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Teil II Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe in:

Sigrun Müller

Reichklara und Armklara, page 35 - 80

Zwei Mainzer Klarissenklöster in der Zeit der katholischen Reform bis zur Mainzer Aufklärung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3900-7, ISBN online: 978-3-8288-6644-7, https://doi.org/10.5771/9783828866447-35

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
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35 Teil II Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Die nachtridentinischen Reformabsichten wirkten sich im Mainzer Territorium oft unmittelbar auf die Frauenkonvente aus, da diese stärker reglementiert wurden als Männerklöster. Im zweiten Teil der Arbeit soll daher in einem Überblick veranschaulicht werden, wie sich die Mainzer Erzbischöfe zu den unterschiedlichen Phasen des Reformprozesses verhielten. Durch die Stärkung ihrer Machtposition konnten sie den Einfluss der Ordensoberen auf die Klöster sukzessive zurückdrängen. Da Reichklara und Armklara wiederholt von den damit zusammenhängenden Auseinandersetzungen betroffen waren, soll anschließend auf die Hintergründe dieser Jurisdiktionskonflikte zwischen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit anhand erzbischöflicher Verordnungen und mit Blick auf die Visitationen näher eingegangen werden. 1 Das Bistum Mainz und die Erneuerung des Glaubens im 17 . Jahrhundert Während und nach der Reformation kam es in den protestantischen Gebieten innerhalb des Bistums Mainz zu zahlreichen Klosteraufhebungen bei den Bettelorden. Thomas Berger charakterisiert die nachreformatorische Krisensituation der Mendikanten als radikale Flurbereinigung.80 In der katholisch gebliebenen Residenzstadt Mainz konnte Reichklara weiter bestehen.81 Welchen Kampf dagegen die Klarissen 80 Thomas Berger, Die Bettelorden, in: Friedhelm Jürgensmeier (Hrg.), Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte 6), Neuzeit und Moderne, Bd. III, Teil 1, Würzburg 2002, 620. 81 Jendorff weist darauf hin, dass die Zahl der Klöster innerhalb des Bistums Mainz infolge der Reformation von ursprünglich 370 auf 70 zurückgegangen war: Jendorff, Reformatio 51. 36 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe etwa in der Freien Reichsstadt Nürnberg zu führen hatten, die seit 1525 protestantisch geworden war, belegen Aufzeichnungen aus dem Nürnberger St.-Klara-Kloster.82 Bacher stellt diese historische Zäsur am Beispiel Pfullingen und Degler-Spengler für Gnadental in Basel dar:83 Den Klöstern drohte entweder die Aufhebung oder teils radikale Eingriffe in ihre internen Strukturen. Ihre weitere Existenz hing grundsätzlich von der Religionszugehörigkeit der jeweiligen Landesherren ab.84 1555 hätte sich die Mainzer Diözese in ihrer konfessionellen Ausrichtung beinahe den Nachbarterritorien angeschlossen: Während der Wahl zum Erzbischof erhielt Daniel Brendel von Homburg (1555 – 1582) nur knapp die erforderlichen Stimmen, um sich gegen den protestantisch gesinnten Pfalzgrafen Reichart von Simmern durchsetzen zu können.85 Brendel von Homburg engagierte sich fortan für die Rekatholisierung,86 indem er sich für die Akzeptanz des Tridentinums insbesondere im Mainzer Domkapitel aussprach.87 Den wiederholt anreisenden Nun- 82 Georg Deichstetter (Hrg.), Pirckheimer, Caritas, Die „Denkwürdigkeiten“ der Äbtissin Caritas Pirckheimer des St. Klara-Klosters zu Nürnberg, übertragen von Sr. Benedicta Schrott, St. Ottilien 1983. 83 Bacher, Klarissenkonvent Pfullingen 26; Degler-Spengler, Klarissenkloster Gnadental 83. 84 Frank, Die Klarissen 132. 85 Jendorff, Reformatio 61. Jürgensmeier charakterisiert Daniel Brendel von Homburg als einen Konservativen mit einer auf dem Bestehenden beharrenden Denkweise: Friedhelm Jürgensmeier, Das Bistum Mainz. Von der Römerzeit bis zum II. Vatikanischen Konzil, Frankfurt am Main 1989, 199. 86 Düsterwald, Erzbischöfe 96; Friedhelm Jürgensmeier, Kurmainz, in: Anton Schindling u. a. (Hrg.), Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500 – 1650, Bd. 4, Münster 1992; Maximilian Lanzinger, Die Rolle des Mainzer Erzkanzlers auf den Reichstagen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Peter Claus Hartmann (Hrg.), Kurmainz, das Reichserzkanzleramt und das Reich am Ende des Mittelalters und im 16. und 17. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz 47), Stuttgart 1998, 69; Anton Philipp Brück, Das Erzstift Mainz und das Tridentium, in: Georg Schreiber (Hrg.), Das Weltkonzil von Trient. Sein Werden und Wirken, Bd.II, Freiburg im Breisgau, 1951, 223. 87 Brück, Tridentinum 225. Konrad Amann formuliert das Vorgehen Brendel von Homburgs folgendermaßen: Predigt, Sakramentenunterricht und 1 Das Bistum Mainz und die Erneuerung des Glaubens im 17 . Jahrhundert 37 tien des Papstes jedoch erschien sein Einsatz nicht konsequent genug.88 Sie ermahnten ihn, wie später seinen 1582 gewählten Nachfolger Wolfgang von Dalberg, der die von Brendel vorgegebene politische Richtung weiter verfolgte,89 die tridentinischen Beschlüsse beharrlicher umzusetzen.90 Einer der Gesandten betonte die machtvolle Position des Mainzer Kurfürsten, der nach dem Kaiser der erste Fürst des Reiches war. Daher hing von Mainz die Reform in ganz Deutschland ab.91 Johann Adam von Bicken, Mainzer Kurfürst seit 1601, setzte im Vergleich zu seinen Vorgängern konkretere gegenreformatorische Akzente.92 Während seines Pontifikats erzielte die Reform im Erzstift deutliche Fortschritte mit einer eigenen Dynamik: Der evangelische Gottesdienst wurde untersagt und die lutherischen Pfarrer verloren ihre Stellen, während Pilgerschaften, Wallfahrten und Reliquienverehrung eine Renaissance -empfang, Priesterausbildung in Seminaren, theologische und publizistische Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Volksmissionen und Visitationen sollten die tridentinische Reform vorantreiben: Konrad Amann, Konfessionalisierung und Sozialdisziplinierung in Kurmainz unter den Reichskanzlern und Erzbischöfen von Mainz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Peter Claus Hartmann, Kurmainz, das Reichserzkanzleramt und das Reich am Ende des Mittelalters und im 16. und 17. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz 47), Stuttgart 1998, 217; Jürgensmeier, Bistum 199. 88 Jendorff, Reformatio 173. 89 Jörg Pfeifer, Reform an Haupt und Gliedern. Die Auswirkungen des Trienter Konzils im Mainzer Erzstift bis 1626 (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 108), Darmstadt 1996, 57. 90 Jürgensmeier, Bistum 207; Klaus Ganzer, Die Trienter Konzilbeschlüsse und die päpstlichen Bemühungen um ihre Durchführung während des Pontifikats Clemens VIII. (1592 – 1605), in: Heribert Smolinsky (Hrg.), Kirche auf dem Weg durch die Zeit. Institutionelles Werden und theologisches Ringen, Münster 1997, 529; Pfeifer, Reform 55. 91 Zitiert nach: Brück, Tridentinum 229. 92 Jürgensmeier, Bistum 208. Veit bezeichnet die Situation des Erzstifts Mainz unter der Regierung Johann Adam von Bickens als den Höhepunkt der Gegenreformation, die (…) bis zu Anselm Kasimirs Regierungsantritt blühte: Veit, Reformbestrebungen 1. Jendorff sieht mit dem Beginn des Pontifikats Johann Adam von Bickens einen Übergang vom defensiven zum offensiven Agieren, vom Kompromiss- zum Konfrontationskatholizismus: Jendorff, Reformatio 112. 38 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe erlebten.93 Erst während der schwedischen Regierung zwischen 1631 und 1636 konnte zumindest vorübergehend wieder eine lutherische Gemeinde in Mainz entstehen.94 Von Bicken erneuerte auch die Ausgestaltung der Messe: Im Hinblick auf die Liturgie glich er Mainzer Traditionen den tridentinischen Reformen an.95 Johann Schweikhard von Kronberg trat nach dem frühen Tod von Bickens im Jahr 1604 das Amt des regierenden Mainzer Kurfürsten an. Der Anschluss des Kurfürstentums an das militärische Bündnis der Katholischen Liga, die Einführung des gregorianischen Kalenders und vor allem die von ihm erlassene Kirchenordnung vom 10.  Juli 161596 sind nur einige der Maßnahmen, die er durchführte, um den katholischen Glauben zu konsolidieren.97 Im Zuge dieser allmählichen Herausbildung eines durch die Mainzer Kurfürsten geförderten neuen katholischen Selbstverständnisses erfuhren die Bettelorden nach zahlreichen internen Spaltungen im 17. Jahrhundert wieder stärkere Beachtung und wurden seitens der weltlichen Obrigkeit aufgewertet.98 Johann Schweikhard von Kronberg band 93 Jürgensmeier, Bistum 208; Pfeifer, Reform 266. 94 Sie wurde allerdings nach der Rückkehr des Erzbischofs aus dem Exil erneut verboten: Hermann-Dieter Müller, Die schwedische Kirchenpolitik unter König Gustav Adolf und Reichskanzler Axel Oxenstierna in Stadt und Erzstift Mainz, in: Irene Dingel u. a. (Hrg.), Zwischen Konflikt und Kooperation. Religiöse Gemeinschaften in Stadt und Erzstift Mainz in Spätmittelalter und Neuzeit (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 70), Mainz 2006, 213. 95 Der unter von Bicken vollzogene reformierte Ritus der Messe stellte eine Annäherung an das Missale Romanum von 1570 dar. Hermann Reifenberg bezeichnet diesen Schritt als eine grundsätzliche Absage an den alten Ritus, als Vorboten der neuanbrechenden Reform: Hermann Reifenberg, Messe und Missalien im Bistum Mainz seit dem Zeitalter der Gotik, in: Odilio Heiming (Hrg.), Messe und Missalien im Bistum Mainz (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 37), Münster 1960, 103. 96 Jürgensmeier, Bistum 211. Jendorff weist darauf hin, dass es sich bei dieser Verordnung um eine erste offizielle und allgemeine systematische kirchliche Reformmaßnahme handelte: Jendorff, Reformatio 122. 97 Nach Pfeifer bereitete das Handeln von Johann Schweikhard von Kronberg den Boden für eine Durchdringung der ganzen Kirche mit den Reformvorstellungen des Trienter Konzils: Pfeifer, Reform 267. 98 Helmut Feld, Franziskaner, Stuttgart 2008, 102; Pfeifer, Reform 62. 1 Das Bistum Mainz und die Erneuerung des Glaubens im 17 . Jahrhundert 39 1618 planmäßig die Kapuziner in seine Reformbestrebungen ein, indem er ihre Ansiedlung in Mainz aktiv unterstützte.99 Von Thiessen betont, dass gerade die franziskanische Ordensfamilie nach der Krise im frühen 16. Jahrhundert eine bemerkenswerte Vitalität wiedergewinnen sollte.100 Schweikhard von Kronbergs reformerischer Offensivdrang101 hatte ihn zunächst dazu veranlasst, die Jesuiten zu fördern:102 Die Grundsteinlegung der jesuitischen Klosterkirche in Mainz erfolgte fast zeitgleich mit dem Einzug der Armen Klarissen in den Antoniterhof.103 In diesem Zusammenhang ist das Wohlwollen gegenüber den 1619 aus Köln kommenden Schwestern und die Neugründung eines Klarissenkonventes gemeinsam mit der Konsolidierung der Kapuziner wie der Jesuiten als ein integraler Bestandteil der Reformbemühungen des Kurfürsten zu bewerten. Angesichts des als bedrohlich empfundenen Einflusses der Protestanten erfuhr der alte Glaube auf diese Weise demonstrativ und öffentlichkeitswirksam eine Stütze, denn unter dem Pontifikat Schweikhard von Kronbergs sollte das Volk in möglichst allen Lebensbereichen, öffentlich und privat, von den Anforderungen eines 99 Pfeifer, Reform 268. 100 Thiessen, Randständigkeit 425. Klaus-Bernward Springer zeigt den Konsolidierungsprozess der franziskanischen Orden während der Konfessionalisierung am Beispiel der Dominikaner und ihrer konservativen Beharrung auf: Klaus-Bernward Springer, Dominikaner und Obrigkeit im 16. Jahrhundert, in: Dieter Berg (Hrg.), Könige, Landesherren und Bettelorden. Konflikt und Kooperation in West- und Mitteleuropa bis zur Frühen Neuzeit (Beiträge zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz 10), Werl 1998, 393 – 418. 101 Jendorff, Reformatio 137. 102 Pfeifer, Reform 2. 103 Andrea Litzenburger bezeichnet in ihrer Dissertation über Johann Schweikhard von Kronberg die Jahre 1618 und 1619 als Wendepunkte in der Regierungszeit des Erzbischofs: zum Einen aufgrund des Endes friedlicher Verhandlungen zwischen den Konfessionen und der beginnenden militärischen Auseinandersetzungen, zum Anderen wegen des Todes von Kaiser Matthias, dessen politischer Ansprechpartner er stets gewesen war: Andrea Litzenburger, Kurfürst Johann Schweikard von Kronberg als Erzkanzler. Mainzer Reichspolitik am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (Geschichtliche Landeskunde 26), Stuttgart 1985, 4. 40 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe selbstbewussten Katholizismus durchdrungen sein.104 Ziele der Reform waren konfessionelle Uniformität und kollektiv gelebte Frömmigkeit. Ergänzend zur Kirchenordnung erließ der Kurfürst eine Polizeyordnung.105 Bereits durchgeführte Maßnahmen wurden so auf eine rechtliche Basis gestellt und mittels eines dichten Verwaltungsnetzes stabilisiert.106 Dabei achtete Schweikhard von Kronberg auf die öffentliche Wahrnehmung seines Amtes: Als Bischof wollte er wie der Hirte und wohlwollende Vaters des Volkes betrachtet werden.107 Seine Autorität und damit seine Sanktionsgewalt sollte jedoch gleichzeitig von seinen Untergebenen kompromisslos anerkannt werden. Der Mainzer Dompropst Georg Friedrich Greiffenklau von Vollrads trat 1626 die Nachfolge Schweikhard von Kronbergs an. Seine dreijährige Regierungszeit wird durch eine allgemein zu beobachtende Rekatholisierungs- und Bekehrungswelle charakterisiert.108 Unter der Regentschaft von Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt (1629 – 1647) nahmen schwedische Truppen die Residenzstadt ein. Im Dezember 1631 verließ der Kurfürst das besetzte Mainz und hielt sich vier Jahre lang in Köln auf. Während der Jahre 1633 bis 1635 traten schwere Pestepidemien auf. Nach dem Abzug der Schweden wurden Mainz und weitere Teile des Erzstiftes zu Schauplätzen militärischer Auseinandersetzungen zwischen französischen und habsburgischen Truppen. 1644 kapitulierte Mainz angesichts der Übermacht der Franzosen, woraufhin Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt erneut aus der Stadt floh und von Frankfurt aus 1647 einen Waffenstillstand erzielte.109 Daraufhin stellte er die alten Verwaltungsstrukturen wieder her. Sein Nachfolger Johann Philipp von Schönborn (1647 – 1673) war auf einen Ausgleich zwischen den Konfessionen bedacht und agierte 104 Jendorff, Reformatio 122. 105 So spiegeln die Verordnungen das Programm des damaligen offiziellen Kirchenund Reformverständnisses wider und boten die Grundlage, das Erzstift als Konfessionsstaat zu etablieren: Jendorff, Reformatio 122. 106 Jendorff, Reformatio 210; Veit, Reformbestrebungen 26. 107 Schweikhard von Kronberg konkretisierte dies in einem Schreiben an die Jesuiten folgendermaßen: Moneo ut pater et pastor ex intimo et fideli corde, zitiert nach: Räß, Stiftung 228. 108 Jürgensmeier, Bistum 214. 109 Jürgensmeier, Bistum 215. 1 Das Bistum Mainz und die Erneuerung des Glaubens im 17 . Jahrhundert 41 mit großem diplomatischem Geschick. 1648 nahm er eine entscheidende Rolle bei der Ausarbeitung des Reichsfriedens ein und wirkte am Westfälischen Friedenschluss mit.110 Auch in den folgenden Jahren setzte sich von Schönborn immer wieder für den Reichsfrieden ein,111 da dieser die während der Westfälischen Friedensverhandlungen festgeschriebene Reichsverfassung garantierte.112 Diese Verfassung wiederum bildete die rechtliche Voraussetzung für einen dauerhaften Fortbestand des Erzstiftes Mainz. Zu von Schönborns hervorragendsten Leistungen zählte jedoch die endgültige Durchführung der Beschlüsse des Konzils von Trient:113 Im September 1669 erneuerte er die Kirchenordnung, reformierte den Gottesdienst und überarbeitete das Missal im Sinne des römisch-tridentinischen Ritus. Das Generalvikariat stieg unter seinem Pontifikat zur obersten geistlichen Behörde auf.114 Im Juni 1666 breitete sich im Mainzer Stadtgebiet erneut die Pest aus. Ein Rückzug der Epidemie konnte erst im Januar 1667 festgestellt werden.115 1673/74 kam es während der Regierungszeit von Lothar Friedrich von Metternich-Burscheid (1673 – 1675) erneut zu militärischen Auseinandersetzungen mit Frankreich. Im Oktober 1688, unter Anselm Franz von Ingelheim (1679 – 1695), marschierte das französische Heer mit einer Garnison von mehreren Tausend Männern in die Residenzstadt ein und besetzte sie ein Jahr lang.116 Anlässlich dieser Besatzung musste Reichklara sein eygenthumbliches Hauß gegen der Kirche über für die Soldaten exponieren, denselben Verpflegung gewährleisten und alle acht Tag einen Karren Holtz schaffen.117 Kurfürst und Klerus flohen unterdessen vor den Okkupanten. Im September 1689 wurde die Stadt nach verlustreichen Kämpfen durch das Reichsheer befreit.118 110 Darapsky, Mainz 3. 111 Darapsky, Mainz 9. 112 Jürgensmeier, Bistum 222. 113 Jürgensmeier, Bistum 223. 114 Brück, Tridentinum 242. 115 Darapsky, Mainz 34. 116 Darapsky, Mainz 60. 117 StadtA Mainz: 13/336, 178. 118 Während dieser Belagerung wurde das Kloster der Armen Klarissen stark beschädigt. 42 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Lothar Franz von Schönborn (1695 – 1729) trat die Nachfolge Ingelheims an. Er beförderte die Zentralisierung des Kurstaates, indem er die Verwaltung straffte und gleichzeitig den Einfluss des Domkapitels einschränkte.119 Die begonnenen kirchlichen und liturgischen Reformen setzt er fort. Unter seiner Regierung erlebten insbesondere Wallfahrten und Prozessionen einen erneuten Höhepunkt.120 2 Das 18 . Jahrhundert und die Mainzer Aufklärung Unter Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1729 – 1732) erfolgte eine Neustrukturierung des Generalvikariats, die sein Nachfolger Philipp Karl von Eltz (1732 – 1743) fortsetzte.121 Während des Pontifikats von Johann Friedrich Karl von Ostein (1743 – 1763) amtierte Anton Heinrich Friedrich Graf von Stadion (1691 – 1768) als Großhofmeister und Erster Staatsminister. Im Gegensatz zu Ostein zeigte er sich offen gegenüber säkularen Ideen: Er zählte zu der kleinen Gruppe einflussreicher Mainzer Bürger, die sich für Reformen im Sinne der französischen Aufklärung einsetzten.122 Diese Erneuerungen fokussierten zunächst den Handel, von Stadion förderte einen den Verhältnissen angepassten Merkantilismus.123 Innerhalb der geistlichen Institutionen blieb der tridentinisch geprägte Katholizismus dagegen unter der Regierung von Osteins unantastbar. Erst unter Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim (1763 – 1774) wurden partiell säkulare Reformen durchgeführt. Gemeinsam mit den Erzbischöfen von Köln und Trier versuchte er, sich von der Bevormundung durch Rom zu emanzipieren,124 wollte den Einfluss des Papstes auf die Reichskirche 119 Düsterwald, Erzbischöfe 109. 120 Alfred Schröcker, Zur Religionspolitik Kurfürst Lothar Franz von Schönborn, in: AHG NF 36 (1978) 218. 121 Jürgensmeier, Bistum 239. 122 Von Stadion als einer der Protagonisten der Mainzer Aufklärung reformierte die Administration in Mainz und strukturierte das Schul-, Erziehungs- und Rechtswesen: Jürgensmeier, Bistum 242; Darapsky, Mainz 189. 123 Düsterwald, Erzbischöfe 111. 124 Darapsky, Mainz 234; Georg May, Die Auseinandersetzungen zwischen den Mainzer Erzbischöfen und dem Heiligen Stuhl um die Dispensbefugnis im 2 Das 18 . Jahrhundert und die Mainzer Aufklärung 43 beschränken und setzte sich damit für die Wiedererlangung und Erweiterung der deutschen Episkopatsrechte ein.125 Er begrenzte die Zahl der Feiertage und modifizierte das zuweilen ausufernde Prozessionswesen.126 Außerdem setzte er eine vom Diktat Roms unabhängige Gestaltung der Gottesdienste durch.127 In der 1771 von ihm erlassenen Klosterverordnung spielten aufklärerische Reformen allerdings keine Rolle: Die Vorherrschaft von Disziplin, Strenge und Selbstverleugnung blieb bestehen, die Sanktionsgewalt wurde nach wie vor allein der weltlichen Obrigkeit zugestanden. Wie seine Vorgänger verwies von Breidbach- Bürresheim auf die Bedeutung der mehr als zweihundert Jahre zuvor formulierten tridentinischen Dekrete und auf das Visitationsrecht der Bischöfe, deren Aufgaben bezüglich der Klöster darin bestanden, die Zucht in denselben zu verbessern ohne dass Appelationen, Priviliegien oder Exemptionen ihnen hierinnen nur im geringsten im Wege stehen.128 Lediglich das Mindestalter für die Einkleidung der Novizinnen und das der Profession wurden heraufgesetzt: Eine Postulantin musste nun bei ihrer Einkleidung mindestens das 23. Lebensjahr erreicht haben. Darapsky betont, dass mit dieser Klosterverordnung die Oberhoheit des Staa- 18. Jahrhundert (Adnotationes in ius canonicum 40), Frankfurt am Main 2007, 9. 125 Jürgensmeier, Bistum 249. Jürgensmeier betont, Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim habe sein Erzstift auf vielen Gebieten entschieden der Aufklärung angeschlossen: Friedhelm Jürgensmeier, Kurmainzer Reformpolitik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Harm Klueting (Hrg.), Katholische Aufklärung – Aufklärung im katholischen Deutschland ( Studien zum achtzehnten Jahrhundert 15), Hamburg 1993, 314. Darapsky spricht von einer antirömischen Haltung dieses Kurfürsten: Darapsky, Mainz 244. 126 Sascha Weber, Katholische Aufklärung? Reformpolitik in Kurmainz unter Kurfürst-Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 132), Mainz 2013, 9; Jürgensmeier, Bistum 247. 127 Darapsky, Mainz 248. 128 Zitiert nach: Aloys Friesenhagen, Mainzer Klosterpolitik im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Klosterverordnung von 1771 und den Überlegungen im Vorfeld der geplanten Synode, Mainz 1979, 192; Weber, Emmerich Joseph 144. 44 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe tes über die Kirche und den Klerus besonders deutlich hervortrat.129 Nach dem Tod Breidbach-Bürresheims war das Mainzer Domkapitel in Befürworter und Gegner einer katholisch geprägten Aufklärung gespalten.130 Sein Nachfolger Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802)131 setzte einige Jahre nach seinem Amtsantritt die säkulare Regierung seines Vorgängers konsequenter fort: Er ließ sich 1777 im Zusammenhang mit der Universitätsreform über die Besitzstände der Mainzer Klöster unterrichten. So entstand das Vorhaben, das Vermögen der wohlhabenden Konvente Kartause, Altmünster und Reichklara zugunsten eines Universitätsfonds einzuziehen. Im November 1781 erfolgte mittels der kurfürstlichen Suppressionsbulle die Aufhebung dieser drei Klöster.132 Mit der 1784 erlassenen Verordnung für die noch verbliebenen Frauenkonvente wurden überdies Regeln formuliert, die denen von 1771 völlig entgegengesetzt waren: Anstatt der bisherigen lebenslangen Gelübde sollten Nonnen bis zu ihrem 50. Lebensjahr lediglich eine jährlich zu erneuernde vota simplicia ablegen.133 Damit setzte Friedrich Karl Joseph von Erthal Jahrhunderte alte Grundlagen der Kirche und des Ordenswesens außer Kraft. In einem Gutachten des bischöflichen Vikariats, das er im Vorfeld seiner Klosterverordnung erstellen ließ, werden die Frauenklöster als geistliche Kerker bezeichnet, wo die religiosen blos ein der Welte (…) unnüzzes beschauliches Leben führen.134 Gemeinsam mit den Erzbischöfen von Köln, Trier und Salzburg versuchte von Erthal im Zuge aufklärerisch orientierter Reformen außerdem, die Stellung des Metropoliten zu stärken. Er wollte dessen Hörigkeit gegenüber 129 Darapsky, Mainz 248; Friesenhagen, Klosterpolitik 164; Illich, Maßnahmen 60. 130 Jürgensmeier, Bistum 249. 131 Die Wahlkapitulation Friedrich Karl Joseph von Erthals, in der seine Kompetenzen und Machtbefugnisse niedergelegt waren, richtete sich entschieden gegen die Ideen der Aufklärung. Der neue Kurfürst handelte auch dementsprechend zunächst im Sinn der Reformgegner: Darapsky, Mainz 279; May, Dispensbefugnis 195. 132 Jürgensmeier merkt an, dass von da an die gesamte politische Richtung des Kurfürsten von der Aufklärung geprägt war: Jürgensmeier, Bistum 253. 133 StA Würzburg: MRA K 739/2744. 134 Zitiert nach: Friesenhagen, Klosterpolitik 435. 2 Das 18 . Jahrhundert und die Mainzer Aufklärung 45 dem päpstlichen Stuhl deutlich einschränken.135 Das entschiedene Engagement Friedrich Karl Joseph von Erthals gegen die Abhängigkeit von Rom endete allerdings mit dem Vordringen französischer Truppen auf Mainz.136 Er verließ die Residenzstadt und zog sich nach Aschaffenburg zurück. Am 22. Oktober 1792 kapitulierte Mainz und die französische Revolutionsregierung herrschte bis zum 23. Juli 1793.137 Dann wurde die Stadt von alliierten Reichstruppen zurückerobert und – bis zum erneuten Einmarsch der Franzosen im Jahr 1797 – wieder durch Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal regiert. Laut dem am 17. Oktober 1797 geschlossenen Friedensvertrag von Campo Formio zählte Mainz zu den linksrheinischen Gebieten, die an Frankreich abgetreten und dem französischen Departement Donnersberg (Mont Tonnerre) eingegliedert wurden. Der Herrschaftsantritt Napoleons und das Konkordat vom 15. Juli 1801 bedeuteten das endgültige Ende der alten Kirchenprovinz und des Kurstaates Mainz in seiner bisherigen Form. Die französische Vorherrschaft in Mainz war zwar damit beendet, die Stadt hatte aber ihre alte Bedeutung als Residenz des geistlichen und weltlichen Oberhauptes des Bistums weitgehend verloren. Der Sitz des Erzbischofs wurde aufgehoben und nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 der Stuhl von Mainz auf die Domkirche zu Regensburg übertragen.138 135 Jürgensmeier, Bistum 254. 136 Darapsky, Mainz 307. 137 Im Nekrologium Armklaras ist über diese Monate Folgendes notiert: Domvikar Conrad Sentz stand uns anno 1793 in der betrübten Zeit der belagerung in unseren betrangnüßen treulich bei. 9 wochen lang hat er heimlich auf dem Chor morgens gantz früh die Heilige Meeß gelessen, und die Hl. Communion gereichet, da alle Catholischen Priester von den Francosen vertrieben waren: Lib. rec., f. 55r. 138 Zitiert nach: Jürgensmeier, Bistum 263. 46 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe 3 Jurisdiktionskonflikte zwischen weltlicher und geistlicher Obrigkeit Schon seit den Reformbewegungen der Orden im 14. und 15. Jahrhundert hatten sich die Bischöfe um mehr Einfluss auf die internen Strukturen der Klöster in ihrem Herrschaftsbereich bemüht, waren jedoch zu dieser Zeit nicht überall erfolgreich gewesen.139 Das Tridentinum nun stärkte die Möglichkeiten des Bischofs, auf ordensinterne Angelegenheiten auch der bis dahin exemten Klöster Einfluss zu nehmen. Aktive Mitwirkung durch die weltliche Obrigkeit wurde seitens der Konzilsväter für die Durchsetzung und Kontrolle der tridentinischen Beschlüsse explizit gefordert.140 Sie erweiterten auf diese Weise die Befugnisse der Bischöfe gegenüber den Ordensoberen, woraus diese die Legitimation leiteten, durch Verordnungen und durch Visitationen jederzeit in kloster- und kircheneigene Strukturen regulierend einzugreifen.141 3 .1 Die Verordnungen Kurfürst Anselm Kasimir Wambolt von Umstadts Dekret vom 11. Dezember 1640 untersagte sämtlichen in seinem Erzstift gelegenen Frauenklöstern, Novizinnen aufzunehmen, ohne zuvor die Genehmigung durch das Vikariat eingeholt zu haben.142 Am 17.  August 1641 nahm er in einem Schreiben an den Mainzer Provikar Adam Fraisbach 139 Charlotte Woodford, Writing the Thirty Year’s War: Convent Histories by Maria Anna Junius and Elisabeth Herold, in: Cordula van Wyhe, F emale Monasticism in Early Modern Europe. An Interdisciplinary View, York 2008, 247. 140 COED, XXV, de regularibus, cap. 5: Solche Hilfe (d. h. bei der Überwachung, ob die Dekrete beachtet werden) zu gewähren, ermahnt die heilige Synode alle christlichen Fürsten und macht sie allen weltlichen Magistraten unter Strafe der Exkommunikation (…) zur Auflage. 141 Hansgeorg Molitor, Die untridentinische Reform. Anfänge katholischer Erneuerung in der Reichskirche, in: Walter Brandmüller u. a. (Hrg.), Ecclesia militans. Studien zur Konzilien- und Reformationsgeschichte, Bd. 1, Paderborn 1988, 399; Conrad, Zwischen Kloster und Welt 259. 142 Chronik, 11.12.1640. 3 Jurisdiktionskonflikte zwischen weltlicher und geistlicher Obrigkeit 47 Stellung zu dessen Bericht von dem seiner Ansicht nach eigenmächtigen Handeln des franziskanischen Provinzials sowie mehrerer Pater in den Frauenkonventen Weisenau und Reichklara. Diesem Schreiben zufolge hatten die Geistlichen, ohne das Vikariat davon in Kenntnis zu setzen, verschiedene nicht näher benannte Neuerungen eingeführt und waren auch sonsten in spiritualibus alß temporalibus ihres gefallens verfahren.143 Von Umstadt berief sich in dieser Angelegenheit auf die iuris ordinariatus und befahl Fraisbach, dass er auf die in solch unerlaubter Weise handelnden Pater im Sinne der erzbischöflichen Doktrin einwirke und sie entsprechend ermahne. Doch auch die Äbtissinnen kamen dem vom Erzbischof eingeforderten Gehorsam offenbar nur unzureichend nach: In einem an alle Frauenklöster gerichteten Edikt vom 29. Juli 1644 verwies von Umstadt auf das Dekret, das er im Dezember 1640 erlassen hatte und auf die durch das Konzil von Trient gestärkte Sanktionsgewalt der Bischöfe. Er befahl, dass keine Junge weybs Personen ohne gehörige Präsentation deren Ertzstiftlichen Ordinariats oder hierzu befelchten Vicariats eingekleidet oder zur Profession zugelassen werden.144 Den Äbtissinnen drohte er dieses Mal noch nicht mit Strafmaßnahmen für den Fall neuerlicher Missachtung seiner Anordnungen. Er betonte, dass sich die Vorsteherinnen hinsichtlich der tridentinischen Dekrete conform und gemäß zu verhalten hätten. Das Vikariat berief sich auf genau diesen Erlass, als es unter Johann Philipp von Schönborn am 10. Februar 1653 eine in zehn Artikel gegliederte Verordnung für die Frauenklöster formulierte.145 Diese sah nun allerdings für den Fall von Zuwiderhandlungen die Zahlung von einhundert Reichstalern vor.146 Die Tatsache, dass einige Ordensprälaten 143 StA Würzburg: MRA K 619/1265. 144 Chronik, 29.7.1644. 145 Chronik, 10.2.1653. Zur Neuorganisation und Zentralisierung der geistlichen Behörden unter Johann Philipp von Schönborn mit klar abgegrenzten Zuständigkeitsbereichen, an deren Spitze das Generalvikariat stand sowie zur immer größer werdenden Ausdehnung der Administration: Veit, Reformbestrebungen 21 – 26. 146 Der Reichstaler war seit 1566 die Hauptwährungsmünze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation: Friedrich Freiherr von Schrötter (Hrg.), Wörterbuch der Münzkunde, Berlin 1930. Der Wert des Reichstalers war regional unterschiedlich. Fritz Verdenhalven rechnete den Wert eines Reichs- 48 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe zuvor die erzbischöfliche Jurisdiktion umgangen, heimlicher weiß visitiert und eigenmächtig die officia geändert hatten, wurde zum Anlass für die neue Verordnung erklärt. Darin drohte man mit hoher Ungnadt, wenn beispielsweise künftig ein Beichtvater, der nicht zuvor durch das Vikariat mit einer schriftlichen Approbation ausgestattet worden war, vom Kloster angenommen werden würde. Widrigenfalls müsse man die Beichte für untauglich, für null und nichtig erklären.147 Auch die Annahme eines Schaffners oder anderer administratores bonorum bedurfte der Genehmigung durch die Behörde. Die bis dahin geltenden Klausurbestimmungen wurden bestätigt und den Prälaten, superiores und Klostervorsteherinnen sub poena excommunicationis untersagt, den Nonnen auch nur das zeitweilige Verlassen der Klausur zu erlauben. Die Erteilung von Dispensen stehe allein dem Ordinariat zu. Diese Verordnung erinnerte seine Adressaten ausdrücklich an den Eid der Treue und des Gehorsams, den alle zur geistlichen Obrigkeit zählenden Personen bei ihrer Konfirmation gegenüber dem erzbischöflichen Ordinariat in mündlicher und schriftlicher Weise abgelegt hatten.148 Sie hatten sich damit der bischöflichen Aufsichtsgewalt unterworfen und dessen Weisungsbefugnis im juristischen Sinn anerkannt.149 Denjenigen Ordensoberen, die den Nonnen wider besseren Wissens einzu reden suchten, dass sie der weltlichen Obrigkeit keinen Gehorsam schuldig seien und sie auf einer Exemtion bestehen könnten, wurde mit Abstrafung nach der Gebühr gedroht. Solche muthwilligen und unrühige leüth sollten durch die Jungfrauen und Obrigkeiten dem Vicariat entdeckt werden, andernfalls würden sie selbst von ihren Ämtern suspendiert, auch mit anderen Strafen ahngesehen und gezüchtiget werden.150 talers des 17. und 18. Jahrhunderts auf die Kaufkraft von 1967 um. Danach hätte sein Wert in dieser Zeit etwa 40 – 45 Deutsche Mark betragen (40 DM = 20,45 Euro): Fritz Verdenhalven, Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachgebiet, Neustadt an der Aisch 1968, 7. 147 Chronik, 10.2.1653, Punkt 4 der Verordnung. Traditionsgemäß wählten die Klöster einen bestimmten Priester ihres Ordens zu ihrem Beichtvater. Dieser benötigte nun vor Antritt seiner Tätigkeit eine Approbation durch das Generalvikariat. 148 Chronik, 10.2.1653, Punkt 8 der Verordnung. 149 Ein Beispiel einer solchen Eidesformel: Veit, Reformbestrebungen 44. 150 Chronik, 10.2.1653, Punkt 9 der Verordnung. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 49 Während der letzten Jahrzehnte des 17. und der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts ließen die Bestrebungen des Ordinariats, in die Klöster hineinzuregieren, vorübergehend nach.151 1729 wurde der Konflikt erneut virulent: Eine an Reichklara gerichtete Verordnung erinnerte die Äbtissin daran, dass sie dem Provinzial der Minderbrüder ohne Genehmigung des Ordinariates keine Visitation gestatten durfte. Widrigenfalls drohte ihr die Suspendierung.152 1732 wurde der Äbtissin Reichklaras erlaubt, eine Ordensvisitation vornehmen zu lassen, nachdem der Provinzial sich nach langem Weigern endlich besser begriffen und gebührend bei erzbischöflichem Vikariat vorgesprochen hatte.153 4 Die erzbischöflichen Visitationen Auch anhand der Visitationsdokumente kann die wachsende Dominanz der bischöflichen Behörde über die geistliche Obrigkeit in ihren verschiedenen Phasen gut nachvollzogen werden. Da das Visitationsrecht für die Herrschaftsausübung eine außerordentlich wichtige Rolle spielte,154 bot es schon während des Spätmittelalters und erneut während der nachtridentinischen Glaubensreform ein Forum für Auseinandersetzungen um die entsprechenden Machtbefugnisse.155 Ordensinterne Visitationen wurden auch in den exemten Klöstern deutlich 151 Wolfgang Seibrich, Monastisches Leben zwischen Reform, Reformation und Säkularisation, in: Friedhelm Jürgensmeier (Hrg.), Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte 6), Neuzeit und Moderne, Bd. III, Teil 1, Würzburg 2002, 556. 152 DDAMz: K 102/II.3c. 153 DDAMz: K 102/II.3c. 154 Barbara Henze, Orden und ihre Klöster in der Umbruchszeit der Konfessionalisierung, in: Anton Schindling (Hrg.), Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land der Konfession 1500 – 1600 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 57), Münster 1997, 92. 155 Seibrich spricht von einer intensiven Interpretation des Tridentinums durch die Mainzer Kurfürsten: Seibrich, Reform 532. Jendorff weist darauf hin, dass diese Auseinandersetzungen weniger die Inhalte der Reform betrafen als die Art und Weise des Reformierens: Jendorff, Reformatio 471. 50 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe eingeschränkt156 und unterlagen bereits während der Regierung von Johann Schweikhard von Kronberg der Genehmigungspflicht durch das erzbischöfliche Vikariat.157 Reichklara verlor die Exemtion im 16. 156 Seit der Reform der Frauenklöster unter Kardinal Hugolin im 13. Jahrhundert waren die franziskanischen Minderbrüder ständige Visitatoren und Beichtväter der Klarissen: Roest, Poor Clares 29. Noch im 16. Jahrhundert war es üblich, dass die provisio et visitatio der Klarissenklöster Aufgabe des jeweiligen Provinzialministers war. Dieser konnte diese Tätigkeit an einen Mann seines Vertrauens delegieren: Paul Markus, Das Klarissenkloster zu Seußlitz, in: Verein für Geschichte der Stadt Meissen (Hrg.), Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Stadt Meissen, Bd. 7, Meissen 1909, 90. Das Konzil von Trient wurde diesbezüglich, wie Georg Schreiber formuliert, zur Zäsur und Zeitenwende. Ganz bezeichnend tritt hier wie auch sonst das tridentinische Leitmotiv heraus, die Gewalt des Bischofs als des alleinigen Trägers der selbständigen Jurisdiktion zu stärken und Nebengewalten einzuengen. Der Diözese sollte wieder eine zentrale Leitung zuerkannt werden: Georg Schreiber, Tridentinische Reformdekrete in deutschen Bistümern, in: Remigius Bäumer, Concilium Tridentinum (Wege der Forschung 113), Darmstadt 1979, 472. 157 Das den weltlichen Bischöfen durch das Tridentinum zugesprochene Aufsichtsrecht über die Ordensoberen und deren Untergebene sollte im Sinne des Bischofsideals ausgeführt werden: COED, XXI, de reformatione, cap. 8: Auch dort, wo die Regelobservanz gilt, sorgen die Bischöfe mit väterlichen Ermahnungen dafür, daß die Oberen der Regularen entsprechend ihren Regeln auf eine gebührende Lebensführung achten und für deren Beachtung sorgen, indem sie die ihnen Untergebenen streng bei ihrer Pflicht halten. Wenn die Oberen sie trotz ergangener Ermahnung nicht innerhalb von sechs Monaten visitieren oder zurechtweisen, können die Bischöfe selbst sie visitieren und zurechtweisen. Ein Gesandter des Vikariats sollte zumindest theoretisch die Möglichkeit haben, an Ordensvisitationen teilzunehmen. Johann Schweikhard von Kronberg berief sich dabei explizit auf die verordtnungen des allgemeinen concilii Tridentini: (…) Ohne würckliche praesenz hülf und beywohnung unsern suffraganien, commissarien, sieglern oder anderer in unserem nahmen hier zu sonderbar befehlten räth, und diener, sind kein außlendische patres, sie seien orden oder profession welcher sie immer wollten, ad visitandum vel reformandum zugelassen: StA Würzburg: MRA H 1270, o. f. Die Ordensvisitationen fanden dennoch oft statt, ohne dass ein Gesandter des Vikariates präsent war. – Zum Bischofsideal: COED, XXV, Dekret über die allgemeine Reform, cap. 1: Denn es kann keinen Zweifel geben, dass auch die übrigen Gläubigen leichter für Glauben und Uneigennützigkeit zu begeistern sind, wenn sie sehen, dass ihre Vorgesetzten nicht auf das, was zur Welt gehört, sondern auf das Heil der 4 Die erzbischöflichen Visitationen 51 Jahrhundert durch die Visitation Wolfgang von Dalbergs und die da raufhin verfasste Reformcharta.158 Dieser Prozess bewirkte eine intensivere Konzentration der weltlichen Obrigkeit auf die Lebensumstände innerhalb der Frauenklöster, die von diesem Zeitpunkt an auch ausführlicher dokumentiert wurden. Die Bischöfe waren gehalten, ihre Diözesen mindestens alle zwei Jahre entweder persönlich oder durch ihren Generalvikar zu visitieren.159 Dieser Anspruch ist jedoch nicht Seelen und die himmlische Heimat bedacht sind. Solch eine Einstellung hält die heilige Synode zur Wiederherstellung der kirchlichen Disziplin für vordringlich. Deshalb ermahnt sie alle Bischöfe, dies oft bei sich zu bedenken und durch eigene Tat und Lebensführung – gleichsam als einer Art beständiger Predigt – sich in Übereinstimmung mit ihrer Aufgabe zu erweisen. Vor allem ordnen sie ihren gesamten Lebenswandel so, dass sich die übrigen an ihnen ein Beispiel (…) nehmen können. Jan Zdichynec konstatiert im Rahmen einer Untersuchung der Klausurbedingungen in Zisterzienserinnenklöster in der Frühen Neuzeit, dass die Bischöfe die eigentlichen Vollzieher der tridentinischen Dekrete gewesen seien: Jan Zdichynec, Quia sic fert consuetudo? Die Klausur in den Zisterzienserinnenklöstern der Frühen Neuzeit: Vorschriften, Wahrnehmung und Praxis, in: Janine Christina Maegraith u. a., Between revival and uncertainty. Monastic and Secular Female Communities in Central Europe in the Long Eighteenth Century, Opava 2012, 46. Angelo Turchini spricht von einer nach dem Tridentinum stattfindenden Neubegründung der bischöflichen Macht, insbesondere über den Klerus: Angelo Turchini, Die Visitation als Mittel zur Regierung des Territoriums, in: Paolo Prodi u. a. (Hrg.), Das Konzil von Trient und die Moderne, Berlin 2001, 296. 158 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 70 – 77. Veit weist auf eine Visitation in Reichklara unter Erzbischof Sebastian von Heusenstamm hin, die bereits 1549 stattgefunden hatte: Veit, Reformbestrebungen 39. Die von ihm eingesehene charta visitatoria mit der Signatur Lade 619, H 1240 Nr. 23, die seinerzeit im Würzburger Kreisarchiv archiviert war, konnte trotz einer ausgiebigen Nachforschung nicht aufgefunden werden. Auch für die Nachfolger Wolfgang von Dalbergs stellten die Exemtionsrechte oder andere Privilegien der Klöster im Erzstift kaum Hindernisse für die Ausübung ihrer Jurisdiktion dar, so dass sie im Zuge ihrer Reformbemühungen immer wieder eklatant in die inneren Strukturen des monastischen Lebens eindrangen: Friedhelm Jürgensmeier, Johann Philipp von Schönborn (1605 – 1673) und die römische Kurie. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des 17. Jahrhunderts (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 28), Mainz 1977, 186. 159 COED, XXIV, de reformatione, canon 3. 52 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe in die Tat umgesetzt worden. Die erzbischöflichen Besuche fanden vielmehr in sehr unregelmäßigen Abständen statt. Meist lässt sich ein konkreter Anlass, etwa der Regierungsantritt eines neuen Bischofs oder eine Krisensituation im betreffenden Kloster, feststellen. In Mainz wurde der Erzbischof bei diesen Besuchen durch das Vikariat als Träger der erzbischöflichen Jurisdiktion vertreten.160 Die Befragungen und eine anschließende Inspektion des Klausurbereiches sollten möglichst schnell und sorgfältig durchgeführt werden. Den Visitierenden war es streng untersagt, Geld oder Geschenke anzunehmen.161 Sie hatten die Disziplin zu überprüfen, bei etwaigen Unstimmigkeiten zwischen der Äbtissin und ihren Untergebenen zu vermitteln, Klagen über mangelnde Versorgung oder ungerechte Behandlung ernst zu nehmen und – durchaus gemäß den Wünschen und Vorschlägen der Schwestern – Lösungswege zu formulieren. Drängende Problemfelder scheinen die Schwestern vor dem jeweiligen Visitationstermin in den Kapitelsitzungen besprochen zu haben, da während der Befragungen oft mehrere der Klosterfrauen auf die gleichen Sachverhalte hinwiesen. Bei genauerer Beobachtung der Strategien bei der Lösung von Problemen stellt sich heraus, dass die Kommissare des Vikariats nicht in jedem Fall beabsichtigten, die Nonnen zu passiver Unterordnung zu zwingen. Die bischöfliche Autorität ließ stattdessen in einem begrenzten Rahmen für ihre Untergebenen immer wieder Möglichkeiten offen, ihr Umfeld durch aktive und selbstständige Konfliktlösung zu gestalten.162 160 Peter Thaddäus Lang spricht im Zusammenhang mit den verwaltungstechnischen Voraussetzungen, die für die Durchführung von Visitationen durch die weltliche Obrigkeit geschaffen werden mussten, von einer geistigen und organisatorischen Verfestigung und von einer politischen und administrativen Ausformung deutscher Territorien im Zusammenhang mit dem frühneuzeitlichen Staatenbildungsprozess. Dieser Vorgang der Bürokratisierung habe sich durch das Tridentinum beschleunigt: Peter Thaddäus Lang, Die Bedeutung der Kirchenvisitation für die Geschichte der Frühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht, in: RBJKG 3 (1984) 207. 161 COED, XXIV, de reformatione, canon 3. 162 Maegraith, Zisterzienserinnenkloster 160; Schneider, Visitationsprotokolle 200. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 53 4 .1 Die Visitationen der Jahre 1586 und 1588 in Reichklara Der franziskanische Provinzial Georg Fischer von der rheinischen Kustodie163 bemühte sich 1586, sein bisheriges Aufsichts- und Visitationsrecht für das Mainzer Klarissenkloster zu behalten. Er wurde jedoch durch Erzbischof Wolfgang von Dalberg vollkommen von diesem Recht ausgeschlossen.164 So fand im Spätsommer 1586 die erste nachtridentinische Visitation Reichklaras im Auftrag des Erzbischofs statt. Möglicherweise erfolgte sie anlässlich des Todes der Äbtissin Ursula Steinhäuser von Neidenfels. Mit dieser Aufgabe wurde Weihbischof Stephan Weber (1539 – 1622) betraut, der anschließend die Reformcharta ausarbeitete.165 Das Ziel bestand darin, bey dem Closter eingerißene mengel und gebrechen notwendig einsehens und Inspektion zu thun und derwegen denselben zu begegnen. Sowohl der Personen als auch des Closters und ordens halb sind allerhandt mengel festzustellen, so zu endern und zu verbessern hochnoethig gewesen dahero wir, als der ordinarius auß obliegendem Erzbischöflichen ambt geursacht, notwendige inspection derenthalb zu thun als haben wir darauf zu erhaltung gottseligen wesens, lebens und wandels sowohl in als ausserhalb der Kirche und waß sonsten gemainen Closter zu nutzen, frommen und besten geraichen mag die vorige ihr habende Chartam visitatoriam ersehen, erwogen und auß angeregten ursachen verbessert.166 163 Die Ordensprovinzen der Franziskaner sind in regionale Verwaltungseinheiten (Kustodien) eingeteilt: Karl Suso Frank, Art.: „Franziskaner (Idee und Grundstruktur)“, in: LThK 4 (2001) 30. 164 ZOG 19 (1866) 57. Georg Fischer war von 1583 bis 1586 Provinzial der Minoriten der oberdeutschen Provinz. 165 Jürgensmeier charakterisiert Stephan Weber als einen bedeutenden Vertreter der katholischen Reform im Bistum: Friedhelm Jürgensmeier, Vom Westfälischen Frieden 1648 bis zum Zerfall von Erzstift und Erzbistum 1797/1801, in: Friedhelm Jürgensmeier (Hrg.), Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte 6), Neuzeit und Moderne, Bd. III, Teil 1, Würzburg 2002, 326. 166 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 70r. 54 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Die umfangreiche und in kleine Kapitel gegliederte charta bildete von diesem Zeitpunkt an die Grundlage für alle folgenden Visitationen in Reichklara. Sie lehnt sich in wesentlichen Punkten an die tridentinischen Dekrete an, richtet sich in vielen Details nach der Urbanregel und berücksichtigt darüber hinaus Statuten bereits reformierter Klöster. Sie umfasst sämtliche Bereiche des monastischen Alltags, regelt den Ablauf der Gottesdienste, die Zeiten des Silentiums, die Aufgaben der Äbtissin, den Status der Laienschwestern, die Vorschriften für die Speisen, das Fasten, die Beschaffenheit der Kleidung, den korrekten Vollzug der geistlichen Lesungen, die Aufnahmebedingungen für die Novizinnen und den angemessenen Vollzug der Arbeit und der Krankenpflege. In allen Aspekten legt sie den Fokus auf die Gleichheit aller Schwestern innerhalb der Kommunität und stellte für die Klosterbewohnerinnen und partiell für jene, die in geistlicher oder weltlicher Hinsicht mit ihnen in Beziehung standen, ein gegenüber dem Landesfürsten rechtlich bindendes Dokument dar.167 Die Konventualinnen gingen mit der Profession sämtliche darin aufgeführten Verpflichtungen ein. Einige Formulierungen im Text der charta lassen sich als Reaktionen auf Ereignisse verstehen, die sich offenbar vor 1586 im Konvent zugetragen haben: So werden allerley Zechen und Zechengesellschaften sowie Gastereyen von fremden Personen verboten. 1588 ließ Wolfgang von Dalberg den Konvent erneut durch Stephan Weber visitieren, woraufhin wiederum eine auf den Dinst Gottes und der Haußhaltung verrichtungen bezogene charta visitatoria ausgearbeitet wurde. In einem Schreiben an das Vikariat vom 16. Dezember 1588 bemängelte von Dalberg, dass ihm bislang weder ein Inventar der Klosterbriefe noch die Rechnungen des Klosterschreibers vorlägen, obwohl er dem Vikariat sonderlich bevohlen hatte, ihm beides zukommen zu lassen. Infolgedessen sollten zu erster gelegenheit alle und jede des Closters brieffe angefordert und der Schreiber zu ohnverzüglicher Rechnung angehalten werden. Diese Aufforderungen belegen, dass die Jurisdiktion des Erzbischofs bereits zu dieser Zeit nicht nur die Aufsicht 167 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 77r: Wir gebiethen demnach allen und jeden dieses unseres Closters Personen und weme solches alles und Jedes so obbegriffen ist berüren mag, diese Charta in allen und Jeder ihrer obgeschriebenen Punckten und artikuls vest zu halten. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 55 über die geistlichen Belange, sondern auch die wirtschaftliche Führung und die Verwaltung des Klosters umfasste. Auch wurde den kurfürstlichen Gesandten aufgetragen zu inquirieren, ob Äbtißin und Convent der Chartae Visitatoriae gehorsamlich nachkommen seyen oder nit.168 4 .2 Die Visitationen der Jahre 1639 und 1647 in Reichklara Die Quellen geben keinen Hinweis darauf, ob in Reichklara zwischen der Visitation des Jahres 1588 und derjenigen von 1639 weitere Visitationen stattgefunden haben. Zu dieser Unterbrechung könnten der seit 1618 währende Krieg, die Besetzung der Stadt durch schwedische Truppen sowie die Pestepidemien der Jahre 1636 und 1637 beigetragen haben. Dokumente für die Jahrzehnte vor 1618, die Visitationen belegen könnten, sind vermutlich verloren gegangen. Auslöser für die Visitation durch die von Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt beauftragte Kommission im Februar 1639 war der Tod der Äbtissin Elisabeth Engelthal und somit die Wahl einer neuen Vorsteherin. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich lediglich fünf Chor- und zwei Laienschwestern im Kloster auf. Der Protokollant notierte, dass die Reliquien und Kirchensachen zwar in gebührender Ordnung vorgefunden worden seien, es fehle jedoch an Wein, Früchten und Geld. Die Schwestern würden aber nicht klagen, sondern lebten trotz der schwierigen Umstände in Frieden und Einigkeit. Wahl und Visitation erfolgten am gleichen Tag.169 Dieses Zusammentreffen beider Ereignisse ist in den Quellen an keiner anderen Stelle nachweisbar, und es ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Das Protokoll erwähnt, dass die Befragung der Schwestern, die Durchführung der Wahl und die Besichtigung des Klosters unter Zuziehung des Paters Benedicti Lamberti stattgefunden hatte, welchem die Ordens Regulen und Statuten am besten bekandt waren. Ein ähnliches Zusammenwirken der weltlichen mit der geistlichen Obrigkeit, das weitestgehend auf gleicher Augenhöhe stattfand, 168 StA Würzburg: MRA K 619/1265. Das zitierte Schreiben ist das einzige Zeugnis der Visitation von 1588. Die dazugehörige charta visitatoria ist verschollen. 169 DDAMz: K 102/II.1: Visitationsbericht und Wahlprotokoll vom 19.2.1639. 56 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe ist auch für die Visitation des Jahres 1647 festzustellen. Für alle folgenden erzbischöflichen Visitationen galt, dass der Provinzial zwar anwesend war, aber eine eher passive Rolle einnahm. Das Verhältnis beider Obrigkeiten scheint sich somit unter Anselm Kasimir Wambolt von Umstadt vorübergehend entspannt zu haben, obwohl er, wie seine Vorgänger und Nachfolger, unvermindert auf der Sanktionsgewalt des Bischofs über die Ordensoberen beharrte. Bei der Inspektion des Jahres 1647 hatten die Gesandten des Vikariats die Kompatibilität des architektonischen Zustands der Konventsgebäude mit den Klausurvorschriften zu überprüfen. Die Kommission, die sich aus dem Erfurter Suffraganbischof, dem Dekan von St. Johannis und Pater Lanerus von den Minderbrüdern der Kölner Provinz als Sekretär zusammensetzte, besichtigte zu diesem Zweck ausführlich den Klausurbereich. Salbuch II enthält einen Bericht von dieser Visitation,170 auch Schrohe stellt sie ausführlich dar.171 Die charta Wolfgang von Dalbergs wurde dahingehend bestätigt, dass alles unnötige unverantwortliche auß- und eingehen verhuetet und gänzlicher abgeschottet werde. Aufgrund des hohen Alters des Klosterbaus konnte der Klausurbereich allerdings nicht, wie ursprünglich gefordert, in ein rigorem172 umstrukturiert werden, auch waren während des Schwedischen Krieges sowohl die Stiege zum Speicher als auch der Eingang zum Keller, die Mehlkammer und das Kelterhaus zerstört worden. Das Keltern musste infolgedessen innerhalb der Klausur getätigt werden, so dass das Ein- und Ausgehen der damit beschäftigten Mägde und Knechte zu dulden war. Die Kommission sah sich aufgrund dieser örtlichen Gegebenheiten gezwungen, einen Kompromiss einzugehen und man einigte sich darauf, einen bereits vorhandenen Gang etwas weiter in die Klausur hinein verbreitern zu lassen, der als ein atrio oder spatio intermedio den Zugang zum Speicher, zum Keller und zur Mehlkammer erlaubte, während die Türen, die von dort in die Klausur führten, geschlossen bleiben mussten.173 Das Protokoll erwähnt nicht, ob und inwiefern der Personalstand des Klosters inzwischen aufgestockt worden war. 170 StadtA Mainz: 13/337, 1. 171 Schrohe, Reichklarakloster 25. 172 StadtA Mainz: 13/337, 1. 173 StadtA Mainz: 13/337, 2. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 57 4 .3 Die Visitationen des Jahres 1656 in Reichklara und Armklara Im August 1656 fand eine ordensinterne Visitation in Reichklara durch den Provinzial der Franziskaner statt. Aus einem Schreiben der Äbtissin Anna Maria Hohenstein vom 12. Dezember des gleichen Jahres geht hervor, dass das Kloster bereits vier Monate später durch eine Kommission im Auftrag von Johann Philipp von Schönborn erneut visitiert werden sollte.174 Ungeachtet des Reformedikts vom 10.  Februar 1653 bat Hohenstein den Kurfürsten im Namen des Konventes eindringlich, von dieser gar ungewöhnlichen Visitation abzusehen, da eine solche kurz zuvor vom Ordensprovinzial als gewöhnlichem Visitator durchgeführt worden sei. Sie erinnerte daran, dass der Provinzial, nachdem er in Reichklara alles zu seiner Zufriedenheit vorgefunden hatte, persönlich beim Ordinariat erschienen war, um einen dementsprechenden günstigen Bericht abzustatten. Überdies verwies sie auf die Ordensregel sowie auf jahrhundertealte Privilegien, welche die bisherige Exemtion Reichklaras belegen würden. Die angekündigte erzbischöfliche Visitation fand trotz dieser Eingabe statt, denn das Ordinariat versuchte zu dieser Zeit, etwa durch die Wahl der Beichtväter, einen deutlichen Einfluss auf die Bindung der Frauenklöster an ihre Orden zu nehmen. Dr. Adolph Gottfried Volusius (1617 – 1679), Siegler und geistlicher Rat des Generalvikariats, visitierte aus diesem Grund Ende des Jahres 1656 auch Armklara. Bürvenich berichtet von diesem Besuch und es handelt sich dabei um die erste belegte Visitation in Armklara.175 Volusius verlangte unmittelbar nach seiner Ankunft vom anwesenden Beichtvater Papier und Tinte und schickte ihn anschließend demonstrativ aus der Klosterkirche. Dann ließ er alle Schwestern einzeln an das geöffnete Gitter der Nonnenempore kommen, erfragte ihren Namen, ihr Alter, den Tag der Profession und die Namen ihrer Eltern und notierte sämtliche Angaben. Auch wollte er wissen, ob sie mit ihrem derzeitigen Beichtvater, der traditionsgemäß aus dem Orden der franziskanischen Minderbrüder kam, zufrieden seien oder ob sie sich jetzt 174 Veit, Reformbestrebungen 39. Das Protokoll dieser Visitation sowie das Schreiben der Anna Maria Hohenstein hatte Veit seinerzeit einsehen können. Nachforschungen im Dom- und Diözesanmuseum Mainz ergaben jedoch, dass diese Dokumente inzwischen verschollen sind. 175 HAK: 295, GA 199: Bürvenich, Annales ministrorum provincialium 1018. 58 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe lieber einem anderen anvertrauen würden. Das Vikariat würde ihnen einen Beichtvater aus einem anderen Orden oder auch die Annahme eines weltlichen Priesters gestatten. Doch alle Schwestern Armklaras betonten, dass sie mit ihrem jetzigen Beichtvater sehr zufrieden seien und keinen anderen begehrten. Dreimal jährlich hätten sie bereits eine Beichtgelegenheit bei einem außerordentlichen Priester. Armklara hielt demnach, trotz des offenkundig autoritären Auftretens von Dr. Volusius, unbeirrt an den franziskanischen Minderbrüdern als ihre rechtmäßigen Beichtväter fest. Zwischen 1656 und 1731 sind für Reichklara wieder keine Visitationen dokumentiert. Im Zusammenhang mit der Neuorganisation des Vikariats erteilte Erzbischof Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg 1731 den Auftrag, sämtliche Nonnenklöster in Mainz zu besichtigen.176 Das Protokoll begründet die Maßnahme mit der anweisung des Heiligen Conzils von Trient, die Klöster regelmäßig zu kontrollieren, sie mögen exempt oder nit exempt seyen.177 4 .4 Die Visitationen der Jahre 1736 und 1737 in Reichklara Während der Visitation des Jahres 1731 hatte noch eine gute klösterliche Disziplin in Reichklara festgestellt werden können.178 Wenige Jahre später ließ sich eine den Frieden im Konvent zerstörende Situation gegenseitigen Misstrauens nicht mehr verbergen: 1737 wurden schon länger bestehende interne Konflikte offenkundig, die der Konvent ohne Hilfe von außen nicht zu lösen vermochte. Auch die anhaltenden Rivalitäten der weltlichen und geistlichen Obrigkeiten um Einflussnahme zeigten sich während dieser Auseinandersetzung und in dem anschließenden Prozess der Schlichtung seitens der erzbischöflichen Behörde besonders deutlich. Bemerkenswert ist außerdem, dass anlässlich des Besuchs der Gesandten des Vikariats in Reichklara im Februar 1737 die Schwestern erstmals einzeln befragt wurden, was 1731 noch nicht der Fall war. Dies 176 Bezüglich Armklaras ist für 1731 keine Visitation überliefert. 177 DDAMz: K 102/II.3c. 178 DDAMz: K 102/II.3c. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 59 lässt auf die Brisanz der Ereignisse schließen, die Äbtissin Maria Ursula Jäger als einen geistlichen Krieg bezeichnete.179 Die Aussagen der Schwestern lassen Rückschlüsse auf ihren Umgang mit Meinungsverschiedenheiten untereinander und mit dem Beichtvater zu und verdeutlichen, welche Erwartungen sie an die Qualität der Seelsorge hatten. Daher soll an dieser Stelle auf diese Ereignisse näher eingegangen werden. Der Streit der Nonnen hatte sich an der Person des Beichtvaters Alphons Bräuer entzündet. Vorausgegangen waren Intrigen von verschiedenen Seiten: Nicht nur die beiden Interessengruppen der Schwestern arbeiteten gegeneinander und teilweise gegen den Beichtvater, sondern auch der Beichtvater gemeinsam mit dem Provinzial gegen die Schwestern sowie der auf Umwegen in die Angelegenheiten involvierte Dompfarrer gegen den Beichtvater. 4 .4 .1 Der Streit wegen des Beichtvaters Inwieweit die konkreten Anschuldigungen der Schwestern gegen den Beichtvater, den Provinzial sowie den Dompfarrer der Wahrheit entsprechen, lässt sich aus den Quellen nicht eruieren. Eine Bemerkung der Äbtissin Maria Ursula Jäger, wonach man schon mit dem Vorgänger Bräuers unzufrieden gewesen sei, legt nahe, dass es sich um einen bereits länger währenden und allmählich eskalierenden Konflikt unter den Schwestern handelte, bei dem der Beichtvater keine Vermittlerrolle hatte einnehmen können. Die Hintergründe für die Anfang 1737 äußerst angespannte Atmosphäre im Kloster werden detailliert und teilweise mit kunstvoller Ironie zunächst im Salbuch geschildert:180 Im Oktober 1736 hatte unter dem aus Köln angereisten Provinzial Reiner Sasserath (1696 – 1771), Beichtvater Alphons Bräuer sowie einem Sekretär eine Ordensvisitation stattgefunden. Sasserath musste zu diesem Zweck zuvor die erforderliche Erlaubnus beim Generalvikariat einholen. Er begab sich gantz freywillig dorthin, wohin doch sonsten die Vorige Herrn P. Provinciales gleichsam mit Haaren haben gezogen werden 179 StadtA Mainz: 13/336, 210. 180 StadtA Mainz: 13/336, 209 – 214 60 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe mussen.181 Im Vorfeld dieser Visitation hatten im Kloster Bautätigkeiten begonnen, durch die der Klausurbereich zum Ärger des Beichtvaters vorübergehend nicht völlig zu verschließen war. Auch Sasserath bemängelte anlässlich seines Besuches einige die Klausur betreffende Missstände und verlangte, die nötigen Änderungen unverzüglich ins Werk zu setzen. Maria Ursula Jäger erklärte jedoch, dass Reichklara aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sei, die geforderten Umbauten unmittelbar vorzunehmen. Infolgedessen zeigte der Provinzial durch beyhilfe und ahnlaßgebung des Pater Beichtigers Alphonsus Bräuer daß Closter bey dem hochwürdigen Vicariat an. Bräuer und Sasserath beschuldigten die Schwestern der Missachtung der Klausurvorschriften, obwohl beide, nach den späteren Aussagen der Schwestern, die Klausurgrenzen selbst in hohem Maß verletzt hatten.182 Eine kurfürstliche Abordnung begab sich daraufhin Anfang des folgenden Jahres an den Ort des Geschehens: So bald als selbe ahngekommen seyndt sie zu dem Beichtiger in die Beichtigerei gegangen. Dort erfolgte zunächst eine Unterredung mit Alphons Bräuer, anschließend verfügte sich die Kommission in die Abtei Maria Ursula Jägers. Als die Herren eintraten, seye sie durch das kleine Thürlein in die Conventsstuben gegangen. Dort versammelte sie alle Schwestern und erklärte ihnen den gegenwärtigen Sachverhalt. Es war in diesem Augenblick, in dem sie vor ihnen und der Kommission von einem geistlichen Krieg sprach, an dem man nit mit Stillschweigen vorbeigehen kann, waß massen der Pater beichtiger allschon gäntzlich triumphiert zu haben sich öfters nit gescheuet habe. Sie äußerte die Befürchtung, dass aufgrund der Klage des Beichtvaters das Kloster bald zu übereilten Umbaumaßnahmen gezwungen werden würde. Die hauptsächlich zu erörternde Frage betreffe jedoch das schon seit langer Zeit schwer gestörte Vertrauensverhältnis der 181 StadtA Mainz: 13/336, 209. 182 Diese Ereignisse werden im Visitationsprotokoll folgendermaßen geschildert: Nachdem der Provincial der Minoriten bei einem herzoglichen Vicariat suppplicierte, damit die Clausur in dem allhiesigen Reichklara Kloster gemäß deren Ordensregel wird umbhergestellt werd mögen, und dann bemeldtes Kloster auch demütigst gebeten, ihnen einen anderen Beichtsvater außer ihrem orden zu erlauben, (…) hat die a’ latere benannte Commission anheut sich in das Closter begeben und sämtliche Geistliche in dem Refektorio vor sich kommen lassen. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 61 Schwestern zu den vorigen sowohl alß jetzigen Beichtigern. Aus diesem Grund bat sie die Kommission, ihnen gleich anderen jungfräulichen Clöstern umb Verhütung eines gewissen Zwanges einen Beichvater auß denen dahiesigen Clöstern von Ordinariats wegen beliebigst ahn zu ordnen. Daraufhin wurde eine schriftliche Abstimmung unter den Schwestern initiiert, jede von ihnen sollte mitteilen, ob sie sich der Meinung der Äbtissin anschloss. Dabei stellte sich heraus, dass vierzehn von ihnen die Einschätzung Maria Ursula Jägers teilten, acht Schwestern hingegen stimmten neutral oder zugunsten des Beichtvaters. Diesem wollte aufgrund dieses deutlichen Abstimmungsergebnisses nicht viel gutes mehr träumen undt weilen Er den so weit verschobenen karren alleinig herauß zu ziehen bey so bewanten umbständen sich nicht getraute, so schrieb Er dem herrn Pater Provincial, welcher auch in dem kältesten Winter mit der Postkutsche dem Beichtiger auß dem sich selbsten veruhrsachten Argwohn zu bringen ohnversehens von Cöllen ahnherogekommen.183 Maria Ursula Jäger ließ sich durch die Ankunft des Provinzials nicht aus dem Konzept bringen. Sie verfasste mit Hilfe ihres Syndikus184 und den Schwestern, die sich ihrer Ansicht angeschlossen hatten, ein memorial, um der weltlichen Obrigkeit ihre Lage zu verdeutlichen und überreichte es dem Vikariat. Darin betonten die Schwestern, dass der Beichtvater allzu sehr in die innere Struktur des Klosters einzugreifen suche, wodurch Unruhe entstanden und die Einigkeit in der Gemeinschaft empfindlich gestört worden sei. Er könne zwar weiter die tägliche Messe lesen, aber für die Abnahme der Beichte baten sie dauerhaft um einen Pater aus dem Orden der Kapuziner. Der Ordensregel zufolge sei es ihnen erlaubt, von einem jeglichen Priester, der eines guten Leben- und Nahmens ist, die Sacramente zu empfangen. Sie fügten die Bitte hinzu, dass auch zu den gewöhnlichen (Ordens-)Visitationen künftig ein membrum vom Vicariat zugezogen werde. Das Schriftstück wurde 183 StadtA Mainz: 13/336, 210. 184 Bei dem Syndikus handelte es sich um einen Rechtsbeistand oder Rechtsberater: Gerhard Köbler, Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte, München 1997, 567. 62 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe von Maria Ursula Jäger, Priorin Maria Antonia Micklin und mehreste des Convents unterzeichnet.185 Daraufhin erschien die Kommission des Generalvikariats ein weiteres Mal im Kloster. Die Beratungen dauerten dieses Mal zwei Wochen. Provinzial Sasserath hielt sich während dieser Zeit ebenfalls in Reichklara auf: Während die Herren Commissary in der Convents Stuben zu verschiedenen Tagen 2 – 3 mal Sessiones gehabt, ist der Provincial Jedes mal in die Statt speißen gegangen, und vor den Commissaren hinweggefahren.186 Schließlich wurden sämtliche Schwestern, nachdem sie vor der erzbischöflichen Kommission Handtreue an Eides Statt abgelegt hatten, im Refektorium einzeln zu den strittigen Sachverhalten befragt und ihre Aussagen protokolliert. Man begann mit der jüngsten Schwester.187 Im Fokus der Verhöre standen die Beziehungen der Schwestern untereinander und ihre Sicht auf das Verhalten des Beichtvaters. Unter den Befragten befanden sich drei Laienschwestern. 4 .4 .2 Die Ereignisse aus der Sicht der Schwestern Zunächst wurde jede der Nonnen mit der Frage konfrontiert, warum sie die Klausurvorschriften nicht befolge. Die Äbtissin behauptete, keine ihrer Untergebenen verstoße gegen die Klausur. Sie selbst sei bereit, keinen frembden mehr in ihr zimmer hineinzulassen.188 Was den Beichtvater anginge, so wären einige ihrer Schutzbefohlenen unzufrieden. Sie persönlich habe ebenfalls kein Vertrauen zu ihm und würde 185 DDAMz: K 102/II.1: Schreiben Reichklaras an die erzbischöfliche Kommission von 1737. 186 StadtA Mainz: 13/336, 211. 187 DDAMz: K 102/II.1: Visitation 1737. 188 Dies hatte sich zuvor mehrmals ereignet. Aus diesem Grund war die Äbtissin bereits wenige Tage vor dieser Visitation vom Generalvikariat ermahnt worden: DDAMz: K 102/II.1: Schreiben des erzbischöflichen Generalvikariats vom 13.2.1737. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 63 erst wieder beichten, wenn ein friedsamer Mann vom orden käme.189 Maria Bernadina Riedlin erklärte, der Beichtvater habe Uneinigkeit im Konvent verursacht.190 Clara Theresia Bissinger bestätigte dies und ergänzte, er würde gegen die Schwestern reden.191 Maria Theresia Berger hatte nichts gegen Pater Bräuer einzuwenden. Sie sagte, dass fast alle Schwestern gegen ihn seien, ausgenommen die acht Konventualinnen, die das memorial nicht unterschrieben hatten. Zwei ihrer Mitkonventualinnen würden ganz besonders gegen den Beichtvater Stimmung machen: So hätten sie behauptet, er ginge ohne Habit aus. Sie selbst habe jedoch gesehen, dass er seinen Habit trage. Die beiden verleumderischen schwestern, die sowohl offen als auch im Geheimen gegen die Klausur klagten, würden sich regelmäßig Rat vom Dompfarrer holen. Letzthin sei der Provinzial gekommen und habe einer von ihnen, Eugenia Theresia Geigelin, Capitel angesagt. Was die zweite Jungfer betreffe, so sei diese am letzten freytag vor 8 täg umb 6 uhr abends vom Tisch ins Sprachzimmer berufen worden und nachgehends habe man einiges von der Magd gehört. Die Magd habe berichtet, dass der Dompfarrer ohne Licht in das Sprachzimmer gekommen war. Man hatte ihm Licht geben wollen, was er jedoch abgelehnt habe.192 Catharina Josepha Vogtin bestätigte diese Beobachtung. Sie selbst habe zwar keine Beschwerden zu melden, sie bat dennoch darum, dass alles, was sie hier aussagt, nicht herauskommen möge, dass sie es gesagt hat. Hauptsächlich seien es die Geigelin und die Kertznerin, welchen einige gute Freund mit Rath und tath an die hand giengen, sonderlich der Dhombpfarrer als special guter freund.193 Es müsse sich dabei um ein weibs concept handeln, weil nichts gescheites darinnen were. Sie selbst habe alle confidence und keine Klage gegen den Beichtvater. Catharina Josepha Vogtin wiederholte die 189 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Ursula Jäger auf die Fragen 3, 6 und 9. 190 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antwort der Maria Bernadina Riedlin auf Frage 8. 191 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antwort der Clara Theresia Bissinger auf Frage 6. 192 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Theresia Berger auf die Fragen 6 und 7. 193 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antwort der Catharina Josepha Vogtin auf Frage 4. 64 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Geschichte des lichtlosen Dompfarrers im Sprachzimmer, der einige täg vor der überreichung des memorials abends mit der Kertznerin gesprochen habe. Außerdem werde erzählt, dass die Kertznerin vom Dhombpfarrer im Schubcarren im garten sey gefahrn worden. Sie wisse aber nicht, wer solches berichtet habe.194 Die Kellerin Maria Margaretha Serarius sagte aus, dass ihr in der Vergangenheit immer das Vertrauen zum Beichtvater der Franziskaner gefehlt habe. Auf die Gründe dafür wolle sie jedoch nicht näher eingehen. Vor vielen Jahren habe sie bei einem Kapuziner gebeichtet und wäre dabei recht vergnügt gewesen. Sie finde es richtig, wenn der Franziskanerpater von jetzt an nur noch die Messe lesen würde.195 Priorin Maria Antonia Micklin sprach deutlicher über mögliche Ursachen für das Misstrauen gegenüber dem Beichtvater: Bei Ordensvisitationen würden sich die Franziskaner so aufführen, als seien sie Studenten und keine Religiosen. Der Beichtvater schmeichle sich dann bei den übrigen Anwesenden ein. Außerdem gebe er den Nonnen keinerlei geistliche Instruktionen und klage seine Beichtkinder überdies bei der Obrigkeit an. Den Gottesdienst könne er weiter versehen, als Beichtvater wolle sie ihn nicht mehr.196 Anna Margaretha Kreissin hingegen zeigte sich mit Pater Bräuer zufrieden. Sie wolle, sagte sie, mit den Zwistigkeiten nichts zu tun haben, zumal sie schon seit 70 Jahren bei Priestern des Franziskanerordens beichte. Gerüchten über den jetzigen Pater schenke sie keinen Glauben.197 Maria Francisca Wolffin hingegen berichtete, der Beichtvater thäte zu den Kranken keine geistliche obsorge halten. Er intrigiere außerdem beim Provinzial gegen die Nonnen.198 Maria Eleonore Winkoppin begründete ihr fehlendes Vertrauen 194 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Catharina Josepha Vogtin auf die Fragen 6, 7 und 15. 195 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Margaretha Serarius auf die Fragen 6, 8, 9. 196 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Antonia Miklin auf die Fragen 8 und 9. 197 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Anna Margaretha Kreissin auf die Fragen 6 und 10. 198 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Francisca Wolffin auf die Fragen 8 und 9. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 65 zum Beichtvater damit, dass sie keine Andacht bei ihm verspüre.199 Maria Ludovica Geigelin kam erneut auf den Dompfarrer zu sprechen: Er sei hin und wieder zur Schwester Kertznerin gekommen. Sie wisse jedoch nicht, was die beiden besprochen hätten. Vor etwa drei Jahren, als die Klausur noch auf gewesen, sei der alte Domsekretär aus dem Garten ins Sprachzimmer gekommen, wo noch andere Fremde gespeist hätten und habe gesagt, der Dompfarrer fahre die Kertznerin auf dem Schubkarren durch den Garten. Was den Beichtvater betreffe, so habe sie in den 18 Jahren ihres Klosteraufenthaltes gesehen, dass die meisten Streitigkeiten von ihm verursacht worden seien. Es sei ihrer Ansicht nach besser, wenn gar kein Pater mehr käme. Er sei nämlich auch fordernd: Wenn er die üblichen neun Schoppen Wein täglich nicht bekomme, so verlange er sie ausdrücklich.200 Maria Clara Siberingen bezeugte ebenfalls, dass der Dompfarrer, als im Sommer die Verdrießlichkeit wegen dem Beichtvater gewesen, öfter zu der Kertznerin gekommen sei. Sie mutmaßte, dass er ihr schon damals den Rat gegeben habe, dem Beichtvater gegenüber ihr Misstrauen auszusprechen. Sie selbst hingegen habe am Beichtvater nichts auszusetzen. Es gebe keinen Grund, das Vertrauen zu ihm zu verlieren, wenn dieser sie an ihre Schuldigkeit erinnere.201 Die zweite Scheibenmeisterin, Clara Francisca Emmerich, sagte aus, dass ihrer Beobachtung nach der Dompfarrer zuerst alle vierzehn Tage, dann nach drei oder vier Wochen zur Kertznerin gekommen sei. Manche hätten schon, wenn es abends schellte, den Argwohn gehabt, es sei der Dompfarrer. Was den Beichtvater angehe, habe sie aufgrund seines schlechten Benehmens und der mäßigen geistlichen Führung weder zu ihm noch zu einem anderen Pater dieses Ordens Vertrauen. Die franziskanischen Pater seien zudem ungeübt darin, das Hochamt zu halten und würden den Sterbenden keinen angemessenen Zuspruch leisten. Ihrer Meinung nach hätte der Provinzial dies beim Vikariat beklagen müssen. Die Zwischenfrage der 199 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antwort der Maria Eleonore Winkoppin auf Frage 9. 200 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Ludovika Geigelin auf die Fragen 7, 9, 12 und 15. 201 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Clara Siberingen auf die Fragen 7, 8 und 9. 66 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Kommission, ob der Provinzial zuweilen im Refektorium gespeist habe, bejahte sie. Nach dem Essen seien einige Spiele aufgeführt worden, worüber alle Nonnen hätten lachen müssen. Der Begleiter des Provinzials habe danach mit dem Sekretär die Zellen der Schwestern betreten.202 Die Krankenwärterin Maria Ignatia Götzin bestätigte die Mahlzeiten des Provinzials und seiner Begleiter im Refektorium. Wie die Clausur offen war, hätten die Herren dort gespeist und mit den Conventualen ein einfältiges Spiel gespielet.203 Dieser Beobachtung schloss sich auch Maria Anna Zinkin an und sprach dem Beichtvater ihr Misstrauen aus: Aufgrund der Uneinigkeit solle, wenn es nach ihr ginge, kein Pater mehr ins Kloster kommen, denn damit wäre auch der gegenseitige Argwohn beendet. Es sei ihr passiert, dass der Pater während ihrer Beichte aus dem Beichtstuhl gesprungen sei. Sie wäre auch herausgegangen und beide hätten miteinander gezankt. Danach seien sie wieder in den Beichtstuhl gegangen, um die Beichte fortzusetzen.204 Die Organistin Maria Caecilia Murbarin erklärte, sie habe vom Beichtvater nichts Gutes gesehen. Er sei die Ursache für die Uneinigkeit im Kloster. Was den Provinzial und seine Begleiter angehe, so hätten diese sich nach der Mahlzeit an Spielen erfreut, Lieder gesungen und bis neun Uhr abends im Refektorium getrunken. Vor vier Jahren hätten einige Franziskaner die Nonnen auf Stühlen im Hof herumgetragen.205 Eugenia Theresia Geigelin hatte weder zu dem jetzigen noch zu einem anderen Beichtvater des Franziskanerordens Vertrauen. Sie argumentierte, dass man vom ihm keine rechte predigt hören thäte. Und wenn er predigte, so würde er stets etwas aus den Beichten in seine Rede einfließen lassen. Die ihm vom Konvent gereichten Speisen seien außerdem besser als das den Schwestern zubereitete Essen. Die Gerüchte bezüglich des Dompfarrers könne sie bestätigen. Sie sei im Garten gewesen, als er 202 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Clara Francisca Emmerich auf die Fragen 7 und 8. 203 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Ignatia Götzin auf das Subinterrogatum. 204 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Anna Zinkin auf die Fragen 6 und 8 und auf das Subinterrogatum. 205 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Maria Caecilia Murbarin auf die Fragen 8, 9 sowie auf das Subinterrogatum. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 67 einen Schubkarren genommen und zu einer Schwester, deren Name sie nicht nennen wolle, gesagt habe, sie solle sich in den Karren setzen, da er sie herumfahren wolle. Die Nonne aber habe sich geweigert und den Karren wieder weggeschoben.206 Maria Josepha Völcklerin hingegen war davon überzeugt, dass die Anschuldigungen gegen den Beichtvater nicht der Wahrheit entsprechen. Zwar würden die meisten Schwestern an ein Fehlverhalten seinerseits glauben, viele seien jedoch hierzu beredet worden. Es sei der Dompfarrer gewesen, der ihnen geraten habe, dem Pater das Misstrauen auszusprechen. Die Priorin und einige der Schwestern hätten den Schaffner mit Briefen zum Dompfarrer geschickt und auch eine Magd aus der Stadt habe Briefe zwischen dem Kloster und dem Dompfarrer hin- und hergetragen. Darüber hinaus wisse sie, dass der Dompfarrer abends im Hof gewesen sei und die Magd Anna Elisabeth aufgefordert habe, die Kertznerin an die Scheibe zu rufen. Was die Spiele der Pater bei den Mahlzeiten angehe, so hätten diese auf Zureden der Nonnen stattgefunden.207 Die ehemalige Priorin Catharina Barbara Kirchnerin erklärte, dass sie von all den Dingen nichts wisse. Die anderen Konventualinnen hätten ihr nichts gesagt, weil sie ihr nicht trauen thäten. Nur von der Magd Veronica habe sie vernommen, dass der Dompfarrer abends ohne Licht ins Sprachzimmer gekommen sei und die Kertznerin habe sprechen wollen. Zum Beichtvater habe sie persönlich ihr Vertrauen bewahrt.208 Als Magdalena Theresia Kertznerin selbst zu Wort kam, war sie der Meinung, dass der Beichtvater durch ein anderes Verhalten die Auseinandersetzungen im Kloster hätte verhüten können. Sie wolle keinen Beichtvater mehr vom franziskanischen Orden. Sie gab zu, mit dem Hofrat und dem Dompfarrer im Konventsgarten gewesen zu sein. Der Dompfarrer habe den Schubkarren in die Hand genommen und gefragt, ob sie nicht darauf gefahren werden wolle. Sie habe aber dann nur so getan, als ob sie sich darauf setzen wolle. Das Protokoll vermerkt, Magdalena Theresia Kert- 206 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Eugenia Theresia Geigelin auf die Fragen 8, 12 und 15. 207 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Anworten der Maria Josepha Völcklerin auf die Fragen 5, 6, 7 und das Subinterrogatum. 208 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Catharina Barbara Kirchnerin auf die Fragen 6 und 8. 68 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe znerin habe sich nach dem letzten Punkt der Befragung dafür ausgesprochen, dass ein Gesandter des Vikariats an den künftigen Ordensvisitationen teilnehmen solle. Sie habe nämlich mehrmals erlebt, dass der Provinzial mit seinen Begleitern während der Visitation zu ihr in die Zelle gekommen sei. Als sie, um ihren Gehorsam zu bezeugen, auf die Knie gefallen sei, habe er ihr befohlen aufzustehen und sie geküsst. Außerdem würden die Franziskaner zuweilen nach dem Essen im Refektorium Spiele beginnen und die Füße auf die Tische legen.209 Nach der Befragung kam, laut der Chronik, endlich die hauptsach zur Sprache: Ob daß Closter vi regula aut statuti obligiret seye. Dies bezog sich auf die Frage, ob Reichklara bezüglich des Beichtvaters der Ordensregel oder dem Klosterstatut verpflichtet war und einen Priester oder Beichtiger auß dem Minder Brüder orden dahier im Closter unterhalten musste. Der Provinzial, an den Maria Ursula Jäger gemeinsam mit der Kommission des Vikariats diese Frage zunächst richtete, verneinte sie, berief sich aber auf die langwührige possession. Der Kommissar erklärte daraufhin, das Ordinariat habe den Beichtvater aus dem Orden der Minderbrüder bisher geduldet, weil es lange keine Klagen gegeben habe. Nun aber, da sich die Zwistigkeiten so offen zeigten und die Ruhe des Klosters dadurch gestört sei, habe sich die Sachlage geändert. Dem Provinzial blieb nichts anderes übrig, als sich der Entscheidung des Vikariats zu fügen: Ein solches müsse er erleiden, und seye er zu gering, dem Ordinario dagegen einen Inwurff zu thun. Nach diesem allem hat Provincial mit seinem gewesenen Beichtiger unter sauern und von seiten deß Beichtigers mit zehren vermischten gesichtern Abschied genommen und nachdem er seinen vermuthlich aus Vertrüsslichkeiten erkrankten Beichtiger zu Messel ausgesetzet, mit einem Nachen glücklich nach Cöllen zu gefahren. Auf solche Weiß ist das Kloster im Jahr 1737 unter löbwürdigster Regierung Ihro churfürstlicher Gnaden Carl Philipp von Eltz von Einem Beichtiger aus der Mindern Brüdter Ordten gekommen 209 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1737, Antworten der Magdalena Theresia Kertznerin auf die Fragen 8, 9 und 15. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 69 und statt dessen von Ordinariats wegen die Capuciner als Beichts Vätter ahngeordnet wordten.210 In diesem Konfliktfall hatte das gegenüber den Franziskanern dominante Eingreifen des Ordinariats nicht nur deeskalierenden Charakter: Vermutlich bewahrte es die Konventsgemeinschaft vor einem endgültigen Auseinanderbrechen. Mit seiner Hilfe wurden im Sinne der Mehrheit der Konventualinnen wichtige Entscheidungen insbesondere bezüglich der Person des Beichtvaters getroffen und außerdem Maßnahmen zum Schutz der Schwestern ergriffen, die sich durch das Verhalten der franziskanischen Pater bedrängt fühlten. Die charta visitatoria formuliert sie folgendermaßen: Quo ad confessam könne dem Kloster ein anderer Beichtvater gestattet werden. Quo ad visitatem, wenn solches vom Provinzial geschieht, sollte allzeit aus uns besonders bewegender Ursache ein Siegler dabeisein.211 4 .5 Die Visitationen des Jahres 1745 in Reichklara und Armklara Für das Jahr 1745, in dem Erzbischof Johann Friedrich Karl von Ostein eine Visitation aller Nonnenklöster im Erzstift Mainz veranlasste, liegen sowohl für Reichklara als auch für Armklara Visitationsprotokolle vor. Die entsprechenden Fragefelder wurden von der gleichen Kommission zu etwa demselben Zeitpunkt ausgearbeitet. Dabei berücksichtigte sie die jeweils spezifischen Situationen in den beiden Konventen. Für Armklara wurden insgesamt 27 Fragen konzipiert. Der Fragekatalog für Reichklara ist ausführlicher und in mehrere Themenbereiche gegliedert. Auch inhaltlich weichen die Fragen voneinander ab: In Bezug auf die Klausur wollte man etwa in Armklara erfahren, ob sie nach deren päpstlichen Bullen gehalten werde.212 In Reichklara bezog man die Frage mit ein, ob sich die Nonnen an die Klausurverordnung vom Februar 1737 210 StadtA Mainz, 13/336, 214. 211 DDAMz: K 102/II.1: Dekret von 1737. 212 DDAMz: K 102/I.1a – c: Int. 1745, Int. pro Conventualibus, Frage 2. 70 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe gehalten haben.213 Hier war das aktuelle Verhältnis der Schwestern zu dem vom Vikariat angeordneten Beichtvater einer der Schwerpunkte der Interrogation. Mit der Berufung eines Paters vom Orden der Kapuziner scheinen die sozialen Spannungen spürbar nachgelassen zu haben. Die inzwischen 80-jährige Äbtissin Maria Ursula Jäger wurde als erste der Konventualinnen im Sprachzimmer befragt.214 Die Schwestern, so Jäger, zeigten sich mit dem Pater der Kapuziner zufrieden und von gegenseitigen Verdächtigungen könne keine Rede mehr sein. Der Beichtvater wohne nicht mehr im Bezirk des Klosters und pflege keine näheren Bekanntschaften unter seinen Beichtkindern, auch halte er sich nicht innerhalb des Konventes auf. Jedes Quartal komme ein außerordentlicher Beichtvater von der Gesellschaft Jesu. Die Messe lese ein Priester der Karmeliter. Die Klausur werde, so gut es immer möglich sei, beachtet. Die Klostergebäude seien allerdings noch immer nicht so beschaffen, dass sie stets strikt eingehalten werden könne. Im Garten, der sich innerhalb der Klausur befinde, würden die Schwestern zuweilen spazieren gehen. Komme es vor, dass sich eine der Konventualinnen aus der Klausur heraus begebe, so würde man durch ein demüthiges ansuchen eine Erlaubnis vom Vikariat einholen. Allerdings komme dies äußerst selten vor und auch nur dann, wenn sie, die Äbtissin, einmal jährlich nach den Gütern schauen müsse.215 Der Provinzial komme dreimal jährlich ins Kloster, um die Rechnungen, die man auch vor der kurfürstlichen Hofkammer ablege, zu unterschreiben.216 213 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de clausura, Frage 19. 214 DDAMz: K 102/II.1: Die besondere Commission, die am 18. August 1745 die Schwestern Reichklaras befragte, bestand aus dem Generalvikar Johann Philipp Anton von und zu Frankenstein (1695 – 1753), dem Siegler Dr. Decius und dem Sekretär. Nach der Konventsmesse versammelten sich 18 Konventualinnen im Sprachzimmer, in dem die Kommission zunächst den erzbischöflichen Befehl zur Visitation vorlas. 215 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, de clausura, Antworten der Maria Ursula Jäger auf die Fragen 1, 3, 4, 5 und 6. 216 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Priorissa, Antworten der Maria Ursula Jäger auf die Fragen 6 und 7. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 71 Einige Tage darauf, am 20. August 1745, wurde Armklara visitiert.217 Bemerkenswert ist, dass sich in Armklara die zu befragenden Konventualinnen auf dem Nonnenchor versammelten und nicht, wie in Reichklara, im Sprachzimmer. Sie waren während der Visitation durch das Chorgitter von der Kommission getrennt, die sich auf dessen anderer Seite auf der Emporen befand. Dem Protokoll gemäß handelte es sich um 33 Schwestern im Alter zwischen 19 und 72 Jahren, unter ihnen befanden sich neun Laienschwester und zwei Novizinnen. Aus der charta visitatoria des erzbischöflichen mayntzischen Vicarius geht hervor, dass die Kommission aufgrund ihrer Vernehmungen leichte Verletzungen der passiven Klausurvorschriften festgestellt hatte. So ordnete sie genaue Befolgung deren Ordensregeln und Statuten an, hatte aber auch gute Ordnung und Disziplin beobachtet. Sie fand es notwendig, daran zu erinnern, dass die Clausur strenger als bis hierher geschehen solle, dass die Tür zur Clausur (…) geschlossen bleiben muss und keiner in die Clausur eingelassen werde, am wenigsten aber (…) mit Unwissen der Äbtissin.218 4 .6 Die Visitation des Jahres 1762 in Armklara Der Beichtvater empfing den erzbischöflichen Officialis und den Siegler am 26. Oktober 1762 an der Kirchentür Armklaras und unter dem Läuten der Glocken sowie der Präsentation des Weihwassers führte er beide in die Kirche. Sämtliche Closterpersonen, so sie in der Liste specifiziert, waren bereits auf dem Chor versammelt. Es handelte sich um 33 Konventualinnen, darunter 3 Laienschwester. Die Älteste war 89 Jahre alt und die Ablegung ihrer Profess lag 64 Jahre zurück, die Jüngsten waren zwei 23-jährige Schwestern, eine von ihnen seit einem halben Jahr im Noviziat.219 Nach einer kurzen Ansprache des Kommissars begannen, zunächst mit den Laienschwestern, die Befragungen. 217 DDAMz: K 102/I.1a – c: So ist die Commission anheute gegen halb 9 Uhr mit der Chaise angefahren, an der Kirchen Thür unter der Läutung der Glocken von Pater Provincial und dem Pater Confessario empfangen und gleich in die Sacristey der Kirche geführt worden. 218 DDAMz: K 102/I.1a–c: Dekrete 1745. 219 DDAMz: K 102/I.1a–c: Visitationsprotokoll von 1762. 72 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe Im Unterschied zu 1745 wurde die Beachtung der Klausurvorschriften nicht thematisiert. Der eigentliche Anlass für diese Visitation war die Neubesetzung wichtiger Ämter unter der Aufsicht des Vikariats: Acht Schwestern störte das Alter und die häufigen Erkrankungen der Vikarin und sie wollten, dass sie durch eine jüngere Mitkonventualin ersetzt werde. Die Pfortenschwester Catharina Esther Weingärtner wünschte, von der Pforten abgewechselt zu werden.220 Da außerdem Klagen gegen die Scheibenschwestern geäußert worden waren, sollten auch diese Ämter auf andere Nonnen übergehen. Darüber hinaus musste das Amt der Novizenmeisterin neu besetzt werden. Die Konventualinnen wählten die neuen Vertreterinnen dieser Ämter mündlich per vota secreta. Die Wahlen wurden per maiorem entschieden: Es zeigte sich, dass die Mehrheit der Nonnen der Meinung waren, dass die 66-jährige Maria Sabina Severa Brantmüllerin ihr Amt als Vikarin, das sie schon seit 1746 innehatte, trotz der vorhergehenden Beschwerden weiterführen sollte.221 Die 45-jährige Maria Aloysia Gerhardin erhielt das Amt der Novizenmeisterin. Maria Pacifica Kurhamel, 64 Jahre und Clara Theresia Kertzin, 54 Jahre, sollten künftig die Aufgaben der Pfortenschwestern übernehmen. Catharina Esther Weingärtner, zuvor Pfortenschwester, erhielt nun gemeinsam mit der 41-jährigen Maria Walburga Krausin das Amt der Scheibenschwester. Die Neuerwählten sowie die bisherige Vikarin wurden nomine Eminissimi durch den Officialen konfirmiert und die den Pforten- und Scheibenschwestern ausgehändigten Schlüssel geweiht. Anschließend schritt man zur Inspektion der Klausur, wobei in Clausura selbst sowohl als in allen übrigen alles in recht guthem stand vorgefunden worden, dergestalten, dass Visitatores nichts zu erinnern haben. (…) Visitatores seyen schließlich bis an die Clausurtür von der Äbtissin und zwei Pfortenschwestern begleitet worden und haben unter Läutung der Glocken ihren Abschied genommen. 220 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Catharina Esther Weingärtner auf Frage 11. 221 Maria Sabina Severa Brantmüllerin starb einige Monate nach ihrer Wiederwahl. Ihre Nachfolgerin wurde Maria Pacifica Kurhamelin. 4 Die erzbischöflichen Visitationen 73 4 .7 Die Visitation des Jahres 1768 in Armklara Am 31.  August 1768 begab sich Weihbischof Christoph Nebel (1690 – 1769) als Commissarius primarius mit dem Siegler zur Visitation ins Kloster der Armen Klarissen.222 Er vernahm 30 Konventualinnen, wobei er die 71-jährige Vikarin sowie die fast gleichaltrige Äbtissin zuletzt befragte. Beide sagten aus, dass die Ordensregeln in der hauptsach beachtet werden würden. Auch die kurze Zeit nach dieser Visitation dem Kloster ausgestellte charta visitatoria bescheinigte dem Konvent eine in denen Hauptstücken geschehene genaue Befolgung deren ordensregeln und Statuten.223 Einige der Konventualinnen hatten jedoch aufgrund ihrer Aussagen folgende erzbischöfliche Befehle veranlasst: Die Klausur sollte strenger als bisher beachtet werden. Eine dritte Tür, die zur Klausur führte, müsse beständig, außer in Notfällen, geschlossen bleiben. Auswärthige leuthe durften nicht mehr eingelassen werden und es sei nicht zu dulden, dass Besuchern von den Pfortenschwestern in der Stille zu Tisch Zeit, somit ohne Wissen der Abbatissin mit fürwitz die Clausur eröffnet werde. Da mehrere der Nonnen einen Mangel an dringend notwendigen Ruhepausen beim ständigen Wechsel von Chorgebet und Arbeit angemerkt hatten, sollte die Äbtissin von nun an täglich zwischen Vesper und Komplet Raum für eine Rekreation gestatten. Diese beiden Stundengebete durften demnach ohne Not nicht zusammengesetzt werden. Außerdem wurden die Chorschwestern, besonders jene, die Ämter bekleideten, aufgefordert, fleißiger als bisher und ohne vorschiebung nothwendiger arbeith am Gottesdienst teilzunehmen und die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten. Die letzten Anmerkungen der charta visitatoria des Jahres 1768 waren an das Verhalten der Äbtissin gerichtet. Sie griffen die wichtigsten Forderungen der Schwestern auf, die diese während der Befragungen gestellt hatten: Der Vorsteherin wurde nahegelegt, die jüngeren und in geistlichen Dingen noch ungeübten Schwestern nicht mit Ämtern zu belasten, damit man sie nicht überfordere. Darüber hinaus 222 Weihbischof Nebel nahm seit 1759 die Professionsexamen ab. Dies war zuvor die Aufgabe des franziskanischen Provinzials gewesen: Lib. rec., f. 119v. 223 DDAMz: K 102/I.1a – c: Charta visitatoria von 1768. 74 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe sollte sie künftig dafür sorgen, dass die Küchenschwestern die wenigen Speisen besser zubereiteten. Den Konventualinnen wurde die Empfehlung ausgesprochen, ihr geistliches Leben nach Frieden, Einigkeit und schwesterlicher zusammensicht auszurichten. Die charta visitatoria von 1768 spiegelt die konservative Haltung des Erzbischofs Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim gegen- über den monastischen Lebensbedingungen in den Frauenklöstern unumstritten wider, belegt aber auch, dass das Vikariat bei den Visitationen Alltagsschwierigkeiten und Probleme der Nonnen aufgriff und entsprechende Lösungen formulierte und einforderte. 5 Die Ordensvisitationen 5 .1 Ordensvisitationen in Reichklara Fünf kurz hintereinander stattfindende Visitationen zwischen 1773 und 1780 wurden für Reichklara von den jeweiligen franziskanischen Provinzialen organisiert und jedes Mal nach einem ähnlichen Muster durchgeführt. Im Vergleich zu den Ordensvisitationen Armklaras sind diejenigen Reichklaras gut dokumentiert: Es existieren Namenslisten der zu Befragenden, Protokolle über die Vorgehensweise und kurze Zusammenfassungen über die Einschätzung der Provinziale. Die Abläufe gestalteten sich folgendermaßen: Nach erhaltener Genehmigung durch das Vikariat teilte der Provinzial der Äbtissin den entsprechenden Termin mit. Am festgesetzten Tag begab er sich nach der Prim auf den Chor und las persönlich die Messe. Es folgte der gemeinsame Gesang des tantum ergo, die Erteilung des Segens (benediction) und die Lesung der Fürbitten (suffragia). Anschließend legte er sein Ornat ab, hielt die Eröffnungsrede und ging zur Befragung über, die im Sprachzimmer stattfand. Nachdem die Verhöre beendet waren, sah er die Wirtschaftsbücher durch und unterschrieb sie. Nun wurde der Tag der Beschließung festgelegt, an dem er auf der Nonnenempore jenseits des Chorgitters eine ermahnende Rede hielt. Diese letzten fünf Ordensvisitationen sind insofern bemerkenswert, als die Schwestern bei den Befragungen keine oder nur unbedeu- 5 Die Ordensvisitationen 75 tende Mängel anzeigten. Angesichts der drohenden Aufhebung ihres Konventes oder der möglichen Gerüchte, die darüber in Umlauf waren, bemühten sie sich offensichtlich um den Eindruck einer disziplinierten und friedvollen Gebetsgemeinschaft, was auch im Interesse des Provinzials lag, der diesen Eindruck in den Protokollen bestärkte. Im November 1773 wurden 19 Schwestern befragt. Äbtissin Maria Seraphina Fritschin erklärte, sie habe keine Beschwerden bezüglich ihrer Untergebenen oder gegen die Umstände ihrer Regierung. Ebenfalls habe keine Geistliche eine Klage vorgebracht.224 Die nächste Ordensvisitation erfolgte schon ein knappes Jahr später, im Oktober 1774. Maria Seraphina Fritschin sagte erneut aus, dass sie mit allen Geistlichen zufrieden sei. Keine ihrer Untergebenen habe gegen eine der Regeln verstoßen. Auch den Aussagen aller anderen Schwestern zufolge hatte sich nichts Bedenkliches ereignet, geringe Unstimmigkeiten seien durch die Äbtissin unmittelbar korrigiert worden. Bei der anschließenden Schlussrede, bei der ihm zwei franziskanische Pater assistierten, forderte der Provinzial die Schwestern zur pflichtgemäßen Vigilanz aller in der Ordensregel enthaltenen Satzungen auf.225 Am Nachmittag des 8.  August 1776 verfügte sich der Provinzial in Begleitung zweier franziskanischer Pater nach Reichklara, um der Äbtissin persönlich die für den nächsten Tag vorgesehene gnädigst verstattete Visitation anzukündigen. Am nächsten Morgen las er die Messe in Gegenwart sämtlicher Geistlichen droben im Chor, öffnete im Beisein der Assistenten den Tabernakel (sacrarium) und fand es in gebührendem bestand und sauberkeit vor. Für die verstorbenen Schwestern erteilte er den Segen, bevor er im Chor eine Ansprache über die große Gnade des Berufes zum Ordensstand und über eine sich daraus ergebende Schuldigkeit hielt, die nur durch lebenslange Dankbarkeit relativiert werden könne. Er betonte, dass die Nonnen ihre Hinwendung zu Gott zum Ausdruck bringen würden, indem sie auch die geringsten Satzungen und Regeln genau beachteten. Nach der Ansprache forderte er die Schwestern zur Befragung auf und die Äbtissin überreichte ihm Schlüssel und Siegel. Die mit sacra familia bezeichnete Liste enthält die Namen von 224 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 8. November 1773. 225 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 29. Oktober 1774. 76 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe 23 zu befragenden Schwestern. Die Verhöre fanden wieder im Sprachzimmer statt, in dem die Nonnen successive ihrem alter nach erschienen. Das Protokoll enthält jedoch keine Einzelaussagen, sondern vermerkt, dass sowohl die Schwestern als auch die Äbtissin sämtliche Fragen mit Ja beantworteten. Es schließt mit der pauschalen Feststellung: Die disciplin ist in der besten ordnung. Die versammelten Schwestern forderte er in der Schlussrede zu einem beständigen Fortgang im Guten auf.226 Daraufhin wurde die Ordensvisitation des Jahres 1778 seitens des Vikariats nur unter mehreren Bedingungen genehmigt: Das Ordinariat hatte offenbar an der Durchführung der letzten Visitation Anstoß genommen und legte nun in schriftlicher Form fest, dass der Provinzial zunächst die Direktiven beachten müsse, nach denen visitiert werden sollte.227 Noch vor dem eigentlichen Termin hatte er dieses Mal die von ihm vorbereiteten Fragen sowie die in der vorausgegangenen Visitation erteilten Dekrete zur Einsicht vorzulegen. Am 10. Juli 1778 wurde beschlossen, dass er visitieren dürfe. Man untersagte ihm jedoch streng, allein mit den Schwestern zu reden. Er hatte darauf zu achten, dass seine Assistenten oder sein Sekretär anwesend sein würden, auch sollte er diesmal die Nonnen getrennt befragen und ihre Antworten einzeln notieren. Jede Schwester müsse darüber hinaus ihre protokollierten Aussagen eigenhändig unterschreiben und damit den Wahrheitsgehalt des Protokolls bekräftigen. Außerdem wurde er aufgefordert, sich mit der gewöhnlichen Konventskost zufriedenzugeben und keine Weltlichen zu seinen Mahlzeiten einzuladen. Nach geschehener Visitation hatte er das Protokoll unmittelbar bei der Behörde zur Einsicht und Bestätigung abzuliefern. Damit spielte das Vikariat noch einmal in jeder Hinsicht seine übergeordnete Position gegenüber dem Ordensoberen aus. Die Ordensvisitationen hatten demnach nur noch formalen Charakter, eigenständige Entscheidungen konnte er unter diesen Bedingungen nicht mehr treffen. Die letzte Ordensvisitation in Reichklara ereignete sich am 17. Juli 1780.228 Auch diesmal, so vermerkt das Protokoll, wurde nach der Befragung von 16 Schwestern (von den 17 zu dieser Zeit im Konvent 226 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 8. August 1776. 227 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 30. Juni 1778. 228 DDAMz: K 102/II.1: Visitation vom 17. Juli 1780. 5 Die Ordensvisitationen 77 lebenden Nonnen konnte eine wegen Krankheit nicht teilnehmen) die klösterliche zucht in guter verfassung vorgefunden. Nicht einmal mehr kleine Kinder wurden nun in die Klausur hineingenommen.229 Die Scheibenmeisterin Maria Seraphina Schumännin bestätigte die strikte Befolgung der Klausurvorgaben und bemerkte, dass sie sich über die seltenheit der ansprachen an der Scheibe gewundert habe.230 5 .2 Ordensvisitationen in Armklara Die erzbischöflichen Visitationen in Armklara aus den Jahren 1745, 1762 und 1768 sind durch die Antworten der einzelnen Schwestern, der durchgeführten Ämterwahlen und der Dekrete recht ausführlich dokumentiert. Anders verhält es sich mit den Ordensvisitationen, von denen keine Einzelbefragungen, sondern lediglich kurze Erwähnungen in der Chronik überliefert sind. Die Ordensvisitation vom August 1662 ist außerdem auf der letzten Seite des Klosterstatuts vermerkt: Der Eintrag hält fest, dass es anlässlich des Besuches des Provinzials Bonaventura Reul im August 1662 durchgesehen und bestätigt wurde.231 Im Juli 1681 visitierte Provinzial Ludovicus Kellen das Armklara-Kloster. Er schlussfolgerte knapp, dass in allen Belangen lieb, friedt und Einigkeit vorgefunden worden seien.232 1682 und 1688 wurde erneut durch den Orden und mit dem gleichen Kommentar visitiert.233 Kurz nach der Jahrhundertwende folgten die Besuche des Provinzials zeitlich dicht aufeinander: 1701, 1703, 1705, 1706. Die Visitation durch Honorius Cordier 1755 ist lediglich durch die Bemerkungen zweier Konventualinnen während der Befragungen von 1762 durch das Vikariat überliefert: Maria Paulina Vogelin benannte Pater Cordier als den damali- 229 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1780, Antwort der Maria Bernardina Kittelin auf Frage 8. 230 DDAMz: K 102/II.1: Int. 1780, Antwort der Maria Seraphina Schumännin auf Frage 6. 231 Statua 152. 232 Chronik, Juli 1681. 233 Chronik, Juli 1682 und 1688. 78 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe gen Visitator.234 Maria Rosalie von Eyss sagte aus, dass vor sieben Jahren zwei Provinziale in Armklara gewesen seien, kurz hernach wäre auch ein Pater Commissarius dagewesen, welcher visitierte.235 6 Das Ende der franziskanischen Seelsorge in Armklara Bürvenich berichtet in dem Teil der Annales Provinciae Coloniensis, der sich mit den Ereignissen der Jahre zwischen 1755 und 1758 befasst, über den Schriftverkehr von Pater Honorius Cordier (1707 – 1778) mit dem Generalkommissar der deutsch-belgischen Nation der Franziskaner in Rom, Carolo Maria a Parasio.236 Cordier legte dem Generalkommissar mehrere Fragen über das Verhalten der bischöflichen Behörden gegen- über den Ordensoberen vor. Er bezog sich dabei explizit auf den Mainzer Erzbischof, sein Generavikariat und dessen Einmischung in electionibus et visitationibus nostrarum Monialium. Die Thematik der Erörterungen verdeutlicht noch einmal das Ausmaß, in dem das Vikariat in die internen Strukturen der Klöster hineinregierte. Cordier fragte, ob die lange Zeit übliche mündliche Abstimmung bei den kanonischen Wahlen von Klostervorstehern vom Vikariat zurückgewiesen werden könne und ob die Kommissare dazu befugt seien, die Wahlen auf schriftlichem Weg durchzuführen. Unklar war auch, ob allein der Provinzial eine neugewählte Äbtissin konfirmieren dürfe oder ob dies im Machtbereich des Bischofs liege. Es wurde der Umstand angesprochen, dass der Bischof den Äbtissinnen befehle, ihm jährlich die Klosterrechnungen vorzulegen und verlange, dass sie bis zu ihrem Tod regierten. Cordier bezweifelte überdies, dass das Betreten und Inspizieren der Klausur bei Visitationen durch die bischöflichen Behörden rechtmäßig sei, wo doch der Provinzial jede Ordensvisitation zuvor beim Ordinariat schriftlich 234 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Paulina Vogelin auf Frage 3. 235 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Rosalie von Eyss auf Frage 3. 236 Ein Teil dieser Dokumente ist im römischen Archivio Storico archiviert und von Willibald Kullmann ausgewertet worden: Willibald Kullmann, Das ehemalige Kloster der Armen Klarissen in Mainz, in: FS 34 (1952) 88 – 108. 6 Das Ende der franziskanischen Seelsorge in Armklara 79 anmelden und auf eine Genehmigung warten müsse. Auch sei es durch behördliche Anordnung üblich geworden, den Beichtvätern für ihre Dienste anstatt einer regelmäßigen Kost eine bestimmte Geldsumme auszuzahlen. Carolo Maria a Parasio ging auf alle von Cordier angesprochenen Aspekte ausführlich ein und wies deren Rechtmäßigkeit zurück. Das Bullarium Romanum von Papst Gregor XIII. aus dem Jahr 1575 beispielsweise begrenze, so der Generalkommissar, die Regierungszeit einer Äbtissin auf drei Jahre. Auch verwies er auf entsprechende Artikel der Generalstatuten und Kongressbeschlüsse, nach denen das Prüfen der klösterlichen Jahresrechnung und das Betreten der Klausurbereiche durch Gesandte des Vikariats unrechtmäßig seien.237 Über das Ordensrecht aber setzte sich dessen ungeachtet die weltliche Obrigkeit kontinuierlich hinweg. In einem an Armklara gerichteten Dekret vom 16.  März 1758 beschuldigte das Vikariat die Franziskaner erneut, entgegen der vor vielen jahren her erlassenen gnädigsten Verordnung, Armklara visitiert zu haben. Sie hätten es unterlassen, zuvor eine schriftliche Erlaubnis des Ordinariats einzuholen. Es wurde Abbatissin, Vicarisse und samtlichen Conventualen besagten Closters alles ernst und unter schweren straff anbefohlen, die sich in etwa zukunfft anmeltende Visitatores Ordinis ad visitationem auff keine weiß, auch wo sie etwa mit vorschützung der obedientz solches verlangten, anzunehmen.238 Aufgrund dieser langen und kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit dem Vikariat zogen sich die Franziskaner noch im gleichen Jahr aus Armklara zurück. Sie gaben das Visitationsrecht und einen Teil der seelsorgerischen Betreuung an die weltlichen Behörden ab.239 Der Äbtissin und ihrem Konvent wurde bei diesen Entscheidungsprozessen keinerlei Mitspracherecht eingeräumt. Während die franziskanischen Provinziale zuvor die Gelübde bei den Professionen abgenommen hat- 237 Kullmann, Klarissen 95. 238 ULB: Bint Ms f. 2b, Tom. VII, 24. 239 Lib. rec., f. 54v. 80 Teil II: Die Reformbemühungen der Mainzer Erzbischöfe ten, fand die Ablegung derselben nun im Beisein eines weltlichen Priesters statt, der in kurfürstlichen Diensten stand. Anlässlich der Profession Maria Dominica Mollins am 12 September 1759 war Weihbischof Christoph Nebel die erste Person gewesen, welche, nachdem die Franciscaner unser allhiesiges Closter der armen Clarissen ohne unser Wissen und Willen mit Zeugen und Notary einem zeitlichen Erzbischof übergeben haben, diese Funktion vorgestellet hat.240 Der Beichtvater Armklaras kam weiterhin aus dem nahe gelegenen Franziskanerkloster. Für Reichklara waren bereits seit 1737 Beichtväter aus anderen Orden zuständig, das Kloster wurde jedoch, wenn auch unter strengen Auflagen, bis 1780 durch die Franziskaner visitiert.241 Jurisdiktionskonflikte zwischen der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit wiesen somit, wie die vorhergehenden Ausführungen darlegten, im 17. und 18. Jahrhundert eine eigene Dynamik auf: Am Beginn des Reformprozesses waren die franziskanischen Ordensoberen vom Erzbischof und der erzbischöflichen Behörde einerseits umworben worden, da man sie für die Etablierung der kirchlichen Erneuerung für förderungswürdig hielt. Andererseits wurden sie als Konkurrenten betrachtet und als solche behandelt. Zeitgleich mit der sich stabilisierenden Autorität der Bischöfe verstärkten sich die Kompetenzstreitigkeiten. Für die Klöster als Gegenstand der Auseinandersetzungen war, wie es die folgenden Kapitel zu Reichklara und Armklara zeigen werden, der beherrschende Einfluss der weltlichen Obrigkeit nicht nur von Nachteil. 240 Lib. rec., f. 119v. 241 DDAMz: K 102/II.1.

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References

Zusammenfassung

Während in den vergangenen Jahren bereits einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit vor und während der Reformation erschienen sind, blieb die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum lange Zeit ein blinder Fleck.

Sigrun Müller schließt diese Forschungslücke und leistet einen analytischen Vergleich zweier zwischen 1620 und 1781 parallel in Mainz existierender Klarissenklöster, die sich nach inhaltlich unterschiedlichen Ordensregeln richteten: Reichklara, das ältere der beiden Konvente, verfügte über Grundbesitz. Armklara, während der katholischen Reform gegründet, lebte dagegen überwiegend von Almosen und der Herstellung von Handarbeiten.

Im Zusammenhang mit den Reformen in Zuge des Konzils von Trient, das dem Erzbischof das Aufsichtsrecht über die Frauenklöster zusprach, stellt sie die Frage nach dem Verhältnis beider ideell stark unterschiedlichen Klarissenklöster zur weltlichen Obrigkeit. Auch werden Veränderungen bezüglich der den Nonnen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume im Klosteralltag aufgezeigt, die sich aufgrund des durch das Tridentinum legitimierten bischöflichen Machtzuwachses vollzogen haben.