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Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Waldemar Vogelgesang Luisa Kersch Eifeljugend heute Waldemar Vogelgesang Luisa Kersch Eifeljugend heute Leben in der urbanisierten Provinz Tectum Verlag Waldemar Vogelgesang Luisa Kersch Eifeljugend heute. Leben in der urbanisierten Provinz Tectum Verlag Marburg, 2017 ISBN: 978-3-8288-6646-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3885-7 im Tectum Verlag erschienen.) Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 5 Vorwort (v. Mirijam Günter) „Nichts kommt dem Landleben gleich. Es vermittelt mehr echte Freuden als irgendeine andere Lebensweise“, schrieb die neuseeländisch-britische Schriftstellerin Katherine Mansfield, die von 1889 bis 1923 lebte. Freude? Mindestens mehr Fantasie ist gefragt, wenn man in so manchem Dorf in der Eifel lebt, wenn der Bus nämlich gar nicht oder nur zweimal am Tag fährt, örtliche Strukturen weggebrochen, beziehungsweise für Jugendliche schon lange nicht mehr vorhanden sind. Woran es mangelt und was sich die jungen Leute in der Eifel wünschen, darum geht es u.a. in diesem Buch. In den vielen Jahren, in denen ich in die Eifel fahre, habe ich so gut wie nie einen jungen Menschen über diese Zustände jammern gehört, sondern sie haben eine erstaunliche Improvisationskunst an den Tag gelegt, um doch ihre Freunde treffen zu können, in die Stadt zu kommen, um mal zu shoppen oder Fußmärsche bei Regen und Kälte in Kauf genommen, um in das nächst größere Dorf zu kommen, wo noch ein Bus einen irgendwo hinbringt. Freundschaften werden anders gepflegt, man ist nämlich auch aufeinander angewiesen. Das arrogante Auftreten mancher Stadtbewohner habe ich nie verstanden. Irgendwas ist doch in der Eifel immer los und irgendwie kommen die Jugendlichen immer dorthin. Okay, so manch ein Elternteil hat die Nächte wahrscheinlich verflucht, wo er seine pubertierenden Kinder mitsamt ihren Freunden durch die halbe Eifel kutschieren musste. Aber Langeweile habe ich bei Eifler Jugendlichen nie angetroffen. Und was unterscheidet diese Jugendlichen sonst? Die Pubertät bleibt was sie ist, der erste Liebeskummer ist einzigartig und schlimm (Wehe dem Herzen, das in seiner Jungend nicht geliebt hat, schrieb schon Iwan Sergejewitsch Turgenjew). Einige habe ich in den Jahren kennengelernt, die von der Eifel in die Stadt zogen und vor Heimweh fast zerbrochen sind. Gut, dass sie wieder zurückgezogen sind. Manche sind in der Stadt geblieben, ich kenne keinen, der mit der Eifel komplett gebrochen hat. Viele der jungen Menschen in der Eifel haben eine große Fantasie, wenn es um Projekte in ihren Dörfern und Kleinstädten geht. Nicht immer sind diese von Dauer. Aber ist das bei uns Erwachsenen so? Wie überall sollten man auch in der Eifel ein Ohr für die jungen Menschen haben, ihre Träume nicht belächeln, sondern im günstigsten Fall unterstützen. Die Begeisterung, die sie für Dinge aufbringen, sollte uns erwärmen. Und natürlich weiß man als Fünfzehnjähriger vieles besser – na und? Manchmal ist mir ein Jugendlicher mit seinen verrückten Ideen 6 lieber als abgeklärte Erwachsene, die schon alles gesehen haben. Die jungen Menschen leben in der Welt, die wir ihnen gegeben haben. Wir sind nicht mehr in die dörflichen Kneipen gegangen, die dann aufgeben mussten. Wir sind auf die grüne Wiese gefahren und haben dort eingekauft und haben damit das örtliche Geschäftsleben zum Erliegen gebracht. Die Reihe der Aufzählung lässt sich fortführen. Und wenn kein Treffpunkt für jüngere Menschen vorhanden ist, dann müssen diese sich halt im Dorf und Stadtkern treffen, wo es etwas lauter wird. Oder übersetzen wir es mal mit einem Satz der deutschen Kriminologin Ute Claas: Erwachsene beschäftigen sich zu wenig mit den Problemen von Jugendlichen, sondern viel mehr mit den Problemen, die ihnen Jugendliche machen. Vielleicht ist das Leben in der Eifel etwas ungekünstelter als in der Stadt, mehr mit der Natur verbunden ist es sowieso, was viele Jugendliche in der Eifel lieben. Wer den Frühling riechen kann, den Sommer schmecken und den Herbst schon vor seinem Beginn erfühlen kann, der wird vielleicht erahnen können, was die anfangs zitierte Schriftstellerin mit ihrem Zitat ausdrücken wollte. Im Winter an einem Nachmittag in einem dunklen Ort in der Eifel zu sitzen, die Kälte zu spüren und keine Menschenseele weit und breit zu sehen, wer darin Schönheit entdecken kann, der muss ein Jugendlicher aus der Eifel sein. In diesem Sinne, vergessen wir Konfuzius nicht: Achte die Jugend, du weißt nicht, wie sie sich entwickeln wird! 7 Inhaltsverzeichnis Vorwort ........................................................................................ 5 Inhaltsverzeichnis ...................................................................... 7 Abbildungsverzeichnis ........................................................... 11 Tabellenverzeichnis ................................................................ 15 1 Einleitung ........................................................................ 17 2 Zielsetzung und methodisches Vorgehen ................ 21 2.1 Untersuchungsziel und Durchführung der Befragung .......... 21 2.2 Anlage der Untersuchung, Erhebungsmethode und Ausschöpfungsquote ................................................................... 23 3 Bildung, Qualifikation und ‚Work-Life-Balance’ ... 27 3.1 Schule und Bildung ..................................................................... 28 3.1.1 Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit .... 28 3.1.2 Anstieg des formalen Bildungsniveaus .................. 29 3.1.3 Bildung und Region .................................................. 30 3.1.4 Geschlechts- und herkunftsspezifische Bildungsunterschiede ............................................... 32 3.1.5 Qualifikationsmentalität ........................................... 37 3.2 Berufsausbildung und Übergangsmanagement ..................... 38 3.2.1 Ausbildungsbereiche und vielfältige Übergänge ................................................................... 40 3.2.2 Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten .................................................. 46 3.2.3 Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl .................................................................. 47 3.2.4 Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion ................................................................... 49 3.2.5 Mobilitätsinvestitionen: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort .............................................. 53 3.3 Generation Y: Work-Life-Balance im Jugendalter .................. 56 8 3.3.1 Kreatives Faulenzen .................................................. 57 3.3.2 Familienorientierung ................................................. 59 3.3.3 Streben nach Sicherheit und Beständigkeit ........... 63 3.3.4 Verantwortungsbewusstsein und interne Kontrollüberzeugungen ........................................... 66 3.3.5 Zukunftssicht ............................................................. 69 4 Freizeit, Medien, Jugendeinrichtungen .................... 75 4.1 Freizeitaktivitäten ........................................................................ 75 4.1.1 Formen und Orte der Freizeitgestaltung ............... 76 4.1.2 Freizeittypen und sozialstrukturelle Differenzierungen ...................................................... 78 4.1.3 Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen .............................................................. 80 4.1.4 Freizeitzufriedenheit und Defizite im Freizeitangebot ........................................................... 83 4.2 Mediennutzung ............................................................................ 88 4.2.1 Umfang und Muster des Mediengebrauchs .......... 89 4.2.2 Mediennutzung in sozio-demographischer Perspektive ................................................................. 90 4.2.3 Art und Inhalte der Computer- und Internetnutzung ......................................................... 93 4.2.4 Fantum und jugendkulturelle Szenen .................... 99 4.3 Besuch von Jugendeinrichtungen ............................................ 106 4.3.1 Besuchsfrequenz und Sozialmerkmale der Besucher .................................................................... 106 4.3.2 Regionale Unterschiede in der Besuchsfrequenz ...................................................... 110 4.3.3 Jugendeinrichtungen als ‚Wohlfühlfaktor’ .......... 114 4.4 Offener Jugendtreff in A-Dorf – eine Geschichte des Scheiterns? .................................................................................. 117 4.4.1 Geschichte des Jugendraums ................................. 118 4.4.2 ‚Rettungsversuche’ .................................................. 121 4.4.3 Zukunftsaussichten ................................................. 123 9 5 Politik und Partizipation ........................................... 127 5.1 Politisches Interesse: Ausprägung und Trendwende ........... 128 5.2 Politikbezogene Themenfelder ................................................ 131 5.3 Formen der Partizipation .......................................................... 136 5.4 Interferenz lebensweltlicher und jugendkultureller Beteiligung .................................................................................. 143 5.5 Exkurs: Die Hardcore-Szene als politisierte Jugendkultur .. 147 6 Glaubensbindung und kirchlich-religiöse Praxis .............................................................................. 155 6.1 Konfessionszugehörigkeit ........................................................ 155 6.2 Religiöse Selbsteinschätzung und Glaubensüberzeugungen .......................................................... 156 6.3 Religiöse Praktiken und Kirchenbindung .............................. 160 6.4 Religion als Privatsache ............................................................ 164 6.5 Signaturen der Jugendreligiosität in der Gegenwart ........... 168 7 Bleibeorientierung, Abwanderung und Rückkehrabsicht .......................................................... 175 7.1 ,Bleiben oder Gehen‘ – eine pragmatische Entscheidung .... 175 7.2 Einflussfaktoren auf die ‚residenzielle Mobilität‘ ................. 180 7.3 Ortsbindung und Wohnortverantwortung ............................ 187 8 Zusammenfassung und Ausblick ............................ 195 9 Literaturverzeichnis .................................................... 209 11 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Derzeitige Tätigkeit - 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................... 29 Abbildung 2: Bildungsniveau – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................... 30 Abbildung 3: Bildungsniveau nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) ................................................................................... 31 Abbildung 4: Hohes Bildungsniveau in den Verbandsgemeinden in Abhängigkeit von der Ortsansässigkeit (Angaben in Prozent) ......... 32 Abbildung 5: Bildungsniveau nach Geschlecht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ............................................................ 33 Abbildung 6: Bildungsniveau nach Nationalität – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ............................................................ 35 Abbildung 7: Ausbildungsbereiche – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................... 41 Abbildung 8: Ausbildungsbereiche nach Geschlecht (Angaben in Prozent) ................................................................................... 42 Abbildung 9: Ausbildungsbereiche nach Vorbildungsniveau (Angaben in Prozent) ................................................................................... 44 Abbildung 10: Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) ................................................................................... 47 Abbildung 11: Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl (Angaben in Prozent) ................................................................................... 48 Abbildung 12: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion (Angaben in Prozent) ............................................................... 50 Abbildung 13: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion nach Wissen über regionale Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) .............................................. 52 Abbildung 14: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort (Angaben in Prozent) ................................................................................... 53 Abbildung 15: Entfernungen zum Arbeitsplatz: tatsächlich und zukünftig (Angaben in Prozent) ................................................................. 54 Abbildung 16: Freizeitaktivität „Faulenzen/Chillen“ – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................... 58 12 Abbildung 17: Freizeitgestaltung mit der Familie – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................... 60 Abbildung 18: Kinderwunsch (Angaben in Prozent) .............................. 61 Abbildung 19: Zustimmung zu Selbstentfaltungswerten – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................... 63 Abbildung 20: Vertrauen in Institutionen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ............................................................ 65 Abbildung 21: Wertedimension „Prosozialität“ (Angaben in Prozent) ................................................................................... 66 Abbildung 22: Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) ................................................................................... 68 Abbildung 23: Kontrollüberzeugungen nach Bildungsniveau (Angaben in Prozent) ................................................................................... 69 Abbildung 24: Zukunftssicht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................... 70 Abbildung 25: Zukunftssicht nach Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) ................................................................................... 72 Abbildung 26: Freizeitaktivitäten – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „oft“; Angaben in Prozent) ....................................... 76 Abbildung 27: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................... 84 Abbildung 28: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach Verbands- gemeinden (Antwortkategorien: „sehr zufrieden“ und „zufrieden“; Angaben in Prozent) .............................................................. 85 Abbildung 29: Mediennutzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) .......................................................................................................... 89 Abbildung 30: Inhalte und Intensität der Computer- und Internetnutzung (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) ..................................................................................... 94 Abbildung 31: Praktiken und Bedeutungsdimensionen des Fantums (Angaben in Prozent) ................................................................. 101 Abbildung 32: Besuch von Jugendeinrichtungen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................. 107 Abbildung 33: Besuchsintensität von Jugendeinrichtungen in den einzelnen Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) .......................... 110 13 Abbildung 34: Wunsch nach mehr Jugendeinrichtungen differenziert nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) ........... 113 Abbildung 35: Freizeitzufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) ................................... 115 Abbildung 36: Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) ................................... 116 Abbildung 37: Interesse an Politik in Abhängigkeit von „Kontrollüberzeugungen“ (Angaben in Prozent) .................................. 130 Abbildung 38: Politische Engagementformen (Angaben in Prozent) ................................................................................. 137 Abbildung 39: Ehrenamtliche Engagementbereiche (Angaben in Prozent) ................................................................................. 141 Abbildung 40: Ehrenamtshindernisse – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................ 142 Abbildung 41: Religiöse Selbsteinschätzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................ 157 Abbildung 42: Alltagsrelevanz des Glaubens (Angaben in Prozent) ................................................................................. 158 Abbildung 43: Glaube an Leben nach dem Tod in Abhängigkeit von der Religiosität (Angaben in Prozent) .............................................. 160 Abbildung 44: Gottesdienstbesuch – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................. 161 Abbildung 45: ‚Verdecktes’ Interesse an Religion (Angaben in Prozent) ................................................................................. 165 Abbildung 46: Bleibeorientierung – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) ................................................................................. 179 Abbildung 47: Bleibeorientierung nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) ................................................................................. 180 Abbildung 48: Bleibegründe (Angaben in Prozent)............................... 184 Abbildung 49: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von der Einschätzung der regionalen Berufsperspektiven (Angaben in Prozent) 186 Abbildung 50: Positives Image der Eifelregion (Angaben in Prozent) ................................................................................. 189 Abbildung 51: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von der heimatlichen Ortsbindung (Angaben in Prozent) .................................. 191 14 Abbildung 52: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von Eigenverantwortung für das dörfliche Gemeinwesen (Angaben in Prozent) ... 193 15 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Themenfelder der Jugendbefragung ........................................ 22 Tabelle 2: Stichprobengröße und Ausschöpfungsquote in den Jugendsurveys 2000 und 2011 nach Erhebungsregionen ........................ 24 Tabelle 3: Dimensionen der Freizeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „öfter“; Angaben in Prozent) .............. 79 Tabelle 4: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) .............. 81 Tabelle 5: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ................................................................................... 82 Tabelle 6: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ............................. 84 Tabelle 7: Verbesserungsvorschläge für das Freizeitangebot im Wohnort (Angaben in Prozent) ................................................................... 86 Tabelle 8: Mediennutzung nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) ..................................................................................... 91 Tabelle 9: Sozio-demographische Struktur der Besucher von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) ........................................... 109 Tabelle 10: Interesse an Politik nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ............................................................ 128 Tabelle 11: Interesse an politischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ........................... 132 Tabelle 12: Interesse an lokalpolitischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ........................... 135 Tabelle 13: Ehrenamtliches Engagement nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ........................... 140 Tabelle 14: Konfessionszugehörigkeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ............................................................ 155 Tabelle 15: Verbundenheit mit der Kirche nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ........................... 163 Tabelle 16: Bleibeorientierung nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) ............................................................ 181 17 1 Einleitung „Und wo sind all die Mädchen? Wo sind all die Freunde hin? Die das eingegrabene Städtchen, bepinselt haben mit Sinn. Sie suchen nach dem Glück in Berlin.“ So lauten einige Verse aus dem Song Berlin der Punkrock-Band Jupiter Jones. In dem Lied thematisieren die Musiker, die aus der Verbandsgemeinde Prüm im Eifelkreis stammen, die Abwanderung junger Erwachsener aus ihrer Heimat. Die Stadt Berlin steht dabei als Symbol für die Fremde, das weiter Entfernte, das nicht Heimatliche, der Ort in der Fremde, in dem die Lebensvorstellungen und -wünsche junger Menschen vom Land scheinbar besser zu erfüllen sind. Lange Zeit galten die Landflucht und deren Folgewirkungen als ein spezifisch ostdeutsches Jugendproblem.1 Doch auch im Westen der Bundesrepublik Deutschland geht in der Hälfte der ländlichen Regionen die Bevölkerung zurück, verlassen immer mehr Jugendliche ihren Herkunftsort, um in der Stadt ihr Auskommen zu finden.2 Dies hat zur Folge, dass sich die Altersstruktur in ländlichen Regionen deutlich verschiebt und Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend in eine Minderheitenrolle geraten. Landflucht scheint für viele zum Gebot der Stunde zu werden, um Benachteiligungen beim Zugang zu Ausbildung, Arbeit, Freizeit und Mobilität zu entgehen. Vieles spricht auf den ersten Blick für eine sich verstärkende Abwanderungsmentalität von Landjugendlichen, gilt doch das Jugendalter als eine Lebensphase, in der die Entwicklung und der Erwerb von Kompetenzen, die Herausbildung von Identität und die Befähigung zur Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben im Mittelpunkt stehen.3 Damit verbunden ist die Tatsache, dass Erfahrungen zunehmend außerhalb des Elternhauses und zusammen mit Gleichaltrigen erworben werden. In einer ländlichen Region aufzuwachsen erscheint vor diesem Hintergrund als Ausschluss aus zentralen Beteiligungskontexten, die für die jugendliche Entwicklung konstitutiv und förderlich sind. Verständlicherweise wird dann in der aktuellen Jugendforschung die Frage gestellt: „Jugendliche auf dem Land: abgehängt und ausgegrenzt?“4 Auch wenn angesichts der unterschiedlichen strukturellen Gegebenheiten ländlicher Regionen Pauschaldiagnosen über jugendliche Abwande- 1 Vgl. Schubarth/Speck 2009. 2 Vgl. Maretzke/Weiss 2009. 3 Vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012. 4 Beierle 2013, S. 17. 18 rungstendenzen nicht angebracht sind, so kommt der Frage: ‚Gehen oder Bleiben?’ doch eine eminent wichtige Bedeutung zu. Sie stellt im Kern auch das Leitthema dar, das der Untersuchung der Lebenswelt und Zukunftspläne der Landjugend zugrunde liegt. Denn im Zentrum steht die Frage: Sind die Jugendlichen in der Eifel für die Zukunft gerüstet und sehen sie in der Region genügend Handlungsoptionen, um ihre schulischen, beruflichen und freizeitlich-kulturellen Interessen zu verwirklichen? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen haben wir versucht, möglichst authentisch und detailgenau die Lebensverhältnisse und Zukunftssicht der Jugendlichen im Eifelkreis Bitburg-Prüm in Erfahrung zu bringen. Teilweise im Stile von Ethnologen wurden zu Beginn des Projekts mit einer größeren Zahl von jungen Menschen explorative Gespräche in ihrer normalen Alltagsumgebung geführt, um vor Ort und aus erster Hand die Distanz zu ihnen so gering wie möglich zu halten. Diese Gespräche waren eine fruchtbare Quelle für eine „partizipative Forschungspraxis“5, deren Lebensweltnähe die Grundlage für die sich anschließende standardisierte und repräsentative Jugendbefragung bildete. In einem zoomartigen Wechselspiel zwischen Nähe und Ferne, Beobachtung und Reflexion, Detailorientierung und Strukturerkennung galt es, die Optik scharfzustellen für die jugendtypischen Formen der Alltagsgestaltung und Lebensplanung und ihre vielschichtigen Facetten und Verschränkungen. Ohne die Auskunftsfreude und die Mitwirkungsbereitschaft der befragten Jugendlichen wäre dies nicht möglich gewesen. Ihnen ist deshalb diese Forschungsarbeit auch zugeeignet. Dank gilt weiterhin den studentischen Projektmitarbeiter/Innen (Valentin Ardelean-Kaiser, Julie Bleser, Alisa Block, Björn Bohn, Simon Esch, Ann-Kristin Fritz, Lisa Krämer, Philipp Krebs, Lisa Kremers, Alexandra Lehmann, Lawreen Masekla, Christiane Metzler, Kerstin Müller, Yanica Reichel, Florian Schaaf, Nora Servatz) und den Projektmentor/Innen (Susanne Backes, Jean-Philippe Décieux, Midia Majouno, Tina Winter), die durch ihre engagierte und akribische Arbeit die Voraussetzung schufen, um den vorliegenden ‚Datenberg’ gleichermaßen anzuhäufen und abzutragen. Zu Dank verpflichtet sind wir auch unseren Förderern – namentlich der Kreisverwaltung Bitburg-Prüm, dem Bischöflichen Generalvikariat Trier, den Sparkassen der Region und der Nikolaus Koch Stiftung – und externen Unterstützern und Ideengebern (Bettina Bartzen, Stephanie Fehres, Marlen Meyer, Gerrit Wanken) für die stets konstruktive Begleitung unseres Projekts. Nicht zuletzt ist Tara Al Okaidi für die Layoutgestaltung zu danken, deren ansprechende tabellarische 5 Vgl. von Unger 2014. 19 und graphische Darstellungen unverzichtbar sind, um den Blick auf eine sozial und regional differenzierte Jugendlandschaft freizugeben. 21 2 Zielsetzung und methodisches Vorgehen 2.1 Untersuchungsziel und Durchführung der Befragung Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Denn Individualisierungsprozesse rücken angesichts zunehmender Wahlfreiheiten das individuelle Tun und die Eigenverantwortung ins Zentrum der Daseinsgestaltung. Der Tenor ist eindeutig: Für die Jugendlichen haben sich die Möglichkeitsräume enorm erweitert. Aber trifft das auch für die Eifeljugend zu? Die Frage gewinnt noch zusätzlich an Relevanz, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Lebensbewältigung von Landjugendlichen nicht nur vor dem Hintergrund allgemeiner Optionalisierungs- und Individualisierungsprozesse stattfindet, sondern darüber hinaus im Spannungsfeld steht zwischen Tradition und Moderne, zwischen Dorfverbundenheit und Mobilität und zwischen örtlichen Vereinen und den selbstgewählten Cliquen und Jugendszenen. Für sie drückt sich nämlich der Modernisierungsschub in einem unübersichtlichen Nebeneinander von Weltanschauungen, verschiedenen Werten, Normen und Verhaltensmustern aus. Sie müssen sich zum einen mit Traditionen der Elterngeneration und historischen Überbleibseln in ihrer dörflichen Umgebung auseinandersetzen – vor allem der sozialen Kontrolle durch Nachbarschaft und dörfliche Öffentlichkeit – und zum anderen mit globalen Veränderungsprozessen, die sich durch die Expansion des Bildungssystems, die Dynamik der Arbeitswelt und der medialen Durchdringung der Lebenswelt ergeben haben. Wie bewerkstelligen die Jugendlichen in der Eifel diesen Spagat zwischen dem Überangebot von medial vermittelten Handlungsstilen, Lebensentwürfen und Sinnangeboten und den Zwängen und Einschränkungen ländlicher Räume? Sehen sie in ihrer Heimatregion für sich eine Zukunft oder nehmen sie ihr ländliches Milieu eher als Hemmschuh war, der das Eigentliche und Bessere gerade verpassen lässt? Die Jugendlichen – und dies nicht nur in der Eifel – müssen zudem mit der Unsicherheit fertig werden, dass sie nur sehr bedingt die Folgen ihrer Entscheidungen absehen können, und „dass es eine Lücke gibt zwischen theoretischen Möglichkeiten und realen Chancen, die nur teilweise zu überbrücken ist. Viele haben keine Chance, auch nur annähernd befriedigende Lösungen für sich zu finden. Die ‚Lebenskunst‘ besteht dann 22 darin, mit den nicht gelebten, mit den nicht realisierbaren Möglichkeiten zurechtzukommen.“6 Will man diese Lebenskunst für die Eifeljugend genauer beleuchten, dann ist die Aufmerksamkeit nicht mehr primär auf den von der älteren Jugendforschung betonten Übergangscharakter dieses Lebensabschnitts zu richten, sondern eher den hier sichtbar werdenden Entscheidungsspielräumen aber auch -beschränkungen nachzuspüren. Nicht die Jugendphase als Durchgangsstadium ist zum Thema zu machen, vielmehr gilt es die eigenständige Auseinandersetzung der Jugendlichen mit widersprüchlichen Erwartungen und den damit immer auch verbundenen Scheiternsrisiken zu untersuchen. Die nachfolgende Darstellung gibt die thematische Struktur des Fragebogens wieder. Tabelle 1: Themenfelder der Jugendbefragung Freizeit, Medien und Konsum Ziele, Orientierung und Zukunft Kirche, Glauben und Religion Politik und soziales Engagement Angaben zur Person Freizeitaktivitäten Wertbindung Konfession Politisches Interesse: lokal vs. überlokal Geschlecht Mobilität Lebensziele Kirchlichkeit Politikbezogene Themenfelder Alter Verein Partnerschaft, Heirat, Kinderwunsch Religiosität, Jenseitsglaube Politisches Engagement Familienstand Brauchtum Beziehung zwischen Jung und Alt Alltagsrelevanz von Religion Freiwilligenarbeit/ Ehrenamt Nationalität Jugendszenen Beziehung zwischen Einheimischen und Ausländern Weltjugendtag 2005 in Köln Vertrauen in Institutionen Wohnort Medien Gesellschaftliche Problemlagen Spiritismus Ortsbindung und Abwanderungstendenzen Eltern, Geschwister Konsum, Markenorientierung Zukunftseinschätzung Neue religiöse Glaubens- und Sozialformen Lebensweltliche Beteiligungskultur Wohnen, Haushalt Mediennutzung und Jugendszenen Migration und Integration Religiöse Schweigspirale Politisierte Jugendkultur: die Hardcore-Szene (Aus-)Bildung/ Beschäftigung Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wir haben versucht, diesem voraussetzungsvollen und riskanten Prozess der jugendlichen Alltagsgestaltung, Identitätsfindung und Zukunftsplanung durch eine vergleichende Perspektive der Untersuchungsanlage und Themenwahl Rechnung zu tragen. Der Vergleich hat 6 Lüders 1997, S. 6. 23 dabei sowohl Längsschnitts- als auch Querschnittscharakter. Denn es werden einerseits Bezüge zu einer früheren Jugendstudie hergestellt, andererseits wird die aktuelle Lebenssituation der Eifeljugend auch in einer Stadt-Land-Perspektive betrachtet. Um diese Vergleichbarkeit zu ermöglichen, lehnt sich die Themenauswahl und Operationalisierung an die frühere Jugendstudie an, ergänzt und akzentuiert diese jedoch angesichts aktueller Entwicklungen und Problemlagen. 2.2 Anlage der Untersuchung, Erhebungsmethode und Ausschöpfungsquote Unsere aktuelle Jugenduntersuchung wurde, wie bereits erwähnt, als komparative bzw. replikative Surveystudie konzipiert und im Jahr 2011 durchgeführt. Inhaltlich, methodisch und räumlich schließt sie an eine Erhebung aus dem Jahr 2000 an. Mittels eines weitestgehend standardisierten Fragebogens wurden in beiden Surveys Jugendliche im Alter von 14 bis 25 Jahren in Trier und in den Landkreisen Trier-Saarburg und dem Eifelkreis befragt (in der 2000er Studie zusätzlich noch im Landkreis Daun). Das Erhebungsgebiet liegt im westlichen Teil von Rheinland-Pfalz in Grenznähe zu Luxemburg. Aufgrund der wirtschaftlichen und demographischen Bedingungen kann von einer gleichbleibenden, wenn nicht sogar aufstrebenden Region ausgegangen werden. Als Orientierung dienen die Ergebnisse einer Studie, in der aus einem Mix von Individual- und Strukturdaten der gesamtdeutsche Raum in drei Regionstypen klassifiziert wird: aufwärtsstrebende Regionen (19%), gleichbleibende Regionen (66%) und abwärtsdriftende Region (15%).7 Um möglichst detailliert die Lebenssituation der Jugendlichen und auch ihre Veränderung zu beschreiben, wählten wir für beide Befragungsstudien eine Stichprobengröße, die auch für Tiefen- und Subgruppenanalysen noch verallgemeinerbare Aussagen ermöglicht. Die Anschriften der Jugendlichen wurden nach dem Zufallsprinzip aus den Angaben der Einwohnermeldeämter ermittelt. Bereinigt um die in jeder empirischen Untersuchung vorkommenden Stichprobenausfälle (etwa durch falsche Adressen oder Verweigerungen) standen uns im 2000er Survey n=1.728 und im 2011er Survey n=2.728 auswertbare Datensätze zur Verfügung. Stichprobenumfang und Ausschöpfungsquote in den beiden Surveys sind in Tabelle 2 genau spezifiziert. 7 Vgl. Hüpping/Reinecke 2007, S. 82. 24 Tabelle 2: Stichprobengröße und Ausschöpfungsquote in den Jugendsurveys 2000 und 2011 nach Erhebungsregionen 2000er Survey 2011er Survey Größe der Stichprobe (n) Rücklaufquote (%) Größe der Stichprobe (n) Rücklaufquote (%) Trier 536 71 1.026 21 Trier-Saarburg 450 72 908 36 Bitburg-Prüm 476 68 794 32 Daun 263 39 - - Gesamt 1725 58 2.728 27 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Trotz unterschiedlich hoher Ausschöpfungsquoten, die in engem Zusammenhang mit der gewählten Erhebungsmethode zu sehen sind – im 2000er Survey erfolgte die Befragung mündlich, im 2011er Survey schriftlich –, ist insgesamt eine hohe Datengüte gegeben, so dass die erhobenen Befunde verallgemeinerbar sind. Allerdings sind dabei die räumlichen Gegebenheiten immer mit zu berücksichtigen. Siedlungsstrukturell ist die Region ländlich geprägt, aber durch Mobilität, Zuzugs- und Wegzugsbewegungen und nicht zuletzt der Ausbreitung elektronischer Kommunikationsmedien löst sich hier der Dualismus von Stadt und Land zunehmend auf, sind städtische Lebensbedingungen und Lebensformen auch im ländlichen Raum anzutreffen. Die Verknüpfung urbaner Elemente und dörflicher Strukturen erzeugt einen neuen Gebietstypus, der in der siedlungsgeographischen und raumsoziologischen Forschung unter Begriffen wie „hybride ländliche Räume“8, „Counterurbanisierung“9 oder „urbane Dörfer“10 gefasst wird – eine Entwicklung, die auch in der Daseinsgestaltung und Zukunftsplanung der Eifeljugend tiefgreifende Spuren hinterlässt. Räumliche und zeitliche Aspekte werden in der Untersuchung zu strukturellen Indikatoren, um Unterschiede und Veränderungen in der Lebenswelt und im Selbstverständnis Jugendlicher sichtbar zu machen. Eine vergleichende Untersuchungsanlage hat somit auch eine wichtige Indikatorfunktion für sozialen Wandel im Jugendbereich. Sie ist darüber hinaus ein Seismograph für jene lebensweltlichen Räume, in denen Jugendliche in besonderer Weise unter Entscheidungsdruck geraten sind. 8 Vgl. Laschewski 2015. 9 Vgl. Redepenning 2009. 10 Vgl. Vogelgesang et al. 2015. 25 Bisweilen kann ihr auch eine Radarfunktion zukommen, in dem sich aus bestimmten Entwicklungen Trendaussagen ableiten lassen. Wiederholungsstudien erlauben somit auf eine spannende und aufschlussreiche Weise die Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zu Recht konstatieren deshalb die Autoren einer ähnlich konzipierten Untersuchung, die am Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführt wurde: „Die Besonderheit einer replikativen Studie beruht auf der Möglichkeit zur Durchführung echter Trendanalysen. Hierbei werden Veränderungen als Wandel und fehlende Veränderungen als Stabilität erfasst. Trendaussagen sind umso leichter zu treffen, je mehr Daten über verschiedene Zeitpunkte vorliegen, die den Kriterien der Replikation genügen. Im Bereich der Jugendforschung, in dem aufgrund des öffentlichen Interesses vielfältige Studien durchgeführt werden, fehlte ein solches Instrument zur Erfassung von Trends bisher.“11 11 Achatz et al. 2000, S. 24. 27 3 Bildung, Qualifikation und ‚Work-Life-Balance’ „Bildung muss in unserem Land wieder zum ‚Megathema‘ werden, wenn wir uns in der Wissensgesellschaft des nächsten Jahrhunderts behaupten wollen.“12 Welche Resonanz dieser Appell des Altbundespräsidenten Roman Herzog, geäußert auf dem Berliner Bildungsforum im Oktober 1997, hervorgerufen hat, dürfte ihn rückblickend wohl selbst überraschen. Denn Bildung ist in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der Hauptthemen im gesellschaftlichen Diskurs geworden. Ausgelöst und forciert wurde diese Entwicklung einerseits durch die fortschreitende Wissensförmigkeit des Lebens- und Berufsalltags, die aufs Engste an gestiegene qualifikatorische Voraussetzungen gebunden ist. Bildung und Wissen sind andererseits nach wie vor diejenigen kulturellen Kapitalien, über die soziale und ökonomische Lebenschancen primär vermittelt werden. Dass Bildungsinvestitionen unter Leistungs- und Aufstiegsgesichtspunkten zentrale Wettbewerbsfaktoren darstellen, ist den Jugendlichen in der Eifel bewusst. Aber sie sehen ihre qualifikatorischen Anstrengungen nicht nur unter einer Optimierungs- und Karriereperspektive. Vielmehr streben sie in ihrer Zukunftsplanung eine Balance zwischen den kompetenzorientierten schulischen, ausbildungs- und berufsspezifischen Handlungsfeldern und ihren privaten Lebensbereichen an, wobei Begrenzung, Sicherheit, Selbstbestimmung und Zeitautonomie zu neuen Leitideen werden in einer komplexen und hoch mobilen Welt, die Soziologen unter dem Etikett „Beschleunigungsgesellschaft“13 zu fassen versuchen. Ob der Pragmatismus, mit dem Jugendliche in der Eifel und anderswo derzeit ihren Alltag gestalten und ihre Zukunft planen, Vorbote einer neuen „Generation Biedermeier“14 ist, dürfte zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer verifizierbar sein. Offenkundig ist aber das Bestreben junger Menschen, sich den durch Internet und Globalisierung hervorgerufenen Entgrenzungen nicht bedingungslos auszuliefern, nicht um jeden Preis karrierefixiert zu sein, sondern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen fremd- und selbstbestimmten Handlungszielen und -feldern anzustreben. Dass damit bereits in jungen Jahren auch ein wirksamer Schutzschild gegen Burnout-Risiken geschaffen wird, also nicht in die gleiche Überforderungs- und Entfremdungsfalle wie viele Erwachsene zu laufen, ist des weiteren Nachdenkens wert. 12 Herzog 1997, S. 49. 13 Vgl. Rosa 2006. 14 Vgl. Krüger 2014. 28 3.1 Schule und Bildung Was vor einer Generation noch für eine Minderheit galt, dominiert heute die Lebensphase Jugend: die Schule. Etwa ein Viertel ihrer Lebenszeit verbringen Jugendliche gegenwärtig in Bildungseinrichtungen. Hier werden die Weichen für das spätere Berufsleben ebenso gestellt wie für die individuelle Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Positionierung. Bildung, Wissen und Qualifikation sind mithin Zukunftsinvestitionen, die gleichermaßen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft wie eines jeden Einzelnen entscheiden. Zudem gibt es kaum einen Bereich der jugendlichen Alltagswelt, der von Schule und Bildung unberührt bleibt. Bildung, Bildungsinvestitionen und -entscheidungen gehören somit zum festen Bestandteil der individuellen Lebensplanung von Jugendlichen. 3.1.1 Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit Die Ausdehnung der Jugendphase steht in engem Zusammenhang mit der Ausdehnung der Schul- und Ausbildungszeit von Jugendlichen. Diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren durch die neuen und gestiegenen Anforderungen der Dienstleitungs- und Wissensgesellschaft rapide beschleunigt. Um höhere Bildungsabschlüsse und -zertifikate zu erwerben, verbringen Jugendliche heute viel mehr Zeit mit Bildungsinvestitionen als ihre Elterngeneration. In den Ergebnissen unserer Studie lässt sich das immer schnellere Voranschreiten dieser Entwicklung auch für die Eifeljugend nachweisen. So ist zwischen 2000 und 2011 der Anteil der Jugendlichen, die zum Befragungszeitpunkt in schulischer oder beruflicher Ausbildung waren, nochmals deutlich gestiegen und zwar von 62% auf 77% (vgl. Abb. 1). Die Konsequenz aus der zunehmenden Verschulung der Jugend ist ein späteres Eintreten in die Erwerbsphase. Lediglich 18% der befragten Jugendlichen waren 2011 bereits berufstätig (zum Vergleich: im 2000er Survey waren es noch 32%). Die sich in die Phase der Postadoleszenz verschiebende ökonomische Selbstständigkeit lässt eine wachsende Zahl von Jugendlichen, wie Jugendstudien schon Anfang der 1990er Jahre festgestellt haben, zunehmend zu „Nesthockern im Hotel Mama“15 werden. Die im Jahr 2010 durchgeführte 16. Shell Jugendstudie bestätigt diesen Trend: „Fast drei Viertel aller Jugendlichen wohnen noch bei ihren Eltern, insbesondere weil es kostengünstig und bequem ist.“16 15 Vgl. Herms-Bohnhoff 1994. 16 Shell Deutschland Holding 2010, S. 18. 29 Abbildung 1: Derzeitige Tätigkeit - 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 3.1.2 Anstieg des formalen Bildungsniveaus Mit der Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit geht auch eine deutliche Verschiebung in der Verteilung der Schülerschaft in der Eifel auf die einzelnen Schulformen einher. Gruppiert man die befragten Jugendlichen hinsichtlich des Bildungsgrades (niedrig = Sonderschule, Hauptschule; mittel = Realschule; hoch = Gymnasium, Fachhochschule, Universität), dann wird sichtbar, dass sich das Bildungsniveau nach oben verschoben hat (vgl. Abb. 2). Während im Jahr 2000 die Anzahl der Jugendlichen mit niedrigem Bildungsniveau noch bei 30% lag, sank die entsprechende Quote im Jahr 2011 auf 12%. Auch der Anteil der Jugendlichen mit einem mittleren Bildungsniveau hat sich verringert, wenn auch weniger stark (von 43% im Jahr 2000 auf 33% im Jahr 2011). Mehr als verdoppelt hat sich dagegen im Untersuchungszeitraum der Anteil von Jugendlichen mit einem hohen Bildungsniveau (von 27% auf 55%). Schüler Studenten Auszubildende Berufstätige Sonstiges Tätigkeit 2000 2011 Erhebungsjahr 30 Abbildung 2: Bildungsniveau – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 3.1.3 Bildung und Region Auch wenn der gesamtgesellschaftliche Trend zur Verschulung der Jugend mit einem kontinuierlichen Anstieg des Bildungsniveaus einhergeht, so ist diese Entwicklung von einer Vielzahl von raum-, herkunftsund personenbezogenen Rahmenbedingungen abhängig. Bezogen auf die räumliche Verteilung zeigt sich, dass auch die Eifelregion keinen homogenen Bildungsraum darstellt. Vielmehr bestehen zwischen den einzelnen Verbandsgemeinden des Kreises zum Teil erhebliche Bildungsunterschiede bei den hier lebenden Jugendlichen (vgl. Abb. 3). So ist der Anteil von Jugendlichen mit einer hohen Bildung in der Stadt Bitburg mit 68% deutlich größer als etwa in den Verbandsgemeinden Prüm (51%), Irrel (51%), Neuerburg (48%) und Arzfeld (48%). Ähnlich uneinheitlich ist das Bild beim mittleren Bildungsgrad. Die höchste Quote mit 44% findet sich in der Verbandsgemeinde Irrel, die geringste mit 26% in Bitburg. Auch die Verteilungen bei der niedrigsten Bildungsstufe lassen deutliche Unterschiede erkennen. Sehr gering ist der entsprechende Anteil in den Verbandsgemeinden Irrel (5%) und in der Stadt Bitburg (6%), mehr als drei Mal so hoch dagegen in der Verbandsgemeinde Arzfeld (18%). 2000 2011 Erhebungsjahr Hoch Mittel Niedrig Bildungsniveau 31 Abbildung 3: Bildungsniveau nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die Gründe hierfür lassen sich aus den Daten der Jugendbefragung nicht hinlänglich bestimmen, denn zu vielschichtig sind die Bedingungen und Wechselwirkungen zwischen Bildungsverläufen, infrastrukturellen Komponenten und sozialer Herkunft.17 Auffällig ist jedoch, dass sich vor allem in Abhängigkeit von der Ortsansässigkeit der Jugendlichen deutliche Bildungsunterschiede zwischen den einzelnen Verbandsgemeinden nachweisen lassen (vgl. Abb. 4). Aber es gibt hier keinen linearen Zusammenhang. So beträgt in der Verbandsgemeinde Speicher bei den hier geborenen Jugendlichen der Anteil mit einer höheren Bildung 68%, bei den zugezogenen Jugendlichen aber lediglich 36%. Ausgewogen ist dagegen in der Verbandsgemeinde Bitburg-Land die entsprechende Quote bei den höher gebildeten Jugendlichen (Gebürtige: 59%; Zugezogene: 58%). Und exakt umgekehrt stellt sich die Situation in Irrel dar. Hier hat weniger als die Hälfte der einheimischen Jugendlichen eine höhere Bildung (45%), wohingegen über zwei Drittel der Zugezogenen (67%) in die höchste Bildungskategorie fallen. 17 Vgl. Solga/Becker 2012. Verbandsgemeinden Hoch Mittel Niedrig Bildungsniveau 32 Abbildung 4: Hohes Bildungsniveau in den Verbandsgemeinden in Abhängigkeit von der Ortsansässigkeit (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 3.1.4 Geschlechts- und herkunftsspezifische Bildungsunterschiede Seit fast zwei Jahrzehnten dokumentieren Bildungs- und Jugendstudien eine sich ständig steigernde Leistungsbilanz von Mädchen und jungen Frauen, während die Jungen und jungen Männer auf der Stelle treten. Natürlich meistern auch weiterhin viele männliche Jugendliche die Schule mit großem Erfolg und zeigen an Universitäten und im Beruf hervorragende Leistungen. Doch im statistischen Durchschnitt fallen sie hinter die jungen Frauen zurück. Zutreffend kommen die geschlechtsspezifischen Unterschiede in folgender Feststellung zum Ausdruck: „Im Vergleich zu den weiblichen sind die männlichen Schüler heute die ‚Bildungsverlierer‘.“18 Auch unter den Jugendlichen in der Eifel ist die gleiche Entwicklung zu konstatieren. Von der Bildungsexpansion profitieren auch hier nicht alle Jugendlichen in der gleichen Weise. So haben die Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, wenn auch auf einem hohen Niveau, weiter zugenommen (vgl. Abb. 5). Betrug die Differenz zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen mit einer hohen Bildung im 2000er 18 Hurrelmann/Schultz 2012, S. 11. gebürtig Verbandsgemeinden Ja Nein gebürtig im Wohnort 33 Survey 13%, so hat sie sich in der 2011er Befragung auf 21% erhöht. Dies ist eine dramatische Öffnung der geschlechtsbezogenen Bildungsschere, die den Ruf nach pädagogischen Gegenstrategien in Form von gezielten Maßnahmen zur Jungenförderung in der „Schule“19 und bei der „Berufsund Lebensplanung“20 immer lauter werden lässt. Abbildung 5: Bildungsniveau nach Geschlecht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die Unterstützung der Jungen bei ihrer Alltags- und Zukunftsbewältigung erscheint umso dringlicher, da die Mädchen auch bei der Einmündung in anspruchsvolle Berufslaufbahnen auf der Überholspur sind. Der Grund ist, dass sie flexibler mit ihrer Geschlechtsrolle umgehen können und, wie noch zu zeigen sein wird, eine bessere Abstimmung zwischen Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit, Partnerschaft, Familienplanung und im Verhältnis zu den Eltern hinbekommen. Neben dem Geschlecht spielt bei der Betrachtung von Bildungsungleichheiten auch der Migrationshintergrund der jungen Menschen eine wichtige Rolle. Dabei lässt sich der Forschungsstand zu Beginn der 2000er Jahre folgendermaßen zusammenfassen: 19 Vgl. Kimmel 2011. 20 Vgl. Diaz 2011. Männlich Weiblich Männlich Weiblich Hoch Mittel Niedrig 2000 2011 Bildungsniveau 34 „Ein kurzer Einblick in aktuelle Publikationen zeigt, dass hier von der geringen Bildungsbeteiligung von Migrantenkindern, ihrem geringen Bildungsniveau oder von bildungs- und sprachfernen Schülern die Rede ist. Da Migrantenkinder schlechtere Schulleistungen erbringen, seltener auf das Gymnasium gehen und früher aus der Schule ausscheiden als gleichaltrige Deutsche, gelten sie als bildungsarm bzw. bildungsfern, oder generell als Gruppe mit nur geringer Bildungsbeteiligung.“21 Dass diese Befunde zum damaligen Zeitpunkt in vergleichbarer Weise auch auf Aussiedlerjugendliche – in beiden Jugendsurveys die mit Abstand größte Migrantengruppe – übertragen werden können, belegen die Ergebnisse des nationalen Bildungsberichts aus dem Jahr 200622 ebenso wie die Ergebnisse unserer Jugendstudie aus dem Jahr 2000. Die Ursachenerklärungen reichten seiner Zeit von eklatanten Sprachschwierigkeiten und schulsystemimmanenten Benachteiligungsfaktoren über die Unterschiedlichkeit der Lebenswelt Schule in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und in der Bundesrepublik Deutschland bis zur geringen Wertschätzung von Bildung durch die Eltern der jugendlichen Spätaussiedler. Dass sich diese Situation grundlegend geändert hat, verdeutlichen die Veränderungen im Bildungsniveau zwischen der ersten und zweiten Jugendbefragung (vgl. Abb. 6). Während im Jahr 2000 der überwiegende Teil der befragten jugendlichen Spätaussiedler aus dem Eifelkreis eine niedrige (Hauptschulabschluss) oder mittlere Bildung (Realschulabschluss) hatte, überwiegt elf Jahre später der Anteil höher Gebildeter (Gymnasium/Hochschule). Sie haben in diesem kurzen Zeitraum die Bildungsbenachteiligung gegen- über den einheimischen Jugendlichen fast vollständig ausgeglichen und können als die großen Bildungsgewinner des vergangenen Jahrzehnts betrachtet werden. Differenziert man die erreichten Bildungsabschlüsse der jungen Spätaussiedler noch nach dem ‚migratorischen Tag X‘, also der Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Migrantengeneration, dann verschwinden für die in Deutschland geborenen Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien die Bildungsunterschiede gegenüber den einheimischen Altersgenossen völlig.23 21 Betz 2005, S. 258. 22 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung et al. 2006. 23 Vgl. Vogelgesang 2013, S. 19f. 35 Abbildung 6: Bildungsniveau nach Nationalität – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die objektiven Daten aus den beiden Jugendsurveys zur Angleichung des Bildungsniveaus decken sich mit der subjektiven Wahrnehmung und Erfahrung älterer Spätaussiedler, mit denen wir über die sprachliche und schulische Entwicklung ihrer Kinder gesprochen haben. So sagt die heute 40-jährige Eugenie aus Kasachstan über ihren jüngsten Sohn, der noch vor dem schulpflichtigen Alter nach Deutschland kam: „Im Kindergarten hatte der Jüngste anfangs besonders mit der Sprache Probleme. Aber er hat dann sehr schnell gelernt und jetzt kann er besser Deutsch sprechen als ich. Er soll wie die deutschen Kinder auch eine gute Schulausbildung machen. Wir haben ihn zunächst auf eine Realschule geschickt. Er hat gute Noten mit nach Hause gebracht und von seiner Schule eine Empfehlung bekommen, doch auf ein Gymnasium zu wechseln. Mein Mann und ich haben uns lange überlegt, ob das wirklich der richtige Weg für den Jungen ist. Für uns ist das eine fremde Welt, aber er wollte es unbedingt. Heute sind wir froh, dass wir ihn nicht daran gehindert haben, auf die bessere Schule zu gehen. Er lernt, ist fleißig und strebsam und will nach dem Abitur vielleicht sogar studieren.“ Deutsch Migrationshintergrund Deutsch Migrationshintergrund Hoch Mittel Niedrig 2000 2011 Bildungsniveau 36 Die ausgeprägte Bildungsorientierung unter den russlanddeutschen Jugendlichen, die sich in den jüngeren Alterskohorten nachweisen lässt, wird einerseits als Sprungbrett in qualifizierte berufliche Tätigkeiten gesehen. Andererseits verweisen ältere und jüngere Spätaussiedler gleichermaßen auf eine Entwicklung, die parallel dazu verläuft: Die zunehmende Entfernung von der russischen Sprache und Kultur. Natascha, die 1992 als Fünfjährige nach Deutschland kam, zeigt an ihrer eigenen Sprachbiographie sehr reflektiert auf, wie sich die Erosion der russischen Muttersprache im Laufe der Zeit vollzogen hat: „Ich war in Russland nur im Kindergarten und bin dann hier direkt in die erste Klasse eingestuft worden. Es war schon schwer. Man hat mich direkt in die erste Bank gesetzt und angefangen, mir Sachen zu erzählen. Und ich hab ja kein Deutsch verstanden, bei uns zu Hause wurde ja nur Russisch gesprochen. Ich habe die Sprache aber schnell gelernt. Ich finde, dass Deutsch eine leichte Sprache ist, vor allem wenn man in jungen Jahren herkommt. […] Dann hab ich später damit angefangen, auf Deutsch zu antworten, wenn meine Eltern mich etwas auf Russisch gefragt haben. Ich habe dann kaum noch Russisch gesprochen und so meine Muttersprache fast verlernt. Ich hab fast nur auf Deutsch geredet, und da fiel es mir dann schwer, wieder in das Russische reinzukommen. […] Was ich schade finde ist, dass nicht nur mein Russisch schlecht geworden ist, sondern ich höre auch kaum noch russische Lieder oder sehe mir auch keine russischen Filme mehr an. Mit der Sprache habe ich auch ein Stück russische Kultur verloren.“ Wie deutlich die wachsende Distanz zur russischen Kultur in der jüngeren Generation ist, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur ansatzweise beantwortet werden. Dass es sich dabei aber nicht um Einzelfälle handelt, belegt auch die Feststellung des heute 21-jährigen Viktor über seinen jüngeren Bruder, der im Grundschulalter nach Deutschland kam: „Mein Bruder ist wie ein Deutscher. Er hält nicht so viel von Russen, er wurde über Nacht eingedeutscht. Er versucht, nur Deutsch zu reden und schämt sich zum Beispiel, wenn ich neben ihm steh in der Schule und mit ihm auf Russisch rede. […] Ich war in Kasachstan ein russischer Deutscher, hier bin ich ein deutscher Russe. Aber mein Bruder ist ein reiner Deutscher, der will von seinem Heimatland und seiner Muttersprache nichts mehr wissen.“ 37 3.1.5 Qualifikationsmentalität Wie bereits deutlich geworden ist, erkennen Jugendliche heute mehr denn je die Schlüsselrolle von Bildung und Qualifikation für ihren persönlichen Werdegang. Dabei bleibt der Wissenserwerb aber nicht auf die klassischen Institutionen Schule und Hochschule beschränkt, sondern auch außerschulische Lebensbereiche werden vermehrt zu Lernorten. So gibt fast die Hälfte (49%) der in der Eifel beheimateten Jugendlichen an, auch in der Freizeit für die Schule zu lernen. Des Weiteren werden auch in jugendkulturellen Kontexten wie etwa der LAN-, Skateboard-, Hardcore- oder HipHop-Szene Kompetenzen erworben, die auch jenseits der Szenegrenzen einen Marktwert haben. Das Spektrum der Kompetenzbildung reicht dabei von alltagspraktischen Relevanzen wie der Einübung von akzeptablem Sozialverhalten oder dem Engagement in einer Gemeinschaft bis hin zu beruflichen Qualifikationen wie etwa der Herstellung einer Webseite, einer Inhouse-Vernetzung oder eines Kunstobjekts. Rund ein Viertel (24%) der in der Eifel befragten Jugendlichen rechnet sich einer spezialisierten Szene zu und ist somit Teil eines in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommenen „unsichtbaren Bildungsprogramms.“24 Auch das Internet wird zunehmend zu einer Lernplattform, denn mehr als die Hälfte (52%) der Eifeljugend gibt an, täglich oder mehrmals die Woche das Internet als Wissensbörse zu nutzen. Ob Wikis, Blogs oder soziale Netzwerke, die Vorteile der verbesserten Präsentation von Informationen durch neue Medien und die komfortable Beschaffung von Informationen im Internet sind evident. Sie ergänzen und individualisieren die herkömmlichen Arbeits- und Lernstrukturen. Das Web 2.0 mit seinen technischen Möglichkeiten der Selbstartikulation, Beteiligung und Zusammenarbeit wird von den Jugendlichen, wie noch zu zeigen sein wird25, intensiv genutzt. In ihren Aneignungsformen werden flexible, explorative und kommunikative Wissenserwerbs- und Lernstrategien sichtbar, die in der neueren medienpädagogischen Forschung unter Stichworten wie „digitale Lernwelten“26 oder „mobile learning“27 diskutiert werden. Die außerschulischen Lernorte und -formen ersetzen aber nicht die formalisierten Bildungsangebote allgemein- und berufsbildender Instituti- 24 Vgl. Hitzler 2004. 25 Siehe hierzu Kap. 4.2.3. 26 Vgl. Hugger/Walber 2010. 27 Vgl. de Witt/Sieber 2013. 38 onen, vielmehr ergänzen und durchdringen beide Lernsphären einander. Vergegenwärtigt man sich in diesem Zusammenhang noch, dass in vielen beruflichen aber vermehrt auch privaten Kontexten das erworbene Wissen nur eine kurze Halbwertszeit hat, dann wird hinter den verschiedenen (Selbst-)Qualifizierungsstrategien auch die Notwendigkeit von lebenslangen Lernprozessen sichtbar. Dass die Jugendlichen in der Eifel dies erkannt haben, kommt neben der Flexibilisierung und Pluralisierung ihrer Lernfelder auch in ihrer Einstellung gegenüber Bildung und Qualifizierung zum Ausdruck. So erzielten auf die Aussage: „Jeder Mensch hat bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten beeinflussen“ Items wie „Wissen und Bildung“ (84%), „eigene Fähigkeiten entwickeln“ (85%) und „etwas leisten“ (86%) durchweg sehr hohe Zustimmungswerte. Resümierend ist an dieser Stelle festzuhalten, dass das Bewusstsein über den hohen Stellenwert von Bildung für die persönliche Lebensplanung und eine erfolgreiche Platzierung innerhalb der Gesellschaft bei der Mehrzahl der Eifeljugendlichen tief verankert ist. Ihre ausgeprägte Qualifikationsmentalität lässt sich gleichermaßen am Ansteigen des formalen Bildungsniveaus, ihren Einstellungsmustern gegenüber Bildung, an den in der Freizeit getätigten Bildungsinvestitionen und in der verstärkten Nutzung des Internets als Wissensbörse festmachen. Allerdings sind die Einstellung zur Bildung und der Rückgriff auf eher informelle Strategien des Wissenserwerbs sehr stark vom formalen Bildungsniveau und vom Geschlecht anhängig. Das bereits im schulischen Kontext sichtbar gewordene Bildungsgefälle setzt sich im außerschulischen Bereich fort. Es sind die höher Gebildeten – und unter ihnen vor allem die weiblichen Jugendlichen –, deren freizeitliches Verhalten eine große Bildungsnähe aufweist. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass vor allem für Jungen mit einem niedrigen Bildungsniveau vorhandene Qualifikations- und Wissensklüfte im Freizeitraum nicht reduziert oder gar aufgelöst werden, sondern sich hier eher verstetigen und vertiefen. 3.2 Berufsausbildung und Übergangsmanagement Die berufliche Ausbildung stellt eine wichtige Übergangsphase vom Schuljugendlichen zum berufstätigen jungen Erwachsenen dar. Dabei sind zum einen zwei Phasen oder Schwellensituationen zu unterscheiden: der Eintritt in die Ausbildung (1. Schwelle) und die Aufnahme einer Beschäftigung (2. Schwelle). Zum anderen ist für das Ausbildungssystem eine institutionelle Dreigliederung charakteristisch: das duale System, das Schulberufssystem und das berufliche Übergangsystem. Im Jahr 2011 entfielen von den rund eine Million Neuzugängen 50% auf das 39 duale System, knapp 20% auf das Schulberufssystem und etwa 30% auf das Übergangssystem.28 Das große Spektrum von Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten ist eine Folge des Strukturwandels der Arbeitswelt und der intendierten Verbesserung der Ausbildungssituation von bildungsbenachteiligten Jugendlichen. Für die jungen Menschen haben sich dadurch die Wege und Übergänge in Ausbildung und Arbeit nicht nur vermehrt, sondern sie sind auch unübersichtlicher geworden. Denn die Schienenstränge von der Schule über die Ausbildung in den Beruf sind, so Beobachtungen und Schlussfolgerungen der Ausbildungsforschung der letzten Jahre, „oftmals brüchig und bilden in der Praxis eher ein Gleisgewirr als ein transparentes System, auch wenn es von den Bildungsplanern anders ‚gedacht‘ ist.“29 Als Konsequenz aus den vielen – und bisweilen verschlungenen – Ausbildungspfaden wird in den empirischen Studien seit längerer Zeit das Augenmerk nicht mehr primär auf die institutionellen Angebote und Regelungen dieser Statuspassage gelegt, wie sie in der Nachkriegsphase konzipiert wurden. Vielmehr werden die Übergangsphasen und ihre Bewältigung als Teil der individuellen Biographie angesehen.30 Das bedeutet, es wird heute davon ausgegangen, dass die Übergänge eher einer individuellen Logik, Planung und Entscheidung folgen. Dabei spielen nicht nur die klassischen Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen eine Rolle, sondern oft auch mehrere Orientierungs- und Umorientierungsphasen (wie etwa Aupair- und Studienaufenthalte, FSJ und ÖSJ), Erfahrungen und Beeinflussungen an informellen Lernorten (wie Jugendverbänden, Peergruppen, Vereinen, Jugendszenen, kirchlichen Gruppen, Jugendeinrichtungen, familiären Settings etc.), Zeiten von Arbeitslosigkeit sowie die Erfahrungen in Übergangs- und Qualifizierungsmaßnahmen. In all diesen Kontexten können für den Übergang bedeutsame Lernprozesse ebenso verortet sein wie soziale Bezüge, Netzwerke, letztlich die Ansammlung ‚sozialer Kapitalien‘, die für den weiteren Verlauf wichtig werden. Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, warum angesichts biographisierter Übergänge ins Ausbildungsund Erwerbsleben unterstützenden Akteuren und Institutionen eine wachsende Bedeutung zukommt. 28 Vgl. Autorengruppe Berufsbildungsbericht 2012, S. 102. 29 Oehme 2008, S. 253/4. 30 Vgl. Stauber et al. 2007. 40 Studien zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, die beim Übergang von der Schule in einen nachschulischen Bildungsweg soziale Unterstützung erhalten, schneller einen Ausbildungsplatz finden, ihren Studienwunsch eher umsetzen können, eine stabilere Laufbahnentwicklung aufweisen und insgesamt zufriedener mit ihrer Berufs- und Studienwahl sind.31 In diesem ausbildungsbezogenen Such- und Orientierungsprozess fällt den allgemeinbildenden Schulen eine besondere Rolle zu. Entsprechende Maßnahmen starten in der Regel in der Sekundarstufe 1 und zielen darauf ab, Jugendliche bei der Entwicklung und Umsetzung der eigenen beruflichen Karriere zu unterstützen und somit den Übergang Schule Beruf zu erleichtern.32 Zu den schulischen Berufsorientierungsangeboten zählen praktische Informationen aus der Berufskunde, Bewerbungstrainings und die Vermittlung und Betreuung von Praktika. Darüber hinaus sollen arbeitsmarktrelevante nicht-kognitive Fähigkeiten vermittelt werden und ein Coaching bei der Berufswahl erfolgen. Ziel der Berufsorientierung in der Schule ist, die Matching-Probleme zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Studien- und Ausbildungsmarkt zu reduzieren.33 3.2.1 Ausbildungsbereiche und vielfältige Übergänge Wie bereits erwähnt, war im Jahr 2011 das duale System mit einem Anteil von knapp 50% an den Neuzugängen im Berufsbildungssystem das quantitativ bedeutsamste Teilsystem der Berufsausbildung in Deutschland. Es ist das Herzstück des beruflichen Ausbildungswesens und beinhaltet die im Berufsbildungsgesetz bzw. der Handwerksordnung geregelte Ausbildung in rund 350 anerkannten Ausbildungsberufen in Form einer von Teilzeitunterricht an beruflichen Schulen begleiteten fachpraktischen Ausbildung im Betrieb. Im Selbstverständnis des dualen Systems sind alle Ausbildungsberufe im Prinzip gleichwertig, denn formal gibt es zwischen ihnen keine Unterschiede in den Zugangsvoraussetzungen und in der Wertigkeit von Abschlüssen. Faktisch ist die Wahl des Ausbildungsgangs aber von einer Vielzahl von Gegebenheiten abhängig, die sie letztendlich zu einer sehr persönlichen Entscheidung 31 Vgl. Schindler 2012, S. 17f. 32 Vgl. BMBF 2015; Fitzenberger et al. 2015. 33 Inwieweit die Umsetzung des Anspruchs gelingt, untersuchen wir gegenwärtig in einer Folgestudie (‚Jugend und Ausbildung‘), die an weiterführenden Schulen in der Region Trier durchgeführt wird. Unter anderem wurden dazu im Herbst 2016 Schülerinnen und Schüler zu ihren Berufswünschen und ihrem Berufswahlverhalten sowie Berufswahlkoordinatorinnen und Berufswahlkoordinatoren zur aktuellen Praxis der Berufsvorbereitung an ihren Schulen befragt; vgl. Vogelgesang/Kersch 2017. 41 machen. Auf den Entscheidungsspielraum wirken sich zudem Veränderungen im Bildungssystem – und hier insbesondere der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen – und in der Arbeitswelt (Stichwort: Tertiärisierungsprozess) unmittelbar und nachhaltig aus. In unserer Studie haben wir die große Anzahl an Ausbildungsberufen in vier Gruppen zusammengefasst, um aussagekräftigere Ergebnisse zu ermitteln. Die folgende Abbildung zeigt, in welchen Ausbildungsbereichen die Jugendlichen in der Eifel zu den beiden Befragungszeitpunkten tätig waren. Abbildung 7: Ausbildungsbereiche – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Das Handwerk bietet den hier ansässigen jungen Menschen nach wie vor interessante Beschäftigungsmöglichkeiten, aber die wachsende Bedeutung des Dienstleistungsgewerbes ist unverkennbar. Auch im Jahr 2011 absolviert die Mehrheit der Eifeljugendlichen (36%) eine Ausbildung im handwerklich-gewerblichen Bereich. Im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2000 sank der Anteil in diesem Bereich jedoch um 13%. Ausbildungsberufe im dienstleistenden Bereich haben dagegen deutlich an Zuspruch unter den Eifeljugendlichen gewonnen. Die Anzahl in diesem Bereich hat sich von 17% im Jahr 2000 auf 32% im Jahr 2011 nahezu verdoppelt. Bei den kaufmännischen Ausbildungsgängen Handwerklich/ Gewerblich Kaufmännisch Dienstleistend Sonstige 2000 2011 Ausbildungsbereiche Erhebungsjahr 42 ist zwischen den beiden Untersuchungszeitpunkten ein leichter Rückgang zu verzeichnen (von 30% auf 24%). Der Anstieg in der Kategorie „Sonstiges“ von 4% auf 8% ist ein Indikator für die große Vielfalt von Ausbildungsberufen, deren Spezialisierungsmöglichkeiten in unmittelbarem Zusammenhang mit technologischen Innovationen in der Berufswelt stehen. Ein differenzierter Blick auf die Anteile von männlichen und weiblichen Jugendlichen in den Ausbildungsbereichen macht ebenfalls deutliche Unterschiede sichtbar. Abbildung 8: Ausbildungsbereiche nach Geschlecht (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Bei den Jungen dominiert bei der Wahl für einen bestimmten Ausbildungsgang eindeutig der handwerklich-gewerbliche Bereich (51%), die Mädchen hingegen haben eine klare Präferenz für eine Ausbildung im dienstleistenden Bereich (51%). Kaufmännische Ausbildungsgänge scheinen für beide Geschlechtsgruppen – die Anteile betragen sowohl für die männlichen wie für die weiblichen Jugendlichen 24% – gleich attraktiv zu sein. Auch wenn die Verteilung der Ausbildungsschwerpunkte zwischen den eher frauentypischen (helfenden und dienstleistenden) und den Männlich Weiblich Geschlecht Handwerklich/ Gewerblich Dienstleistend Kaufmännisch Sonstige Ausbildungsbereiche 43 eher männertypischen (technischen und handwerklichen) Lehrverhältnissen auf die Wirkmächtigkeit von klassischen Geschlechtsrollenmustern verweist und damit zur Tradierung von männer- bzw. frauenspezifischen Berufsfeldern führt, haben Feinanalysen im Spektrum der Ausbildungsgänge deutlich gemacht, dass Mädchen und junge Frauen aus der Eifelregion zu moderneren Ausbildungs- und Tätigkeitsfeldern tendieren. Dies trifft aber nicht für den MINT-Bereich zu. Denn trotz zahlreicher Initiativen, die von Berufsorientierungsmessen an Schulen über Maßnahmen der Kammern bis zum jährlich stattfindenden Girls‘ Day reichen, sind Mädchen und Frauen gerade in den technisch-naturwissenschaftlichen und technikorientierten Ausbildungsbereichen, für die gute Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt prognostiziert werden, noch deutlich unterrepräsentiert. Damit weibliche und männliche Jugendliche ihre Begabungen voll ausschöpfen können, müssen Strukturen geschaffen und verstetigt werden, die ihnen ermöglichen, sich ein umfassendes Bild von der Palette der Berufswahlmöglichkeiten zu machen. Zudem sollten sie auch bei einer ‚frauenuntypischen‘ und ‚männeruntypischen‘ Berufswahl unterstützt und motiviert werden.34 Die mittlerweile als Doppelveranstaltungen in Rheinland-Pfalz organisierten Girls‘ Days und Boys‘ Days bieten Unterstützung bei der Planung von Aktivitäten für Jungen und Mädchen an, die zu einem Wandel im geschlechtsspezifischen Berufswahlverhalten beitragen sollen, wie es im gemeinsamen Aufruf der rheinland-pfälzischen Ministerinnen Irene Alt und Doris Ahnen zum Girls‘ Day (‚Mädchen-Zukunftstag 2014‘) und Boys’ Day (‚Jungen-Zukunftstag 2014‘) heißt.35 Neben dem Geschlecht nimmt auch das Bildungsniveau, über das die Jugendlichen in der Eifel verfügen, Einfluss auf die Wahl des Ausbildungsbereichs (vgl. Abb. 9). So haben Auszubildende im handwerklichgewerblichen Bereich eine deutlich niedrigere Schulbildung als diejenigen, die in einem kaufmännischen Beruf ausgebildet werden bzw. eine entsprechende Ausbildung bereits abgeschlossen haben. Diese haben eher einen mittleren oder sogar höheren Bildungsabschluss. Auch im Dienstleistungssektor sind höher Gebildete überrepräsentiert. Der hier zu Tage tretende Zusammenhang zwischen dem Vorbildungsniveau der Jugendlichen und der Wahl des Ausbildungsgangs verweist auf eine ausgeprägte Selektions- und Segmentierungsfunktion des dualen Systems. 34 Vgl. Calmbach 2013. 35 Vgl. Alt/Ahnen 2014. 44 Abbildung 9: Ausbildungsbereiche nach Vorbildungsniveau (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Dass es sich dabei um keine für die Eifelregion typische Entwicklung handelt, sondern entsprechende Unterschiede in den Qualifikationsanforderungen im gesamten Bundesgebiet zu beobachten sind, wird in den Befunden des 14. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung aus dem Jahr 2013 deutlich: In einem oberen Segment der ‚Abiturientenberufe‘ (rd. 13% aller neuen Ausbildungsverträge) sind insbesondere kaufmännische und Verwaltungsberufe in Industrie und Handel sowie Berufe in den neuen Medien vertreten. Über 60% der Auszubildenden haben hier eine Studienberechtigung. Im zweiten Segment (‚obere Mitte‘ = 26%) finden sich ebenfalls kaufmännische und Verwaltungsberufe, aber auch technische Berufe sowie einzelne gewerbliche Berufe in Industrie und Handwerk. Der häufigste Bildungsabschluss mit knapp 60% ist die mittlere Reife, jeweils 20% der Abschlüsse entfallen auf Abitur und Hauptschule. Das dritte Segment (‚untere Mitte‘ = 16%) umfasst etwa je zur Hälfte kaufmännische und gewerbliche Berufe in Betrieben des Handwerks. Auch hier dominieren mittlere Bildungsabschlüsse, während nicht ganz 40% einen Hauptschulabschluss haben. Im vierten Segment (‚unteres Segment‘ = 28%) finden sich vorwiegend Berufe des Nahrungsmittelhandwerks, Verkäuferinnen und Verkäufer sowie Friseurinnen und Friseure. Etwa 60% dieser Auszubildenden haben einen Bildungniveau Handwerklich/ Gewerblich Dienstleistend Kaufmännisch Sonstige Ausbildungsbereiche 45 Hauptschulabschluss. In das fünfte Segment (‚heterogene Bildungslagen‘ = 17%) fallen recht unterschiedliche Ausbildungsberufe, für die aber charakteristisch ist, dass sie eine Varianz im Vorbildungsniveau der Lehrstelleninhaber besitzen.36 Das ungleiche Bildungsniveau der Azubis in den einzelnen Ausbildungsberufen unterstreicht mit Nachdruck, dass der rechtlichen Zugangsfreiheit zur dualen Ausbildung in der Realität erhebliche Barrieren für die unteren Bildungsgruppen entgegenstehen. Nur konsequent wird deshalb in der Berufsbildungsforschung darauf verwiesen, dass der Trend zu abituriententypischen Ausbildungsberufen – z. B. den/die Kaufmann/-frau für Marketingkommunikation – starke Schließungstendenzen gegenüber Jugendlichen mit einer niedrigen schulischen Vorbildung erkennen lässt. Hinzu kommt, dass „das Schulberufssystem in den vergangenen Jahren viel zu wenig zu einem ausreichenden Ausbildungsangebot beitrug. Es konterkarierte vielmehr seinen spezifischen Vorteil – die weitgehende Marktunabhängigkeit – durch eine beträchtliche Segmentation der Berufe entlang vordefinierter schulischer Bildungsvoraussetzungen sowie durch unzureichende Anstrengungen zur Schaffung neuer Schulberufe bzw. Ausbildungsplätze für Jugendliche ohne mittleren Schulabschluss.“37 Aber wir sind in den Feinanalysen zu den Ausbildungschancen und zum Zugang der Eifeljugendlichen in das duale System und in das Schulberufssystem auch auf Ausbildungsgänge gestoßen, bei denen die schulische Vorbildung der Auszubildenden stark variiert, so z. B. bei der Ausbildung zum/zur Kaufmann/-frau im Einzelhandel. In solchen Berufen haben Jugendliche mit Hauptschulabschluss die Chance, denselben Berufsabschluss wie ihre studienberechtigten Mitauszubildenden zu erwerben – eine Entwicklung, die dazu beiträgt, dass durch das duale System die Folgen des stark selektiven allgemeinbildenden Schulsystems abgemildert werden. Aber dies ist eher die Ausnahme. Häufiger zu beobachten sind Verfestigungen sozialer Ungleichheit. Denn sowohl bei der Rekrutierung der Auszubildenden als auch beim Vollzug der Ausbildung nimmt es Auswahlen und Differenzierungen vor. Diese führen wiederum für bestimmte Gruppen unter den Jugendlichen zu unterschiedlichen Chancen der Realisierung ihrer Ziele, sei es, dass sich diese Ziele auf den Be- 36 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2014, S. 193. 37 Beicht et al. 2011, S. 201. 46 ginn einer Berufsausbildung, den Erwerb eines qualifizierten Berufsabschlusses oder die Integration in das Erwerbsleben beziehen. Wie andere Teilsysteme des Bildungswesens, so erzeugt auch das berufliche Ausbildungssystem soziale Ungleichheiten. Es verfügt somit über beide Potenziale, d.h. sowohl über den Abbau von sozialer Ungleichheit (hier zeigt es sich dem tertiären Bildungssektor sogar überlegen, da es die rechtlichen Voraussetzungen besitzt, die Folgen unterschiedlicher schulischer Vorbildung einzuebnen) als auch über die Generierung und Vertiefung sozialer Ungleichheit – ein Sachverhalt, auf den in der Berufsausbildungsforschung bereits seit Ende der 1990er Jahre immer wieder aufmerksam gemacht wird.38 3.2.2 Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten Der Übergang von der Schule zum Beruf ist ein sehr komplexer und mehrschichtiger Prozess, der von Jugendlichen bewältigt werden muss, um sich in der heutigen Arbeitswelt erfolgreich platzieren zu können. Zahlreiche Informationsquellen und -wege stehen den Heranwachsenden in diesem Zusammenhang zur Verfügung. Wie angesichts der Fülle und Vielfalt der Ausbildungsgänge deutlich wurde, ist Unterstützung bei dem Such- und Auswahlprozess unabdingbar. In diesem Zusammenhang stellten wir den Jugendlichen zunächst die Frage: „Wie gut weißt/wusstest Du über Deine Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten Bescheid?“ Die entsprechenden Kenntnisse sollten zum einen regionunspezifisch („im Allgemeinen“) und zum anderen regionspezifisch („in meiner Region“) bekundet werden (vgl. Abb. 10). Fast drei Viertel der Jugendlichen (73%) geben an, gut über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten im Allgemeinen Bescheid zu wissen. Deutlich geringer mit 62% fällt dagegen die ‚Wissensrate‘ über die regionale Ausbildungs- und Berufssituation aus, wobei hier die Mädchen und vor allem höher Gebildete Kenntnisdefizite haben. In diesen Ergebnissen spiegelt sich ein bundesdeutsches Problem wider, denn nach wie vor sind es mehrheitlich Haupt- und Realschulen, die ihre ‚praktisch begabten‘ Schülerinnen und Schüler bei der Berufswahlvorbereitung in ihrer Herkunftsregion unterstützen.39 In diesem Zusammenhang scheint es dringend geboten, das Angebot an qualifizierten und wohnortnahen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen stärker in der Wahrnehmung der höher gebildeten Jugendlichen – und hier vor allem der Mädchen und jungen Frauen – zu verankern. 38 Vgl. Kühn/Zinn 1998. 39 Vgl. Kalisch/Taube-Riegas 2013. 47 Abbildung 10: Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 3.2.3 Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl Neben der allgemeinen Frage nach dem Kenntnisstand über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten interessierte uns auch der Aspekt, wie die Jugendlichen dieses Wissen erworben haben. Dazu stellten wir Ihnen folgende Frage: „Wodurch hast Du wichtige Tipps zu Deiner Berufswahl und den Ausbildungsmöglichkeiten erhalten?“ Die Jugendlichen in der Eifel benutzen in der Regel mehrere Informationswege und -kanäle bei der Ausbildungs- und Berufswahl (vgl. Abb. 11). Persönlichen Erfahrungen im Praktikum und Gesprächen mit den Eltern sowie eigenständigen Recherchen im Internet kommt die größte Bedeutung bei der Ausbildungs- und Berufsorientierung zu. Von den ‚institutionalisierten Informationsquellen‘ hat die Schule den höchsten Kurswert. Die Arbeitsagentur und die Hochschule bilden die Schlusslichter im ausbildungs- und berufsbezogenen Informationsranking der Jugendlichen in der Eifel. Vergleicht man diese Ergebnisse mit Resultaten aus anderen Studien zur Berufsorientierung, dann bestätigt sich zunächst einmal ein allgemeiner Befund: Außerschulische Informationsquellen werden häufiger genutzt als schulische. Aber trotz der verfügbaren Berufsorientierungsangebote fühlen sich viele Jugendliche nicht Im Allgemeinen In meiner Region Ausbildungs-/Berufsmöglichkeiten Gut Teils-Teils Schlecht Wissen 48 hinreichend informiert. Vor allem in den persönlichen Gesprächen wurden Kenntnisdefizite über die regionale Ausbildungssituation immer wieder angesprochen und verstärkt der Wunsch nach einer individuellen Berufswahlbegleitung geäußert. Abbildung 11: Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Der im Kontext der Berufsorientierung des Öfteren propagierte ‚Markt der Möglichkeiten‘ stellt sich für die Jugendlichen in der konkreten Entscheidungssituation sehr viel eingeschränkter und begrenzter dar. Dass dies keineswegs nur für die jungen Menschen in der Eifel zutrifft, verdeutlichen auch die Ergebnisse einer Berufswahlstudie in Mecklenburg- Vorpommern: „Jugendliche kennen primär die ‚Berufsorientierungsklassiker‘ und betrachten vor allem praktische Einblicke in die Arbeitswelt als besonders hilfreich für ihre Berufswahlentscheidung. Betrachtet man die Einschätzungen der Schüler/innen bezüglich der Berufsorientierungsangebote fällt auf, dass es hier große Unterschiede hinsichtlich des Bekanntheitsgrades einzelner Berufsorientierungsangebote gibt. Während die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, das Berufsinformationszentrum (BIZ), Betriebspraktika einer Mehrheit der Schüler/innen bekannt sind, 49 geben wesentlich weniger Schüler/innen an, Betriebsbesichtigungen, Schülerfirmen, Ausbildungsmessen, Berufswahl- bzw. Pilotpass oder andere Maßnahmen (z.B. Girls‘ Day/Jungstag) zu kennen.“40 Für viele Regionen in Deutschland – und dies gilt auch für den Eifelkreis – ist mithin zu konstatieren, dass das regionale Informationsangebot für Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten viele Jugendliche nicht erreicht. In Ergänzung und Ausweitung der schulischen Maßnahmen sollten deshalb verstärkt auch im außerschulischen Bereich ausbildungs- und berufsorientierende Veranstaltungen angeboten werden. Als Beispiel aus der Region ist hier etwa auf die Ausbildungsmesse ‚Dein Tag, Deine Chance – Ausbildung jetzt‘ zu verweisen, die am 4. April 2014 in Daun stattfand und gemeinsam von Arbeitsagentur, Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer sowie dem Trierischen Volksfreund durchgeführt wurde. Um möglichst vielen Jugendlichen die unterschiedlichsten Ausbildungsberufe und Rekrutierungspraktiken näher zu bringen, haben die Veranstalter das aus Partnerbörsen bekannte Prinzip des Speed-Dating als innovatives Element in die Ausbildungsmesse integriert: „Eine gute Übung bietet das Speed-Dating, Bewerbungsgespräche zu üben, aber auch, um mit Arbeitgebern ins Gespräch zu kommen und sich schnell und umfassend über die Ausbildungsmöglichkeiten bei regionalen Betrieben zu informieren.“41 3.2.4 Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion Neben dem Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten interessierte uns auch die Frage, wie die Jugendlichen die Berufsperspektiven in der Eifelregion einschätzen. Folgendes Statement legten wir ihnen dazu vor: „In dieser Region gibt es interessante Berufsperspektiven“ (vgl. Abb. 12). Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Jugendlichen (41%) die regionalen Berufsperspektiven als „schlecht“ bewertet. Nur ein geringer Teil (24%) erachtet sie als „gut“. Etwas mehr als ein Drittel (35 %) scheint unsicher zu sein und antwortete mit „teils-teils“. Die in der Antwortverteilung sichtbar werdende Skepsis im Hinblick auf den regionalen Arbeitsmarkt hat uns überrascht. Denn zum einen finden sich in den qua- Kalisch/Taube-Riegas 2013, S. 33. 41 Schwadorf 2014, S. 16. 50 litativen Interviews mit den Jugendlichen Hinweise auf zumindest zufriedenstellende – wenn nicht gar gute – Berufsperspektiven in der Region. Um nur ein Beispiel zu zitieren: „Für meine Ausbildungsstelle habe ich nicht viele Bewerbungen geschrieben. Es war leicht, einen Platz zu finden, weil es hier weniger Bewerber gibt als in der Stadt. Jetzt arbeite ich als Maschinenanlageführer für Lebensmitteltechnik in der Bitburger Brauerei, wo ich auch gelernt habe“ (Frederik, 20 Jahre). Abbildung 12: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zum anderen wird in zahlreichen Stellungnahmen von Seiten der Wirtschaft oder der Agentur für Arbeit auf die guten Berufsmöglichkeiten in der Eifel aufmerksam gemacht, wobei vor allem junge und gut qualifizierte Arbeitskräfte „heiß begehrt“43 sind. Auch im Rahmen einer Lossprechungsfeier am 17. März 2016 im Bedamarkt-Festzelt in Bitburg sagte der Kreishandwerksmeister im Blick auf die Berufschancen in der Region: 42 Bartzen 2012, S. 64. 43 Waschbüsch 2014, S. 16. Gut Teils-Teils Schlecht 51 „Das Handwerk braucht Sie. Die Wirtschaft braucht Sie. Und Sie selbst haben die besten Zukunftsaussichten in Ihrem erlernten Beruf […] Sie haben alles richtiggemacht. Mit einem Gesellenbrief haben Sie einen handfesten Abschluss mit dem Sie sich in der Berufswelt behaupten können. Er kann darüber hinaus auch als Sprungbrett für eine berufliche Karriere dienen.“ Und er ergänzt: „Handwerk ist Vielfalt, es bringt Arbeit in strukturschwache Regionen und sichert damit die Bevölkerung in den Dörfern und Kleinstädten.“44 Auch im Rahmen des Regionalentscheids zum Bundeswettbewerbs der deutschen Landjugend in Bitburg im Jahr 2015 betonte die rheinlandpfälzische Landwirtschaftsministerin, dass gerade in ländlichen Regionen „grüne Berufe angesagt (sind), weil sie moderne Technik und Management mit der Verantwortung für Natur und Umwelt verbinden.“ Als positive Auswirkung wird in Rheinland-Pfalz – die Eifelregion eingeschlossen – ein Anstieg der Zahl der Auszubildenden in Land- und Forstwirtschaft, Wein- und Gartenbau konstatiert, weil die regionale Agrarwirtschaft gute Berufsperspektiven und Ausbildungsbedingungen bietet. Angesichts dieser positiven Indikatoren und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis Bitburg-Prüm erstaunt die negative Sichtweise und Einschätzung der Jugendlichen. Welche Gründe im Einzelnen auch immer dafür verantwortlich sind, ganz offensichtlich liegt auch hier ein eklatantes Informationsdefizit vor. Deutlich wird dies, wenn man sich die Ergebnisse der Korrelationsanalyse zwischen dem Kenntnisstand über die regionalen Ausbildungs- und Beschäftigungssituation und der Einschätzung der künftigen Beschäftigungsmöglichkeiten in der Eifel ansieht (vgl. Abb. 13). Der Zusammenhang ist statistisch hoch signifikant: Jugendliche, die eine geringe Wissensrate über regionale Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten besitzen, schätzen auch die Berufsperspektiven in der Region – und damit letztlich ihre Berufschancen vor Ort – deutlich schlechter ein. Und umgekehrt gilt: Wer sich mit der Ausbildungs- und Berufssituation in der Eifel vertraut gemacht hat, sieht auch die Berufsperspektiven in der Region in einem wesentlich freundlicheren Licht. Anhand der ausbildungs- und berufsbezogenen Einschätzungsmuster und Wissensraten konnten wir zudem eindeutig belegen, dass besonders die Jugendlichen mit höherem Bildungsniveau Informationsdefizite aufweisen – und zwar sowohl bezüglich der konkreten Ausbildungs- und Beschäftigungssituation als auch der künfti- 44 Eifelzeitung 2016, S. 1. 45 Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum 2015, S. 1. 52 gen Entwicklung der Arbeitswelt im Eifelraum. Die Bildungsexpansion und die wachsenden Schülerzahlen auf Gymnasien verschärfen damit den Trend einer ausbildungs- und berufsbezogenen Informationskluft zwischen den einzelnen Bildungsgruppen. Abbildung 13: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion nach Wissen über regionale Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Im Blick auf die Bleibeorientierung junger Menschen hat dieser Zusammenhang fatale Konsequenzen. Denn trotz einer objektiv verbesserten Ausbildungs- und Berufssituation in der Eifelregion, so unsere Vermutung, dürfte in vielen Fällen die subjektive Fehleinschätzung handlungsrelevant werden und die Abwanderungstendenzen der Jugendlichen erhöhen. Studien über Mobilitätswünsche von Heranwachsenden konnten nachweisen, dass sie eher bereit sind, in der Region zu bleiben, falls sie ausreichend Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten vorfinden.46 Notwendig erscheint uns vor diesem Hintergrund die Implementierung resp. Erweiterung eines gut vernetzten schulformübergreifenden Informationsangebots – und zwar sowohl im Blick auf die in der Gegenwart vorhandenen als auch in Zukunft erwarteten Ausbildungsund Berufsmöglichkeiten in der Eifel. 46 Vgl. Kalisch/Taube-Riegas 2013, S. 22. Gut Teils-Teils Schlecht Wissensstand Berufsperspektiven Gut Teils-Teils Schlecht 53 3.2.5 Mobilitätsinvestitionen: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort Die Grenznähe zum Nachbarland Luxemburg zeichnet die Eifelregion aus und birgt auch neue Perspektiven für die hier lebenden Jugendlichen. Die höheren Löhne und das vielfältige Beschäftigungsangebot in unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern führen dazu, dass mehr als ein Drittel (34%) den Wunsch äußert, hier einmal arbeiten zu wollen. Abbildung 14: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Welchen Einfluss die regionalen und überregionalen Beschäftigungsmöglichkeiten auf die Mobilitätsbereitschaft der Jugendlichen haben, zeigt sich auch an den Antworten zum Thema ‚Pendeln’. Wir haben die Jugendlichen danach gefragt, welche Entfernung sie zu ihrem aktuellen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz zurücklegen (vgl. Abb. 15). Es zeigt sich, dass die Eifeljugendlichen momentan im Durchschnitt 23 Kilometer zurücklegen. Anders sieht es aus, wenn man danach fragt, wie viele Kilometer sie in Zukunft fahren würden, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Es zeigt sich, dass mehr als die Hälfte (59%) bereit wäre, täglich 31 Kilometer und mehr zu ihrem Arbeitsplatz zu pendeln. Im Durchschnitt ergibt sich ein Wert von 43 Kilometer. Ja Nein 54 Abbildung 15: Entfernungen zum Arbeitsplatz: tatsächlich und zukünftig (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Mit dem Wechsel an weiterführende Schulen oder in die Berufsausbildung sind zum Teil erhebliche Investitionen für Wegezeiten verbunden. Diese werden von den Jugendlichen aber nicht als besondere Belastung empfunden, sondern als eine Form des mobilen Lebens, das für den ländlichen Raum charakteristisch ist. Wie sehr ihr Alltag von Mobilität durchzogen ist, wird auch in den Selbstbeschreibungen deutlich, die Bettina Bartzen in ihrem Foto- und Porträtband Jugend in der Eifel zusammengestellt hat: • „Als Zweijährige bin ich von meinen Eltern adoptiert worden und so von Indien in die Eifel nach Hüttingen an der Kyll gekommen. In Hüttingen gibt es in meinem Alter nicht so viele junge Leute. […] Meine Freunde kommen eher aus Bitburg. Wir verabreden uns in der Schule oder über Facebook. […] Dann gehen wir in die Stadt, fahren mit dem Zug von Hüttingen nach Trier shoppen oder gehen ins Kino“ (Sunita, 17 Jahre). • „Mehrmals im Jahr fahre ich mit meinen Freunden ins 50 Kilometer entfernte Trier, um dort zu shoppen, weil die Möglichkeit in Bitburg Bartzen 2012, S. 14. tatsächlich zukünftig 1-10Km 11-20Km 21-30Km 31Km und mehr Ø = 23Km Ø = 43Km Entfernung in Km 55 eher gering ist. Mit meinen Freunden verabrede ich mich über Facebook, Handy oder Telefon. Wir gehen ins Kino, schwimmen oder machen DVD-Abende“(Simone, 16 Jahre). • „In Preischeid selbst gibt es nichts für die Jugendlichen. Seit 13 Monaten habe ich den Führerschein der Klasse S. Wenn man so abgelegen wohnt, ist das sehr praktisch, mobil zu sein. Sogar zum Einkaufen muss man 25 Kilometer fahren. Meine ältere Schwester übergab mir das ‚Mopedauto‘, weil sie jetzt den richtigen Autoführerschein hat. Unser ‚Böckli‘, so haben wir unser ‚Microcar‘ getauft, fährt ungefähr 45 km/h. Damit fahre ich auch zwei Mal die Woche 15 Kilometer nach Clervaux/Luxemburg zum Zugbahnhof. Von dort aus weiter mit dem Zug nach Luxemburg/Stadt zur Berufsschule“ (Selina, 17 Jahre).49 • „Ich möchte in Zendscheid bleiben und lieber das Fahren in Kauf nehmen. Der Zug in Richtung Trier oder Köln hält ja direkt vor der Tür. Ich bin in einer Stunde in Trier. Ein Nachteil ist die Verbindung nach Bitburg, da man in Erdorf in den Bus umsteigen muss“ (Alexandra, 17 Jahre). Das Unterwegssein ist für die in der Eifel lebenden Jugendlichen nicht nur eine Selbstverständlichkeit, es wird auch zusehends als selbst gestaltbar erlebt. Vor allem mit dem Übergang von der Schule in die Berufsausbildung steigt die Eigenverantwortlichkeit für die Wege zur Ausbildungsstätte. Dass damit auch finanzielle Belastungen einhergehen, sei nur am Rande erwähnt. Als größere Herausforderung wird aber der Zeitaufwand gesehen. Denn durch die Wegezeiten wird der ohnehin schon lange Ausbildungstag noch zusätzlich verlängert. In welchem Umfang die Wegebewältigung während der Ausbildungsphase gerade im ländlichen Raum zu Buche schlägt, ist auch in anderen Studien nachgewiesen worden: „Vor allem für Heranwachsende, die einer beruflichen Ausbildung nachgehen und die auf dem Lande leben, sind – wie unsere Untersuchungen zeigen – die Anfahrtszeiten beachtlich: immerhin 40% fahren zwischen 20 und 45 Minuten zur Arbeit. Etwa ein Viertel muss Wegzeiten zwischen einer dreiviertel Stunde und zwei Stunden in Kauf nehmen. Für diese Gruppe verlängert sich der Arbeitstag somit um mindestens eineinhalb Stunden.“ Bartzen 2012, S. 22. Ebd., S. 98. Ebd., S. 112. Tully 2013, S. 206. 56 Auch wenn für die Landjugend der zeitliche Aufwand, um zu ihrem Ausbildungsort zu kommen, schon recht hoch ist, so ist dies nur ein Teilaspekt ihres lebensweltlichen Aktionsradius. Denn neben ihren Bildungs- und Arbeitswegen (Schule, Ausbildung, Beruf) gehören auch Kontaktwege (Eltern, Freunde, Verwandte), Eventwege (Kneipe, Kino, Theater etc.), Unterhaltswege (Bank, Einkaufen, Behördengänge etc.), Sport- und Erholungswege (Verein, Schwimmen, Wandern etc.) zum festen Bestandteil ihres Mobilitätsprofils. Die wohnortübergreifenden Mobilitätsformen und die damit einhergehende Lebensgestaltung der Landjugend können damit als prototypisch für das räumlich entgrenzte Landleben insgesamt angesehen werden. Denn die neuere regionale Sozialraumforschung konstatiert für alle im ländlichen Raum lebenden Alterskohorten eine zunehmend mobile und multilokale Lebensform: „Es sind nämlich spezifische Raumkonstellationen, in denen sich die individuelle – und durchaus unterschiedliche – Daseinsgestaltung im Nahbereich (Arbeiten, Freizeit, Partizipation, soziale Kontakte) entfaltet. Lebenswelten und Raumbezüge durchdringen einander. In diesem Verständnis sind Raum bzw. Räumlichkeit relationale Größen, die dem sozialen Handeln nicht vorgelagert sind, sondern als das Resultat menschlicher Einwirkung angesehen werden können, Partizipations-, Ressourcen- und Veränderungspotenziale eingeschlossen.“ 3.3 Generation Y: Work-Life-Balance im Jugendalter Die heutige junge Generation wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer häufiger als „Generation Y“53 bezeichnet. Auch wenn es sich bei den entsprechend etikettierten Alterskohorten – angesprochen sind die zwischen 1980 und 2000 Geborenen – vorrangig um ältere Jugendliche und junge Erwachsene handelt, so haben wir in unseren Ergebnissen Hinweise darauf gefunden, dass sich das Label möglicherweise auch auf jüngere Altersjahrgänge übertragen lässt. Aber welche Verhaltens- und Einstellungsmuster sind für diesen Jugendtypus charakteristisch? Zunächst einmal steht der Buchstabe ‚Y’ in seiner englischen Aussprache für das Wort ‚why‘ (dt. warum) und signalisiert damit eine Haltung des Nachfragens und Infragestellens. Vor allem die von der Elterngeneration praktizierten – und propagierten – privaten Lebensmodelle, be- Vogelgesang et al. 2015, S. 292. 53 Vgl. Buchhorn/Werle 2011; Löhr 2013; Stalinski 2013. Zwischenzeitlich hat sich für die nach 2000 Geborenen ein weiteres Label etabliert: Generation Z; vgl. Scholz 2014. 57 ruflichen Beschäftigungsformen und normativen Selbstverständlichkeiten werden auf den Prüfstand gestellt. Angestrebt wird eine neue, ausgeglichene Beziehung zwischen allen Lebensbereichen, wobei Autonomie, Sinnhaftigkeit und Partner- und Familienorientierung zu Leitvorstellungen werden. Eine junge Journalistin bringt das Selbstverständnis der Generation Y auf den Punkt: „Wir suchen Sinn, Selbstverwirklichung und fordern Zeit für Familie und Freunde.“54 Die Spurensuche nach entsprechenden Handlungs- und Zielvorstellungen bei den Jugendlichen in der Eifel konzentriert sich zunächst auf die Lebensbereiche Freizeit und Familie. Daran anschließend werden aus dem Spektrum wertgebundener Orientierungen zwei Aspekte vertieft, die als Grundhaltungen und Basiseinstellungen bezeichnet werden können: der Wunsch nach Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein. Einschätzungen der eigenen Zukunft beschließen den kleinen Exkurs zur Offenlegung von Handlungsfeldern und -strategien, die auch für die junge Generation in der Eifel Ankerpunkte für eine selbstbestimmte und harmonische Lebens- und Zukunftsgestaltung erkennen lassen. Auch wenn diese Entwicklung nur als Tendenz verstanden werden kann, so markiert sie einen wichtigen Aspekt künftiger Jugendforschung, in der Fragen nach der Vereinbarkeit von unterschiedlichen Handlungsfeldern wie Familie, Freizeit, Ausbildung, Beruf oder politischen und sozialem Engagement sehr viel stärker im Blick auf die eigenen Bedürfnisse und die Zeitautonomie der Jugendlichen zu untersuchen sind. 3.3.1 Kreatives Faulenzen Im Vorgriff auf das noch ausführlich zu behandelnde jugendliche Freizeitverhalten55 wird an dieser Stelle einem Aspekt eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, der auf den ersten Blick im Widerspruch steht zur Agilität und dem schier unerschöpflichen Spektrum von Handlungsmöglichkeiten im Freizeitraum: dem Nichtstun. Sowohl in der 2000er als auch in der 2011er Befragung konnten die Jugendlichen u.a. angeben, wie ausgeprägt in ihrem Freizeitverhalten „Faulenzen und Chillen“ sind. 54 Bund 2014, S. 30. 55 Siehe hierzu Kap. 4.1. 58 Abbildung 16: Freizeitaktivität „Faulenzen/Chillen“ – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Zunächst einmal fällt auf, dass fast die Hälfte der Eifeljugend (45%) dies bejaht und die Quote der ‚Intensiv-Chiller‘ im vergangenen Jahrzehnt nochmals leicht zugenommen hat. Aber welche Verhaltensmuster und Motivationen verbergen sich dahinter? Handelt es sich um rein passive Tätigkeiten von ‚Couch Potatoes‘, die sich in ihrer Freizeit hauptsächlich auf dem Sofa räkeln und Fernsehen schauen? Oder sind es ‚regenerative Chiller‘, die analog zu den Chill-out-Bereichen in der Techno- und LAN- Szene im privaten Raum Ruhephasen und -zonen eingerichtet haben? Die Antworten der Jugendlichen, die wir in qualitativen Ergänzungsinterviews erhalten haben, ließen sich beiden Entspannungsmustern zuordnen. Aber es gab einen bestimmten Kreis von Befragten, der sehr gezielt und bewusst Dinge in der Freizeit tut und diese als Kontrapunkte zu den Anforderungen im schulischen und beruflichen Bereich erachtet. Ob Lesen oder Musikhören, mit dem Auto oder Motorrad durch die Eifel cruisen, sich mit Freunden treffen oder sich auf Facebook mit ihnen austauschen, sich bei sportlichen Aktivitäten verausgaben oder bei der Organisation des Kinderflohmarktes im Haus der Jugend in Bitburg mithelfen, in diesen Aktivitäten sehen Jugendliche nicht nur die Möglichkeit, persönlichen Interessen und Neigungen nachzugehen, sondern sie erleben diese auch als selbstbestimmt, kreativ und entspannend. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Häufigkeit 59 Die freizeitlichen Handlungsspielräume multifunktional im Sinne persönlicher Bedürfnisse, autonomer Gestaltung und als Gegenpart zu fremdbestimmten Lebensbereichen zu nutzen, verweist zum einen auf Balancestrategien, um zeitlich und anforderungsmäßig unterschiedlich getaktete Lebensbereiche miteinander in Einklang zu bringen. Zum anderen werden dadurch regenerative Potenziale sichtbar, die stressabbauend oder gar -verhindernd wirken können. Auch wenn hier Themenfelder einer künftigen jugendbezogenen Work-Life-Balance-Forschung skizziert sind, so zeichnet sich bereits jetzt ab, dass solche ‚Lebens-Einklang-Potenziale‘ ihrerseits hoch bildungsabhängig sind. Denn das ‚aktive Chillen‘ findet sich unter den Jugendlichen mit einer hohen Bildung deutlich häufiger (49%) als bei ihren Altersgenossen mit einer niedrigen Bildung (35%). 3.3.2 Familienorientierung Das Bestreben einer wachsenden Zahl von Jugendlichen, zwischen den verschiedenen Lebenswelten ein pragmatisches und an Gleichgewichts- überlegungen ausgerichtetes Verhältnis zu verwirklichen, ist auch am veränderten Stellenwert der Familie abzulesen. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass der Anteil von Jugendlichen, die noch oder wieder bei den Eltern wohnen, recht hoch ist. Dass dies nicht nur finanziellen Erwägungen geschuldet ist, sondern mit einem gestiegenen Ansehen der Herkunftsfamilie einhergeht, zeigt sich auch an der Antwortverteilung auf die Frage, ob und inwieweit die Jugendlichen in der Eifel bereit sind, in der Freizeit etwas mit der Familie zu unternehmen. Die Ergebnisse in Abbildung 17 geben darüber Auskunft. Über ein Drittel (36%) antwortete hier mit „oft“, wobei vor allem die Steigerungsrate von 13% zwischen den beiden Jugendbefragungen hervorsticht. Das Einvernehmen und die Nähe zu den Eltern haben in der jüngeren Vergangenheit ganz offensichtlich zugenommen – eine Entwicklung, die auch die 16. Shell Jugendstudie besonders herausstellt: „In Zeiten hoher Anforderungen in Schule, beruflicher Ausbildung und ersten qualifizierten Tätigkeiten wird die Herkunftsfamilie zu einem sicheren sozialen Heimathafen. Hier findet eine große Mehrheit der Jugendlichen den notwendigen Rückhalt und die positive emotionale Unterstützung auf dem Weg ins Erwachsenenleben.“56 56 Shell Deutschland Holding 2010, S. 17. 60 Abbildung 17: Freizeitgestaltung mit der Familie – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Auch in den Gesprächen mit den Jugendlichen wurde uns immer wieder versichert, wie gut das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist und dass sie Vorbildcharakter haben. In den biographischen Schilderungen der Landjugend, die Bettina Bartzen zusammengetragen hat, finden sich ebenfalls zahlreiche Hinweise, die dies unterstreichen. Aus dem Fundus der jugendlichen Selbstberichte zum Verhältnis zu ihren Eltern und Großeltern sind nachfolgend einige Auszüge zitiert: • „Mein Opa ist mein Vorbild. Er erinnert sich an viele Geschichten und ist sehr intelligent. Ich bewundere ihn, weil er schon so lange im Ort die Jugendarbeit macht und auch politisch etwas erreicht hat. Aber eigentlich ist auch meine Mutter mein Vorbild. Sie hat einen starken Charakter, kann sich in die Psyche des anderen sehr gut hineinversetzen, und sie nimmt die Dinge so, wie sie kommen“ (Diana, 16 Jahre).57 • „Meine Mutter ist ein großes Vorbild von mir. Ich bewundere sie, weil sie stark durchs Leben geht, und jede Herausforderung positiv und mit viel Energie angeht“ (Anne, 22 Jahre).58 57 Bartzen 2012, S. 20. 58 Ebd., S. 46. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Häufigkeit 61 • „Meine Mutter ist mein großes Vorbild. In unserem Landwirtschaftsbetrieb gibt es immer sehr viel Arbeit und Stress. Dennoch behält sie den totalen Durchblick, kümmert sich um alles und behandelt alle gleich“ (Selina, 17 Jahre).59 Die ausgeprägte Familienorientierung der jungen Eifeler zeigt sich aber nicht nur in der starken Bindung an ihre Eltern, sondern auch im Kinderwunsch, den viele von ihnen haben. „Eine Familie mit Kindern“, das war bereits in den Vorgesprächen fast unisono ein von ihnen geäußertes Lebensziel. Und auch in der Hauptuntersuchung bestätigte sich der Eindruck, dass das Streben nach einer festen Partnerschaft aufs Engste mit dem Wunsch einhergeht, später einmal eigene Kinder zu haben. Abbildung 18: Kinderwunsch (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Fast drei Viertel (74%) der Jugendlichen beantwortete die Frage: „Möchtest Du später eigene Kinder haben?“ mit ja, 22% waren noch unentschieden und nur eine Minderheit von 5% sprach sich explizit gegen Kinder aus. Zwischen den verschiedenen Alters- und Bildungsgruppen gab es diesbezüglich kaum Unterschiede. Lediglich im Hinblick auf das Geschlecht äußerten die weiblichen Befragten einen etwas höheren Kinderwunsch als die männlichen (78% zu 70%). 59 Bartzen 2012, S. 98. Ja Weiß nicht Nein 62 Auch wenn wir in der Surveystudie nicht explizit danach gefragt haben, so sprachen sich in der Voruntersuchung die meisten Jugendlichen für zwei Kinder aus. Unabhängig von der geäußerten Anzahl und mit Blick auf die seit den 1970er Jahren auch in der Eifelregion konstante Geburtenrate von – im langjährigen Schnitt 1,4 Kindern pro Frau – stellt sich die Frage, ob sich der Kinderwunsch in den nächsten Jahren auch realisieren lässt. Zunächst einmal ist eine gewisse Skepsis angebracht, denn in der ‚Rushhour des Lebens‘ müssen auch die Jugendlichen in der Eifel Ausbildung, berufliche Integration, Partnerschaft und Familie miteinander in Einklang bringen. Ob ihnen dies gelingen wird, ist offen. Soviel lässt sich aber bereits jetzt in Anlehnung an eine Feststellung in der 16. Shell Jugendstudie sagen: „Ein Verzicht auf Kinder wäre in dieser Generation von Jugendlichen bei einer großen Mehrheit nicht freiwillig, sondern würde eine Einschränkung in ihrer Entfaltung bedeuten.“60 Es bleibt daher fraglos eine gesellschaftliche Aufgabe, mit geeigneten Rahmenbedingungen Familiengründungen in Deutschland zu unterstützen. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird angesichts der fortschreitenden ‚Verengung des Geburtenfensters‘ auf der politischen Agenda bleiben. Zuversichtlich stimmt allerdings die Vorstellung der heutigen jungen Generation, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Sie ist zu einer wichtigen Sinninstanz für das eigene Leben geworden, verbunden mit der Überzeugung, dass sich Arbeit, Familie und Freizeit auch anders organisieren lassen. Vor allem an der Rolle der jungen Väter wird dieser Einstellungswandel sichtbar: „Sie wollen heute nicht mehr nur Ernährer sein, sondern auch Erzieher. Noch nie seit Einführung des Elterngelds im Jahr 2007 haben mehr Väter Elternzeit genommen: Zuletzt hat sie mehr als jeder Vierte genutzt. In einer Umfrage unter Kleinkind-Vätern gaben 51% der Befragten an, sie könnten sich vorstellen, Gehaltseinbußen hinzunehmen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, 56% würden hierfür ihre Karriereziele wenigstens eine Zeit lang zurückstellen. Die Väter von heute wollen keine Wochenend-Papis sein. 92% sagten, dass ihnen Zeit für die Familie auch unter der Woche sehr wichtig sei.“61 60 Shell Deutschland Holding 2010, S. 18. 61 Bund 2014, S. 30. 63 3.3.3 Streben nach Sicherheit und Beständigkeit Den veränderten Lebensentwürfen der heutigen jungen Generation in der Eifel korrespondieren – gleichsam spiegelbildlich – Veränderungen in ihren Lebenseinstellungen. Wichtig ist ihnen zwar nach wie vor der persönliche und berufliche Erfolg, der ihnen ein Auskommen und auch Aufstiegsmöglichkeiten in der Leistungsgesellschaft sichern soll. Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz werden dazu als notwendige Voraussetzungen erachtet. Aber sie dürfen sich nicht verselbständigen und in ein hemmungsloses Karriere- und Selbstoptimierungsdenken münden. Ablesbar ist dies zunächst einmal daran, dass der Kurswert von sogenannten Selbstentfaltungswerten gesunken ist. Abbildung 19: Zustimmung zu Selbstentfaltungswerten – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). In der 2011er Befragung finden die individuellen Werte, die die Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen betonen, nicht mehr im gleichen Maße Zuspruch, wie dies in der 2000er Untersuchung noch der Fall war. Die Differenzen sind zwar nicht so groß, dass von einem dramatischen Wertewandel im Blick auf Selbstbehauptungs- und Autonomieorientierungen gesprochen werden kann. Sie deuten aber eine Verschiebung und Neugewichtung in den Lebenseinstellungen an. Die pragmatisch-positive Zukunftsplanung gründet Unabhängig sein Selbstverwirklichung Durchsetzungsfähig sein Selbstentfaltungswerte 2000 2011 Erhebungsjahr 64 auf Leistung, Einsatz und Zuversicht, benötigt aber einen verlässlichen Rahmen, der in erster Linie im privaten und regionalen Umfeld gesehen wird. Berufliche Existenzsicherung in heimatlichen Gefilden scheint für viele zu einer Richtschnur ihrer künftigen Lebensgestaltung zu werden. Auch hierzu finden sich in dem von Bettina Bartzen herausgegebene Fotoband Jugend in der Eifel anschauliche Schilderungen: • „Die Menschen in der Eifel haben so ihre eigene Art. Das merkt man schon am Dialekt. Sie sind sehr gastfreundlich und gesprächig. Auf meinen Hausbesuchen als Hörakustiker mache ich auf jeden Fall immer gute Erfahrungen. Mich würde es nur mal kurz in die Stadt ziehen, um den Schritt in mehr Selbständigkeit zu gehen. Denn ich liebe die Ruhe auf dem Dorf“ (Mathias, 21 Jahre).62 • „Ich bin in Kasachstan geboren und in der Nähe von Moskau aufgewachsen. Als ich neun Jahre alt war, kam ich in die Eifel. Hier gefällt es mir viel besser als in Russland. […] Gerade habe ich eine Ausbildung als Krankenschwester begonnen. Mir macht der Umgang mit den Leuten großen Spaß. Besonders die Geschichten der alten Leute finde ich spannend. Nach meiner Ausbildung würde ich gern für ein Jahr nach Afrika gehen. Aber dann möchte ich wieder in der Eifel leben und eine Familie gründen. Krankenschwestern werden im Prümer Krankenhaus immer gesucht“ (Kristina, 21 Jahre).63 • „Ich möchte nicht in der Stadt wohnen. Auch Trier wäre mir zu weit. Denn hier (in Waxweiler) kenne ich meine Leute. Mit den Eifelern kann man viel Spaß haben. […] Den Ausbildungsplatz als Maurer habe ich noch während meiner Schulzeit bekommen, als ich dort ein Praktikum gemacht habe. Bei dieser Arbeit sehe ich am Ende ein Ergebnis und bin viel draußen. Ich hoffe, dass ich nach meiner Lehre dort bleiben kann“ (Thomas, 18 Jahre).64 In der konkreten Lebensplanung der Jugendlichen in der Eifel – und sie können hier stellvertretend für die Generation Y angesehen werden – wird eine wertbezogene Orientierung sichtbar, die auf Stabilität, Sicherheit und Beständigkeit ausgerichtet ist. Dieses Werteverständnis verweist letztlich wieder darauf, dass sich die Jugendlichen ein Netzwerk befriedigender Beziehungen in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis schaffen und sichern wollen, das ihnen Verlässlichkeit, Bestand und Erfüllung ermöglicht. Die Stabilitätsorientierung im privaten Bereich benötigt dabei in ihrer Sicht aber eine allgemeinverbindliche 62 Bartzen 2012, S. 24. 63 Ebd., S. 96. 64 Ebd., S. 120. 65 Absicherung, die durch ein gesellschaftliches Ordnungs- und Regelgerüst garantiert wird, über das staatliche Sicherheitsinstitutionen wachen. Die Antwortverteilung auf die Frage: „Wie groß ist Dein Vertrauen in folgende Institutionen?“ unterstreicht dies nachdrücklich. Abbildung 20: Vertrauen in Institutionen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Auch wenn caritative Einrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz nach wie vor den höchsten Vertrauensbonus besitzen, so ist doch auffällig, dass vor allem die Sicherheitsinstitutionen Polizei und Justiz weiter an Vertrauenswürdigkeit gewonnen haben. In den Augen der Jugendlichen – und dies nicht nur in der Eifel – sind sie die Garanten und Stützpfeiler von gesellschaftlicher Sicherheit und Ordnung, deren Funktionsfähigkeit und Wertschätzung in unmittelbarem Zusammenhang mit der eigenen Lebensplanung gesehen wird. Die Ordnungsmacht des Staates wird nicht nur anerkannt, sondern als notwendige institutionelle Voraussetzung gesehen, damit persönliche Lebensziele und die individuelle Zukunftsgestaltung realisierbar erscheinen. Die Anerkennung zentraler staatlicher Institutionen und Aufgaben steht aber in einem auffälligen Kontrast zur Bundesregierung und den Parteien, die das Schlusslicht der Vertrauensskala bilden. Begründet wird dies von manch einem Jugendlichen recht lapidar: „Nicht mit uns in dieser Form“ (Stefan, 19 Jahre). Aber diese Aussage verweist weniger auf eine 7 19 23 29 43 68 83 6 10 21 25 32 50 77 Parteien Bundesregierung Kirchen Bürgerinitiativen Justiz Polizei Rotes Kreuz Erhebungsjahr 66 allgemeine Politikverdrossenheit der Jugendlichen als vielmehr auf eine große Skepsis gegenüber politischen Repräsentanten, in deren Handlungsweisen und Entscheidungen sie Glaubwürdigkeit, Moral und Lebensweltnähe – vor allem zu jugendspezifischen Themen – gleicherma- ßen vermissen.65 3.3.4 Verantwortungsbewusstsein und interne Kontrollüberzeugungen Was sich in der kritischen Haltung Jugendlicher gegenüber Politikern andeutet, lenkt den Blick auf eine weitere allgemeine Ziel- und Regelgröße in ihrem Leben: Verantwortung. Sie kommt zunächst einmal in Form und Ausmaß prosozialer Orientierungen zum Ausdruck. Dazu wurden die Items „Rücksicht auf andere nehmen“, „anderen Menschen helfen“, „Verantwortung für andere übernehmen“ zu einem Summenindex „Prosozialität“ zusammengefasst. Die hohe Zustimmungsrate der drei Basisvariablen bildet sich analog in der Verteilung der aggregierten Wertedimension ab. Abbildung 21: Wertedimension „Prosozialität“ (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 65 Vgl. Lorig/Vogelgesang 2008. Hoch Mittel Niedrig Prosozialität 67 Danach sind Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsorientierung und soziale Verantwortung feste Größen in ihrem Werteverständnis. Ihr Verantwortungsbewusstsein verbindet sich dabei aufs Engste mit der Vorstellung und Hoffnung, künftige Aufgaben und Probleme nur kollektiv bewältigen zu können. „Als Einzelner stehst du in der heutigen Welt auf verlorenem Posten,“ so umschreibt ein 17-jähriger Schreinerlehrling (Sven) sehr nüchtern die Haltung seiner Generation in diesem Punkt. Und er ergänzt, schon beinah im Sinne eines Appells: „Bei den kleinen wie bei den großen Dingen haben wir nur als Gemeinschaft eine Chance.“ Dass es sich dabei keineswegs nur um Lippenbekenntnisse handelt, wird im Kontext der Analyse jugendlicher Partizipationsbereitschaft und Engagementformen noch deutlich werden.66 Soviel kann aber an dieser Stelle bereits festgehalten werden: Selbstverantwortung (für das eigene Leben) und Fremdverantwortung (Prosozialität, Partizipation) stehen in einem Ergänzungsverhältnis zueinander. Die Jugendlichen – in der Eifel genauso wie in anderen Regionen unseres Untersuchungsgebiets – sind heute also mehrheitlich keineswegs auf einem antisozialen Ego-Trip mit Wegwerf-Beziehungen per SMS, wie ihnen oftmals unterstellt wird. Im Gegenteil, ihr Verantwortungs-, Verbindlichkeits- und Verpflichtungshabitus erinnert an ein Lebensmotto aus dem Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Wie wichtig den Jugendlichen in der Eifelregion eine wert- und verantwortungsbewusste Grundhaltung ist, zeigt sich auch bei der Analyse ihrer Kontrollüberzeugungen. Gemeint sind damit Vorstellungen, die angeben, wie stark der Einzelne innen- oder außengeleitet ist, also bei der Erklärung von bestimmten Ereignissen oder der Planung von bestimmten Aktivitäten eher selbst- oder eher fremdbestimmt handelt. Von internen Kontrollvorstellungen geleitete Menschen vertrauen auf ihre Fähigkeiten und Anstrengungen und glauben daran, dass sie durch ihr eigenes Verhalten den Lauf ihres Lebens bestimmen können. Bei Personen mit externen Kontrollüberzeugungen dominieren Erklärungen wie Zufall, Glück oder der Verweis auf die besonderen Umstände oder ganz allgemein auf die sozialen Verhältnisse. Selber könne man, so ihre Auffassung, kaum die Ereignisse in der sozialen Umwelt beeinflussen. Der aus sechs Einzelitems gebildete Index „Kontrollüberzeugungen“ unterstreicht noch einmal die Bedeutung der Eigenverantwortung im jugendlichen Werteensemble (vgl. Abb. 22). Fast die Hälfte (46%) der im 66 Siehe hierzu Kap. 5.3 und Kap. 5.4. 68 Eifelkreis Bitburg-Prüm befragten Jugendlichen bekundet eine starke interne Kontrollüberzeugung, sieht sich also persönlich in der Verantwortung für die moralische Ausrichtung und praktische Gestaltung seines Lebens. Knapp ein Drittel (32%) betont zwar immer noch einen hohen Anteil von Eigenverantwortung, aber gleichzeitig und gleichrangig werden auch äußere Umstände für den Lebensverlauf verantwortlich gemacht. Und nur etwas mehr als ein Fünftel (22%) wähnt sich primär in der Hand von fremden Mächten, auf die man nur wenig Einfluss hat. Das persönliche und soziale Leben erscheint diesen Jugendlichen als kaum überschaubar und berechenbar. Abbildung 22: Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Auch wenn man bereits an dieser Stelle festhalten kann, dass für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen in der Eifel ihre ‚Lebensmoral‘ und ihre ‚Lebensstrategie‘ in einem Passungsverhältnis zueinanderstehen, so sind hier sozialstrukturelle Differenzierungen immer mit zu berücksichtigen. Bei dem Wertekonstrukt „interne Kontrollüberzeugungen“ etwa sind männliche und ältere Jugendliche leicht überrepräsentiert. Hoch signifikante Unterschiede zeigen sich aber im Hinblick auf den Bildungsstand der Jugendlichen (vgl. Abb. 23). Der Zusammenhang ist eindeutig: Je höher das Bildungsniveau, desto ausgeprägter ist eine eigenverantwortliche und autonome Grundhaltung. Ganz offensichtlich ist das Wechselwirkungsverhältnis zwischen Selbstverantwortung und Intern Teils-Teils Extern Kontroll- überzeugungen 69 Selbstwirksamkeit immer auch im Zusammenhang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sehen.67 Was bei der Analyse der Bildungs- und Ausbildungssituation bereits deutlich wurde, zeigt sich auch bei der Untersuchung der Lebenseinstellungen: Qualifikationsinvestitionen wirken sich gleichermaßen positiv auf die Lebensplanung und Werterealisierung aus. Abbildung 23: Kontrollüberzeugungen nach Bildungsniveau (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Für die überwiegende Mehrheit der jungen Eifeler heißt dies, dass sie für sich gute Möglichkeiten sehen, Werte zu vertreten und im Handeln zu realisieren. Für eine Minderheit zeichnen sich hingegen prekäre Lebens- und Wertbezüge in Form eines ‚anomischen Habitus‘ ab, der durch Ziellosigkeit, Ordnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet ist. 3.3.5 Zukunftssicht Es gab Zeiten, da war die Formel für die Beschreibung des Verhältnisses von Jugend und Zukunft schnell bei der Hand: Jugend ist Zukunft! Jugend war geradezu identisch mit der Zukunft, sie war ein Symbol für 67 Vgl. Satow/Schwarzer 2003. Niedrig Mittel Hoch Bildungsniveau Intern Teils-Teils Extern Kontroll- überzeugungen 70 eine bessere zukünftige Welt, die es zu schaffen galt. Die Formel ‚Jugend ist Zukunft‘ konnte in eins gesetzt werden mit ‚Jugend macht Zukunft‘. Aber wie sieht es heute mit den Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung aus, wo fast alle Lebensbereiche von einer teilweise atem(be)raubenden Fortschrittslogik und Entwicklungsdynamik erfasst werden? Fühlen sich die Jugendlichen in der Eifel von dieser Situation herausgefordert oder überfordert? Glauben sie an sich und ihre Zukunft oder sind sie eher skeptisch eingestellt? Um in allgemeinster Form die individuelle Grundstimmung bei der Zukunftssicht in Erfahrung zu bringen, stellten wir ihnen folgende Frage: „Man kann ja die eigene Zukunft, wie das eigene Leben weitergehen wird, eher düster oder eher zuversichtlich sehen. Wie ist das bei Dir?“ Vergleicht man diesbezüglich die Ergebnisse aus beiden Erhebungen miteinander, dann wird eine interessante Entwicklung sichtbar. Abbildung 24: Zukunftssicht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die heutige junge Eifelgeneration schätzt sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen aus dem Jahr 2000 deutlich zuversichtlicher ein (69% zu 52%). Im gleichen Ausmaß zurückgegangen ist hingegen die Quote derjenigen, die der eigenen Zukunft mit pragmatisch-gemischten Gefühlen entgegensehen (45% zu 28%). Konstant niedrig geblieben mit 3% ist der 2000 2011 Erhebungsjahr Eher zuversichtlich Mal so, mal so Eher düster Zukunftssicht 71 Anteil zukunftspessimistisch eingestellter Jugendlicher. In mehrfacher Hinsicht aufschlussreich ist auch die Aufschlüsselung der Zukunftssicht nach den Sozialmerkmalen der befragten Jugendlichen: Zum einen bestehen kaum Unterschiede in der Zukunftssicht zwischen den Geschlechtern (Jungen: 69%; Mädchen: 68%) sowie im Hinblick auf die regionale Herkunft (Stadt: 63%; Land: 70%). Zum anderen wird deutlich, dass Alter und Bildungsniveau von großer Bedeutung sind: Vor allem in den jüngeren Altersjahrgängen und unter den Hauptschülern liegt die persönliche Zukunftszuversicht deutlich unter dem Durchschnittswert der Untersuchungspopulation. Die sich hier andeutenden alters- und bildungsspezifischen Hemmnisse und Barrieren, die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern, können – meist in Kombination mit weiteren Faktoren – am Selbstwertgefühl und Zukunftsglauben kräftig zehren. So sind es vor allem die Jugendlichen mit einem niedrigen Selbstbewusstsein und einer starken Beeinflussung durch externe Kontrollüberzeugungen, die mit Abstand die geringsten Zukunftsperspektiven für sich sehen (vgl. Abb. 25). Aus diesem Umfeld rekrutiert sich eine Minderheit von Zukunftspessimisten, für die gilt, was bereits in der 16. Shell Jugendstudie festgestellt wurde: „Für diese Gruppe von Jugendlichen ist die derzeit vorherrschende Schul- und Bildungspolitik (weitere Öffnung des Zugangs zu den Oberschulen und Hochschulen und gleichzeitige Abwertung der Hauptschule als eigenständigen Bildungsweg) nicht hilfreich, sie macht sie zu Verlierern.“68 Aufs Ganze gesehen hat der überwiegende Teil der Jugendlichen aber eine optimistische, realistische und zielstrebige Zukunftsorientierung. Allerdings sind diese positiven Zukunftsvorstellungen sehr stark auf die individuelle Lebensplanung gerichtet, wobei vor allem die enge Verschränkung zwischen der allgemeinen Zukunftseinschätzung und der beruflichen Zukunftssicht hervorzuheben ist. Denn je positiver die Zukunft insgesamt gesehen wird, desto höher ist auch das Zutrauen, künftig mit den Herausforderungen der Arbeitswelt zurechtzukommen. Auch wer von seinen Stärken überzeugt ist, d.h. wer eine hohe interne Kontrollüberzeugung hat, blickt überproportional häufig zuversichtlich in seine private wie berufliche Zukunft. Eine Jugendliche hat den Glauben an die Zukunft auf die Formel gebracht: „Was dir die Zukunft 68 Fuchs-Heinritz 2000, S. 49. 72 bringt, das steht nicht in den Sternen, sondern liegt in deiner Hand“ (Petra, 19 Jahre). Abbildung 25: Zukunftssicht nach Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Ergänzend ist noch darauf hinzuweisen, dass im jugendlichen Zukunftshorizont auch das Verhältnis zwischen Jung und Alt eine wichtige Rolle spielt. Über Herkunfts-, Geschlechts-, Bildungs- und größtenteils auch Altersgrenzen hinweg wird eine große Zuversicht bekundet, mit der Generation der Älteren in den kommenden Jahren einvernehmlich zusammenleben zu wollen. Entgegen dem in den Medien immer wieder propagierten Bild von einem sich verschärfenden Generationenkonflikt, der in Zukunft drohe, ist die tatsächliche Einschätzung der Jugendlichen sehr viel gemäßigter und optimistischer. Sie sind mehrheitlich nicht auf einem Konfrontationskurs gegen die Eltern- oder Großelterngeneration, sondern streben ein solidarisches und unterstützendes Zusammenleben an. Ablesbar ist dies u.a. auch daran, dass 80% der Eifeler Jugendlichen zustimmend auf folgendes Item geantwortet haben: „Die jüngere Generation kann von der älteren Generation etwas lernen.“ Diese Zuversicht in eine gemeinsame Zukunft der Generationen nimmt aber dann rapide ab, wenn die eigene Zukunftssicht pessimistisch aus- Intern Teils-Teils Extern Kontrollüberzeugungen Eher zuversichtlich Mal so mal so Eher düster Zukunftssicht 73 fällt. Wenn auch nur für eine recht kleine Gruppe von Jugendlichen relevant, so ist der Zusammenhang doch evident: Wer glaubt, die Zukunft sei beschädigt und brauche den Einzelnen gar nicht resp. ermögliche ihm keine Anerkennung und Selbstverwirklichung, der beurteilt auch das intergenerationale Verhältnis deutlich negativer. Wenn die biographische Kontinuität nicht gesichert scheint, so die Schlussfolgerung, dann wächst die Distanz zu den Generationen und zum Gemeinwesen. 75 4 Freizeit, Medien, Jugendeinrichtungen Nachdem im vorhergehenden Kapitel die Bedeutung von Bildung umfassend dargestellt wurde und Schlagworte wie ‚Qualifikationsmentalität‘ und ‚Work-Life-Balance‘ schon eine starke Verbindung zwischen Bildungszeit und Freizeit andeuteten, soll im Folgenden der Freizeitbereich in seiner ganzen Breite analysiert werden. Hier wird nicht nur bei den Freizeitaktivitäten, sondern auch beim Mediengebrauch und beim Besuch von Jugendeinrichtungen der hohe Stellenwert von informellen Bildungsformen zutage treten. Dass der Trend zu verlängerten Schulund Ausbildungszeiten zu Veränderungen der zeitlichen und thematischen Handlungsoptionen im Freizeitbereich führt, hat vor allem Reinders mit dem Konzept des „Bildungs- und Freizeitmoratoriums“69 idealtypisch veranschaulicht. Die Grenzen zwischen diesen beiden Moratorien sind allerdings fließend, da Prozesse informeller Bildung überwiegend im Freizeitrahmen stattfinden und auch die Sozialisationskontexte Schule, Peergruppe, Familie und Medien in einem Wechselwirkungsverhältnis zueinander stehen.70 Die Jugendlichen stehen mithin vor der Herausforderung, die jeweiligen Angebote und Erwartungsmuster in ein „integriertes Moratorium“71 zu übertragen. Oder wie dies ein 19-Jähriger (Karsten) aus dem Eifelort Waxweiler auf den Punkt gebracht hat: „In der Freizeit musst du es irgendwie schaffen, Lernen und Leben miteinander zu kombinieren.“ Ob und in welcher Form die Jugendlichen dies bewältigen, wird nachfolgend näher untersucht. 4.1 Freizeitaktivitäten Zu den zu analysierenden Freizeitaktivitäten der Jugendlichen im Eifelkreis zählen nicht nur die Formen und Orte der Freizeitgestaltung, sondern auch die Mitgliedschaft in Institutionen und die Teilnahme an Bräuchen. Von ebenfalls großem Interesse für die Forschergruppe war es, die Freizeitzufriedenheit zu erheben und dadurch möglicherweise auf bestimmte Defizite im Freizeitangebot aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang werden von den Jugendlichen auch Verbesserungsvorschläge gemacht, die sich konkret auf das Freizeitangebot im Wohnort beziehen. 69 Vgl. Reinders 2006. 70 Vgl. Hurrelmann 2001; Harring 2011. 71 Reinders 2006, S. 102. 76 4.1.1 Formen und Orte der Freizeitgestaltung Näher dargestellt sind zunächst einmal die nichtmedialen Freizeitmuster. Um Genaueres dazu in Erfahrung zu bringen, stellten wir den im Landkreis Bitburg-Prüm befragten Jugendlichen ganz allgemein die Frage: „Was machst Du in Deiner Freizeit“? Bei der Beantwortung konnten sie sich an einer Liste von Aktivitäten orientieren und jeweils mit „oft“, „selten“ oder „nie“ antworten. Geordnet nach der Häufigkeit der Nennungen und bezogen auf die Kategorie „oft“, wurde folgende Präferenzbildung bei den freizeitbezogenen Verhaltensweisen sichtbar. Abbildung 26: Freizeitaktivitäten – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „oft“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die am häufigsten genannte Freizeitaktivität der Jugendlichen in beiden Befragungswellen ist das „Treffen mit Freunden“ – ein Befund, der auch in vielen anderen Jugendstudien immer wieder nachgewiesen wird. So findet sich bspw. auch in der 17. Shell Jugendstudie der Hinweis, dass „Jugendliche […] vor allem die Geselligkeit in ihrem Freizeitverhalten betonen. ‚Sich mit Freunden treffen‘ ist bei ihnen mit einem Anteil von mehr als drei Vierteln (77%) die häufigste der genannten Beschäftigungen.“72 Allerdings hat es in dem von Jugendlichen so geschätzten peer- 72 Leven/Schneekloth 2015, S. 116. 5 12 15 17 19 22 25 36 40 41 45 49 52 87 13 10 44 33 21 37 26 23 47 70 39 51 41 89 Ins Jugendhaus gehen Konzerte besuchen Discos besuchen In Kneipen gehen Sportveranstaltungen besuchen Shopping/Einkaufsbummel Künstlerisch-musische … Etwas mit der Familie unternehmen Mofa/Motorrad/Auto fahren Auf Parties gehen Nichtstun/Faulenzen/Chillen Lernen für Schule/Ausbildung Sport treiben Freunde treffen 2000 2011 Erhebungsjahr 77 kulturellen Kontext eine nachhaltige Verlagerung der damit verbundenen Handlungsmuster gegeben: Während das regelmäßige Treffen mit Freunden und Cliquen nichts von seiner Intensität und Bedeutung eingebüßt hat, ist dagegen die Party-, Kneipen- und Disco-Häufigkeit deutlich rückläufig. Als Hauptgründe nennen die Jugendlichen Interessensverschiebungen, neue Erlebnis- und Kommunikationskontexte, wie sie vor allem durch das Internet entstanden sind, und Zeitknappheit. Dass die zur Verfügung stehenden zeitlichen Ressourcen dabei vermehrt auch während der Freizeit für Bildung und Qualifizierung eingesetzt werden, wurde bereits angesprochen und findet Bestätigung in dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der jungen Eifeler (49%) angab, regelmä- ßig in der Freizeit für Schule und Ausbildung zu lernen. Eine hohe Wertschätzung im Freizeitraum erfahren bei den Jugendlichen in der Eifel auch sportliche Betätigungen. Deutlich wird dies zum einen an der gestiegenen Rate (von 41% auf 52%) derjenigen, die regelmäßig Sport treiben. Zum anderen hat sich das Feld sportlicher Aktivitäten erheblich ausgeweitet. Denn neben dem klassischen Vereinssport finden bei der Eifeljugend vermehrt auch sportive Betätigungen aus dem Fun- und Fitnessbereich wie bspw. Skaten, Mountain-Biking oder Parcouring Anklang, die dem selbstorganisierten, szenischen oder kommerzialisierten Freizeitbereich zuzuordnen sind. Für entsprechende Aktivitäten gibt es oftmals im Wohnort keine Angebote, was die Jugendlichen zunehmend zu ‚Sport- und Freizeitpendlern‘ macht. Ähnliches gilt auch für die vereinsgebundenen Sportarten, zumal wenn es sich nicht um die klassischen Angebote wie Fußball, Tennis oder Tischtennis handelt, sondern um neue Trendsportarten, die ebenfalls nur in größeren Gemeinden oder Städten anzutreffen sind. Angesichts der demographischen Entwicklung und der sich weiter öffnenden Schere zwischen dem klassischen und dem fun-orientierten Sportensemble haben es die dörflichen Traditionsvereine immer schwerer, junge Mitglieder zu rekrutieren. Aufmerksam zu machen ist noch auf ein in der neueren Jugendforschung kaum untersuchtes freizeitliches Handlungsfeld, auf das wir in den ländlichen Erhebungsregionen – auch im Eifelraum – gestoßen sind: Brauchformen. Denn über zwei Drittel (70%) der befragten Jugendlichen gaben an, Brauchformen nicht nur zu kennen, sondern auch aktiv an ihnen teilgenommen zu haben resp. immer noch an ihnen teilzunehmen. Auffallend ist weiterhin die große Zahl von Handlungsmustern, Ereignissen und Anlässen, die Jugendliche mit Bräuchen in Verbindung bringen. So finden sich in den Antworten auf die offene Brauchfrage über 50 verschiedene Nennungen. Das Spektrum reicht dabei von der Eierlage der Junggesellensodalität in Schönecken, Mailehenversteigerungen und 78 dem Verbrennen der Hettestang über die unterschiedlichsten Fastnachts-, Mai- und Kirmesbräuche bis hin zu den verschiedenen kirchlich geprägten Brauchformen (Klappern, Sankt Martin, Heilige Drei Könige). Aber auch zeitgenössische Aktivitäten und Events – etwa Brunnenfeste, Halloweenpartys und diverse andere Spaßfeten –, die jedoch in der Regel über keinerlei historische Wurzeln oder Traditionen verfügen, werden Brauchformen zugerechnet. Auch wenn über ihren Stellenwert im Freizeitraum der Jugendlichen und im Kontext ihrer kulturellen Praxisformen noch differenziertere Forschungen notwendig sind, soviel ist bereits jetzt offenkundig, sie sind ein relevanter Teil im Ensemble jugendeigener Kommunikations-, Gruppen- und Erlebnismuster im ländlichen Raum. Zudem können sie gerade in kleineren Orten regelrecht den Charakter von Eingliederungsritualen annehmen. Die erhöhte Ortsbindung und Bleibeorientierung der jugendlichen Brauchanhänger ist ein deutlicher Indikator hierfür. 4.1.2 Freizeittypen und sozialstrukturelle Differenzierungen Um die Freizeitaktivitäten der Jugendlichen hinsichtlich sozialstruktureller Merkmale noch etwas näher aufschlüsseln zu können, empfiehlt es sich, die Vielfalt von Handlungen und Kontexten in diesem Bereich zu größeren Komplexen zusammenzufassen. Dazu wurde ein statistisches Verfahren, die Faktorenanalyse, verwandt, die folgende dimensionale Struktur des jugendlichen Freizeitraums sichtbar werden ließ: • Faktor 1 („Geselligkeit/Vergnügen“) enthält die meisten Items. Allen gemeinsam ist eine kommunikative Komponente, denn gerade die hier genannten Lokalitäten dienen vornehmlich dem Treffen von Peers bzw. Freunden, dem Austausch mit und Kennenlernen von Altersgenossen. Weiterhin stehen die hier vereinigten Aktivitäten für eine selbstorganisierte Freizeit, in der die Jugendlichen aktiv und in informellen Gruppen ihre freie Zeit gestalten. Dass das gesellige und kommunikative Freizeiterleben sich auch auf die Motorisierung und das Mobilsein bezieht, zeigt sich an der Zugehörigkeit des Items „Mofa/Motorrad/Auto“ zu dieser Dimension. • Faktor 2 („Sport/Erlebnis“) beinhaltet sowohl die aktive als auch die passive Seite des Sports. Einerseits wird selbst Sport betrieben, andererseits werden Sportveranstaltungen besucht. Die Sportbegeisterung, die für diesen Freizeittypus charakteristisch ist, erstreckt sich dabei auf vereinsgebundene und selbstorganisierte sportliche Aktivitäten in gleicher Weise. • Faktor 3 („Kultur/Bildung“) enthält „künstlerisch-musische Betätigungen“ und „Lernen“. Hier stehen eher ästhetische, kulturelle und intellektuelle Aspekte im Vordergrund. Diese können zwar auch im 79 Verein oder in anderen Institutionen stattfinden, sind aber meist selbstorganisiert. Die auf der Basis der Faktorenanalyse gewonnenen Freizeitdimensionen wurden in einem nächsten Auswertungsschritt zu additiven Indizes aggregiert. Nach ihrer Rekodierung, die sich am Einteilungsprinzip gleich großer Quantile orientierte, ergibt sich folgende Häufigkeitsverteilung: Über die Hälfte (52%) der Jugendlichen entfallen auf den Geselligkeitstypus, d.h. sie verbringen ihre Freizeit vornehmlich im Kreis alters- und sozialhomogener Gruppen. Für jeweils etwas mehr als ein Drittel stehen sportliche (41%) oder kulturelle Aktivitäten (34%) im Zentrum ihrer Freizeitgestaltung. Tabelle 3: Dimensionen der Freizeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „öfter“; Angaben in Prozent) Dimensionen der Freizeit Geselligkeit/Vergnügen Sport/Erlebnis Kultur/Bildung gesamt 52 45 34 Geschlecht Jungen 54 54 26 Mädchen 51 36 43 Alter 14-17 J. 25 53 35 18-21 J. 75 40 39 22-25 J. 74 37 25 Bildung niedrig 48 36 20 mittel 49 41 28 hoch 56 50 42 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Dieses Ergebnis darf aber nicht dahingehend interpretiert werden, dass Jugendliche ausschließlich auf einen Typus von Freizeit fixiert sind. Vielmehr handelt es sich dabei um Aktivitätskerne, um die andere freizeitliche Verhaltensweisen gruppiert werden, die allerdings in der Regel nicht die gleiche Wertschätzung erfahren. Das Faktum, dass es sich bei der Jugendfreizeit um ein mehrdimensionales aber fokussiertes Aktivitätsspektrum handelt, ist auch bei der Untersuchung der sozio-demographischen Merkmale der jugendlichen Freizeitakteure zu berücksichtigen. Im Einzelnen lassen sich diesbezüglich für die Eifeljugend folgende Differenzierungen im Freizeitraum nachweisen: Die Freizeitdimension „Geselligkeit/Vergnügen“ ist stark altersabhängig und erfährt mit der Volljährigkeit einen regelrechten 80 Quantensprung. Demgegenüber schlagen Geschlechts- und Bildungseinflüsse hier kaum zu Buche. Der Freizeithabitus „Sport/Erlebnis“, der auf stärker körperzentrierte und außeralltägliche Aktivitäten verweist, findet sich eher bei Jungen als bei Mädchen – ein Befund, der auch darauf verweist, wie eng Maskulinität, Körperlichkeit und Risikoverhalten nach wie vor miteinander verbunden sind.73 Allerdings sind die Formen körperlicher und sportiver Expressivität stark altersabhängig, denn ihr Kurswert sinkt mit steigendem Alter. Gegenläufig hierzu ist allerdings die Bildungsabhängigkeit, denn mit steigendem Bildungsniveau steigt auch die Sportbegeisterung. Auch bezüglich des Freizeitmusters „Kultur/Bildung“ lassen sich für die einzelnen Sozialfaktoren markante Unterschiede ausmachen. So sind die weiblichen Jugendlichen deutlich kultur- und bildungsbeflissener als ihre männlichen Altersgenossen. Neben dem Alter ist auch das Bildungsniveau ein starker Einflussfaktor. Der Zusammenhang ist linear und hoch signifikant und lässt sich auf die Formel bringen: Bildung erzeugt kulturelles Interesse. Auch das Alter spielt hier eine Rolle, wenn auch eine deutlich geringere. Denn es sind die 14- bis 21-Jährigen, die etwa gleich häufig im kulturellen Freizeitsegment vertreten sind, während bei den älteren Jugendlichen die Vorliebe für kulturelle und bildungsbezogene Freizeitaktivitäten spürbar nachlässt. Aufs Ganze gesehen gilt, dass bei den Jugendlichen in der Eifel ‚Freizeittypen‘ und ‚Sozialtypen‘ auf vielfältige Weise miteinander verschränkt sind, wobei Geschlechts-, Alters- und Bildungsvarianzen deutlich stärker ins Gewicht fallen als regionsbezogene Differenzen. 4.1.3 Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen Angesichts der bereits mehrfach angesprochenen Individualisierungstendenzen in der jüngeren Vergangenheit, die nicht zuletzt auch im jugendlichen Freizeitverhalten durch einen Anstieg selbstorganisierter Outdoor- und kommerzialisierter Indoor-Aktivitäten nachweisbar sind, wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass diese Entwicklung einseitig zu Lasten formell organisierter Freizeitformen geht. Um uns möglichst neutral an diese Thematik anzunähern, stellten wir den Jugendlichen zunächst die Frage: „Bist Du Mitglied in einem Verein, einem Verband, einem Fanclub?” 73 Vgl. Niekrenz/Witte 2011; Raithel 2011. 81 Tabelle 4: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) 2000 2011 Sportverein 36 51 Musikverein 16 18 Freiwillige Hilfsorganisation 13 16 Kirchliche/Religiöse Gruppe 8 16 Jugendverband 4 5 Fanclubs 5 5 Politische Organisationen 3 3 Mitgliedschaft insgesamt 55 71 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Aus den Antworten der Jugendlichen wird eine klare Präferenzordnung sichtbar: Die bei weitem beliebteste Einrichtung, in der Jugendliche ihre Freizeit verbringen, ist der Sportverein. Rund die Hälfte aller Mitgliedschaften (51%) entfallen hierauf. Mit deutlichem Abstand folgen Mitgliedschaften in Musikvereinen (18%), freiwilligen Hilfsorganisationen (16%) oder kirchlichen Gruppen (16%). Die geringste Resonanz finden Jugendverbände (5%), Fanclubs (5%) und politische Jugendorganisationen (3%). Des Weiteren ist zu konstatieren, dass die Mehrzahl der Jugendlichen – und zwar 71% – einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit in Vereinen oder vereinsähnlichen Einrichtungen verbringen, wobei ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. Denn im Vergleich zur Situation im Jahr 2000 haben bei den institutionalisierten Freizeit- und Engagementformen vor allem Vereine und ehrenamtliche Einrichtungen an Zuspruch gewonnen, wobei prozentual Sportvereine und kirchlich-religiöse Gruppen den größten Mitgliederzuwachs zu verzeichnen haben. Trotz wachsender Konkurrenz im Freizeitangebot bieten Sportvereine ganz offensichtlich immer noch für die Mehrzahl der Jugendlichen in der Eifel attraktive Betätigungsfelder, um ihren Interessen, Hobbies sowie Bewegungsund Wettkampfbedürfnissen nachzugehen. Auf drei interessante Entwicklungen ist in diesem Zusammenhang aufmerksam zu machen: • Neben den traditionellen Sportvereinen – und hier vor allem den Fußballclubs – etablieren sich neue Vereine wie etwa Dartclubs oder Karate-Dojo-Zentren, die in ihrem Selbstverständnis ebenfalls Sportvereine sind. • Über die Hälfte der ‚Vereinsjugendlichen‘ ist nicht nur in einem Verein aktiv, wobei sich die Mehrfachmitgliedschaft ebenso auf Sportvereine wie auf andere Vereinstypen beziehen kann. 82 • Wer als Jugendlicher einem Sportverein beitritt, zeigt auch eine gewisse Bereitschaft, in dem Verein Verantwortung zu übernehmen. In diesem Punkt gibt es aber ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Denn es ist in erster Line die Landjugend, für die Sportvereine ein partizipatorisches Lernfeld darstellt – eine Feststellung, die auch andernorts bestätigt wird: „Jugendliche in Stadt und Land sind gleichermaßen in Sportvereinen organisiert, allerdings übernehmen sie auf dem Land häufiger Funktionen und Ämter. Mitgliedschaft und Engagement im ländlichen Raum sind enger miteinander verknüpft.“74 Eine Differenzierung nach Sozialmerkmalen lässt ebenfalls Unterschiede bei der Vereins- und Gruppenpräferenz erkennen. Tabelle 5: Mitgliedschaft in freizeitlichen Gruppierungen und Vereinen nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Mitgliedschaft in Gruppierungen und Vereinen Sportverein Hilfsorganisation Musikverein Kirchliche Gruppe Fanclub Politische Organisation Jugendgruppe Jugendverband gesamt 50 16 18 16 13 3 20 5 Geschlecht Jungen 54 19 15 16 18 5 23 6 Mädchen 47 12 21 16 7 2 18 4 Alter 14-17 J. 62 17 17 28 12 2 27 8 18-21 J. 44 15 20 8 13 4 19 2 22-25 J. 39 13 16 3 12 6 9 3 Bildung niedrig 34 13 11 7 19 3 15 7 mittel 49 18 21 18 15 4 25 4 hoch 55 14 18 17 9 3 20 5 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Bezüglich des Geschlechts ist festzustellen, dass Jungen sich häufiger in freiwilligen Hilfsorganisationen – etwa den Jugendabteilungen der Feuerwehr – engagieren, wobei es sich bei diesem Typus von Institution traditionell um eine Männerdomäne handelt. Auch sind sie häufiger Mitglied in einer Jugendgruppe oder einem Fanclub. Mädchen geben dagegen nur in einer Freizeiteinrichtung den Ton an: dem Musikverein. Sportvereine – und mit einer sehr viel geringeren Frequenz Jugendverbände und politische Organisationen – erfreuen sich bei männlichen und weiblichen Jugendlichen in etwa gleich großer Beliebtheit. Die Mitgliedschaftsrate in Vereinen und Gruppierungen ist auch altersabhän- 74 Tully/Schippan 2014, S. 204. 83 gig und zwar nimmt sie tendenziell mit zunehmendem Alter ab. Sportvereine – und auch kirchliche Gruppen sowie Jugendgruppen – sind hiervon stark betroffen. Lediglich die politischen Institutionen verzeichnen einen leichten Zuwachs durch ältere Jugendliche. Auch hinsichtlich des Bildungsniveaus der jungen Eifeler lassen sich Unterschiede feststellen, wenn auch nicht für alle Vereins- resp. Gruppentypen. Auffallend ist, dass die Bildungshöhe positiv mit der Vereinszugehörigkeit und der Mitwirkung in einer kirchlichen Gruppe korreliert. Insgesamt ist festzuhalten, dass viele Jugendliche in der Eifel – nicht zuletzt aufgrund ihrer Mehrfachmitgliedschaften – im Wortsinne ‚Vereinsmeier’ sind. Aber ihr Vereinsinteresse ist dabei nicht nur auf den Wohnort beschränkt. Dies gilt auch für viele andere Freizeitaktivitäten, die vor allem am Wochenende eher in Städten – auch außerhalb des Landkreises Bitburg-Prüm – aufgesucht werden. Auch wenn schwer zu entscheiden ist, ob die Freizeitangebote innerhalb und außerhalb des Ortes in einem Ergänzungs- oder eher in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen, die jungen Menschen in der Eifelregion erleben die räumliche Auffächerung der Freizeit als Steigerung ihrer Lebensqualität und als Einbettung in einen erweiterten Lebensraum. Wie vor diesem Hintergrund die Zufriedenheit – und mögliche Defizite – mit dem Freizeitangebot im Wohnort eingeschätzt werden, soll im Folgenden noch etwas eingehender untersucht werden. 4.1.4 Freizeitzufriedenheit und Defizite im Freizeitangebot Nachdem im Fragebogen die unterschiedlichsten Aspekte des Freizeitbereichs – angefangen von einem Überblick über die verschiedenen Aktivitätsmuster bis hin zu spezifischen Teilnahmeformen an Bräuchen – angesprochen worden waren, baten wir die Jugendlichen um ein Gesamturteil. Dazu stellten wir ihnen zunächst folgende Frage: „Wenn Du ganz allgemein an Deine Freizeit denkst, wie zufrieden bist Du mit dem bestehenden Angebot in Deinem Wohnort?” Auch wenn subjektive Einschätzungen dieser Art immer mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten sind, da sich das Antwortverhalten zwischen prägenden (positiven oder negativen) Einzelerfahrungen und bilanzierenden Gesamturteilen bewegen kann, kommt ihnen dennoch eine wichtige Indikatorfunktion zu. Und die ist im Falle der Bewertung des Freizeitangebots recht eindeutig (vgl. Abb. 27): Waren im Jahr 2000 noch fast drei Viertel (72%) der Eifeljugendlichen mit dem Freizeitangebot zufrieden, so ist im Jahr 2011 die Zufriedenheitsquote unter ein Drittel (29%) gesunken. 84 Abbildung 27: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Verändert sich dieses negative Meinungsbild, so die Anschlussüberlegung, wenn man die einzelnen freizeitbezogenen Zufriedenheitsausprägungen nach den Sozialmerkmalen der Jugendlichen näher differenziert? Tabelle 6: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Freizeitzufriedenheit sehr zufrieden zufrieden eher unzufrieden ganz unzufrieden gesamt 6 23 39 32 Geschlecht Jungen 7 25 38 30 Mädchen 5 20 41 34 Alter 14-17 J. 8 24 43 25 18-21 J. 5 16 38 41 22-25 J. 2 32 35 30 Bildung niedrig 12 17 33 38 mittel 7 19 39 34 hoch 4 25 42 29 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend, denn zwischen der Einschätzung der Freizeitzufriedenheit durch die befragten Jugendlichen 12 6 60 2325 39 3 32 0% 20% 40% 60% 80% 100% 2000 2011 Erhebungjahr Sehr zufrieden Eher zufrieden Eher unzufrieden Sehr unzufrieden Grad der Zufriedenheit 85 und ihren verschiedenen sozio-demographischen Merkmalen bestehen keine signifikanten Unterschiede. Ganz gleich, ob man die Zufriedenheits- resp. Unzufriedenheitsraten nach Geschlecht, Alter oder Bildung differenziert, die zu Tage tretenden Differenzen sind minimal. In seltener Einmütigkeit bewerten die Jugendlichen aus der Eifel das ihnen zur Verfügung stehende Freizeitangebot als unzureichend. Wenn überhaupt größere Unterschiede im Zufriedenheitsniveau vorkommen, dann in Abhängigkeit davon, in welcher Verbandsgemeinde die befragten Jugendlichen wohnen. Abbildung 28: Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot nach Verbandsgemeinden (Antwortkategorien: „sehr zufrieden“ und „zufrieden“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die höchste Zufriedenheitsrate findet sich in Arzfeld (37%), die geringste in Speicher (15%). In den Städten des Landkreises schwankt die entsprechende Quote zwischen 36% in Bitburg und 28% in Kyllburg. Die Ergebnisse stehen damit – auf den ersten Blick – im Widerspruch zu einem in der Jugendfreizeitforschung immer wieder festgestellten Befund: „Erwartungsgemäß betrachten Jugendliche aus Städten und größeren Gemeinden (mit gewöhnlich besserem Angebot) die 86 Freizeitmöglichkeiten vergleichsweise positiver als diejenigen aus kleineren Wohnorten.“75 Um diesen Zusammenhang zu überprüfen, wäre eine weitere Aufspaltung der einzelnen Verbandsgemeinden nach differenzierteren Ortsgrößenklassen notwendig, was allerdings aufgrund der kleinen Fallzahlen keine verlässlichen Aussagen mehr zulässt. Allerdings ist in den qualitativen Gesprächen mit Jugendlichen, die aus kleineren Dörfern stammen, immer wieder darauf verwiesen worden, dass Freizeitangebote hier absolute Mangelware sind. Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Jugendlichen aus der Eifel sich mit einem reduzierteren Freizeitangebot zufriedengeben, scheint uns aber unangemessen. Dies zeigt sich zum einen darin, dass sie sehr konkrete Vorschläge im Rahmen der quantitativen Befragung gemacht haben, wie das Freizeitangebot in ihrem Wohnort attraktiver gestaltet werden könnte. Tabelle 7: Verbesserungsvorschläge für das Freizeitangebot im Wohnort (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zum anderen haben wir Hinweise dafür gefunden, dass das Angebotsdefizit durch eine erhöhte Mobilität kompensiert wird. So stellten wir den Jugendlichen zu ihrem Freizeitverhalten u.a. auch die Frage: „Wo verbringst Du am Wochenende überwiegend deine Freizeit?” Unterteilt nach der regionalen Herkunft der Jugendlichen, ergibt sich dabei folgende Antwortverteilung: Zwischen Stadt- und Landjugendlichen bestehen deutliche Unterschiede hinsichtlich der am Wochenende präferierten Freizeitorte. Während über drei Viertel (77%) der in der Stadt lebenden Jugendlichen hier auch überwiegend ihre Freizeit verbringen, sind es bei den Eifeljugendlichen nur etwas mehr als die Hälfte (52%). 75 Traube 1995, S. 13. Jugendtreffs, Jugendräume 19 Sportangebote 10 Disco, Kino 10 Spezielle Angebote für Jugendliche unter 18 6 Kulturelle Angebote (Festival, Museum) 5 Verbesserte Mobilität/ÖPNV 4 Geschäfte 3 Grillflächen, Parkanlagen 2 87 Die andere Hälfte verbringt ihre Freizeit am Wochenende fast ausschließlich außerhalb des Wohnorts, wobei sich ein linearer Zusammenhang zwischen Wohnortgröße und Freizeitmobilität nachweisen lässt. Die freizeitliche Mobilität der Jugendlichen erstreckt sich dabei in etwa anteilig auf Nachbardörfer, Kleinstädte in ihrer Umgebung sowie Trier und andere Großstädte. Wie sehr die wohnortübergreifende Freizeitgestaltung zu einem festen Bestandteil des Jugendalltags in der Eifel geworden ist und mit welcher Routine und Selbstverständlichkeit entsprechende Aktivitäten von den jungen Menschen in ihren ‚mobilen Alltag’ integriert werden, ist auch in den Porträtstudien, die Bettina Bartzen für ihren Bildband Jugend in der Eifel durchgeführt hat, deutlich geworden: • „Sinspelt gefällt mir. Auch wenn hier nicht so viele in meinem Alter wohnen. […] Mein größtes Hobby ist Gardetanzen. Ich bin in der Gardetanzgruppe Neuerburg und trainiere in Sinspelt eine Tanzgruppe. Die Garde- und Showtänze zeigen wir dann in der Fastnachtszeit auf Kappensitzungen in der Umgebung. Einmal im Jahr haben wir die ‚bach to foasicht‘-Party. Da kommen über 1.000 Leute aus der ganzen Region, um sich nochmal an Fastnacht zu erinnern. Ich liebe Tanzen seit dem dritten Lebensjahr. Außerdem bin ich im Nachbarort im Tennisverein“ (Lena, 17 Jahre).76 • „In Preischeid gibt es nichts für Jugendliche. Seit 13 Monaten habe ich den Führerschein der Klasse S. Wenn man so abgelegen wohnt, ist das sehr praktisch mobil zu sein. Sogar zum Einkaufen muss man 25 Kilometer fahren. […] Karneval ist meine Leidenschaft. Man kann mit jedem lachen, tanzen und Spaß haben. Jedes Jahr bauen alle Mitglieder des Karnevalsvereins ‚Schluckauf Jucken‘ einen Karnevalswagen. In meiner Freizeit gehe ich auch Kartfahren oder Bowlen. Au- ßerdem bin ich im ‚BDM-Young e.V.‘, der Jugendgruppe für Landwirte“ (Selina, 17 Jahre).77 • „Ich möchte nicht in der Stadt wohnen. Auch Trier wäre mir zu weit weg. Denn hier kenne ich meine Leute. Mit den Eifelern kann man viel Spaß haben. Sie sind so wie ich. Wir sind eine Clique von rund zwölf Leuten, die ich teilweise noch von meiner Kindheit kenne. Wir verbringen jedes Wochenende gemeinsam. Manchmal fahren wir nach Belgien oder Bitburg zum Gokartfahren oder Bowlen. Im Sommer zelten wir häufig, wo es schön ist“ (Thomas, 18 Jahre).78 76 Bartzen 2012, S. 70. 77 Ebd., S. 98. 78 Ebd., S. 120. 88 Auch wenn es hinsichtlich bestimmter Freizeitmöglichkeiten noch Nachholbedarf gibt – in ländlichen Regionen durchweg ausgeprägter als in der Stadt –, so ändert das kaum etwas daran, dass Freizeit für die Jugendlichen nicht nur Erlebnismittelpunkt ist, sondern wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich treten hier ihre veränderten Teilhabechancen zu Tage. Die gewandelten Rahmenbedingungen des Jugendalters, insbesondere die Verlängerung der Ausbildungszeit, der späte Berufseintritt, die starke Bindung an Gleichaltrigengruppen und nicht zuletzt die wachsende Mobilität bilden die Voraussetzung dafür, dass sich Jugendliche heute auf dem Freizeitmarkt beinah nach Belieben bedienen können. Allerdings schrumpft das ihnen zur Verfügung stehende Zeitreservoir. Waren es Mitte der 1980er Jahre noch fünf Stunden, die ihnen täglich zur freien Verfügung standen, so sind es gegenwärtig unter vier, wie neuere Zeitbudgetstudien zeigen.79 Gründe dafür sind die wachsenden Anforderungen in der Schule bedingt durch Schulzeitverkürzung, die Zunahme von Ganztagsschulen, eine steigende Zahl von Terminen sowie der Druck, online aktiv zu sein. Aber trotz der zeitlichen Restriktionen nutzen Jugendliche die zur Verfügung stehende freie Zeit für eine große Bandbreite von Aktivitäten, sie erleben ihre Freizeit in einer hohen Intensität und schätzen sie vielfach über alles. „Freizeit ist mein Leben”, dieser Ausspruch eines 16-Jährigen (Fabian) im Rahmen der Projektvorgespräche ist vielleicht nicht auf alle Jugendlichen übertragbar, aber er signalisiert den außerordentlich hohen Stellenwert, den sie – vor allem in der ersten Phase der Jugend – der Freizeit zuschreiben. 4.2 Mediennutzung Während die bisherigen Analysen ausschließlich auf nichtmediale Freizeitformen ausgerichtet sind, wird im Weiteren schwerpunktmäßig auf die Mediennutzung der Jugendlichen Bezug genommen, die ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Freizeitgestaltung spielt. Denn junge Menschen wachsen heute in einer Umwelt auf, die wie nie zuvor von Medien geprägt ist. Bereits eine oberflächliche Betrachtung der Beziehung zwischen Alltagswelt und Medienalltag lässt erahnen, wie gravierend sie die soziokulturelle Umgebung verändert haben und wie sehr sie zum Inbegriff universell verfügbarer Konsum- und Kulturgüter geworden sind. Überall gibt es Fernsehgeräte, Radios, DVD-Player, Zeitschriften, Bücher und Kinos. Aber es sind vor allem Computer, Internet und Mobiltelefone, die mittlerweile fester Bestandteil der Lebenswelt geworden 79 Vgl. Deinet/Krisch 2009; BAT-Stiftung für Zukunftsfragen 2013. 89 sind – und dies keineswegs nur bei der jungen Generation. „Einem kulturgeschichtlichen Trend folgend“, so kommentierte Hans-Dieter Kübler bereits Anfang der 1980er Jahre diese Entwicklung, „schreitet die Veralltäglichung der Massenmedien ständig voran. Immer unauffälliger und individualistischer fügen sie sich in die Lebenswelt des Einzelnen und der Familien ein, immer unentbehrlicher und unausweichlicher machen sie sich dadurch.”80 Wie sehr dies auch für die Jugend in der Eifel zutrifft, ist nachfolgend näher dargestellt. 4.2.1 Umfang und Muster des Mediengebrauchs „Wie oft nutzt Du folgende Medien in Deiner Freizeit?” Diese Frage sollte Aufschluss über die medialen Freizeitpräferenzen der jungen Menschen geben. Hierzu wurden die in der Region Befragten gebeten, sich anhand einer Liste von unterschiedlichen Medien zu ihrer Nutzungsfrequenz zu äußern, wobei die Spannweite von „täglich/mehrmals pro Woche” über „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat” und „einmal pro Monat/seltener” bis hin zu „nie” reichte. Abbildung 29: Mediennutzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 80 Kübler 1983, S. 43. 88 2 18 14 87 9 22 83 31 42 66 87 0 2 8 11 12 23 22 36 47 83 79 89 Handy/Smartphone Kino Spielkonsolen Video/DVD Internet Zeitschriften Bücher Computer Zeitung (Web-)Radio CD/MP3 Fernsehen Erhebungsjahr 90 Die Ergebnisse verdeutlichen eine nachhaltige Verschiebung und Umschichtung im jugendlichen Medienalltag. Während sich bei den klassischen Medien – und zwar vom Fernsehen über die Buchlektüre bis zum Kinobesuch – kaum oder nur geringe Veränderungen in der Nutzungsfrequenz zeigen, ist es im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zu einem rasanten Anstieg gekommen. Denn Computer, Internet und Handy haben sich in kaum mehr als einer Dekade im Medienalltag von Jugendlichen fest etabliert, wobei vor allem ihre Konvergenz in Form von multifunktionalen und mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets sie zu den neuen Leitmedien in einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt gemacht haben. Die Nutzung dieser neuen Medien durch die jungen Eifeler unterscheidet sich im Übrigen nicht von derjenigen der gesamtdeutschen Jugend und zwar ganz gleich, um welche Region es sich dabei handelt.81 In unserem Landjugendsurvey aus dem Jahr 2000 wurde dagegen noch eine regelrechte digitale Spaltung zwischen städtischen und ländlichen Lebensräumen sichtbar: „Auffällig sind die zum Teil sehr großen Nutzungsunterschiede zwischen Stadt- und Landjugendlichen. Selbst wenn das regionale Gefälle bei der Nutzung der neuen Medien zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Bildungsungleichheit zurückgeführt werden kann, so erweist sich insgesamt der ländliche Raum doch als erheblicher Benachteiligungsfaktor. Vor allem die jugendlichen Surfer sind hier noch deutlich unterrepräsentiert. Während in der Stadt sechs von zehn das Internet nutzen, ist es auf dem Land nicht einmal jeder Vierte.“82 Die Angleichung der Nutzerquote zwischen Stadt- und Landjugendlichen darf aber nicht den Blick dafür verstellen, dass das Internet heute für alle Jugendlichen eine sehr viele größere Bedeutung hat als noch Anfang der 2000er Jahre. An der noch zu erörternden Vielfalt der Online- Aktivitäten wird dies besonders deutlich. 4.2.2 Mediennutzung in sozio-demographischer Perspektive Bei einer exemplarischen Betrachtung der Nutzungsdaten einiger ausgewählter Medien, differenziert nach sozio-demographischen Merkmalen, lassen sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten aber auch von Unterschieden zwischen den Jugendlichen ausmachen. 81 Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2015, S. 29f.; Leven/ Schneekloth 2015, S. 120f. 82 Eisenbürger/Vogelgesang 2002, S. 34. 91 Tabelle 8: Mediennutzung nach sozio-demographischen Merkmalen (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Medienformate Fernsehen CD/MP3 Zeitungen Spielkonsolen Computer Internet Mobiltelefon gesamt 87 66 31 18 83 87 88 Geschlecht Jungen 87 64 33 31 85 89 82 Mädchen 87 68 30 5 82 86 95 Alter 14-17 J. 91 66 22 27 85 88 85 18-21 J. 83 66 38 10 82 85 93 22-25 J. 88 66 38 13 83 87 87 Bildung niedrig 88 68 21 26 75 77 86 mittel 87 64 26 23 75 83 88 hoch 87 67 38 13 89 92 89 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zunächst einmal fällt auf, dass audio-visuelle und auditive Medien – hier repräsentiert durch Fernsehen und CDs resp. MP3 hören – kaum nennenswert hinsichtlich der Sozialmerkmale der Befragten variieren. Ganz gleich ob Jungen oder Mädchen, Jüngere oder Ältere, Niedrigoder Hochgebildete, was sie in ihrem Medienverhalten eint, ist eine hohe und relativ konstante Nutzungshäufigkeit dieser Medien. Auch bezüglich des Mobiltelefons, das mittlerweile zum medialen Alltagsbegleiter avanciert ist, sind die Unterschiede nur minimal. Lediglich bei den Mädchen ist die Nutzungsfrequenz noch etwas höher als bei den Jungen (95% zu 82%). Kurz und prägnant hat ein Waldorfschüler in den qualitativen Interviews den Stellenwert des Handys im Jugendalltag auf den Punkt gebracht: „Es gehört halt einfach mit dazu“ (Ian, 15 Jahre). Mit Blick auf die Gleichaltrigen geht es bei dem täglichen Handygebrauch vor allem um die Aufrechterhaltung und Koordination von Peer-Beziehungen, aber auch um die Präsentation des Mobiltelefons als Modeaccessoire und Lifestyle-Objekt. Es ist letztlich seine Multifunktionalität und lebensweltliche Durchdringung, auf die in der Jugend- und Medienforschung immer wieder verwiesen wird: „Während für die Kommunikation mit den Eltern überwiegend die Telefonfunktion genutzt wird, umfassen die im Kontext der Gleichaltrigenbeziehungen realisierten kommunikativen Praktiken mit dem Mobiltelefon sämtliche multimediale Funktionen sowie die damit verbundenen Kommunikationsformen – angefangen vom Versenden von Kurznachrichten über das Erstellen, 92 Verschicken und Speichern von Fotos, Musik- und Videoclips bis hin zur Auswahl von Logos, Bildern und Klingeltönen, über die jeweils persönliche Beziehungsansichten, aber auch Bemühungen um soziale Zuordnung und Abgrenzung artikuliert werden.“83 Die bei der Handynutzung aufgedeckten unterschiedlichen Nutzungsformen sind ein Hinweis darauf, dass Medien nur scheinbar die großen Gleichmacher im Jugendalter sind. So ist etwa das Lesen von Büchern nach wie vor eine Domäne der Mädchen. Ihre Nutzungsfrequenz ist in der Antwortkategorie „täglich/mehrmals pro Woche” doppelt so hoch wie die ihrer männlichen Altersgenossen (30% zu 15%). Des Weiteren ist die Lesebereitschaft auch in ausgeprägter Weise bildungsabhängig. Vor allem die Jugendlichen mit einem hohen Bildungsstatus zählen zu den Intensivlesern – ein Befund, der sich auch bei der Zeitungslektüre zeigt. Es sind nämlich vornehmlich Gymnasiasten und Studenten, die zu den regelmäßigen Zeitungslesern zählen. Real- und Hauptschüler finden sich dagegen deutlich seltener in der jugendlichen Zeitungsleserschaft, und zwar sowohl was die Regelmäßigkeit als auch die Intensität der Lektüre betrifft. Allerdings ist die beim Bücherlesen sichtbar geworden Differenz zwischen Jungen und Mädchen bei der Zeitungslektüre nicht mehr nachweisbar. Die Gründe hierfür liegen, wie in den Gesprächen mit den Jugendlichen deutlich wurde, einerseits in der Tagesaktualität und Lebensweltnähe der Berichterstattung, auch wenn bei der Themenauswahl (z.B. Sport, Kultur und Mode) die Genderdifferenz eine wichtige Rolle spielt. Andererseits wissen junge Menschen – und zwar unabhängig vom Geschlecht – ganz offensichtlich die Crossmedialität der Zeitungskanäle zu schätzen. Denn Zeitungen erscheinen heute nicht mehr nur als Printausgabe, sondern neben der gedruckten Fassung werden sie auf ganz unterschiedliche Arten offeriert: als iPad-App, ePaper, Mobil-Angebot oder als Online-Ausgabe. Die Internetaffinität der Jugendlichen scheint somit auch beim Zeitungsinteresse Spuren zu hinterlassen. Vorsichtig optimistisch ist deshalb die Zeitungsforschung bezüglich dem wieder erwachten Interesse der jungen Menschen am Medium Zeitung, wie eine Reichweitenanalyse aus dem Jahr 2013 verdeutlicht: „Im Vergleich zur reinen Printreichweite gewinnen die Zeitungen mit der crossmedialen Gesamt-Nettoreichweite aus Print und Online 55 Prozent bei den jungen Lesern zwischen 14 und 83 Schulz 2011, S. 159. 93 29 Jahren. Die Zunahme um 55 Prozent bedeutet 3,2 Mio. zusätzliche Leser in der Altersgruppe 14 bis 29 Jahre.“84 An der Entwicklung, dass die Zeitung auch von Jugendlichen verstärkte online gelesen wird, lässt sich ablesen, wie sehr Internet und digitale Medien in der jugendlichen Lebenswelt allgegenwärtig sind. Dies war für die Generation der 14- bis 25-Jährigen, die wir in dem Jugendsurvey im Jahr 2000 untersucht haben, noch keine Selbstverständlichkeit. Insgesamt nutzte damals nur etwas mehr als ein Drittel (36%) den Computer täglich bzw. mehrmals die Woche und nur 12% hatten die Möglichkeit, regelmäßig ins Internet zu gehen, wobei auch markante Unterschiede bezüglich Geschlecht, Alter, Bildung und Wohnortgröße zu verzeichnen waren. In unserer Wiederholungsstudie aus dem Jahr 2011 hat sich dieses Bild deutlich verändert. Über vier Fünftel der in der Eifel beheimateten Jugendlichen nutzen den Computer und das Internet regelmäßig und fast alle haben Zugang zu diesen Medien, so dass von einer Vollversorgung gesprochen werden kann. Die seinerzeit in der bekannten Medienthese der ‚digitalen Spaltung’ zum Ausdruck gebrachte ungleiche Verteilung von Medienkompetenzen, lässt sich heute in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten, auch wenn hinsichtlich des formalen Bildungsniveaus der jugendlichen Computer- und Internetnutzer noch ein Gefälle zu verzeichnen ist. Allerdings beruht dieses weniger auf einer Beschäftigung mit diesen Medien insgesamt, als vielmehr auf einer Differenz im Hinblick auf die Art und Weise der Nutzung. Denn es gibt schon seit einiger Zeit Anzeichen dafür, dass sich hinter der vordergründigen Angleichung des Computer- und Internetzugangs sozial differentielle inhaltliche Verwendungen etabliert haben, die unter dem Begriff „digitale Ungleichheit“85 gefasst werden. Bei den nachfolgend erörterten Nutzungsformen von Computer und Internet gilt es diesen Sachverhalt im Blick zu behalten. 4.2.3 Art und Inhalte der Computer- und Internetnutzung Da die Nutzung von Computer und Internet eng miteinander verflochten und davon auch immer mehr Bereiche des alltäglichen Lebens betroffen sind, wurde bezogen auf beide digitale Medien den Jugendlichen die Frage gestellt: „Wie oft nutzt Du Computer und Internet für folgende Anwendungen/Tätigkeiten?“ Im Fragebogen wurde ihnen dazu eine Liste mit Standardanwendungen vorgegeben, bei denen sie auch nach Intensitätsabstufungen („täglich/mehrmals die Woche“, „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat“, „einmal pro Monat/seltener“ und 84 ZMG 2013, S. 5. 85 Vgl. Kutscher 2010. 94 „nie“) differenzieren konnten. Die folgende Rangreihe bildet dabei die regelmäßige Nutzungsstruktur ab, d.h. sie basiert auf den Anwendungen, die von den befragten Jugendlichen täglich oder mehrmals die Woche ausgeführt werden. Abbildung 30: Inhalte und Intensität der Computer- und Internetnutzung (Antwortkategorie: „täglich/mehrmals die Woche“; Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Ein erheblicher Anteil der von Computer und Internet ausgehenden Faszination gründet ganz offensichtlich in dem Umstand, dass beide Medien sehr unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten bieten. Versucht man dieses facettenreiche Profil inhaltlicher Anwendungen zusammenzufassen, dann kristallisieren sich vier Aktivitätsbereiche heraus: Kommunikation, Information, Unterhaltung und kommerzielle Nutzung. Zwar chattet über die Hälfte der jungen Eifeler auch regelmäßig oder tauscht sich über E-Mails aus, aber in der kommunikativen Dimension ragt vor allem der Zugriff auf soziale Netzwerke heraus. Fast drei Viertel nutzen die sogenannten Social Media, also interaktive Austauschplattformen wie Facebook, Twitter oder WhatsApp, regelmäßig. Mittlerweile ist eine breite Infrastruktur entstanden, die es den jungen Nutzern erlaubt, sich auf unterschiedliche Arten kommunikativ zu vernetzen, Fotos, Videos oder Musik hochzuladen, Bewertungen zu Produkten oder Dienstleistungen zu schreiben oder sich auf Online-Ausbil- 3 6 9 9 22 24 30 31 46 51 55 55 72 Erotik Online-Banking Online-Shopping Internet-Telefonie Literatursuche Spiele Surfen Nachrichten/Aktuelles Musik/Filme/Serien Informationssuche Chatten E-Mails Soziale Netzwerke 95 dungsportalen über das regionale und überregionale Angebot an Ausbildungsstellen zu informieren. Auch in den qualitativen Interviews, die wir mit Jugendlichen aus der Region geführt haben, war die Bandbreite der Nutzung von sozialen Medien ein zentrales Thema. Um nur zwei Beispiele zu zitieren: „Schmink-Videos auf YouTube, Party-Bilder auf Instagram, ein cooles Profil auf Facebook, das sind für mich ganz normale Sachen, wenn ich ins Internet gehe“ (Lara, 20 Jahre). Auch auf den Austausch zwischen Gruppen, die soziale Medien als Kontaktplattform verwenden, wurde immer wieder verwiesen: „Über WhatsApp werden halt Verabredungen mit Freunden gemacht und so über das Übliche gequasselt. Ich bin auch in einer Schulgruppe drin, also jetzt von unserer Klasse, und da wird nur über Zeugs aus der Schule geschrieben. […] Meine Konfirmation ist bald. Und da bin ich auch in zwei Gruppen, eine für die Mitarbeiter und eine für die Konfirmanden. Da sprechen wir dann Termine ab und so“ (Sophie, 14 Jahre). Bei dieser Art der kommunikations- und beziehungsorientierten Nutzung des Internets gibt es auch kaum größere Unterschiede hinsichtlich der Sozialmerkmale der Jugendlichen. Einzig das regelmäßige Chatten ist stark altersabhängig und erfreut sich bei den Teens einer deutlich größeren Beliebtheit als bei den Twens (14- bis 17-Jährige: 72%; 18- bis 21-Jährige: 50%; 22- bis 25-Jährige: 29%). Die zweithäufigste Nutzungsvariante der IT-Medien lässt sich unter dem Oberbegriff ‚Information’ zusammenfassen. Im Einzelnen handelt es sich dabei um die mehr oder weniger gezielte Suche nach Informationen, die im Internet über Suchmaschinen schnell verfügbar sind und in der Regel kostenlos genutzt werden können. Auch Nachrichten über das aktuelle Geschehen werden von 31% der Jugendlichen regelmäßig über das Internet abgerufen, wobei der Anteil sogar auf über 60% steigt, wenn man die Antwortkategorie „einmal pro Woche/mehrmals pro Monat“ noch mit berücksichtigt. Dass das Internet für das Kommunikationshandeln von Jugendlichen – auch im Kontext des Politischen – zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist auch in anderen Studien nachgewiesen worden: „Jugendliche interessieren sich […] für ein breites Themenspektrum, dem sie in den Medien nachgehen. Hier verfolgen sie vor allem jugendkulturelle Themen, die in ihrem Alltag von Bedeutung sind. Jugendliche sind keineswegs ‚politikverdrossen‘, sondern interessieren sich durchaus für politische und gesellschaftlich relevante Themen. Das Internet ist für Jugendliche eine wichtige Quelle, die einen nahezu unerschöpflichen Fundus an Informationen bietet. Welches internetfähige Gerät (z.B. Smart- 96 phone oder heimischer Computer) sie für die Informationssuche im Netz heranziehen, ist abhängig von Thema, Recherchezweck und Situation.“86 Hinsichtlich der sozialen und persönlichen Merkmale der Jugendlichen lässt sich allerdings feststellen, dass es bei der Suche nach Informationen im Internet deutliche Unterschiede zwischen ihnen gibt. So steigt mit zunehmendem Alter die Häufigkeit, nach Informationen zu suchen, deutlich an. Fast zwei Drittel (64%) der 22- bis 25-Jährigen gibt an, das Internet regelmäßig für die Informationssuche zu nutzen. Bei den 14- bis 17-Jährigen sind es lediglich etwas mehr als ein Drittel (38%). Dies gilt auch für die nachrichtenbezogene Internetnutzung. Hier greifen Jüngere ebenfalls seltener auf entsprechende Zeitungs- und Informationsportale zurück als Ältere (14 bis 17 Jahre: 22%; 18 bis 21 Jahre: 34%; 22 bis 25 Jahre: 43%), wobei aber ganz allgemein das Interesse Jugendlicher für politische und gesellschaftliche Themen sich erst mit dem Eintritt ins Wahlalter stärker ausprägt.87 Auch der Bildungshintergrund der Jugendlichen ist von erheblichem Einfluss, wenn es um die Frage der Nutzung des Internets als Informationsquelle im Alltag geht. Denn bildungsferne Jugendliche geben sehr viel seltener an, regelmäßig im Internet nach Informationen zu suchen als Höhergebildete (Hauptschüler: 35%; Realschüler: 43%; Gymnasiasten/Studierende: 60%). Zudem ist die Bildungsauswirkung auf die Internetnutzung auch daran abzulesen, dass mit steigendem Bildungsniveau das Surfverhalten im Internet planvoller, bewusster und zielorientierter stattfindet. Die hier sichtbar werdenden bildungs- und altersbezogenen Unterschiede bei der informationsbezogenen Nutzung des Internets machen deutlich, dass es sich hierbei um eine Kulturtechnik handelt, die erlernt werden will. Vor diesem Hintergrund ist der Appell der 17. Shell Jugendstudie mit Nachdruck zu unterstützen: „Daher ist es eine medienpädagogische und -politische Aufgabe von gesellschaftlichen Institutionen – hier steht vor allem die Schule im Mittelpunkt –, mit altersgerechten Inhalten und Reflexionsmöglichkeiten dafür zu sorgen, dass die Heranwachsenden Gelegenheit bekommen, sich diese Dimension des Internets anzueignen.“88 Die dritte Form der Computer- und Internetnutzung beinhaltet Aktivitäten, die sich in die Kategorie ‚Unterhaltung’ einordnen lassen. Es handelt sich dabei um die Antwortmöglichkeiten „Musik/Filme/Serien“, 86 Schorb 2013, S. 1. 87 Vgl. Gaiser et al. 2013. 88 Leven/Schneekloth 2015, S. 144. 97 „Spiele“ und „Erotik“, die darunter gefasst werden können. Auffällig ist dabei, dass Jugendliche, die das Internet vorrangig als Medium der Unterhaltung nutzen, ebenfalls häufiger in sozialen Netzwerken unterwegs sind und auch häufiger mit Freunden und Bekannten chatten. Im Blick auf die Sozialmerkmale der Nutzer sind weitere Differenzierungen zu beobachten. So fällt auf, dass vor allem bezüglich des Geschlechts Unterschiede bestehen. Deutlich treten sie zum Beispiel beim sogenannten Gaming zutage. Während bei den Mädchen nur jedes Zehnte regelmä- ßig am Computer und/oder im Internet spielt, ist es bei den Jungen fast jeder Vierte (10% zu 36%). Seit drei Jahrzehnten sind Gimmicks und Simulationen, Adventures, Strategie- und Sportspiele zu einer festen Spielgröße im Freizeitbudget der Jugendlichen geworden.89 Aber deren graphische, tontechnische, kreative und sportive Möglichkeiten üben vor allem auf Jungen eine besondere Faszination aus, was in der jüngeren Vergangenheit in der männlich dominierten Sozialwelt der Computerspieler zur Ausbildung einer eigenständigen E-Sport-Fraktion geführt hat.90 Jungendominiert ist auch die Nutzung von erotischen und pornographischen Inhalten im Internet. Während bei den weiblichen Befragten weniger als 1% angeben, solche Webseiten regelmäßig aufzurufen, sind es bei den männlichen 6%. Noch deutlicher sind die Unterschiede, wenn es um die Frage geht, ob solche Angebote überhaupt genutzt werden. Hier beträgt der Anteil der Jungen 41%, derjenige der Mädchen lediglich 5%. Dass angesichts der leichten Verfügbarkeit und der Quantität der Verbreitung von pornographischen Inhalten im Internet immer wieder Befürchtungen über negative Auswirkungen auf die junge Generation ge- äußert werden, ist aus der Sicht besorgter Eltern naheliegend und auch nachvollziehbar. Aber die häufig sehr emotional geführten öffentlichen Debatten um die verwahrlosende Wirkung von Hardcorepornografie werden den Motivlagen und Wirkungen des jugendlichen Pornokonsums nicht gerecht. Im Rahmen einer interdisziplinär ausgerichteten Fachtagung, die unter dem Titel ‚Pornografisierung der Gesellschaft’ im Jahr 2010 in Köln stattfand, ist diese Diskrepanz deutlich zum Ausdruck gebracht worden: „Zwar war von Seiten der geladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selten die Rede von negativen Auswüchsen des Pornografiekonsums, umso mehr wurde aber mahnend auf die mediale Öffentlichkeit gezeigt, deren Moralpaniken um die sexuelle Verwahrlosung der Jugend […] jeglicher wissenschaftli- 89 Vgl. Wimmer 2013. 90 Vgl. Vogelgesang 2010. 98 chen Grundlage entbehren. Die ‚Generation Porno‘ gebe es im eigentlichen Sinne nicht und zeichne ein unzutreffendes Bild von den Heranwachsenden unserer Zeit, denn gerade heute sei für die Mädchen und Jungen Liebe der zentrale Beweggrund für sexuelles Handeln. Wenn man überhaupt von einer ‚Generation Porno‘ sprechen möchte, dann nur in der Weise, dass diese Generation wie kaum eine andere zuvor mit expliziter Pornografie und pornografisch assoziierten Medieninhalten aufwächst.“91 Speziell im Blick auf das Internet ist noch auf Verwendungen aufmerksam zu machen, bei denen kommerzielle Zwecke im Mittelpunkt stehen. Sie betreffen vor allem das Konsumverhalten und Bankgeschäfte. Um entsprechende Web-Aktivitäten bei den Jugendlichen in Erfahrung zu bringen, wurden im Fragebogen zwei Anwendungsformen vorgeben: „Online-Shopping“ und „Online-Banking“. Was die Online-Käufe betrifft, machen nur 12% der jungen Eifeler dies regelmäßig, aber immerhin 78% haben schon einmal einen Kauf oder Verkauf über das Internet getätigt. Allerdings ist das Online-Kaufverhalten stark abhängig davon, wie alt die Jugendlichen sind und welchen Bildungsgrad sie haben. Der Zusammenhang ist hoch signifikant und linear: Je älter sie sind, desto vertrauter sind sie auch mit dem Konsummarkt des Internets (14 bis 17 Jahre: 70%; 18 bis 21 Jahre: 83%; 22 bis 25 Jahre: 88%). Aber diese Vertrautheit setzt auch Kenntnisse voraus über die rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechender geschäftlicher Online-Aktivitäten – eine Form kommerzieller Medienkompetenz, die aber unter niedrig gebildeten Jugendlichen deutlich weniger verbreitet ist als unter höher gebildeten (niedrige Bildung: 65%; mittlere Bildung: 77%; höhere Bildung: 84%). Insgesamt ist aber zu konstatieren, dass bei den Jugendlichen der Einkauf per Mausklick boomt und die Zahl derjenigen, die noch nie etwas online erworben haben, schrumpft – ein Trend, der auch durch andere Studien bestätigt wird „Drei Viertel der 16- bis 17-Jährigen stöbern online. Die Suchliste wird von Büchern, Musik und Filmen angeführt, gefolgt von PC- Spielen, Elektronik-, Sport- und Fashionartikel. Entsprechend des gewohnten Schemas recherchieren Jungen stärker nach PC- Spielen, Elektronik- und Sportartikel, während sich Mädchen eher für Modeartikel und Schreibwaren interessieren.“ Zur kommerziellen Nutzung des Internets zählen auch Online-Bankgeschäfte. Hier sind die Jugendlichen aus der Eifel allerdings wesentlich zurückhaltender als beim Online-Handel. Nur 25% haben auf diesem 91 Jünger 2011, S. 75. 92 Walther-Mappes/Tjarks 2013, S. 11. 99 Weg ihre Bankangelegenheiten schon einmal erledigt und nur 6% tun dies regelmäßig – und zwar unabhängig vom Geschlecht und Bildungsstand. Allerdings spielt das Alter eine nicht unerhebliche Rolle bei der Akzeptanz von Online-Banking. So haben bei den 22- bis 25-Jährigen schon über die Hälfte (54%) Erfahrungen mit onlinebezogenen Bankgeschäften, bei den 18- bis 21-Jährigen sind es 30% und bei den 14- bis 17- Jährigen lediglich 5%. Eine im Auftrag des Deutschen Bankenverbandes von der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2015 durchgeführten Befragung von 14- bis 24-Jährigen kommt zu vergleichbaren Ergebnissen: „Jugendliche und junge Erwachsene sind bei ihren Bankgeschäften traditioneller, als oft behauptet. Eine große Mehrheit von 63 Prozent gibt an, noch nie Online-Banking genutzt zu haben. Gleichzeitig geben 84 Prozent an, eine Bankfiliale in der Nähe sei ihnen wichtig oder sogar sehr wichtig. […] Insgesamt deutet die Studie darauf hin, dass Jugendliche in Sachen Geld und Banken mehr von ihren Eltern mitbekommen, als gedacht. Zwar gibt die große Mehrheit an, mehrmals täglich im Internet zu surfen, fast jeder besitzt ein Smartphone. Die Bankgeschäfte werden aber trotzdem eher in der Filiale um die Ecke erledigt – ebenso, wie die meisten Eltern es vorleben.“ 4.2.4 Fantum und jugendkulturelle Szenen Wenn in der jüngeren Vergangenheit ein Phänomen die jugendliche Lebenswelt verändert hat, dann ist es die Fülle, Vielfalt und Transität von jugendkulturellen Vergemeinschaftungen.94 Auch das jugendliche Fantum – und zwar von der Teeniebegeisterung für die Popgruppe Tokio Hotel über die Fußballanhänger von Borussia Dortmund bis zu den leidenschaftlichen Yu-Gi-Oh-Sammlern – kann als eine Form szenischer Vergemeinschaftung beschrieben werden. Die Objekte der Fangemeinschaften stellen dabei Erlebnis-, Kommunikations- und Identitätsressourcen dar, die leicht zugänglich sind, problemlos angeeignet werden können und als Projektionsfläche für eigene Wünsche und Bedürfnisse dienen. Lothar Mikos akzentuiert diesen Aspekt, wenn er feststellt: „Film-, Fernseh-, Pop- und Sportstars, Filmgenres, Motorräder und Fußballclubs müssen in diesem Zusammenhang als offene Texte gesehen werden, denen die Fans einen symbolischen Wert zuschreiben.“95 93 Wirtschaftswoche 2015, S. 7. 94 Vgl. Vogelgesang/Kersch 2016. 95 Mikos 2010, S. 116. 100 In einer ersten Annäherung an das Phänomen Fantum und Szenemitgliedschaft stellten wir in unserer Untersuchung den Jugendlichen folgende Frage: „Man kann Fan oder Anhänger von etwas sein. Wie ist das bei Dir? Fühlst Du Dich einer bestimmten Szene oder Gruppe zugehörig?“ 24% haben die Frage bejaht, das bedeutet, etwa ein Viertel der jungen Eifeler entwickelt eine besondere Begeisterung für bestimmte Fanformen und fühlt sich als Teil einer entsprechenden Fangemeinschaft. Die sozialstrukturelle Analyse des jugendlichen Fantums weist dabei kaum Unterschiede hinsichtlich des Alters (14 bis 17 Jahre: 26%; 18 bis 21 Jahre: 21%; 22 bis 25 Jahre: 25%) und Bildungsniveaus (Hauptschüler: 29%; Realschüler: 21%; Gymnasiasten/Studenten: 25%) auf, aber große Differenzen bezüglich des Geschlechts (Jungen: 36%; Mädchen: 12%) aus. Es ist die Fußballbegeisterung der männlichen Eifeljugend, die regelrecht zum Kristallisationspunkt von Fangruppierungen wird. Besonders deutlich wird dies, wenn man das weite Feld des jugendlichen Fantums und seine szenischen Ausprägungen etwas genauer eingrenzt. Entsprechend wurden die Jugendlichen mittels einer offenen Frage gebeten, die Fanszene(n) zu benennen, in die sie in besonderer Weise involviert sind. Am häufigsten genannt werden bestimmte Musikszenen und Fan-Communities von Fußballvereinen, die aber, wie bereits erwähnt, fast ausschließlich von Jungen dominiert werden. Insgesamt entfallen auf das Fan- und Szenespektrum jedoch über 30 verschiedene Nennungen, die von Gaming, Fitness, Cosplay über Motorsport und Tuning bis zur Mitgliedschaft in Öko- und Handwerkergruppierungen reichen. Um die Praktiken und Bedeutungen des Fantums und der Szenemitgliedschaft weiter aufzuschlüsseln, haben wir noch zusätzlich die Frage gestellt: „Was heißt es für Dich, Anhänger oder Fan zu sein?” Ordnet man die Antworten nach der Häufigkeit der Nennungen, zeigt sich eine Rangreihe, wobei nur die Jugendlichen berücksichtigt werden, die sich in der Selbsteinschätzung auch als Fan einstufen (vgl. Abb. 31). Wie zu erwarten steht an erster Stelle der Attribute, die einen Fan von einem Nicht-Fan unterscheiden, die „regelmäßige Beschäftigung“ (77%) mit dem Fanobjekt. Kenntnis und Vertrautheit damit sind geradezu konstitutiv für das Fantum. Als nächstes nennen die jugendlichen Szeneanhänger „mit anderen darüber reden“ (76%). Dies ist ebenfalls ein typisches Merkmal von Fantum, da die begehrten Personen, Gruppen oder Medienformate Erfahrungen und Erlebnisse vermitteln, über die man sich mit Gleichgesinnten auch verständigen möchte. Die Fanobjekte sind also sowohl Gesprächsanlass als auch Gesprächsgegenstand. Sie stiften darüber hinaus kommunikative Bezüge zwischen den Fans, 101 die in eine feste Gruppen- oder Cliquenstruktur münden und Vertrautheit, Nähe und Freundschaft nach sich ziehen können. Auch „ein besonderes Wissen“ (59%) ist eine wichtige Ressource innerhalb der Kommunikation in der Fanszene. Sie unterstreicht den eigenen Expertenstatus, verschafft Geltung und Anerkennung und festigt zudem durch ihre Abgrenzungsfunktion gegenüber der Erwachsenenwelt resp. anderen Fangemeinden die Gruppenzugehörigkeit. Abbildung 31: Praktiken und Bedeutungsdimensionen des Fantums (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Des Weiteren verweisen die Antwortmöglichkeiten „sich damit identifizieren“ (57%) und „sich einer Szene zugehörig fühlen“ (56%) auf eine starke Bindung an das Fanobjekt sowie die Fangruppe. Fantum wird von den Jugendlichen ernst genommen und ist ein aktiver Prozess der jugendlichen Identitätsbildung und Gemeinschaftserfahrung. Die Objekte der Verehrung – und hier insbesondere Fußballvereine und Popikonen – werden vielfach zu Idolen stilisiert, in denen sich die gesamte Fangruppe wiedererkennt. Der Besuch von entsprechenden Events oder das regelmäßige Treffen in Fanzirkeln machen es auch notwendig, „Zeit und Geld zu investieren“ (46%). Hand in Hand damit geht bei etwas weniger als einem Drittel der jugendlichen Szenemitglieder das „Sammeln von Fanartikeln“ (31%) und das „Lesen von Szenezeit- 30 31 46 56 57 59 76 77 Szenezeitschrift lesen Fanartikel sammeln Zeit und Geld investieren Sich einer Szene zugehörig fühlen Sich damit identifizieren Besonderes Wissen Mit Anderen darüber reden Regelmäßige Beschäftigung 102 schriften“ (30%). Es sind nicht zuletzt dies die Kriterien, die auf den inneren Kreis der Fangemeinschaften verweisen. Denn für jugendliche Fanszenen sind durchaus unterschiedliche Aneignungspraktiken konstitutiv, die auch mit divergierenden Erfahrungen, Kompetenzen und Zugehörigkeitsformen einhergehen. Versucht man vor dem Hintergrund unserer Jugendstudien und mit Bezug auf die aktuelle Forschungslage eine Systematisierung des zeitgenössischen jugendkulturellen Fantums und seiner Praxisformen, dann offenbart der dabei sichtbar werdende eigenwillige Habitus und die soziale Verortung folgende Strukturmerkmale, die als analytisch-kategoriales Raster für die heutige Jugendkultursphäre insgesamt angesehen werden können: • Nach Angaben einschlägiger Forschungen96 schwankt die Anzahl von Jugendkulturen zwischen 150 und 200, wobei die Zahl ihrer Anhänger große Unterschiede aufweist. Auch wenn eine exakte empirische Quantifizierung des jugendkulturellen Feldes kaum möglich ist, so ist davon auszugehen, dass seit Mitte der 2000er Jahre der HipHop mit einer Anhängerzahl von etwa einer Million zum Mainstream in der deutschen Jugend- und Musikszene zählt (‚Pluralisierung’). • Jugendkulturen unterliegen ständigen Differenzierungen und Aufspaltungen. Aus der Rockszene haben sich die Stilrichtungen des Cog, Punk, New Wave und Heavy Metal abgespalten. Die Metal- Kultur ihrerseits hat sich zwischenzeitlich ebenfalls in mehrere Untergruppierungen wie Black Metal, Dark Metal und Doom ausdifferenziert. Die Abspaltung von Subszenen wird regelrecht zum Kampfmittel zur Sicherung von Identität und Autonomie. Man kann deshalb auch von einem Mainstream der Minderheiten sprechen (‚Diversifizierung’). • Auch wenn sich eine große Anzahl von Jugendlichen einer Szene zugehörig fühlen, ihre Anbindung und Identifikation mit der Szene – und bisweilen auch mehreren Szenen – ist dabei jedoch unterschiedlich intensiv. Drei Typen des Fantums lassen sich unterscheiden: der Novize, der Tourist und der Freak. Sie markieren einerseits gestufte Formen szenengebundenen Wissens und andererseits – wenn auch nicht zwangsläufig – Karriereabschnitte innerhalb einer Szene (‚gestufte Szenebindung’). • Es sind vor allem die jugendlichen Szeneveteranen, die ihr Wissen und ihre Stilhoheit auch sehr prononciert als Konfrontations- und Abgrenzungsstrategie gegenüber Erwachsenen einsetzen. In spielerisch-aufreizender Lässigkeit demonstrieren sie die ungleiche Vertei- 96 Vgl. Farin 2001; Richard/Krüger 2010. 103 lung vor allem von Medienkompetenzen. Gerade ihre Leichtigkeit und Virtuosität in der visuellen Wahrnehmung – und zwar von den Bilderspektakeln der Musikclips bis zu den virtuellen Welten der Computerspiele – verdeutlichen, dass der Umgang mit Medien und ihren Inhalten sich immer weiter auseinander entwickeln, denn selbst aufgeschlossene und wohlmeinende Erwachsene können diese medialen Produkte nicht in ihre alltagsästhetischen Schemata transponieren; Ratlosigkeit, Verwirrung und Empörung sind dann nicht selten die Folge (‚intergenerational-asymmetrische Wahrnehmungsstile und Medienkompetenzen‘). • Jugendkulturen sind Formationen auf Zeit, deren Leben und Überleben aufs Engste mit ihrer Stilexklusivität verknüpft sind. Deren Verlust ist gleichbedeutend mit einer Entzauberung und Auflösung ihrer Identität und hängt wie ein Damoklesschwert über allen jugendkulturellen Stilgemeinschaften. In dem Maße nämlich, wie ihre Szenesymbole – z.B. die XXL-Klamotten, Baseballkappen und Turnschuhe (Sneakers) bei den HipHop-Fans – von vielen aufgegriffen werden, inflationieren sie und werden schließlich für ihren Zweck untauglich. Jugendkulturen als gemeinschaftliche Lebensentwürfe scheitern nicht einfach an der Unrealisierbarkeit ihrer Konzepte, sondern blühen und welken mit den Konjunkturen ihrer Symbole und Karrieren ihrer Protagonisten. Ein markanter Einschnitt in der Grunge-Szene war bspw. der Freitod ihres Idols Kurt Cobain von der Gruppe Nirvana im Jahr 1994 (,Kampf um Exklusivität und Distinktion‘). • Mit der Expansion des Jugend- und Medienkulturmarktes zu Beginn der 1980er Jahre und der freien Wählbarkeit von kulturellen Mustern und Gruppierungen verlieren klassenkulturell orientierte Stilbildungsprozesse an Bedeutung. Nicht mehr die Verankerung von jugendlichen Lebensformen in der herkunftsspezifischen ‚parent culture’ ist bestimmend für die heutigen Jugendkulturen und -szenen, sondern viel eher modische Stilbasteleien, die als postmoderne, identitätsstiftende Bezugspunkte tendenziell allen Jugendlichen verfügbar sind. Während Punks und Popper untrennbar mit ihrer Herkunftskultur verbunden sind – dem Arbeitermilieu und dem Bürgertum –, gibt es etwa bei den Techno-Anhängern keine Schichtabhängigkeit mehr (‚Interessengebundenheit anstelle von Herkunftsabhängigkeit‘). • Stile, Rituale und Symbole in Jugendkulturen enthalten Hinweise auf höchst unterschiedliche Körperbilder und körperbezogene Erlebnisformen. Jede Jugendkultur schreibt sich gleichsam auf ihre Weise in den Körper ein und hinterlässt dort Spuren. So wird z.B. in der Heavy Metal-Szene der aggressive Körper inszeniert, bei den 104 Techno-Fans ist er Ekstasemedium und die Grufties gestalten ihn zu einem morbiden Protestzeichen um (‚Körperkult und Körperkultivierung‘). • Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse der Gegenwart setzen auch jugendkulturelle Gemeinschaften vermehrt in Bewegung. Zu beobachten sind dabei verstärkt Tendenzen der „Glokalisierung von Jugendkulturen.“97 Diese manifestieren sich einerseits in einer stilistischen Öffnung gegenüber neuen kulturellen Ästhetiken und ihrer Einlagerung in die originären Codes und Symboliken, ohne dass andererseits die spezifisch lokalen Szene- und Stilcharakteristika aufgegeben werden. So finden sich beispielsweise im Hip- Hop durch die bewusste Vermischung von westlichen mit südamerikanischen Musikelementen neue, translokale Musikgenres, die jedoch auch weiterhin durch den lokalen Kontext mitgeprägt werden. Nicht möglich wären diese Formen der Transnationalisierung jugendkultureller Ausdrucksformen ohne die Nutzung besonderer Medienangebote und Kommunikationsformen. Vor allem das Web 2.0 ist zu einer kommunikativen Plattform par excellence geworden, die durch den Austausch in szenespezifischen Online-Communities sowohl die Globalisierung als auch die Mediatisierung von Jugendkulturen forciert (‚Jugendkulturen als populärkulturelle deterritoriale Gemeinschaftsnetzwerke‘). • Durch Fixierungen, Übersteigerungen und Radikalisierungen kann es auch zu problematischen Entwicklungen innerhalb von bestimmten Jugendkulturen und -gruppen kommen. Zu den Konfliktszenen zählen gegenwärtig Skinheads, Autonome, Hooligans, Satanisten, Faschos, die sogenannte identitäre Bewegung und bestimmte migrantische Gruppierungen, für die aggressive Männlichkeit und Gewalt die dominanten Ausdrucksmittel sind. Hinzu kommen rigide Macht-, Unterwerfungs- und Bestrafungsrituale, die den Ausstieg zu einem hohen persönlichen Risiko machen (‚deviante Jugendszenen‘). Zusammenfassend gilt es Folgendes festzuhalten: Mit der Anerkennung der Jugend als eigenständige Lebensphase setzt zeitgleich die Erkenntnis ein, dass ihre Lebenswirklichkeit durch eigene Formen kultureller Performanz und sozialer Zugehörigkeit geprägt ist. Entsprechend sind seit über 100 Jahren Jugendkulturen und ihre sub- und fankulturellen Varianten fester Bestandteil der gesellschaftlichen Wirklichkeit und wissenschaftlicher Erforschung. Von der Wandervogel- und Scoutbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts über die Beat- und Halbstarken- 97 Vgl. Lorig/Vogelgesang 2011, S. 382. 105 generation in den 1950er Jahren bis zu den digitalen Jugendkulturen in der Gegenwart lässt sich ein stilistisch-schillernder und habituell-facettenreicher Bogen jugendspezifischer Ausdrucks- und Gesellungsformen nachzeichnen. Hier findet der in der Jugendsoziologie besonders herausgestellte und hinlänglich ausgewiesene Trend zur Separierung und Segregation von altershomogenen Gruppen als immer bedeutungsvoller werdende informelle Sozialisationsinstanzen eine Fortsetzung und stilvolle Steigerung. Sie repräsentieren einerseits „Identitätsmärkte“98, wo Jugendliche frei vom Routine- und/oder Anforderungscharakter ihrer sonstigen Rollenverpflichtungen Selbstdarstellungsstrategien erproben und einüben, sich gleichsam im Gruppen-Spiel und Gruppen-Spiegel ihrer personalen wie sozialen Identität vergewissern können. Andererseits sind sie aber auch „Kompetenzmärkte“99, auf denen differenzierte kulturelle Wissensbestände und Fähigkeitsbündel erworben werden. So zeigt sich etwa, dass die Teilnahme in so unterschiedlichen Gemeinschaften wie der Hardcore-, Skatebord- oder LAN-Szene in erheblichem Maße Wissen und Können erfordert und mannigfaltige Kompetenzen voraussetzt, welche sich zum Teil als alltäglich und beruflich anschlussfähig, zum Teil aber auch als sehr spezifisches kulturelles Sonderwissen und -können darstellen. Trotz der qualifikatorischen Entgrenzung und der zunehmenden Verankerung der jugendkulturellen Stilpolitik in der mediatisierten Gegenwartsgesellschaft lassen sich die alltäglichen ‚style wars’ der jugendlichen Anhänger einer bestimmten Fan- und Jugendkultur als symbolisch vermittelte Unabhängigkeitserklärungen verstehen. Dabei zeigen die jugendkulturellen Akteure auch meist sehr demonstrativ, zu welcher Gruppierung sie gehören. Hinzu kommt, dass sie eigene Locations und Events haben, für die eine hohe Erlebnisdichte charakteristisch ist. Hier ist Emotion pur erlebbar, ganz im Unterschied zur verwalteten, geplanten und rationalitätsbestimmten Erwachsenenwelt. Des Weiteren verdeutlichen jugendkulturelle Gesellungsformen, dass die Individualisierung des heutigen Lebens nicht zwangsläufig in eine Vereinzelung mündet und keineswegs als Verfallsprozess sozialer Bindungen begriffen werden muss, sondern sie sind gleichsam der Prototyp neuer Formen posttraditionaler Geschmacks- und Stilgemeinschaften mit je eigenen sozialen, kulturellen, symbolischen und ästhetischen Praktiken. 98 Vgl. Vogelgesang 2014. 99 Vgl. Schnoor/Pfadenhauer 2009. 106 Auch wenn viele Jugendkulturen nach wie vor primär urbane Phänomene sind, ihre Mediatisierung beheimatet sie auch zusehends in ländlichen Regionen wie der Eifel. 4.3 Besuch von Jugendeinrichtungen Zu den Grundeinsichten der Jugendpädagogik zählt die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche für ihre Entwicklung selbst verfügte und aneigenbare Räume benötigen. Sozialökologisch ausgerichtete Untersuchungen konnten in diesem Zusammenhang eine quartiers- und regionsbezogene Treffpunktstruktur nachweisen, deren Kernelemente aus örtlichen Gelegenheitsstrukturen (z.B. Bushäuschen, Ruhebänke in Parkanlagen, Hinterhöfe, öffentliche Plätze), kommerziell ausgerichteten Orten (Schwimmbäder, Discos, Spielsalons, Kneipen etc.) und pädagogischen Einrichtungen (etwa Freizeitheime, Jugendzentren, Häuser der Jugend, Jugendtreffs) bestehen. Vor allem diesen letzten Typus haben wir in unserer Studie etwas näher beleuchtet. 4.3.1 Besuchsfrequenz und Sozialmerkmale der Besucher Um die Besuchshäufigkeit von Jugendeinrichtungen festzustellen, wurden die Jugendlichen in der Eifel zunächst einmal gefragt, wie häufig sie in einen Jugendtreff oder ein Jugendhaus gehen. Als Antwortmöglichkeiten konnten sie wählen zwischen „oft“, „selten“ oder „nie“. Zu Vergleichszwecken werden auch die entsprechenden Häufigkeitsangaben aus dem 2000er Jugendsurvey mitberücksichtigt. Die Antwortverteilung macht deutlich (vgl. Abb. 32), dass gegenwärtig die in den Wohnorten vorhandenen offenen oder pädagogisch betreuten Jugendtreffpunkte lediglich noch für rund ein Fünftel (22%) der in der Eifelregion lebenden Jugendlichen relevante Freizeitorte darstellen, wobei 5% angeben, hier „oft“ und 17% „selten“ hinzugehen. Zudem ist ein deutlicher Rückgang in der Besuchsfrequenz seit dem Jahr 2000 zu beobachten. Vor allem die Zahl der regelmäßigen Besucher hat sich in diesem Zeitraum mehr als halbiert (von 13% auf 5%) – eine Entwicklung, die Jugendeinrichtungen mehr und mehr zu einem Minderheitenphänomen im jugendlichen Treffpunktensemble werden lassen, worauf auch in anderen Studien verwiesen wird. Nach Angaben des 2. Kinderund Jugendberichts Rheinland-Pfalz beispielsweise besuchen nur 8,7% der Schülerinnen und Schüler einen Jugendfreizeittreff bzw. ein Jugendzentrum.100 In der Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2015 liegt die Besu- 100 Vgl. Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 256. 107 cherrate von entsprechenden Einrichtungen mit 4% sogar auf dem letzten Platz im Ranking der Freizeitaktivitäten.101 Und in der niedersächsischen Landesjugendstudie von 2010 ist bisher mit 2,3% die niedrigste Quote von Besuchern von Jugendhäusern gemessen worden.102 Abbildung 32: Besuch von Jugendeinrichtungen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Jugendstudien (2000 und 2011). Die Hauptgründe hierfür werden in einer veränderten Besucher- und Bedürfnisstruktur gesehen. In den Gesprächen mit Jugendpädagogen und Leitern von Jugendeinrichtungen ist darauf immer wieder verwiesen worden: „Beim Kindertreff und Teenietreff ist die Nachfrage nach wie vor hoch. Im Teenietreff ist sie sogar eher etwas steigend. Im offenen Jugendbereich haben wir einen starken Rückgang. Es ist also nicht nur so, dass die Nachfrage am Nachmittag, wo jetzt Schule ist, weggebrochen ist, sondern auch im Abendbereich. Wir haben versucht, Gründe herauszufinden, und da gibt es bestimmt eine ganze Menge von. Das fängt schon damit an, dass Kommunikation ganz stark über die sozialen Netzwerke wie Facebook läuft, so dass man sich mit seinem Gegenüber gar nicht mehr 101 Vgl. Leven/Schneekloth 2015, S. 113. 102 Vgl. Stein 2013, S. 115. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Besuchshäufigkeit 108 treffen muss, um zu kommunizieren. Es ist ja von zu Hause auch wunderbar möglich“ (Leiter einer Jugendeinrichtung). Weitere Ursachen werden vor allem in der fortschreitenden Verschulung der Jugendphase gesehen, deren Auswirkungen sich nicht zuletzt auch im Rückgang der Besucherzahlen von Jugendeinrichtungen niederschlagen: „Ich glaube, dass die Jugendlichen heute sehr viel Freizeit vorbestimmt bekommen. Man kann zwar sagen, dass Schüler nicht so stöhnen sollen, aber ich finde mittlerweile, dass für Schüler ab einem gewissen Alter, vor allem wenn es in die Oberstufe geht, schon sehr viel Zeit verplant ist und sie wesentlich mehr auf Punktejagd und Noten aus sind, als es vor Jahren der Fall war. Das war damals vielen total egal, was da in der Schule gelaufen ist. Mittlerweile kämpfen sie darum, bessere Leistungen zu bekommen. Schule hat einen ganz anderen Stellenwert in der Zeitund Wochenplanung bekommen als es früher mal der Fall war. Und das ist der Grund, warum abends in Jugendeinrichtungen so wenig los ist“ (Jugendpflegerin). Auch wenn diese Feststellungen zutreffend sind, sollten daraus nicht vorschnelle Schlussfolgerungen über den Stellenwert von pädagogischen Einrichtungen im jugendlichen Freizeitraum gezogen werden. Bereits eine etwas differenziertere – auf die Sozialmerkmale der Befragten bezogene – Analyse lässt nämlich durchweg signifikante Unterschiede zu Tage treten, die höchst aufschlussreich sind im Hinblick auf eine detailliertere und profundere Frequenz- und Profilanalyse der Jugendhausbesucher (vgl. Tabelle 9). Aufgrund der geringen Fallzahlen wurden die beiden Antwortmöglichkeiten „oft“ und „selten“ in einer Kategorie („ja“) zusammengefasst. Pädagogische Jugendeinrichtungen sind eine Jungendomäne, so könnte man das Geschlechtergefälle in diesem Punkt zusammenfassen. Denn der Jungenanteil liegt sowohl bei der allgemeinen Besuchsrate als auch bei der Besuchsintensität deutlich über dem der Mädchen. Noch markanter sind die Unterschiede jedoch im Hinblick auf das Alter der Jugendlichen. Es sind vor allem die jüngeren Altersjahrgänge, die am häufigsten Jugendeinrichtungen frequentieren. Immerhin 32% der 14- bis 17-Jährigen verbringen einen Teil ihrer Freizeit hier. Mit der Volljährigkeit und der damit verbundenen Motorisierung sinkt die Attraktivität von Jugendeinrichtungen jedoch zunehmend. Auch das Bildungsniveau hat einen, wenn auch deutlich schwächeren, Einfluss auf den Jugendzentrumsbesuch. Es sind Realschüler, die sich hier etwas häufiger einfinden als Hauptschüler und Gymnasiasten. 109 Tabelle 9: Sozio-demographische Struktur der Besucher von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Besuch von Jugendeinrichtungen ja nein gesamt 23 77 Geschlecht Jungen 25 75 Mädchen 19 81 Alter 14-17 J. 32 68 18-21 J. 19 81 22-25 J. 9 91 Bildung niedrig 22 78 mittel 26 74 hoch 20 80 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Berücksichtigt man in diesem Zusammenhang allerdings die Befunde aus dem Jugendsurvey 2000, so scheinen Bildungsunterschiede bei den Besuchern von pädagogischen Jugendtreffpunkten doch deutlich an Relevanz verloren zu haben. Damals wurde noch ein erheblicher Unterschied festgestellt: „Zwischen dem Bildungsniveau der Befragten und dem Jugendzentrumsbesuch besteht ein starker Zusammenhang. Jugendliche mit hoher Bildung sind nämlich deutlich unterrepräsentiert, während die anderen Bildungsgruppen das Angebot der Jugendhäuser eher für sich in Anspruch nehmen.“103 Ob damit dem in der Jugendarbeit immer wieder postulierten kompensatorischen Charakter von Jugendeinrichtungen heute noch die Bedeutung zukommt wie in der Vergangenheit, darf angesichts der bildungsmäßigen Angleichung der Besucherstruktur bezweifelt werden. Was der renommierten Jugendpädagoge Werner Thole noch für die Situation der Adressatinnen und Adressaten von Jugendeinrichtungen im Jahr 2000 diagnostiziert hat, kann für die jungen Menschen in der Eifelregion in dieser Form nicht mehr bestätigt werden: „Sicherlich besuchen auch heute noch vornehmlich ‚marginalisierte‘, handlungs- und körperorientierte ‚bildungsferne‘ Kinder und Jugendliche auf ihrer ‚Suche nach Gemeinsamkeit‘ Jugendfreizeiteinrichtungen und Jugendzentren. Viele Besucher von ‚klassischen‘ Jugendzentren und Jugendclubs gehören unwider- 103 Vogelgesang 2001, S. 84. 110 sprochen zu den Verlierern der gegenwärtigen Modernisierungsprozesse.“104 4.3.2 Regionale Unterschiede in der Besuchsfrequenz Da die Nutzung von Jugendeinrichtungen immer auch angebotsabhängig ist, wird im Weiteren eine Aufgliederung der Besucherraten nach den einzelnen Verbandsgemeinden des Eifelkreises vorgenommen. Dabei werden erhebliche Unterschiede sowohl in der Nutzungshäufigkeit als auch der Nutzungsintensität sichtbar. Abbildung 33: Besuchsintensität von Jugendeinrichtungen in den einzelnen Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie bereits erwähnt, besuchen im gesamten Landkreis im Durchschnitt 22% der hier lebenden Jugendlichen eine Jugendeinrichtung. Deutlich über dieser Quote liegen die Raten in Speicher mit 30% sowie Bitburg- Land und Irrel mit jeweils 26%. In den Verbandsgemeinden Kyllburg (24%), Prüm (20%) und Neuerburg (19%) sowie der Stadt Bitburg (24%) entsprechen die Besucherraten in etwa dem Mittel für den gesamten Kreis. Abgeschlagen auf dem letzten Platz des kreisbezogenen Besucher-Rankings liegt die Verbandsgemeinde Arzfeld, in der nur 11% der 104 Thole 2000, S. 187. Verbandsgemeinden Selten Oft Besuchsintensität 111 Jugendlichen ein Jugendtreff oder ein Jugendhaus aufsuchen. Allerdings ist das Verhältnis zwischen regelmäßigen („oft“) und gelegentlichen („selten“) Nutzern hier fast ausgeglichen, während es etwa in Speicher 1 zu 2,5, in Bitburg 1 zu 5 und in Kyllburg 1 zu 11 ist. Erwähnenswert ist noch, dass es offensichtlich eine jugendliche Kerngruppe gibt, die in pädagogisch unterstützten Einrichtungen ihre Freizeit verbringt, wobei auch hier zum Teil erhebliche regionale Unterschiede zu verzeichnen sind. In den Verbandsgemeinden Bitburg-Land und Speicher stufen sich immerhin noch 10% bzw. 8% der befragten Jugendlichen als Regelbesucher ein, während die entsprechende Rate in den anderen Regionen des Kreises nur zwischen 2% und 5% liegt. Zu Recht verweisen allerdings Jugendpädagogen immer wieder darauf, dass man Frequenzraten nicht zum Maßstab der Beurteilung der Infrastruktur sowie der Leistungen der institutionell offenen Jugendarbeit machen darf: „Es gibt Kinder und Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen auf solche öffentlich zur Verfügung gestellten Räume nicht kontinuierlich angewiesen sind; deswegen kommt ja auch immer nur ein Teil der Jugendlichen in die Jugendhäuser. Manche kommen auch nur wechselnd und sporadisch. Außerdem hat ein Jugendhaus auch eine Ausstrahlung auf das Quartier und damit auch für jene Jugendliche, die es nicht direkt aufsuchen. Dies alles begründet, dass Jugendhäuser für alle da und prinzipiell für alle erreichbar sein müssen, auch wenn sie tatsächlich nur von einigen genutzt werden.“105 Wir haben vor allem in den persönlichen Gesprächen mit den Jugendlichen noch näher in Erfahrung bringen wollen, warum sie keine Jugendtreffpunkte besuchen. Die Antworten waren sehr offenherzig und reichten vom fehlenden Interesse über unzureichendes Wissen, was in Jugendeinrichtungen angeboten wird, bis zu ungünstigen Öffnungszeiten und dem zunehmend jüngeren Publikum, mit dem man keine gemeinsamen Berührungspunkte habe. Auf die Verjüngung der Besucher wurde bereits verwiesen, was aus Sicht der älteren Jugendlichen zur Folge hat, dass die örtlichen Jugendtreffs und ihre Angebote unattraktiv werden – eine Entwicklung, die auch in den Expertengesprächen bestätigt wurde: „Der Altersdurchschnitt der Jugendhausbesucher ist bei uns kontinuierlich gesunken, so dass heute vermehrt Kinder im Grund- und Hauptschulalter zum neuen Stammpublikum in unserer Jugendeinrichtung geworden sind. Für die Älteren sind 105 Böhnisch/Münchmeier 1987, S. 235. 112 dadurch Jugendtreffunkte – und zwar ganz gleich welcher pädagogischen Ausrichtung – nicht mehr aktuell und interessant“ (Jugendpädagoge). Aber es wurde auch auf einen Zusammenhang zwischen dem Besuch von Jugendeinrichtungen und dem Standort aufmerksam gemacht. Dabei ging es zum einen um Fragen der Erreichbarkeit und Verkehrsanbindung, zum andern ganz allgemein darum, ob am Wohnort überhaupt Jugendeinrichtungen vorhanden sind. Dass dies in Rheinland- Pfalz vor allem in ländlichen Gebieten keineswegs mehr flächendeckend der Fall ist, belegen auch die Angaben im 2. Kinder- und Jugendbericht: „40,8% der Jugendlichen geben an, nicht in ein Jugendzentrum zu gehen, weil es keines gibt.“106 Dass auch im Eifelkreis von den Jugendlichen Angebotsdefizite im jugendpädagogischen Bereich moniert werden, zeigt sich an der Antwortverteilung auf die Frage: „Welche Verbesserungsvorschläge hast Du für das Freizeitangebot in Deinem Wohnort?“ Nimmt man als Prozentuierungsbasis nur diejenigen Jugendlichen, die mindestens einen Verbesserungsvorschlag gemacht haben, dann entfallen auf das Fehlen von Jugendtreffs und Jugendräumen mit 19% die meisten Nennungen.107 Auch wenn weitere Wünsche – und zwar von neuen Sportanlagen bis zur Ausweisung von Grillflächen – von ihnen angeführt werden, dann ist doch augenscheinlich, dass der größte Nachholbedarf im Freizeitbereich in der Schaffung lokaler Jugendeinrichtungen gesehen wird. Differenziert nach dem Geschlecht zeigt sich, dass sich dies tendenziell mehr Mädchen (22%) als Jungen (16%) wünschen. Aber sehr viel mehr Erklärungskraft als das Geschlecht hat das Alter der Jugendlichen. Denn der Zusammenhang ist hoch signifikant und bestätigt die bereits festgestellte Entwicklung einer zunehmenden Verjüngung der Besucherstruktur von Jugendtreffpunkten: Es sind nämlich in erster Linie die 14- bis 17-Jährigen (26%), die eine Jugendeinrichtung in ihrem Wohnort vermissen, und weniger die 18- bis 21-Jährigen (16%) und kaum von Relevanz sind entsprechenden Überlegungen noch für die 22- bis 25-Jährigen (8%). Wenn es um den Wunsch der Jugendlichen nach mehr Jugendeinrichtungen geht, kommt neben den Sozialmerkmalen Geschlecht und Alter auch der Wohnregion eine wichtige Rolle zu. Ablesbar ist dies an den unterschiedlich großen Anteilen von Jugendlichen in den einzelnen Ver- 106 Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 256. 107 Siehe hierzu Kap. 4.1.4. 113 bandsgemeinden, die sich für die Schaffung neuer Jugendtreffpunkte aussprechen. Abbildung 34: Wunsch nach mehr Jugendeinrichtungen differenziert nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie bereits ausgeführt, haben sich im gesamten Erhebungsgebiet des Eifelkreises 19% der Befragten für die Schaffung neuer resp. zusätzlicher Jugendeinrichtungen ausgesprochen. Nimmt man diese Quote als Bezugspunkt, dann wird aus Sicht der Jugendlichen in den Verbandsgemeinden Speicher (28%), Bitburg-Land (25%) und Irrel (24%) der größte Nachholbedarf gesehen. In der Stadt Bitburg (14%) sowie in den Verbandsgemeinden Prüm (13%) und Arzfeld (12%) verweisen dagegen die hier wohnenden Jugendlichen deutlich seltener auf das Fehlen von entsprechenden Einrichtungen. Bemerkenswert an diesen Einschätzungen ist, dass der Wunsch nach mehr Jugendtreffs und Jugendräumen in der Verbandsgemeinde am größten ist, in der auch die Besuchsrate am höchsten ist (Speicher mit 30%). Völlig anders stellt sich die Situation in der Gemeinde Arzfeld dar. Hier wurde nicht nur der niedrigste Besucheranteil (12%) gemessen, sondern auch die geringste Wunschquote nach mehr Jugendeinrichtungen festgestellt. Solche starken Unterschiede zwischen Angebots-Nachfrage-Relationen deuten darauf hin, dass die Tradition und Kultur der Jugendpädagogik in den einzelnen Verbandsgemeinden sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. 12 13 14 20 22 24 25 28 Arzfeld Prüm Bitburg Kyllburg Neuerburg Irrel Bitburg-Land Speicher 114 Folgende Schlussfolgerung, die an das Matthäus-Prinzip erinnert, ist naheliegend: Von attraktiven Jugendtreffpunkten fühlen sich die Jugendlichen angesprochen und wünschen sich eine Erweiterung und Extensivierung des Angebots. Aber es gibt auch Gemeinden – und hierfür scheint die Situation in Arzfeld bezeichnend zu sein –, in denen Jugendeinrichtungen als Auslaufmodell wahrgenommen werden, an deren Reaktivierung die Jugendlichen nicht mehr so recht glauben. 4.3.3 Jugendeinrichtungen als ‚Wohlfühlfaktor’ Die festgestellten Unterschiede in der Nutzung und Wahrnehmung von Jugendeinrichtungen sind ein Indiz für die Berücksichtigung von ‚Standortfaktoren’ und ein Hinweis auf die Bedeutung von regional differenzierten Maßnahmen zur Unterstützung jugendpädagogischer Angebote vor Ort. Hier stoßen allerdings die Auswertung und Berichterstattung von Jugendsurveys an ihre Grenzen. Denn trotz einer nach dem Zufallsprinzip generierten Stichprobe, wie sie auch unserer Jugendbefragung zugrunde liegt, werden die Fallzahlen unterhalb der Aggregatebene von Verbandsgemeinden so klein, dass verlässliche Aussagen nicht mehr möglich sind. Dies hat zur Konsequenz, dass die örtlichen Besonderheiten und Varianzen von kleinräumigen Einheiten durch die Datenzusammenfassung verlorengehen resp. nicht mehr empirisch abgebildet werden können. Trotz dieser auswertungstechnischen Beschränkungen lässt sich aber im Blick auf die Wahrnehmung und Wertschätzung von Jugendeinrichtungen ganz allgemein feststellen, dass sie für die jugendlichen Besucher auch eine Art ‚Wohlfühlfaktor‘ darstellten. Dieser Eindruck wurde uns zum einen in den Gesprächen mit den Jugendlichen, die wir in verschiedenen Jugendtreffs geführt haben, immer wieder bestätigt. Zum anderen finden sich auch in den Daten der Surveystudie Hinweise auf positive Auswirkungen. Setzt man nämlich den Jugendeinrichtungsbesuch in Beziehung zur Einschätzung der örtlichen Freizeitangebote, dann wird ein signifikanter Zusammenhang sichtbar, der sich auf die Formel bringen lässt: Wer in Jugendtreffpunkte geht, ist mit dem Freizeitangebot in seinem Wohnort zufriedener als derjenige, der dies nicht tut (vgl. Abb. 35). Zudem ist das Antwortverhalten der Jugendlichen im Blick auf die Rolle von Jugendtreffs in ihrem Freizeitpotpourri in sich recht konsistent. Dies lässt sich auch am Beispiel der ‚Freizeitwunschliste‘ belegen. Denn diejenigen, die das Fehlen von Jugendeinrichtungen bemängeln, sind mit dem bestehenden Freizeitangebot deutlich unzufriedener als diejenigen, die einen entsprechenden Wunsch nicht äußerten. Am faktischen wie 115 am gewünschten Angebot an Jugendeinrichtungen ist mithin ein deutlicher, positiver Ausstrahlungseffekt auf den gesamten Freizeitraum ablesbar. Abbildung 35: Freizeitzufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Aber diese Wirkung ist nicht auf den Freizeitbereich beschränkt, sondern scheint die Grundbefindlichkeit von jungen Menschen insgesamt zu tangieren. Denn das Aufsuchen von Jugendeinrichtungen hinterlässt ganz offensichtlich auch im subjektiven Wohlbefinden Spuren, wie die Ergebnisse einer Zusammenhangsanalyse zwischen ‚Jugendeinrichtungsbesuch‘ und ‚Lebenszufriedenheit‘ verdeutlichen (vgl. Abb. 36). Die Beziehung ist statistisch signifikant und belegt, dass die Rate von Jugendlichen, die mit ihrem Leben hoch zufrieden sind, bei den Besuchern von Jugendtreffpunkten höher ist als bei denjenigen, für die solche Einrichtungen und Angebote in der Freizeit keine Rolle spielen (40% zu 29%). Einschränkend ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es sich hier nicht um einen kausalen Zusammenhang handelt. Denn aus der Lebenszufriedenheits- und Lebensqualitätsforschung108 wissen wir um die 108 Vgl. Zapf 1972. Ja Nein Besuch von Jugendeinrichtungen Zufrieden Eher unzufrieden Sehr unzufrieden Freizeitzufriedenheit 116 Vielzahl und Vielfalt von Bedingungen, die in der subjektiven Selbsteinschätzung zu einem Wirkungsgeflecht verschmelzen. Trotzdem dürfte in einem Index für das Wohlbefinden von Jugendlichen der Besuch von Jugendeinrichtungen einen positiven Niederschlag finden. Sie bilden einen Mikrokosmos für die unterschiedlichsten Aktivitäten, Projekte und Erfahrungen, wobei das Treffen mit netten Leuten für die Jugendlichen mit Abstand der wichtigste Grund ist, wie auch die Ergebnisse des 2. Kinder- und Jugendberichts in Rheinland-Pfalz verdeutlichen.109 Abbildung 36: Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit vom Besuch von Jugendeinrichtungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Aber Treffpunkte und Jugendhäuser, und daran gilt es abschließend mit Nachdruck zu erinnern, sind nicht nur soziale Anlaufstellen für Jugendliche, sondern auch deren Integrations- und Ortsbindungsfunktion sollte nicht unterschätzt werden. Denn die jugendliche Selbstgestaltung dieser Räume stellt ein Gegengewicht zur organisierten Freizeit dar, in der Eigeninteressen lebensweltnah verwirklicht werden können. Dass diese nicht mit Bildungs-, Hilfs- und Beratungsangeboten überfrachtet 109 Vgl. Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugendliche und Frauen 2015, S. 261. Ja Nein Besuch von Jugendeinrichtungen Hoch Mittel Niedrig Lebenszufriedenheit 117 werden sollten, zählt heute zum Selbstverständnis einer alltags- und subjektorientierten Jugendarbeit: „Dass Jugendarbeiter immer mehr begreifen, dass für Jugendliche die Räume und Gelegenheiten entscheidend sind und nicht so sehr die pädagogisch arrangierten Interaktionen, die in diesen Räumen stattfinden und dass Jugendliche in der Regel auch mit diesen Räumen umzugehen wissen, zählt wohl zu den aufregendsten Beobachtungen, die gegenwärtig in der Jugendarbeit zu machen sind.”110 4.4 Offener Jugendtreff in A-Dorf – eine Geschichte des Scheiterns? Auch wenn in der Jugendarbeit die Verwaltung und Gestaltung von Jugendräumen durch Kinder und Jugendliche eine lange Tradition hat, so ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Aneignung entsprechender Räume in eigener Regie die praktische Umsetzung und Dauerhaftigkeit immer mit Risiken verbunden, nicht zuletzt auch wegen der Frage, wie die ‚Generationennachfolge‘ in diesen Einrichtungen gelöst wird. Unbestritten sind offene Jugendtreffs wichtige Bestandteile der kommunalen Infrastruktur für Kinder und Jugendliche. Aber sie sind keine pädagogischen Freiräume, in denen jeder tun und lassen kann, was er möchte, sondern durch die Jugendarbeit und Jugendpflege unterstützte und begleitete räumliche Angebote, die von Heranwachsenden in Eigen- und Mitverantwortung genutzt werden können. Intendiert ist, „durch die Initiierung offener Jugendarbeit Beziehungen und Kontakte von jungen Menschen untereinander zu fördern und diesen Raum zu geben, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten.“111 Jenseits der Erwachsenenwelt soll den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geboten werden, mit ihren eigenen Lebensentwürfen zu experimentieren und ihre eigenen Vorlieben und Interessen zu artikulieren. Dazu zählen sowohl Formen der Geselligkeit, also zusammenzusitzen und einfach miteinander zu reden, wie auch eigene kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen (z.B. Organisation von Rock-Konzerten, Film- Abenden etc.). Gefördert werden soll dadurch letztlich auch ein partizipativ-demokratisches Grundverständnis und eine auf die eigene Lebenswelt ausgerichtete Verantwortung und Bindung: „Die aktive Mitarbeit im Jugendraum bedeutet dabei für viele Jugendliche eine Stütze sozialer Identität und ermöglicht das Böhnisch/Münchmeier 1987, S. 226. 111 Dinges 2005, S. 8. 118 Einüben demokratischen Verhaltens. Sie weckt darüber hinaus häufig das Interesse bei den Jugendlichen, sich auch in anderen Bereichen des Gemeindelebens zu engagieren. Dies fördert letztlich die Identifikation mit der eigenen Gemeinde und beugt durchaus auch der vielfach vorschnell proklamierten Konsumhaltung und mangelndem Interesse Jugendlicher am eigenen Lebensumfeld vor.“112 Dass diese anspruchsvollen pädagogischen Ziele bisweilen deutlich hinter den Nutzungsformen und -motiven von offenen Jugendeinrichtungen zurückbleiben, wurde im Rahmen einer Regionalstudie deutlich, die wir im Jahr 2014 in einer Nachbargemeinde des Eifelkreises durchgeführt haben. Das Untersuchungsdorf – im Folgenden A-Dorf genannt – liegt ebenfalls im Großraum Trier nicht unweit der luxemburgischen Grenze. Es hat zum Erhebungszeitpunkt etwas mehr als 1.000 Einwohner. Davon sind etwa 80 im Alter von 10 bis 20 Jahren, d.h. sie zählen zu jenen Alterskohorten, die potenziell als Besucher von Jugendtreffs in Frage kommen. Allerdings haben wir bereits in der Pilotphase des Projekts erfahren, dass der im Ort vorhandene Jugendraum seit einiger Zeit nicht mehr genutzt wird. Dieser Hinweis hat uns neugierig gemacht und dazu veranlasst, uns etwas genauer mit der Geschichte und dem Werdegang des offenen Jugendtreffs in A-Dorf zu beschäftigen. Den folgenden Ausführungen liegen mehrere qualitative Interviews mit Dorfbewohnern zugrunde, die mittelbar oder unmittelbar in die Jugendarbeit im Ort involviert sind oder dies früher einmal waren. 4.4.1 Geschichte des Jugendraums Der Jugendraum wurde Ende der 1990er Jahre von einer kleinen Gruppe A-Dorfer Jugendlicher gegründet. Da damals der Wunsch nach einem Jugendraum im Dorf sehr stark war, wurde ihnen schließlich ein Raum von 20 bis 22 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, den sie in Eigeninitiative renovierten. Der Jugendraum befindet sich noch immer in der alten Schule in A-Dorf. Die Jugendlichen kannten sich untereinander von klein auf und waren eng befreundet. Dies wirkte sich positiv auf ihren Zusammenhalt aus und förderte die Bereitschaft, Verantwortung für den von ihnen neu gestalteten Raum zu übernehmen. Es wurde ein Putzplan eingeführt, der Sauberkeit und Ordnung garantieren sollte. Der aufgestellte Plan wurde in den meisten Fällen eingehalten, so dass es diesbezüglich nur selten zu Schwierigkeiten kam. Das Interesse der Jugendlichen war in der Periode von 1999 bis 2009 so groß, dass der 112 Dinges 2005, S. 6. 119 Raum zeitweise bis zu dreimal abends in der Woche geöffnet hatte.113 Der Jugendraum wurde nicht ausschließlich von A-Dorfer Jugendlichen genutzt, sondern zeitweise auch von Jugendlichen aus umliegenden Orten. Hin und wieder kamen Interessierte und Freunde aus Nachbardörfern und hielten sich dort gemeinsam mit den einheimischen Jugendlichen auf.114 Der Schlüssel zum Raum wurde von einem Elternteil „verwaltet“. Basierend auf Vertrauen, mussten sie diesen abholen und auch wieder zurückbringen.115 Die Jugendliche waren somit nicht vollkommen auf sich gestellt. Sie hatten eine Ansprechperson, an die sie sich wenden konnten, und es galt, gewisse Regeln und Absprachen zu befolgen, die für eine klare Struktur sorgten. Viele Jugendlichen feierten ihre Geburtstage dort, bei denen alle willkommen waren. Es war generell Usus, dass nicht nur die eingeladenen Gäste mitfeiern durften, sondern jeder Teenager aus A-Dorf, der an diesem Tag Interesse hatte, sich im Jugendraum aufzuhalten, war auch Partygast. Festzuhalten ist, dass es sich damals um eine funktionierende Gruppe junger Leute in A-Dorf handelte, die den offenen Jugendtreff eigenständig und gewissenhaft leiteten. Als diese ein Alter von Mitte 20 erreicht hatten, verabschiedeten sie sich allmählich aus der Jugendraum-Clique und kümmerten sich um Nachfolger für den Raum. Sie hatten die Absicht, dass der Jugendraum weiter bestehen bleibt, und dass nun die jüngere Generation in ihre Fußstapfen tritt. Auch die jüngere Gruppe von A-Dorfer Jugendlichen engagierte sich, um den Jugendraum aufrecht zu erhalten. Sie führten den offenen Treff wie bisher weiter, und es entstanden keinerlei größere Schwierigkeiten bei dem „Generationenwechsel.“116 Viele Jahre lang gab es danach keine gravierenden Probleme hinsichtlich des Jugendraums und dessen Nutzung. Seit 2011 jedoch besuchten immer weniger Jugendliche den offenen Treff. Dabei stehen den Jugendlichen mittlerweile drei Räumlichkeiten in der alten Schule in A-Dorf zur Verfügung, die mit einem modernen Equipment ausgestattet sind. Es befinden sich vor Ort beispielsweise ein Kicker, ein Billardtisch, eine Wii-Spielkonsole, eine Musikanlage und darüber hinaus eine Theke.117 Dennoch geriet der Jugendraum allmählich ins Abseits. Als Hauptgrund wurde in den Gesprächen – und zwar gleichermaßen von Jugend- 113 Vgl. Transkriptband 2014, Interview 16, Z. 23, 30. 114 Ebd., Interview 3, Z. 380. 115 Ebd., Interview 16, Z. 31f. 116 Ebd., Interview 20, Z. 101. 117 Ebd., Interview 10, Z. 28f. 120 lichen und Erwachsenen – angegeben, dass es die zweite Generation der für den Jugendtreff in A-Dorf verantwortlichen Jugendlichen versäumt hat, sich rechtzeitig um die Nachfolge zu kümmern. Oder in den Worten einer älteren Dorfbewohnerin, die sich jahrelang um die örtlichen Belange des Jugendraums mit gekümmert hat: „Die Stabübergabe haben die diesmal nicht hinbekommen.“118 Die hier angesprochene Schwierigkeit bei der „Stabübergabe“ verweist auf ein klassisches Problem bei der Verwaltung von Jugendräumen durch den Dorfnachwuchs: Kontinuitätssicherung bei der Nachfolgeregelung. Denn unsere Erfahrungen und Ergebnisse aus vergleichbaren Dorfstudien bestätigen, dass dies nicht ausschließlich in A-Dorf der Fall ist, sondern auch in anderen Gemeinden ein Problemfeld darstellt. Die älteren Jugendlichen, die sich irgendwann zu alt für den Jugendraum fühlen, ziehen sich aus verschiedensten Gründen zurück. Verwiesen wird auf die fehlende Zeit in Folge von Ausbildung oder Arbeitsstelle oder einfach das Interesse an anderen Dingen und Freizeitaktivitäten: „Die Jugendlichen interessieren sich nicht mehr dafür, sie haben andere Interessen; irgendwann ist man halt auch aus dem Alter raus“120, so ein ehemaliger Jugendraumbesucher aus A-Dorf. Wenn die „Älteren“ gehen und keine „Neuen“ nachrücken, die den Jugendraum weiterführen, kommt es oftmals zu einem Einschnitt.121 Der erste Generationenwechsel verlief ohne Probleme, beim zweiten Wechsel kam es zu einem Bruch, d.h. es hat sich unter den A-Dorfer Jugendlichen niemand mehr gefunden, der für den Jugendraum Verantwortung übernehmen wollte. Seit über zwei Jahren steht der Raum mittlerweile leer und deutliche Spuren von Schimmelbildung sind bereits erkennbar. Um dies zu ändern und den Raum „wiederzubeleben“, wurden seit dem Jahr 2012 etliche Versuche gestartet, damit der offene Treff zukünftig wieder von jugendlichen A-Dorfern genutzt wird, die ihre Freizeit dort unter Gleichaltrigen verbringen möchten: „Das Bemühen ist groß,“122 umschreibt eine alteingesessene A-Dorferin die vielfältigen Anstrengungen, die hierzu unternommen wurden. Das gesteckte Ziel wurde aber nicht erreicht, wie die folgenden Ausführungen zeigen. 118 Transkriptband 2014, Interview 20, Z. 71f. 119 Vgl. Vogelgesang 2006, S. 97f. 120 Transkriptband 2014, Interview 3, Z. 306ff. 121 Ebd., Interview 20, Z. 9ff. 122 Ebd., Interview 16, Z. 682ff. 121 4.4.2 ‚Rettungsversuche’ Zahlreiche Reaktivierungsversuche hinsichtlich des Jugendraums blieben in den letzten zwei Jahren ohne Erfolg. So auch der letzte Versuch der ehemaligen Jugendlichen aus A-Dorf, die junge Generation durch eine Silvester-Party zur Teilnahme am Jugendtreff zu motivieren. Zum Jahresende 2014 und im Hinblick auf das 15-jährige Bestehen des Jugendtreffs organisierten die ehemaligen Jugendraumbesucher eine Silvester-Party, um die momentane Situation der Nichtnutzung des Raums zu ändern. Ziel und Zweck der Party sollte sein, das Interesse der Jugendlichen zu wecken, damit diese den Jugendraum zukünftig übernehmen und wie in den Jahren zuvor auch eigenständig führen. Alle ehemaligen Besucher wurden schriftlich eingeladen, ihre potenziellen Nachfolger durch Plakate im Dorf informiert und willkommen gehei- ßen. Darüber hinaus wurden mündliche Einladungen an die Jugendlichen aus A-Dorf ausgesprochen. Letztlich wurden alle Kommunikationskanäle genutzt, um auf die Silvester-Party aufmerksam zu machen. Des Weiteren war eine After-Show-Party für den Neujahrstag angedacht. Diese After-Show-Party sollte die Möglichkeit bieten, neue Bekanntschaften unter den Jugendlichen zu schließen, verbunden mit einer gemeinsamen Aufräumaktion. Die ehemaligen Jugendraumnutzer erhofften sich davon, dass sich die Jugendlichen, die sich teilweise gar nicht kannten, „näher kommen“ und die Chance nutzen würden, Kontakte zu schließen. Damit das Ganze mit einem Anreiz für die Jugendlichen verbunden ist, stand zur Debatte, die restlichen Getränke vom Vorabend an der After-Show-Party kostenlos für alle Teilnehmer zur Verfügung zu stellen. Das Treffen am 1. Januar sollte aber keineswegs als eine reine Aufräumaktion verstanden werden, vielmehr sollte es einen gewissen Eventcharakter haben, von dem man sich eine rege Teilnahme der Jugendlichen erhoffte. Außerdem wurde in Erwägung gezogen, die studentischen Teilnehmer der Forschungsgruppe aufgrund des geringen Altersunterschiedes ebenfalls mit einzubinden. Das Resultat der Silvester-Party war für die Veranstalter, die die Hoffnung hatten, den Jugendraum durch dieses Vorhaben zum Jahreswechsel zu reaktivieren, recht ernüchternd. Zu der Fete erschienen trotz schriftlicher und mündlicher Einladungen nur sehr wenige. Zudem nahm lediglich ein „neuer“ Jugendlicher, der zuvor noch nie im Jugendtreff war, an der Silvester-Party teil. Die wenigen anderen Jugendlichen, die der Einladung zur Party folgten, waren nicht zum ersten Mal da. Es konnten demnach keine neuen Jugendrauminteressierten – und zwar weder unter den im Ort geborenen noch unter den zugezogenen Ju- 122 gendlichen – erreicht werden, die künftig Interesse an der Nutzung des Raums haben könnten. Da wider Erwarten die Silvester-Party erfolglos blieb, ist das Angebot der Jugendbetreuerin der zuständigen Verbandsgemeinde, als Koordinatorin der Jugendlichen zu fungieren, gegenstandslos geworden. Diese hatte sich dazu bereit erklärt, die Jugendlichen zu „coachen“ und sie in den ersten Wochen und Monaten bei der Organisation des Jugendraums zu unterstützen, falls Interesse an einer Reaktivierung bestünde. Dadurch hätte zumindest für die erste Zeit eine Ansprechperson zur Verfügung gestanden, die die Jugendlichen mit Rat und Tat hätte betreuen können. Aufgrund der wiederholten Nachfrage von Jugendlichen und Eltern, ob die Geburtstage der Kinder im Jugendraum gefeiert werden können, machte die Jugendbetreuerin des Weiteren den Vorschlag, einen Nutzungsvertrag zu erstellen. Dieser sollte Regelungen beinhalten, so dass klar ist, wer die Verantwortung im Rahmen der Feier für den Raum trägt. Dadurch könnte der Raum zumindest für diesen Zweck und bei Bedarf genutzt werden, ohne dass es im Anschluss zu Problemen kommen würde. Denn es kam in früheren Jahren bereits vor, dass der Raum unaufgeräumt und schmutzig nach einer Geburtstagsfeier hinterlassen wurde und von Unbeteiligten gereinigt werden musste: „Es ist schon passiert, dass dort ein Geburtstag gefeiert wurde, und wir sind da rein, und ich habe fast geweint. Und der Geburtstagsjunge meinte: ‚Das war ich nicht‘. Dann haben wir mit drei Frauen zwei Tage lang dort unten sauber gemacht“123, so die Erfahrung einer A-Dorfer Bürgerin. Da in der Vergangenheit einige Schwierigkeiten mit dem Feiern von Geburtstagen im Jugendraum einhergingen, sollte ein solcher Nutzungsvertrag die Möglichkeit bieten, diese zukünftig zu verhindern, da mit dem Vertrag auch feste Zuständigkeiten geregelt werden sollten. Darüber hinaus bemühten sich von Anfang bis Mitte des Jahres 2014 bereits zwei A-Dorfer Bürgerinnen, den Jugendraum „wiederzubeleben.“124 Die Jugendlichen wurden durch das Verteilen von Flyern im Dorf informiert und in den offenen Jugendtreff eingeladen. Insbesondere die Altersstufen zwischen 10 und 13 Jahren sollten angesprochen werden. Vier bis fünf Monate lang haben die beiden Frauen versucht, die Besucherintensität zu steigern – ebenfalls vergebens. Obwohl der Jugendtreff einmal die Woche geöffnet hatte und auch ein paar Kinder das 123 Transkriptband 2014, Interview 16, Z. 44ff. 124 Ebd., Interview 10, Z. 25ff. 123 Angebot wahrgenommen haben, hat sich nichts Greifbares im Hinblick auf den Jugendraum und dessen Reaktivierung entwickelt: „Die Teenager haben sich beschnuppert, konnten aber nichts miteinander anfangen; Langeweile war die Folge.“125 Es entstand keine engere Beziehung unter den Jugendlichen. Ferner wurde versucht, die Jugendlichen in A-Dorf über die Vereine anzusprechen und sie zu einer Teilnahme am offenen Treff zu motivieren. Insbesondere in den Vereinen, die viele junge Mitglieder haben, wie beispielsweise im Musik- und Sportverein sowie der Feuerwehr, wollte man an die Jugendlichen appellieren. Doch auch auf diese Weise konnte kein Draht zu ihnen hergestellt werden, um gemeinsam nach einer Lösung für den Jugendraum zu suchen. Auch genauere Erkenntnisse über das Interesse der Heranwachsenden konnten nicht gewonnen werden. Anhand der qualitativen Befragungen wurde jedoch deutlich, dass das Bemühen um die Reaktivierung des Jugendraums seitens der älteren Generationen sehr groß ist. Die angesprochene jüngere Generation von Jugendlichen hat hingegen kein Interesse daran, einen Neustart zu wagen, so dass die bisherigen ‚Rettungsversuche’ des Jugendtreffs ohne Erfolg blieben. 4.4.3 Zukunftsaussichten Die Zukunftsperspektive des Jugendraums in A-Dorf ist düster, so die Quintessenz der Interviews mit den Dorfexperten. Mehrere Gründe werden dafür verantwortlich gemacht. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass der Zusammenhalt unter den Jugendlichen nicht mehr so stark ist wie früher. Sie kennen sich teilweise nur flüchtig oder auch gar nicht. Auch das Verhältnis untereinander hat sich gewandelt. Es ist anonymer geworden und nicht mehr eng und vertraut wie noch vor 15 Jahren, als der Jugendraum gegründet wurde.126 Dies wiederum liegt unter anderem daran, dass sich die Wege der Jugendlichen trennen, sobald sie auf weiterführende Schulen gehen. Manche besuchen Schulen in Trier oder in benachbarten Klein- und Mittelzentren. Die Clique, die den Jugendraum gründete, verbrachte nicht nur ihre Freizeit zusammen, sondern auch den Schulalltag, wodurch das Verhältnis enger war. Dies hat sich grundlegend geändert. Die Schulsituation hat darauf erheblichen Einfluss. Ein Mitglied der ‚Rettungscrew‘ des A-Dorfer Jugendraums hat die zeitliche Beanspruchung der Heranwachsenden durch den Besuch weiterführender Schulen und vielfältige freizeitliche Interessen 125 Transkriptband 2014, Interview 10, Z. 31. 126 Ebd., Interview 10, Z. 17ff. 124 und damit einhergehende negative Auswirkungen auf die Nutzung von Jugendeinrichtungen sehr differenziert und pointiert zum Ausdruck gebracht: „Viele Jugendliche sind durch Schule, Vereine und Hobbys zeitlich voll ausgelastet. Vor allem Ganztagsschulen beanspruchen sehr viel Zeit. Dadurch kommen sie erst am späten Nachmittag nach Hause, gehen dann noch ihren Hobbys oder anderen Interessen nach. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass sie in Vereinen aktiv sind, was wiederum ihre freie Zeit nach der Schule reduziert. Die Mitgliedschaft in Vereinen führt dazu, dass sie neben der Schule zeitlich ausgelastet sind. Somit steht den Jugendlichen nur noch wenig freie Zeit zur Verfügung, in der sie sich im Jugendtreff aufhalten könnten. Auf Grund schulischer und privater Verpflichtungen sind nur die Wenigsten dazu bereit, darüber hinaus noch eine zusätzliche Verantwortung zu übernehmen oder Dienste einzuhalten, wie beispielsweise den Putzdienst im Jugendraum.“127 Außerdem sei die Nähe zur Stadt mit den Jahren immer verlockender geworden: „Viele Jugendliche in A-Dorf orientieren sich nach Trier.“128 Heutzutage sind Sie entweder bereits durch den Standort der weiterführenden Schulen in Trier und haben in Folge dessen dort Freunde und Vereine, in denen sie aktiv sind, oder sie nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel und fahren mit dem Bus ins Zentrum der Stadt. Anders als früher sind die Jugendlichen heute mobil. Zumindest ab dem 18. Lebensjahr verfügen viele über eine Fahrerlaubnis und sind in Besitz des PKW-Führerscheins, wenn auch nicht alle zwingend über ein eigenes Auto verfügen. Auch dies war früher nicht der Fall: „Zu meiner Zeit, als ich in dem Alter war, da gab es für mich halt nichts Anderes. Da war Trier nicht so interessant gewesen. Da hat sich alles hier im Dorf abgespielt. Aber heutzutage fahren sie mit dem Bus nach Trier und hier im Dorf ist tote Hose“,129 so die Schilderung eines ehemaligen Jugendtreffbesuchers im Interview. Die Stadt an sich reizt die Jugendlichen insbesondere im Teenageralter mit vielen Angeboten, die das Dorf, beziehungsweise das Leben auf dem Land, nicht bieten kann. Die genannten Faktoren führen dazu, dass sich das Interesse der Jugendlichen an der Nutzung des Jugendraums in A-Dorf in den letzten Jahren drastisch reduziert hat. Wenn überhaupt, besteht gegenwärtig lediglich noch Interesse daran, den Raum für das Feiern von Geburtstagen 127 Transkriptband 2014, Interview 22, Z. 211ff. 128 Ebd., Interview 5, Z. 484ff. 129 Ebd., Interview 3, Z. 318ff. 125 der Jugendlichen zur Verfügung zu stellen. Sollte es dazu kommen, wäre der bereits angesprochene Nutzungsvertrag äußerst ratsam, damit zukünftig keinerlei Probleme mehr im Anschluss an eine Feier entstehen. Ein weiterer ausschlaggebender Faktor, der sich erschwerend auf die Reaktivierung des Jugendtreffs auswirkt, ist die existierende Feuchtigkeit und der damit verbundene Schimmelbefall in den Räumlichkeiten. Das Mauerwerk müsste zunächst professionell saniert werden, bevor der Raum wieder betreten werden darf. Dies wäre mit erheblichem Aufwand und vor allem mit hohen Kosten verbunden. In dem Zustand, in dem sich der Raum momentan befindet, ist ein Aufenthalt nicht zu verantworten, da der Schimmelbefall an den Wänden ein Gesundheitsrisiko darstellt. „Wenn das Interesse natürlich größer wäre,“ so die Vermutung eines A-Dorfer Bürgers, „dann würde auch jeder hier im Dorf dahinter stehen, wenn der Jugendraum generalsaniert würde, damit man ihn wieder bedenkenlos für die Jugendlichen öffnen könnte.“130 Dennoch bleibt die Frage offen: Wie teuer ist die Sanierung der Räumlichkeiten und wer trägt die entstehenden Kosten? Das mangelnde Interesse der A-Dorfer Jugendlichen und damit verbunden die nicht vorhandene Nachfrage nach einem offenen Treff sowie der gesundheitsgefährdende Schimmelbefall an den Wänden bilden die Hauptargumente, die Schließung oder Umnutzung der Räumlichkeiten zu empfehlen. Die Chancen, den Jugendraum in näherer Zukunft zu reaktivieren, sind sehr gering. Daraus resultierend wäre es ratsam, eine effiziente Umnutzung stärker in Erwägung zu ziehen. Allerdings müsste zunächst einmal das Problem mit der Feuchtigkeit behoben werden. Zu berücksichtigen gilt dabei das Entstehen hoher Kosten im Rahmen der Sanierung. Angesichts der dargestellten Probleme, die in den Experteninterviews zum Thema Jugendraum sehr deutlich angesprochen wurden, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr schwierig sein dürfte, bei den Jugendlichen wieder Interesse für den Jugendraum zu wecken. Um den weiteren Verfall der Räumlichkeiten zu stoppen, hat die Gemeinde zwischenzeitlich die Sanierung vorangetrieben und die Nutzung einer örtlichen Freizeitgruppierung von Musikern übertragen. Was in A-Dorf sichtbar wurde, bestätigt den allgemeinen Trend, auf den wir auch im Eifelkreis gestoßen sind: In der heutigen Zeit existieren immer weniger Jugendräume, beziehungsweise gehen immer mehr Prob- 130 Transkriptband 2014, Interview 3, Z. 340f. 126 leme mit der Aufrechterhaltung von Jugendräumen einher. Die Einschätzung eines Bürgers aus A-Dorf hat diesbezüglich schon eher resignierenden Charakter: „Das mit den Jugendräumen, das hat sich, glaube ich, überlebt.“131 Bei der Ursachensuche für den Besucherrückgang von Jugendtreffpunkten spielen zum einen demographische Veränderungen eine Rolle: Es gibt heute deutlich mehr ältere als jüngere Menschen. Dies hat zur Folge, dass die Anzahl von potenziellen Jugendtreffbesuchern erheblich gesunken ist – eine Tendenz, die sich fortsetzen wird. Aber neben der quantitativen Dimension kommt zum anderen auch qualitativen Veränderungen in der jugendlichen Lebensgestaltung eine wichtige Erklärungsfunktion zu, um den zunehmenden Bedeutungsverlust von Jugendeinrichtungen zu verstehen. Denn im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren haben sich in der Gegenwart Alltagsgestaltung und Lebensplanung von jungen Menschen – auch in ländlichen Regionen – grundlegend gewandelt. Die Zunahme von schulischen und privaten Verpflichtungen wird stetig größer und dadurch kommt es zwangsläufig zu einer Reduzierung der zur Verfügung stehenden freien Zeit, was immer mehr Jugendliche auch – oder gerade – vom Besuch eines Jugendtreffs abhält.132 Kritisch zu fragen ist deshalb, wie viel Zuspruch Jugendräume in ländlichen Regionen künftig noch haben werden. Soviel steht aber bereits heute fest: Ihre Hochzeit scheint vorbei zu sein. 131 Transkriptband 2014, Interview 30, Z. 284. 132 Ebd., Interview 3, Z. 371. 127 5 Politik und Partizipation Medienwirksame Schlagworte wie Politikmüdigkeit und Politikverdrossenheit Jugendlicher lösen in der öffentlichen Diskussion immer wieder Irritationen aus. Denn sie legen den Schluss nahe, Politik sei für Jugendliche kein Thema mehr, ja mehr noch, sie würden dem demokratischen System jegliche Loyalität und Unterstützung verweigern. Die Frage ist: Handelt es sich bei diesen Einschätzungen um zutreffende Beschreibungen des jugendlichen Politikverhaltens oder um Pauschalisierungen und Vereinfachungen, die vielleicht mehr über die Urheber dieser Äußerungen aussagen, als über ihre jugendlichen Adressaten? Vorurteilslosigkeit und Differenzierungsfähigkeit sind gefordert. Wer sie aufbringt, wird eine – für manche vielleicht überraschende – Beobachtung machen: Jugendliche sind heutzutage weder politikmüde noch politikverdrossen, sondern ihr Politikverständnis ist differenziert und fügt sich keiner einfachen Denkschablone. Weder das soziale Umfeld noch die ökologische Umwelt ist ihnen gleichgültig. Dieses Schlüsselergebnis unserer Untersuchungen deckt sich auch mit den Befunden der 17. Shell Jugendstudie: „Das politische Interesse ist bei den Jugendlichen in Deutschland inzwischen wieder deutlich gestiegen.“133 Neben dem politischen Interesse der jungen Menschen sollen auch die unterschiedlichen Partizipationsformen ausführlich betrachtet werden, die im Rahmen der Analyse von Jugend und Politik bedeutend sind. Gemeint ist hiermit in erster Linie die Art und Weise, durch die Jugendliche in das demokratische und soziale Gemeinwesen involviert sind. Unterschiedliche politische und soziale Beteiligungsformen gilt es in diesem Zusammenhang zu beleuchten. Dabei wird sichtbar werden, dass Jugendliche dazwischen keine klare Grenze ziehen, sondern in ihrem auf die gesamte Lebenswelt bezogenen Politikverständnis sind beide Partizipationssphären miteinander verflochten. Dass dieses erweiterte Politikverständnis auch jugendkulturell beeinflusst oder durch die Mitgliedschaft in bestimmten Szenen sogar geprägt werden kann, soll durch einen kleinen Exkurs am Beispiel der Hardcore-Szene verdeutlicht werden. 133 Schneekloth 2015, S. 158. 128 5.1 Politisches Interesse: Ausprägung und Trendwende Fragen nach dem politischen Interesse der Jugend sind angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und des Fortbestands eines demokratischen Systems von außerordentlicher Bedeutung.134 Sie ermöglichen eine Abbildung der Themengebiete, denen junge Menschen ihr persönliches Interesse widmen und nehmen so eine richtungsweisende Funktion für zukünftige demokratische Prozesse ein.135 Um einen ersten Überblick über das Politikinteresse der jungen Eifelbewohner zu gewinnen, stellten wir ihnen zu Beginn die Frage: „Interessierst Du Dich ganz allgemein für Politik?“ Die Beantwortung erfolgte anhand der vier Kategorien „stark interessiert“, „interessiert“, „weniger interessiert“ und „gar nicht interessiert“. Wie das politische Interesse unter den Jugendlichen verteilt ist und welchen Einfluss dabei den Sozialmerkmalen zukommt, ist nachstehender Tabelle zu entnehmen. Tabelle 10: Interesse an Politik nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Allgemeines Interesse an Politik stark interessiert interessiert wenig interessiert gar nicht interessiert gesamt 8 41 40 11 Geschlecht Jungen 13 44 35 8 Mädchen 3 37 46 14 Alter 14-17 J. 6 36 43 15 18-21 J. 9 47 36 8 22-25 J. 11 40 40 9 Bildung niedrig 7 29 50 14 mittel 5 36 46 13 hoch 10 47 35 8 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die Analyse der Daten zeigt recht anschaulich, dass auch in unserer Studie keine Anhaltspunkte für ein fehlendes politisches Interesse der jungen Menschen in der Eifel vorhanden sind: Fast die Hälfte aller Befragten (49%) gibt an, „interessiert“ oder sogar „stark interessiert“ am politischen Geschehen zu sein. Der Kategorie „wenig interessiert“ haben sich 40% zuordnet und nur eine Minderheit von 11% sagen, dass sie „gar nicht interessiert“ an politischen Themenstellungen sind. Dass sich ganz offensichtlich eine Trendwende in der Politikorientierung junger Menschen vollzogen hat, zeigt sich auch im Vergleich zu den Befunden der 134 Vgl. Almond/Verba 1963. 135 Vgl. Tenscher/Scherer 2012. 129 Jugendbefragung aus dem Jahr 2000. Damals haben nur 27% der Jugendlichen bekundet, sich für Politik zu interessieren.136 Allerdings ist das politische Interesse nicht bei allen Jugendlichen gleich verteilt, wie die Aufschlüsselung nach sozial-demografischen Merkmalen in Tabelle 10 verdeutlicht. Während das Alter einen eher geringen Einflussfaktor auf das politische Interesse junger Menschen darstellt – mit der Volljährigkeit ist nur ein vergleichsweise leichter Anstieg zu verzeichnen –, schlagen Geschlecht und Bildungsniveau stärker zu Buche. Zum einen korreliert die Höhe des Bildungsstands positiv mit der Anteilnahme an politischen Fragestellungen: Nach wie vor sind es primär Jugendliche aus den höheren Bildungsschichten, die sich als politisch interessiert bezeichnen. Zum anderen ergeben sich auch zwischen Jungen und Mädchen prägnante Differenzen, denn das politische Interesse ist bei den männlichen Befragten deutlich ausgeprägter als bei ihren weiblichen Altersgenossen. Ähnliche Befunde sowie einen Erklärungsansatz für dieses Phänomen bietet die 17. Shell Jugendstudie: „Männliche Jugendliche zeigen sich häufiger politisch interessiert als weibliche Jugendliche. [...] Eine gängige Hypothese hierzu lautet, dass Frauen Machtstrukturen, die weniger durch Gemeinsamkeit und soziale Anerkennung, sondern primär durch persönliche Härte und die Fähigkeit, sich im Konkurrenzkampf gegen andere durchzusetzen, gekennzeichnet sind, eher ablehnend gegenüberstehen.“137 Neben den Sozialmerkmalen Geschlecht, Alter und Bildung sind wir bei der Analyse der Daten auf weitere Größen gestoßen, die Einfluss auf das politische Interesse der Jugendlichen in der Eifel nehmen. So besteht eine enge Beziehung zwischen der Mitarbeit in Verbänden, Vereinen oder Einrichtungen der Jugendarbeit und der Aufgeschlossenheit für politische Fragen, zudem haben Jugendliche mit einer starken Glaubensbindung ein größeres Interesse an Politik. Ein weiterer Indikator, der auf das politische Interesse Einfluss nimmt, sind die unterschiedlichen Kontrollüberzeugungen der Jugendlichen. Gemeint sind damit Vorstellungen, die angeben, wie stark der Einzelne innen- oder außengeleitet ist, also bei der Erklärung von bestimmten Ereignissen oder der Planung von bestimmten Aktivitäten eher selbst- oder eher fremdbestimmt handelt. Die Korrelationsanalyse weist eine hoch signifikante Beziehung aus, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt (vgl. Abb. 37): Während Vgl. Vogelgesang 2001, S. 221. Schneekloth 2015, S. 161. 130 60% der Jugendlichen mit internen Kontrollvorstellungen Interesse an politischen Themen zeigen, sind es bei den Jugendlichen mit externen Kontrollvorstellungen nur 38%. Exakt umgekehrt ist das Verhältnis in den Kategorien „weniger interessiert“ (35% zu 46%) und „gar nicht interessiert“ (5% zu 16%). Es scheint, als ob auch bei den Jugendlichen diejenigen, die ‚mitten im Leben’ stehen und glauben, dass das Erreichen ihrer Ziele erst einmal von ihnen selbst abhängt, das politische Umfeld sorgfältig sondieren. Politisches Interesse, Informationsbeschaffung, Meinungsbildung und -äußerung gehen bei ihnen Hand in Hand. Diejenigen jedoch, die glauben, dass das Schicksal oder ‚die da oben’ ohnehin über ihren Kopf und gegen ihren Willen entscheiden, weisen mehrheitlich stark apolitische Züge auf. Abbildung 37: Interesse an Politik in Abhängigkeit von „Kontrollüberzeugungen“ (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Das Politikinteresse der Jugendlichen ist keine Konstante, so ein erstes Fazit, sondern von mehreren Bedingungsfaktoren abhängig. Von einem generellen Desinteresse an politischen Themen und Ereignissen zu sprechen, ist aber unangemessen. Im Gegenteil, junge Menschen scheinen wieder stärker am politischen Geschehen interessiert zu sein. Die Längsschnittbeobachtungen der Shell Jugendstudien liefen ebenfalls Anhaltspunkte für eine Repolitisierung der Jugend: Intern Teils-Teils Extern Kontrollüberzeugungen interessiert weniger interessiert gar nicht interessert Grad des Interesses 131 „Die Trendwende hatte sich bereits in den Shell Jugendstudien der Jahre 2006 und 2010 abgezeichnet. Inzwischen interessieren sich junge Menschen für Politik wieder auf dem Niveau von Mitte der 1990er Jahre. Insgesamt hatten die Jugendlichen vor allem ab den 1990er Jahren an politischem Interesse verloren. In den 1980er Jahren, zu deren Beginn die öffentliche Debatte stark von der Antiatomkraft- und der Friedensbewegung geprägt war, bis kurz nach der Wende mit der Maueröffnung von 1989 und der sich daran anschließenden deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 hatten die damaligen Shell Jugendstudien ein politisches Interesse zwischen 55% für 1984 und 57% für 1991 gemessen. Dieses Niveau ist aktuell noch nicht wieder erreicht. Der Absturz in den 1990er Jahren bis zum Tiefpunkt im Jahr 2002 mit nur noch einem Drittel der Jugendlichen, die Interesse an Politik bekundeten, scheint inzwischen aber überwunden zu sein.“138 5.2 Politikbezogene Themenfelder Während die Frage nach dem politischen Interesse lediglich als ein recht allgemeiner Indikator für den Politikhabitus der Jugendlichen angesehen werden kann, ist die Analyse ihrer politikbezogenen Themenfelder sehr viel aussagekräftiger. Um das Interesse der jungen Menschen an konkreten politischen Themengebieten eruieren zu können, stellten wir ihnen daher die Frage: „An welchen politischen Themen hast Du Interesse?“ In der nachstehenden Tabelle sind die Themenfelder entsprechend der Häufigkeit der Nennungen in eine Rangreihe gebracht und nach den Sozialmerkmalen der befragten Jugendlichen nochmals unterschieden (vgl. Tabelle 11). Das dabei sichtbar werdende inhaltliche Spektrum und die hohe Zustimmungsrate sind einmal mehr Indikatoren dafür, dass von einem wachsenden Desinteresse der Jugend an politischen Fragen nicht gesprochen werden kann. Im Gegenteil, die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen ist politisch aufgeschlossen und glaubt daran, dass „die kleinen und die großen Fragen”, wie dies ein Befragter (Florian, 19 Jahre) formuliert hat, „immer noch am besten in einer Demokratie gelöst werden können.“ Bildungsfragen (58%), das aktuelle Tagesgeschehen (55%), Arbeit und Arbeitslosigkeit (55%), Umwelt- und Tierschutz (55%) sowie Atomenergie (53%) sind diejenigen Themengebiete, an denen die jungen Eifelbewohner das größte Interesse zeigen; ähnliche Befunde ergaben sich auch bereits in der vorangegangenen Untersuchung im Jahr 2000. Auch hier wird deutlich, dass persönlicher Bildungserfolg und der Wunsch nach einem angemessenen Arbeitsplatz zu den Hauptanliegen der jugendlichen Befragten zählen. Schneekloth 2015, S. 158. 132 Erwerbstätigkeit steht für sie dabei, wie bereits deutlich wurde, für einen sicheren Arbeitsplatz und eine sinnvolle Beschäftigung, nicht notwendigerweise aber für eine Karriere mit sozialem Aufstieg. Tabelle 11: Interesse an politischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Neben der Konzentration auf arbeitsweltbezogene Themen interessieren sich junge Eifeler auch stark für das tagesaktuelle Geschehen. Zugleich lässt sich ein erhöhtes Bewusstsein für umweltpolitische Themen identifizieren: Über die Hälfte der Befragten bekundet persönliches In- Interesse an politischen Themen Bildung Arbeit/ Arbeitslosigkeit Aktuelles Tagesgeschehen Umweltund Tierschutz Atomenergie Friedenspolitik Wirtschaftsund Finanzpolitik Gesundheitspolitik gesamt 58 55 55 55 53 44 41 39 Geschlecht Jungen 54 56 59 48 56 44 51 30 Mädchen 63 54 52 64 51 43 30 49 Alter 14-17 J. 54 47 51 64 59 44 31 35 18-21 J. 63 61 54 51 53 46 48 43 22-25 J. 57 60 66 47 45 39 47 40 Bildung niedrig 42 65 45 46 45 35 27 41 mittel 50 56 49 59 51 40 37 42 hoch 60 52 61 55 56 48 45 36 Interesse an politischen Themen Gleichberechtigung von Mann und Frau Familienpolitik Dritte Welt / Entwicklungsländer Migration/ Ausländer Innere Sicherheit Barrierefreiheit/ Integration Behinderter Parteipolitik Sonstiges gesamt 38 36 36 31 24 23 15 3 Geschlecht Jungen 21 28 25 32 30 17 23 3 Mädchen 57 45 47 29 18 29 9 2 Alter 14-17 J. 38 36 32 32 22 19 15 1 18-21 J. 44 36 44 35 27 30 19 6 22-25 J. 28 37 30 22 22 17 13 0 Bildung niedrig 43 36 18 18 22 22 6 3 mittel 40 36 31 27 23 25 19 1 hoch 35 34 41 35 26 21 18 2 133 teresse für ökologische Problematiken. Allerdings nimmt dieses jedoch mit steigendem Alter deutlich ab. Betrachtet man nun in einem weiteren Schritt die politischen Themenfelder, an denen junge Menschen ein vergleichsweise geringes Interesse zeigen – etwa Parteipolitik (15%), Barrierefreiheit/Integration behinderter Menschen (23%) sowie innere Sicherheit (24%) –, lässt dies auf ein deutliches Präferenzmuster hinsichtlich des allgemeinen politischen Interesses schließen. Diejenigen Themenfelder, die sich substanziell und konkret auf die unmittelbare Lebenswelt der Jugendlichen auswirken, wie die bereits ausgeführten Aspekte Arbeit, Bildung und Umweltschutz, haben eine höhere Relevanz für ihre persönliche Lebensgestaltung und zählen in der Folge eher zu ihren Interessensgebieten. Themenstellungen wie Parteipolitik oder Barrierefreiheit hingegen, die für das tägliche Leben der meisten jungen Menschen keine unmittelbare Bedeutung haben oder ihnen zu abstrakt erscheinen, erhalten dementsprechend niedrigere politische Aufmerksamkeitsraten. Auch die Auswertung hinsichtlich sozio-demographischer Merkmale ergibt weitere Besonderheiten, die noch genauer ausgeführt werden sollen. Auf den ersten Blick zu konstatieren ist zunächst einmal eine positive Korrelation zwischen dem Bildungsstand der Befragten und der Ausprägung des persönlichen Interesses an politischen Themenstellungen. In anderen Worten: In der Mehrzahl der Fälle zeigen diejenigen Jugendlichen mit einem höheren Bildungsniveau auch ein gesteigertes, umfangreicheres Interesse an Politik. Allerdings ist an dieser Stelle auch auf eine zu diesen Befunden genau gegenläufige Entwicklung hinzuweisen. Die Themenfelder Arbeit und Arbeitslosigkeit bilden Ausnahmen, denn sie erhalten mit steigendem Bildungsniveau der Befragten sinkende Zustimmungswerte. Die Vermutung liegt nahe, dass Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau ihre schlechteren Arbeitsmarktchancen durchaus realistisch einschätzen und vor diesem Hintergrund sich politische Rahmenbedingungen wünschen, die ihre berufliche Zukunft sichern helfen. Besser gebildete Jugendlichen vertrauen dagegen stärker auf ihr persönliches Wissen und Können, um in der Arbeitswelt zu bestehen, und erachten deshalb staatlich flankierende Maßnahmen als nicht so wichtig. In Bezug auf geschlechtsspezifische Besonderheiten lässt sich das Politikinteresse der jungen Eifelbewohner ebenfalls differenzieren, denn die Auswertung der Zustimmungswerte ergibt teilweise deutliche Unterschiede hinsichtlich des Antwortverhaltens der weiblichen und männlichen Befragten. Während Themengebiete wie Arbeit und Beschäftigung, Friedenspolitik und das aktuelle Tagesgeschehen bei beiden Ge- 134 schlechtern gleichermaßen Anklang finden, weicht das politische Interesse in anderen Fällen merklich voneinander ab. So gilt die Aufmerksamkeit der jungen Männer in besonderem Maße der Partei-, Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie der inneren Sicherheit – Themenfelder, für die sich hingegen nur ein deutlich geringerer Prozentsatz der befragten Mädchen interessiert. Deren Interesse liegt hingegen verstärkt in den Bereichen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Gesundheit, Familie und Entwicklungsländer. Auch wenn es vielleicht zu voreilig scheint, in diesem Zusammenhang von ‚typisch weiblichen’ oder ‚typisch männlichen’ politischen Themengebieten zu sprechen: Die Unterschiede sind deutlich und lassen Rückschlüsse auf geschlechtsspezifische Interessenschwerpunkte zu. Denn vor allem männliche Jugendliche zeigen sich interessiert an ‚klassischen’ parteipolitischen Fragestellungen sowie den Sektoren Zivilschutz, Sicherheit und Wirtschaft, wohingegen das Interesse der weiblichen Jugendlichen wesentlich häufiger auf soziale, helfende Themengebiete ausgerichtet ist. Dieser Zusammenhang, der auch bei Erwachsenen nachgewiesen werden kann, verweist auf die Wirkmächtigkeit klassischer Geschlechtsrollenmuster.139 Auch hinsichtlich der Altersstruktur der befragten Jugendlichen zeichnen sich Unterschiede im Antwortverhalten ab. Das politische Interesse der jungen Menschen in der Eifel scheint seine höchste Ausprägung im Alter zwischen 18 und 21 Jahren zu haben, in den anderen Altersklassen sind jeweils etwas geringere Werte zu verzeichnen. Weiterhin wird deutlich, dass auch die Gruppe der jüngsten Befragten ein reges Interesse an spezifischen politischen Bereichen aufweist. Insbesondere in Bezug auf umweltpolitische Thematiken (Atomenergie, Umwelt, Tierschutz) zeigen sich hier die höchsten Zustimmungswerte. Dass hingegen das Interesse an wirtschafts- und finanzpolitischen sowie arbeitsbezogenen Aspekten erst mit der Volljährigkeit deutlich ansteigt, ist angesichts der persönlichen Biographien der Jugendlichen kaum verwunderlich. Aufgrund der bereits geschilderten Ausdehnung der Schulzeit ist ein großer Teil der Minderjährigen noch nicht auf unmittelbare Weise von arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen betroffen. Neben der Frage nach allgemeinen politischen Themenstellungen gibt die Betrachtung lokalpolitischer Aspekte einen vertiefenden Einblick in ein politisches Interessensfeld junger Menschen, das ihre unmittelbare räumliche Umgebung in direkter Weise betrifft. Auch hier sind die genannten Themen nach der Häufigkeit zustimmender Nennungen geordnet und sozialstatistisch differenziert dargestellt. Vgl. Bieber 2011, S. 259f. 135 Tabelle 12: Interesse an lokalpolitischen Themen nach soziodemographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Deutlich wird, dass besonders die Stadt- und Ortsentwicklung (60%) für einen großen Anteil der Jugendlichen von zentraler Wichtigkeit sind. Mit einigem Abstand folgen Treffpunkte für Jugendliche (52%), Sportund Bolzplätze (49%), der öffentliche Nahverkehr (41%) und Jugendzentren (40%). Bauvorhaben an Schulen (33%) und Fahrradwege (31%) werden im Spektrum lokalpolitischer Themen eher weniger genannt. Die Befunde betonen einmal mehr die bereits zuvor konstatierte Spezifität jugendlichen Politikinteresses: Insbesondere Fragen, die die eigene Gemeinde unmittelbar betreffen und sich in der Folge spürbar auf die individuelle Lebensqualität auswirken, kommt eine wesentliche Bedeutung zu. Die Mitbestimmung über soziale und freizeitliche Aktionsräume gewichten die jungen Eifelbewohner ähnlich stark wie das Thema Mobilität, das im Hinblick auf die Teilhabe an städtischen Kontexten eine besondere Brisanz erhält. Allerdings ergeben sich auch hier deutliche Differenzen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Bildungsstand. Es sind in erster Linie die höher gebildeten Jugendlichen, die sich in stärkerem Maße für infrastrukturelle und allgemeine Fragen der Ortsentwicklung begeistern können. Dass sie dabei vor allem der öffentliche Nahverkehr und schulbezogene Bauvorhaben interessieren, scheint gerade vor dem Hintergrund ihres durch den Schulbesuch in der Stadt erweiterten Handlungsspielraums wenig verwunderlich. Sie richten ihren Fokus nicht nur auf dörfliche Beteiligungskontexte, sondern sind auch häufiger an überregionalen Themenstellungen interessiert. Junge Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau hingegen bekunden ein etwas stärkeres Interesse in Bezug Interesse an lokal-politischen Themen Stadt- /Ortsentwicklung Treffpunkte für Jugendliche Sportplatz / Bolzplatz Öffentlicher Nahverkehr Jugendzentren Bauvorhaben an Schulen Fahrradwege Sonstiges gesamt 60 52 49 41 40 33 31 3 Geschlecht Jungen 62 50 58 36 33 31 33 4 Mädchen 58 54 39 46 48 35 29 1 Alter 14-17 J. 48 66 59 33 51 39 35 4 18-21 J. 66 47 45 47 38 32 28 2 22-25 J. 72 32 36 48 23 22 29 2 Bildung niedrig 48 54 44 26 41 22 30 4 mittel 63 55 55 38 43 25 35 4 hoch 60 49 47 46 48 38 30 2 136 auf soziale Begegnungs- und Treffpunkte im Dorf selbst. Sie sind insgesamt in ihrem Wohnort auch fester verwurzelt, wie die Analyse ihrer ausgeprägten Bleibeorientierung noch zeigen wird. Während Genderdifferenzen bei der Frage nach allgemeinen politischen Interessensgebieten deutlich zutage getreten sind, können bei der lokalpolitischen Agenda nur leichte Nuancierungen festgestellt werden. So lassen sich bei den Mädchen Präferenzen für die Themengebiete Jugendzentren und Treffpunkte sowie öffentlicher Nahverkehr identifizieren, während sich Jungen stärker für sportbezogene lokalpolitische Felder interessieren. Auch die Differenzierung nach Altersklassen demonstriert: Jugendliche wählen die für sie bedeutsamen Schwerpunktthemen in starker Abhängigkeit von den Bedürfnissen ihres Lebensalters und ihren individuellen Zukunftsplänen. Dementsprechend interessieren sich jüngere Generationen häufiger für lokale Sport- und Freizeitangebote sowie Jugendzentren, während auf der Agenda der Älteren vor allem infrastrukturelle Aspekte und Fragen der Ortsentwicklung weit oben stehen. 5.3 Formen der Partizipation Nachdem der Fokus zunächst in Richtung des allgemeinen und regionalen Politikinteresses der Landjugendlichen gelegt wurde, sollen in einem nächsten Schritt diejenigen Partizipationsformen betrachtet werden, mit denen die jungen Menschen ihren Anliegen Ausdruck verleihen und in deren Rahmen sie aktiv mitwirken können. Dabei wird nicht nur die politische Beteiligung im engeren Sinne berücksichtigt, sondern auch ehrenamtliche Engagementformen, denen sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit widmen. Zunächst einmal wollten wir von ihnen wissen, in welcher Form sie sich politisch engagieren. Dabei wird unterschieden zwischen zwei Dimensionen politischer Beteiligung: Verfasste beziehungsweise institutionalisierte Partizipation (etwa die Beteiligung an Wahlen, die Übernahme eines politischen Amtes und die Mitarbeit in Parteien) und nicht verfasste legale Partizipation. Dazu zählen politische Aktivitäten mit offenen Zugangs- und Rahmenbedingungen, z.B. Leserbriefe an eine Zeitung schreiben oder die Beteiligung an Unterschriftensammlungen. Von diesen zu unterscheiden sind illegale politische Partizipationsformen. Hierbei handelt es sich bspw. um die Teilnahme an einem wilden Streik oder die Besetzung von Häusern und im Extremfall um politisch motivierte Gewalthandlungen gegen Sachen oder Personen. Um die Akzeptanz der einzelnen politischen Teilnahme- und Aktionsformen in Erfahrung zu bringen, stellten wir den Jugendlichen die 137 Frage: „Man kann sich auf verschiedene Weise politisch engagieren. Was kommt für Dich in Frage und was nicht?“ In der Abbildung 38 sind die zustimmenden Nennungen („ja“) – nach Häufigkeiten geordnet – aufgelistet. Die Antworten der Jugendlichen zeigen, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit keineswegs um Demokratieflüchtlinge oder gar -feinde handelt, wie manchmal in der öffentlichen Debatte zu hören ist, sondern sie versuchen einen ‚eigenen politischen Weg’ zu finden und zu gehen. Abbildung 38: Politische Engagementformen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zunächst ist festzuhalten, dass der eigene Weg kein Sonderweg jenseits der demokratischen Ordnung ist. Denn die häufigsten Nennungen (84%) fallen nach wie vor auf die Kategorie ‚zur Wahl gehen’, d.h. sich auf die klassische Weise an der Mehrheitsbildung in einer repräsentativen Demokratie zu beteiligen.140 Was junge Menschen in der Eifel aber 140 Auch im 2000 Jugendsurvey wurde diese politische Beteiligungsform mit 89% am häufigsten genannt; vgl. Vogelgesang 2001, S. 239. 1 6 6 6 9 9 9 10 14 14 17 19 23 26 39 42 84 Sonstiges Bloggen/politische Wikis Zu politischen Themen twittern Bei gewaltsamen Aktionen mitmachen Online-Petitionen unterzeichnen Brief/E-Mail an Abgeordnete schreiben Sich im Jugendparlament beteiligen In einer Partei mitarbeiten Engagement in örtlichen Gruppen Leserbriefe an eine Zeitung schreiben Online-Kommentare verfassen Besuch von politischen Veranstaltungen An Demonstrationen teilnehmen An Streiks teilnehmen An Unterschriftenaktionen teilnehmen Bestimmte Waren nicht mehr kaufen Zur Wahl gehen 138 besonders schätzen, ist eine Ausweitung direkter Partizipationsformen, um ihren politischen Auffassungen Gehör und Geltung zu verschaffen. Ihr stärker aktionsorientiertes politisches Handeln zielt dabei auf Themen und Probleme, die sie unmittelbar betreffen, und denen sie auch, wie bereits erwähnt, im politischen Diskurs besondere Aufmerksamkeit schenken. Auf der Beteiligungsskala der Jugendlichen weit oben stehen bspw. politisch motivierte Partizipationsformen, die sich in das alltägliche Leben integrieren lassen: So benennen 42% der Befragten etwa den bewussten Boykott bestimmter Waren als eine von ihnen genutzte Möglichkeit des politischen Handelns. Aber auch die Teilnahme an Unterschriftenaktionen (39%), Streiks (26%) und Demonstrationen (23%) erfreut sich bei den Jugendlichen einer gewissen Beliebtheit. In diesen Beteiligungsformen junger Eifeler kommt auch ein starker Protestcharakter zum Ausdruck. Sie lieben die spontane Aktion, die sich gegen ganz konkrete Ereignisse oder Probleme wendet. Längerfristige Bindungen und Festlegungen, wie sie für die Mitarbeit in Parteien (10%) oder Jugendparlamenten (9%) charakteristisch sind, finden deutlich weniger Zuspruch. Dabei besteht vor allem zu den etablierten Parteien eine große Distanz. Weniger als 2% der Befragten sind Mitglied in einer politischen Partei resp. deren Jugendorganisationen. Auch ihren Repräsentanten begegnet man mit äußerster Skepsis und glaubt sich nicht von ihnen vertreten. Dies hat u.a. auch zur Folge, dass das politische Interesse Jugendlicher und ihr Engagement in den klassischen politischen Organisationen immer weiter auseinanderklaffen. Obwohl die private Nutzung des Internets für die Freizeitgestaltung der jungen Menschen eine zunehmend wichtige Bedeutung gewinnt, gibt allerdings nur eine Minderheit die politische Instrumentalisierung von Weblogs, Wikis oder Twitter (6%) als eine von ihnen gewählte Partizipationsform an. Damit zielen unsere Befunde in eine ähnliche Richtung wie eine vom Forschungsverbund DTJ/TU Dortmund durchgeführte Studie zur Bedeutung des Internets für die politische Teilhabe junger Menschen, nach der bislang nur 9% der Jugendlichen auch im Internet politisch aktiv werden.141 Zwar ist der Umgang mit den kommunikativen Möglichkeiten des Internets zur Aneignung von Informationen, wie wir an anderer Stelle nachweisen konnten142, für viele Jugendliche ein regelmäßiger Bestandteil ihres informationsbezogenen Medienhandelns, jedoch werden Online-Plattformen mit einem höheren Aktivie- Vgl. Begemann et al. 2011, S. 26f; ähnlich: Wagner 2014, S. 175f. 142 Siehe hierzu Kap. 4.2.3. 139 rungsgrad bisher noch recht selten genutzt, um sich über gesellschaftlich und politisch relevante Themen auszutauschen. Gering ist ebenfalls die Zustimmungsrate zu politisch motivierten Gewaltanwendungen (6%). Gegenüber der im 2000er Jugendsurvey festgestellten Zahl, hat sich der Anteil mehr als halbiert, wenn auch die sozialstrukturellen Komponenten der Jugendlichen, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung bejahen, gleichgeblieben sind: „Eine Minorität von Jugendlichen (13%) ist bereit, an gewaltsamen politischen Aktionen teilzunehmen. Es handelt sich dabei um meist jüngere, männliche Jugendliche mit niedriger Schulbildung, geringem Selbstvertrauen und einer pessimistischen Zukunftssicht. Um ihre Interessen durchzusetzen und sich Anerkennung zu verschaffen, scheuen sie offensichtlich auch vor Gewaltanwendung nicht zurück. Der Weg ins gesellschaftliche Abseits scheint vorgezeichnet, wenn ihnen keine Hilfe zuteil wird.“143 Neben der politischen Beteiligung spielen auch Freiwilligentätigkeiten eine wichtige Rolle bei der Betrachtung der allgemeinen jugendlichen Engagementbereitschaft. In Bezug auf unsere Datenanalyse umfasst der Begriff ‚ehrenamtliches Engagement’ dabei insbesondere diejenigen sozialen und gesellschaftlichen Aktivitäts- und Beteiligungsformen, die von den Jugendlichen innerhalb und außerhalb von Schulen, Vereinen, Organisationen oder Interessensgruppen ausgeübt werden.144 Die Antwortverteilung auf unsere initiale Frage: „Übst Du eine ehrenamtliche Tätigkeit aus?“ offenbart zunächst einmal eine rege Beteiligung der jungen Eifelbewohner an ehrenamtlichen Kontexten: 40% der Befragten geben an, sich freiwillig zu engagieren (vgl. Tabelle 13). Dabei ergeben sich hinsichtlich des Geschlechtes der Jugendlichen nur marginale Unterschiede. Die Auswertung zeigt bei Jungen (41%) und Mädchen (38%) ähnlich hohe Zustimmungswerte. Auch die Differenzen zwischen den Alterskohorten sind eher gering, wobei allerdings in der Altersklasse der 22- bis 25-Jährigen eine Abnahme des ehrenamtlichen Engagements um fast 10% zu verzeichnen ist. Die vermehrte Beteiligung junger Menschen bis zum 21. Lebensjahr dürfte dabei vor allem auf den Faktor Zeit zurückzuführen sein: Während sich Jungen und Mädchen neben der Schule noch verstärkt engagieren können, fehlt ihnen im weiteren Le- Vogelgesang 2001, S. 240. Vgl. Tenscher/Scherer 2012. 140 bensverlauf mit dem Eintritt ins Berufsleben häufig der zeitliche Spielraum dazu.145 Tabelle 13: Ehrenamtliches Engagement nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Ausübung einer ehrenamtlichen Tätigkeit Ja Nein gesamt 40 60 Geschlecht Jungen 41 59 Mädchen 38 62 Alter 14-17 J. 41 59 18-21 J. 42 58 22-25 J. 33 67 Bildung niedrig 28 72 mittel 40 60 hoch 42 58 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Neben dem Alter der Befragten spielt vor allem das Bildungsniveau bei der Betrachtung der ehrenamtlichen Beteiligung eine Rolle. Denn während 42% der jungen Menschen mit einer hohen Bildung ein freiwilliges Engagement angeben, liegt die entsprechende Quote bei denjenigen mit einem niedrigen Bildungsstand bei nur 28%. Es scheinen also neben den Jüngeren gerade die Jugendlichen in höheren Bildungspositionen zu sein, für die eine persönliche Beteiligung für die Allgemeinheit, ganz gleich in welcher Form, besonders bedeutsam ist. Unterschiede zeigen sich aber nicht nur bei der Differenzierung nach sozio-demographischen Merkmalen, sondern auch im Hinblick auf die Mitgliedschaft und Mitwirkung in bestimmten sozialen Institutionen. Um detailliertere Informationen bezüglich der Engagementformen der Jugendlichen zu erhalten, stellten wir ihnen noch eine Anschlussfrage, bei deren Beantwortung sie die Möglichkeit hatten, aus einer vorgegebenen Liste von Mitwirkungsfeldern eine Auswahl zu treffen resp. auch anderen Tätigkeitsbereiche zu nennen (vgl. Abb. 39). Auch hier zeigt sich: Es ist in erster Linie der jeweilige lebensweltliche Nahraum, der in ähnlicher Weise wie beim Politikhabitus für die Freiwilligenarbeit der Jugendlichen in der Eifel prägend ist. Mit 67% ist die Mitwirkung in Vereinen der unangefochtene Spitzenreiter unter den freiwilligen Beteiligungsformen der jungen Menschen auf dem Land. Ob Sport, Musik oder Kultur, die hohe Relevanz von Vereinen für das Dorf spiegelt sich deutlich in den jugendlichen Beteiligungskontexten Vgl. Schneekloth 2015, S. 195. 141 wider. Auch das ausgeprägte Engagement in Rettungsdiensten oder bei der freiwilligen Feuerwehr (28%) sowie in der Kirchengemeinde und in kirchlichen Gruppen (25%) lässt auf eine enge Verbindung zwischen ehrenamtliche Tätigkeit und dem dörflichen Lebensraum schließen. Überregionale Gruppierungen hingegen, zu denen Parteien, Hilfsorganisationen wie Greenpeace oder Amnesty International sowie Gewerkschaften zählen, werden von den jungen Menschen nur wenig frequentiert. Jenseits aller durchaus vorhandenen Differenzierungen kann aber festgehalten werden: Die jungen Menschen in der Eifel zeigen für viele Bereiche ihres sozialen Umfelds Anteilnahme und wirken hier auch in unterschiedlichsten Formen und Funktionen mit. Abbildung 39: Ehrenamtliche Engagementbereiche (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Nicht aus den Augen verlieren sollte man aber auch diejenigen Jugendlichen in der Eifel, die sich nicht ehrenamtlich engagieren. Mit 60% sind dies deutlich über die Hälfte der Befragten. Um auch differenziertere Informationen über sie zu erhalten, stellten wir die Frage: „Was hält Dich vom ehrenamtlichen Engagement ab?“ Um zusätzlich Bedeutungsverlagerungen abbilden zu können, wurde auch ein Vergleich der Daten aus den Jahren 2000 und 2011 vorgenommen (vgl. Abb. 40). 67 28 25 20 16 14 9 4 3 3 1 142 Abbildung 40: Ehrenamtshindernisse – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Obgleich die Zeitrestriktion, die bereits im Jahr 2000 von den Jugendlichen als häufigster Hinderungsgrund angegeben wurde, auch im Jahr 2011 einen Großteil der jungen Menschen von einer ehrenamtlichen Beteiligung abhält, zeichnen sich in einigen anderen Punkten merkliche Veränderungen ab. Deutlich weniger Zustimmung erhält bspw. die Aussage: „Ich habe keine Lust, mich zu engagieren“ (34% zu 25%), während zugleich das Statement: „Mich hat noch niemand gefragt“ (68% zu 57%) zunehmend als Grund genannt wird. Ergänzt um den Befund, dass zudem der Anteil an Jugendlichen, die sich in ihrem Interesse an ehrenamtlichen Fragestellungen nicht ernst genommen fühlen (34% zu 41%), gestiegen ist, wird deutlich: Die Bereitschaft zum Engagement für das Gemeinwesen ist bei jungen Menschen sehr wohl vorhanden, wird allerdings gedämpft von der Befürchtung mangelnder Akzeptanz und Anerkennung. Hiermit eng verbunden ist zudem der Befund, dass viele Jugendliche bei der ‚Ehrenamtssuche’ einen eher passiven Habitus an den Tag legen und sich eine offensive Ansprache und eine konkrete Bitte um Unterstützung von den Verantwortlichen wünschen (57% zu 68%). Was die Jugendlichen hier ansprechen, ist ein wesentlicher Bestandteil des ‚neuen Ehrenamts’, dessen stärkere Ausrichtung auf die Bedürfnisse 14 21 34 28 34 53 57 57 82 13 17 25 29 41 48 57 68 85 Mache keine Arbeit umsonst Traue ich mir nicht zu Keine Lust, mich zu engagieren Keine Anerkennung Wird nicht ernst genommen Noch keine Gedanken darüber gemacht Kein Angebot, das mich interessiert Mich hat noch niemand gefragt Keine Zeit (wegen Schule/Ausbildung/Beruf) 2000 2011 143 und Wünsche der Helfer und Unterstützer vielfältige Ansatzmöglichkeiten zur Rekrutierung potentieller Ehrenamtsinteressierter eröffnet.146 Abschließend ist festzuhalten, dass sich sowohl das politische Interesse und Engagement als auch die Freiwilligenarbeit der Jugendlichen stark an lebensweltbezogenen Handlungsfeldern orientieren. Sie finden in erster Linie im Kleinen und Alltäglichen statt und sind auf den lokalen Raum konzentriert, ohne dass damit globale Themen und Problemlagen völlig an Bedeutung verlieren würden. Freiräume zu erobern – und manchmal auch regelrecht zu besetzen – sowie auf unkonventionelle Art Unterstützung für ihre Interessen zu finden, sind für die jungen Menschen in der Eifel dabei genauso legitime Strategien, wie zur Wahl zu gehen. Jedoch präferieren sie ganz eindeutig unverbindliche und spontane politische Ausdrucksweisen und Engagementformen, in denen neben Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten immer auch Kommunikation, Geselligkeit und Spaß eine wichtige Rolle spielen. Der lange Schatten der Erlebnisgesellschaft erstreckt sich ganz offensichtlich auch auf das jugendliche Politik- und Engagementverständnis. Ihr Politikbild und ihr Beteiligungsstil sind gleichsam jugendkulturell überformt. Ein markanter Ausdruck dieser Entwicklung ist auch die globalisierungskritische Attac-Bewegung, deren öffentliche Demonstrationen ein 21-jähriger Szeneaktivist (Ulli) sehr plastisch als „nachhaltige Happenings“ charakterisiert hat. Dass dieses neue ‚szenische Politikverständnis’ dabei sehr stark in transkulturelle Kommunikationsnetzwerke eingebunden ist, konnten wir in einer Studie zur ‚kommunikativen Vernetzung der globalisierungskritischen Bewegung’147 zeigen. 5.4 Interferenz lebensweltlicher und jugendkultureller Beteiligung In der Diskussion um politische Beteiligung und Bildung ist es eine wichtige Frage, in welchem Verhältnis mikropolitische und makropolitische Prozesse und Strukturen zueinanderstehen. Der Tenor ist dabei, dass prosoziale Haltungen und Engagementformen nicht gleichgesetzt werden können mit politischer Partizipation und auch nicht zwangsläufig zu einer politischen Kompetenzsteigerung führen. Als Hauptgründe werden die verstörende Wirkung von politischen Interessenskonflikten und divergierende Muster intersubjektiver Anerkennung ge- Vgl. Olk 1989. 147 Vgl. Hepp/Vogelgesang 2005. Vgl. Krappmann 2000. 144 nannt. Im Bourdieuschen Duktus könnte man auch sagen: ‚Ehrenamtskapital’ ist danach nicht in ‚politisches Kapital’ transferierbar, da soziale und politische Handlungsräume gleichsam ein Eigenleben führen. Mithin kann Freiwilligenarbeit nicht als eine Form politischer Bildung angesehen werden, da Demokratie-Lernen wesentlich auf der Ausbildung von Konfliktkompetenz basiert, um mit komplexen, problembehafteten und unsicheren Handlungssituationen umzugehen. Dass die Grenze zwischen der politischen und sozialen Sphäre vielleicht doch etwas durchlässiger ist, als gemeinhin in der politischen Bildungsdiskussion angenommen wird, hat Gerhard Schulze schon vor längerer Zeit in seiner Arbeit ‚Politisches Lernen in der Alltagserfahrung’ deutlich gemacht. Für das ehrenamtliche und soziale Engagement Jugendlicher jedenfalls ist konstitutiv, dass es sich um ein ‚teamartiges Verhallten’ handelt, durch das man ‚etwas bewirken’ kann und wo man auch ‚lernt, mit Konflikten umzugehen’. Dies sind neben dem Motiv: ‚Man erhält Anerkennung’ die am häufigsten genannten Gründe, warum sich Jugendliche für das Gemeinwesen einsetzen. Wenn wir den zivilen Umgang mit Kontroversen als Basisaktivität politischen Lernens und Handelns erachten, dann kann diese Konfliktkompetenz, die sowohl kognitive als auch emotionale und pragmatische Fähigkeiten enthält, auch in Ehrenamtskontexten erlernt werden. Oder in den Worten einer 19-jährigen Zahnarzthelferin (Laura), die sich in einer lokalen Arbeitsgruppe für die Integration von Migranten einsetzt: „Hier fliegen manchmal schon richtig die Fetzen, wenn da die unterschiedlichen Vorstellungen aufeinanderprallen, wie wir unsere Arbeit koordinieren sollen und wie wir am effektivsten helfen können.“ Die zunehmende Verzahnung von sozialen und politischen Feldern deutet darauf hin, dass sich das Politikverständnis von Jugendlichen verändert. Angesprochen ist eine Bedeutungsverschiebung hin zu einem ‚erweiterten Politikbegriff’, der den sozialen und lebensweltlichen Handlungskontext miteinschließt – eine Entwicklung, die sich erst in der jüngeren Vergangenheit verstärkt abzeichnet und für die wir auch bei den jugendlichen Eifelern Anhaltspunkte gefunden haben. Noch vor wenigen Jahren hat Klaus Farin völlig zu Recht konstatiert: „Die Jugend definiert offenbar zahlreiche Begriffe anders als wir. ‚Politik’ wird von ihnen selten als Prozess und Chance der Gestaltung ihres eigenen Lebens gesehen, sondern auf Partei- und Regierungspolitik reduziert, auf etwas Unangenehmes oder zu- Vgl. Honneth 1994. Vgl. Schulze 1977. 145 mindest Abstraktes, welches auf für Jugendliche unerreichbaren und undurchschaubaren Ebenen stattfindet.“ Versucht man angesichts dieser Veränderungen unsere Forschungsbefunde zum Thema Jugend, Politik und Partizipation auf Kernaussagen zu reduzieren, dann ist festzuhalten: Wir haben im Eifelsurvey aus dem Jahr 2011 – entgegen dem immer wieder propagierten Stereotyp vom unpolitischen Jugendlichen – keine Hinweise für ein ausgeprägtes öffentliches Desinteresse und Rückzugsverhalten gefunden. Allerdings vollzieht sich die Partizipation Jugendlicher am Gemeinwesen, und darauf gilt es nochmals mit Nachdruck hinzuweisen, meist jenseits der institutionalisierten Wege der Politik und zunehmend im lebensweltlichen Kontext des sozialen Nahbereichs. Ob die damit einhergehende Entgrenzung des Politischen auch verstärkt politische Partizipationsformen in den klassischen verfassten Politikinstitutionen stimuliert, bleibt abzuwarten. Dass aber auch im Ehrenamtskontext politisches Lernen im Sinne konstruktiver Konfliktbewältigung möglich ist, scheint offensichtlich. Um allerdings den nächsten Schritt zu vollziehen und sich aktiv an politischer Gremienarbeit zu beteiligen, dürfte es ganz wesentlich davon abhängen, dass die Akteure auf den politischen Großbühnen ihre Glaubwürdigkeit wieder zurückgewinnen. Denn Politik wie überhaupt die öffentlichen Einrichtungen können die Beteiligungs- und Leistungsbereitschaft von Jugendlichen mobilisieren. Es wird ihnen jedoch nicht gelingen, wenn sie nur die Einfügung in die vorgegebenen Strukturen fordern. Konservative Appelle werden nicht wirken. Politik kann darüber hinaus auch nicht mobilisieren, wenn sie selbst das Bild vermittelt, dass der Homo Politicus nur eine spezialisierte Ausprägung des Homo Oeconomicus ist. Gerade junge Menschen wollen gefordert werden – von Politikern, die selbst etwas von sich fordern. Prosoziale Motivationen werden am Modell gelernt: Dies gilt auch für die Politik. Die moralischen Ansprüche an Politik sind gestiegen, dies ist der positive Kern der so genannten Parteienverdrossenheit. Den moralischen Anspruch jugendlichen Lebens wird letztlich nur aktivieren können, wer deutlich macht, dass die Gesellschaft aktive Jugendliche als Ergänzung oder Korrektur von Marktmechanismen und institutionellen Regelungen braucht. Aber vielleicht gibt es Formen der politischen Selbstaktivierung – auch oder gerade von Jugendlichen –, die wir bisher noch nicht wahrgenommen oder nicht richtig verstanden haben? Könnte es sein, dass die ver- Farin 2001, S. 215. Vgl. Eckert 1994, S. 16. 146 änderten Lebensbedingungen der heutigen jungen Generation die Ausbildung eines neuen Politikverständnisses forciert haben, das mit den traditionellen Vorstellungen von Interessensartikulation und politischer Partizipation nur schwer zu fassen ist? Könnte es sein, dass die diagnostizierte Politikdistanz, die sich ja primär auf alltagsferne Zusammenhänge bezieht, ihrem gewandelten Politikbild nicht genügend Rechnung trägt? Könnte es sein, dass ihr politisches Orientierungsverhalten, das sich stets im Spannungsfeld von Anpassung und Selbstentfaltung positioniert, neue Distinktionslinien und Strategien der Abgrenzung gesucht (und gefunden) hat, die viel stärker durch die Diversivität und Exklusivität jugendkultureller Stile und Szenen geprägt sind? Diesen offenen Fragen nachzugehen und dafür die geeigneten theoretischen Konzepte und empirischen Instrumente zu entwickeln, dürfte eine der wichtigen Aufgaben der künftigen Jugendforschung sein. Dabei sind die sozialen und symbolischen Praktiken und Institutionen, die von intermediären Gruppen bis zu tradierten Brauchformen reichen, auf ihre integrierenden – und manchmal auch desintegrierenden – Funktionen hin zu untersuchen. Entsprechend diesem Bezugsrahmen lassen sich aktuelle Formen partizipativen und ehrenamtlichen Engagements, aber auch das noch (oder wieder) gepflegte Jugendbrauchtum, nicht nur als Orte jugendkultureller und geselligkeitsstiftender Lebensweise interpretieren, sondern gerade in ländlichen Regionen auch als Gegenentwicklung zur Entsolidarisierung der modernen urbanen Lebensweise und als Gegenbewegung zur Entritualisierung und Entstrukturierung der Adoleszenz. Zu prüfen ist auch, inwiefern sie als Ressource und Aktionsfeld jugend- und alltagspolitischen Handelns anzusehen sind und zwar im Sinne des von Anthony Giddens entwickelten Konzepts der „Politik der Lebensführung“ , nach dem alle Arten von Entscheidungsfindungen zum Lebensstil, zu Wert- und Interessenpräferenzen bis zu existentiellen Lebensfragen als politisch gelten. Zwar gibt es keinen Königsweg, wie diese Form der Entgrenzung des Politischen und der Politisierung des Privaten der Jugend eruiert werden sollte. Soviel steht aber fest: Aus einer soziologischen ‚arm chair position’ kommen sie nicht in den Blick. Vielmehr muss der Forscher, nicht selten im Stile eines Ethnologen, die lebensweltliche und partizipative Praxis vor Ort aufspüren, um gleichsam eine fremde (jugendpolitische) Welt in unserer (alltagspolitischen) Welt sichtbar zu machen. Vgl. Lorig/Vogelgesang 2008. Vgl. Giddens 1997. 147 5.5 Exkurs: Die Hardcore-Szene als politisierte Jugendkultur Beispielhaft für das Eintauchen in eine fremde Lebenswelt mit ihren eigenen symbolischen Ausdrucksformen, Geselligkeitskontexten, Netzwerkstrukturen und nicht zuletzt ethisch-politischen Grundhaltungen können Forschungen in der Hardcore-Szene angesehen werden.155 Auch in unserer Forschungsgruppe haben wir diese jugendkulturelle Formation seit Anfang der 2000er Jahre mehrmals ethnographisch untersucht. Geleitet wurden unsere szenischen Vorort-Erkundungen dabei von folgender Maxime: „Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, die Häufigkeit und Verbreitung von bereits bekannten Merkmalen und Zusammenhängen ermittelt, also eher eine Vermessung sozialer Realität vornimmt, ist für die ethnographische Forschung kennzeichnend, dass bisher Unbekanntes, Fremdes oder auch Übersehenes für den wissenschaftlichen Diskurs entdeckt, offengelegt und erschlossen wird.“156 Da wir auch bei unseren Recherchen in den ländlichen Regionen der Eifel auf jugendliche Hardcore-Anhänger gestoßen sind, sollen im Folgenden die zentralen Aspekte ihrer kulturellen und sozialen Praxen vorgestellt werden, wobei ein besonderer Akzent auf die szenetypischen ethisch-moralischen und politisch-missionarischen Haltungen und Handlungen gelegt wird. Entstanden ist der musikalische ‚hardcore style’ Anfang der 1980er Jahre in den US-amerikanischen Metropolen und ihren Vororten. Bereits wenige Jahre später erreicht die Musikrichtung über Großbritannien auch Deutschland. Anfänglich stark im Punk verwurzelt, lässt sich die Hardcore-Szene von Beginn an als Gegenbewegung und Abgrenzung zum Lebensstil und Habitus ihrer Ursprungsszene beschreiben. Der selbstzerstörerischen und nihilistischen No-Future-Einstellung der Punks wurde ein positiver, lebensbejahender Gegenentwurf bewusst und durchaus provokativ entgegengesetzt. Als gemeinsamer Nenner fungiert hierbei eine kritische, linke Haltung im Sinne eines Überbaus zur Punkszene. Dieser Überbau hat den Anspruch, undifferenzierte Gesellschaftskritik in konkrete Aktivitäten zu überführen: „Gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus wird zum Dreigespann, auf dem Hardcore aufbaut, ganz gleich wie stark nun 155 Vgl. Calmbach 2007; Adler et al. 2007. 156 Schulze-Krüdener/Vogelgesang 2002, S. 88. 148 mit der autonomen Linken verwoben. Andere Selbstverständlichkeiten […] bilden sich heraus, je mehr Hardcore in einzelne Sparten zerfällt.“157 Authentizitätswahrung und Abgrenzung sind hierbei wichtige Antriebskräfte der Szeneentwicklung. Anfangs musikalisch dem Drei-Akkord-Schema des Punkrock verhaftet, entstehen spätestens seit Ende der 1980er Jahre weitere Subgenres. Inhaltliche Fokussierungen und neue musikalische Ausdrucksformen lassen die Szene in der Folgezeit zu einem komplexen Gebilde heranreifen. Dabei reicht die musikalische Bandbreite von ‚Metalcore‘, der sich der musikalischen und inhaltlichen Stilsprache des Metals bedient, über politisch fokussierten, aggressiven ‚Crustcore‘ bis zum selbstreflexiven Umgang mit persönlichen Empfindungen im ‚Emo-core‘. Die Abgrenzung zu anderen Subgenres und die Generierung stilistischer Eigenheiten kann dabei als ein dynamisches Konstitutionsmoment der Szene gesehen werden. Neben den musikalischen Ausdifferenzierungen spielen stilistische Partikularismen eine gewichtige Rolle. Symbolische Signets und stilsprachliche Elemente zeigen Zugehörigkeit und verweisen auf innerszenisch angeeignetes Wissen. Als Beispiel für ein symbolisch aufgewertetes Stilelement kann das ‚schwarze X‘ auf dem Handrücken gelten, das von drogenfreien Szenegängern oftmals vor Konzerten aufgetragen wird. Ursprünglich war das aufgemalte X ein Erkennungsmerkmal für Barbedienstete in den USA, denen es verboten war, Alkohol an Minderjährige auszuschenken. Dieses X wurde im Sinne einer Selbst-Stigmatisierung in ein positives Zeichen umgedeutet, um freiwilligen Verzicht und Zugehörigkeit zu symbolisieren und ist auch heute noch auf Hardcore-Konzerten anzutreffen. Wie auch andere, verwandte „Aufklärungs-Szenen“158 gehört die Hardcore-Szene in Deutschland zu den kleinen Szenen. Es wird gegenwärtig von ca. 100.000 Szenegängern ausgegangen, wobei seit Anfang der 2000er Jahre und durch die zunehmende Popularität musikalischer Subgenres, wie z.B. des ‚Metalcores‘, ein Anstieg der Szenegröße wahrscheinlich ist. Der Altersdurchschnitt im Szenekern liegt bei etwa Mitte zwanzig, wobei ein Großteil der Hardcore-Szenegänger zwischen 21 und 25 Jahre alt ist. Nur etwa ein Fünftel der Szenegängerinnen sind weiblich; Tendenz steigend.159 Die Szene weist zudem eine starke regionale Dynamik auf und artikuliert sich phasenartig. 157 Büsser 1996, S. 19. 158 Hitzler et al. 2001, S. 225. 159 Vgl. Schulze 2013. 149 Dass viele zeitgenössische Jugendkulturen über intern geteilte ‚geheime Bildungsprogramme‘ und charakteristische Merkmale verfügen, wurde bereits angesprochen160, und gilt auch für die Hardcore-Szene: Sie ist ein Forum ethisch-praktischer Selbstbildung, in der eine bestimmte Lebensauffassung und -führung sozialisiert wird. Diese macht nicht an der Szenegrenze und auch nicht an nationalen Grenzen halt, sondern weist über den Szenerahmen hinaus weit in den Alltag der Szenegänger hinein und erhebt einen universellen Geltungsanspruch, den es auch jenseits der Szenewelt einzulösen gilt. Konstituierend für die Hardcore-Szene sind dabei drei ethische Universalismen und ihre spezifischen Leitideen, verbunden mit dem Anspruch, diese Universalismen auch zu leben und das meint in einem ganz direkten Sinn, sie durch individuell-vorbildhaftes Handeln in der Alltagswelt umzusetzen. Diese sind der Lebensstil des ‚Straight Edge‘, verbunden mit der ethischen Leitidee der puritanischen Selbstkontrolle und Selbstverantwortung, der ‚Vegetarismus/ Veganismus‘ und seine Leitidee der Schöpfungsverantwortung sowie das Gestaltungsprinzip des ‚Do-It-Yourself‘, verknüpft mit der Leitidee, eine selbst gestaltete lokale und globale Lebenswelt zu schaffen. Der Straight Edge-Lebensstil, dem sich etwa ein Fünftel der Szenegänger in Deutschland zuordnen, entstand parallel zu den Anfängen der Hardcore-Szene. Aufbauend auf einen Songtext der Washingtoner Band Minor Threat, bedeutet Straight Edge die strikte Ablehnung jeglicher Form von Drogen und Verzicht auf promiskuitive sexuelle Ausschweifungen, resultierend aus der Kritik am übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsum der Punk-Szene. Motivation und Ziel der Straight Edge-Lebenseinstellung ist, durch klares Denken und Kontrolle Verantwortung über das eigene Leben zu gewinnen. Es wird davon ausgegangen, dass die positive Veränderung des individuellen Lebens die Voraussetzung für die Veränderung der Gesellschaft ist. Kontrolle und puritanische Selbstinszenierung nehmen dabei die Doppelrolle eines positiven Gegenentwurfs gegen die konsumorientierte Mainstream-Kultur und gegen die nihilistische Lebenseinstellung der eigenen Herkunftskultur, des Punks, ein. Der Widerstand dieser unkonventionellen Form der Rebellion bedient sich der Methode der multiplen Abstinenz: Die performativ entscheidende Rolle spielt, was eben nicht getan wird. Unter der Prämisse, dass die Welt in einem emanzipatorisch-progressiven Sinne veränderbar ist, sollen die eigenen Energien und Potenziale zur Veränderung des Umfeldes genutzt werden, wozu ein ‚klarer Kopf‘ nach Ansicht der Straight Edger auch außerhalb des Szenerahmens die Voraussetzung ist. Missionarisch nach außen getragen und inszeniert werden 160 Siehe hierzu Kap. 4.2.4. 150 die Straight Edge-Ideale durch entsprechende Slogans wie ‚Drug free Youth‘, ‚It‘s ok not to drink‘ etc. auf T-Shirts, Aufnähern und Buttons. Das bereits erwähnte schwarze X dient hier vor allem als stilistisches Erkennungszeichen und wird oft auf Konzerten als Distinktionsmerkmal auf den Handrücken aufgetragen. Ähnlich wie die Straight Edge-Lebenseinstellung ist auch die vegetarische oder vegane Ernährungsweise ein ethischer Universalismus der Hardcore-Szene, der weit über die innerszenischen Grenzen hinaus den täglichen Lebenswandel der Szenegänger beeinflusst. Der Verzicht auf Fleisch oder im Veganismus auf jegliche Tierprodukte wird innerszenisch geteilt und diskutiert, der Geltungsanspruch des ethisch motivierten Fleischverzichts ist aber global. Besonders in der Hardcore-Szene ist der Anteil an Vegetariern und Veganern sehr hoch: Über die Hälfte aller Szenegänger bezeichnen sich als Vegetarier oder Veganer.161 In diesem Zusammenhang ist ebenfalls auffallend, dass sich knapp 10 Prozent zu den Tierbefreiern rechnen. Dementsprechend werden die engagierten Hardcore-Szenegänger als „Tierrechtler“ und nicht nur als „Tierschützer“ einzuschätzen.162 Es zeigt sich hier eine doppelte Intentionalität und Aktivität: In den Ernährungsgewohnheiten äußert sich einerseits radikale Kritik an Tierausbeutung und Kapitalismus, wobei der Protest am eigenen Körper und szeneintern beginnt, andererseits ist der Werteanspruch aber universalistisch. Noch deutlicher als im Straight Edge-Lebenswandel zeigt sich im Veganismus die Entgrenzung innerszenisch geteilter Werte. Neben der Aufklärung in der Szene, z.B. durch Infostände auf Konzerten, engagieren sich viele Hardcore-Szenegänger auch außerhalb der Szene in Tierrechtsorganisationen wie PETA, Animal Peace oder der Antispeziesistischen Aktion. Dazu äußert sich eine befragte Szenegängerin folgendermaßen: „Die politische Lebenseinstellung ist nicht auf den Plattenspieler beschränkt, auf den man gerade mal eine Platte mit politischen Texten legt, das ist sehr vieles. […] Das ist das politische Arrangement überhaupt, das man auf Demonstrationen geht. Veganismus ist ja auch eine Art von Protest mit dem man ganz konkret zeigen will, dass es auch anders geht. Ich denke, das ist schon ziemlich wichtig in der heutigen Gesellschaft, dass das Leute durchsetzen“ (Anna, 19 Jahre). Der dritte ethische Universalismus der Hardcore-Szene ist das Prinzip des Do It Yourself. Ausgehend von Szeneaktivitäten wird der Massenkultur ein Gegenentwurf entgegengestellt, eine Kultur des Selberma- 161 Vgl. Calmbach 2007, S. 177. 162 Vgl. Schwarz 2005, S. 76. 151 chens. Demonstrative Produktion und Selbstermächtigung sind das Movens des Do It Yourself-Prinzips mit dem Ziel, eine Kultur und kulturelle Objekte unabhängig von kommerziellen Strukturen und eine Alternative zur gängigen Kulturproduktion zu schaffen.163 Eine gewichtige Rolle spielt dabei die Grundüberzeugung der Szene, dass Hardcore ‚mehr als Musik‘ ist und der damit verbundene Versuch, eine Lebenswelt der Eigeninitiative und Selbstorganisation aufzubauen. Auffallend ist, dass die Szeneorganisation selbst vom Do It Yourself-Prinzip geprägt ist und gleichzeitig Räume für Eigenaktivitäten öffnet. Jeder Szenegänger kann sich theoretisch und praktisch das szeneintern geteilte Wissen aneignen und aktiv an seiner Herstellung teilnehmen. Die selbstbestimmte Gestaltung der Harcore-Lebenswelt findet auf verschiedenen Ebenen statt. Markante Aktivitäten sind hierbei die Organisation von Touren und Konzerten in Eigenregie, der eigenhändige und kreative Gestaltungsstil von Tonträgern und Magazinen (sogenannte Fanzines) sowie die Ebene des Do It Yourself als Marktprinzip und szenische Eigenökonomie. Bei der Konzertorganisation – oftmals in selbstverwalteten Räumen und Jugendzentren – zeigt sich der Do It Yourself-Ethos in der direkten Kommunikation mit Bands und unabhängigen Agenturen, eigens betriebener Werbung und Flyer-Gestaltung und der bewussten Aufhebung der Trennung von Publikum und Band, die den Konzertrahmen öffnet, damit sich durch Mitsingen und Tanzen aktiv am Geschehen beteiligt werden kann. Subjektives Handeln wird in gemeinschaftliche Kontexte eingebunden und das Konzertevent zur organisierten, eigenwilligen Performanz. Auch in der Gestaltung von Fanzines und Tonträgern überwiegt die Handarbeit und bewusst zur Schau gestellte Fehlerhaftigkeit. Dem Unkommerziellen und der Kreativität wird hierbei eine besondere Wertschätzung entgegengebracht, deren Voraussetzung ein spezifisches Expertenwissen der Szeneinhalte ist. In der Gestaltung der Tonträger zählt der Einsatz minimaler Kosten bei maximaler Eigenverantwortung: Im Prozess eines kreativen und emotional besetzten Sich-zu- Eigen-Machens werden alte Verpackungen, Pappen und Stoffe zweckentfremdet und umgestaltet. Do It Yourself als Marktprinzip drückt sich des Weiteren im Tausch von Tonträgern aus, wobei Tauschnormen und Wertigkeiten innerhalb der Szene fair ausgehandelt und balanciert werden müssen. Ziel ist dabei der Aufbau eigener Marktstrukturen und Distributionskanäle und eine weitest gehende Ablösung von gängigen kapitalistischen Strukturen außerhalb des Szenekontextes. Im Tonträgertausch kommt auch deutlich der transnationale Cha- 163 Vgl. Calmbach/Rhein 2007. 152 rakter der Szene zum Ausdruck: Es existiert ein globales Tauschsystem und die Tauschorganisation verläuft über interszenische, globale Netzwerke. Ein Szenegänger beschreibt dies auf folgende Art und Weise: „Ich kenne Leute aus Amerika, Singapur, Australien, Frankreich, Schweden, also schon global angesiedelt. Indem man mit diesen Leuten in Kontakt tritt, sei es durch Plattentausch oder dass man solche Internet-Communities aufsucht. Man weiß, was dort von statten geht, wie die Szene dort aussieht. Sie bekommen einen Eindruck von uns und man verbreitet Bands und Ideen. Das finde ich sehr wichtig, dass eben ein funktionierendes Netzwerk besteht, denn ohne geht es einfach nicht“ (Lars, 21 Jahre). Die vorgestellten ethischen Universalismen werden global und innerszenisch geteilt, gleichzeitig kommt es aber zu globalen Szenekooperationen und Anknüpfungstendenzen. Auch hier ist es sinnvoll, den Blick auf die verschiedenen Ebenen der Wertediffusion und universalistischen Ansprüche zu richten: Ausgehend von lokalen Szeneaktivitäten kommt es zu einer transnationalen Umsetzung der politischen Ideale auch über den Szenekontext hinaus. Das Internet nimmt auch für die Hardcore-Szene mittlerweile eine wichtige Relaisfunktion zwischen internen und externen Kommunikationsflüssen ein. Als Beispiel für szeneinternen Austausch wäre die Internet-Community ‚www.poisonfree.com‘ zu nennen. Auf dem Message-Board diskutieren hier Hardcore-Szenegänger über verschiedenste szenerelevante Inhalte. Neben Musikdiskussionen und Konzertwerbung wird szenerelevantes Wissen über Stile, Locations bis hin zu veganen Kochrezepten geteilt und weitervermittelt. Durch die Szenedarstellung vermittels Fotos, Videos, Flyern und Szenereports wird die über Kleidung, Tattoos oder bestimmte Frisuren kommunizierte Stilsprache transnational ausgetauscht, angeeignet und oftmals mittels Bricolage mit der eigenen lokalen Stilsprache vermengt und weiterentwickelt. Neben Fanzines haben sich vor allem Web 2.0-Plattformen und szeneinterne Blogs zu einer äußerst relevanten Verbindung von lokalem und globalem Szenehandeln ausgeweitet. Als weiteres Beispiel für einen universalistischen Werteanspruch kann die Überschreitung innerszenischer und verstärkt auch nationaler Grenzen in den geteilten Werten der Hardcore-Szenegänger und der Antifa- Bewegung dienen. Antifaschistisches Engagement wird innerhalb der Szene propagiert und getreu dem politischen Anspruch emanzipatorischer Kritik wertgeschätzt, außerhalb der Szene beteiligen sich über 20 Prozent bei antifaschistischen Aktionen, Kundgebungen und Demonstrationen. Verstärkt erfolgt der Informationsaustausch auch hier über das Internet. Kollektive wie z.B. ‚Vegan uprising‘ verknüpfen explizit Veganismus, Antifaschistische Arbeit und die Organisation von Hardcore- 153 Konzerten miteinander. Auf ihrer Homepage (http://veganuprising.jimdo.com) wird aufbauend auf einer Einbettung in den Szenekontext ein Engagement in anderen Gemeinschaften und Gruppen mit ähnlichen Werten und Idealen verfolgt und umgesetzt. So können im Onlineshop neben Tonträgern von Hardcore-Bands auch Kleidungsstücke und Öffentlichkeitsmaterial mit antifaschistischen Slogans bestellt und Informationsbroschüren zu Veganismus erworben werden. Auch wurde in den letzten Jahren innerhalb der Szene auf zunehmende Unterwanderungsversuche rechter Bands und Gesinnungen reagiert und der national konnotierten Besetzung von Hardcore und Vegan-Straight- Edge beispielsweise mit der Kampagne ‚Good Night White Pride‘ ein deutliches Zeichen entgegengesetzt. Mittlerweile transnational etabliert, kann auch diese Kampagne als ein Beispiel für szeneintern geteilte Diskussionen mit szeneextern geteilter antifaschistischer Arbeit gelten. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Hardcore-Szene eine musikbezogene Jugendkultur repräsentiert, bei der nicht nur ein transnationaler Stil- und Personenaustausch zu beobachten ist, sondern für die zudem ein auf globale Geltung ausgerichtetes Werteverständnis konstitutiv ist. Aus dem Punk entstanden, stützt sie sich seit Beginn auf universalistische Normen, die es intraszenisch zu teilen und im Sinne einer ‚kosmopolitische Tugendlehre‘ in der (Welt-)Gesellschaft zu verankern gilt. Die sowohl lokal als auch global agierende Hardcore-Szene mit ihren ethischen Universalismen und transnationalen Vernetzungen lässt sich als Prototyp einer ‚glokalen Jugendkultur‘ charakterisieren. Die Szene dient den jugendlichen Anhängern als Lern- und Experimentierfeld zur Aneignung und Demonstration universalistischer Werte und als eine Arena, in der ethische Normen lebensweltnah praktiziert und eine alternative, über die Szenegrenzen hinausweisende, Lebensführung eingeübt werden kann. Auf lokaler Ebene findet die ethisch-normative Selbstsozialisation im Szenekontext statt. Von hier ausgehend überschreiten sie dann aber anhand der aufgezeigten Leitideen und Kooperationen Szenegrenzen und zunehmend auch nationale Grenzziehungen. Auf der Grundlage geteilter ethischer Normen und Werte kommt dem eigenen Körper und dem verantwortungsvoll gelebten Alltag eine Vorbildfunktion zur gesellschaftlichen Veränderung zu, wie die ethischen Universalismen des Straight Edge-Lebensstils und vor allem des Veganismus zeigen. Szenen und gesellschaftliche Gruppierungen mit ähnlichem Wertehorizont fungieren zudem als transnationale Anknüpfungspole zur praktischen – und kosmopolitischen – Verwirklichung gemeinsam geteilter Ideale: Was szeneintern erlernt wird, wird auch szeneextern im Verbund mit Gleichgesinnten umgesetzt. 155 6 Glaubensbindung und kirchlich-religiöse Praxis Die Beziehung Jugendlicher zu Religion und Kirche fügt sich keiner einfachen Denkschablone. Denn die bereits mehrfach angesprochenen tiefgreifenden Individualisierungsprozesse haben in Verbindung mit der Auflösung des kirchlichen Religionsmonopols ! und der wachsenden Bedeutung von alternativen Sinnanbietern einen Markt des Religiösen ! entstehen lassen, der junge Menschen wie nie zuvor in eine Wahl- und Entscheidungssituation versetzt, auch in Religions- und Sinnfragen „ihre persönliche Linie“ finden zu müssen, wie dies eine 17-Jährige (Svenja) sehr anschaulich umschrieben hat. Diese Aussage markiert den Ankerpunkt, vor dessen Hintergrund die Glaubensbindung und religiöse Praxis Jugendlicher zu betrachten ist. Näher untersucht werden in diesem Zusammenhang vor allem drei Bereiche des kirchlich-religiösen Habitus junger Menschen in der Eifel: Konfession, Kirchenbindung und Religiosität. 6.1 Konfessionszugehörigkeit In einer ersten empirischen Annäherung an das Verhältnis Jugend und Religion haben wir die Konfessionszugehörigkeit näher untersucht. Dazu stellten wir den Jugendlichen zunächst ganz allgemein die Frage: „Welcher Religionsgemeinschaft gehörst Du an?“ Tabelle 14: Konfessionszugehörigkeit nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Konfession katholisch evangelisch andere keiner gesamt 86 5 2 7 Geschlecht Jungen 84 5 1 10 Mädchen 88 6 2 4 Alter 14-17 J. 87 7 1 5 18-21 J. 90 4 1 6 22-25 J. 80 6 2 13 Bildung niedrig 74 11 2 13 mittel 89 4 1 6 hoch 87 5 2 6 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). ! Vgl. Hahn 2008. ! Vgl. Zinser 1997. 156 Die überwiegende Mehrzahl der jungen Eifeler, nämlich 86%, sind katholisch, 5% sind evangelisch, 2% gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an und 7% sind konfessionslos. Bei den Jugendlichen, die sich zu einer anderen religiösen Gemeinschaft bekennen, handelt es sich zum einen um jugendliche Muslime zumeist türkischer Herkunft, zum anderen um Aussiedlerjugendliche, die freikirchlichen Gemeinden angehören. Ihre adventistische religiöse Identität, die wir im Kontext eines anderen Forschungsprojektes (‚Jugendliche Aussiedler – zwischen ethnischer Diaspora und neuer Heimat’) näher untersucht haben, scheint dabei allerdings Prozesse konfessioneller Indoktrinierung und sozialer Schließung zu forcieren, die gerade für junge Menschen höchst problematisch sein können. !! Sozialstrukturelle Einflüsse sind vor allem bei den Jugendlichen evident, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Bezüglich des Geschlechts ist auffällig, dass der Anteil der Konfessionslosen unter den Jungen (10%) mehr als doppelt so groß ist wie bei den Mädchen (4%). Auch steigt der Anteil der konfessionslosen jungen Menschen in der Eifel mit dem Alter, wobei vor allem die 22- bis 25-Jährigen (13%) überproportional häufig nicht – resp. nicht mehr – konfessionell gebunden sind. Des Weiteren ist ein Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Konfessionslosigkeit nachweisbar. Es sind hier in erster Linie Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau (13%), die im Unterschied zu ihren Altersgenossen mit einer mittleren (6%) und höheren (6%) Bildung keiner Glaubensgemeinschaft angehören. Auch wenn Personenmerkmale in unterschiedlicher Weise Einfluss auf die Konfessionslosenrate nehmen, ist darüber hinausgehend zu erwähnen, dass die für die Eifeljugend festgestellte Größenordnung von 7% weit unter derjenigen der Erwachsenen liegt, deren Quote für Westdeutschland auf der Grundlage des ALLBUS-Surveys mit 17% angegeben wird.167 6.2 Religiöse Selbsteinschätzung und Glaubensüberzeugungen Neben der Konfessionszugehörigkeit resp. Konfessionslosigkeit zählt die Frage nach der religiösen Selbsteinschätzung zu den Standardthemen in der soziologischen Religionsforschung. Dabei wird zunächst nicht danach unterschieden, um welche Religionsgemeinschaften und Glaubensformen es sich dabei handelt. Vielmehr interessiert das subjektive Empfinden einer mehr oder weniger ausgeprägten ‚religiösen Mu- !! Vgl. Vogelgesang 2006. !" Vgl. Müller et al. 2013, S. 134. 157 sikalität’, wie dies einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie, Max Weber, vor über 100 Jahren einmal formuliert hat. Um die religiöse Selbsteinstufung der Eifeler Jugendlichen zu messen, stellten wir ihnen folgende Frage: „Als wie religiös würdest Du Dich einschätzen?“ Auch hier wird aus Vergleichsgründen Bezug genommen auf die Ergebnisse der 2000er Befragung. Abbildung 41: Religiöse Selbsteinschätzung – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die Antwortverteilung verweist auf eine Entwicklung in zwei Ebenen. Zum einen stufen sich etwas weniger Jugendliche als „nicht religiös“ ein. Zum anderen – diese Tendenz ist deutlich ausgeprägter – ist die Rate der Jugendliche, die fest im Glauben verwurzelt sind, rückläufig. Nach Sozialmerkmalen differenziert, bestätigen sich die auch im 2000er Survey festgestellten Zusammenhänge: Mädchen sind eher an Religion interessiert als Jungen, Jüngere eher als Ältere und Höhergebildete eher als Niedriggebildete.168 Aber trotz dieser Unterschiede in den einzelnen Sozialkategorien ist für die Mehrzahl der jungen Menschen ein gewisses religiöses Fundament gegeben, auch wenn dabei zunächst einmal offen bliebt, welche Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken gerade 168 Vgl. Vogelgesang 2001, S. 164f. Erhebungsjahr Religiös Weniger religiös Nicht religiös Religiosität 158 bei Jugendlichen vorherrschen, die sich selbst als nicht besonders religiös wahrnehmen. Unsere Vermutung ist, dass darin weniger ein Bedeutungsverlust christlicher Religiosität zum Ausdruck kommt, sondern eher eine Umorientierung resp. Neuausrichtung der religiösen Orientierung sichtbar wird. Bereits in der 2000er Studie ist eine ausgeprägte Kluft zwischen der Alltags- und Sinndimension im Religionsverständnis der Jugendlichen deutlich geworden. Die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigen diese Entwicklung. Ablesbar ist zunächst einmal die gesunkene alltagspraktische Relevanz des Religiösen an der Antwortverteilung zu dem Statement: „Mein Glaube hilft mir bei der Lebensgestaltung weiter.“ Abbildung 42: Alltagsrelevanz des Glaubens (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Nur ein Drittel der Jugendlichen sieht in der Religion noch eine lebensweltliche Orientierungsinstanz, die überwiegende Mehrheit dagegen greift in ihrer Lebensplanung und -gestaltung nicht mehr auf bestimmte Glaubensinhalte und Moralvorschriften zurück. Religion hat für die jungen Menschen ganz offensichtlich immer weniger eine Ratgeberfunktion – eine Feststellung, die durch die Ergebnisse auf die Frage: „Welchen Einfluss haben Religion und Glauben auf Dein alltägliches Handeln?“ bestätigt wird. Nur 9% der Jugendlichen bekunden „einen gro- Trifft zu Teils-teils Trifft nicht zu 159 ßen Einfluss“, 43% „einen geringen Einfluss“ und 48% sagen „keinen Einfluss“. Es drängt sich förmlich die Frage auf: Ist der Rückgang der Alltagsrelevanz religiöser Normen und Lebensweisen gleichbedeutend mit einer Ablehnung der Religion insgesamt? Ist die Jugend also – auch in der Eifel – in toto religionsferner oder gar areligiös geworden? Dass diese Pauschaldiagnose nicht zutreffend ist, deutete bereits die hohe Quote von zwei Dritteln der Jugendlichen an, die sich als mehr oder weniger religionsaffin einstufen. Auch die Ergebnisse eines Kontrollitems („Für mich ist Religion und Glaube ein alter Hut bzw. uninteressant“) bestätigen mehrheitlich eine religiöse Grundausrichtung und Verortung der jungen Eifelbewohner: Denn nur 34% bejahen diese Aussage („stimme zu“), 25% sind eher indifferent („teils-teils“) und 41% lehnen sie ab („stimme nicht zu“). Religion ist also nach wie vor ein Thema, mit dem sich ein Großteil der befragten Jugendlichen beschäftigt und dem sie auch Bedeutung beimessen. Diese Bedeutungszuweisung machen sie aber immer weniger an ihrer unmittelbaren Lebenssituation fest, wie es den Anschein hat, sondern religiöse Themen und Reflexionen weisen für sie gerade darüber hinaus. Hier deutet sich im Selbstverständnis der jungen Menschen eine Verlagerung und ein Eigenwert des Religiösen an, der jenseits der Alltagsgeschäftigkeit liegt, und auf die ureigene Funktion aller Glaubensvorstellungen zielt: der Bewältigung von Kontingenzerfahrungen. Besonders deutlich wird dies bei der Frage nach der Endlichkeit oder Unendlichkeit der menschlichen Existenz. Auf die entsprechende Frage: „Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod?“ haben die Jugendlichen wie folgt geantwortet: 45% glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, 18% glauben nicht daran und 37% sind unentschieden. Bei dieser menschlichen Schicksalsfrage wird Religion zur Sinnressource schlechthin, mithin ist davon auszugehen, dass die zustimmenden und zum Teil wohl auch die „weiß nicht“-Antworten auf eine religiöse Orientierung der Mehrzahl der befragten jungen Eifeler verweisen. Allerdings bleibt bei der Jenseits-Frage erst einmal offen, welche Variante von Transzendenzvorstellung hier angesprochen wurde. Aufgrund der konfessionellen Zusammensetzung der Eifeljugend ist aber davon auszugehen, dass es sich größtenteils um eine christliche Anschauung und Jenseitsvorstellung handelt – eine Annahme, die durch Korrespondenzen dieser Frage mit anderen Aspekten der Kirchlichkeit und Religiosität bestätigt wird. So besteht bspw. eine enge Beziehung zwischen Religionsnähe und dem Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. 160 Abbildung 43: Glaube an Leben nach dem Tod in Abhängigkeit von der Religiosität (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wer dem Christentum verbunden ist, so die Schlussfolgerung, glaubt auch daran, dass der Tod und die Auferstehung Jesu Christi Sinnbild für die eigene Erlösung und den Eingang ins Reich Gottes sind. Wer dagegen nicht kirchlich-religiös verwurzelt ist, geht eher davon aus, dass mit dem Tod auch unwiderruflich das Ende des menschlichen Seins einhergeht. Allgemein formuliert: Inner- und außerweltliche Überzeugungen nehmen bei den Jugendlichen unmittelbar und ausdrücklich Einfluss auf ihre Todes- und Weiterlebensvorstellungen. Sie haben zudem – gerade bei den christlich Engagierten und Interessierten – auch eine hohe Verbindlichkeit, Konstanz und Handlungsrelevanz. 6.3 Religiöse Praktiken und Kirchenbindung Die religionswissenschaftliche Forschung ist sich weitestgehend einig, dass die Konfessionszugehörigkeit nicht zwangsläufig mit einer ausgeprägten Kirchenbindung einhergeht. Im Gegenteil, gerade die beiden großen christlichen Kirchen spüren die physische Abwesenheit der jungen Leute schon seit Längerem.169 Die Frage ist, ob der Abwärtstrend ! Vgl. Barz 1992. Religös Weniger religiös Gar nicht religiös Religiöse Selbsteinschätzung Ja Weiß nicht Nein Jenseitsglaube 161 und der Vertrauensverlust gegenüber den Kirchen anhalten oder ob sich hier Veränderungen nachweisen lassen. Als Indikatoren sind hierfür bestimmte religiöse Praktiken wie etwa Gottesdienstbesuch, Messdienertätigkeit oder die Teilnahme an kirchlichen Festen ebenso von Bedeutung wie die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde. Als wichtigster Faktor wird in diesem Zusammenhang immer wieder der Kirchgang genannt – ein Sachverhalt, der uns dazu veranlasst hat, die Aufmerksamkeit in der Auswertung insbesondere darauf zu lenken. Den jugendlichen Bewohnern im Eifelkreis stellten wir dazu folgende Frage: „Wie häufig gehst Du zum Gottesdienst?“ Ein Vergleich mit den Ergebnissen aus der 2000er Studie verdeutlicht, dass die Kirchgangshäufigkeit nochmals etwas gesunken ist und sich auf einem niedrigen Niveau einzupendeln scheint. Abbildung 44: Gottesdienstbesuch – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Betrachtet man sich das Zahlenwerk etwas genauer, dann ist das Augenmerk auf mehrere Aspekte zu lenken. Zunächst einmal ist evident, dass in dem untersuchten Zeitraum die Rate der ‚regelmäßigen Gottesdienstbesucher‘ leicht rückläufig ist (2000: 28%; 2011: 22%) und diejenige der ‚Gottesdienstabstinenten‘ in geringem Umfang zugenommen hat (2000: 13%; 2011: 16%) – zwei Tendenzen, die verdeutlichen, dass die R e g e l m ä ß i g / j e d e W o c h e E i n m a l i m M o n a t M e h r m a l s i m J a h r E i n m a l i m J a h r N i e Gottesdiensbesuch 2000 2011 Erhebungsjahr 162 Jugend in der Eifel den Weg in die Kirche immer seltener findet. Die überwiegende Mehrheit aber ist der Gruppe der ‚unregelmäßigen Kirchgänger‘ zuzuordnen. Sie zeichnet sich durch eine sehr lockere und anlassbezogene Haltung gegenüber dem Kirchenbesuch aus, wie auch in den vertiefenden Gesprächen mit den Jugendlichen sehr deutlich wurde: „Zum Heiraten gehört für mich auch die kirchliche Trauung“ (Dana, 16 Jahre). Oder: „Wenn ein Mensch gestorben ist, soll die Gemeinschaft, in der er gelebt hat, würdevoll von ihm Abschied nehmen. Das könnte ich mir ohne ein christliches Begräbnis nur schwer vorstellen“ (Adrian, 22 Jahre). Oder: „Was die Kirchen im sozialen und humanitären Bereich leisten, ist unverzichtbar“ (Sven, 18 Jahre). Auf das kirchliche Ritual- und Dienstleistungsangebot in besonderen Lebenssituationen legen viele Jugendliche ganz offensichtlich noch einen großen Wert – ein Befund, der in vergleichbarer Weise auch für Erwachsenen gilt, wie wir in einer Regionalstudie im Landkreis Trier-Saarburg nachweisen konnten. " Nicht übersehen werden darf aber in diesem Zusammenhang, dass es in der Jugendphase zu deutlichen Frequenzverschiebungen im Gottesdienstbesuch kommt. Der Zusammenhang ist hoch signifikant und lässt sich als altersabhängige ‚lineare Erosionsgerade‘ beschreiben. Denn während bei den 14- bis 17-Jährigen noch 35% regelmäßig, d.h. einmal pro Woche oder wenigstens einmal im Monat, in die Kirche gehen, sinkt die entsprechende Quote bei den 18- bis 22-Jährigen auf 16% und bei den 23- bis 25-Jährigen gar auf 7%. Auch diese Entwicklung unterstreicht, dass der Gottesdienstbesuch immer häufiger zu einer punktuellen Angelegenheit wird. Die Vermutung liegt nahe, dass es auch für die eher kirchenfernen Jugendlichen die Wendepunkte des Lebens sind, die sie durch das kirchliche Zeremoniell ‚gerahmt‘ sehen möchten. Auch die Längsschnittperspektive lässt erkennen, dass dies kein neuer Trend ist, sondern ein Strukturmerkmal der Kirchenbindung von Jugendlichen insgesamt: Kirche ist für sie nach wie vor eine unverzichtbare rituelle Ressource und sozial-karitative Hilfs- und Serviceeinrichtung. Aber in dieser eher instrumentellen Haltung erschöpft sich ihr Kirchenbezug nicht. Kirchen sind für sie auch Glaubensinstitutionen, allerdings finden deren hierarchische Strukturen, liturgische Formen und moralischen Forderungen bei den Jugendlichen wenig Zustimmung. Obwohl sich die Mehrheit zu einer Konfession bekennt, fühlt sich nur eine Min- 170 Vgl. Vogelgesang et al. 2015, S. 115f. 163 derheit von knapp einem Viertel (23%) mit der Institution Kirche noch stärker verbunden. Im Jahr 2000 lag die Quote noch bei knapp einem Drittel (32%). Die Aufschlüsselung nach Sozialmerkmalen legt ein bereits bekanntes Strukturmuster im religiösen Habitus junger Menschen offen: Es sind eher männliche Jugendliche mit einer niedrigen Schulbildung, die mit Erreichen der Volljährigkeit sich verstärkt von der Kirche abwenden. Tabelle 15: Verbundenheit mit der Kirche nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Verbundenheit mit der Kirche stark weniger stark überhaupt nicht gesamt 23 48 29 Geschlecht Jungen 23 45 32 Mädchen 23 51 26 Alter 14-17 J. 27 52 21 18-21 J. 22 45 33 22-25 J. 15 45 40 Bildung niedrig 11 40 49 mittel 22 49 29 hoch 26 49 25 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wie sehr die ‚Amtskirche‘ bei den Jugendlichen an Boden verloren hat, ist auch in den Tiefeninterviews sichtbar geworden. Sie ist in ihrer Wahrnehmung, wie eine kleine Auswahl von kritischen Äußerungen zeigt, „viel zu hausbacken“ (Karsten, 16 Jahre), „altmodisch“ (Sylvia, 21 Jahre), „langweilig“ (Ruth, 24 Jahre), „ewig gestrig“ (Sarah, 19 Jahre) oder „Lichtjahre weg von dem, was Jugendliche bewegt“ (Gunnar, 17 Jahre). Jedoch handelt es sich bei vielen Jugendlichen keineswegs um eine Fundamentalopposition zur Kirche, sondern um eine Art kritischer Distanz. Dies zeigt sich u.a. darin, wie die Jugendlichen auf die Frage: „Wie müsste Deiner Meinung nach ein lebendiger Gottesdienst aussehen?“ geantwortet haben. Fasst man das große Spektrum von Einzelnennungen kategorial zusammen, dann sind es vor allem vier Aspekte, die ihrer Meinung nach eine Messfeier interessanter und ansprechender machen würden: progressivere Musik (38%), größere Nähe zum Alltagsgeschehen (29%), stärkere An- und Einbindung der Gemeinde (12%) und intensiverer Bezug zur jugendlichen Lebenswelt (11%). Dabei sind es in erster Linie diejenigen, die (noch) kirchlich interessiert und engagiert 164 sind, die sich in dieser Weise äußern. Es sind ganz offensichtlich sehr konkrete Erfahrungen und Fragen, an denen sich die Kritikbereitschaft entzündet. Gerade weil man, so die etwas paradoxe Schlussfolgerung, die Kirche für wichtig erachtet, will man sie ändern. Negativ formuliert: Wenn das Band zur Kirche und Konfession einmal gerissen ist, dann ist es sehr schwer wiederherzustellen. Die kritisch-skeptische Grundhaltung, die viele Jugendliche gegenüber Klerus und Kirche äußern, ist aber weder bezogen auf ihre Altersgruppe noch historisch ein neues Phänomen. Denn auch die meisten Erwachsenen sehen sich als ‚Kirchenskeptiker‘, d.h. sie sind zwar durchaus kirchlich-institutionell interessiert und engagiert, demonstrieren aber der Institution gegenüber eine – mehr oder weniger ausgeprägte – kritische Haltung. " Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, dann zeigt sich, dass eine gewisse oppositionelle Haltung gegenüber der Kirche und ihren Würdenträgern, die sich im Habitus ‚gläubiger Kirchenkritik‘ verdichtet, schon immer ein integraler Teil des Selbstverständnisses vor allem der katholischen Laien war. Neu ist nur, dass sich diese oppositionelle Haltung – auch unter Jugendlichen – immer mehr ausbreitet, an Kontur und Intensität gewinnt und sich in einem teilweise sehr selbstbewusst vorgetragenen Anspruch auf eine eigene, individuelle, vom kirchlichen Lehramt unabhängige, religiöse Kompetenz äußert – eine Entwicklung, die man durchaus als Teil eines größeren, für spätmoderne Gesellschaften typischen Prozesses verstehen kann, der auch als „Selbstermächtigung des religiösen Subjekts“ " beschrieben wird. 6.4 Religion als Privatsache Für die Mehrzahl der Jugendlichen sind Glaubensfragen also keineswegs obsolet geworden, wie immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil, Religion ist für sie – vor allem als existentielle Sinninstanz – von Bedeutung und nimmt in ihrem Leben einen wichtigen Platz ein, auch wenn sie dies vermehrt für sich behalten. Denn im Kontext der Untersuchung ihrer Religiosität sind wir auf eine Differenz zwischen Selbstund Fremdwahrnehmung gestoßen, die uns überrascht hat und Anlass war, in einer kleinen qualitativen Folgestudie den Gründen hierfür genauer nachzuspüren. Ausgangspunkt bildeten die Antworten auf folgende religionsbezogene Aussage, um deren Beurteilung wir die Jugendlichen gebeten haben: „Ich glaube, dass viele Jugendliche insge- " Vgl. Terwey 2003. " Gebhardt 2003, S. 7. 165 heim viel stärker an Religion beziehungsweise Glaubensfragen interessiert sind, als es den Anschein hat.“ Abbildung 45: ‚Verdecktes’ Interesse an Religion (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Damit sollte nochmals das Thema ‚religiöses Interesse‘ aufgegriffen und gleichsam in seiner Potentialität noch etwas näher bestimmt werden. Was sich bei der Analyse der persönlich-existentiellen Glaubensvorstellung bereits nachweisen ließ, wird durch die Einschätzung der Fremdreferenz noch bekräftigt: Religion ist für die Jugendlichen nach wie vor ein Thema – und ein unterschätztes dazu, wie es scheint. Denn fast zwei Drittel der Befragten sind ganz oder doch zum Teil der Meinung, dass das Interesse an Religion bzw. Glaubensfragen größer ist, als dies üblicherweise in der Öffentlichkeit angenommen wird. In dieser Auffassung herrscht im Übrigen unter den Jugendlichen weitestgehend Konsens. Denn während bei fast allen anderen Religionsfragen Geschlechts-, Alters-, Bildungs- und Konfessionsunterschiede bestehen, wird die religi- öse Haltung der anderen – und in diesem Zusammenhang vor allem ihre unzureichende Wahrnehmung und inadäquate Bedeutungszumessung – recht einheitlich eingeschätzt. Dies ist ein starker Indikator dafür, dass es auch unter den Jugendlichen eine Form von „unsichtbarer Reli- Trifft sehr zu Trifft zu Teils-Teils Trifft eher nicht zu Trifft gar nicht zu 166 gion“ " gibt, die sich dem direkten empirischen Zugriff möglicherweise entzieht. Auch die Antwortverteilung auf die Frage: „Wie häufig betest Du?“ scheint diesen Trend zu bestätigen, denn 14% der Jugendlichen haben darauf mit „regelmäßig“ geantwortet, 47% mit „gelegentlich“ und nur 39% mit „nie“. Auch wenn dies starke Indizien für eine zunehmende Privatisierung und Individualisierung religiöser Erfahrungen und Einstellungen sind, so dürfte sich darin auch eine Art religiöser Schweigespirale manifestieren. Man wähnt sich in einer Defensivposition und vermeidet es – vor allem unter religiös Desinteressierten –, seine Glaubensüberzeugungen anzusprechen. Wer also das gesellschaftliche Umfeld in hohem Maße als religionsfern wahrnimmt, wofür sich in neueren religionssoziologischen Studien zahlreiche Hinweise finden lassen, der reagiert darauf verstärkt mit kommunikativer Zurückhaltung, um nicht den Eindruck zu erwecken, zu einer immer kleiner werdenden Minderheit zu gehören, zur Nachhut einer gesellschaftlichen Entwicklung, die von Kirche und Religion wegführt. Was Elisabeth Noelle-Neumann in ihrer These von der „Schweigespirale“ " als allgemeinen Mechanismus der öffentlichen Meinungsbildung – aber auch Meinungsunterdrückung – charakterisiert hat, wonach die Exponier- und Gesprächsbereitschaft von Personen stark von dem Eindruck beeinflusst wird, ob die eigenen Anschauungen von einer Mehrheit oder einer Minderheit geteilt werden und ob sie in der Gesellschaft an Unterstützung gewinnen oder verlieren, scheint sich auch im religiösen Kontext zu bewahrheiten. Wie sehr die religiöse Schweigespirale sich in die Jugendmentalität bereits eingespurt hat, belegt die folgende Auswahl von qualitativ-schriftlichen Stellungnahmen zur Frage: „Ich glaube, dass Jugendliche insgeheim viel stärker an Religion und Glaubensfragen interessiert sind, als es den Anschein hat“, um die wir mehrere Schulklassen nach Abschluss der quantitativen Erhebung gebeten haben: • „Ich glaube schon, viele sagen es nicht, dass sie daran interessiert sind, weil sie sich vielleicht vor ihren coolen Freunden, die es absolut nicht interessiert, schämen. Sie haben vielleicht Angst, dass sie von ihnen nicht mehr so akzeptiert werden, wie sie sind, wenn sie zugeben, dass sie an Religion und Glaubensfragen interessiert sind“ (Maithe, 16 Jahre). • „Viele Jugendliche, denke ich mal, glauben an Gott, wollen dies aber nicht in aller Öffentlichkeit zugeben, weil sie Angst haben, von den " Vgl. Luckmann 1991. " Vgl. Noelle-Neumann 1996. 167 anderen ausgelacht zu werden. Deshalb trauen sie sich nicht, sich zu ihrer Religion zu bekennen. Die Angst, ausgelacht zu werden, liegt größtenteils daran, dass die Kirche ein schlechtes Image hat als Langweileranstalt“ (Sven, 16 Jahre). • „Ich persönlich glaube an gar nichts, weder an Gott noch an sonst irgendwen oder irgendwas. Was jetzt andere Jugendliche darüber reden, weiß ich nicht; es ist mir auch eigentlich egal. Dennoch fällt mir auf, dass im Religionsunterricht sich einige Leute anders geben als sonst. Es könnte also schon sein, dass einige zwar sagen, dass sie an nichts glauben und Gott für Schwachsinn halten, es aber eigentlich gar nicht so meinen und sich in Wirklichkeit mehr Gedanken darübermachen als es den Anschein hat. Ich mache mir auch Gedanken darüber, ob es Gott gibt, ob es einen Himmel gibt usw.; ich weiß es auch nicht, es ist eben eine Glaubensfrage. Ich glaube zwar nicht an Gott, was sich aber durchaus mal ändern kann, aber ich denke, dass man durchaus aus der Bibel lernen kann“ (Alexander, 17 Jahre). • „Viele trauen es nicht zuzugeben, dass sie insgeheim doch an eine Existenz Gottes glauben. Ich kann das auch aus eigener Erfahrung berichten: Als wir in der Schule ein öffentliches Gebetstreffen in der Pause veranstalteten, gab es überraschend viele Schüler, die neugierig vor der Tür standen und beratschlagten, ob sie sich trauen sollten mitzumachen. Die meisten sind wieder gegangen, aber es war immerhin Interesse da, und am Musiksaal, in dem wir waren, kommt man nicht von alleine vorbei, da er im zweiten Obergeschoss liegt. Es sind zwar viele, aber keineswegs alle, auf die diese Aussage zutrifft. Die meisten sind wohl auf der Suche nach etwas, das ihrem Leben Sinn geben kann. Schule und Schlafen kann ja nicht alles sein. Manche versuchen diesen Sinn in Partys zu finden, aber das geht auf die Dauer auch nicht gut. Die Jugendlichen suchen etwas, das Perspektive geben kann” (Jessica, 17 Jahre). Die Äußerungen der Jugendlichen sind zum einen beeindruckende Beispiele dafür, dass künftig die religiöse Spurensuche verstärkt auch unterhalb der öffentlichen Aufmerksamkeitsschwelle erfolgen sollte. Manche Befürchtungen über die Abkehr der heutigen Jugend von der Religion dürften vor diesem Hintergrund eher Resultat einer sehr vordergründigen Beobachtung sein und kaum ihrem versteckten religiösen Potenzial Rechnung tragen. In diese Richtung deuten auch die Rückmeldungen auf die Frage: „Hast Du schon einmal über einen Kirchenaustritt nachgedacht?“ Nur ein Prozent hat diesen Schritt vollzogen, 20% ziehen ihn immerhin in Betracht, für die Mehrheit der Jugendlichen ist dies aber kein Thema. Auch ‚Austrittsgeneigte‘ bringen hierdurch weniger eine religiöse Distanzierung zum Ausdruck als vielmehr eine massive Kir- 168 chenkritik, wie die entsprechenden Korrespondenzanalysen zeigen. Zudem sind diese Zahlen und Zusammenhänge mit einer gewissen Vorsicht zu interpretieren, da Absichtserklärungen keineswegs mit feststehenden Entscheidungen gleichgesetzt werden dürfen. Im Gegenteil: „Überlegungen, aus der Kirche auszutreten, signalisieren in der Regel keine schroffe Abwendung von der Kirche. Alle Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass nur ein Bruchteil derjenigen, die bereits einen Kirchenaustritt erwogen haben, zum Austritt fest entschlossen sind. Im Allgemeinen ist nur jeder Zehnte, der bereits mit dem Gedanken gespielt hat, die Konfessionsgemeinschaft zu verlassen, fest entschlossen, diesen Schritt zu vollziehen. Diese Relation zeigt sich übereinstimmend bei Katholiken und Protestanten. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle bleiben die Überlegungen in der Schwebe, werden nicht vollzogen, aber auch nicht mit einem definitiven Beschluss beendet, in der Konfessionsgemeinschaft zu bleiben.“ " 6.5 Signaturen der Jugendreligiosität in der Gegenwart Die individualisierten Lebensverhältnisse spätmoderner Gesellschaften haben auch die Glaubensformen Jugendlicher nachhaltig verändert, so lautet die Quintessenz unserer jugend- und religionssoziologischen Forschungen der letzten zwei Jahrzehnte. Die Herausforderungen der heutigen Zeit, die der englische Soziologe Anthony Giddens auf die griffige Formel gebracht hat: „Man hat keine Wahl, außer zu wählen“176, sind auch im religiösen Habitus allgegenwärtig und von einer Jugendlichen genauso prägnant charakterisiert worden: „Was ich glaube und wie ich meine Religion lebe, ist meine ganz private Sache“ (Sarah, 19 Jahre). Was hier zum Ausdruck gebracht wird, sind Formen religiöser Autonomisierung, für die wir in unserer Forschungsgruppe auch die Bezeichnung ‚religiöse Selbstermächtigung’ gewählt haben. Hierbei handelt es sich aber keineswegs um ein Spezifikum jugendlicher Religiosität, sondern um einen generationenübergreifenden Transformationsprozess des Religiösen, der aber im Umgang junger Menschen mit Religion sozusagen wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar wird. In unseren Forschungen sind wir auf sechs Aspekte gestoßen, an denen sich die Entwicklung hin zu einer wachsenden religiösen Selbstermächtigung ablesen lässt: • Im Blick auf die gegenwärtige Jugendreligiosität zeigt sich zunächst einmal, dass die Frage nach der Existenz einer wie auch immer gearteten transzendenten Wirklichkeit einen hohen Stellenwert hat: „Die " Institut für Demoskopie Allensbach 2000, S. 66. "! Giddens 1998, S. 49. 169 Neigung, auf ein Jenseits zu blicken, […] messbar etwa an dem Glauben an ein Leben nach dem Tod, findet man unter Jugendlichen relativ weit verbreitet. Je nach Fragestellung und Erhebungsmethode kann man diesen Glauben etwa bei der Hälfte bis zwei Drittel der Jugendlichen nachweisen.“177 Allerdings entkoppeln Jugendliche den Jenseitsglauben zunehmend von ihrem Diesseitsalltag. Denn die Bedeutung des Glaubens machen sie immer weniger an ihrer unmittelbaren Lebenssituation fest, vielmehr weisen religiöse Themen und Fragestellungen gerade über sie hinaus. Hier deutet sich im Selbstverständnis vieler Jugendlicher eine Verlagerung und ein Eigenwert des Religiösen an, der jenseits der Alltagsgeschäftigkeit liegt, und auf die ursprüngliche Funktion aller Glaubensvorstellungen zielt: die Bewältigung von Kontingenzerfahrungen (‚Betonung der Ursprungsbedeutung des Religiösen: Bewältigung von Kontingenzerfahrungen‘). • Die beiden großen christlichen Kirchen haben weiter an Boden verloren. Allerdings spüren sie die physische – und religiös-moralische – Abwesenheit der jungen Leute schon seit Längerem. Jedoch handelt es sich bei vielen Jugendlichen keineswegs um eine Fundamentalopposition, sondern ihr institutionelles Desinteresse zeigt sich in unterschiedlichen Formen, die von Nichtbeachtung und Ignoranz über kritische Distanz und gläubige Kirchenkritik bis zu instrumentellen Haltungen – und zwar in dem Sinne, dass Kirchen als Ritualdienstleister für bestimmte bedeutsame Lebenssituationen angesehen werden –, reichen können. Auffällig ist, dass Kirchenferne und Kirchenkritik nicht zwangsläufig zum Kirchenaustritt führen. Vielmehr bleiben die Überlegungen unabgeschlossen, d.h. der Kirchenaustritt wird als Option gesehen, die aber nur in den seltensten Fällen in eine definitive Entscheidung mündet. Auch – oder gerade – unter den kirchenskeptischen Jugendlichen findet sich die Vorstellung, dass sich die Kirche ändern muss. Wird die Kirchenmitgliedschaft jedoch formal aufgekündigt, dann ist es sehr schwer, den Bezug zur Konfession und Institution wieder herzustellen (‚Kirchenferne und Kirchenkritik‘). • In spätmodernen Gesellschaften ist durch die Verschränkung von Individualisierungs-, Mobilitäts-, Migrations- und Mediatisierungsprozessen ein Markt von Religionen entstanden. Jeder hat, wenn er denn möchte, die Möglichkeit, sich hier über die unterschiedlichsten Sinnstiftungsofferten zu informieren und davon Gebrauch zu machen. Ob buddhistische Meditation, schamanistische Ekstasetechnik- "" Gensicke 2006, S. 205. 170 en oder fernöstlicher Reinkarnationsglaube, immer mehr Menschen praktizieren einen überaus individuell geprägten, auswählenden Religionsvollzug, wobei gerade Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Ritualpraktiken in souveräner Manier miteinander kombinieren. Wenn „Patchwork-Religiosität als Zeichen religiöser Produktivität“178 zu werten ist, die mit der Auflösung homogener Frömmigkeitsstile und kirchlicher Kulturen zugunsten vielfältiger religiöse Praktiken und Spiritualitätsformen einhergeht, dann liefern vor allem religionsaffine Jugendkulturen wie etwa die Gothic-Szene179 reichlich Anschauungsmaterial für höchst eigenwillig zusammengebastelte Glaubenskreationen und religiöse Expressionsformen (‚Pluralisierung und Collagierung‘). • Der Formenwandel des Religiösen als Folge einer zunehmenden Individualisierung des Glaubens hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die soziale Organisation von Religion. Denn in den traditionellen Kirchen- und Gemeindestrukturen, die zwar nach wie vor weiter fortbestehen, lassen sich privatistische und synkretistische Glaubensformen nur schwer beheimaten. Als geeigneter – und anschlussfähiger – erweisen sich szenenartig organisierte Sozialformen, die gleichzeitig offener und thematisch fokussierter sind, eine lockere Verbundenheit in einem Netzwerk ermöglichen und deren Mitgliedschaft jederzeit aufkündbar ist. Für religiöse Szenen wie etwa die von Frère Roger gegründete Taizé-Bewegung oder die jugendkulturell beeinflusste Community der Jesus Freaks180 aber auch die immer projektförmiger und erlebniszentrierter konzipierte Arbeit der katholischen Vereins- und Verbandsjugend gilt: In ihnen kann man seine individuellen und aktuellen religiösen und sozialen Bedürfnisse ausleben, ohne sich dauerhaft binden zu müssen. Da in religiösen Szenen – wie im Übrigen in allen anderen Szenen181 auch – die Gemeinschaftsbildung und -bindung sehr fragil sind, hat sich in ihnen ein neuer einheitsstiftender Veranstaltungstypus etabliert: das Event. Wie sehr in den letzten Jahren der Trend zur Eventisierung der Religion zu neuen Veranstaltungsformen und einer wachsenden Resonanz insbesondere im Jugendbereich geführt hat, zeigen etwa die Diözesanjugendfestivals Jugend + Kirche + X, die europäischen Jugendtreffen von Taizé und nicht zuletzt die Katholischen Weltjugendtage, wobei wir vor allem das XX. Treffen der katholischen Weltjugend in Köln " Hempelmann 2003, S. 8. " Vgl. Schmidt/Neumann-Braun 2005. Vgl. Illigen 2010. Vgl. Gebhardt 2000. 171 im Sommer 2005 mit unserer Forschungsgruppe182 in allen seinen Facetten empirisch-ethnographisch untersucht haben (‚Verszenung und Eventisierung’). • Hand in Hand mit dem steigenden Zuspruch der Szenen- und Event- Religion und der zunehmenden Souveränität im Umgang mit der Institution Kirche und ihrer überkommenen Ritualpraxis geht die Sehnsucht und Suche nach einer authentischen Spiritualität einher. Eine in diesem Sinne lebendige religiöse Erfahrung ist eine ganzheitliche, multisensitive und erlebnishafte, ein spontanes religiöses Glücksempfinden, das vor allem bei Jugendlichen immer häufiger im Rahmen von spektakulären, medial aufgeladenen und körperbezogenen religiösen Veranstaltungen gemacht wird. Es ist das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Erlebnisreize, dass sie aus anderen Zusammenhängen kennen und das sie auf religiöse Kontexte übertragen, um unter ihresgleichen eine Art von gefühlter Religion mit bisweilen ekstatischen Einschlägen zu erleben – Transferhoffnungen auf die alltägliche kirchliche Religionspraxis eingeschlossen. Denn das, was etwa die Teilnehmer auf dem Weltjugendtag erlebt haben, wünschen sich viele auch für den Gemeindegottesdienst. Auch dieser soll zum spirituell berührenden ästhetischen Erlebnis werden und in seiner performativen Struktur Züge einer eigenen religiösen Jugendkultur annehmen, die sich in Gemeinschaft, eigener Sprache, körperlicher Expressivität und Musik ausdrückt (‚Spiritualisierung und Ästhetisierung‘). • Ob Kirchenferne oder Kirchenkritik, Pluralisierung oder Collagierung, Verszenung oder Eventisierung, Spiritualisierung oder Ästhetisierung, die genannten Trends und Entwicklungen in der heutigen religiösen Wirklichkeit besitzen keinen ausschließlich jugendspezifischen Charakter. Sie kennzeichnen vielmehr die religiösen Praktiken in allen Generationen, auch wenn sie in den Formen jugendlicher Religiosität in akzentuierter Weise in Erscheinung treten. Es gibt jedoch ein Element im religiösen Habitus der Jugendlichen, über das sie exklusiv verfügen und das sie auch bewusst und gezielt als Distinktionsstrategie gegenüber der Religiosität etwa ihrer Eltern einsetzen: die jugendkulturelle Durchdringung ihrer religiösen Expressivitätsformen. Vor allem der Weltjugendtag entpuppte sich hier als eine wahre Fundgrube für Bricolage- und Crossover-Strategien. Feiern und Beten, das waren dabei die beiden Pole resp. Sphären, die sich in immer neuen Konstellationen und Mischungsverhältnissen durchdrungen haben. Für diese Interferenz von religiösen und jugendkul- Vgl. Forschungskonsortium WJT 2007. 172 turellen Elementen haben wir den Begriff der „symbiotischen Religiosität“183 gewählt. Zum Ausdruck gebracht wird damit die stimmungsmäßige Aufladung eines religiösen Handlungsfeldes, denn für die beteiligten Jugendlichen war der Weltjugendtag eine Religionsparty im Megaformat. In souveräner Manier demonstrierten sie, dass religiöse Erfahrungen und Partymachen durchaus zueinander passen können. Zudem fand auf dem Weltjugendtag eine regelrechte Verschmelzung von sakralen und profanen Symbolen und Handlungsräumen statt (‚symbiotisch-coole Religionskultur‘). Abschließend ist festzuhalten, dass das gewachsene Autonomiebewusstsein der heutigen jungen Generation – und zwar weitestgehend unabhängig von städtischen oder ländlichen Lebenswelten – zu einer Lockerung und Loslösung von traditionellen kirchlich-religiösen Bindungen einerseits und einer Subjektivierung und Privatisierung des Religiösen andererseits geführt hat. Des Weiteren haben wir auch Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Daseinsdeutungen miteinander kombinieren. Dass sie neue Glaubensinhalte ausschließlich in alternativen religiösen Gruppen wie Sekten oder im Okkultismus finden, können wir allerdings nicht bestätigen. Denn gerade ihre Bindung an okkulte Praktiken wie Tischrücken, Pendeln oder Kartenlegen ist locker und temporär und steht eher in einer Komplementärbeziehung zum christlichen Glauben und weniger in einem Substitutionsverhältnis. Der dominante religiöse Bezugspunkt bleibt für sie das christliche Weltbild. Das bedeutet, für die Sinndeutung der Welt und die Sinnfindung der eigenen Existenz ist der christliche Glaube für viele Jugendliche unverzichtbar. Aber er hat Konkurrenz bekommen, denn alte Gewissheiten im Verhältnis von Jugend, Religion und Kirche sind durch die gleichzeitige Präsenz von alternativen Sinnwelten und Deutungsangeboten ins Wanken geraten. Auch wenn wir diese Frage nicht näher untersucht haben, so gibt es doch Anhaltspunkte dafür, dass Jugendliche christliche und nichtchristliche Glaubensüberzeugungen und Daseinsdeutungen miteinander kombinieren. Beispielsweise hat Carsten Wippermann in seiner religionssoziologischen Jugendstudie herausgefunden, dass es den jugendlichen Christen als reinen Typus realiter gar nicht gibt: „Von den Christen haben 28% gleichzeitig auch eine ‚deistische Weltauffassung‘, dass man das Wirken Gottes in der Welt wenig spürt und Gott sich nicht mit jedem Menschen persönlich befasst. […] Damit hängt zusammen, dass auch 15% der jugendl- Vgl. Vogelgesang 2008. 173 ichen Christen zugleich der Auffassung sind, ihr Leben werde letztlich durch die Gesetze der Natur bestimmt. […] Ähnlich viele sind von der Vorstellung eines ‚ewigen Kreislaufs‘ und der ‚Reinkarnation‘ überzeugt.“184 Diese Form religiöser Collagierung oder Patchwork-Orientierung dürfte im Übrigen durchaus auch für viele der von uns befragten glaubensorientierten Jugendlichen von Belang sein. Allerdings bleibt für sie das christliche Weltbild, so unsere These, der religiöse Fokus. Elemente aus anderen Glaubenssystemen und Weltanschauungen werden eher peripher und temporär angelagert und können somit als eine Art individuell gestalteter Religionsergänzung angesehen werden. Um diese Fragen weiter aufzuklären und empirisch zu fundieren, sind vertiefende biographische und längsschnittorientierte religionssoziologische Jugenduntersuchungen adäquate Zugangsstrategien. Wippermann 1998, S. 238. 175 7 Bleibeorientierung, Abwanderung und Rückkehrabsicht Zu den Aspekten, mit denen die Jugendlichen in der Eifel eine hohe Zukunftsrelevanz verbinden, zählen Überlegungen zur Ortsbindung und Abwanderung. Auch wenn damit viele Unwägbarkeiten einhergehen, nimmt die Auseinandersetzung mit diesen Fragen im Kontext persönlicher Lebensentwürfe bereits sehr früh eine zentrale Rolle ein. Zudem kommt ihr in unseren Jugendstudien auch deshalb eine große Bedeutung zu, weil sie unter der Stadt-Land-Perspektive eine besondere Brisanz hat. Lange Zeit herrschte nämlich in der Jugendforschung die Meinung vor, das dörfliche Sozialmilieu sei repressiv und habe Distanzierungen vom Dorf zur Folge. Hans Gängler fasst diese Sichtweise prägnant zusammen: „Das zunehmende Bildungsniveau, ökonomischer Wandel und Möglichkeiten der räumlichen Mobilität haben Jugendlichen die Abwanderung nahegelegt; von Landflucht war die Rede.“ Die Jugendlichen aus der Eifelregion erklären jedoch mit Nachdruck, dass diese Sichtweise als Pauschaldiagnose weder den örtlichen Lebensverhältnissen noch ihren individuellen Zukunftsplänen gerecht wird. In ihrem Herkunftsgebiet sehen sie keineswegs einen defizitären Restraum, sondern vielmehr eine Ressourcenregion, deren Potenziale es zu nutzen gilt. Allerdings ist auch deutlich geworden, dass die Bleibe- resp. Wanderungsentscheidung sehr vielschichtig ist und durch die Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit biografisch immer später erfolgt. 7.1 ,Bleiben oder Gehen‘ – eine pragmatische Entscheidung „Bleiben oder Gehen?“ Mit dieser Kurzformel haben uns die befragten Jugendlichen bereits in den explorativen Vorgesprächen signalisiert, dass die Entscheidung darüber, ob man am Wohnort bleiben oder ihn verlassen möchte, für sie eine eminent wichtige Angelegenheit ist. Auch wenn diese Frage weit in die Zukunft weist, also eine Zeitperspektive umfasst, die nur schwer überschaubar ist, beschäftigt sie die Jugendlichen dennoch sehr stark. Gängler 1990, S. 145. 176 Wie unterschiedlich darauf die Antworten sein können, zeigt auch eine kleine Synopse von Aussagen aus dem Bildband Jugend in der Eifel von Bettina Bartzen: • „Für mich ist klar, ich bleibe hier. Später möchte ich den landwirtschaftlichen Betrieb meines Vaters übernehmen. […] Als Landwirt muss ich mir für die Zukunft eine Nische suchen, wirtschaftlicher werden. Ich denke da an regionale Vermarktung, ökologischen Anbau und faire Milch. Es ist problematisch, wenn alles immer größer, schneller und mehr werden soll. Ein neuer Stall kann mal schnell über eine Million Euro kosten. Bei den Milchpreisen ist das nicht so einfach. Man lebt dann nur noch für den Betrieb. Aber ich mag die Selbstständigkeit und die Arbeit mit dem Vieh“ (Stefan, 19 Jahre).186 • „Unser Haus, wo zeitweise drei Generationen wohnten, haben meine Großeltern gebaut. Obwohl die Lage von Oberkail eher schwierig ist, würde ich das Haus auf keinen Fall verkaufen wollen. Wir liegen ungefähr zwischen Wittlich und Bitburg. […] Später möchte ich gern in einer ländlichen Region wohnen. Aber jetzt fühle ich mich noch zu jung, um mich festzulegen“ (Annika, 23 Jahre).187 • „Ich habe meine Kindheit in Bollendorf genossen. Immerhin wohnten wir ziemlich zentral. Nach Trier sind es 30 Minuten und in die Stadt Luxemburg eine Stunde mit dem Auto. […] Später möchte ich in jedem Fall in der Stadt wohnen – entweder in Holland studieren oder nach Nordrhein-Westfalen ziehen. Im Alter würde ich dann wieder zurückkommen“ (Dianne, 16 Jahre).188 • „In Deutschland kommt für mich nur die Eifel in Frage. Hier ist es ruhig, manchmal auch extrem langweilig. Trotzdem überwiegen die Vorteile fürs Land. Es gibt keinen Grund, von hier wegzuziehen. Die Eifeler sind zuerst distanziert, allerdings sehr hilfsbereit, wenn sie einen kennen. Meine Verwandtschaft ist in der ganzen Welt verteilt. Zurück nach Gaza-Stadt/Palästina, das Heimatland meiner Eltern, wollte ich nie“ (David, 24 Jahre). • „Mich zieht es nicht unbedingt in die Ferne. Hier sind meine Freunde, meine Familie und hier wohnt man sehr schön. […] Ich habe im August eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte angefangen. Im Moment arbeite ich in der Verbandsgemeinde Prüm. Wenn ich später keine Arbeitsstelle finde, müsste ich weggehen. Bartzen 2012, S. 58. Ebd., S. 18. Ebd., S. 20. Ebd., S. 30. 177 Aber ich hoffe doch, dass meine Arbeitschancen gut sind und ich hier bleiben kann“ (Sarah, 16 Jahre). • „Ich möchte auf jeden Fall hier weggehen. In der Eifel gibt es nichts außer Eintönigkeit. Die Leute interessieren sich hier mehr für das Leben der anderen als für ihr eigenes Leben. Deshalb kann man hier nicht leben, wie man möchte. Ich habe zwar meine Kindheit in Etteldorf verbracht, aber für mich bedeutet der Ort nichts. Ich bin ja nicht wirklich ein Deutscher. Meine Mutter kommt aus Brasilien. Wir sind jedes Jahr nach Brasilien geflogen. Dort ist Leben auf der Straße, einfach ganz anders als hier. Demnächst beende ich meine Ausbildung als Elektroniker für Betriebstechnik. Danach weiß ich noch nicht so genau“ (Stephan, 20 Jahre).191 • „Warum sollte ich wegziehen? Hier habe ich alles. Meine Freunde, Kollegen, schöne Wanderwege und den Wald. […] Ich habe gerade meine Ausbildung als Gärtner beendet und will jetzt den Jagdschein machen. Ich möchte im Landschaftsbau arbeiten, weil ich dort auch Teichbau und Pflastern lernen kann. Ich möchte auf jeden Fall meinen Meister machen und vielleicht mal nach England wegen der Rosengärten. Jetzt bin ich noch jung. Aber ab Mitte dreißig sollte man schon wissen, wo man hingehört“ (Christopher, 20 Jahre).192 • „Meine Heimat ist immer dort, wo sich ein gewisser Wohlfühlfaktor einstellt. Dazu zählen Berlin, Langeoog und die Eifel. Meine ersten drei Jahre bin ich in Berlin aufgewachsen. Ich mag auch das Meer, meine Mutter kommt ja aus Ostfriesland. […] Wenn ich später studiere, möchte ich nach Berlin. Es gefällt mir dort und es gibt viele interessante Leute. Ich könnte mir aber auch Bayern vorstellen, wenn es dort eine gute Uni gibt. Wenn ich in Rente bin, kann ich mir vorstellen, wieder in die Eifel zurückzukehren“ (Lasse, 15 Jahre).193 • „Ich denke, dass ich hier wohnen bleibe. Denn in der Stadt hat man kein Haus mit Wiese. Großstädter wissen gar nicht, wie das ist, im Dorf zu leben. […] Ich gehe noch zur Schule in Bitburg und parallel mache ich einmal die Woche ein Praktikum in einem Malerbetrieb. Aber ich weiß noch nicht so richtig, welchen Beruf ich später lernen möchte. Vielleicht gehe ich für die mittlere Reife weiter zur Schule. Die Arbeitschancen sind in der Eifel wieder besser geworden. Gerade im Handwerk gibt es viele Stellen“ (Sarah, 15 Jahre).194 190 Bartzen 2012, S. 36. Ebd., S. 42. Ebd., S. 48. Ebd., S. 68. Ebd., S. 72. 178 Was sich in den Äußerungen der Jugendlichen andeutet, ist bereits in älteren Jugendstudien nachgewiesen worden: Abwandern oder Bleiben ist ein individueller Entscheidungsprozess, in dem eine Vielzahl von Kriterien in unterschiedliche Stärke eine Rolle spielen. Auch unsere Untersuchungen bestätigen die Komplexität der Bleibe- resp. Wanderungsentscheidung, wie noch zu zeigen sein wird. In einer ersten Annäherung stellten wir den Jugendlichen dazu folgende Frage: „Beabsichtigst Du, in der Zukunft weiter in Deinem jetzigen Wohnort zu leben?“ Die fünf Antwortmöglichkeiten wurden unter der Perspektive ‚Bleibeorientierung‘ folgendermaßen zusammengefasst: • Der Faktor „hoch“ verweist auf den Wunsch und die feste Absicht, das weitere Leben im Heimatort zu verbringen. Allerdings schließt ein Teil dieser Jugendlichen nicht aus, aufgrund ausbildungs- und berufsbezogener Anforderungen ihren Heimatort vielleicht verlassen zu müssen. • Die Kategorie „mittel“ beinhaltet eine pragmatische und relativ offene Sichtweise auf den Verbleib im Wohnort. Erfasst sind vor allem diejenigen Jugendlichen, die dem Verlassen ihrer Heimatregion noch unschlüssig gegenüberstehen und sich zum Zeitpunkt der Befragung angesichts ausstehender ausbildungsbezogener und beruflicher Entscheidungen noch nicht festgelegt haben. • In die Ausprägung „niedrig“ wurden alle Jugendlichen gruppiert, die in ihrem Wohnort keine Perspektive sehen und ihn zukünftig in jedem Fall verlassen wollen. Vergleicht man auf dieser Basis die Antwortverteilungen der Jugendbefragungen aus den Jahren 2000 und 2011 miteinander, werden nur sehr geringe Veränderungen hinsichtlich des jugendlichen Bleibe- bzw. Wanderungsverhaltens sichtbar (vgl. Abb. 46). Zwar ist die Rate der abwanderungswilligen jungen Eifelbewohner leicht gestiegen, aber im Vergleich zu den Abwanderungsbewegungen in den neuen Bundesländern – wie etwa in Brandenburg ! – fällt sie sehr moderat aus. Weiterhin lässt sich feststellen, dass sich der Umgang junger Menschen mit der Wanderungsfrage nach wie vor durch eine spürbar pragmatische Sichtweise auszeichnet. Statt einer frühen Festlegung verfolgen Jugendliche das Ziel, individuelle Handlungsoptionen im Hinblick auf die eigene Zukunftsgestaltung vorzugsweise offen zu halten. Dies dürfte auch nicht unwesentlich damit zusammenhängen, dass der ländliche Raum vielerorts moderner, offener und entgrenzter geworden ist und neue Abwägungskonstellationen ermöglicht. Eine Studie zur Wanderungs- und Vgl. Pieper 1976; Dangel-Vornbäumen 2016. Vgl. Mohring 2007. 179 Bleibeorientierung junger Frauen in der österreichischen Steiermark unterstreicht diesen Sachverhalt: „Die individuelle Entscheidung zu gehen oder zu bleiben basiert auf sorgfältiger Abwägung wirtschaftlicher, zeitökonomischer und sozialer Überlegungen. Tragend ist hier die ‚Heterogenität‘ von Bevölkerungsgruppen. Damit ist angesprochen, dass die Gesellschaft ‚bunter‘ wird. Es gibt immer weniger Standardlebensformen und -stile, auf die man sich als Entscheidungsträgerin oder Entscheidungsträger einstellen kann. Dieser Befund trifft natürlich auch für junge Frauen in ländlichen Gemeinden zu.“197 Abbildung 46: Bleibeorientierung # 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die Jugendlichen aus der untersuchten Eifelregion verdeutlichten mit Nachdruck, dass die immer wieder kolportierte These von der Landflucht der jungen Menschen in dieser allgemeinen und undifferenzierten Form nicht zutreffend ist. Allerdings ist ihre ‚residenzielle Zukunftsplanung‘ von einer Vielzahl von Überlegungen und Kriterien abhängig: Auf der Grundlage von Erkenntnissen aus der Wanderungsforschung lassen sie sich in folgende Bedingungskategorien bündeln: biographische Faktoren (Ortsansässigkeit, Geschlecht, Alter, Bildung), soziale 197 Weber 2016, S. 227. 2000 2011 Erhebungsjahr Hoch Mittel Niedrig Bleibeorientierung 180 Faktoren (Eltern, Freund/Partner, Vereinszugehörigkeit, ehrenamtliche/politische/kirchliche Aktivitäten) und infrastrukturelle Faktoren (Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit/Kultur). Aber auch emotionale Faktoren (Ortsbindung, Zugehörigkeitsgefühl, Heimatliebe) sind hierbei bedeutsam. Diejenigen Einflussfaktoren, die sich in der statistischen Auswertung der Daten als besonders relevant für die Bleibe- resp. Wanderungsorientierung der Landjugendlichen gezeigt haben, sind im Folgenden näher dargestellt. 7.2 Einflussfaktoren auf die ‚residenzielle Mobilität‘ Zunächst einmal ist darauf zu verweisen, dass der Eifelkreis in puncto jugendliche Bleibe- und Abwanderungsorientierung kein homogener Raum darstellt, wie eine Differenzierung der entsprechenden Einschätzungsmuster nach Verbandsgemeinden offenlegt. Abbildung 47: Bleibeorientierung nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Eine starke Wohnortbindung und Bleibeabsicht bringen die in der Verbandsgemeinde Prüm befragten Jugendlichen zum Ausdruck. Im „Herzen der Eifel“, wie ein 20-Jähriger (Kai) aus Niederprüm diese Region liebevoll tituliert hat, fühlen sich die jungen Menschen offensichtlich recht wohl, so dass viele schon in jungen Jahren die Absicht bekunden, Prüm Neuburg Kyllburg Arzfeld Irrel Bitburg- Land Bitburg Speicher Verbandsgemeinden Hoch Mittel Niedrig Bleibeorientierung 181 hier leben zu wollen (43%) und nur eine kleine Gruppe (12%) sich mit Abwanderungsgedanken trägt. Noch geringer ist die Rate der ‚Abwanderungsbereiten‘ (10%) in der Verbandsgemeinde Bitburg-Land, allerdings ist hier die Zahl der ‚Unentschiedenen‘ (55%) im Vergleich zu allen anderen Untersuchungsregionen im Landkreis am höchsten. Ähnlich ist im Übrigen die Situation in der Stadt Bitburg. Auch hier haben viele Jugendliche (52%) noch keine festen auf den künftigen Wohnort bezogene Zukunftspläne. Die Jugendlichen in den Verbandsgemeinden Neuerburg, Kyllburg, Arzfeld und tendenziell auch Irrel liegen im Blick auf die Zukunftsplanungen in ihrer Wohnregion im statistischen Mittelfeld. Deutlich abgeschlagen und Schlusslicht im ‚jugendlichen Bleiberanking‘ ist die Verbandgemeinde Speicher. Hier ist die Quote der Bleibewilligen am geringsten (28%) und diejenige der potenziellen Wegzügler am höchsten (27%). Neben den regionbezogenen Differenzen lassen sich bei der Bleibe- resp. Abwanderungsorientierung auch signifikante Unterschiede in Abhängigkeit vom sozio-demographischen Status der Jugendlichen nachweisen. Tabelle 16: Bleibeorientierung nach sozio-demographischen Merkmalen (Angaben in Prozent) Bleibeorientierung hoch mittel niedrig gesamt 37 46 17 Geschlecht Jungen 46 41 13 Mädchen 28 52 20 Alter 14-17 J. 31 54 15 18-21 J. 38 44 18 22-25 J. 49 34 17 Bildung niedrig 41 44 15 mittel 39 46 15 hoch 35 47 18 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Vorstellungen zum Bleiben oder Abwandern bei männlichen und weiblichen Jugendlichen merklich voneinander abweichen. Während knapp die Hälfte aller Jungen (46%) eine hohe Bleibeorientierung erkennen lässt, liegt der entsprechende Wert bei den Mädchen mit 28% deutlich darunter. Die Gründe dafür, dass vor 182 allem junge Frauen den Wunsch zum Verlassen ihres Heimatortes verspüren, sind aufgrund ihrer Vielschichtigkeit noch nicht umfassend analysiert und bedürfen in der Zukunft einer genaueren Betrachtung. Soviel kann aber bereits jetzt festgestellt werden: Die in der 2000er Studie getroffene Feststellung, wonach „in ländlichen Gebieten die Vorstellungen zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen weitestgehend deckungsgleich sind,“ lässt sich in dieser Form nicht mehr aufrechterhalten. Offensichtlich bietet das dörfliche Leben in der Eifel heute nicht mehr im gleichen Umfang für beide Geschlechter hinreichend Chancen zu einer selbstbestimmten Lebensgestaltung. Zwar ist es zutreffend, dass sich die Handlungs- und Entscheidungsspielräume für Mädchen erweitert haben und sie selbständiger und selbstbewusster geworden sind, aber die dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen scheinen – gerade in der Ausbildungs- und Berufssphäre – im ländlichen Raum nicht gegeben zu sein. Konsens herrscht in der jugendsoziologischen Forschung nicht nur über die hohe Bedeutung des ländlichen Ausbildungs- und Arbeitsmarktes für junge Menschen, sondern auch über dabei sichtbar werdende Defizite für Mädchen, die darauf mit erhöhten Abwanderungsbestrebungen reagieren. Ebenso von Bedeutung ist das im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen höhere Bildungsniveau, das ihnen eine bessere ausbildungs- und berufsbezogene Startposition ermöglicht, verbunden mit der Hoffnung, diese in der Fremde zu erhalten. Es sind Bildungsinvestitionen und die daran geknüpften Erwartungen an eine ausbildungsadäquate Beschäftigung, die einen größeren Nutzen aus Mobilitätsentscheidungen versprechen. Neben wirtschaftlichen Gründen spielen zudem auch private Aspekte eine nicht unwesentliche Rolle für junge Frauen: Auf der Suche nach einer adäquaten partnerschaftlichen Beziehung und um traditionellen Rollenklischees zu entfliehen, zieht es verstärkt höher gebildete Mädchen in städtische Regionen. Abwandern oder Bleiben als Orientierungsmuster ist aber nicht nur abhängig vom Geschlecht der Jugendlichen, sondern auch von ihrem Alter. Auffällig ist dabei zunächst einmal, dass die Rate der ‚Abwanderungswilligen‘ in allen Alterskohorten ziemlich gleich ist und zwischen 15% und 18% liegt. Starke altersbedingte Unterschiede zeigen sich dagegen bei den Jugendlichen, die eine mittlere oder hohe Bleibeorientierung bekunden. Der Zusammenhang ist evident und entspricht der zu erwartenden biographischen Entwicklung: Mit steigendem Alter gewin- Vogelgesang 2001, S. 68. 199 Vgl. Putzing 2006, S. 76f. 200 Vgl. Gerloff 2004, S. 228f. 183 nen die Lebens- und Zukunftspläne an Substanz und Verbindlichkeit. Übertragen auf ihren ins Auge gefassten künftigen Wohnort bedeutet dies, dass fast die Hälfte der 22- bis 25-Jährigen (49%) sich vorstellen kann, in der Region zu bleiben. Die Bedeutsamkeit der eigenen beruflichen Laufbahn wird auch hier deutlich sichtbar. Es liegt der Schluss nahe, dass vor allem die jungen Erwachsenen bereits in einem festen Ausbildungs- oder Erwerbsverhältnis stehen und sich ihre Bleibeorientierung in der Folge signifikant erhöht. Allerdings gibt es hierzu auch eine gegenläufige Entwicklung, die mit dem Bildungsniveau zusammenhängt. Die Korrelation hat sich jedoch gegenüber der 2000er Untersuchung abgeschwächt – bei den männlichen Jugendlichen im Übrigen stärker als für die weiblichen –, so dass unter den jungen Eifeler diesbezüglich gegenwärtig nur noch von einer Tendenz gesprochen werden kann: Mit steigendem Bildungsniveau geht die Bereitschaft, in der Region wohnen zu bleiben, leicht zurück. Zudem kommt in der bildungsabhängigen Wanderungsmobilität ein sehr pragmatisches Verhältnis zwischen Ortsbindung und beruflicher Perspektive zum Ausdruck. Auch wenn der Ortswechsel bisweilen schwerfällt und einem erzwungenen Abschied gleichkommt, er entspricht den Erfordernissen der heutigen Bildungs- und Berufswelt und wird vor allem von den Studierenden als absolut notwendig wahrgenommen. Dass diese ‚mobile Lebenseinstellung’ sich bereits sehr früh ausbildet, verdeutlicht die Äußerung einer Gymnasiastin: „Ich weiß, dass ich aus Bitburg weg muss, wenn ich Ökotrophologie studieren will und mal an einen guten Job rankommen möchte. Aber meine Wurzeln sind hier und bleiben hier. Ich kann mir auch vorstellen, später wieder hierher zurückzukommen“ (Julia, 16 Jahre). Letztlich zeigt sich auch am residenziellen oder ortsgebundenen Mobilitätsverhalten der Jugendlichen, welchen Stellenwert sie einer qualifizierten Berufsarbeit zuschreiben. Auch in der Aussage einer Studentin, mit der wir in der Vorbereitungsphase unseres Projektes ein längeres Gespräch geführt haben, ist dieser Aspekt sehr klar und eindringlich formuliert: „Heute kommt kein Job auf dich zu, du musst auf den Job zugehen. Ob Praktikantenstelle oder Managerposten, die Grundregel ist die gleiche: Dabeisein heißt Mobilsein“ (Carmen, 24 Jahre). Dass diese mobile Lebenseinstellung und Zukunftsplanung der Landjugend nicht nur in einem Wechselwirkungsverhältnis zu ihren Sozialmerkmalen steht, sondern der Verbleib oder Wegzug aus dem Wohnort von weiteren Kriterien abhängig ist, wurde in der Mobilitäts- und Wanderungs- Vgl. Vogelgesang 2001, S. 68f. 184 forschung immer wieder nachgewiesen. Aus diesem Grund stellten wir den Jugendlichen zusätzlich die Frage: „Was sind für Dich Gründe, um in Deinem jetzigen Wohnort zu bleiben?“ Abbildung 48: Bleibegründe (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die Antwortverteilung auf die Frage nach den Gründen für ein Verbleiben im Wohnort zeigt deutlich, dass vor allem zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb des dörflichen Lebensraums eine besondere Bedeutung im Kontext der Bleibeorientierung zukommt. So geben über zwei Drittel der Befragten (71%) ihre Eltern, Geschwister und Verwandte und 63% Freundschaften als positiven Faktor bei der Entscheidung für das Bleiben im Heimatdorf an. Denn wie bereits dargelegt203, charakterisiert eine ausgeprägte Familienorientierung – sowohl im Hinblick auf die Zuwendung zur eigenen Familie als auch auf den persönlichen Kinderwunsch – zunehmend die Wertewelt junger Erwachsener auf dem Land. Während die Besinnung auf die eigenen Wurzeln in Zeiten biographischer Unsicherheiten und Umbrüche auf dem Weg ins Erwachsenenleben Rückhalt und emotionalen Beistand bieten, sehen die Eifeler Jugendlichen in der Gründung einer eigenen Familie auch eine zentrale Vgl. Tully/Baier 2006. 203 Siehe hierzu Kap. 3.3.2. Studium Freizeitmöglichkeiten Berufsausbildung Partner/in Arbeitsplatz Zusammenhalt/intakte Gemeinschaft Nähe zur Natur Heimatverbundenheit Freundschaften Eltern/Geschwister/Verwandte 185 Sinninstanz für ein erfülltes Leben. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass sich auch mit dem Eingehen einer partnerschaftlichen Beziehung der Wunsch und das Bestreben, im Heimatdorf zu bleiben, deutlich erhöhen. Die Korrelationsanalyse zeigt darüber hinaus allerdings, dass für die Cliquenbildung – im Unterschied zu anderen Jugendstudien – keine Abhängigkeit nachgewiesen werden kann. Auch die Verfügbarkeit von adäquaten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen ist bei der Bleibe- bzw. Wanderungsentscheidung von Belang. Gerade für strukturschwache Regionen, wie sie vor allem für weite Teile des ländlichen Raums in den neuen Bundesländern bezeichnend sind, wurde festgestellt: „Es ist davon auszugehen, dass die bestehenden Probleme auf dem ländlichen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zwar nicht der alleinige, aber letztlich ein, wenn nicht sogar ‚der‘ entscheidende Einflussfaktor sind, der Jugendliche zum Abwandern veranlasst. Im Wesentlichen dürfte dies auch der Aspekt sein, der die hohe Dynamik dieses Prozesses erklärt.“ Dies gilt im Übrigen auch für die Arbeitsmarkteinbindung von Landjugendlichen auf europäischer Ebene, wie die Befunde des EU-Projekts ‚Policies and Young People in Rural Development‘ ! belegen: Wer in einer strukturschwachen Region abseits städtischer Agglomerationen wohnt, wird dieses Areal auf der Suche nach besseren Ausbildungsund Beschäftigungsmöglichkeiten sehr wahrscheinlich verlassen. Insbesondere das bereits diskutierte Bildungsniveau übt dabei einen zusätzlichen Einfluss auf die Abwanderungsentscheidungen der – insbesondere weiblichen – Jugendlichen aus. Was in diesem Zusammenhang bisher aber kaum thematisiert wurde, ist die Differenz zwischen der faktisch gegebenen Ausbildungs- und Berufssituation in der Region und dem tatsächlich vorhandenen Kenntnisstand der Jugendlichen und wie sich eine mögliche Falscheinschätzung auf die Ortsbindung und Bleibeentscheidung auswirkt. Die Korrespondenzanalyse zwischen dem Item: „In dieser Region gibt es interessante Berufsperspektiven“ und dem Index „Bleibeorientierung“ zeitigt ein eindeutiges Ergebnis: Danach korreliert der Entschluss junger Menschen in der Eifel, in ihrem Heimatort zu bleiben, auf signifikante Weise mit der positiven Einschätzung der beruflichen Chancen und Möglichkeiten in der regionalen Umgebung. Dagegen führt unzureichendes Vgl. Böhnisch/Funk 1989, S. 195f. Putzing 2006, S. 76. Vgl. Shucksmith 2010. 186 Wissen über im Nahraum verfügbare Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu einer deutlich schlechteren Bewertung des regionalen Arbeitsmarktes, was perspektivisch in die vermehrte Abwanderung qualifizierter Nachwuchskräfte münden dürfte. Abbildung 49: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von der Einschätzung der regionalen Berufsperspektiven (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Der hier sichtbar werdende soziale Prozess, in dessen Verlauf eine unzutreffende oder fehlerhafte Einschätzung eine fatale Handlungsdynamik auslösen kann, die dazu führt, dass das ursprünglich Unzutreffende schließlich tatsächlich eintritt, ist in der Soziologie und Sozialpsychologie in dem Konzept der ‚Self-Fulfilling Prophecy’ " theoretisch näher gefasst und an zahlreichen Beispielen dokumentiert worden. Um die Eigenlogik und den Teufelskreis solcher vorurteilsbesetzter Mechanismen zu durchbrechen, reicht guter Wille allein nicht aus. Notwendig ist vielmehr eine gezielte Intervention von außen, die im Blick auf die Fehleinschätzung der regionalen Berufsperspektiven durch viele junge Menschen in der Eifel nur lauten kann: Optimierung der Informationspolitik über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten in der Region und nach- Vgl. Merton 1995; Watzlawick 1981. Gut Teils-Teils Schlecht Regionale Berufsperspektiven Hoch Mittel Niedrig Bleibeorientierung 187 haltige, d.h. vor allem kontinuierliche und individuelle Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl. 7.3 Ortsbindung und Wohnortverantwortung Bisher ist deutlich geworden, dass der Verbleib oder Wegzug aus dem Wohnort eine polyvalente Abwägungsentscheidung darstellt, die allerdings keineswegs nur auf rationalen Überlegungen und sachlich kalkulierten Motivlagen basiert. Auch Fehleinschätzungen und Wissensdefizite – gerade in Bezug auf den regionalen Arbeitsmarkt – nehmen Einfluss darauf, wie junge Menschen in der Eifel ihre Bleibeperspektive ausrichten. Aber auch der Tenor öffentlicher Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit von Landgemeinden trägt dazu bei, in welcher Weise Jugendliche ihr regionales Umfeld wahrnehmen. Ein nicht zu unterschätzendes Problem – und ein starker Impulsgeber für Abwanderungs- überlegungen – ist in diesem Zusammenhang das schlechte Image, das der ländliche Raum hat resp. ihm zugeschrieben wird. Oft wird er nur als Anhängsel der Stadt gesehen, in dem gerade jungen Menschen eine Art Diaspora-Situation drohe, der man möglichst schnell den Rücken kehren sollte. Stefan Lenz und Klaus Farin fassen das nach wie vor grassierende Stereotyp vom ‚ländlichen Looser‘ pointiert zusammen: „Land – Provinz – Kleinstadt ist für viele Junge das, wo man weg will, dahin, wo das wilde Leben pulsiert, in die Großstadt. Wo Punk, Techno, HipHop und andere lebendige Szenen, Kulturen und Subkulturen blühen – je nach Geschmack, Style, politischer und musikalischer Orientierung für jeden etwas. Land bedeutet Saufen, Schützen- und Karnevalsvereine, Trachtenkapellen und Fußball, den gibt’s überall. Aber richtige Szenen? Aus zwei Punks im Dorf wird bestenfalls eine Skatrunde, wenn sie noch einen dritten Verbündeten finden, aber niemals eine wirkliche Szene. Land ist das, wo man unverschuldet herkam, bevor das eigentliche Leben begann. Land bedeutet: Ich will hier raus!“ Auch wenn das hier skizzierte Bild jugendlicher Landflucht als Massenphänomen nicht zutrifft, was die Autoren auch sehr anschaulich an der von ihnen untersuchten Landgemeinde Waldshut-Tiengen – einer im Südwesten Baden-Württembergs und unmittelbar an der Schweizer Grenze gelegenen Doppelstadt von etwas mehr als 20.000 Einwohnern – belegen können, so gibt es hierzulande durchaus auch strukturschwache Regionen, in denen die Abwanderung Jugendlicher ein sehr reales und für die entsprechenden Regionen auch ein massives Problem darstellt. Denn dadurch wächst die Gefahr, dass dünn besiedelte ländliche Lenz/Farin 2016, S. 38. 188 Räume noch weiter abgehängt werden. Allerdings sind die von uns untersuchten Landgemeinden im Eifelkreis von einer entsprechenden Abwärtsspirale nicht betroffen. Im Gegenteil, durch Zuwanderungen und Stadtnähe entsteht vielfach ein neuartiger Dorftypus, in dem zunehmend städtische Einflüsse sichtbar werden. Oder wie Detlef Baum schreibt: „Nun darf man sich die Urbanisierung des Dorfes nicht so vorstellen, dass sich das Dorf zur Stadt entwickelt oder Stadt wird. Vielmehr haben wir es mit einer dialektischen Verknüpfung urbaner Elemente und dörflicher Strukturen zu tun, die das Dorf weiterhin Dorf sein lassen, während sich aber im Dorf zugleich die Formen und Bedingungen sozialer Integration und die Art der Teilnahme an öffentlichen Diskursen und Kommunikationsprozessen verändern.“209 Angesichts dieser Befunde ist es nicht angebracht, den ländlichen Raum generell als Problemzone abzustempeln. Dies wird den tatsächlichen Gegebenheiten nicht gerecht. Denn es gibt Dörfer mit einer intakten, attraktiven Infrastruktur, die dem Bedürfnis nach Lebensqualität, sozialer Gemeinschaft und ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten sehr entgegenkommen. Dass in solchen ‚Wohlfühlorten‘ die Bleibeorientierung der jungen Menschen hoch ist, ist naheliegend. Aber es gibt eben auch Dörfer, die wie erstarrt wirken, und sich angesichts der demographischen Entwicklungen (Geburtenrückgang, Überalterung, Abwanderung) regelrecht in ihr Schicksal ergeben und in gewisser Weise an einen alten Mauer-Spruch aus DDR-Zeiten erinnern: „Der Letzte macht das Licht aus!“ Dass diese Dörfer heute vornehmlich in den neuen Bundesländern zu finden sind, hat spezielle Ursachen, die sehr stark mit den Folgen der Wiedervereinigung 1989 und einem massiven Abbau von Erwerbsmöglichkeiten im ländlichen Raum – und dies in engem Zusammenhang mit negativen Entwicklungsprognosen – zu tun haben. Dass darunter die junge Generation besonders zu leiden hat, ist mittlerweile schon fast ein Allgemeinplatz: „Vor allem Jugendliche sind es, die mit solch einem negativen Image aufwachsen und ab einem bestimmten Punkt ihrer Persönlichkeitsentwicklung genauer nachfragen: Wenn meiner Region nur eine negative Entwicklung vorhergesagt wird, welche Möglichkeiten bleiben dann hier für meine eigene Entwicklung? Wenn mir immer wieder gesagt wird, ich als jugendliche/r Landbewohner/-in gehöre zur Gruppe der Benachteiligten in unserer Gesellschaft, wie kann ich dieser Benachteiligung entkommen – doch nur, indem ich vom Land weggehe? Eigentlich 209 Baum 2014, S. 129. 189 sind es doch nur die ‚Looser‘, die auf dem Dorf bleiben, wer aus sich etwas machen will, geht von zu Hause weg! Solche und ähnliche Überlegungen stellen heute viele ostdeutsche Jugendliche an, die auf dem Land leben. Dieses Denken ist umso ausgeprägter, je peripherer eine Landregion ist, je stärker ihre wirtschaftlichen und arbeitsmarktlichen Problemlagen sind.“ Es ist leicht nachvollziehbar, dass ein solches Negativimage bei vielen jungen Menschen bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt dazu führt, sich mit Abwanderungsüberlegungen auseinanderzusetzen. Und wenn sich diese Vorstellung im Laufe der Zeit verfestigt, dann wird dadurch auch verhindert, über andere Perspektiven vor Ort nachzudenken und diese gezielt zu suchen. Ein entsprechender ‚residenzieller Tunnelblick‘ ist bei den Jugendlichen in der Eifel dagegen die Ausnahme. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass sie im Vergleich zu ihren ostdeutschen Altersgenossen ihre Region sehr viel optimistischer und ressourcenreicher wahrnehmen. Für sie hat die Dachmarke ‚Eifel‘ eine positive Wertigkeit, wie die Antwortverteilung zu folgendem Statement verdeutlicht: „Die Region, in der ich lebe, hat ein positives Image.“ Abbildung 50: Positives Image der Eifelregion (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Putzing 2006, S. 77. Trift sehr zu Trifft zu Teils-Teils Trifft eher nicht zu Trifft gar nicht zu 190 Über die Hälfte (58%) der Jugendlichen stellt der Eifelregion ein positives Zeugnis aus, etwas mehr als ein Drittel (34%) verbindet mit ihr sowohl positive als auch negative Aspekte und lediglich bei einer Minderheit (8%) überwiegt eine skeptische oder ablehnende Grundhaltung. Diese Ergebnisse unterstreichen noch einmal, was in den qualitativen Interviews zur Lebensqualität in den Wohnorten von den Jugendlichen bereits sehr facettenreich zum Ausdruck gebracht und von einer 17-Jährigen (Magdalena) auf die Formel gebracht wurde: „Die Eifel hat Charme und bietet Chancen.“ Das lange Zeit vorherrschende Negativimage eines strukturschwachen, abgehängten und sozialräumlichen Brennpunktgebiets gehört in den Augen der Jugendlichen der Vergangenheit an. Oder um eine weitere, prägnante Aussage eines jungen Mannes aus Waxweiler (Antonio, 20 Jahre) zu zitieren, die schon fast einer Liebeserklärung an seine Heimatregion gleichkommt „Die Eifel lebt!“ Solche und ähnliche Äußerungen legen den Schluss nahe, dass auch der Grad der Identifikation mit der dörflichen Heimat ein wesentlicher Bedingungsfaktor für Wanderungsentscheidungen darstellt. In der Landjugendforschung findet sich dazu eine Einteilung in drei Strategietypen: „der/die Heimatverbundene“, „der/die Zögerliche“ und „der/die (rationale) Planer/in.“ Während heimatverbundene Jugendliche sich einerseits durch eine enge soziale Einbindung in die Dorfgemeinschaft auszeichnen, die sie auch als Orientierungsrahmen für ihren weiteren Lebensverlauf ansehen, passen sie andererseits eigene Wünsche hinsichtlich einer möglichen Abwanderung entsprechend an. Der rational planende Typus hingegen ist charakterisiert durch die Verfolgung selbst gesteckter Ziele und Karriereschritte, unabhängig von örtlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. In seinem Fall überwiegen überregional orientierte Bedürfnisse deutlich die Anziehungskraft der regionalen Heimat. Der zögerliche Typus lässt die Wanderungsentscheidung einstweilen einmal offen und wartet ab, wie sich die Dinge entwickeln. Überträgt man diese ‚migratorischen Strategietypen‘ auf die Jugendlichen in der Eifel, dann lässt sich zunächst einmal ein enger Bezug zur Ortsansässigkeit belegen. Denn wer im Dorf geboren wurde, bekundet eine höhere Bleibeorientierung als die Zugezogenen (41% zu 30%). Gerade die elementare, emotional eingefärbte Identifikation mit dem Geburtsort sowie soziale Nähe und Vertrautheit führen bei den alteingesessenen Jugendlichen oftmals zu einer ausgeprägten Bleibeorientierung. Im Gegensatz dazu lassen sich zugezogene junge Menschen im Hinblick auf ihre Lebensplanung weniger von einer emotionalen Verbindung zum Wohnort als vielmehr von zweckrationalen Gründen lei- Woschnik 2015, S. 10. 191 ten. Allerdings kann sich mit fortschreitender Wohndauer auch ein emotionales Band zur neuen Wohnumgebung entwickeln. Zum Ausdruck kommt hier eine Bindungsform, die sich als heimatlich beschreiben lässt. Die Anthropologin Ina-Maria Greverus beschreibt Heimat als einen Ort, zu dem sich Menschen zugehörig fühlen, der Schutz bietet, Identifikationsmöglichkeiten gewährt und Aktivitäten er- öffnet. In diesem Sinne steht Heimat für Eingebundenheit, emotionale und soziale Nähe sowie Vertrautheit und Sicherheit bei den Umgangsformen, Bräuchen, Sitten und Gewohnheiten im Dorf. Und wer auf diese Weise mit seinem Wohnort verbunden ist, kann sich nur schwer vorstellen, ihn zu verlassen. Heimatorientierung – im Folgenden gemessen durch die Antworten auf das Statement: „Ich würde in meinem jetzigen Wohnort gerne alt werden“ – und Bleibeabsicht durchdringen einander regelrecht. Kaum einer anderen Korrelationsanalyse liegt ein vergleichbar hohes Signifikanzniveau zugrunde. Abbildung 51: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von der heimatlichen Ortsbindung (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Fast drei Viertel (72%) der jungen Eifeler mit einer ausgeprägten heimatlichen Dorfbindung bekunden gleichzeitig eine hohe Bleibeorientie- Vgl. Greverus 1979, S. 50. Hoch Mittel Niedrig Heimatliche Ortsbindung Hoch Mittel Niedrig Bleibeorientierung 192 rung. Eine diametral entgegensetzte Haltung findet sich bei denjenigen, die – wenn überhaupt – ihrem Wohnort nur peripher verbunden sind. In dieser Gruppe tragen sich die meisten mit Abwanderungsgedanken (87%). Und wer so eingestellt ist, sieht seine Zukunft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr in einem ländlichen, sondern eher in einem städtischen Umfeld. Wenn auch selten, so finden sich doch auch in den qualitativen Interviews Hinweise auf eine dorfdistanzierte Abwanderungsmentalität: „Ich werde hier in Metterich unter gar keinen Umständen wohnen bleiben. Das ist tiefste, eintönige Provinz. Nach meinem Abi heißt für mich die Devise: Eifel ade“ (Lars, 18 Jahre). Auch wenn wir auf diesen Typus des ‚jugendlichen Landflüchtlings‘ nur vereinzelt gestoßen sind, so ist unter den Heranwachsenden in der Eifel eine Tendenz zu sachlich-rationalen Überlegungen bei der wohnortbezogenen Zukunftsplanung unverkennbar. Dies dürfte wesentlich damit zusammenhängen, dass sich ihre Lebensplanung biographisch und beruflich noch in einer offenen Phase befindet, die einen Wohnortwechsel als sehr wahrscheinlich erscheinen lässt. Flexibilität und Mobilität als Wesensmerkmale der Generation Y sind Anforderungen und Herausforderungen, denen sich die Jüngeren auch in ländlichen Regionen wie der Eifel stellen müssen.213 Diese Form pragmatischer Zukunftsplanung steht für viele junge Menschen, mit denen wir im Rahmen der Untersuchung Kontakt hatten, nicht im Widerspruch zur dörflichen Identifikation und Teilhabe. Selbst wenn es künftig durch besondere Lebensumstände notwendig werden sollte, den Heimatort zu verlassen, in der Gegenwart sind es die auf den sozialen Nahraum ausgerichteten gemeinschaftlichen Aktivitäten, die ein nachhaltiges Zugehörigkeitsgefühl zur Wohnumgebung wecken und stärken und regelrecht zu Generatoren einer wachsenden Bleibeorientierung werden. Dabei betonen die Jugendlichen zudem ihre aktive und eigenverantwortliche Rolle, wie die Antwortverteilung auf die Frage: „Ob ich mich hier im Ort/der Stadt wohlfühle oder nicht, dafür bin ich auch selbst verantwortlich“ unterstreicht. Vier von fünf Befragten stimmen der Auffassung völlig oder doch eher zu, dass persönliches Engagement unverzichtbar ist, um sich an seinem Wohnort wohlzufühlen. Sich einbringen und Mitmachen werden von ihnen als Handlungsziele bekundet, von denen auch eine starke Bindungs- und Integrationskraft ausgeht. Hier deutet sich an, dass Individualisierungsbestrebungen und Gemeinwesenorientierung sich keineswegs ausschließen müssen, sondern viele Jugendliche scheinen ganz offensichtlich eine Grundhaltung auszubilden 213 Siehe hierzu Kap. 3.3. 193 und darauf bezogen Strategien zu entwickeln, die eine Verschränkung beider Orientierungsmuster erlauben. Wie auch immer im Einzelnen die subjektive Ausgestaltung sozialer Zugehörigkeit und Verantwortungs- übernahme aussieht, dieses Ergebnis unterstreicht, dass die in der öffentlichen Auseinandersetzung manchmal geäußerten Befürchtungen vom sozialen Kollaps als Folge einer hedonistischen Ich-Orientierung in dieser extremen Form keine Entsprechung im Jugendalltag und im jugendlichen Selbstverständnis haben. Jenseits dieser stereotypen Vorstellungen vom Schwund des öffentlichen Engagements und einem antisozialen, egoistischen Habitus der heutigen Jugend wird vielmehr eine Tendenz zur sozial-räumlichen Mitverantwortung bei den jungen Menschen im Eifelkreis sichtbar, die ihrerseits Hand in Hand geht mit einer wachsenden Ortsbindung. Abbildung 52: „Bleibeorientierung“ in Anhängigkeit von Eigenverantwortung für das dörfliche Gemeinwesen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Auch wenn hier kein Kausalitätsverhältnis unterstellt werden darf, sondern viel eher von einer Wechselwirkungsbeziehung auszugehen ist, die Zusammenhangsanalyse lässt keinen Zweifel daran, dass zwischen Ortsbindung und Ortsengagement ein hoch signifikanter Bezug besteht. Denn wer davon ausgeht, dass Wohlfühlen und Integration mit dem Hoch Mittel Niedrig Eigenverantwortung für das dörfliche Gemeinwesen Hoch Mittel Niedrig Bleibeorientierung 194 Herkunfts- resp. Wohnort immer auch von Eigenverantwortung und Eigeninitiative abhängen, der bekundet auch eine hohe Bleibeorientierung. Umgekehrt gilt aber genauso, dass eine ausgeprägte Ortsbindung Einfluss nimmt auf die Mitgestaltung der sozialen Lebenswelt. „Wo ich wohne“, so eine Jugendliche (Sabine, 23 Jahre) schon beinah emphatisch, „da lebe ich doch auch. Für mich heißt das: dazugehören, mitmachen, sich zeigen. Auch wenn ich nicht immer am selben Ort bleiben kann, was heute ja kaum noch geht, solange ich da bin, bin ich doch ein Teil davon.“ Insgesamt kann – und zwar unabhängig davon, wie die Wanderungsentscheidung der jungen Eifeler letztlich ausfällt – Folgendes festgehalten werden: Die Heimatregion stellt in ihrem Bewusstsein oftmals so etwas wie einen festen Stützpunkt dar, den man nicht aufgeben möchte. Die in den Interviews betonte emotionale Verbindung zum eigenen Herkunftsort spiegelt sich auch in den Befunden zur Frage nach der Rückkehrabsicht junger Menschen wider. Auf die Frage: „Könntest Du Dir vorstellen, später wieder in Deinen Heimatort zurückzukehren?“ antworteten über die Hälfte (53%) der Befragten mit einer klaren Zustimmung. Während 32% noch unentschlossen waren, entfiel auf diejenigen Jugendlichen, die eine endgültige Rückkehr in die Heimat ablehnten, mit 15% der geringste Anteil. Selbst wenn sie ihre Heimatregion aufgrund ihres individuellen Bildungs- und Berufswegs verlassen müssen, so bleiben ihr viele Jugendliche in besonderer Weise emotional und sozial verbunden, wobei auch eine spätere Rückkehr von den wenigsten Befragten ausgeschlossen wird. Oder um es in den Worten einer 24-jährige Fachoberschülerin (Sandra) auszudrücken: „Da wo ich herkomme, das bleibt immer mein Lebensmittelpunkt.“ 195 8 Zusammenfassung und Ausblick Abschließend sollen nochmals die wichtigsten Befunde unserer Untersuchung zusammengefasst und im Hinblick auf sich abzeichnende Entwicklungen akzentuiert werden. Dabei gilt es vorab daran zu erinnern, dass das Aufwachsen in ländlichen Lebensräumen nach wie vor in medialen und wissenschaftlichen Darstellungen oftmals sehr pauschal mit einem Ausschluss aus wesentlichen kulturellen, bildungsbezogenen und sozialen Beteiligungskontexten gleichgesetzt wird. Und auch die Schlussfolgerung wird gleich mitgeliefert: Um den Anschluss nicht zu verlieren und Einbußen in Bezug auf Karriere, Freizeit und Mobilität zu vermeiden, seien Abwanderung und Landflucht junger Menschen naheliegende Konsequenzen. Obwohl auch den Jugendlichen in der Eifelregion Mobilitätsüberlegungen keineswegs fremd sind, ist deutlich geworden, dass derartige pauschale Behauptungen über einen rückständigen Lebensraum, der keine Zukunftsperspektiven bietet, offenkundig zu kurz greifen und vielschichtige, individuelle Handlungsüberlegungen und Lebenspläne ausklammern. Genau diese wollten wir jedoch mit unserer Jugendstudie möglichst facettenreich, authentisch und alltagsnah in den Blick nehmen. Dass bei solch einer lebensweltlichen Porträtierung der Eifeljugend immer auch der räumliche und infrastrukturelle Kontext berücksichtigt werden muss, legt eine an der Sozialraumperspektive orientierte Landjugenduntersuchung nahe. Forschungsmethodisch erfolgte die Aufdeckung der Lebensformen und Zukunftspläne der Jugendlichen im Landkreis Bitburg-Prüm durch eine im Jahr 2011 durchgeführte Repräsentativbefragung von 14- bis 25-Jährigen, deren Ergebnisse mit einer früheren Untersuchung aus dem Jahr 2000 verglichen und durch Befunde aus qualitativen Gesprächen mit Jugendlichen ergänzt wurden. Die auf diese Weise gewonnenen Daten über die jugendlichen Handlungs-, Beziehungs- und Einstellungsmuster sind zudem vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse zu interpretieren. Denn gerade in Zeiten erweiterter Möglichkeitsräume und zunehmender Wahlfreiheit sehen sich auch die jungen Landbewohner mit der Herausforderung konfrontiert, traditional-dörfliche Normen und Werte mit globalen, medial durchdrungenen Wertanschauungen und Lebensstilen in Einklang zu bringen und mit der damit verbundenen Eigenverantwortung fertig zu werden. Es gilt für sie – inmitten eines oftmals verwirrend erscheinenden Nebeneinanders von unerschöpflichen Optionen einerseits und den tatsächlich zur 196 Verfügung stehenden individuellen Ressourcen andererseits – das Projekt des eigenen Lebens angemessen in die Tat umzusetzen. Eine Herausforderung, die in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle spielt, ist die Schaffung einer zufriedenstellenden Balance zwischen schulischen, ausbildungs- und karrierebezogenen Handlungsfeldern sowie der privaten Lebensgestaltung – eine Aufgabe, der sich die jungen Eifeler mit einer ausgeprägt pragmatischen Sichtweise annähern. Auf folgende bildungsbezogenen Strukturmerkmale ist zunächst einmal aufmerksam zu machen: • Für die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen in der Eifelregion ist Jugendzeit fast ausschließlich Schul- und Ausbildungszeit. Der gesamtgesellschaftliche Trend zur Verschulung der Jugend geht dabei auch hier mit einem kontinuierlichen Anstieg des formalen Bildungsniveaus einher. Allerdings ist die Region kein homogener Bildungsraum, sondern in den einzelnen Verbandsgemeinden lassen sich markante Bildungsunterschiede nachweisen (abhängig u.a. von der Ortsansässigkeit). • Von der allgemeinen Bildungsexpansion profitieren auch im Eifelkreis nicht alle Jugendlichen in der gleichen Weise. So haben die Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, wenn auch auf einem hohen Niveau, weiter zugenommen. Auch bei der Einmündung in anspruchsvolle Berufslaufbahnen haben weibliche Jugendliche ‚die Nase vorn‘. Der Grund ist, dass sie flexibler mit ihrer Geschlechtsrolle umgehen und eine bessere Work-Life-Balance zwischen Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit, Partnerschaft und Elternfamilie realisieren. • Das Bildungsniveau der in der Eifel lebenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist in vergleichbarer Weise gestiegen wie das der deutschen Jugendlichen insgesamt, wobei junge Spätaussiedler, die vornehmlich in den 1990er Jahren mit ihren Eltern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zugewandert sind, den mit Abstand größten Bildungssprung gemacht haben. Auch im Ausbildungs- und Berufssystem hat sich die Benachteiligung jugendlicher Ausländer und (verstärkt) Aussiedler erheblich verringert. • Jugendliche erkennen heute mehr denn je – auch in ländlichen Gebieten wie der Eifel – die Schlüsselrolle von Bildung und lebenslangem Lernen für ihren persönlichen Werdegang. Der Qualifikationserwerb erfolgt dabei zum einen in den klassischen Bildungseinrichtungen, ablesbar vor allem am Anstieg des formalen Bildungsniveaus aber auch an beruflichen Mehrfachausbildungen. Daneben ge- 197 winnen informelle Lernfelder und -strategien zunehmend an Bedeutung (Jugendszenen und Jugendeinrichtungen als ‚geheime Bildungsprogramme‘, Internet als Wissensbörse). • Nach wie vor große Bildungsunterschiede bestehen – auch in der Eifel – zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten. Zwar präferieren über die Hälfte der Eltern in Deutschland einen hohen Abschluss für ihre Kinder, aber die vorhandenen Unterschiede zwischen den Herkunftsmilieus lösen sich dadurch nicht auf. Beobachtbar ist vielmehr ein in der Bildungsforschung als ‚Fahrstuhleffekt‘ beschriebener Prozess, nach dem die vorhandenen herkunftsabhängigen Bildungsunterschiede sich auf ein höheres Niveau verlagern, letztlich aber konstant bleiben. Neben den Schichtdisparitäten sind wir noch auf weitere – eher ausbildungsbezogene – Ungleichheiten gestoßen, wie sie in ähnlicher Weise auch in der neueren beruflichen Qualifikationsforschung immer wieder ausgewiesen werden: • Die geschlechtstypische Zuweisung von Ausbildungsplätzen führt zur Tradierung von frauen- bzw. männerspezifischen Berufsfeldern. Allerdings ist eine Tendenz junger Mädchen zu moderneren Tätigkeitsfeldern nachzuweisen. • Obgleich auch das Handwerk den jungen Menschen nach wie vor interessante Beschäftigungsperspektiven bietet, befinden sich Ausbildungsberufe im dienstleistenden Bereich auf dem Vormarsch: Die Beteiligung hat sich von 2000 bis 2011 nahezu verdoppelt. • Jugendliche Übergänge von der Schule in den Beruf folgen vermehrt einer individuellen Logik, die zunehmend von (Um-)Orientierungsphasen, Kompetenzerwerb an informellen Lernorten und zusätzlichen Qualifizierungsmaßnahmen geprägt ist. • Das duale Ausbildungssystem wirkt im Hinblick auf soziale Chancengleichheit höchst ambivalent: Während es einerseits soziale Disparitäten herausbildet oder verschärft, gelingt es in anderen Fällen, Ungleichheiten abzumildern und einzuebnen. • Neben der ‚verordneten Bildung’ gibt es einen starken Trend zur ‚freiwilligen Selbstqualifizierung‘. In der Folge beschränkt sich der Wissenserwerb nicht nur auf die Schule, Hochschule oder den Ausbildungsbetrieb, sondern erfolgt vermehrt im Rahmen außerschulischer Lernarrangements. Jugendkulturelle Kontexte und Szenen gewinnen an Bedeutung, in denen ‚soft skills‘ (wie Engagementbereitschaft oder soziales Verhalten) aber auch ‚hard skills‘ (wie Webdesign oder Eventmanagement) in ungezwungener Umgebung erworben und erweitert werden können. 198 Auf einen wichtigen Befund ist in diesem Zusammenhang noch aufmerksam zu machen: Während 73% der Jugendlichen nach eigenen Angaben eine gute Kenntnis des überregionalen Arbeits- und Ausbildungsmarktes haben, liegt der entsprechende Wert im Hinblick auf die regionale Situation mit 62% deutlich darunter, wobei es insbesondere jungen Frauen und höher Gebildeten an Informationen mangelt. Der nachgewiesene ‚Teufelskreis‘ zwischen einer subjektiven Fehleinschätzung des Arbeitsmarktes und erhöhten Abwanderungstendenzen von Jugendlichen weist darauf hin, dass eine Ergänzung, Fundierung und Systematisierung ausbildungsorientierter Informationsangebote – insbesondere in Zusammenarbeit mit den Gymnasien – dringend geboten erscheint. Dass es sich bei dem Wunsch nach mehr Unterstützung bei der Berufswahl um kein ausschließlich regionales Problem in unserem Untersuchungsgebiet handelt, zeigen auch die Ergebnisse einer Jugendstudie in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2015: „67% der Gymnasiasten fühlen sich in Fragen der Berufsorientierung zu wenig unterstützt und 43% von ihnen wünschen sich mehr Hilfe vom Berufsinformationszentrum. Diese Zahlen sind bei anderen Schularten deutlich geringer. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat mit einem Bündel von Maßnahmen auf diese Situation reagiert. So wird das Fach Ökonomie eingeführt, Berufspraktika und Kompetenzportfolios werden fester Bestandteil der neuen Bildungspläne.“ Soviel ist bisher deutlich geworden: Bildungsanstrengungen haben für die Eifeljugendlichen eine hohe Bedeutung. Zugleich streben sie danach, Ausbildung und Beruf auch mit freizeitlichen und sozialen Handlungsfeldern in Einklang zu bringen und in ein Lebensmodell zu integrieren, das gleichermaßen von Autonomiebestreben, Sinnhaftigkeit sowie Familienorientierung geprägt ist. Dass vor allem die Familie in den Lebensentwürfen der Jugendlichen einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, ist dabei zum einen an einem gestiegenen Ansehen der Herkunftsfamilie und dem guten Verhältnis zu den eigenen Eltern abzulesen, zum anderen auch an dem immer wieder geäußerten Kinderwunsch. Das Bedürfnis nach einem verlässlichen Rahmen im privaten Umfeld zeigt sich jedoch nicht nur im Verhältnis zur eigenen Familie, sondern auch in einer Neugewichtung von Lebenseinstellungen, die sich in einem Streben nach Sicherheit und Beständigkeit niederschlägt. Zwar kommt Tugenden wie Ehrgeiz, Durchsetzungsfähigkeit und Selbstständigkeit nach wie vor eine hohe Bedeutung insbesondere im Schiffers/Antes 2015, S. 75. 199 Hinblick auf die eigene berufliche Karriere zu, diese dürfen allerdings nicht die Überhand gewinnen. In eine ähnliche Richtung verweisen auch die Befunde, dass prosoziale Orientierungen und Verantwortung eine bedeutende Rolle für die Lebensentwürfe der jungen Eifelbewohner spielen. Ein Großteil der befragten Jugendlichen – und hier vornehmlich ältere und gut gebildete junge Menschen – ist davon überzeugt, persönlich über die eigene Lebensgestaltung verfügen zu können und nicht hilflos dem Schicksal ausgeliefert zu sein, zudem sehen sie der Zukunft optimistisch, pragmatisch und zielstrebig entgegen. Allerdings sind diese positiven Zukunftsvorstellungen vorrangig bei den Jugendlichen festzustellen, die über eine hohe interne Kontrollüberzeugung und ein gefestigtes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verfügen. Wer von sich und seinen Stärken überzeugt ist, zweifelt auch nicht daran, zukünftige Herausforderungen zufriedenstellend meistern zu können. Ein Jugendlicher hat den Glauben an die Zukunft und an sich selbst so umschrieben: „Wie ich mein Leben in Zukunft führen werde, hat nichts mit Schicksal und Glück oder Pech zu tun, sondern damit, was ich daraus mache“ (Oliver, 19 Jahre). Neben dem Zukunftsoptimismus und der angestrebten Work-Life-Balance zwischen Schule, Beruf und Familie spielt für die Jugendlichen auch die Gestaltung der Freizeit eine wichtige Rolle. Dabei zeigt sich, dass Geselligkeit und Vergnügen die zentralen Elemente im Freizeitrepertoire sind. Man will mit Altersgleichen zusammenkommen, um Bekanntschaften zu machen, Freundschaften zu pflegen und gemeinsam Spaß zu haben. Aufgrund neuer mediatisierter Erlebnis- und Kommunikationskontexte sind gemeinsame Kneipen- oder Diskothekenbesuche im Vergleich zur Befragung aus dem Jahr 2000 allerdings deutlich rückläufig. Dieser partielle Rückzug aus öffentlichen Freizeiträumen wird in der neueren Jugendforschung auch als „Verhäuslichungstendenz“ beschrieben und kritisch bewertet: „Für das Entdecken und Entfalten eigener Potenziale und Interessen, für Identitäts- und Persönlichkeitsbildung ist die Nutzung außerschulischer Settings essentiell. Wenn sich die Jugend verhäuslicht – bei gleichzeitiger Abwesenheit der zunehmend berufstätigen Eltern – sind Sozialisationsdefizite und Risiken der Vereinsamung abzusehen.“ Angesichts des sozialen Spektrums der Freizeitaktivitäten erachten wir diese Befürchtungen für die Jugend in der Eifel als unbegründet. Denn Weingardt 2015, S. 110. 200 neben dem Treffen von Freunden und der Zugehörigkeit zu Peergruppen bestimmen auch sportliche Aktivitäten die freizeitlichen Pläne der Eifeljugendlichen. Auffällig ist, dass sich neben den klassischen Vereinssportarten wie Fußball oder Tennis zunehmend auch Betätigungsformen aus dem Fun- und Fitnessbereich etablieren. Allerdings verbringt die Mehrzahl der Jugendlichen (71%) immer noch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit in Sportvereinen, Hilfsorganisationen oder anderen vereinsähnlichen Institutionen, die im Vergleich zum Jahr 2000 deutlich an Zuspruch gewonnen haben. Der bei weitem beliebteste Typus ist dabei nach wie vor der Sportverein. Mit deutlichem Abstand folgen Mitgliedschaften in freiwilligen Hilfsorganisationen, Musikvereinen oder kirchlichen Gruppen. Die geringste Resonanz erhalten Jugendverbände, Fanclubs und politische Jugendorganisationen. Viele Eifeljugendliche sind zudem Mitglied in mehreren Vereinen oder Gruppierungen. Die Gründe hierfür liegen zum einen im geringeren Angebot an anderen Freizeitmöglichkeiten, zum anderen kommt Vereinen und Gruppen – gerade im dörflichen Umfeld – auch eine wichtige lokale Integrationsfunktion zu, verbunden mit einer starken Ortsbindung und Bleibeorientierung. Eine ausgeprägte regional- und sozialintegrative Bedeutung haben auch die verschiedenen Formen des Jugendbrauchtums, die vor allem in kleineren Ortschaften regelrecht den Charakter von Eingliederungsritualen annehmen können. Obwohl die boomende Erlebnisindustrie und Medientechnologie vielfältige neue Angebote schaffen, ist in der Freizeitsphäre ein deutliches Stadt-Land-Gefälle zu konstatieren. Ablesbar ist dies unter anderem am Ausmaß der Zufriedenheit mit den vor Ort vorhandenen Freizeitmöglichkeiten. Auch die jungen Menschen in der Eifel empfinden – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Bildungsniveau – die ihnen zur Verfügung stehenden freizeitlichen Offerten mehrheitlich als unzureichend. Einer Ausgrenzung aus zentralen Beteiligungskontexten im Freizeitbereich wirken die Landjugendlichen mit einer erhöhten Mobilität entgegen, sodass beinahe die Hälfte der Befragten die Wochenenden außerhalb ihres Wohnortes verbringt. Der Trend zur Freizeit wird begünstigt durch die Zeitressourcen, über die Jugendliche heute verfügen. Sie nutzen diese Zeit für eine große Bandbreite von Aktivitäten, erleben ihre Freizeit in einer hohen Intensität und schätzen sie vielfach über alles. Auch Jugendszenen und Fangruppen stellen in diesem Zusammenhang wichtige jugendkulturelle und identitätsstiftende Vergemeinschaftungsformationen dar, der sich etwa ein Viertel der jungen Eifelbewohner zugehörig fühlt. Besonders herauszustellen ist noch, dass der Alltag und das Freizeitverhalten junger Menschen heute wie nie zuvor von Medien geprägt sind. 201 Eine große Anzahl von Geräten, inhaltlichen Angeboten und kommunikativen Formaten steht dem jugendlichen Nutzer zur Verfügung, um vielfältigen Aktivitäten in einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt nachzugehen. Während die Nutzungsfrequenz klassischer Medien im Vergleich zum Jahr 2000 auf einem weitestgehend konstanten Niveau verbleiben, haben die Innovationen im Bereich der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie den jugendlichen Medienalltag nachhaltig verändert. Innerhalb von einer Dekade sind Smartphone, Computer und Internet auch bei den Jugendlichen auf dem Land zur Normalität geworden und aus dem Nutzungsalltag nicht mehr wegzudenken. Eine nach wie vor wichtige Rolle im jugendlichen Medienensemble spielt auch das Fernsehen. Die Nutzung von Printmedien ist in diesem Zeitraum dagegen merklich zurückgegangen. Zu den größten Verlierern, jedenfalls hinsichtlich der Intensität der Nutzung, zählt jedoch das (Web-)Radio, dessen Nutzungsintensität seit dem Jahr 2000 beinahe um die Hälfte gesunken ist. Was sich in diesem Zusammenhang abzeichnet, ist nicht nur in der Eifel regelrecht zu einem Signum der heutigen jungen Generation geworden: die Differenziertheit ihrer Medienlandschaft und ihrer medialen Aneignungsstile. Denn die Medien sind keineswegs die großen Gleichmacher, wie oft behauptet wird, sondern sie stellen Anknüpfungspunkte für höchst unterschiedliche Nutzungsweisen dar. Dies lässt sich vor allem im Hinblick auf computer- und internetbezogene Anwendungen feststellen, die sich schwerpunktmäßig auf die vier Bereiche Kommunikation, Information, Unterhaltung und kommerzielle Nutzung beziehen. Besonders tritt hier die intensive Teilhabe an sozialen Netzwerken hervor, die jungen Menschen kommunikative Vernetzung auf unterschiedlichste Weise ermöglicht. Während das Internet auch für die Informationsbeschaffung und für freizeitliche Unterhaltung eine bedeutende Rolle spielt, werden in der Eifel Online-Shopping und Online-Banking bisher nur von wenigen jugendlichen Usern regelmäßig in ihren Alltag integriert. Weitere Themengebiete, die im Rahmen der ganzheitlichen Darstellung jugendlicher Lebenswelten bedeutsam werden, sind das politische Interesse und die präferierten Partizipationsformen. Entgegen dem von der Medienöffentlichkeit häufig gezeichneten Bild einer jungen Generation, die gleichgültig oder gar entfremdet auf ihre politische Umwelt reagiert, konnten wir keine Anhaltspunkte für ein ausgeprägtes politisches Desinteresse finden. Fast die Hälfte aller Befragten bezeichnet sich als interessiert oder sogar stark interessiert an politischen Fragen, wobei junge Männer, höher Gebildete und Jugendliche mit einer hohen internen Kontrollvorstellung deutlich überwiegen. Jugendliche Aussprüche wie: 202 „Wir Jungen sind nicht politikverdrossen, sondern die Politik ist jugendverdrossen“216 verweisen jedoch auf eine Wandlung des Politikverständnisses und -interesses sowie die entschiedene Ablehnung der klassischen Parteien und ihrer Repräsentanten. Stattdessen lösen Veränderungen im Rahmen eines ‚erweiterten Politikbegriffes‘, der soziale und gemeinwesenbezogene Handlungskontexte integriert, streng institutionalisierte Wege politischer Beteiligung zunehmend ab. Das politische Engagementpotential und Interesse der jungen Eifelbewohner ist dabei stark auf den lebensweltlichen Nahraum und diejenigen Themen ausgerichtet, die eine hohe Relevanz für ihre persönliche Lebensgestaltung haben, ohne dass dabei globale Problematiken aus den Augen verloren werden. In Wahlen sehen sie ein wichtiges Instrument, um ihren politischen Willen zu artikulieren. Aber daneben schätzen sie auch unverbindliche und ‚interventionistische‘ Beteiligungsformen, um die eigene Gestaltungs- und Mitbestimmungshoheit zum Ausdruck zu bringen. Besonders sichtbar wird ihr handlungsorientiertes Politik- und Partizipationsverständnis auch beim ehrenamtlichen Engagement. 40% der jungen Eifelbewohner geben an, einer freiwilligen Tätigkeit nachzugehen; der größte Anteil von ihnen in Vereinen, karitativen oder kirchlichen Gruppen. Diejenigen Jugendlichen, die sich nicht engagieren, werden weniger von mangelnder Bereitschaft als vielmehr von Zeitrestriktionen, fehlender aktiver Ansprache und Akzeptanz von einer Mitwirkung abgehalten. Alles in allem kann jedoch festgehalten werden, dass die Eifeljugend keineswegs uninteressiert am Politikgeschehen ist und auf vielfältige und oftmals unkonventionelle Weise an ihrem sozialen und politischen Umfeld teilnimmt. Näher beleuchtet haben wir in unserem Porträt der Eifeljugend auch ihr Verhältnis zu Kirche und Religion. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen katholisch (86%) ist und nur eine Minderheit evangelisch (6%) – ein Sachverhalt, der auf die Auswirkung historisch weit zurückliegender Prozesse regional unterschiedlicher konfessioneller Zugehörigkeit zu den beiden großen christlichen Kirchen verweist (Preußen: Protestantismus; Habsburg/Bayern: Katholizismus). Ebenfalls nur kleine Gruppen bilden die Jugendlichen, die einer anderen religiösen Gemeinschaft (2%) angehören oder die konfessionslos sind (7%). Auch wenn die überwältigende Mehrheit nach wie vor Mitglied einer der beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften ist, verweist ihre religiöse Selbsteinschätzung eher auf eine ‚versteckte‘ Form religiöser Bindung. Dies liegt allerdings weniger in einem Bedeutungsverlust von Religion begründet, als vielmehr in ihrer Gründinger 2009, S. 1. 203 Subjektivierung und Individualisierung sowie der Loslösung von traditionell-kirchlichen Bindungen. Zudem bezieht sich die privatisierte Glaubenshaltung der Eifeljugend kaum noch auf die praktische Lebensgestaltung, sondern weist in Bezug auf Jenseitsvorstellungen und Sinnfragen über die unmittelbare Lebenswelt hinaus. Während von einer universellen Ablehnung von Religion nicht gesprochen werden kann, fühlt sich aber nur ein geringer Prozentsatz der Jugendlichen mit der Institution Kirche eng verbunden. Allerdings ist auch deutlich geworden, dass der kirchliche Rahmen nicht vollständig abgelehnt wird, sondern anlassbezogen auch gegenwärtig eine bedeutende Rolle spielt. Denn kirchliche Ritual- und Dienstleistungsangebote – sei es in Bezug auf die kirchliche Trauung oder ein christliches Begräbnis – stehen bei den Jugendlichen nach wie vor hoch im Kurs. Die Teilnahme an Gottesdiensten oder kirchlichen Festen wird jedoch immer häufiger zu einer punktuellen Angelegenheit, die mit steigendem Alter der Jugendlichen weiter absinkt. Gründe für diese Entwicklung sind in erster Linie in der Lebensweltferne der Institution Kirche und der geringen Überschneidung mit den Interessen der jungen Menschen zu verorten. Dabei sind es insbesondere die (noch) kirchlich gebundenen und engagierten Jugendlichen, die vielfältige Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Gestaltung von Messfeiern vorbringen: Eine lebendige musikalische Gestaltung, alltagsrelevante Inhalte und eine stärkere Beteiligung der Gemeinde sind die von ihnen in den explorativen Interviews immer wieder genannten Wünsche. Insgesamt lässt sich unter den jungen Menschen in der Eifel, ähnlich wie bei vielen Erwachsenen, eine kritisch-skeptische Grundhaltung gegen- über der Institution Kirche und ihren Würdenträgern feststellen. Obgleich diese Entwicklung unter historischen Gesichtspunkten keineswegs neu ist, ist in der jüngeren Vergangenheit ein über das bisherige Maß hinausreichende oppositionelle Positionierung der Jugendlichen zu konstatieren, die mit der Betonung einer unabhängigen, individuellen religiösen Kompetenz einhergeht. Für die meisten jungen Menschen sind Glaubensfragen also keineswegs belanglos geworden. Dass Religion in ihrem Leben nach wie vor einen wichtigen Platz einnimmt, wird zwar im Privaten eingestanden, in öffentlichen Kontexten allerdings selten kommuniziert. Ganz offensichtlich gibt es also nicht nur einen Trend zur ‚unsichtbaren Religion‘, sondern – und vielleicht noch stärker – auch zur ‚unausgesprochenen Religion‘. Vor allem unter religiös Desinteressierten wird es vermieden, Glaubensüberzeugungen zu äußern, um nicht als Außenseiter stigmatisiert und als ‚uncool’ belächelt zu werden. Im Sinne einer religiösen Schweigespirale erscheinen dann Religion und Glauben kommunikativ vielfach als nicht existent. 204 Unter welchen Rahmenbedingungen eine Rethematisierung des Religi- ösen möglich ist, haben wir in unserer Studie nicht eingehender untersucht. Wir haben lediglich fallweise in den narrativen Interviews mit den Jugendlichen Hinweise gefunden, dass auch der schulische Kontext dafür Räume und Anlässe bietet. In einer aktuellen Jugendstudie finden sich diesbezüglich interessante Ergebnisse und Anregungen: „Damit folgt auch die baden-württembergische Jugendstudie der sich in der soziologischen Jugendforschung mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis, dass die Säkularisierungshypothese, wonach sich Religiosität im Prozess der Moderne verliert, nicht länger haltbar ist. Seit 2011 meinen 70 – 75% der Befragten, dass sie sich einer Religion zugehörig fühlen, von diesen wiederum 83% zum Christentum und 13% dem Islam. Eine Schule, die die Lebenswirklichkeit der Schüler ernstnehmen möchte, lässt sich im Schulleben nicht als religionsfreier Raum gestalten. Möglich ist ihr nur, sich in ‚positiver weltanschaulicher Neutralität‘ als einen Lebensraum zu verstehen, der Religion nicht ausschließt (das wäre ‚negative weltanschauliche Neutralität‘), sondern offen ist für Angebote und Veranstaltungsteile, in denen der religiöse Ausdruck der verschiedenen Glaubensrichtungen, die in ihrer Schülerschaft präsent sind, dann möglich ist.“ " Im Kontext jugendlicher Lebens- und Zukunftsentwürfe kommt auch Fragen nach dem Abwandern oder Bleiben im Heimatort bereits sehr früh eine evidente Bedeutung zu. Es wird allerdings rasch deutlich, dass die in der Medienöffentlichkeit häufig geäußerten Pauschaldiagnosen keineswegs mit den Sichtweisen der Eifeljugendlichen übereinstimmen – im Gegenteil, für die immer wieder kolportierte These von der Landflucht junger Menschen konnten wir im Rahmen unserer Studie nur wenige Anhaltspunkte finden. Weiterhin wurde deutlich, dass jugendliche Mobilitätsentscheidungen nicht nur Resultat des Zusammenspiels vielfältiger Einflussfaktoren sind, sondern auch unter sehr pragmatischen Gesichtspunkten getroffen werden. Auf diesen Befund verweist insbesondere die deutliche Korrelation zwischen Bildungsniveau und Bleibeorientierung: Auch wenn das Verlassen des Heimatortes nicht gewünscht ist und bisweilen schwerfällt, halten vor allem höher gebildete Jugendliche eine ausbildungs- oder berufsbedingte Abwanderung für unumgänglich. Aus ähnlichen Gründen entscheiden sich auch deutlich mehr Mädchen als Jungen für eine Abwanderung. Neben sozio-ökonomischen Merkmalen wirken sich auch emotionale, infrastrukturelle und soziale Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß Weingardt 2015, S. 112. 205 auf die ‚residenzielle Mobilität‘ der Landjugendlichen aus. Sowohl familiäre als auch partner- und freundschaftliche Bindungen beeinflussen den Bleibewunsch ebenso positiv wie ein emotional geprägtes Heimatgefühl für den eigenen Wohnort. Auch von gemeinschaftlichen Aktivitäten in der Wohnumgebung gehen starke Bindewirkungen aus. Denn diejenigen jungen Menschen, die eine hohe Wohnortverantwortung erkennen lassen, sind stärker mit ihrer Heimat verwurzelt und möchten dort auch gerne ihre Zukunft verbringen. Sich einbringen und Mitmachen gelten ihnen als wichtige, zukunftsweisende Handlungsziele, von denen eine starke wohnortbezogene Integrationskraft ausgeht. Der konstatierten Gemeinwesenorientierung korrespondiert – in ländlichen Regionen im Übrigen stärker als in der Stadt – aber nicht nur eine wachsende Bleibeorientierung bei den Jugendlichen, sondern der Herkunftsort stellt in ihrem Bewusstsein auch eine Art ‚Heimathafen‘ dar, dem sie dauerhaft verbunden sind und zu dem sie eine Rückkehr nicht ausschließen. Unsere Studien haben gezeigt, so ist abschließend festzustellen, dass ländliche Räume für Jugendliche nach wie vor eine große Attraktivität besitzen. Sie sind keine ‚Schmalspurwelten’, die zum Sammelbecken für Modernisierungsverlierer geworden sind, sondern sehr viel eher ‚Hybridwelten’, in denen das fraglos in vielen Lebensbereichen vorhandene Stadt-Land-Gefälle nicht defizitär beklagt, sondern komplementär aufeinander bezogen wird. Die damit verbundene Optionensteigerung erhöht aber auch den Entscheidungsdruck für die Jugendlichen, zumal wenn man berücksichtigt, dass durch die gesamtgesellschaftlichen Individualisierungsprozesse auch auf dem Land Traditionen und Normen an Bindungskraft verloren haben. Auch hier müssen die Jugendlichen mithin ihre Fahrpläne durch das Leben selbst wählen und verwirklichen. Dass dies manchmal nicht ohne Reibungsverluste geht, zeigt die folgende Schilderung einer Studentin: „Je kleiner der Ort, desto größer die Klagen: Kaum Busverbindungen, keine guten Treffpunkte, kaum etwas Sinnvolles für die Freizeit. Oder doch nicht? ‚Was, Du kommst aus so einem Mini- Kaff?‘ So fragen die Leute oft entsetzt, wenn ich erzähle, dass der Ort, aus dem ich komme, nur etwa 550 Einwohner hat. […] Viele meiner Mitstudenten, die meist Städter sind, belächeln mich dann mitleidig und fragen, ob es nicht total öde sei, in so einem ‚Kuhdorf‘ zu leben. Na ja, so leicht lässt sich das gar nicht sagen. Es gibt viele Sachen, die mir am Dorfleben gefallen und es gegenüber dem Wohnen in der Stadt attraktiver machen. Es ist ein Stück Lebensqualität, wenn man einfach aus dem Haus gehen kann und direkt in der freien Natur ist. […] Aber ganz so super, wie es sich jetzt vielleicht anhört, ist das Leben in kleinen Orten 206 doch nicht. Was besonders ätzend ist, ist die schlechte Busanbindung. Man ist fast immer auf einen Autofahrer angewiesen. Wer dann endlich den Führerschein hat, geht dann meist in Trier weg, weil in der näheren Umgebung eh tote Hose ist. […] Eine Sache, die auch meine Trierer Freundin das Dorfleben etwas fürchten lässt, ist der Klatsch. Weil jeder jeden kennt und so Neuigkeiten schnell die Runde machen, kursieren oft die wildesten Gerüchte ohne Hand und Fuß. Da ist eine Stadt mit ihrer Anonymität doch von Vorteil. Was mir auch nicht so gut gefällt, ist, dass in den kleinen Dörfern für Jugendliche wenig getan wird. Bei uns gibt es nur drei Vereine, in die es sich als junger Mensch einzutreten lohnt: Tanzgruppe, Sportverein und Musikverein. Das war‘s dann auch schon an Freizeitangeboten“ (Kirsten, 21 Jahre). Aber trotz der sozialen Kontrolle und den Infrastrukturdefiziten bleiben die Landgemeinden für viele Jugendliche attraktive Wohn- und Lebensorte – und dies keineswegs nur in der Eifel. Eine Landjugendstudie in Bayern kommt zu vergleichbaren Ergebnissen: „Es ist nicht so, dass alle darunter leiden, dass jeder und jede im Dorf sie kennt und jeden ihrer Schritte begleiten. Dass Rollenver- änderungen eigentlich nicht vorgesehen sind. Für viele übersetzt sich die engmaschige soziale Kontrolle in Landgemeinden mit sozialer Wärme, füreinander da zu sein, familiale Intimität statt gesichtsloser Anonymität. Wir erleben gerade eine Renaissance des Regionalpatriotismus auch unter Jugendlichen. ‚Heimatliebe‘ zu zeigen und auszuleben ist auch für viele Junge außerhalb von Bayern heute nicht mehr peinlich, nicht mehr ‚rechts‘ und ‚nationalistisch‘, sondern Teil einer Alltagskultur und Identitätssuche. Das Dorf als Hort der Sicherheit, als Ruhepol inmitten einer sich global immer schneller, unüberschaubarer und vor allem unbeeinflussbar verändernden Welt. ‚Hier ist die Welt noch in Ordnung‘.“ Aber auch in den entschleunigten ländlichen Räumen wird der eigene Lebensentwurf der jungen Menschen und die eigene Lebenspraxis sehr stark als Experiment gesehen, das es weniger normativ als vielmehr pragmatisch zu bewältigen gilt. An die Stelle von kollektiven Gewissheiten, so könnte man auch sagen, ist ein individueller Pragmatismus getreten. Wie sehr sich die Vorstellung individualisierter und selbstverantwortlicher Lebensgestaltung bereits in den jugendlichen Habitus eingeschliffen hat, kommt am markantesten vielleicht in der folgenden Aussage eines Schülers – Thomas, 16 Jahre – zum Ausdruck: „Ich muss Lenz/Farin 2016, S. 38. 207 mein Leben selber meistern.” Diese Aussage, die in gewisser Weise auch als Quintessenz unserer Forschungen angesehen werden kann, hatte für uns aber auch die Funktion eines Aufmerksamkeitsgenerators. Sie lenkte unseren Blick nochmals auf Wesenszüge der heutigen Jugendgeneration: Selbstgestaltung, soziale Einbindung und Zukunftsoptimismus. Aber wir waren durch diese Aussage auch neugierig geworden und wollten genauer wissen, was die Jugendlichen denn im Einzelnen darunter verstehen. Dazu baten wir eine größere Gruppe, einen kleinen Essay zu schreiben, der unter diesem Oberthema stand. Wir waren überwältigt von der Offenheit und Differenziertheit, mit der die Jugendlichen hier zu Werke gingen. Aus mehr als 200 Essays, die im Übrigen eine wahre Fundgrube für biographie- und identitätstheoretische Studien darstellen, ist abschließend der Essay einer 15-Jährigen (Esther) zitiert, der als Sinn- und Spiegelbild für das Selbstverständnis und die Zukunftssicht der heutigen jungen Generation in der Eifel angesehen werden kann: „Im Moment sind mir ganz sicher meine Freunde wichtig. Ich denke, ohne Freunde ist das Leben ziemlich langweilig, und man ist allein. Meine Familie ist allerdings das Wichtigste, das ich besitze. In meiner Familie fühle ich mich ‚beschützt’ und nicht allein! Mir ist im Moment auch noch wichtig, dass ich die Schule abschließe, da ich denke, dass mein Abschluss meine Zukunft ziemlich stark beeinflussen wird. Natürlich ist es auch wichtig, ob ich gesund bin. Ich bin froh darüber, dass ich nicht in einer großen Stadt wohne, sondern in einem kleineren Ort, denn da ist die Natur noch nicht so zerstört. […] Ich denke öfters über meine Zukunft nach, was ich werden will, wie ich leben will usw. Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich gesund bin und nicht alleine leben muss. Ich habe ziemlich viel mit anderen Menschen zu tun, in meiner Straße, in verschiedenen Jugendgruppen und im Sport, und deshalb kann ich mir nicht vorstellen, einmal ganz alleine zu leben. Am liebsten würde ich auf einem großen alten Bauernhof leben, wo ich meine eigene Tierarztpraxis aufbauen Zu großem Dank verpflichtet sind wir den Pädagogen Heinfried Carduck, Bernadette Faber und Magdalena Vogelgesang, die für uns die Essay-Befragung organisiert haben. Quer durch alle Altersstufen ist es ihnen gelungen, Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme zu motivieren. Ihrem pädagogischen Geschick und Fingerspitzengefühl ist es zu verdanken, dass diese Selbstzeugnisse über sich verfasst haben, deren Originalität und Authentizität uns dazu veranlasst hat, sie im Rahmen eines Anschlussprojekts (‚Jugendliche Selbstbeschreibungen‘) noch eingehender aufzuarbeiten und auszuwerten. 208 könnte. Ich würde gerne einen ganz lieben Mann haben und irgendwann auch ganz sicher Kinder. […] Ich hoffe, dass in der Zukunft kein Unterschied mehr zwischen Menschen gemacht wird – ob sie schwarz oder weiß sind, Ausländer oder Einheimische –, sondern dass alle gleich behandelt werden. Außerdem hoffe ich, dass die Natur erhalten bleibt und dass die Umwelt gerettet wird und die Ozon-Schicht nicht noch mehr kaputtgeht durch Abgase und Umweltschäden. Ich wünsche mir auch in der Zukunft Freunde, mit denen ich über alles reden kann und die mich verstehen. Ich möchte auch später noch ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern haben und mit ihnen klarkommen. […] Was ich in meiner Zukunft befürchte ist, dass alles eigentlich ganz anders wird, wie ich mir es vorstelle. Dass ich keinen Arbeitsplatz habe, krank bin, keine Freunde habe, falsche Entscheidungen treffe, was sich wahrscheinlich nicht immer vermeiden lässt, und die Umwelt zerstört wird. Das macht mich aber nicht mutlos. Im Gegenteil, ich bete und tue etwas dafür, dass mein Leben gelingt. Und ich bin zuversichtlich, dass unsere Generation verantwortungsbewusster mit der Natur umgeht, als das bisher der Fall war.“ 209 9 Literaturverzeichnis Achatz, Juliane /Gaiser, Wolfgang /Gille, Martina /Kleinert, Corinna /Krüger, Winfried /Rijke, Johann de (2000): Forschungsleitende Perspektiven und Konzepte des Jugendsurveys. In: Gille, Martina/Krüger, Winfried (Hrsg.): Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinten Deutschland. Opladen, S. 11 - 32. 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Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.

References

Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.