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3 Bildung, Qualifikation und ‚Work-Life-Balance’ in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 27 - 74

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-27

Tectum, Baden-Baden
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27 3 Bildung, Qualifikation und ‚Work-Life-Balance’ „Bildung muss in unserem Land wieder zum ‚Megathema‘ werden, wenn wir uns in der Wissensgesellschaft des nächsten Jahrhunderts behaupten wollen.“12 Welche Resonanz dieser Appell des Altbundespräsidenten Roman Herzog, geäußert auf dem Berliner Bildungsforum im Oktober 1997, hervorgerufen hat, dürfte ihn rückblickend wohl selbst überraschen. Denn Bildung ist in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der Hauptthemen im gesellschaftlichen Diskurs geworden. Ausgelöst und forciert wurde diese Entwicklung einerseits durch die fortschreitende Wissensförmigkeit des Lebens- und Berufsalltags, die aufs Engste an gestiegene qualifikatorische Voraussetzungen gebunden ist. Bildung und Wissen sind andererseits nach wie vor diejenigen kulturellen Kapitalien, über die soziale und ökonomische Lebenschancen primär vermittelt werden. Dass Bildungsinvestitionen unter Leistungs- und Aufstiegsgesichtspunkten zentrale Wettbewerbsfaktoren darstellen, ist den Jugendlichen in der Eifel bewusst. Aber sie sehen ihre qualifikatorischen Anstrengungen nicht nur unter einer Optimierungs- und Karriereperspektive. Vielmehr streben sie in ihrer Zukunftsplanung eine Balance zwischen den kompetenzorientierten schulischen, ausbildungs- und berufsspezifischen Handlungsfeldern und ihren privaten Lebensbereichen an, wobei Begrenzung, Sicherheit, Selbstbestimmung und Zeitautonomie zu neuen Leitideen werden in einer komplexen und hoch mobilen Welt, die Soziologen unter dem Etikett „Beschleunigungsgesellschaft“13 zu fassen versuchen. Ob der Pragmatismus, mit dem Jugendliche in der Eifel und anderswo derzeit ihren Alltag gestalten und ihre Zukunft planen, Vorbote einer neuen „Generation Biedermeier“14 ist, dürfte zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer verifizierbar sein. Offenkundig ist aber das Bestreben junger Menschen, sich den durch Internet und Globalisierung hervorgerufenen Entgrenzungen nicht bedingungslos auszuliefern, nicht um jeden Preis karrierefixiert zu sein, sondern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen fremd- und selbstbestimmten Handlungszielen und -feldern anzustreben. Dass damit bereits in jungen Jahren auch ein wirksamer Schutzschild gegen Burnout-Risiken geschaffen wird, also nicht in die gleiche Überforderungs- und Entfremdungsfalle wie viele Erwachsene zu laufen, ist des weiteren Nachdenkens wert. 12 Herzog 1997, S. 49. 13 Vgl. Rosa 2006. 14 Vgl. Krüger 2014. 28 3.1 Schule und Bildung Was vor einer Generation noch für eine Minderheit galt, dominiert heute die Lebensphase Jugend: die Schule. Etwa ein Viertel ihrer Lebenszeit verbringen Jugendliche gegenwärtig in Bildungseinrichtungen. Hier werden die Weichen für das spätere Berufsleben ebenso gestellt wie für die individuelle Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Positionierung. Bildung, Wissen und Qualifikation sind mithin Zukunftsinvestitionen, die gleichermaßen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft wie eines jeden Einzelnen entscheiden. Zudem gibt es kaum einen Bereich der jugendlichen Alltagswelt, der von Schule und Bildung unberührt bleibt. Bildung, Bildungsinvestitionen und -entscheidungen gehören somit zum festen Bestandteil der individuellen Lebensplanung von Jugendlichen. 3.1.1 Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit Die Ausdehnung der Jugendphase steht in engem Zusammenhang mit der Ausdehnung der Schul- und Ausbildungszeit von Jugendlichen. Diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren durch die neuen und gestiegenen Anforderungen der Dienstleitungs- und Wissensgesellschaft rapide beschleunigt. Um höhere Bildungsabschlüsse und -zertifikate zu erwerben, verbringen Jugendliche heute viel mehr Zeit mit Bildungsinvestitionen als ihre Elterngeneration. In den Ergebnissen unserer Studie lässt sich das immer schnellere Voranschreiten dieser Entwicklung auch für die Eifeljugend nachweisen. So ist zwischen 2000 und 2011 der Anteil der Jugendlichen, die zum Befragungszeitpunkt in schulischer oder beruflicher Ausbildung waren, nochmals deutlich gestiegen und zwar von 62% auf 77% (vgl. Abb. 1). Die Konsequenz aus der zunehmenden Verschulung der Jugend ist ein späteres Eintreten in die Erwerbsphase. Lediglich 18% der befragten Jugendlichen waren 2011 bereits berufstätig (zum Vergleich: im 2000er Survey waren es noch 32%). Die sich in die Phase der Postadoleszenz verschiebende ökonomische Selbstständigkeit lässt eine wachsende Zahl von Jugendlichen, wie Jugendstudien schon Anfang der 1990er Jahre festgestellt haben, zunehmend zu „Nesthockern im Hotel Mama“15 werden. Die im Jahr 2010 durchgeführte 16. Shell Jugendstudie bestätigt diesen Trend: „Fast drei Viertel aller Jugendlichen wohnen noch bei ihren Eltern, insbesondere weil es kostengünstig und bequem ist.“16 15 Vgl. Herms-Bohnhoff 1994. 16 Shell Deutschland Holding 2010, S. 18. 29 Abbildung 1: Derzeitige Tätigkeit - 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 3.1.2 Anstieg des formalen Bildungsniveaus Mit der Verlängerung der Schul- und Ausbildungszeit geht auch eine deutliche Verschiebung in der Verteilung der Schülerschaft in der Eifel auf die einzelnen Schulformen einher. Gruppiert man die befragten Jugendlichen hinsichtlich des Bildungsgrades (niedrig = Sonderschule, Hauptschule; mittel = Realschule; hoch = Gymnasium, Fachhochschule, Universität), dann wird sichtbar, dass sich das Bildungsniveau nach oben verschoben hat (vgl. Abb. 2). Während im Jahr 2000 die Anzahl der Jugendlichen mit niedrigem Bildungsniveau noch bei 30% lag, sank die entsprechende Quote im Jahr 2011 auf 12%. Auch der Anteil der Jugendlichen mit einem mittleren Bildungsniveau hat sich verringert, wenn auch weniger stark (von 43% im Jahr 2000 auf 33% im Jahr 2011). Mehr als verdoppelt hat sich dagegen im Untersuchungszeitraum der Anteil von Jugendlichen mit einem hohen Bildungsniveau (von 27% auf 55%). Schüler Studenten Auszubildende Berufstätige Sonstiges Tätigkeit 2000 2011 Erhebungsjahr 30 Abbildung 2: Bildungsniveau – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). 3.1.3 Bildung und Region Auch wenn der gesamtgesellschaftliche Trend zur Verschulung der Jugend mit einem kontinuierlichen Anstieg des Bildungsniveaus einhergeht, so ist diese Entwicklung von einer Vielzahl von raum-, herkunftsund personenbezogenen Rahmenbedingungen abhängig. Bezogen auf die räumliche Verteilung zeigt sich, dass auch die Eifelregion keinen homogenen Bildungsraum darstellt. Vielmehr bestehen zwischen den einzelnen Verbandsgemeinden des Kreises zum Teil erhebliche Bildungsunterschiede bei den hier lebenden Jugendlichen (vgl. Abb. 3). So ist der Anteil von Jugendlichen mit einer hohen Bildung in der Stadt Bitburg mit 68% deutlich größer als etwa in den Verbandsgemeinden Prüm (51%), Irrel (51%), Neuerburg (48%) und Arzfeld (48%). Ähnlich uneinheitlich ist das Bild beim mittleren Bildungsgrad. Die höchste Quote mit 44% findet sich in der Verbandsgemeinde Irrel, die geringste mit 26% in Bitburg. Auch die Verteilungen bei der niedrigsten Bildungsstufe lassen deutliche Unterschiede erkennen. Sehr gering ist der entsprechende Anteil in den Verbandsgemeinden Irrel (5%) und in der Stadt Bitburg (6%), mehr als drei Mal so hoch dagegen in der Verbandsgemeinde Arzfeld (18%). 2000 2011 Erhebungsjahr Hoch Mittel Niedrig Bildungsniveau 31 Abbildung 3: Bildungsniveau nach Verbandsgemeinden (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Die Gründe hierfür lassen sich aus den Daten der Jugendbefragung nicht hinlänglich bestimmen, denn zu vielschichtig sind die Bedingungen und Wechselwirkungen zwischen Bildungsverläufen, infrastrukturellen Komponenten und sozialer Herkunft.17 Auffällig ist jedoch, dass sich vor allem in Abhängigkeit von der Ortsansässigkeit der Jugendlichen deutliche Bildungsunterschiede zwischen den einzelnen Verbandsgemeinden nachweisen lassen (vgl. Abb. 4). Aber es gibt hier keinen linearen Zusammenhang. So beträgt in der Verbandsgemeinde Speicher bei den hier geborenen Jugendlichen der Anteil mit einer höheren Bildung 68%, bei den zugezogenen Jugendlichen aber lediglich 36%. Ausgewogen ist dagegen in der Verbandsgemeinde Bitburg-Land die entsprechende Quote bei den höher gebildeten Jugendlichen (Gebürtige: 59%; Zugezogene: 58%). Und exakt umgekehrt stellt sich die Situation in Irrel dar. Hier hat weniger als die Hälfte der einheimischen Jugendlichen eine höhere Bildung (45%), wohingegen über zwei Drittel der Zugezogenen (67%) in die höchste Bildungskategorie fallen. 17 Vgl. Solga/Becker 2012. Verbandsgemeinden Hoch Mittel Niedrig Bildungsniveau 32 Abbildung 4: Hohes Bildungsniveau in den Verbandsgemeinden in Abhängigkeit von der Ortsansässigkeit (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 3.1.4 Geschlechts- und herkunftsspezifische Bildungsunterschiede Seit fast zwei Jahrzehnten dokumentieren Bildungs- und Jugendstudien eine sich ständig steigernde Leistungsbilanz von Mädchen und jungen Frauen, während die Jungen und jungen Männer auf der Stelle treten. Natürlich meistern auch weiterhin viele männliche Jugendliche die Schule mit großem Erfolg und zeigen an Universitäten und im Beruf hervorragende Leistungen. Doch im statistischen Durchschnitt fallen sie hinter die jungen Frauen zurück. Zutreffend kommen die geschlechtsspezifischen Unterschiede in folgender Feststellung zum Ausdruck: „Im Vergleich zu den weiblichen sind die männlichen Schüler heute die ‚Bildungsverlierer‘.“18 Auch unter den Jugendlichen in der Eifel ist die gleiche Entwicklung zu konstatieren. Von der Bildungsexpansion profitieren auch hier nicht alle Jugendlichen in der gleichen Weise. So haben die Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, wenn auch auf einem hohen Niveau, weiter zugenommen (vgl. Abb. 5). Betrug die Differenz zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen mit einer hohen Bildung im 2000er 18 Hurrelmann/Schultz 2012, S. 11. gebürtig Verbandsgemeinden Ja Nein gebürtig im Wohnort 33 Survey 13%, so hat sie sich in der 2011er Befragung auf 21% erhöht. Dies ist eine dramatische Öffnung der geschlechtsbezogenen Bildungsschere, die den Ruf nach pädagogischen Gegenstrategien in Form von gezielten Maßnahmen zur Jungenförderung in der „Schule“19 und bei der „Berufsund Lebensplanung“20 immer lauter werden lässt. Abbildung 5: Bildungsniveau nach Geschlecht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die Unterstützung der Jungen bei ihrer Alltags- und Zukunftsbewältigung erscheint umso dringlicher, da die Mädchen auch bei der Einmündung in anspruchsvolle Berufslaufbahnen auf der Überholspur sind. Der Grund ist, dass sie flexibler mit ihrer Geschlechtsrolle umgehen können und, wie noch zu zeigen sein wird, eine bessere Abstimmung zwischen Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit, Partnerschaft, Familienplanung und im Verhältnis zu den Eltern hinbekommen. Neben dem Geschlecht spielt bei der Betrachtung von Bildungsungleichheiten auch der Migrationshintergrund der jungen Menschen eine wichtige Rolle. Dabei lässt sich der Forschungsstand zu Beginn der 2000er Jahre folgendermaßen zusammenfassen: 19 Vgl. Kimmel 2011. 20 Vgl. Diaz 2011. Männlich Weiblich Männlich Weiblich Hoch Mittel Niedrig 2000 2011 Bildungsniveau 34 „Ein kurzer Einblick in aktuelle Publikationen zeigt, dass hier von der geringen Bildungsbeteiligung von Migrantenkindern, ihrem geringen Bildungsniveau oder von bildungs- und sprachfernen Schülern die Rede ist. Da Migrantenkinder schlechtere Schulleistungen erbringen, seltener auf das Gymnasium gehen und früher aus der Schule ausscheiden als gleichaltrige Deutsche, gelten sie als bildungsarm bzw. bildungsfern, oder generell als Gruppe mit nur geringer Bildungsbeteiligung.“21 Dass diese Befunde zum damaligen Zeitpunkt in vergleichbarer Weise auch auf Aussiedlerjugendliche – in beiden Jugendsurveys die mit Abstand größte Migrantengruppe – übertragen werden können, belegen die Ergebnisse des nationalen Bildungsberichts aus dem Jahr 200622 ebenso wie die Ergebnisse unserer Jugendstudie aus dem Jahr 2000. Die Ursachenerklärungen reichten seiner Zeit von eklatanten Sprachschwierigkeiten und schulsystemimmanenten Benachteiligungsfaktoren über die Unterschiedlichkeit der Lebenswelt Schule in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und in der Bundesrepublik Deutschland bis zur geringen Wertschätzung von Bildung durch die Eltern der jugendlichen Spätaussiedler. Dass sich diese Situation grundlegend geändert hat, verdeutlichen die Veränderungen im Bildungsniveau zwischen der ersten und zweiten Jugendbefragung (vgl. Abb. 6). Während im Jahr 2000 der überwiegende Teil der befragten jugendlichen Spätaussiedler aus dem Eifelkreis eine niedrige (Hauptschulabschluss) oder mittlere Bildung (Realschulabschluss) hatte, überwiegt elf Jahre später der Anteil höher Gebildeter (Gymnasium/Hochschule). Sie haben in diesem kurzen Zeitraum die Bildungsbenachteiligung gegen- über den einheimischen Jugendlichen fast vollständig ausgeglichen und können als die großen Bildungsgewinner des vergangenen Jahrzehnts betrachtet werden. Differenziert man die erreichten Bildungsabschlüsse der jungen Spätaussiedler noch nach dem ‚migratorischen Tag X‘, also der Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Migrantengeneration, dann verschwinden für die in Deutschland geborenen Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien die Bildungsunterschiede gegenüber den einheimischen Altersgenossen völlig.23 21 Betz 2005, S. 258. 22 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung et al. 2006. 23 Vgl. Vogelgesang 2013, S. 19f. 35 Abbildung 6: Bildungsniveau nach Nationalität – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die objektiven Daten aus den beiden Jugendsurveys zur Angleichung des Bildungsniveaus decken sich mit der subjektiven Wahrnehmung und Erfahrung älterer Spätaussiedler, mit denen wir über die sprachliche und schulische Entwicklung ihrer Kinder gesprochen haben. So sagt die heute 40-jährige Eugenie aus Kasachstan über ihren jüngsten Sohn, der noch vor dem schulpflichtigen Alter nach Deutschland kam: „Im Kindergarten hatte der Jüngste anfangs besonders mit der Sprache Probleme. Aber er hat dann sehr schnell gelernt und jetzt kann er besser Deutsch sprechen als ich. Er soll wie die deutschen Kinder auch eine gute Schulausbildung machen. Wir haben ihn zunächst auf eine Realschule geschickt. Er hat gute Noten mit nach Hause gebracht und von seiner Schule eine Empfehlung bekommen, doch auf ein Gymnasium zu wechseln. Mein Mann und ich haben uns lange überlegt, ob das wirklich der richtige Weg für den Jungen ist. Für uns ist das eine fremde Welt, aber er wollte es unbedingt. Heute sind wir froh, dass wir ihn nicht daran gehindert haben, auf die bessere Schule zu gehen. Er lernt, ist fleißig und strebsam und will nach dem Abitur vielleicht sogar studieren.“ Deutsch Migrationshintergrund Deutsch Migrationshintergrund Hoch Mittel Niedrig 2000 2011 Bildungsniveau 36 Die ausgeprägte Bildungsorientierung unter den russlanddeutschen Jugendlichen, die sich in den jüngeren Alterskohorten nachweisen lässt, wird einerseits als Sprungbrett in qualifizierte berufliche Tätigkeiten gesehen. Andererseits verweisen ältere und jüngere Spätaussiedler gleichermaßen auf eine Entwicklung, die parallel dazu verläuft: Die zunehmende Entfernung von der russischen Sprache und Kultur. Natascha, die 1992 als Fünfjährige nach Deutschland kam, zeigt an ihrer eigenen Sprachbiographie sehr reflektiert auf, wie sich die Erosion der russischen Muttersprache im Laufe der Zeit vollzogen hat: „Ich war in Russland nur im Kindergarten und bin dann hier direkt in die erste Klasse eingestuft worden. Es war schon schwer. Man hat mich direkt in die erste Bank gesetzt und angefangen, mir Sachen zu erzählen. Und ich hab ja kein Deutsch verstanden, bei uns zu Hause wurde ja nur Russisch gesprochen. Ich habe die Sprache aber schnell gelernt. Ich finde, dass Deutsch eine leichte Sprache ist, vor allem wenn man in jungen Jahren herkommt. […] Dann hab ich später damit angefangen, auf Deutsch zu antworten, wenn meine Eltern mich etwas auf Russisch gefragt haben. Ich habe dann kaum noch Russisch gesprochen und so meine Muttersprache fast verlernt. Ich hab fast nur auf Deutsch geredet, und da fiel es mir dann schwer, wieder in das Russische reinzukommen. […] Was ich schade finde ist, dass nicht nur mein Russisch schlecht geworden ist, sondern ich höre auch kaum noch russische Lieder oder sehe mir auch keine russischen Filme mehr an. Mit der Sprache habe ich auch ein Stück russische Kultur verloren.“ Wie deutlich die wachsende Distanz zur russischen Kultur in der jüngeren Generation ist, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur ansatzweise beantwortet werden. Dass es sich dabei aber nicht um Einzelfälle handelt, belegt auch die Feststellung des heute 21-jährigen Viktor über seinen jüngeren Bruder, der im Grundschulalter nach Deutschland kam: „Mein Bruder ist wie ein Deutscher. Er hält nicht so viel von Russen, er wurde über Nacht eingedeutscht. Er versucht, nur Deutsch zu reden und schämt sich zum Beispiel, wenn ich neben ihm steh in der Schule und mit ihm auf Russisch rede. […] Ich war in Kasachstan ein russischer Deutscher, hier bin ich ein deutscher Russe. Aber mein Bruder ist ein reiner Deutscher, der will von seinem Heimatland und seiner Muttersprache nichts mehr wissen.“ 37 3.1.5 Qualifikationsmentalität Wie bereits deutlich geworden ist, erkennen Jugendliche heute mehr denn je die Schlüsselrolle von Bildung und Qualifikation für ihren persönlichen Werdegang. Dabei bleibt der Wissenserwerb aber nicht auf die klassischen Institutionen Schule und Hochschule beschränkt, sondern auch außerschulische Lebensbereiche werden vermehrt zu Lernorten. So gibt fast die Hälfte (49%) der in der Eifel beheimateten Jugendlichen an, auch in der Freizeit für die Schule zu lernen. Des Weiteren werden auch in jugendkulturellen Kontexten wie etwa der LAN-, Skateboard-, Hardcore- oder HipHop-Szene Kompetenzen erworben, die auch jenseits der Szenegrenzen einen Marktwert haben. Das Spektrum der Kompetenzbildung reicht dabei von alltagspraktischen Relevanzen wie der Einübung von akzeptablem Sozialverhalten oder dem Engagement in einer Gemeinschaft bis hin zu beruflichen Qualifikationen wie etwa der Herstellung einer Webseite, einer Inhouse-Vernetzung oder eines Kunstobjekts. Rund ein Viertel (24%) der in der Eifel befragten Jugendlichen rechnet sich einer spezialisierten Szene zu und ist somit Teil eines in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommenen „unsichtbaren Bildungsprogramms.“24 Auch das Internet wird zunehmend zu einer Lernplattform, denn mehr als die Hälfte (52%) der Eifeljugend gibt an, täglich oder mehrmals die Woche das Internet als Wissensbörse zu nutzen. Ob Wikis, Blogs oder soziale Netzwerke, die Vorteile der verbesserten Präsentation von Informationen durch neue Medien und die komfortable Beschaffung von Informationen im Internet sind evident. Sie ergänzen und individualisieren die herkömmlichen Arbeits- und Lernstrukturen. Das Web 2.0 mit seinen technischen Möglichkeiten der Selbstartikulation, Beteiligung und Zusammenarbeit wird von den Jugendlichen, wie noch zu zeigen sein wird25, intensiv genutzt. In ihren Aneignungsformen werden flexible, explorative und kommunikative Wissenserwerbs- und Lernstrategien sichtbar, die in der neueren medienpädagogischen Forschung unter Stichworten wie „digitale Lernwelten“26 oder „mobile learning“27 diskutiert werden. Die außerschulischen Lernorte und -formen ersetzen aber nicht die formalisierten Bildungsangebote allgemein- und berufsbildender Instituti- 24 Vgl. Hitzler 2004. 25 Siehe hierzu Kap. 4.2.3. 26 Vgl. Hugger/Walber 2010. 27 Vgl. de Witt/Sieber 2013. 38 onen, vielmehr ergänzen und durchdringen beide Lernsphären einander. Vergegenwärtigt man sich in diesem Zusammenhang noch, dass in vielen beruflichen aber vermehrt auch privaten Kontexten das erworbene Wissen nur eine kurze Halbwertszeit hat, dann wird hinter den verschiedenen (Selbst-)Qualifizierungsstrategien auch die Notwendigkeit von lebenslangen Lernprozessen sichtbar. Dass die Jugendlichen in der Eifel dies erkannt haben, kommt neben der Flexibilisierung und Pluralisierung ihrer Lernfelder auch in ihrer Einstellung gegenüber Bildung und Qualifizierung zum Ausdruck. So erzielten auf die Aussage: „Jeder Mensch hat bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten beeinflussen“ Items wie „Wissen und Bildung“ (84%), „eigene Fähigkeiten entwickeln“ (85%) und „etwas leisten“ (86%) durchweg sehr hohe Zustimmungswerte. Resümierend ist an dieser Stelle festzuhalten, dass das Bewusstsein über den hohen Stellenwert von Bildung für die persönliche Lebensplanung und eine erfolgreiche Platzierung innerhalb der Gesellschaft bei der Mehrzahl der Eifeljugendlichen tief verankert ist. Ihre ausgeprägte Qualifikationsmentalität lässt sich gleichermaßen am Ansteigen des formalen Bildungsniveaus, ihren Einstellungsmustern gegenüber Bildung, an den in der Freizeit getätigten Bildungsinvestitionen und in der verstärkten Nutzung des Internets als Wissensbörse festmachen. Allerdings sind die Einstellung zur Bildung und der Rückgriff auf eher informelle Strategien des Wissenserwerbs sehr stark vom formalen Bildungsniveau und vom Geschlecht anhängig. Das bereits im schulischen Kontext sichtbar gewordene Bildungsgefälle setzt sich im außerschulischen Bereich fort. Es sind die höher Gebildeten – und unter ihnen vor allem die weiblichen Jugendlichen –, deren freizeitliches Verhalten eine große Bildungsnähe aufweist. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass vor allem für Jungen mit einem niedrigen Bildungsniveau vorhandene Qualifikations- und Wissensklüfte im Freizeitraum nicht reduziert oder gar aufgelöst werden, sondern sich hier eher verstetigen und vertiefen. 3.2 Berufsausbildung und Übergangsmanagement Die berufliche Ausbildung stellt eine wichtige Übergangsphase vom Schuljugendlichen zum berufstätigen jungen Erwachsenen dar. Dabei sind zum einen zwei Phasen oder Schwellensituationen zu unterscheiden: der Eintritt in die Ausbildung (1. Schwelle) und die Aufnahme einer Beschäftigung (2. Schwelle). Zum anderen ist für das Ausbildungssystem eine institutionelle Dreigliederung charakteristisch: das duale System, das Schulberufssystem und das berufliche Übergangsystem. Im Jahr 2011 entfielen von den rund eine Million Neuzugängen 50% auf das 39 duale System, knapp 20% auf das Schulberufssystem und etwa 30% auf das Übergangssystem.28 Das große Spektrum von Ausbildungs- und Qualifizierungsangeboten ist eine Folge des Strukturwandels der Arbeitswelt und der intendierten Verbesserung der Ausbildungssituation von bildungsbenachteiligten Jugendlichen. Für die jungen Menschen haben sich dadurch die Wege und Übergänge in Ausbildung und Arbeit nicht nur vermehrt, sondern sie sind auch unübersichtlicher geworden. Denn die Schienenstränge von der Schule über die Ausbildung in den Beruf sind, so Beobachtungen und Schlussfolgerungen der Ausbildungsforschung der letzten Jahre, „oftmals brüchig und bilden in der Praxis eher ein Gleisgewirr als ein transparentes System, auch wenn es von den Bildungsplanern anders ‚gedacht‘ ist.“29 Als Konsequenz aus den vielen – und bisweilen verschlungenen – Ausbildungspfaden wird in den empirischen Studien seit längerer Zeit das Augenmerk nicht mehr primär auf die institutionellen Angebote und Regelungen dieser Statuspassage gelegt, wie sie in der Nachkriegsphase konzipiert wurden. Vielmehr werden die Übergangsphasen und ihre Bewältigung als Teil der individuellen Biographie angesehen.30 Das bedeutet, es wird heute davon ausgegangen, dass die Übergänge eher einer individuellen Logik, Planung und Entscheidung folgen. Dabei spielen nicht nur die klassischen Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen eine Rolle, sondern oft auch mehrere Orientierungs- und Umorientierungsphasen (wie etwa Aupair- und Studienaufenthalte, FSJ und ÖSJ), Erfahrungen und Beeinflussungen an informellen Lernorten (wie Jugendverbänden, Peergruppen, Vereinen, Jugendszenen, kirchlichen Gruppen, Jugendeinrichtungen, familiären Settings etc.), Zeiten von Arbeitslosigkeit sowie die Erfahrungen in Übergangs- und Qualifizierungsmaßnahmen. In all diesen Kontexten können für den Übergang bedeutsame Lernprozesse ebenso verortet sein wie soziale Bezüge, Netzwerke, letztlich die Ansammlung ‚sozialer Kapitalien‘, die für den weiteren Verlauf wichtig werden. Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, warum angesichts biographisierter Übergänge ins Ausbildungsund Erwerbsleben unterstützenden Akteuren und Institutionen eine wachsende Bedeutung zukommt. 28 Vgl. Autorengruppe Berufsbildungsbericht 2012, S. 102. 29 Oehme 2008, S. 253/4. 30 Vgl. Stauber et al. 2007. 40 Studien zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, die beim Übergang von der Schule in einen nachschulischen Bildungsweg soziale Unterstützung erhalten, schneller einen Ausbildungsplatz finden, ihren Studienwunsch eher umsetzen können, eine stabilere Laufbahnentwicklung aufweisen und insgesamt zufriedener mit ihrer Berufs- und Studienwahl sind.31 In diesem ausbildungsbezogenen Such- und Orientierungsprozess fällt den allgemeinbildenden Schulen eine besondere Rolle zu. Entsprechende Maßnahmen starten in der Regel in der Sekundarstufe 1 und zielen darauf ab, Jugendliche bei der Entwicklung und Umsetzung der eigenen beruflichen Karriere zu unterstützen und somit den Übergang Schule Beruf zu erleichtern.32 Zu den schulischen Berufsorientierungsangeboten zählen praktische Informationen aus der Berufskunde, Bewerbungstrainings und die Vermittlung und Betreuung von Praktika. Darüber hinaus sollen arbeitsmarktrelevante nicht-kognitive Fähigkeiten vermittelt werden und ein Coaching bei der Berufswahl erfolgen. Ziel der Berufsorientierung in der Schule ist, die Matching-Probleme zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Studien- und Ausbildungsmarkt zu reduzieren.33 3.2.1 Ausbildungsbereiche und vielfältige Übergänge Wie bereits erwähnt, war im Jahr 2011 das duale System mit einem Anteil von knapp 50% an den Neuzugängen im Berufsbildungssystem das quantitativ bedeutsamste Teilsystem der Berufsausbildung in Deutschland. Es ist das Herzstück des beruflichen Ausbildungswesens und beinhaltet die im Berufsbildungsgesetz bzw. der Handwerksordnung geregelte Ausbildung in rund 350 anerkannten Ausbildungsberufen in Form einer von Teilzeitunterricht an beruflichen Schulen begleiteten fachpraktischen Ausbildung im Betrieb. Im Selbstverständnis des dualen Systems sind alle Ausbildungsberufe im Prinzip gleichwertig, denn formal gibt es zwischen ihnen keine Unterschiede in den Zugangsvoraussetzungen und in der Wertigkeit von Abschlüssen. Faktisch ist die Wahl des Ausbildungsgangs aber von einer Vielzahl von Gegebenheiten abhängig, die sie letztendlich zu einer sehr persönlichen Entscheidung 31 Vgl. Schindler 2012, S. 17f. 32 Vgl. BMBF 2015; Fitzenberger et al. 2015. 33 Inwieweit die Umsetzung des Anspruchs gelingt, untersuchen wir gegenwärtig in einer Folgestudie (‚Jugend und Ausbildung‘), die an weiterführenden Schulen in der Region Trier durchgeführt wird. Unter anderem wurden dazu im Herbst 2016 Schülerinnen und Schüler zu ihren Berufswünschen und ihrem Berufswahlverhalten sowie Berufswahlkoordinatorinnen und Berufswahlkoordinatoren zur aktuellen Praxis der Berufsvorbereitung an ihren Schulen befragt; vgl. Vogelgesang/Kersch 2017. 41 machen. Auf den Entscheidungsspielraum wirken sich zudem Veränderungen im Bildungssystem – und hier insbesondere der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen – und in der Arbeitswelt (Stichwort: Tertiärisierungsprozess) unmittelbar und nachhaltig aus. In unserer Studie haben wir die große Anzahl an Ausbildungsberufen in vier Gruppen zusammengefasst, um aussagekräftigere Ergebnisse zu ermitteln. Die folgende Abbildung zeigt, in welchen Ausbildungsbereichen die Jugendlichen in der Eifel zu den beiden Befragungszeitpunkten tätig waren. Abbildung 7: Ausbildungsbereiche – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Das Handwerk bietet den hier ansässigen jungen Menschen nach wie vor interessante Beschäftigungsmöglichkeiten, aber die wachsende Bedeutung des Dienstleistungsgewerbes ist unverkennbar. Auch im Jahr 2011 absolviert die Mehrheit der Eifeljugendlichen (36%) eine Ausbildung im handwerklich-gewerblichen Bereich. Im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2000 sank der Anteil in diesem Bereich jedoch um 13%. Ausbildungsberufe im dienstleistenden Bereich haben dagegen deutlich an Zuspruch unter den Eifeljugendlichen gewonnen. Die Anzahl in diesem Bereich hat sich von 17% im Jahr 2000 auf 32% im Jahr 2011 nahezu verdoppelt. Bei den kaufmännischen Ausbildungsgängen Handwerklich/ Gewerblich Kaufmännisch Dienstleistend Sonstige 2000 2011 Ausbildungsbereiche Erhebungsjahr 42 ist zwischen den beiden Untersuchungszeitpunkten ein leichter Rückgang zu verzeichnen (von 30% auf 24%). Der Anstieg in der Kategorie „Sonstiges“ von 4% auf 8% ist ein Indikator für die große Vielfalt von Ausbildungsberufen, deren Spezialisierungsmöglichkeiten in unmittelbarem Zusammenhang mit technologischen Innovationen in der Berufswelt stehen. Ein differenzierter Blick auf die Anteile von männlichen und weiblichen Jugendlichen in den Ausbildungsbereichen macht ebenfalls deutliche Unterschiede sichtbar. Abbildung 8: Ausbildungsbereiche nach Geschlecht (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Bei den Jungen dominiert bei der Wahl für einen bestimmten Ausbildungsgang eindeutig der handwerklich-gewerbliche Bereich (51%), die Mädchen hingegen haben eine klare Präferenz für eine Ausbildung im dienstleistenden Bereich (51%). Kaufmännische Ausbildungsgänge scheinen für beide Geschlechtsgruppen – die Anteile betragen sowohl für die männlichen wie für die weiblichen Jugendlichen 24% – gleich attraktiv zu sein. Auch wenn die Verteilung der Ausbildungsschwerpunkte zwischen den eher frauentypischen (helfenden und dienstleistenden) und den Männlich Weiblich Geschlecht Handwerklich/ Gewerblich Dienstleistend Kaufmännisch Sonstige Ausbildungsbereiche 43 eher männertypischen (technischen und handwerklichen) Lehrverhältnissen auf die Wirkmächtigkeit von klassischen Geschlechtsrollenmustern verweist und damit zur Tradierung von männer- bzw. frauenspezifischen Berufsfeldern führt, haben Feinanalysen im Spektrum der Ausbildungsgänge deutlich gemacht, dass Mädchen und junge Frauen aus der Eifelregion zu moderneren Ausbildungs- und Tätigkeitsfeldern tendieren. Dies trifft aber nicht für den MINT-Bereich zu. Denn trotz zahlreicher Initiativen, die von Berufsorientierungsmessen an Schulen über Maßnahmen der Kammern bis zum jährlich stattfindenden Girls‘ Day reichen, sind Mädchen und Frauen gerade in den technisch-naturwissenschaftlichen und technikorientierten Ausbildungsbereichen, für die gute Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt prognostiziert werden, noch deutlich unterrepräsentiert. Damit weibliche und männliche Jugendliche ihre Begabungen voll ausschöpfen können, müssen Strukturen geschaffen und verstetigt werden, die ihnen ermöglichen, sich ein umfassendes Bild von der Palette der Berufswahlmöglichkeiten zu machen. Zudem sollten sie auch bei einer ‚frauenuntypischen‘ und ‚männeruntypischen‘ Berufswahl unterstützt und motiviert werden.34 Die mittlerweile als Doppelveranstaltungen in Rheinland-Pfalz organisierten Girls‘ Days und Boys‘ Days bieten Unterstützung bei der Planung von Aktivitäten für Jungen und Mädchen an, die zu einem Wandel im geschlechtsspezifischen Berufswahlverhalten beitragen sollen, wie es im gemeinsamen Aufruf der rheinland-pfälzischen Ministerinnen Irene Alt und Doris Ahnen zum Girls‘ Day (‚Mädchen-Zukunftstag 2014‘) und Boys’ Day (‚Jungen-Zukunftstag 2014‘) heißt.35 Neben dem Geschlecht nimmt auch das Bildungsniveau, über das die Jugendlichen in der Eifel verfügen, Einfluss auf die Wahl des Ausbildungsbereichs (vgl. Abb. 9). So haben Auszubildende im handwerklichgewerblichen Bereich eine deutlich niedrigere Schulbildung als diejenigen, die in einem kaufmännischen Beruf ausgebildet werden bzw. eine entsprechende Ausbildung bereits abgeschlossen haben. Diese haben eher einen mittleren oder sogar höheren Bildungsabschluss. Auch im Dienstleistungssektor sind höher Gebildete überrepräsentiert. Der hier zu Tage tretende Zusammenhang zwischen dem Vorbildungsniveau der Jugendlichen und der Wahl des Ausbildungsgangs verweist auf eine ausgeprägte Selektions- und Segmentierungsfunktion des dualen Systems. 34 Vgl. Calmbach 2013. 35 Vgl. Alt/Ahnen 2014. 44 Abbildung 9: Ausbildungsbereiche nach Vorbildungsniveau (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Dass es sich dabei um keine für die Eifelregion typische Entwicklung handelt, sondern entsprechende Unterschiede in den Qualifikationsanforderungen im gesamten Bundesgebiet zu beobachten sind, wird in den Befunden des 14. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung aus dem Jahr 2013 deutlich: In einem oberen Segment der ‚Abiturientenberufe‘ (rd. 13% aller neuen Ausbildungsverträge) sind insbesondere kaufmännische und Verwaltungsberufe in Industrie und Handel sowie Berufe in den neuen Medien vertreten. Über 60% der Auszubildenden haben hier eine Studienberechtigung. Im zweiten Segment (‚obere Mitte‘ = 26%) finden sich ebenfalls kaufmännische und Verwaltungsberufe, aber auch technische Berufe sowie einzelne gewerbliche Berufe in Industrie und Handwerk. Der häufigste Bildungsabschluss mit knapp 60% ist die mittlere Reife, jeweils 20% der Abschlüsse entfallen auf Abitur und Hauptschule. Das dritte Segment (‚untere Mitte‘ = 16%) umfasst etwa je zur Hälfte kaufmännische und gewerbliche Berufe in Betrieben des Handwerks. Auch hier dominieren mittlere Bildungsabschlüsse, während nicht ganz 40% einen Hauptschulabschluss haben. Im vierten Segment (‚unteres Segment‘ = 28%) finden sich vorwiegend Berufe des Nahrungsmittelhandwerks, Verkäuferinnen und Verkäufer sowie Friseurinnen und Friseure. Etwa 60% dieser Auszubildenden haben einen Bildungniveau Handwerklich/ Gewerblich Dienstleistend Kaufmännisch Sonstige Ausbildungsbereiche 45 Hauptschulabschluss. In das fünfte Segment (‚heterogene Bildungslagen‘ = 17%) fallen recht unterschiedliche Ausbildungsberufe, für die aber charakteristisch ist, dass sie eine Varianz im Vorbildungsniveau der Lehrstelleninhaber besitzen.36 Das ungleiche Bildungsniveau der Azubis in den einzelnen Ausbildungsberufen unterstreicht mit Nachdruck, dass der rechtlichen Zugangsfreiheit zur dualen Ausbildung in der Realität erhebliche Barrieren für die unteren Bildungsgruppen entgegenstehen. Nur konsequent wird deshalb in der Berufsbildungsforschung darauf verwiesen, dass der Trend zu abituriententypischen Ausbildungsberufen – z. B. den/die Kaufmann/-frau für Marketingkommunikation – starke Schließungstendenzen gegenüber Jugendlichen mit einer niedrigen schulischen Vorbildung erkennen lässt. Hinzu kommt, dass „das Schulberufssystem in den vergangenen Jahren viel zu wenig zu einem ausreichenden Ausbildungsangebot beitrug. Es konterkarierte vielmehr seinen spezifischen Vorteil – die weitgehende Marktunabhängigkeit – durch eine beträchtliche Segmentation der Berufe entlang vordefinierter schulischer Bildungsvoraussetzungen sowie durch unzureichende Anstrengungen zur Schaffung neuer Schulberufe bzw. Ausbildungsplätze für Jugendliche ohne mittleren Schulabschluss.“37 Aber wir sind in den Feinanalysen zu den Ausbildungschancen und zum Zugang der Eifeljugendlichen in das duale System und in das Schulberufssystem auch auf Ausbildungsgänge gestoßen, bei denen die schulische Vorbildung der Auszubildenden stark variiert, so z. B. bei der Ausbildung zum/zur Kaufmann/-frau im Einzelhandel. In solchen Berufen haben Jugendliche mit Hauptschulabschluss die Chance, denselben Berufsabschluss wie ihre studienberechtigten Mitauszubildenden zu erwerben – eine Entwicklung, die dazu beiträgt, dass durch das duale System die Folgen des stark selektiven allgemeinbildenden Schulsystems abgemildert werden. Aber dies ist eher die Ausnahme. Häufiger zu beobachten sind Verfestigungen sozialer Ungleichheit. Denn sowohl bei der Rekrutierung der Auszubildenden als auch beim Vollzug der Ausbildung nimmt es Auswahlen und Differenzierungen vor. Diese führen wiederum für bestimmte Gruppen unter den Jugendlichen zu unterschiedlichen Chancen der Realisierung ihrer Ziele, sei es, dass sich diese Ziele auf den Be- 36 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2014, S. 193. 37 Beicht et al. 2011, S. 201. 46 ginn einer Berufsausbildung, den Erwerb eines qualifizierten Berufsabschlusses oder die Integration in das Erwerbsleben beziehen. Wie andere Teilsysteme des Bildungswesens, so erzeugt auch das berufliche Ausbildungssystem soziale Ungleichheiten. Es verfügt somit über beide Potenziale, d.h. sowohl über den Abbau von sozialer Ungleichheit (hier zeigt es sich dem tertiären Bildungssektor sogar überlegen, da es die rechtlichen Voraussetzungen besitzt, die Folgen unterschiedlicher schulischer Vorbildung einzuebnen) als auch über die Generierung und Vertiefung sozialer Ungleichheit – ein Sachverhalt, auf den in der Berufsausbildungsforschung bereits seit Ende der 1990er Jahre immer wieder aufmerksam gemacht wird.38 3.2.2 Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten Der Übergang von der Schule zum Beruf ist ein sehr komplexer und mehrschichtiger Prozess, der von Jugendlichen bewältigt werden muss, um sich in der heutigen Arbeitswelt erfolgreich platzieren zu können. Zahlreiche Informationsquellen und -wege stehen den Heranwachsenden in diesem Zusammenhang zur Verfügung. Wie angesichts der Fülle und Vielfalt der Ausbildungsgänge deutlich wurde, ist Unterstützung bei dem Such- und Auswahlprozess unabdingbar. In diesem Zusammenhang stellten wir den Jugendlichen zunächst die Frage: „Wie gut weißt/wusstest Du über Deine Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten Bescheid?“ Die entsprechenden Kenntnisse sollten zum einen regionunspezifisch („im Allgemeinen“) und zum anderen regionspezifisch („in meiner Region“) bekundet werden (vgl. Abb. 10). Fast drei Viertel der Jugendlichen (73%) geben an, gut über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten im Allgemeinen Bescheid zu wissen. Deutlich geringer mit 62% fällt dagegen die ‚Wissensrate‘ über die regionale Ausbildungs- und Berufssituation aus, wobei hier die Mädchen und vor allem höher Gebildete Kenntnisdefizite haben. In diesen Ergebnissen spiegelt sich ein bundesdeutsches Problem wider, denn nach wie vor sind es mehrheitlich Haupt- und Realschulen, die ihre ‚praktisch begabten‘ Schülerinnen und Schüler bei der Berufswahlvorbereitung in ihrer Herkunftsregion unterstützen.39 In diesem Zusammenhang scheint es dringend geboten, das Angebot an qualifizierten und wohnortnahen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen stärker in der Wahrnehmung der höher gebildeten Jugendlichen – und hier vor allem der Mädchen und jungen Frauen – zu verankern. 38 Vgl. Kühn/Zinn 1998. 39 Vgl. Kalisch/Taube-Riegas 2013. 47 Abbildung 10: Wissen über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 3.2.3 Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl Neben der allgemeinen Frage nach dem Kenntnisstand über Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten interessierte uns auch der Aspekt, wie die Jugendlichen dieses Wissen erworben haben. Dazu stellten wir Ihnen folgende Frage: „Wodurch hast Du wichtige Tipps zu Deiner Berufswahl und den Ausbildungsmöglichkeiten erhalten?“ Die Jugendlichen in der Eifel benutzen in der Regel mehrere Informationswege und -kanäle bei der Ausbildungs- und Berufswahl (vgl. Abb. 11). Persönlichen Erfahrungen im Praktikum und Gesprächen mit den Eltern sowie eigenständigen Recherchen im Internet kommt die größte Bedeutung bei der Ausbildungs- und Berufsorientierung zu. Von den ‚institutionalisierten Informationsquellen‘ hat die Schule den höchsten Kurswert. Die Arbeitsagentur und die Hochschule bilden die Schlusslichter im ausbildungs- und berufsbezogenen Informationsranking der Jugendlichen in der Eifel. Vergleicht man diese Ergebnisse mit Resultaten aus anderen Studien zur Berufsorientierung, dann bestätigt sich zunächst einmal ein allgemeiner Befund: Außerschulische Informationsquellen werden häufiger genutzt als schulische. Aber trotz der verfügbaren Berufsorientierungsangebote fühlen sich viele Jugendliche nicht Im Allgemeinen In meiner Region Ausbildungs-/Berufsmöglichkeiten Gut Teils-Teils Schlecht Wissen 48 hinreichend informiert. Vor allem in den persönlichen Gesprächen wurden Kenntnisdefizite über die regionale Ausbildungssituation immer wieder angesprochen und verstärkt der Wunsch nach einer individuellen Berufswahlbegleitung geäußert. Abbildung 11: Unterstützung bei der Ausbildungs- und Berufswahl (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Der im Kontext der Berufsorientierung des Öfteren propagierte ‚Markt der Möglichkeiten‘ stellt sich für die Jugendlichen in der konkreten Entscheidungssituation sehr viel eingeschränkter und begrenzter dar. Dass dies keineswegs nur für die jungen Menschen in der Eifel zutrifft, verdeutlichen auch die Ergebnisse einer Berufswahlstudie in Mecklenburg- Vorpommern: „Jugendliche kennen primär die ‚Berufsorientierungsklassiker‘ und betrachten vor allem praktische Einblicke in die Arbeitswelt als besonders hilfreich für ihre Berufswahlentscheidung. Betrachtet man die Einschätzungen der Schüler/innen bezüglich der Berufsorientierungsangebote fällt auf, dass es hier große Unterschiede hinsichtlich des Bekanntheitsgrades einzelner Berufsorientierungsangebote gibt. Während die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, das Berufsinformationszentrum (BIZ), Betriebspraktika einer Mehrheit der Schüler/innen bekannt sind, 49 geben wesentlich weniger Schüler/innen an, Betriebsbesichtigungen, Schülerfirmen, Ausbildungsmessen, Berufswahl- bzw. Pilotpass oder andere Maßnahmen (z.B. Girls‘ Day/Jungstag) zu kennen.“40 Für viele Regionen in Deutschland – und dies gilt auch für den Eifelkreis – ist mithin zu konstatieren, dass das regionale Informationsangebot für Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten viele Jugendliche nicht erreicht. In Ergänzung und Ausweitung der schulischen Maßnahmen sollten deshalb verstärkt auch im außerschulischen Bereich ausbildungs- und berufsorientierende Veranstaltungen angeboten werden. Als Beispiel aus der Region ist hier etwa auf die Ausbildungsmesse ‚Dein Tag, Deine Chance – Ausbildung jetzt‘ zu verweisen, die am 4. April 2014 in Daun stattfand und gemeinsam von Arbeitsagentur, Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer sowie dem Trierischen Volksfreund durchgeführt wurde. Um möglichst vielen Jugendlichen die unterschiedlichsten Ausbildungsberufe und Rekrutierungspraktiken näher zu bringen, haben die Veranstalter das aus Partnerbörsen bekannte Prinzip des Speed-Dating als innovatives Element in die Ausbildungsmesse integriert: „Eine gute Übung bietet das Speed-Dating, Bewerbungsgespräche zu üben, aber auch, um mit Arbeitgebern ins Gespräch zu kommen und sich schnell und umfassend über die Ausbildungsmöglichkeiten bei regionalen Betrieben zu informieren.“41 3.2.4 Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion Neben dem Wissen über Ausbildungsmöglichkeiten interessierte uns auch die Frage, wie die Jugendlichen die Berufsperspektiven in der Eifelregion einschätzen. Folgendes Statement legten wir ihnen dazu vor: „In dieser Region gibt es interessante Berufsperspektiven“ (vgl. Abb. 12). Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Jugendlichen (41%) die regionalen Berufsperspektiven als „schlecht“ bewertet. Nur ein geringer Teil (24%) erachtet sie als „gut“. Etwas mehr als ein Drittel (35 %) scheint unsicher zu sein und antwortete mit „teils-teils“. Die in der Antwortverteilung sichtbar werdende Skepsis im Hinblick auf den regionalen Arbeitsmarkt hat uns überrascht. Denn zum einen finden sich in den qua- Kalisch/Taube-Riegas 2013, S. 33. 41 Schwadorf 2014, S. 16. 50 litativen Interviews mit den Jugendlichen Hinweise auf zumindest zufriedenstellende – wenn nicht gar gute – Berufsperspektiven in der Region. Um nur ein Beispiel zu zitieren: „Für meine Ausbildungsstelle habe ich nicht viele Bewerbungen geschrieben. Es war leicht, einen Platz zu finden, weil es hier weniger Bewerber gibt als in der Stadt. Jetzt arbeite ich als Maschinenanlageführer für Lebensmitteltechnik in der Bitburger Brauerei, wo ich auch gelernt habe“ (Frederik, 20 Jahre). Abbildung 12: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Zum anderen wird in zahlreichen Stellungnahmen von Seiten der Wirtschaft oder der Agentur für Arbeit auf die guten Berufsmöglichkeiten in der Eifel aufmerksam gemacht, wobei vor allem junge und gut qualifizierte Arbeitskräfte „heiß begehrt“43 sind. Auch im Rahmen einer Lossprechungsfeier am 17. März 2016 im Bedamarkt-Festzelt in Bitburg sagte der Kreishandwerksmeister im Blick auf die Berufschancen in der Region: 42 Bartzen 2012, S. 64. 43 Waschbüsch 2014, S. 16. Gut Teils-Teils Schlecht 51 „Das Handwerk braucht Sie. Die Wirtschaft braucht Sie. Und Sie selbst haben die besten Zukunftsaussichten in Ihrem erlernten Beruf […] Sie haben alles richtiggemacht. Mit einem Gesellenbrief haben Sie einen handfesten Abschluss mit dem Sie sich in der Berufswelt behaupten können. Er kann darüber hinaus auch als Sprungbrett für eine berufliche Karriere dienen.“ Und er ergänzt: „Handwerk ist Vielfalt, es bringt Arbeit in strukturschwache Regionen und sichert damit die Bevölkerung in den Dörfern und Kleinstädten.“44 Auch im Rahmen des Regionalentscheids zum Bundeswettbewerbs der deutschen Landjugend in Bitburg im Jahr 2015 betonte die rheinlandpfälzische Landwirtschaftsministerin, dass gerade in ländlichen Regionen „grüne Berufe angesagt (sind), weil sie moderne Technik und Management mit der Verantwortung für Natur und Umwelt verbinden.“ Als positive Auswirkung wird in Rheinland-Pfalz – die Eifelregion eingeschlossen – ein Anstieg der Zahl der Auszubildenden in Land- und Forstwirtschaft, Wein- und Gartenbau konstatiert, weil die regionale Agrarwirtschaft gute Berufsperspektiven und Ausbildungsbedingungen bietet. Angesichts dieser positiven Indikatoren und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis Bitburg-Prüm erstaunt die negative Sichtweise und Einschätzung der Jugendlichen. Welche Gründe im Einzelnen auch immer dafür verantwortlich sind, ganz offensichtlich liegt auch hier ein eklatantes Informationsdefizit vor. Deutlich wird dies, wenn man sich die Ergebnisse der Korrelationsanalyse zwischen dem Kenntnisstand über die regionalen Ausbildungs- und Beschäftigungssituation und der Einschätzung der künftigen Beschäftigungsmöglichkeiten in der Eifel ansieht (vgl. Abb. 13). Der Zusammenhang ist statistisch hoch signifikant: Jugendliche, die eine geringe Wissensrate über regionale Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten besitzen, schätzen auch die Berufsperspektiven in der Region – und damit letztlich ihre Berufschancen vor Ort – deutlich schlechter ein. Und umgekehrt gilt: Wer sich mit der Ausbildungs- und Berufssituation in der Eifel vertraut gemacht hat, sieht auch die Berufsperspektiven in der Region in einem wesentlich freundlicheren Licht. Anhand der ausbildungs- und berufsbezogenen Einschätzungsmuster und Wissensraten konnten wir zudem eindeutig belegen, dass besonders die Jugendlichen mit höherem Bildungsniveau Informationsdefizite aufweisen – und zwar sowohl bezüglich der konkreten Ausbildungs- und Beschäftigungssituation als auch der künfti- 44 Eifelzeitung 2016, S. 1. 45 Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum 2015, S. 1. 52 gen Entwicklung der Arbeitswelt im Eifelraum. Die Bildungsexpansion und die wachsenden Schülerzahlen auf Gymnasien verschärfen damit den Trend einer ausbildungs- und berufsbezogenen Informationskluft zwischen den einzelnen Bildungsgruppen. Abbildung 13: Einschätzung der Berufsperspektiven in der Eifelregion nach Wissen über regionale Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Im Blick auf die Bleibeorientierung junger Menschen hat dieser Zusammenhang fatale Konsequenzen. Denn trotz einer objektiv verbesserten Ausbildungs- und Berufssituation in der Eifelregion, so unsere Vermutung, dürfte in vielen Fällen die subjektive Fehleinschätzung handlungsrelevant werden und die Abwanderungstendenzen der Jugendlichen erhöhen. Studien über Mobilitätswünsche von Heranwachsenden konnten nachweisen, dass sie eher bereit sind, in der Region zu bleiben, falls sie ausreichend Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten vorfinden.46 Notwendig erscheint uns vor diesem Hintergrund die Implementierung resp. Erweiterung eines gut vernetzten schulformübergreifenden Informationsangebots – und zwar sowohl im Blick auf die in der Gegenwart vorhandenen als auch in Zukunft erwarteten Ausbildungsund Berufsmöglichkeiten in der Eifel. 46 Vgl. Kalisch/Taube-Riegas 2013, S. 22. Gut Teils-Teils Schlecht Wissensstand Berufsperspektiven Gut Teils-Teils Schlecht 53 3.2.5 Mobilitätsinvestitionen: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort Die Grenznähe zum Nachbarland Luxemburg zeichnet die Eifelregion aus und birgt auch neue Perspektiven für die hier lebenden Jugendlichen. Die höheren Löhne und das vielfältige Beschäftigungsangebot in unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern führen dazu, dass mehr als ein Drittel (34%) den Wunsch äußert, hier einmal arbeiten zu wollen. Abbildung 14: Luxemburg als potenzieller Arbeitsort (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Welchen Einfluss die regionalen und überregionalen Beschäftigungsmöglichkeiten auf die Mobilitätsbereitschaft der Jugendlichen haben, zeigt sich auch an den Antworten zum Thema ‚Pendeln’. Wir haben die Jugendlichen danach gefragt, welche Entfernung sie zu ihrem aktuellen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz zurücklegen (vgl. Abb. 15). Es zeigt sich, dass die Eifeljugendlichen momentan im Durchschnitt 23 Kilometer zurücklegen. Anders sieht es aus, wenn man danach fragt, wie viele Kilometer sie in Zukunft fahren würden, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Es zeigt sich, dass mehr als die Hälfte (59%) bereit wäre, täglich 31 Kilometer und mehr zu ihrem Arbeitsplatz zu pendeln. Im Durchschnitt ergibt sich ein Wert von 43 Kilometer. Ja Nein 54 Abbildung 15: Entfernungen zum Arbeitsplatz: tatsächlich und zukünftig (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Mit dem Wechsel an weiterführende Schulen oder in die Berufsausbildung sind zum Teil erhebliche Investitionen für Wegezeiten verbunden. Diese werden von den Jugendlichen aber nicht als besondere Belastung empfunden, sondern als eine Form des mobilen Lebens, das für den ländlichen Raum charakteristisch ist. Wie sehr ihr Alltag von Mobilität durchzogen ist, wird auch in den Selbstbeschreibungen deutlich, die Bettina Bartzen in ihrem Foto- und Porträtband Jugend in der Eifel zusammengestellt hat: • „Als Zweijährige bin ich von meinen Eltern adoptiert worden und so von Indien in die Eifel nach Hüttingen an der Kyll gekommen. In Hüttingen gibt es in meinem Alter nicht so viele junge Leute. […] Meine Freunde kommen eher aus Bitburg. Wir verabreden uns in der Schule oder über Facebook. […] Dann gehen wir in die Stadt, fahren mit dem Zug von Hüttingen nach Trier shoppen oder gehen ins Kino“ (Sunita, 17 Jahre). • „Mehrmals im Jahr fahre ich mit meinen Freunden ins 50 Kilometer entfernte Trier, um dort zu shoppen, weil die Möglichkeit in Bitburg Bartzen 2012, S. 14. tatsächlich zukünftig 1-10Km 11-20Km 21-30Km 31Km und mehr Ø = 23Km Ø = 43Km Entfernung in Km 55 eher gering ist. Mit meinen Freunden verabrede ich mich über Facebook, Handy oder Telefon. Wir gehen ins Kino, schwimmen oder machen DVD-Abende“(Simone, 16 Jahre). • „In Preischeid selbst gibt es nichts für die Jugendlichen. Seit 13 Monaten habe ich den Führerschein der Klasse S. Wenn man so abgelegen wohnt, ist das sehr praktisch, mobil zu sein. Sogar zum Einkaufen muss man 25 Kilometer fahren. Meine ältere Schwester übergab mir das ‚Mopedauto‘, weil sie jetzt den richtigen Autoführerschein hat. Unser ‚Böckli‘, so haben wir unser ‚Microcar‘ getauft, fährt ungefähr 45 km/h. Damit fahre ich auch zwei Mal die Woche 15 Kilometer nach Clervaux/Luxemburg zum Zugbahnhof. Von dort aus weiter mit dem Zug nach Luxemburg/Stadt zur Berufsschule“ (Selina, 17 Jahre).49 • „Ich möchte in Zendscheid bleiben und lieber das Fahren in Kauf nehmen. Der Zug in Richtung Trier oder Köln hält ja direkt vor der Tür. Ich bin in einer Stunde in Trier. Ein Nachteil ist die Verbindung nach Bitburg, da man in Erdorf in den Bus umsteigen muss“ (Alexandra, 17 Jahre). Das Unterwegssein ist für die in der Eifel lebenden Jugendlichen nicht nur eine Selbstverständlichkeit, es wird auch zusehends als selbst gestaltbar erlebt. Vor allem mit dem Übergang von der Schule in die Berufsausbildung steigt die Eigenverantwortlichkeit für die Wege zur Ausbildungsstätte. Dass damit auch finanzielle Belastungen einhergehen, sei nur am Rande erwähnt. Als größere Herausforderung wird aber der Zeitaufwand gesehen. Denn durch die Wegezeiten wird der ohnehin schon lange Ausbildungstag noch zusätzlich verlängert. In welchem Umfang die Wegebewältigung während der Ausbildungsphase gerade im ländlichen Raum zu Buche schlägt, ist auch in anderen Studien nachgewiesen worden: „Vor allem für Heranwachsende, die einer beruflichen Ausbildung nachgehen und die auf dem Lande leben, sind – wie unsere Untersuchungen zeigen – die Anfahrtszeiten beachtlich: immerhin 40% fahren zwischen 20 und 45 Minuten zur Arbeit. Etwa ein Viertel muss Wegzeiten zwischen einer dreiviertel Stunde und zwei Stunden in Kauf nehmen. Für diese Gruppe verlängert sich der Arbeitstag somit um mindestens eineinhalb Stunden.“ Bartzen 2012, S. 22. Ebd., S. 98. Ebd., S. 112. Tully 2013, S. 206. 56 Auch wenn für die Landjugend der zeitliche Aufwand, um zu ihrem Ausbildungsort zu kommen, schon recht hoch ist, so ist dies nur ein Teilaspekt ihres lebensweltlichen Aktionsradius. Denn neben ihren Bildungs- und Arbeitswegen (Schule, Ausbildung, Beruf) gehören auch Kontaktwege (Eltern, Freunde, Verwandte), Eventwege (Kneipe, Kino, Theater etc.), Unterhaltswege (Bank, Einkaufen, Behördengänge etc.), Sport- und Erholungswege (Verein, Schwimmen, Wandern etc.) zum festen Bestandteil ihres Mobilitätsprofils. Die wohnortübergreifenden Mobilitätsformen und die damit einhergehende Lebensgestaltung der Landjugend können damit als prototypisch für das räumlich entgrenzte Landleben insgesamt angesehen werden. Denn die neuere regionale Sozialraumforschung konstatiert für alle im ländlichen Raum lebenden Alterskohorten eine zunehmend mobile und multilokale Lebensform: „Es sind nämlich spezifische Raumkonstellationen, in denen sich die individuelle – und durchaus unterschiedliche – Daseinsgestaltung im Nahbereich (Arbeiten, Freizeit, Partizipation, soziale Kontakte) entfaltet. Lebenswelten und Raumbezüge durchdringen einander. In diesem Verständnis sind Raum bzw. Räumlichkeit relationale Größen, die dem sozialen Handeln nicht vorgelagert sind, sondern als das Resultat menschlicher Einwirkung angesehen werden können, Partizipations-, Ressourcen- und Veränderungspotenziale eingeschlossen.“ 3.3 Generation Y: Work-Life-Balance im Jugendalter Die heutige junge Generation wird in der öffentlichen Wahrnehmung immer häufiger als „Generation Y“53 bezeichnet. Auch wenn es sich bei den entsprechend etikettierten Alterskohorten – angesprochen sind die zwischen 1980 und 2000 Geborenen – vorrangig um ältere Jugendliche und junge Erwachsene handelt, so haben wir in unseren Ergebnissen Hinweise darauf gefunden, dass sich das Label möglicherweise auch auf jüngere Altersjahrgänge übertragen lässt. Aber welche Verhaltens- und Einstellungsmuster sind für diesen Jugendtypus charakteristisch? Zunächst einmal steht der Buchstabe ‚Y’ in seiner englischen Aussprache für das Wort ‚why‘ (dt. warum) und signalisiert damit eine Haltung des Nachfragens und Infragestellens. Vor allem die von der Elterngeneration praktizierten – und propagierten – privaten Lebensmodelle, be- Vogelgesang et al. 2015, S. 292. 53 Vgl. Buchhorn/Werle 2011; Löhr 2013; Stalinski 2013. Zwischenzeitlich hat sich für die nach 2000 Geborenen ein weiteres Label etabliert: Generation Z; vgl. Scholz 2014. 57 ruflichen Beschäftigungsformen und normativen Selbstverständlichkeiten werden auf den Prüfstand gestellt. Angestrebt wird eine neue, ausgeglichene Beziehung zwischen allen Lebensbereichen, wobei Autonomie, Sinnhaftigkeit und Partner- und Familienorientierung zu Leitvorstellungen werden. Eine junge Journalistin bringt das Selbstverständnis der Generation Y auf den Punkt: „Wir suchen Sinn, Selbstverwirklichung und fordern Zeit für Familie und Freunde.“54 Die Spurensuche nach entsprechenden Handlungs- und Zielvorstellungen bei den Jugendlichen in der Eifel konzentriert sich zunächst auf die Lebensbereiche Freizeit und Familie. Daran anschließend werden aus dem Spektrum wertgebundener Orientierungen zwei Aspekte vertieft, die als Grundhaltungen und Basiseinstellungen bezeichnet werden können: der Wunsch nach Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein. Einschätzungen der eigenen Zukunft beschließen den kleinen Exkurs zur Offenlegung von Handlungsfeldern und -strategien, die auch für die junge Generation in der Eifel Ankerpunkte für eine selbstbestimmte und harmonische Lebens- und Zukunftsgestaltung erkennen lassen. Auch wenn diese Entwicklung nur als Tendenz verstanden werden kann, so markiert sie einen wichtigen Aspekt künftiger Jugendforschung, in der Fragen nach der Vereinbarkeit von unterschiedlichen Handlungsfeldern wie Familie, Freizeit, Ausbildung, Beruf oder politischen und sozialem Engagement sehr viel stärker im Blick auf die eigenen Bedürfnisse und die Zeitautonomie der Jugendlichen zu untersuchen sind. 3.3.1 Kreatives Faulenzen Im Vorgriff auf das noch ausführlich zu behandelnde jugendliche Freizeitverhalten55 wird an dieser Stelle einem Aspekt eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, der auf den ersten Blick im Widerspruch steht zur Agilität und dem schier unerschöpflichen Spektrum von Handlungsmöglichkeiten im Freizeitraum: dem Nichtstun. Sowohl in der 2000er als auch in der 2011er Befragung konnten die Jugendlichen u.a. angeben, wie ausgeprägt in ihrem Freizeitverhalten „Faulenzen und Chillen“ sind. 54 Bund 2014, S. 30. 55 Siehe hierzu Kap. 4.1. 58 Abbildung 16: Freizeitaktivität „Faulenzen/Chillen“ – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Zunächst einmal fällt auf, dass fast die Hälfte der Eifeljugend (45%) dies bejaht und die Quote der ‚Intensiv-Chiller‘ im vergangenen Jahrzehnt nochmals leicht zugenommen hat. Aber welche Verhaltensmuster und Motivationen verbergen sich dahinter? Handelt es sich um rein passive Tätigkeiten von ‚Couch Potatoes‘, die sich in ihrer Freizeit hauptsächlich auf dem Sofa räkeln und Fernsehen schauen? Oder sind es ‚regenerative Chiller‘, die analog zu den Chill-out-Bereichen in der Techno- und LAN- Szene im privaten Raum Ruhephasen und -zonen eingerichtet haben? Die Antworten der Jugendlichen, die wir in qualitativen Ergänzungsinterviews erhalten haben, ließen sich beiden Entspannungsmustern zuordnen. Aber es gab einen bestimmten Kreis von Befragten, der sehr gezielt und bewusst Dinge in der Freizeit tut und diese als Kontrapunkte zu den Anforderungen im schulischen und beruflichen Bereich erachtet. Ob Lesen oder Musikhören, mit dem Auto oder Motorrad durch die Eifel cruisen, sich mit Freunden treffen oder sich auf Facebook mit ihnen austauschen, sich bei sportlichen Aktivitäten verausgaben oder bei der Organisation des Kinderflohmarktes im Haus der Jugend in Bitburg mithelfen, in diesen Aktivitäten sehen Jugendliche nicht nur die Möglichkeit, persönlichen Interessen und Neigungen nachzugehen, sondern sie erleben diese auch als selbstbestimmt, kreativ und entspannend. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Häufigkeit 59 Die freizeitlichen Handlungsspielräume multifunktional im Sinne persönlicher Bedürfnisse, autonomer Gestaltung und als Gegenpart zu fremdbestimmten Lebensbereichen zu nutzen, verweist zum einen auf Balancestrategien, um zeitlich und anforderungsmäßig unterschiedlich getaktete Lebensbereiche miteinander in Einklang zu bringen. Zum anderen werden dadurch regenerative Potenziale sichtbar, die stressabbauend oder gar -verhindernd wirken können. Auch wenn hier Themenfelder einer künftigen jugendbezogenen Work-Life-Balance-Forschung skizziert sind, so zeichnet sich bereits jetzt ab, dass solche ‚Lebens-Einklang-Potenziale‘ ihrerseits hoch bildungsabhängig sind. Denn das ‚aktive Chillen‘ findet sich unter den Jugendlichen mit einer hohen Bildung deutlich häufiger (49%) als bei ihren Altersgenossen mit einer niedrigen Bildung (35%). 3.3.2 Familienorientierung Das Bestreben einer wachsenden Zahl von Jugendlichen, zwischen den verschiedenen Lebenswelten ein pragmatisches und an Gleichgewichts- überlegungen ausgerichtetes Verhältnis zu verwirklichen, ist auch am veränderten Stellenwert der Familie abzulesen. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass der Anteil von Jugendlichen, die noch oder wieder bei den Eltern wohnen, recht hoch ist. Dass dies nicht nur finanziellen Erwägungen geschuldet ist, sondern mit einem gestiegenen Ansehen der Herkunftsfamilie einhergeht, zeigt sich auch an der Antwortverteilung auf die Frage, ob und inwieweit die Jugendlichen in der Eifel bereit sind, in der Freizeit etwas mit der Familie zu unternehmen. Die Ergebnisse in Abbildung 17 geben darüber Auskunft. Über ein Drittel (36%) antwortete hier mit „oft“, wobei vor allem die Steigerungsrate von 13% zwischen den beiden Jugendbefragungen hervorsticht. Das Einvernehmen und die Nähe zu den Eltern haben in der jüngeren Vergangenheit ganz offensichtlich zugenommen – eine Entwicklung, die auch die 16. Shell Jugendstudie besonders herausstellt: „In Zeiten hoher Anforderungen in Schule, beruflicher Ausbildung und ersten qualifizierten Tätigkeiten wird die Herkunftsfamilie zu einem sicheren sozialen Heimathafen. Hier findet eine große Mehrheit der Jugendlichen den notwendigen Rückhalt und die positive emotionale Unterstützung auf dem Weg ins Erwachsenenleben.“56 56 Shell Deutschland Holding 2010, S. 17. 60 Abbildung 17: Freizeitgestaltung mit der Familie – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Auch in den Gesprächen mit den Jugendlichen wurde uns immer wieder versichert, wie gut das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist und dass sie Vorbildcharakter haben. In den biographischen Schilderungen der Landjugend, die Bettina Bartzen zusammengetragen hat, finden sich ebenfalls zahlreiche Hinweise, die dies unterstreichen. Aus dem Fundus der jugendlichen Selbstberichte zum Verhältnis zu ihren Eltern und Großeltern sind nachfolgend einige Auszüge zitiert: • „Mein Opa ist mein Vorbild. Er erinnert sich an viele Geschichten und ist sehr intelligent. Ich bewundere ihn, weil er schon so lange im Ort die Jugendarbeit macht und auch politisch etwas erreicht hat. Aber eigentlich ist auch meine Mutter mein Vorbild. Sie hat einen starken Charakter, kann sich in die Psyche des anderen sehr gut hineinversetzen, und sie nimmt die Dinge so, wie sie kommen“ (Diana, 16 Jahre).57 • „Meine Mutter ist ein großes Vorbild von mir. Ich bewundere sie, weil sie stark durchs Leben geht, und jede Herausforderung positiv und mit viel Energie angeht“ (Anne, 22 Jahre).58 57 Bartzen 2012, S. 20. 58 Ebd., S. 46. 2000 2011 Erhebungsjahr Oft Selten Nie Häufigkeit 61 • „Meine Mutter ist mein großes Vorbild. In unserem Landwirtschaftsbetrieb gibt es immer sehr viel Arbeit und Stress. Dennoch behält sie den totalen Durchblick, kümmert sich um alles und behandelt alle gleich“ (Selina, 17 Jahre).59 Die ausgeprägte Familienorientierung der jungen Eifeler zeigt sich aber nicht nur in der starken Bindung an ihre Eltern, sondern auch im Kinderwunsch, den viele von ihnen haben. „Eine Familie mit Kindern“, das war bereits in den Vorgesprächen fast unisono ein von ihnen geäußertes Lebensziel. Und auch in der Hauptuntersuchung bestätigte sich der Eindruck, dass das Streben nach einer festen Partnerschaft aufs Engste mit dem Wunsch einhergeht, später einmal eigene Kinder zu haben. Abbildung 18: Kinderwunsch (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Fast drei Viertel (74%) der Jugendlichen beantwortete die Frage: „Möchtest Du später eigene Kinder haben?“ mit ja, 22% waren noch unentschieden und nur eine Minderheit von 5% sprach sich explizit gegen Kinder aus. Zwischen den verschiedenen Alters- und Bildungsgruppen gab es diesbezüglich kaum Unterschiede. Lediglich im Hinblick auf das Geschlecht äußerten die weiblichen Befragten einen etwas höheren Kinderwunsch als die männlichen (78% zu 70%). 59 Bartzen 2012, S. 98. Ja Weiß nicht Nein 62 Auch wenn wir in der Surveystudie nicht explizit danach gefragt haben, so sprachen sich in der Voruntersuchung die meisten Jugendlichen für zwei Kinder aus. Unabhängig von der geäußerten Anzahl und mit Blick auf die seit den 1970er Jahren auch in der Eifelregion konstante Geburtenrate von – im langjährigen Schnitt 1,4 Kindern pro Frau – stellt sich die Frage, ob sich der Kinderwunsch in den nächsten Jahren auch realisieren lässt. Zunächst einmal ist eine gewisse Skepsis angebracht, denn in der ‚Rushhour des Lebens‘ müssen auch die Jugendlichen in der Eifel Ausbildung, berufliche Integration, Partnerschaft und Familie miteinander in Einklang bringen. Ob ihnen dies gelingen wird, ist offen. Soviel lässt sich aber bereits jetzt in Anlehnung an eine Feststellung in der 16. Shell Jugendstudie sagen: „Ein Verzicht auf Kinder wäre in dieser Generation von Jugendlichen bei einer großen Mehrheit nicht freiwillig, sondern würde eine Einschränkung in ihrer Entfaltung bedeuten.“60 Es bleibt daher fraglos eine gesellschaftliche Aufgabe, mit geeigneten Rahmenbedingungen Familiengründungen in Deutschland zu unterstützen. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird angesichts der fortschreitenden ‚Verengung des Geburtenfensters‘ auf der politischen Agenda bleiben. Zuversichtlich stimmt allerdings die Vorstellung der heutigen jungen Generation, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Sie ist zu einer wichtigen Sinninstanz für das eigene Leben geworden, verbunden mit der Überzeugung, dass sich Arbeit, Familie und Freizeit auch anders organisieren lassen. Vor allem an der Rolle der jungen Väter wird dieser Einstellungswandel sichtbar: „Sie wollen heute nicht mehr nur Ernährer sein, sondern auch Erzieher. Noch nie seit Einführung des Elterngelds im Jahr 2007 haben mehr Väter Elternzeit genommen: Zuletzt hat sie mehr als jeder Vierte genutzt. In einer Umfrage unter Kleinkind-Vätern gaben 51% der Befragten an, sie könnten sich vorstellen, Gehaltseinbußen hinzunehmen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, 56% würden hierfür ihre Karriereziele wenigstens eine Zeit lang zurückstellen. Die Väter von heute wollen keine Wochenend-Papis sein. 92% sagten, dass ihnen Zeit für die Familie auch unter der Woche sehr wichtig sei.“61 60 Shell Deutschland Holding 2010, S. 18. 61 Bund 2014, S. 30. 63 3.3.3 Streben nach Sicherheit und Beständigkeit Den veränderten Lebensentwürfen der heutigen jungen Generation in der Eifel korrespondieren – gleichsam spiegelbildlich – Veränderungen in ihren Lebenseinstellungen. Wichtig ist ihnen zwar nach wie vor der persönliche und berufliche Erfolg, der ihnen ein Auskommen und auch Aufstiegsmöglichkeiten in der Leistungsgesellschaft sichern soll. Tugenden wie Fleiß und Ehrgeiz werden dazu als notwendige Voraussetzungen erachtet. Aber sie dürfen sich nicht verselbständigen und in ein hemmungsloses Karriere- und Selbstoptimierungsdenken münden. Ablesbar ist dies zunächst einmal daran, dass der Kurswert von sogenannten Selbstentfaltungswerten gesunken ist. Abbildung 19: Zustimmung zu Selbstentfaltungswerten – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). In der 2011er Befragung finden die individuellen Werte, die die Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen betonen, nicht mehr im gleichen Maße Zuspruch, wie dies in der 2000er Untersuchung noch der Fall war. Die Differenzen sind zwar nicht so groß, dass von einem dramatischen Wertewandel im Blick auf Selbstbehauptungs- und Autonomieorientierungen gesprochen werden kann. Sie deuten aber eine Verschiebung und Neugewichtung in den Lebenseinstellungen an. Die pragmatisch-positive Zukunftsplanung gründet Unabhängig sein Selbstverwirklichung Durchsetzungsfähig sein Selbstentfaltungswerte 2000 2011 Erhebungsjahr 64 auf Leistung, Einsatz und Zuversicht, benötigt aber einen verlässlichen Rahmen, der in erster Linie im privaten und regionalen Umfeld gesehen wird. Berufliche Existenzsicherung in heimatlichen Gefilden scheint für viele zu einer Richtschnur ihrer künftigen Lebensgestaltung zu werden. Auch hierzu finden sich in dem von Bettina Bartzen herausgegebene Fotoband Jugend in der Eifel anschauliche Schilderungen: • „Die Menschen in der Eifel haben so ihre eigene Art. Das merkt man schon am Dialekt. Sie sind sehr gastfreundlich und gesprächig. Auf meinen Hausbesuchen als Hörakustiker mache ich auf jeden Fall immer gute Erfahrungen. Mich würde es nur mal kurz in die Stadt ziehen, um den Schritt in mehr Selbständigkeit zu gehen. Denn ich liebe die Ruhe auf dem Dorf“ (Mathias, 21 Jahre).62 • „Ich bin in Kasachstan geboren und in der Nähe von Moskau aufgewachsen. Als ich neun Jahre alt war, kam ich in die Eifel. Hier gefällt es mir viel besser als in Russland. […] Gerade habe ich eine Ausbildung als Krankenschwester begonnen. Mir macht der Umgang mit den Leuten großen Spaß. Besonders die Geschichten der alten Leute finde ich spannend. Nach meiner Ausbildung würde ich gern für ein Jahr nach Afrika gehen. Aber dann möchte ich wieder in der Eifel leben und eine Familie gründen. Krankenschwestern werden im Prümer Krankenhaus immer gesucht“ (Kristina, 21 Jahre).63 • „Ich möchte nicht in der Stadt wohnen. Auch Trier wäre mir zu weit. Denn hier (in Waxweiler) kenne ich meine Leute. Mit den Eifelern kann man viel Spaß haben. […] Den Ausbildungsplatz als Maurer habe ich noch während meiner Schulzeit bekommen, als ich dort ein Praktikum gemacht habe. Bei dieser Arbeit sehe ich am Ende ein Ergebnis und bin viel draußen. Ich hoffe, dass ich nach meiner Lehre dort bleiben kann“ (Thomas, 18 Jahre).64 In der konkreten Lebensplanung der Jugendlichen in der Eifel – und sie können hier stellvertretend für die Generation Y angesehen werden – wird eine wertbezogene Orientierung sichtbar, die auf Stabilität, Sicherheit und Beständigkeit ausgerichtet ist. Dieses Werteverständnis verweist letztlich wieder darauf, dass sich die Jugendlichen ein Netzwerk befriedigender Beziehungen in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis schaffen und sichern wollen, das ihnen Verlässlichkeit, Bestand und Erfüllung ermöglicht. Die Stabilitätsorientierung im privaten Bereich benötigt dabei in ihrer Sicht aber eine allgemeinverbindliche 62 Bartzen 2012, S. 24. 63 Ebd., S. 96. 64 Ebd., S. 120. 65 Absicherung, die durch ein gesellschaftliches Ordnungs- und Regelgerüst garantiert wird, über das staatliche Sicherheitsinstitutionen wachen. Die Antwortverteilung auf die Frage: „Wie groß ist Dein Vertrauen in folgende Institutionen?“ unterstreicht dies nachdrücklich. Abbildung 20: Vertrauen in Institutionen – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Auch wenn caritative Einrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz nach wie vor den höchsten Vertrauensbonus besitzen, so ist doch auffällig, dass vor allem die Sicherheitsinstitutionen Polizei und Justiz weiter an Vertrauenswürdigkeit gewonnen haben. In den Augen der Jugendlichen – und dies nicht nur in der Eifel – sind sie die Garanten und Stützpfeiler von gesellschaftlicher Sicherheit und Ordnung, deren Funktionsfähigkeit und Wertschätzung in unmittelbarem Zusammenhang mit der eigenen Lebensplanung gesehen wird. Die Ordnungsmacht des Staates wird nicht nur anerkannt, sondern als notwendige institutionelle Voraussetzung gesehen, damit persönliche Lebensziele und die individuelle Zukunftsgestaltung realisierbar erscheinen. Die Anerkennung zentraler staatlicher Institutionen und Aufgaben steht aber in einem auffälligen Kontrast zur Bundesregierung und den Parteien, die das Schlusslicht der Vertrauensskala bilden. Begründet wird dies von manch einem Jugendlichen recht lapidar: „Nicht mit uns in dieser Form“ (Stefan, 19 Jahre). Aber diese Aussage verweist weniger auf eine 7 19 23 29 43 68 83 6 10 21 25 32 50 77 Parteien Bundesregierung Kirchen Bürgerinitiativen Justiz Polizei Rotes Kreuz Erhebungsjahr 66 allgemeine Politikverdrossenheit der Jugendlichen als vielmehr auf eine große Skepsis gegenüber politischen Repräsentanten, in deren Handlungsweisen und Entscheidungen sie Glaubwürdigkeit, Moral und Lebensweltnähe – vor allem zu jugendspezifischen Themen – gleicherma- ßen vermissen.65 3.3.4 Verantwortungsbewusstsein und interne Kontrollüberzeugungen Was sich in der kritischen Haltung Jugendlicher gegenüber Politikern andeutet, lenkt den Blick auf eine weitere allgemeine Ziel- und Regelgröße in ihrem Leben: Verantwortung. Sie kommt zunächst einmal in Form und Ausmaß prosozialer Orientierungen zum Ausdruck. Dazu wurden die Items „Rücksicht auf andere nehmen“, „anderen Menschen helfen“, „Verantwortung für andere übernehmen“ zu einem Summenindex „Prosozialität“ zusammengefasst. Die hohe Zustimmungsrate der drei Basisvariablen bildet sich analog in der Verteilung der aggregierten Wertedimension ab. Abbildung 21: Wertedimension „Prosozialität“ (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). 65 Vgl. Lorig/Vogelgesang 2008. Hoch Mittel Niedrig Prosozialität 67 Danach sind Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsorientierung und soziale Verantwortung feste Größen in ihrem Werteverständnis. Ihr Verantwortungsbewusstsein verbindet sich dabei aufs Engste mit der Vorstellung und Hoffnung, künftige Aufgaben und Probleme nur kollektiv bewältigen zu können. „Als Einzelner stehst du in der heutigen Welt auf verlorenem Posten,“ so umschreibt ein 17-jähriger Schreinerlehrling (Sven) sehr nüchtern die Haltung seiner Generation in diesem Punkt. Und er ergänzt, schon beinah im Sinne eines Appells: „Bei den kleinen wie bei den großen Dingen haben wir nur als Gemeinschaft eine Chance.“ Dass es sich dabei keineswegs nur um Lippenbekenntnisse handelt, wird im Kontext der Analyse jugendlicher Partizipationsbereitschaft und Engagementformen noch deutlich werden.66 Soviel kann aber an dieser Stelle bereits festgehalten werden: Selbstverantwortung (für das eigene Leben) und Fremdverantwortung (Prosozialität, Partizipation) stehen in einem Ergänzungsverhältnis zueinander. Die Jugendlichen – in der Eifel genauso wie in anderen Regionen unseres Untersuchungsgebiets – sind heute also mehrheitlich keineswegs auf einem antisozialen Ego-Trip mit Wegwerf-Beziehungen per SMS, wie ihnen oftmals unterstellt wird. Im Gegenteil, ihr Verantwortungs-, Verbindlichkeits- und Verpflichtungshabitus erinnert an ein Lebensmotto aus dem Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Wie wichtig den Jugendlichen in der Eifelregion eine wert- und verantwortungsbewusste Grundhaltung ist, zeigt sich auch bei der Analyse ihrer Kontrollüberzeugungen. Gemeint sind damit Vorstellungen, die angeben, wie stark der Einzelne innen- oder außengeleitet ist, also bei der Erklärung von bestimmten Ereignissen oder der Planung von bestimmten Aktivitäten eher selbst- oder eher fremdbestimmt handelt. Von internen Kontrollvorstellungen geleitete Menschen vertrauen auf ihre Fähigkeiten und Anstrengungen und glauben daran, dass sie durch ihr eigenes Verhalten den Lauf ihres Lebens bestimmen können. Bei Personen mit externen Kontrollüberzeugungen dominieren Erklärungen wie Zufall, Glück oder der Verweis auf die besonderen Umstände oder ganz allgemein auf die sozialen Verhältnisse. Selber könne man, so ihre Auffassung, kaum die Ereignisse in der sozialen Umwelt beeinflussen. Der aus sechs Einzelitems gebildete Index „Kontrollüberzeugungen“ unterstreicht noch einmal die Bedeutung der Eigenverantwortung im jugendlichen Werteensemble (vgl. Abb. 22). Fast die Hälfte (46%) der im 66 Siehe hierzu Kap. 5.3 und Kap. 5.4. 68 Eifelkreis Bitburg-Prüm befragten Jugendlichen bekundet eine starke interne Kontrollüberzeugung, sieht sich also persönlich in der Verantwortung für die moralische Ausrichtung und praktische Gestaltung seines Lebens. Knapp ein Drittel (32%) betont zwar immer noch einen hohen Anteil von Eigenverantwortung, aber gleichzeitig und gleichrangig werden auch äußere Umstände für den Lebensverlauf verantwortlich gemacht. Und nur etwas mehr als ein Fünftel (22%) wähnt sich primär in der Hand von fremden Mächten, auf die man nur wenig Einfluss hat. Das persönliche und soziale Leben erscheint diesen Jugendlichen als kaum überschaubar und berechenbar. Abbildung 22: Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Auch wenn man bereits an dieser Stelle festhalten kann, dass für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen in der Eifel ihre ‚Lebensmoral‘ und ihre ‚Lebensstrategie‘ in einem Passungsverhältnis zueinanderstehen, so sind hier sozialstrukturelle Differenzierungen immer mit zu berücksichtigen. Bei dem Wertekonstrukt „interne Kontrollüberzeugungen“ etwa sind männliche und ältere Jugendliche leicht überrepräsentiert. Hoch signifikante Unterschiede zeigen sich aber im Hinblick auf den Bildungsstand der Jugendlichen (vgl. Abb. 23). Der Zusammenhang ist eindeutig: Je höher das Bildungsniveau, desto ausgeprägter ist eine eigenverantwortliche und autonome Grundhaltung. Ganz offensichtlich ist das Wechselwirkungsverhältnis zwischen Selbstverantwortung und Intern Teils-Teils Extern Kontroll- überzeugungen 69 Selbstwirksamkeit immer auch im Zusammenhang mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sehen.67 Was bei der Analyse der Bildungs- und Ausbildungssituation bereits deutlich wurde, zeigt sich auch bei der Untersuchung der Lebenseinstellungen: Qualifikationsinvestitionen wirken sich gleichermaßen positiv auf die Lebensplanung und Werterealisierung aus. Abbildung 23: Kontrollüberzeugungen nach Bildungsniveau (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Für die überwiegende Mehrheit der jungen Eifeler heißt dies, dass sie für sich gute Möglichkeiten sehen, Werte zu vertreten und im Handeln zu realisieren. Für eine Minderheit zeichnen sich hingegen prekäre Lebens- und Wertbezüge in Form eines ‚anomischen Habitus‘ ab, der durch Ziellosigkeit, Ordnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet ist. 3.3.5 Zukunftssicht Es gab Zeiten, da war die Formel für die Beschreibung des Verhältnisses von Jugend und Zukunft schnell bei der Hand: Jugend ist Zukunft! Jugend war geradezu identisch mit der Zukunft, sie war ein Symbol für 67 Vgl. Satow/Schwarzer 2003. Niedrig Mittel Hoch Bildungsniveau Intern Teils-Teils Extern Kontroll- überzeugungen 70 eine bessere zukünftige Welt, die es zu schaffen galt. Die Formel ‚Jugend ist Zukunft‘ konnte in eins gesetzt werden mit ‚Jugend macht Zukunft‘. Aber wie sieht es heute mit den Möglichkeiten der Zukunftsgestaltung aus, wo fast alle Lebensbereiche von einer teilweise atem(be)raubenden Fortschrittslogik und Entwicklungsdynamik erfasst werden? Fühlen sich die Jugendlichen in der Eifel von dieser Situation herausgefordert oder überfordert? Glauben sie an sich und ihre Zukunft oder sind sie eher skeptisch eingestellt? Um in allgemeinster Form die individuelle Grundstimmung bei der Zukunftssicht in Erfahrung zu bringen, stellten wir ihnen folgende Frage: „Man kann ja die eigene Zukunft, wie das eigene Leben weitergehen wird, eher düster oder eher zuversichtlich sehen. Wie ist das bei Dir?“ Vergleicht man diesbezüglich die Ergebnisse aus beiden Erhebungen miteinander, dann wird eine interessante Entwicklung sichtbar. Abbildung 24: Zukunftssicht – 2000 und 2011 im Vergleich (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Die heutige junge Eifelgeneration schätzt sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen aus dem Jahr 2000 deutlich zuversichtlicher ein (69% zu 52%). Im gleichen Ausmaß zurückgegangen ist hingegen die Quote derjenigen, die der eigenen Zukunft mit pragmatisch-gemischten Gefühlen entgegensehen (45% zu 28%). Konstant niedrig geblieben mit 3% ist der 2000 2011 Erhebungsjahr Eher zuversichtlich Mal so, mal so Eher düster Zukunftssicht 71 Anteil zukunftspessimistisch eingestellter Jugendlicher. In mehrfacher Hinsicht aufschlussreich ist auch die Aufschlüsselung der Zukunftssicht nach den Sozialmerkmalen der befragten Jugendlichen: Zum einen bestehen kaum Unterschiede in der Zukunftssicht zwischen den Geschlechtern (Jungen: 69%; Mädchen: 68%) sowie im Hinblick auf die regionale Herkunft (Stadt: 63%; Land: 70%). Zum anderen wird deutlich, dass Alter und Bildungsniveau von großer Bedeutung sind: Vor allem in den jüngeren Altersjahrgängen und unter den Hauptschülern liegt die persönliche Zukunftszuversicht deutlich unter dem Durchschnittswert der Untersuchungspopulation. Die sich hier andeutenden alters- und bildungsspezifischen Hemmnisse und Barrieren, die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern, können – meist in Kombination mit weiteren Faktoren – am Selbstwertgefühl und Zukunftsglauben kräftig zehren. So sind es vor allem die Jugendlichen mit einem niedrigen Selbstbewusstsein und einer starken Beeinflussung durch externe Kontrollüberzeugungen, die mit Abstand die geringsten Zukunftsperspektiven für sich sehen (vgl. Abb. 25). Aus diesem Umfeld rekrutiert sich eine Minderheit von Zukunftspessimisten, für die gilt, was bereits in der 16. Shell Jugendstudie festgestellt wurde: „Für diese Gruppe von Jugendlichen ist die derzeit vorherrschende Schul- und Bildungspolitik (weitere Öffnung des Zugangs zu den Oberschulen und Hochschulen und gleichzeitige Abwertung der Hauptschule als eigenständigen Bildungsweg) nicht hilfreich, sie macht sie zu Verlierern.“68 Aufs Ganze gesehen hat der überwiegende Teil der Jugendlichen aber eine optimistische, realistische und zielstrebige Zukunftsorientierung. Allerdings sind diese positiven Zukunftsvorstellungen sehr stark auf die individuelle Lebensplanung gerichtet, wobei vor allem die enge Verschränkung zwischen der allgemeinen Zukunftseinschätzung und der beruflichen Zukunftssicht hervorzuheben ist. Denn je positiver die Zukunft insgesamt gesehen wird, desto höher ist auch das Zutrauen, künftig mit den Herausforderungen der Arbeitswelt zurechtzukommen. Auch wer von seinen Stärken überzeugt ist, d.h. wer eine hohe interne Kontrollüberzeugung hat, blickt überproportional häufig zuversichtlich in seine private wie berufliche Zukunft. Eine Jugendliche hat den Glauben an die Zukunft auf die Formel gebracht: „Was dir die Zukunft 68 Fuchs-Heinritz 2000, S. 49. 72 bringt, das steht nicht in den Sternen, sondern liegt in deiner Hand“ (Petra, 19 Jahre). Abbildung 25: Zukunftssicht nach Kontrollüberzeugungen (Angaben in Prozent) Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Ergänzend ist noch darauf hinzuweisen, dass im jugendlichen Zukunftshorizont auch das Verhältnis zwischen Jung und Alt eine wichtige Rolle spielt. Über Herkunfts-, Geschlechts-, Bildungs- und größtenteils auch Altersgrenzen hinweg wird eine große Zuversicht bekundet, mit der Generation der Älteren in den kommenden Jahren einvernehmlich zusammenleben zu wollen. Entgegen dem in den Medien immer wieder propagierten Bild von einem sich verschärfenden Generationenkonflikt, der in Zukunft drohe, ist die tatsächliche Einschätzung der Jugendlichen sehr viel gemäßigter und optimistischer. Sie sind mehrheitlich nicht auf einem Konfrontationskurs gegen die Eltern- oder Großelterngeneration, sondern streben ein solidarisches und unterstützendes Zusammenleben an. Ablesbar ist dies u.a. auch daran, dass 80% der Eifeler Jugendlichen zustimmend auf folgendes Item geantwortet haben: „Die jüngere Generation kann von der älteren Generation etwas lernen.“ Diese Zuversicht in eine gemeinsame Zukunft der Generationen nimmt aber dann rapide ab, wenn die eigene Zukunftssicht pessimistisch aus- Intern Teils-Teils Extern Kontrollüberzeugungen Eher zuversichtlich Mal so mal so Eher düster Zukunftssicht 73 fällt. Wenn auch nur für eine recht kleine Gruppe von Jugendlichen relevant, so ist der Zusammenhang doch evident: Wer glaubt, die Zukunft sei beschädigt und brauche den Einzelnen gar nicht resp. ermögliche ihm keine Anerkennung und Selbstverwirklichung, der beurteilt auch das intergenerationale Verhältnis deutlich negativer. Wenn die biographische Kontinuität nicht gesichert scheint, so die Schlussfolgerung, dann wächst die Distanz zu den Generationen und zum Gemeinwesen.

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Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.