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Teil V Fazit in:

Sigrun Müller

Reichklara und Armklara, page 279 - 284

Zwei Mainzer Klarissenklöster in der Zeit der katholischen Reform bis zur Mainzer Aufklärung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3900-7, ISBN online: 978-3-8288-6644-7, https://doi.org/10.5771/9783828866447-279

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
279 Teil V Fazit 1 Zusammenfassender Vergleich zwischen Reichklara und Armklara Reichklara, im Hochmittelalter gegründet und von Adel und Patriziat gefördert, verfügte über Grundbesitz und damit über eine stabile wirtschaftliche Basis. Armklara entstand im 17. Jahrhundert im Kontext der katholischen Reform durch die Initiative eines sich zur Observanz bekennenden franziskanischen Provinzials. Es präferierte somit das Armutsideal und war in ökonomischer Hinsicht von Almosengebern und dem Verkauf von Handarbeiten abhängig. Während der ersten Jahrhunderte seines Bestehens zeigten Adels- und Patrizierfamilien gro- ßes Interesse an Reichklara. Im 17. Jahrhundert dagegen war Armklara ein Anziehungspunkt für zahlreiche Adelsfamilien. Die Ordens- und eigene Klostergeschichte wurde in Armklara, wie die Chronik belegt, den Vorschriften der Observanz gemäß detailliert nachvollzogen. Dies scheint in Reichklara weniger beachtet worden zu sein. Armklara wies im Untersuchungszeitraum eine deutlich höhere Anzahl an Nonnen auf: Sie betrug 157 gegenüber 116 in Reichklara. Durchschnittlich 19 Schwestern lebten zwischen 1620 und 1781 ständig in Reichklara, während in Armklara durchschnittlich 29 Schwestern lebten. Der in Reichklara wie in Armklara hohe Anteil der aus Mainz stammenden Schwestern zeigt, dass beide Klöster während ihrer gesamten Existenz gut in ihre Umgebung eingebunden waren. Bei der Klostergemeinschaft Armklaras ist bezüglich des sozialen Status, des Alters, des Familienstandes, der Herkunftsorte und der Außenkontakte eine eher heterogene Zusammensetzung festzustellen. Die Gemeinschaft der Schwestern Reichklaras war insgesamt homogener, die Herkunftsorte der nicht aus Mainz stammenden Schwestern lagen bis auf wenige Ausnahmen in der näheren Umgebung. 280 Teil V: Fazit Die Verwaltung Reichklaras lag primär in den Händen der Äbtissin und des Schaffners, während in Armklara der Beichtvater einen Teil der administrativen Aufgaben übernahm. Die Äbtissin Reichklaras und einige der Schwestern verließen etwa einmal jährlich zur Güterbesichtigung die Klausur. Zeitweise lebten Kinder mit den Nonnen in Reichklara. Für Armklara sind geringfügige passive Klausurverletzungen nachzuweisen. Aktiv haben die Schwestern nur während der Zeit des Exils ihr Kloster verlassen. Die nach den tridentinischen Dekreten auch für die Laienschwestern obligatorische strenge Klausur wurde in Armklara beachtet, während sich die Laienschwestern Reichklaras bei bestimmten Anlässen außerhalb des Klosters aufhalten durften. Die Organisation von Gebrauchsgegenständen und Nahrungsmitteln vollzog sich in Armklara fast ausschließlich durch geistliche Personen, vor allem durch Terziarinnen. Für Botengänge waren in Reichklara weltliche Schaffner, Mägde oder, seltener, die Laienschwestern zuständig. Die Beibehaltung des Spielpfennigs und die Geldbeträge, die den Nonnen anlässlich einiger Seelgerätstiftungen zukamen, belegen, dass in Reichklara auch nach der Reform von 1586 geringer Privatbesitz zugelassen war. Diese Praxis widersprach dem Ideal der vita communis, denn sie konnte nur von Nonnen, die aus wohlhabenden Familien kamen, in Anspruch genommen werden. Für Armklara ist kein Privatbesitz belegt. Unterschiede zeigen sich außerdem bei der Art der Speisen: Gemäß der Ordensregel wurde in Armklara vollständig auf Fleisch verzichtet, in Reichklara wurde entgegen des Verbotes durch die Urbanregel außerhalb der obligatorischen Fastenzeiten fast täglich Fleisch verzehrt. Das Nahrungsangebot war durch die Erträge der Güter und das Jagdrecht variationsreicher als in Armklara. Mangelernährung war möglicherweise die Ursache einiger der in Armklara auftretenden Krankheiten. Wie die Ämter der Kellerin und der Speichermeisterin belegen, konnten in Reichklara anders als in Armklara Vorräte angelegt werden. Überdies sind Unterschiede in der Handhabung des Stimmrechtes im Kapitel festzustellen: Nach dem Ablegen des Professionsexamens besaßen die Chorschwestern Reichklaras unmittelbar ein Stimmrecht, in Armklara wurde ihnen dies erst nach vier Jahren zugesprochen. Gegensätzlich gestaltete sich auch die Begehung der Chorfeiertage: Das Klosterstatut schrieb vor, dass die Schwestern Armklaras ihre Speisen an diesen 1 Zusammenfassender Vergleich zwischen Reichklara und Armklara 281 Tagen demütig auf dem Boden einnahmen. In Reichklara hingegen entfiel an Chorfeiertagen nachmittags der Gottesdienst und die Nonnen nutzten diese Zeit für eigene Näh- und Handarbeiten. Reichklara verfügte darüber hinaus über sogenannte Generalspieltage, an denen die Regeln gelockert waren. In Armklara waren solche Erholungszeiten unbekannt. Alltagspragmatismus war in Reichklara in deutlich höherem Maß vorhanden. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit der Nachtruhe: In Armklara fand die Mette obligatorisch um Mitternacht statt, während den Nonnen Reichklaras eine ununterbrochene Schlafenszeit erlaubt war und die Mette erst um vier Uhr in der Frühe zelebriert wurde. Auch die Erlaubnis, nicht verzehrte Mahlzeiten weiterzureichen, sich zeitweilig individuell in ihren Zellen aufzuhalten oder das Zulassen von Krankenbesuchen belegen diesen Pragmatismus für Reichklara. Auf eine sorgfältige Pflege erkrankter Mitschwestern wurde indes in beiden Konventen genau geachtet. Andere Übereinstimmungen sind in folgenden Bereichen festzustellen: Armklara und Reichklara passten sich architektonisch den Erfordernissen der Reform an. Beide Klöster legten überdies, wie das Antiphonar und das Choralbuch zeigen, großen Wert auf eine korrekte Ausführung der reformierten Liturgie, wobei Armklara ein uniformiertes Auftreten und Verhalten im Chor präferierte und in diesem Zusammenhang das Amt der Chormeisterin vorsah. Zwar waren die Marienverehrung und die Verehrung Jesu in beiden Klöstern von hoher Relevanz, das Vorhandensein mehrerer Gnadenstatuen lässt jedoch vermuten, dass die Anbetung Marias als Königin des Friedens, Fürsprecherin, Schmerzensmutter und Hausmutter in Armklara von größerer Bedeutung war als in Reichklara. Zudem wurde in Armklara primär der Kindheit Jesu Aufmerksamkeit geschenkt. Die Heiligenverehrung Armklaras erwies sich außerdem als wesentlich facettenreicher und eher aktiv in die Außenwelt gerichtet. Diese war grundlegend für sein Weiterbestehen, da es auf Almosen und damit auf das Wohlwollen der Bevölkerung angewiesen war. Rückzug oder Verarmung der Wohltäter verursachten ökonomische Krisen. Ökonomische Schwierigkeiten konnten in Armklara auch bei der Erkrankung mehrerer Schwestern auftreten, da in diesem Fall die ausreichende Produktionsmenge der 282 Teil V: Fazit Handarbeiten nicht mehr gewährleistet war. Dagegen hatten Konflikte der Nonnen untereinander in Reichklara in einem Fall existenzbedrohende Ausmaße angenommen. In Armklara traten eher moderate Streitigkeiten auf. Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Bewohnerinnen Armklaras regelkonformer lebten und sich in höherem Maß den Kriterien der Reformziele anpassten. Ihre trotz der rigiden Klausurvorschriften in die Außenwelt gerichtete Spiritualität in Form der Heiligenverehrung und der Gebetsbruderschaften traf den Nerv der Zeit, erfüllte in der Epoche der katholischen Glaubenserneuerung eine wichtige öffentliche Vorbildfunktion. Reichklara hingegen gewährleistete seinen Bewohnerinnen durch den Güterbesitz relativ kontinuierlich materielle Sicherheit und mittels eines geringen Privatbesitzes kleine persönliche Freiheiten. Für jene, die sich mit den Reformidealen identifizierten, büßte es indessen an Attraktivität ein. 2 Resümee Ziel der Studie war es, konkretere Aussagen als bisher über die Folgen der Reformabsichten des Trienter Konzils für kontemplative Frauenklöster treffen zu können. Zu diesem Zweck wurden primär die Visitationsprotokolle Reichklaras und Armklaras ausgewertet und ergänzend unterschiedliche weitere Zeugnisse herangezogen. Zusammen mit der Untersuchung normativer Quellen ergab sich, dass es nachtridentinischen Disziplinierungsversuchen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit nicht in allen Bereichen gelungen war, die Handlungsräume der beiden Klöster durch Regelsysteme zu standardisieren. Wie Reichklara gezeigt hat, waren Konvente, die sich während des 14./15. Jahrhunderts der Observanz verschlossen hatten, schwieriger nach den Vorgaben des Tridentinums zu reformieren. Armklara, das aus der Tradition der Observanz entstanden war, konnte sich den Reformbedingungen besser angleichen. Anhand der Aussagen einiger Nonnen konnte jedoch belegt werden, dass ein Teil der Gewohnheiten Reichklaras, obwohl sie den Reformforderungen widersprachen, von der Obrigkeit akzeptiert wurde. Dazu gehörten beispielsweise die private Verfügbarkeit kleinerer 2 Resümee 283 Geldbeträge, der Konsum von Fleisch oder die Duldung der milderen Klausurregeln für die Laienschwestern. Andererseits wurde festgestellt, dass der Bischof, der seit 1586 das Aufsichtsrecht über Reichklara innehatte, für bestimmte Bereiche die kompromisslose Beachtung der Vorschriften wiederholt einforderte. In erster Linie sollten die Nonnen seine Sanktionsgewalt anerkennen und den Instruktionen seiner Behörde Folge leisten. Diese Anordnungen betrafen vor allem die Beachtung der Klausurregeln beziehungsweise die Anerkennung des Bischofs als alleinigen Inhaber des Rechtes zur Erteilung von Dispensen. Beachtet werden sollten die Rechenschaftspflicht bezüglich der Klosterwirtschaft und die Genehmigungspflicht bei der Annahme von Postulantinnen, Beichtvätern oder Schaffnern. Durch die Repräsentation der bischöflichen Macht bei Visitationen, Äbtissinnenwahlen und den Professionen wurde der Einfluss der Ordensoberen deutlich zurückgedrängt. Anhand dieses Befundes wird darauf geschlossen, dass sich der Reformprozess und die Art des Reformierens überwiegend nach den Direktiven der weltlichen Obrigkeit vollzogen. Diese Beurteilung wird mit der Einschränkung getroffen, dass die klausurierten Nonnen trotz dieser Umstände keineswegs ausschließlich passive und unterordnende Positionen einnahmen. Gemäß dem Tridentinum hatte der Bischof die Rolle eines strengen, aber gütigen Vaters und Hirten zu erfüllen.1050 Dies setzte ein Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinen Untergebenen voraus. Im Hinblick auf Reich- und Armklara war diese Loyalität über lange Zeitspannen hinweg so stabil, dass der jeweils amtierenden Äbtissin stets ein Spielraum für die Auslegung der normativen Regeln zugestanden wurde. Eine Diskrepanz zwischen der Umsetzung der Ordens- und Klosterregeln einerseits und den Gegebenheiten der Alltagsrealität andererseits wurde unter der Bedingung akzeptiert, dass man klosterseits die Autorität des Bischofs und seiner Behörde nicht infrage stellte. Unter dieser Voraussetzung erhielten die Äbtissin und ein Teil der Nonnen Reichklaras in regelmäßigen Abständen Dispensen zum Verlassen der Klausur, manchmal sogar für die Dauer einiger Wochen. Darüber hinaus hatte die letzte Äbtissin Reichklaras die Möglichkeit, selbstständig umfas- 1050 COED XIII, de reformatione. 284 Teil V: Fazit sende Renovierungstätigkeiten im Kloster und auf den Gütern durchführen zu lassen und damit für deren Bestandserhaltung zu sorgen. Hinsichtlich klosterinterner Belange wie dem Einhalten von Ruhezeiten, dem Wechsel bestimmter Ämter oder dem angemessenen Umgang mit Novizinnen konnten die Nonnen beider Klöster ebenfalls unterschiedliche Forderungen erfolgreich durchsetzen. Armklara erbrachte unter diesen Umständen bemerkenswerte kulturelle Leistungen, ohne dass die Nonnen die Klausur verließen: Sie gründeten mit der Thekla- Bruderschafte eine eigenständige Gebetsvereinigung und förderten die bereits bestehende Bruderschaft im Namen des Heiligsten Herzens Jesu. Ferner initiierten sie die Herausgabe von Gebets- und Andachtsbüchern, die Durchführung von Messen und Prozessionen sowie den Bau einer Kapelle, die der heiligen Katharina von Bologna gewidmet war. Sie ließen Gebets- und Andachtsbücher drucken und unter der Bevölkerung verteilen und leisteten damit einen entscheidenden Beitrag zur Gestaltung der Volksfrömmigkeit in der Residenzstadt während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aufgrund dieser Tatsache sowie aufgrund der Heterogenität der Klöster, die, wie bei Reichklara und Armklara, in ihren unterschiedlichen Statuten und Entstehungsgeschichten begründet sein konnte, blieb die Reform ein dynamischer Prozess. Auch wenn in der Auseinandersetzung mit den Nonnen der Bischof und die Behörde sich in einer höheren Machtposition befanden, so lässt sich doch die in der Einleitung formulierte Hypothese bestätigen, dass Veränderungen nicht einseitig durch den Herrschenden herbeigeführt wurden. Kontemplative Klöster haben ihrerseits, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, durch Forderungen, Wünsche, Bedürfnisse, Visionen, durch Kreativität und Aktivität der Nonnen die Reform geprägt.

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Zusammenfassung

Während in den vergangenen Jahren bereits einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit vor und während der Reformation erschienen sind, blieb die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum lange Zeit ein blinder Fleck.

Sigrun Müller schließt diese Forschungslücke und leistet einen analytischen Vergleich zweier zwischen 1620 und 1781 parallel in Mainz existierender Klarissenklöster, die sich nach inhaltlich unterschiedlichen Ordensregeln richteten: Reichklara, das ältere der beiden Konvente, verfügte über Grundbesitz. Armklara, während der katholischen Reform gegründet, lebte dagegen überwiegend von Almosen und der Herstellung von Handarbeiten.

Im Zusammenhang mit den Reformen in Zuge des Konzils von Trient, das dem Erzbischof das Aufsichtsrecht über die Frauenklöster zusprach, stellt sie die Frage nach dem Verhältnis beider ideell stark unterschiedlichen Klarissenklöster zur weltlichen Obrigkeit. Auch werden Veränderungen bezüglich der den Nonnen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume im Klosteralltag aufgezeigt, die sich aufgrund des durch das Tridentinum legitimierten bischöflichen Machtzuwachses vollzogen haben.