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7 Diskussion der Ergebnisse in:

Christoph Eifler

Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining, page 239 - 256

Eine empirische Studie

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3895-6, ISBN online: 978-3-8288-6645-4, https://doi.org/10.5771/9783828866454-239

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 74

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
239 7 Diskussion der Ergebnisse Die vorliegende Untersuchung widmete sich der Fragestellung, inwieweit es durch verschiedene Ansätze zur Intensitätssteuerung im Fitness- Krafttraining zu Veränderungen der Kraftleistung kommt und inwieweit sich die untersuchten trainingsmethodischen Ansätze, die unterschiedlichen Leistungsstufen sowie die Geschlechter hinsichtlich der erzielten Effekte (relativer Kraftzuwachs) unterscheiden. Des Weiteren wurde untersucht, ob sich die in der Interventionsphase realisierten Trainingsintensitäten (in % 1-RM) zwischen den Versuchsgruppen, den Leistungsstufen sowie zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Zudem widmete sich ein Untersuchungskomplex der Fragestellung hinsichtlich des Auftretens von Pre-Test-Effekten. 7.1 Untersuchung zu den Veränderungen der Kraftleistung zwischen den Testzeitpunkten Wie aus Kapitel 6 entnommen werden kann, konnten bei allen abhängigen Variablen übungsunabhängig durchgehend hoch signifikante Steigerungen der Kraftleistung zwischen den Testzeitpunkten festgestellt werden. Wie zu erwarten war, konnten auch durchgehend zeitlich verzögerte Kraftsteigerungen im Kontext der konzentrischen Maximalkraft (1-RM) registriert werden (Schlumberger & Schmidtbleicher, 1998, S. 35). Die höchsten Kraftwerte wurden dabei übungsunabhängig zum Testzeitpunkt t4 erzielt (14 Tage nach dem 1-RM-Test zum Testzeitpunkt t1). An dieser Stelle kann jedoch nicht beurteilt werden, ob zum Testzeitpunkt t4 auch tatsächlich das Kraftmaximum erreicht wurde. Der weitgehend lineare Kraftanstieg über die Follow-up-Tests könnte ein Indiz dafür sein, dass weitere Follow-up-Tests auch weitere Kraftsteigerungen gezeigt hätten. Schlumberger und Schmidtbleicher (1998, S. 35) konnten bei der Übung „Bankdrücken“ z. B. bis zu 21 Tage nach einem Pre-Test signifikante Steigerungen der Maximalkraft beobachten. Ob die über die Follow-up-Tests registrierten Kraftzuwächse Treatmenteffekte darstellen oder aus einer Testanpassung resultieren (Schlumberger & Schmidtbleicher, 1998, S. 38), kann in der vorliegenden Untersuchung nicht eindeutig interpretiert werden. Die höchsten absoluten Testwerte sowie absoluten Laststeigerungen zwischen den Testzeitpunkten wurden bei der Übung „Beinpresse horizontal“ erzielt. Aufgrund der Beteiligung mehrerer arthromuskulärer Strukturen und dem damit verbundenen hohen Anteil an aktiv arbeiten- 240 der Muskelmasse (Extension im Hüftgelenk unter anderem durch M. glutaeus maximus, Mm. ischiocrurales; Extension im Kniegelenk unter anderem durch M. quadriceps femoris) ist dieses Ergebnis jedoch nachvollziehbar. Die geringsten absoluten Testwerte sowie absoluten Laststeigerungen zwischen den Testzeitpunkten konnten bei der Übung „Kurzhantel-Seitheben“ realisiert werden. Durch die starke Einschränkung der Freiheitsgrade der beteiligten arthromuskulären Strukturen und dem daraus resultierenden geringen Anteil an aktiv arbeitender Muskelmasse (primär M. deltoideus) ist das adaptive Potenzial beim „Kurzhantel-Seitheben“ deutlich geringer. Da bei dieser Konstellation bereits aus einer kleinen Steigerung der absoluten Last eine hohe relative Kraftsteigerung resultiert, mag es nicht weiter verwundern, wenn bei der Übung „Kurzhantel-Seitheben“ mitunter die höchsten relativen Kraftsteigerungen beobachtet werden konnten. Trotz größtenteils hoch signifikanter Steigerungen der Kraftleistung zwischen den Testzeitpunkten konnten in den meisten Fällen jedoch nur geringe und selten moderate Effektstärken berechnet werden. Die praktische Relevanz der erzielten Kraftsteigerungen ist folglich als eher gering einzustufen. Als ursächlich für die lediglich geringen bzw. moderaten Effektstärken können auf der einen Seite die starken Streuungen (bedingt durch die heterogenen Probandenstichproben) gesehen werden. Auf der anderen Seite werden die geringen Effektstärken aber plausibel, wenn die während der Interventionsphase realisierten Trainingsintensitäten (in % 1-RM) zusätzlich betrachtet werden. Übungs- und stichprobenunabhängig wurde in der vorliegenden Untersuchung mit einer durchschnittlichen Intensität von lediglich 55,10 % (± 8,21) des 1-RM trainiert. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung bestätigen somit die Befunde von Focht (2007, S. 184), der bei einem Krafttraining mit intuitiver Lastwahl eine durchschnittliche Trainingsintensität von 56 % des 1-RM beobachten konnte, oder von Glass und Stanton (2004, S. 326), die bei intuitiver Lastwahl Intensitäten zwischen 40 und 60 % des 1-RM feststellen konnten. Insgesamt liegen die realisierten Trainingsintensitäten deutlich unter den gängigen trainingswissenschaftlichen Empfehlungen für ein hypertrophieorientiertes Krafttraining mit zehn Wiederholungen. So empfiehlt z. B. Bührle (1985, S. 96) für einen Bereich von acht bis zehn Wiederholungen eine Intensität von 80 % des 1-RM. Baechle et al. (2008, S. 394) geben für zehn Wiederholungen eine Intensität von 75 % des 1- RM an. Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass zehn Wiederholungen einer Intensität von 75-80 % des 1-RM entsprechen sollten. Als ein zentrales Ergebniss der vorliegenden Untersuchung kann somit festgehalten werden, dass durchgehend hoch signifikante Kraftsteige- 241 rungen beobachtet werden konnten, obgleich die realisierten Trainingsintensitäten deutlich unter den gängigen trainingswissenschaftlichen Empfehlungen lagen. Daraus könnte geschlussfolgert werden, dass die in der Regel aus dem leistungsorientierten Kraftraining resultierenden Intensitätsempfehlungen für das fitness- und gesundheitsorientierte Krafttraining keine Gültigkeit haben und generell kritisch hinterfragt werden müssen. Eine weitere Schlussfolgerung aus den vorliegenden Ergebnissen könnte darin bestehen, dass das adaptive Potenzial der Breiten- und Freizeitsportler so hoch ist, dass auch mit suboptimalen Trainingsintensitäten bedeutende Trainingseffekte erzielt werden können. In Anbetracht der nur geringen Effektstärken bei den Haupteffekten muss aber zusammenfassend konstatiert werden, dass die realisierten Trainingsintensitäten bei den untersuchten Trainingsmethoden deutlich zu gering waren und somit höchstwahrscheinlich auch keine Ausschöpfung des adaptiven Potenzials der Probanden im Sinne optimaler Trainingseffekte erzielt werden konnte. In Anbetracht der geringen Trainingsintensitäten stellt sich die Frage, ob in dieser Untersuchung im Hinblick auf Hypertrophieprozesse der Skelettmuskulatur überhaupt trainingswirksame Reize gesetzt wurden (Güllich & Schmidtbleicher, 1999, S. 226). Insgesamt können mit der vorliegenden Untersuchung die Ergebnisse von Focht (2007, S. 184), Glass und Stanton (2004, S. 326; 2005, S. 177-178) oder Ratamess et al. (2008, S. 108) bestätigt werden, welche darlegen konnten, dass Trainingsintensitäten, die auf der Basis des subjektiven Belastungsempfindens gesteuert werden, in der Regel zu niedrig im Hinblick auf die Auslösung von Hypertrophieprozessen gewählt werden. Auch die Lastvorgaben nach dem Modell der ILB-Methode liegen deutlich unter den gängigen trainingswissenschaftlichen Intensitätsempfehlungen für ein Hypertrophietraining. Nur wenige Probanden konnten Ihre Kraftleistung nicht steigern. Die Ursache für diese „Non-Responder“ ist in der Krafttrainingsforschung bis dato nicht hinreichend empirisch geklärt. Nach Bartholomew, Stults- Kolehmainen, Elrod und Todd (2008, S. 1218) können negativ empfundene Stressbelastungen oder negative Lebenssituationen die Effekte eines Krafttrainings maßgeblich einschränken. Die zu jedem Testzeitpunkt durchgeführte Befragung hinsichtlich Motivationslage und subjektiv empfundener Tagesform konnte bei den Non-Respondern jedoch keine Indizien für ein motivational oder tagesformbedingtes Ausbleiben von Krafttrainingseffekten liefern. Das Ausbleiben von Kraftsteigerungen konnte häufiger bei den eingelenkigen Übungen („Kurzhantel- Seitheben“, „Armstrecken am Seilzug“, „Kurzhantel-Armbeugen“) beobachtet werden. Nach Baker, Wilson und Carlyon (1994b, S. 353) ist das adaptive Potenzial bei eingelenkigen Übungen im Vergleich zu mehrge- 242 lenkigen Übungen geringer. Dies kann auf die größere hormonelle Reaktion (z. B. Testosteron, IGF 1) zurückgeführt werden, die bei mehrgelenkigen Kraftübungen deutlich höher ausfällt (McCall, Byrnes, Dickinson, Pattany & Fleck, 1996, S. 2011). 7.2 Untersuchung zum Auftreten von Pre-Test-Effekten Im Hypothesenkomplex 2 wurden die Post-Test- und Follow-up-Test- Ergebnisse zwischen den Stichproben mit Pre-Test und den Stichproben ohne Pre-Test verglichen, um eventuelle Pre-Test-Effekte festzustellen. Die Ergebnisse (vgl. Kapitel 6) zeigten konsistent und übungsunabhängig keine signifikanten Unterschiede zwischen den Testvariablen. Als ein zentrales Ergebniss der vorliegenden Untersuchung kann festgehalten werden, dass keine Indizien für das Auftreten von Pre-Test-Effekten als Störgröße auf die externe Validität (Bortz & Döring, 2006, S. 504) vorliegen. In Kapitel 5.3.1 wurde dargestellt, dass sich in diesem Untersuchungskomplex bei der Stichprobe V1.2 ein aus dem Studiendesign resultierendes Problem eröffnet. Für die Stichprobe V1.2 sah das Studiendesign keinen Pre-Test vor. Da in dieser Stichprobe allerdings nach dem deduktiven Ansatz der ILB-Methode gearbeitet wurde, war die Durchführung eines 10-RM-Tests zur Ermittlung von Referenzwerten zur Intensitätssteuerung vor der Interventionsphase obligat. Um den Einfluss des 10- RM-Tests auf das Post-Test-Ergebnis möglichst zu minimieren, durfte der Pre-Test als solcher sowie die Testintention und die Testergebnisse für die Probanden der Stichprobe V1.2 nicht ersichtlich sein. Der Pre-Test im 10-RM wurde als „Gewöhnungstermin“ bzw. „Auftakttermin“ getarnt; die Testergebnisse wurden den Probanden nicht mitgeteilt. Trotz aller Maßnahmen konnte a priori nicht ausgeschlossen werden, dass es dennoch zu Effekten auf die Post-Test-Ergebnisse im 10-RM-Test kommen würde. Ein isolierter Vergleich der Krafttestwerte in Post- und Follow-up-Tests zwischen den Versuchsgruppen V1.1 und V1.2 zeigte jedoch identische Ergebnisse wie der Vergleich der Testvariablen innerhalb der Gesamtstichprobe. Insofern liegen keine Indizien für eine Beeinflussung der Post-Test-Ergebnisse im 10-RM-Test durch den getarnten Pre-Test bei der Stichprobe V1.2 vor. Zusammenfassend kann aufgrund der vorliegenden Ergebnisse für weitere experimentelle Krafttrainingsstudien konstatiert werden, dass keine Anhaltspunkte für Pre-Test-Effekte sowie deren Einfluss auf Post- und Follow-up-Testergebnisse gefunden werden konnten und somit eine 243 Berücksichtigung dieser Störgröße im Studiendesign vernachlässigbar ist. 7.3 Untersuchungen zu den relativen Veränderungen der Kraftleistung sowie den realisierten Trainingsintensitäten Betrachtet man die relativen Veränderungen der Kraftleistung, so bestätigen die Ergebnisse in diesem Untersuchungskomplex die Befunde von Buskies (1999, S. 317) zu einem Krafttraining auf der Basis des subjektiven Belastungsempfindens bzw. von Strack und Eifler (2005, S. 158) zu einem Krafttraining mit Lastvorgabe nach dem Modell der ILB-Methode. In der vorliegenden Untersuchung konnten sogar deutlich höhere relative Kraftsteigerungen erzielt werden (übungsabhängig von 12,81-69,03 % bei ∆ t0-t1 20-RM, 10,57-50,49 % bei ∆ t0-t1 10-RM, 7,82-37,70 % bei ∆ t0-t1 1-RM sowie 10,00-44,38 % bei ∆ t0-t4 1-RM). Im Vergleich dazu verzeichnete Buskies (1999, S. 317) übungsabhängige Kraftsteigerungen von 6,4- 11 % im Pre-Post-Test-Vergleich (1-RM) sowie Strack und Eifler (2005, S. 158) übungsabhängige Kraftsteigerungen von 13,88-20,50 % im Pre- Post-Test-Vergleich (12-RM). Erklärbar sind die höheren Effekte über die getestete Probandenklientel. In den Untersuchungen von Buskies (1999, S. 317) sowie Strack und Eifler (2005, S. 157) wurden ausschließlich Sportstudenten/innen untersucht. Auch ohne Krafttrainingserfahrung muss bei dieser Klientel von einem geringeren Adaptationspotenzial aufgrund des höheren Leistungszustandes ausgegangen werden. In der vorliegenden Untersuchung wurden ausschließlich Breiten- und Freizeitsportler getestet. Obgleich während der sechswöchigen Interventionsphase stets mit zehn Wiederholungen trainiert wurde, konnten die höchsten relativen Kraftsteigerungen übungs- und stichprobenunabhängig bei ∆ t0-t1 20-RM registriert werden (Mittelw. 26,10 %, ± 15,03). Die niedrigsten relativen Kraftsteigerungen konnten bei ∆ t0-t1 1-RM beobachtet werden (Mittelw. 17,44 %, ± 8,96). Weitgehend vergleichbare relative Kraftsteigerungen konnten bei ∆ t0-t1 10-RM (Mittelw. 21,58 %, ± 11,35) sowie bei ∆ t0-t4 1- RM (Mittelw. 21,71 %, ± 11,35) beobachtet werden. Buskies und Boeckh- Behrens (1999, S. 7) konnten feststellen, dass krafttrainingsunerfahrene Personen mit geringer Ausprägung der konzentrischen Maximalkraft im Vergleich zu krafttrainingserfahrenen Sportlern mit höheren Maximalkraftleistungen bei gleichen vorgegebenen submaximalen Intensitäten mehr Wiederholungen absolvieren können. Die Ursache für dieses Phänomen kann in der geringer ausgeprägten Maximalkraft bei Untrainierten und der damit in Verbindung stehenden reduzierten Fähigkeit zur 244 neuronalen Ansteuerung der Muskulatur gesehen werden (Sale, 1994, S. 249). Krafttrainingserfahrene Sportler erzielen höhere 1-RM-Testwerte, wodurch sich auch die submaximalen Lasten bei vorgegebener Intensität (in % 1-RM) deutlich erhöhen und somit weniger Wiederholungen zulassen. Campos et al. (2002, S. 58-59) konnten in diesem Zusammenhang zeigen, dass nach einem Hypertrophietraining (9-11-RM) die maximale Wiederholungszahl bei 60 % des 1-RM um 10 % zunahm, während diese nach einem intramuskulären Koordinationstraining (3-5-RM) um 20 % sank. Demzufolge führt ein Hypertrophietraining zu einer Erhöhung, ein Training der intramuskulären Koordination zu einer Verringerung der Wiederholungszahlen bei submaximalen Intensitäten. Kraemer, Noble, Clark und Culver (1987, S. 247) konnten in diesem Kontext z. B. feststellen, dass das 10-RM von Bodybuildern eine signifikant höhere Intensität in Relation zum 1-RM hatte, als das 10-RM von Kraftdreikämpfern. In der vorliegenden Untersuchung wurde über die gesamte Interventionsdauer ein Krafttraining im Hypertrophiebereich mit zehn Wiederholungen ausgeführt. Da davon auszugehen ist, dass die getesteten Freizeit- und Breitensportler auch vor der Untersuchung primär in den Zielbereichen Kraftausdauer und Hypertrophie gearbeitet haben, ist es aufgrund der Studienlage nachvollziehbar, warum bei dem 20-RM-Test im Vergleich zu den 1-RM-Tests höhere Kraftsteigerungen erzielt wurden. 7.3.1 Vergleich der Versuchsgruppen Übungsunabhängig und bei allen Variablen konnten durch das Krafttraining nach dem Ansatz der ILB-Methode (Versuchsgruppe V1) im Vergleich zu den beanspruchungsorientierten Methoden tendenziell und in der überwiegenden Anzahl der Fälle auch signifikant höhere relative Kraftsteigerungen erzielt werden. Die Varianzaufklärung ergab im Falle signifikanter Ergebnisse jedoch lediglich geringe Effektstärken, so dass die höheren Trainingseffekte durch ein Training nach der ILB-Methode für die Trainingspraxis als eher unbedeutend eingestuft werden müssen. Einzige Ausnahme stellt die Übung „Butterfly“ dar. Hier ergab die Varianzaufklärung durchgehend moderate Effektstärken. Aufgrund der relativ hohen Streuung der Daten bei der Übung „Butterfly“ in der Versuchsgruppe V1 sollte dieses Ergebnis jedoch eher vorsichtig bzw. konservativ interpretiert werden. Der Vergleich zwischen den beiden beanspruchungsorientierten Ansätzen zur Intensitätssteuerung (Versuchsgruppen V2 und V3) zeigte in der überwiegenden Anzahl der Fälle keine signifikanten Unterschiede im Hinblick auf die relativen Kraftsteigerungen. Als zentrales Ergebnis der vorliegenden Untersuchung kann somit festgehalten werden, dass es für 245 den fitness- und gesundheitsorientierten Kraftsportler offensichtlich keine Rolle zu spielen scheint, ob die subjektive Steuerung der Intensität intuitiv erfolgt oder mittels Borg-Skala quantifiziert wird. In diesem Kontext kann die vorliegende Untersuchung die Aussagen von z. B. Löllgen (2004, S. 300) zur Eignung der Borg-Skala im Krafttraining nicht bestätigen. Im Gegensatz dazu kann auf der Basis der vorliegenden Befunde konstatiert werden, dass ein Krafttraining mit intuitiver Intensitätssteuerung genauso effektiv sein kann wie ein Krafttraining mit kontrollierter subjektiver Belastungswahrnehmung. Somit können Studienergebnisse wie z. B. von Kemmler et al. (2005, S. 168) bestätigt werden, die durch ein Krafttraining mit intuitiver Intensitätssteuerung ebenso signifikante Verbesserungen der Maximalkraft nachweisen konnten. Dass die Effekte zwischen den beiden untersuchten beanspruchungsorientierten Methoden so wenig differenzieren, könnte über zwei sehr gegenläufige Mechanismen erklärt werden. Auf der einen Seite könnte vermutet werden, dass die Probanden der Versuchsgruppe V3 die Trainingsintensitäten intuitiv so gut steuern konnten, dass eine zusätzliche Kontrolle der Belastungswahrnehmung via Borg-Skala keinen zusätzlichen Nutzen bringt. Auf der anderen Seite könnte aber auch die Umsetzung der Belastungssteuerung über die Borg-Skala für das Fitness- Krafttraining in Frage gestellt werden. Die Ursache hierfür kann in der eventuell zu starken Ausdifferenzierung der Borg-Skala (Belastungsfaktor 6 bis 20) und dem damit verbundenen hohen Abstraktionsgrad liegen. In Anbetracht der heterogenen Klientel im Setting „Fitness-Studio“ sowie unter Berücksichtigung des Status als Breiten- und Freizeitsportler bei allen Probanden darf an dieser Stelle eher von der zweiten These ausgegangen werden und die Praktikabilität sowie der zusätzliche Benefit der Borg-Skala bei einem beanspruchungsorientierten Krafttraining in Frage gestellt werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung sollten allerdings nicht vorbehaltlos auf kompaktere Skalen zur Operationalisierung des subjektiven Belastungsempfindens, wie z. B. die siebenstufige Skala von Boeckh-Behrens und Buskies (2002, S. 32) oder die zehnstufige OMNI-Skala (Robertson et al., 2003, S. 334), übertragen werden. Die Betrachtung der realisierten Trainingsintensitäten (in % 1-RM) kann einen Erklärungsansatz für die zumindest tendenziell höheren relativen Kraftsteigerungen durch ein Training nach dem Ansatz der ILB-Methode liefern. Folgende durchschnittliche Trainingsintensitäten wurden übungsunabhängig während der gesamten Interventionsdauer realisiert: Die Probanden der Stichprobe V1 trainierten während der Interventionsphase durchschnittlich mit 56,20 % des 1-RM (± 10,70). Die höchsten relativen Trainingsintensitäten wurden bei der Übung „Beinpres- 246 se horizontal“ (Mittelw. 59,87 % 1-RM, ± 8,18), die niedrigsten bei der Übung „Kurzhantel-Armbeugen“ (Mittelw. 53,24 % 1-RM, ± 10,16) erzielt. Die Probanden der Stichprobe V2 trainierten während der Interventionsphase durchschnittlich mit 54,35 % des 1-RM (± 6,63). Die höchsten relativen Trainingsintensitäten wurden ebenso bei der Übung „Beinpresse horizontal“ (Mittelw. 56,52 % 1-RM, ± 6,41), die niedrigsten bei der Übung „Kurzhantel-Armbeugen“ (Mittelw. 52,13 % 1-RM, ± 6,24) erzielt. Die Probanden der Stichprobe V3 trainierten während der Interventionsphase durchschnittlich mit 54,65 % des 1-RM (± 6,52). Wie bei den beiden anderen Stichproben zeigte sich auch hier das gleiche übungsspezifische Bild. Die höchsten relativen Trainingsintensitäten wurden bei der Übung „Beinpresse horizontal“ (Mittelw. 57,56 %, ± 5,17), die niedrigsten bei der Übung „Kurzhantel-Armbeugen“ (Mittelw. 52,98 %, ± 6,32) erzielt. Auf den ersten Blick erscheinen die Trainingsintensitäten der Versuchsgruppen relativ homogen. Auch bei einer übungsspezifischen Betrachtung unterscheiden sich die Versuchsgruppen kaum. Unterschiede zeigen sich jedoch bei einer Betrachtung der in den Versuchsgruppen vollzogenen progressiven Intensitätssteigerungen über die Dauer der Interventionsphase. Um die Progression der Trainingsintensitäten über die sechs Wochen Interventionsdauer beurteilen zu können, wurden die Trainingsintensitäten in Woche 1-2, in Woche 3-4 sowie in Woche 5-6 auf Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen analysiert (vgl. Kapitel 6). Hier konnte Folgendes beobachtet werden: Trainingsintensität Woche 1-2: Bei allen Übungen wurden in den ersten beiden Trainingswochen mit dem Ansatz der ILB-Methode (V1) signifikant bis hoch signifikant geringere Trainingsintensitäten realisiert. Die Varianzaufklärung ergab geringe bis mittlere Effektstärken. Keine signifikanten Unterschiede zeigten sich zwischen den beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden (V2, V3). Trainingsintensität Woche 3-4: Bei dem überwiegenden Anteil der Übungen (Ausnahme „Kurzhantel-Armbeugen“) wurden in Woche drei und vier mit dem Ansatz der ILB-Methode tendenziell höhere Trainingsintensitäten realisiert. Die Ergebnisse waren jedoch nicht durchgehend signifikant. Die Varianzaufklärung ergab bei signifikanten Unterschieden nur geringe Effektstärken, so dass die Unterschiede bei den realisierten Trainingsintensitäten im mittleren Block der Interventionsdauer für die Praxis als unbedeutend eingestuft werden können. Auch für diese Zeitspanne konnten keine signifikan- 247 ten Unterschiede zwischen den beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden beobachtet werden. Trainingsintensität Woche 5-6: Bei allen Übungen wurden in den letzten beiden Trainingswochen mit dem Ansatz der ILB-Methode signifikant höhere Trainingsintensitäten realisiert. Die Varianzaufklärung ergab mittlere bis hohe Effektstärken. Auch in den letzen beiden Trainingswochen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden. Die festgestellten Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen hinsichtlich der progressiven Intensitätssteigerungen lassen sich wie folgt erklären: Der Ansatz der ILB-Methode (V1) sieht eine progressive Steigerung der Trainingsintensitäten methodisch vor. Via Lastvorgaben wurden die Intensitätssteigerungen in der Trainingsplanung umgesetzt (vgl. Kapitel 5.3.3.2). Bei den beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden (V2, V3) oblag die progressive Steigerung der Intensitäten den Probanden; hier existierten keine deduktiv hergeleiteten Vorgaben (vgl. Kapitel 5.3.3.3 sowie Kapitel 5.3.3.4). Bei beiden beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden wurden über die sechswöchige Interventionsdauer nur geringfügige Steigerungen der Trainingsintensitäten vollzogen, während bei dem deduktiven Ansatz der ILB-Methode über die Lastvorgaben konsequent alle zwei Wochen eine Intensitätssteigerung erfolgte. Speziell in den beiden letzten Trainingswochen zeigt sich dieser Aspekt am deutlichsten. Die überaus niedrigen realisierten Trainingsintensitäten bei den untersuchten beanspruchungsorientierten Trainingsmethoden bestätigen unter anderem die Ergebnisse von Focht (2007, S. 184), Glass und Stanton (2004, S. 326) oder Ratamess et al. (2008, S. 105), die vergleichbar niedrige Intensitäten bei intuitiver Lastwahl feststellen konnten. Bei einer übungsspezifischen Betrachtung zeigt sich, dass sich die festgestellten Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen hinsichtlich der realisierten Trainingsintensitäten bei Krafttrainingsübungen mit einer Beanspruchung großer Muskelgruppen am deutlichsten offenbaren. Bei den Krafttrainingsübungen mit einer Beanspruchung kleiner Muskelgruppen („Kurzhantel-Seitheben“, „Armstrecken am Seilzug“, „Kurzhantel-Armbeugen“) ist dieser Unterschied weniger ausgeprägt. Dies kann darin begründet sein, dass es sich bei diesen Übungen für kleine Muskelgruppen in der Praxis als schwierig erwiesen hat, die nach dem Ansatz der ILB-Methode geforderte progressive Intensitätssteigerung umzusetzen. Trotz fein dosierbarer Gewichtsabstufungen (vgl. Kapitel 5.3.2) konnten bei diesen Übungen die aus dem 10-RM-Test berechneten Trainingsintensitäten respektive der Laststeigerungen praktisch nicht 248 durchgehend umgesetzt werden. Die errechneten theoretischen Trainingslasten mussten pragmatisch auf- oder abgerundet werden. Aufgrund der nur geringen absoluten Testlasten konnten auch nur gering ausgeprägte Lastabstufen berechnet werden, die in einigen Fällen pragmatisch nicht in Form einer Laststeigerung umgesetzt werden konnten. Daher sind insgesamt die Daten sowie die Ergebnisse der oben genannten Krafttrainingsübungen mit einer Beteiligung kleiner Muskelgruppen eher vorsichtig zu interpretieren. Die hier beschriebenen Umsetzungsschwierigkeiten zeigten sich bei den Krafttrainingsübungen mit einer Beanspruchung großer Muskelgruppen aufgrund der besser realisierbaren Lastabstufungen nicht. Die insgesamt mit dem Ansatz der ILB-Methode realisierten höheren Trainingsintensitäten (speziell in den letzten beiden Trainingswochen) können als ursächlich für die zumindest tendenziell höheren relativen Kraftsteigerungen durch ein Training nach diesem trainingsmethodischen Ansatz angesehen werden. Es darf angenommen werden, dass dieser Effekt stärker und somit auch bedeutender für die Trainingspraxis ausgeprägt wäre, wenn bereits in den ersten beiden Trainingswochen höhere Lasten mit dem ILB-Schema realisiert werden könnten. Die deutlich zu niedrigen Trainingsintensitäten in den ersten beiden Trainingswochen zeigen eine Schwachstelle am methodischen Ansatz bzw. einen Optimierungsbedarf bei der ILB-Methode. Als zentrales Ergebnis des Versuchsgruppen- bzw. Methodenvergleichs in der vorliegenden Untersuchung kann festgehalten werden, dass für den fitness- und gesundheitsorientierten Breiten- und Freizeitsportler die Wahl der Krafttrainingsmethode (zumindest im Hinblick auf gängige Fitness-Krafttrainingsmethoden) offensichtlich zweitrangig ist und die adäquate Steuerung der Trainingsintensität sowie die Progression der Trainingsintensität bedeutendere Einflussgrößen darstellen. Wie schon von Kemmler et al. (2005, S. 169) festgestellt, scheinen in diesem Kontext Trainingsmethoden mit Lastvorgabe Vorteile gegenüber beanspruchungsorientierten Methoden zu haben. 7.3.2 Vergleich der Leistungsstufen Der Vergleich der Leistungsstufen hinsichtlich der erzielten relativen Kraftzuwächse zeigte bei allen Übungen in der überwiegenden Anzahl der Fälle hoch signifikante Unterschiede. Die Varianzaufklärung ergab in den meisten Fällen mittlere bis hohe Effektstärken. Wie zu erwarten war, konnten bei den meisten Übungen sowie bei nahezu allen Variablen bei der Leistungsstufe „Beginner“ die höchsten und bei der Leistungsstufe „Leistungstrainierende“ die niedrigsten relativen 249 Kraftsteigerungen beobachtet werden. Im Einzelvergleich zeigten sich bei diesen Leistungsstufen auch die größten Unterschiede hinsichtlich der Trainingseffekte. Die geringsten (und in der überwiegenden Anzahl der Fälle auch nicht signifikanten) Effektunterschiede konnten zwischen den Leistungsstufen „Geübte“ und „Fortgeschrittene“ festgestellt werden. Bei einigen Übungen („Beinpresse horizontal“, „Brustpresse horizontal“, „Butterfly“ sowie „Armstrecken am Seilzug“) zeigte sich sogar ein konträres Bild: Bei diesen Übungen konnte die Leistungsstufe „Fortgeschrittene“, trotz höheren Trainingsalters, im Vergleich zur Leistungsstufe „Geübte“ sogar tendenziell (jedoch nicht signifikant) höhere relative Kraftsteigerungen erzielen. Bei den Krafttrainingsübungen mit Beanspruchung großer Muskelgruppen sticht die Leistungsstufe „Leistungstrainierende“ hervor. Die „Leistungstrainierenden“ erzielen im Vergleich zu den anderen Leistungsstufen bei diesen Übungen deutlich geringere relative Kraftsteigerungen. Aufgrund des diametralen Verhältnisses zwischen Trainingsalter und Adaptationspotenzial ist diese Beobachtung nachvollziehbar. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Krafttrainingsübungen mit Beanspruchung kleiner Muskelgruppen („Kurzhantel-Seitheben“, „Armstrecken am Seilzug“, „Kurzhantel-Armbeugen“). Hier sticht die Leistungsstufe „Beginner“ hervor. Diese erzielen im Vergleich zu den anderen Leistungsstufen bei den oben genannten Übungen deutlich höhere relative Kraftzuwächse. Diese Beobachtung war a priori nicht zu erwarten. Gerade bei den koordinativ anspruchsvolleren Krafttrainingsübungen mit Beteiligung mehrerer Freiheitsgrade wäre eine deutlichere Abgrenzung der Leistungsstufe „Beginner“ zu erwarten gewesen. Diese Beobachtung kann dadurch erklärt werden, dass in der Praxis des Fitness- Krafttrainings gerade bei Trainingseinsteigern verstärkt mehrgelenkige Krafttrainingsübungen in die Trainingsplanung integriert werden, da diese im Hinblick auf eine Verbesserung der Alltagsbelastbarkeit als funktioneller eingestuft werden können. Eingelenkige Übungen, wie die oben genannten, werden in der Trainingsplanung mit krafttrainingsunerfahrenen Personen eher weniger berücksichtigt. Es darf daher angenommen werden, dass die „Beginner“ mit den eingelenkigen Übungen vor der Untersuchung weniger Erfahrungen sammeln konnten und somit der Trainingseffekt, bedingt durch primär koordinative Anpassungen, höher ausfällt. Diese These ist mit den vorliegenden Daten empirisch jedoch nicht eindeutig belegbar. Wie bereits dargestellt wurde, sollten die Untersuchungsergebnisse bei den eingelenkigen Übungen eher vorsichtig interpretiert werden. Bei einer Betrachtung der realisierten Trainingsintensitäten hinsichtlich Unterschiede zwischen den Leistungsstufen zeigten sich durchgehend hoch signifikante Unterschiede. Die Varianzaufklärung ergab zudem 250 durchgehend hohe Effektstärken. Wie zu erwarten war, zeigte sich ein zu den erzielten Trainingseffekten diametrales Bild. Bei allen Übungen sowie bei allen Variablen wurden bei der Leistungsstufe „Beginner“ die niedrigsten, bei der Leistungsstufe „Leistungstrainierende“ die höchsten Trainingsintensitäten registriert. Auch die Einzelvergleiche zeigen bei diesen Leistungsstufen stets die größten Unterschiede. Wie schon bei der Betrachtung der relativen Kraftsteigerungen zeigten sich die geringsten Unterschiede hinsichtlich realisierter Trainingsintensitäten zwischen den Leistungsstufen „Geübte“ und „Fortgeschrittene“. Aus dieser Beobachtung lassen sich die bereits beschriebenen geringen Unterschiede zwischen diesen beiden Leistungsstufen bei den relativen Kraftsteigerungen erklären. Zusammenfassend bestätigen die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung den Einfluss des Trainingsalters auf krafttrainingsinduzierte Adaptationen (Fröhlich, 2010, S. 39; Fröhlich et al., 2012, S. 17; Rhea et al., 2003, S. 458; Wolfe et al., 2004, S. 43). Die Ausdifferenzierung des Trainingsalters in vier Leistungsstufen konnte sich in der vorliegenden Untersuchung nicht bewähren. Aufgrund der nur geringen Unterschiede hinsichtlich Trainingseffekt und realisierter Trainingsintensität zwischen den Leistungsstufen „Geübte“ und „Fortgeschrittene“ wäre es für die Trainingspraxis als praktikabler zu erachten, diese beiden Leistungsstufen zusammenzufassen. Als zentrales Ergebnis des Leistungsstufenvergleichs in der vorliegenden Untersuchung kann festgehalten werden, dass die Ergebnisse einen Beleg für das Quantitätsgesetz des Trainings (Hohmann, Lames & Letzelter, 2002, S. 153) sowie für gängige Theorien zur Erklärung von Anpassungsprozessen darstellen (z. B. Modell der Anpassungsreserve nach Martin et al, 1993, S. 96; Funktionsmodell von Anpassungskapazität und Grenzertrag nach Fröhlich, 2012, S. 102). 7.3.3 Vergleich der Geschlechter Der Vergleich der Geschlechter hinsichtlich der erzielten relativen Kraftzuwächse zeigte bei dem überwiegenden Anteil der Übungen und Variablen signifikante Unterschiede. Die Varianzaufklärung ergab in diesen Fällen mittlere bis hohe Effektstärken. Bei allen Übungen und allen Variablen konnten Frauen höhere relative Kraftsteigerungen erzielen. In den wenigen Fällen nicht signifikanter Unterschiede (z. B. bei den Übungen „Kurzhantel-Seitheben“ und „Kurzhantel-Armbeugen“) zeigten sich bei den Frauen zumindest tendenziell höhere relative Kraftsteigerungen. Die vorliegende Untersuchung bestätigt somit die Untersuchungsergebnisse von z. B. Buford et al. (2007, S. 1248), Herrick & Stone (1996, S. 75), Lem- 251 mer et al. (2007, S. 733-735) sowie Thomas et al. (2007, S. 338-339), die allesamt beobachten konnten, dass Frauen deutlich stärker von einem Krafttraining profitieren als Männer. Der Vergleich der realisierten Trainingsintensitäten zeigte hingegen keine praxisrelevanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Nur bei wenigen Variablen konnte ein signifikanter Unterschied festgestellt werden. Im seltenen Falle signifikanter Daten ergab die Varianzaufklärung durchgehend nur geringe Effektstärken. Zudem zeigte sich keine Tendenz zu höheren Trainingsintensitäten bei einem Geschlecht. Die realisierten Trainingsintensitäten können somit nicht als Erklärungsansatz für die höheren relativen Kraftsteigerungen der Frauen herangezogen werden. Als zentrales Ergebnis des Geschlechtervergleichs in der vorliegenden Untersuchung kann festgehalten werden, dass Frauen stärker von einem fitness- und gesundheitsorientierten Krafttraining profitieren als Männer. Ungeklärt bleibt jedoch die Ursache für diese Beobachtung. Die realisierten Trainingsintensitäten liefern keinen Erklärungsansatz für die höheren Trainingseffekte bei den Frauen. Die festgestellten geschlechterspezifischen Unterschiede liegen sehr wahrscheinlich in dem geringeren Ausgangsniveau der Frauen sowie in der Selektivität der Stichprobe begründet (Fröhlich et al., 2012, S. 17; Fröhlich et al., 2009, S. 311). 7.4 Kritische Reflexion der Untersuchungsergebnisse In Kapitel 5.4 wurden bereits die methodische Vorgehensweise bei der Untersuchung sowie die verwendeten Messverfahren einer kritischen Betrachtung unterzogen. Im Kontext der Diskussion sollen die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit einer abschließenden kritischen Reflexion unterzogen werden. Die vorliegende Untersuchung verfolgte das Ziel, die Effekte verschiedener Ansätze zur Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining zu überprüfen. Die Krafttrainingseffekte wurden ausschließlich über Messungen der Kraftfähigkeit quantifiziert. Dies bedarf einer kritischen Diskussion. Aus physikalischer Sicht ist Kraft [F] das Produkt aus Masse [m] und Beschleunigung [a]. In der Trainingswissenschaft wird die Kraft hinsichtlich ihrer Erscheinungsformen bei sportlichen Bewegungsaufgaben traditionell in verschiedene Dimensionen differenziert: Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer (Bührle, 1985, S. 82). Im Gegensatz zur physikalischen Größe ist die Kraft als motorische Fähigkeit somit ein theoretisches Konstrukt (Stapelfeldt, 2001, S. 22). Dementsprechend muss kritisch angemerkt werden, dass auch sportmotorische 252 Krafttests lediglich eindimensionale Testkonstruktionen darstellen. Gemessen wird eine biomechanische Größe: die maximal mögliche Last (Kraftmaximum) für eine definierte Wiederholungszahl (1-RM oder X- RM). Sportliche Leistungen respektive Kraftleistungen stellen jedoch komplexe und mehrdimensionale Parameter dar. Um von einem sportmotorischen Krafttestergebnis auf eine Ausprägung der Fähigkeit Kraft schließen zu können, müssten sich die erhobenen Messwerte eindeutig einzelnen morphologischen oder neuromuskulären Parametern zuordnen lassen. Hier stellt sich die Frage, inwieweit sportmotorische Krafttests dieser Forderung gerecht werden, da die Testergebnisse durch konditionelle, durch koordinative sowie durch motivationale und volitive Einflussfaktoren determiniert werden. So bleibt z. B. im Kontext der Messung der konzentrischen Maximalkraft auch bei konsequenter Teststandardisierung stets offen, ob das im Test erhobene Kraftmaximum (1-RM) auch tatsächlich die konzentrische Maximalkraft repräsentiert. Aussagen zu Krafttrainingseffekten, die ausschließlich über sportmotorische Messungen der Kraftfähigkeit (als Konstrukt) und ohne Berücksichtigung weiterer objektiver Testvariablen operationalisiert wurden, sollten dementsprechend vorsichtig und zurückhaltend interpretiert werden. Dieser Kritikpunkt ist dem Autor der vorliegenden Arbeit durchaus bewusst. Wohlwissend dieser methodologischen Schwächen, wurden aufgrund eingeschränkter messtechnischer Ressourcen (bedingt durch das Feldtestdesign) sowie aus Gründen der Praktikabilität und guten Standardisierbarkeit sportmotorischer Krafttests (Stemper, 1994, S. 216) dennoch die in Kapitel 5.2 vorgestellten Testverfahren zur Quantifizierung der Krafttrainingseffekte ausgewählt. Die Interpretation der Ergebnisse erfolgte jedoch stets unter Wahrung einer skeptischen und konservativen Grundhaltung gegenüber den erhobenen Daten. Alle Probanden trainierten während der Interventionsdauer versuchsgruppenunabhängig mit einem Belastungsgefüge, welches einem hypertrophieorientierten Krafttraining entspricht. Als Outcome- Parameter wurden die Veränderungen der Kraftleistung definiert. Eine Steigerung der motorischen Fähigkeit Kraft stellt für den durchschnittlichen Breiten- und Freizeitsportler in der Regel lediglich Mittel zum Zweck und kein originäres Trainingsziel dar. Nach Wirth (2007, S. 5) betreiben die meisten Besucher eines Fitness-Studios ein Krafttraining primär aus präventiven oder ästhetischen Gesichtspunkten. Zimmermann (2002, S. 30) sieht die globale Zielstellung des primärpräventiven Krafttrainings in der Förderung bzw. Festigung von Gesundheit, Wohlbefinden und allgemeiner psychophysischer Leistungsfähigkeit, der Vermeidung von Krankheiten, die aus dem Risikofaktor Bewegungsmangel resultieren sowie der Verzögerung der gesundheitsbeeinträchtigenden Auswirkungen des Alterungsprozesses. Eine Messung struktu- 253 reller Anpassungen der Skelettmuskulatur sowie der daraus resultierenden präventiven Effekte konnte in der vorliegenden Untersuchung aufgrund eingeschränkter messtechnischer Ressourcen jedoch nicht erfolgen. Ob die erzielten Kraftsteigerungen aus koordinativen Lern- bzw. Gewöhnungseffekten oder aus strukturellen Anpassungen der Skelettmuskulatur resultieren, kann letztendlich nicht eindeutig geklärt werden. Nach Grosser und Neumaier (1988, S. 77) lassen Kraftsteigerungen, die über sportmotorische Tests gemessen wurden, keinen validen Rückschluss auf Hypertrophieprozesse zu, da der Faktor „Koordination“ die Resultate aus sportmotorischen Krafttests stets beeinflusst. Neben strukturellen Anpassungen im Sinne von Hypertrophieeffekten kann auch eine Verbesserung der intra- und intermuskulären Koordination zu Kraftsteigerungen führen (Moritani, 1994, S. 267-268). Auch nach Toigo (2006a, S. 102) ist ein Kraftzuwachs zunächst nur ein funktioneller Effekt und nicht zwangsläufig das Resultat einer Muskelmassezunahme. Des Weiteren muss in Frage gestellt werden, ob eine Interventionsdauer von sechs Wochen überhaupt ausreicht, um Hypertrophieprozesse an der Skelettmuskulatur auszulösen. Pollock et al. (1998, S. 116) konnten mithilfe bildgebender Verfahren signifikante Muskelvolumenzuwächse erst nach 13 Wochen Interventionsdauer feststellen. Weiss, Coney und Clark (2000, S. 147) konnten hingegen mit verschiedenen Krafttrainingsprogrammen (differenzierte Wiederholungszahlbereiche) bereits nach sieben Wochen Krafttrainingsintervention signifikante strukturelle Anpassungen an der Arbeitsmuskulatur feststellen, betonen aber gleichzeitig die Schwierigkeiten einer validen Messung von Hypertrophieprozessen. Zu vergleichbaren Ergebnissen kamen Young und Bilby (1993, S. 175), die signifikante Hypertrophieprozesse mit einem Krafttrainingsprogramm über 7,5 Wochen Dauer feststellen konnten. Abe et al. (2000, S. 177-178) konnten signifikante Hypertrophieprozesse in der Arbeitsmuskulatur bereits nach sechs Wochen Krafttraining registrieren. Vergleichbare Entwicklungen der Muskeldicke konnte Greiwing (2006, S. 214) beobachten. In Anbetracht der kritischen Diskussion hinsichtlich struktureller und koordinativer Anpassungen als Ursache für die Kraftsteigerungen könnten die über Follow-up-Tests registrierten zeitlich verzögerten Kraftsteigerungen als Indiz für eine mangelnde Reliabilität der Messinstrumente ausgelegt werden. In Kapitel 5.4.1 der vorliegenden Arbeit wurde im Kontext der kritischen Diskussion zur angewandten Methodik dargestellt, dass die Reliabilität der Testinstrumente einen entscheidenden Einfluss auf eine Minimierung der Fehlervarianz bei einer Untersuchung hat. Zur Überprüfung der Test-Retest-Reliabilität wurden daher Korrela- 254 tionskoeffizienten berechnet, um Zusammenhänge zwischen den Testzeitpunkten t0 und t1 (20-RM, 10-RM, 1-RM), sowie t0 und t4 (1-RM) festzustellen. Dabei konnten bei allen abhängigen Variablen übungsunabhängig Korrelationskoeffizienten > 0,9 berechnet werden. Nach Willimczik (1999, S. 75) besteht bei r > 0,7 und < 1,0 ein hoher Zusammenhang zwischen den Variablen. Bei der vorliegenden Untersuchung liegen somit, trotz Feldtestdesign, keine Indizien für eine mangelnde Test-Retest-Reliabilität vor. Aus den ermittelten hohen Zusammenhängen zwischen den abhängigen Variablen darf allerdings nicht auf strukturelle Anpassungen, als primäre Ursache für die registrierten Kraftsteigerungen, geschlossen werden. Unter Berücksichtigung der nur geringen Effektstärken bei der Analyse der Kraftsteigerungen zwischen den Testzeitpunkten sowie der deutlich submaximalen Intensitäten muss davon ausgegangen werden, dass die gemessenen Kraftsteigerungen primär aus koordinativen und nur minimal aus strukturellen Adaptationen resultieren. Es ist zudem anzunehmen, dass die getestete Probandenklientel als Breiten- und Freizeitsportler vor der Untersuchung nur wenig bis gar keine Erfahrung mit ausbelastenden Krafttrainingsreizen vorweisen konnte. Auf Grund eingeschränkter messtechnischer Ressourcen verfolgte die vorliegende Untersuchung aber auch nicht das Ziel, strukturelle Veränderungen der Skelettmuskulatur zu messen. Das Ziel bestand in der Untersuchung von Veränderungen der Kraftleistung, unabhängig davon, aus welchen Faktoren diese resultieren. Wie bereits in Kapitel 5.4.1 dargestellt wurde, besteht speziell bei Feldtestexperimenten die Gefahr einer statistischen Regression (Regression zur Mitte bzw. Regression-to-the-Mean-Phänomen), d. h. Probanden mit sehr hohen oder tiefen Pre-Test-Werten (bedingt durch intraindividuelle Schwankungen oder Messungenauigkeiten) nähern sich in Post- und Follow-up-Tests der statistischen Mitte an (Kleist, 2006, S. 1024). Die statistische Variabilität der Folgemessungen kann dann fälschlicherweise als Treatmenteffekt interpretiert werden. Auch wenn die Probanden in der vorliegenden Untersuchung hinsichtlich Trainingsalter und Geschlecht geschichtet wurden, konnten diese Effekte a priori nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Die berechneten Korrelationskoeffizienten zwischen Pre-, Post- und Follow-up-Test-Ergebnissen ergaben jedoch übungs- und stichprobenunabhängig hohe positive Zusammenhänge. Probanden, die im Vergleich zum Stichprobenmittelwert auffallend hohe oder niedrige Pre-Test-Ergebnisse erzielten, reproduzierten diese auffallend hohen bzw. niedrigen Ergebnisse in den Post- und Follow-up-Tests. Die statistische Variabilität der Post- und Follow-up-Tests kann somit auf den Einfluss des Treatments bzw. der unabhängigen Variable zu- 255 rückgeführt werden. Für das Vorliegen einer statistischen Regression liegen keine Indizien vor. Was bei der vorliegenden Untersuchung grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden kann, sind Selektionseffekte durch die freiwillige Teilnahme an der Studie (Bortz & Döring, 2006, S. 503) sowie Hawthorne- Effekte im Sinne von Verhaltensänderungen (konsequentere Wahrnehmung der Trainingseinheiten, höherer subjektiver Anstrengungsgrad in den Tests sowie im Training etc.), welche durch das Bewusstsein entstehen, als Proband Teil einer wissenschaftlichen Untersuchung zu sein (Bortz & Döring, 2006, S. 504). Da in der vorliegenden Untersuchung kein klassisches Experimental-Kontrollgruppen-Design zur Anwendung kam, sondern alle Versuchsgruppen standardisierte Treatments absolvierten, können Selektionseffekte oder Hawthorne-Effekte zwar nicht ausgeschlossen, durch die Auftretenswahrscheinlichkeit in allen Versuchsgruppen aber zumindest konstant gehalten werden (Macefield, 2007, S. 152). Diese These wird nach Macefield (2007, S. 152) auch dadurch gestützt, dass durchgehend keine signifikanten Unterschiede bei den Post- und Follow-up-Testergebnissen zwischen Experimental- und Kontrollgruppen festgestellt werden konnten.

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References

Zusammenfassung

Die Trainingsintensität gilt als zentrales Belastungsnormativ im Krafttraining. Die meisten Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen zur Intensitätssteuerung im Krafttraining stammen jedoch originär aus dem leistungsorientierten Sport oder aus Laboruntersuchungen mit leistungshomogenen Probandengruppen. Bis dato liegen kaum empirisch gesicherte Daten zur Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining vor.

Im Rahmen einer prospektiven Interventionsstudie untersuchte Christoph Eifler die Effekte dreier unterschiedlicher trainingsmethodischer Ansätze zur Intensitätssteuerung im fitnessorientierten Krafttraining. Die Datenerhebung fand als Feldtest unter den realen Rahmenbedingungen des Settings „Fitness-Studio“ statt. Insgesamt konnten die Daten von 601 Probanden ausgewertet werden, welche die typische leistungsheterogene Klientel in kommerziellen Fitness-Anlagen repräsentieren.

Die Ergebnisse der Untersuchung liefern Fitnesstrainerinnen und Fitnesstrainern wertvolle Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen zur Optimierung des Krafttrainings ihrer Kunden.