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1 Einleitung in:

Waldemar Vogelgesang, Luisa Kersch

Eifeljugend heute, page 17 - 20

Leben in der urbanisierten Provinz

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3885-7, ISBN online: 978-3-8288-6646-1, https://doi.org/10.5771/9783828866461-17

Tectum, Baden-Baden
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17 1 Einleitung „Und wo sind all die Mädchen? Wo sind all die Freunde hin? Die das eingegrabene Städtchen, bepinselt haben mit Sinn. Sie suchen nach dem Glück in Berlin.“ So lauten einige Verse aus dem Song Berlin der Punkrock-Band Jupiter Jones. In dem Lied thematisieren die Musiker, die aus der Verbandsgemeinde Prüm im Eifelkreis stammen, die Abwanderung junger Erwachsener aus ihrer Heimat. Die Stadt Berlin steht dabei als Symbol für die Fremde, das weiter Entfernte, das nicht Heimatliche, der Ort in der Fremde, in dem die Lebensvorstellungen und -wünsche junger Menschen vom Land scheinbar besser zu erfüllen sind. Lange Zeit galten die Landflucht und deren Folgewirkungen als ein spezifisch ostdeutsches Jugendproblem.1 Doch auch im Westen der Bundesrepublik Deutschland geht in der Hälfte der ländlichen Regionen die Bevölkerung zurück, verlassen immer mehr Jugendliche ihren Herkunftsort, um in der Stadt ihr Auskommen zu finden.2 Dies hat zur Folge, dass sich die Altersstruktur in ländlichen Regionen deutlich verschiebt und Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend in eine Minderheitenrolle geraten. Landflucht scheint für viele zum Gebot der Stunde zu werden, um Benachteiligungen beim Zugang zu Ausbildung, Arbeit, Freizeit und Mobilität zu entgehen. Vieles spricht auf den ersten Blick für eine sich verstärkende Abwanderungsmentalität von Landjugendlichen, gilt doch das Jugendalter als eine Lebensphase, in der die Entwicklung und der Erwerb von Kompetenzen, die Herausbildung von Identität und die Befähigung zur Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben im Mittelpunkt stehen.3 Damit verbunden ist die Tatsache, dass Erfahrungen zunehmend außerhalb des Elternhauses und zusammen mit Gleichaltrigen erworben werden. In einer ländlichen Region aufzuwachsen erscheint vor diesem Hintergrund als Ausschluss aus zentralen Beteiligungskontexten, die für die jugendliche Entwicklung konstitutiv und förderlich sind. Verständlicherweise wird dann in der aktuellen Jugendforschung die Frage gestellt: „Jugendliche auf dem Land: abgehängt und ausgegrenzt?“4 Auch wenn angesichts der unterschiedlichen strukturellen Gegebenheiten ländlicher Regionen Pauschaldiagnosen über jugendliche Abwande- 1 Vgl. Schubarth/Speck 2009. 2 Vgl. Maretzke/Weiss 2009. 3 Vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012. 4 Beierle 2013, S. 17. 18 rungstendenzen nicht angebracht sind, so kommt der Frage: ‚Gehen oder Bleiben?’ doch eine eminent wichtige Bedeutung zu. Sie stellt im Kern auch das Leitthema dar, das der Untersuchung der Lebenswelt und Zukunftspläne der Landjugend zugrunde liegt. Denn im Zentrum steht die Frage: Sind die Jugendlichen in der Eifel für die Zukunft gerüstet und sehen sie in der Region genügend Handlungsoptionen, um ihre schulischen, beruflichen und freizeitlich-kulturellen Interessen zu verwirklichen? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen haben wir versucht, möglichst authentisch und detailgenau die Lebensverhältnisse und Zukunftssicht der Jugendlichen im Eifelkreis Bitburg-Prüm in Erfahrung zu bringen. Teilweise im Stile von Ethnologen wurden zu Beginn des Projekts mit einer größeren Zahl von jungen Menschen explorative Gespräche in ihrer normalen Alltagsumgebung geführt, um vor Ort und aus erster Hand die Distanz zu ihnen so gering wie möglich zu halten. Diese Gespräche waren eine fruchtbare Quelle für eine „partizipative Forschungspraxis“5, deren Lebensweltnähe die Grundlage für die sich anschließende standardisierte und repräsentative Jugendbefragung bildete. In einem zoomartigen Wechselspiel zwischen Nähe und Ferne, Beobachtung und Reflexion, Detailorientierung und Strukturerkennung galt es, die Optik scharfzustellen für die jugendtypischen Formen der Alltagsgestaltung und Lebensplanung und ihre vielschichtigen Facetten und Verschränkungen. Ohne die Auskunftsfreude und die Mitwirkungsbereitschaft der befragten Jugendlichen wäre dies nicht möglich gewesen. Ihnen ist deshalb diese Forschungsarbeit auch zugeeignet. Dank gilt weiterhin den studentischen Projektmitarbeiter/Innen (Valentin Ardelean-Kaiser, Julie Bleser, Alisa Block, Björn Bohn, Simon Esch, Ann-Kristin Fritz, Lisa Krämer, Philipp Krebs, Lisa Kremers, Alexandra Lehmann, Lawreen Masekla, Christiane Metzler, Kerstin Müller, Yanica Reichel, Florian Schaaf, Nora Servatz) und den Projektmentor/Innen (Susanne Backes, Jean-Philippe Décieux, Midia Majouno, Tina Winter), die durch ihre engagierte und akribische Arbeit die Voraussetzung schufen, um den vorliegenden ‚Datenberg’ gleichermaßen anzuhäufen und abzutragen. Zu Dank verpflichtet sind wir auch unseren Förderern – namentlich der Kreisverwaltung Bitburg-Prüm, dem Bischöflichen Generalvikariat Trier, den Sparkassen der Region und der Nikolaus Koch Stiftung – und externen Unterstützern und Ideengebern (Bettina Bartzen, Stephanie Fehres, Marlen Meyer, Gerrit Wanken) für die stets konstruktive Begleitung unseres Projekts. Nicht zuletzt ist Tara Al Okaidi für die Layoutgestaltung zu danken, deren ansprechende tabellarische 5 Vgl. von Unger 2014. 19 und graphische Darstellungen unverzichtbar sind, um den Blick auf eine sozial und regional differenzierte Jugendlandschaft freizugeben.

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Zusammenfassung

Für die heutigen Jugendlichen stehen – auch in ländlichen Regionen – die Zeichen der Zeit auf Vielfalt, Veränderung und Herausforderung. Wie sie ihr Leben im Spannungsfeld zwischen dörflichen Traditionen und globalen Veränderungsprozessen meistern, haben wir in einer umfangreichen Untersuchung offengelegt. Der Tenor ist eindeutig: Die Eifel steht paradigmatisch für einen neuen, sozial-räumlich entgrenzten Raumtypus, dessen mobile und urbanisierte Lebensweise ihn zunehmend auch für Jugendliche (wieder) interessant machen. Nicht mehr die Frage der Abwanderung steht für sie im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung des eigenen Lebens in der Heimatregion. Die Generation Y sieht auch auf dem Land für sich eine Zukunft.

Auf der Grundlage einer replikativen Surveystudie sowie begleitenden explorativen Interviews bietet der vorliegende Band einen authentischen und detaillierten Einblick in den Alltag und die Lebensplanung der Landjugendlichen in der Eifelregion. Neben den Themenfeldern Bildung, Freizeit und Medien sowie Formen sozialen und politischen Engagements runden Fragen nach Glaubens-, Wert- und Zukunftsvorstellungen ein umfassendes Jugendporträt ab.