3 Russisch-orthodoxe Kirche als Kulturträger in:

Michael Lausberg

Kunst und Architektur in St. Petersburg, page 70 - 108

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3887-1, ISBN online: 978-3-8288-6647-8, https://doi.org/10.5771/9783828866478-70

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
66 3 Russisch-orthodoxe Kirche als Kulturträger Die russisch-orthodoxe Kirche spielte nicht nur in St. Petersburg vor der Oktoberrevolution 1917 eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben und war mitbestimmend für die künstlerische und architektonische Entwicklung im gesamten Russland. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist eine genuin christliche Kirche. Als Russisch- Orthodoxe Kirche werden zumeist die autokephale orthodoxe Kirche von Moskau und Russland (Patriarchat von Moskau und ganz Russland) und die ihr nachgeordneten Kirchen einschließlich der Diözesen der Diaspora bezeichnet. Diese Kirchen bilden gemäß dem allen orthodoxen Kirchen gemeinsamen Glaubensbekenntnis zusammen mit den anderen orthodoxen Kirchen die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche. Vor allem durch ihre lange eigenständige Tradition entwickelten sie einen eigenen Charakter. Der Patriarch als Vorsteher hat seinen Sitz im Danilow-Kloster in Moskau, größter russisch-orthodoxer Kirchenbau ist die Moskauer Christ-Erlöser- Kathedrale. Die Christ-Erlöser-Kathedrale gilt als das zentrale Gotteshaus der Russisch- Orthodoxen Kirche und gehört mit 103 Metern zu den höchsten orthodoxen Sakralbauten weltweit.161 Die Errichtung von Kirchenbauten als Zeichen der Dankbarkeit für historische Siege Russlands war im Zarenreich eine jahrhundertelange Tradition: So wurde beispielsweise die Kasaner Kathedrale am Roten Platz um 1625 anlässlich der Vertreibung der polnisch-litauischen Besatzer errichtet; die ebenfalls am Roten Platz stehende Basilius- Kathedrale ließ Iwan der Schreckliche zum Andenken an seinen Sieg über das Khanat Kasan bauen. Der Innenraum der Kathedrale in Moskau erreicht im Bereich der Hauptkuppel eine Deckenhöhe von 79 m und bietet Platz für bis zu 10.000 Personen. Das Volumen des Innenraumes beträgt etwa 524.000 m³, womit die Erlöserkathedrale als das größte russisch-orthodoxe Kirchenbauwerk weltweit gilt. Das zentrale Element ihrer 161 Schmidt, A. J.: The Architecture and Planning of Classical Moscow. A Cultural History, Philadelphia 1989, S. 178 67 Räumlichkeiten ist der Altar mit einer knapp 27 m hohen Ikonostase, die in Form einer Kapelle ausgeführt ist.162 Deren zentrales Teil ist der Geburt Christi gewidmet, während seitlich davon Ikonen mit Darstellungen des kanonisierten Fürsten Alexander Newski (nördlicher Altar) und des Heiligen Nikolaus von Myra (südlicher Altar) zu sehen sind. Nikolaus von Myra ist einer der bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der lateinischen Kirche. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, wird im gesamten Christentum mit zahlreichen Volksbräuchen begangen.163 Nikolaus wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs, heute der Türkei. Sein Name im Griechischen bedeutet Sieg(reich)er des Volkes.164 Über das Leben des historischen Nikolaus gibt es nur wenige belegte Tatsachen. Myra in Lykien, heute Demre, ist ein kleiner Ort etwa 100 km südwestlich von Antalya in der heutigen Türkei.165 Im 4. Jahrhundert war der Ort Bischofssitz. Berichte über Nikolaus’ Leben stammen z. B. von Andreas von Kreta (um 700) und von einem Mönch Johannes aus dem Studitenkloster in Konstantinopel, das im 5. Jahrhundert gegründet wurde. Nach übereinstimmenden Überlieferungen wurde Nikolaus zwischen 270 und 286 in Patara geboren, einer Stadt in Lykien. Der Überlieferung zufolge wurde er mit 19 Jahren von seinem Onkel Nikolaus, dem Bischof von Myra, zum Priester geweiht und dann Abt des Klosters Sion in der Nähe von Myra. Während der Christenverfolgung 310 wurde er gefangengenommen und gefoltert. Sein ererbtes Vermögen verteilte er unter den Armen. Dies wird auch von den besser bezeugten Bischöfen des 4. Jahrhunderts Ambrosius von Mailand und Basilius von Caesarea berichtet und gilt dort als historische Tatsache.166 Um Nikolaus ranken sich diesbezüglich verschiedene Legenden. 162 Rüthes, M. (Hrsg.): Moskau, Köln 2003, S. 162 163 Mensing, R.: Nikolaus von Myra, Düsseldorf 2007, S. 27 164 Mondschein, H.: Der heilige Nikolaus. Geschichten & Legenden., Leipzig 2004, S. 17 165 Guth, K.: Nikolaus von Myra. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Herzberg 1993, Sp. 915–920.hier 915 166 Mondschein, H.: Der heilige Nikolaus. Geschichten & Legenden., Leipzig 2004, S. 27 68 Der heilige Andreas von Kreta und Johannes vom Studitenkloster berichteten, Nikolaus habe am Konzil von Nicäa teilgenommen und dort seinen Widersacher Arius geohrfeigt.167 Deshalb sei er zuerst verhaftet, gegen Ende des Konzils aber rehabilitiert worden. Nikolaus ist nicht in der Unterzeichner-Liste von Nicäa enthalten, die allerdings unvollständig überliefert ist. Andererseits gehört Bischof Theognis von Nicäa, den Nikolaus laut Andreas beim Konzil von der katholischen Sichtweise überzeugt haben soll, zu den historisch belegten Unterzeichnern. Nach der Evakuierung der Stadt Myra und vor ihrer Eroberung durch seldschukische Truppen 1087 raubten süditalienische Kaufleute die angeblichen Gebeine aus der Grabstätte des Heiligen in der heute noch bestehenden St.-Nikolaus-Kirche in Demre, indem sie den Sarkophag aufbrachen, und überführten die Reliquien ins heimatliche Bari.168 Die Reliquien befinden sich in der eigens errichteten Basilika San Nicola. Die Stadt feiert jedes Jahr zu Ehren des Heiligen vom 7. bis 9. Mai, dem vermutlichen Tag der Ankunft der Reliquien in Bari, ein Fest. Die Statue des heiligen Nikolaus wird in einer Prozession von der Basilika bis zum Hafen, begleitet von über 400 Personen in historischen Kostümen, getragen. Auf einem Boot umrundet man dann damit die Bucht. Die türkische Nikolaus-Stiftung fordert allerdings die Reliquien des Heiligen zurück.169 Nikolaus’ Wirken hat zu vielfältigen Legendenbildungen beigetragen, die im Laufe der Jahrhunderte dazu führten, dass er als einer der wichtigsten Heiligen angesehen wurde.170 Die Legenden basieren allerdings nicht nur auf dem Leben des Bischofs von Myra, sondern auch auf denen eines gleichnamigen Abtes des Klosters Sion bei Myra, der später Bischof in Pinara war und 564 starb. Ein verarmter Mann beabsichtigte, seine drei Töchter zu Prostituierten zu machen, weil er sie mangels Mitgift nicht standesgemäß verheiraten konnte. Nikolaus, noch nicht Bischof und Erbe eines größeren Vermögens, erfuhr von der Notlage und warf in drei aufeinander folgenden Nächten je einen großen Goldklumpen durch das Fenster des Zimmers der drei Jungfrauen. In der dritten Nacht gelang es dem Vater, Nikolaus zu 167 Sartory, G./Sartory, T.: Der Heilige Nikolaus – Die Wahrheit der Legende, Freiburg 1981, S. 77 168 Mezger, W.: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk, Ostfildern 1993, S. 75 169 Meisen, K.: Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande, Düsseldorf 1931, S. 79 170 Hallinger, M.: Der Nikolaus und seine Buttnmandl, Berchtesgaden 2004, S. 15ff 69 entdecken, ihn nach seinem Namen zu fragen und ihm dafür zu danken. Aufgrund dieser Legende wird der Heilige oft mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln als ikonografischem Heiligenattribut dargestellt.171 In Seenot geratene Schiffsleute riefen in ihrer gefährlichen Lage den heiligen Nikolaus an. Ihnen erschien ein mit Wunderkräften ausgestatteter Mann und übernahm die Navigation, setzte die Segel richtig und brachte sogar den Sturm zum Abflauen. Daraufhin verschwand der Mann wieder. Als die Seeleute in der Kirche von Myra zum Dank für ihre Rettung beteten, erkannten sie den Heiligen und dankten ihm. Wegen dieser und ähnlicher Erzählungen wurde Nikolaus zum Patron der Seefahrer. Während einer großen Hungersnot erfuhr der Bischof von Myra, dass ein Schiff im Hafen vor Anker lag, das Getreide für den Kaiser in Byzanz geladen hatte. Er bat die Seeleute, einen Teil des Kornes auszuladen, um in der Not zu helfen. Sie wiesen zuerst die Bitte zurück, da das Korn genau abgewogen beim Kaiser abgeliefert werden müsse. Erst als Nikolaus ihnen versprach, dass sie für ihr Entgegenkommen keinen Schaden nehmen würden, stimmten sie zu. Als sie in der Hauptstadt ankamen, stellten sie verwundert fest, dass sich das Gewicht der Ladung trotz der entnommenen Menge nicht verändert hatte. Das in Myra entnommene Korn aber reichte volle zwei Jahre und darüber hinaus noch für die Aussaat.172 Nikolaus lernte drei oströmische Feldherren kennen, die er zu sich nach Myra einlud.173 Sie wurden Zeugen, wie der Bischof drei unschuldig zum Tod Verurteilte vor der Hinrichtung bewahrte, indem er dem Scharfrichter das Schwert aus der Hand riss. Zurück in Byzanz wurden die drei Feldherren Opfer einer Intrige und selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker erbaten sie die Hilfe des heiligen Nikolaus, der daraufhin dem Kaiser und dem Intriganten im Traum erschien. Zutiefst erschrocken veranlasste der Kaiser die unverzügliche Freilassung der Feldherren. Ein Mann, der den heiligen Nikolaus um Hilfe bitten wollte, dass ihm endlich ein Kind geboren werde, traf den Bischof nicht mehr lebend an, sondern kam gerade noch zur 171 Becker-Huberti, M.: Der heilige Nikolaus. Leben, Legenden und Bräuche, Köln 2005, S. 126 172 Mondschein, H.: Der heilige Nikolaus. Geschichten & Legenden., Leipzig 2004, S. 36f 173 Sartory, G./Sartory, T.: Der Heilige Nikolaus – Die Wahrheit der Legende, Freiburg 1981., S. 89ff 70 Bestattung.174 Er nahm ein Stück des Leinens, auf dem der Heilige lag, als Reliquie mit. Am 6. Dezember des folgenden Jahres bekam das Ehepaar tatsächlich einen Sohn. Das Kind wurde jedoch an seinem siebten Geburtstag von Arabern nach Babylonien entführt. Wiederum genau ein Jahr später wurde das Kind, das seither als Sklave arbeiten musste, von einem Wirbelwind erfasst und genau vor der Nikolauskirche abgesetzt, in der die Eltern für die Rückkehr des Jungen beteten. Nikolaus soll bereits als Säugling so fromm gewesen sein, dass er an den Fastentagen der Woche, mittwochs und freitags, die Brust der Mutter nur einmal nahm. Als er das erste Mal gebadet werden sollte, stand er angeblich bereits aufrecht ohne fremde Hilfe in der Wanne.175 Ein sehr reicher Jude, der von den Wundertaten des Heiligen gehört hatte, ließ sich ein Heiligenbild anfertigen und befahl diesem, während seiner Abwesenheit über seine Schätze zu wachen. Trotzdem wurde seine Habe von Dieben gestohlen.176 Der Jude, verbittert über den Raub, machte dem Bildnis schwere Vorwürfe und strafte es mit Stock- und Peitschenhieben. Der heilige Nikolaus erschien daraufhin den Dieben und kündigte ihnen den Tod am Galgen an, wenn sie die Habe nicht zurückbrächten. Erschrocken gaben die Diebe das gestohlene Gut zurück und berichteten dem Juden von ihrer Erscheinung. Tief beeindruckt ließ sich der Jude taufen. Da in der Umgebung von Myra viele noch immer an die alten römischen Götter glaubten, ließ Nikolaus einen der Diana geweihten Baum umschlagen.177 Erbost über die Zerstörung ihres Heiligtums stellte die Göttin griechisches Feuer her, das sie in Gestalt einer frommen Frau Seeleuten übergab, die zu Schiff nach Myra pilgerten. Sie sollten bei ihrer Ankunft die Wände der Kirche mit dem Öl bestreichen. Nicht wissend, dass griechisches Feuer auf Wasser und Steinen brennt, nahmen die Pilger das Öl mit. Unterwegs kreuzte ein kleines Boot mit Nikolaus an Bord ihren Kurs. Der Heilige warnte die Pilger und forderte sie auf, das Öl ins Meer zu gießen. Sie gehorchten, und plötzlich stand die gesamte Wasseroberfläche in Flammen. Als die Pilger in Myra 174 Becker-Huberti, M.: Der heilige Nikolaus. Leben, Legenden und Bräuche, Köln 2005, S. 76ff 175 Heiser, L.: Nikolaus von Myra. Heiliger der ungeteilten Christenheit, Trier 1978, S. 39 176 Guth, K.: Nikolaus von Myra. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Herzberg 1993, Sp. 915–920, hier S. 918f 177 Mezger, W.: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk, Ostfildern 1993, S. 55ff 71 ankamen, erkannten sie den Mann in dem Boot wieder und dankten ihm für die Errettung. In der orthodoxen Kirche ist die Verehrung seit dem 6. Jahrhundert belegt, als Kaiser Justinian um 550 in Konstantinopel eine dem Nikolaus geweihte Kirche errichtete.178 In der Russisch-Orthodoxen Kirche ist Nikolaus neben Christus und Maria mit Kind die dritte große Ikone auf der Ikonostase der Gotteshäuser gewidmet. Andere orthodoxe Kirchen zeigen dort meist Johannes den Täufer. Auch bei den Serben wird der Nikoljdan am 19. Dezember gefeiert.179 Die Russisch-Orthodoxe Kirche feiert neben dem Hauptfest am 6. Dezember am 9. Mai auch die Reliquientranslation nach Bari und gedenkt am 29. Juli in der Liturgie der Geburt des Heiligen.180 Insgesamt nehmen die Fresken im Inneren der Christ-Erlöser-Kathedrale eine Fläche von gut 22.000 m² ein. Beim Originalbau wurden sie von über 30 berühmten russischen Malern des 19.Jahrhunderts geschaffen, darunter Wassili Surikow, Iwan Kramskoi, Wassili Wereschtschagin, Henryk Siemiradzki oder Jewgraf Sorokin. 181 Auch die wiedererrichtete Kathedrale wurde in Anlehnung an das Original in ihrem Inneren sehr aufwändig bemalt, wobei alle Motive den Figuren aus dem Alten und dem Neuen Testament sowie den in der Russisch-Orthodoxen Kirche verehrten Heiligen gewidmet sind. Das mit bis zu 16 m Durchmesser größte Fresko befindet sich direkt unter der Hauptkuppel und stellt die Dreifaltigkeit des Neuen Testaments dar. Alle Fresken, die heute das Innere schmücken, wurden von 1997 bis 2000 unter der Leitung der Russischen Kunstakademie und ihres Präsidenten, des georgisch-russischen Bildhauers Surab Zereteli, erschaffen. 178 Bucheli Berger, C./ Landolt, C.: Dialekt und Konfession in der Deutschschweiz, in: Frieben, E. u.a.(Hrsg.): Dialekt und Religion. Beiträge zum 5. dialektologischen Symposium im Bayerischen Wald, Walderbach, Juni 2012, Regensburg 2014, S. 73–94, hier S. 77ff 179 Mensing, R.: Nikolaus von Myra, Düsseldorf 2007, S. 89 180 Sartory, G./Sartory, T.: Der Heilige Nikolaus – Die Wahrheit der Legende, Freiburg 1981, S. 39 181 Schmidt, A. J.: The Architecture and Planning of Classical Moscow. A Cultural History, Philadelphia 1989, S. 189 72 Zum architektonischen Komplex der Christ-Erlöser-Kathedrale gehört auch die Christi- Verklärungskirche, die im August 1996 zum Andenken an das bis 1839 an dieser Stelle bestehende Frauenkloster errichtet wurde.182 Diese Kirche wurde beim Neubau der Kathedrale vollständig in das Gebäude eingeschlossen und befindet sich heute im Kellergeschoss. Sie ist einer der wenigen Bestandteile des Tempels, die es beim Originalbau in der Form nicht gab. Neben der Verklärungskirche befindet sich in den Kellerräumen ein Museum, das Besucher über die Geschichte der Kathedrale, ihre Errichtung, Zerstörung und den Wiederaufbau informiert und für Besuchergruppen Führungen durch das Gebäude und zu den Glockentürmen bietet. Im Museum sind auch Teile der Originalfresken zu besichtigen, welche die Innenwände vor ihrem Abriss 1931 schmückten. Darüber hinaus beherbergt das Kellergeschoss eine Tagungshalle der Russisch-Orthodoxen Synode, eine Veranstaltungshalle, mehrere Festtagsspeisesäle sowie Versorgungs- und Diensträume. Bereits bei ihrer ersten Fertigstellung im Jahr 1883 galt die Christ-Erlöser-Kathedrale als Zentrum des religiösen Lebens in Russland.183 Auch nach ihrer Wiedererrichtung übernahm sie die Rolle des zentralen Gotteshauses der Russisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Vorsteher ist immer der Patriarch von Moskau und ganz Russland. Zu allen wichtigen orthodoxen Festen leitet er dort feierliche Gottesdienste, denen auch ranghohe russische Politiker beiwohnen. Außerdem werden regelmäßige Gottesdienste samstags ab 17 Uhr sowie sonntags ab 10 Uhr gefeiert. Entstanden ist die Russisch-Orthodoxe Kirche, als Großfürst Wladimir I., Herrscher der Kiewer Rus, 988 die Taufe empfing und seine Untertanen taufen ließ.184 Wladimir war ein Sohn von Großfürst Swjatoslaw I. von Kiew und von Maluscha, einer Dienerin der Fürstin Olga. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, wahrscheinlich um 960. Nach dem Tod des Vaters 971 wurde Wladimir Fürst von Nowgorod, dem 182 Knackstedt, W.: Moskau. Studien zur Geschichte einer mittelalterlichen Stadt, Stuttgart 1998, S. 156 183 Schmidt, A. J.: The Architecture and Planning of Classical Moscow. A Cultural History, Philadelphia 1989, S. 177 184 Donnert, E.: Das Kiewer Russland – Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. 1. Auflage, Leipzig u. a. 1983, S. 133 73 zweitwichtigsten Zentrum der Rus, trotz seiner nicht standesgemäßen Herkunft. Sein Onkel Dobrynja unterstützte ihn als Woiwode.185 977 brach ein Streit zwischen seinen Halbbrüdern Oleg und Jaropolk I. aus. Jaropolk ermordete Oleg und eroberte Nowgorod. Wladimir floh nach Norwegen zu Håkon Jarl. Er kehrte mit einem Warägerheer zurück und eroberte Nowgorod zurück. Danach eroberte er Polozk, tötete den dortigen Fürsten Rogwolod und nahm dessen Tochter Rogneda zur Frau. Kampflos fiel ihm die Hauptstadt Kiew in die Hand. Darauf lud er seinen Halbbruder Jaropolk zu Verhandlungen ein und ließ ihn umbringen, wodurch er zum Alleinherrscher der Kiewer Rus wurde.186 Seine Macht festigte Wladimir durch weitere Feldzüge. 981 eroberte er die Burg Tscherwen und das Tscherwener Burgenland. An den südlichen Grenzen seines Landes ließ er „Hilfsvölker“ ansiedeln, welche das Reich schützten (so beispielsweise die turkstämmigen Torki und Berendei). Weitere Feldzüge führte er gegen Wjatitschen, Radimitschen, die baltischen Jatwinger und Aestier, die Wolgabulgaren und die Petschenegen. Insgesamt vergrößerte er die Rus durch die Unterwerfung der verschiedenen benachbarten Völker so, dass es bereits unter ihm vom Dnepr bis zum Ladogasee und bis an die Düna reichte.187 Das wichtigste Ereignis der Regierungszeit Wladimirs war die Christianisierung der Kiewer Rus im Jahre 988 anlässlich seiner Vermählung mit Prinzessin Anna von Byzanz, Tochter des byzantinischen Kaisers Romanos II. Dafür erhielt er auch den Beinamen der Heilige und wurde nach seinem Tod in den Stand eines Heiligen der orthodoxen Kirche erhoben. Vor seiner eigenen Taufe im Jahre 987 beschreibt ihn die Heiligenlegende als Wüstling mit sieben Hauptfrauen und 800 Mätressen. Er ließ überall Götzenbilder aufstellen und war ein eifriger Anhänger des Heidentums. Zum christlichen Glauben brachte ihn der Überlieferung zufolge die Vernunft. Angeblich ließ er sich von allen Religionen Gelehrte schicken, und er wählte die beste aus. 185 Nicolle, D. Angus McBride: Armies of medieval Russia. 750–1250, Oxford 2001, S. 58f 186 Janet Martin: Medieval Russia. 980–1584, Cambridge u. a. 2007, S. 69f 187 Simon Franklin, Jonathan Shepard: The Emergence of Rus. 750–1200, London u. a. 1998, S. 176 74 Tatsächlich war Wladimirs Taufe aber ein diplomatischer Schachzug:188 Ziel war die Verbindung mit dem byzantinischen Kaiserhaus. Kaiser Basileios II. benötigte Hilfe gegen die Bulgaren, die gemeinsamen Feinde Wladimirs und des oströmischen Kaisers. Wladimir schickte ein Heer von 6000 Rus nach Konstantinopel. Außerdem übte er durch Angriffe auf das byzantinische Chersones auf der Krim Druck auf den Kaiser aus. Schließlich willigte dieser ein: Wenn sich Wladimir taufen ließe, so würde Basileios II. ihm für die militärische Unterstützung seine Schwester Anna zur Frau geben. So geschah es, und Wladimir I. bekam als erster europäischer Herrscher eine Purpurgeborene zur Frau. Die Taufe des Knjasen wurde in Kiew als großer Akt zelebriert: Nach dem Niederreißen der heidnischen Götterbilder fand eine Massentaufe im Dnepr statt. Offenen Widerstand gegen die Christianisierung scheint es nicht gegeben zu haben, obgleich sich das Heidentum vor allem in ländlichen Gebieten lange halten konnte. Die Kirche begann dennoch schnell mit dem Aufbau eines Netzes von Kirchen und Klöstern, das erheblich zur Festigung des Kiewer Reiches beitrug. Darüber hinaus entwickelte sich die Region durch den neuen Glauben auch kulturell weiter. Die Orthodoxie hatte damit endgültig eine dominierende Stellung in der Rus erreicht. Zugleich war Wladimir durch die Annahme des Christentums und die Eheverbindung mit dem byzantinischen Kaiserhaus zu einer Figur von diplomatischer Bedeutung geworden. Im Zusammenhang mit der Christianisierung übernahm man, nicht nur im kirchlichen Alltag, jedoch die altbulgarische bzw. altkirchenslawische Schriftsprache, was zum ersten südslawischen Einfluss führte.189 Solcherart abgesichert trieb er den inneren Ausbau seines Territoriums voran. In neuen Burgstädten entlang der Dnjepr-Nebenflüsse siedelte er Ilmenslawen (Slowenen), Kriwitschen, Wjatitschen und Tschuden an, die die Angriffe der Petschenegen abwehren sollten. Die Verwaltung der einzelnen Regionen der Kiewer Rus vertraute er seinen zwölf Söhnen an. Allerdings schwächte diese faktische Teilung das Reich. Ein erster schwerer Konflikt brach noch zu Wladimirs Lebzeiten um die reiche Handelsstadt Nowgorod aus. Der (nach dem Tod seines älteren Bruders Wyscheslaw) designierte Thronfolger Jaroslaw erhielt diese nach Kiew wichtigste Stadt. Im Jahre 1014 weigerte 188 Donnert, E.: Das Kiewer Russland – Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. 1. Auflage, Leipzig u. a. 1983, S. 135 189 Janet Martin: Medieval Russia. 980–1584, Cambridge u. a. 2007, S. 89 75 sich Jaroslaw, seinem Vater den Tribut zu zahlen. Zu einem Feldzug Wladimirs gegen seinen Sohn kam es nicht mehr, weil Wladimir am 15. Juli 1015 starb. Die Annahme des griechisch-orthodoxen Christentums in Dogma, Kultus, Kirchenlehre, Kirchenrecht und Verfassung prägte die Kultur der Ostslawen in vielfältiger Weise.190 Die herrschaftsstützende Lehre der Russisch-Orthodoxen Kirche, dass alle Obrigkeit von Gott komme, festigte die Stellung des Fürsten von Kiew erheblich. Durch die Annahme des Glaubens steigerte sich das Prestige der Kiewer Fürsten, wodurch das Kiewer Reich Ebenbürtigkeit mit den anderen christlichen Völkern erhielt. Besonders während der Tatarenherrschaft wurde das Zusammenwachsen der russischen Fürstentümer unter Moskauer Führung durch den einigenden Glauben vorangetrieben. Gleichzeitig grenzte sich das Kiewer Reich durch die Annahme des Christentums griechisch-orthodoxer Glaubensrichtung vom lateinisch geprägten Abendland ab. Die Kirche Kiews wurde als Teilkirche des Patriarchates von Konstantinopel zunächst von Exarchen verwaltet, was keine Auswirkungen auf die politische Selbständigkeit der Kiewer Großfürsten hatte. Die ersten Metropoliten kamen noch aus Griechenland und Bulgarien. Metropolitensitz war als erstes Kiew, ab 1326 auf Wunsch des Metropoliten Peter Moskau. Der letzte griechische Metropolit war Isidor von Kiew, der 1441 wegen seiner Zustimmung zur Kirchenunion von Florenz vom Moskauer Großfürsten Wassili II. abgesetzt wurde.191 Am 15. Dezember 1448, fünf Jahre vor dem Fall des bereits zunehmend handlungsunfähigen Konstantinopel, wählte die Synode der russischen Bischöfe ohne voriges Einverständnis des Patriarchen von Konstantinopel Bischof Iona von Rjasan zum „Metropoliten von Kiew und ganz Russland“, was eine faktische Trennung von der byzantinischen Mutterkirche bedeutete.192 Im Januar 1589 schlug eine Moskauer Kirchensynode dem Zaren Fjodor I. drei Kandidaten für die Besetzung des neu errichteten Patriarchats in Moskau vor. Der Zar wählte den bisherigen Moskauer Metropoliten Iov. Eine ökumenische Synode in Konstantinopel unter Beteiligung aller 190 Nicolle, D. Angus McBride: Armies of medieval Russia. 750–1250, Oxford 2001, S. 106 191 Donnert, E.: Das Kiewer Russland – Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. 1. Auflage, Leipzig u. a. 1983, S. 165 192 Nicolle, D. Angus McBride: Armies of medieval Russia. 750–1250, Oxford 2001, S. 177 76 Patriarchen der Ostkirche bestätigte 1590 die Errichtung des neuen Patriarchats in Moskau und wies ihm – nach Jerusalem – den fünften Rang zu. Aufgrund seiner vielen Kirchen und Klöster und seiner Bedeutung für die orthodoxe Christenheit war Kiew seit dem Mittelalter als Jerusalem des Nordens bezeichnet worden, oder auch Jerusalem des Ostens. Ferner wird Kiew aufgrund seiner geschichtlichen Rolle als Mutter aller russischen Städte bezeichnet.193 1652 initiierte der damalige Patriarch Nikon die erste Reform des russischen Ritus. Es wurde behauptet, der russische Ritus wäre – wegen Fehlern beim Kopieren der Kirchenbücher – abgewichen vom griechischen Urtext und Ritus. Dieser Standpunkt diente für Nikon und seine Anhänger als Rechtfertigung, Kirchenreformen durchzuführen. Diejenigen, die die Rechtmäßigkeit dieser Revisionen bestritten, wurden auf dem Konzil von 1666 bis 1667 mit dem Anathema belegt. Diese Ereignisse haben zu einem Schisma geführt, und seitdem existieren die Altorthodoxen (auch Altritualisten oder Altgläubigen genannt) getrennt von der Großkirche. Gegner dieser Kirchenreformen wurden verfolgt, und Zehntausende wurden hingerichtet. Altorthodoxe ist eine Sammelbezeichnung für religiöse Strömungen und Gruppen innerhalb der russisch-orthodoxen Tradition, die sich ab etwa 1666 und 1667 von der russischen orthodoxen Großkirche lösten und schließlich völlig von ihr getrennt wurden.194 Die Altgläubigen wandten sich gegen die Reformen des Patriarchen Nikon, der ab 1652 Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste reformierte, um sie griechisch-byzantinischen, südslawischen und den im Bereich der heutigen Ukraine gebräuchlichen Texten und Riten anzugleichen. Der Protest dagegen verband sich mit einer in gewissen Kreisen bestehenden Vorstellung vom bevorstehenden Ende der Welt und der Herrschaft des Antichristen. So wurden die orthodoxe Amtskirche und der mit dieser verbundene Staat in der Folgezeit von den meist radikalen Elementen der Altgläubigen mit der Herrschaft des Antichristen gleichgesetzt. Im zaristischen Russland verfolgt, siedelten die Altgläubigen sich vor allem in den jeweiligen Randbereichen des russischen Imperiums oder im Ausland an und bildeten eine Vielzahl von Untergruppen; die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale sind altorthodoxe Gemeinden mit Priestern (Popowzen) und solche ohne Priester (Bespopowzen). Die Altgläubigen sind heute durch zwei Kirchen mit bischöflich- 193 Janet Martin: Medieval Russia. 980–1584, Cambridge u. a. 2007, S. 166 194 Hauptmann, P.: Rußlands Altgläubige, Göttingen 2005, S. 35 77 priesterlicher Struktur sowie einer Kirche der Priesterlosen in Russland vertreten, dazu kommen zahlreiche Gemeinden im Ausland. Im russischen enzyklopädischen Sprachgebrauch werden die Altgläubigen als Altritualisten bezeichnet, eine andere Bezeichnung ist Altorthodoxe.195 Lange Zeit wurden die Altgläubigen im eigenen Land von der Großkirche (später: Amtskirche) und Regierung abwertend Raskolniki („Abspalter“) genannt. Sie betrachten sich selbst nicht als „Abspalter“, sondern als Bewahrer ursprünglicher russisch-orthodoxer Tradition gegenüber häretischen Entwicklungen in der Großkirche. Diese Ereignisse führten zu einem Schisma.196 Seitdem existieren die Altgläubigen getrennt von der Großkirche. Gegner dieser Kirchenreformen wurden verfolgt, und Zehntausende wurden hingerichtet. Um der Verfolgung durch die Behörden zu entgehen, zogen sich die Altgläubigen oft in abgelegene Gegenden des Russischen Reiches oder ins Ausland zurück und bildeten dort eigene Gemeinwesen. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen die Verfolgungen ab, es blieben jedoch viele diskriminierende Gesetze. So hatten die Altgläubigen nach wie vor keine Bürgerrechte. 1905 wurde die Lage der Altgläubigen legal. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten Wissenschaftler der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften fest, dass der altrussische Ritus tatsächlich nicht von dem altbyzantinischen Ritus abwich, sondern dass sich der griechische Ritus unter Einfluss verschiedener Faktoren im 13. und 14. Jahrhundert allmählich geändert hatte. Dieser Prozess erklärte den Unterschied zwischen dem russischen und griechischen Ritus Mitte des 17. Jahrhunderts. 1971 hob die Großkirche vom Patriarchat Moskau den Bann über den altrussischen Ritus auf. Der bekannteste Vertreter und einer der Begründer des Altgläubigentums ist der Protopope Awwakum, dessen Autobiographie ein bedeutendes Zeugnis der russischen Literatur des 17. Jahrhunderts darstellt.197 Besonders in der Vergangenheit wurde die Position der Altgläubigen nicht selten als ein starrer, fanatischer Glaube an Rituale dargestellt, der ein bedeutungsloses Leiden Zehntausender zur Folge hatte. Es wurde behauptet, die Reformen beträfen nur 195 Hauptmann, P.: Altrussischer Glaube. Der Kampf des Protopopen Avvakum gegen die Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1963, S. 78 196 Hauptmann, P.: Rußlands Altgläubige, Göttingen 2005, S. 55ff 197 Hauptmann, P.: Altrussischer Glaube. Der Kampf des Protopopen Avvakum gegen die Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1963 78 äußerliche, rituelle Aspekte und die Altgläubigen seien nicht in der Lage, Nebensächlichkeiten von Hauptsachen zu unterscheiden. Von den Altgläubigen wurde dagegen eingewendet, dass die Glaubensinhalte nicht von der Form zu trennen seien. Viele Gläubige waren damals der Meinung, dass mit dem Verfluchen des alten Ritus und der alten Texte Glaubenswahrheiten angetastet wurden, die seit den ersten Jahrhunderten in bestimmte Rituale gekleidet waren und somit der Glaube in seinem Wesen angetastet wurde. Zur Erhaltung eines Mikroklimas, in dem der Mensch seine Seele retten kann, sei nicht nur das Befolgen der Gebote Christi erforderlich, sondern auch eine sorgfältige Bewahrung der kirchlichen Überlieferung, die geistige Kräfte und spirituelle Erfahrung vieler Jahrhunderten in sich trägt, deren Formen zwar äußerlich, aber nicht willkürlich oder akzidentell seien.198 Innerhalb der Altgläubigen gab es zuerst die prinzipielle Spaltung zwischen den Priesterlichen und den Priesterlosen. Die Priesterlichen Altgläubigen stellten die konservative und gemäßigte Opposition dar, sie strebten nach einer Fortsetzung des kirchlichen Lebens, wie es bis zu den Reformen existiert hatte. Sie akzeptierten Priester aus der Amtskirche, die sich ihnen anschließen wollten, und waren so in der Lage, Priester für sich zu erwerben und damit die Sakramente zu behalten. Die Kirchen der priesterlichen Altgläubigen weichen in theologischer Hinsicht nicht vom orthodoxen Glauben ab. Die Theologie der Priesterlosen ist von einer antiklerikalen und apokalyptischen Stimmung gekennzeichnet. Die Priesterlosen behaupten, der Antichrist sei schon in die Welt gekommen, zwar nicht leiblich, aber „im Geiste“, und die wahrhafte Kirche existiere nicht mehr auf Erden. Sie glauben deshalb, es gebe auch kein gültiges Priestertum mehr, und feiern daher keine Eucharistie mehr. Sie lehnen die orthodoxe Amtskirche und den mit ihr verbundenen Staat ab, weil auch diese als Instrumente des Antichristen betrachtet werden. Von Interesse zur Kenntnis der Altgläubigen sind die Erzählungen von Nikolai Leskow.199 Reiches, obwohl nicht immer objektives, Material zu den Altgläubigen findet sich in den Romanen In den Wäldern (1871–1875) und In den Bergen ( 1875– 198 Hauptmann, P.: Rußlands Altgläubige, Göttingen 2005, S. 89 199 Hauptmann, P.: Altrussischer Glaube. Der Kampf des Protopopen Avvakum gegen die Kirchenreformen des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1963, S. 165 79 1881) von Pawel Iwanowitsch Melnikow (1818–1883). Melnikow, der als Beamter einen Teil seines Lebens die Altgläubigen verfolgte, sah in diesen Romanen in ihrer Glaubensgemeinschaft die Verkörperung der Religiosität des russischen Volkes und die Rettung vor nihilistischer Glaubenslosigkeit. Das Buch Die Vergessenen der Taiga von Wassili Peskow beschreibt die Geschichte der altgläubigen Familie Lykow im einsamen Sajangebirge, wo die Familie in der Sowjetepoche von 1945 bis 1978 völlig isoliert von der Außenwelt lebte. Noch 2012 lebt Agafja Lykowa einsam in ihrer Holzhütte am Abakan. Bereits 1721, 132 Jahre nach Gründung des Patriarchats, wurde der Patriarch unter dem westlich denkenden Zaren Peter I. nach deutsch-lutherischem Vorbild durch einen Heiligen Synod ersetzt, der weltlicher Kontrolle unterstand. Die Folge war eine immer stärkere Verweltlichung der Kirche und ihre Verquickung mit dem russischen Establishment; als Sprecherin der Armen und Unterdrückten fiel sie damit weitgehend aus.200 Nach der ersten russischen Revolution 1905 entstanden in der Kirche allmählich weitreichende Reformbestrebungen. Daraufhin wurde 1917 das Patriarchat wieder eingeführt und mit dem zuvor lange in den USA lebenden Erzbischof Tichon besetzt, der als modern und tatkräftig galt; 1918 wurde die Trennung von Kirche und Staat in Russland vollzogen. Die meisten weiteren geplanten Reformen fanden wegen der einsetzenden Verfolgung nicht mehr statt, die damaligen Pläne werden aber teilweise seit dem Ende der Sowjetunion vorsichtig wieder aufgegriffen.201 Nach der Oktoberrevolution von 1917 war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat gespannt. Die Bolschewiki betrieben besonders in den frühen Jahren der Sowjetunion massive Christenverfolgungen, unter Lenin und Stalin gab es Massenhinrichtungen und Deportationen in den Gulag.202 Im Vergleich zur Zeit vor 1917, als es 54.174 Kirchen, etwa 26.000 Kapellen und 1.025 Klöster gab, blieben 1936 nur etwa 100 Kirchen, in denen noch regelmäßig die Liturgie gelesen wurde („arbeitende Kirchen“), und kein einziges Kloster. Tausende kirchlicher Gebäude fielen einer Art Bildersturm zum Opfer, 200 Losehand, J.: Symphonie der Mächte. Kirche und Staat in Rußland (1689–1917), Herne 2007, S. 49 201 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 38 202 Benz, E.: Geist und Leben der Ostkirche, Hamburg 1957, S. 179 80 indem man sie abriss oder profan umfunktionierte. Diese Entwicklung wurde erst abgeschwächt durch die Einverleibung ostpolnischer Gebiete infolge des deutschsowjetischen Nichtangriffspakts von 1939. Die UdSSR war territorial kleiner als das Zarenreich. In den Randgebieten zur Sowjetunion, aber auch in anderen Teilen der Welt gab es zahlreiche Gemeinden, auch solche, die sich aus Flüchtlingen nach der Revolution bildeten. 1920 erfolgte die Bildung einer auslandsrussischen Kirchenleitung, der etwa 1.000 Gemeinden und 24 Klöster unterstanden. Ein deutlicher Schwenk trat erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion ein, sodass sich ab 1941 das Glaubensleben erneut entfaltete. Das gläubige Volk eröffnete etwa 10.000 Kirchen wieder, ohne von den deutschen Besatzern daran gehindert zu werden. Stalin reagierte darauf positiv auch mit Hinblick auf die politische Perspektive des Nahen Ostens und Osteuropas. Am 4. September 1943 führten drei hochrangige Bischöfe ein nächtliches Gespräch mit Stalin, bald danach wurde der Patriarchatsverweser Metropolit Sergius (Stragorodskij) zum Patriarchen gewählt. Dabei festigten Solidaritätserklärungen von Bischöfen gegenüber dem angegriffenen Vaterland und seiner kommunistischen Führung die Reputation der Kirche. Nachdem Metropolit Sergius zu Spenden für die Finanzierung einer Panzerkolonne aufgerufen hatte, wurde diese Einheit 1944 in die Rote Armee eingegliedert. Im Januar 1945 wurde Alexij I. zum Patriarchen gewählt.203 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche wieder eingeschränkt geduldet, stand aber unter strenger staatlicher Kontrolle und hatte stets mit Unterdrückungsmaßnahmen zu rechnen. Die kommunistische Führung in Moskau setzte die Kirchenleitung im Sinne eigener außenpolitischer Interessen ein, erst anti- ökumenistisch (Konzil 1948), ab 1961 im Weltkirchenrat pro-ökumenistisch. Im In- und Ausland befanden sich die Kirche und vor allem ihre offizielle Leitung in einer ambivalenten Situation. Den Verfolgungen unter Chruschtschow Anfang der 1960er Jahre folgte weitere Bedrängnis in der Breschnew-Ära. Die Zahl der Kirchen nahm von etwa 14.000 im Jahre 1948 wieder stetig ab, auf 6.794 im Jahre 1987. Die selbstverwaltete Russisch-Orthodoxe Auslandskirche, betrachtete sich weiterhin als unabtrennbaren Teil der russischen Gesamtkirche, sah sich aber gezwungen, die von der 203 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 92 81 Kirchenleitung in Moskau herausgegebene „Loyalitätserklärung“ 1927 zurückzuweisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gemeinden im kommunistischen Machtbereich (Osteuropa, Ostdeutschland) in das Moskauer Patriarchat eingegliedert. Gleichzeitig bildeten sich in anderen Ländern – vor allem in Deutschland, USA, Südamerika, Australien – etwa 400 neue Flüchtlings-Gemeinden.204 Nach der Anerkennung Israels durch die Sowjetunion 1948 wurde russisch-orthodoxes Kircheneigentum durch den Staat Israel an den Sowjetstaat übergeben. Mönche und Nonnen flohen nach Jordanien, kamen aber auch nach England. Am 27. Januar 1964 verkaufte die Sowjetunion das in Israel befindliche Eigentum der Russisch-Orthodoxen Kirche im Umfang von 4,5 Mio. US-Dollar an Israel. In Russland war ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Staat bereits im Zuge der Vorbereitungen zur 1000-Jahr-Feier der Taufe Russlands im Jahr 1988 deutlich geworden, um dann mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 neu geschrieben zu werden. Auf dem Moskauer Konzil vom Jahre 2000 wurde die Heiligsprechung von Neumärtyrern, die zum offiziellen Moskauer Patriarchat in Opposition gestanden hatten, vorgenommen.205 Beide Seiten unternahmen Schritte zur Annäherung, zunächst durch zwei historische Konferenzen, 2001 in Szentendre/Ungarn und 2002 in Moskau. 2004 kam es zur Einsetzung von Dialog-Kommissionen, deren Arbeit von den Konzilien beider Teile der russischen Kirche angenommen wurden, so dass im „Akt der kanonischen Gemeinschaft“ die durch die Sowjetzeit bedingte Trennung am 17. Mai 2007 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, in Gegenwart des New Yorker Metropoliten Laurus (Lawr, Laurus Schkurla) und des Patriarchen Alexius II. und im Beisein von Russlands Präsident Wladimir Putin, offiziell für beendet erklärt wurde. Das Landeskonzil von 1991 wählte Alexius II. zum Patriarchen der russischen orthodoxen Kirche. Nach dessen Tod am 5. Dezember 2008 wurde Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad am 6. Dezember 2008 als übergangsweiser Statthalter („locum tenens“) des Patriarchenamtes für eine Amtszeit von maximal sechs Monaten gewählt. Am 27. Januar 2009 wurde Kyrill von Smolensk und Kaliningrad zum neuen 204 Benz, E.: Geist und Leben der Ostkirche, Hamburg 1957, S. 212 205 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 102 82 Patriarchen der russischen orthodoxen Kirche gewählt. Seit dem Niedergang der Sowjetunion erlebt die Russisch-Orthodoxe Kirche eine Renaissance. Heute hat sie wieder etwa 150 Millionen Mitglieder und hat mit dem Wiederaufbau und Neubau mehrerer großer Kathedralen begonnen. Hierzu gehört beispielsweise die Kaliningrader Christ-Erlöser-Kathedrale.206 Eines der bekanntesten russisch-orthodoxen Klöster ist das seit 1993 als Weltkulturerbe ausgezeichnete Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad. Das Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius oder auch das Troice-Sergiev- Kloster ist ein russisch-orthodoxes Männerkloster in der rund 70 km nordöstlich von Moskau gelegenen Stadt Sergijew Possad (von 1930 bis 1991 Sagorsk).207 Es wurde um 1340 vom Heiligen Sergius von Radonesch gegründet und gilt seit Jahrhunderten als eines der bedeutendsten religiösen Zentren der russisch-orthodoxen Kirche. Das vom 15. bis 18. Jahrhundert entstandene architektonische Ensemble des Klosters gehört seit 1993 zum UNESCO-Welterbe. Der volle Name des Klosters geht zurück auf den Gründer des Stiftes, den in der Russisch-Orthodoxen Kirche vielfach verehrten Heiligen Sergius von Radonesch, der mit bürgerlichem Namen Bartholomäus hieß. Er war der jüngere Sohn eines Rostower Bojaren, der mit seiner Familie nach Radonesch gezogen war, eine etwa 15 km von der heutigen Stadt Sergijew Possad entfernte Ortschaft, die Sergius später seinen geistlichen Namen gab. Wie aus der Lebensbeschreibung (Schitije) des Sergius von Radonesch hervorgeht, die von seinem späteren Schüler Epiphanius dem Weisen verfasst wurde, war Sergius nahezu von Kindheit an ein frommer Gläubiger, der ein Einsiedlerleben anstrebte. Nach dem Tod seiner Eltern setzte er diesen Wunsch nun in die Tat um: Zusammen mit seinem älteren Bruder Stefan ging er in die Wälder, die Radonesch umgaben, und begann an einem damals abgelegenen und von dem Flüsschen Kontschura umspülten Hügel ein Stift aufzubauen – zunächst nur aus einer schlichten Holzkirche und einer Klause bestehend. Die Kirche ließ Sergius auf die Heilige Dreifaltigkeit weihen, was später auch dem Kloster seinen Namen gab. 206 Benz, E.: Geist und Leben der Ostkirche, Hamburg 1957, S. 214 207 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 132 83 Das genaue Datum, wann die Gründung des Stiftes durch Sergius erfolgte, ist nicht mehr überliefert, es muss jedoch ungefähr zwischen 1340 und 1345 geschehen sein.208 Während Sergius im kargen und entbehrungsreichen Einsiedlerleben eine Erfüllung fand, hielt Stefan dem nicht länger stand und zog in das (heute nicht mehr existente) Moskauer Epiphanien-Kloster fort. Nach einigen Monaten kamen jedoch weitere Mönche, die ebenfalls Abgeschiedenheit suchten, im Sergius’ Stift an. Allmählich bildete sich aus der kleinen Einsiedelei ein Kloster, dessen Vorsteher Sergius wurde. Als charismatische Persönlichkeit, die mit ihrem Fleiß, ihrer Enthaltsamkeit und Frömmigkeit den anderen Einsiedlern ein großes Vorbild war, erlangte Sergius von Radonesch bald eine weitläufige Bekanntheit, die immer mehr Mönche ins Dreifaltigkeitskloster zog und dem Stift auch die ersten Spenden brachte. Hinzu kam – wie die Lebensgeschichte des Ehrwürdigen Sergius von Radonesch schildert – eine Reihe von Wundern und Prophezeiungen, die den Einsiedlern die künftige Verwandlung ihres Stiftes zu einem der angesehensten und reichsten Klöster Russlands verhießen. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, also noch zu Lebzeiten des Ehrwürdigen Sergius, hatte dieser im geistlichen und auch im weltlichen Leben Russlands bereits einen beträchtlichen Einfluss gehabt. Unter anderem setzte er sich vielfach für die Aussöhnung der bislang verfeindeten russischen Fürstentümer und ihren Anschluss an das Moskauer Großfürstentum ein. Im Jahr 1380 erteilte Sergius dem Großfürsten Dmitri Donskoi seinen Segen für die bevorstehende Schlacht gegen die Mongolen am Kulikowo Pole und prophezeite ihm den Sieg, der dann auch tatsächlich erlangt wurde. Das überaus hohe Ansehen Sergius’ in russischen Landen verhalf auch seinem Stift, vor allem durch zahlreiche Spenden aus verschiedenen Bevölkerungsschichten, zu Wohlstand und Ruhm. Nach Sergius’ Tod und besonders nach seiner 1422 erfolgten Heiligsprechung wandelte sich das Stift zunehmend zu einer Pilgerstätte. Diese wurde von Gläubigen, welche die Befreiung Russlands von der jahrhundertelangen mongolisch-tatarischen Invasion vielfach als vom Ehrwürdigen Sergius vollzogenes Wunder sahen, als ein Symbol für den Patriotismus und den russischen Seelenreichtum in einer besonderen Weise verehrt. 208 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 42 84 Trotz des Wohlstandes des Dreifaltigkeitsklosters – oder auch gerade deswegen – sollte es noch bis ins 17. Jahrhundert hinein schwierige Zeiten erleben.209 Da sämtliche Klosterbauten ursprünglich aus Holz errichtet worden waren, wie es im damaligen Russland üblich war, und die Anlage anfangs kaum befestigt war, wurde sie nicht nur mehrfach von Bränden heimgesucht, sondern stellte auch ein leichtes Angriffsziel dar. So wurde das Kloster 1408 bei einem tatarischen Überfall vollständig verwüstet. Dank der unvermindert fließenden Spenden, die neben Geld auch zahlreiche Landübereignungen sowie Schenkungen wertvoller Kunstwerke beinhalteten, konnte die Anlage jedoch bald wiederaufgebaut werden, wobei dort ab jener Zeit auch die ersten steinernen Bauwerke entstanden. Dazu ist vor allem das älteste bis heute erhaltene Gebäude des Klosters zu zählen – die 1422 eingeweihte Dreifaltigkeitskathedrale, die über dem Grabmal des Ehrwürdigen Sergius erbaut wurde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts genoss das Kloster in Russland bereits einen so hohen Stellenwert, dass auch Zaren und deren Angehörige dorthin pilgerten und oft auch Rat bei den Vorstehern des Klosters suchten. Bekannt ist beispielsweise, dass Iwan IV. der Schreckliche seinerzeit in der Dreifaltigkeitskathedrale getauft wurde. Ein weiteres bekanntes Bauwerk, das im 16. Jahrhundert innerhalb der Klostermauern erbaut wurde, ist die 1548 errichtete und 1623 umgebaute Nikon-Kirche, die über der Grabstätte des Klostervorstehers Nikon, des unmittelbaren Nachfolgers des Ehrwürdigen Sergius, aufgestellt wurde.210 Ebenfalls wurde in den 1550er-Jahren die Befestigungsanlage des Klosters rundum erneuert und eine neue, 1284 Meter lange steinerne Schutzmauer mit 11 Wehrtürmen rund um das Gelände an Stelle des bisherigen Holzzauns errichtet. Noch Mitte des 16. Jahrhunderts stellte das Dreifaltigkeitskloster aufgrund seiner Lage nahe der damaligen nordöstlichen Grenzen Moskowiens einen der Vorposten Moskaus im Falle von Angriffen aus östlicher Richtung.211 Die in den 1550er-Jahren durchgeführte Befestigung war daher ebenfalls durch den im Moskauer Kreml residierenden Iwan den Schrecklichen veranlasst worden, der für diesen Zweck denn auch großzügig gespendet hatte. Zu einem ernsthaften Verteidigungsfall kam es jedoch erst während der Zeit der sogenannten Smuta Anfang des 17. Jahrhunderts, als große 209 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 134 210 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 42 211 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 135 85 Teile der russischen Gebiete, so auch nordöstlich von Moskau gelegene Städte wie Jaroslawl oder Susdal, von polnisch-litauischen Interventen eingenommen wurden. Bei der alsbald erfolgten Erstürmung des Dreifaltigkeitsklosters gingen diese besonders ausdauernd vor, da sie im wohlhabenden Kloster große Mengen an Schätzen vermuteten. Mit dem Heranrücken der Invasoren steckten die Bewohner der benachbarten Dörfer ihre Häuser in Brand und fanden größtenteils Zuflucht hinter den Klostermauern. Zusammen mit ihnen sowie einer aus Moskau hergeschickten Truppe zählte die Verteidigung des Klosters etwa 3000 Mann, wohingegen die Invasoren über ein rund zehnmal so großes Aufgebot verfügten – ein Ungleichgewicht, das die Angreifer zunächst an einen raschen Sieg glauben ließ. Jedoch scheiterten die Erstürmungsversuche einer nach dem anderen, da die bis zu sechs Meter hohen und drei Meter dicken Klostermauern auch Artilleriebeschüssen standhalten konnten. Daraufhin versuchten die Angreifer, einen geheimen Minengang unter einen der Wehrtürme zu graben, um ihn dann zur Explosion zu bringen und so die Mauer einzureißen. Aber auch das misslang, nachdem eine Gruppe von Verteidigern um den Preis ihres Lebens einen Ausfall unternahm und die Schießpulvervorräte des Angreifers zur Explosion brachte. Im Endeffekt dauerte die polnisch-litauische Belagerung des Klosters rund 16 Monate, wobei insbesondere die Wintermonate den Klosterinsassen extreme Nöte brachten – so sollen der Hunger, die Kälte und die Seuchen mehr Leben gefordert haben als sämtliche Angriffe der polnisch-litauischen Truppen zusammengenommen. Insgesamt sollen laut Aufzeichnung eines Zeitzeugen 2125 Menschen im Kloster während der Belagerung ihr Leben verloren haben, Frauen und Kinder nicht mitgerechnet. Immer wieder versuchten die Angreifer, die Festung aufs Neue zu erstürmen, jedoch misslang das jedes Mal. Die Erlösung für die Klosterinsassen kam erst im Januar 1610, als die belagernden Truppen von einer aus Moskau herangerückten Abteilung geschlagen wurden und das Kloster endgültig aufgaben.212 Galt das Dreifaltigkeitskloster dank seinem Begründer schon lange vor der besagten Belagerung als einer der Inbegriffe für den heldenhaften Patriotismus des russischen Volkes, festigte sich dieser Ruf nach der mühevoll überstandenen Belagerung noch viel weiter. Zahlreiche Spenden flossen schon bald nach Kriegsende, was dazu führte, dass die während der Belagerung beschädigten Bauwerke rasch wiederhergestellt werden 212 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 43 86 konnten. Darüber hinaus wurden die Befestigungsanlagen samt Klostermauer im frühen 17. Jahrhundert noch besser ausgebaut als sie vor der Belagerung gewesen waren, wenngleich seit 1610 kein Verteidigungsfall mehr eingetreten ist. Von den Spendengeldern wurden aber nicht nur alte Bauwerke wiederaufgebaut, sondern auch neue errichtet, von denen die meisten bis heute stehen. Zu dem im 17. Jahrhundert entstandenen Teil des heutigen Klosterensembles gehören unter anderem die Krankenhausgemächer (1635–1638), das Refektoriumsgebäude (1686–1692), die Kapelle über dem Mariä-Himmelfahrts-Brunnen (Mitte des 17. Jahrhunderts) und die Kirche Johannes des Täufers (1692–1699). Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts war für das Dreifaltigkeitskloster die Zeit, in der das Klostervermögen durch immer weitere Spenden und Schenkungen seinen absoluten Höhepunkt erreichte: Nahezu im ganzen Zarentum Russland besaß das Kloster eigene Grundstücke und Dörfer, außerdem Klosterhöfe, Läden, Gasthöfe und sogar Industriebetriebe. Die gesamten Besitztümer des Dreifaltigkeitsklosters, die in einem seit den 1640er-Jahren extra geführten Klostervermögensverzeichnis dokumentiert sind, sollen von ihren Ausmaßen her mit den Besitztümern des Zaren vergleichbar gewesen sein. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Kloster auch Kunstschätze gesammelt, darunter kostbare Ikonen, Gemälde aus verschiedenen Zeitepochen, Juweliererzeugnisse, Gegenstände der angewandten Kunst, einzigartige Handwerkserzeugnisse. In dem vom Kloster seinerzeit geführten Schenkungsbuch wurden die Namen der Spender verzeichnet. Oft war es so, dass sich der Wert der Gaben nach der Schwere der Sünde richtete, da sich reiche Personen durch Spenden an das Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit einen Platz im Paradies erkaufen wollten. Der damalige enorme Reichtum des Stiftes und die Pilgerströme trugen auch maßgebend zur Entstehung der heutigen Stadt Sergijew Possad bei: Neben den umliegenden Dörfern entstanden vor den Klostermauern mehrere Handwerkeransiedlungen, in denen Ikonenmaler, Holzschnitzer und Spielzeugmacher besonders zahlreich vertreten waren.213 Diese Handwerke waren zur Blütezeit des Dreifaltigkeitsklosters in dessen Gegend besonders lukrativ, da es für jeden Pilger als ein Muss galt, nach dem Besuch des Klosters eine Ikone oder ein Holzspielzeug als Mitbringsel zu kaufen – die Ikonenmalerei und die Holzschnitzerei gehören noch heute zu den traditionellen Gewerben in Sergijew Possad und näherer Umgebung. Bis 1782 213 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 137f 87 verschmolzen die Handwerkersiedlungen dann zu einem Possad, wie eine vorwiegend von Handwerkern und Kaufleuten bewohnte Ortschaft damals in Russland hieß. Neben dem materiellen Reichtum erreichte auch das gesellschaftliche Ansehen des Dreifaltigkeitsklosters im 17. Jahrhundert seinen Höhepunkt, was insbesondere dazu führte, dass die Verbindung zwischen dem Kloster und dem Zarenhof immer enger wurde. So wohnten die Klostervorsteher üblicherweise auch Zarenkrönungsfeiern und anderen staatlichen Feierlichkeiten bei, und bei jedem Krieg pflegten es die Herrscher, vor dem Beginn der Feldzüge sowie danach zum Kloster zu pilgern. 1682 bot das Dreifaltigkeitskloster dem künftigen Zaren Peter I. dem Großen mit dessen Halbbruder Iwan und Schwester Sofia Zuflucht vor den aufständischen Strelizen, und sieben Jahre später rettete sich Peter vor dem erneuten Strelizenaufstand, welcher diesmal von Sofia unterstützt wurde, ein weiteres Mal hinter die sicheren Klostermauern und kehrte nach dessen Niederschlagung bereits als Zar nach Moskau zurück. 1744 wurde das Dreifaltigkeitskloster per Dekret der Zarin Elisabeth mit dem Ehrentitel einer Lawra ausgezeichnet, der in der Russisch-Orthodoxen Kirche das Kloster des ersten Ranges bedeutet und den nur die wenigsten Stifte tragen dürfen. Seitdem hat es seine heutige vollständige Bezeichnung inne: „Lawra der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius“.214 Das spätere 18. sowie das 19. Jahrhundert brachten dem Kloster zwiespältige Veränderungen: In der Herrschaftszeit Katharina II. der Großen wurde ein Großteil der Landbesitztümer des Klosters per Zarendekret des Jahres 1764, der alle russischen Klöster betraf, verstaatlicht, und dem Kloster stattdessen für seine Unterhaltung ein fester jährlicher Betrag aus der Staatskasse zugesprochen. Diese Reform schmälerte zwar den Reichtum der Lawra, tat jedoch ihrem gesellschaftlichen Ansehen und den Beziehungen zur Staatsmacht keinen Abbruch: Nach wie vor diente sie als Pilgerstätte auch für die Zaren, und unter Katharina der Großen war deren Beichtvater, der Moskauer Metropolit Platon, zugleich Vorsteher des Dreifaltigkeitsklosters. In dieser Periode wurde das heutige architektonische Ensemble des Klosters auch weitgehend vollendet: Zu der Dreifaltigkeitskathedrale, die nach wie vor das Mittelpunkt der Anlage bildete, und den Bauten aus den beiden vergangenen Jahrhunderten kamen monumentale Bauwerke, die auch für die damals in Russland 214 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 44 88 vorherrschenden Architekturstile repräsentativ sind: Zu nennen sind unter anderem die Smolensker Kirche (1748), die komplett umgebauten Metropolitengemächer (1778) sowie das höchste Gebäude des Klosterensembles, der Glockenturm (1741–1770).215 Zum Ende des 19. Jahrhunderts stellte die Lawra den Mittelpunkt der um sie herum inzwischen entwickelten Stadt Sergijew Possad dar und gehörte ungeachtet der großen Enteignung von 1764 nicht nur zu den vermögendsten kirchlichen Institutionen im Russischen Kaiserreich, sondern hatte auch einen überragenden Einfluss sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Leben Sergijew Possads: Faktisch keine wichtige Entscheidung der Stadtverwaltung war ohne Mitwirkung des Klostervorstandes möglich. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten dem Kloster, das damals rund 400 Mönche beherbergte, unter anderem eine Druckerei, zwei Hotels sowie etliche Mietshäuser, Läden und Manufakturen in Sergijew Possad. 216 Seit 1814 diente das Kloster zudem als Standort für die älteste Hochschule Russlands, die Moskauer Geistliche Akademie. Die Moskauer Geistliche Akademie ist die bedeutendste Bildungseinrichtung der Russisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat).217 Kleriker studieren dort üblicherweise nach ihrer Priesterweihe, um sich auf höhere Aufgaben in der Kirche vorzubereiten. Auch ein Fernstudium ist möglich, hauptsächlich für Priester im Ausland, meist Mönche, die sich für die Übernahme eines kirchlichen Amtes weiterbilden müssen. Gegründet wurde die Moskauer Geistliche Akademie 1687 auf Betreiben der Brüder Lichud (Sophronius Lichud und Joanniki Lichud) als Slawisch-Griechisch-Lateinische Schule, nachdem der Zar Fjodor III. im Jahr 1686 das Gründungsdekret unterzeichnet hatte. Die Schule war die erste höhere Bildungseinrichtung in Moskau. Unter der Regierung von Zar Peter I. wuchs die Schule und wurde in eine höhere theologische Lehranstalt umgewandelt, zumal in dieser Zeit viele weltliche Schulen entstanden, die die Bildung der Bevölkerung gewährleisteten. 1721 wurde die Schule dem Heiligen Synod unterstellt. 1775 erfolgte die offizielle Benennung in „Slawische Griechisch- 215 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 138 216 Prokschi, R.: Die Russische Orthodoxe Kirche, in: Bremer, T./ Gazer, H.R./ Lange, C. (Hrsg.): Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 33–44, hier S. 44 217 Bremer, T.: Kreuz und Kreml. Kleine Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, Freiburg – Basel – Wien 2007, S. 135 89 Latein-Schule“ und ihr Bildungsauftrag wurde mit dem Priesterseminar des Dreifaltigkeitsklosters abgestimmt.218 Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die frühere Griechisch-Latein-Schule zur ersten theologischen Schule der Russischen Orthodoxen Kirche. Unter den Professoren befanden sich der bedeutende Historiker Wassili Ossipowitsch Kljutschewski und der christliche Philosoph Pawel Alexandrowitsch Florenski. Seit 1892 gibt die Moskauer Geistliche Akademie die am meisten angesehene Zeitschrift für orthodoxe Theologie mit dem Titel Bogoslowski westnik heraus. Zu deren Schriftleiter gehörten schon Gorski-Platonow und Pawel Alexandrowitsch Florenski. Nach der Oktoberrevolution wurde die Moskauer Geistliche Akademie 1918 von den Bolschewiken geschlossen. Einige Professoren, unter ihnen der Rektor, Erzbischof Fjodor Posdejewski, sowie I.W. Popow und Pawel Alexandrowitsch Florenski, wechselten an die informelle Höhere Theologische Schule in Moskau, wo allerdings nur wenige Studenten übrig blieben. Im September 1943, auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs für Russland, traf der sowjetische Diktator, Josef Stalin, drei führende Erzbischöfe der russisch-orthodoxen Kirche und vereinbarte mit ihnen eine neue Politik der Kooperation mit der orthodoxen Kirche Russlands. Dabei versprach er die Anerkennung der Höheren Theologischen Schule und stellte eine Wiedereröffnung in Aussicht. Wie versprochen wurde die Schule am 14. Juli 1944 im Nowodewitschi-Kloster eröffnet. Es war die erste offiziell zugelassene theologische Ausbildungseinrichtung in der Sowjetunion. Der Lehrbetrieb wurde von Grigori Tschukow, Erzbischof von Saratow, in die Wege geleitet. Der Rektor war S.W. Sawinski. Im Jahr 1946 wurde das Theologische Institut in die heutige Moskauer Geistliche Akademie umgestaltet. Ein Jahr später, 1947, erhielt die Akademie das Recht, die Titel Kandidat nauk (Kandidat der Wissenschaften, erster Postgraduiertenabschluss in der ehemaligen UdSSR), Doktor und Professor zu verleihen. 1949 wurde es der Moskauer Geistlichen Akademie ermöglicht, zu ihren ursprünglichen Standort im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad zurückzukehren, wo sich die Geistliche Akademie bis zum heutigen Zeitpunkt befindet. Die meisten der Bischöfe und Theologen der russisch-orthodoxen Kirche haben heute einen Abschluss an der Moskauer Akademie gemacht. 218 Losehand, J.: Symphonie der Mächte. Kirche und Staat in Rußland (1689–1917), Herne 2007 , S. 127 90 Der politische und gesellschaftliche Umbruch in Russland infolge der Oktoberrevolution im Jahr 1917 setzte, wie es auch in anderen Kirchen und Klöstern des russischen Staates der Fall war, dem geistlichen Leben der Lawra vorläufig ein Ende:219 Im Januar 1918 trat ein Dekret der Regierung Sowjetrusslands in Kraft, der alle Klöster des Landes nunmehr zum staatlichen Eigentum machte. Die Mönche und andere Belegschaft des Klosters wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1919 ausgewiesen, nicht wenige von ihnen mussten fliehen und sich verstecken. Ein Teil der Sergijew Possader Mönche fand Unterschlupf in den alten Mauern des nahen Klosters Tschernigowski Skit, das einst ebenfalls zum Besitztum der Lawra zählte. Auch die Geistliche Akademie wurde mit der Verstaatlichung des Klosters geschlossen. Ein Großteil der Klosterbauten wurde indes von den neuen Machthabern als Wohnoder Wirtschaftsgebäude zweckentfremdet, einige besonders markante Bauwerke – darunter die Dreifaltigkeitskathedrale – wurden offiziell zu einem Museum erklärt, wodurch die einstigen Schätze des Klosters nun erstmals durch die breite Öffentlichkeit besichtigt werden konnten. Dies konnte jedoch nicht verhindern, dass viele historische Gebäude des Ensembles vom Sowjetstaat vernachlässigt wurden und gegen Ende der 1930er-Jahre in einem bedrohlichen Zustand verweilten. Erst nachdem die Lawra 1940 den Status eines „staatlichen Museumsreservats“ erhielt – den in Russland höchsten Denkmalschutzstatus, den in ähnlicher Form beispielsweise der Moskauer Kreml oder die ehemalige Zarenresidenz in Kolomenskoje zu Moskau genießen – konnten die Bauten durch umfassende Erneuerungsmaßnahmen, die im Laufe der 1940er-Jahre durchgeführt wurden, vor dem Verfall bewahrt werden.220 Darüber hinaus konnte im Jahr 1946 wieder eingeschränkt das religiöse Leben in der Lawra der Heiligen Dreifaltigkeit aufgenommen werden, nachdem Teile der Klosteranlagen der russisch-orthodoxen Kirche zurückgegeben wurden. 1948 nahm die Geistliche Akademie auf dem Klostergelände wieder den Lehrbetrieb auf. Heute zählt die Bruderschaft des Dreifaltigkeitsklosters rund 200 Mönche. Im Jahre 1993 wurde das Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad als eines der ersten Denkmäler Russlands von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Dies wurde nicht zuletzt durch aufwändige Restaurierungsarbeiten ermöglicht, die in den 1940er- und 1960er-Jahren durchgeführt wurden und einer Reihe 219 Losehand, J.: Symphonie der Mächte. Kirche und Staat in Rußland (1689–1917), Herne 2007 , S. 137 220 Benz, E.: Geist und Leben der Ostkirche, Hamburg 1957, S. 237 91 architektonisch wertvoller Klosterbauten, die in der Zwischenzeit in die Jahre gekommen oder durch ungeschickte Neuerungen entstellt waren, ihr ursprüngliches Aussehen verliehen hat.221 Das Ensemble des Dreifaltigkeitsklosters erinnert bis heute in seinem Aufbau stark an eine Festung – ein Überbleibsel aus dem 16. und 17. Jahrhundert, als das Kloster stark angriffsgefährdet war und einmal in seiner Geschichte, in den Jahren 1608 bis 1610, sogar eine 16-monatige Belagerung abwehren musste. Insgesamt elf Wehrtürme entlang einer knapp 1300 Meter langen Schutzmauer boten den Klosterinsassen zu jener Zeit Schutz gegen Angreifer. Über dem Heiligen Tor, dem Haupteingang des Klosters, dokumentieren Fresken diese Geschichte. Innerhalb der Mauern befinden sich allein neun Kirchengebäude, außerdem u. a. der 88 Meter hohe Glockenturm, das Refektorium, die Krankenhausgemächer, die Metropolitengemächer, das ehemalige Zarenpalais und mehrere Gebäude mit den Mönchsklausen. Alle Bauten stehen heute unter Denkmalschutz. Der nördliche Teil des Klosters, wo sich die meisten Mönchsklausen und Gebäude der Geistlichen Akademie befinden, ist für die Öffentlichkeit im Allgemeinen nicht zugänglich. Die Dreifaltigkeitskathedrale ist das älteste bis heute erhaltene Gebäude des Klosters und gilt als das zentrale Element des Klosterensembles.222 Sie wurde im Jahre 1422, kurz nach dem Ableben des Heiligen Sergius, auf Geheiß dessen Nachfolgers Nikon errichtet. Überlieferungen zufolge wurde die Kathedrale seinerzeit vom Swenigoroder Fürsten Juri Dmitrijewitsch gestiftet, einem Sohn von Dmitri Donskoi – jenes Großfürsten also, der im Jahr 1380 im Dreifaltigkeitskloster den Segen des Ehrwürdigen Sergius vor seiner entscheidenden Schlacht gegen die Tataren einholte. Obwohl die Kathedrale als Hauptbauwerk des Klosters gilt, ist sie in ihrer äußeren Ausstattung vergleichsweise schlicht und sachlich gehalten und wird, charakteristisch für russische Sakralbauten der damaligen Zeit, von einem zentralen Zwiebelturm mit vergoldeter Kuppel gekrönt. Erbaut wurde die Kathedrale aus weißem Stein, einer im Moskauer Fürstentum damals üblichen Bausubstanz. Auf einen ebenfalls eher bescheidenen Vorraum folgt der Kirchenraum mit einer prächtigen Ikonostase, die den Altar von der Kirchengemeinde trennt. Die dortigen Ikonenreihen – die meisten von ihnen wurden im 15. Jahrhundert vom Mönch und 221 Ebd., S. 247 222 Losehand, J.: Symphonie der Mächte. Kirche und Staat in Rußland (1689–1917), Herne 2007 , S. 147 92 Ikonenmaler Andrei Rubljow sowie seinen Schülern erschaffen – erzählen, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, die biblische Geschichte in Bildern. Der zentrale Bestandteil der Reihe – die Ikone der Heiligen Dreifaltigkeit, zugleich das berühmteste Werk Andrei Rubljows – ist heute in der Moskauer Tretjakow-Galerie im Original zu sehen. In den 1420er-Jahren war der zentrale Kirchenraum zusätzlich mit Fresken ausgeschmückt worden, von denen viele ebenfalls von Andrei Rubljow stammten. Allerdings sind die Originalmalereien nicht mehr erhalten geblieben. Die heutige Bemalung der Innenwand der Dreifaltigkeitskathedrale besteht aus Nachbildungen, die größtenteils in den 1630er-Jahren erschaffen wurden.223 Rechts neben der Ikonostase steht das Hauptheiligtum der Dreifaltigkeitskathedrale: der silberne Reliquienschrein, in dem die Überreste des Heiligen Sergius ruhen. Die Ikonostase ist eine mit Ikonen geschmückte Wand mit drei Türen, die in orthodoxen Kirchenbauten zwischen dem inneren Kirchenschiff und dem Altarraum (Bema) steht.224 Das Kirchenschiff (griechisch Naos) ist der Hauptteil der Kirche; dort sitzen oder stehen die Gläubigen. Der Altarraum ist der Ort östlich des Kirchenschiffes. Der Altarraum ist gewöhnlicherweise ein bis drei Stufen höher als das Naos. Im Altarraum befindet sich ein normalerweise runder Tisch, an dem der Diakon die Liturgie liest. Die Ikonostase ist die Wand, die zwischen dem Altar und dem Naos steht. In großen Kirchen ist die Ikonostase Bestandteil der architektonischen Gesamtkomposition, sie gehört aber nicht zwingend zur Grundausstattung. So gibt es viele Beispiele, dass ein Stifter später eine Ikonostase spendete. Mitunter wird diese auch Reihe für Reihe über Jahrzehnte aufgebaut. In kleineren Kirchen, vor allem in Kapellen ohne regelmäßige Liturgiefeiern, kann aus Platzgründen die Ikonostase entfallen, ebenso in nichtorthodoxen Kirchengebäuden, die temporär genutzt werden; teilweise werden dort auch tragbare und zusammenklappbare Ikonostasen genutzt, die nur während des Gottesdienstes aufgestellt werden. In der westlichen Diaspora wird teilweise die Ikonostase stilisiert und reduziert, mit dem Zweck den Gläubigen einen größeren Einblick in den Altarbereich zu bieten. 223 Ebd., S. 150 224 Claussen, J. H.: Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen vom frühen Christentum bis heute, München 1992, S. 102 93 Sie besteht zumindest aus225 - der königlichen Tür und den Ikonen darüber, - dem Paar Ikonen neben der königlichen Tür, - der südlichen Tür, - der nördlichen Tür In größeren Kirchen können sich nach oben und nach außen weitere Ikonen anschließen. In der Mitte hängt (vom Betrachter aus) rechts eine Ikone Jesu Christi in Gestalt nach seiner Aufstehung, links eine Ikone der Gottesgebärerin, dazwischen ist die königliche Tür beziehungsweise das heilige Tor, durch die der Priester im Evangelienbuch und in der Eucharistie Christus zur Gemeinde bringt. Die beiden nächstäußeren Ikonen zeigen links den Schutzpatron der Kirche, rechts in den nordslawischen Kirchen den hl. Nikolaus von Myra, in den anderen Kirchen Johannes den Täufer. Kleine Christus- und Marienikonen hängen auch an der Säule der königlichen Tür, die der Priester in der Liturgie küsst. Die königliche Tür in der Mitte der Ikonostase besteht aus zwei Türflügeln mit Darstellungen der vier Evangelisten, des Erzengels Gabriel und der Gottesmutter. Oberund unterhalb der hll. Gabriel und Maria sind die Ikonen zweier Evangelisten, gewöhnlich mit ihrem ikonographischen Attribut (Matthäus: geflügelte Gestalt, Markus: Löwe, Lukas: Stier, Johannes: Adler). Über der königlichen Tür hängt eine Ikone des letzten Abendmahls. Darüber befindet sich die große Ikone, normalerweise die Ikone des oder der Heiligen oder des Festes, dem die Kirche geweiht ist.226 An jeder Tür befindet sich das Bildnis eines Engels, entweder die Erzengel Gabriel und Michael oder zwei Seraphim mit sechs Flügeln. Südlich wird der Gabriel, nördlich Michael dargestellt. Der nach dem byzantinischen Ritus gefeierte orthodoxe Gottesdienst besteht aus drei Teilen, der Gabenbereitung hinter der geschlossenen Ikonostase, dem Katechumenen-Gottesdienst und der Eucharistie. Während der Katechumenliturgie betritt der Diakon das Kirchenschiff durch die kleinen Türen, die königliche Tür wird nur vom Priester durchschritten und zwar zweimal während des Gottesdienstes, das erste Mal beim sogenannten kleinen Einzug mit dem 225 Döpmann, H.-P.: Die orthodoxen Kirchen in Geschichte und Gegenwart. (= Band 9 von Trierer Abhandlungen zur Slavistik), Frankfurt am Main 2010, S. 120–126, hier S. 123 226 Ebd., S. 124 94 Evangeliar zur Verlesung des Evangeliums vor der Gemeinde.227 Nach der Entlassung der Katechumenen bleibt die Tür während der Eucharistie geöffnet, und der Altar ist somit während der Darbringung der Gaben sichtbar. Nach den Vorbereitungsgebeten findet der große Einzug mit Brot und Kelch statt, und die Gemeinde feiert die Kommunion. Die Dreifaltigkeitskathedrale mit dem Sergius-Schrein stellt das Hauptziel der Pilger dar und ist auch der Ort, an dem Mönche des Dreifaltigkeitsklosters ihre Mönchsweihe annehmen. In der Kathedrale werden mehrmals täglich Gottesdienste zelebriert. Die Nikon-Kirche wurde zu Ehren des Ehrwürdigen Nikon errichtet, eines Schülers Sergius' von Radonesch und dessen Nachfolgers als Klostervorsteher, der von der russisch-orthodoxen Kirche ebenfalls heiliggesprochen wurde.228 Ursprünglich 1548 erbaut, stammt sie in ihrer jetzigen Form aus dem Jahr 1623 und ist unmittelbar an die Südseite der Dreifaltigkeitskathedrale herangebaut. Aus diesem Grund wirkt sie auch architektonisch wie eine kleinere Kopie der Dreifaltigkeitskathedrale – hierdurch wollte man die geistige Verbundenheit Nikons mit seinem Lehrer zum Ausdruck bringen. Ähnlich wie die Dreifaltigkeitskathedrale war die Nikon-Kirche ursprünglich mit Fresken geschmückt, die nicht mehr erhalten geblieben sind. Heute bilden eine im 20. Jahrhundert nachgebaute vergoldete Ikonostase sowie der hölzerne Schrein mit den Reliquien des Ehrwürdigen Nikon den Mittelpunkt des Innenraums der Kirche. Gottesdienste werden in der Nikon-Kirche jährlich am 30. November zum Gedenktag des Namensgebers zelebriert. Die Kirche der Ausgießung des Heiligen Geistes auch Heilig-Geist-Kirche oder Pfingstkirche genannt, steht etwas östlicher der Dreifaltigkeitskathedrale.229 Sie wurde 1476 errichtet und gehört damit ebenfalls zu den ältesten Bauwerken der Lawra. Die wesentlichste Besonderheit der Heilig-Geist-Kirche ist die Tatsache, dass sie von Baumeistern aus Pskow erbaut und gestaltet wurde, einer altrussischen Stadt, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht zum Moskauer Großfürstentum gehört hatte, sondern 227 Claussen, J. H.: Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen vom frühen Christentum bis heute, München 1992, S. 106 228 Manushina, T. N./Nikolayeva, S. V./ Zaritskaya, O. I.: Sergijew Possad. Museumsreservat, Moskau 2001, S. 20 229 Roberti, J.-C.: Histoire de l'Église russe, Paris 1995, S. 62 95 einen eigenen Staat bildete. Es ist zu vermuten, dass man mit der Einladung an Pskower Architekten für die Mitgestaltung des Dreifaltigkeitsklosters ein Zeichen für die geistige und kulturelle Einheit der russischen Fürstentümer setzen wollte – eine Angelegenheit, für die sich gerade der Heilige Sergius seinerzeit stark engagiert hatte. Äußerlich ist die Kirche von ihren Fassadenformen her vielen anderen russischorthodoxen Sakralbauten ähnlich. Allerdings weist sie eine für das damalige Pskow charakteristische, für Moskau jedoch eher ungewöhnliche Eigenschaft auf: Die Glocken befinden sich nicht wie üblich in einem separat stehenden Glockenturm, sondern im unteren Teil des Kirchturmes unter der Kuppel. Die Glocken wurden auf die in Pskow übliche Art betätigt, indem man sie von unten mit einem Seil, das nicht über einen Klöppel sondern einen beweglichen Balken auf die Glocke selbst wirkte, in Bewegung versetzte. Über Jahrhunderte diente der Kirchturm den Klosterinsassen und Anwohnern umliegender Ortschaften als Beobachtungswarte für den Fall eines Angriffs, wobei die Glocken als Alarmzeichen betätigt wurden. Im zentralen Teil des Klostergeländes steht die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, oft nach der russischsprachigen Bezeichnung auch Uspenski-Kathedrale genannt.230 Sie wurde nach dem Vorbild der gleichnamigen Kathedrale des Moskauer Kremls erbaut. Dabei überragt die Uspenski-Kathedrale ihr Moskauer Pendant in der Höhe, und ist auch von den neun Kirchenbauten des Klosters der größte. Der beiden Bauten gemeinsame architektonische Stil des 16. und 17. Jahrhunderts besteht insbesondere in der symmetrischen Fünf-Kuppel-Konstruktion: Der zentrale, höhere Kirchturm symbolisiert Jesus Christus, die vier um ihn herum angeordneten stehen für die vier Evangelisten. Der Baubeginn der Kathedrale war im Jahr 1559, unter der Herrschaft Iwan IV. des Schrecklichen, der den Bau auch in Auftrag gegeben und finanziert hatte und der Grundsteinlegung mit seiner Familie beiwohnte. Es wird vermutet, dass der 1552 durch die Armee Iwans erlangte Sieg über das tatarische Khanat Kasan dafür der Anlass war. Die Errichtung von Gotteshäusern zum Gedenken an einen wichtigen militärischen Sieg war im damaligen Russland eine verbreitete Tradition – so wurde auch die Moskauer Basilius-Kathedrale ebenfalls von Iwan IV. anlässlich seines Siegs über Kasan gestiftet. Allerdings dauerte die Errichtung der Mariä-Entschlafens-Kathedrale länger als die der 230 Nivière, A.: Les Orthodoxes russes, Brüssel 1993, S. 127 96 Basilius-Kathedrale, denn Iwan IV. soll bald das Interesse an dem Bauvorhaben verloren haben und stellte die Förderung ein. Daher konnte die Kathedrale erst 1585, nach seinem Tod, fertiggestellt werden.231 Das Innere des Gotteshauses und Teile der Fassade wurden etwa hundert Jahre nach seiner Fertigstellung von Meistern aus der Lawra sowie aus Jaroslawl mit zahlreichen Fresken bemalt, die im Unterschied zu jenen aus der Dreifaltigkeitskathedrale bis heute überdauert haben.232 Die Ikonostase der Uspenski-Kathedrale stammt aus dem frühen 18. Jahrhundert und beinhaltet unter anderem Originalarbeiten des Moskauer Ikonenmalers Simon Uschakow. Das Bauwerk am nordwestlichen Ende des Klosterterritoriums repräsentiert sowohl von der Architektur als auch von der ursprünglichen Bestimmung her die Zeit kurz nach der abgewehrten Belagerung des Klosters durch polnisch-litauische Truppen. Es sind die ehemaligen Krankenhausgemächer, die ursprünglich in der Tat als Klosterkrankenhaus dienten und im Angriffsfall auch als Lazarett hätten genutzt werden können. Das Gebäude wurde in den Jahren 1635 bis 1637, ein Vierteljahrhundert nach der Belagerung, erbaut. Es besteht nicht nur aus dem eigentlichen Krankenhaus, sondern schließt auch ein kleines Kirchengebäude mit ein – die gleichzeitig entstandene Kirche der Ehrwürdigen Sossim und Sawwati, die auf jene zwei Heiligen der Solowezki-Inseln geweiht wurde. Somit handelt es sich um eine im Ensemble des Klosters einzigartige Kombination aus einem Sakralbau und einer zivilen Einrichtung. Da an dem Bau der Kirche und der Krankenhausgemächer seinerzeit Meister aus dem Solowezki-Kloster beteiligt waren – als architektonisches Vorbild könnte möglicherweise eine heute nicht mehr bestehende Kathedrale dieses Klosters gedient haben – gilt sie unter den Klosterbauten als Muster für die nordrussische Baukunst. Charakteristisch für diese Kirche ist insbesondere, dass sie der einzige Zeltdachbau innerhalb des Dreifaltigkeitsklosters ist. Der Gebäudekomplex im südlichen Klosterteil, der sich dem Besucher wenige Meter nach dem Eingangstor auf der linken Seite eröffnet, beinhaltet das Refektorium, die 231 Hauptmann, P./Sticker, G.: Die orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860– 1980), Göttingen 1988, S. 55 232 Beck, E. F.: Die russische Kirche. Ihre Geschichte, Lehre und Liturgie mit besonderer Berücksichtigung ihrer Unterscheidungslehren und ihres Verhältnisses zur römischen Kirche, 2. Auflage Bühl 1926, S. 72 97 hierin eingebaute Kirche des Ehrwürdigen Sergius sowie neben einem der Eingänge des Refektoriums die kleine Michei-Kirche.233 Das in den Jahren 1686–1692 erbaute Refektorium weist mehrere Besonderheiten auf, die es zu einem der bekanntesten Bauwerke des Klosterensembles machen. Mit seinen selbst für altrussische Verhältnisse ungewöhnlich reichhaltig verzierten Fassaden, deren Bemalung ein wenig an ein Schachbrett erinnert, wird das Refektoriumsgebäude vom Stil her zum Moskauer Barock gezählt. Auch weil das Bauwerk in seiner Ursprungsform nahezu unverändert erhalten geblieben ist, gilt es als eines der besten Beispiele dieser in Russland des späten 17. Jahrhunderts verbreiteten Bauart. Ebenfalls sehr prunkvoll ist die Ausstattung des rund 510 Quadratmeter großen Innenraumes des Refektoriums, der – für seine Zeit noch recht ungewöhnlich – trotz seiner Größe ohne Zwischenstützen auskommt. Hervorzuheben sind dort vor allem die Malereien an den Wänden und am Gewölbe, die in den 1770er-Jahren auf Anordnung Katharina der Großen ausgeführt wurden.234 Während das Refektorium ursprünglich seiner eigentlichen Bestimmung gemäß als Festsaal für die Ausrichtung von Feierlichkeiten und wichtigen Empfängen genutzt wurde, dient sein Innenraum heute gänzlich als Gebetsraum der auf den Klostergründer geweihten Kirche des Ehrwürdigen Sergius. Die Gottesdienste werden dort in den Wintermonaten regelmäßig abgehalten. Im Obergeschoss des Refektoriums unter der Kirchenkuppel befindet sich die Klosterbibliothek, die schon beim Bau des Gebäudes zu den größten Büchersammlungen in ganz Russland gehörte. Die Michei-Kirche, die vor dem rechten Eingang des Refektoriums steht, wurde 1734 eingeweiht und im 19. Jahrhundert mit den heute zu sehenden Fassadenornamenten ausgeschmückt. Geweiht wurde sie auf den heiliggesprochenen Klostervorsteher Michei, der zu den geistigen Erben Sergius' von Radonesch gehörte. Dort ruhen auch die Reliquien des Michei.235 Ebenfalls zum Moskauer Barock wird die Torkirche der Geburt Johannes des Täufers gezählt, die denn auch fast zeitgleich mit dem Refektorium – in den Jahren 1692 bis 233 Roberti, J.-C.: Histoire de l'Église russe, Paris 1995, S. 73 234 Manushina, T. N./Nikolayeva, S. V./ Zaritskaya, O. I.: Sergijew Possad. Museumsreservat, Moskau 2001, S. 21 235 Metropolit Pitirim von Volokolamsk und Jurjev (Hrsg.): Die russische orthodoxe Kirche, Berlin – New York 1988., S. 77 98 1699 – entstand. Sie stellt einen wesentlichen Bestandteil des Komplexes um den Haupteingang des Klosters dar. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts, wo die Klostermauer im Zuge ihres Ausbaus ein paar Meter Richtung Osten verlegt wurde, befand sich die Kirche unmittelbar über dem Tor in der Mauer, was ihr auch die Bezeichnung „Torkirche“ gebracht hat. Heute ergänzt sie das Heilige Tor, und das Portal im Basisteil der Kirche dient neben diesem als Durchgang zum Kloster. Daneben wird die Kirche auch als Gotteshaus genutzt, insbesondere werden hier den Gläubigen Beichten abgenommen. Die Geldmittel für den Bau der Johanneskirche wurden vom Großkaufmann Grigori Stroganow, einem der bekanntesten Vertreter der Industriellenfamilie der Stroganows, gestiftet. Das stellt neben anderen Kirchen des Dreifaltigkeitsklosters, die in ihrer Mehrheit von Zaren, Bojaren oder Hochadligen gestiftet worden waren, eine Besonderheit dar. Es unterstreicht auf der anderen Seite aber auch die Tatsache, dass das Gotteshaus gerade zu jener Zeit entstand, als sich das Unternehmertum in Russland neben dem Adel gesellschaftlich immer mehr zu behaupten vermochte und mitunter auch enge Verbindungen zum Zarenhof hatte. Die rot gestrichene und mit zahlreichen Fassadenornamenten verzierte Kirche weist, ähnlich der Mariä-Entschlafens- Kathedrale, eine Fünf-Kuppel-Konstruktion auf, die jedoch von der Form her in einem ganz anderen, etwas „europäischer“ wirkenden Stil gehalten wurde. Gleich rechts neben den ehemaligen Krankenhausgemächern steht die Kirche der Gottesmutter-Ikone von Smolensk. Sie wurde in den Jahren 1745–1748 errichtet und ist damit einer der vergleichsweise jungen Bestandteile des Klosterensembles. Auch sie wird zum Barockstil gezählt, der auch die bevorzugte Stilrichtung ihres Architekten Dmitri Uchtomski war, zur Herrschaftszeit der Zarin Elisabeth des Hauptarchitekten Moskaus. Geweiht wurde die Kirche auf die von russisch-orthodoxen Gläubigen verehrte Ikone der Gottesmutter von Smolensk, deren Urheberschaft dem Evangelisten Lukas zugeschrieben wird. Als Stifter des Gotteshauses gilt Graf Alexei Rasumowski, der auch als Liebhaber der Zarin Elisabeth bekannt war.236 Die annähernd runde, hellblau gestrichene Fassade der Kirche ist in gleichmäßigen Abständen durch mehrere weiße Pilasterpaare getrennt und wird vorne von dem breiten Geländer der zweiläufigen Zugangstreppen ergänzt. Oben wird das Gebäude von einer 236 Nivière, A.: Les Orthodoxes russes, Brüssel 1993, S. 129 99 mächtigen Kuppelkonstruktion gekrönt, deren Spitze ein vergoldeter Zwiebelturm bildet. Die Smolensker Kirche gilt architektonisch als Ergänzung des benachbarten Glockenturms, der vom gleichen Architekten entworfen wurde. Die Ikonostase im inneren der Kirche wurde im Jahr 1748 erschaffen und stammt ursprünglich aus der nicht mehr erhaltenen Kirche der Heiligen Praskewia im alten Moskauer Kaufmannsviertel Samoskworetschje.237 Im Klosterhof zwischen der Mariä-Entschlafens-Kathedrale und dem Glockenturm gibt es den sogenannten Mariä-Himmelfahrts-Brunnen, der Wasser spendet, welches unter den Gläubigen als „heiliges Wasser“ gilt. Es wird daran geglaubt, dass dieses Wasser Krankheiten kuriert und für das seelische und körperliche Wohlbefinden gut ist. Bis heute kommen daher Menschen von nah und fern, um Wasser aus dem Mariä- Himmelfahrts-Brunnen zu holen. Die Kapelle, die den Brunnen beherbergt, wurde in etwa Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts errichtet. Sie ähnelt von ihrer Form her einer kleinen vierstöckigen Kirche und fällt durch ihre reichlich vorhandenen dekorativen Elemente an der Fassade auf, die der Kapelle eine überaus schmucke und feierliche Gestalt verleihen. Der Glockenturm der Lawra ist mit 88 Metern das höchste Gebäude im Kloster. Es steht auf dem „Kathedralenplatz“ in unmittelbarer Nachbarschaft der Dreifaltigkeits- und der Mariä-Entschlafens-Kathedrale sowie der Smolensker Kirche. Hauptarchitekt des Glockenturmes war Kaiserin Elisabeths Hofbaumeister Dmitri Uchtomski, der auch die Smolensker Kirche erbauen ließ – der Grundstein für die letztere wurde denn auch fast zeitgleich mit dem für den Glockenturm gelegt, auch wenn letzterer erst 1768 vollendet wurde.238 Sowohl wegen seiner überragenden Höhe als auch bedingt durch die Konstruktion ist der Sergijew Possader Glockenturm das wohl auffälligste Gebäude des Dreifaltigkeitsklosters.239 Gestrichen in der gleichen hellblauen Farbe wie die Smolensker Kirche, besteht es aus einem breiten, annähernd würfelförmigen Basisteil, 237 Roberti, J.-C.: Histoire de l'Église russe, Paris 1995, S. 85 238 Beck, E. F.: Die russische Kirche. Ihre Geschichte, Lehre und Liturgie mit besonderer Berücksichtigung ihrer Unterscheidungslehren und ihres Verhältnisses zur römischen Kirche, 2. Auflage Bühl 1926, S. 77 239 Manushina, T. N./Nikolayeva, S. V./ Zaritskaya, O. I.: Sergijew Possad. Museumsreservat, Moskau 2001, S. 23 100 auf den vier Stockwerke folgen, von denen jedes über seinen eigenen Glockenraum verfügt. Abgeschlossen wird das obere Stockwerk von einer vergoldeten dekorativen Dachkonstruktion, die von einem weithin sichtbaren Kreuz gekrönt wird. Zwischen dem dritten und dem vierten Stockwerk befindet sich eine Turmuhr, die ursprünglich im Jahre 1784 von Meistern aus Tula gefertigt und 1905 ausgewechselt wurde.240 Die Glockenräume des Turmes beherbergten einst bis zu 50 Glocken verschiedener Größen, von denen einige besonders prachtvolle Stücke, wie vieles im Dreifaltigkeitskloster, aus Spenden stammte – so beispielsweise die 1594 gegossene Lebed-Glocke (zu Deutsch „Schwan“), die von Boris Godunow gestiftet wurde. Die schwerste Glocke war mit rund 64 Tonnen die Zarenglocke, die nicht zu verwechseln ist mit dem gleichnamigen Meisterwerk der russischen Gießereikunst aus dem Moskauer Kreml. In den 1930er-Jahren wurden über zwei Dutzend der Lawra-Glocken zerstört oder umgeschmolzen, darunter auch die Zarenglocke. Seit 2003 hängt auf dem Glockenturm jedoch ein Nachbau von ihr, der rund 72 Tonnen wiegt. 1792 wurde auf dem Platz neben dem Glockenturm ein mit einer Sonnenuhr geschmückter Obelisk aufgestellt. An ihm wurden vier Gedenktafeln angebracht, die an die ruhmreiche Vergangenheit des Stiftes, unter anderem an dessen heldenhafte Verteidigung gegen die Interventen, erinnern. In der Mariä-Entschlafens-Kathedrale befindet sich mit der Familiengruft der Godunows das wohl bekannteste Begräbnis auf dem Klostergelände. Ursprünglich war es in eine der Räumlichkeiten der Kathedrale eingebaut worden; seit ihrem Umbau Ende des 18. Jahrhunderts, bei dem dieser Raum verschwand, befindet sich die Gruft nun draußen, in einem kleinen zeltähnlichen Bau. Neben dem Zaren Boris Godunow, der in seiner Herrschaftszeit zu den Hauptspendern des Klosters gehörte ruhen dort seine Ehefrau Maria und sein Sohn Fjodor, die beide in den Wirren der Smuta von Anhängern des Falschen Dimitri ermordet wurden. Das Gebäude zwischen dem Refektorium und der Nikon-Kirche diente einst als Metropolitengemächer, also Residenz des Metropoliten bei seinen Besuchen im Dreifaltigkeitskloster während der wichtigen Feierlichkeiten.241 Heute stellt dieses Haus 240 Metropolit Pitirim von Volokolamsk und Jurjev (Hrsg.): Die russische orthodoxe Kirche, Berlin – New York 1988., S. 99 241 Nivière, A.: Les Orthodoxes russes, Brüssel 1993, S. 131 101 die Residenz des Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche dar, der gleichzeitig auch den Rang des Klostervorstehers innehat. Da sich das Gebäude auf einer Anhöhe befindet, hat es an der Nordseite zwei Stockwerke und an der Südseite drei. Erbaut wurde es in den Jahren 1687–1692 auf Basis der älteren Gemächer aus dem 16. und 17. Jahrhundert. 1778 erhielt es im Zuge eines Umbaus sein heutiges Aussehen, wobei die Hauptfassade an der Nordseite, die sich dem Besucher des Klosters eröffnet, im barocken Stil gehalten wurde. Ihr zentraler Teil wird von einem großen Balkon mit dekorativen gusseisernen Geländern dominiert, der von acht Säulen am Eingangsportal gestützt wird. In den Obergeschossen der Gemächer befindet sich eine kleine Kirche, die 1949 auf den Heiligen Philaretos geweiht wurde, sowie unter anderem Paradesäle mit im Jahre 1778 ebenfalls barock bemalten Gewölben.242 Die Tatsache, dass das Dreifaltigkeitskloster schon im 15. Jahrhundert auch eine Pilgerstätte für Großfürsten und später für Zaren des vereinigten Russischen Zarentums war, erklärt auch, dass es dort eine speziell für die Unterbringung der Zarenfamilie und ihres Gefolges erbaute Residenz gab. Das bis heute erhaltene, 1692 fertiggestellte Gebäude der ehemaligen Zarengemächer erfüllte diese Funktion im 18. Jahrhundert. Es handelt sich hierbei um ein zweistöckiges, von seinen Dimensionen her palastähnliches Gebäude im nördlichen Teil des Klosters. Die westliche Fassade des Palastes wurde erst 1745–1748 gestaltet und enthält eine Reihe von Reliefdarstellungen, die Peter I. dem Großen und seinen Kriegsfeldzügen gewidmet sind. Im östlichen Gebäudeteil wurde im Jahre 1870 die Kirche des Schutzes und der Fürbitte der Gottesmutter errichtet. Seit der Verlegung der Moskauer Geistlichen Akademie ins Dreifaltigkeitskloster im Jahre 1814 gehören die ehemaligen Zarengemächer zum Gebäudekomplex der Akademie.243 Die Sakristei oder auch Schatzkammer wurde 1782 errichtet und zählt damit zu den neuesten Bauwerken des Dreifaltigkeitsklosters. Entsprechend seiner Entstehungszeit ist die Architektur des Gebäudes dem frühklassizistischen Stil zuzuordnen. Die Sakristei grenzt unmittelbar an die Dreifaltigkeitskathedrale an und beherbergt heute viele der Kunstschätze, die dem Dreifaltigkeitskloster vom 14. bis zum 18. Jahrhundert überreicht wurden. 242 Beck, E. F.: Die russische Kirche. Ihre Geschichte, Lehre und Liturgie mit besonderer Berücksichtigung ihrer Unterscheidungslehren und ihres Verhältnisses zur römischen Kirche, 2. Auflage Bühl 1926, S. 79 243 Nivière, A.: Les Orthodoxes russes, Brüssel 1993, S. 132 102 Die heutige Mauer des Dreifaltigkeitsklosters stammt im Wesentlichen aus dem frühen 17. Jahrhundert, als sie nach der überstandenen Belagerung durch polnisch-litauische Interventen letztmals ausgebaut und befestigt wurde.244 Die Mauer ist insgesamt 1284m lang und hat, ähnlich den altrussischen Kremlanlagen, mehrere in sie eingebaute Wehrtürme, von denen wiederum einige über ein Ein- und Ausgangstor zum Kloster verfügen. Die meisten Türme entstanden bereits Mitte des 16. Jahrhunderts. Bis heute erhalten geblieben sind elf Türme, davon drei mit Toren. Der zentrale Wehrturm ist der sogenannte Rote Turm, dessen Tor – genannt Heiliges Tor – zugleich als Haupt- und Paradeeingang des Klosters dient. Der 14m hohe Turm ist in die östliche Seite der Mauer eingebaut, die zur Straße nach Moskau und Jaroslawl sowie der parallelen Eisenbahnstrecke hin gewandt ist. Wie auch die meisten Wehrtürme des Dreifaltigkeitsklosters stammt er aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei sein oberer Teil, der stilistisch an einen Kirchenturm angelehnt wurde und mit einer zwiebelförmigen Kuppel und einem Kreuz gekrönt ist, im Jahre 1856 ergänzt wurde. Das bogenförmige Heilige Tor, welches jeder Besucher des Klosters durchläuft, ist in seinem Inneren durch Fresken geschmückt, die unter anderem das Leben des Heiligen Sergius zum Thema haben. Einer der bekanntesten Wehrtürme ist darüber hinaus der Ententurm. Dieser Name soll laut einer Legende dadurch zustande gekommen sein, dass der damals noch nicht zum Zaren gekrönte Peter der Große, als er sich zur Zeit der Strelizenaufstände im Kloster verborgen hielt, zum Zeitvertreib von diesem Turm aus Enten am nahe gelegenen Teich geschossen haben soll. Später soll dann zur Erinnerung daran die Spitze des Turms mit einer Entenfigur geschmückt worden sein, die dort bis heute aufgestellt ist. Der Ententurm weist eine Höhe von 22 m auf.245 Die beiden anderen Türme mit Toren sind der Wasserturm an der südwestlichen Ecke der Mauer und der Pfortenturm am Nordabschnitt der selbigen. Das Wasserturm-Tor stammt aus dem 16. Jahrhundert und diente einst der Versorgung des Klosters mit Wasser aus dem nahen Kellermeisterteich. Der eigentliche Turm, der ein achteckiges Profil mit einem Durchmesser von 18 m bei einer Höhe von 25 m aufweist, wurde in 244 Hauptmann, P./Sticker, G.: Die orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860– 1980), Göttingen 1988, S. 67 245 Manushina, T. N./Nikolayeva, S. V./ Zaritskaya, O. I.: Sergijew Possad. Museumsreservat, Moskau 2001, S. 23 103 der jetzigen Form im frühen 17. Jahrhundert, nach der Belagerung durch Polen-Litauen, errichtet. Der Pfortenturm wurde in seiner heutigen Gestalt in den Jahren 1759–1772 errichtet und ist vermutlich nach seinem Tor benannt, welches bis auf eine kleine Pforte meist verschlossen blieb. Die weiteren Wehrtürme in der Klostermauer sind: der Freitagsturm an der südöstlichen Ecke der Mauer, der Zwiebelturm, der seinen Namen einem einst davor gelegenen Zwiebelgarten verdankt, der Bierturm, in dem ursprünglich Nahrungsmittelvorräte gelagert wurden, ferner der Kellermeisterturm, der Zimmermannturm, der Klingelturm und der Trockenturm. Nach der Entstehung unabhängiger Staaten aus der Sowjetunion bildeten sich eigene nationale orthodoxe Kirchen.246 Die Weißrussisch-Orthodoxe Kirche, die Moldauisch- Orthodoxe Kirche, die Russisch-Orthodoxe Kirche in Kasachstan und die die autonome Ukrainisch-Orthodoxe Kirche blieben beim Patriarchat Moskau. Innerkirchlich stark umstritten war die Heiligsprechung des letzten Zaren und seiner Familie, die unter Lenin getötet worden waren.247 Als Kompromiss wurden sie zwar heiliggesprochen, aber nicht offiziell als Märtyrer benannt. Wladimir Putin gibt sich heute betont gläubig. In ihren ökumenischen Kontakten distanziert sich die Kirche von anderen Kirchen, deren Amtsträger nicht im Einklang mit russisch-orthodoxen Vorstellungen über die Rollen von Männern und Frauen leben (so z. B. Gene Robinson und Margot Käßmann). Im Juli 2008 beschloss die russische orthodoxe Kirche ihre Grundlagenlehre über die Würde, die Freiheit und die Menschenrechte. Dieses Lehrdokument knüpft an die im August 2000 verabschiedete Sozialdoktrin an und dient als Basis des gesellschaftlichen Dialogs zu Menschenrechtsfragen auf nationaler und internationaler Ebene. An der Ausarbeitung der russischen Erklärung der Menschenrechte, die 2006 vom Weltkonzil des Russischen Volkes beschlossen wurde, hatte die russische orthodoxe Kirche wesentlichen Anteil.248 246 Roberti, J.-C.: Histoire de l'Église russe, Paris 1995, S. 104 247 Destivelle, H.: Le Concile de Moscou (1917–1918): la création des institutions conciliaires de l'Église orthodoxe russe, Paris 2006, S. 125 248 Hauptmann, P./Sticker, G.: Die orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860– 1980), Göttingen 1988, S. 78 104 Seit 2006 ist der Religionsunterricht in russischen Schulen wieder eingeführt. Die Russisch-Orthodoxe Kirche plädiert auch für eine Stärkung des russischen Staates und eine Entwicklung von nationalen geistigen Werten. Die bedeutendsten Bildungseinrichtungen der Russisch-Orthodoxen Kirche sind die Moskauer Geistliche Akademie, die Geistliche Akademie Sankt Petersburg sowie die 1990 gegründete Orthodoxe Universität „Hl. Johannes der Theologe“ in Moskau.249 Daneben existieren das Orthodoxe Seminar St. Tichon, die Orthodoxe Universität Wolgograd, die Höhere Theologische Schule St. Philaret und die Theologische Fakultät Minsk. Im November 2010 verabschiedet die russische Duma ein Gesetz zur Rückgabe von 1917 enteignetem Kircheneigentum. Dieses Gesetz sorgte insbesondere in der Oblast Kaliningrad, die 1917 nicht zu Russland gehörte und wo die Russisch-Orthodoxe Kirche keinen Besitz hatte, für Diskussionen, da dort ehemals von evangelisch-lutherischen oder römisch-katholischen Gemeinden genutzte Besitztümer an die orthodoxe Kirche fielen. Dies wurde damit begründet, dass die genannten Glaubensrichtungen im Gegensatz zur orthodoxen Kirche heute nicht mehr in großem Maße in dieser Region präsent seien. 249 Metropolit Pitirim von Volokolamsk und Jurjev (Hrsg.): Die russische orthodoxe Kirche, Berlin – New York 1988., S. 120

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dem Wesen nach war St. Petersburg schon immer eine Kulturmetropole. Dostojewski, Puschkin, Tschaikowski oder Schostakowitsch stehen nur stellvertretend für die erlesene Liste von Persönlichkeiten, die sich hier auf kulturellem Gebiet hervorgetan und es dabei nicht selten zu Weltruhm gebracht haben. Im Gegensatz zu vielen selbst ernannten kulturellen Hochburgen des Westens wird Kunst an der Newa noch immer gelebt und bleibt dank zahlreicher Museen, Theater und Musikspielhäuser allgemein zugänglich.

Michael Lausberg stellt die wichtigsten künstlerischen wie architektonischen Exponate der Stadt vor, darunter die Eremitage samt Winterpalais und Eremitage-Theater, die Peter-und-Paul-Festung, den Peterhof und seine Gärten, den Katharinenpalast, das Russische Museum, den Stroganow-Palais, das Alexander-Newski-Kloster, die Isaakskathedrale, die Kasaner Kathedrale und die Auferstehungskirche. Zur Einbettung in einen historischen Kontext spannt der Autor den Bogen von Katharina II. über Alexander Newski bis hin zu der Bedeutung und den Glaubensinhalten der russisch-orthodoxen Kirche, klärt auf über die wichtigsten Kunststile im Russischen Reich und in der Sowjetunion und bringt bedeutende Künstler wie Malewitsch, El Lissitzky, Kandinsky, Tatlin, Majakowski oder Rodschenko anhand ausgewählter Werke näher.