Content

Teil III Das Klosterleben Reichklaras in:

Sigrun Müller

Reichklara und Armklara, page 81 - 198

Zwei Mainzer Klarissenklöster in der Zeit der katholischen Reform bis zur Mainzer Aufklärung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3900-7, ISBN online: 978-3-8288-6644-7, https://doi.org/10.5771/9783828866447-81

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
81 Teil III Das Klosterleben Reichklaras 1 Die ersten Jahrhunderte Etwa im Jahr 1230 zogen Klarissen aus Assisi Richtung Prag.242 Einige von ihnen blieben in Ulm, um in der neugeschaffenen rheinischen Provinz (Rheni), zu welcher auch Mainz zählte und die 1239 in die Provinzen Köln und Straßburg geteilt wurde, neue Klöster zu gründen. Die historische Überlieferung Reichklaras, die in den Salbüchern fragmentarisch aufgezeichnet ist, setzt mit dem Gründungsvorgang und dem Baubeginn des St.- Klara-Klosters am Allerheiligentag 1272 auf dem Flachsmarkt in Mainz ein.243 Wagner verweist auf eine nach seinen 242 Der Bau des Prager Klarissenklosters wurde 1236 fertiggestellt: Wauer, Entstehung und Ausbreitung 112. 243 StadtA Mainz: 13/336. Salbuch I wurde 1668 begonnen, die geschichtlichen Ereignisse sind demnach retrospektiv dargestellt. Das Erstellen einer Klosterchronik diente dem Selbstverständnis des Konventes und wurde bereits während der Reformbewegung des 15. Jahrhunderts teils aus didaktischen und identitätsstiftenden Gründen, teils aus einem Traditionsbewusstsein heraus gefordert. Die Chronik als ein Akt der memoria sollte dem Kloster und seinen Bewohnern Würde und Rechtfertigung durch den oftmals idealisierten Verweis auf seine lange und ereignisreiche Geschichte sowie auf die zahlreichen Generationen verdienter und beispielhafter Vorsteherinnen verleihen: Charlotte Woodford, Nuns as Historians in Early Modern Germany, Oxford 2002, 36. Eine weitere Intention bestand darin, das religiöse Vertrauen der Konventsmitglieder in Krisenzeiten zu stärken: Woodford, Writing 260. Edeltraud Klueting nennt als wichtige Motive für die Aufzeichnung der Klostergeschichte die Verehrung verstorbener Nonnen, die sich durch vorbildhaftes Verhalten ausgezeichnet hatten, die Erinnerung an Pröpste und Beichtväter sowie das Gedenken an frühere Äbtissinnen: Edeltraud Klueting, Fromme Frauen als Chronistinnen und Historikerinnen, in: Harm Klueting u. a. (Hrg.), Fromme Frauen als gelehrte Frauen. Bildung, Wissenschaft und Kunst im weiblichen Religiosentum des Mittelalters und der Neuzeit (Schriften der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek 82 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Angaben nicht sehr zuverlässige handschriftliche Nachricht, wonach zwei adlige Schwestern aus Pfullingen die Klostergründung initiiert hätten.244 1274 erteilte Konrad II., Erzbischof von Magdeburg, all jenen einen Ablass, die zur Etablierung dieses neuen Mainzer Frauenkonventes beitrugen.245 Eine Äbtissin wird erstmals in einer Urkunde vom 23. November 1278 erwähnt: Die Vorsteherin namens Bertha bestätigte ein Dokument, in dem Elisabeth, eine Begine, das neugegründete Klarissenkloster zum Erben einiger ihrer Güter einsetzte.246 1279 schenkte der spätere König und Gründer des Klosters Klarenthal bei Wiesbaden, Adolf von Nassau (1250 – 1298), dem Konvent einen Weinberg.247 Am 23. April 1282 vermachte das Ehepaar zum Widder, um ihm eine ausreichende materielle Basis zu verschaffen, dem Kloster folgende Güter: Weiterstadt, Astheim, Bubenheim, Flörsheim, Nierstein, Nackenheim, Zornheim, Spießheim, Odernheim, Partenheim und Algesheim.248 Über diese Orte besaß das Closter das Gericht und oberherrlichkeit,249 die zur rheinischen Kirchen- und Landesgeschichte sowie zur Buch- und Bibliotheksgeschichte 37), Köln 2010, 220. Das Konzil von Trient griff diese Aspekte wieder auf und verwies auf die Bedeutung der Historiographie für das Selbstverständnis der Orden und der einzelnen Klöster: Wolfgang Seibrich, Gegenreformation als Restauration. Die restaurativen Bemühungen der alten Orden im Deutschen Reich von 1580 bis 1648, Münster 1991, 17. 244 Wagner, Stifte 213. 245 Wauer, Entstehung und Ausbreitung 119. 246 StadtA Mainz: U/1278 November 23. Es ist eines der Dokumente, die eine Verbindung Reichklaras zu den Mainzer Beginen belegen. Sie dauerte mindestens bis in die ersten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts: Elisabeth hinterließ dem Konvent den dritten Teil eines Hofes, die Hälfte von drei Häusern, eine Metzgerei und ein weiteres Haus. Eine 1314 ausgestellte Urkunde besagt, dass die Begine Lughardis von Waldertheim Reichklara ihren gesamten Besitz hinterließ: StadtA Mainz: U/1314 Dezember 28. 247 Einige nahe Verwandte Adolfs von Nassau lebten zunächst als Nonnen in Reichklara. Später wurden sie zu Gründungsschwestern des Klosters Klarenthal: Hermann Langkabel, Das Kloster Klarenthal als nassauisches Hauskloster im Mittelalter, in: NassAnn 93 (1982) 19. Die Verbindung Reichklaras mit Klarenthal blieb offenbar über Jahrhunderte bestehen, da mehrere Schwestern von Klarenthal nach Reichklara kamen, zuletzt 1593 die Laienschwester Elisabeth. 248 StadtA Mainz: U/1285 April 22. 249 StadtA Mainz: 13/336, 4. 1 Die ersten Jahrhunderte 83 von einem Vogt ausgeübt wurden. Teilweise hatte es die große gerechtigkeit inne, bei der ein Schultheiß Recht sprach.250 Der Mainzer Patrizier Petermann zum Jungen und seine Ehefrau fügten der Stiftung zwei Benefizien als Kapitalgrundlage für den täglichen Gottesdienst hinzu.251 Adolf von Nassau gewährte Reichklara für einen großen Teil dieser Güter Abgabenfreiheit.252 Papst Clemens IV. (1265 – 1268) hatte bereits in einer Bulle vom 20.  November 1265 die Klöster des Klarissenordens von allen Abgaben an den päpstlichen Stuhl befreit.253 1290 erwarb die Äbtissin Reichklaras von Gottfried von Eppstein den Mönchhof bei Raunheim.254 1315 erhielt der Konvent einen Morgen Acker bei Eddersheim,255 1318 einen Teil der Vogtei des Dorfes Drais.256 Später kamen Ländereien in Frankfurt, Weilbach,257 Ober- und Niederolm,258 Niedererlenbach und Hochheim hinzu.259 Eine Bulle des Papstes Nicolaus IV. (1288 – 1292) erlaubte den Mainzer Klarissen, von den Konventualinnen eingebrachte Erbschaften anzutreten.260 Diese Privilegien wurden durch Klemens V. (1305 – 1314) und 1306 durch Martin V. (1417 – 1431) bestätigt. Sie stellten das Kloster unter den päpstlichen Schutz.261 Auch König Adolf hatte ihm 1294 einen Schutzbrief ausgestellt, den Heinrich VII. (1308 – 1313) im Jahr 1309262 und nochmals 1314 Ludwig der Bayer (ab 1314 König, 1328 – 1347 250 StadtA Mainz: 13/336, 5. 251 Franz Werner, Der Dom von Mainz und seine Denkmäler nebst Darstellung der Schicksale der Stadt und der Geschichte ihrer Erzbischöfe, Mainz 1836, 235. 252 Wagner, Stifte 215. 253 StadtA Mainz: U/1265 November 20. Päpstliche Privilegien für Frauenkonvente dienten vor allem der wirtschaftlichen Existenzsicherung: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 97. 254 Wagner, Stifte 215. 255 Joannis, De sororum D. Clarae vulgo der Reichen Clarissen 874. 256 Wagner, Stifte 216. 257 StadtA Mainz: 13/336, 26. 258 StadtA Mainz: 13/336, 31 und 42. 259 StadtA Mainz: 13/336, 39. 260 Baur, Hessische Urkunden, Bd. V, 132. 261 StadtA Mainz: U/1418 Februar 17. 262 StadtA Mainz: U/1309 März 4. 84 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Kaiser) bestätigten.263 1384 erneuerte König Wenzel (1361 – 1419) alle zuvor erteilten Privilegien,264 die nach ihm 1495 Maximilian I., 1532 Karl V.,265 1677 Leopold I., 1730 Karl VI., 1748 Franz I. und 1767 Joseph II.266 bestätigten. Papst Julius II. (1503 – 1513) stellte 1507 und 1513 Reichklara unter den Schutz des Dekans der Mainzer Kirche St. Peter.267 Diese Förderung des Konventes durch Adel und Patriziat während der ersten Jahrhunderte seines Bestehens korrespondiert mit dem hohen Anteil der Nonnen, die aus diesen privilegierten Familien stammten. Seit dem 16. Jahrhundert hingegen, nachdem sie politische und wirtschaftliche Einbußen erlitten hatten, waren diese alten Geschlechter kaum noch in Reichklara vertreten. 1469 versuchte der Mainzer Erzbischof Adolf von Nassau (1461 – 1475) im Zuge der Reformbewegung den an der Regel Urbans IV. ausgerichteten Mainzer Klarissenkonvent der franziskanischen Observanz einzugliedern. Die Äbtissin und ihre Untergebenen widersetzten sich dieser Aufforderung ebenso vehement wie erfolgreich,268 obwohl die Observanten in den rheinischen Provinzen seit 1426 eine rührige Propaganda entfaltet hatten.269 Bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts zählte Reichklara zu den exemten Klöstern und unterlag demzufolge nicht der Jurisdiktion durch die Bischöfe. Diese Exemtion wurde spätestens 1586 durch Wolfgang von Dalberg faktisch für nichtig erklärt, indem er das Visitationsrecht gegenüber dem franziskanischen Provinzial vereinnahmte. 263 StadtA Mainz: U/1314 Dezember 24. 264 StadtA Mainz: U/1384 Dezember 17. 265 StadtA Mainz: U/1532 Juni 20. 266 Schrohe, Reichklarakloster 45. 267 StadtA Mainz: U/1507 Mai 14; U/1513 Juni 2. 268 Mainzer Urkunden vom 12.–17. Jahrhundert, in: ZGO 19 (1866) 56. 269 Wauer, Entstehung und Ausbreitung 128. 2 Die Klausur 85 2 Die Klausur Kardinal Hugolin, der spätere Papst Gregor IX. (1222 – 1241), hatte bereits im Zusammenhang mit der Reform der Frauenklöster im Jahr 1218 das erste Regelwerk für die Gemeinschaft um Klara von Assisi entworfen. Es sah eine an das Mönchtum der Benediktiner und Zisterzienser angelehnte äußerst rigide Form der Einschließung vor. Durch die strenge Klausurierung, so argumentierte Hugolin, würden die Klarissen den in der Welt tätigen Geistlichen Exempel und Trost sein.270 Auch innerhalb der Urbanregel nahm die clausura perpetua einen elementaren Stellenwert ein.271 Da jedoch die Verschließung weiblicher Ordensmitglieder während des Spätmittelalters in vielen Klöstern an Bedeutung verlor, setzten sich geistige Erneuerer des Ordenslebens im 14. und 15. Jahrhundert besonders in den Frauenklöstern für die Rückkehr zur strengen Klausur ein. Weitere Reformziele bestanden in der Realisierung des gemeinschaftlichen Konventsalltags und der einheitlichen Vorschriften für die Aufnahmen der Novizinnen. Auch das Ablegen der Gelübde, der Ablauf der Äbtissinnenwahlen und die Frequenz der Beichten sollten standardisiert werden. Das Konzil von Trient hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese während der Observanzbewegung begonnenen Reformen konsequent fortzusetzen.272 Für alle Frauenkonvente, so das Ziel, sollte bei der Rückführung auf die ursprünglichen Ideale des monastischen Lebens vor allem die kompromisslose Einschließung verpflichtend sein.273 Die Konzilsväter forderten die gesamten Bischöfe dazu auf, mit aller Kraft dafür zu sorgen, dass die 270 Roest, Poor Clares 28. 271 Der Beginn des Kapitels XVIII der Urbanregel lautet: Von dem eingang der person in das closter so gepiett wir vestikleich und strenkleich das kein aptassin oder ir swester ymmer kein person lassen dar ein gen in die ynnern sloß des closters, si sei geistleich oder werltleich oder welher wirdikeit si sei. Es enist auch keinigweis nymant mussleich, wanne allein den die das urlaub haben von dem pabst oder von dem cardinal den der swester orden bevolhen ist, zitiert nach: Renate Mattick, Eine Nürnberger Übertragung der Urbanregel für den Orden der hl. Klara, in: FS 3 (1987) 204. 272 Woodford, Nuns 13. 273 Maegraith, Zisterzienserinnenkloster 55. 86 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Klausur der Nonnen gewissenhaft wiederhergestellt oder erhalten bleibt.274 Neben den Gelübden der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams legten die Klarissen bei ihrer Profession ein viertes Gelöbnis ab, das der ewigen Klausur.275 Mobilität, Ausrichtung auf den öffentlichen Raum und damit eine vita activa wurden untersagt, um so, auch im Zusammenhang mit einer im 16. Jahrhundert wieder auflebenden Glorifizierung von Jungfräulichkeit,276 die völlige Konzentration auf die straff regulierte vita contemplativa zu ermöglichen. Pfeifer, Seibrich277 274 OECD, XXV, de regularibus, cap. 5. Papst Pius V. (1566 – 1572) bestätigte und verschärfte 1566 in der circa pastoralis die tridentinischen Dekrete hinsichtlich der Nonnenklausur und verpflichtete auch Terziarinnen zur strengen Klausur. Er betonte, dass die Nonnen lediglich beim Ausbruch eines Feuers und bei Epidemien das Kloster verlassen durften: Zdichynec, Klausur 47; Evangelisti, Nuns 45. In Mainz ging man gegenüber Klöstern, die über Grundbesitz verfügten, mit dieser päpstlichen Klausurvorschrift offensichtlich flexibler um. Einige der Nonnen Reichklaras verließen, um die klostereigenen Güter zu besichtigen, nachweislich die Klausur und wurden dazu vom Erzbischof dispensiert. 275 BF II 509. Gisela Muschiol weist in diesem Zusammenhang auf die Paradoxie hin, dass gerade die Mobilität bei der Entstehung der Bettelorden ein zentrales Element bildete, aber gerade die Reformbewegung in den Bettelorden (…) machte Klausurierung zum Kennzeichen einer gelungenen Reform: Gisela Muschiol, Die Gleichheit und die Differenz. Klösterliche Lebensformen für Frauen im Hoch- und Spätmittelalter, in: Wolfgang Zimmermann u. a., Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart, Ostfildern 2003, 69. Uffmann bestätigt diese Einschätzung: Die Einhaltung der strikten Klausurbestimmungen in Frauengemeinschaften war in allen Orden eine der wesentlichen Reformforderungen und wurde sowohl als Grundvoraussetzung als auch als Indikator für den Erfolg oder Misserfolg der Reformen verstanden: Uffmann, Rosengarten 202. 276 Ulrike Strasser, ‘Aut Murus Aut Maritus? Women’s lives in Counter-Reformation Munich (1571—1651)’, Ph. D. diss., University of Minnesota 1997, 4. 277 Während bei den Männern in ständigem Auf und Ab der Regelstrenge sich strenge und konzessive Positionen ziemlich unversöhnlich gegenüberstanden und sich somit gegenseitig die Grenzen setzten, blieb in den Frauenklöstern vor allem die Klausur und somit ein äußerer Kontrollfaktor das wesentliche Maß für die Regeltreue: Seibrich, Reform 586. Leonhard nimmt zur Erläuterung der rigiden Klausurregeln nach dem Tridentinum die Geschlechterrollen in den Blick: Society’s definition of a woman’s role, its view of female sexuality, and the real 2 Die Klausur 87 und Zwingler bewerten diese Verschärfung der Klausurbedingungen durchaus kritisch als Ausdruck von Sozialdisziplinierung und von Kontrollbedürfnissen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit.278 Zwingler verweist auf ein päpstliches Breve von 1628, in dem die Rigorosität der Vorschriften damit begründet wird, dass der hortus conclusus als ein Ort der Reinheit der verderblichen Freihheit vorzuziehen sei, denn diese sei Sklaverei für die Seele.279 Amy Leonhard sieht in der Gehorsamspflicht der klausurierten Nonnen gegenüber klerikalen und säkularen Autoritäten das Kennzeichen (hallmark) weiblicher und damit einer zu kontrollierenden Religiosität des 16. und des 17. Jahrhunderts.280 2 .1 Kloster- und Klausurbereich Die Klausurbewohnerinnen waren von der profanen Umwelt durch Pforten, Mauern, Scheiben und Gitter getrennt. Es war ihnen nicht gestatten, die Außenwelt zu sehen und durften auch nicht von ihr gesehen werden, denn der permanente Gottesdienst sollte so wenig wie möglich von weltlichen Belangen beeinträchtigt werden. Viele Konvente passten sich dieser Forderung nach dem Tridentinum auch architektonisch an: So war ein Tor neben der Klosterkirche der einzige Zugang zum gesamten Klosterbereich Reichklaras.281 Der Bereich der Klausur war zu den angrenzenden Straßen hin durch eine hohe fear of single women in Protestant and Catholic countries led to an increasing restriction of women’s movements via the attack on active orders and strict enclosure: Amy Leonhard, Nails in the wall. Catholic nuns in Reformation Germany, Chicago 2005, 154. 278 Angelica Hilsebein weist darauf hin, dass sich bereits Papst Gregor IX. in einer Bulle vom 21. Februar 1241 sehr negativ über umherziehende Frauen ge- äußert hatte. Die geistliche Obrigkeit bemühte sich seit dem 13. Jahrhundert um deren Kontrolle und klösterliche Zucht. Hilsebein betont, ähnlich wie Muschiol und Uffmann, dass die „strenge“ Klausur zum bestimmenden Element wurde. Die strikte, d. h. die aktive und passive, Klausur wurde zum Bestandteil der Regel und damit zum Alleinstellungsmerkmal von Frauenklöstern: Hilsebein, Finanzielle Transaktionen 308. 279 Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 222. 280 Leonhard, Nails, 154. 281 Schrohe, Reichklarakloster 48. 88 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Mauer geschützt.282 Vor dem Eingang zum eigentlichen Konvent283 lag der Kreuzgang,284 an die Sprachstube und das Kapitelhaus grenzend.285 In der Sprachstube befand sich das mit einem Eisengitter ausgestattete Sprechfenster (fenestra allocutionis),286 auch als Claffevenster bezeichnet,287 an dem die Schwestern Reichklaras, nachdem bei der Äbtissin die erforderliche Erlaubnis eingeholt worden war, an hierzu festgelegten Scheibentagen288 mit ihren Familien oder Bekannten sprechen durften. Zum Chor auf der Nonnenempore als einer geweihten Ordensstätte289 führte von der Seite der Klausur her eine sehr schmale Stiege.290 Auf der Empore, die mit einer Orgel und einem Ziborium291 ausgestattet war und wo sich seit dem 18. Jahrhundert der Beichtstuhl befand,292 trennte ein Gitter mit einem kleinen verschließbaren Fenster den Innenraum der Kirche vom Nonnenchor. Die Schwestern waren auf diese Weise separiert von den Laien, aufgrund ihrer erhöhten Posi- 282 DDAMz: K 102/II.3c. 283 An dieser Pforte begann der Klausurbereich: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 79. 284 StadtA Mainz: 13/336, 94. 285 Schrohe, Reichklarakloster 51. 286 StadtA Mainz: U/1314 Dezember 28; U/1338 Dezember 28. Mehrere Urkunden belegen zumindest für das 14. Jahrhundert, dass die Äbtissin und andere Nonnen an diesem Sprechfenster persönlich Vertragsabwicklungen tätigten. Das Sprachzimmer schien sehr geräumig gewesen zu sein, da dort einige erzbischöfliche Visitationen stattfanden und vereinzelt Gäste empfangen wurden. 287 StadtA Mainz: U/1337 März 6. 288 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antwort der Maria Ignatia Kikophin auf Frage 7. 289 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74v. 290 Schrohe, Reichklarakloster 64. 291 DDAMz: K 102/II.: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Aloysia Straubin auf Frage 92. 292 DDAMz: K 102/II.3c: Der Beichtstuhl war solcher gestalt aptiert, dass die Beichtende durch das Gegatter ihre Beichte verrichtet. Die Seite des Beichtstuhls, in der die Nonne saß, befand sich demnach innerhalb der Klausur. Die Seite des Beichtvaters stand jenseits des Gitters, das die Nonnenempore in einen klausurierten und einen weltlichen Bereich teilte. 2 Die Klausur 89 tion jedoch in der Lage, zumindest partiell der in der Kirche gehaltenen Messe zu folgen.293 In einer Nische des Nonnenchores hatte das Klosterarchiv seinen Platz. Es verwahrte vor allem die auf Pergament geschriebenen Urkunden bezüglich der auswärtigen Güter.294 Vom Kirchenraum aus führte ebenfalls eine gewundene Treppe zur Empore. Auf dieser Seite befand sich unmittelbar vor dem Gitter eine Plattform. Von hier aus fanden bei einigen Visitationen die Einzelbefragungen der Schwestern statt.295 Der Konvent umfasste ferner ein Kapitelhaus mit einem Altar,296 ein mit einem Uhrwerk ausgestattetes Schlafhaus,297 das die Zellen der Schwestern beherbergte,298 Refektorien299 sowie eine Küche mit einem angrenzenden beheizbaren kleinen Zimmer, in dem sich überwiegend die Küchenmeisterin und die Laienschwestern aufhielten.300 Von den Zellen waren nur die der Äbtissin, der Priorin und der Kranken mit Öfen ausgestattet. Im Winter durften sich die Schwestern, da es nach acht Uhr nicht mehr erlaubt war, in ihren Zellen ein Licht anzuzünden, in den wenigen beheizten Konventsräumen zur Nacht umziehen oder frühmorgens vor der Mette ankleiden. Die Konventsöfen strahlten am Morgen noch genügend Wärme vom Vortag aus.301 293 Gisela Muschiol, Liturgie und Klausur: Zu den liturgischen Voraussetzungen von Nonnenemporen, in: Irene Crusius (Hrg.), Studien zum Kanonissenstift (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 167), Göttingen 2001, 148. Nonnenemporen waren bereits in den reformierten Frauenklöstern des 15. Jahrhunderts üblich: Uffmann, Rosengarten 210. 294 StadtA Mainz: 13/337, 120. 295 Diese Einzelbefragungen sowie die Stimmabgaben bei den Äbtissinnenwahlen wurden teils auf der Empore, teils im Sprachzimmer durchgeführt. 296 Schrohe, Reichklarakloster 51. 297 StadtA Mainz: 13/336, 97. 298 StadtA Mainz: 13/336, 202. Seit dem Generalkapitel der Franziskaner 1593 waren einzelne Zellen zum individuellen Rückzug in den Klarissenklöstern üblich: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 425. 299 Schrohe, Reichklarakloster 51. 300 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 14. 301 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf die Fragen 15 und 99. 90 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Es existierten darüber hinaus mehrere Cammern unterschiedlicher Größe302 sowie ein kleiner und ein großer Garten.303 Von zwei Höfen war der innere, zur Klausur gehörende, mit einem Brunnen (Siechenbrunnen)304 ausgestattet, während sich im äußeren Hof die Kelterei, eine Scheune, Ställe mit Rindern und Schweinen, Back- und Brauereigebäude und alle weiteren Wirtschaftsgebäude Reichklaras befanden. Auch das Gesindehaus mit der großen Stube,305 das Häuschen des Schaffners und ein weiterer Bau mit nur einem Zimmer und einer kleinen Kammer306 waren integrale Bestandteile dieses äußeren und nicht zur Klausur gehörenden Hofes. Im Dienst des Klosters standen außer dem Schaffner mehrere Knechte und Mägde. Da auf dem Klostergelände sowohl ein Back- als auch ein Brauhaus unterhalten wurden, ist anzunehmen, dass man einen Bierbrauer und einen Bäcker beschäftigte. Im Spätmittelalter arbeiteten ein Keller, ein Bender und mehrere Diener im Klosterbereich.307 Extern waren Jäger in den Gemarkungen von Astheim308 und Schäfer im Bereich des Mönchhofs für das Kloster tätig. Die Beaufsichtigung und Instanthaltung der Güter gehörte zu den Aufgaben der Hofmeister. 302 StadtA Mainz: 13/336, 123. 303 Schrohe, Reichklarakloster 52; StadtA Mainz: 13/336, 122. 304 StadtA Mainz: 13/336, 122. 305 StadtA Mainz: U/1433 März 19. Die große Gesindestube war mehrmals Schauplatz von Vertragsausfertigungen in Anwesenheit von Zeugen. 306 StadtA Mainz: 13/336, 220. Der Bau mit dem einzigen Zimmer und der kleinen Kammer wurde vom Provinzial bewohnt, wan Er die gewöhnliche visitation hir halt. Die Kammer war für den Sekretär oder einen Laienbruder vorgesehen. Das Zimmer wurde außerdem benutzt, wenn eine der Schwestern an einer ansteckenden Krankheit litt. Die Kranke befand sich in diesem Fall außerhalb der Klausur. 307 StadtA Mainz: U/1357 Mai 22; U/1434 Mai 7. 308 Der Jäger erhielt als Entlohnung jährlich einen Malter Korn: HStAD: E 14 A 300/7. Der Malter ist ein altes Volumenmaß, das primär als Getreidemaß genutzt wurde. In Mainz entsprach ein Malter umgerechnet 109,387 Liter: Leopold Carl Bleibtreu, Handbuch der Münz- Maaß- und Gewichtskunde, und des Wechsel- Staatspapier- Bank- und Actienwesens europäischer und außereuropäischer Länder und Städte, Stuttgart 1863, 532. 2 Die Klausur 91 2 .2 Klausurbedingungen in Reichklara während der Frühen Neuzeit 1586 hob Erzbischof Wolfgang von Dalberg in der für Reichklara erstellten charta visitatoria hervor, dass sich geweihte Ordenspersonen und Laienschwestern weder aus der Klausur und noch weniger aus dem Kloster oder gar in die Stadt begeben, sondern stets darin bleiben sollten.309 Begründet wird die strikte Abschottung der Konventualinnen zum einen mit der Vermeidung von alley Unrath, mit dem die Schwestern außerhalb der Klausur in Berührung kommen könnten, zum anderen sollte das Aufkommen von Neid verhindert und der Frieden innerhalb der Gemeinschaft erhalten werden: Damit (…) sie desto ferner auß Kosten geschrey und allerley verleumbdische nachred frey sein mögen.310 Die Äbtissin war nicht dazu befugt, eine ihrer Untergebenen von der Klausurpflicht zu entbinden. Verstieß sie gegen diese Bestimmung, konnte sie ihr Amt verlieren. Die Erteilung einer Dispens zum Verlassen der Klausur oblag gemäß der charta Wolfgang von Dalbergs allein der weltlichen Obrigkeit: Vermaint aber je eine, die notturfft erfordere das sie ausreiße, soll sie unsern besondern befehl darüber erwarten.311 Nicht nur der Weg von innen nach außen war verschlossen: Es sol auch keiner mans personen zugelassen werden sich ein zue brüdern wie auch nit weibs personen ohne unser sonderlich erlaubnus.312 Auch 309 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r; COED, XXV, de regularibus, cap. 5: Keiner Nonne ist es erlaubt, nach der Profess das Kloster auch nur für kurze Zeit – gleich unter welchem Vorwand – zu verlassen, außer aus einem rechtmäßigen, vom Bischof zu billigenden Grund. Niemandem ist es erlaubt, ohne die schriftliche Vollmacht des Bischofs oder des Oberen einen Schritt hinter die Klostermauern zu tun und zwar unter der Strafe der Exkommunikation, die ipso facto eintritt. 310 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. Im Ordensstatut von 1585 forderte Wolfgang von Dalberg die Nonnen auf, dass sie sich im Gebet von disser vergenglichen Bösen welt abwenden: StA Würzburg: MRA H 1265. Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg ermahnte 1731 die Schwestern zur Beachtung der Klausur, damit dem gemeinen weesen keinen anstoss oder ärgernus gegeben wird: DDAMz: K 102/II.3c. 311 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. Während die charta visitatoria von 1586 die Dispenserteilung ausschließlich dem Erzbischof zuwies, hatten die Konzilsväter diese Kompetenz sowohl dem Bischof als auch dem Ordensoberen zugesprochen: COED, XXV, de regularibus, cap. 5. 312 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 20r. 92 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras kurfürstlichen Beamten und Dienern war das Betreten des Klausurbereiches, wenn nicht ein ausdrücklicher Befehl des Erzbischofs vorlag, untersagt. Konnten sie diese Anordnung nicht vorweisen, so mussten sie mit der Äbtissin oder der Priorin an der Scheibe kommunizieren.313 Lediglich der Erzbischof persönlich besaß die Befugnis, die Klausur jederzeit zu inspizieren, wan ein vernünftige Ursach sich zeiget.314 Die Nonnenempore musste mit Clausur und Schlossen nach der gepür versehen sein, damit Zeit wehrender Empter keine auß den Closter Jungfrauen herausser vor den Chor, auch niemandts von andern hienein zu ihnen komen möge.315 Der sporadische Kontakt zu den Familien wurde streng kontrolliert: Ausgehende Briefe der Schwestern wurden von der Äbtissin durchgesehen und von ihr selbst verschlossen.316 In Reichklara waren die Schwestern demnach, weil sich Closter Personen der weldt verzeihen und sunderlicher weiß an Christus ergeben,317 der aktiven und passiven Klausur unterworfen. Aus diesem Grund existierten für die Grenzbereiche zwischen Innen und Außen komplexe Vorschriften des Verschließens: Da der Kirchenraum jenseits des Chorgitters lag, befand er sich außerhalb des Klausurbereiches. Wenn die Küsterin ihn, mit der Reinigung der Kirche und der Bestückung des Altars beauftragt, betreten musste, wurde die Kirche gegen die Straße hin verschlossen. Das Öffnen und Schließen der Kirchenpforte oblag allein der Äbtissin, die darauf zu achten hatte, dass ihr bei dieser Tätigkeit keine der Schwestern folgte.318 War die Arbeit der Küsterin beendet, versammelten sich alle Schwestern auf dem Chor, dessen Gitter zum Kircheninnenraum hin verriegelt wurde. Nun erst konnte die Äbtissin die zur Straße führende Kirchentür wieder für die Besucher aus der Stadt öffnen. Nie- 313 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. Für die Visitationen waren die Kommissare im Besitz einer solchen Anordnung. 314 Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 393. 315 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71v. 316 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf die Fragen 55 und 56. In Kapitel XXII der Urbanregel heißt es: Kein swester schol keinen brief senden noch empfahen das nit die Abtassin gelesen oder ir aber gelesen wird von einer andern die da zu geseczt ist, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 209. 317 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 318 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74v. 2 Die Klausur 93 mals durften Chorgitter und Kirchentür gleichzeitig unverschlossen sein.319 Die charta verlangte, dass jeweils ein Schlüsselexemplar von der Kirchenpforte und von der Tür zum inneren Hof zu jeder Zeit von der Äbtissin verwahrt wurde.320 Tagsüber verfügten außerdem die beiden Pfortenschwestern über Exemplare dieser Schlüssel, aber sie waren dazu verpflichtet, sie jeden Abend bei der Vorsteherin wieder abzugeben.321 Vor dem Reformprozess waren Kirchenbesucher und Nonnen wesentlich unbefangener miteinander umgegangen: Bei den Mainzer Zisterzienserinnen etwa war es üblich gewesen, dass die Schwestern persönlich Kinder aus der Taufe hoben.322 War der Priester zur Vorbereitung der Messe anwesend, durfte die Küsterin ihm hinfüro bei der Bestückung des Altars nicht direkt behilflich sein. Die Hinzufügung von hinfüro im entsprechenden Passus der charta lässt darauf schließen, dass vor der Reform durchaus eine Zusammenarbeit von Nonnen und Priester am Altar üblich gewesen war.323 Von nun an stellte die Küsterin vor der Ankunft des Priesters die von ihm benötigten Gegenstände bereit. Eventuell Fehlendes sollte bei Bedarf von der klausurierten Seite der Nonnenempore durch das Gitterfenster gereicht werden. Auch während der Messe durfte sich keine der Schwestern am oder in der Nähe des Altars aufhalten. Der Priester, dem seinerseits der Zugang nur bis zum Chorgitter gestattet war 319 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75r. 320 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73r. 321 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75r. 322 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 12r. 323 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. Das Verbot des direkten Kontaktes zwischen Priester und Nonne bezog ausdrücklich Laienschwestern mit ein. Im Ordenstatut Wolfgang von Dalbergs, das er 1585 verfasst hatte, heißt es in diesem Zusammenhang: Darzu (zu der Messe) auch ein besundern diener oder ministanten bey gemelter peen (Strafe) mit sich bringen sol damit ihnen nit von den Closter Junckfrawen wider alle gepür gedint werde. Auch keine Junckfraw sich zeit wehrender Ämpter bey oder umb den Altar und anderst wo nit dan auff ihrem Chor sol finden lassen. Und damit dy notturfft zum Altar nit mangle sol zuvor und ehe dan dy kirch den Altaristen geöffnet, dy beraidtschafft ahn ein besünder ordt verschafft, und dy dühr gegen dem Chor oder Closter widerumb zugeschlossen und was Nachmals ferner manglen möchte durch die Scheiben: StA Würzburg, MRA, H 1265, f. 5v. 94 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras und der den Schwestern anlässlich des Abendmahls Hostie und Kelch durch das Gitterfenster reichte,324 brachte einen Jungen mit, der ihm zum Altar diene, dem ein Almosen aus dem Chor, wo er arm, widerfahren mag.325 Bei der Visitation im Jahr 1731 betonte Äbtissin Maria Ursula Jäger, dass selbst den engsten Verwandten der Schwestern der Zutritt zur Klausur untersagt war.326 Mussten sich Arbeiter im Kloster aufhalten, so durften die geweihten Schwestern keinen und die Laienschwestern keinen direkten Zugang zu ihnen haben. Sie hatten sich in Räume zurückziehen, die von den Arbeitern nicht betreten wurden.327 Auch den Kontakt mit den Knechten und Mägden sollten die Nonnen weitestgehend vermeiden. Wurden während der Erntezeit die gelieferten Feldfrüchte über beide Höfe durch die Klausur auf den Speicher getragen, hatten sämtliche Türen, die zu den Aufenthaltsräumen der Nonnen führten, für die Dauer dieser Arbeiten verschlossen zu sein. Um die Trennung zwischen Nonnen und Gesinde zu gewährleisten, ordnete das Vikariat 1737 folgende bauliche Veränderungen an: Es sollte eine vom Speicher direkt in den inneren Hof führende Treppe zum Auf- und Abtragen der Früchte errichtet werden. Die bereits vorhandene Stiege, die vom Konvent aus auf den Speicher führte, war von innen her dauerhaft zu verschließen. Auch das Dormitorium musste so beschaffen sein, dass bei nächtlicher weil niemandem der Zugang gestattet werden konnte.328 Dennoch haben einige der klausurierten Nonnen Reichklaras ihr Kloster gelegentlich verlassen. 324 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 6v. 325 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 326 DDAMz: K 102/II.3c. Zumindest während der Einkleidungs- und Professionsfeierlichkeiten wurde von dieser Regel abgewichen: vgl. Kapitel III 2.5 der vorliegenden Arbeit. 327 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. Ein ähnlicher Passus findet sich in den Statuten der Klarissen des reformierten Klosters Weißenfels von 1513: Johannes Bühler, Klosterleben im deutschen Mittelalter nach zeitgenössischen Aufzeichnungen, Leipzig 1921, 413. 328 DDAMz: K 102/II. 3c. 2 Die Klausur 95 2 .3 Verlassen der Klausur bei Kriegen und Seuchen Am 18.  November 1631 floh Äbtissin Elisabeth Engelthal mit ihren Konventualinnen vor den näher rückenden schwedischen Truppen aus der Stadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie keine Möglichkeit, die tatsächliche Haltung des schwedischen Königs Gustav Adolf gegenüber Andersgläubigen in seinem neuen Herrschaftsgebiet angemessen einzuschätzen.329 Lediglich drei von insgesamt etwa zwanzig Schwestern blieben im Konvent zurück.330 Ein Teil der Flüchtenden begab sich nach Köln, ein anderer reiste nach Trier. Einige der Schwestern kehrten in der Folgezeit freiwillig in ihr Mainzer Kloster zurück.331 Elisabeth Engelthal selbst traf erst am 9. Januar 1636 mit Schwester Lioba Kneippin wieder in Mainz ein.332 Die wenigen Bewohnerinnen Reichklaras waren zu dieser Zeit an der in der Stadt grassierenden Pest erkrankt, so dass der Beichtvater den Ankömmlingen nicht erlaubte, den Konvent zu betreten. Das Closter ist dermaßen infiziert gewesen, dass kein mensch hat wollen hinein gehen.333 Mit der Hilfe des Beichtvaters konnte die Äbtissin schließlich eine nahe beim Kloster gelegene Wohnung beziehen, darin sie sich sambt der Schwester so sie bei sich gehabt von dem 29. Januar bis auf den 21. April aufgehalten.334 Am 21. April 1636 ließ sie eine Messe in der Klosterkirche halten, ging anschließend in das Klos- 329 Tatsächlich sprach die schwedische Kirchenpolitik in Mainz Andersgläubigen weitestgehend das Recht zu, ihre Religion frei auszuüben. Sie strebte in der besetzten Stadt eher ein Miteinander der verschiedenen Konfessionen an: Hermann-Dieter Müller, Der schwedische Staat in Mainz 1631 – 1636. Einnahme, Verwaltung, Absichten, Restitution, St. Goar 1976, 183. 330 Es handelte sich bei den im Kloster Zurückgebliebenen um eine Chor- und zwei Laienschwestern: StadtA Mainz: 13/336, 48. 331 StadtA Mainz: 13/336, 48. 332 Lioba Kneippin wurde am 29. November 1639 die Nachfolgerin von Äbtissin Anna Elisabeth Spehrin. 333 StadtA Mainz: 13/336, 49. 334 StadtA Mainz: 13/336, 49 und 50. Über Hungersnöte, Teuerungen und Pestepidemien in Mainz während der schwedischen Besatzung: Walter G. Rödel, Mainz und seine Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert. Demographische Entwicklung, Lebensverhältnisse und soziale Strukturen in einer geistlichen Residenzstadt (Veröffentlichungen des Instituts für geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz 28), Wiesbaden 1985, 231 – 233. 96 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras ter hinein und fand dasselbe in äußerster Armut vor: Die geschwächten Nonnen besaßen kaum Vorräte an Lebensmitteln und waren zum Teil noch immer erkrankt. Zwischen Dezember 1636 und März 1637 starben zehn Schwestern an der Pest.335 Drei der Infizierten erholten sich wieder von ihrer schweren Erkrankung, vier weitere Nonnen blieben verschont. Als Elisabeth Engelthal im Januar 1639 starb, lebten, weiterhin unter entbehrungsreichen Bedingungen, lediglich sieben Nonnen in Reichklara.336 2 .4 Verlassen der Klausur aus anderen Gründen Einmal jährlich besichtigte die Äbtissin Reichklaras die dem Kloster zugehörigen Güter. Um die Klausur zu diesem Zweck gemeinsam mit zwei oder drei weiteren Schwestern verlassen zu können, musste sie beim bischöflichen Ordinariat ein Gesuch einreichen und erhielt in der Regel einen Dispens, der ihr eine ein- bis zweiwöchige Reise ermöglichte.337 Maria Seraphina Fritschin bat 1771 das bischöfliche Ordinariat um die Erlaubnis, sich für die Dauer von wenigstens 14 Tagen in Begleitung der Priorin, der Kellerin und einer Laienschwester auf dem Mönchhof aufhalten zu dürfen.338 Auch die Weihung des im Dreißigjährigen Krieg zerstörten und Anfang der achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts renovierten Friedhofs in der Nähe des Mönchhofs erforderte im November 1685 das Überschreiten der Klausurgrenzen: Den 24. September im Jahr 1685 ist die New Capell uffgeschlagen worden, unnd weiders vor dem winder also verfertiget, das die Ehrwürdige fraw Abbatissin sampt zweyn jungfrawen den 3. November dieses jahr auf den Münchhoff gefahren seindt (…) 335 StadtA Mainz: 13/336, 50. Anhand von Memorienbuch und Salbuch I lassen sich nur neun der an der Pest verstorbenen Schwestern namentlich benennen. 336 DDAMz: K 102/II.1: Visitation Reichklaras unter Erzbischof Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt vom Februar 1639 337 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 70. 338 DDAMz Mainz, K 102/II.2. Das Vikariat gab diesem Gesuch statt. 2 Die Klausur 97 Morgens umb 9 Uhr, das Ampt der heiligen Meeßfeier, die Arme Seelen, deren leiber daselbsten begraben liegen, von Herr patter beichtiger Georgius lehmen ist gehalten worden und ist das Requiem gesungen worden. Nach welcher seint wir alle processionsweiß umb die Kirch gangen und das Libera gesungen, und die gräber geweyhet. Als wir wieder in die Kirch kommen, ist das freuwdtenreiche te deum laudamus mit dem klockengeleuth ahngefangen und gantz gesungen worden, und haben gott dem Herr führ diese freuwdt und gnadt in freuwdten gedanket. Beyde folgendte Tagen ist Ebenmäßig das Hohe Ampt führ die Arme Seelen gesungen worden, und umb die Kirch die gräber geweyhet. Den 4. Tag zur danksagung der Allerheilligsten Dreyfaltigkeit haben wir eine still meß gehalten und seint wiederum zusamen aus Mäntz gereiset.339 Zwei Jahre später ließ Äbtissin Anna Clara Steinhäuser den zerstörten Altar in der Mönchhofkapelle wieder aufrichten, hatte auch neue Stüll und benck oben und unden in der Kirchen verfertigen lassen.340 Als diese Arbeiten beendet waren, sollte die Kapelle konsekriert werden: Zu diessem Endt sich (die Äbtissin) auch underredt mit Ihro Hochwürdige gnaden wey bischoffen zu Mäntz, so dan der dritte Tag August zu consecration ist bestimmbt und benenet worden. Seindt also Closterseits vor Herro herauff gereißt zwei geistliche Jungfrauwen, Herr Parter Confessarii und Schaffner. Ihro Hochwürdige gnaden Herr weybischoff samt sex ander geistlichen auß hiesigem Seminario seint Sambstags Abendt ahnkommen. Zu dieser Kirchweihung seint auch Erschienen alle Negst umbliegende Catholische pfahr herrn, so processionsweiß mit Creutz und fahnen ihren pfahrherrn folgend viel Volk solemniter komen sein bey zu wohnen. Mindestens zwei Schwestern Reichklaras haben demnach anlässlich der Weihe der Mönchhofkapelle ähnlich wie zwei Jahre zuvor für die Weihe 339 StadtA Mainz: 13/336, 155. 340 StadtA Mainz: 13/336, 168. 98 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras des Friedhofs ihren Klausurbereich verlassen und sich in Begleitung des Beichtvaters und des Schaffners auf die Reise begeben. Das Salbuch berichtet an dieser Stelle nicht nur von einer Kirchweihe, welche die Schwestern in Gemeinschaft mit anderen katholischen Pfarrern und der mit Kreuz und Fahnen an der Feier teilnehmenden Bevölkerung der umliegenden Orte begangen haben, sondern auch von dem interkonfessionellen und offenbar äußerst friedfertigen Charakter des Ereignisses: Ist also diese Kirchweihung im grossen Zulaufe villes Volcks so woll luters, Calvinisten als Catholischen sehr glücklich, ohn Einiges Verbrechen zur höchsten Ehren Gottes und seiner heiligen vollbracht worden.341 2 .5 Passive Klausurverletzungen Bei den Feierlichkeiten (tractamenten) zur Einkleidung und zur Profession waren in der Regel keine männlichen Personen zugelassen. Wenn jedoch der Vater der einzusegnenden Nonne bei der Feier anwesend sein wollte oder die Novizin andere männliche Verwandte besaß, die man ehren halben zue laden nicht umbgehen könnt, wurden sie vom Vikariat aufgefordert, nach den Zeremonien ihre Speisen im Gasthaus einzunehmen.342 Da aber diese Feierlichkeiten als Abschied der „Braut Christi“ von der Welt die letzte Gelegenheit familiären Beisammenseins darstellten, wurden sie trotz der erzbischöflichen Vorgaben häufig von der Äbtissin innerhalb der Klostergebäude geduldet. Priorin 341 StadtA Mainz: 13/336, 168. Dieses Ereignis ist ein Beispiel für konfessionelle Pluralität im 17. Jahrhundert in Gebieten, in denen die katholischen Reformen durch die weltliche und geistliche Obrigkeit vorangetrieben wurden. Es zeigt, dass innerhalb der Bevölkerung nicht immer religiöse Uniformität oder Intoleranz gegenüber Andersgläubigen herrschte. Auf diese Tatsache weist Ute Lotz-Heumann in ihren Überlegungen zum Begriff der „Konfessionalisierung“ hin: Ute Lotz-Heumann, Confessionalization, in: David Whitford (Hrg.), Reformation and Early Modern Europe: A Guide to Research, Kirksville 2008, 145. 342 StA Würzburg: H 1265, f. 22r. 2 Die Klausur 99 Catharina Josepha Rathin bemängelte bei der Visitation des Jahres 1745, dass an Hochzeitstagen Weltliche in der Klausur umhergehen würden.343 Eine Verletzung der Klausur ganz anderer Art ereignete sich während der französischen Besatzung im Zusammenhang mit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg im Jahr 1688: Einer der gegnerischen Offiziere erschien an der Klosterpforte und verlangte ein Gespräch mit der Äbtissin. Anna Clara Steinhäuser begab sich daraufhin, zunächst gemeinsam mit dem Beichtvater, in die Sakristei zur Unterredung mit dem Offizier. Dieser warf ihr vor, im Kloster Gewehre versteckt zu halten.344 Offenbar kam es aufgrund von Sprachproblemen zu Missverständnissen, wo raufhin eine Frau aus der Stadt herbeigeholt wurde, die Französisch verstehen und sprechen konnte. Es gelang ihr jedoch nicht, den Offizier davon zu überzeugen, dass die Äbtissin und ihre Untergebenen keinerlei Waffen im Konvent horteten, denn kurz darauf drangen mehrere Soldaten gewaltsam durch die Klosterpforte, um die Klausurräume zu durchsuchen. Anna Clara Steinhäuser war währenddessen gezwungen, in der Sakristei zu bleiben. Den Eindringlingen gegenüber musste sie sich für das hinter der Kirche verborgene Vieh rechtfertigen. Da die Franzosen die angeblich von den Nonnen versteckten Waffen nicht fanden, verließen sie vorerst das Kloster, um kurze Zeit später erneut mit großer gewalt Einlass zu verlangen. Nachdem sie das Kelterhaus ebenso vergeblich inspiziert hatten wie zuvor die Klausurräume, forderten sie Bewirtung und erhielten von den Schwestern Käse, Butter und Wein.345 Am 8. September 1689 kapitulierten die Franzosen vor der Übermacht der kaiserlichen Truppen und verließen zwei Tage später die Stadt. Danach ließen sich die Sieger in Mainz nieder, unter ihnen auch einige hochrangige Truppenführer mit ihren Ehefrauen, die aus kuriosität in das Closter kamen und von der Äbtissin empfangen wurden.346 Im Dezember 1692 besuchte der venezianische Ordensgeneral Pater Joseph Maria Bottari mit einem hochrangigen franziskanischen Priester, 343 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Clausura, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 19. 344 StadtA Mainz: 13/336, 176. 345 StadtA Mainz: 13/336, 178. 346 StadtA Mainz: 13/336, 179. 100 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras fünf italienischen Geistlichen und einem Diener während einer Durchreise das Reichklara-Kloster. Die Gäste quartierten sich im neuen Bau auf dem Vorhof ein, nachdem sie von dem Vizekommandanten und Oberst von der Leyen höflich beneventiert wordten und einige von ihnen besichtigten nach dem Essen das Closter und die Cellen und sind durch gegangen.347 Gemäß der Reformcharta Wolfgang von Dalbergs handelte es sich hierbei um eine passive Klausurverletzung, da keine erzbischöfliche Genehmigung für das Betreten der klausurierten Bereiche des Klosters vorlag. Um 1737 schienen die Klausurgrenzen aufgrund einer Umbauphase an den Klostergebäuden fließend und nicht exakt definierbar gewesen zu sein: Der Klausurbereich wurde von einigen Konventualinnen als offen bezeichnet und die Klausurvorschriften daher nicht mehr als verbindlich wahrgenommen.348 Anlässlich der Visitation des Jahres 1745 erzählte die Priorin Catharina Josepha Rathin, Maria Ursula Jäger lasse Weibsleuth in ihr Zimmer.349 Das Vikariat verbot der Vorsteherin wiederholt, Klosterfremden Zugang zu gewähren, da ein solches Verhalten Neid und üble Nachrede auslösen und den klösterlichen Frieden stören würde. Etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen die Schwestern Reichklaras jeweils für einen begrenzten Zeitraum Kostkinder auf, wobei die Jungen nicht älter als sechs Jahre alt sein durften. Die Altersgrenze für Mädchen lag bei acht Jahren.350 Bei längeren oder schwerwiegenden Krankheiten durfte eine Nonne Besuche ihrer weiblichen Angehörigen empfangen. Die Mutter 347 StadtA Mainz: 13/336, 202. 348 Vgl. Kapitel II 4.4 der vorliegenden Arbeit. 349 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Clausura, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 19. 350 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 99. Mädchen ab 9 Jahren durften nur in die Klausur, wenn sie die Absicht hatten, später die Gelübde abzulegen. Aus welchen Orten oder Familien die Kostkinder kamen und wie lange sie im Kloster blieben, lässt sich der Aussage Maria Ignatia Münchins nicht entnehmen. Sie erwähnt, dass sich, nachdem diese Tradition verboten worden war, viele der Schwestern wünschten, wieder Kinder in der Klausur zu haben. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 101 der erkrankten Novizin Maria Aloysia Straubin veranlasste im April 1773 die Konsultation mehrerer Ärzte, die ihre Tochter in der Krankenstube des Klosters untersuchten. Sie selbst war neben der Äbtissin, der Priorin sowie der Konventualin Maria Thekla Königin bei diesem Ereignis anwesend.351 Maria Aloysia Straubin erholte sich offenbar wieder, denn sie war bei der Visitation des Jahres 1781 zugegen. Während der Regierungszeit der Maria Francisca Wolffin (1748 – 1771), so berichtete sie, sei es vorgekommen, dass Gäste im Sprachzimmer empfangen und mit Kaffee bewirtet werden durften. Die letzte Äbtissin allerdings habe diese Neuerung wieder verboten.352 Die genannten Vorkommnisse lassen den Schluss zu, dass sowohl seitens der Nonnen als auch der Klosterfremden immer wieder ein Spielraum zwischen den normativen Vorgaben und der Alltagsrealität geschaffen und in einer pragmatischen Weise genutzt wurde. Das Handeln gegen die Vorschriften zog in einigen Fällen Ermahnungen des Vikariats nach sich. Es wurde jedoch in einem gewissen Rahmen geduldet, denn es finden sich in den Quellen keine Hinweise darauf, dass Strafmaßnahmen in irgendeiner Art in die Tat umgesetzt wurden. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 3 .1 Die Laienschwestern Zwischen 1620 und 1781 lassen sich bei insgesamt zwölf Nonnen Reichklaras Verwandtschaftsbeziehungen feststellen: Es waren vier aus Mainz stammende Konventualinnen mit dem Nachnamen „Jung“ vertreten, zwei ebenfalls aus Mainz gebürtige Schwestern mit dem Nachnamen „Jäger“ und zwei Schwestern der Familie Geigel aus Würzburg. Aus der Höchster Familie Dietrich sowie der Familie Weickel aus Koblenz waren ebenfalls jeweils zwei Töchter Nonnen in Reichklara. Die Kommunität umfasste eine größere Gruppe der Chorschwestern, die sich überwiegend dem Gottesdienst widmeten und eine 351 DDAMz: K 102/II.24. 352 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Aloysia Straubin auf Frage 13. 102 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras kleinere der Laienschwestern, deren Gebetsverpflichtungen weniger umfassend waren. Laienschwestern verrichteten oft die körperlich anspruchsvollen Arbeiten im Konvent.353 Eine präzise Zuordnung der in Reichklara lebenden Nonnen in Chor- und Laienschwestern ist wegen der häufig fehlenden Hinweise in den Quellen nur in wenigen Fällen möglich. Mit Margaretha Bedenck wird für das Jahr 1400 im Memorienbuch erstmals eine Laienschwester (laica) erwähnt.354 Welche Ämter die einzelnen Nonnen ausübten, kann erst ab 1737 aufgrund von Einzelbefragungen bei den Visitationen festgestellt werden. Indem die Laienschwestern die profanen Notwendigkeiten des klösterlichen Alltags auf sich nahmen, ermöglichten sie den Chorschwestern, dem zeitlich dichten Rhythmus der Gottesdienste, Chorgebete, Betrachtungen und Meditationen weitgehend ungestört zu folgen.355 Wolfgang von Dalberg hatte in der Reformcharta von 1586 verfügt, dass die Zahl der angenommenen Laienschwestern dem realen Bedarf des Konvents entsprechen und der Chor überwiegend mit geweihten Schwestern besetzt werden solle. Äbtissin Maria Francisca Wolffin gab 1770 an, Reichklara habe zur Bewältigung aller anfallenden Arbeiten stets vier Laienschwestern benötigt.356 Trotz der hinsichtlich der vita communis postulierten Gleichheit aller Bewohnerinnen zeigten sich damit bei der Bewältigung der täglichen Aufgaben im Konvent bedeutende Rangunterschiede, auch sonderte sich ein Teil der Gemeinschaft regelmäßig ab: Die Laienschwestern fanden sich im Winter um 5 Uhr und im Sommer um 4 Uhr an einem besonderen Ort zum Gebet ein, um anschließend ihre Arbeiten aufzunehmen. An Sonn- und Feiertagen waren sie, wie die Chorschwestern, bei der Mette, der Messe, der Vesper und der Komplet 353 Die Aufteilung der klösterlichen Gemeinschaft in Chor- und Laienschwestern geht auf die Regeln Hugolins und Urbans IV. zurück: Frank, Klarissenkloster Söflingen 24 und 49. 354 StadtA Mainz: 13/335, 26.5.1400. 355 Frank, Klarissenkloster Söflingen 49. 356 DDAMz: K 102/II.2: Schreiben Maria Francisca Wolffins an den Kurfürsten. Zu dieser Zeit arbeiteten lediglich zwei Laienschwestern in Reichklara, die zudem laut der Äbtissin alt und krank waren. Aus diesem Grund bat sie darum, zumindest eine weitere Laienschwester annehmen zu dürfen. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 103 zugegen. Eine der Chorschwestern, die man zur geistlichen Betreuung der Laienschwestern verpflichtet hatte, hielt wöchentlich ein eigenes Kapitel mit ihnen ab.357 Als Untergebene der Kellerin (celleraria) oder der Küchenmeisterin (magistra culinae) waren sie für einen großen Teil der Küchenarbeit zuständig.358 Auch das Amt der Pfortenschwester übten zumeist Laienschwestern aus.359 Sie hatten den Eingang zur Klausur zu überwachen, damit kein Unbefugter sie betrat. Wenn etwa Holz angeliefert wurde, stapelten sie es im Hof vorm Claustro, damit Tagelöhner es zerkleinern konnten. Unter der Aufsicht der Äbtissin trugen sie das Holz erst dann ins Innere des Konvents, wenn sich kein Weltlicher mehr im Hof aufhielt.360 Die äußere Pforte, die zur Straße führte, musste während dieser Arbeit geschlossen sein. Vor ihrer Zulassung zur Profession hatten Laienschwestern ebenso wie die Chorschwestern ein einjähriges Noviziat zu absolvieren. Sie besaßen kein Mitbestimmungsrecht in den Kapiteln, unterlagen jedoch gemäß der charta von 1586 den gleichen Klausurvorgaben wie die geweihten Konventualinnen.361 Dekrete späterer Erzbischöfe wichen von dieser Regel allerdings ab: Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg nahm 1731 die Laienschwestern Reichklaras von den strengen Klausurvorschriften aus und stellte in dieser Hinsicht den vortridentinischen 357 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. 358 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74v: Es sei ihnen die Arbeit in der Küche besonders bevohlen. 359 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75r. 360 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. 361 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 20v; StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r: Keine ordenspersohn geweihte oder leihenschwester soll sich aus ihrem Claustro viel weniger vor das Closter begeben. Vor dem Tridentinum waren die Auflagen bezüglich der Klausur für die Laienschwestern weniger streng. Sie durften das Kloster im Auftrag der Äbtissin verlassen, um Besorgungen zu tätigen: Markus, Klarissenkloster Seußlitz 93. Die Urbanregel nahm zumindest die älteren Laienschwestern von der strengen Klausur aus (Kapitel XIX): Von den servicialn die niht gepunden sint alle weg beleiben beslossen als die andern, so wollen wir das strengleich werd behalten das kein an urlaub aus dem closter ge und die man da sendet, die schullen erbergeres und gefolliges alters sein und geistlicher und zuhtiger angesiht, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 206. 104 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Zustand wieder her.362 1781 erwähnte Maria Angela Vogtin, dass die Laienschwestern nit der Clausur angelobt waren und nach Absprache mit der Äbtissin außerhalb des Klosters Besorgungen erledigten oder zu den Gutshöfen reisten, um dort nach dem Rechten zu sehen.363 Während der meisten Visitationen wurden sie den Chorschwestern gleichgestellt und in Einzelgesprächen befragt. Das Verhältnis der Chorschwestern zu den Laienschwestern gestaltete sich zeitweise schwierig, denn die Laienschwestern ordneten sich keineswegs stets unter: Die Küchenmeisterin Maria Coletta Schlipgen berichtete anlässlich der Visitation von 1781, sie seien öfter störrig und unhöflich.364 Aufgrund dessen wurden während der Regierungszeit von Maria Seraphina Fritschin die drei ältesten Laienschwestern zur Rechenschaft gezogen und corrigiert. Die Art dieser Korrektur wird in der Aussage der Küchenmeisterin nicht näher benannt. Einige von ihnen verfügten, ebenso wie ein Teil der Chorschwestern, über einen kleinen Geldbetrag zu ihrer persönlichen Disposition: Das Salbuch vermerkt für das Jahr 1755, dass Verwandte der Laienschwester Catharina Montagin 50 Reichstaler investierten, von denen ihr das Kloster jährlich 2 ½ Reichstaler auszahlen musste.365 3 .2 Die Chorschwestern Die Ämter der Äbtissin und der Priorin konnten nur aus der Reihe der Chorschwestern und nur durch kanonische Wahlen besetzt werden. Alle übrigen Ämter teilte die Äbtissin ihren Untergebenen abhängig von deren Disposition oder individuellen Fähigkeiten zu.366 362 DDAMz: K 102/II.3c: Schreiben des Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz- Neuburg. 363 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf Frage 71. 364 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Coletta Schlipgen auf Frage 3. 365 StadtA Mainz: 13/336, 207. Es handelte sich dabei um den sogenannten „Spielpfennig“: vgl. Kapitel III 6.2 der vorliegenden Arbeit. 366 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 4. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 105 Das oft zweifach besetzte Amt der Scheibenschwestern sollte von Nonnen ausgeübt werden, die sich in einem fortgeschrittenen Alter befanden.367 Die jeweils diensthabende Scheibenschwester hielt sich während bestimmter Stunden am Tag in der Nähe des Sprachzimmers auf. Sobald die Glocke von außen betätigt wurde, empfing sie den Besucher an der Scheibe und meldete ihn anschließend der Äbtissin. Erst mit ihrer Erlaubnis rief sie diejenige Schwester, welcher der Besuch galt, ins Sprachzimmer. Seit etwa 1745 durften die Schwestern Gespräche führen, ohne dass eine der Scheibenschwestern anwesend war.368 Unter der Regierung Maria Seraphina Fritschins wurde diese Lockerung zumindest zeitweise wieder aufgehoben und darüber hinaus Besuche nur zu festgelegten Sprechzeiten ermöglicht.369 Die Scheibenschwestern sollten nun wieder darauf achteten, dass keine unerwünschten Informationen von innen nach außen drangen. Insbesondere durfte zu Außenstehenden nichts von dem im wöchentlichen Kapitel Besprochenen erwähnt werden. Diesbezügliche Übertretungen hatten sie umgehend der Äbtissin zu melden.370 An Sonn- und Feiertagen waren keine Besucher zugelassen. Eine Ausnahme bildeten Bekannte und Freunde, die von einem entfernten Ort eigens anreisten.371 Die Ober- und Unterküsterinnen sorgten für die Ausstattung der Kirchenaltäre und für das pünktliche Läuten der Glocken zu allen Gottesdiensten.372 Interne Hierarchien wie bei den Küsterinnen konnten konfliktträchtig sein: Maria Antonetta Bollermännin etwa hatte als Unterküsterin ständig Streit mit der ihr übergeordneten Oberküsterin. Daher bat sie die Äbtissin, sie von diesem Amt zu befreien und erhielt 367 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73r. 368 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Clausura, Antwort der Maria Ursula Jäger auf die Frage 13 ½. 369 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Scholastica Messerin auf Frage 3. Sogenannte Scheibentage waren nach ihren Angaben der Dienstag und der Donnerstag, morgens von 8 bis 9 Uhr und nachmittags von 12 bis 4 (16) Uhr. 370 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 17r. 371 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1776, Antwort der Maria Seraphina Fritschin auf Frage 6. 372 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75v. 106 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras daraufhin das Amt der Krankenwärterin.373 Beim Vorliegen einer Krankheit oder während der Vorbereitung auf die Beichte konnte eine Nonne von der Ausübung ihres Amtes dispensiert werden. Die Art ihres Amtes markierte durchaus die soziale Stellung der Chorschwester innerhalb der Konventsgemeinschaft.374 An der Spitze dieser Hierarchie standen nach der Äbtissin und der Priorin drei bis vier Ratsschwestern (discretae). Dabei handelte es sich um die engsten Vertrauten der Äbtissin, sie standen ihr bei allen schwierigen Entscheidungen beratend zur Seite. Mit der Übernahme einer verantwortungsvollen Position, die teilweise Fachkenntnisse voraussetzte, konnte eine Nonne gewissermaßen eine Ämterkarriere durchlaufen. Maria Angela Vogtin etwa war vor ihrer Ernennung zur Novizenmeisterin (magistra novitiarum) zunächst Unterküsterin und dann als Scheibenmeisterin tätig gewesen.375 Ein solcher Werdegang dürfte für das Amt der Novizenmeisterin nicht ungewöhnlich gewesen sein, da es spezifisches Wissen hinsichtlich der Liturgie, der Heiligen Schrift und ihrer Auslegungen sowie gewisse Menschenkenntnis und pädagogische Erfahrungen voraussetzte.376 Maria Ignatia Münchin hatte ebenfalls zuerst das Amt der Unterküsterin inne, bevor sie die Tätigkeiten einer Oberküsterin, der Krankenwärterin und schließlich der Orgelmeisterin ausübte.377 Maria Francisca Wolffin stieg von der Speichermeisterin zur Äbtissin 373 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 3. 374 Schneider, Ursulinenkonvent 15. 375 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Anwort der Maria Angela Vogtin auf Frage 3. 376 Almut Breitenbach, „In der Schule des ewigen Königs“. Wissen und Bildung in Klarissenklöstern zwischen Norm und Praxis, in: Heimann u. a. (Hrg.), Gelobte Armut. Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie vom Mittelalter bis in die Gegenwart, Paderborn 2012, 202. 377 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Igantia Münchin auf Frage 3. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 107 auf.378 Maria Ursula Jäger hatte vor ihrer Regierungszeit als Äbtissin das Amt der Priorin versehen.379 Diese durchstrukturierte Ämterdiversität zeigt, dass Nonnen in diesen verantwortungsvollen Positionen, die komplexe Anpassungsleistungen verlangten, durchaus Entfaltungsmöglichkeiten finden konnten. Diese waren Frauen in der Frühen Neuzeit außerhalb der Klostermauern in der Regel verwehrt. 3 .3 Arbeitsalltag und Klostergemeinschaft Das Tridentinum betonte die Bedeutung der täglich wiederkehrenden, die vita communis konstituierenden Aspekte in den Ordensgemeinschaften als ein Fundament der Ganzheit der Kirche. Diese Rhythmen und die mit ihnen verbundenen Handlungen dürften keinesfalls oberflächlich gehandhabt werden, da infolge einer Vernachlässigung das gesamte Gebäude katholischer Glaubensgrundlagen einzustürzen drohe.380 Aus diesem Grund bemühte sich die geistliche und weltliche Obrigkeit während der Durchführung der Reformen um die Wahrnehmung besonders der weiblichen Klostergemeinschaften als eine spirituelle Familie, wobei die Äbtissin eine Art Mutterrolle einnahm.381 Gleichzeitig handelte es sich um eine wirtschaftliche Kommunität, die sich arbeitsteilig organisieren musste. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten Nonnen in vielen Konventen einen selbstständigen Haushalt geführt, oft sogar mit eigener Bedienung.382 Im 14. Jahrhundert besaßen wohlhabende Schwestern Pfründe im Kloster: Greda zum Jungen ließ 378 DDAMz: K 102/II.1. Int. 1745, Interrogatoria pro Conventualibus, Antwort der Maria Francisca Wolffin auf Frage 1. Bei dieser Visitation gab Maria Francisca Wolffin an, das Amt der Speichermeisterin auszuüben. 1748 wurde sie zur Äbtissin gewählt. 379 DDAMZ: K 102/II.3a. 380 COED, XXV, de regularibus, cap. 1. 381 Evangelisti weist darauf hin, dass die Tradition der klösterlichen spirituellen Familie, bei der die einzelnen Mitglieder bestimmte verwandtschaftsbezogene Rollen zu erfüllen haben, bis zu den monastischen Ursprüngen zurückreicht: Evangelisti, Nuns 9. Während des Spätmittelalters wurde diese Tradition in vielen Ordensgemeinschaften vernachlässigt. 382 Woodford, Nuns 13. 108 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras für ihren Unterhalt dem Kloster einige Grundstücke zukommen und brachte auch Geld, Hausrat, Messgewänder und andere Kleinodien bei ihrem Einzug mit.383 Eine verlässliche Struktur des geistlichen Lebens konnte jedoch nach den Vorstellungen der Konzilsväter und der Reformer nur durch das Konzept der vita communis gewährleistet werden, das Beten und Wirtschaften auf einer gemeinsamen Basis vorsah. Die Reformer verlangten daher für die Aufrechterhaltung dieses Prinzips strenge und verbindliche Vorschriften. Als entsprechendes Regelwerk wurde in Reichklara die charta visitatoria Wolfgang von Dalbergs einmal im Monat im Kapitelhaus vorgelesen und anschließend von stück zu stück wohl erwogen.384 Die charta forderte die Nonnen auf, in allen Situationen der schwesterlichen Liebe Raum zu geben. Sie untersagte ebenso Isolationen oder Gruppenbildungen wie zielloses Umhergehen im Klausurbereich.385 Das reale Alltagsleben konnte diesen Ansprüchen nicht immer genügen: Den sehr alten Schwestern und den Kranken wurde eine Lockerung von dieser Regel gestattet.386 Priorin Catharina Josepha Rathin antwortete 1773 auf die Frage, ob man sich wirklich um die geforderte Einigkeit im Kloster bemühe, zurückhaltend: So viel als unsere Schwachheit trägt.387 Maria Clara Jungin konstatierte 1780, dass man die Liebe zu erhalten suche.388 Maria Ignatia Münchin stellte fest: Wir lieben uns wie die Kinder.389 Provinzial Dominicus Bresgen legte den Schwestern 1780, ein Jahr vor der Aufhebung des Konventes, die gemeinschaftliche Liebe und Einigkeit noch einmal nahe. Die besonderen Freundschaften 383 StadtA Mainz: U/1367 Juli 13. 384 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 77r. 385 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73r: Und solche ihre Arbeitt sollen sie alle keine außgeschieden (…) verrichten und keine ihren aigen winckel suchen. 386 DDAMz: K 102/II:1: Int. 1778, Antwort der Magdalena Theresia Kertznerin auf Frage 4. Ketznerin setzte hinzu: Wegen alterthumb muß ich auf der cammer bleiben und komme nicht viel zu der gemeinde. 387 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 10. Maria Eleonore Winkoppin antwortete auf die gleiche Frage: Es scheint wenigstens so. 388 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1780, Antwort der Maria Clara Jungin auf Frage 7. 389 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1780, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 7. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 109 hingegen bewertete er als schädlich und unerlaubt. Aus diesem Grund, so betonte Bresgen, seien alle Zusammenkünfte auf partikularen Zellen zu verbieten.390 Ungeachtet dieser Ermahnung jedoch erlaubte Maria Seraphina Fritschin einigen Schwestern, sich außerhalb der vorgeschriebenen Gebets-, Arbeits- und Essenszeiten gemeinschaftlich oder allein in ihren Zellen aufzuhalten.391 Diese Erlaubnis scheint sich allerdings auf bestimmte Nonnen bezogen zu haben, die mit der Begründung einer aufkommenden Melancholie zeitweise vom Schweige gebot dispensiert wurden. Solche Privilegien stießen auf Unwillen bei den übrigen Schwestern der Gemeinschaft. Maria Antonetta Bollermännin bemerkte beispielsweise bei der Visitation von 1781, dass über solche ungleichheiten einige heimblich murreten.392 An bestimmten Tagen, an denen Zeiten der Erholung vorgesehen waren und die man als „Generalspieltage“ bezeichnete, wurde für alle Nonnen das Schweigegebot teilweise aufgehoben und die Schwestern durften sich vor oder nach den Chorzeiten entweder in ihren Zellen aufhalten oder in den in die Klausur integrierten Garten gehen.393 Geschenke von außen kamen in der Regel nicht der einzelnen Schwester, sondern der Kommunität zugute. Erhielten die Schwestern von Freunden oder Verwandten Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände, so lag es im Ermessen der Äbtissin, diese Dinge für das Kloster anzunehmen oder zurückzuweisen. Im Fall einer positiven Entscheidung bewahrte sie die Gegenstände in einer besonderen Truhe auf. Anlässlich einer Rekreation, der Zeit des gemeinschaftlichen Gedankenaustausches, wurden sie innerhalb der Kommunität ausgegeben.394 Der Arbeitsalltag begann sehr zeitig. Frühmorgens um halb vier stieg die Küsterin in den Turm über dem Chor, um die Glocken zu 390 DDAMz: K 102/II.1: Schlussrede der Ordensvisitation 1780. 391 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 39. 392 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 43. 393 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 60. Insofern sie nicht auf einen Feiertag fielen, waren die Dienstage und Donnerstage „Generalspieltage“. 394 StA Würzburg: MRA, H 1265, f. 12r. 110 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras läuten.395 Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts besaßen die meisten Schwestern in ihren Zellen uhren als sogenannte wecker.396 Für die Reinigung des Körpers stand für jede Schwester eine Schüssel mit Wasser bereit, denn dass sie in die bäther gehen würde keiner erlaubt, auch nit einmahl.397 Bis nach der Prim musste völliges Stillschweigen gewahrt werden, danach durften die Nonnen etwa eine Viertelstunde lang miteinander reden. Von halb acht an bis nach der Konventsmesse herrschte erneut Silentium. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst oder an Chorfeiertagen,398 so verfügte Wolfgang von Dalberg, durfte die Zeit keinesfalls mit Müßiggang zugebracht werden, damit der Teüffel mit seinen Versuchungen nit desto eher und mehr Plaz bey ihnen finde.399 Stattdessen sollten sie ihre freie Zeit geistlichen Büchern widmen.400 Werktags beschäftigten sich die Schwestern nach dem Chordienst mit Handarbeiten, die in erster Linie der Ausstattung der Altäre zukamen. Produkte, die sie durch Weben, Spinnen und Nähen herstellten, waren zue gemainen nütz des Closters vorgesehen und nit ihres gefallens.401 Anders als in Armklara 395 Schrohe, Reichklarakloster 98. 396 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 7. Maria Ignatia Münchin gab an, die Wecker seien nicht kostbar noch zierlich, sondern es komme einer auf 10 Reichstaler zu stehen. 397 DDAMz: K 102/II.3c. 398 An Chorfeiertagen gedachte man den für das Kloster und den Orden wichtigen Heiligen: vgl. Kapitel III 8.5 der vorliegenden Arbeit. 399 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v. Bereits die Urbanregel sprach sich in Kapitel VIII gegen den Müßiggang aus: Aber die swester und die servicial die schullen sich uben an nuczer erberger arbeit (…) das sy die mussikeit vertreiben die da ist ein veint der sel, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 197. 400 Wie Veronika Gerz-von Büren es für das Klarissenkloster St. Clara in Kleinbasel vermutet, dürfte es sich auch in Reichklara bei der Lektüre überwiegend um Evangelien- und Gesangbücher, Heiligenlegenden und um den Psalter gehandelt haben: Gerz-von-Büren, Clarissenkloster St. Clara 70. Konkrete Werktitel der Klosterbibliothek sind nur wenige bekannt: vgl. Kapitel III 8.3 der vorliegenden Arbeit. 401 StA Würzburg: MRA, H 1265, f. 9r. Teilweise wurde Flachs verarbeitet, der Reichklara von seinem Gut in Niedererlenbach geliefert wurde: StadtA Mainz: 13/336, 217. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 111 wurden die Handarbeiten nicht verkauft, da sie nicht der Sicherung des Lebensunterhaltes dienten. Die Nonnen arbeiteten, nebeneinander sitzend, an einem bestimmten Ort innerhalb der Konventsstuben. Die gemeinsame morgendliche Arbeit sorgte zeitweise für Konflikte: Maria Antonetta Bollermännin erwähnte 1781, dass einige Nonnen des Öfteren nicht an ihr teilnähmen und sie gäben vor, kränklich zu sein, ihr Amt ausüben zu müssen oder ihre Beichte vorzubereiten. Die übrigen Schwestern seien aus diesem Grund verärgert. Die Scheibenmeisterin etwa habe die Freiheit, sich in der Sprachstube oder in ihrer Zelle aufzuhalten, obwohl sie die Schelle dort, wo die anderen gemeinsam tätig waren, ebenso gut würde hören können.402 Diejenigen Schwestern, die länger als 25 Jahre im Konvent lebten, waren dauerhaft von der gemeinsamen Arbeit befreit.403 An einem Tag in der Woche hatten die Nonnen die Möglichkeit, für ihren individuellen Bedarf tätig zu sein. Bei diesen Gelegenheiten nahmen sie verschiedene Ausbesserungen an ihrer Kleidung vor. Maria Ignatia Münchin klagte, dass eigentlich zwei Tage für diese Näharbeiten an den eigenen Sachen erforderlich seien. Man habe kaum genug Zeit, sich beispielsweise neue Hemden zu nähen und sei gezwungen, Auswärtige damit zu beauftragen.404 Täglich zwischen elf und zwölf Uhr hielten sich die Nonnen zur Mittagsmahlzeit im Refektorium auf. Bei Tisch musste erneut das Silentium beachtet werden. Es wurde nach Beendigung der Mahlzeit gegen zwölf Uhr aufgehoben und nach der Rekreation, die bis halb eins dauerte, wieder aufgenommen. Am Nachmittag setzten die Schwestern ihre Handarbeiten fort.405 Den Jüngsten in der Gemeinschaft waren außerdem bestimmte Aufgaben zugeteilt: Sie mussten vor dem Beginn 402 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 19. 403 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 19. 404 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 19. 405 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 38. 112 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras der Vesper und der Komplet die Kerzen auf dem Chor anzünden oder der Glöcknerin zur Hand gehen.406 Zwischen drei und vier Uhr am Nachmittag durfte gesprochen werden. Ab vier Uhr herrschte erneut völliges Stillschweigen bis nach der Komplet.407 Unter Maria Seraphina Fritschin herrschten bezüglich des Silentiums teilweise strengere Regeln als unter ihren Vorgängerinnen, denn sie stellte die bis dahin übliche Praxis ein, nach der Komplet Unterhaltungen zu führen.408 Nach der Abendmahlzeit versammelten sich alle zum gemeinsamen Lobgesang salve Regina. Nachdem das Weihwasser gereicht worden war, begaben sich die Konventualinnen, so die Vorgabe der charta, einträchtig auf das Dormitorium. Um acht Uhr mussten sie in ihren Zellen sein. Nur zu gewissen Zeiten, die jedoch in der Quelle nicht näher erläutert werden, erlaubte die Äbtissin längeres Aufbleiben.409 Keinesfalls durfte die Nacht an einem anderen Ort verbracht werden. Auch die Äbtissin und die Priorin hatten hier ihre Schlafstätten. Gemäß der charta war die Äbtissin dazu verpflichtet, vor dem Schlafengehen sämtliche Zellen sowie die darin befindlichen Kästen und Truhen auf heimliches Eigentum zu kontrollieren.410 Anschließend wurde das Dormitorium bis zur Mette verriegelt.411 Da man im Winter die Kranken auf dem Dormitorium unterbrachte, denen in der Nacht immer wieder Verschiedenes 406 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 5. 407 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 43. 408 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antwort der Maria Clara Jungin auf Frage 6. 409 DDAMz: K 102/II.3c. 410 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v: (…) das keine geordnete persohn Choroder Laienschwester etwas Aigenes habe; COED, XV, de regularibus, cap. 2: Niemandem von den Regularen, ob Männern oder Frauen, ist es erlaubt, unbewegliche oder bewegliche Dinge als persönliches Eigentum oder auch im Namen des Konvents zu besitzen oder zu behalten. Sie werden vielmehr sofort dem Oberen übergeben und dem Konvent einverleibt. 411 DDAMZ: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Ignatia Münchin auf Frage 74. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 113 gereicht werden musste, hatte man es nicht mit einem eher umständlich zu öffnenden Schloss versehen.412 Tagesablauf in Reichklara 4.00 Uhr: Mette (im Winter begann die Mette um 5 Uhr) 6.00 Uhr: Geistliche Betrachtung 6.30 Uhr: Prim 7.15 Uhr: Unterbrechung des Silentiums 7.30 Uhr: Terz, Sept 9.00 Uhr: Non, Sext 9.30 Uhr: Konventsmesse 10.00 Uhr: Meditation 10.30 Uhr: Handarbeiten 11.30 Uhr: Mittagsmahlzeit 12.15 Uhr: Rekreation, Unterbrechung des Silentiums bis 12.30 Uhr 12.30 Uhr: Handarbeiten 15.00 Uhr: Unterbrechung des Silentiums bis 16.00 Uhr 16.00 Uhr: Vesper 18.00 Uhr: Komplet 18.30 Uhr: Meditation 19.00 Uhr: Abendmahlzeit 19.30 Uhr: Lobgesang salve Regina, Gabe des Weihrauchs 19.45 Uhr: Gewissenserforschung 20.00 Uhr: Schlafenszeit 3 .3 .1 Verhalten der Kommunität bei Konflikten mit der Außenwelt In Ausnahmesituationen zeigte sich, dass die Schwestern Reichklaras äußerst entschlossen gegen Außenstehende agierten, die sich auf unerwünschte Weise in die internen Strukturen des Konventes einmischten: Im September 1682 starb Herr Jäger, der viele Jahre die Stelle eines Altaristen beim Katharinenaltar in der Klosterkirche Reichklaras vertreten 412 DDAMZ: K 102/II.1: Int. 1745, de Clausura, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 10. 114 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras hatte. Ein in Frankfurt residierender Herr zum Jungen,413 Fundator des Katharinenaltars, präsentierte den Schwestern einen 14-jährigen Schüler, den Sohn eines Bekannten, als künftigen Altaristen. Mit dem Hinweis auf die Gründungsurkunde, welche die Anstellung eines Kindes für diese Tätigkeit untersagte, weigerte sich das Kloster, den Vierzehnjährigen zu akzeptieren. Daraufhin reiste Herr zum Jungen persönlich von Frankfurt an. Um sein Vorhaben durchzusetzen, nahm er die Hilfe des Erzpriesters von Bubenheim in Anspruch. Anfänglich brachte er in dessen Beisein den Schwestern sein Anliegen durch freundliches Bitten vor, versuchte aber dann mit harten worten, die possession des vorgemelten studenten durch zu dringen. Obwohl er sogar, sollten sich die Schwestern weiterhin hartnäckig weigern, drohte, mit aller gewalt und erbrechung der kirchenthür diese possession zu nehmen, so hat sich dannoch das Closter nicht daran gestöret. So gelang es zum Jungen trotz seines offenkundig polternden Auftretens zunächst nicht, den Willen der Schwestern zu brechen. Die Äbtissin wandte sich in dieser Angelegenheit an den Kurfürsten, der sich mittels eines Dekretes zunächst auf ihre Seite stellte und dem Herrn zum Jungen die Einsetzung des Schülers untersagte. Einige Wochen später allerdings zwang man die Schwestern doch zum Nachgeben. Zum Jungen hatte sich inzwischen in allerhöchsten Kreisen Unterstützung geholt und durch sehr große und gewaltige intercession des herrn grafen von Croneburg ist ein anderes churfürstliches decretum außgemacht worden. Dieser neuerliche Erlass befahl den Schwestern nun, dem Vierzehnjährigen für diesmahl die possession zu geben. Also ist anno 1682 den 14. November morgens zwischen 8 und 9 Uhr in gegenwardt frau Abbadissin, Priorin und Cüsterin, Herrn Vicariat secretary und anderer weltlicher und geistlicher Zeugen, von unserem Herrn patter Conffessario vorgemelter Gerhardi die possession S. Catharina Altars geben worden.414 1752 erhielt Maria Francisca Wolffin ein Schreiben der erzbischöflichen Behörde, in dem von einem vorübergehend obdachlosen Fräulein 413 StadtA Mainz: 13/336, 157. Der Vorname des Herrn zum Jungen wird im Salbuch nicht genannt. 414 StadtA Mainz: 13/336, 158. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 115 Sophie von Harstall nebst ihrer Dienerin die Rede war. Man befahl ihr, den beiden Frauen in dem neuen Bau im äußeren Hof Wohnung und Kost zu gewähren. Sophie von Harstall, gebürtige Mainzerin, Schwägerin des Oberjägermeisters und aus einer ursprünglich wohlhabenden Familie stammend, sei, so die Begründung, ganz in den abgang und pancrot gekommen. Sie hatte in ihrer schwierigen Situation an einigen Orten Schulden gemacht. Die Stadt wusste offenbar nicht, wo man eine solchermaßen in abgang geratene junge Frau am Unauffälligsten unterbringen könnte oder sie hielt ein Frauenkloster für den geeigneten Ort, an dem Fräulein von Harstall die Gelegenheit haben würde, ein wenig Ruhe zu finden. So hatte die Behörde bereits bei anderen Frauenklöstern um ihre Aufnahme gebeten, jedoch stets Ablehnungen erhalten. Reichklara stellte in dieser Hinsicht die letzte Möglichkeit dar. Aus diesem Grund wurde Maria Francisca Wolffin nicht gebeten, sondern es wurde ihr anbefohlen, Fräulein von Harstall Kost und Logis zur Verfügung zu stellen. In einem höflich-untertänigen, aber entschlossenen Ton widersprach die Äbtissin dieser kurfürstlichen Anordnung. Sie argumentierte, dass sie mit ihren Untergebenen in strenger Klausur lebe und die Nähe einer so weit gereisten weltlichen Frau für ihre Konventualinnen nicht angemessen sei. Außerdem würden die Regeln ihres Ordens für die Geistlichen eine große Zahl von Fastentagen vorsehen und sie könne unmöglich an diesen Tagen für weltliche Kostgänger Fleischgerichte zubereiten lassen. Weiter führte sie an, dass der neue Bau als Unterkunft für den Provinzial benötigt werde, wenn dieser sich aufgrund einer Ordensvisitation einige Tage im Klosterbereich aufhalte. Tatsächlich zog das Vikariat daraufhin die Anordnung zur Unterbringung des Fräuleins von Harstall zurück.415 3 .4 Ausstattung und Versorgung der Nonnen Für das 14. Jahrhundert ist belegt, dass die Nonnen Reichklaras durchaus unterschiedlich ausgestattet waren und persönliche Dinge besaßen: 1335 verfügte Catharina zum Baumgarten über den Betrag von einer Mark Kölner Pfennige, den sie für die Beschaffung von Büchern, Klei- 415 StadtA Mainz: 12/330: Schreiben der Maria Francisca Wolffin an den Kurfürsten. 116 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras dung und anderen Lebensbedürfnissen verwendete.416 Erst der 1586 in Reichklara einsetzende Reformprozess untersagte privates Eigentum: Sie sollen allesambt ihren gebuerenden habit und kleidung tragen nach außweiß der regel. Es soll auch mit der kleidung wie gemelt die eptißin gleichheit halten. Unnd weil personen so sich der weldt verzichtet unnd ein willige armuth gelobt und geschworen, welcher pracht, uppigkeit leichfertigkeit ser übel anstehet, so verpiethen wir ihnen vorallem Paternoster umb die arm, gulden ring an fingern unnd was dergleichen uppigkeit mehr seindt.417 3 .4 .1 Die Kleidung Die oben zitierte Anordnung lässt darauf schließen, dass sich die Konventualinnen Reichklaras vor dem Reformprozess individuell kleideten und Schmuckstücke trugen. Nun wurden sie bezüglich der Kleidung und anderen Bedürfnissen vollständig durch das Kloster versorgt: Damit auch alle geordnete personen kein ursach haben mögen hinfürter ihre eltern und freundschafft zue bemühen oder ihnen etwas abzubettlen so verordnen und gepietten wir ernstlich bey ordens straff das die Abbatissin zue rechter und gebürlicher zeit einer ieglichen Closter 416 StadtA Mainz: U/1335 Juni 28. 417 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75v. Die Urbanregel, Kapitel IV, schreibt bezüglich der Kleidung folgendes vor: Ein igleich swester mag haben zwen rock oder mer, als es den gevellet der Abtassin (…) oder ein stamyni und einen mantel hinten zu samen geheft oder genuscht. (…) Der oberst rock sei beidev an den ermeln und an dem muder gevelliger preit und weit, also das die erbarkeit des ausern gewandes sey ein gezewg des ynnern kleides das nach geistlicher zuht stat. (…) Si schullen auch haben einen swarcen haubt, der schol als prait und als lank sein, das er ytweder halb ge pis auf die ahseln und hinden ein wenik über das haubtloch des rocks. Aber die swester die Noviczen sint die schullen tragen einen weissen weiel derselben maß und wilch. Aber die servicial swester die schullen tragen ein weisses tuch geschaffen als ein twehel uber ir haubt niht ze kosper noch ze hubsch als lank und als prait, daz si mugen bedeken ir schultern und auch die prust aller maist so sy aus gen, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 194. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 117 Junckfrawen alle notturfft bestellen und geben sol vermög der regul und im solchem gleichheit halten.418 Sie erhielten einfeltige419 Konventskleidung als Ausdruck von Bescheidenheit und Demut. Der Habit war ein äußeres Zeichen ihrer Weltabgewandtheit, ihrer Zugehörigkeit zur Klostergemeinschaft und der Jungfräulichkeit. Wie bei den männlichen Konventualen war er aus schwarzem Wollstoff gefertigt. Als Unterkleidung besaßen sie einfache Leinenhemden und über dem Habit trugen die Chorschwestern schwarze und die Laienschwestern weiße Schleier.420 Merkmale zeitlicher Zirden wurden gänzlich vermieden. Die Schwestern besaßen das Recht, alle fünf Jahre mit einem neuen Habit ausgestattet zu werden. Maria Ignatia Münchin bemängelte, dass eigentlich jedes dritte Jahr ein neuer Habit zur Verfügung gestellt werden müsse, da der Stoff nach dieser Zeit schon viel zu porös sei.421 Zu Beginn eines jeden neuen Jahres erhielten sie Stoff für die Anfertigung eines Hemdes, ein Paar Schuhe, ein Pfund spanische Seife für die Wäsche sowie ein Pfund Wolle, die sie für eigene Zwecke verwenden konnten. Einige erhielten außerdem Schürzen. Waschfrauen, vermutlich einige der Mägde, übernahmen regelmäßig die für die Schwestern kostenlose große Wäsche. Diejenigen, die über kleinere persönliche Geldbeträge (Spielpfennige) verfügten, bezahlten die Waschfrauen außerdem hin und wieder für die kleine Wäsche. Die Äbtissin beglich gelegentlich den entsprechenden Betrag für jene Schwestern, die sich dies nicht leisten konnten. Auch bot die Vorsteherin zuweilen an, ihnen bei dringendem Bedarf mit der nötigen Kleidung auszuhelfen. Darüber hinausgehende Wünsche mussten sich die Konventualinnen selbst erfüllen, wobei es vermieden werden sollte, qualitativ höherwer- 418 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 12v. 419 StA Würzburg, MRA H 1265, f. 19v. Die Statuten von Weißenfels schrieben 1513 bezüglich der Kleidung graue Mäntel und Stricke um den Leib vor. Die Ordenstracht sollte ohne jede Eigenheit und Auffälligkeit sein: Bühler, Klosterleben 415. 420 Schrohe, Reichklarakloster 32. 421 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 49. 118 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras tige Stoffe zu tragen als es in der Gemeinschaft üblich war.422 Maria Angela Vogtin sagte 1781 aus, die vorige Oberin habe geduldet, dass einige der Schwestern bessere Unterkleider trügen als die übrigen. Die jetzige aber habe dies verboten, so dass nun eine völlige Gleichheit in der Kleidung sei.423 Die Küsterin allerdings erhielt an Neujahr und an ihrem Namenstag von der Äbtissin einen Konventionstaler, um sich davon ein neues Kleidungsstück anzuschaffen. Auch verfügte sie, anders als die meisten ihrer Mitschwestern, über zwei Paar Schuhe.424 Die Küchenmeisterin und die beiden Scheibenschwestern waren ebenfalls im Besitz von zwei Paar Schuhen.425 3 .4 .2 Das Essen Für Wolfgang von Dalberg hatte, wie er in der Reformcharta betonte, der Gemeinschaftsaspekt auch hinsichtlich der Konventskost höchste Priorität: Es soll auch keine von gemainen disch sich absondern, ausgenommen die krancken. Bey angesetzter ordnung lassen wir es bleiben, das wan nemblich erwelten jungfrawn furthin alle sontag, dienstag und Donnerstag zu nacht gebratten fleiß geben soll, Es sey dan das die gemaine kirchen oder regel fasten einfielen oder man solches sonsten nit haben könt. Sie sollen auch sonsten uber der malzeit mit gemüß, eiern also abgespeist werden damit ihnen die notturfft nit mangels und sie nit billiche ursachen zu clagen haben. Der wein soll wie ihn Gott beschert gelassen und auch nach notturfft mitgetheildt werden.426 422 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf die Fragen 6 und 8. 423 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf Frage 7. 424 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Ignatia Münchin auf die Frage 6. Der Grund für die Tatsache, dass die Küsterin zwei Paar Schuhe besitzen durfte, wird nicht genannt. 425 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Coletta Schlipgen auf Subinterrogatum 1 der Frage 3. 426 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 119 Für die Zubereitung der Speisen war die Küchenmeisterin zuständig. Die Kellerin sowie mehrere Laienschwester und Mägde unterstützten sie bei ihrer Arbeit.427 Die Küchenmeisterin hatte die Befehlsgewalt über die in ihrem Bereich arbeitenden Laienschwestern, die Kellerin war weisungsbefugt gegenüber den Mägden und Knechten.428 Die Kellerin und die Speichermeisterin besaßen die Schlüssel zu den Vorratskellern, sie hatten für die Verwahrung der Lebensmittel zu sorgen. Zum Aufgabenbereich der Kellerin gehörte außerdem die Aufsicht über das Auftragen der Speisen.429 Die Küchenmeisterin begab sich nach dem Ende der Prim an ihren Arbeitsplatz und blieb, ausgenommen zu den Zeiten der geistlichen Exerzitien, den ganzen Tag über in der Küche. Nachdem das Essen für den Konvent zubereitet war, kümmerte sie sich um die Mahlzeit für das Gesinde. Aus diesem Grund nahm sie nicht am gemeinsamen Konventsessen teil. Über die Art der täglichen Speise entschied die Äbtissin. Die Küchenmeisterin hatte diesbezüglich bei ihr anzufragen. Die Kosten für die Lebensmittel wurden von ihr in fünf Rechnungsbücher notiert: Es gab eines für das Kalbfleisch, das zweite für das Hammelfleisch, in ein drittes vermerkte sie die Ausgaben für das Rindfleisch, in ein viertes notierte sie die Kosten für den Fisch. Schließlich existierte ein fünftes Rechnungsbuch für alle anderen Lebensmittel (spezereien). Diese Rechnungsbücher belegen, dass die Lebensmittel 427 Gemäß der Reformcharta von 1586 war die Beschäftigung von Mägden in der Konventsküche verboten: StA Würzburg, Mz Ingb. 77 f. 74v. Auch in anderen Bereichen sollte der Kontakt zum Gesinde möglichst vermieden werden. Tatsächlich jedoch waren stets mehrere Mägde im Klausurbereich tätig. Die Kellerin kommunizierte zudem mit den Knechten, etwa wenn sie schwere Waren und Gegenstände in die Vorratskeller transportieren sollten. 428 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Coletta Schlipgen auf Frage 20. 429 Die Kellerin besaß außer den Schlüsseln zu den Vorratskellern auch denjenigen für die Truhe, in der die Konventssiegel aufbewahrt wurden. Für diese Truhe, in der auch Bargeld und Silber gelagert wurden, existierten vier besunder schlüssel, von deren ein die Abbatissin, den andern die priorin, den dritten die kellerin, den vierten die Custorin haben sollen damit keine allein ohne der anderen beisein darübergehn oder kommen moge: StA Würzburg: H 1265, f. 23r. Die Truhe konnte demnach nur im Beisein der Äbtissin, der Priorin, der Kellerin sowie der Küsterin geöffnet werden. 120 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras nicht ausschließlich aus eigener Zucht oder klostereigener Herstellung kamen. Ein Teil der Waren wurde durch die Mägde oder den Schaffner hinzugekauft. Das erforderliche Geld wurde der Küchenmeisterin jeden Samstag von der Äbtissin ausgezahlt. Damit konnte sie in der jeweiligen Woche disponieren und Einkäufe in Auftrag geben.430 Alle Konventualinnen, deren Noviziat weniger als 22 Jahre zurücklag, waren im wöchentlichen Wechsel für das Decken der Tische verantwortlich.431 Der charta zufolge sollte es dreimal wöchentlich Fleisch zu den Mahlzeiten geben. Entweder beachteten die Schwestern diese Vorschrift nicht oder änderten sie zu irgendeinem Zeitpunkt: Belegt ist, dass mittags Suppe, Gemüse und zweierley Fleisch serviert wurde. Abends bekamen die Konventualinnen erneut Suppe und einerley Fleisch.432 Die im Wirtschaftshof oder auf den Gütern Reichklaras gehaltenen Tiere lassen darauf schließen, dass sie neben Rind, Hammel- und Lammfleisch auch Schweinefleisch und Geflügel verzehrten. Da Reichklara für die Wälder und Felder des Mönchhofs das kleine Jagdrecht besaß,433 wird zuweilen das Fleisch von Fasanen und Rehen den Speiseplan bereichert haben. An Freitagen als den Fast tagen beschränkte sich die mittägliche Mahlzeit auf je zwei Eier, Mehlspeisen oder Fisch, abends erhielten die Schwestern Suppe und eine weitere nicht näher benannte Speise.434 Zu beiden Mahlzeiten wurde ihnen je ein Schoppen Wein serviert, den sie gewöhnlich mit Wasser mischten. Bier wurde zu keiner Zeit gereicht. Konnte oder wollte eine der Schwestern ihre Mahlzeit oder den ihr zugedachten Wein nicht konsumieren, so hatte sie die Möglichkeit, ihre Portion einer ärmeren Kon- 430 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Coletta Schlipgen auf Frage 3 und Antwort auf das Subinterrogatum 2. 431 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 5. 432 Die Urbanregel hingegen verlangte, dass sich die Klarissen, außer im Krankheitsfall, zu jeder Zeit des Fleischessens enthielten: BF II 514. 433 Das kleine Jagdrecht besagte, dass die von Reichklara beauftragten Jäger Niederwild mit Flinten erlegen durften. Es war ihnen verboten, Kugelbüchsen zu benutzen, um größeres Wild zu jagen: StadtA Mainz: 13/337, 23. 434 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 10. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 121 ventualin, die über keinen oder nur über einen geringen Spielpfennig verfügte, zu schenken. Andere gaben ihre Mahlzeit den Mägden, die als Gegenleistung Besorgungen aus der Stadt erledigten.435 Trotz der oben aufgeführten Vielzahl der Speisen waren aus der Sicht einiger Konventualinnen die zugeteilten Mengen eher gering: Vermerkt wird, dass eine Schwester, die ihre Mahlzeit aus irgendeinem Grund an eine Mitschwester weitergab, sich einen Abbruch tun musste.436 Die meisten Schwestern sagten jedoch aus, dass sie mit der Menge und der Qualität des Essens zufrieden seien. Maria Antonetta Bollermännin bemängelte, dass zu wenig Obst gereicht werde, obwohl das Kloster über eine Vielzahl von Früchten verfüge und viele davon jedes Jahr verfaulten.437 An den „Generalspieltagen“, jeweils dienstags und donnerstags, war ihnen morgens früh und nachmittags der Konsum von Tee und Kaffee erlaubt. Vom Festtag der Geburt der heiligen Maria, dem 8. September, bis zum Tag der Auferstehung Christi erstreckte sich gemäß der Regel Urbans IV. die Fastenzeit. Davon ausgenommen waren die Sonntage und der Weihnachtstag. Zwischen der Auferstehung Christi und dem Fest der Geburt der heiligen Maria war das Fasten lediglich für die Freitage vorgesehen. Kranke waren vom Fasten dispensiert.438 Die Äbtissin sowie die Priorin sollten weder einen eigenen Raum noch eine besondere Speise beanspruchen, sondern ihr Essen gemeinsam mit den Konventualinnen einnehmen. Die Laienschwestern dagegen speisten an einem gesonderten Tisch,439 der Beichtvater in der 435 Für diese Dienste erhielt die Magd von den Schwestern außer gelegentlichen Mahlzeiten eine discretion in Form eines Rosenkranzes oder eines Amuletts, die an Neujahrstagen verschenkt wurden. Generell durften, mit Erlaubnis der Äbtissin, Kleinigkeiten verschenkt und kleine Geschenke behalten werden: DDAMz: K 102/II.1: Int 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Ignatia Münchin auf das Subinterrogatum 1 der Frage 10 und auf die Fragen 10, 51, und 52. 436 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf das Subinterrogatum 2 der Frage 10. 437 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 9. 438 BF II 512 – 513. 439 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf Frage 11. 122 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras beichtigerey. Äbtissin Maria Ursula Jäger erwähnte 1745, dass zuweilen kleine Kinder an den Mahlzeiten teilnehmen würden.440 Während der Mittags- sowie der Abendmahlzeiten war die geistliche Tischlektüre obligatorisch. Die entsprechenden Abschnitte aus der überwiegend hagiographischen Literatur, etwa den von dem Jesuitenpriester Matthäus Vogel zusammengestellten Heiligenlegenden, suchte die Äbtissin oder, in ihrer Abwesenheit, die Priorin aus.441 Alle zwei Wochen wurden für eine halbe Stunde Passagen aus der Ordensregel vorgelesen, die in Reichklara in einer deutschen Ausgabe vorlag.442 Die Tischleserinnen, die sich wöchentlich abwechselten, rekrutierten sich ebenfalls aus der Gruppe der Nonnen, deren Eintritt ins Kloster weniger als 22 Jahre zurücklag.443 Während der Amtszeit Maria Seraphina Fritschins wurde im Refektorium zuweilen gegen das Schweigegebot verstoßen und es fanden während der Mahlzeiten Gespräche über die wirtschaftliche oder personelle Situation des Klosters statt.444 Kurz nach Beendigung des Mittagessens mussten die Nonnen sich um halb eins nachmittags wieder zu den Arbeitsplätzen begeben.445 440 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Clausura, Antwort der Maria Ursula Jäger auf die Frage 3. Offenbar handelte es sich dabei um Kostkinder. 441 Leben und Sterben deren Heiligen Gottes auf alle und jede Täg der zwölf Monathen des ganzen Jahrs ausgetheilet, in einem kurzen Begriff zusammengezogen, und mit heilsamen Lehrstücken versehen, allen ihres Heils Begierden zur Nachfolg vorgestellt von P. Mathaeo Vogel, Bamberg und Würzbug 1770. 442 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 32. Es handelt sich hier um die Regel Urbans IV. 443 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 44. 444 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf die Fragen 23 und 24. 445 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 38. Münchin fügte hinzu, dass sie sich wünsche, nach Tisch nicht so gleich zur Arbeit gehen zu müssen. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 123 3 .5 Die Strafen Einmal wöchentlich fand, meist unter der Leitung der Priorin, eine Versammlung im Kapitelsaal statt. Hier sprachen die Schwestern über bevorstehende Entscheidungen bezüglich des Gemeinschaftslebens oder der Klosterwirtschaft.446 An diese Beratung schloss sich ein von der Äbtissin geführtes Schuldkapitel an, das gemäß der charta jeden Freitag abgehalten werden sollte.447 Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts reduzierte sich in Reichklara die Frequenz der Schuldkapitel auf etwa sechs jährlich. Auch an hohen Festtagen oder beim Vorliegen eines bestimmten Anlasses wurde ein Schuldkapitel abgehalten.448 Maegraith bezeichnet diese Vorgehensweise als innere Reglementierung,449 da sie die innerklösterliche Hierarchie stabilisierte. Die Vorsteherin erinnerte ihre Untergebenen an die jeweils zuletzt vorgefallenen Regelübertretungen. Dabei vermied sie es zunächst, die Schuldigen namentlich zu nennen. Die jüngste der Schwestern las von einem Bogen Papier im Namen aller Konventualinnen die gemeinen fehler ab. Diese bestanden zumeist in einer Nichtbeachtung des Schweigegebotes, in Unpünktlichkeit hinsichtlich des Chordienstes oder darin, sich während des Gottesdienstes nicht tief genug verbeugt oder die angemessenen Pausen während des Gesangs nicht eingehalten zu haben. Unrechtmäßiges Fernblei- 446 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragestücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 25. Manchmal fanden Beratungen, die eine Mehrheitsentscheidung herbeiführen sollten, im Zimmer der Äbtissin statt. 447 Die Urbanregel sah in Kapitel XII ein wöchentliches Schuldkapitel vor: Die Abtassin ist dar zu gepunden das sie ze minsten eines in der wochen ir swester schol laden ze capitel umb ir manung und ir ordenunge und ir widerbildnung. Zu dem capitel schol werden geseczet erbarmherczikleiche pusse nach der veryehunge der offen und gemeinen versaumnuß und schulden, zitiert nach Mattick, Urbanregel 209. Auch die Statuten des Klarissenklosters Weißenfels enthalten diese Bestimmung: Bühler, Klosterleben 416. Allgemein zu Strafmaßnahmen in frühneuzeitlichen weiblichen und männlichen Konventen: Ulrich L. Lehner, Monastic Prisons and Torture Chambers. Crime and Punishment in Central European Monasteries, 1600—1800, Eugene 2013. 448 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de cultu divino, Antwort der Maria Ursula Jäger auf Frage 6. 449 Maegraith, Zisterzienserinnenkloster 87. 124 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras ben vom Gottesdienst oder von der Beichte konnte eine gebührende Strafe nach sich ziehen.450 Die charta sah eine Strafe dreier Tage lang zu Wasser und Brot für den Fall vor, dass eine der Konventualinnen ohne ausreichenden Grund nicht am gemeinsamen abendlichen Lobgesang teilnahm.451 Das müßiggehen sollte, nachdem die betreffende Konventualin ein oder zweimal gütlich ermahnt worden war, also mit verdinter Straff angesehen werden, das andere ein exempel dran nehmen.452 Wegen des heimlichen Hortens von Besitz konnte einer Nonne für die Dauer von zwei Jahren das aktive und passive Stimmrecht entzogen werden.453 Des Weiteren durften hinfüro ohne die Erlaubnis der Äbtissin weder Briefe454 noch andere Gegenstände aus dem Kloster an Freunde oder Verwandte geschickt werden. Bei Zuwiderhandlung drohte eine in der charta nicht näher definierte sonderliche Strafe. Versäumnisse bezüglich des Silentiums sollten mit Worten geahndet werden.455 Die Konventualinnen hatten die Anklagen und die dafür zu tragenden Folgen ohne Widerspruch und mit Geduld anzunehmen. Es war ihnen untersagt, Klagen über eine erlittene Buße Freunden oder Verwandten gegenüber zu äußern.456 Die Äbtissin hatte ihrerseits bei den Disziplinarmaßnahmen auf Gerechtigkeit gegenüber den Konventualinnen zu achten, um Neid oder Missgunst zu vermeiden. Sie musste stets genau abwägen: Erfüllte sie diesen Anspruch nicht, machte sie sich selbst eines Vergehens schuldig und hatte sich gegenüber dem bischöflichen Ordinariat zu 450 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71v; StA Würzburg: MRA H 1265, f. 6r. 451 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v. Auch in Söflingen war die Strafe der Nahrungsbeschränkung auf Wasser und Brot in bestimmten Fällen vorgesehen: Frank, Klarissenkloster Söflingen 108. 452 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73r. 453 COED, XXV, de regularibus, cap. 2. 454 Die Verordnung, dass ausgehende Briefe zuvor von der Äbtissin zensiert werden mussten, findet sich bereits in den Statuten von Weißenfels: Bühler, Klosterleben 415. 455 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73v. 456 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 17v. Im Klarissenkloster Söflingen galt ebenfalls das Verbot, sich Fremden gegenüber zu innerklösterlichen Angelegenheiten zu äußern: Frank, Klarissenkloster Söflingen 108. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 125 verantworten.457 Verhielt sie sich zu nachlässig bei der Ahndung von Übertretungen ihrer Untergebenen, machte sie sich, zumindest formell, der weltlichen Obrigkeit gegenüber ebenfalls schuldig.458 Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass die Äbtissin jemals aufgrund einer zu milden Bestrafung zur Rechenschaft gezogen wurde. Eine Kommunität, die sich züchtig, ehrbarlich, fridtsamb unnd schwesterlich 459 dem Gottesdienst widmete, war der anzustrebende und stets auszubalancierende Idealzustand. Die Äbtissin wurde aufgefordert, ihrer mütterlichen sowie schwesterlichen Rolle zu entsprechen, indem sie beim Ermahnen Liebe, Sanftmut und Bescheidenheit walten ließ. Verhaltensänderungen ihrer Untergebenen seien, so die charta, eher durch Flehen und Bitten herbeizuführen als durch Unbarmherzigkeit.460 Maria Ignatia Münchin und Maria Angela Vogtin erklärten, 457 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73v. 458 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75v. 459 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76v. 460 Diese Vorgabe ist sowohl in der Reformcharta Wolfgang von Dalbergs niedergelegt (StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73v) als auch in Kapitel XXII der Urbanregel: Die swester schullen sich fleissen, das si ein soliche erwelen die an tugenten schein und den andern vor sei an heiligen siten furpas dann an dem ampt. Und die die gemeind halt an allen dingen also das die swester von irem guten pild geraizzet werden, das si ir mer gehorsam sein von mynne dann durch forcht, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 208. Eine Entsprechung für diese Fürsorge, die eher mit sanftem Tadel Veränderungen herbeiführen möchte als mittels harter Strafen findet sich im tridentinischen Bischofsideal: Die Synode möchte sie (die Bischöfe) zunächst ermahnen, dessen eingedenk zu sein, daß sie Hirten sind und keine brutalen Unterdrücker. Sie stehen ihren Untergebenen so vor, daß sie nicht über sie herrschen, sondern sie wie Söhne und Töchter und wie Geschwister lieben. Sie bemühen sich eifrig, sie durch Zureden und Ermahnen von Unerlaubtem abzuschrecken, damit sie im Falle eines Vergehens nicht gezwungen sind, sie durch gebührende Strafen zur Ordnung zu rufen. Haben die Untergebenen dennoch aus menschlicher Schwäche einmal gesündigt, müssen sich die Bischöfe an die Vorschrift des Apostels halten und sie in aller Güte und Geduld inständig bitten und zurechtweisen, denn Wohlwollen bewirkt gegenüber denen, die zurechtgewiesen werden müssen, oft mehr als Strenge, Ermahnung mehr als Drohung, Liebe mehr als Macht. Sollte aber wegen der Schwere des Vergehens die Rute nottun, dann muss die Härte mit Güte, das Urteil mit Barmherzigkeit, die Strenge mit Milde angewendet werden: COED, XIII, de reformatione. Das Leben der Vorsteherin sollte, wie das des Bischo- 126 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras solang sie im Kloster lebten, habe man den Delinquentinnen lediglich mehrmaliges Beten des Vaterunser auf dem Chor auferlegt, wobei sie zuvor den Schleier hätten abnehmen müssen.461 Es stünden, so Maria Aloysia Straubin, in ihren Statuten ganz entsetzliche Strafen, etwa für das Zuspätkommen zum Gottesdienst. Tatsächlich würden diese aber nicht angewendet. Insgesamt, so Straubin, sei festzustellen, dass die Konventualinnen aufrichtig bemüht seien, ihre Arbeit und den Gottesdienst angemessen durchzuführen. Dies ginge oft soweit, dass die Äbtissin sogar die Erkrankten aus dem Chordienst zwingen müsse, damit sie sich zu ihrer Erholung und Genesung die notwendige Zeit nähmen.462 Dieser Umgang mit unterschiedlichen „Vergehen“ und die Milde der „Strafen“ in Reichklara ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die normativen Vorgaben den Erfahrungen der Alltagsrealität von der Äbtissin entsprechend angepasst wurden. 3 .6 Krankheiten und Sterben Im Jahr 1666 litt die Stadt Mainz und damit auch das Kloster erneut unter einer Pestepidemie: Item hat in diesem Jahr 1666 die Contagion so stark regiert das in einer nacht offt 2 bis 3 Hundert Menschen begraben worden, und mit karren die Toten zur statt auß auf einen darzu geweyden Kirch Hof bekraben seindt worden, doch ist gottlob in unserem Closter nur eine kranck und in drey Tagen mit Todt Abgegangen, unsere Mitschwester Anna Marfes, in jeder Hinsicht gottgefällig und damit vorbildlich sein: Dargegen soll auch die Eptißin ihre anbevollenen Convents Personen als ihre liebe kinder und schwestern in ehren halten, lieben und mit gepürlich notturft versehen lassen: StA Würzburg: Mz Ingbr. 77, f. 76v. Ähnliche Verhaltensregeln galten für erzbischöfliche Visitatoren: Damit sich der Erfolg umso leichter und glücklicher einstellt, werden alle einzelnen (…), die mit der Visitation befasst sind, ermahnt, mit väterlicher Liebe und christlichem Eifer alle zu umfangen: COED, XXIV, de regularibus, cap. 3. 461 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Ignatia Münchin und der Maria Angela Vogtin auf Frage 46. 462 DDAMz: K 102/II:1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Aloysia Straubin auf Frage 46. 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 127 garetha Pistorin von Mainz, Kellerin, ist dergestalt mit Gift erfüldt gewesen das uns in 8 Tage Dockter und balbierer seind schier allhier mit allen einheimischen Dokter mit Tod abgangen. Dardurch mihr genöthiget, einen fremdten Dokter an die Handt zu bringen, welcher bezeiget das Solches Gift genugsam wehre für die gantze Stadt darmit zu end.463 Einige der obligatorischen Fragefelder anlässlich erzbischöflicher und ordensinterner Visitationen galten der Versorgung der Kranken. Körperliche Leiden wurden zwar als ein Nachleben der Leiden Christi betrachtet und stellten somit eine Herausforderung an die tatsächliche Glaubenskraft der Betroffenen dar,464 doch sowohl in Reichklara als auch in Armklara legten die geistliche und die weltliche Obrigkeit und die Nonnen selbst überaus großen Wert auf die sorgfältige Verpflegung erkrankter Mitschwestern. Dies wird durch die Tatsache belegt, dass eine der Schwestern zur angemessenen Versorgung der Bettlägerigen das alle drei Jahre neu zu besetzende Amt der Krankenwärterin versah. Auch achtete man bei der Zubereitung der Mahlzeiten auf die von den Kranken benötigte besondere Kost und man entband sie für die Zeit ihrer Genesung von der Beachtung bestimmter Regeln. Die Krankenwärterin wurde von einer Laienschwester, welche dabei die Arbeit einer Magd zu verrichten hatte, unterstützt.465 Gegenüber den Kranken und auch gegenüber der Krankenwärterin, solange sie ihr Amt ausübte, wurde das Schweigegebot gelockert.466 Sie sorgte für eine angemessene Verköstigung der Patientinnen, pflegte sie nach Anleitung des Arztes und begleitete im Fall von tödlichen Erkrankungen den Sterbeprozess. Das Krankenzimmer befand sich innerhalb der Klausur. Klosterfremde durften es in der Regel nur mit einer besonderen Erlaubnis des Vikariats betreten. Bei sehr ansteckenden Krankheiten wurde 463 StadtA Mainz: 13/336, 85. 464 Schneider, Ursulinenkonvent 276. 465 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 17. 466 Dies sah auch Kapitel IX der Urbanregel vor: Doch die kranken oder die siechen swester und auch die in dienent umb ir leichterung und umb irn dinst mugen si reden in dem siechaws, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 198. 128 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras die betroffene Nonne in einem Häuschen im äußeren Hof untergebracht. Arzneimittel erhielten die Schwestern auf Kosten des Klosters und im Bedarfsfall wurde ein Doktor oder ein Barbier konsultiert,467 die ebenfalls durch das Kloster entlohnt wurden.468 Sie durften ungeachtet der Klausurvorschriften in Begleitung der Krankenwärterin das Dormitorium oder das Siechenhaus betreten.469 Manche Doktoren und Barbiere betreuten das Kloster über viele Jahre mit viel Lieb und Treu und unterwiesen die Schwestern in der Herstellung bestimmter Medikamente oder in der Anwendung spezifischer Therapien.470 Eine der bevorzugten Maßnahmen war der Aderlass: Im Jahr 1659 waren im Krankenbereich Reichklaras neun große und elf kleine Aderlassbecken vorhanden.471 Die Urbanregel gestattete bis zu viermal jährlich die Anwendung eines Aderlasses.472 Wie aus dem Salbuch hervor- 467 Der Barbier war beispielsweise für die Herstellung von Salben, für das Ziehen von Zähnen oder den Aderlass zuständig: Hans Sachs, Eygentliche Beschreibung Aller Stände auff Erden, hoher und nidriger, geistlicher und weltlicher, aller Künsten, Handwercken und Händeln, Frankfurt am Main 1568, 57. 468 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 6. Der Doktor und der Barbier waren vom Kloster fest angestellt. Der Arzt erhielt für seine Dienste jährlich sechs Malter Korn, der Barbier jährlich zwei Malter Korn: StadtA Mainz: 13/336, 74. 469 Neben dem Doktor, dem Chirurgen und dem Barbier durfte auch der Scherer unter den Bedingungen die Klausur betreten, dass er gestandenen Alters und im ehestand war: StA Würzburg: MRA H 1265, f. 13v. In Kapitel XVIII der Urbanregel heißt es: Von dem vorgesprochen Verbot des eingens in das closter werd ausgenumen ein arczt von der sach vil swers sichtums und ein lasser so es notdurft vordert, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 204. 470 StadtA Mainz: 13/335, 10.8.1666. 471 StadtA Mainz: 13/336, 59. 472 Allerdings sollte der Aderlass nicht während der Fastenzeit vorgenommen werden. Kapitel XII der Urbanregel legt hierzu folgendes fest: Die gesunden swester sint niht gepunden zu vasten in der zeit ihrs lassens, das doch ein end schol nehmen in dreyen tagen auswendig den merern vasten und den vreitagen und dem advent und der vasten die gemeincleich der cristenheit ist geseczt, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 200. Bacher weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Aderlass bereits seit der Karolingerzeit in den Klöstern eine beliebte Möglichkeit darstellte, um eine Dispens vom Fasten 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 129 geht, wurde zeitweise Rainfarn als Heilmittel eingesetzt, vermutlich bei Wurmerkrankungen oder zur Abwehr schädlicher Insekten. Die gleiche Quelle erwähnt die Lieferung von Haselwurz von einigen der Güter. Diesen setzte man als Brechmittel ein.473 Vor allem die Visitationsprotokolle, das Memorienbuch und in zwei Fällen überlieferte Sterbeanzeigen lassen einige, wenn auch vage, Rückschlüsse auf die in der Klostergemeinschaft auftretenden Erkrankungen zu: 1553 starben innerhalb kürzester Zeit Beichtvater Johann Goldschmid von Überlingen, die Äbtissin, die Priorin und acht Schwestern an einer Epidemie (lues).474 Von der 1745 verstorbenen Kellerin Maria Margaretha Serarius wird berichtet, dass sie an einer langwierigen und auszehrenden Krankheit gelitten habe.475 Maria Josepha Völcklerin ertrug vor ihrem Tod 1748 eine schwere Kranckheit, die sie 15 Jahre lang plagte.476 Der Tod der 51-jährigen Maria Wilhelmina Jäger war die Folge einer halbjährigen Auszehrung.477 Nach einer fünf Jahre dauernden schmerzhaften Kranckheit starb Eugenia Theresia Geigelin.478 Einem Schlaganfall (Schlagfluss) erlag 1768 die 95-jährige Helene Ketterin,479 1770 starb die 47-jährige Clara Francisca zum Butzin an einer Lungenkrankheit (Brustwassersucht).480 Maria Franziska Wolffin wandte sich, ebenfalls 1770, an den Kurfürsten mit der Bitte, zwei Chorschwestern annehmen zu dürfen und zwar darunter eine höchstzu erhalten: Bacher, Klarissenkloster Pfullingen 115. Aufgrund der hohen Anzahl der Aderlassbecken ist zu vermuten, dass diese Möglichkeit auch in Reichklara genutzt wurde. 473 StadtA Mainz: 13/337, 5. 474 ZOG 19 (1866) 57. Der Name der Äbtissin wird an dieser Stelle nicht erwähnt. Aufgrund widersprüchlicher Lebens- und Todesdaten in den Quellen kann nur vermutet werden, dass es sich um Magdalena Horneck von Weinheim handelte. Auch ist es möglich, dass zwischen Magdalena Horneck von Weinheim und Ursula Steinhäuser von Neidenfels eine weitere Äbtissin amtierte, die in den bisher bekannten Quellen nicht genannt wurde. 475 StadtA Mainz: 111a (Sterbeanzeige der Maria Margaretha Serarius). 476 StadtA Mainz: 113a (Sterbeanzeige der Maria Josepha Völcklerin). 477 StadtA Mainz: 13/335, 19.12.1755. 478 StadtA Mainz: 13/335, 13.6.1760. 479 StadtA Mainz: 13/335, 22.1.1768. 480 StadtA Mainz: 13/335, 30.3.1770. 130 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras nötige Organistin. Der Chor sei nämlich seit einiger Zeit, so Wolffin, durch viele alte und immer kränkelnde Geistliche geschwächt.481 Maria Francisca Wolffin selbst starb ein Jahr darauf nach 22-jähriger Regierung ebenfalls an Wassersucht.482 Maria Thekla Königin und Maria Benedicta Beckerin starben beide relativ jung und kurz hintereinander an einem als hitzige Brustkrankheit bezeichneten Leiden der Atemwege.483 Bei dem Stickfluss, auf den man den Tod der Magdalena Theresia Kertznerin 1779 zurückführte, handelte es sich vermutlich um die Folgen eines Lungenödems. 1773 befand sich die Novizin Maria Aloysia Straubin für längere Zeit in der Krankenstube. Ihr Leiden ging laut der Diagnose mehrerer Ärzte auf eine Infektion mit Würmern und wurmschleim zurück.484 Von der Kellerin wurde 1781 berichtet, sie sei einige Jahre zuvor krank gewesen und habe Löcher im Hals. Aus diesem Grund könne sie nicht im Chor singen. Die letzte Äbtissin litt nach Angaben einiger Schwestern unter geschwollenen Füßen und brauchte ständig Medizin.485 Über die Chorschwester Eleonora Winkoppin wurde 1781 ausgesagt, sie sei nicht bei Vernunft. Sie glaube, man lege ihr Pulver ins Essen und sie laufe oft, Unverständliches rufend, allein in ihre Zelle. Darüber hinaus litt sie an der Gicht im höchsten Grad.486 Der Tod einer Nonne galt als die wahre himmlische Hochzeit mit dem Göttlichen.487 Man hoffte, dass der grundgütige Gott in Anschauung dero wohlgeführten Lebens-Wandel selbige in die Zahl seiner Auserwöhlten aufnehmen werde.488 Beim Tod der Anna Elisabeth Weickelin im Jahr 1692 wurde notiert, dass sie ihrem himmlischen Bräutigam sehr 481 DDAMz: K 102/II.2: Brief der Maria Franziska Wolffin an den Kurfürsten von 1770. 482 StadtA Mainz: 13/335, 24.2.1771. 483 StadtA Mainz: 13/335, 2.10.1777 und 31.8.1778. 484 DDAMz: K 102 /II.24. 485 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 40. 486 DDAMz: K 102/II:1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Angela Vogtin auf Subinterrogata 1 und 2. 487 Schneider, Ursulinenkloster 282. 488 StadtA Mainz: 113a (Sterbeanzeige der Maria Josepha Völcklerin). 3 Herkunft der Schwestern, soziale Zusammensetzung und Ämterverteilung 131 eyfrig und inbrünstig gedient habe, sie habe andächtiglich gelebt und sei auch also gestorben.489 Seit 1737 waren Priester der Kapuziner für die Organisation der Bestattung und für das Begräbnis der verstorbenen Schwestern in Reichklara zuständig, wobei ihnen der Beichtvater administrierte.490 Die Hinterlassenschaft der Verstorbenen fiel an das Kloster. Ihr Bett wurde zumeist an das Gesinde weitergegeben, manchmal an die Bewohner der Gutshöfe verschenkt. Die Kleidungsstücke erhielten die Mägde oder die ärmeren Schwestern, oftmals bekam eine der Laienschwestern den Habit. Das Weißzeug wurde von der Äbtissin unter den Chorschwestern verteilt.491 Im Untersuchungszeitraum konnte für 84 von 115 Schwestern das Sterbedatum ermittelt werden. Die folgende Tabelle veranschaulicht das Auftreten der Todesfälle in Reichklara im Verhältnis zum Jahresverlauf: Monat Anzahl der Todesfälle zwischen 1620 und 1781 Januar 13 Februar 10 März 8 April 3 Mai 4 Juni 4 Juli 3 August 5 September 6 Oktober 14 November 5 Dezember 9 489 StadtA Mainz: 13/335, 27.9.1692. 490 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 37. 491 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 18. 132 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Richard van Dülmen untersuchte die Mortalitätsraten in vier Mainzer Pfarreien für die Jahre zwischen 1676 und 1797. Dabei stellte es sich he raus, dass die Todesrate in der Stadtbevölkerung im März am höchsten war und im September noch einmal eine Spitze erreichte.492 In Reichklara dagegen klang die Sterberate im März nach einer Spitze im Januar ab. Die Umstellung von den Sommermonaten auf den Herbst scheint mit einer großen Belastung für die Klosterbewohnerinnen verbunden gewesen zu sein, da im Oktober die meisten Todesfälle verzeichnet sind. Maria Ignatia Münchin erwähnte 1781, dass es im Winter in den Zellen oft zu kalt sei. Man könne sich in ihnen dann kaum aufhalten und auch nicht schlafen. In den beheizbaren Konventsräumen durften sich die Schwestern nur bis acht Uhr am Abend aufhalten.493 Vermutlich trug diese Belastung zu der erhöhten Sterberate in den Herbst- und Wintermonaten bei. 4 Der Beichtvater Für Reichklara findet sich die erste Erwähnung eines Beichtvaters im Memorienbuch, das für das Jahr 1297 den Tod des Paters Herman von Luka vermerkt und ihn als beichtiger bezeichnet.494 1453, zu einer Zeit, als in Reichklara noch kein weltlicher Schaffner tätig war, übte ein Beichtvater namens Pater Konrad auch das Amt des Zinsmeisters aus und vertrat das Kloster in juristischen Angelegenheiten.495 Erst das franziskanische Generalkapitel von Valladolid im Jahr 1593 beschränkte den Aufgabenbereich des Beichtvaters auf die Seelsorge, das Spenden der Sakramente und das Lesen der Konventsmesse.496 Für die Verwaltung und die juristischen Belange des Klosters waren nun hauptsächlich der Schaffner und die Äbtissin zuständig. Dennoch kam es in Reichklara 492 Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Das Haus und seine Menschen, Bd. I, München 2005, 212. 493 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 99. 494 StadtA Mainz: 13/335, 17.10.1297. 495 StadtA Mainz: U/1453 August 29. 496 Philipp Hofmeister, Von den Nonnenklöstern, in: AkathKR 114 (1934) 11. 4 Der Beichtvater 133 weiterhin vor, dass der Beichtvater neben den geistlichen die Verantwortung für einige alltagspraktische Bereiche übernahm. So organisierte er Renovierungsarbeiten in der Kirche und für den Klosterbereich497 oder er schloss mit Hilfe eines Sozius im Namen des Klosters Verträge ab:498 Als 1660 die Privilegien und Freiheiten des Mönchhofs juristisch verteidigt werden mussten, hatte der Hof durch Beistand und Hülf guter Freunde wie auch vermittels Eifer und Fleiß des Paters Confessary (…) seine vorige uralte Freiheit wieder erhalten.499 Wolfgang von Dalberg ordnete 1586 an, dass es sich bei der Person des in Reichklara tätigen Beichtvaters um einen Mainzer Geistlichen mit einem ehrbaren Lebenswandel handeln solle, der geschickt sey solchem ampt der gepüer vor zu stehn und der seele heil (…) zu befürdern.500 Bis 1737 kam der Beichtvater aus dem Orden der Minderbrüder. Für seine Tätigkeiten erhielt er keine persönliche Entlohnung. Von Dalberg verfügte in diesem Zusammenhang, dass nit dem beichtvatter oder seiner person zür ergotzlichkait, sondern seinem Orden jerlichs zwei Malter Korn gegeben werden.501 Bis 1737 wohnte er in einem im Klosterhof gelegenen Häuschen (beichtigerey) und nahm die Mahlzeiten entweder beim Schaffner oder in einem nahe gelegenen Gasthaus ein.502 An den Tagen der Beichte erhielt er seine Mahlzeiten aus der Klosterküche, durfte sie jedoch nicht innerhalb des Klausurbereiches zu sich nehmen. Der Pater aus dem Kapuzinerorden, der von 1737 an Reichklara seelsorgerisch betreute, wohnte nicht mehr auf dem Klosterhof. Lag jedoch eine der Schwestern im Sterben, so logierte er in diesem inzwischen renovierten Häuschen gemeinsam mit einem andern Bruder der Kapuziner zuweilen 8, 14 oder 24 Tage lang, um der Kranken in articulo mortis den beystand eines Priesters zu willfahren.503 497 StadtA Mainz: 13/335, 15.9.1674. 498 StadtA Mainz: 14/410. 499 StadtA Mainz: 13/336, 18. 500 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 501 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 7r. 502 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v. 503 StadtA Mainz: 12/330: Schreiben der Maria Francisca Wolffin an den Kurfürsten. 134 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras 4 .1 Die Beichte Die Schwestern beichteten jeden Sonntag504 und bei Bedarf während der Woche ein- oder zweimal.505 Die Frequenz der Beichten war demnach zumindest während des 18. Jahrhunderts in Reichklara wesentlich dichter als es das Tridentinum, das sich diesbezüglich an der Regel der heiligen Klara orientiert hatte, vorschrieb.506 Drei Tage vor der Beichte und noch einmal unmittelbar vor dem Betreten des Beichtstuhls wurden im Beisein aller Schwestern die Ordensregel und die Klosterstatuten vorgelesen.507 Der Beichtvater als ein sehr nützlich Mittel des Heils sollte während des Beichtgesprächs idealerweise als Seelenarzt und weiser rath, Lehrer und Tröster abschrecken und anmahnen.508 Grundlegend für den Beichtvorgang war die Fähigkeit des Paters, Gemütslage und Gedankengänge der Beichtenden zu erschließen und eventuelle Missstimmungen herauszuhören. Sollte sich bei einer der Schwestern eine elementare Unzufriedenheit mit ihrem Leben in der Klausur offenbaren, so war es seine Aufgabe, diese Zweifel mit väterlicher Geduld, Milde und Demut zu kompensieren.509 Er hatte die Beichtende nach Befinden der Person (…), so zur Sünde geneigt, streng zu ermahnen, damit sie sich derer enthalte. Aufsässige Gedanken, Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit gegenüber liturgischen Pflichten sollten nicht unentdeckt bleiben, sondern vom Beichtvater kreativ aufgefangen werden: 504 COED, XXV, de regularibus, cap. 10: Die Bischöfe und übrigen Oberen von Nonnenklöstern achten gewissenhaft darauf, dass die Nonnen (…) wenigstens einmal im Monat ein Bekenntnis ihrer Sünden ablegen und die hochheilige Eucharistie empfangen, damit sie sich mit diesem heilsamen Schutz wappnen, alle dämonischen Angriffe zu bestehen. Zusätzlich zum ordentlichen Beichtvater wird vom Bischof und den anderen Oberen zwei- oder dreimal im Jahr ein weiterer außerordentlicher Beichtvater zur Verfügung gestellt, der die Bekenntnisse aller hören soll. 505 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antworten der Schwestern auf Frage 9. 506 Die Regel Klaras sah zwölfmaliges Beichten im Jahr vor: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 117. 507 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v. 508 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 509 Schneider, Ursulinenkloster 266. 4 Der Beichtvater 135 Viele, so sonsten hinlässig sind in gemüth sinn und gedanken soll man zu Gott setzen.510 Bis Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Beichte am Gitter (gerembs) des Beichthauses abgenommen. Der Beichtvater befand sich dabei außerhalb der Klausur, die Beichtende saß auf der anderen Seite des Gitters innerhalb des Klausurbereiches.511 Im 18. Jahrhundert hörte der Pater die Beichte in einem Beichtstuhl auf dem Chor, wobei der Beichtstuhl etwa seit 1730 so angeordnet war, dass der Pater ihn betreten konnte, ohne die Klausurvorschriften zu verletzen.512 Erkrankte eine der Schwestern, durfte er den Klausurbereich betreten. Er wurde von der Äbtissin zum Krankenbett gebracht und von ihr anschließend wieder hinausbegleitet. In solchen Fällen, so schrieb es die charta vor, solle ein geselle erbaren wandels513 und gestandenen alters514 mit ihm gehen. Der Begleiter stand während der Beichte und des Spendens der Sakramente an der offenen Tür des Krankenzimmers, damit er alles Gesprochene hören konnte.515 Zum Sprechgitter im Sprachhaus hatte der Pater allerdings stets Zugang, um sich mit der Äbtissin oder der Priorin verständigen zu können.516 Die Schwestern erwarteten von ihrem ständigen Beichtvater sowohl geistliche Führung und Orientierung als auch Integrität und Loyalität. Im Jahr 1737, als sich die vom Beichtvater mit verursach- 510 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 511 Bei der Beichte am Beichtgitter (gerembs) handelte es sich laut dem Ordenstatut von 1585 um einen alten löblichen Brauch: StA Würzburg: MRA H 1265, f. 7v. 512 DDAMz: K 102/II.3c. 513 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72v. 514 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 7r. 515 Das Statut von 1585 setzt hinzu: Damit er den Beichtvater sehe und auch von ihm mocht gesehen werden: StA Würzburg: MRA H 1265, f. 7r. Ähnlich ist es in Kapitel VII der Urbanregel formuliert: Ist aber eine der swester begriffen mit so grosser unkraft des leibes, Das sy zu dem redvenster gefelliklich nicht kumen mag, und hat sy notdurftig ze peihten oder unsern herren oder ander sacramente ze empfahen, so schol der prister dar eingen angelegt mit einer alben und mit einer stolen und mit einen hantvan und mit zweyen Erbergen und geistlichen gesellen oder ze minsten mit einem, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 196. 516 DDAMz: K 102/II.3c. 136 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras ten Streitigkeiten unter den Nonnen zugespitzt hatten, war deutlich geworden, welche Auswirkungen eine vertrauensvolle Seelenführung oder aber auch ein als taktlos empfundenes Verhalten des Beichtvaters auf die Befindlichkeit der Nonnen hatte und in welchem Maße er als männliche Autorität das zerbrechliche Gefüge des Miteinanders innerhalb einer Klostergemeinschaft beeinflussen konnte.517 Nachdem das bischöfliche Ordinariat dem Wunsch des Konventes gefolgt war und ihm Seelsorger aus dem Kapuzinerorden zugewiesen hatte, waren zeitweise zwei Kapuziner als Beichtväter in Reichklara tätig, von denen der eine auf dem Chor, der andere im Sprachzimmer die Beichte hörte.518 Der außerordentliche Beichtvater kam aus dem Orden der Jesuiten und erschien dreimal jährlich: am Fest Portiunkula, zu Anfang der Fastenzeit und zu Beginn des Advents.519 Da er mit dem Kloster weniger eng verbunden war als der reguläre Beichtvater, konnten ihm die Nonnen möglicherweise unbefangener gegenübertreten und ihre Gedanken offener äußern. 5 Exkurs: Was bewegte Frauen in der Frühen Neuzeit zum Eintritt in ein Kloster? In der Frühen Neuzeit konnte eine monastische Lebensweise für Frauen aller Stände eine alternative Existenz gegenüber der Ehe und die Möglichkeit einer zumindest rudimentären Ausbildung bedeuten. Der Status einer Nonne war aufgrund ihrer Gebetsleistung überdies gesellschaftlich akzeptiert und geachtet. Im Kontext ihres Vertrages, den Anna Rosina Vogtin, die später den Klosternamen Maria Angela erhielt, im Juni 1759 mit dem Reichklara-Kloster schloss, begründete sie ihre 517 Zum Einfluss des Beichtvaters klausurierter Nonnen auf die Atmosphäre im Konvent: Schneider, Visitationsprotokolle 222. 518 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 34. 519 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Ecclesiastica, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 16. 5 Exkurs: Was bewegte Frauen in der Frühen Neuzeit zum Eintritt in ein Kloster? 137 Entscheidung mit religiösen Motiven:520 Nach dem Christ-Catholischen Lehrsatz sei der Mensch dazu berufen, dass er einmahl in Himmel kommen solle. Daher seye ein jeder Mensch zu Erreichung dieses Endzweckes zu einem gewissen Standt von Gott berufen. Aus diesem Grund war sie dazu entschlossen, nächstkünftigen Mon- oder Dinnstag in das allhiesige (…) Jungfräuliche Closter Sta Clarae einzutreten, darinnen auch hoffentlich mit der Gnad und Hülf Gottes sowohl zur Einkleidung als Profession gelangen, und dadurch der Welt gäntzlich abzusterben. Die Klausel des Vertragstextes besagt, dass Anna Rosina Vogtin ihren Vater für das Vermögen, das ihr die verstorbene Mutter hinterlassen hatte, als Erben einsetzte. Der Vater verpflichtete sich, bei Erbantritt das Einbringungsgeld und die Kosten für die Einkleidungs- und Professionsfeierlichkeiten zu begleichen. Außerdem sah der Vertrag vor, dass er für seine Tochter ein Kapital von 1000 Gulden anlegte, damit sie daraus einen jährlichen Spielpfennig in Höhe von 50 Gulden erhalte. Nach ihrem Tod sollte diese Summe dem Kloster zukommen. Dem Inhalt des Schreibens nach zu urteilen, vollzog Anna Rosina Vogtin diesen wichtigen Schritt aus eigenem Erwägen und Ermessen heraus. Marietta Meier stellt für die Frühe Neuzeit in den meisten Fällen die Freiwilligkeit des Klostereintritts seitens der Postulantinnen infrage. Obwohl sich ihre Studie auf die Situation adliger Töchter konzen triert, ist sie im Zusammenhang mit der Suche nach den Beweggründen junger Frauen, in ein Kloster einzutreten, durchaus auch für andere Gesellschaftsschichten repräsentativ. Meier sieht das hauptsächliche Motiv für den Entschluss von Eltern mehrerer Töchter, eine von ihnen ins Kloster zu geben, darin, dass nicht alle Mädchen einer Familie verheiratet werden konnten. Nach dieser These hatten Klöster einen bedeutenden Stellenwert als Versorgungsstätten, eine religiöse Motivation dagegen ist aus dieser Perspektive in wesentlich geringerem Maß 520 StA Würzburg: MRA K 740/2780. Von Anna Rosina Vogtin, der späteren Maria Angela Vogtin, ist neben dem hier erwähnten Vertrag eine Supplikation an den Kurfürsten im Zusammenhang mit der Höhe ihres Spielpfennigkapitals und der Amortisationsverordnung von 1737 überliefert. In diesem Schreiben nennt sie die jährliche Auszahlung ihres tatsächlich außergewöhnlich hohen Spielpfennigs als einen Grund für ihren Klostereintritt: vgl. Kapitel III 6.2 der vorliegenden Arbeit. 138 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras entscheidend gewesen. Die jungen Frauen, so Meier, hätten mit diesem Schritt lediglich die Erwartungen des Familienverbandes erfüllt.521 Für Muschiol ist der Versorgungsaspekt ebenfalls von Bedeutung, jedoch in positivem Sinn: Sie sieht darin eine notwendige Funktion für die mittelalterliche und auch weiter für die frühneuzeitliche Gesellschaft.522 Woodford bestätigt diesen Aspekt und ergänzt ihn mit folgender Feststellung: Having a daughter become a nun was cheaper than arranging a marriage for her to a man of the appropriate circle. Sie verweist außerdem auf die nicht zu unterschätzende Möglichkeit junger Nonnen, im Kloster Basiskenntnisse des Lesen, Schreibens, Handarbeitens, Musizierens und der lateinischen Sprache zu erhalten. In der Ausübung der ihr zugewiesenen Ämter lernten sie, verantwortungsvoll mit unterschiedlichen Herausforderungen umzugehen. Darüber hinaus könnten sie, so Woodford, gegebenenfalls Kompetenzen als Chronistinnen erwerben oder Biographien von Heiligen verfassen, während das Metier der Historiographie weltlichen Frauen in der Frühen Neuzeit im Allgemeinen verschlossen blieb.523 Schutte gibt jedoch zu bedenken, dass Töchter in vielen Fällen explizit gegen ihren Willen in einem Kloster weggeschlossen wurden, um sie zugunsten älterer Geschwister aus der Erbfolge zu nehmen.524 Leonhard hingegen betont, dass die Klausurierung für diejenigen Frauen, die sich auf der Suche nach spiritueller Erfahrung und Erfüllung für ein monastisches Leben entschieden hatten, eine Befreiung von den Erwartungen und Bedrängnissen der Außenwelt bedeutet haben konnte. Die Einschließung habe in diesen Fällen eine emotionale Unabhängigkeit gewährleistet, die innerhalb der weiblichen Kommunität in einer Art Schutzraum gelebt werden konnte.525 Dieses Argument wird durch die These Evangelistis unterstützt, die im 521 Marietta Meier, Warum adlige Frauen in ein Stift oder Kloster eintraten. Zum Zusammenhang der Kategorien Stand, Familie und Geschlecht, in: Veronika Aegerter u. a. (Hrg.), Geschlecht hat Methode. Ansätze und Perspektiven in der Frauen- und Geschlechtergeschichte, Zürich 1999, 109. 522 Muschiol, Reformation 183. 523 Woodford, Nuns 4. 524 Anne Jacobson Schutte, By Force and Fear. Taking and breaking monastic vows in Early Modern Europe, Ithaca 2011, 2. 525 Leonhard, Nails 155. 5 Exkurs: Was bewegte Frauen in der Frühen Neuzeit zum Eintritt in ein Kloster? 139 klösterlichen Dasein für frühneuzeitliche junge Frauen eine Alternative zur Ehe sieht oder in manchen Fällen sogar einen Weg, der Heirat zu entgehen.526 Dass Frauenkonvente von der Gesellschaft tatsächlich und selbstverständlich auch als Versorgungsstätten wahrgenommen wurden, belegt ein Gutachten im Zusammenhang mit Plänen zur Aufhebung wohlhabender Konvente zugunsten gemeinnütziger Einrichtungen während der Mainzer Aufklärung.527 Reichklara und Armklara boten für Frauen aus dem Adel und dem Bürgertum eine durchaus standesgemäße alternative Existenzform zur Heirat. Für Postulantinnen aus Handwerkerfamilien oder aus dem Bauernstand konnte der Eintritt in einen der Konvente einen sozialen Aufstieg bedeuten, da beide Klöster innerhalb der Residenzstadt Mainz und weit über sie hinaus großes Ansehen genossen. Die konkreten Ursachen einer Entscheidung für ein monastisches Leben sind jedoch nur in wenigen Fällen nachzuweisen. Bei Anna Rosina Vogtin etwa könnten, außer der Aussicht auf den hohen Spielpfennig, mehrere Gründe ausschlaggebend gewesen sein: Sie war Halbwaise und fühlte sich möglicherweise ihrem Vater und ihren beiden Geschwistern gegenüber verpflichtet, ins Kloster einzutreten. Sie selbst war damit ökonomisch versorgt und konnte dem Vater und den Geschwistern das mütterliche Erbe hinterlassen. Salome Schnug wurde 1767 mit 30 Jahren in Armklara eingekleidet. Ihre beiden Schwestern waren verheiratet, die beiden Brüder als Handwerker tätig. Für sie selbst, als unversorgtes Mitglied der Familie, stellte das Konventsleben die Möglichkeit dar, einen eigenständigen und von der Gesellschaft geachteten Weg zu gehen.528 526 Evangelisti, Nuns 16. 527 Vgl. Anmerkung 678 der vorliegenden Arbeit. 528 Falck, Die letzte Äbtissin 62. 140 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras 6 Postulantinnen und Novizinnen Die Aufnahme in eine klösterliche Gemeinschaft vollzieht sich in drei unterschiedlichen Weihestufen, verbunden mit den jeweiligen rituellen Handlungen: das Postulat, das Noviziat und die Profession. Das Postulat bedeutet noch keinen Abschied vom weltlichen Leben: Vor dem Beginn ihres Noviziats verbrachte Maria Aloysia Straubin aus Königstein sieben Monate in Reichklara.529 In dieser Zeit sollte sie für sich entscheiden, ob sie die ewigen Gelübde ablegen oder einen weltlichen Lebensweg einschlagen wollte. Gleichzeitig hatte die Klostergemeinschaft Gelegenheit, sie kennenzulernen und ihre Eignung für den Konvent einzuschätzen. Auch Kinder konnten für eine begrenzte Zeit aufgenommen werden, wenn von den Eltern ein entsprechendes Kostgeld gezahlt wurde. Gab man sie mit der Absicht ins Kloster, dass sie zu gegebener Zeit den Habit anlegten, nahm der Konvent sie ohne diese Zahlung auf. Vor diesem dauerhaften Verbleib der Heranwachsenden in Reichklara sollten die Eltern an das gerembs kommen und ernstlich befragt werden, ob das ihre wohlbedachte und ernstliche mainung sey, das das Kind den Orden annehme und die Tag seines Lebens darbei bleiben soll.530 Zu diesem Zeitpunkt mussten die Mädchen mindestens neun Jahre alt sein. In diesem Alter, so glaubten die Ordensoberen und die weltliche Obrigkeit, seien sie in der Lage, die Tragweite der Entscheidung für ein klausuriertes Lebens zu verstehen. Keinesfalls durfte das Kind zu diesem Schritt überredet oder gar gegen seinen Willen im Kloster behalten werden: Es soll die gelegenheit des kindts wohl erwogen und sonderlich dahin gesehen werden ob auch sein sin und gemueth dahin stehe.531 Für das 529 DDAMz: K 102/II.24. 530 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75r. 531 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75r; COED, XXV, de regularibus, cap. 17 und 18. Vor dem Tridentinum hatten gelegentlich Kinder im Alter von acht Jahren oder noch jünger die ewigen Gelübde abgelegt: Woodford, Nuns 4. Die Reformbewegung des 14. und 15. Jahrhunderts hatte bereits die Relevanz der Freiwilligkeit des Klostereintritts betont. Aus diesem Grund sollten die ewigen Gelübde in einem mündigen Alter erfolgen: Eva Schlotheuber, Klostereintritt und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter, Tübingen 2004, 129. 6 Postulantinnen und Novizinnen 141 Anlegen des Habits war ein Mindestalter von zwölf Jahren erforderlich. Hatte sich die Postulantin mit dem Einverständnis ihrer Eltern für das Noviziat entschieden, sandte die Behörde zwo oder mehr qualifirierte personen mit dem Auftrag zum Kloster, noch einmal zu ermitteln, ob die Aspirantin diesen Schritt tatsächlich aus freiem Willen tat. Die entsprechende Befragung fand in der Klosterkirche, demnach außerhalb des Klausurbereiches, statt. Es wurde darauf geachtet, dass weder die Äbtissin noch eine der anderen Schwestern bei der Unterredung zugegen war. Die Postulantin sollte sich nicht durch Freundschaften oder Verpflichtungen gedrängt fühlen, sondern sich unabhängig und unbeeinflusst äußern und entscheiden können. Die Aufgabe der Delegierten bestand darin, ihre Gemütslage zu erkennen: Kamen sie zu dem Schluss, dass es nicht dem freien Willen der Postulantin entsprach, künftig im geistlichen Stand zu leben, forderte man sie auf, zu einem andern annemblichen zu greiffen, das ihr auch frey stehen soll.532 Wie viele Anwärterinnen auf ein Noviziat dennoch seitens ihrer Verwandten durch einen mehr oder weniger psychischen Druck in das monastische Lebensmodel hineingezwungen wurden, ist den Quellen nicht zu entnehmen.533 Es gibt keinen Beleg dafür, dass Postulantinnen und Novizinnen seitens der Ordensoberen und des Bischofs auf die Möglichkeit hingewiesen wurden, dass sie unter bestimmten Umständen von den ewigen Gelübden entbunden werden konnten. Dazu musste innerhalb einer Fünfjahresfrist ein entsprechendes Gesuch an den Bischof gerichtet werden.534 532 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 75v. John O’Malley erinnert im Hinblick auf diese „Freiwilligkeit“ daran, dass eine Postulantin, die vor ihrer Profession in sehr jungem Lebensalter bereits einige Jahre im Konvent gelebt hatte und der Außenwelt daher entfremdet war, sich kaum gegen eine lebenslange Existenz im Kloster entscheiden konnte: John O’Malley, Catholicism in Early Modern History. A Guide to Research, Missouri 1988, 136. 533 Schneider betont, dass dennoch an der Ernsthaftigkeit der Berufung und der Freiwilligkeit der Entscheidung für den Ordensstand nicht grundsätzlich gezweifelt werden sollte: Schneider, Ursulinenkonvent 56. 534 COED, XXV, de regularibus, cap. 19. Damit diesem Gesuch stattgegeben werden konnte, musste die Nonne nachweisen, dass sie unter dem Einfluss von Gewalt und Furcht in eine Religiosengemeinschaft eingetreten war. Über 142 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Doch auch seitens des Konventes wurde die Annahme einer Novizin sorgfältig erwogen. Für die Entscheidung zur Aufnahme waren mehrere Faktoren bedeutend: Neben ihrer sozialen Integrationsfähigkeit spielte durchaus die Höhe der Mitgift eine Rolle, die die Novizin würde einbringen können. Es wurden allerdings auch Anwärterinnen mit einer geringen Mitgift angenommen. Vor dem Ablegen der ewigen Gelübde durfte sich das Kloster allerdings keine materiellen Zuwendungen aus dem Besitz der Novizin oder ihrer Eltern auszahlen lassen, damit die Entscheidung für oder gegen die endgültige Abkehr von der Welt nicht durch einen dem Konvent eventuell entstehenden finanziellen Schaden beeinflusst wurde.535 In einigen Fällen gewährte man Postulantinnen den Zutritt in das Klosterleben, die keinerlei Unterhaltszahlungen würden leisten können. Sie zeichneten sich dafür durch besondere Fähigkeiten aus, die für den Alltag im Konvent nützlich waren.536 Entsprechende ökonomische Verluste mussten durch wohlhabendere Novizinnen ausgeglichen werden. Wenn die Postulantinnen nach ihrer Einkleidung den Status von Novizinnen erlangt hatten, fiel ihre Betreuung, Belehrung und Disziplinierung in den Zuständigkeitsbereich der Novizenmeisterin.537 Sie besaßen nun als äußeres Zeichen der Abwendung von der profanen Welt und der Integration in das Klosterleben keinerlei weltliche Kleidung mehr. Auch in spiritueller Hinsicht wurden sie angehalten, sich auf den kontemplativen Alltag vorzubereiten. Dazu unterlagen sie die Ursachen und Folgen entsprechender Petitionen: Schutte, Force and Fear 57. Bezüglich Reichklaras ist ein einziger Fall urkundlich belegt, in dem eine Nonne das Kloster mutwillig verlassen hat: 1367 kehrte Grede zum Jungen, zum Unwillen ihrer beiden Brüder, nach Hause zurück: U/1367 Juli 13. 535 COED, XXV, de regularibus, cap. 16. Diese Vorschrift wurde in Reichklara nachweislich bei der Aufnahme der Clara Theresia Bissinger umgangen: Ihre Eltern gaben im Jahr 1755 noch vor Ihrer Einkleidung Ein capital von 500 Reichstalern: StA Mainz: 13/336, 207. 536 Maria Ignatia Münchin etwa brachte keine Mitgift ein, sie war jedoch eine gute Orgelspielerin und hatte das Amt der Orgelmeisterin inne: DDAMz: K 102/II.1: Visitation 1781. 537 Novizenmeisterinnen sind schon vortridentinisch in den reformierten Frauen klöstern nachweisbar. Eine ehrbare Schwester gereiften Alters sollte diese Aufgabe erfüllen: Bühler, Klosterleben 414. 6 Postulantinnen und Novizinnen 143 einem fast durchgängigen Schweigegebot. Lediglich einmal in einem Vierteljahr durften sie an einem sogenannten „Spieltag“ mit den anderen Konventualinnen kommunizieren.538 Die Novizenmeisterin sorgte auch räumlich für eine zeitweilige Absonderung der neuen Konventsmitglieder, damit sie in der Einsamkeit desto mehr im Geistlichen zunehmen mögen,539 bereitete sie auf eine von der Außenwelt abgewandte Lebensweise vor und gab ihnen Instruktionen bezüglich des geistlichen Gesanges sowie der geistlichen Betrachtung.540 Sie lernten die genauen Inhalte und Bedeutungen der Ordensregeln und Statuten sowie die Abläufe der Gottesdienste kennen. Die Novizenmeisterin erteilte ihnen Anweisungen hinsichtlich des Schweigegebotes, der klösterlichen Tischsitten, des Ablegens der Beichte und des Verhaltens gegenüber der Äbtissin und dem Beichtvater. Sie vermittelte Grundkenntnisse in Latein, da ein Großteil der liturgischen Gesänge in dieser Sprache verfasst war. Wenn die Schwestern im Noviziat noch nicht das Nähen, Weben oder Spinnen beherrschten, so erhielten sie entsprechenden Unterricht. Am Ende des Probejahres sollten sie in der Lage sein, die liturgischen Pflichten und die organisatorischen Anforderungen des Klosteralltags zu erfüllen. 538 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf das Subinterrogatum 5. Kapitel III der Urbanregel legt Folgendes bezüglich der Aufnahme von Postulantinnen fest: Alle die man zu disem leben will empfahen, (…) den schol man die hert und die streng, mit der man da zu got gat, vor sagen und auch die dinck die nach disem orden vestigliche ze behalten sind, durch das sy sich her nach niht entschuldigen von ir unwisend. (…) Denselben schol man ein meisterin geben, die sy lere zuht und geistlich leben. Zu dem rat des Capitels schullen sy innerhalb dem iar nicht kumen, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 193. 539 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1778, Antwort der Novizenmeisterin Maria Benedicta Beckerin auf Frage 16. 540 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antworten der Schwestern auf Frage 13. Ursprünglich zählte die Unterrichtung der Novizinnen im geistlichen Gesang zu den Aufgabenbereichen der Priorin. Maria Antonia Kikophin wies darauf hin, dass die geweihten Chorschwestern bezüglich der Liturgie nicht mehr angeleitet würden, sondern für sich exercieren: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonia Kikophin auf Frage 31. 144 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Unter der Novizenmeisterin Maria Angela Vogtin wurden die Novizinnen morgens eine Stunde und nachmittags zwei Stunden instruiert,541 wobei ihr zur Schonung neigender Umgang mit der Novizin Magdalena Halbauin zu Konflikten innerhalb der Konventsgemeinschaft führte: Maria Angela Vogtin hatte ihren Schützling durch die Äbtissin vom Treten und Ziehen des Balges an der Orgel befreien lassen. Dies verursachte einiges Murren, da andere Nonnen an ihrer Stelle diese Arbeit verrichten mussten. Die Äbtissin bereute nun, Magdalena Halbauin von ihren Pflichten dispensiert zu haben und wollte sie erst dann zur Profession zulassen, wenn sie verspreche, ihre Schuldigkeit am Balg zu tun.542 Abgesehen von der Äbtissin, der Priorin und der Novizenmeisterin sollte die neue Mitschwester von keiner anderen Nonne zusätzlich instruiert oder korrigiert werden. Ob eine Novizin für das Leben in der Klostergemeinschaft geeignet war, entschied den tridentinischen Dekreten zufolge gegen Ende der Probezeit die Äbtissin nach eingehender Beratung im Kapitel. Dort wurden das Verhalten der Anwärterin in der Gemeinschaft und ihre Eignung für die geistlichen Verpflichtungen erwogen. Hielten die Schwestern sie für untauglich, konnte sie aus dem Kloster gewiesen werden.543 Hatte sich die Konventsgemeinschaft für die Annahme einer Novizin, die bereits ihr Probejahr vollzogen hatte, entschieden, musste die Äbtissin vier Wochen vor dem Ablegen der Profession den Bischof über das abzuhaltende Examen informieren.544 Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Gelübde im Beisein des Provinzials und der Äbtissin abgelegt, danach vor einem Abgesandten der weltlichen Obrigkeit.545 Zum Zeitpunkt der Vereidigung auf die Ordensgelübde 541 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf das Subinterrogatum 5. 542 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf Frage 99. 543 COED, XXV, de regularibus, cap. 16. Es gibt keine Hinweise dafür, dass in Reichklara zu irgendeiner Zeit eine Novizin ausgewiesen wurde. 544 COED, XXV, de regularibus, cap. 17. 545 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 30. 6 Postulantinnen und Novizinnen 145 musste die Novizin mindestens 16 Jahre alt sein546 und zuvor wenigstens ein Jahr ununterbrochen zur Probe im Konvent gelebt haben.547 Die Zeremonie vollzog sich bis zur Regierungszeit der letzten Äbtissin nicht auf dem Nonnenchor, sondern in der Kirche. Erst unter der Vorsteherin Maria Seraphina Fritschin wurde sie auf dem Nonnenchor, also innerhalb der Klausur, vollzogen.548 Die Professionsformel nach der Urbanregel lautete folgenderma- ßen: Ich, Schwester N. N. geheiß got und unserer frau sant Marien der Ewigen megd, sant francisco und sant Claren und allen heiligen ze leben unter der Regel die unserem orden gegeben ist von dem babst urbano dem virden, in aller zeit meines lebens in gehorsam on eigenschaft und in keuschheit und auch unter dem slosse nach der selben Regel ordnung.549 Diesem Ereignis schloss sich ein Fest an, das in vielen Fällen offenbar an eine ausschweifende Hochzeitsfeier erinnerte. Meist entrichteten die Angehörigen einen bestimmten Betrag für die Kosten dieses Festes und brachten Wein mit. Da das Kloster kein Mitspracherecht bezüglich der Anzahl der Gäste besaß, erlitt es durch diese Einsegnungsfeierlichkeiten mehrmalen Einbuß und Schaden.550 Bis 1771 durften die Eltern nach dem Ende der Feierlichkeiten ihre Tochter für die 546 COED, XXV, de regularibus, cap. 17. Vor dem tridentinischen Konzil war das Mindestalter für das Ablegen der Profession deutlich niedriger: Frank, Klarissenkloster Söflingen 47. Im Zuge der unter Kurfürst Emmerich Joseph 1772 erarbeiteten Amortisationsverordnung wurde das Mindestalter für den Klostereintritt in Mainz auf 23 Jahre heraufgesetzt. Von diesem Zeitpunkt an durften lediglich Mainzer Landeskinder in die städtischen Klöster aufgenommen werden: Illich, Maßnahmen 75. 547 COED, XXV, de regularibus, cap. 15. 548 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Aloysia Straubin auf Frage 75. 549 Zitiert nach: Mattick, Urbanregel 193. Ein Professionsbuch für Reichklara ist nicht erhalten. 550 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Verzeichnis der seit 1737 aufgenommenen Geistlichen. Einkleidungskosten der Maria Clara Jungin. 146 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Dauer einer halben Stunde in den Klausurbereich begleiten. Erst Maria Seraphina Fritschin untersagte dieses Ritual. Nun beschränkte sich die letzte Zusammenkunft der Konventualin mit ihren Angehörigen auf ein kurzes Abschiednehmen, das nach der offiziellen Zeremonie im Sprachzimmer stattfand.551 Sobald eine Novizin die Profession abgelegt hatte wurde ihr das Haar rund um den Kopf abgeschnitten. Es durfte nun nicht mehr bis über die Ohren reichen.552 Als ein weiteres Zeichen konsequenter Abwendung von allem Weltlichen erhielt sie einen Klosternamen. Sie war nun, wenn sie als Chorschwester ihre Gelübde abgelegt hatte, dazu berechtigt, bei Entscheidungen im Kapitel mitzustimmen.553 Bei 58 Schwestern Reichklaras konnte für den Zeitraum von 1620 bis 1781 das Alter festgestellt werden, in dem sie ihre Professionen ablegten. Daraus ergab sich ein Altersdurchschnitt von 21,7 Jahren. 6 .1 Reichklara und die Amortisationsverordnungen von 1737 und 1772 Kurfürst Philipp Karl von Eltz hatte 1737 mittels einer Amortisationsverordnung festgelegt, dass der Wert von Geld und beweglichen Gütern, die ein Novize oder eine Novizin ins Kloster einbrachte, insgesamt 1500 Gulden nicht überschreiten durfte.554 Diese Verordnung wurde 1772 von Kurfürst Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim im Zusammenhang mit der sich noch immer in mehrfacher Hinsicht auf das Tridentinum beziehenden Klosterverordnung von 1771 erneuert und erweitert. Die Amortisationsverordnung von 1772 richtete sich noch stärker insbesondere gegen wohlhabende Klöster als die von 1737: Kirchen- und klosterinterne Einnahmen wurden limitiert, um volkswirtschaftlichen Schaden durch die Konzentration von Vermögen in klerikalen Institutionen zu verhindern. Diese staatlich verordnete Begrenzung klösterlicher Kapitalien betraf neben beweglichen Gütern auch Besitzungen, 551 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 59. 552 BF II 511; Markus, Klarissenkloster Seußlitz 94. 553 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 2. 554 Illich, Maßnahmen 56. 6 Postulantinnen und Novizinnen 147 Schenkungen sowie testamentarische Hinterlassenschaften zugunsten der Ordensgemeinschaften. Die Ausstattungskosten der Einkleidung und der nach dem Probejahr erfolgenden Profession einschließlich der jeweils auszurichtenden Festlichkeiten (tractamente) hatten sich danach auf 500 Gulden zu beschränken. Die eingebrachten Unterhaltskosten durften 1000 Gulden nicht übersteigen, andernfalls behielt das Generalvikariat sich vor, die gesamte Summe zu konfiszieren. Ein behördliches Schreiben vom Juni 1773 erhob gegen Reichklara den Vorwurf, das Kloster habe zwischen den Jahren 1746 und 1767 wiederholt böswillig gegen das kurfürstliche Amortisationsgesetz verstoßen. Nicht nur die Höchstgrenzen der Einbringungsgelder seien in mehreren Fällen erheblich überschritten worden, auch das Ausmaß der Kapitalanlagen für die Spielpfennige sei gesetzeswidrig.555 In einem Antwortschreiben an die im Vikariat tätige Amortisationskommission rechtfertigte sich Maria Seraphina Fritschin damit, dass Teile der erhaltenen Gelder für die Ausstattung der Kirche verwendet worden seien.556 In einem anderen Fall habe man für die zu hohe Einbringung einer wohlhabenden Nonne die Tochter aus einer armen Familie gratis aufgenommen. Es sei vorgekommen, dass durch überhöhte Einbringungsbeträge der einen Novizin die geringere Mitgift einer anderen, die aus weniger begüterten Verhältnissen gekommen war, ausgeglichen wurde. Weiterhin seien gelegentlich erhebliche Kosten bei der Einladung vornehmer Standespersonen zu den Einsegnungsfeierlichkeiten entstanden. Darüber hinaus habe man eine der Konventualinnen gegen freiwilliges anerbieten von 1700 Reichstalern zur Erreichung des berufes angenommen. Für einen weiteren durch das Vikariat angemahnten Verstoß konnte indessen keine Rechtfertigung vorgebracht werden. Das Vikariat erkannte diese Entschuldigungen nicht an. Es verwies wiederholt auf die kurfürstliche Verordnung, die keinerlei Ausnahmen 555 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Protokoll der Amortisationskommission. Obwohl es der Behörde aufgrund der ihr vorliegenden Rechnungsbücher schon länger bekannt gewesen sein musste, dass die Höhe der Einbringungsgelder in Reichklara gegen das Amortisationsgesetz von 1737 verstieß, wurde dies erst 1773 offiziell beanstandet. 556 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Schreiben Reichklaras an die Amortisationskommission vom 20.8.1773. 148 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras zulasse. Die Tatsache, dass sich eine der Konventualinnen die Aufnahme mit 1700 Reichstalern sozusagen habe erkaufen können, redete vielmehr gegen das Kloster. Die Aussagen zu den Ausgleichszahlungen hielt die Behörde für unglaubwürdig. Man hätte eher vom Kloster erwarten können, dass es auch wenig begüterte Novizinnen diskret und gratis aufnehmen und einkleiden würde. Infolgedessen wurde beschlossen, nahezu die gesamte Summe der fraglichen Einbringungen zu konfiszieren. Was das erwähnte Spielgeldkapital angehe, so das Vikariat, verstoße es gegen das Verbot einer weiteren Verschaffung von Geldern. Die unerlaubt eingenommenen Barschaften für die Spielpfennige sollten jedoch nicht dem Fiskus, sondern, weil sie als Nebenvermächtnisse anzusehen seien, einem eventuell bedürftigen Mitglied aus der einen oder anderen Familie der betreffenden Konventualinnen zugeführt werden. Zwischenzeitlich, so ordnete das Vikariat an, sollten die entsprechenden Beträge zum Pfandhaus gebracht werden. Maria Seraphina Fritschin bat daraufhin in Form einer Supplikation, man möge dem Kloster die Gelder nicht entziehen oder ihm wenigstens die Summe belassen, die es dem Gesetz nach besitzen durfte. Die Angelegenheit wurde aufgrund dieser Eingabe erneut vor der Amortisationskommission erörtert. Wieder diskutierte man die vom Kloster angegebenen Ursachen der Zuwiderhandlung. Sie wurden in der Supplikation nun um Schilderungen vergangener Notfallsituationen ergänzt, mit denen das Kloster sich hatte auseinandersetzen müssen und die die Annahme überhöhter Einbringungsgelder rechtfertigen sollten: Neben einer erheblichen Kriegssteuer, die zu leisten war, habe ein Wirbelsturm im Jahr 1730 an einigen Gebäuden kostenintensive Schäden verursacht. Darüber hinaus verwies man auf die Unerfahrenheit und Gutgläubigkeit der damaligen Vorsteherin. Die Kommission bestätigte indes das Gutachten der ersten Instanz in allen Punkten und dem Kloster wurde die Zurückzahlung nochmalen aufgegeben. Doch kurz nach dieser Zahlungsaufforderung übergab das Kloster dem kurfürstlichen Präsidium ein pro memoria.557 Darin berief es sich darauf, dass Strafgesetze, zumal bei rechtsunerfahrenen 557 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Unterthäniges demütiges pro memoria vom 8.1.1774. 6 Postulantinnen und Novizinnen 149 Personen, milde ausgelegt werden sollten. Verstöße gegen die Amortisationsverordnung seien bisher nie streng geahndet worden. Dabei habe selbst der verstorbene kurfürstliche Hofrat Birkenstock dem Kloster im Jahr 1748 ohngefordert 1500 Reichstaler als Einbringung für die Unterhaltskosten seiner Tochter übergeben, wobei er explizit davon ausgegangen sei, dass dies keine strafrechtlichen Konsequenzen haben werde. Überhaupt habe die Äbtissin stets in frommer Einfalt die Gelder angenommen und dabei nie die Rechtmäßigkeit ihrer Entscheidungen infrage gestellt. Die Einbringungsgelder seien auch nie verheimlicht, sondern immer korrekt in den Rechnungsbüchern vermerkt und der kurfürstlichen Prüfung übergeben worden. Bisher sei die Höhe der Mitgiften behördlicherseits niemals beanstandet worden. Außerdem habe das Kloster, wie schon erwähnt, durch Wetterschäden und einer zu leistenden Kriegssteuer in Höhe von 15000 Reichstalern so enormen finanziellen Schaden erlitten, dass sich die Äbtissin gezwungen gesehen habe, die letzten klösterlichen Ersparnisse aufzubrauchen. Man sei daher davon ausgegangen, dass der Kurfürst solche quanta stillschweigend gnädigst nachgesehen haben müsste. Das Argument, dass Hofrat Birkenstock die Verordnungen kennen und das Kloster vor Regressforderungen hätte schützen müssen, überzeugte die Kommission endlich. Mit seinem Verhalten habe er, so das Protokoll, das Kloster nicht nur für damalen, sondern für alle nachherige Fälle gleichgültig und leichtsinnig gemachet. Nun wirkten auch die Gründe hinsichtlich der Kriegs- und Wetterschäden überzeugend und die Kommission setzte fest, dass Reichklara das quantum ordinatorii behalten könne. Alle Beträge, die über die zulässigen 1000 Reichstaler pro Konventualin hinausgingen, mussten jedoch als den Erben entzogenes Geld zurückerstattet werden. 6 .2 Der Spielpfennig In den Klarissenklöstern, die nicht nach der Ersten Regel ausgerichtet waren, setzte sich seit dem Mittelalter die Gewohnheit durch, über einen geringen Privatbesitz zu verfügen, der in Reichklara als „Spielpfennig“ bezeichnet wurde. Persönlicher Besitz ist aber auch in der Regel Urbans IV. nicht vorgesehen und war den Nonnen Reichklaras 150 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras damit streng genommen untersagt. Dennoch hatten die Wohlhabenderen unter ihnen traditionsgemäß die Möglichkeit, über die Zinsen eines Betrages zu verfügen, den sie oder ihre Angehörigen dem Kloster ausgezahlt hatten. Die Höhe dieses Kapitals variierte nach dem Vermögensstand der jeweiligen Familie und wurde vor dem Beginn des Noviziates vertraglich festgelegt. Die Konventualin erhielt die entsprechenden Zinsen (interessen) jedes Jahr an einem ebenfalls im Kontrakt festgesetzten Tag. Schwestern, die aus finanziell bescheidenen Verhältnissen kamen und sich diese Zahlung nicht leisten konnten, erhielten keinen Spielpfennig. Das Salbuch vermerkt, dass Maria Seraphina Fritschin bei ihrer Einkleidung neben den 1000 Reichstalern für ihre leibliche Versorgung 200 Reichstaler als zinstragendes Kapital für ihren Spielpfennig einbrachte.558 Die Eltern von Clara Theresia Bissinger gaben dem Kloster noch vor ihrer Einkleidung 500 Reichstaler mit der Auflage, dass ihrer Tochter zeitlebens jährlich im März 25 Reichstaler als interessen gezahlt wurden.559 Maria Aloysia Müllerin brachte als Grundkapital für ihren Spielpfennig 900 Reichstaler ein und erhielt von dieser Summe jährlich im Mai 45 Reichstaler.560 Die Eltern der Maria Magdalena Marxin übergaben dem Kloster zwei Weingärten, von deren Erträgen der Konventualin jedes Jahr zehn Reichstaler ausgezahlt wurden.561 Die eingezahlten Kapitalien für die Spielpfennige wurden oft in diverse Bauprojekte investiert: Anna Maria Franz etwa zahlte 100 Reichstaler als Grundlage für ihren Spielpfennig. Dieses Geld verwendete die Äbtissin 1676 für den Umbau des Schaffnerhäuschens. Anna Maria Franz erhielt dafür einen Teil der Mietzinsen.562 Verwaltung und Auszahlung des Spielpfennigs gehörten zu den Aufgaben der Priorin. Meist wurde er in mehreren kleineren Beträgen ausgezahlt, da die Schwestern 558 StadtA Mainz: 13/336, 207. 559 StadtA Mainz: 13/336, 207. 560 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Verzeichnis der seit 1737 aufgenommenen Geistlichen. 561 StadtA Mainz: 13/337, 23. 562 StadtA Mainz: 13/336, 103. 6 Postulantinnen und Novizinnen 151 lediglich etwa acht Kreuzer563 in ihren Zellen aufbewahren durften.564 Die große Bedeutung dieser durch den Spielpfennig möglichen kleinen Freiheiten, die den Nonnen Reichklaras in der Abgeschlossenheit der vita communis ein Mindestmaß an Individualität zugestanden, belegt eine Supplikation von Maria Angela Vogtin an den Kurfürsten: Ihre Spielgeldkapitalanlage in Höhe von 1000 Reichstalern war ebenfalls 1773 durch die bischöfliche Amortisationskommission, die diesen Privatgeldern zunehmend argwöhnisch gegenüberstand, angemahnt worden.565 Die Behörde drohte, die Summe, von der Maria Angela Vogtin jährlich 50 Reichstaler erhielt, zu konfiszieren.566 Vogtin fürchtete, in diesem Fall ihren seit ihrem Klostereintritt erlaubten Spielpfennig zu verlieren. Der hohe Betrag sei, so führte sie aus, bei der Aufnahme ins Kloster von ihrem Vater wegen Zärtlichkeit seines Vaterherzens entrichtet worden, um ihr ein Unterhaltungsgeld für gemeinsam erlaubte mäßige spiele zu ermöglichen. Ohne dieses Geld könne sie kaum ihre täglichen kleinen Nothwendigkeiten, welche von der Äbtissin jederzeit zu fordern zu beschwerlich wäre, unterhalten. Sie betonte, dass sie sich wohl nicht zum Klosterleben würde entschlossen haben, wenn diese Zuwendung verboten gewesen wäre. Ihr Vater habe im Übrigen gar kein zu hohes Spielpfennigkapital eingezahlt, sondern lediglich einen zusätzlichen Betrag zur Reparation der Kirche entrichtet. Beide Zahlungen aber seien von der Behörde als überhöhte Kapitaleinlagen missinterpretiert 563 Um 1665: 90 Kreuzer = 1 Reichstaler; 60 Kreuzer = 1 Gulden: Verdenhalven, Münzen 26, 32. 564 Zur Aufbewahrung kleiner Geldbeträge in ihren Zellen benötigten die Schwestern eine quartalserlaubnis von der Priorin: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Angela Vogtin auf Frage 49. 565 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Verzeichnis der seit 1737 aufgenommenen Geistlichen. Der Betrag des Spielpfennigkapitals der Maria Angela Vogtin wurde von der Behörde doppelt unterstrichen. 566 StA Würzburg: MRA K 740/2780: Demüthigste Bittschrift um Gnädigsten Nachlass des confiscierten spiel geldes. Der Brief belegt, dass sich nicht nur die Äbtissinnen mit einem das Kloster betreffenden Anliegen an die Obrigkeit wandten, sondern auch einzelne Nonnen die Möglichkeit hatten, eine Supplikation direkt an den Kurfürsten zu richten. Wie im Fall der Maria Angela Vogtin letztlich entschieden wurde, ist nicht überliefert. 152 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras worden. Sie bat, man möge ihr nach der Konfiszierung des Gesamtbetrages wenigstens weiterhin den Spielpfennig belassen, sonst würde sie jähling elender und dürftiger als die übrigen Mitschwestern angesetzet. Sie befürchtete neue beschwernisse in ihrer Situation, von denen sie vor der Profession nichts geahnt habe: In wessen Vorsicht ich mich vielleicht nicht zu selber bekennet hätte. Dieser Brief belegt den hohen Stellenwert des Spielpfennigs, er wird in diesem Fall sogar zum einzigen Lichtblick in einer scheinbar ausweglosen Lebenslage stilisiert. Er ermöglichte den Nonnen jedoch tatsächlich die selbstständige Disposition über einen, wenn auch meist geringen, Geldbetrag. Weltlichen Frauen war dies in der Regel nicht vergönnt. So konnte die Aussicht auf diese regelmäßige Zahlung durchaus, wie es bei Maria Angela Vogtin offenbar der Fall war, den Entschluss für ein Leben im Kloster begünstigt haben. Maria Ignatia Münchin bestätigte 1781, dass der Spielpfennig zur Anschaffung verschiedener Notwendigkeiten unentbehrlich sei.567 Diese Auseinandersetzungen und das zunächst unnachgiebige Verhalten des Vikariats gegenüber Reichklara bezüglich der Einbringungen und des Spielgeldes verdeutlichen die im Kontext der katholischen Aufklärung generelle Missstimmung der weltlichen Behörden im Hinblick auf die kontemplativen und in dieser Zeit besonders gegenüber den wohlhabenden Konventen. Da die kontemplativen Klöster keinen öffentlichen Bildungsauftrag hatten, wie es etwa bei den Augustiner- Chorfrauen der Fall war, wurden sie offenbar zunehmend als unnütz betrachtet. Für diese Annahme spricht, dass zwischen 1773 und 1781 insgesamt nur vier Novizinnen in Reichklara aufgenommen werden durften. 567 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 49. Die Schwestern leisteten sich von ihrem Spielgeld kleine Gegenstände wie Amulette oder Weißzeug. Sie lie- ßen sich auch Getränke wie Kaffee oder Tee besorgen, die im Kloster nicht serviert wurden. 7 Äbtissinnen und Priorinnen 153 7 Äbtissinnen und Priorinnen Die beiden führenden Ämter im Konvent waren das der Äbtissin und das ihrer Stellvertreterin, der Priorin. In der Regel amtierte die Äbtissin in Reichklara bis zu ihrem Tod.568 Die Konventualinnen waren ihr Gehorsam schuldig. Die Vorsteherin ihrerseits war der Gerechtigkeit verpflichtet und ihre Entscheidungen sollten jederzeit für ihre Untergebenen nachvollziehbar sein. Erwies sie sich als unfähig, ihr Amt angemessen auszuüben, so konnte sie abgesetzt werden, damit der Weg für eine Neuwahl frei wurde. Von den 33 urkundlich fassbaren Äbtissinnen Reichklaras stammten 6 nachweislich aus adligen Familien. Bis zur ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts regierten überwiegend Vorsteherinnen bürgerlicher Herkunft. Von 1466 bis Mitte des 16. Jahrhunderts übten mehrheitlich adlige Nonnen dieses Amt aus. Seit 1586 rekrutierten sich die Äbtissinnen wiederum mit wenigen Ausnahmen aus der bürgerlichen Schicht. Maria Seraphina Fritschin, die letzte Äbtissin Reichklaras, kam aus einer Mainzer Handwerkerfamilie. Äbtissinnenliste Reichklaras Die aufgeführten Daten geben nur den ungefähren Zeitraum an, in dem die Äbtissinnen amtierten. Sie sind den Salbüchern, den Urkunden, dem Memorienbuch und den Visitationsprotokollen entnommen, widersprechen sich jedoch dort teilweise. Eindeutig sind lediglich die Regierungszeiten der letzten fünf Äbtissinnen. 568 Dies war nicht in allen Klarissenklöstern der Fall. Seit 1595 galt beispielsweise innerhalb der oberdeutschen Observantenprovinz zumindest theoretisch das Triennium, also ein Zeitraum von drei Jahren. In der Praxis blieben auch dort die Äbtissinnen länger in ihren Ämtern: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 410. Bezüglich Reichklaras ist ein Fall belegt, in dem eine Äbtissin nach zehn Monaten Regierungszeit abgesetzt wurde. Dabei handelt es sich um die 1639 gewählte Anna Elisabeth Spehrin. Möglicherweise wurde 1602 auch Elisabeth Emichin abgesetzt oder sie gab freiwillig ihr Amt frühzeitig auf, denn im Memorienbuch ist vermerkt, dass die 1639 verstorbene Äbtissin Elisabeth Engeltal 37 Jahre lang regiert habe. Elisabeth Emichin starb jedoch laut dem Memorienbuch erst 1610. 154 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Äbtissin Amtszeit Bertha 1272 – 1283 Elisabeth Unigin 1283 – 1319 Adelheid von Schornen 1319 – 1320 Clara Osterlindis 1320 – 1324 Wengardis 1324 – 1329 Kunigunde 1329 – 1337 Agnes Woltkebar 1337 – 1341 Agnes Jöckelin 1341 – 1351 Katharina 1351 – 1352 Margaretha 1352 – 1358 Agnes zum Herbold 1358 – 1389 Katharina 1389 – 1390 Maria von Scharffenstein 1390 – 1409 Selandt Weidenhof 1409 – 1423 Gundula zum Silberberg 1423 – 1431 Gertrud zum Gelthaus 1426 – 1437 Catharina von Gensfleisch 1437 – 1448 Justina zum Gelthaus 1451 – 1457 Anna von Reiffenberg 1457 – 1479 Potentiana von Schönborn 1479 – 1512 Magdalena Horneck von Weinheim 1512 – 1549 Ursula Steinhäuser von Neidenfels 1549 – 1586 Margaretha Hübschin 1586 – 1593 Elisabeth Emichin 1593 – 1602 Elisabeth Engelthal 1602 – 1639 Anna Elisabeth Spehrin 1639 – 1639 Lioba Kneippin 1639 – 1647 Anna Maria Hohenstein 1647 – 1659 Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels 1659 – 1696 Johanna Catharina von Münchhausen 1696 – 1717 Maria Ursula Jäger 1717 – 1748 Maria Franziska Wolffin 1748 – 1771 Maria Seraphina Fritschin 1771 – 1781 7 Äbtissinnen und Priorinnen 155 Priorinnenliste Reichklaras Die Quellenlage zu den Priorinnen ist noch wesentlich ungünstiger als diejenige zu den Äbtissinnen. Die erste Priorin Reichklaras ist erst für das Jahr 1400 nachweisbar. Wenige der hier aufgeführten Namen finden sich im Memorienbuch, einige in den Urkunden, andere in den Visitationsprotokollen. Mit Margaretha von Schönborn und Elisabeth Brendel von Homburg übten im 16. Jahrhundert zwei adlige Nonnen dieses Amt aus. Die Wahl einer Priorin vollzog sich, wie die Äbtissinnenwahl, frei und geheim und unterlag der Mehrheitsentscheidung. Einige der Priorinnen übten ihr Amt bis zu ihrem Tod aus. Maria Ursula Jäger hatte nacheinander die führenden Ämter der Priorin und der Äbtissin inne. Catharina Barbara Kirchnerin gab im November 1736 ihr Amt auf oder sie wurde nicht wiedergewählt. Bei der Visitation im Jahr 1737 gab sie an, dass ihr viele der Schwestern nicht trauen würden.569 Priorin Amtszeit (oder Jahr der Erwähnung) Cristina Rinsdorf 1400 – 1426 Margaretha 1489 Anna Dalum 1426 Elisabeth Lesthin 1527 – 1548 Margarethe von Schönborn 1548 – 1549 Elisabeth Brendelin von Homburg 1594 – 1596 Maria Höck 1596 – 1602 Anna Maria Göckin 1602 – 1629 Soffia Köchin 1629 – 1636 Maria Apollonia Mörlin 1636 – 1666 Anna Dorotea Lindhigin (?) Maria Ursula Jäger (?) – 1717 Anna Clara Bödtellin 1717 – 1729 Catharina Barbara Kirchnerin 1729 – 1736 Maria Antonia Micklin 1736 – 1744 569 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antwort der Maria Barbara Kirchnerin auf Frage 6. 156 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Catharina Josepha Rathin 1744 – 1776 Maria Josepha von Birkenstockin 1776 – 1781 7 .1 Aufgaben der Äbtissinnen und Priorinnen Die primäre Aufgabe der Äbtissin bestand darin, ihrem Kloster sowohl in weltlichen (temporalia) als auch geistlichen (spiritualia) Angelegenheiten vorzustehen.570 Indem sie in einem Erbarn Züchtigen Gottesfürchtigen wandel (…) und mit ihrem exempel ihren anbefohlenen Dochtern den weg wies, war sie für die wirtschaftlichen Belange und die rechtmäßige Durchführung der Gottesdienste ebenso verantwortlich wie gegenüber dem Erzbischof rechenschaftspflichtig.571 Die Hauptrechnungen des Klosters hatte sie einmal jährlich, unterschrieben von ihr selbst, den Ratsschwestern (discretae) und dem Schaffner, an das Vikariat zu schicken. Es lag insbesondere in der Verantwortlichkeit der Vorsteherin, dass alle Klosterangehörigen den Ordensregeln, den Klosterstatuten und den bischöflichen Dekreten Folge leisteten.572 In Fällen, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden mussten oder in denen ein Schriftstück zu besiegeln war, hatte sie die Gemeinschaft der Schwestern zur Bewilligung einzuberufen.573 Schwere Sachen bedurften außerdem der erzbischöflichen Genehmigung.574 Für Veräußerungen, 570 StA Würzburg: MRA H 1265, f 10v: Die Abbatissin sol mit hochstem Vleiß dem Closter zu beiden Geistlichen und Weltlichen dingen vorstehen zu des Closters nutzen und wolfart. 571 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76v; COED, XXII, canon 9: Sowohl kirchliche als auch weltliche Administratoren des Vermögens einer Kirche (…) und aller frommen Einrichtungen sind gehalten, jedes Jahr vor dem Ordinarius Rechenschaft über ihre Verwaltung abzulegen. Hinsichtlich der Rechenschaftspflicht der Äbtissin gegenüber dem Konvent bestimmt die Urbanregel in Kapitel XII: (…) und schol auch rechnung haben ze minsten eins ze dreyen monen vor dem convent oder vor vier swestern ze minsten, die dar zu sunderleichen von dem convent geahtet sint von den dingen di si empfahen hat und von den verzerten, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 209. 572 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 77r. 573 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 23v. 574 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 73v. Wiesner weist darauf hin, dass die Äbtissinnen vieler Konvente im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 7 Äbtissinnen und Priorinnen 157 Schenkungen oder gravierende Umbauten hinsichtlich der Güter hatte sie stets die Erlaubnis des Vikariats einzuholen.575 Bei der der Annahme der Altaristen besaß sie ein Mitbestimmungsrecht: Als der Vikar von St. Peter, Mathias Steinfels, am Katharinen- Altar der Reichklara-Kirche selbst die Messe halten wollte, ohne dass er zuvor die erforderlichen Statutengelder bezahlt hatte, ließ ihm die Äbtissin durch den Beichtvater dies mit der Begründung verbieten, dass sie ihn nicht als einen Altaristen anerkenne.576 Die Ausübung des Amtes der Äbtissin erforderte in einem ganz besonderen Maß einen Sinn für Ausgleich und Gerechtigkeit, denn von der Vorsteherin wurde erwartet, dass sie keine der Schwestern protegierte oder durch eine besonders freundschaftliche Beziehung begünstigte.577 Dennoch kam es zeitweise zu auffälligen Bevorzugungen einiger Nonnen durch Maria Ursula Jäger: 1745 klagte Maria Agnes Rudolfin über Missstimmung im Konvent, die durch selektives Verhalten der Äbtissin verursacht worden sei. Sie habe zuweilen in ihrem Zimmer etliche Klosterfreunde zu Tisch. Manchmal würde die eine oder die andere Konventualin dazu berufen werden. Außerdem bevorzuge sie die Jüngeren bei der Ämterverteilung und vernachlässige die Älteren.578 1781 bemängelte Maria Antonetta Bollermännin, Maria Seraphina Fritschin dispensiere manchmal bestimmte Schwestern vom Schweige gebot. Es gebe drei Konventualinnen, die sich ständig bei ihr aufhielten. Alle anderen hätten keinen solch engen Kontakt mit ihr, sondern würden in der Gegenwart dieser privilegierten Nonnen vorsichtig reden, da diese der Vorsteherin alles weitersagten.579 vor dem Tridentinum lediglich dem Kaiser gegenüber rechenschaftspflichtig waren und keiner lokalen Obrigkeit unterstanden. Vielerorts büßten sie jedoch bereits während der Observantenbewegung ihre Unabhängigkeit ein: Wiesner, Women 181. 575 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76r. 576 StadtA Mainz: 13/336, 86. 577 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, Interrogatoria pro Conventualibus, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 8. 578 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, Interrogatoria pro Conventualibus, Antwort der Maria Agnes Rudolfin auf das Subinterrogatum. 579 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Antonetta Bollermännin auf die Fragen 43 und 65. 158 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras In Notsituationen hatte die Äbtissin alle Vorkehrungen zum Schutz ihrer Untergebenen zu treffen und gegebenenfalls gemeinsam mit dem Beichtvater Lösungen zu finden und zu entscheiden. Die Stellvertreterin der Äbtissin, die Priorin, sollte eines erbaren geistlichen gotsfürchtigen lebens sein, damit andere geordnete mitschwestern mogen ahn ihr gute lehr und exempel nehmen.580 Sie stand der Äbtissin unterstützend zur Seite und sollte sich möglichst stets in der Nähe der Konventualinnen aufhalten.581 Während der Abwesenheit der Äbtissin war sie weisungsbefugt und häufig Mitunterzeichnerin bei Vertragsabschlüssen. 7 .2 Äbtissinnenwahlen Um zur Vorsteherin gewählt werden zu können, musste laut dem Tridentinum eine Konventualin mindestens das vierzigste Lebensjahr erreicht und die Profession wenigstens acht Jahren zuvor abgelegt haben.582 Im Fall ihres Todes hatte sich die Priorin möglichst unverzüglich und in Schriftform an das bischöfliche Vikariat zu wenden. Sie musste die Behörde um die Ernennung einer der Wahl vorstehenden Kommission und um einen Vorschlag für einen Wahltermin bitten.583 In einigen Fällen, etwa anlässlich des Todes von Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels, übernahm der Provinzial die Aufgabe, das Vikariat zu benachrichtigen.584 580 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 11r. 581 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74v. 582 COED, XXV, de regularibus, cap. 7. Anna Elisabeth Spehrin wurde 1639 im Alter von 35 gewählt. Hier muss der Umstand berücksichtigt werden, dass sich kurz nach dem Schwedischen Krieg lediglich fünf wahlberechtigte Schwestern in Reichklara befanden. Anna Maria Hohenstein war zum Zeitpunkt ihrer Wahl 1647 vermutlich erst 34 Jahre alt. Alle anderen nachtridentinischen Äbtissinnen Reichklaras hatten zum Zeitpunkt ihrer Wahl das 40. Lebensjahr überschritten. 583 StadtA Mainz: 13/336, 57: Sobald eine Abbatissin gestorben, muß der dotfall durch ein demütiges memoriall ihro churfürstliche gnaden oder einem hochwürdigen Vicariat ahn gezeigt wärten; DDAMz: K 102/II.3b: Acta Electionis nova abbatissa ad St. Claram dividem, 1. Punkt. 584 StadtA Mainz: 13/337, 4. 7 Äbtissinnen und Priorinnen 159 Die Wahl zur Vorsteherin vollzog sich zeitnah, um eine langfristige Vakanz zu vermeiden. Der Provinzial der oberdeutschen Minoritenprovinz Heinrich von Thalheim statuierte im 14. Jahrhundert die Konditionen für den Wahlakt folgendermaßen: Während des Wahlvorgangs waren drei Franziskanerpater zugegen, bei denen jede Schwester einzeln ihre Stimme mündlich abzugeben hatte, welche protokolliert wurde. Sobald die Mehrheit der Stimmen auf eine der Kandidatinnen fiel, gab einer von ihnen deren Namen bekannt. Im Nachhinein musste die Wahl durch den Provinzial bestätigt werden.585 Im Verlauf des 17. Jahrhunderts ging das Präsidium bei Klosterwahlen mehr und mehr auf die bischöfliche Behörde über,586 seit Beginn des 18. Jahrhunderts schließlich musste die Wahl durch den jeweils regierenden Erzbischof bestätigt werden. Um diesen Prozess der zunehmenden Bedeutung und Dominanz der weltlichen Obrigkeit bei den Wahlen der Äbtissinnen nachvollziehen zu können, wird in den folgenden Kapiteln auf einige dieser Ereignisse näher eingegangen. 7 .2 .1 Äbtissinnenwahl 1639 Im Februar 1639 starb die Vorsteherin Elisabeth Engelthal, woraufhin Erzbischof Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt die Wahl einer neuen Äbtissin anordnete. Sie fand unter Zuziehung des franziskanischen Provinzials Benediktus Lambert statt,587 der die sieben im Kloster anwesenden Schwestern ermahnte, mit inspiration und gutem gewissen diejenige zu wählen, der sie zutrauten, dem Konvent in geistlichen und weltlichen Dingen vorstehen zu können. Der Erzbischof hatte in seinem Schreiben dazu aufgerufen, es möge keine conspyration stattfinden, die Wahl solle frey und ohne Pression vollzogen werden.588 Nachdem jede von ihnen gebeichtet und den Eid geschworen hatte, legten sie nachei- 585 Johannes Gatz (Hrg.), Alemania Franciscana Antiqua. Ehemalige franziskanische Männer- und Frauenklöster im Bereich der Straßburger Franziskanerprovinz mit Ausnahme von Bayern, Bd. 7, Landshut 1956 – 1964, 162. 586 Veit, Reformbestrebungen 36. 587 Vgl. Kapitel II. 4.2 der vorliegenden Abeit. 588 DDAMz: K 102/II.1: Schreiben des Erzbischofes Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt vom 13.2.1639. 160 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras nander dem Provinzial die Handtreue ab und wurden in ein absonderliches gemach geführt. Dort votierten die Schwestern einzeln. Die Mehrheit der Stimmen erhielt die 35-jährige Elisabeth Spehrin, gebürtig von Mainz. Alle Anwesenden bestätigten dreimal das Wahlergebnis und die Schwestern gaben ihrer neuen Vorsteherin die Handtreue, indem sie ihr Gehorsam und Demut schworen. Anschließend händigte ihr der Provinzial die Klosterschlüssel und das Siegel aus.589 Dieses Beispiel zeigt, dass unter Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt Provinzial Lambert bei den Äbtissinnenwahlen noch eine weitestgehend führende Stellung einnahm, auch wenn der Erzbischof die Vorgehensweise diktierte: Lambert hielt die Eröffnungsrede, nahm den Eid der Votierenden ab und setzte die neue Vorsteherin in ihr Amt ein. 7 .2 .2 Äbtissinnenwahl 1696 Nach dem Tod der Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels 1696 wurde der Augsburger Probst und Assessor des Mainzer Vikariats Dr. Quirinus Künkell zum Kommissar der bevorstehenden Neuwahl ernannt.590 Acht Tage vor dem Wahlereignis begab er sich persönlich ins Kloster, um mit dem Provinzial zu sprechen und er erkundigte sich bei ihm, welcher gestalt vormahlen die wahlen einer Äbtissin sey gehalten und observiert worden, worauf ihm die Confirmation dero abgelebten Äbtissin zu lesen überreicht worden. Nachdem Künkell sich vergnügt verabschiedet hatte, schrieb er an den Generalvikar Anselm Franz von Hoheneck591 einen Bericht und wurde als kurfürstlicher Kommissar sine socio et secretario nominiert. Am Morgen des Wahltags erschien Künkell, gekleidet in einen langen Mantel, in der Kirche Reichklaras, um zunächst der Messe beizuwohnen, die vom Provinzial, seinen Ministern und seinem Sekretär gehalten wurde. Nach dem Gottesdienst führten ihn die franziskanischen Pater in die Abtei. Die Schwestern gingen, den Hymnus de spiritu sancto singend, voraus. Der Provinzial hielt dort den wahlberechtigten Schwestern eine kurze Rede, bevor sie, beginnend mit den älteren, ihre Stimmen mündlich abgaben. Die Wahl zur Äbtis- 589 DDAMz: K 102/II.1: Visitationsbericht und Wahlprotokoll vom 19.2.1639. 590 StadtA Mainz: 13/337, 4. 591 Anselm Franz von Hoheneck war von 1679 bis 1704 Generalvikar in Mainz. 7 Äbtissinnen und Priorinnen 161 sin vollzog sich demnach kaum in einem geheimen Akt, wie er durch das Tridentinum vorgeschrieben war.592 Auch mit den Klausurschriften wurde offenbar rechtswidrig umgegangen: Gemäß den tridentinischen Dekreten durfte der Wahlleiter, auch wenn es sich dabei um den Bischof persönlich oder einen Ordensoberen handelte, die Klausur nicht betreten, sondern hatte die einzelnen Stimmen der Nonnen vor dem Gitter auf der Nonnenempore oder durch das Beichtfenster zu hören.593 Zwischen Kommissar Künkell und den Franziskanern einerseits und den Nonnen andererseits befand sich in diesem Fall keine den Regeln gemäße Barriere. Der Abstand wurde nur dadurch gewahrt, dass die Schwestern vom Chor in die Abtei und von der Abtei in den Chor vorausgingen. Nach der Wahl fragte der Provinzial dreimal, ob die Schwestern damit einverstanden seien, dass diejenige, die zu ihrer Äbtissin gewählt worden war, proklamiert werde. Sie antworteten jedes Mal mit einem Ja. Der Sekretär des Provinzials stieg daraufhin in der Nähe der geöffneten Tür auf eine Bank und proklamierte die 43-jährige Johanna Catharina Münchhausen als die neue Vorsteherin Reichklaras. Während der Provinzial und die Pater das te Deum laudamus anstimmten, gingen die Schwestern, singend, zurück in den Chor, gefolgt vom Sekretär und dem Beichtvater. Hinter diesen wiederum ging die neue Äbtissin, rechts von ihr befand sich Künkell, links der Provinzial. Auf dem Chor standen drei Stühle bereit, zwei davon vor dem Altar, einer zu der Seite, an der die Heiligen Schrift lag. Auf diesen setzte sich der Kommissar, der mittlere Stuhl war für den Provinzial vorgesehen und auf seiner linken Seite sollte die neue Äbtissin Platz nehmen, nachdem sie durch den Provinzial konfirmiert worden 592 COED, XXV, de regularibus, cap. 6: (…) alle Erwählte dürfen nur in geheimer Wahl gewählt werden, so dass die Namen der einzelnen Wählenden nie ver- öffentlicht werden. 593 COED, XXV, de regularibus, cap. 7. Der Bischof als der Inhaber des Aufsichtsrechtes über die Frauenklöster war im eigentlichen Sinn jederzeit befugt, die Klausur zu betreten (vgl. Anmerkung 316). Fungierte er jedoch lediglich als Wahlleiter bei einer Äbtissinnenwahl, hatte er sich für die Dauer dieses Rechtsaktes an die allgemeine Vorschrift zu halten, die das Betreten der Klausur untersagte. 162 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras war. Sie erhielt die Ordensstatuten, das Siegel und die Schlüssel des Konventes. Alle Schwestern erwiesen ihr nun unter Darreichung der Hände ihre Reverenz. Kommissar Künkell hielt eine kurze Gratulationsrede, nach welcher die Äbtissin von dem Beichtvater sowie dem Sekretär zu ihrem gewöhnlichen stuhl geleitet wurde, auf dem sie als neue Oberin possession nahm. Der Protokollant schloss seinen Bericht mit der Bemerkung, dieser act sei mit högster vergnügung bey der Zeit beschlossen worden und haben darauff Herr Commissar und Provincial mit den seinigen daß mittagß mahl Eingenommen nicht in der Abtey sondern in der beichtigerey oder behausung des Confessary.594 Bei dieser Wahl zeigt sich, dass die weltliche Obrigkeit bereits wesentlich präsenter war als bei derjenigen von 1639. Diese Präsens trat bei der nächsten Wahl im Jahr 1717 noch deutlicher in Erscheinung: Die Art und Weise des Wählens veränderte sich, der Gesandte des Vikariats hielt die Eröffnungsrede und gab darüber hinaus im Namen des Erzbischofs ein Votum ab. Die neue Äbtissin erhielt ihre Konfirmation durch den Erzbischof. Außerdem ist festzustellen: Je stärker die Beteiligung der weltlichen Obrigkeit an den Äbtissinnenwahlen war, desto mehr wurde der Vorgang bürokratisiert und durch den Protokollanten, der dieses Mal ebenfalls in erzbischöflichem Auftrag tätig war, ausführlicher dokumentiert: 7 .2 .3 Äbtissinnenwahl 1717 Am 13. September 1717 erhielt das bischöfliche Ordinariat die Nachricht, dass die Vorsteherin von Reichklara, Johanna Catharina von Münchhausen, am 19.  August verstorben war.595 Bereits am 14.  September 594 StadtA Mainz: 13/337, 5. Nach der Wahl einer neuen Äbtissin fand gewöhnlich eine Inventur im Kloster statt. Folgende Inventuren sind belegt: StA Mainz: 13/336, 59: nach der Wahl von Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels 1659; DDAMz: K 102/II.3c: nach der Wahl von Maria Seraphina Fritschin 1771. 595 Der Notar des Vikariats klagte in einem Schreiben vom 14. September 1717 an den Kurfürsten, in dem er die bevorstehende Wahl ankündigte, dass die 7 Äbtissinnen und Priorinnen 163 wurde der Provikar und Siegler Johann Joachim Hahn als Kommissar für die bevorstehende Wahl nominiert, bei der er Eure Churfürstliche hohe gerichtsbarkeit auf das genaueste zu beobachten hatte, absonderlich aber musste er sehen, daß durch die vota libera eine erwählet werde, welche die zu einer solchen Station erforderlichen qualitäten besitzen möge.596 Gemeinsam mit dem Provinzial legte er den Wahltag auf den 15. September fest. Als Hahn am nächsten Morgen am Kloster ankam, wurde er von zwei franziskanischen Priestern empfangen und an den für ihn vorgesehenen Platz am Hochaltar geführt.597 Das Protokoll erwähnt seine Beschwerde darüber, dass sich der Provinzial nicht persönlich um ihn bemüht habe, sondern bei seiner Ankunft schon mit der Vorbereitung der Messe beschäftigt war. Nach Beendigung des Gottesdienstes führte der Provinzial die Schwestern processionaliter in das Sprachzimmer, in welchem Hahn mit den beiden Franziskanern bereits wartete. An einem bereitgestellten Tisch ließ sich der Provinzial an der linken Seite des Kommissars nieder, die Franziskaner saßen als tetes actus gerendi etwas abseits. Der Kommissar ermahnte die Anwesenden, die Wahl gemäß der Ehre Gottes und ihrem eigenen Seelenheil sowie nach dem Wunsch des Erzbischofs auszurichten. Anschließend wurden die Namen der Votantinnen vorgelesen und festgestellt, dass bis auf eine, die sich im krankenhauß aufhielt, alle stimmfähigen Schwestern anwesend waren. Dem brauch nach, so das Protokoll, seind die Vocales von P. Provinciali 3 – mahl auff Einander avisiert worden, daß sie ein cörperlich eyd schwören sollten, daß sie jene erwehlen wollen, welche sie vor gott und ihrem gewissen vor die tauglichste achten. Priorin Reichklaras den Todesfall der Äbtissin viel zu spät gemeldet habe. Offenbar hatte er Reichklara aus diesem Grund angemahnt, denn die Priorin teilte dem Kurfürsten noch am gleichen Tag mit, dass sie sich dieser Pflicht keineswegs zu entziehen gedacht habe. Der Fehler sei aus allzu großer Verwirrung, Betrübnis und Unwissenheit geschehen: DDAMz: K 102/II.3a. 596 DDAMz: K 102/II.3a. 597 Die Äbtissin war infolge der Klausurvorschriften beim Empfang der Kommission an der Pforte nicht zugegen. 164 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Die Wahl des Jahres 1696 war noch mündlich vollzogen worden, 1717 führte man sie schriftlich durch: Jede der Votantinnen erhielt, nachdem sie ihren Eid abgelegt hatte, ein Bündel (fascicul) Zettel mit den aufgedruckten Namen aller Schwestern. Aus diesem sollten sie diejenige heraus suchen, der sie ihre Stimme geben wollten. Beim Verteilen der Bündel an die Schwestern wurde darauf geachtet, dass der Zettel mit dem Namen der jeweiligen Empfängerin herausgenommen worden war, um eine Selbstwahl zu vermeiden. Sonsten aber dieser modus vor den besten gehalten worden, weilen auf solche art die wahl am aller freyhest und verborgendst geführt wird. Unbeeinflusst von äußerlichen Bindungen oder freundschaftlichen Verpflichtungen sollten die Nonnen ausschließlich ihrem Gewissen gehorchen und dennoch den Appell des Kommissars nicht vergessen. Nach der Wahl begab sich der Protokoll führende Franziskaner in Begleitung zweier Konventualinnen in das krankenhauß, um die Stimme der erkrankten Schwester zu notieren. Nachdem sich der Sekretär wieder an seinem Platz einfand, kam es zu einem Zwischenfall: Der Provinzial verkündete, sich auf einen Ordensbrauch berufend, dass auch er ein Votum abgeben wolle. Der offensichtlich irritierte Kommissar sprach sich gegen dieses Ansinnen mit dem Argument aus, dass ein solches Votum nicht mit den Rechtsgrundlagen vereinbar sei. Außerdem sei er auf einen solchen Fall nicht vorbereitet und verfüge diesbezüglich über keinerlei Verhaltensinstruktionen seitens des Erzbischofs. Demnach, wenn der Provinzial auf seinem Votum bestehe, müsse diese sach nothwendig für dißmahlen außgesetzt werden, biß Commissarius oraculum Eminentissimi darüber eingeholet hätte, zumahlen ihn bedünken wolle, daß Eminentissimus Ordinarius nicht weniger fug und recht haben müssen eine stim zu geben als P. Provincialis. Nach einem zihmlichen doch moderaten Wortwechsel einigten sie sich dahingehend, dass Kommissar Hahn im Namen des Erzbischofs ebenfalls ein Votum abgab. Dies geschah, so das Protokoll, ohne besonderen Befehl, da er zwischenzeitlich von Ihro Churfürstlichen Gnaden gnädigsten Intention (…) Nachricht erhalten hatte. 7 Äbtissinnen und Priorinnen 165 Nachdem schließlich alle gewählt hatten, zeigte sich, dass die als Priorin amtierende 57-jährige Maria Ursula Jäger 13 von insgesamt 20 Stimmen erhalten hatte und canonice eligiert worden war. Sämtliche Wahlzettel wurden anschließend durch den Sekretär verbrannt. Er stellte sich auf einen Stuhl und fragte die Anwesenden dreimal, ob etwas gegen die gerade durchgeführte Art und Weise des Wählens oder die gewählte Person vorzubringen sei. Da alle zufrieden waren, fragte man die Gewählte, ob sie einwillige. Sie bekannte, dass sie unfähig zum Amt der Äbtissin sei, da sie nicht die notwendigen Fähigkeiten besitze.598 Die Schwestern jedoch hätten ihr so großes Vertrauen erwiesen, dass sie die Herausforderung in der Hoffnung auf Gottes Hilfe, dessen Wille sich in diesem Wahlergebnis geäußert habe, annehmen wolle. Dann stimmten alle das te eum laudamus an, während Maria Ursula Jäger processinaliter auf den Chor geführt wurde, wo sie die professionem fidei ablegte und vom Provinzial Siegel und Schlüssel erhielt. Schließlich wurde sie, noch auf dem Chor, von den Jungfern auf gebogenen Knien als Mutter angenommen. Die neue Äbtissin war verpflichtet, innerhalb der folgenden Tage ein Dankschreiben an den Kurfürsten zu schicken. Sie hatte darin um eine Bestätigung ihrer Wahl und um die Konfirmation durch den Erzbischof zu bitten.599 7 .2 .4 Äbtissinnenwahl 1748 Maria Ursula Jäger stand Reichklara 31 Jahre lang vor, sie verstarb am 11.  Juni 1748. Als der zu dieser Zeit amtierende Generalvikar Georg Adam Freiherr von Fechenbach600 die Todesnachricht erhielt, schlug er am 3. Juli 1748 in einem Schreiben an den Kurfürsten für die bevorstehende Neuwahl den 9ten laufenden Monaths July pro termino und den 598 Es handelte sich hierbei um eine gebräuchliche Rhetorik (captatio benevolentiae), die um die Gunst der Anwesenden wirbt. 599 Maria Ursula Jäger betonte bei der Visitation 1745, sie sei nach ihrer Wahl von ihro churfürstlichen Gnaden confirmiert worden. Zuvor führte diese Zeremonie der Provinzial durch: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, Interrogatoria pro Abbatissa et Priorissa, Antwort der Maria Ursula Jäger auf Frage 1. 600 Von Fechenbach amtierte von 1746 bis 1763 als Generalvikar in Mainz. 166 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Geistlichen Rat Dr. Faulhaber als erzbischöflichen Kommissar vor.601 Johann Friedrich Karl von Ostein bestätigte den Termin und Dr. Faulhaber als Vorsitzenden der Kommission. Diesen forderte er wiederum auf, die Wahl per vota libera durchzuführen und zu beachten, dass eine Person gewählt wird, die sowohl die Interessen der weltlichen Behörde als auch die des Klosters zu wahren imstande sei.602 Bei dieser Wahl gaben 19 Konventualinnen im Alter zwischen 20 und 69 Jahren ihre Stimmen ab. Gewählt wurde die 51-jährige Maria Franziska Wolffin, die bis zu diesem Zeitpunkt das Amt der Speichermeisterin ausgeübt hatte. Der Wortlaut ihres Treue- und Gehorsamseides (juramentum neo electae) ist überliefert.603 Die neue Äbtissin legte ihn auf den Kurfürsten und seine Nachfolger sowie auf den Vikar in spiritualibus und dessen Nachfolger ab: Ich werde von nun an und inskünftig den Ihnen schuldigen Gehorsamb leisten, mir keine exemption und befreyung anmaßen, sondern gelobe, alle diesem Gotteshaus zugehörigen güther und gerechtigkeiten treulich zu verwalten, nichts darvon ohne Verwilligung Ihro Churfürstlicher Gnaden oder dessen Vicariat zu verkaufen, versetzen, hinweggeben oder sonsten zu vereußern, (…) verspreche endlich auch, daß ich, so oft es von mir wird verlangt werden, Churfürstlichen Gnaden oder dessen nachgesetztem Vicariat über die Verwaltung dieses Closters die schuldigste rechenschaft gebe. Der Kommissar setzte sie nun als Vorsteherin ein: Nahmens Ihro Churfürstliche Gnaden gebe ich Ihr proffessionem in dem Platz einer Abbatissin. Die vorläufige formula confirmationis lautete: Aus obhabender von Ihro churfürstlicher Gnaden uns eigens und besonders aufgetragener gewalt thuen wir hiermit die auf Eure persohn gefallene canonische wahl bestätigen und Euch in diesem Gotteshaus 601 DDAMz: K 102/II.3b. 602 DDAMz: K 102/II.3b. 603 DDAMz: K 102/II.3b. 8 Das geistliche Leben 167 als eine Abbatissin desselben vorstellen, anbey die Gewalt übertragen, ein solches in geistlichen und weltlichen Dingen zum Nutz und besten desselbigen zu verwalten, zu dem End wir Euch in den besitz und genuß dessen güther und Einkünften setzen, befehlen aber Euch, binnen kurzer Zeit bey Ihro Churfürstlichen Gnaden die gewöhnliche und förmliche Confirmation demüthigst nachzusuchen. Daraufhin schwor die neugewählte Äbtissin: Ich, Schwester Maria Franziska Wolffin, gelobe und verspreche Euch Treue und Gehorsam bis in den Tod.604 Damit war spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts dem Provinzial als dem Ordensoberen jegliche Handlungsvollmacht bei den Äbtissinnenwahlen durch die weltliche Obrigkeit entzogen worden: Bei der Wahl 1696 hatte der Provinzial die Eröffnungsrede gehalten, die Wahl geleitet, die neu Gewählte proklamiert, vereidigt und konfirmiert. 1717 präsidierte der Provinzial gemeinsam mit dem weltlichen Kommissar, wobei der Provinzial hier noch die neue Äbtissin in ihr Amt einsetzte. 1748 und bei der letzten Wahl in Reichklara im April 1771 lagen die Abnahme des Eides, die Einsetzung der neuen Äbtissin sowie ihre Konfirmation nur noch in den Händen des Vertreters des Erzbischofs. Der das Protokoll führende Sekretär war ebenfalls ein Gesandter des Vikariats. Der Konvent war nach diesem Prozess ausschließlich der weltlichen Obrigkeit unterstellt und der Bezug zu seinem Orden geschwächt. 8 Das geistliche Leben Das geistliche Leben eines kontemplativen Konvents umfasst Chorgebet, Meditation und Heiligenverehrung. Auf den ersten Blick gestaltete sich deren Vollzug in Reichklara und Armklara ähnlich, beim näheren Hinsehen sind aufgrund der verschiedenen Entstehungshintergründe der Konvente bedeutende Abweichungen festzustellen. Um diese 604 DDAMz: K 102/II.3b. 168 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Unterschiede definieren zu können, soll im folgenden Kapitel auf das geistliche Leben Reichklaras, wie es sich nach dem Tridentinum darstellte, detailliert eingegangen werden. Die bedeutendsten Elemente des geistlich-kontemplativen Alltags im Konvent stellten die obligatorischen Chorgebete oder kanonischen Tagzeiten dar: Matutin, Laudes,605 Prim, Terz, Sext, Sept, Non, Vesper und Komplet regelten die vita religiosa. Der Tag wurde durch sie etwa in einen Drei-Stunden-Rhythmus eingeteilt. Die Texte der Stundengebete als Teile des Römischen Breviers wurden in lateinischer Sprache gelesen. Zu den Stundengebeten kam das täglich zu lesende officium Marianum.606 Während jede Nonne weitgehend für sich selbst entscheiden konnte, wo und zu welcher Tageszeit sie sich dem marianischen Stundengebet widmen wollte, wurden die sieben Bußpsalmen jeden Freitag gemeinsam auf dem Chor gebetet.607 Die Mette begann in Reichklara im Sommer um vier Uhr morgens.608 Die geistliche Betrachtung oder Gewissenserforschung fand zwischen sechs und halb sieben im Sommer auf dem Chor, im Winter in den beheizba- 605 In Reichklara fasste man Matutin und Laudes zur Mette zusammen, die am frühen Morgen gebetet wurde. 606 Das marianische Stundengebet und die sieben Bußpsalmen beteten die Nonnen auf Deutsch: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 28. Dem marianischen Stundengebet lag das Officium Beatae Virginis Mariae (B. V. M.) zugrunde: StadtA Mainz: 12/330 (specification). 607 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 28. Bei den Bußpsalmen handelt es sich um die Psalmen 6, 32, 38, 51, 102, 130 und 143. 608 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71r: (…) sonderlich die Mette soll alle morgen Sommers zeit umb fünf und winters umb sechs Uhren gehalten werden. Maria Ursula Jäger sagte anlässlich der Visitation des Jahres 1745 aus, dass die Mette um 4 Uhr morgens beginne: DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de Cultu Divino, Antwort der Maria Ursula Jäger auf Frage 2. 1781 bestätigte die Küsterin Maria Ignatia Münchin, dass das erste Zeichen der Mette um vier Uhr gegeben werde, um Viertel nach Vier fange die Mette an: DDAMz: K 102/ II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 83. 8 Das geistliche Leben 169 ren Konventsstuben statt.609 Um halb sieben wurde die Prim gehalten, um neun Uhr Sext und Non, denen sich um halb zehn die Konventsmesse anschloss.610 Diese wurde entweder gesungen oder still gelesen.611 Seit 1749 richteten Priester der Karmeliter die Konventsmesse sowie die Vesper um vier Uhr nachmittags und die Komplet um sechs Uhr abends aus. Maria Franziska Wolffin hatte mit dem Prior der Karmeliter einen Vertrag abgeschlossen, der 121 Reichstaler und acht Malter Korn jährlich als Entlohnung für die Dienste der Priester sowie eine einjährige Kündigungsfrist vorsah. Im Januar 1777 bat Maria Seraphina Fritschin das Vikariat um die Erlaubnis, diesen Vertrag aufzukündigen. Der Gottesdienst sollte künftig von einem Weltgeistlichen durchgeführt werden, dem als Gegenleistung Kost und Logis in der Schaffnerey und 50 Gulden an Bargeld angeboten wurden. Die bisher in Reichklara beschäftigten Priester der Karmeliter, so die Begründung der Äbtissin, seien seit längerer Zeit bettlägerig.612 Nach der Messe und der Komplet erfolgte jeweils ein halbstündiges meditatives Innehalten (examen conscienta).613 Jeden zweiten Sonntag wurde um ein Uhr mittags, wenn die Laien die Kirche verlassen hatten, in Anwesenheit eines Kapuzinermönches eine geistliche exhortation auf dem Chor gehalten.614 Eine weitere geistliche Verpflichtung stellten die Seelenmessen dar, die an etwa 20 – 30 Tagen des Jahres gelesen und gebetet werden mussten. In Kriegszeiten oder drohender Kriegsgefahr konnte ein bestimmtes täglich in der Kirche zu verrichtendes Gebet von der Obrigkeit angeordnet werden.615 609 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Igantia Münchin auf Frage 40. Diese Gewissenserforschungen dienten zur inneren Einkehr. Die Schwestern sollten sorgfältige Betrachtungen über begangene Sünden oder sündhafte Gedanken anstellen: Schneider, Ursulinenkonvent 259. 610 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 72r. 611 DDAMz: K 102/II.8 – 8 ½. 612 DDAMz: K 102/II.8 – 8 ½. 613 Das examen conscienta wird anlässlich der Ordensvisitationen von 1773, 1774, 1776, 1778 und 1780 erwähnt. An hohen Feiertagen fiel es aus. 614 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 36. 615 StadtA Mainz: 13/336, 180. 170 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras 8 .1 Verhalten während des Chordienstes Der korrekte Gesang und die Beachtung der Betonungsvorschriften bei der Lesung der liturgischen Texte waren in Reichklara zentral für die Spiritualität der Gemeinschaft. Noch während der letzten drei Ordensvisitationen bezog sich jeweils die erste Frage auf die Einhaltung der Disziplin bezüglich der Gesangsausführung. Maria Coletta Schlipgen erklärte 1773, die Schwestern würden zwar regelmäßige Gesangübungen machen, aber es wäre noch eine bessere Übung vonnöten.616 Kamen die Schwestern zum Gebet auf den Chor, so sollte ihnen bewusst sein, dass ihr Bräutigam, Herr und Erlöser zugegen sey.617 Während des Gottesdienstes waren sie gehalten, ihre gemüeter auf Gott allein zu wenden und fleißig zu pitten (…).618 Die Gebete sollten, tief empfunden mit den Händen ihres Herzens,619 sowohl gefühlsmäßig als auch durch den Verstand (Stirn und Herz)620 mit aller Zucht, Ehrerbietigkeit, Demut und Gottesfurcht,621 gleichermaßen mit ganzen, wohl ausgedrückten Worten, gleichen stimmen und rechten Pausen eintrechtigelich vollführt werden.622 Verboten waren alle Unordnung, Unfleiß, Zank, Widerwille, Gelächter.623 Unordentliche, weltliche und leichtfertige gesang In und aüsserhalb dem Chor zue lesen oder zue singen war streng untersagt.624 616 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 8. November 1773, Antwort der Maria Coletta Schlipgen auf Frage 13. 617 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71r. 618 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71r. 619 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71v. 620 Auch Franz von Assisi war an einem Zusammenwirken von Stimme und Herz während des kirchlichen Gesanges gelegen gewesen: (…) ut vox concordat menti, mens vero concordet cum Deo, zitiert nach: Sigismund Cleven, Musik und Musiker im Franziskanerorden unter besonderer Berücksichtigung der sächsischen Provinz, in: FS 18 (1931) 175. Auch während des Konzils von Trient war diese Art der Andacht relevant: Zur Gottesdienstzeit gibt es keine Unterhaltungen und Schwätzereien, vielmehr folgt man dem Zelebranten andächtig mit Mund und Geist: COED, II, de modo vivendi in concilio. 621 StA Wurzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71v. 622 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71r. 623 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 71v. 624 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 3r. 8 Das geistliche Leben 171 Verglichen mit dem Klosterstatut Armklaras, in welchem dem möglichst uniformierten Verhalten auf dem Chor während der unterschiedlichen liturgischen Abläufe mehrere Kapitel gewidmet sind, nimmt dieser Aspekt in der Reformcharta und in der Urbanregel wenig Raum ein. Dies lässt den Schluss zu, dass in Reichklara der angemessene Vollzug von Gesang und Lesung von hoher Bedeutung war, weniger jedoch die strenge Einheit physischer Bewegungsabläufe. 8 .2 Totenfürsorge: Seelgerätstiftungen und Ablassprivilegien Fundationen von Seelenämtern und Vigilien stellten klosterseits eine bedeutende Einnahmequelle dar. Die religiöse Motivation, die einer solchen Stiftung zugrunde lag, bezog sich im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit auf den Akt des immerwährenden Gedenkens an verstorbene Familienmitglieder oder nahe Verwandte. Durch Fürbitten, die an die Heiligen gerichtet wurden, hofften die Lebenden auf die Errettung der Toten aus dem Fegefeuer oder aus der jenseitigen Verdammnis.625 Dem Gebet kontemplativer Ordensfrauen wurde dabei eine außergewöhnliche und das Seelenheil besonders fördernde Wirkung zugeschrieben.626 Die Stifter kamen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und entsprechend differierten die mit dem Kloster vertraglich vereinbarten Stiftungssummen, Naturalien oder der Wert abgegebener Güter: Johann Adam Ebersheim, Dekan von St. Stephan, vermachte 1653 dem Reichklara-Kloster sechs Morgen Land mit der Auflage, dass die Schwestern nach seinem Tod jährlich am Gedenktag der heiligen Ursula ein cantabile sacrum celebriren. Mit der Huldigung der Heiligen und ihrer lieben gesellschafft durch die Nonnen sollte für die Rettung seiner Seele (pro salvete animae mea) gebetet werden.627 Der Erfurter Weihbischof Johann Jacob Senft, dessen 1712 verstorbene Schwester Nonne in Reichklara gewesen war, gab 1714 einhundert Reichstaler für die Stiftung eines Anniversariums. Der Betrag wurde zu 625 Patrick Schmidt, Wandelbare Traditionen – tradierter Wandel. Zünftische Erinnerungskulturen in der Frühen Neuzeit, Köln 2009, 75. 626 Schneider, Ursulinenkonvent 257. 627 StadtA Mainz: 13/339. 172 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras dem kleinen bäulein am Kelterhaus verwendet.628 Für den Mainzer Bürger Johannes Lütz und seine Ehefrau lasen die Schwestern dreimal jährlich eine Seelenmesse. Als Gegenleistung lieferten die Nachkommen des Paares drei Malter Korn und überdies einen Gulden, der per Heller unter den Schwestern aufzuteilen war, damit sie desto fleißiger beten sollen. Der kurmainzische Geheimrat Konstantin Bertram fundierte für die Summe von 168 Gulden, die einer sich der Messe anschließenden Rekreation zugedacht war, eine jährlich am 17. Januar zu haltende Singmesse. Am 21. Februar war ein Jahrgedächtnis für Adelheid Gräfin von Nassau zu zelebrieren, für welches Reichklara einen Weingarten erhielt.629 Für eine dem Priester Hermann von Wanbach gewidmeten Seelenmesse an jedem 1. April teilten sich die Nonnen eine Mark. Drei Malter Korn erhielten sie für ein von einem Priester namens Conradt gestiftetes Anniversarium an jedem 5.  Juni. Margaretha Ostermann, die Ehefrau eines Mainzer Doktors, stiftete ein am 20. Juli zu begehendes Jahrgedächtnis. Reichklara erhielt für diese Leistung eine einmalige Summe von 500 Reichstalern. Am 29. August, dem Tag der Enthauptung des Johannes, war dem Mainzer Bürger Johannes Capius zu gedenken. Als Gegenleistung hatte er dem Kloster 50 Gulden gezahlt. Für Koronna Susanna Micklin, der Schwester der Priorin in Reichklara, waren am 20. November zwei Messen zu feiern, für die der Konvent eine anschließende Rekreation in Form von Braten und Weißbrot erhielt. Dazu bekam jede der Geistlichen einen Schoppen guten Wein.630 Der Vollzug des Messopfers und das Vortragen von Fürbitten an einem Altar, den der Papst mit einem Ablassprivileg versehen hatte, stellten eine weitere Form frühneuzeitlicher Totenfürsorge dar, die sich auf das Seelenheil der Verstorbenen konzentrierte. Papst Benedikt XIV. (1740 – 1758) verlieh am 4. Oktober 1751 mittels eines Breves den Altären der Reichklara-Kirche ein Ablassprivileg, das zeitlich unbeschränkt und für jeden Tag des Kirchenjahres Geltung hatte. Dieser Ablass war 628 StadtA Mainz: 13/335, Eintrag unter dem Jahr 1714. 629 StadtA Mainz: 13/335, 21.2.1288. 630 DDAMz: K 102/II.3c: Designation denen von dem jungfräulichen Closter Sancta Clarae zu Praetendirendten Recreationen wegen denen zu haltenden Seelen ämbter undt Vigilien. 8 Das geistliche Leben 173 allerdings auf die Verstorbenen aus der klösterlichen Gemeinschaft und deren Verwandte und Wohltäter beschränkt, er galt weniger den Kirchenbesuchern aus der Bevölkerung. Dieses Breve erweiterte ein bereits 1725 von Papst Benedikt XIII. (1724 – 1730) verliehenes Ablassprivileg. Für die Schwestern Reichklaras war es von großer Bedeutung, in ihrer eigenen Kirche den Ablass zu erlangen, da es ihnen nicht erlaubt war, ihre Klausur für eine Pilgerreise zu einem Wallfahrtsort zu verlassen. Am 13. Mai 1747 erteilte Benedikt XIV. ein Ablassprivileg für die am Fest Portiunkula anwesende Bevölkerung.631 An diesem Ereignis, das auf dem klostereigenen Gelände des Mönchhofs stattfand, nahm die umliegende Bevölkerung offenbar gern und zahlreich teil, denn es fanden sich jährlich zwischen 500 bis 600 Personen ein. Das Fest Portiunkula ist die einzige durch Quellen belegte Andachtsform in Reichklara, die sich außerhalb der täglichen Gottesdienste explizit an die Bevölkerung richtete. Anders als Armklara schloss sich Reichklara keiner Gebetsbruderschaft an und organisierte keine öffentlichkeitswirksame Prozessionen oder Heiligenverehrungen. Das Ablassprivileg hatte zunächst eine Gültigkeit für die Dauer von sieben Jahren. In einem Schreiben Maria Franziska Wolffins an den Erzbischof äußerte die Äbtissin die Bemerkung, dass eine Verewigung dieses Privilegs wegen des großen Zulaufs an poenitenten zu wünschen wäre.632 8 .3 Ausstattung der Kirche und liturgische Bücher Die nach der Aufhebung Reichklaras verzeichneten Kirchenschätze lassen auf eine aufwendige Ausstattung des Kircheninneren schließen. Hier nur einige Beispiele: Zahlreiche Altarleuchter mit Engelsköpfen sowie mit rotem und grünem Samt überzogene und mit Silber beschlagene Messbücher schmückten die Altäre. Eines der Kruzifixe war mit Beschlägen aus Silberblech verziert, ein anderes schwarz gebeizt und 631 StadtA Mainz: 13/339. Das Fest Portiunkula geht auf die Gewährung eines Ablasses für den Besuch der in der Umgebung von Assisi gelegenen Kirche „Unserer Lieben Frau von den Engeln“ zurück. Der heilige Franziskus, der sich oft in ihr aufhielt und in ihrer Nähe das Stammkloster der Franziskaner errichten ließ, gab ihr den Namen „Portiuncula“. 632 StadtA Mainz: 12/330. 174 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras mit einer silbernen Figur versehen. In mehreren Ampeln brannte das ewige Licht. Ein Rauchfass war vorhanden, ebenso ein mehrere Leuchter tragender silberner Cherub. In einem Reliquiar bewahrte man zwei silberne Dornen auf, die vorgeblich von der Dornenkrone Christi stammten. Ein anderes Reliquiar enthielt das versilberte Kinn des heiligen Pankratius. Eines der Gemälde zeigte die heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Knaben Jesu. Ein anderes Bildnis der Maria war aus Holz gefertigt, ein weiteres vollständig versilbert. Eine der beiden Monstranzen wies goldene Verzierungen auf, die andere war vollständig aus Silber gefertigt. Den Tabernakel hatte man mit goldenem und silbernem Schmuck versehen.633 1677 ließ Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels eine Steinfigur der heiligen Klara herstellen, die in unmittelbarer Nähe der Sakristei ihren Platz erhielt.634 Weder für Reichklara noch für Armklara sind Bibliotheksverzeichnisse überliefert. Eine erhaltene specification lässt neben den bereits erwähnten Homilien, dem Officium Beatae Mariae Virginis und dem Leben der Heiligen von Peter Matthäus Vogel635 einige Rückschlüsse auf die weiteren im Kloster verwendeten liturgischen Bücher zu: Die Liste enthält acht partes Brevarii und ein großes Missale Romanum, das sämtliche Ordensfeste berücksichtigt. Des Weiteren sind vier Requiems Missalia verzeichnet, vier Specula S. Bonaventura und zwölf Processionalia.636 1674 vermachte Heinrich Turnich, Dekan zu St. Gangolf, Reichklara etliche schöne Bücher in unsere Paterei für unseren Herrn Pater Beichtiger.637 Leider existieren keinerlei Hinweise darauf, um welche Werke es sich bei dieser Schenkung handelte. Eine nähere Rekonstruktion der Klosterbibliothek ist aus diesem Grund nicht möglich. Die Provenienz- 633 StadtA Mainz: 12/6: Verzeichnis der Kirchengeräthschaften von Reichenklaren. 634 StadtA Mainz: 13/336, 119. 635 Vgl. Anmerkung 443. 636 StadtA Mainz: 12/330: specification. 637 StadtA Mainz: 13/335, 8.10.1674. Turnich war Mainzer Theologe. Er stammte ursprünglich aus Köln und hatte unter anderm 1653 das Amt des Rektors der Alten Mainzer Universität inne. 1674 vermachte er einen Großteil seiner Bibliothek den Augustiner-Eremiten: Annelen Ottermann, Woher unsere Bücher kommen. Provenienzen der Mainzer Stadtbibliothek im Spiegel von Exlibris (Veröffentlichungen der Bibliotheken der Stadt Mainz 59), Mainz 2011, 65. 8 Das geistliche Leben 175 erschließung der Stadtbibliothek Mainz, die im 19. Jahrhundert Teile der ehemaligen Klosterbibliothek übernommen hatte, erbrachte ebenfalls keine weiterführenden Ergebnisse.638 Erhalten ist lediglich ein Antiphonar, das im 18. Jahrhundert von Maria Ursula Jäger in Auftrag gegeben wurde. 8 .4 Das Antiphonar Unter Papst Pius V. (1566 – 1572) wurden nach dem Tridentinum das römische Messbuch und das Brevier inhaltlich erneuert und den Reformforderungen angepasst. In Mainz führte dieser Prozess zum sogenannten „reformierten Mainz-römischen Ritus“.639 Dies bedeutete, dass Grundzüge der ursprünglichen Mainzer Liturgie im Zuge dieser Bearbeitungen zwar beibehalten, aber den römischen Fassungen in großen Teilen angeglichen wurden. Dabei blieb etwa der Mainzer Eigenkalender mit den zahlreichen lokalspezifischen Texten bezüglich der Messformulare unverändert. Bereits 1570 erschien in der Residenzstadt ein nachtridentinisch reformiertes Brevier. Johann Philipp von Schönborn vereinigte im 17. Jahrhundert in einem weiteren Reformschritt römische Textelemente mit dem Mainzer Proprium bezüglich der Heiligen und der Heiligenfeste.640 1727 ließ Maria Ursula Jäger auf der Grundlage der reformierten Liturgie durch den Vikar des St.- Alban-Stiftes ein Vesperbuch anfertigen.641 Dieses 601 Seiten umfassende großformatige liturgische Werk lässt darauf schließen, dass die Äbtissin großen Wert auf einen sorgfältigen, präzisen und vor allem zeitgemäßen Chorgesang ihrer Untergebenen legte. Das Deckblatt trägt folgende Aufschrift: Maria Ursula Jäger, dess hochlöblichen Jungfräulichen Closters sanctae Clarae Abtissin, hat diesses Vesperbuch machen und schreiben 638 Freundliche Auskunft von Dr. Annelen Ottermann, Wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz. 639 Hermann Reifenberg, Mainzer Liturgie vor dem Hintergrund des „Mainzer Chorals“, in: AmrhKG 27 (1975) 14. 640 Pfeifer, Reform 171. 641 StBMz: Hs II 148. 176 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras lassen, durch Melchiorem houbben dess sancti Albani ritterstifts vicarium. 1727. Das Antiphonar enthält Hymnen, Responsorien und Invitatorien für das gesamte Kirchenjahr, beginnend mit dem ersten Advent. Die Gesänge sind in lateinischer Sprache verfasst. Die Melodien als Quadratnotationen auf vier Linien sind ebenso wie die Textzeilen überwiegend mit schwarzer und vereinzelt mit roter Tinte ausgestaltet. Weitere farbig herausgehobene Ausschmückungen finden sich nicht. Die klare Schrift der gut lesbaren Texte und Notationen weisen weder Ornamente noch Verschnörkelungen auf. Das Buch enthält keinerlei Gemälde oder Zeichnungen. Vereinzelt werden zwischen den Notenzeilen Hinweise auf die Gliederungen der Gesänge gegeben. Das proprium de tempore setzt mit dem Introitus Dominica prima adventus ein, dem der Hymnus Creator alme siderum, aeterna lux credentium folgt. Er wendet sich an Christus und bittet um Erlösung für die Menschheit. Die erste Antiphon besteht aus Versen des Buches des Propheten Jesaja, nachfolgende Gesänge zitieren einzelne Texte aus dem Neuen Testament. Der letzte Hymnus des Antiphonars ist dem Allerheiligenfest des franziskanischen Ordens gewidmet. Jesus, Maria und Joseph als die Heilige Familie sowie die Ordensheiligen Klara von Assisi und Franziskus nehmen innerhalb der im Antiphonar erwähnten Personengruppen einen herausragenden Stellenwert ein. Die Heiligen Stephanus, Thomas, Laurentius, Agnes, Caecilia, Agatha und Lucia werden als Märtyrer erwähnt und geehrt. Weitere Personen sind die Apostel Johannes, Petrus, Jakobus, Philippus, Paulus und Andreas, während Johannes der Täufer, Maria Magdalena, Martin von Tours, die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael, der heilige Joachim, Antonius von Padua, Kajetan von Thiene, Theresa von Avila und Clemens von Rom in einigen Textstellen Beachtung finden. 8 .5 Die Heiligenverehrung Neben dem Chorgebet bildet die Verehrung von Heiligen einen weiteren Fokus religiöser Identität in einer kontemplativen Konventsgemeinschaft. In Reichklara ist der Schwerpunkt der Heiligenvereh- 8 Das geistliche Leben 177 rung dem klostereigenen Festkalender zu entnehmen, der auch die Chorfeier tage auflistet. An diesen Tagen wurde den für den franziskanischen Orden wichtigen Heiligen gedacht oder an ein herausragendes spirituelles Ereignis erinnert, das in der Geschichte des Katholizismus, des Ordens oder des Klosters einen Wendepunkt herbeigeführt hatte. An diesen Tagen entfiel der nachmittägliche Chordienst zugunsten einer Rekreation. Festkalender Reichklaras 17. Januar: Gedenktag des heiligen Antonius und des heiligen Valentin (an diesem Tag wurde das ave praeclara im Chor gesungen und den ganzen Tag über brannte eine Kerze im chor an der Säule) 20. Januar: Gedenktag des heiligen Sebastian (Verehrung wie am 17. Januar) 25. Januar: Bekehrung des Paulus (Chorfeiertag) 22. Februar: Übernahme des römischen Bischofsstuhls durch den heiligen Petrus (Chorfeiertag) 15. Juni: Gedenktag für die Märtyrer Vitus und Modestus (Chorfeiertag) 8. Juli: Gedenktag des Märtyrers und Missionars Kilian (Chorfeiertag) 13. Juli: Gedenktag der Märtyrerin Margaretha von Antiochien (Chorfeiertag) 29. Juli: Jahrgedächtnis des Stifters (Chorfeiertag) 1. August: Verhaftung des heiligen Petrus durch Herodes Agrippa (Chorfeiertag) 2. August: Festtag Portiunkula (Erteilung des Ablasses auf dem Mönchhof. Um neun Uhr morgens fand eine Messe in der Klosterkirche statt und um drei Uhr nachmittags eine Vesper. Um fünf Uhr nachmittags erfolgte eine Segenspendung) 5. August: Verklärung des Herrn (Chorfeiertag) 8. August: Gedenktag des Märtyrers und Nothelfers Cyriacus (Chorfeiertag). 10. August: Gedenktag des heiligen Laurentius (Armenspeisung) 178 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras 11. August: Gedenktag der Ordensgründerin Klara von Assisi (Chorfeiertag) 29. August: Enthauptung von Johannes dem Täufer (Chorfeiertag) 19. November: Gedenktag der Elisabeth von Thüringen (Chorfeiertag) 4. Dezember: Gedenktag der heiligen Barbara (An diesem Abend wurde gefastet) 6. Dezember: Gedenktag des heiligen Nikolaus von Myra (Chorfeiertag)642 8 .5 .1 Klosternamen Einer der Altäre in der Klosterkirche war sowohl dem heiligen Petrus als auch Johannes dem Täufer, ein weiterer der heiligen Katharina von Siena geweiht.643 Diese Heilige, die im 14. Jahrhundert als Mystikerin und Reformerin unbeirrt ihrem spirituellen Weg folgte, wurde in Reichklara bei der Auswahl eines Klosternamens häufig berücksichtigt. Die Weihe eines dritten Altars vollzog sich im Namen der heiligen Maria, die in Reichklara im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts zur Schutzheiligen erhoben wurde.644 Neben dem täglich zu haltenden marianischen Stundengebet äußerte sich die Bedeutung der Marienandacht in Reichklara auch darin, dass ihr Name nach demjenigen ihrer Mutter Anna seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts mit großen Abstand am häufigsten als Bestandteil eines Klosternamens gewählt wurde.645 Während er in den ersten Jahrhunderten nach der Gründung Reichklaras lediglich bei drei Schwestern nachweisbar ist, trugen zwischen 1620 und 1781 annähernd die Hälfe aller Schwestern diesen Namenszusatz. Meist wurde er dem Namen einer weiteren Heiligen vorangestellt. 642 StadtA Mainz: 13/335 (Schlussseite). 643 Joannis, De sororum D Clarae vulgo der Reichen Clarissen 875. 644 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 93. 645 Ausführlich zur Bedeutung der genannten Heiligen, der nachtridentinischen Heiligenverehrung und zu den Kriterien der Vergabe von Klosternamen: Kapitel IV 11.4 der vorliegenden Arbeit. 8 Das geistliche Leben 179 Im Untersuchungszeitraum waren 45 Schwestern (39 %) Trägerinnen von Namen frühchristlicher Märtyrerinnen, etwa demjenigen der heiligen Margaretha von Antiochien, der auch ein Chorfeiertag gewidmet war. Sie wurde als eine trotz aller Bedrohungen ihrem Glauben treu bleibende Wundertätige und als eine der vierzehn Nothelfer verehrt. Die heilige Barbara wurde ebenfalls durch einen Chorfeiertag geehrt, wodurch belegt ist, dass sie, ebenfalls als Märtyrerin und eine der Nothelfer, in Reichklara einen hohen Stellenwert einnahm: Der Legende nach ließ sie sich, obwohl man sie mit Folter und Tod bedrohte und schließlich zur Hinrichtung führte, nicht von ihrer Überzeugung und von der Ausübung des christlichen Glaubens abhalten. Als Klostername wurde „Barbara“ erstmals im 17. Jahrhundert verwendet, bevorzugt von Laienschwestern. Eine der Schwestern wurde nach der Missionarin und Äbtissin Lioba von Tauberbischofsheim benannt, die mehrere Klöster gründete. Drei Nonnen erhielten den Namen der Seraphina von Pesaro, die nach einer unglücklichen Ehe als Äbtissin eines Klarissenklosters ihre Berufung fand. Die Klosternamen erinnerten demnach an Charaktereigenschaften vorbildhafter historischer Trägerinnen. Es handelte sich dabei um Profile willensstarker, disziplinierter und für den christlichen Glauben sowohl opferbereite als auch aktive Frauen, die unbeirrt von äußerer Beeinflussung ihrer Überzeugung treu blieben. Damit sollten sie für die Nonnen Reichklaras richtungsweisend sein. 8 .5 .2 Anrufungen von Heiligen in Notzeiten In Notzeiten wandte sich Reichklara an die beiden Märtyrer Sebastian und Laurentius: 1666 hatte Mainz unter der letzten großen Pestepidemie zu leiden, von der auch Reichklara betroffen war. Aus diesem Grund gelobten Äbtissin Anna Clara Steinhäuser von Neidenfels und ihr Konvent in der Zeit der unmittelbaren Ansteckungsgefahr, dass am Tag des heiligen Sebastian in unserem Capitelhaus Messe gehalten und das ganze Konvent communiciert in der Messe und den Abend zuvor wird gefastet. 180 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Ein weiteres Gelöbnis ist für die Zeit der Belagerung durch französische Truppen 1689 dokumentiert, als die Zerstörung Reichklaras befürchtet wurde: Anno 1689 ist das Closter samt der ganzen Stadt also von den Franzosen in großen Ängsten gewesen, wie dann auch die Ordre von dem König schon da wahr, die ganze Stadt in die Aschen zu legen. Damahlen hat daß Kloster ein Belöbtnis getan zu Gott und dem heiligen Laurencii, damit durch dessen Vorbitt das Closter mögte beschützt werden.646 Neben der Anrufung des heiligen Laurentius mit der Bitte um Schutz gelobte das Kloster für den Fall seiner Verschonung, dass an jedem Gedenktag dieses Heiligen (10. August), so lang das Kloster stehet, fünf Arme gespeist werden sollten. Dazu wurden fünf weiße Brote gekauft und, bevor sie an die Armen ausgeteilt wurden, während der Hochmesse drei Mal um das Kloster getragen. Außer einer Mahlzeit waren jedem Bedürftigen ein halbes Maß Wein und ein Albus zu reichen. Im Vergleich zu Armklara waren das geistliche Leben und die Heiligenverehrung in Reichklara insgesamt weniger auf eine Interaktion mit der Bevölkerung ausgerichtet. Es blieb offenbar von der nachtridentinischen oft publikumswirksam und spektakulär gestalteten Volksfrömmigkeit weitgehend unberührt. Wie das Antiphonar von 1727 belegt, war es liturgischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, entsprechende Reformen vollzogen sich jedoch eher im traditionellen und klosterinternen Bereich. 9 Wirtschaftliche Situation 9 .1 Die ökonomische Basis Für den ungestörten Vollzug des geistlichen Lebens waren kontemplative Klöster auf eine verlässliche ökonomische Wirtschaftsgrundlage angewiesen. In Reichklara bestand diese aus Einnahmen aus der Grundherrschaft sowie dem Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse. 646 StadtA Mainz: 13/335 (Schlussseite). 9 Wirtschaftliche Situation 181 In Form seines weitläufigen Streubesitzes verfügte das Kloster über Wiesen, Weingärten, Mühlen, ausgedehnte Wälder und große Viehbestände. Auf den Feldern wurden unterschiedliche Getreidesorten wie Weizen, Korn, Gerste und Hafer angebaut. Die meisten der Besitzungen waren als geistliche Güter privilegiert, demnach von Abgaben befreit. Um einige der Privilegien musste wiederholt juristisch gerungen werden, wobei die Prozesse nicht immer günstig verliefen: 1642 sah sich das Kloster gezwungen, für mehrere Weinberge Abgaben zu leisten, die zuvor befreit waren. Es hatte frühere Privilegien nicht schriftlich nachweisen können.647 Schenkungen, für die der alte Besitzer Steuern hatte entrichten müssen, blieben auch im Besitz des Klosters steuerpflichtig.648 Die Güter wurden im Rahmen des grundherrschaftlichen Rechtssystems von leibeigenen Bauernfamilien bewirtschaftet. Deren Abgaben an das Kloster bestanden hauptsächlich aus Naturalien, die jährlich der Hofhaltung des Klosters zugeführt wurden. Der Flecken Zornheim etwa lieferte 100 Malter Korn, zwei Malter Erbsen und Hirse, 400 Eier und vier Maß Butter. Aus Nackenheim wurden 25 Malter Korn und zwei Malter Linsen abgegeben,649 aus Astheim kamen 800 häubter Krauth.650 Zudem war jeder Haushalt einmal im Jahr zur Abgabe von einem Malter Hafer, drei Schillingen sowie einem Fastnachtshuhn verpflichtet. Wer kein Huhn besaß, musste eine Zahlung von neun Hellern leisten.651 Reichklara verfügte jährlich über etwa 70 Hühner sowie mindestens vier Gänse. In Algesheim besaß das Kloster 30 Morgen Ackerland, das jährlich acht bis neun Malter Korn einbrachte.652 In Bauschheim gehörten ihm 592 Morgen an Ackerland und Wiesen.653 Aus den Wäldern der Gemarkungen des Mönchhofs deckte Reichklara seinen Bedarf an Holz. Dort wurden zudem Schweine, Kühe und vor 647 StadtA Mainz: 13/336, 36. 648 Schrohe, Reichklarenkloster 40. 649 StadtA Mainz: 13/336, 9. 650 StadtA Mainz: 13/336, 10. 651 StadtA Mainz: 13/336, 11. Der Wert eines Reichstalers betrug zu dieser Zeit 576 Heller: Verdenhalven, Münzen, 27. 652 StadtA Mainz: 13/336, 12. 653 HStAD: E 14 A 300/7. 182 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras allem große Schafherden gehalten, die zeitweise mehr als 800 Tiere umfassten.654 Einen großen Teil seiner Einnahmen erzielte Reichklara durch den Verkauf von Schafswolle und Schafshäuten.655 In den Gemarkungen von Drais, Ebersheim, Bretzenheim, Schierstein und Gonsenheim besaß Reichklara ebenfalls Hofgüter, Wälder und Weingärten.656 Es verlieh 1602 seine Getreidemühle in Nackenheim samt den zugehörigen Äckern und Gärten. Dafür wurden jährlich zwölf Malter Korn in die Klosterspeicher geliefert.657 Ein Altarist, der 30 Jahre lang in der Reichklara-Kirche tätig gewesen war, schenkte dem Kloster ein Weingut samt Kelter, Bütten und anderem Zubehör.658 Johannes Sommer, der langjährige Schaffner, vermachte Reichklara drei Morgen eines Weingartens, der innerhalb der Stadt gelegen war.659 In Krisenzeiten gingen die landwirtschaftlichen Erträge oft drastisch zurück. Während des Dreißigjährigen Krieges konnten die Untertanen aufgrund der Verwüstungen keine oder nur sehr reduzierte Abgaben leisten. Die Ländereien lagen immer wieder brach, Wirtschaftsgebäude verfielen und wurden oft erst nach langer Zeit einer kostenintensiven Renovierung unterzogen. Rechtswidriges Verhalten der Untertanen konnte ebenfalls erhebliche Schäden verursachen: 1768 vergriffen sich Flörsheimer Bauern in den clösterlichen Tannen am stehenden gemachten Holz.660 Innerhalb der Stadt unterhielt Reichklara mehrere Häuser, die vermietet waren. Auch die weitläufigen Kellerräume des Klosters waren teilweise vermietet. Darüber hinaus wurden beachtliche Einnahmen durch die Einbringungsgelder der Novizinnen und durch Erbschaften begüterter Konventualinnen erzielt. 654 StadtA Mainz: 13/336, 224. 655 StadtA Mainz: 13/337, 348. 656 StadtA Mainz: 14/410: Gründlicher Auszug über deren Petersherren Hoffgüter zu Drayß. 657 StadtA Mainz: U/1602 September 9. 658 StadtA Mainz: 13/339. 659 StadtA Mainz: 13/335, 4.3.1640. 660 StadtA Mainz: 13/337, 5. 9 Wirtschaftliche Situation 183 Für Notzeiten verfügte Reichklara über finanzielle Rücklagen (depositoria), die von der Priorin verwaltet wurden.661 Überflüssige Ausgaben, beispielsweise für Knechte und Mägde, sollten vermieden werden: (…) die menge des gesindts soll eingezogen und nit mehr gedult werden als dem Closter nützlich und dienlich.662 Die Verwaltungsaufgaben des wirtschaftlichen Bereiches lagen zum größten Teil in der Verantwortung der Äbtissin. Damit sie sich jedoch auch ihren geistlichen Pflichten widmen konnte, sah schon die Urbanregel zu ihrer Unterstützung einen Schaffner vor, der von der Vorsteherin ausgewählt und nach einer Abstimmung im Kapitel angenommen wurde.663 9 .2 Verwaltung und Organisation Das Kloster sollte wirtschaftlich so effizient wie möglich geführt werden, wobei es den Bewohnerinnen nicht an den Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs fehlen durfte. Im Mittelalter übernahmen zunächst Minderbrüder diese Verwaltungstätigkeiten. Vom 14. bis zum beginnenden 16. Jahrhundert rekrutierte sich der Schaffner Reichklaras aus der Gemeinschaft der Konversen. Dabei handelte es sich um Laienbrüder, die der Befehlsgewalt der Äbtissin untergeordnet waren. Bereits kurz nach der Gründung des Klosters lebten sie in einem von der Klausur getrennten Klosterbereich. Für ihre Dienste wurden sie mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt. Viele der Konversen fühlten sich lebenslang sehr mit der Konventsgemeinschaft verbunden: Bruder Hans Schuchmann etwa verzichtete 1453 auf große Anteile seines Lohnes, schenkte sie dem Kloster und vermachte ihm seinen gesamten 661 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1773, Antwort der Catharina Josepha Rathin auf Frage 12. Ihren Angaben zufolge musste das Vikariat über die Höhe dieser Summe informiert werden, außerdem durfte nur mit Erlaubnis der Obrigkeit auf sie zurückgegriffen werden. 662 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76v. 663 In Kapitel XXI heißt es: Umb das gut und umb das gelt des closters das es mit erbergkeit wird verrichtet, so hab ein yegleich closter ewres ordens einen schaffer, der paidev weis sei und auch getrew. Der wird geseczt und ab geseczt von der abtasin und von dem convent als si dunket daz es nucz sei, zitiert nach: Mattick, Urbanregel 208. 184 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Besitz an Hausgeräten. Er wurde bis zu seinem Lebensende durch den Konvent (wie andere Conversen und Brüder) verpflegt und auch dort begraben.664 Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lösten weltliche Schaffner, die oft aus einem der Orte kamen, die zum Grundbesitz Reichklaras zählten, die Konversen ab. Sie erhielten von diesem Zeitpunkt an für ihre Dienste einen regelmäßigen Lohn in Form von Bargeld, befanden sich demnach eher in einem Angestelltenverhältnis zum Kloster. Die enge Beziehung zwischen Reichklara und seinen Schaffnern blieb dennoch bestehen, wie folgendes Beispiel eindrücklich zeigt: Am 2. November 1576 ließ der Schreiber und Schaffner Konrad Dietherich abends zwischen 9 und 10 Uhr in der unteren Stube des Beichthauses von Reichklara, schwach an Leib, sein Testament verlesen. Er hinterließ den größten Teil seines Vermögens der edlen Frau Ursula Steinhäuser von Neidenfels, Äbtissin zu St. Klara, da sie ihm in seiner krankheyt viel Gutes hat erweisen lassen und stiftete einen erheblichen Geldbetrag zur Haltung eines Jahrtags.665 Seit 1586 benötigte die Äbtissin die Erlaubnis des erzbischöflichen Vikariats, um einen Schaffner annehmen zu können.666 Bevor sie einen entsprechenden Antrag bei der Behörde stellte, hatte sie das Kapitel zu informieren. Die Geistlichen stimmten über die Annahme einer bestimmten Person ab, wobei jede einzelne Konventualin befragt wurde, ob sie mit dem vorgeschlagenen Anwärter einverstanden war.667 Die Reformcharta definiert die Eigenschaften, die ein Schaffner zu besitzen hatte: Danach eignete sich für dieses Amt ein verstendiger Man, der guttes namens und erbaren aufrichtigen wandels sey. Er musste schreibkundig sein, denn er hatte über sämtliche Geschäftstätigkeiten ordentliche Register zu halten. Er war gegenüber der Äbtissin vierteljährlich668 und gegenüber dem Ordinariat einmal jährlich hinsichtlich der 664 StadtA Mainz: U/1453 Juli 3. 665 StadtA Mainz: U/1576 November 2. 666 Seibrich, Reform 534. 667 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antwort der Maria Ignatia Münchin auf Frage 25. 668 StA Würzburg: Mz Ingrb. 81, f. 57r: Der Schaffner hatte zu verzeichnen, welche Früchte auf den Gütern des Klosters angebaut wurden sowie die Höhe 9 Wirtschaftliche Situation 185 klösterlichen Einnahmen und Ausgaben zur Rechenschaft verpflichtet.669 Darüber hinaus übte er das Amt des Zinsmeisters aus und hatte gemeinsam mit dem Hofmann die Arbeiten auf den Gütern zu organisieren. Er überwachte die Lieferung der Feldfrüchte670 und kümmerte sich ebenso um die Einforderung von Pachtzinsen, Zehnten und Renten wie um die jährliche Entrichtung von Grundzinsen.671 Aufgrund dessen bestand ein ständiger Austausch zwischen dem Schaffner und der Äbtissin, der sich wohl vor allem an der Scheibe im Sprachzimmer vollzog.672 Bei der Übergabe der Rechnungen durch den Schaffner an die Äbtissin mussten der Beichtvater und die Ratsschwestern anwesend sein. Zwei der Ratsschwestern hatten die Dokumente zu unterschreiben. Anschließend wurden sie in die Konventsbücher übertragen. Diese Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für die Jahresrechnung, für welche die Äbtissin und der Schaffner gemeinsam die Verantwortung trugen. Kam es zu Konflikten zwischen den Leibeigenen und dem Kloster, so war er der Ansprechpartner für den Schultheiß des betreffenden Ortes.673 Überdies besorgte er gemeinsam mit der Konventsmagd Gebrauchsgegenstände und einen Teil der Lebensmittel für die Nonnen. Die Waren reichte er durch eine drehbare Scheibe in den Klausurbereich.674 Wenn Handwerker im Kloster Arbeiten erledigten, so zählte es zu seinen Aufgaben, ihnen bei Bedarf behilflich zu sein.675 ihrer Erträge. 669 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76r. 670 StA Würzburg: Mz Ingrb. 81, f. 58v. 671 StadtA Mainz: 13/339. 672 StA Würzburg: Mz Ingrb. 81, f. 57r. In den Statuten von Weißenfels ist in diesem Zusammenhang von dem Verwalter die Rede, dem es ebenfalls, au- ßer in ganz klaren Notfällen untersagt war, die Klausur zu betreten: Bühler, Klosterleben 416. 673 HStAD: E 14 A 300/7. 674 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 76v. Es mag sich bei dieser Scheibe, ähnlich wie bei den Zisterzienserinnen, um eine Rotula gehandelt haben, die wahrscheinlich am gerembs angebracht war. Eine Rotula ist eine drehbare Vorrichtung, durch die Gegenstände des täglichen Bedarfs gereicht werden konnten: Zdichynec, Klausur 53. 675 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 74r. 186 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Da ihm nicht gestattet war, innerhalb des Klosters zu wohnen oder an den Mahlzeiten der Nonnen teilzunehmen, logierte er entweder in der Stadt in einem Gasthaus oder heraussen vorm Closter im äußeren Hof in einem Häuschen mit zwei Zimmern. Die untere Stube war mit einer Scheibe ausgestattet, wo man Ihme oder auch sonsten Einem guten Freünd Eine sub (Suppe) geben kann.676 Es bestand für den Schaffner außerdem die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Gesinde zu essen.677 Einige der Schaffner waren Familienväter: Johannes Sommer etwa, der mehr als dreißig Jahre lang in Reichklara tätig war, hatte eine Frau und eine Tochter. Die folgenden Ausführungen, die auf den Protokollen der letzten in Reichklara stattfindenden Visitation basieren, verdeutlichen die Auswirkungen der offenbar äußerst spärlichen und von Missverständnissen geprägten Kommunikation zwischen Maria Seraphina Fritschin und ihrem Klosterschaffner. Beide zeigten sich wenig kooperativ in ihrer Zusammenarbeit hinsichtlich der Verwaltung und boten schließlich der weltlichen Obrigkeit, die ohnehin zu dieser Zeit die Existenz kontemplativer Klöster kaum mehr als relevant betrachtete, eine Gelegenheit für außergewöhnlich dominantes Auftreten und für grundlegende Zurechtweisungen. 10 Die Aufhebung Reichklaras 10 .1 Die letzte Visitation in Reichklara Folgt man den Angaben in den Visitationsprotokollen, so wurden die Klausur, das Silentium und die Vorschriften für die vita communis in den letzten Jahrzehnten des Bestehens Reichklaras, insbesondere während der Amtszeit der letzten Äbtissin, strikter beachtet als unter ihren Vorgängerinnen. Diese spirituelle Rigorosität bewahrte das Kloster 676 StadtA Mainz: 13/336, 220. 677 StA Würzburg, Mz Ingrb. 77, f. 76v. Die Bestallungsurkunde von Johannes Sommer besagt, dass er für seine Dienste jährlich 40 Gulden, zwölf Malter Korn, jeweils einen halben Fuder Wein und Bier und zwei Wagen mit Reisigholz erhalten sollte: StA Würzburg, Mz Ingrb. 81, f. 58r. Im Rheinland entsprach ein Fuder umgerechnet 855,72 Liter: Verdenhalven, Münzen 24. 10 Die Aufhebung Reichklaras 187 jedoch nicht vor seiner Aufhebung zugunsten säkularer Projekte im Kontext der Mainzer Aufklärung. Im Zuge der Reform des Bildungswesens, an welcher der Mainzer Generalvikar Johann Valentin Heimes maßgeblich beteiligt war,678 sollten das Frauenkloster Altmünster und das Männerkloster Kartause gemeinsam mit Reichklara aufgelöst werden. Zu welchem Zeitpunkt entsprechende Pläne unumkehrbar wurden, ist umstritten.679 Jakobi geht davon aus, dass diese Entscheidung im Frühjahr 1774 fiel.680 Überlegungen, das Vermögen der drei genannten Klöster einzuziehen, existierten seiner Ansicht nach jedoch bereits seit Beginn der 70er Jahre, da es sich um die wohlhabendsten Konvente der Residenzstadt gehandelt habe.681 Nachdem am 24.  August 1781 die päpstliche Erlaubnis zur Suppression erteilt worden war,682 legte das Vikariat den Beginn der letzten 678 Jürgensmeier sieht in Johann Valentin Heimes einen der profiliertesten Persönlichkeiten der aufgeklärten katholischen Reformbewegung in Mainz: Jürgensmeier, Erzstift 449. In einem Schreiben an den Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal vom 20. März 1779 ist von dem eifrigen Bemühen Heimes die Rede, die geistliche Behörde von der Säcularisation einiger Klöster zu überzeugen. Das Projekt galt zu dieser Zeit noch als eine Geheimsache, deren Fortgang nichtsdestotrotz beschleunigt werden sollte. In diesem Schreiben wird unter anderem argumentiert, dass zwar manches Kind in den Klöstern seine Versorgung gefunden habe (…) doch oftmals brachten manche in die Klöster soviel ein, daß sie auch außer demselben davon leben könnten: HStAD: E 6A 15/2. 679 Felicitas Reusch, Studien über Mainzer Stifte im Zeitalter der Aufklärung anhand von Visitationsakten, in: Johannes Bärmann u. a. (Hrg.), Geschichtliche Landeskunde (Veröffentlichungen des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz 7), Wiesbaden 1972, 95; Friesenhagen, Klosterpolitik 164a. 680 Die unübliche Strenge, die das Vikariat im Jahr 1773 gegenüber dem Kloster im Zusammenhang mit den Verstößen gegen die Amortisationsverordnungen gezeigt hatte, könnte ein Indiz für zu diesem Zeitpunkt bereits vorliegende Aufhebungspläne sein: vgl. Kapitel III 6.1 der vorliegenden Arbeit. 681 Ernst Jakobi, Die Entstehung des Mainzer Universitätsfonds von 1781. Ein Beitrag zur Geschichte der Mainzer Universität (Beiträge zur Geschichte der Universität Mainz 5), Wiesbaden 1959, 39. 682 Jakobi, Universitätsfonds 173. 188 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Visitation für den 4.  September fest.683 Ablauf und Charakter dieser Inspektion wichen in vielerlei Hinsicht von den vorherigen erzbischöflichen Besichtigungen ab. Der visitierende Kommissar verhielt sich überdies gegenüber der Äbtissin außergewöhnlich unnachgiebig und misstrauisch. Die Delegierten kamen früh in der Stille an die Pforte und befahlen der Äbtissin, alle Geistlichen und den Schaffner im Kapitelhaus zu versammeln. Die Klausurvorgaben spielten offenbar für sie keine Rolle mehr. Auch von einem das Ereignis einleitenden Gottesdienst ist nicht die Rede. Nach einer kurzen Ansprache machte der Kommissar den Anwesenden die Ursache der bevorstehenden Visitation bekannt und erinnerte sie an ihre Pflichten. Man sprach ein Gebet und wandte sich nun gleich dem Visitationsgeschäft zu. Der Priorin wurde mitgeteilt, dass sie für die Dauer dieses für einen längeren Zeitraum geplanten behördlichen Besuches am Ende einer jeden Woche ein Verzeichnis jener Geistlichen anzulegen habe, welche die Ordensregel überschritten oder dem Chordienst ferngeblieben seien. Sie habe zu vermerken, warum dies geschehe, ob man die Betreffenden bestrafe oder aus welchen Gründen man von einer poenitenz absehe. Diese Verzeichnisse seien bei der Kommission einzureichen. Nach dieser Anordnung nahm der Kommissar der Äbtissin, der Kellerin, der Speichermeisterin sowie dem Schaffner im Hinblick auf den festzustellenden Vermögensstatus des Klosters den Eid ab. Er ließ ein entsprechendes Protokoll anfertigen, das die Anwesenden unterzeichnen mussten. Dabei erklärte er ihnen, dass die Wirtschaft des Klosters bis zum Ende der Visitation wie gewohnt fortzuführen sei. Sie sollten darüber hinaus bedenken, dass sie zur genauesten Rechenschaft gegenüber dem vorzufindenden Inventar verpflichtet waren. Die Unterlagen zu den Klosterrechnungen wurden eingezogen. Es handelte sich hierbei um die Aufzeichnungen des Schaffners und um jene der Äbtissin, denn es wollte aus dem Anno 1772 von dem Kloster eingeschickten Bericht wie auch aus den Rechnungen scheinen, als sei etwas entweder an barem Geld oder an ausgeliehenen Kapitalien verheimlicht worden. Der Kommissar erinnerte beide an 683 DDAMz: K 102/II.1: Protokoll der erzbischöflichen Visitation des jungfräulichen Klosters der sogenannten reichen Klarissen dahier zu Mainz. 10 Die Aufhebung Reichklaras 189 ihren soeben abgelegten Eid, und zwar einen jeden insbesondere, und drohte ihnen mit schärfsten Strafen, falls sie entweder an Geld oder an Kapitalien etwas verhehlten. Im Fall einer Unterschlagung mussten sie mit der einstweiligen Suspendierung von ihren Ämtern rechnen sowie damit, vorübergehend bei Wasser und Brot in das Schlafhaus verwiesen zu werden. Dem Schaffner drohte man, er würde im Ernstfall nicht nur aus dem Kloster gejagt, sondern auch an einen ohnerwartlichen Ort versetzt werden. Es folgte die Befragung, zunächst der Äbtissin. Maria Seraphina Fritschin gab an, seit 1771 ihr Amt auszuüben. Während dieses Zeitraumes sei noch kein Inventar angelegt worden.684 Über Geldeinnahmen, die das Kloster etwa durch den Verkauf von Früchten erziele sowie über alle Ausgaben führe sie persönlich ein Register. Der Verbrauch und Vertrieb des Weines werde allerdings in den Rechnungen nicht vermerkt.685 Die Speichermeisterin führe überdies ein sogenanntes „Speicherbuch“. Der Schaffner sei lediglich für die Rechnungen zuständig, die den Mönchhof betreffen. Bares Geld bekomme er nicht in die Hände. Die entsprechenden Beträge teile er ihr stets nach Ablauf einiger Monate mit, damit sie diese in ihr eigenes Manual und in die Hauptrechnung eintragen könne. Die Gesamtrechnung werde jedes Jahr pflichtgemäß der kurfürstlichen Kommission vorgelegt. Das Kloster habe bei ihrem Amtsantritt über ein Kapital von etwa 7000 Reichstaler verfügt. Dieser Betrag sei jedoch inzwischen zu einem großen Teil verbraucht worden. Von weiteren finanziellen Rücklagen wisse sie nichts und sie habe auch niemandem Geld geliehen.686 684 Diese Angaben entsprechen nicht der Wahrheit: Kurz nach der Wahl Maria Seraphina Fritschins 1771 wurde ein Inventar sämtlicher Güter, Kapitalien, Gold- und Silbersorten, der vorhandenen Mengen an Weizen, Korn, Gerste und Hafer sowie des Weißzeugs angefertigt. Reichklara besaß nach diesem Inventar zu dieser Zeit folgende Güter: Mönchhof, Astheim, Algesheim, Odernheim, Bauschheim, Drais, Geisenheim, Flörsheim, Nackenheim, Niedererlenbach, Weiterstadt, Zornheim, Hochheim und Spießheim: DDAMz: K 102/II.3c. 685 Das Weinhandelsprivileg der Klöster war ein umstrittener Punkt innerhalb der Amortisationsverordnung von 1772: Illich, Maßnahmen 70. 686 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781 (I), Antworten der Maria Seraphina Fritschin auf die Fragen 1, 2, 3, 4, 5, 7 und 11. 190 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Erst am nächsten Tag gab die Äbtissin noch einige kleine Kapitalien an, die am Vortag nicht zur Sprache gekommen waren. Sie entschuldigte diesen Umstand damit, dass sie gestern nicht daran gedacht habe und die entsprechenden Schriftstücke noch unten und nicht bei den übrigen Akten gelegen hätten. Sie sei am Vortag auch zu verstört gewesen. Der Kommissar befahl ihr daraufhin, ein Verzeichnis aller Hausund Küchenmöbel anzufertigen. Er forderte sämtliche Schlüssel des Gebäudes und seine Begleiter durchsuchten, keinerlei Klausurvorgaben beachtend, alle Behälter, Schränke und Schubladen. Vorrätiges Geld oder Hinweise auf heimliche Kapitalien fanden sie vorerst nicht. Später stellte sich heraus, dass in einer Kiste ein bedeutender Barbetrag aufbewahrt wurde. In den Bestandsbriefen stießen sie außerdem auf den Schuldschein eines auf dem Mönchhof wohnenden Hofmannes in Höhe von 202 Reichstalern. Er hatte von Reichklara Geschirr erworben. Diesen Betrag ließ der Kommissar unter die ausstehenden Kapitalien in das Inventar eintragen und setzte die Befragung der Äbtissin fort: 1772, so der Kommissar, habe sie in ihrem Bericht im Zusammenhang mit der Amortisationsverordnung über die Höhe der Einbringungen von den Novizinnen selbst angegeben, dass das Kloster ein Kapital von 10800 Reichstaler besitze. Nun wolle er wissen, was mit diesem Geld geschehen sei. Maria Seraphina Fritschin gab an, dass der damalige Schaffner von diesem Betrag 3000 Reichstaler verbraucht habe, auch habe das Kloster den Gemeinden Algesheim und Zornheim größere Beträge geliehen. 200 Reichstaler seien in Hofheim investiert worden. Die den Gemeinden geliehenen Beträge seien seinerzeit der kurfürstlichen Behörde schriftlich mitgeteilt worden. Auch für Bautätigkeiten und Instandsetzungen habe man Geld verwendet. Sie habe gleich im ersten Jahr ihres Amtsantrittes mit Renovierungen begonnen und sie in den folgenden Jahren nach und nach fortgesetzt. Der Rest des Geldes sei erst seit dem Jahr 1776 in den Hauptrechnungen aufgetaucht, woran jedoch der Schaffner die alleinige Schuld trage. Er sei in seinem Verhalten sehr eigenwillig gewesen und habe auf ihre Ermahnungen kaum reagiert. Er habe ihr sogar geraten, die 1776 in den Rechnungen auftauchenden Kapitalien in ihrem eigenen Manual nicht zu vermerken. Nach seinen Angaben hätte ihre Vorgängerin auch so gehandelt, daher sei ihr die Unzulässigkeit dieser Art der Rechnungsführung nicht 10 Die Aufhebung Reichklaras 191 bewusst gewesen. Wenn aber, so der Kommissar, das Kloster bisher oft mehr Einnahmen gehabt habe, als in den Rechnungen vermerkt worden sei, dann sei es auch möglich, dass das in der Rechnung angegebene Bargeld nicht mit den tatsächlich vorhandenen Beträgen übereinstimme. Dazu solle sie Stellung nehmen. Der vorige Schaffner, so die Antwort, habe tatsächlich nach seinem Sinn in betreff des baaren Geldes etwas so dahin gemacht.687 Sie selbst könne das Missverhältnis zwischen den Rechnungen und der tatsächlichen finanziellen Situation nicht anders begründen. Auf die erneute Frage, wo das 1776 nicht vermerkte Geld geblieben sei gestand sie, dass sie einmal dem Verwalter des Mönchhofs 1300 Reichstaler gegeben habe. Es seien verschiedene Reparaturen notwendig gewesen. Sie habe diesen Betrag jedoch weder in die Hauptrechnung noch in ihr Manual eingetragen, da die Priorin und der Schaffner damals gegen diese Ausbesserungen gewesen seien. Sonstige Ausgaben dieser Art habe sie nicht getätigt. Als ihr mitgeteilt wurde, dass soeben Bargeld in einer Kiste gefunden worden war, erklärte sie, dieses Geld hätte bereits bei ihrer Vorgängerin dort gelegen.688 Daraufhin wurde Johann Franz Lauth, der Schaffner, vorgeladen und, nachdem man ihn an seinen Eid erinnert hatte, befragt, ob ihm etwas von dem in der Kiste verborgenen Geld bekannt sei. Er verneinte diese Frage. Der Kommissar fragte weiter: Ob er nicht zumindest vermutet habe, dass im Kloster Bargeld versteckt sei. Nein, er habe dies auch nicht vermutet. Übrigens erstelle er nur die Rechnungen, die den Mönchhof betreffen, und für diese hafte er auch. Eventuelle Ungenauigkeiten in den Hauptrechnungen könnten sich aus Kalkulationen ergeben haben. Ob die Manualien der Äbtissin oder der Ratsschwestern korrekt seien, könne er nicht sagen.689 Am nächsten Tag wurden nacheinander die Priorin, einige der Konventualinnen sowie die Oberküsterin hinsichtlich der Wirtschafts- 687 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781 (I), Antworten der Maria Seraphina Fritschin auf die Fragen 13, 14, 15, 16, 18, 19, 20, 21, 22, 23 und 25. 688 DDAMz: K 102/II:1: Int. 1781 (I), Antworten der Maria Seraphina Fritschin auf die Fragen 26, 28 und 30. 689 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Antworten des Schaffners Johann Franz Lauth auf die Fragen 1, 2, 3, 5, und 8. 192 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras führung des Klosters vereidigt und verhört. Die Priorin sagte aus, sie wisse lediglich von dem in der Kiste liegenden Geld. Weiteres Bargeld befinde sich nicht im Kloster. Sie bestätigte die Angaben der Äbtissin bezüglich der Reparaturen, die man an vielen Gebäuden der Güter hatte durchführen lassen müssen. Die befragten Konventualinnen, die zum Kreis der Ratsschwestern gehörten, schlossen sich dieser Aussage an und fügten hinzu, der Dompropst habe der Äbtissin zu verstehen gegeben, dass der Kurfürst ihr den Mönchhof entziehen werde, wenn sie das Gut ebenso verfallen lasse, wie es ihre Vorgängerin getan habe. Die Oberküsterin betonte, dass vor der Amtszeit der jetzigen Äbtissin alle Gebäude in und außerhalb des Klosters verfallen waren, es sei nicht einmal ein intakter Wasserzuber vorhanden gewesen. Die derzeitige Vorsteherin habe alles reparieren oder anschaffen lassen. Das Protokoll vermerkt, dass alle Befragten mit ihrer amtierenden Vorsteherin zufrieden und der Meinung seien, sie habe keine üble und nachteilige Haushaltung geführt.690 Anschließend kam die Äbtissin noch einmal zu Wort: Sie wolle noch anfügen, dass sie dem Schaffner zum neuen Jahr, zu seinem Namenstag und am Nikolaustag jeweils eine Goldmünze (carolin) geschenkt habe,691 die in den Rechnungen jedoch nicht verzeichnet seien. Dessen ungeachtet aber sei ihr dieser Schaffner immer abhold gewesen. Er habe sie nicht über seine Verzeichnisse informiert und sie auch nicht angeleitet. Stattdessen habe er auf ihre Nachfragen bezüglich der Rechnungsführung erklärt, dass der gnädigste Herr (der Kurfürst) ja nicht durch das betrogen werde, was ihre Vorfahrin schon zugelassen hatte. Sie selbst habe indessen für die nötigen Renovierungsarbeiten gesorgt. Als sie nämlich nach ihrem Amtsantritt zum ersten Mal auf den Mönchhof gekommen sei, habe ihr der Dompropst mitgeteilt, der Kurfürst werde den Mönchhof den Eddersheimer Bauern anweisen lassen, wenn sie den schlechten Zustand der Gebäude nicht ändere. Maria Seraphina Fritschin bleibe trotz all ihrer Beteuerungen, so der Kommissar, einer übel geführten Wirtschaft verdächtig. Die Güter hätten von dem Ertrag, den sie einbringen, auch instand gehalten 690 DDAMz: K 102/II.1: Protokoll der erzbischöflichen Visitation des jungfräulichen Klosters der sogenannten reichen Klarissen dahier zu Mainz. 691 1 Carolin entsprach etwa 6 Reichstalern: Verdenhalven, Münzen 19. 10 Die Aufhebung Reichklaras 193 werden müssen und nicht von heimlichen Kapitalien. Die Äbtissin rechtfertigte sich mit dem Argument, dass ihre Vorgängerin sogar das gesamte Einbringen der Novizinnen für Renovierungsarbeiten verwendet habe. Ihr selbst dagegen sei in den letzten Jahren von den Novizinnen gar keine Mitgift gezahlt worden. Lediglich die von einer Novizin eingebrachten 1000 Reichstaler seien in eine neue Ausstattung des Hochaltars investiert worden. Eher unerwartet warf der Kommissar die Frage auf, wie hoch der seinerzeit an Algesheim ausgeliehene Betrag gewesen sei. Offenbar stellte er der Vorsteherin damit eine Falle. Auf ihre Antwort, es habe sich wohl um 1000 Reichstaler gehandelt, triumphierte er: Dies sei nun ein Zeichen, dass der Frau Äbtissin die klösterliche Verwaltung wenig angelegen sei, weil sie von so wichtigen Punkten wie das Algesheimer Kapital, welches doch 2100 Reichstaler betragen habe, keine Wissenschaft mehr habe. Sie selbst habe anno 1772 dieses Geld bei der Behörde als ein klösterliches Kapital angegeben und diese Angaben selbst unterschrieben. Wenn sie sich außerdem für geeignet halte, die Wirtschaft zu führen, warum hat sie nie die Rechnungen des Schaffners gründlich und pünktlich eingesehen? Ihre Vorgängerin, so die Antwort Maria Seraphina Fritschins, habe sich stets ohne Prüfung auf den Schaffner verlassen.692 Am 26. September fand die Befragung aller Konventualinnen statt. Für diese Verhöre war, obwohl die Auflösung des Konventes längst als beschlossen galt, eine Liste konzipiert worden, die annähernd 100 teils sehr detaillierte Fragen zu den unterschiedlichen Bereichen des Klosterlebens enthielt. Keine der vorhergehenden Interrogata hatte das Vikariat in dieser Ausführlichkeit entworfen und es stellt sich die Frage nach der Ursache dieses Vorgehens: Wollte man unbedingt Missstände aufdecken, um die Aufhebung zu rechtfertigen? Hielt man es für angebracht, den Nonnen in ihrer unsicheren Situation Zuwendung und Interesse entgegenzubringen oder wollte man das Klosterleben Reich- 692 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781 (II), Antworten der Maria Seraphina Fritschin auf die Fragen 1, 7, 8 und 10. 194 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras klaras für die Nachwelt dokumentieren? Letztendlich bleibt die Antwort offen.693 Die 52-jährige Maria Ignatia Münchin sagte als Erste aus: Sie wisse nicht, was bezüglich der Wirtschaftsführung des Klosters verbessert werden könne. Zur Äbtissin, die immer hervorhebe, welche große Mühe ihr das Kloster bereite, habe sie Vertrauen. Wenn die Wirtschaft Schaden erlitten habe, so sei dies wohl die Schuld des letzten Pächters (beständer) auf dem Mönchhof gewesen. Aus diesem Grund sei dieser von der Äbtissin entlassen worden. Sie hatte ihn seinerzeit durch die Empfehlung zweier Domvikare angenommen. Allerdings habe sie zuweilen den Eindruck, dass die Äbtissin bezüglich der Wirtschaft den ganzen Konvent in Unwissenheit halten wolle, denn sie schicke nun keine von den Laienschwestern zum Mönchhof. Dies sei sonst üblich gewesen und sie vermute daher, dass die Äbtissin einige Dinge geheim halten wolle. Lediglich bei Tisch erzähle sie manchmal von wichtigen Angelegenheiten.694 Die übrigen Befragten erklärten, nichts von einer mangelhaft geführten Wirtschaft des Klosters zu wissen und erwähnten noch einmal die Leistungen der Vorsteherin, die Kirche, Orgel, Schlafhaus, Krankenhaus, die zum Kloster gehörigen Häuser und einige Gebäude auf den Gütern habe renovieren lassen. Letztendlich konnten die Ursache und das Ausmaß der angeblich unzureichenden Verwaltung nicht ermittelt werden. Der Dialog zwischen dem Kommissar und der Äbtissin dokumentiert jedoch, dass Maria Seraphina Fritschin jahrelang sehr eigenständig und zupackend agierte, unabhängige Entscheidungen über durchzuführende Bautätigkeiten traf und selbstständig Pächter für die Güter ein- und absetzte. Die Aussagen der Schwestern vermitteln insgesamt einen positiven Eindruck von ihrer Regierungszeit und stellen ihr verantwortungsvolles Handeln heraus. Es hat den Anschein, als ob die Obrigkeit nach Mängel und Fehlern suchte, die sie ihr anlasten konnte, da sich das Vikariat unter einem gewissen Legitimationsdruck hinsichtlich der bevorste- 693 Für die vorliegende Studie war gerade diese letzte Visitation ein besonderer Glücksfall. Die Antworten konnten für zahlreiche Aspekte des Klosterlebens in Reichklara ausgewertet werden. 694 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1781, Fragstücke für die Conventualinnen, Antworten der Maria Ignatia Münchin auf die Fragen 23 und 24. 10 Die Aufhebung Reichklaras 195 henden Aufhebung befand. Auch ging die Behörde wohl tatsächlich davon aus, dass Reichklara neben seinem weitläufigen Güterbesitz über eine deutlich höhere Barschaft verfügte, als in den Rechnungen ausgewiesen war. Aus diesem Grund hatte die Kommission so lange und unnachgiebig nach „verstecktem“ Geld gesucht. Nach Jakobi besaß Reichklara bei seiner Aufhebung 160000 Reichstaler an barem Geld.695 Es gibt keine Hinweise darauf, wo die Konventualinnen diese große Summe verborgen gehalten hatten, sie ist jedoch ein Beleg dafür, dass Maria Seraphina Fritschin und ihre Vorgängerinnen in klostereigenem Interesse effizient zu wirtschaften verstanden haben. 10 .2 Die eigentliche Aufhebung Am 6. Oktober 1781 traf die kaiserliche Erlaubnis für die Aufhebung ein. Am 15. November erschien eine von Kurfürst Karl Joseph von Er thal beauftragte commisio mixta696 in Reichklara, um den versammelten Schwestern mitzuteilen, dass die Aufhebung ihres Klosters beschlossen worden war. Dies bedeute, so der verantwortliche Kommissar, jedoch nicht, dass sie ihren Konvent unverzüglich räumen müssten. Die einzige unmittelbare Veränderung bestehe darin, dass von nun an sämtliche Geschäftsvorgänge des Klosters durch das Vikariat getätigt werden würden. Die beiden Novizinnen Maria Caecilia Crahsin und Magdalena Theresia Hallbauin baten nach dieser Ansprache unter Tränen, noch die Profession ablegen zu dürfen. Sie erhielten die Antwort, dass darüber mit ihnen zu einem späteren Zeitpunkt gesprochen werde.697 695 Jakobi, Universitätsfonds 181. 696 DDAMz: K 102/II.1: Sie bestand aus einem Geheimrat, geistlichen Räten und einem Sekretär: Protocollum commissionis die suppression und Aufhebung des jungfräulichen Klosters dahier ad S. Claram auf dem Flachsmarkt betreffend. 697 Die beiden Novizinnen wurden später vor die Wahl gestellt, entweder in den weltlichen Stand zurückzukehren oder ein anderes Frauenkloster innerhalb des Erzstiftes auszuwählen. Dort würde man sie einkleiden und nach einem halbjährigen Noviziat zur Profession zulassen. Nachdem ihnen dies mitgeteilt worden war, erbaten sie sich eine achttätige Bedenkzeit. Schließlich entschieden sie sich für das Frauenkloster St. Agnes in Weisenau mit der 196 Teil III: Das Klosterleben Reichklaras Einstweilen jedoch sollten sie alle nichts an ihren täglichen Gewohnheiten ändern. Anschließend teilten die erzbischöflichen Vertreter auch dem Schaffner den Aufhebungsbeschluss mit. Sie befahlen ihm, das Kloster unverzüglich zu verlassen, woraufhin er ganz erschrocken nichts als seinem Mantel nahm. Nachdem er sämtliche Schlüssel ausgehändigt hatte, verließ er unmittelbar den Klosterbezirk. Nach Verlauf einer Stunde war alles in der größten Ordnung, Zufriedenheit und Ruhe vollzogen.698 Gutachter und Vollzugsbeamte legten in den folgenden Tagen Schatzverzeichnisse an. Sie konfiszierten die Geldkiste, nahmen verschiedene Schränke und sämtliches Silber- und Weißzeug mit. Aus dem Speicher und dem Keller transportierten sie alle Gegenstände ab, die ihnen verwertbar schienen. Sie zogen die Schlüssel von den Türen und beschlagnahmten das Klostersiegel.699 Nun setzte die Kommission einen neuen Schaffner ein. Dieser legte die Handtreue ab und erhielt neben den Schlüsseln zum Keller und zum Speicher 149 Reichstaler als Lohnvorauszahlung. Er bezog das Zimmer, in dem bisher der Provinzial bei gelegentlichen Besuchen gewohnt hatte. Den Dienstboten wurde befohlen, dem neuen Schaffner in jeder Hinsicht gehorsam zu sein. Auch der Hofmeister des Mönchhofs wurde einberufen und angewiesen, nur noch dem soeben eingesetzten Schaffnerei-Verwalter über die Erträge Bericht zu erstatten. Somit wurde die Verwaltung der Klostergüter vollständig dem Konvent entzogen. Indessen gab sich der Kommissar alle Mühe, die Konventualinnen, die öfters zu weinen anfingen, zu trösten. Einige von ihnen zogen innerhalb der folgenden Monate gemeinsam mit einem Teil der Nonnen von Altmünster in das Kloster Dalheim um, das sich außerhalb von Mainz befand, andere traten in den Konvent St. Agnes in Weisenau ein. Neun Schwestern wurden von den Augustiner-Chorfrauen, den Begründung, auf diese Weise Franziskanerinnen bleiben zu können. Auch würde dort der gleiche Habit getragen wie sie ihn bisher besaßen. Sie baten weiterhin, bis zum Zeitpunkt des neuen Klostereintritts ihren jetzigen Habit tragen zu dürfen, da sie gar keine weltliche Kleidung mehr besäßen. Diese Aussagen bestätigten die Priorin sowie die Novizenmeisterin: DDAMz: K 102/II.2. 698 StadtA Mainz: 12/6: Mainzer Zeitung vom 15. November 1781. 699 DDAMz: K 102/II.1: Protocollum commissionis. 10 Die Aufhebung Reichklaras 197 sogenannten „Welschnonnen“ in Mainz aufgenommen. Dort hatten sie allerdings den Status von Pensionärinnen, der sie zwar zur Klausur und zum Tragen des Habits, nicht aber zum Chorgebet verpflichtete. Es wird berichtet, dass sie mit ihrer neuen Situation lange Zeit sehr unzufrieden waren.700 Von der kurfürstlichen Behörde wurden sie teils finanziell, teils materiell entschädigt.701 Die Kommission sicherte ihnen die Rückzahlung ihrer Einbringungsgelder zu.702 Das Vermögen Reichklaras wurde in den neu gegründeten Universitätsfonds überführt,703 ein Teil des beweglichen Besitzes wenige Jahre nach der Aufhebung versteigert.704 Was die Klostergebäude betraf, wurde zunächst der Umbau zu einem Hospital geplant, erörtert wurde auch die Einrichtung einer Bibliothek. Keiner dieser Pläne wurde in die Tat umgesetzt. Nachdem der Vertrag von Campo Formio 1797 geschlossen worden war, diente die Kirche Reichklaras als Magazin für Proviant, während einige Gebäude des Klosterbereiches als Bäckerei genutzt wurden.705 Im Jahr 1910 eröffnete die Rheinische Naturforschende Gesellschaft in der ehemaligen Klosterkirche ein städtisches Museum, dessen Ausstellungsflächen sich nach und nach auf das gesamte Areal des damaligen Konventes ausdehnten. 700 Darapski greift in der Geschichte der Welschnonnen in Mainz diese Unzufriedenheit auf. Die betroffenen Nonnen aus dem ehemaligen Reichklara-Kloster seien von Beginn an aus nicht näher benannten Gründen misstrauisch gegenüber ihren neuen Mitkonventualinnen gewesen. Dies habe zu gegenseitigen Missverständnissen geführt, die zu einer dauerhaft schlechten Stimmung im Konvent beigetragen hätten: Elisabeth Darapski, Geschichte der Welschnonnen in Mainz. Die regulierten Chorfrauen des Hl. Augustinus und ihre Schulen (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz 85) Mainz 1980, 123. 701 Über die Existenzbedingungen der Klarissen in den Klostergemeinschaften, in denen sie aufgenommen wurden: Darapsky, Mainz 297; Schneider, Schatzverzeichnisse 6. 702 Schneider, Schatzverzeichnisse 4. 703 Darapski, Welschnonnen 121. 704 StadtA Mainz: 12/6: Extractus protocolli commissionis electoralis über die einstweilige Verwaltung des Vermögens deren aufgehobenen Klöstern. 705 Schaab, Geschichte 221. Aufhebungsurkunde: StadtA Mainz: 18/43.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Während in den vergangenen Jahren bereits einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit vor und während der Reformation erschienen sind, blieb die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum lange Zeit ein blinder Fleck.

Sigrun Müller schließt diese Forschungslücke und leistet einen analytischen Vergleich zweier zwischen 1620 und 1781 parallel in Mainz existierender Klarissenklöster, die sich nach inhaltlich unterschiedlichen Ordensregeln richteten: Reichklara, das ältere der beiden Konvente, verfügte über Grundbesitz. Armklara, während der katholischen Reform gegründet, lebte dagegen überwiegend von Almosen und der Herstellung von Handarbeiten.

Im Zusammenhang mit den Reformen in Zuge des Konzils von Trient, das dem Erzbischof das Aufsichtsrecht über die Frauenklöster zusprach, stellt sie die Frage nach dem Verhältnis beider ideell stark unterschiedlichen Klarissenklöster zur weltlichen Obrigkeit. Auch werden Veränderungen bezüglich der den Nonnen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume im Klosteralltag aufgezeigt, die sich aufgrund des durch das Tridentinum legitimierten bischöflichen Machtzuwachses vollzogen haben.