinandersetzung mit dem Medienformat Manga und seiner Rezeption ein Alleinstellungsmerkmal im Forschungsfeld dar. Sowohl das psychoanalytisch-hermeneutische Interpretationsverfahren der Tiefenhermeneutik als auch eine qualitative Zielgruppenstudie mittels Gruppendiskussionen sind im Kontext von Mangastudien bislang nicht zum Einsatz gekommen. Mit ihrem innovativen Untersuchungsvorhaben liefert die Arbeit sowohl einen Beitrag zur Medienwirkungsforschung eines bislang kaum untersuchten Jugendmediums als auch zur jugendlichen (Selbst-)Sozialisation durch Massenmedien und zeigt Verfahrensweisen zur Interpretation von integriertem Bild- und Textmaterial und seiner Rezeption am Beispiel des Comicmediums und seiner Adres sat_innen40 auf. 39 Dolle-Weinkauff, B.: Japanbilder bei Lesern und Nichtlesern von Manga. In: Köhn, S.: Fremdbilder – Selbstbilder. Wiesbaden 2013, S. 337ff.; Dolle-Weinkauff, B.: Manga und ihr Einfluss auf junge Leser in Deutschland. In: Haug, C./Vogel, A.: Quo Vadis Kinderbuch? Wiesbaden 2011, S. 121ff.; Respondi AG (Hg.): Sozioland. Tabellenband Manga 2008, S. 38 (URL: www.sozioland.de/rp/manga08/index.html, letzter Abruf: 21.05.2012). 40 Bei Personengruppen wird die Schreibweise des Gender-Gap, die alle sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten benennt, gewählt. Bei Institutionen und Personennennungen in zusammengesetzten, feststehenden Begriffen (z. B. Leserschaft, Experteninterview) wird aus Lesbarkeitsgründen keine solche Geschlechterausdifferenzierung vorgenommen, gleichwohl sind alle Geschlechter damit gemeint. 231 Einleitung Aufbau der Arbeit Aus dem dargelegten Jugendmedienphänomen und dem gewählten Untersuchungsansatz wie Erkenntnisinteresse ergibt sich folgender Aufbau der vorliegenden Arbeit. Das auf die Einleitung folgende zweite Kapitel stellt den Forschungsstand und Forschungsansatz zu Wirkungen von Manga bei Jugendlichen dar. Einführend ist der Begriff Manga in seiner historischen wie internationalen Verwendung dargelegt und für diese Arbeit definiert. Nach einem Blick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Manga ist das mediale Forschungsobjekt in seinen Eigenheiten als Bild-Text-Lektüre und seiner (deutschsprachigen) Rezeption konturiert. Im darauffolgenden Forschungsansatz sind der Wirkungsbegriff dieser Studie sowie ihr psychoanalytisch fundiertes, symboltheoretisches Verständnis von Sozialisation durch Medien wie Manga erläutert. Diese Ausführungen münden in die Formulierung des Erkenntnisinteresses. Gegenstand des dritten Kapitels ist die Darstellung und Erläuterung der Vorgehensweise. Eingangs ist die Konversionsanalyse als psychoanalytisch fundierter Untersuchungsansatz und Forschungsdesign der vorliegenden Studie dargelegt. Sie fungiert als Referenzmodell der Kombination einer tiefenhermeneutischen Inhalts- und Wirkungsanalyse von Manga mit einer Rezeptionsstudie. Schwerpunkt des Kapitels bildet die Erläuterung des angewendeten Interpretationsverfahrens der Tiefenhermeneutischen Kulturanalyse anhand ihrer einzelnen Analyseschritte. Darauf folgen die Beschreibung des Forschungsprozesses mit der Teilnehmendenauswahl der Rezeptionsstudie sowie die Begründung der Mangaauswahl (Grimms Manga, Death Note)41 und der beiden daraus verwendeten Materialsorten (Titelbilder und Bildergeschichten). Eine Übersicht der Gliederung der Forschungsbefunde rundet das Kapitel ab. Das vierte Kapitel umfasst die tiefenhermeneutischen Inhalts- und Wirkungsanalysen des verwendeten Mangamaterials der beiden Serien Grimms Manga und Death Note und bildet den Hauptteil der Befunddarlegungen. Einführend ist eine spezifische Verfahrensweise zur 41 Ishiyama, K.: Grimms Manga. Bd. 1. Hamburg 2007a; Ohba, T./Obata, T.: Death Note. Bd. 1. Hamburg 2006. Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten24 Darstellung der Interpretationsbefunde erläutert: die Formulierung unterschiedlicher Lesarten des Materials zur Differenzierung seiner verschiedenen Wirkungsweisen. Darauf sind die Interpretationen der beiden Einzelbilder und der Mangaerzählung aus Grimms Manga ausgeführt, im Anschluss die Deutungen der beiden Einzelbilder und der Mangaerzählung aus Death Note. Hintergrundinformationen zu den beiden Werken und ihrer Verbreitung leiten in die Materialanalysen der beiden Mangaserien ein. Die Befunde der empirischen Rezeptionsstudie mit Jugendlichen zu dem interpretierten Mangamaterial finden sich im fünften Kapitel. Sie gliedern sich in eine Übersicht der markanten Ergebnisse sowie eine exemplarisch ausgeführte Rezeptionsanalyse am qualitativen Datenmaterial. Die Übersicht umfasst zentrale Ergebnisse zur Diskussionskultur, speziell dem Sprachstil und der geschlechtsbezogenen Beteiligung der Jugendlichen sowie die Rezeptionsbefunde zum Mangamaterial bezogen auf die unterschiedlichen Materialsorten Einzelbilder und Bildergeschichten, die geschlechtsbezogenen Reaktionsweisen auf das Angebot sowie gruppenübergreifende Diskussionsthemen. Ein Einblick in das Datenmaterial und seine Auswertung erfolgt anhand der exemplarischen Analyse der jugendlichen Rezeption eines Einzelbildes aus dem Manga Death Note. Im sechsten Kapitel erfolgen die Zusammenführung und das Fazit der Wirkungs- und Rezeptionsstudie. Zunächst sind die zentralen Interpretationsbefunde der tiefenhermeneutischen Mangaanalysen zusammengefasst und aus zwei Vergleichsperpektiven – dem alters- und geschlechtsbezogenen Genrekontext sowie dem Topos der Umgangsweisen des Subjekt mit einem Gegenüber reflektiert. Entsprechende Befunde der Rezeptionsstudie sind in diese Ausführungen integriert. Eine abschließende Beantwortung der aufgeworfenen Forschungsfrage nach dem (un-)bewussten graphisch-thematischen (Wirkungs-)Angebot von Manga und seinen sozialisatorischen Implikationen findet im Anschluss statt. Endpunkt der Studie bildet das siebte Kapitel, in dem die grundlegenden Erkenntnisse mit Befunden der Comicforschung hinsichtlich der Serialität des Mediums und den Bedürfnislagen der jugendlichen Zielgruppe diskutiert sind. Ein Ausblick auf mögliche Anschlussunter- 251 Einleitung suchungen speziell zu den Eigenheiten des Mangamediums und seiner Rezeption sowie zur »visuellen Sexualisierung«42 heranwachsender Mädchen und junger Frauen in Manga und dessen soziokultureller Kontextualisierung rundet die Untersuchung ab. 42 Dangendorf, S.: Kleine Mädchen und High Heels. Bielefeld 2012, S. 14ff. Abb. 1: Aufbau der Arbeit (Eigene Darstellung). Ramona Kahl: Manga – Wirkungsvolle Bildergeschichten26 Thematische Leseschwerpunkte Zum Abschluss sollen einige Hinweise zu möglichen Fokussierungen in der Lektüre dieser Arbeit aufgezeigt werden, die sich an den drei benannten Anschlussfeldern der Studie orientieren: der Medienwirkungsforschung zu Manga, der jugendlichen (Selbst-)Sozialisation durch das Massenmedium Manga und dem Beitrag zur Methodik von Bild-Text-Analysen am Beispiel des Comicmediums. Bei den Vorschlägen handelt es sich um thematische Akzentuierungen in der Auseinandersetzung mit dieser Studie, die zentrale Kapitel und ihre Lesereihenfolge für das jeweilige Wissenschaftsfeld empfehlen. Wer sich vor allem für die Befunde zu Wirkungen von Manga interessiert, kann am Forschungsstand (2.3) und dem Wirkungsbegriff dieser Arbeit (2.4.2) ansetzen, zum Forschungsprozess (3.3) und der Materialbeschreibung der Untersuchung (3.4.1, 3.4.2) übergehen, um darauf die zentralen Interpretationsbefunde (6.1) sowie die Ergebnis- übersicht der Rezeptionsstudie (5.1) in Augenschein zu nehmen. Für vertiefende Einblicke bieten sich dann Ausflüge in die unterschiedlichen Materialanalysen (4.2, 4.3 und 5.2) an. Als Abschluss ist die Lektüre von Fazit (6.4) und Diskussion und Forschungsdesiderata (7) zu empfehlen. Bei einem Fokus auf der jugendlichen Sozialisation durch das Medium Manga bietet es sich an, beim theoretischen Sozialisationsbezug der Studie (2.4.3, 2.4.4) und den Besonderheiten von Manga und ihrer Rezeption (2.3, speziell 2.3.5, 2.3.62 und 2.3.6.3) zu beginnen. Daraufhin ist die Auseinandersetzung mit den einzelnen Interpretationsergebnissen zur manifesten und latenten Sinnstruktur der Mangamaterialien und ihre Theoretisierung anzuraten (Grimms Manga: 4.2.3.7, 4.2.3.8 sowie Unterkapitel in 4.2.4.3, 4.2.4.4, 4.2.4.6, 4.2.4.7; Death Note: 4.2.4.6, 4.3.2.6, 4.3.2.8, 4.3.3.6, 4.3.3.7 und 4.3.4). Für detaillierte Einblicke steht die Beschäftigung mit den einzelnen Lesarten und Bedeutungsebenen der Interpretationen offen (4.2, 4.3). In der Rezeptionsstudie empfiehlt es sich die Ergebnisübersicht anzusehen (v.a. 5.1.2, 5.1.4, 5.1.5). Für eine Ausführung der gruppenübergreifenden Rezeptionsthemen gilt es in die Rezeptionsanalyse zu schauen (5.2.3, 5.2.4). Die Schlusskapitel bieten neben einer Gesamtübersicht der zentralen Mangaanalysebefunde (6.1) und Überlegungen zu spezifischen Angebotsaspekten (6.2 und 271 Einleitung 6.3) vor allem eine Einschätzung des Sozialisationsangebots der untersuchten Manga für Jugendliche (6.4) und ihre Diskussion (7.1). An der Methodik von Bild-Text-Analysen Interessierten lässt sich vorschlagen, zunächst das Erkenntnisinteresse (2.4.5) und den methodischen Zugang (3, vor allem 3.2 und 3.4.2) zu rezipieren. Zum besseren Verständnis des Mediums sind die Ausführungen zur schriftsprachlichen Struktur der Bild- und Textsysteme im Comic (2.3.2) und ihrer Besonderheiten in Manga (2.3.3 bis 2.3.5) hilfreich. Daraufhin ist die Beschäftigung mit der Darstellungsweise der Interpretationen über Lesarten (4.1) und ihre Umsetzung in den Bild- und Narrativinterpretationen der Manga (4.2, 4.3) anzuraten: Die komplexeste Einzelbildinterpretation findet sich zum Titelbild der Grimms-Manga-Reihe (4.2.3), in der anschaulich wird, wie sich ein Spektrum an Wirkungsweisen und Lesarten auffächern kann. Eine ebenso vielfältige und zugleich pointierte Einzelbildinterpretation, in der das intertextuelle Verweispotential in Manga deutlich aufscheint, findet sich in der Analyse des Death-Note-Bildes (4.3.2). In der Narrativinterpretation Die zwölf Jäger ist die Vielschichtigkeit der bewussten wie unbewussten Lesarten und Bedeutungsebenen von Mangaerzählungen herausgearbeitet (4.2.4), wobei sich auch eine prototypische Analyse der bild-textlichen Erzählweise in Manga findet (4.2.4.2). Auf die Verzahnung zwischen Zeichenstil, Erzählweise und Erzählthemen geht die Wirkungsanalyse des ersten Kapitels aus Death Note explizit ein. Das Verhältnis von Titelbildinterpretation und Angebot des Manganarrativs ist für die einzelnen Erzählstoffe in den Interpretationszusammenfassungen vorgenommen (4.2.3.9, 4.2.4.6, 4.3.4). Für einen Eindruck zum Umgang mit dem empirischen Material bietet sich ein Blick in die exemplarische Rezeptionsstudie an (5.2), während die unterschiedliche Verarbeitung des Bild-Text-Angebots in der Ergebnisübersicht der Rezeptionsstudie zu finden ist (5.1.3). Schlusspunkt einer an der Untersuchung von Bild-Text-Material ausgerichteten Lektüre wären die tiefenhermeneutischen Endbefunde, besonders die zusammengefassten Einzelergebnisse zum Verhältnis von Bild- und Narrativanalyse (6.1) sowie der Ausblick (7.2) mit Überlegungen zu weiterführenden Analysen aufgrund von medialen Eigenheiten des Bild-Text-Mediums Manga.

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Zusammenfassung

Seit Ende der 1990er Jahre beanspruchen Manga als innovative Comiclektüre unter Heranwachsenden weltweit eine marktführende Position und sind Bestandteil der globalisierten Jugendkultur. Die erfolgreiche internationale Etablierung der Manga – vor allem im asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Raum – verdankt sich sowohl ihrer Vermarktung im Medienverbund mit Zeichentrickserien, Kinderspielzeug, Computer- und Kartenspielen als auch ihrem transkulturellen Stil.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ramona Kahl geht den in populären Manga offerierten bewussten wie unbewussten Verhaltensmodellen und Lebensentwürfen nach. Im Zuge einer tiefenhermeneutischen Analyse von Titelbildern und Narrativen populärer Mangaserien sowie der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zeigt sie auf, welche Reaktionen Manga bei Jugendlichen auslösen und was ihren speziellen Reiz für die Zielgruppe ausmacht. Dadurch eröffnet sie vielschichtige Einblicke in die Bedeutungsstrukturen wie Aneignung erfolgreicher Manga und legt diejenigen gesellschaftlichen Konfliktfelder offen, für welche Manga den Jugendlichen ein attraktives, aber fragmentarisches und ambivalentes Bearbeitungsangebot machen.