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2 Zielsetzung und methodisches Vorgehen in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 21 - 26

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-21

Tectum, Baden-Baden
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21 2 Zielsetzung und methodisches Vorgehen 2.1 Untersuchungsziel und Durchführung der Befragung Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Denn Individualisierungsprozesse rücken angesichts zunehmender Wahlfreiheiten das individuelle Tun und die Eigenverantwortung ins Zentrum der Daseinsgestaltung. Der Tenor ist eindeutig: Für die Jugendlichen haben sich die Möglichkeitsräume enorm erweitert. Aber trifft das auch für die Eifeljugend zu? Die Frage gewinnt noch zusätzlich an Relevanz, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Lebensbewältigung von Landjugendlichen nicht nur vor dem Hintergrund allgemeiner Optionalisierungs- und Individualisierungsprozesse stattfindet, sondern darüber hinaus im Spannungsfeld steht zwischen Tradition und Moderne, zwischen Dorfverbundenheit und Mobilität und zwischen örtlichen Vereinen und den selbstgewählten Cliquen und Jugendszenen. Für sie drückt sich nämlich der Modernisierungsschub in einem unübersichtlichen Nebeneinander von Weltanschauungen, verschiedenen Werten, Normen und Verhaltensmustern aus. Sie müssen sich zum einen mit Traditionen der Elterngeneration und historischen Überbleibseln in ihrer dörflichen Umgebung auseinandersetzen – vor allem der sozialen Kontrolle durch Nachbarschaft und dörfliche Öffentlichkeit – und zum anderen mit globalen Veränderungsprozessen, die sich durch die Expansion des Bildungssystems, die Dynamik der Arbeitswelt und der medialen Durchdringung der Lebenswelt ergeben haben. Wie bewerkstelligen die Jugendlichen in der Eifel diesen Spagat zwischen dem Überangebot von medial vermittelten Handlungsstilen, Lebensentwürfen und Sinnangeboten und den Zwängen und Einschränkungen ländlicher Räume? Sehen sie in ihrer Heimatregion für sich eine Zukunft oder nehmen sie ihr ländliches Milieu eher als Hemmschuh war, der das Eigentliche und Bessere gerade verpassen lässt? Die Jugendlichen – und dies nicht nur in der Eifel – müssen zudem mit der Unsicherheit fertig werden, dass sie nur sehr bedingt die Folgen ihrer Entscheidungen absehen können, und „dass es eine Lücke gibt zwischen theoretischen Möglichkeiten und realen Chancen, die nur teilweise zu überbrücken ist. Viele haben keine Chance, auch nur annähernd befriedigende Lösungen für sich zu finden. Die ‚Lebenskunst‘ besteht dann 22 darin, mit den nicht gelebten, mit den nicht realisierbaren Möglichkeiten zurechtzukommen.“6 Will man diese Lebenskunst für die Eifeljugend genauer beleuchten, dann ist die Aufmerksamkeit nicht mehr primär auf den von der älteren Jugendforschung betonten Übergangscharakter dieses Lebensabschnitts zu richten, sondern eher den hier sichtbar werdenden Entscheidungsspielräumen aber auch -beschränkungen nachzuspüren. Nicht die Jugendphase als Durchgangsstadium ist zum Thema zu machen, vielmehr gilt es die eigenständige Auseinandersetzung der Jugendlichen mit widersprüchlichen Erwartungen und den damit immer auch verbundenen Scheiternsrisiken zu untersuchen. Die nachfolgende Darstellung gibt die thematische Struktur des Fragebogens wieder. Tabelle 1: Themenfelder der Jugendbefragung Freizeit, Medien und Konsum Ziele, Orientierung und Zukunft Kirche, Glauben und Religion Politik und soziales Engagement Angaben zur Person Freizeitaktivitäten Wertbindung Konfession Politisches Interesse: lokal vs. überlokal Geschlecht Mobilität Lebensziele Kirchlichkeit Politikbezogene Themenfelder Alter Verein Partnerschaft, Heirat, Kinderwunsch Religiosität, Jenseitsglaube Politisches Engagement Familienstand Brauchtum Beziehung zwischen Jung und Alt Alltagsrelevanz von Religion Freiwilligenarbeit/ Ehrenamt Nationalität Jugendszenen Beziehung zwischen Einheimischen und Ausländern Weltjugendtag 2005 in Köln Vertrauen in Institutionen Wohnort Medien Gesellschaftliche Problemlagen Spiritismus Ortsbindung und Abwanderungstendenzen Eltern, Geschwister Konsum, Markenorientierung Zukunftseinschätzung Neue religiöse Glaubens- und Sozialformen Lebensweltliche Beteiligungskultur Wohnen, Haushalt Mediennutzung und Jugendszenen Migration und Integration Religiöse Schweigspirale Politisierte Jugendkultur: die Hardcore-Szene (Aus-)Bildung/ Beschäftigung Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudie 2011). Wir haben versucht, diesem voraussetzungsvollen und riskanten Prozess der jugendlichen Alltagsgestaltung, Identitätsfindung und Zukunftsplanung durch eine vergleichende Perspektive der Untersuchungsanlage und Themenwahl Rechnung zu tragen. Der Vergleich hat 6 Lüders 1997, S. 6. 23 dabei sowohl Längsschnitts- als auch Querschnittscharakter. Denn es werden einerseits Bezüge zu einer früheren Jugendstudie hergestellt, andererseits wird die aktuelle Lebenssituation der Eifeljugend auch in einer Stadt-Land-Perspektive betrachtet. Um diese Vergleichbarkeit zu ermöglichen, lehnt sich die Themenauswahl und Operationalisierung an die frühere Jugendstudie an, ergänzt und akzentuiert diese jedoch angesichts aktueller Entwicklungen und Problemlagen. 2.2 Anlage der Untersuchung, Erhebungsmethode und Ausschöpfungsquote Unsere aktuelle Jugenduntersuchung wurde, wie bereits erwähnt, als komparative bzw. replikative Surveystudie konzipiert und im Jahr 2011 durchgeführt. Inhaltlich, methodisch und räumlich schließt sie an eine Erhebung aus dem Jahr 2000 an. Mittels eines weitestgehend standardisierten Fragebogens wurden in beiden Surveys Jugendliche im Alter von 14 bis 25 Jahren in Trier und in den Landkreisen Trier-Saarburg und dem Eifelkreis befragt (in der 2000er Studie zusätzlich noch im Landkreis Daun). Das Erhebungsgebiet liegt im westlichen Teil von Rheinland-Pfalz in Grenznähe zu Luxemburg. Aufgrund der wirtschaftlichen und demographischen Bedingungen kann von einer gleichbleibenden, wenn nicht sogar aufstrebenden Region ausgegangen werden. Als Orientierung dienen die Ergebnisse einer Studie, in der aus einem Mix von Individual- und Strukturdaten der gesamtdeutsche Raum in drei Regionstypen klassifiziert wird: aufwärtsstrebende Regionen (19%), gleichbleibende Regionen (66%) und abwärtsdriftende Region (15%).7 Um möglichst detailliert die Lebenssituation der Jugendlichen und auch ihre Veränderung zu beschreiben, wählten wir für beide Befragungsstudien eine Stichprobengröße, die auch für Tiefen- und Subgruppenanalysen noch verallgemeinerbare Aussagen ermöglicht. Die Anschriften der Jugendlichen wurden nach dem Zufallsprinzip aus den Angaben der Einwohnermeldeämter ermittelt. Bereinigt um die in jeder empirischen Untersuchung vorkommenden Stichprobenausfälle (etwa durch falsche Adressen oder Verweigerungen) standen uns im 2000er Survey n=1.728 und im 2011er Survey n=2.728 auswertbare Datensätze zur Verfügung. Stichprobenumfang und Ausschöpfungsquote in den beiden Surveys sind in Tabelle 2 genau spezifiziert. 7 Vgl. Hüpping/Reinecke 2007, S. 82. 24 Tabelle 2: Stichprobengröße und Ausschöpfungsquote in den Jugendsurveys 2000 und 2011 nach Erhebungsregionen 2000er Survey 2011er Survey Größe der Stichprobe (n) Rücklaufquote (%) Größe der Stichprobe (n) Rücklaufquote (%) Trier 536 71 1.026 21 Trier-Saarburg 450 72 908 36 Bitburg-Prüm 476 68 794 32 Daun 263 39 - - Gesamt 1725 58 2.728 27 Quelle: Eigene Darstellung (Jugendstudien 2000 und 2011). Trotz unterschiedlich hoher Ausschöpfungsquoten, die in engem Zusammenhang mit der gewählten Erhebungsmethode zu sehen sind – im 2000er Survey erfolgte die Befragung mündlich, im 2011er Survey schriftlich –, ist insgesamt eine hohe Datengüte gegeben, so dass die erhobenen Befunde verallgemeinerbar sind. Allerdings sind dabei die räumlichen Gegebenheiten immer mit zu berücksichtigen. Siedlungsstrukturell ist die Region ländlich geprägt, aber durch Mobilität, Zuzugs- und Wegzugsbewegungen und nicht zuletzt der Ausbreitung elektronischer Kommunikationsmedien löst sich hier der Dualismus von Stadt und Land zunehmend auf, sind städtische Lebensbedingungen und Lebensformen auch im ländlichen Raum anzutreffen. Die Verknüpfung urbaner Elemente und dörflicher Strukturen erzeugt einen neuen Gebietstypus, der in der siedlungsgeographischen und raumsoziologischen Forschung unter Begriffen wie „hybride ländliche Räume“8, „Counterurbanisierung“9 oder „urbane Dörfer“10 gefasst wird – eine Entwicklung, die auch in der Daseinsgestaltung und Zukunftsplanung der Eifeljugend tiefgreifende Spuren hinterlässt. Räumliche und zeitliche Aspekte werden in der Untersuchung zu strukturellen Indikatoren, um Unterschiede und Veränderungen in der Lebenswelt und im Selbstverständnis Jugendlicher sichtbar zu machen. Eine vergleichende Untersuchungsanlage hat somit auch eine wichtige Indikatorfunktion für sozialen Wandel im Jugendbereich. Sie ist darüber hinaus ein Seismograph für jene lebensweltlichen Räume, in denen Jugendliche in besonderer Weise unter Entscheidungsdruck geraten sind. 8 Vgl. Laschewski 2015. 9 Vgl. Redepenning 2009. 10 Vgl. Vogelgesang et al. 2015. 25 Bisweilen kann ihr auch eine Radarfunktion zukommen, in dem sich aus bestimmten Entwicklungen Trendaussagen ableiten lassen. Wiederholungsstudien erlauben somit auf eine spannende und aufschlussreiche Weise die Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zu Recht konstatieren deshalb die Autoren einer ähnlich konzipierten Untersuchung, die am Deutschen Jugendinstitut in München durchgeführt wurde: „Die Besonderheit einer replikativen Studie beruht auf der Möglichkeit zur Durchführung echter Trendanalysen. Hierbei werden Veränderungen als Wandel und fehlende Veränderungen als Stabilität erfasst. Trendaussagen sind umso leichter zu treffen, je mehr Daten über verschiedene Zeitpunkte vorliegen, die den Kriterien der Replikation genügen. Im Bereich der Jugendforschung, in dem aufgrund des öffentlichen Interesses vielfältige Studien durchgeführt werden, fehlte ein solches Instrument zur Erfassung von Trends bisher.“11 11 Achatz et al. 2000, S. 24.

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Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.