1 Einleitung in:

Michael Lausberg

Kunst und Architektur in St. Petersburg, page 8 - 12

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3887-1, ISBN online: 978-3-8288-6647-8, https://doi.org/10.5771/9783828866478-8

Tectum, Baden-Baden
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4 1 Einleitung Die russische Metropole Sankt Petersburg, im Newadelta am Finnischen Meerbusen gelesen, hat eine wechselvolle Geschichte: Nach der Stadtgründung firmierte sie unter dem Namen St. Petersburg, zwischen 1914 und 1924 wurde der Name in Petrograd verändert, 1924 wurde sie nach dem Revolutionsführer in Leningrad umgewandelt. Erst 1991 nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in der Sowjetunion bekam sie wieder ihren ursprünglichen Namen St. Petersburg. Sankt Petersburg ist nach Moskau die zweitgrößte Stadt Russlands und ein wichtiges Kultur- und Wirtschaftszentrum. Die Stadt hat mehr als 5 Millionen Einwohner, mit den Banlieus in der Umgebung vielleicht sogar 6 oder 7 Millionen. In Sankt Petersburg existieren etwa 40 Hochschulen, zahlreiche Forschungsinstitute und wissenschaftliche Einrichtungen, etwa 50 Museen, darunter die weltberühmte Eremitage, unzählige Bibliotheken, Kultureinrichtungen und Theater. Die Russische Nationalbibliothek ist die zweitgrößte Bibliothek Russlands und eine der drei Nationalbibliotheken des Landes. Sie wurde 1795 durch Katharina II. gegründet und hat einen Bestand von über 30 Millionen Medien, davon über 450.000 Handschriften (Ostromir-Evangeliar, Codex Petropolitanus Purpureus, Codex Leningradensis u. a.). In ihrem Bestand befinden sich Bücher in 85 Sprachen. Die 1714 gegründete Bibliothek der Akademie der Wissenschaften weist über 20 Millionen Bände auf. Die Puschkin-Bibliothek besitzt mit 5000 Werken einen wertvollen Bestand von Werken aus der privaten Bibliothek des Dichters. In wirtschaftlicher Hinsicht war und ist Sankt Petersburg ein wichtiger Hochsee- und Binnenhafen mit Kanalverbindung zum Kaspischen und Weißen Meer. Zur Verteidigung der im Nordischen von den Schweden zurückeroberten Gebiete begann Zar Peter I. 1702/03 mit der Errichtung der Festungen Kronstadt und Schlüsselburg. Der Baubeginn der Peter-und-Pauls-Festung im Mai 1703 auf einer Insel der Newamündung galt als Gründung der Stadt. Vor einer Bebauung des sumpfigen Geländes waren umfangreiche Entwässerungensanlagen notwendig. Ab 1704 entstand die Schiffswerft (Admiralität). Mit der Verlegung der Hauptstadt von Moskau nach Sankt Petersburg, was unter den Moskowitern nicht gerne gesehen wurde, setzte ein rascher Aufschwung ein. Der Stadtbrand 1737 bremste die Entwicklung der Stadt, im Anschluss daran mussten zahlreiche Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. 5 Dem raschen Wachstum der Stadt und ihren Bewohnern entsprach ein Aufschwung von Handel, Handwerk und Industrie, besonders nach dem Bau der ersten Eisenbahn von Sankt Petersburg nach Zarskoje Selo 1837. Maschinenbau und Papierfabriken ergänzten die traditionellen Industriezweige Textil- und Baustoffindustrie. Die schlechte soziale Lage der Arbeiter und wirtschaftliche Krisen 1902-1904 führten zu einer Reihe von Aufständen. Die Oktoberrevolution nahm hier mit dem Sturm auf das Winterpalais ihren Anfang. Während des 2. Weltkriegs war die Stadt 900 Tage lang von Ende 1941 bis Frühjahr 1944 von der deutschen Wehrmacht belagert (Leningrader Blockade), was zu mehr als 600.000 Opfer führte. Die Kriegsschäden in historischen Kern der Stadt wurden bald nach 1945 behoben und zu einer typischen Stadt in der sozialistischen Sowjetunion. Die frühere Residenz der Zaren als elitäres Element der Tyrannei sollte möglichst an den Rand gedrängt werden. In den Folgejahren hielt die Stadt ihren Ruf als große Industriestadt und eines der wissenschaftlichen Zentren der Sowjetunion. Das politisch-kulturelle Zentrum Russlands und der Sowjetunion lag zu dieser Zeit aber klar in Moskau. Drei Bauepochen verleihen St. Petersburg ihr unverwechselbares Erscheinungsbild: bis 1725 entstanden erste einfache Barockbauten unter niederländischem-deutschen Einfluss (Architekt D. Trezzini), bis 1760 die italienischen barocken Großbauten unter dem Architelt Rastrelli und 1760-1850 klassizistische Bauwerke. Als erstes größeres Bauensemble entstand seit 1703 die Peter-und-Pauls-Festung mit der Peter-und-Pauls- Kathedrale (1712-1732), die 1787 noch umgebaut wurde. Trezzini erbaute den Sommerpalais Peters des Großen 1714, ungefähr gleichzeitig mit dem Menschikow- Palais durch D. Fontana und G. Schädel und der Kunstkammer 1718-1734 auf der Wassiljewinsel. Rastrelli schuf auf dem Südufer der Newa neben der Admiralität den sogenannten Vierten Winterpalais 1754-1965. Er erbaute unter anderem auch das Smolny-Kloster mitsamt der Kathedrale. Das Kloster Smolny wurde 1748-1964 erbaut, ein klassizistischer Innenausbau wurde Anfang des 19. Jahrhunderts vorgenommen. Bauten des Klassizismus sind weiterhin die Kleine Eremitage (1764-1767), die Akademie der Schönen Künste 1764-1788 durch Vallin de la Mothe, die Akademie der Wissenschaften (1783-1789 durch G. Quarenghi, die Eremitage 1775-1784 von J. M. Velten, die Alexander-Newski-Kathedrale 1776-1790 von I. E. Sturow, die Kasaner 6 Kathedrale 1802-1812 von A.N. Woroschnin und I. E. Sturow, sowie die Isaak- Kathedrale 1817-1857 und die Neue Eremitage durch L. von Klenze. Unter K. I. Rossi entstanden die schönsten Platzanlagen: Platz der Künste mit dem Palast des Großfürsten Michael (heute Staatliches Russisches Museum). Die südliche Fassade des Gebäudes ist mit einem Relief ("Der Ruhm Russlands") und dem kaiserlichen Wappen geschmückt. Seit 1817 nahm das Schloss eine Technikschule auf, die durch viele große russische Persönlichkeiten der Vergangenheit bewohnt wurde, den Schriftsteller Fjodor Dostojevski einschließend. Permanente Ausstellungen im Michael- Palast sind die Porträtgalerie von russischen Aristokraten des 18.-19. Jahrhunderts, und Ausstellung von Skulpturporträts des 18. Jahrhunderts. Vor der Hauptfassade ließ Paul ein Denkmal Peters des Großen aufstellen mit der Inschrift "Dem Urgroßvater vom Urgroßenkel". Rossi schuf weiterhin die Anlage um das heutige Puschkin-Theater (1829-1832), Generalstabsgebäude und Triumpfbogen am Schlossplatz und Petersplatz mit Gebäude des Senats und der Synode. Das Alexandra- oder Alexandrinski-Theater wurde auf Erlass der Zarin Elisabeth I. 1756 gegründet. Eine aus Schülern des Kadettenkorps zusammengestellte Truppe bildete das erste ständige Theater Russlands. Erst 1832 erhielt das Ensemble sein heutiges prächtiges Gebäude, das unter Leitung des Architekten Rossi entstand. Zahlreiche russische Theaterstücke wurden auf der Bühne des Alexandrinski-Theaters uraufgeführt, darunter Werke wie „Der Revisor“ (1836) von Nikolai Wassiljewitsch Gogol, Stücke von Alexander Sergejewitsch Gribojedow, 1896 „Die Möwe“ von Anton Pawlowitsch Tschechow. Zu den berühmten Regisseuren des Theaters gehörten Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold und Grigori Michailowitsch Kosinzew. Das historische Zentrum von Sankt Petersburg wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. In der Umgebung von Sankt Petersburg entstanden die Schlösser Pawlowsk, Petrodworez und Puschkin, die allerdings in diesem Werk aus Platzgründen nicht behandelt werden können.1 Von den zahllosen Museen der Stadt ist die Eremitage mit 2,4 Millionen Besuchern (2009) das bestbesuchte und international bedeutendste.2 Die Eremitage zählt in 1 Vgl. Dazu Perigi, I.: Leningrad und die Schlösser der Umgebung, Stuttgart 1984 2 Norman, G.: The Hermitage. London 1997, S. 12 7 Russland neben dem „Staatliche Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin“3 in Moskau zur wichtigsten Kunstgalerie. Es sind Sammlungen über prähistorische Kultur, Kunst und Kultur der Antike, Kunst und Kultur der Völker des Ostens, westeuropäische Kunst und russische Kunst zu sehen.4 Im Archiv des Museums befinden sich fast drei Millionen Objekte, unter anderem archäologische Fundstücke sowie die neben dem Louvre und dem Prado bedeutendste Sammlung klassischer europäischer Kunst. In mehr als 350 Sälen sind über 60.000 Exponate ausgestellt. Zu den ausgestellten Bildern gehören Werke holländischer und französischer Meister wie Rembrandt, Rubens, Matisse und Paul Gauguin. Außerdem sind zwei Gemälde des italienischen Universalgenies Leonardo da Vinci sowie 31 Gemälde des spanischen Malers Pablo Picasso ausgestellt. Das Museum hat etwa 2.500 Mitarbeiter. Während die Malerei der Kern der Sammlung ist, beherbergt die Eremitage auch Zeichnungen, über 50.000 Druckgraphiken (Holzschnitte, Lithographien, Radierungen) verschiedener Genres und Epochen, und umfangreiche Sammlungen angewandter Kunst. Dazu gehören insbesondere Kirchengerät des 11. bis 15. Jahrhunderts, Emailarbeiten und Elfenbeinschnitzereien des 15. bis 18. Jahrhunderts. Daneben sammelten vor allem die Kaiser angewandte russische Kunst wie Teppiche und Porzellan. Die Sammlung an russischen Gewändern des 18. bis 20. Jahrhunderts ist 3 Das „Staatliche Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin“ in Moskau, benannt nach dem russischen Nationaldichter Alexander Sergejewitsch Puschkin, wurde. von 1961 bis 2013 wurde es von Irina Antonowa geleitet, ihre Nachfolgerin als Direktorin ist Marina Loschak. Die Initiative für die Gründung eines bürgerlichen Bildungsmuseums geht bereits auf erste Ideen in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts zurück. Doch es sollte mehr als hundert Jahre dauern, bevor der Gedanke erste Formen annahm. Ein wichtiger Anstoß war 1862 die Überführung der Kunstsammlung des Grafen Nikolai Petrowitsch Rumjanzew von Sankt Petersburg nach Moskau, die dort in einem eigenen Museum ausgestellt wurden. Da das so genannte Rumjanzew-Museum ständig unter Mangel an Finanzen und Ausstellungsfläche litt, entstand unter dessen Direktor Iwan Wladimirowitsch Zwetajew, der auch Professor an der Moskauer Universität war, eine Initiative, die den Stein zur Gründung des Museums endgültig ins Rollen brachte. Er überwand alle Hindernisse und sammelte die Mittel für einen neuen Museumsbau. Die Grundsteinlegung erfolgte 1898, nach Plänen des Architekten Roman Klein mit Beteiligung der Ingenieure Wladimir Schuchow und Iwan Rerberg. Nach einer Bauzeit von 14 Jahren konnte das „Kaiser-Alexander III.-Museum der schönen Künste“ am 31. Mai 1912 feierlich eröffnet werden. 1917–1937 hieß es „Museum der schönen Künste“. Den Grundbestand der Sammlung bildeten Gipsabgüsse berühmter Skulpturen der westlichen Kunst aus Mittelalter und Renaissance. Aber dass man sich nicht nur mit Kopien begnügen wollte, zeigte bereits die Tatsache, dass von Anfang an auch eine ansehnliche Sammlung altägyptischer Originale, die Zwetajew 1909 von dem Ägyptologen Wladimir Semjonowitsch Golenischtschew erworben hatte, und 12 frühe italienische Gemälde, die der russische Diplomat M. S. Schtschukin, Generalkonsul in Triest, gestiftet hatte, ausgestellt werden konnten. Dieser Gemäldebestand konnte in den Folgejahren kontinuierlich ausgebaut werden und entwickelte sich zum bedeutendsten und international bekanntesten Sammlungsteil des Museums. 4 Norman, G.: The Hermitage. London 1997, S. 27 8 beeindruckend. Unter den Gewändern befinden sich unter anderem über 300 Zarengewänder von Peter dem Großen. Ebenfalls gehören zur Sammlung in der Eremitage 14.000 Stück Porzellan aus allen großen Manufakturen, darunter besonders Meißen und Sèvres. Ebenfalls zur angewandten Kunst zählen große und bedeutende Sammlungen an Teppichen, Gobelins und Möbelkunst. Die Sammlung der Plastiken ist mit über 2000 Objekten eine der größten der Welt. Sie enthält unter anderem Werke von Michelangelo und Rodin. Dieses Buch hat sich zum Ziel gesetzt, Kunst und Architektur in St. Petersburg systematisch vorzustellen und im Gegensatz zu älteren Darstellungen auf den neuesten Forschungsstand zu bringen. Dies ist anhand der Fülle der Untersuchungsgegenstände nur möglich, wenn eine Auswahl der zu untersuchenden Objekte vorgenommen wird. Manches wird daher nur angerissen oder nicht in der Länge erfasst, die eigentlich notwendig wäre. Da ohne kunsthistorische und architekturgeschichtliche Exkurse vieles gar nicht verstanden und dies nicht beim Leser vorausgesetzt werden kann, wird dies an manchen Stellen notwendigerweise eingefügt. Zunächst wird die stadtgeschichtliche Gründung und Entwicklung St. Petersburg beschrieben, bevor dann eine längere Abhandlung über die russisch-orthodoxe Kirche als Kulturträger erfolgt. Dann steht die Eremitage als wahrscheinlich bekanntestes Kulturobjekt in St. Petersburg im Mittelpunkt, wobei einige ihrer Kulturschätze genauer beleuchtet werden. Danach folgt eine Übersichtsdarstellung anderer künstlerischer und architektonischer Highlights in St. Petersburg. In der umfangreichen Literaturübersicht finden sich Werke, die sich zur Vertiefung des einen oder anderen Themas, das hier vielleicht zu kurz gekommen ist, anbieten.

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References

Zusammenfassung

Dem Wesen nach war St. Petersburg schon immer eine Kulturmetropole. Dostojewski, Puschkin, Tschaikowski oder Schostakowitsch stehen nur stellvertretend für die erlesene Liste von Persönlichkeiten, die sich hier auf kulturellem Gebiet hervorgetan und es dabei nicht selten zu Weltruhm gebracht haben. Im Gegensatz zu vielen selbst ernannten kulturellen Hochburgen des Westens wird Kunst an der Newa noch immer gelebt und bleibt dank zahlreicher Museen, Theater und Musikspielhäuser allgemein zugänglich.

Michael Lausberg stellt die wichtigsten künstlerischen wie architektonischen Exponate der Stadt vor, darunter die Eremitage samt Winterpalais und Eremitage-Theater, die Peter-und-Paul-Festung, den Peterhof und seine Gärten, den Katharinenpalast, das Russische Museum, den Stroganow-Palais, das Alexander-Newski-Kloster, die Isaakskathedrale, die Kasaner Kathedrale und die Auferstehungskirche. Zur Einbettung in einen historischen Kontext spannt der Autor den Bogen von Katharina II. über Alexander Newski bis hin zu der Bedeutung und den Glaubensinhalten der russisch-orthodoxen Kirche, klärt auf über die wichtigsten Kunststile im Russischen Reich und in der Sowjetunion und bringt bedeutende Künstler wie Malewitsch, El Lissitzky, Kandinsky, Tatlin, Majakowski oder Rodschenko anhand ausgewählter Werke näher.