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8 Zusammenfassung und Ausblick in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 195 - 208

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-195

Tectum, Baden-Baden
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195 8 Zusammenfassung und Ausblick Abschließend sollen nochmals die wichtigsten Befunde unserer Untersuchung zusammengefasst und im Hinblick auf sich abzeichnende Entwicklungen akzentuiert werden. Dabei gilt es vorab daran zu erinnern, dass das Aufwachsen in ländlichen Lebensräumen nach wie vor in medialen und wissenschaftlichen Darstellungen oftmals sehr pauschal mit einem Ausschluss aus wesentlichen kulturellen, bildungsbezogenen und sozialen Beteiligungskontexten gleichgesetzt wird. Und auch die Schlussfolgerung wird gleich mitgeliefert: Um den Anschluss nicht zu verlieren und Einbußen in Bezug auf Karriere, Freizeit und Mobilität zu vermeiden, seien Abwanderung und Landflucht junger Menschen naheliegende Konsequenzen. Obwohl auch den Jugendlichen in der Eifelregion Mobilitätsüberlegungen keineswegs fremd sind, ist deutlich geworden, dass derartige pauschale Behauptungen über einen rückständigen Lebensraum, der keine Zukunftsperspektiven bietet, offenkundig zu kurz greifen und vielschichtige, individuelle Handlungsüberlegungen und Lebenspläne ausklammern. Genau diese wollten wir jedoch mit unserer Jugendstudie möglichst facettenreich, authentisch und alltagsnah in den Blick nehmen. Dass bei solch einer lebensweltlichen Porträtierung der Eifeljugend immer auch der räumliche und infrastrukturelle Kontext berücksichtigt werden muss, legt eine an der Sozialraumperspektive orientierte Landjugenduntersuchung nahe. Forschungsmethodisch erfolgte die Aufdeckung der Lebensformen und Zukunftspläne der Jugendlichen im Landkreis Bitburg-Prüm durch eine im Jahr 2011 durchgeführte Repräsentativbefragung von 14- bis 25-Jährigen, deren Ergebnisse mit einer früheren Untersuchung aus dem Jahr 2000 verglichen und durch Befunde aus qualitativen Gesprächen mit Jugendlichen ergänzt wurden. Die auf diese Weise gewonnenen Daten über die jugendlichen Handlungs-, Beziehungs- und Einstellungsmuster sind zudem vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse zu interpretieren. Denn gerade in Zeiten erweiterter Möglichkeitsräume und zunehmender Wahlfreiheit sehen sich auch die jungen Landbewohner mit der Herausforderung konfrontiert, traditional-dörfliche Normen und Werte mit globalen, medial durchdrungenen Wertanschauungen und Lebensstilen in Einklang zu bringen und mit der damit verbundenen Eigenverantwortung fertig zu werden. Es gilt für sie – inmitten eines oftmals verwirrend erscheinenden Nebeneinanders von unerschöpflichen Optionen einerseits und den tatsächlich zur 196 Verfügung stehenden individuellen Ressourcen andererseits – das Projekt des eigenen Lebens angemessen in die Tat umzusetzen. Eine Herausforderung, die in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle spielt, ist die Schaffung einer zufriedenstellenden Balance zwischen schulischen, ausbildungs- und karrierebezogenen Handlungsfeldern sowie der privaten Lebensgestaltung – eine Aufgabe, der sich die jungen Eifeler mit einer ausgeprägt pragmatischen Sichtweise annähern. Auf folgende bildungsbezogenen Strukturmerkmale ist zunächst einmal aufmerksam zu machen: • Für die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen in der Eifelregion ist Jugendzeit fast ausschließlich Schul- und Ausbildungszeit. Der gesamtgesellschaftliche Trend zur Verschulung der Jugend geht dabei auch hier mit einem kontinuierlichen Anstieg des formalen Bildungsniveaus einher. Allerdings ist die Region kein homogener Bildungsraum, sondern in den einzelnen Verbandsgemeinden lassen sich markante Bildungsunterschiede nachweisen (abhängig u.a. von der Ortsansässigkeit). • Von der allgemeinen Bildungsexpansion profitieren auch im Eifelkreis nicht alle Jugendlichen in der gleichen Weise. So haben die Bildungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen, wenn auch auf einem hohen Niveau, weiter zugenommen. Auch bei der Einmündung in anspruchsvolle Berufslaufbahnen haben weibliche Jugendliche ‚die Nase vorn‘. Der Grund ist, dass sie flexibler mit ihrer Geschlechtsrolle umgehen und eine bessere Work-Life-Balance zwischen Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit, Partnerschaft und Elternfamilie realisieren. • Das Bildungsniveau der in der Eifel lebenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist in vergleichbarer Weise gestiegen wie das der deutschen Jugendlichen insgesamt, wobei junge Spätaussiedler, die vornehmlich in den 1990er Jahren mit ihren Eltern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zugewandert sind, den mit Abstand größten Bildungssprung gemacht haben. Auch im Ausbildungs- und Berufssystem hat sich die Benachteiligung jugendlicher Ausländer und (verstärkt) Aussiedler erheblich verringert. • Jugendliche erkennen heute mehr denn je – auch in ländlichen Gebieten wie der Eifel – die Schlüsselrolle von Bildung und lebenslangem Lernen für ihren persönlichen Werdegang. Der Qualifikationserwerb erfolgt dabei zum einen in den klassischen Bildungseinrichtungen, ablesbar vor allem am Anstieg des formalen Bildungsniveaus aber auch an beruflichen Mehrfachausbildungen. Daneben ge- 197 winnen informelle Lernfelder und -strategien zunehmend an Bedeutung (Jugendszenen und Jugendeinrichtungen als ‚geheime Bildungsprogramme‘, Internet als Wissensbörse). • Nach wie vor große Bildungsunterschiede bestehen – auch in der Eifel – zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten. Zwar präferieren über die Hälfte der Eltern in Deutschland einen hohen Abschluss für ihre Kinder, aber die vorhandenen Unterschiede zwischen den Herkunftsmilieus lösen sich dadurch nicht auf. Beobachtbar ist vielmehr ein in der Bildungsforschung als ‚Fahrstuhleffekt‘ beschriebener Prozess, nach dem die vorhandenen herkunftsabhängigen Bildungsunterschiede sich auf ein höheres Niveau verlagern, letztlich aber konstant bleiben. Neben den Schichtdisparitäten sind wir noch auf weitere – eher ausbildungsbezogene – Ungleichheiten gestoßen, wie sie in ähnlicher Weise auch in der neueren beruflichen Qualifikationsforschung immer wieder ausgewiesen werden: • Die geschlechtstypische Zuweisung von Ausbildungsplätzen führt zur Tradierung von frauen- bzw. männerspezifischen Berufsfeldern. Allerdings ist eine Tendenz junger Mädchen zu moderneren Tätigkeitsfeldern nachzuweisen. • Obgleich auch das Handwerk den jungen Menschen nach wie vor interessante Beschäftigungsperspektiven bietet, befinden sich Ausbildungsberufe im dienstleistenden Bereich auf dem Vormarsch: Die Beteiligung hat sich von 2000 bis 2011 nahezu verdoppelt. • Jugendliche Übergänge von der Schule in den Beruf folgen vermehrt einer individuellen Logik, die zunehmend von (Um-)Orientierungsphasen, Kompetenzerwerb an informellen Lernorten und zusätzlichen Qualifizierungsmaßnahmen geprägt ist. • Das duale Ausbildungssystem wirkt im Hinblick auf soziale Chancengleichheit höchst ambivalent: Während es einerseits soziale Disparitäten herausbildet oder verschärft, gelingt es in anderen Fällen, Ungleichheiten abzumildern und einzuebnen. • Neben der ‚verordneten Bildung’ gibt es einen starken Trend zur ‚freiwilligen Selbstqualifizierung‘. In der Folge beschränkt sich der Wissenserwerb nicht nur auf die Schule, Hochschule oder den Ausbildungsbetrieb, sondern erfolgt vermehrt im Rahmen außerschulischer Lernarrangements. Jugendkulturelle Kontexte und Szenen gewinnen an Bedeutung, in denen ‚soft skills‘ (wie Engagementbereitschaft oder soziales Verhalten) aber auch ‚hard skills‘ (wie Webdesign oder Eventmanagement) in ungezwungener Umgebung erworben und erweitert werden können. 198 Auf einen wichtigen Befund ist in diesem Zusammenhang noch aufmerksam zu machen: Während 73% der Jugendlichen nach eigenen Angaben eine gute Kenntnis des überregionalen Arbeits- und Ausbildungsmarktes haben, liegt der entsprechende Wert im Hinblick auf die regionale Situation mit 62% deutlich darunter, wobei es insbesondere jungen Frauen und höher Gebildeten an Informationen mangelt. Der nachgewiesene ‚Teufelskreis‘ zwischen einer subjektiven Fehleinschätzung des Arbeitsmarktes und erhöhten Abwanderungstendenzen von Jugendlichen weist darauf hin, dass eine Ergänzung, Fundierung und Systematisierung ausbildungsorientierter Informationsangebote – insbesondere in Zusammenarbeit mit den Gymnasien – dringend geboten erscheint. Dass es sich bei dem Wunsch nach mehr Unterstützung bei der Berufswahl um kein ausschließlich regionales Problem in unserem Untersuchungsgebiet handelt, zeigen auch die Ergebnisse einer Jugendstudie in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2015: „67% der Gymnasiasten fühlen sich in Fragen der Berufsorientierung zu wenig unterstützt und 43% von ihnen wünschen sich mehr Hilfe vom Berufsinformationszentrum. Diese Zahlen sind bei anderen Schularten deutlich geringer. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat mit einem Bündel von Maßnahmen auf diese Situation reagiert. So wird das Fach Ökonomie eingeführt, Berufspraktika und Kompetenzportfolios werden fester Bestandteil der neuen Bildungspläne.“ Soviel ist bisher deutlich geworden: Bildungsanstrengungen haben für die Eifeljugendlichen eine hohe Bedeutung. Zugleich streben sie danach, Ausbildung und Beruf auch mit freizeitlichen und sozialen Handlungsfeldern in Einklang zu bringen und in ein Lebensmodell zu integrieren, das gleichermaßen von Autonomiebestreben, Sinnhaftigkeit sowie Familienorientierung geprägt ist. Dass vor allem die Familie in den Lebensentwürfen der Jugendlichen einen sehr hohen Stellenwert einnimmt, ist dabei zum einen an einem gestiegenen Ansehen der Herkunftsfamilie und dem guten Verhältnis zu den eigenen Eltern abzulesen, zum anderen auch an dem immer wieder geäußerten Kinderwunsch. Das Bedürfnis nach einem verlässlichen Rahmen im privaten Umfeld zeigt sich jedoch nicht nur im Verhältnis zur eigenen Familie, sondern auch in einer Neugewichtung von Lebenseinstellungen, die sich in einem Streben nach Sicherheit und Beständigkeit niederschlägt. Zwar kommt Tugenden wie Ehrgeiz, Durchsetzungsfähigkeit und Selbstständigkeit nach wie vor eine hohe Bedeutung insbesondere im Schiffers/Antes 2015, S. 75. 199 Hinblick auf die eigene berufliche Karriere zu, diese dürfen allerdings nicht die Überhand gewinnen. In eine ähnliche Richtung verweisen auch die Befunde, dass prosoziale Orientierungen und Verantwortung eine bedeutende Rolle für die Lebensentwürfe der jungen Eifelbewohner spielen. Ein Großteil der befragten Jugendlichen – und hier vornehmlich ältere und gut gebildete junge Menschen – ist davon überzeugt, persönlich über die eigene Lebensgestaltung verfügen zu können und nicht hilflos dem Schicksal ausgeliefert zu sein, zudem sehen sie der Zukunft optimistisch, pragmatisch und zielstrebig entgegen. Allerdings sind diese positiven Zukunftsvorstellungen vorrangig bei den Jugendlichen festzustellen, die über eine hohe interne Kontrollüberzeugung und ein gefestigtes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verfügen. Wer von sich und seinen Stärken überzeugt ist, zweifelt auch nicht daran, zukünftige Herausforderungen zufriedenstellend meistern zu können. Ein Jugendlicher hat den Glauben an die Zukunft und an sich selbst so umschrieben: „Wie ich mein Leben in Zukunft führen werde, hat nichts mit Schicksal und Glück oder Pech zu tun, sondern damit, was ich daraus mache“ (Oliver, 19 Jahre). Neben dem Zukunftsoptimismus und der angestrebten Work-Life-Balance zwischen Schule, Beruf und Familie spielt für die Jugendlichen auch die Gestaltung der Freizeit eine wichtige Rolle. Dabei zeigt sich, dass Geselligkeit und Vergnügen die zentralen Elemente im Freizeitrepertoire sind. Man will mit Altersgleichen zusammenkommen, um Bekanntschaften zu machen, Freundschaften zu pflegen und gemeinsam Spaß zu haben. Aufgrund neuer mediatisierter Erlebnis- und Kommunikationskontexte sind gemeinsame Kneipen- oder Diskothekenbesuche im Vergleich zur Befragung aus dem Jahr 2000 allerdings deutlich rückläufig. Dieser partielle Rückzug aus öffentlichen Freizeiträumen wird in der neueren Jugendforschung auch als „Verhäuslichungstendenz“ beschrieben und kritisch bewertet: „Für das Entdecken und Entfalten eigener Potenziale und Interessen, für Identitäts- und Persönlichkeitsbildung ist die Nutzung außerschulischer Settings essentiell. Wenn sich die Jugend verhäuslicht – bei gleichzeitiger Abwesenheit der zunehmend berufstätigen Eltern – sind Sozialisationsdefizite und Risiken der Vereinsamung abzusehen.“ Angesichts des sozialen Spektrums der Freizeitaktivitäten erachten wir diese Befürchtungen für die Jugend in der Eifel als unbegründet. Denn Weingardt 2015, S. 110. 200 neben dem Treffen von Freunden und der Zugehörigkeit zu Peergruppen bestimmen auch sportliche Aktivitäten die freizeitlichen Pläne der Eifeljugendlichen. Auffällig ist, dass sich neben den klassischen Vereinssportarten wie Fußball oder Tennis zunehmend auch Betätigungsformen aus dem Fun- und Fitnessbereich etablieren. Allerdings verbringt die Mehrzahl der Jugendlichen (71%) immer noch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit in Sportvereinen, Hilfsorganisationen oder anderen vereinsähnlichen Institutionen, die im Vergleich zum Jahr 2000 deutlich an Zuspruch gewonnen haben. Der bei weitem beliebteste Typus ist dabei nach wie vor der Sportverein. Mit deutlichem Abstand folgen Mitgliedschaften in freiwilligen Hilfsorganisationen, Musikvereinen oder kirchlichen Gruppen. Die geringste Resonanz erhalten Jugendverbände, Fanclubs und politische Jugendorganisationen. Viele Eifeljugendliche sind zudem Mitglied in mehreren Vereinen oder Gruppierungen. Die Gründe hierfür liegen zum einen im geringeren Angebot an anderen Freizeitmöglichkeiten, zum anderen kommt Vereinen und Gruppen – gerade im dörflichen Umfeld – auch eine wichtige lokale Integrationsfunktion zu, verbunden mit einer starken Ortsbindung und Bleibeorientierung. Eine ausgeprägte regional- und sozialintegrative Bedeutung haben auch die verschiedenen Formen des Jugendbrauchtums, die vor allem in kleineren Ortschaften regelrecht den Charakter von Eingliederungsritualen annehmen können. Obwohl die boomende Erlebnisindustrie und Medientechnologie vielfältige neue Angebote schaffen, ist in der Freizeitsphäre ein deutliches Stadt-Land-Gefälle zu konstatieren. Ablesbar ist dies unter anderem am Ausmaß der Zufriedenheit mit den vor Ort vorhandenen Freizeitmöglichkeiten. Auch die jungen Menschen in der Eifel empfinden – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Bildungsniveau – die ihnen zur Verfügung stehenden freizeitlichen Offerten mehrheitlich als unzureichend. Einer Ausgrenzung aus zentralen Beteiligungskontexten im Freizeitbereich wirken die Landjugendlichen mit einer erhöhten Mobilität entgegen, sodass beinahe die Hälfte der Befragten die Wochenenden außerhalb ihres Wohnortes verbringt. Der Trend zur Freizeit wird begünstigt durch die Zeitressourcen, über die Jugendliche heute verfügen. Sie nutzen diese Zeit für eine große Bandbreite von Aktivitäten, erleben ihre Freizeit in einer hohen Intensität und schätzen sie vielfach über alles. Auch Jugendszenen und Fangruppen stellen in diesem Zusammenhang wichtige jugendkulturelle und identitätsstiftende Vergemeinschaftungsformationen dar, der sich etwa ein Viertel der jungen Eifelbewohner zugehörig fühlt. Besonders herauszustellen ist noch, dass der Alltag und das Freizeitverhalten junger Menschen heute wie nie zuvor von Medien geprägt sind. 201 Eine große Anzahl von Geräten, inhaltlichen Angeboten und kommunikativen Formaten steht dem jugendlichen Nutzer zur Verfügung, um vielfältigen Aktivitäten in einer zunehmend digitalisierten Lebenswelt nachzugehen. Während die Nutzungsfrequenz klassischer Medien im Vergleich zum Jahr 2000 auf einem weitestgehend konstanten Niveau verbleiben, haben die Innovationen im Bereich der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie den jugendlichen Medienalltag nachhaltig verändert. Innerhalb von einer Dekade sind Smartphone, Computer und Internet auch bei den Jugendlichen auf dem Land zur Normalität geworden und aus dem Nutzungsalltag nicht mehr wegzudenken. Eine nach wie vor wichtige Rolle im jugendlichen Medienensemble spielt auch das Fernsehen. Die Nutzung von Printmedien ist in diesem Zeitraum dagegen merklich zurückgegangen. Zu den größten Verlierern, jedenfalls hinsichtlich der Intensität der Nutzung, zählt jedoch das (Web-)Radio, dessen Nutzungsintensität seit dem Jahr 2000 beinahe um die Hälfte gesunken ist. Was sich in diesem Zusammenhang abzeichnet, ist nicht nur in der Eifel regelrecht zu einem Signum der heutigen jungen Generation geworden: die Differenziertheit ihrer Medienlandschaft und ihrer medialen Aneignungsstile. Denn die Medien sind keineswegs die großen Gleichmacher, wie oft behauptet wird, sondern sie stellen Anknüpfungspunkte für höchst unterschiedliche Nutzungsweisen dar. Dies lässt sich vor allem im Hinblick auf computer- und internetbezogene Anwendungen feststellen, die sich schwerpunktmäßig auf die vier Bereiche Kommunikation, Information, Unterhaltung und kommerzielle Nutzung beziehen. Besonders tritt hier die intensive Teilhabe an sozialen Netzwerken hervor, die jungen Menschen kommunikative Vernetzung auf unterschiedlichste Weise ermöglicht. Während das Internet auch für die Informationsbeschaffung und für freizeitliche Unterhaltung eine bedeutende Rolle spielt, werden in der Eifel Online-Shopping und Online-Banking bisher nur von wenigen jugendlichen Usern regelmäßig in ihren Alltag integriert. Weitere Themengebiete, die im Rahmen der ganzheitlichen Darstellung jugendlicher Lebenswelten bedeutsam werden, sind das politische Interesse und die präferierten Partizipationsformen. Entgegen dem von der Medienöffentlichkeit häufig gezeichneten Bild einer jungen Generation, die gleichgültig oder gar entfremdet auf ihre politische Umwelt reagiert, konnten wir keine Anhaltspunkte für ein ausgeprägtes politisches Desinteresse finden. Fast die Hälfte aller Befragten bezeichnet sich als interessiert oder sogar stark interessiert an politischen Fragen, wobei junge Männer, höher Gebildete und Jugendliche mit einer hohen internen Kontrollvorstellung deutlich überwiegen. Jugendliche Aussprüche wie: 202 „Wir Jungen sind nicht politikverdrossen, sondern die Politik ist jugendverdrossen“216 verweisen jedoch auf eine Wandlung des Politikverständnisses und -interesses sowie die entschiedene Ablehnung der klassischen Parteien und ihrer Repräsentanten. Stattdessen lösen Veränderungen im Rahmen eines ‚erweiterten Politikbegriffes‘, der soziale und gemeinwesenbezogene Handlungskontexte integriert, streng institutionalisierte Wege politischer Beteiligung zunehmend ab. Das politische Engagementpotential und Interesse der jungen Eifelbewohner ist dabei stark auf den lebensweltlichen Nahraum und diejenigen Themen ausgerichtet, die eine hohe Relevanz für ihre persönliche Lebensgestaltung haben, ohne dass dabei globale Problematiken aus den Augen verloren werden. In Wahlen sehen sie ein wichtiges Instrument, um ihren politischen Willen zu artikulieren. Aber daneben schätzen sie auch unverbindliche und ‚interventionistische‘ Beteiligungsformen, um die eigene Gestaltungs- und Mitbestimmungshoheit zum Ausdruck zu bringen. Besonders sichtbar wird ihr handlungsorientiertes Politik- und Partizipationsverständnis auch beim ehrenamtlichen Engagement. 40% der jungen Eifelbewohner geben an, einer freiwilligen Tätigkeit nachzugehen; der größte Anteil von ihnen in Vereinen, karitativen oder kirchlichen Gruppen. Diejenigen Jugendlichen, die sich nicht engagieren, werden weniger von mangelnder Bereitschaft als vielmehr von Zeitrestriktionen, fehlender aktiver Ansprache und Akzeptanz von einer Mitwirkung abgehalten. Alles in allem kann jedoch festgehalten werden, dass die Eifeljugend keineswegs uninteressiert am Politikgeschehen ist und auf vielfältige und oftmals unkonventionelle Weise an ihrem sozialen und politischen Umfeld teilnimmt. Näher beleuchtet haben wir in unserem Porträt der Eifeljugend auch ihr Verhältnis zu Kirche und Religion. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die überwiegende Mehrzahl der Jugendlichen katholisch (86%) ist und nur eine Minderheit evangelisch (6%) – ein Sachverhalt, der auf die Auswirkung historisch weit zurückliegender Prozesse regional unterschiedlicher konfessioneller Zugehörigkeit zu den beiden großen christlichen Kirchen verweist (Preußen: Protestantismus; Habsburg/Bayern: Katholizismus). Ebenfalls nur kleine Gruppen bilden die Jugendlichen, die einer anderen religiösen Gemeinschaft (2%) angehören oder die konfessionslos sind (7%). Auch wenn die überwältigende Mehrheit nach wie vor Mitglied einer der beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften ist, verweist ihre religiöse Selbsteinschätzung eher auf eine ‚versteckte‘ Form religiöser Bindung. Dies liegt allerdings weniger in einem Bedeutungsverlust von Religion begründet, als vielmehr in ihrer Gründinger 2009, S. 1. 203 Subjektivierung und Individualisierung sowie der Loslösung von traditionell-kirchlichen Bindungen. Zudem bezieht sich die privatisierte Glaubenshaltung der Eifeljugend kaum noch auf die praktische Lebensgestaltung, sondern weist in Bezug auf Jenseitsvorstellungen und Sinnfragen über die unmittelbare Lebenswelt hinaus. Während von einer universellen Ablehnung von Religion nicht gesprochen werden kann, fühlt sich aber nur ein geringer Prozentsatz der Jugendlichen mit der Institution Kirche eng verbunden. Allerdings ist auch deutlich geworden, dass der kirchliche Rahmen nicht vollständig abgelehnt wird, sondern anlassbezogen auch gegenwärtig eine bedeutende Rolle spielt. Denn kirchliche Ritual- und Dienstleistungsangebote – sei es in Bezug auf die kirchliche Trauung oder ein christliches Begräbnis – stehen bei den Jugendlichen nach wie vor hoch im Kurs. Die Teilnahme an Gottesdiensten oder kirchlichen Festen wird jedoch immer häufiger zu einer punktuellen Angelegenheit, die mit steigendem Alter der Jugendlichen weiter absinkt. Gründe für diese Entwicklung sind in erster Linie in der Lebensweltferne der Institution Kirche und der geringen Überschneidung mit den Interessen der jungen Menschen zu verorten. Dabei sind es insbesondere die (noch) kirchlich gebundenen und engagierten Jugendlichen, die vielfältige Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Gestaltung von Messfeiern vorbringen: Eine lebendige musikalische Gestaltung, alltagsrelevante Inhalte und eine stärkere Beteiligung der Gemeinde sind die von ihnen in den explorativen Interviews immer wieder genannten Wünsche. Insgesamt lässt sich unter den jungen Menschen in der Eifel, ähnlich wie bei vielen Erwachsenen, eine kritisch-skeptische Grundhaltung gegen- über der Institution Kirche und ihren Würdenträgern feststellen. Obgleich diese Entwicklung unter historischen Gesichtspunkten keineswegs neu ist, ist in der jüngeren Vergangenheit ein über das bisherige Maß hinausreichende oppositionelle Positionierung der Jugendlichen zu konstatieren, die mit der Betonung einer unabhängigen, individuellen religiösen Kompetenz einhergeht. Für die meisten jungen Menschen sind Glaubensfragen also keineswegs belanglos geworden. Dass Religion in ihrem Leben nach wie vor einen wichtigen Platz einnimmt, wird zwar im Privaten eingestanden, in öffentlichen Kontexten allerdings selten kommuniziert. Ganz offensichtlich gibt es also nicht nur einen Trend zur ‚unsichtbaren Religion‘, sondern – und vielleicht noch stärker – auch zur ‚unausgesprochenen Religion‘. Vor allem unter religiös Desinteressierten wird es vermieden, Glaubensüberzeugungen zu äußern, um nicht als Außenseiter stigmatisiert und als ‚uncool’ belächelt zu werden. Im Sinne einer religiösen Schweigespirale erscheinen dann Religion und Glauben kommunikativ vielfach als nicht existent. 204 Unter welchen Rahmenbedingungen eine Rethematisierung des Religi- ösen möglich ist, haben wir in unserer Studie nicht eingehender untersucht. Wir haben lediglich fallweise in den narrativen Interviews mit den Jugendlichen Hinweise gefunden, dass auch der schulische Kontext dafür Räume und Anlässe bietet. In einer aktuellen Jugendstudie finden sich diesbezüglich interessante Ergebnisse und Anregungen: „Damit folgt auch die baden-württembergische Jugendstudie der sich in der soziologischen Jugendforschung mehr und mehr durchsetzenden Erkenntnis, dass die Säkularisierungshypothese, wonach sich Religiosität im Prozess der Moderne verliert, nicht länger haltbar ist. Seit 2011 meinen 70 – 75% der Befragten, dass sie sich einer Religion zugehörig fühlen, von diesen wiederum 83% zum Christentum und 13% dem Islam. Eine Schule, die die Lebenswirklichkeit der Schüler ernstnehmen möchte, lässt sich im Schulleben nicht als religionsfreier Raum gestalten. Möglich ist ihr nur, sich in ‚positiver weltanschaulicher Neutralität‘ als einen Lebensraum zu verstehen, der Religion nicht ausschließt (das wäre ‚negative weltanschauliche Neutralität‘), sondern offen ist für Angebote und Veranstaltungsteile, in denen der religiöse Ausdruck der verschiedenen Glaubensrichtungen, die in ihrer Schülerschaft präsent sind, dann möglich ist.“ " Im Kontext jugendlicher Lebens- und Zukunftsentwürfe kommt auch Fragen nach dem Abwandern oder Bleiben im Heimatort bereits sehr früh eine evidente Bedeutung zu. Es wird allerdings rasch deutlich, dass die in der Medienöffentlichkeit häufig geäußerten Pauschaldiagnosen keineswegs mit den Sichtweisen der Eifeljugendlichen übereinstimmen – im Gegenteil, für die immer wieder kolportierte These von der Landflucht junger Menschen konnten wir im Rahmen unserer Studie nur wenige Anhaltspunkte finden. Weiterhin wurde deutlich, dass jugendliche Mobilitätsentscheidungen nicht nur Resultat des Zusammenspiels vielfältiger Einflussfaktoren sind, sondern auch unter sehr pragmatischen Gesichtspunkten getroffen werden. Auf diesen Befund verweist insbesondere die deutliche Korrelation zwischen Bildungsniveau und Bleibeorientierung: Auch wenn das Verlassen des Heimatortes nicht gewünscht ist und bisweilen schwerfällt, halten vor allem höher gebildete Jugendliche eine ausbildungs- oder berufsbedingte Abwanderung für unumgänglich. Aus ähnlichen Gründen entscheiden sich auch deutlich mehr Mädchen als Jungen für eine Abwanderung. Neben sozio-ökonomischen Merkmalen wirken sich auch emotionale, infrastrukturelle und soziale Faktoren in unterschiedlichem Ausmaß Weingardt 2015, S. 112. 205 auf die ‚residenzielle Mobilität‘ der Landjugendlichen aus. Sowohl familiäre als auch partner- und freundschaftliche Bindungen beeinflussen den Bleibewunsch ebenso positiv wie ein emotional geprägtes Heimatgefühl für den eigenen Wohnort. Auch von gemeinschaftlichen Aktivitäten in der Wohnumgebung gehen starke Bindewirkungen aus. Denn diejenigen jungen Menschen, die eine hohe Wohnortverantwortung erkennen lassen, sind stärker mit ihrer Heimat verwurzelt und möchten dort auch gerne ihre Zukunft verbringen. Sich einbringen und Mitmachen gelten ihnen als wichtige, zukunftsweisende Handlungsziele, von denen eine starke wohnortbezogene Integrationskraft ausgeht. Der konstatierten Gemeinwesenorientierung korrespondiert – in ländlichen Regionen im Übrigen stärker als in der Stadt – aber nicht nur eine wachsende Bleibeorientierung bei den Jugendlichen, sondern der Herkunftsort stellt in ihrem Bewusstsein auch eine Art ‚Heimathafen‘ dar, dem sie dauerhaft verbunden sind und zu dem sie eine Rückkehr nicht ausschließen. Unsere Studien haben gezeigt, so ist abschließend festzustellen, dass ländliche Räume für Jugendliche nach wie vor eine große Attraktivität besitzen. Sie sind keine ‚Schmalspurwelten’, die zum Sammelbecken für Modernisierungsverlierer geworden sind, sondern sehr viel eher ‚Hybridwelten’, in denen das fraglos in vielen Lebensbereichen vorhandene Stadt-Land-Gefälle nicht defizitär beklagt, sondern komplementär aufeinander bezogen wird. Die damit verbundene Optionensteigerung erhöht aber auch den Entscheidungsdruck für die Jugendlichen, zumal wenn man berücksichtigt, dass durch die gesamtgesellschaftlichen Individualisierungsprozesse auch auf dem Land Traditionen und Normen an Bindungskraft verloren haben. Auch hier müssen die Jugendlichen mithin ihre Fahrpläne durch das Leben selbst wählen und verwirklichen. Dass dies manchmal nicht ohne Reibungsverluste geht, zeigt die folgende Schilderung einer Studentin: „Je kleiner der Ort, desto größer die Klagen: Kaum Busverbindungen, keine guten Treffpunkte, kaum etwas Sinnvolles für die Freizeit. Oder doch nicht? ‚Was, Du kommst aus so einem Mini- Kaff?‘ So fragen die Leute oft entsetzt, wenn ich erzähle, dass der Ort, aus dem ich komme, nur etwa 550 Einwohner hat. […] Viele meiner Mitstudenten, die meist Städter sind, belächeln mich dann mitleidig und fragen, ob es nicht total öde sei, in so einem ‚Kuhdorf‘ zu leben. Na ja, so leicht lässt sich das gar nicht sagen. Es gibt viele Sachen, die mir am Dorfleben gefallen und es gegenüber dem Wohnen in der Stadt attraktiver machen. Es ist ein Stück Lebensqualität, wenn man einfach aus dem Haus gehen kann und direkt in der freien Natur ist. […] Aber ganz so super, wie es sich jetzt vielleicht anhört, ist das Leben in kleinen Orten 206 doch nicht. Was besonders ätzend ist, ist die schlechte Busanbindung. Man ist fast immer auf einen Autofahrer angewiesen. Wer dann endlich den Führerschein hat, geht dann meist in Trier weg, weil in der näheren Umgebung eh tote Hose ist. […] Eine Sache, die auch meine Trierer Freundin das Dorfleben etwas fürchten lässt, ist der Klatsch. Weil jeder jeden kennt und so Neuigkeiten schnell die Runde machen, kursieren oft die wildesten Gerüchte ohne Hand und Fuß. Da ist eine Stadt mit ihrer Anonymität doch von Vorteil. Was mir auch nicht so gut gefällt, ist, dass in den kleinen Dörfern für Jugendliche wenig getan wird. Bei uns gibt es nur drei Vereine, in die es sich als junger Mensch einzutreten lohnt: Tanzgruppe, Sportverein und Musikverein. Das war‘s dann auch schon an Freizeitangeboten“ (Kirsten, 21 Jahre). Aber trotz der sozialen Kontrolle und den Infrastrukturdefiziten bleiben die Landgemeinden für viele Jugendliche attraktive Wohn- und Lebensorte – und dies keineswegs nur in der Eifel. Eine Landjugendstudie in Bayern kommt zu vergleichbaren Ergebnissen: „Es ist nicht so, dass alle darunter leiden, dass jeder und jede im Dorf sie kennt und jeden ihrer Schritte begleiten. Dass Rollenver- änderungen eigentlich nicht vorgesehen sind. Für viele übersetzt sich die engmaschige soziale Kontrolle in Landgemeinden mit sozialer Wärme, füreinander da zu sein, familiale Intimität statt gesichtsloser Anonymität. Wir erleben gerade eine Renaissance des Regionalpatriotismus auch unter Jugendlichen. ‚Heimatliebe‘ zu zeigen und auszuleben ist auch für viele Junge außerhalb von Bayern heute nicht mehr peinlich, nicht mehr ‚rechts‘ und ‚nationalistisch‘, sondern Teil einer Alltagskultur und Identitätssuche. Das Dorf als Hort der Sicherheit, als Ruhepol inmitten einer sich global immer schneller, unüberschaubarer und vor allem unbeeinflussbar verändernden Welt. ‚Hier ist die Welt noch in Ordnung‘.“ Aber auch in den entschleunigten ländlichen Räumen wird der eigene Lebensentwurf der jungen Menschen und die eigene Lebenspraxis sehr stark als Experiment gesehen, das es weniger normativ als vielmehr pragmatisch zu bewältigen gilt. An die Stelle von kollektiven Gewissheiten, so könnte man auch sagen, ist ein individueller Pragmatismus getreten. Wie sehr sich die Vorstellung individualisierter und selbstverantwortlicher Lebensgestaltung bereits in den jugendlichen Habitus eingeschliffen hat, kommt am markantesten vielleicht in der folgenden Aussage eines Schülers – Thomas, 16 Jahre – zum Ausdruck: „Ich muss Lenz/Farin 2016, S. 38. 207 mein Leben selber meistern.” Diese Aussage, die in gewisser Weise auch als Quintessenz unserer Forschungen angesehen werden kann, hatte für uns aber auch die Funktion eines Aufmerksamkeitsgenerators. Sie lenkte unseren Blick nochmals auf Wesenszüge der heutigen Jugendgeneration: Selbstgestaltung, soziale Einbindung und Zukunftsoptimismus. Aber wir waren durch diese Aussage auch neugierig geworden und wollten genauer wissen, was die Jugendlichen denn im Einzelnen darunter verstehen. Dazu baten wir eine größere Gruppe, einen kleinen Essay zu schreiben, der unter diesem Oberthema stand. Wir waren überwältigt von der Offenheit und Differenziertheit, mit der die Jugendlichen hier zu Werke gingen. Aus mehr als 200 Essays, die im Übrigen eine wahre Fundgrube für biographie- und identitätstheoretische Studien darstellen, ist abschließend der Essay einer 15-Jährigen (Esther) zitiert, der als Sinn- und Spiegelbild für das Selbstverständnis und die Zukunftssicht der heutigen jungen Generation in der Eifel angesehen werden kann: „Im Moment sind mir ganz sicher meine Freunde wichtig. Ich denke, ohne Freunde ist das Leben ziemlich langweilig, und man ist allein. Meine Familie ist allerdings das Wichtigste, das ich besitze. In meiner Familie fühle ich mich ‚beschützt’ und nicht allein! Mir ist im Moment auch noch wichtig, dass ich die Schule abschließe, da ich denke, dass mein Abschluss meine Zukunft ziemlich stark beeinflussen wird. Natürlich ist es auch wichtig, ob ich gesund bin. Ich bin froh darüber, dass ich nicht in einer großen Stadt wohne, sondern in einem kleineren Ort, denn da ist die Natur noch nicht so zerstört. […] Ich denke öfters über meine Zukunft nach, was ich werden will, wie ich leben will usw. Ich wünsche mir für meine Zukunft, dass ich gesund bin und nicht alleine leben muss. Ich habe ziemlich viel mit anderen Menschen zu tun, in meiner Straße, in verschiedenen Jugendgruppen und im Sport, und deshalb kann ich mir nicht vorstellen, einmal ganz alleine zu leben. Am liebsten würde ich auf einem großen alten Bauernhof leben, wo ich meine eigene Tierarztpraxis aufbauen Zu großem Dank verpflichtet sind wir den Pädagogen Heinfried Carduck, Bernadette Faber und Magdalena Vogelgesang, die für uns die Essay-Befragung organisiert haben. Quer durch alle Altersstufen ist es ihnen gelungen, Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme zu motivieren. Ihrem pädagogischen Geschick und Fingerspitzengefühl ist es zu verdanken, dass diese Selbstzeugnisse über sich verfasst haben, deren Originalität und Authentizität uns dazu veranlasst hat, sie im Rahmen eines Anschlussprojekts (‚Jugendliche Selbstbeschreibungen‘) noch eingehender aufzuarbeiten und auszuwerten. 208 könnte. Ich würde gerne einen ganz lieben Mann haben und irgendwann auch ganz sicher Kinder. […] Ich hoffe, dass in der Zukunft kein Unterschied mehr zwischen Menschen gemacht wird – ob sie schwarz oder weiß sind, Ausländer oder Einheimische –, sondern dass alle gleich behandelt werden. Außerdem hoffe ich, dass die Natur erhalten bleibt und dass die Umwelt gerettet wird und die Ozon-Schicht nicht noch mehr kaputtgeht durch Abgase und Umweltschäden. Ich wünsche mir auch in der Zukunft Freunde, mit denen ich über alles reden kann und die mich verstehen. Ich möchte auch später noch ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern haben und mit ihnen klarkommen. […] Was ich in meiner Zukunft befürchte ist, dass alles eigentlich ganz anders wird, wie ich mir es vorstelle. Dass ich keinen Arbeitsplatz habe, krank bin, keine Freunde habe, falsche Entscheidungen treffe, was sich wahrscheinlich nicht immer vermeiden lässt, und die Umwelt zerstört wird. Das macht mich aber nicht mutlos. Im Gegenteil, ich bete und tue etwas dafür, dass mein Leben gelingt. Und ich bin zuversichtlich, dass unsere Generation verantwortungsbewusster mit der Natur umgeht, als das bisher der Fall war.“

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References

Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.