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Teil IV Das Klosterleben Armklaras in:

Sigrun Müller

Reichklara und Armklara, page 199 - 278

Zwei Mainzer Klarissenklöster in der Zeit der katholischen Reform bis zur Mainzer Aufklärung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3900-7, ISBN online: 978-3-8288-6644-7, https://doi.org/10.5771/9783828866447-199

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
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199 Teil IV Das Klosterleben Armklaras 1 Gründung im Kontext der katholischen Reform Nikolaus Vigerius (1555 – 1628), Provinzial der Cölnischen Provintz strenger Observantz,706 hatte seit Beginn seines Wirkens in den Niederlanden den sich ausbreitenden protestantischen Glauben bekämpft. Seine Missionstätigkeit für den Katholizismus vollzog sich teils unter entbehrungsreichen und abenteuerlichen Umständen. Im liber memorabilis wird er als ein eiffriger Man bezeichnet, der in geferlichen ketzerischen Zeiten in Holland, Schweden, Friesland und Seeland für den katholischen Glauben gewirkt hatte.707 In Haarlem gründete er mehrere weibliche Religionsgemeinschaften und trat 1603, bereits 48 Jahre alt, dem Orden der Franziskaner bei. Kurz darauf wurde er zum Novizenmeister und Guardian der Kölner Rekollekten, eines Reformzweiges der Observanten, ernannt. In der Folgezeit wählte ihn das Generalkapitel der franziskanischen Provinzen zum Provinzialminister.708 Anschlie- ßend reformierte er den Kölner Klarissenkonvent Marientempel gemäß den tridentinischen Beschlüssen. Ähnlich wie im Herzogtum Bayern Kurfürst Maximilian I. (1623 – 1651) in Zusammenarbeit mit dem franziskanischen Generalkommissar Antonio von Galbiato mehrere Frauenkonvente reformierte, so hatte sich Erzbischof Ferdinand von Köln (1612 – 1650) mit Vigerius und einem erbaren Raet709 im Jahr 1611 dafür eingesetzt, in Marientempel die strenge Klausur einzuführen. In der Chronik Armklaras werden diese Ereignisse folgendermaßen geschildert: 706 Lib. rec., Bericht von der Aufrichtung. 707 HAK: A1, 1. 708 Johannes Madey, Art: „Wiggers Cousebant, Nikolaus“, in: BBKL 27 (2000) Sp. 1545 – 1546. 709 HAK: A 1, 2. 200 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Under anderem hat sich auch gemelter Nikolaus Vigerius bemühet underschiedtliche Jungfrawliche Versamlungen anzustellen, welche Gott dem allmächtigen in bußfertigem wandell undt aynigkeit dienen mogten, deren in der Statt Harlem drey aufgerichtet waren. Zehn dieser aus Harlem stammenden Schwestern kamen 1603 auf Initiative des Vigerius nach Köln, wo sie in einem bürgerlichen Hauß angefangen clösterlich zu leben, zu welchen kurtz hernach zwo aus der Statt Cöllen gebürttig sich zugesellet haben. In diesem so gottgefälligem wandell under der Underweißung Patris Nicolai haben sie so viell in vier Jahren zugenohmen, daß ihrer zehn die erste Regel der heyligen Clarae anzunehmen sich entschlo- ßen. Diesem so heyligen Vornehmen hat P. Nicolaus allen mercklichen fleiß und beystandt zu laisten sich bemühet, zu dem ihm glücklichen Vorschub erweisen der durchleuchtigste Fürst und Herr Ferdinandus Hertzog in Baiern, des erstzstifftes und churfürstenthumbs Cöllen, welcher ihm mit Rath der Christlichen Consistory undt Verwilligung R. Patris Provinzialis FF minorum Conventualium das Clösterlein der Schwestern der dritten Regel ahn der Strinckgass in Marien tempel zu reformieren undt in ein beßer Disciplin zu bringen ertheilt hat.710 Als dieses Projekt gelungen war, beschloss Vigerius die Übersiedlung einiger Kölner Nonnen nach Mainz, um ein weiteres der Observanz unterstelltes Kloster zu gründen. Die Residenzstadt zählte zum Einflussbereich des Kölner Provinzials und Vigerius überzeugte den Mainzer Kurfürsten Johann Schweikhard von Kronberg von diesem Vorhaben, so dass im Herbst des Jahres 1619 sechs Schwestern die Reise mit dem Schiff nach Mainz antraten.711 710 Chronik 1619. 711 Lib. rec., Bericht von der Aufrichtung des Konvents St. Antonij der armen Klarissen in Mainz. Vigerius hatte ein Convent des Ordens der Heiligen Jungfrauen von Mutter Clara von der ersten Regul der Armen Clarissen genannt in der Stadt Mainz aufzurichten, zu welchem Ende dann obgemelder Provincial im selbigen Jahr im November nachfolgende Schwestern aus dem Cölnischen Konvent in der Klöckergasse Marien Tempel genannt nach Mainz geschickt hat (es folgen die Namen der Gründerschwestern). 1 Gründung im Kontext der katholischen Reform 201 Der Verlauf und die Umstände dieser Ereignisse belegen, dass die Gründung Armklaras im Kontext einer tridentinisch geprägten Neustrukturierung des alten Glaubens zu sehen ist, bei der die Bettelorden und die kontemplativen Ordensgemeinschaften eine zentrale Rolle spielten.712 Die Errichtung kontemplativ-klausurierter und explizit in Armut lebender weiblicher Konvente wurde als ein Exempel des wahrhaftigen und ursprünglichen Katholizismus betrachtet und sie sollten dem Reformprozess entsprechenden Auftrieb verleihen. Im Unterschied zu Reichklara stand Armklara von Beginn an unter der Jurisdiktion des Mainzer Erzbischofes und zusätzlich unter der Aufsicht der Observanten der Kölner Provinz. Nachdem die jungen Frauen, es handelte sich um fünf Chorschwestern der Ersten Regel und eine Terziarin, in der Begleitung von Pater Arnold Hackstein713 in Mainz angekommen waren, wurden sie für neun Monate im Haus der Maria Schad, Witwe des Georg Molitor, eines ehemaligen Sekretärs des Domkapitels, aufgenommen. Entgegen ihrer Gelübde lebten sie während dieser Zeit nicht in strenger Klausur. Im August 1620 bezogen sie ein Kloster, das vormals Mönche des Antoniterordens bewohnt hatten.714 Die Klosterkirche war vorläufig nicht benutzbar, da sie über lange Zeit als Unterkunft für Pferde gedient hatte. Die Gottesdienste fanden daher zunächst in provisorischen Räumlichkeiten statt. Bis zum 11. Oktober 1620 hatte man die Kirche in einen reinlichen Zustand versetzen lassen, so dass sie von Bischof Stephan Weber (1570 – 1622) erneut geweiht werden konnte.715 Am Gedenktag der heiligen Klara erfolgte eine feierliche Prozession in die Klosterkirche. Bereits im September wurde ihre kleine Schar bereichert: Eine junge adlige Witwe, Anna Ursula von Dalberg, war die erste einzukleidende Novizin der Mainzer Armen Klarissen. Im folgenden Jahr schlossen sich ihnen mit Franziska Bauchin und Scholastica Zimmermann zwei Laienschwester sowie eine weitere Chorschwester an. Nach und nach kauften die Klarissen einige benachbarte Gebäude 712 Pfeifer, Reform 188. 713 Kullmann, Klarissen 93. 714 Lib. rec., Bericht von der Aufrichtung. Die Gebäude mussten gesäubert und baulich den Klausurvorschriften angepasst werden. 715 Joannis, De sororum D. Clarae de tertia regula, vulgo der Armen Clarissen 878. 202 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras hinzu, um den Klausurbereich zu erweitern. Der Vorbericht des Nekrologiums berichtet von zwei kleinen Gärten, die innerhalb der nächsten Jahre hinzukamen und weist darauf hin, dass das Kloster von selbiger Zeit an bis 1631 in gutem Fortgang verblieben war.716 2 Die Klausur Im Klosterstatut werden die Bedingungen für die aktive und passive Klausur prägnant formuliert: Die Scheib soll allzeit mit zweyen starcken Schlössern verwahrt seyn, und soll jedwedere Scheibschwester darvon einen Schlüssel haben, auch soll dieselbe in ihrer abwesenheit allzeit geschlossen seyn, desgleichen auch das Sprachfenster mit einem Schloss.717 Die Porten des Convents sollen mit unterschiedlichen Schlössern wohl bewahrt seyn, und niemahlen ohne wichtige Sachen oder Vorfall (…) eröffnet werden.718 Wann aber die Schlos oder auch Wagenport eröfnet wird, soll durchaus niemand, als allein die porten Schwesteren und andere darzu verordinierte zu denen eingeladenen kommen, ist auch der Mutter nicht, viel weniger anderen Schwesteren zugelasen, an der porten mit geistlichen oder weltlichen persohnen zu reden. Die port soll, wann jemand aus oder eingehet, mit stillschweigen alsbald widerum zugeschlossen werden, welches sowohl die thür des Schloss, als auch von einfarth soll verstanden werden. Es soll denen arbeitsleuthen niemahlen keine mittags oder abends mahlzeit binnen des klosters Schlos gegeben werden. Sie sollen auch nicht, um etwas zu verrichten ohne besondere noth über das dormitorium oder andere inwendige gemächer des Convents geführt werden, sofern es auf eine andere arth geschehen kann.719 Zentrale, den Lebensbereich der Nonnen konstituierende Begriffe des Statutentextes sind Schloss und geschlossen. Gelegentlich wird der 716 Lib. rec., Bericht von der Aufrichtung. 717 Statua 65. 718 Statua 72. 719 Statua 75. 2 Die Klausur 203 Klausurbereich selbst als Schloss bezeichnet,720 das mit verschiedenen Schließsystemen an Gitter, Pforte und Scheibe ausgestattet war: Für das Chorgitter besaßen die Äbtissin und tagsüber auch die Chormeisterin die Schlüsselgewalt. Für Pforte und Tor verwahrten die Äbtissin und tagsüber außerdem die Pfortenschwestern die Schlüssel, diejenigen für die Scheibe verwahrte ebenfalls die Äbtissin, bei Tage außerdem die beiden Scheibenschwestern. Die Schlüssel wurden jeden Morgen getrennt an die verschiedenen Amtsinhaberinnen ausgegeben: Also das keine ohne die anderen aufmachen kann.721 1768 erklärte Äbtissin Philippina Josepha, dass die älteste der Pfortenschwestern auch nachts die Schlüssel behalte.722 Die von der Öffentlichkeit weitestgehend abgeschottete Gemeinschaft der Armen Klarissen wird in den Darstellungen Schrohes723 und Bredes724 deutlich romantisiert. Hingegen unterlag der Alltag der Schwestern äußerst engmaschigen Reglementierungen: Klausurierung bedeutete in Armklara keineswegs allein die Abschottung gegenüber der Außenwelt.725 Es durfte beispielsweise auch innerhalb des Dormito- 720 Statua 137. 721 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 22. Diese Art des Schließsystems war bereits in den reformierten Frauenklöstern des 15. Jahrhunderts üblich, etwa bei den Nürnberger Dominikanerinnen: Uffmann, Rosengarten 208. Wie in Reichklara mussten auch dort abends alle Schlüssel bei der Äbtissin abgegeben werden, sie wurden morgens wieder ausgehändigt. Demnach besaß hier ebenfalls die Äbtissin die volle Schlüsselgewalt. Von unterschiedlichen Schlössern an der Pforte des Klarissenklosters Seußlitz berichtet auch Markus, Klarissenkloster Seußlitz 95: Außer mit schweren Querbalken und Riegeln war die Pforte mit doppeltem Schlosse verwahrt; den einen Schlüssel führte die Äbtissin, den andern, davon verschieden, die Pförtnerin. 722 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antworten der Philippina Josepha auf Frage 11. 723 So war die Ordensgemeinschaft von St. Klara fest gefügt durch die kirchlichen Tageszeiten, (…) durch die Entbehrungen, die alle unordentlichen Neigungen dämpfen, und durch das Stillschweigen, das den besten Nährboden für schwesterliche Liebe bildet: Schrohe, Klarissen 99. 724 Fast noch reizvoller als die äußere Geschichte des Konventes stellt sich die Geschichte seines inneren Lebens dar: Brede, Kirche und Kloster 12. 725 In einem Schreiben der Mainzischen kurfürstlichen Kanzlei vom 21. August 1638, in dem ein Reuel (ein schmaler Weg hinter dem Teil der Kloster mauer, 204 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras riums keine der Schwestern die Zelle einer anderen Nonne betreten.726 Überdies mussten die Zellen in Bezug auf die umliegenden Häuser so beschaffen sein, dass keine Schwester in die benachbarte noch die benachbarten in ihre Zellen sehen können.727 Allerdings waren, zumindest theoretisch, noch 1745 einige der Nachbarn des Klosters in der Lage, in das Zimmer der Äbtissin zu sehen, weilen die Gartenmauer nicht hoch genug seye welche sie auch zu erhöhen außerstande wären.728 Aus- und eingehende Briefe wurden von der Äbtissin zensiert.729 Wurde in irgendeiner Weise gegen die Klausurbestimmungen gehandelt, hatte dies laut Statutenbuch für die betreffende Konventualin unmittelbare Folgen: (…) und wann eine wäre, welche ohne erlaubnus an die scheibe gieng (…), soll von der Mutter hart gestraft werden, und ihre poenitenz empfangen.730 Die entsprechende Strafe konnte in Form von Nahrungsentzug erteilt werden oder es konnte der Delinquentin für die Dauer von zwei Monaten untersagt werden, an die Scheibe zu gehen.731 Es war hin und wieder möglich, mit Erlaubnis der Äbtissin am Chorgitter in Anwesenheit zweier Ratsschwestern einige Worte mit Familienangehörigen auszutauschen. Die jeweilige Konventualin kniete während dieser kurzen Konversationen ein bis zwei Schritte vom Gitter entfernt nieder.732 1768 wurde diese laut dem Klosterstatut erlaubte Praxis der „sichtbaren Ansprache“ von der weltlichen Obrigkeit mit der Begründung der Entweihung des Allerheiligsten unterbunden.733 über dem sich das Dormitorium befand) den Armen Klarissen zugesprochen werden sollte, wird diese Verhandlungssache folgendermaßen begründet: Der Reuel ist dem Klarissenkloster zur völligen und beßeren Clausur zu applizieren: Chronik, 21.8.1638. Der Weg war somit nicht mehr öffentlich zugänglich. 726 Statua 69. 727 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 17. 728 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 17. 729 Statua 100. 730 Statua 68. 731 Statua 69. 732 Statua 71. 733 Die charta visitatoria von 1768 formuliert dieses Verbot folgendermaßen: Wir verordnen, dass der sonsten in der öffentlichen Kirche vor dem Gegitter des 2 Die Klausur 205 2 .1 Der Klausurbereich 1625 wurde im Langhaus der Klosterkirche eine durch ein Gitter verschlossene Nonnenempore errichtet. Sie war beidseitig mit Gestühl ausgestattet, einem kleinen Fenster, einer Orgel, einem Altar734 sowie dem Zugang zum Glockenturm. Der Eingang zum Beichtstuhl735 und eine Gnadenfigur der Regina Pacis befanden sich an zentraler Stelle innerhalb der Nonnenempore. Zur Klausur gehörten Kapitelhaus,736 Werkhaus,737 Refektorium,738 Küche,739 das Dormitorium mit den Zellen der Schwestern, ein Innenhof 740 mit Gärten und Ziehbrunnen741 und das Krankenhauß.742 Der Chores mit Verunreinigung des allda beständig aufbehaltenen Sanktissimus gewesene sogenannte sichtbare Ansprache, von da an völlig aufgehoben, in das unweit der Pforte sich befindende Sprechzimmer verlegt und allda auf die nämliche Art und Zeit gehalten werde: DDAMz: K 102/I.1a–c. 734 Fritz Arens, Kunstdenkmäler der Stadt Mainz, Bd. I, Mainz 1961, 64. Da der Hochaltar unten in der Kirche von der Nonnenempore aus nicht sichtbar war, befand sich jenseits des Gitters ein eigener Altar (Kreuzaltar). Die Empore war für die Nonnen nur vom Kloster her zugänglich. Der Priester, der am Altar der Empore den Gottesdienst vollzog, betrat diese von der Kirche kommend über eine kleine Treppe: Brede, Kirche und Kloster 68. 735 Brede, Kirche und Kloster 71. 736 Statua 31. 737 Statua 77. 738 Statua 61. 739 Statua 96. 740 Statua 82. 741 Arens, Kunstdenkmäler 69. In einer 1880 verfassten Erzählung von Conrad Kraus wird das Äußere des Klosterbereiches von Armklara beschrieben. Während die Handlung fiktiv ist, entsprechen die geschilderten Details der Örtlichkeiten, wie der Autor in einer Fußnote erwähnt, der Realität des 17. Jahrhunderts. Nach dieser Beschreibung war die Gartenmauer Armklaras von grauer Farbe und etwa 40 Fuß hoch. An deren Ende befand sich die überwölbte Öffnung eines Brunnens, dessen Steineinfassung zur einen Hälfte von der Straßenseite aus zu erreichen war und zur anderen Hälfte vom Klostergarten aus. Dieser Brunnen, aus dem man mittels eiserner Rollen, Ketten und Eimer das Wasser schöpfte, wurde demnach sowohl von der Stadtbevölkerung als auch von den Nonnen benutzt: Conrad Kraus, Clarissa, Mainz 1880, 227. 742 Chronik 1689. 206 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Hof durfte von den Konventualinnen nur mit Erlaubnis der Äbtissin betreten werden.743 Während der ersten zehn Jahre nach der Klostergründung schliefen die Schwestern gemeinsam in einem großen Dormitorium. 1630 beantragte Äbtissin Margaretha Gramaye eine kurfürstliche Genehmigung für die Einsetzung zweier Fenster in die Mauer des Dormitoriums. Sie beabsichtigte, kleine verschiedene Zelttlein (…), des Tags und lichts bedörfftig, für ihre Closter Jungfrauen errichten zu lassen.744 Auch war sie inwillens, von gedachtem ihrem dormitorio ahn, biß hinüber zu ihrem Wäschhauß ein gänglein zu bauwen. Zwischen dem Dormitorium und dem Waschhaus muss ein Garten gelegen haben, zu dem das geplante gänglein einen Zugang gewähren sollte, damit die Konventualinnen ihm selbigen gärttlein sich mitt mehrer sicherheitt nach notturfft recreyrn mögten, weill sie sonsten ahn keinem andern orth In ihrem Closter, wegen Einsehens versichertt sein können. Der Klausurbereich konnte durch den Eingang zum Konvent (die thür des Schloss) 745 und die Pforte an der Einfahrt746 betreten werden. Außer an diesen beiden Eingängen existierte nur noch an der Scheibe im Sprachzimmer, das sich in der Nähe der Pforte befand, eine Möglichkeit, direkt mit der Außenwelt zu kommunizieren: Sollen also in allen Conventen nicht mehr als diese beyden porten und allein eine Scheibe seyn.747 Für Besorgungen und Erledigungen aus der Stadt waren vor 743 Statua 82. 744 StA Würzburg: MRA K 727/2353. Zu den An- und Neubauten des Klosters, die in den folgenden Jahrzehnten getätigt wurden: Brede, Kirche und Kloster 92. 745 Statua 73. Über dem Klosterportal hat sich eine lebensgroße Steinfigur erhalten, welche die heilige Klara darstellt. In der linken Hand trägt sie den Äbtissinnenstab, in der rechten die Monstranz. 746 Statua 74. 747 Statua 74. 2 Die Klausur 207 allem Terziarinnen zuständig. Sie lebten, entgegen der circa pastoralis von 1566,748 nicht in Klausur.749 Äbtissin Anna Apollonia von Schönborn erwarb 1652 einige ältere Häuser in der Nähe des Klosters. Das Areal, in dem sich diese Gebäude befanden, wollte sie in den Klosterbereich integrieren lassen. Magistrat und Bürgerschaft lehnten dieses Vorhaben jedoch ab. 1657 sah sie sich aus diesem Grund gezwungen, einen Teil dieser Häuser wieder zu verkaufen, wofür sie 300 Reichstaler, vier Fuder Wein und 100 Malter Korn erhielt. Die Nonnen behielten von den zuvor erworbenen Grundstücken lediglich einen Garten, der, von einer hohen Mauer umgeben, in den Klausurbereich integriert wurde.750 748 Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Geschichte der Päpste im Zeitalter der katholischen Reformation und Restauration, Bd. 8, Freiburg im Breisgau 1920, 193. Zu den Terziaren, die sich der circa pastoralis widersetzten: Anne Conrad, Die (unterbliebene) Modernisierung kirchlicher Frauenrollen, in: Paolo Prodi u. a., Das Konzil von Trient und die Moderne, Berlin 2001, 332. 749 Terziarinnen waren teilweise jahrzehntelang für Armklara tätig. Anna Catharina Schöneck diente dem Closter vor der Clausur in der 3. Regul: Lib. rec., f. 50v; Anna Maria Finsterwaldin erledigte 35 Jahre lang als Terziarin Besorgungen für die Armen Klarissen: Lib. rec., f. 19r; ebenso war Anna Maria Wenz im dem dryten Orden außer der Clausur 29 Jahre lang für das Kloster tätig: Lib. rec., f. 54v; Maria Barbara Haug, Anna Maria Capauns, Maria Barbara Fabrizin und Antonetta Marx dienten ebenfalls als Terziarinnen den Armen Klarissen: Lib. rec., f. 60v, 18r, 67r. Anhand der Sterbedaten dieser Terziarinnen (1665, 1705, 1729, 1746, 1755, 1798) lässt sich nachweisen, dass Armklara fast während seines gesamten Bestehens von ihnen bedient wurde. Es gibt einen einzigen Hinweis darauf, dass neben den Terziarinnen Weltliche für Armklara tätig waren: Das Nekrologium erinnert an die 1707 verstorbene Margaretha Sträßin, welche viele Jahr Unserem Closter trewlich gedient hat. Der Eintrag berichtet weiter, dass Margaretha Sträßin einen Teil ihres Lohns gesammelt habe, um nach ihrem Tod dem Kloster ein Almosen zukommen zu lassen: Lib. rec., f. 87r. 750 StadtA Mainz: NL 11. 208 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras 2 .2 Verlassen der Klausur Am 30. Oktober 1631 flohen zwanzig Bewohnerinnen Armklaras, nachdem schwedische Truppen die Stadt eingenommen hatten, nach Koblenz – zunächst für die Dauer von 6 Wochen. Ihr dortiges Ziel war der Landtscroner Hof.751 Nur Coletta Splinterin, Odilia Kraichin, Catharina Jungin und Francisca Bauchin blieben zurück, um den Konvent in possession zu halten. Die Chronik berichtet, dass sich der schwedische König Gustav Adolf 1632 persönlich in Begleitung von drey oder vier herren nach Armklara begab und dort Einlass begehrte.752 Die ausharrenden vier Nonnen öffneten zwar das Fenster im Chorgitter auf der Nonnenempore, um mit den Männern sprechen zu können, bestanden jedoch darauf, dass die Tür des Gitters geschlossen blieb und verwiesen auf ihre Klausurvorschriften. Hierauff sprachen die herrn, der König befiehle es oder er ließ auffschlagen. Auch dieser Drohung widerstanden die Schwestern. Daraufhin zogen die Männer tatsächlich ab und die Schwestern hatten sich durch ihr Beharren auf den Klausurgeboten vor militärischen Übergriffen schützen können. Um im Notfall für eine Verteidigung gerüstet zu sein, nahmen sie Soldaten auf, mit denen sie ihre kargen Lebensmittelvorräte teilten. Während dieser Zeit kam es vor, dass einige der umherstreunenden Mainzer Jungen versuchten, über die Mauer zu steigen, um in das fast verlassene Kloster einzudringen. Als eine der Nonnen, Coletta Splinterin, diesen Vorfall bemerkte, lief sie beherzt auf die Eindringlinge zu und drohte, einen großen Hund auf sie zu hetzen. Dann eilte sie zu den Glocken und läutete mit aller Kraft, so dass die Nachbarn zusammenliefen und halfen, die jungen Eindringlinge zu vertreiben.753 Odilia Kraichin starb im Mai 1634, Francisca Bauchin im Juli 1635 an der Pest. Seit ihrem Tod befanden sich demnach bis zur Rückkehr der übrigen Schwestern im Mai 1636 lediglich Coletta Splinterin und Catharina Jungin im Kloster. Ihre geflüchteten Mitschwestern hatten indessen gehofft, zeitnah zurückkehren zu können. Die anhaltend unsichere Situation in der von den Schweden besetzten Stadt erforderte jedoch ihre Weiterreise nach Köln, wo sie zunächst 751 Lib. rec., Bericht von der Aufrichtung. 752 Chronik 1632. 753 Chronik 1632. 2 Die Klausur 209 für zwei Jahre bei Terziarinnen unterkamen. Als 1633 in der Nähe ihrer neuen Bleibe die Pest ausbrach, haben sie selbigen ort verlassen und ein Haus in der Klöckergasse gedingt.754 Erst am 14. Mai 1636 konnten sie per Schiff die Heimreise nach Mainz antreten und am 21. Mai wieder in ihr Kloster einziehen. Drei der Schwestern, zunächst Elisabeth König, dann Spes Molitor und schließlich Sophia Solmacher, waren während des Exils verstorben und in Köln beigesetzt worden. Die Chronik berichtet, dass einige Angehörige der schwedischen Besatzungsmacht den in Mainz verbliebenen Schwestern letztendlich große affection erzeiget und ihnen viel gutthaten erwiesen haben. Bei ihrem Abzug aus der Stadt schenkten der schwedische Rentmeister und seine Frau den Armen Klarissen 8000 Reichstaler. Diese Summe wurde allerdings nach dem Krieg von den Mainzer Behörden eingezogen und der Stadtkasse zugeführt.755 Als 1689 alliierte Reichstruppen die diesmal von den Franzosen belagerte Festung Mainz zurückeroberten, wurde das Klostergebäude von zahlreichen Kanonenkugeln getroffen. Der weitere Aufenthalt innerhalb der Klausur schien lebensbedrohlich. Auf Anraten des Beichtvaters verließen die Schwestern den Klausurbereich und begaben sich, während das Kloster durch ständige Beschießungen erheblich zerstört wurde, für die Dauer von sechs Wochen in unßer Kirch under dem gewölb vor der Clausur pfortten.756 Von diesen Ereignissen abgesehen haben die Schwestern Armklaras ihr Kloster niemals verlassen. 2 .3 Passive Klausurverletzungen Ungeachtet der strengen Klausurvorgaben fanden zumindest in den ersten Jahren des Bestehens von Armklara wichtige Entscheidungen, Beratungen und Rechtsgeschäfte gelegentlich von Angesicht zu Angesicht statt: Im April 1621 beriet sich Margaretha Gramaye mit dem 754 Lib.rec., Bericht von der Aufrichtung. 755 Chronik 1636. Die folgenden Abschnitte der Chronik thematisieren das Krisenjahr 1636, unter dem die Klarissen erheblich gelitten haben: Zu Mainz und in dem gantzen landt war eine überauß große Hungers noth daß ein Malter Korn für 18 Reichstaler hat müßen bezahlt werden, die gestorbene Pferd haben die leuth aufgefressen. 756 Chronik 1689. 210 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Domkapitular Johann Gottfried von Fürstenberg über die Errichtung eines neuen Hochaltars. Es wurde über die Verwendung des Materials, über die Kosten und die Beauftragung eines Bildhauers gesprochen.757 Es scheint in diesem Zusammenhang, dass sie gemeinsam in die Klosterkirche gegangen sind, um den Ort, an dem der neue Altar aufgestellt werden sollte, zu besichtigen. Am 5. November 1625 begab sich Matthias Danielis aus Andernach in der Begleitung zweier Zeugen ins Armklara-Kloster, um in Anwesenheit der Äbtissin und des Beichtvaters einen Vertrag hinsichtlich der Erbschaft seiner Tochter Magdalena, die kurz zuvor ihre Profession als Laienschwester abgelegt hatte, zu unterzeichnen.758 1768 erwähnte Friderica Kellerin anlässlich der Visitation, dass einige Jahre zuvor die Tochter des Hofmanns von einer der Scheibenschwestern ohne Wissen der Äbtissin durch das Kloster geführt worden sei.759 Maria Xaveria Hallenschlag bestätigte diese Aussage und fügte hinzu, dass zuweilen durch die Pfortenschwestern Weltliche in die Klausur gelassen würden.760 Die Pfortenschwester Maria Katharina Neefin äußerte dagegen, die Klausur werde nach der Möglichkeit eingehalten.761 Maria Paulina Vogelin gab zu Protokoll, dass eine dritte Tür zur Klausur ohne hinreichende Ursache kürzlich wieder geöffnet worden sei, welche der Provinzial bereits zu schließen befohlen hatte.762 757 Chronik, 2.4.1621: Gramaye und Fürstenberg beauftragten Nicolaus Dickard, einen damals bekannten Bildhauer. Das Kloster leistete eine erhebliche Vorauszahlung. Allerdings starb Dickard, bevor er sein Werk beginnen konnte. Die Klostergemeinschaft hatte in der Folge schwer an diesem finanziellen Verlust zu tragen. 758 Chronik, 5.11.1625. Sollte Magdalena Danielis vor ihren Eltern sterben, so würde das Kloster laut diesem Vertrag 200 Reichstaler erben. Diese Erbschaft wurde juristisch als ein Almosen betrachtet. 759 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Friderica Kellerin auf Frage 7. 760 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Xaveria Hallenschlag auf Frage 7. 761 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Katharina Neefin auf Frage 7. 762 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Pauline Vogelin auf Frage 7. 3 Soziale Zusammensetzung der Konventsgemeinschaft und Ämterverteilung 211 Auch Josepha Carolina Reuschlin kam auf diese Tür zu sprechen: Entgegen der Regel sei eine dritte Tür eröffnet worden. Sie sei der Meinung, die Klausur könne besser gehalten werden.763 Von diesen eher geringfügigen Regelabweichungen abgesehen, sind für Armklara kaum passive und keine aktiven Klausurverletzungen dokumentiert. Den Forderungen des Tridentinums wurde weitgehend entsprochen. Anders als in Reichklara, wo ein ständiger Austausch mit den Knechten, den Mägden, dem Schaffner und in die Stadt gehenden Laienschwestern stattfand, schienen die Klausurvorschriften in Armklara weniger infrage gestellt worden zu sein. 3 Soziale Zusammensetzung der Konventsgemeinschaft und Ämterverteilung Die Nonnen Armklaras unterschieden sich hinsichtlich ihres Alters, ihres Familienstandes und ihrer Herkunft: Zwei Töchter der Familie Molitor waren zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme in Armklara bereits älter als 40 Jahre. Die Witwe Johanna von Schneid, die den Kloster namen Maria Nepomucena erhielt, legte 1759 im Alter von 44 Jahren ihre Profession ab. Maria Christina de Thier, ebenfalls Witwe, sowie Clara Margaretha Hollerin hatten das vierzigste Lebensjahr fast erreicht, als sie in das Kloster aufgenommen wurden. Insgesamt wurden fünf Witwen aufgenommen: Zwei von ihnen stammten aus adligen Familien, davon wurde eine zur Äbtissin gewählt. Es lassen sich 14 Nonnen nachweisen, die aus adligen Familien stammten. Elf von ihnen sind im 17. Jahrhundert eingetreten, drei im 18. Jahrhundert. Clara Catharina Curmann ließ sich 1693 im Alter von 13 Jahren einkleiden und verblieb, da sie erst mit 16 Jahren zur Profession zugelassen werden konnte, drei Jahre lang im Status einer Novizin. Derart junge Novizinnen waren jedoch die Ausnahme: Lediglich drei Nonnen Armklaras waren zum Zeitpunkt des Ablegens ihrer Gelübde erst 16 Jahre alt. Für die Errechnung des Durchschnittsalters bei der Profession 763 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Josepha Carolina Reuschlin auf Frage 7. 212 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras konnten die Daten von 138 Schwestern berücksichtigt werden, woraus sich ein Altersdurchschnitt von 22,8 Jahren ergab. Zweimal traten Angehörige von Terziarinnen dem Konvent bei. Die Väter einiger Schwestern übten ein Handwerk aus, beispielsweise das eines Zinngießers. Eine der Nonnen kam aus der Familie eines Fuhrmannes. Ebenso traten Töchter des gehobenen Bürgertums ein, deren Väter als Juristen, Rentmeister oder Stadtschreiber tätig waren. Die Tochter des Hofrates lebte ebenso in der Kommunität Armklaras wie die Tochter eines Klosterschaffners. Die Laienschwester Anna Margaretha Pflugin wurde vor ihrer Aufnahme im Alter von 26 Jahren durch Lothar Friedrich, Bischof zu Speyer, aus der Leibeigenschaft befreit.764 Die Herkunftsorte der nicht aus Mainz stammenden Schwestern weisen eine ebenso große Variationsbreite auf wie die Verbindungen Armklaras mit Klöstern außerhalb von Mainz: Es bestanden Kontakte zum Mutterkloster in Köln, zu den Kölner Karmelitinnen, zu den Ursulinen in Fritzlar, zum Franziskanerinnenkloster in Eichstätt, zu Stiften in Lüttich und in Breslau. Der Kreis der Wohltäter reichte bis nach Wien. Dieser Befund zeigt, dass Armklara trotz der strengen Abgeschiedenheit seiner Bewohnerinnen nicht nur in seine unmittelbare städtische Umgebung integriert, sondern auch außerhalb der Residenzstadt bekannt und geschätzt war. Es stellte einen Anziehungspunkt für eine breite Schicht der Bevölkerung dar. Unter den Nonnen, vor allem unter den aus Mainz stammenden, existierten vielfältige Verwandtschaftsbeziehungen. 21 Familiennamen waren mehrmals vertreten, 48 Schwestern miteinander verwandt: Adelin: 2 Schwestern (Bischofsheim an der Tauber) Curmann: 2 Schwestern (Mainz) Deissinger: 2 Schwestern (Mainz) Diehl: 2 Schwestern (Mainz) Du Mee: 2 Schwestern (Malmedy) Föltz: 2 Schwestern (Aschaffenburg) Gerhard: 5 Schwestern (Mainz) Gerstner: 2 Schwestern (Mainz) 764 Chronik 1653. 3 Soziale Zusammensetzung der Konventsgemeinschaft und Ämterverteilung 213 Gramaye: 2 Schwestern (Köln) Hallenschlag: 2 Schwestern (Mainz) Hügel: 3 Schwestern (Mainz) Kimmels: 2 Schwestern (Bonn) Kochs: 2 Schwestern (Koblenz) Kraus: 2 Schwestern (Mainz) Molitor: 4 Schwestern (Mainz) Neef: 2 Schwestern (Montabaur) Reichenbach: 2 Schwestern (Adelsfamilie, keine Angaben des Herkunftsortes) Schmitt: 2 Schwestern (Mainz) Stock: 2 Schwestern (Mainz) Wolff: 2 Schwestern (Mainz) Würtz: 2 Schwestern (Mainz) Ob es sich bei den Nonnen, die den gleichen Nachnamen trugen, stets um leibliche Schwestern oder um Verwandtschaften zweiten oder dritten Grades handelte, ist in den meisten Fällen nicht nachweisbar. Lediglich bei den Konventualinnen, die den Namen Gramaye, Adelin und Molitor führten, ist eine geschwisterliche Verwandtschaftsbeziehung sicher belegt. Wie Reichklara benötigte die Kommunität Armklaras für die gröberen Hausarbeiten ständig drei bis vier Laienschwester. Bei der Wahl der Ämter sowie in den Kapitelversammlungen besaßen sie, ebenfalls wie in Reichklara, kein Stimmrecht.765 Sie waren jedoch, anders als die Laienschwestern Reichklaras, in jeder Hinsicht den gleichen Klausurvorschriften unterworfen wie die Chorschwestern. Bei der Aufnahme einer Laienschwester hatten die Konventualinnen kein Mitspracherecht, während die Gemeinde der Aufnahme einer Chorschwester im Kapitel stets mehrheitlich zustimmen musste.766 Zuweilen zahlten die 765 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Anna Tadhea Frickhöffer auf Frage 11. 766 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Clara Gerhardin auf Frage 11. Sie wünschte sich, dass man bei der Annahme von Laienschwestern auf die Stimmen gehen sollte. 214 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Laienschwestern eine Mitgift oder brachten, wie Magdalena Danielis, sogar eine beachtliche Erbschaft in das Kloster ein.767 Die wichtigsten Ämter hatten die Äbtissin, die Vikarin, die Novizenmeisterin und die Pforten- und Scheibenschwestern inne. Anders als in Reichklara wurden neben der Äbtissin und der Vikarin auch die drei zuletzt genannten Ämter von den Chorschwestern kanonisch gewählt. Alle übrigen Ämter wies die Äbtissin zu, wobei auch hier das bestimmende Kriterium die individuelle Fähigkeit der jeweiligen Nonne war. Die Äbtissin konnte die von ihr eingesetzten Amtsinhaberinnen jederzeit nach eigenem Ermessen wieder von ihren Pflichten entheben oder die Ämter umbesetzen.768 Das Amt der Novizenmeisterin galt auch in Armklara als besonders verantwortungsvoll, deshalb sollte diese Nonne nicht mit weiteren Aufgaben belastet werden.769 Die Scheiben- und Pfortenschwestern hatten die Grenzbereiche zwischen der Außenwelt und der Klausur zu überwachen, wobei die Pfortenschwestern beim Öffnen oder Schließen der Türen stets ihr Gesicht verdecken mussten. Sie durften nur das Nötigste mit den Besuchern reden. Die Scheibenschwestern achteten bei den zeitlich stark eingeschränkten Unterhaltungen zwischen den Konventualinnen und ihren Freunden oder Verwandten darauf, dass nicht nach unnötigen Dingen gefragt wurde. Die Gespräche durften, den Vorschriften zufolge, nicht über geistliche Inhalte hinausgehen. Die Scheibenschwestern unterlagen der Schweigepflicht, hatten jedoch grobe Verstöße während der Gespräche der Äbtissin zu melden. Es war den Gästen verboten, Kinder an die Scheibe zu setzen, Gegenstände einzulegen oder Dinge aus dem Inneren des Klosters entgegenzunehmen. Eine derart lückenlose Überwachung konnte im Alltag jedoch kaum realisiert werden, zumal die Scheibenschwestern in Armklara, von ihrer Anwesenheitspflicht bei Besuchen abgesehen, damit betraut waren, über sämtliche Ein- und Ausgaben des Konventes Verzeichnisse anzulegen.770 Maria Ludovica Butzin erklärte daher anlässlich der Visitation von 1762, dass die Scheibenmeisterin nicht allezeit gegenwärtig seye, wenn mit deren 767 Chronik, 3.11.1624. 768 Statua 113. 769 Statua 7. 770 Statua 99. 4 Alltag und soziales Miteinander 215 Schwestern geredet werde.771 Eigene Amtsverpflichtungen konnten, auch wenn die Ausübenden überfordert waren, ohne eine besondere Erlaubnis der Äbtissin nicht an eine der Mitschwestern delegiert werden, da sämtliche Ämter personengebunden waren.772 Die Schwestern Armklaras besaßen, ähnlich wie in Reichklara, die Möglichkeit, eine Ämterkarriere zu durchlaufen: Maria Walburga Krausin etwa war zunächst mit dem Amt der Pfortenschwester betraut, bevor sie 1782 zur Äbtissin gewählt wurde. Maria Pacifica Kurhammel war von der Pfortenschwester zur Vikarin aufgestiegen. Anhand des Visitationsprotokolls von 1768 lässt sich die Verteilung der Klosterämter und der jeweilige Status der Schwestern in Armklara gut rekonstruieren: Unter den insgesamt 30 Konventualinnen befanden sich drei Laienschwestern und drei Novizinnen. Von den 24 Chorschwestern hatten zwei die gemeine Wasch zu besorgen und eine weitere war als Küchenmeisterin beauftragt. Jeweils zwei weitere Schwestern übten die Ämter der Scheiben- und Pfortenschwestern aus. Eine der Befragten war als Novizenmeisterin tätig, eine andere als Krankenwärterin.773 Für die Vorbereitungen der Gottesdienste waren die Küsterin und die Glockenmeisterin zuständig. Ähnlich wie in Reichklara amtierten drei oder vier Nonnen als Ratsschwestern, die als Vertraute der Äbtissin in wichtige Entscheidungen einbezogen werden mussten, bevor der jeweilige Sachverhalt im Kapitel beraten wurde. Es ist anzunehmen, dass diese Ratsschwestern nicht gewählt, sondern von der Äbtissin ernannt wurden. Belege hierfür gibt es nicht. 4 Alltag und soziales Miteinander Der Rhythmus des Alltagslebens in Armklara glich in seiner Abfolge von Kontemplation, Rekreation, Gottesdienst und Arbeit demjenigen Reichklaras. Nach der Zehn-Uhr-Messe begaben sich die Schwestern prozessionsweise und betend in das Kapitelhaus, wo sie nach einer Vier- 771 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Ludovica Butzin auf Frage 11. 772 Statua 116. 773 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Ämterangaben beim Visitationsprotokoll. 216 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras telstunde durch Glockenzeichen zum Werkhaus gerufen wurden. Bis zur Mittagsmahlzeit sollte dort jede der Schwestern, wenn die Äbtissin nichts anderes befahl, die Handarbeiten des Vortages weiterführen: Dazu gehörte beispielsweise das Fälteln von Chorröcken, andere nähten oder stickten an Straminen,774 spannten Wollfäden oder saßen am Webstuhl.775 Jede der Tätigkeiten wurde zuvor mit der Äbtissin abgesprochen, wobei es den Schwestern untersagt war, Gegenstände für ihren eigenen Gebrauch herzustellen. Der Verkauf dieser Handarbeiten trug entscheidend zur Sicherung des gemeinschaftlichen Lebensunterhaltes bei. Die Schwestern waren gehalten, während des Arbeitens möglichst jedes Geräusch zu vermeiden und wenig zu sprechen.776 Auf konzentriertes Arbeiten wurde großen Wert gelegt: Eine jegliche soll in ihrer arbeith treulich und fleißig seyn, und also profitlich alles thun, als täten sie es vor sich selbsten und hätten stets gegenwärtig ihre Obrigkeit, die ihre arbeith seheten.777 Eine der Schwestern übernahm während dieser Arbeitsstunden die Lesung liturgischer Texte: Montags bis donnerstags betete sie Rosenkränze für die Heiligen Maria, Clara, Anna oder Franziskus, freitags las sie eine Vigil mit neun Lektionen, samstags rezitierte sie Psalmen aus dem Graduale und sonntags wurde wiederum eine Vigil mit neun Lektionen gelesen, diesmal für die Wohltäter. Zum Jahrgedächtnis der verstorbenen Schwestern betete man während des Arbeitens gemeinsam den Bußpsalm miserere mei, Deus.778 Um elf Uhr erinnerten bestimmte Glockenzeichen daran, zum Refektorium aufzubrechen. Nach der Mahlzeit kehrten sie erneut ins Werkhaus zurück, um ihre Arbeiten bis zum Beginn der Vesper fortzusetzen. Nach der Vesper 774 Die Wolle für diese Stickereien wurde den Nonnen häufig in Form von Almosen gegeben, etwa von der 1734 verstorbenen Mainzerin Anna Katharina Gerhardin: Lib. rec., f. 80r. 775 Schrohe, Klarissen 100. 776 Schreien, lautes Sprechen, Tanzen und das Singen weltlicher Lieder waren zu jeder Zeit untersagt: Statua 64. 777 Statua 78. 778 Statua 79. Es handelt sich hierbei um den 51. Psalm. 4 Alltag und soziales Miteinander 217 war eine halbe Stunde für Meditation und Rekreation vorgesehen. Es handelte sich hierbei offenbar um eine sehr wichtige Unterbrechung des durchstrukturierten Alltags. Maria Constantia Hallenschlag klagte während der Visitation 1768, dass diese kurze Zeit des Innehaltens oftmals unterbleibe. Bei geringsten Anlässen würde die Äbtissin befehlen, die Stundengebete ohne Pausen zusammenzulegen.779 Nach der Komplet begann das Silentium und dauerte bis zur Terz des folgenden Tages. Es musste an Beicht- und Kommunionstagen sowie anlässlich von Visitationen besonders beachtet werden, bedeutete jedoch nicht vollkommenes Schweigen. Vielmehr durften keine vergeblichen, eitelen, unnützlichen Worte gesprochen werden.780 Philippina Josepha merkte bei der Visitation 1762 an, dass sie bei vielen Gelegenheiten das Silentium schärfer anbefehlen müsse.781 Sieben Schwestern bestätigten, dass es besser gehalten werden könne, besonders abends nach Tisch. Maria Xaveria Hallenschlag dagegen war der Ansicht, es sei wohl etwas Notwendiges gewesen, wenn man das Silentium gebrochen habe.782 Streitigkeiten sollten vermieden und auf respektvollen Umgang miteinander geachtet werden: In Ansprechung ihrer mitschwesteren müssen sie allzeit das wörtlein Schwester vorgehen lassen. Gab es Unstimmigkeiten zwischen zwei Schwestern, so hatten sie den Konflikt möglichst in aller Stille beizulegen. Sie waren gehalten, sich gegenseitig ihre Schuld an der Auseinandersetzung einzugestehen.783 Einigkeit besaß oberste Priorität. Wie in Reichklara sollten allerdings Partikularfreundschaften und Gruppenbildungen vermieden werden.784 Im Alltag konnten die Schwestern diesem Ideal nicht immer gerecht werden. Es kam vor, dass einzelne von ihnen in eine Außenseiterposition gerieten oder Zwietracht entstand, indem sie sich gegenseitig bei der 779 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Constantia Hallenschlag auf Frage 4. 780 Statua 60. 781 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 6. 782 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Xaveria Hallenschlag auf Frage 6. 783 Statua 118. 784 Statua 119. 218 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Vorsteherin anklagten: Die 62-jährige Clara Francisca Rondeau erklärte bei der Visitation 1762, dass die anderen Nonnen ihr gegenüber eine andauernde Abneigung zeigten, was sie schwer belaste.785 Die 66-jährige Maria Francisca Wolffin bedauerte ebenfalls den Mangel an schwesterlicher lieb.786 Von diesen beiden Nonnen abgesehen sagte ein großer Teil der Konventualinnen 1762 aus, dass sie sich wohl fühlten und auch keine wüssten, die missvergnügt sei. Einige antworteten auf die Frage nach der Zufriedenheit und Einigkeit unter den Konventualinnen ausweichend und meinten, sie könnten dazu nichts sagen. Die 23-jährige Maria Friderica Kellerin gab an, es wären die eine oder andere missvergnügt gewesen, und sie seien es zum Teil noch immer. Die Ursache sah die Befragte darin, dass man diese zu jung ins Closter gethan habe. Der Kommissar bestand darauf, die Namen der Missvergnügten zu erfahren. Die Konventualin nannte Maria Rosalia von Eyss und Maria Xaveria Hallenschlag. Die Letztgenannte, so Kellerin, habe allerdings anjetzo die Anfechtungen überwunden,787 einige ihrer anderen Mitschwestern aber würden die Ermahnungen der Äbtissin nicht achten.788 Maria Ludovica Stutzin gab ebenfalls an, dass Maria Rosalia von Eyss sich ungehalten gezeigt habe und missvergnügt gewesen sei.789 Clara Theresia Kertzin waren gelegentliche Äußerungen der Ungeduld gegenüber der Küsterin aufgefallen.790 Die Unzufriedenheit der Maria Rosalie von Eyss wurde anlässlich der Visitation des Jahrs 1768 erneut angesprochen. Sie selbst sagte aus, dass sie zwar damit zufrieden sei, eine Geistliche zu sein, allein in diesem Kloster fühle sie sich nicht vollkommen 785 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Clara Francisca Rondeau auf Frage 2. 786 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Francisca Wolffin auf Frage 2. 787 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Friderica Kellerin auf Frage 7. 788 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Friderica Kellerin auf Frage 8. 789 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Maria Ludovica Stutzin auf Frage 7. 790 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Clara Theresia Kertzin auf Frage 11. 4 Alltag und soziales Miteinander 219 wohl.791 Sie deutete Konflikte mit Philippina Josepha an und sprach von Schwachheiten und Verstörungen der alten Äbtissin, denen man aber nicht mehr nachgeben würde.792 Josepha Carolina Reuschlin beklagte sich, ebenfalls 1768, über die beiden Pfortenschwestern: Sie blieben abends zu lang an der Pforte und gingen daher zu selten in die Mette.793 Insgesamt scheint es sich in Armklara um kleinere Konflikte gehandelt zu haben, die zu keiner Zeit eine ernsthafte Bedrohung der Gemeinschaft darstellten. Der Zusammenhalt hatte allein aufgrund der gemeinsamen Arbeit, die für das finanzielle Überleben des Klosters elementar war, in Armklara einen höheren Stellenwert als in Reichklara. Tagesablauf Armklara 06.00 Uhr: Prim, Terz, Sept 07.00 Uhr: Konventsmesse 09.00 Uhr: Non 10.00 Uhr: Fundierte Messe 10.30 Uhr: Handarbeiten 11.00 Uhr: Mittagsmahlzeit 12.00 Uhr: Handarbeiten 15.45 Uhr: Vesper 16.30 Uhr: Meditation 17.00 Uhr: Komplet, Beginn des Silentiums, das bis zur Terz des folgenden Tages dauert. 17.30 Uhr: Meditation 18.00 Uhr: Abendmahlzeit 20.00 Uhr: Schlafenzeit (im Winter um 19.30) 0.00 Uhr: Beginn der Mette, anschließend: Laudes bis 03.00 Uhr 03.00 Uhr: Schlafenszeit 791 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Rosalie von Eyss auf Frage 2. 792 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Rosalie Eyss auf Frage 8. 793 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Josepha Carolina Reuschlin auf Frage 14. 220 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras 5 Ausstattung und Versorgung der Nonnen 5 .1 Kleidung und Zellen Das äußere Erscheinungsbild der Armen Klarissen sollte so einfach und so schmucklos wie möglich sein: Der Habit bestand aus ungefärbter Wolle, die braunen Unterröcke trugen die Schwestern auch im Winter ohne Innenfutter. Über dem Habit wurden kuttenartige Mäntel getragen, die am Hals nicht gekräuselt sein durften. Sie mussten ein halb Viertel kürzer sein als der Habit und mit Stricken aus Hanf gegürtet werden. Die aus Leinwand gefertigten Schleier der Chorschwestern waren schwarz, die Novizinnen dagegen besaßen weiße Schleier.794 Jede der Schwestern besaß zwei bis drei Tag- und Nachtschleier. Im Klosterstatut wird für den Chordienst das Tragen von Skapulieren erwähnt.795 In den offenen Schuhen, die eigentlich nur aus Ledersohlen mit Bändern bestanden, durften sie in der kalten Jahreszeit nur kurze, drei oder vier Finger breite, Socken tragen. So entsprach ihr Habit dem der Minderbrüder von der strengen Observanz.796 Diese konsequente äußere Bescheidenheit sollte ein Spiegel innerer Demut und der völligen Abkehr von allem Weltlichen sein: Die röck und mäntel müssen von schlechtem tuch und brauner farben seyn, alle Simpelheit oder einfalt soll in ihrem habit erscheinen (…) auch sollen die Schwesteren niemahlen ohne denselben von weltlichen leuthen gesehen werden (…), dann das ist ihr todten kleid, worinnen sie sollen leben, sterben und begraben werden.797 794 Statua 7. Diese Art der Kleidung erinnerte an die Abkehr des heiligen Franziskus von seiner ursprünglich wohlhabenden Sozialisation. Zur Schlichtheit des Habits als Kontrast zum weltlichen Lebensstil: Leonhard Lehmann, Franziskaner (Konventualen, Kapuziner) und Klarissen, in: Peter Dinzelbacher (Hrg.), Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1997, 154. 795 Statua 41. 796 Statua 105. 797 Statua 104. 5 Ausstattung und Versorgung der Nonnen 221 Das Klosterstatut verlangte, dass sie auch nachts den Habit nicht ablegten.798 Jeweils einer der Röcke wurde wöchentlich von der Waschmeisterin gereinigt. Eine Schwester war für die Aufbewahrung von Wolle und Stoff zuständig und verteilte an bestimmten Tagen das Nötige an die Schwestern, damit sie ihre Kleidung ausbessern konnten.799 Für ihre Schlafstätten standen jeder Schwester zwei Kissenbezüge und vier Betttücher zur Verfügung. Sie wurden mit anderem Weißzeug einmal wöchentlich in der gemeinen wäsch gereinigt.800 Das Weißzeug galt als Gemeingut, die einzelnen Teile sollten daher nicht individuell markiert sein.801 In ihren Zellen durften die Konventualinnen ein Kruzifix oder ein Heiligenbild aufbewahren. Die übrige Ausstattung bestand aus einer Truhe, dem Bett, einigen Decken und einem Stuhl.802 Das Horten und das Verzehren von Lebensmitteln in den Zellen waren verboten. Keine der Schwestern konnte eine bestimmte Zelle beanspruchen, auch dann nicht, wenn sie diese über einen längeren Zeitraum bewohnte. Sie musste jederzeit damit rechnen, dass ihr die Äbtissin nach Gutdünken ohne ausnahm und ansehen der persohnen eine andere Zelle zuwies.803 5 .2 Das Essen Um elf Uhr versammelten sich die vom Werkhaus kommenden Schwestern in einer der Konventsstuben zum Lesen einiger Psalmen. Erst nach gemeinsamen Gebeten erhoben sich alle, verneigten sich vor der Äbtissin, um prozessionsweise ins Refektorium zu gehen. Brotkörbe, Krüge mit Wein, Salz, Teller, Becher und Servietten waren von der Küchenmeisterin vorbereitet. Zunächst stellten sich die Schwestern zu beiden Seiten der Tische auf. Sie nahmen erst Platz, wenn die Äbtissin, oder, in ihrer Abwesenheit, die Vikarin sich gesetzt hatte. Jenen, die wiederholt 798 Statua 103. 799 Statua 108. 800 Statua 104. 801 Statua 104. 802 Bey den armen Clarissen soll nichts zumahl gestattet werden, welches den geringsten Schein einiges prachts oder überflüssigkeit haben könnte: Statua 107. 803 Statua 99. 222 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras zu spät kamen, konnte ein Platz am Tisch verweigert werden und sie wurden von der Mahlzeit ausgeschlossen.804 Wenn alle saßen, stieg die Tischlektorin auf den Lesestuhl in der Mitte des Refektoriums und begann, zwei Abschnitten aus dem Brevier zu lesen.805 Nachdem sie diese vorgetragen hatte, klopfte die Äbtissin auf den Tisch und gab damit das Zeichen, nach altem löblichem Gebrauch die Tafel zu küssen.806 Erst dann holten zwei Nonnen, die als Küchenschwestern amteten, die Speisen und gingen mit den Schüsseln reihum, sodass sich jede der Schwestern ihre Portion nehmen konnte. Gewöhnlich bestand sie aus gedörrtem Fisch und verschiedenen Sorten von Gemüse.807 Der Verzehr von Fleisch war den Schwestern Armklaras im Gegensatz zu den Bewohnerinnen Reichklaras auch außerhalb der Fastenzeit verboten.808 Als Getränke wurden Wasser und Wein gereicht. Zuweilen bereicherte Obst den Speiseplan.809 Wollte oder konnte eine Nonne die Mahlzeit nicht einnehmen, so war es ihr untersagt, diese einer anderen Schwester zu reichen.810 Während der Rekreationen an hohen Festtagen durfte die Vorsteherin großzügig sein und jeder Schwester zusätzlich zu den täglichen Mahlzeiten ein viertel Pfund Brot mit Obst und Früchten reichen: Die würdige Mutter Abbatissa mag auch bisweilen ihren Kinderen eine gute 804 Statua 87. 805 Statua 86. Die Lektorinnen wechselten wochenweise. Keine der Schwestern sollte von dieser Aufgabe ausgenommen werden. Viermal jährlich, im Januar, im Mai, Mitte August und Mitte Oktober, wurde das Klosterstatut während der Mahlzeit vorgelesen. Weitere in Armklara nachweislich bekannte Werke, die vermutlich als Tischlektüre herangezogen wurden, sind: Arthur Du Monstier, Das Martyrologium der Franziskaner, Paris 1653; Lucas Wadding, Annales minorum seu trium ordinum A. S. Francisco Institutorum, 8 Bde, Lugduni 1625. 806 Statua 87. Die Tafel wurde unmittelbar vor und nach den Mahlzeiten geküsst. 807 Ein großer Teil des in Armklara verzehrten Gemüses wurde im klostereigenen Garten angebaut: Conrad, Clarissa 228. 808 DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 11. 809 Hin und wieder erhielt Armklara Weißmehl und verschiedene victualien in Form von Almosen: Lib. rec., f. 88v; Lib. rec., f. 89v. 810 Statua 91. Das Weiterreichen der Mahlzeit war dagegen in Reichklara durchaus erlaubt. 5 Ausstattung und Versorgung der Nonnen 223 portion geben lassen, soviel des Convents gewöhnliche allmosen ertragen mögen.811 An Chorfeiertagen dagegen waren die Schwestern angehalten, im Refektorium auf der Erde zu essen: Sie legen die taflen auf die erdt, und sizen alle darum mit ihren mäntelen.812 Wenn die Äbtissin sah, dass alle gegessen hatten, klopfte sie erneut dreimal mit dem Finger auf den Tisch, woraufhin die Lektorin die Lesung beendete. Sie verließ jedoch erst ihren Platz, wenn die Tafel aufgehoben worden war. Die Gemeinde der Schwestern, sich an beiden Seiten der Tische aufstellend, sprach ein Dankgebet. Im Chor wurde dann ein weiteres Mal für das Empfangene mit einer abschließenden Verneigung vor der Äbtissin gedankt.813 Offenbar konnte das Verhalten der Schwestern diesen Abläufen nicht immer gerecht werden: Josepha Carolina Reuschlin gab bei der Visitation 1768 an, dass nicht alle Schwestern nach den Mahlzeiten beten würden und abends die wenigsten ins Refektorium gingen. Sie fügte hinzu, dass verschiedene Schwestern immer wieder gegen solche Vorschriften verstoßen würden.814 Hinsichtlich der Qualität der Konventskost monierte Maria Xaveria Hallenschlag, die wenige Speise könnte zuweilen besser bereitet werden.815 Josepha Carolina Reuschlin forderte sogar die Absetzung der beiden Küchenschwestern, denn ihrer Ansich nach waren die Speisen schlecht zubereitet.816 Erhielt eine der Schwestern durch Freunde oder Verwandte Nahrungsmittel, verteilte die Äbtissin diese Geschenke zu einem ihr geeignet erscheinenden Zeitpunkt im Refektorium. Als 1628 viele Nonnen erkrankten, wurde die Ursache in ihrem schlechten Ernährungszustand gesehen. Das dürre Fischwerk, so die Diagnose eines hinzugezogenen Arztes, reiche nicht aus, um die 811 Statua 95. 812 Statua 97. Inwieweit diese Vorgaben praktiziert wurden, ist den Quellen nicht zu entnehmen. 813 Statua 93. 814 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Josepha Carolina Reuschlin auf Frage 3. 815 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Xaveria Hallenschlag auf Frage 9. 816 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Josepha Carolina Reuschlin auf Frage 9. 224 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Gesundheit zu erhalten. Infolgedessen erlaubte ihnen der alarmierte Generalkommissar der Franziskaner dreimal wöchentlich den Verzehr von Speisen, die mit Fleischfett zubereitet wurden. Ihren Hunger vollkommen zu stillen war den Nonnen jedoch, wie die Chronik an dieser Stelle betont, weiterhin nur einmal täglich gestattet. Abends wurde ihnen daher eine kleinere Mahlzeit gereicht.817 Es zeigt sich, dass bei der leiblichen Versorgung der Schwestern der Unterschied zwischen Armklara und Reichklara sehr eklatant zutage tritt: Im Gegensatz zur Reichhaltigkeit der Speisen, die Reichklara durch seine Wirtschaftshöfe und die Güter zukamen, wird in Armklara die Bescheidenheit in Bezug auf das Essen besonders deutlich. Dieser Umstand bedeutete zwar nicht, dass die Nonnen Armklaras ständig hungern mussten. Nach 1628 ist von Fehlernährung, von kriegsbedingten abgesehen, nicht mehr die Rede. Mehrmals aber wird von dauerhaften Erkrankungen berichtet, von der viele der Schwestern gleichzeitig betroffen waren. Es ist zu vermuten, dass die Schwestern durch die strengen Fastenvorschriften anfälliger waren. Die Ernährung spielte in Armklara überdies, zumindest formell, bei den Androhungen von Strafmaßnahmen eine größere Rolle als in Reichklara. Die in diesem Zusammenhang genannten Bußen wie der Ausschluss von der gemeinsamen Mahlzeit, das Essen auf dem Boden oder das Reduzieren der Nahrung auf Wasser und Brot scheinen jedoch in der Realität nicht auferlegt worden zu sein. 6 Die Strafen Jeden Freitagmorgen versammelte sich die Gemeinde der Schwestern im Kapitelhaus, um über Verfehlungen, die sich während der Woche zugetragen hatten, zu berichten.818 Die Äbtissin las einen Psalm, zwei Vaterunser und sprach: Deus det nobis suam pacem. Sie gab zunächst den Novizinnen ein Zeichen, woraufhin diese hervortraten und ihre gemeinen gebrechen bekannten. Anschließend sprachen sie über ihre individuelle Schuld. Nachdem ihnen ihre Strafen zugeteilt worden waren 817 Chronik 1628. 818 Statua 120. 6 Die Strafen 225 und wenn diese darin bestanden, eine bestimmte Zahl von Gebeten zu sprechen, begaben sie sich dazu unmittelbar auf den Chor.819 Die übrigen Schwestern knieten nieder, um in Abwesenheit der Novizinnen gemeinsam über Vorfälle zu sprechen, bei denen sich die eine oder andere schuldig gemacht zu haben glaubte. Daraufhin sprach man zur poenitenz ein gemeinsames Gebet. Nun erst erfolgten sämtliche individuellen Bekenntnisse. Hier ging es beispielsweise um das Brechen des Silentiums, das Verursachen von Streitigkeiten, das Zuspätkommen zum Gottesdienst oder zur gemeinsamen Arbeit. Nachdem die Vikarin und alle Schwestern ihre gebrechen vorgetragen hatten, sprach die Äbtissin vor der Gemeinde von ihrem eigenen Fehlverhalten. Ihr wurde keine Strafe auferlegt, stattdessen erinnerte die Vikarin sie an ihre Pflichten gegenüber dem Konvent und ihren Untergebenen.820 Das Klosterstatut enthält eine bemerkenswerte Liste möglicher Verfehlungen und nennt, einer jeglichen nach ihren gebrechen,821 die entsprechenden Strafmaßnahmen. Sie steigen entsprechend der Größe des Vergehens. Die leichteste Buße bestand darin, eine bestimmte Anzahl zusätzlicher Rosenkränze oder Vaterunser zu beten. Nonnen, die die Befehle der Vorsteherin ignorierten, sollten ihr Essen auf dem Boden einnehmen und diejenigen, die wiederholt durch störrisches Verhalten auffielen, ihrer Ämter enthoben werden. Die schärfste Maßnahme bestand darin, die Aufsässigen mit dem rath der obersten einzuschließen.822 Unentschuldigtes Fernbleiben vom Gottesdienst erforderte beim ersten Vergehen ein Bekennen desselben im Kapitel und wurde mit einer festgelegten Anzahl von Gebeten geahndet. Wer für schuldig befunden worden war, auf dem Chor unnötig gesprochen zu haben, nach der Mette ungebührlich lange aufgeblieben oder gegenüber der Obrigkeit ungehorsam gewesen zu sein, der sollte nach dem Klosterstatut im Refektorium auf der Erde speisen. Eine nicht näher benannte Strafe sowie eine Ermahnung konnte sich eine Nonne bei der Vernachlässigung ihrer Amtspflichten zuziehen. Müßiggang,823 das Zuspätkommen 819 Statua 123. 820 Statua 125. 821 Statua 128. 822 Statua 111. Die Statua enthält keine Angaben über den möglichen Ort eines solchen Arrestes. 823 Statua 84. 226 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras zu den Mahlzeiten oder das Verursachen von Uneinigkeit innerhalb der Gemeinschaft konnte Nahrungsentzug zur Folge haben.824 Brach eine der Schwestern das Schweigegebot an Kommunionstagen, konnte sie von der gesamten Zeremonie ausgeschlossen werden.825 Weigerte sich eine Konventualin, ihre Buße anzunehmen, so war sie doppelt zu bestrafen.826 Hinsichtlich dessen, was im Kapitel besprochen und beschlossen wurde, war den Nonnen eine strenge Schweigepflicht auferlegt. Eine Missachtung dieser Vorschrift wurde geahndet, indem man die Schuldigen von den folgenden Kapitelversammlungen ausschloss.827 Bezüglich der Anwendungen der genannten Strafmaßnahmen verhielt es sich in Armklara offenbar ähnlich wie in Reichklara, da keine Hinweise auf tatsächliche schwere Bestrafungen der Nonnen vorliegen. Offensichtlich lag es in beiden Klöstern nicht im Interesse der Vorsteherinnen, den ohnehin harten, entbehrungsreichen und zeitweise konfliktbeladenen Klosteralltag zusätzlich durch Strafen zu belasten. Die pragmatische Erfahrung wird gezeigt haben, dass Nachsicht die Stimmung in Konvent verbessern und die Schwester durch Verständnis und Empathie eher diszipliniert und motiviert werden konnten. 7 Krankheiten und Sterben Wenn es die Notwendigkeit erforderte, wurde ein Arzt in die Klausur eingelassen, jedoch nur in Gegenwart der Äbtissin, einer Krankenwärterin und der Pfortenschwestern.828 Mussten kleinere Eingriffe oder ein Aderlass vorgenommen werden, erhielt ein Barbier Zugang.829 Bar- 824 Statua 87. 825 Statua 63. 826 Statua 128. 827 Statua 127. 828 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int.pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 18. 829 Der 1671 verstorbene Hofbarbier Paulus Grabius stand 40 Jahre lang bei Armklara in treuen Diensten: Lib. rec., f. 4v. Auch der Hofbarbier Friedrich Fuchs betreute Armklara über mehrere Jahrzehnte: Lib. rec., f. 20r. 7 Krankheiten und Sterben 227 bier und Arzt wurden, anders als in Reichklara, nicht materiell entlohnt. Als Gegenleistung für ihre Dienste las man ihnen nach ihrem Tod Seelenmessen. Medizin für die Kranken bezog Armklara von der Hofapotheke,830 wobei Terziarinnen die entsprechenden Botengänge ausführten. Es gibt lediglich vage Hinweise auf die Krankheiten, die in Armklara auftraten: Im Jahr 1762 klagten mehrere Schwestern, dass die Vikarin zu alt und zu kränklich sei, um ihr Amt weiterhin ausüben zu können. Im März 1770 legte Äbtissin Philippina Josepha dem Vikariat den offenbar katastrophalen Gesundheitszustand vieler Konventsmitglieder dar, die sie als invaliden bezeichnete. Das konnte für den Konvent existenzbedrohend sein: Die Zahl der Kranken, so die Äbtissin, nehme dergestalt zu, dass sie von 25 Chorgeistlichen sowohl für den Gottesdienst als auch für die notwendigen Handarbeiten neun oder zehn Personen abrechnen müsse. Die übrigen Schwestern seien durch die Mehrarbeiten derart strapaziert, dass sie es auch nit lang aushalten können.831 1771 starb die 33-jährige Waschmeisterin Maria Paulina Vogelin an einer ansteckenden Lungenerkrankung. Mehrere Schwestern waren zur gleichen Zeit infiziert. Eine weitere litt an den Folgen eines Schlaganfalls (Schlagfluss), eine andere war stocktaub. Im März 1771 klagte die Äbtissin in einem Schreiben an den Kurfürsten erneut über verschiedene alte baufällige Nonnen, die sowohl zum Chor als arbeit unfähig seien, man müsse demnach von 26 Chorgeistlichen 12 abzählen.832 Es liegen keine Belege darüber vor, dass erkrankte Schwestern sich über mangelnde Versorgungen beklagten. Waren sie allerdings langfristig erkrankt und fehlten aus diesem Grund wiederholt in den wöchentlichen Kapiteln, so verloren sie bei Abstimmungen oder Wahlen ihre Stimmrechte.833 Krankenbesuche von Angehörigen, wie es in Reichklara zeitweise gestattet war, wurden in Armklara nicht zugelassen. 830 Armklara erwarb beispielsweise von der 1736 verstorbenen Hofapothekerin Clara Michaelin Arzneimittel. Das Kloster erhielt die Arzneien oftmals sehr günstig oder als Spende: Lib. rec., f. 79v. 831 DDAMz: K 102/I.9. 832 DDAMz: K 102/I.9. 833 Statua 130. 228 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Lag eine Nonne im Sterben, so hatte die Krankenwärterin stets auf Zeichen des nahenden Todes zu achten, um den Beichtvater rechtzeitig zur Krankensalbung und für die Sterbesakramente rufen zu können.834 Der Beichtvater durfte das Krankenzimmer und somit die Klausur betreten, um Genesende zu trösten oder um die letzten Sakramente zu spenden. Bei diesen Besuchen hatte er seine liturgischen Gewänder zu tragen und, wie es auch in Reichklara üblich war, einen gesellen mitzubringen, damit er nicht mit der Kranken allein blieb.835 Beide wurden bei ihrer Ankunft von der Äbtissin mit brennenden Kerzen an der Pforte abgeholt. Kam er gemeinsam mit einem Mediziner, verließen nahezu alle Schwestern das kranckenhaus. Nur die Äbtissin blieb mit einigen Nonnen vor Ort, um den Beichtvater später hinaus zu begleiten.836 Trat ein Todesfall ein, bereitete die Krankenwärterin mit Hilfe einiger Mitschwestern den Leichnam für das Begräbnis vor. Anschlie- ßend wurde die Tote auf den Chor getragen und dort aufgebahrt. Alle Konventsmitglieder versammelten sich um die Verstorbene in stillem Gebet. Am folgenden Morgen nach der Messe holte der Beichtvater den Leichnam gemeinsam mit einigen Minderbrüdern ab, um ihn innerhalb der Klausur zu bestatten.837 Im Untersuchungszeitraum sind für 153 Schwestern Armklaras die Todesdaten bekannt, lediglich für vier der Schwestern sind sie nicht überliefert. Von diesen 153 Schwestern starben 78, demnach mehr als die Hälfte, während der kalten Monate von November bis Februar, mit einer Mortalitätsspitze im Januar.838 Da Armklara das Brennholz als 834 Statua 126. 835 Statua 137; DDAMZ: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 18. 836 Statua 138. 837 Statua 144. 838 Diese Mortalitätsspitze in den Wintermonaten lässt sich für die Stadtbevölkerung nicht bestätigen. Richard van Dülmen untersuchte die Mortalitätsraten in vier Mainzer Pfarreien für die Jahre 1676 bis 1797 und stellte fest, dass die Todesrate dort im März am höchsten war und im September noch einmal eine Spitze erreichte: Richard van Dülmen, Das Haus und seine Menschen. Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. I, München 2005, 212. Der Grund für diese Differenzen lässt sich nur vermuten. Möglicher- 7 Krankheiten und Sterben 229 Spende oder als Zinsen für ein Kapital erhielt,839 wird es mit diesem Heizmaterial äußerst sparsam umgegangen sein, was gemeinsam mit einem jahreszeitlich bedingten Rückgang der ohnehin bescheidenen Auswahl an Speisen die erhöhte Todesrate im Winter zumindest teilweise erklären könnte. Die folgende Tabelle veranschaulicht die Todesfälle im Verhältnis zum Jahresverlauf: Monat Anzahl der Todesfälle zwischen 1620 und 1781 Januar 27 Februar 18 März 13 April 11 Mai 8 Juni 10 Juli 11 August 5 September 8 Oktober 9 November 20 Dezember 13 Im späten Frühjahr flaute die Todesrate vorübergehend ab, um im Juni/ Juli wieder anzusteigen. Im August starben die wenigsten Nonnen, ab September ist ein erneuter Anstieg zu verzeichnen. In Reichklara dagegen ist für die Monate April und Juli die niedrigste Todesrate festzustellen. Für die Ermittlung des Durchschnittsalters konnten die Geburtsund Todesdaten von 132 Schwestern zugrunde gelegt werden. Diejenigen, die nach der Aufhebung des Konvents starben, wurden nicht berücksichtigt. Aufgrund dieser Daten ergab sich ein Durchschnittsalter von 57,4 Jahren. Trotz der spärlichen Ernährung und der an vielen Stellen dokumentierten harten Lebensbedingungen war dieses Durchschnittsalter deutlich höher als bei Frauen im weltlichen Stand. weise waren die Wintermonate im Konvent besonders entbehrungsreich in Bezug auf Nahrung und Heizmöglichkeiten. 839 Vgl. Anmerkung 1038. 230 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Die Älteste wurde 86 Jahre alt, die Jüngste 23.840 Bezüglich Reichklaras konnte für den Zeitraum zwischen 1620 und 1781 bei 63 Schwestern das Alter festgestellt werden, in dem sie starben. Es ergab sich aufgrund dieser Daten ein nur gering von demjenigen Armklaras abweichenden Altersdurchschnitt von 58,4 Jahren. Die Älteste wurde 97 Jahre alt, die Jüngste 26. 8 Beichte und Beichtväter Für die geistliche Betreuung der Mainzer Armen Klarissen waren bis 1758 franziskanische Minderbrüder von der strengen Observanz zuständig. Der Aufgabenbereich des Beichtvaters oder des geistlichen Vaters umfasste im Unterschied zu jenem in Reichklaras auch formell wichtige Belange des weltlichen Bereiches: Sie sollen einen Syndicum oder geistlichen Vatter haben, welchen man allzeit in wichtigen Sachen des Convents um hülf und rath ansuchen solle, wie auch da etwa merckliche Testamenta oder allmosen zu empfangen wären.841 Für einen großen Teil der Tätigkeitsfelder, die in Reichklara dem Schaffner und den Mägden zufielen, hatte in Armklara der Beichtvater die Verantwortung zu übernehmen: Bis auf dieses Jahr (1627) haben die Schwestern alle Contracten durch den Gaystlichen Vatter laßen auffrichten, auch alles laßen einkauffen waß zur notturff nöttig geweßen, wie solches die alte Rechnungen auß- 840 Durchschnittlich 34 % der Frauen, die im weltlichen Stand lebten, wurden Ende des 18. Jahrhunderts 50 Jahre und älter. Diese Zahl hat van Dülmen für die Gemeinde St. Laurentius in Trier für die Jahre 1787 bis 1792 errechnet: Van Dülmen, Das Haus 208. In Armklara wurden 68 % der Nonnen 50 Jahre und älter. Errechnet man für Armklara das Durchschnittsalter allein für das 17. Jahrhundert, so lag dies sogar bei 58,01 Jahren. 841 Statua 98. 8 Beichte und Beichtväter 231 weißen, haben auch daß geldt zu tractieren sich enthalten, wie bey den Franciscanern gebräuchlich.842 Nach dem Tod eines ihrer ersten Beichtväter, Johannes Scheubelius, hatten die Schwestern mit der Unterstützung vornehmer Herren lernen müssen, einige der Geschäfte selbst zu tätigen. Provinzial Theodor Reinfeld beorderte einen Nachfolger für Scheubelius, der ihnen auch weiterhin in schwierigen Situationen beyspringen konnte.843 Dem Klosterstatut zufolge sollten die Schwestern Armklaras einmal pro Woche beichten, wobei die Jüngeren zuerst den Beichtstuhl aufsuchten.844 1745 gaben ausnahmslos alle Nonnen zu Protokoll, dass ihnen dreimal jährlich, an Ostern, Weihnachten und am Festtag der heiligen Klara, ein außerordentlicher Priester die Beichte abnehme.845 Dieser Beichtvater gehörte einem anderen Orden an und wurde durch den Provinzial vermittelt. Die Schwestern besaßen laut den tridentinischen Dekreten und einem erzbischöflichen Erlass ein Recht auf diese Beichte bei einem Pater, der nicht unmittelbar mit dem Konvent in Beziehung stand.846 842 Chronik, 30.3.1627. Auch in späteren Jahren tätigte hauptsächlich der Beichtvater die Rechtsgeschäfte des Klosters. Ein Kontrakt vom 22. September 1658 zwischen Armklara und dem Schreinermeister Balthasar Seithell bezüglich der Fertigung und Errichtung zweier Seitenaltäre wurde in Nahmen der wohlerwürdigen Mutter von Beichtvater Eberhard Haug unterzeichnet: Chronik, 22.9.1658. 843 Zu diesem Zeitpunkt wurden die Beichtväter den Frauenklöstern in der Regel noch von den Provinzialen zugewiesen. Durch das Tridentinum mit der entsprechenden Befugnis ausgestattet, räumte sich der Mainzer Erzbischof wenige Jahre später diesbezüglich umfangreiche Mitspracherechte ein. 844 Statua 58. 845 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Conventualibus, Antwort der Schwestern auf Frage 4. 846 Johann Philipp von Schönborn befahl am 2. April 1648 durch ein Dekret allen Äbtissinnen in seinem Erzstift, ihren Untergebenen mindestens dreimal jährlich die Beichte bei einen Beichtvater aus einem anderen Orden als ihrem eigenen zu gestatten: Chronik, 2.4.1648. Sämtliche Beichtväter benötigten allerdings eine Approbation durch das bischöfliche Vikariat: Chronik, 10.2.1653. 232 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Der gewöhnliche Beichtvater Armklaras wohnte im Klosterbereich, jedoch außerhalb der Klausur. Diesen Brauch wollte Johann Philipp von Schönborn 1648 mit der Begründung beenden, dass die räumliche Nähe einer männlichen Person der klösterlichen Disziplin schade.847 Die Zuweisung einer anderen Wohnung für den Beichtvater scheint, wenn überhaupt, nur zeitweise realisiert worden zu sein, da das für ihn vorgesehene Zimmer noch 1753 im Klosterhof Armklaras vorhanden war und das Kloster auch dafür zu sorgen hatte, dass es im Winter geheizt wurde.848 An Beichttagen erhielt der Seelsorger gemeinsam mit einem ihn begleitenden und ihm untergeordneten franziskanischen Pater eine Mittags- und eine Abendmahlzeit durch das Kloster, wobei es beiden untersagt war, gemeinsam mit den Nonnen im Refektorium zu essen.849 9 Postulantinnen und Novizinnen Ob eine Anwärterin von der Äbtissin aufgenommen werden durfte, hing im Zuge erzbischöflicher Disziplinierungsmaßnahmen von einem durch die weltliche Obrigkeit erstellten Gutachten ab,850 das die Herkunft der Postulantin und die voraussichtliche Höhe der Mitgift zum Gegenstand hatte. Auf dieser Grundlage erteilten die Beamten des Vikariats dem Kurfürsten eine entsprechende Empfehlung.851 Vor dem Tridentinum hatte der franziskanische Provinzial gemeinsam mit der Äbtissin die alleinige Entscheidungsgewalt über die Aufnahme einer Postulantin inne. 9 .1 Das Noviziat: Aufnahmekriterien und -bedingungen Von der Postulantin wurde erwartet, dass sie gesund und ohne Schulden war. Sie musste das Brevier lesen können und dazu bereit sein, der Welt 847 Jürgensmeier, Schönborn 188. 848 DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 8. 849 DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 1. 850 Vgl. Kapitel III 6. der vorliegenden Arbeit. 851 StA Würzbug: K 740/2781. 9 Postulantinnen und Novizinnen 233 abzusterben. Auch sollte sie ehrlich von Geburt und nicht über 30 Jahre alt sein.852 Von der Altersregel wurde in einigen Fällen abgewichen.853 Es wurden durchaus, wie in Reichklara, jene präferiert, die bestimmte Fähigkeiten mitbrachten. So war es etwa für die Klostergemeinschaft von finanziellem Vorteil, wenn eine von ihnen das Amt der Organistin ausüben konnte. Äbtissin Maria Katharina Neefin berichtete 1771, das sie schon seit mehreren Jahren keine Organistin mehr habe und gezwungen sei, einen Weltlichen zu salarieren.854 1775 bat sie den Kurfürsten, da ein großer Teil ihrer damals neunzehn Untergebenen durch hohes Alter und Krankheiten arbeitsunfähig geworden war, ihrer Gemeinde zwei Novizinnen hinzufügen zu dürfen. Es gebe, so führte sie aus, zwei Aspirantinnen mit herausragenden Qualifikationen: Sie seien jung, gesund und die zu erwartenden Einbringungsgelder verhältnismäßig hoch.855 In einem weiteren Schreiben ersuchte sie um die Erlaubnis für die Aufnahme von Maria Anna Jungin, der Tochter eines Schmieds. Diese sei, so Neefin, von gesunder Leibs Constitution und besitze eine ausnehmende Stimme, welche wir wegen unserem schweren Chor den inferendis vorsetzen müßen, wo, zumahlen auch wirklich eine der 19 Votantinnen mit Tod abgegangen, unserem Kloster so nützlich als nötig ist.856 Für das Kloster waren demnach neben der Mitgift die körperliche Konstitution sowie für den Klosteralltag nützliche Talente oder Fähigkeiten wichtige Kriterien bei der Entscheidung für die Aufnahme einer Aspirantin. Allerdings erhielt die Äbtissin im genannten Fall keine kurfürstliche Erlaubnis zur Aufnahme Maria Anna Jungins. Eine Begründung für die Ablehnung ist nicht überliefert. Auch die am 6. Februar 852 Statua 4. Die Aufnahmebedingungen sind im Klosterstatut in der erwähnten Reihenfolge aufgeführt. Ehrlich von Geburt bedeutete: aus einer ehelichen Gemeinschaft stammend. Im Zweifelsfall musste die eheliche Geburt, wie etwa im Fall der aus Speyer stammenden Leibeigenen Margaretha Pflug, durch einen Geburtsbrief nachgewiesen werden: Chronik 1653. 853 Vgl. Kapitel IV 3. der vorliegenden Arbeit. 854 DDAMz: K 102/I.9. 855 DDAMz: K 102/I.7. 856 DDAMz: K 102/I.7. 234 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras 1776 von der Äbtissin ersuchte Aufnahme von Rosalie Treu wurde nicht genehmigt. Neefin hatte sich insbesondere wegen ihrer wohl erlernten Wissenschaften der Mahler-Kunst und des Orgelschlagens für sie eingesetzt. Der Klostergemeinschaft fehlte zu dieser Zeit eine geeignete Organistin (organistae cantrix), demzufolge würde dem Konvent mit Rosalie Treu, so Neefin, der größte Vortheil zuwachsen.857 Rosalie Treu selbst argumentierte in ihrer Bittschrift an den Kurfürsten indes nicht mit möglichen rationalen Vorteilen ihrer Aufnahme für das Kloster. Sie habe vielmehr von ihren kindlichen Tagen an danach gestrebt, in den heiligen Orden der armen Clarissen auf- und angenommen zu werden. In ihren reiferen Jahren habe dieses Verlangen einen noch stärkeren Zuwachs erhalten.858 Dieser Schriftverkehr im Zusammenhang mit den Erwägungen zur Einkleidung Rosalie Treus verdeutlicht die unterschiedlichen Interessen, die einem solchen Vorgang zugrunde liegen konnten: Die Äbtissin sah sich gezwungen, die Ökonomie ihres Klosters im Auge zu behalten und argumentierte entsprechend, während sich die Postulantin möglicherweise aus rein religiöser Motivation für das Klosterleben entschieden hatte. Manchmal konnte auch eine intensive private Schulung im Vorfeld der Aufnahme und eine zielgerichtete Vorbereitung auf die Erfordernisse des Ordensleben Konflikte bezüglich der Frage der Eignung einer Bewerberin nicht verhindern: 1756 klagte Alexander Keller beim bischöflichen Ordinariat, dass eine zunächst von der Äbtissin mündlich erteilte Aufnahmegenehmigung für seine Tochter Klara durch den Provinzial verhindert zu werden drohe. Klara Keller lebte bereits seit einer einiger Zeit in Armklara. Vor ihrem Eintritt hatte ihr der Vater auf eigene Kosten Malunterricht erteilen lassen, um sie in dieser 857 DDAMz: K 102/I.7. Zur Aufnahmepolitik und zu Selektionskriterien in Frauenklöstern der Frühen Neuzeit: Ute Ströbele, „Der Ungeist der Zwietracht“. Konflikte in vorderösterreichischen Klosterkonventen des 18. Jahrhunderts im Umfeld der josephinischen Klosterpolitik, in: Falk Bretschneider u. a. (Hrg.), Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung. Historische Studien zu Institutionen und Orten der Separierung, Verwahrung und Bestrafung, Bd. III., Leipzig 2011, 107. 858 DDAMz: K 102/I.7. 9 Postulantinnen und Novizinnen 235 Kunst zu qualifizieren und für den Orden tauglicher zu machen. Provinzial Cordier stellte sich demungeachtet der Aufnahme entgegen. Er habe, so Keller, behauptet, seine Tochter sei zu schwach für diesen strengen Orden.859 Der Kurfürst als dessen Ordinarius und Vorgesetzter solle dem Provinzial gnädigst anbefehlen, die von der Äbtissin erteilte Zusage anzuerkennen. Erzbischof Johann Friedrich Karl von Ostein intervenierte bei Cordier und Klara Keller durfte gegen den Willen des Provinzials im Konvent bleiben, erhielt den Ordensnamen Friderica und wurde am 5. Mai 1756 eingekleidet. Allerdings wies das Vikariat Armklara darauf hin, dass die Zahl der Geistlichen reduziert werden müsse. Von nun an sollten, so die Behörde, keine Postulantinnen mehr aufgenommen werden.860 Eine Postulantin sollte laut Klosterstatut vor dem Antritt ihres Noviziats in vielerlei Hinsicht ihre Eignung unter Beweis stellen. Ihr Entschluss zum Klosterleben solle probiert und versucht werden.861 Worin diese Proben bestanden, wird nicht näher erläutert. Anschlie- ßend stellte die Äbtissin die Neue dem versammelten Konvent vor, denn ihre Annahme hing auch davon ab, ob sie von den übrigen Nonnen akzeptiert wurde. Hatte sich die Postulantin in ihrem Streben nach einem geistlichen Leben beharrlich gezeigt, der Konvent ihre Annahme beschlossen und überdies die schriftliche Erlaubnis des Kurfürsten eingeholt,862 trat sie, mit folgenden Gegenständen ausgestattet, ihr Klosterleben an: Die Novizin sollte zwei Breviere und ein Diurnal mit Offizium besitzen. Außerdem hatte sie sechs Pfund Wachs und Geld für die Musikanten mitzubringen, die während der Einkleidung spielten. Insgesamt benötigte sie 162 Ellen863 für unterschiedliche Stoffe: für die Anfertigung eines Oberhabits und eines Mantels 15, für 859 Es ist zu vermuten, dass Cordier mit seiner Einschätzung nicht falsch lag, denn Klara Keller starb bereits am 17.10.1768 im Alter von 30 Jahren als Nonne in Armklara: Lib. rec., f. 80r. 860 DDAMz: K 102/I.6. Tatsächlich hatte die Konventsgröße Armklaras um 1755 mit mehr als 40 Konventualinnen ihren Höhepunkt erreicht. Von da an sank sie allmählich und stetig. Die nächsten beiden Konventualinnen wurden 1758 aufgenommen. 861 Statua 3. 862 DDAMz: K 102/I.8. 863 Eine Elle in Mainz entsprach 0,699 Meter: Verdenhalven, Münzen 21. 236 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras zwei Unterröcke 12 und 5, für Leinentücher 14, für zwölf Tagschleier 26, für sechs Nachtschleier 13, für sechs weiße Hauptschleier 13, für zwei Dutzend Schnupftücher 16, für ein Dutzend Servietten 18, für ein Dutzend Handtücher ebenfalls 18 und schließlich für vier Kissenbezüge 12 Ellen. Überdies sollte sie ein Paar Schuhe und eine Cordel mitbringen. Außerdem waren drei grüne Decken (koltern) erforderlich sowie eine Bettlade samt Kiste und Stuhl. Die Kosten für diese Anschaffungen, die sich insgesamt auf etwa 172 Gulden beliefen, trugen meist die Angehörigen der Novizin.864 Hinzu kamen finanzielle Aufwendungen für die Mahlzeiten am Einkleidungstag und am Tag des Professionsexamens. Die Mitgift, die als Beitrag für künftig anfallende Unterhaltskosten vorgesehen war und vor dem Antritt des Noviziats von den nächsten Verwandten oder dem Vormund und dem Kloster im Beisein mehrerer Zeugen vertraglich festgelegt wurde, musste ebenfalls im Laufe des Probejahres gezahlt werden.865 Oft entrichtete man sie in Form mehrerer kleinerer Zahlungen über einen längeren Zeitraum. Anna Sidona von Cronberg etwa hatte einen Betrag von 1000 Reichstalern aufzubringen, den sie in mehreren Raten und mit der finanziellen Unterstützung ihres Schwagers an das Kloster zahlte.866 Der Novizin wurden die Haare geschoren und sie erhielt den gleichen Habit wie die Professen. Der einzige äußerliche Unterschied lag darin, dass sie, um ihren Status kenntlich zu machen, einen weißen Schleier statt des schwarzen trug.867 Sie musste vor allem lernen, sich der Struktur und Disziplin des Klosteralltags anzupassen. Dazu wurde sie der Novizenmeisterin unterstellt, die sie sowohl in spiritueller als auch alltagspraktischer Hinsicht anleiten sollte, damit sie in guter disciplin und geistlichen manieren erzogen werden möge.868 Sie erhielt Unterricht im Katechismus, lernte die geistlichen Gesänge des täglichen Gottesdienstes kennen und das angemessene Verhalten im Chor mit seinen spezifischen Techniken, die ein gleichmäßiges Auftreten der Nonnen 864 Schrohe, Klarissen 91. 865 Laut den tridentinischen Dekreten hätte das Kloster diese Zahlungen erst nach der Profession annehmen dürfen: COED, XXV, de regularibus, cap. 16. 866 Chronik 1649. 867 Statua 7. 868 Statua 7. 9 Postulantinnen und Novizinnen 237 gewährleisten sollten. Man unterwies sie im Handarbeiten, im Spinnen und Weben. Sie hatte sich gegenüber den anderen Konventualinnen an das Schweigegebot zu halten und durfte lediglich mit der Äbtissin und der Novizenmeisterin sprechen. Die Novizenmeisterin hatte überdies das Recht, jederzeit die Zelle ihres Schützlings zu betreten.869 An der Scheibe durfte sie nur in Gegenwart der Äbtissin oder der Novizenmeisterin mit ihrer Familie oder Freunden reden.870 Die junge Nonne hatte sich während des Probejahres nicht nur in der Ausübung der spirituellen Praxis, in der Einhaltung der Disziplin und bei der Verrichtung der täglichen Arbeit zu bewähren, sondern sie musste auch innerhalb der Sozialisation der Klostergemeinschaft ihren Platz finden. 9 .2 Die Profession Am Ende des Probejahres hatte die Äbtissin zu entscheiden, ob die Novizin dafür geeignet war, die ewigen Gelübde abzulegen. Die Vorsteherin sollte hierzu auch andere fragen lassen, ob sie die nöthige qualitäten oder eigenschaften habe.871 Bei einer positiven Entscheidung sollte das Professionsexamen nach dem Jahrestag der Einkleidung innerhalb von acht Tagen stattfinden. Ein vorzeitiges Examen oder eines, zu dessen Zeitpunkt die Novizin noch nicht das 16. Lebensjahr vollendet hatte, wurde als ungültig betrachtet.872 Doch auch hier gab es Ausnahmen von der herrschenden Regel: Maria Crescentia Ludwigin und 869 Statua 100. 870 Statua 67. 871 Statua 3. 872 Statua 10. Maria Crescentia Kleinin legte am 5.  Oktober 1784 als erste Schwester Armklaras statt der ewigen die einfachen Gelübde ab, da die neue Klosterverordnung unter Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal vom 17. August 1784 vorsah, dass Nonnen vor ihrem 50. Lebensjahr lediglich eine vota simplicia ablegten, die von Jahr zu Jahr erneuert wurde. Die Nonne konnte sich jedes Mal erneut für oder gegen ein Leben in der Abgeschlossenheit des Klosters entscheiden. Damit sollte ein zu frühes Festlegen auf ein monastisches Dasein verhindert werden: StA Würzburg: MRA K 739/2744: Die Nonnen Gelübde betreffend. Laut Falck betrug die Dauer der Gelübde ab 1791 jeweils zwei Jahre. In Armklara betraf diese Regelung die letzten fünf Novizinnen: Falck, Äbtissinnen 65. 238 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Anna Philippina Ordin legten ihre Profession genau ein Jahr nach dem Tag der Einkleidung ab. Der Folgetag musste nicht abgewartet werden, weils ein schalt Jahr wahr.873 Die Examen von Maria Wilhelmina Höllerin und Maria Constantia Hallenschlag fanden ohne Angabe von Gründen jeweils sechs Tage zu früh statt.874 Anna Kunigunda Hügelin und Maria Agatha Würtz erkrankten während ihres Noviziats so schwer, dass sie auf ihren Totenbetten vorzeitige Professionsexamen ablegten. Zuweilen legten zwei oder drei Novizinnen am gleichen Tag ihre Gelübde ab. Eine Professionsformel ist für das Mainzer Armklara- Kloster nicht überliefert. Der Text wird sich im Großen und Ganzen nach der im liber memorabilium niedergelegten Formel gerichtet haben. Im Unterschied zu der in Reichklara verwendeten Formulierung werden hier neben Gott und den Heiligen der Generalminister des Ordens und die Äbtissin genannt: Ich, Schwester N.N, bekenne vor dem allmächtigen Gott, Maria, Gottes würdige Mutter, dem heiligen Franziskus, der heiligen Klara und aller Heiligen, unserem ehrwürdigen Generalminister, der ehrwürdigen Mutter Äbtissin, die Regel der heiligen Klara zu halten, die Papst Innocenz der Vierte konfirmierte. Ich gelobe Gehorsam, Keuschheit, enthalte mich des Eigentums und füge mich in die ewige Klausur.875 Eine zur Profession bereite Novizin wurde als geistliche Braut in einer mystischen Hochzeit mit Christus vermählt.876 Der Ablauf dieser Zere- 873 Lib. rec., f. 118r. Bezüglich Anna Philippina Ordins, deren Einkleidung am 8.  September.1743 stattfand, wurde der Termin ihrer Profession für den 8.  Juli 1744 vermerkt. Es ist davon auszugehen, dass der Chronistin oder dem Chronisten an dieser Stelle ein Fehler unterlaufen ist. Anna Philippina Ordin legte ihre Profession wahrscheinlich am 8.9.1744 ab, gemeinsam mit Maria Crescentia Ludwigin. 874 Lib. rec., f. 117v. 875 HAK: A 1, 80: Ich suster N. bekene god almechtig Maria gods würdige Mueder Sinte francisco Sinte Clare und aller Heiligen unser ehrwürdiger Minister und ehrwürdige Mueder abdisse zu underhalden die Regel von Sinte Clare, die Innocentius den vierden confirmiert. In Gehorsamkeit sonder Eyghendom und in Reynichkeit zu met Ewich schlos. Amen. 876 Zu den kulturellen und theologischen Grundlagen dieses Brautverständnisses: Steffen Mensch, Veni sponsa! Die Ordensfrau als Braut Christi, in: Ku- 9 Postulantinnen und Novizinnen 239 monie, so wie er sich im Kloster der Armen Klarissen vollzog, ist im Statutenbuch festgelegt: Die angehende Professionsschwester schritt mit den anderen Konventualinnen nach der Messe auf den Chor. Die Schwestern folgten ihr prozessionsweise. Die Braut trug in der einen Hand ein Kruzifix als das Symbol des himmlischen Bräutigams, in der anderen eine brennende Kerze als ein Zeichen flammender Gottesliebe, sie erwies dem Allerheiligsten ihre Reverenz und begab sich an ihren Ort in der Nähe des Chorgitters. Während die Litaneien gebetet wurden, kniete sie dort nieder und ging anschließend zum Gitter. Jenseits des Gitters stand der Priester, dem sie die rechte Hand reichte. Ihr wurde ein Ring als ein Zeichen der geistlichen Vermählung mit Christus an den rechten Ringfinger gesteckt und sie sprach zunächst: annulo suo, dann die Worte: suscipe me Domine. Währenddessen reichte die neben ihr stehende Äbtissin dem Priester einen schwarzen Schleier durch das Gitterfenster, damit dieser ihn weihen konnte. Dann legte die Vorsteherin der Braut den soeben geweihten Schleier um den Kopf und sprach dabei: suscipe. Nun legte die Braut ihre Hände in die der Äbtissin. Diese ineinandergelegten Händepaare wurden vom Priester durch das Chorgitterfenster hindurch mit einer Stola umwunden, dabei sprach er: Ich verlobe euch an der Statt Gottes. Nach den Fürbitten setzte der Priester der Braut eine Krone auf, gab ihr die brennende Kerze zurück in die eine Hand und in die andere das Kruzifix. Die Äbtissin führte sie daraufhin zurück zu den Schwestern, die an beiden Seiten des Chores Platz genommen hatten. Die Braut küsste jede einzelne von ihnen, sprechend: Bittet für mich. Amen. Den Abschluss der Zeremonie bildeten das gemeinsame Singen der Hymnen veni Creator Spiritus und te Deum laudamus.877 Das Professionsexamen nahm bis 1758 der Franziskanerprovinzial vor. Während der folgenden neunzehn Jahre wurden die ewigen Gelübde vor dem Weihbischof als dem Vertreter des Erzbischofs abgelegt. Von 1777 an war die weltliche Obrigkeit für zwei Jahre lediglich bei der Einkleidungszeremonie zugegen. Die Gelübde anlässlich der Profession wurden während dieser Zeit erneut vor dem franziskaniratorium des Diözesanmuseums Freising (Hrg.), Seelenkind: Verehrt. Verwöhnt. Verklärt, München 2013, 24 – 38. 877 Statua 14. 240 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras schen Provinzial abgelegt. Zwischen 1779 und der Aufhebung des Konventes im Jahr 1802 wurden laut dem Nekrologium acht Novizinnen aufgenommen. Bei den letzten sieben Professionsexamen ist wiederum die Anwesenheit einer Vertretung der weltlichen Obrigkeit belegt. Während der ersten vier Jahre ihrer Zeit als geweihte Chorschwestern besaßen die jungen Professen weder ein aktives noch ein passives Wahlrecht, sie standen weiter unter der Aufsicht der Novizenmeisterin878 und sollten möglichst keine Ämter bekleiden,879 sondern sich ganz auf ihren neuen Status im Konvent konzentrieren können. Doch diese im Klosterstatut vorgesehene Schonzeit konnte offenbar nicht immer in die Realität umgesetzt werden: Maria Constantia Hallenschlag erklärte 1768 dem visitierenden Kommissar, dass den jüngeren Mitschwestern viel zu früh ein verantwortungsvolles Amt übergeben würde.880 Josepha Carolina Reuschlin war der Meinung, dass der Umgang der Äbtissin mit den jungen Schwestern zu streng sei.881 9 .3 Armklara und die Amortisationsverordnung Grundsätzlich war Armklara rechtlich ebenso an die Amortisationsverordnungen der Jahre 1737 und 1772 gebunden wie Reichklara und musste die Vorschriften bezüglich der limitierten Einbringungen der Novizinnen berücksichtigen.882 Äbtissin Maria Katharina Neefin wollte sie offenbar mit bestimmten Argumenten umgehen: Ihr Brief an den Kurfürsten im Jahr 1775 rechtfertigte die voraussichtliche Höhe der Einbringenschaft der Postulantin Aloysia Molinari883 in Höhe von 2500 Gulden. Aloysia Molinari hatte dieses Geld von Verwandten geerbt, die nicht in Mainz ansässig waren. Diese Mitgift würde, so erläuterte Neefin, das durch die Amortisationsverordnung festgelegte Limit zwar 878 Statua 15. Dies betraf sowohl die Laien- als auch die Chorschwestern. 879 Statua 15. 880 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Maria Constantia Hallenschlag auf Frage 3. 881 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Conventualibus, Antwort der Josepha Carolina Reuschlin auf Frage 8. 882 Vgl. Kapitel III. 6.1 der vorliegenden Arbeit. 883 Aloysia Molinari erhielt später den Klosternamen Clara Thecla. 10 Äbtissinnen und Vikarinnen 241 weit überschreiten. Die Summe falle aber gar nicht unter die kurfürstliche Verordnung, da die Einbringung nicht aus hiesigem Staat sondern von auswärtigen Landschaften stamme. Schließlich argumentierte die Äbtissin mit der besonderen Lebensweise der Schwestern im Konvent der Armen Klarissen: Das Amortisationsgesetz sei in Ansehung unserer bekannten Armuth nimmermehr applicable und deswegen auch von höchst dero gnädigsten Churvorfahren immerhin gnädigst dispensiert verblieben. Sämtliche Einnahmen würden alsogleich zu unserem alltäglich ohnentbehrlichen Unterhalt abgegeben, somit kein Heller pro fundo oder capitali angelegt wird. Das Geld wird in unseren Händen nicht verewiget, so dass die ratio legis Amortizationis in Ansehung unseres Klosters die gänzliche Kraft verliehren wird.884 Vermutlich konnten Neefins Argumente das Vikariat tatsächlich überzeugen und die Einbringungssumme Aloysia Molinaris einbehalten, denn es gibt keine Hinweise darauf, dass die kurfürstliche Behörde in diesem Fall ähnlich ermittelte und hartnäckig Nachforschungen betrieb wie es gegenüber dem Reichklara-Kloster wenige Jahre zuvor der Fall gewesen war. Auch lässt die oben angeführte Bemerkung der Äbtissin den Schluss zu, dass bereits während der Jahrzehnte zuvor in Armklara überhöhte Einbringungen nicht angemahnt wurden. 10 Äbtissinnen und Vikarinnen Die Äbtissinnen und Vikarinnen in Armklara sollten laut dem Klosterstatut ihr Amt drei Jahre lang ausüben, danach sollte es neu vergeben werden. Die meisten Äbtissinnen regierten, entgegen diesen Vorgaben, wie in Reichklara bis zu ihrem Tod. Lediglich die erste Vorsteherin, Margaretha Gramaye, stellte 1636 ihr Amt nach 16 Jahren aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung. Anschließend lebte sie noch 24 Jahre lang im Kloster. Die Vorsteherinnen übernahmen gemeinsam mit 884 DDAMz: K 102/1.7. 242 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras dem Beichtvater all jene Verwaltungstätigkeiten, die in Reichklara im Aufgabenbereich des Schaffners lag. Dazu gehörte die Erstellung der Jahresrechnung, die bis etwa 1745 sowohl beim Provinzial als auch beim Vikariat zur Prüfung vorgelegt werden musste. Seit 1745 war die Äbtissin lediglich dem Vikariat und dem Konvent Rechenschaft schuldig.885 1768 sagten Philippina Josepha und die amtierende Vikarin Maria Pacifica Kurhammel übereinstimmend aus, dass in vorigen Zeiten allzeit rechnung gelegt und dem Provizial zur Einsicht vorgelegt worden sei. Von der Zeit aber, da der Provinzial nicht mehr die einzige Jurisdiktion hat, sei solches unterblieben.886 Ähnlich wie in Reichklara sollte die Äbtissin keine wichtigen Entscheidungen treffen, ohne zuvor mit der Vikarin und den Ratsschwestern gesprochen und den Konvent zur Abstimmung einberufen zu haben. Unter Äbtissin Elisabeth Gramaye waren sechs Ratsschwestern tätig, die beispielsweise bei Vorgesprächen und Abschlüssen von Verträgen beteiligt waren. Die entsprechenden Unterlagen wurden von allen unterschrieben.887 Bei der Visitation 1768 klagte die Vikarin Maria Seraphina Hubertin, dass die Äbtissin seit einiger Zeit bei wichtigen Verwaltungsangelegenheiten den Rat des Konventes nicht mehr hinzuziehe.888 Philippina Josepha bestätigte diese Aussage, eine Begründung für ihr Verhalten ist dem Protokoll nicht zu entnehmen.889 Die charta visitatoria von 1768 ermahnte sie jedoch mit deutlichen Worten, dass sie dies ändern und künftig den Konventsrat nicht ignorieren dürfe. 885 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 6. 886 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antworten der Philippina Josepha und der Maria Pacifica Kurhammel auf Frage 6. 887 DDAMz: K 102/I.3b. 888 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Maria Seraphina Hubertin auf Frage 8. 889 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Phillipina Josepha auf Frage 8. 10 Äbtissinnen und Vikarinnen 243 Äbtissinnenliste Armklara Insgesamt amtierten zehn Äbtissinnen in Armklara. Drei von ihnen (Maria Magdalena Buschmann, Maria Walburga Krausin und Maria Francisca Josepha Schnugin) stammten aus Mainz. Vier Äbtissinnen (Anna Apollonia von Schönburg, Margaretha und Elisabeth Gramaye sowie Philippina Josepha Theresia von Berleps und Millendonk) kamen aus adligen Familien. Im Gegensatz zu den Regierungszeiten der Äbtissinnen Reichklaras sind die Amtszeiten für Armklara durch die Chronik und das Nekrologium sehr gut belegt: Äbtissin Amtszeit Margaretha Gramaye 1620 – 1636 Anna Apollonia von Schönburg 1636 – 1660 Elisabeth Gramaye 1660 – 1675 Maria Magdalena Spönla 1675 – 1696 Maria Agatha Mühlerin 1696 – 1722 Maria Magdalena Buschmann 1722 – 1739 Philippina Josepha Theresia von Berleps und Millendonk 1739 – 1775 Maria Katharina Neefin 1775 – 1781 Maria Walburga Krausin 1782 – 1789 Maria Francisca Josepha Schnugin 1789 – 1802 Vikarinnenliste Armklaras Die Amtszeiten der Vikarinnen Armklaras sind nur für die letzten vier Amtsträgerinnen zuverlässig überliefert. So kann etwa bei Coletta Splin terin, der ersten in den Quellen fassbaren Vikarin, der Beginn ihrer Amtszeit nicht festgestellt werden.890 Es gibt keinen Hinweis darauf, welche der Schwestern zwischen 1668 und 1676 und zwischen 1711 und 1734 als Vikarin tätig war. 890 Sie unterzeichnete als Vicarissa 1642 gemeinsam mit Äbtissin Anna Apollonia von Schönburg ein Dokument: Chronik, 2.3.1642. 244 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Vikarin Amtszeit Coletta Splinterin 1620 (?)–1668 Maria Gertrudis Oswaltin 1676 – 1711 Anna Coletta Curmann 1734 – 1746 Sabina Severa Brantmüllerin 1746 – 1762 Maria Pacifica Kurhammel 1762 – 1773 Maria Seraphina Hubertin 1773 – 1793 10 .1 Äbtissinnenwahlen der Jahre 1636, 1660, 1696, 1722, 1775 und 1782 Sowohl anhand der Visitationen als auch der Äbtissinnenwahlen lässt sich in Armklara die im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wachsende Dominanz der weltlichen über die geistliche Obrigkeit feststellen: Während Vertreter des Vikariats in die ersten beiden Äbtissinnenwahlen noch nicht involviert waren, zeigten sie ab der dritten Wahl immer stärkere Präsens, schließlich präsidierten sie bei dem Vorgang und dirigierten den Ablauf. Ein Protokoll der ersten Äbtissinnenwahl Armklaras, bei der Margarethe Gramaye zur Vorsteherin gewählt oder ernannt wurde, ist nicht erhalten. Da die Gemeinde Armklaras 1620 nur aus fünf Chorschwestern und einer nicht stimmberechtigten Laienschwester bestand und Margaretha Gramaye bereits zuvor in Köln das Amt der Vikarin innehatte,891 wurde sie vermutlich von Nikolaus Vigerius formlos zur Äbtissin ernannt. Möglicherweise wurde diese Entscheidung bereits vor der Abreise in Köln getroffen. Allerdings war Gramaye zu diesem Zeitpunkt erst 25 Jahre alt, sie hätte jedoch gemäß den tridentinischen Dekreten bei ihrem Amtsantritt als Äbtissin mindestens das 40. Lebensjahr erreicht haben müssen.892 Pragmatische Überlegungen dürften sich in diesem Fall über die normativen Vorgaben hinweggesetzt haben: Es sollten nur junge Frauen für die Klostergründung auf die Reise geschickt werden, die für dieses schwierige Unternehmen körperlich kräftig und mental willensstark genug waren. Der jungen Margaretha Gramaye traute man die Führung der Gruppe unter den Anfangsbedingungen in einer neuen Umgebung zu und offenbar erfüllte sie alle 891 HAK: A1, 11. 892 COED, XXV, de regularibus, cap. 7. 10 Äbtissinnen und Vikarinnen 245 in sie gesetzten Erwartungen. Im Jahr 1636 trat sie nach 16 Regierungsjahren und einer entbehrungsreichen Zeit im Exil wegen leibs schwagheit893 von ihrem Amt zurück. So wurde am 22. September 1636 Anna Apollonia von Schönburg im Beisein des Provinzials Theodor Reinfeld als ihre Nachfolgerin gewählt. Der diesbezügliche Vermerk in der Chronik lässt noch nicht auf die Anwesenheit der weltlichen Obrigkeit bei diesem Wahlvorgang schließen.894 Die nach dem Tod der Anna Apollonia von Schönburg am 16.  November 1660 von Pater Bonaventura Reul initiierte Neuwahl vollzog sich dann nachweisbar in Anwesenheit von Vertretern der weltlichen Obrigkeit, nämlich des Weihbischofs von Erfurt, Walther Heinrich von Strevesdorff (1588 – 1674), sowie des fiscalis maior Christoph Weber.895 Nach dem Bericht von Strevesdorffs wurde der Rechtsakt durch 27 Votantinnen ordentlich vollzogen und Elisabeth Gramaye mit einer Mehrheit von 23 Stimmen zur neuen Äbtissin gewählt.896 Am 7. November 1675 vollzog sich der Wahlvorgang im Beisein des Sieglers und Notars Adolph Gottfried Volusius und des Mainzer Ratsangehörigen Johann Reinhard Merk. Maria Magdalena Spönla erhielt die meisten Stimmen. Veranlasst wurde dieser Wahlvorgang durch den Provinzial Caspar German, die Anwesenheit von Volusius und Merk hatte der regierende Kurfürst Damian Hartard von der Leyen (1675 – 1678) angeordnet.897 Den Vorsitz bei der Äbtissinnenwahl am 20. November 1696 hatten Provinzial Werner Rost sowie ein weiterer Franziskaner gemeinsam mit dem in kurfürstlichem Auftrag anwesenden Pfarrer von St. Quentin, Martin Engelhard. Gewählt wurde Maria Agatha Mühlerin.898 Am 15.  Januar 1722 wurde Maria Magdalena Buschmann im Beisein von drei Priestern der Franziskaner sowie des durch Kurfürst Lothar Franz von Schönborn beigeordneten Sieglers und Pfarrers von St. Ignatius, 893 Brede, Kirche und Kloster 88. 894 Lib. rec., f. 104r. 895 StA Würzburg: MRA K 727/2359: Bericht des Walther Heinrich von Strevesdorff an den Kurfürsten vom 22.11.1660. 896 Lib. rec., f. 106r. 897 Lib. rec., f. 108v. Maria Magdalena Spönla war zum Zeitpunkt ihrer Wahl erst 32 Jahre alt. 898 Lib. rec., f. 111v. 246 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Wilhelm Kramer, zur neuen Vorsteherin des Klosters gewählt.899 Der Wahl Philippina Josepha Theresias von Berleps und Millendonk am 25. September 1739, bei der in Anwesenheit des Provinzials und zwei Priestern der Franziskaner 31 Schwestern ihre Stimmen abgaben, wurden drei den Kurfürsten vertretende Personen beigeordnet: Generalvikar Hugo Franz Carl von und zu Eltz-Kempenich (1701 – 1779), Fakultätsassessor und Siegler Johann Rudolph Heinrich Decius sowie Niclas Dupius als Sekretär und Registrator.900 Als Vertreter der kurfürstlichen Behörden waren bei der Wahl der ehemaligen Pfortenschwester Maria Katharina Neefin am 3.  März 1775901 anwesend: Der Mainzer Weihbischof und geistliche Rat Ludwig Philipp Behlen (1714 – 1777) als Vertreter des Generalvikariats und Hofrat Johann Friedrich Carl Brendel als dessen Sekretär. Sie präsidierten der Wahl und hatten sie im Namen des Kurfürsten zu dirigieren. Die Messe las der Priester der Kirche St. Emmeran, Carl Joseph Luca, den franziskanischen Orden vertraten Guardian Acensius Willig und ein weiterer Pater. In der Rede Kommissar Behlens an die Schwestern wurde die bevorstehende Wahl mit der Aufrechterhaltung der Disziplin und der Verwaltung des Klosters begründet. Gewählt wurde auf dem Chor, wobei die Schwestern nacheinander an das Gitter herantraten und ihre Stimmen abgaben. Maria Katharina Neefin wurde von insgesamt 19 Votantinnen mit einhelligen Stimen erwählet.902 Bezüglich der Eigenschaften der neuen Vorsteherin, so betont das Protokoll, hatten die Commissarii nichts auszusetzen. Neefin verpflichtete sich, dem Kurfürsten treu und untertänig zu sein.903 Der Kommissar bestätigte abschließend die Rechtmäßigkeit der Wahl. Die nächste Äbtissinnenwahl fand am 2.  Januar 1782 statt. Als weltliche Zeugen werden Generalvikar Marian Joseph Philipp Anton Schütz von Holtzhausen,904 Hofrat Brendel, ein Priester des Mainzer Johanneshospitals und Siegler Georg Schlör (1732 – 1783) genannt, 899 Lib. rec., f. 114v. 900 Lib. rec., f. 116v. 901 Lib. rec., f. 120r. 902 DDAMz: K 102/I.3d. 903 DDAMz: K 102/I.3d: Relatio vom 3. März 1775. 904 Marian Joseph Philipp Anton Schütz von Holtzhausen war Mainzer Generalvikar von 1775 bis 1790. 10 Äbtissinnen und Vikarinnen 247 um das nächstgehörige und Herkömmliche bei der Wahl zu beobachten, besonders aber dahin zu sehen, dass eine solche person erwählet werde, welche die zu einer solchen Vorstehung erforderlichen Eigenschaften besitzt.905 Die geistliche Obrigkeit wurde durch den franziskanischen Guardian Theodor Weymer und Lektor Bertulf Wheil vertreten.906 Es nahmen 22 Schwestern teil, die einhellig die ehemalige Pfortenschwester Maria Walburga Krausin zu ihrer Vorsteherin wählten. Anhand der Wahldokumente ist demnach in Armklara ein ähnlicher Prozess zu beobachten wie in Reichklara: Der Wahlvorgang wurde zunächst teilweise und dann vollständig durch die weltliche Obrigkeit übernommen. Wie bei den Visitationen wurde der Rechtsakt desto bürokratischer geführt je stärker die weltliche Obrigkeit bei diesen Ereignissen Präsens zeigte. Demzufolge wurden sie zunehmend ausführlich dokumentiert. Während die ersten Wahlen lediglich durch kurze Notizen in der Chronik protokolliert sind, liegen für die drei letzten Wahlen detaillierte Aufzeichnungen vor, die der Sekretär des Vikariats anfertigte. Aufgrund dieser Dokumente lässt sich der Ablauf und die einzelnen Handlungsvollzüge rekonstruieren. Die letzte Äbtissinnenwahl 1789 sei als ein Beispiel für einen Wahlvorgang in Armklara unter der Leitung der weltlichen Obrigkeit angeführt. 10 .2 Äbtissinnenwahl 1789 Die letzte Äbtissinnenwahl in Armklara fand am 8.  Mai 1789 in Gegenwart des Provikars und Sieglers Valentin Schumann und Christian Heimle, Kanoniker zu St. Viktor und St. Johannes, statt. Johann Baltha sar Elberts amtierte als Sekretär in kurfürstlichem Auftrag. Die Franziskaner Bertulf Wheil und Pater Isidor Landgraf vertraten die geistliche Obrigkeit. Die erzbischöfliche Kommission fuhr am angesetzten Tag mit einem sechsspännigen Postwagen vor, der von zwei vorausgehenden 905 DDAMz: K 102/I.3d: Brief Friedrich Karl Joseph von Erthals an das Vikariat vom 28.12.1781. 906 Lib. rec., f. 122r. 248 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Hofbeamten in Gala-Livree begleitet wurde.907 Pater Landgraf empfing die Kommission an der Gassenpforte. In der Kirche standen besondere Stühle für die Angekommenen bereit, wo sie der Messe beiwohnten. Anschließend begab sich Schumann mit den beiden Franziskanern als Zeugen des Wahlvorgangs auf die Empore des Nonnenchores, wo Schumann den hinter dem Gitter versammelten Konventualinnen eine Ansprache über die bevorstehende Wahl einer neuen Vorsteherin hielt. Er präsentierte das kurfürstliche höchste Inscript, welches die anwesende Kommission autorisierte, den Wahlakt, wie er sagte, zu dirigieren. Nachdem Sekretär Elberts die beiden Franziskaner als Zeugen vereidigt hatte, las er die Namen der 18 Votantinnen vor. Es folgte eine kurze Rede über die göttliche Würde, die der Wahl innewohne, woraufhin alle Konventualinnen kniend das confiteor Deo Omnipotenti sangen und der Kommissar ihnen die Absolution erteilte. Er verkündete, dass durch geheime Befragung (scrutinium secretum) gewählt werden sollte. Demgemäß kamen die Votantinnen eine nach der anderen an das Gitter und gaben in der Stille mündlich ihre Stimmen ab, die der Sekretär notierte. Als alle Konventualinnen auf diese Weise gewählt hatten, wurden sie gefragt, ob der Name der neuerwählten Äbtissin bekannt gegeben werden sollte. Nachdem dies bejaht wurde, rief Schumann die Ehre Gottes und der Heiligen an und verkündete: Also solle ich diese Wahl mit einhelligem Willen und Begehren sämtlicher Wählenden Conventualen hiermit publicieren und erklären, daß die Jungfer Maria Francisca Schnuchin zur Abbatissin und Vorsteherin dieses Gotteshauses durch einhellige oder Canonische Stimmen erwählet worden sey. Maria Francisca Josepha Schnugin, hatte von insgesamt 18 Stimmen 17 auf sich vereinigen können. Die einzige Stimme, die auf Maria Henrica Mappes fiel, hatte vermutlich sie abgegeben, um sich nicht selbst zu wählen. Schnugin kniete vor dem Kommissar nieder und willigte in die Wahl ein. Schumann erinnerte sie an die Kraft des Heiligen Geistes, der in den Votantinnen gewirkt habe und durch dessen Einspre- 907 DDAMz: K 102/I.2. 11 Der geistliche Alltag 249 chung die Mehrheit der Stimmen auf sie gefallen sei. Nun bestehe ihre Schuldigkeit darin, diesem göttlichen Willen zu gehorchen. Ihr Amt sei zwar schwer, wenn sie aber den Allmächtigen ständig vor Augen habe und seine Gnade stets inbrünstig anrufe, so könne sie sich seiner Hilfe sicher sein. Anschließend gab Elberts das Wahlergebnis in der Kirche bekannt. Als er zurückkehrte, legte die neue Äbtissin vor der Kommission ihren Treueeid ab. Sie schwor, dass sie dem Kurfürsten, seinen Nachfolgern sowie dem jetzigen Vikariat und dessen Nachfolgern schuldigsten Gehorsam leisten werde. Es erfolgte eine vorläufige Konfirmation und Bestätigung im Namen des Erzbischofs, durch welche sie ermächtigt wurde, das Kloster zu leiten. Wegen der Erteilung der eigentlichen Konfirmation durch den Erzbischof werde sie, so Schumann, noch besonders zu supplicieren haben: Aus obhabender von Ihro Kurfürstlichen Gnaden uns aufgetragener Gewalt sollen wir die auf eurer Person ausgefallene Wahl bestätigen, und Euch als eine Abbatissin vorstellen, anbei die gewalt übertragen, befehlen aber Euch, in kürzester Zeit bei Ihro Kurfürstlichen Gnaden die gewöhnliche und förmliche Konfirmation demüthigst nachzusuchen. Zuletzt erhielt die neue Äbtissin als Symbol der Amtsübernahme die Ordensregel und die Schlüssel und sie wurde aufgefordert, besonders auf die sorgfältige Einhaltung der Klausur zu achten. 11 Der geistliche Alltag Der Ablauf des Chordienstes in Armklara ist im Klosterstatut detailliert geregelt. Er orientierte sich vor allem nach dem Gottesdienst der Minderbrüder:908 Um zwölf Uhr nachts wurde die Mette gehalten, die anschließende Laudes dauerte bis drei Uhr morgens. Um sechs Uhr morgens begannen die Kleinen Horen, um sieben Uhr die vom Beicht- 908 Statua 24. 250 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras vater zu lesende Konventualmesse (missa conventualis).909 Die tägliche Zehn-Uhr-Messe war durch die Initiative des Otto Friedrich Wilhelm von Kronberg seit 1734 fundiert. Laut Stiftungsurkunde zahlte Armklara aus einem Kapital von 3000 Reichstalern einem Priester der Franziskaner, der die Messe las, halbjährlich 30 Reichstaler im Voraus.910 Dreimal wöchentlich wurde eine weitere fundierte Messe gehalten.911 Das Läuten zur Vesper erfolgte nachmittags um halb vier Uhr, das erste Zeichen zur Komplet um Viertel vor fünf. An Festtagen versahen drei bis vier Franziskanerpater gemeinsam den Gottesdienst.912 Der Komplet wurde nach der Heiligsprechung von Katharina von Bologna eine Litanei zu Ehren der Heiligen angefügt: Sie bestand aus fünf Vaterunsern und einem Ave Maria. Dieser Litanei schlossen sich in Form der aus zwölf Abschnitten bestehenden Tugend-Cron Fürbitten an.913 Sie thematisieren ideale Eigenschaften, die ein Heiliger nachtridentinischen Vorstellungen zufolge besitzen sollte: einen vollkommen auf die Gottesfurcht ausgerichteten Lebensweg, die gänzliche Verleugnung eigener Bedürfnisse sowie eine durch diese Tugenden erlangte Fähigkeit, Wunder zu vollbringen. So würdigten die Schwestern das herausragende Wesen und das für sie vorbildliche und daher nachahmenswerte Verhalten der Katharina von Bologna als Mystikerin, Gründerin zweier Klarissenklöster und Äbtissin.914 Neben den gemeinschaftlichen Gebetszeiten stellten die meist halbstündigen Meditationen einen wichtigen Teil des geistlichen Alltags dar. Sie fanden zwischen der Vesper und der Komplet sowie nach 909 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Theresia auf Frage 14. 910 DDAMz: K 102/I.4. Die Fundation wurde am 10. Januar 1734 durch das Vikariat genehmigt. 911 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antworten der Philippina Josepha auf die Fragen 13 und 14; DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 4. 912 DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 6. 913 Hinkel, Miracul 113. Vollständiges Zitat der Tugend-Cron: Hinkel, Miracul 115. 914 Vgl. Kapitel IV 11.3.2 der vorliegenden Arbeit. 11 Der geistliche Alltag 251 der Mette statt und boten jeder Nonne Gelegenheit für individuelle Besinnung und Andacht.915 Nach der Komplet erfolgten zunächst die Weihwassergabe im Kapitelhaus und anschließend die Abendmahlzeit. Im Winter zogen die Schwestern um halb acht, im Sommer um acht Uhr auf das Dormitorium, auf das sie des nachts und morgends aufzustehen desto bequemer seyen.916 Während der Ruhezeit durfte sich keine von ihnen ohne Erlaubnis der Äbtissin aus dem Dormitorium entfernen. Um halb zwölf Uhr nachts wurden sie durch das Läuten zur Mette geweckt, um halb sechs Uhr morgens läutete es zur Prim. Die heilige Kommunion fand an folgenden Tagen statt: am Abend der Geburt Christi (in nativitate Domini), an Mariae Lichtmess (purificatione Beatae Mariae), zu Beginn der Fastenzeit (in initio quadragesimae), am Tag der Auferstehung Christi (resurrectionis Domini), an Pfingstsonntag (Pentecostes), am Festtag von Petrus und Paulus (in Festis Sanctorum Petri & Pauli), an den Festtagen der Ordensheiligen Klara und Franziskus und am Allerheiligentag (omnium Sanctorum). Einmal im Jahr absolvierte jede Konventualin für die Dauer von acht Tagen die seit dem 16. Jahrhundert für die meisten Orden vorgeschriebenen geistlichen Exerzitien zur Fastenzeit. In Armklara wurde diese durch stilles Gebet unterstützte intensive Kontemplation und besondere Andacht auf dem Chor oder am gemeinsamen Tisch mithilfe der Lesung geistlicher Bücher abgehalten. Teilweise führten die Schwestern diese spirituellen Übungen in Gruppen durch, manche für sich allein. 11 .1 Verhalten während des Chordienstes Auch Liturgie und Gesang des Chordienstes orientierten sich am Gottesdienst der Minderbrüder.917 In Armklara wurde, wie in Reichklara, großen Wert auf einen qualifizierten liturgischen Gesang gelegt. Das Klosterstatut widmet dem Verhalten auf dem Chor während des Singens, Betens und Schweigens mehrere Kapitel mit detaillierten Anwei- 915 Statua 33. 916 Statua 35. 917 Statua 25: Im Gesang sollen sie die Thonas unserer Brüder halten. 252 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras sungen: Sobald das Glockenzeichen für den Gottesdienst gegeben wurde, hatten sämtliche Schwestern mit besonderen Gebetbüchlein oder Rosenkränzen sofort auf den Chor zu gehen. Sie mussten unterwegs ihren Habit ordnen, der Schleier sollte glatt und nicht gefaltet, die Ärmel nicht aufgeschlagen sein. Die Küsterin hatte vor der Ankunft der Schwestern die Kerzen anzuzünden. Neben der fehlerlosen Ausführung von Gesang und Gebet wurde in Armklara genauer als in Reichklara auf eine einheitliche Körperhaltung geachtet, wobei Mimik, Gestik und sogar Blicke und Kopfhaltung einem bestimmten Ablauf folgten, um das uniformierte Auftreten im Chor zu gewährleisten.918 Gehen, Stehen, Verneigen, Knien und Aufrichten wurden durch bestimmte Verse oder einzelne Worte der liturgischen Texte ausgelöst. Bei der devoten Haltung sollten sich die Schwestern so tief neigen, dass sie mit den Händen die Knie berührten und sich erst bei bestimmten Versen wieder aufrichten.919 Es durfte natürlich weder gelacht noch geredet werden. Beim Niederknien küssten alle die Erde und erwiesen dem Allerheiligsten ihre Reverenz.920 Gesang und Gebet wurden durch die Chormeisterin (Officiatrix) und die erste Sängerin (Cantrix prima) angestimmt. Die Chormeisterin musste auf die korrekte Körpersprache und auf die angemessenen Betonungen der Liedtexte achten. Sie überwachte die Lesungen, Fehler hatte sie still zu corrigieren.921 Es sollten auf dem Chor nur die von Natur aus guten und gehaltvollen Stimmen vernehmbar sein.922 Für Reichklara ist das Amt der Chormeisterin nicht dokumentiert. 918 Susanne Knackmuß weist auf die Relevanz uniformierter Körperbewegungen insbesondere in observanten Frauenklöstern hin, die intensiv eingeübt wurden: Susanne Knackmuß, Reformation als „culture clash“. Geschlechterrrollen als Kulturtechnik alt- und neugläubiger Nonnen, in: Ruth Albrecht u. a. (Hrg.), Glaube und Geschlecht. Fromme Frauen – Spirituelle Erfahrungen – Religiöse Traditionen, Köln 2008, 181. 919 Statua 56. 920 Statua 19. Die Anbetung des Allerheiligsten hatte insbesondere während der katholischen Reform sehr an Bedeutung gewonnen: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 504. 921 Statua 29. 922 Statua 25: (…) welche aber den gesang nicht können, mögen auf keinerley weise ohne consens der Würdigen Mutter denselben lernen. 11 Der geistliche Alltag 253 Wie in allen anderen Bereichen des Klosteralltags werden auch in der Ausübung des Chordienstes Anspruch und Realität nicht immer vollkommen übereingestimmt haben: 1762 bemerkte Clara Francisca Rondeau, dass im Chor von einigen Schwestern mehr Ehrfurcht bezeigt werden könne.923 Ob jedoch tatsächlich Schwestern, die ihre gottesdienstlichen Pflichten unzureichend ausübten, von ihrem officio absolvirt924 wurden, ist nicht belegt. Das Ende des Gottesdienstes wurde durch dreimaliges Aufklopfen durch die Äbtissin oder die Vikarin verkündet. Die Schwestern waren geschlossen zum Chor gekommen und so sollten sie ihn in geschlossener Gemeinschaft verlassen. 11 .2 Bücher in Armklara Jede Nonne Armklaras besaß ein Brevier, ein Diurnal sowie ein Offizium. Neben diesen obligatorischen liturgischen Werken durfte sie zwei bis drei andächtige Bücher in ihrer Zelle aufbewahren.925 Eines der in deutscher Sprache verfassten Andachtsbücher Armklaras mit dem Titel Litaney von der Jungfräulichen, Glorwürdigsten Haus Mutter enthält neben den Fürbitten an die wichtigsten Ordensheiligen Franziskus und Klara Anrufungen an die heilige Anna, an Jesus, an die heilige Katharina von Bologna und an den heiligen Liborius, eines spätantiken Bischofs von Le Mans.926 Ein weiteres in Heidelberg gedrucktes Andachtsbuch widmet sich der Biographie Katharinas. Der Verfasser wird nicht angegeben, im Titel ist lediglich der Erscheinungsort und der Erscheinungsanlass erwähnt, nämlich die Heiligsprechung der Klostergründerin:927 923 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1762, Antwort der Clara Francisca Rondeau auf Frage 6. 924 Statua 28. 925 Statua 106. 926 MB: L/648: Das Andachtsbuch enthält keine Angaben über das Jahr des Druckes. 927 Archiv der Maria-Ward-Schwestern: III C 316. 254 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Kurtzer Verlauf Von Dem Leben/Todt und Wunder-Wercken der Heiligen Jungfrauen CATHARINAE von Bolonien/Ordens der S. CLARAE, Welche von Ihro Päbstlichen Heiligkeit CLEMENTE XI. In die Zahl der Heiligen Gottes Hochfeyerlich eingeschrieben. Zu Rom im Jahr 1712. Permissu Superiorum. Heidelberg/Gedruckt bey Johann Mayer / Hof- und Universitäts-Buchdrucker. Ein weiteres liturgisches Werk, das die im 18. Jahrhundert wichtigsten Andachtsformen in Armklara, nämlich die Marienfrömmigkeit, die Anbetung des Heiligsten Herzens Jesu und die der heiligen Katharina berücksichtigt, trägt folgenden Titel: Kurtze Montag- und Freytags-Andacht bey denen armen Clarissen zu St. Antoni nebst etlichen Gebett und Andachts-Übungen zu denen allerheiligsten Hertzen JESU und MARIA, wie auch zu der wunderthaetigen heiligen Catharina Bononiensis. Mayntz, gedruckt bey Joh. Joachim Franckenberg 1741.928 Das letzte Andachtsbuch zu Ehren der heiligen Katharina erschien 1760: Kurtze Andachts-Übungen Zur Verehrung der wunderthätigen Heiligen Catharina von Bononien / des Ordens deren armen Clarissen. Cum Licentia Superiorum. Erst gedruckt zu Muenchen bey Johann Jakob Vetter, Churfürstlicher Hof-Buchdrucker 1750. Nachmals zu Mayntz in der Churfürstlichen Hof- und Universitaets-Buchdruckerei durch Joh. Benj. Waylandt. 1760.929 Ein im Zusammenhang mit der Thekla-Bruderschaft930 erschienenes Andachtsbuch enthält Anweisungen für eine 9-tätige der Heiligen gewidmeten Meditation und Texte für Anrufungen und Fürbitten, ins- 928 Hinkel, Miracul 110. 929 MB: L/648. In der Martinus-Bibliothek in Mainz liegt dieses Andachtsbuch als Teil eines Sammelbandes vor, in dem u. a. auch die Litaney von der Jungfräulichen, Glorwürdigsten Haus Mutter (vgl. Anmerkung 926) enthalten ist. 930 Vgl. Kapitel IV. 11.3.3 der vorliegenden Arbeit. 11 Der geistliche Alltag 255 besondere zur Begleitung Sterbender. Immer wieder wird Thekla intensiv um Unterstützung in der Stunde der Verzweiflung angefleht.931 Ebenso wie in Reichklara besaß das Officium Beatae Mariae Virginis für die individuelle Kontemplation einen hohen Stellenwert. Die Schwestern sollten es bey sich selbsten lesen.932 Der Gottesdienst der heiligen Char- oder Marterwochen ist ebenfalls in Deutsch verfasst und enthält Gebete, einzelne Kapitel aus der Bibel und ihre Auslegungen für die Gestaltung der Gottesdienste während der Kernzeit der österlichen Passion.933 Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Verbreitung der strengen Observanz innerhalb des franziskanischen Ordens im 13. und 14. Jahrhundert erwähnt die Chronik das in den Jahren 1625 – 1654 entstandene und in lateinischer Sprache geschriebene achtbändige Geschichtswerk Annales Minorum des irischen Franziskaners Lukas Wadding, das auf diese mittelalterliche Reformbewegung Bezug nimmt. Das Martyrologium der Franziskaner von Arthur Du Monstier wurde als Tischlektüre herangezogen, wobei auch zum Verständnis dieses Werkes gute lateinische Sprachkenntnisse vorausgesetzt werden mussten.934 Die Chronik erwähnt außerdem einen Band über das Wirken des Nikolaus Vigerius, 1646 verfasst von Jakob Polius, einem aus Düren gebürtigen franziskanischen Ordenschronisten.935 Die drei zuletzt genannten Werke belegen die intensive Auseinandersetzung mit der franziskanischen Ordensgeschichte in Armklara. Ein handgeschriebenes, 1768 anlässlich der Profession von Maria Francisca Josepha Schnugin von Beichtvater Pater Anton Voltz oder in dessen Auftrag angefertigtes Choralbuch wird in der Mainzer Stadtbib- 931 MB: L/874: Neu-aufgehende reine, kostbare, heilsame Perlen-Zierd, zu finden und zu sehen in einer Heiligen Thecla, Jungfrauen und ersten Martyrin des weiblichen Geschlechts: zu deren Ehr aus Vergünstigung Ihro Päbstlichen Heiligkeit Benedicti XIV. Allhier zu Mayntz, in der Kirchen des exempten Ordens der armen Clarissen anno 1753, den 23. September eine Confraternität oder Bruderschafft zum erstenmahl ist aufgerichtet worden. Mayntz, gedruckt in der Churfürstlichen Hof- und Universitäts-Buchdruckerey durch Elias Peter Bayer. 1754. 932 Statua 31. 933 Archiv der Maria-Ward-Schwestern: III C 144. 934 Vgl. Anmerkung 805 der vorliegenden Arbeit. 935 Chronik, März 1627. Der genaue Titel dieses Werkes war nicht zu eruieren. 256 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras liothek aufbewahrt.936 Das 172-seitige in Leder gebundene Buch enthält Lieder, Hymnen, Antiphone und Gebete überwiegend in lateinischer Sprache. Es ist durchgehend in arabischen Ziffern paginiert, Noten und Texte wurden mit schwarzer Tinte niedergeschrieben. Jede einzelne Seite weist eine rote Umrahmung auf. Der Einleitungstext lautet: Kurtze verfassung derjenigen Gesänge, Versen und Antiphonen, welche in dem jungfräulichen Kloster der armen Clarissen bey St. Antonio Eremita in maintz das Jahr hindurch Gott und seinen heiligen zu Ehren pflegen andächtig gesungen zu werden. Zum blosen gebrauch der geistlichen Schwester Maria Franczisca Josepha Schnugin, geschrieben im Jahr als sie die heilige profession abgelegt. Der Eintrag zeigt, dass die Profession der Maria Francisca Josepha Schnugin der Anlass für die Anfertigung des Choralbuches war und ihr nicht, wie Falck darlegt, ein noch vorhandenes Buch überreicht wurde.937 Kullmann erwähnt ein weiteres durch die Initiative von Pater Voltz entstandenes Choralbuch, das inzwischen leider verschollen ist. Ihm war fast der gleiche Einleitungstext vorangestellt, nur mit veränderter Widmung: zum blosen Gebrauch der geistlichen Jungfrau Maria Aloysia Antzin in dem Jahr 1771, als sie die profession gethan.938 Diese Zueignungen der beiden Choralbücher lassen darauf schließen, dass jeder der jungen Professen in Armklara ein eigenes Exemplar ausgehändigt wurde. Den Auftakt des Buches bildet der Gesang für den Tag der Einkleidung und für den Tag der Profession. Die Hymne veni Creator Spiritus wurde zum Friedenskuss der brauth gesungen, das te Deum laudamus schloss sich ihm an. Es folgen Text und Choralnotationen der vom ersten Sonntag des Advents bis zur Lichtmesse nach der Komplet zu singenden marianischen Antiphon alma redemptoris mater. An allen Festtagen der heiligen Maria, etwa am 2. Februar anlässlich der purificatio Mariae, wurde die Hymne memento rerum Conditor gesungen. 936 StBMz: Hs II 302. Laut Falck gehörte Anton Voltz zum Kollegiatsstift St. Alban: Falck, Die letzte Äbtissin 63. Im St. Albanstift wurde auch das Antiphonar Reichklaras angefertigt. 937 Falck, Die letzte Äbtissin 63. 938 Kullmann, Klarissen 90. 11 Der geistliche Alltag 257 Die Gabe des Weihwassers, ein Ritual, um von der Sünde zu befreien, wurde an Sonntagen von der Antiphon asperges me Domine939 begleitet. Nach Vollendung der sonntäglichen Messe sangen die Schwestern den Choral stella coeli extirpavit. Zu den weiteren im Choralbuch aufgeführten Festtagen zählt derjenige des Namens Jesu am 3. Januar. Papst Clemens VII. (1523 – 1534) hatte dem Franziskanerorden 1530 die Ausrichtung dieses Festes gestattet. Den Chorälen für den 3. Januar schließen sich in der musica choralis Gesänge für die Osterfeier an. Am 25. April anlässlich des Gedenktags des heiligen Markus sang man die Verse 5 und 6 aus dem 69. Psalm. Es folgen die sequentia für das Pfingstfest. Dabei handelt es sich um Hymnen, die sich während des Messopfers dem Alleluja des Graduals anfügen. Während der nachtridentinischen Epoche waren diese sequentia als Bestandteil des Choralgesangs sehr weit verbreitet.940 Die nächsten Seiten führen Choräle für das Fronleichnamsfest und für Allerseelen mit dem Responsorium libera me, Domine, de morte auf. Der letzte Teil des Buches widmet sich den verschiedenen dem Kirchenjahr entsprechenden Introitus. Man zelebrierte sie im Wechsel mit dem Rezitieren von Psalmenversen zum liturgischen Auftakt der Messe: Das Alleluja auf den Neujahrstag, der Introitus auf den Ostertag, dessen Text (resurrexi et adhuc tecum sum) dem 139. Psalm entnommen ist, dann der Eingangschoral für das Pfingstfest (Spiritus Domini replevit orbem terrarum), der für das Fest Allerheiligen, und für den Festtag des heiligen Franziskus. Besondere im Choralbuch aufgeführte Andachten, etwa für das Heiligste Herz Jesu und die zahlreichen Marienfeste verweisen auf die Anpassung des Chordienstes Armklaras an moderne Formen der Frömmigkeit im 18. Jahrhundert. Diese waren auch in der eigenen Klostergemeinschaft von großer Bedeutung. Die Spiritualität der Gesänge wird durch mehrere Heiligenbilder anschaulich ergänzt. Es handelt sich um offenbar eingeklebte Kupferstiche unterschiedlicher Künstler, von denen einige handkoloriert sind. Sie stellen die vierzehn Nothelfer und die wichtigsten Ordensheiligen 939 Diese Antiphon enthält Verse aus dem 51. Psalm. 940 Herders Conversationslexikon, Bd. 5, Freiburg im Breisgau 1857, 188 258 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Klara, Maria und Franziskus dar. Franziskus wird als ein Lesender gezeigt, die Welt vergessend und in ein Buch vertieft. Die beiden weiblichen Heiligen erleben ihre strahlende Auferstehung. Zwei weitere Stiche zeigen den Eremiten Antonius zunächst in seiner Verklärung und anschließend in der Öde der Wüste. Auf insgesamt mehr als zehn Seiten sind in tabellarischer Form Anleitungen zur korrekten Betonung der Choralnotationen aufgeführt mit einer anschließenden Bemerkung des Verfassers zur inneren und äußeren Haltung des Betenden während des Gottesdienstes: Bete, singe, lese mit gravität, vollkommen, in gleichem thon, wie die officia angefangen, so geendiget. Nicht mit einer lauen, sondern männlichen Stimme und affect lobe gott. Nichts mehr erbauet und recommendieret die geistlichkeit der dieneren gottes, als wan das göttliche ambt ordentlich, und andächtig verrichtet wird. 11 .3 Heiligenverehrung und Volksfrömmigkeit Die reformerischen Impulse des Tridentinums galten auch der Heiligenverehrung in der Bevölkerung.941 Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde der öffentliche Frömmigkeitskult vermehrt durch die weltliche Obrigkeit sowohl gefördert als auch gelenkt und beaufsichtigt.942 Prozessionen erlebten, ähnlich wie das Wallfahrtswesen, 941 OECD, XXV, de cultu sanctorum: (…) es sei gut und nützlich, die Heiligen inständig anzurufen und zur Erlangung der Wohltaten von Gott durch seinen Sohn (…) zu ihren Gebeten Zuflucht zu nehmen. (…) Den Gläubigen werden durch die Heiligen (…) Gottes Wunder und segensreiche Beispiele vor Augen gestellt, so dass sie Gott dafür danken, dass sie ihr Leben und ihre Sitten auf die Nachahmung der Heiligen ausrichten und zur Anbetung und Liebe Gottes (…) angeregt werden. 942 Hinkel, Miracul 98; Pfeifer, Reform 46. Hans-Georg Molitor stellt heraus, dass die Vereinnahmung religiöser Riten durch die weltliche Obrigkeit durchaus dem Zweck staatlicher Identitätsbildung diente: Hans-Georg Molitor, Das regulierte Verhältnis zu Gott. Frömmigkeit in der Frühen Neuzeit, in: Johannes Laudage (Hrg.), Frömmigkeitsformen in Mittelalter und Renaissance (Studia Humaniora 37), Düsseldorf 2004, 311. 11 Der geistliche Alltag 259 insbesondere im städtischen Umfeld einen sukzessiven Aufschwung.943 Dieser ging mit einem Bedeutungswandel einher, der dem reformkatholischen Anliegen entsprach: Verglichen mit vortridentinisch praktizierten Kulten war die katholische Frömmigkeit im 17. und während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eher kollektiv erfahrbar und publikumswirksam erlebbar. Die in ihren Erscheinungsformen oft ausufernden religiösen Veranstaltungen mit großen Menschenansammlungen dienten der Zentralregierung zur Demonstrierung ihres Machtanspruches und zur Festigung ihrer geistlichen und weltlichen Herrschaft.944 In diesen Zusammenhang ist auch in Mainz die Wiederausbreitung des Heiligen- und Reliquienkultes einzuordnen. Die Lebensführung und die herausragenden Eigenschaften bestimmter Heiliger, ihre Entsagungen und ihr bedingungsloses Engagement für den katholischen Glauben wurden der Bevölkerung als vorbildlich präsentiert.945 Erst Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal begrenzte die Ausmaße der öffentlichen Heiligenverehrung. 11 .3 .1 Klosterinterne Formen der Verehrung Im Kapitelhaus, also innerhalb der Klausur und damit nicht öffentlich zugänglich, bewahrten die Schwestern Armklaras eine in Silber gefasste Reliquie der heiligen Walburga auf,946 ein Geschenk der Marianna Adelgundis Pettenkofer, Äbtissin des Benediktinerinnenklosters St. Walburg in Eichstätt.947 Auf dem Nonnenchor befand sich die Figur der Regina pacis, der Gottesmutter als gekrönte Königin des Friedens in einem 943 Jendorff, Reformatio 333; Jürgensmeier, Bistum 208. 944 Pfeifer bewertet die nachtridentinischen Prozessionen als Demonstration katholischen Glaubens und als ein deutliches Zeichen für die Gläubigen, auf welcher Seite der Kurfürst stand: Pfeifer, Reform 173. 945 Schneider, Ursulinenkonvent 303 946 Walburga wurde in Südengland geboren und wirkte später im Umkreis des Bonifatius als Missionarin: Gabriele Lautenschläger, Art.: „Walburga“, in: BBKL 3 (2000) Sp. 178 – 179. 947 Lib. rec., f. 32r. Das Jahr der Übergabe der Reliquie ist nicht vermerkt, sie müsste sich jedoch zwischen 1730 und 1756 ereignet haben. In dieser Zeit amtierte Marianna Adelgundis Pettenkofer als Äbtissin in St. Walburg, Eichstätt. 260 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras prächtigen, barocken Kleid. Sie hielt in der einen Hand einen Zepter und trug auf dem anderen Arm ihr Kind. Das Kind seinerseits hielt den Reichsapfel in die Höhe.948 Die Figurenkonstellation der Glorwürdigsten Hausmutter, die in Armklara im Kapitelhaus stand, ähnelte der Regina pacis in vielen Details. Diese Gnadenstatue und ihr Kind sind jeweils mit einem Strahlenkranz und prächtigen Kronen ausgestattet.949 Hausmutter und Friedenskönigin dokumentieren die Kultivierung der Marienfrömmigkeit in Armklara, die mit der Jesusverehrung eng verbunden war. Der Kindheit Jesu kam dabei eine besondere Bedeutung zu: Auf der Nonnenempore befand sich neben der Regina pacis die Nachbildung eines Prager Jesuleins, dessen Original in der Kirche Maria vom Siege in Prag aufbewahrt wird. Sie muss etwa 60 Zentimeter groß gewesen sein, einen Krönungsmantel und eine große Krone getragen haben.950 Das Bruderschaftsbüchlein951 enthält eine Litanei, einen Lobgesang und ein Gebet um Rettung und Erlösung, gerichtet an das Gnadenreich-Pragerischen Jesu-Kindlein. Diese Verse wurden seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Armklara vor allem zur Komplet, zur Prim und zur Laudes gesprochen. Im Zusammenhang mit der Verehrung der Kindheit Jesu erwähnt das gleiche Buch eine Andacht, die mit unterschiedlichen Gebeter zu dem Kindlein Jesu in zufallenden Nöthen und Anliegen über einen Zeitraum von neun Tagen zu halten war. Die Gnadenstatuen wurden einerseits um Schutz und Trost gebeten, sie symbolisierten andererseits die Gegenwart von Maria und ihrem Sohn, die die Schwestern auffordern und ermutigen sollten, unbeirrt von Zweifeln den Weg zur Vollkommenheit zu gehen. 948 Hinkel, Miracul 104. 949 Die Figur der Hausmutter des Armklara-Klosters befindet sich heute in einem verglasten Schrein und wird bei den Maria-Ward-Schwestern in Mainz aufbewahrt. 950 Im Bruderschaftsbüchlein findet sich ein Lobgesang von dem Gnadenreich- Pragerischen Jesu-Kindlein. Der Wortlaut ist folgender: Allerliebstes Jesulein, Du Pragerisches Groß und Klein, Klein an Gestalt, Groß in der Nacht, wie schon in Erfahrnuß gebracht. Auch ein kräfftiges Gebett zu dem gnadenreichen Jesus-Knaben ist verzeichnet: Jesulein! Zu dir flieh ich, durch deine Mutter bitte ich dich, Aus dieser Noth wollst retten mich: MB: Mz/1936. 951 Vgl. Kapitel IV 11.3.3 der vorliegenden Arbeit. 11 Der geistliche Alltag 261 In der Klosterkirche wurden der städtischen Bevölkerung Möglichkeiten geboten, Heilige zu verehren und anzubeten. Der Hochaltar war dem heiligen Antonius von Padua sowie der Ordensgründerin geweiht,952 einer der beiden Seitenaltäre den beiden Heiligen Maria und Joseph, der andere dem Ordensgründer Franziskus und der heiligen Elisabeth.953 11 .3 .2 Öffentliche Verehrungsformen Am 14. Mai 1713 begann mit regem Zuspruch der Mainzer Bevölkerung in der Klosterkirche Armklaras eine der heiligen Katharina von Bologna gewidmete achttätige feierliche Andacht (Solemnität). Katharina war erst ein Jahr zuvor von Papst Clemens XI. (1700 – 1721) heiliggesprochen worden. Die Andacht endete am 21. Mai 1713 mit einer Prozession der Bevölkerung zum Dom, an der auch Erzbischof Lothar Franz von Schönborn teilnahm. Diese Prozession wurde von den Schwestern in einem entsprechend limitierten Rahmen hausintern in der Klausur mitvollzogen. Nachdem im Mainzer Dom eine Lobrede auf Katharina von Bologna gehalten worden war, wurde das sich anschließende Hochamt wieder in der Armklara-Kirche gefeiert: Wegen der Vielheit deß Volkß ist vor gutt erkant wordten, daß ein thür in der Kirch in unßern gartten, Undt außwendtig in die mauer so auff die Straß gehet, daß alßo die fölge procesion allein durch die Kirch zu der einen thür ein, Undt der andern thür auß hat Könen gehen.954 Beichtvater Florinus Meininger legte wenige Wochen später, am 11. Juni 1713, in beysein der gantzen gemeindt den Grundstein für eine der Hei- 952 Brede, Kirche und Kloster 62. 953 Brede, Kirche und Kloster 65; Chronik 1620. 954 Bericht der Äbtissin Maria Agatha Mühlerin über die lebhafte Teilnahme der Mainzer Bevölkerung an diesem Ereignis. Dieses Dokument befindet sich im Familienarchiv des Edmund Freiherr Gedult von Jungenfeld. Es wurde Helmut Hinkel zugänglich gemacht, der es auswertete: Helmut Hinkel, Nochmals: Katharina von Bologna und Armklara in Mainz, in: MainzZ 102 (2007) 185. 262 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras ligen geweihten Kapelle, die als Anbau in das Kloster integriert wurde und öffentlich zugänglich war. Hierzu wurden von Underschidtlichen Herrn Allmoßen darzu (…) gegeben.955 Weihbischof Johann Edmund Gedult von Jungenfeld (1652 – 1727) weihte die Kapelle am 12. August 1713, dem Festtag der heiligen Klara. Gräfin Anna Philippina von Bettendorff ließ vier Ölgemälde mit dem Bildnis der Katharina von Bologna für das Innere der Kapelle anfertigen.956 Darüber hinaus hat sich aus der Kapelle eine lebensgroße sitzende Figur der Heiligen erhalten. Sie trägt den Habit einer Klarissin und hält in den aneinandergelegten Händen ein Kreuz und die gedruckte Ausgabe einer Klarissenregel.957 Das Armklara-Kloster zelebrierte somit bei dieser Gelegenheit eine rege, die Bevölkerung mit einbeziehende, Verehrung der Heiligen und konnte durch dieses Ereignis neue Wohltäter für sich gewinnen. Der teils hohe Kostenaufwand etwa für den Bau der Kapelle, ihre Ausstattung und für den Druck der Andachtsbücher wurde durch Almosen beglichen. Eine weitere Form der Heiligenverehrung in Armklara, die auf einer spirituellen Verbindung mit der Bevölkerung beruhte, stellten die Gebetsbruderschaften dar, die im Kontext der nachtridentinischen Glaubenserneuerung eine Renaissance erlebten.958 955 Hinkel, Katharina von Bologna 185. 956 Lib. rec., f. 75v. 957 Hinkel, Miracul 101. 958 Anna Egler, Frömmigkeit – gelebter und entfalteter Glaube (1500 – 1800), in: Friedhelm Jürgensmeier (Hrg.), Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte (Beiträge zur Mainzer Kirchengeschichte 6), Neuzeit und Moderne, Bd. III, Teil 1, Würzburg 2002, 836. Helmut Hinkel spricht von etwa 40 Bruderschaften in Mainz nach 1700: Helmut Hinkel, „Heilsamer Sterbtrost“. Bruderschaften und Tod im barocken Mainz, in: Anna Egler u. a. (Hrg.), Dienst an Glaube und Recht. Festschrift für Georg May zum 80. Geburtstag, Berlin 2006, 202. Allgemein zu Bruderschaften nach dem Trienter Konzil: Rupert Klieber, Bruderschaften und Liebesbünde nach Trient. Ihr Totendienst, Zuspruch und Stellenwert im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben am Beispiel Salzburg 1600 – 1950, Frankfurt am Main 1999. 11 Der geistliche Alltag 263 11 .3 .3 Die Gebetsbruderschaften In Mainz existierten zahlreiche Vereinigungen, die im Namen eines Heiligen für die Bekehrung der Ungläubigen beteten, Fürbitten und Andachten hielten und am Messopfer teilnahmen. Dazu gehörten die Gewährung von Ablässen, Bußübungen und das Anflehen der Heiligen um Schutz in Zeiten von Gefahren. Diese Rituale waren wichtige Bestandteile der Gebetspraxis innerhalb der Bruderschaften. Die konsequente Ausrichtung auf religiöse Ziele, ihre kirchliche Integration und die Tatsache, dass sie seit dem Tridentinum der bischöflichen Aufsicht959 und damit einer gewissen Normierung unterworfen waren,960 unterschied sie von mittelalterlichen, vortridentinischen Bruderschaften, die eher der Geselligkeit und dem Brauchtum gedient hatten.961 Kurfürst Johann Philipp von Schönborn förderte die Mainzer Gebetsbruderschaften in hohem Maße.962 Philippina Josepha Theresia von Berleps und Millendonk, seit 1739 Äbtissin in Armklara, zeigte großes Interesse an diesen Gebetsvereinigungen und setzte sich selbst für die Gründung von Bruderschaften ein. Seit den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts hielten die Schwestern Armklaras an jedem ersten Freitag im Monat Andachten im Namen des Heiligsten Herzens Jesu, einer von ihr geförderten Gebetsvereinigung963 mit den Mainzer Augustiner-Chorfrauen. Die große Bedeutung dieser Andachtsform für Armklara zeigt sich darin, dass Äbtissin Philippina Josepha, die selbst den Beinamen a Corde Jesu trug, im Kreuzgang des Klosters eine Herz-Jesu-Kapelle anbauen und ein gro- 959 Zu Bruderschaften vor und nach dem Tridentinum: Ludwig Remling, Bruderschaften in Franken. Kirchen- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zum spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bruderschaftswesen (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 35), Würzburg 1986, 31. 960 Remling, Bruderschaften 35. 961 Remling, Bruderschaften 30. Im Hinblick auf den Prozess der Konfessionsbildung und zur Abstellung spätmittelalterlicher Missstände, so Remling, seien die Bruderschaften zu einem katholischen Spezifikum geworden, das verteidigt und gefördert wurde. 962 Jürgensmeier, Bistum 225. 963 Lib. rec., 4r. 264 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras ßes Altarbild anfertigen ließ.964 Zu einer Vereinbarung des Gebets und Teilhaftigkeit aller guthen wercke kam es außerdem zwischen Armklara und den Karmelitinnen der Gemeinschaft Maria vom Frieden in Köln, gegründet von der dortigen Priorin Anna Rosa von der Unbefleckten Empfängnis Mariae.965 Das größte Interesse seitens der Nonnen und der Bevölkerung konnte jedoch die Bruderschaft im Namen der heiligen Thekla auf sich ziehen: Herr Nicolas vom Churpfälzischen Hof 966 hatte, laut eines Eintrages im Nekrologium, auf eigene Kosten die ersten deutschen und französischen Andachtsbücher anfertigen lassen, die der heiligen Thekla gewidmet und von denen einige Exemplare in Armklara vorhanden waren. Die von Papst Benedikt XIV. geförderte Verehrung der vormaligen Heidin aus Konya, Schülerin des Apostel Paulus und erste der frühchristlichen Märtyrerinnen, zählte schon sehr lange zum festen Bestandteil der Mainzer Liturgie. Sie wurde als Fürsprecherin, der man die Tugenden der Reinheit, Keuschheit und Jungfräulichkeit zuschrieb, zur Patronin der Gebetsbruderschaft Armklaras. In einem der Andachtsbücher wird ihr Wirken und Handeln durch einen chronologischen Lebenslauf in Bildern idealisierend vergegenwärtigt.967 Nach Ansicht Hinkels gab es im Kloster bereits um 1748 Pläne, eine Bruderschaft zu Ehren der heiligen Thekla zu gründen. Sie wurden schließlich durch die Initiative von Philippina Josepha gemeinsam mit Gottfried (godefried) Segers,968 einem Pater der Kongregation der franziskanischen Rekollekten, verwirklicht.969 Markgraf Ludwig Georg Simpert von Baden-Baden (1702 – 1761) und besonders seine Frau 964 Hinkel, Miracul 110. 965 Lib. rec. f. 36r. In welchem Jahr diese Gebetsvereinigung gegründet wurde, ist nicht überliefert. 966 Es handelt sich hierbei um den im April 1750 verstorbenen Hofkammerrat Nikolaus Pierron aus Mannheim: Lib. rec., 27v. 967 Hinkel, Thekla-Kult 158. 968 Lib. rec., 73v. 969 Lib. rec., 4r. Die Tradition der Gebetsverbrüderung im Sinne gegenseitiger Gebetsunterstützung geht auf Matthäus 18, 20 zurück: Wenn zwei von euch auf Erden um irgendetwas einmütig bitten, so wird es ihnen von meinem himmlischen Vater zuteil werden. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. 11 Der geistliche Alltag 265 Maria Anna, die sich als Mitglied der Gebetsgemeinschaft eintragen ließ, unterstützten dieses Vorhaben in großzügiger Weise,970 doch lagen erst 1753 alle Voraussetzungen für die Neugründung vor. Die Andacht und Verehrung ist von da an mit sonderbahrem Eyffer und Nachdruck eingeführet worden.971 Zu den Zielen gehörten laut dem 1754 herausgegebenen Bruderschaftsbüchlein972 neben der persönlichen Andacht das Gebet für die Ausbreitung des katholischen Glaubens, die Bekehrung Andersgläubiger, die Bitte um Beistand gegen die Versuchungen der Welt, des Teufels und des Fleisches. Die Mitglieder der Bruderschaft, die nicht in Klausur lebten, waren aufgerufen, Arme zu beherbergen, Streitende zu versöhnen, die Leichen verstorbener Brüder und Schwestern zum Grab zu begleiten und an Prozessionen teilzunehmen. Sowohl Frauen als auch Männer, Laien und Kleriker, konnten der Bruderschaft beitreten. Nach einer Beichte und Kommunion musste der Name des Anwärters oder der Anwärterin dem Beichtvater Armklaras mitgeteilt werden. Mit der kostenpflichtigen Einschreibung erhielt das neue Mitglied ein Bildnis der Märtyrerin, das ihn, wenn er es stets bei sich trug, vor vielfältigen Arten des Unheils schützen sollte. Papst Benedikt XIV. verlieh am 10. April 1753 den Mitgliedern der Bruderschaft für den Tag ihrer Kommunion und Einschreibung sowie für ihre Teilnahme an den Andachten und dem Hauptfest der Heiligen einen vollkommenen Ablass.973 Mit dem Erstarken der katholischen Aufklärung in Mainz stand die Kurmainzer Regierung den in der Bevölkerung offenbar noch immer beliebten Bruderschaften zunehmend kritisch gegenüber. Im Zusammenhang mit der Erneuerung der Amortisationsverordnung im 970 Lib. rec., 3r. 971 Zitiert nach: Hinkel, Thekla-Kult 163. 972 MB: Mz/1936. Bei dem Bruderschaftsbüchlein handelt es sich um die Satzung der Gebetsgemeinschaft. Danach konnten alle Einverleibte an den Bruderschaftsmessen und Andachten anlässlich der Festtage dieser Bruderschaft teilnehmen. Einmal jährlich sollte für die Lebenden, zweimal jährlich für die verstorbenen Mitglieder kommuniziert werden. Außerdem waren die Brüder und Schwestern gehalten, täglich drei Ave Maria und ein Gebet zu Ehren der heiligen Thekla zu verrichten. 973 MB: Mz/1936: Vorrede. 266 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Jahr 1772 äußerte sich der als Gutachter beauftragte Referent für das Amortisationswesen, Hofrat Gracher, in einer sehr ablehnenden Weise über die Gebetsgemeinschaften und interpretierte sie im Sinne eines Betruges an der Bevölkerung: Es ist unglaublich, wieviel durch Einschreiben, Opfer, Quartalsgelder und mehrere andern Titel jährlich in die löblichen Bruderschaften einströmet, und mit welchem redlichen Herzen das Volk seinen Beutel zieht. Wenn aber der Geistliche ihm sein Geld abnimmt, so singt es noch ein Danklied, und küßt mit Ehrerbietung die Hand, die sich würdiget, es ihm abzunehmen.974 Tatsächlich ließ der Kult um die Bruderschaften in den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts deutlich nach. Auch die Gebetsgemeinschaft im Namen der heiligen Thekla löste sich auf und geriet nach 1802 weitgehend in Vergessenheit. Dennoch ist sie ein Zeugnis dafür, in welch hohem Maß Armklara die frühneuzeitliche Volksfrömmigkeit in Mainz beeinflusst hatte. Neben den Gebetsritualen sind die Auseinandersetzung mit den Andachtsbüchern, die aufwändige Errichtung zweier Kapellen und die kostenintensive Herstellung von Altargemälden und Gnadenstatuen Hinweise für die Verbundenheit Armklaras mit der Religiosität der Bevölkerung. 11 .4 Klosternamen Die Präferenz für bestimmte Heilige lässt sich in Armklara wie in Reichklara an der Wahl der Klosternamen erkennen. Bedeutsam in diesem Kontext ist die im 17. Jahrhundert wieder auflebende Marienfrömmigkeit und damit die imitatio Mariae: Weit über die Hälfte aller Schwestern trugen den Namen der heiligen Maria, meist als ersten Bestandteil ihres Klosternamens. Anna, der Name der Mutter Marias, wurde noch häufiger als Namenszusatz gewählt als derjenige der Ordensgründerin. Fünf der Schwestern nahmen, wohl aufgrund der besonderen Verbundenheit Armklaras mit der Stadt Köln, den Namen 974 Zitiert nach: Illich, Maßnahmen 71. 11 Der geistliche Alltag 267 der heiligen Ursula an. Die Quellen geben keine Hinweise darauf, ob den Novizinnen ihre Klosternamen zugeteilt wurden oder ob sie eigene Vorschläge einbringen konnten. In einigen Fällen war wohl der Name der bei der Profession anwesenden Äbtissin ausschlaggebend:975 Neun von 24 Novizinnen erhielten während der Regierungszeit der Anna Apollonia von Schönburg einen Teil ihres Namens, entweder „Anna“ oder „Apollonia“. Sieben von 30 Novizinnen, die unter Philippina Josepha ihre Gelübde ablegten, erhielten den Namenszusatz „Josepha“. Unter der Vorsteherin Maria Magdalena Spönla traten drei Novizinnen mit dem Namen „Magdalena“ ihr Klosterleben als Chorschwester an. Die erste Novizin, die unter Maria Francisca Josepha Schnugin ihre Profession ablegte, nahm den Namen „Francisca“ an. 1747 erhielt eine Novizin die feminisierte Form des Namens „Xaver“. Der 1622 heiliggesprochene Franz Xaver (1506 – 1552) wirkte als Missionar der Jesuiten. Ähnlich verhielt es sich mit dem Klosternamen der 1746 eingekleideten Cayetana Krausin, die nach dem 1671 heiliggesprochenen Priester Kajetan von Thiene (1480 – 1547) benannt wurde. Von Thiene hatte sich als Mitbegründer der Theatiner gemeinsam mit den Jesuiten im frühen 16. Jahrhundert für die Durchsetzung der Kirchenreform in Italien eingesetzt.976 Durch die Bruderschaft des Heiligsten Herzens Jesu fühlten sich die Schwestern Armklaras besonders unter Philippina Josepha mit den Jesuiten verbunden, was sich auf die Wahl der Klosternamen auswirkte. Zahlreiche Klosternamen Armklaras erinnern an Märtyrerinnen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums: Maria Crescentia Ludwig beispielsweise wurde 1743 nach einer Heiligen benannt, die der Legende nach im Jahr 304 unter Kaiser Diokletian (244 – 311) in siedendes Öl getaucht wurde und damit das Martyrium erlitt.977 Eine der 975 Ähnlich verhielt es sich im Wiener Ursulinenkonvent: Schneider, Ursulinenkonvent 305. 976 Joachim Schäfer, „Kajetan von Thiene“, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienK/Kajetan_von_Thiene.html. Abgerufen am 26.5.2016. 977 Joachim Schäfer, Art.: „Crescentia“, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Crescentia.html. Abgerufen am 26.5.2016. 268 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Schwestern erhielt den Namen der Febronia von Nisibis, einer ebenfalls unter Kaiser Diokletian hingerichteten jungen Nonne.978 Nach Spes, der Schwester der Fides aus der griechisch-römischen Mythologie979 benannte man eine der Töchter der Maria Molitor. In der katholischen Kirche wird Spes gemeinsam mit ihrer Mutter als Märtyrerin verehrt. Es wird überliefert, dass sie um 135 unter Kaiser Hadrian (76 – 138) hingerichtet wurde, weil sie auf ihrem christlichen Glauben beharrte. Margareta von Antiochien wurde der Legende nach als Tochter eines heidnischen Priesters von ihrer Amme zum Christentum bekehrt, auch sie starb als Märtyrerin ihres neuen Glaubens.980 Die heilige Barbara, die laut der Überlieferung im 3. Jahrhundert zu Tode gefoltert wurde, zählt zu den Nothelferinnen.981 Sechs Schwestern wurden nach ihr benannt. Auch die heilige Konstantia (gestorben um 354), nach der eine Schwester benannt wurde, ist in diesem Kontext zu nennen. Zwei der Schwestern Armklaras erhielten den Namen der heiligen Thekla im Zusammenhang mit der Gebetsbruderschaft. Crescentia, Spes, Febronia, Margareta, Barbara, Konstantia und Thekla gelten als frühchristliche Beispiele für religiöse Autonomie, ihnen wird unerschrockenes und tapferes Beharren zugeschrieben. Die heilige Teresa von Avila, die ihre Glaubenskrisen durch geistliche Erfahrungen zu überwinden lernte, wird als Mystikerin verehrt,982 sieben Schwestern trugen ihren Namen. Drei Nonnen wurden nach der heiligen Gertrud von Nivelles benannt, die im 7. Jahrhundert eine Benediktinerinnenabtei gründete und sich für Mädchenbildung engagierte.983 978 Joachim Schäfer, Art.: „Febronia von Nisibis“, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienF/Febronia_von_Ni sibis.html. Abgerufen am 26.5.2016. 979 René Bloch, Art.: „Spes“, in: DNP 11 (2001) Sp. 811. 980 Joachim Schäfer, Art.: „Margareta von Antiochien“, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, https://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Margareta_ Marina_von_Antiochien.html. Abgerufen am 28.12.2015. 981 Friedrich Wilhelm Bautz, Art.: „Barbara, Heilige“, in: BBKL 1 (2000) Sp. 364 – 365. 982 Barbara Böhm, Art.: „Theresia (Teresa) von Avila“, in: LCI 8 (1976) Sp. 463 – 468. 983 Friedrich Wilhelm Bautz, Art: „Gertrud von Nivelles“, in: BBKL 2 (2000) Sp. 232 – 233. 12 Außenwirkung 269 Die Visionen und Aktionen dieser und anderer Märtyrerinnen, Mystikerinnen oder auch männlicher Heilige waren wegweisend für nachfolgende Religiose. Sie zeichneten sich vor allem durch Willensstärke aus, folgten somit unbeirrbar der Richtschnur ihres Glaubens. Für die jungen Professen, die ihre Namen trugen, sollten sie Leitfiguren sein, die ihnen über Schwierigkeiten und Zweifel hinweghalfen. Schneider weist am Beispiel des Wiener Ursulinenkonventes auf die große Bedeutung der Namensänderung als Symbole für den Abschied der Novizin von der Außenwelt und den Eintritt in das klausu rierte Leben hin:984 Das künfige Daseins sollte nicht mehr auf profane Bedürfnisse, sondern auf die imitatio gerichtet sein, auf das Nachleben der spirituellen Kraft des Heiligen, dessen Name man nun trug. 12 Außenwirkung Die religiöse Verbundenheit Armklaras mit Teilen der Mainzer Bevölkerung hat sich bereits im Zusammenhang mit der öffentlichen Heiligenverehrung gezeigt. Es existierten darüber hinaus vielfältige Beziehungen zu Geistlichen und Weltlichen weit außerhalb der Stadt. Die konsequente Weltabgeschiedenheit Armklaras bildete dazu keinen Widerspruch, denn gerade diese kontemplative und auf Armut und Demut konzentrierte Lebensweise wurde als authentisch wahrgenommen und besaß eine große Strahlkraft in die nähere und weitere Umgebung. Sie galt als ein spirituelles Bindeglied zwischen der irdischen und göttlichen Sphäre und in diesem Sinne als vorbildlich und förderungswürdig.985 Die folgenden Beispiele belegen das vielfältige und rege Interesse von Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft an der zurück- 984 Schneider, Ursulinenkloster 304. 985 OECD, XXII, de reformatione, cap. 1: Es gibt nichts, was andere intensiver zur Frömmigkeit und Gottesverehrung anleitet, als das Leben und Beispiel derer, die sich dem Dienst Gottes geweiht haben. Da sie nämlich weg von den weltlichen Angelegenheiten offensichtlich auf einen höheren Platz erhoben sind, richten die übrigen ihre Augen auf sie wie auf einen Spiegel und nehmen sie sich zum Vorbild. 270 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras gezogenen Religiosität der Schwestern: Bereits der erste Gottesdienst nach dem Einzug der Armen Klarissen in ihr Mainzer Kloster erhielt großen Zulauff hoher undt nidriger Standtes Personen.986 Die Mainzerin Maria Schad, verwitwete Molitor, hatte die im Herbst 1619 aus Köln kommenden Schwestern bis August 1620 in ihrem eigenen Haus beherbergt. Sieben Monate später trat die erste ihrer vier Töchter im Alter von 15 Jahren in den neuen Konvent ein.987 Noch im Jahr der Gründung bedachte Freifrau Barbara vom Reichsrittergeschlecht Kronberg Armklara mit einer großzügigen Spende.988 1622 berücksichtigte Anna Kunigunde von Kronberg die Schwestern in ihrem Vermächtnis.989 Hugo Eberhard Cratz von Scharffenstein, Domprobst und Bischof zu Worms, wird im Nekrologium als ein allzeit beständiger großer Freund gewürdigt.990 Mehrmals pflegte Armklara Kontakte mit Clara Elisabeth von der Leyen, einer Stiftsdame des freiweltlichen Reichsstiftes Zum Heiligen Kreuz in Thorn, das nur Frauen aus dem Hochadel aufnahm oder mit Maria Josepha Härin, der Äbtissin eines Stiftes in Breslau, die Armklara zu verschiedenen mahlen viele almosen zukommen ließ.991 Zudem bestanden Verbindungen zu den Ursulinen in Fritzlar.992 Es handelte sich dabei um briefliche Korrespondenzen oder um Kontakte, bei denen der Beichtvater als Vermittler fungierte. 1688, während der Anwesenheit französischer Truppen in Mainz, bezeigten der Tünchermeister Albert Klein und der Schneidermeister Gregor dem Closter viel lieb und freundschafft.993 Zuweilen legierten Spender mehr oder weniger wertvolle Preziosen, die etwa für die Ausstattung der Kirche verwendet wurden. Für diese Gaben bezogen die Schwestern das Seelenheil des Schenkenden und gegebenenfalls das 986 Chronik 1620. 987 Lib. rec., f 29v. 988 Lib. rec., f. 36r. 989 Lib. rec., f. 34r. 990 Lib. rec., f. 21v. 991 Lib. rec., f. 18v. 992 Lib. rec., f. 94r. 993 Lib. rec., f. 78r. 12 Außenwirkung 271 seiner Familie in ihre Andachten ein.994 In einigen Fällen verpflichtete sich Armklara zur jährlichen Lesung einer Seelenmesse nach dem Tod der Wohltäterin oder des Wohltäters. Die Höhe der Almosen variierte stark, wobei sich Wohltäter adliger Herkunft nicht unbedingt großzügiger verhielten als diejenigen, die sich ihren Lebensunterhalt mit einem Handwerk verdienten. 1775 schenkte Reichsgraf von Ostein dem Kloster 1600 Gulden,995 die kurmainzische Hofbackmeisterin Friederica Walmeratin vermachte Armklara in ihrem Testament 100 Gulden.996 Johann Georgi von Scherer, Kanoniker von St. Petrus und St. Viktor, hinterließ den Schwestern 300 Reichstaler,997 die gleiche Summe gab 1775 der Graf von Eltz.998 Franziskus Heller von der kurmainzischen Infanterie gab 100 Gulden und ließ sich auch in der Kirche Armklaras begraben.999 Ein Zollschreiber aus Bingen bedachte das Kloster mit 170 Gulden.1000 Ein Baumeister aus Zweibrücken1001 gehörte ebenso zu den Wohltätern wie der Prinz von Baden, der 100 Reichstaler gab1002 und eine gewesene churmainzische Hof Camerräthin, die 100 Gulden spendete.1003 200 Gulden kamen dem Kloster aus einem Stift in Aschaffenburg zu.1004 Der kurtrierische Geheimrat von Eyss gab 250 Reichstaler.1005 Braumeister Georg Wagner vermachte Armklara Almosen in Höhe von 50 Gulden,1006 der Scholaster zu St. Victor steuerte 50 Reichstaler zum Unterhalt des Klosters bei.1007 Peter Bauer spendete 170 Reichstaler, die er mit seinem sauren Schweiß durch Handtarbeitt, Mit gefahr seineß Lebens erworben hat- 994 Chronik, 10.9.1655. 995 Lib. rec., f. 3v. 996 Lib. rec., f. 6r. 997 Lib. rec., f. 7v. 998 Lib. rec., f. 7v. 999 Lib. rec., f. 10r. 1000 Lib. rec., f. 16r. 1001 Lib. rec., f. 60v. 1002 Lib. rec., f. 84v. 1003 Lib. rec., f. 19r. 1004 Lib. rec., f. 18r. 1005 Lib. rec., f. 23v. 1006 Lib. rec., f. 20r. 1007 Lib. rec., f. 21v. 272 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras te.1008 Auch Johanna Baede, die als Magd in der Stadt tätig war, gab von ihrem sauer verdienten Lohn 200 Reichstaler.1009 Die Erbprinzessin zu Baden verehrte der Kirche Armklaras blaue und silbern bestickte Paramente.1010 Eine dem Adelsgeschlecht Boineburg entstammende Gräfin unterstützte die Schwestern mit 1000 Gulden und verschiedenen Gegenständen zur Ausstattung der Kirche.1011 Ein ehrsamer Müller aus Bayern namens Anton spendete 50 Gulden1012 und eine Churmainzische Hoff Zucker beckerin vermachte dem Kloster testamentarisch 200 Gulden.1013 Freiherr und Reichshofrat Friedrich von Walderdorff berücksichtigte Armklara mit 100 Gulden.1014 Nicolas Jäger, Kantor von St. Peter, gab mehrere Ohm Wein1015 und 70 Gulden.1016 Vitus Franziskus Teutsch, Sekretär der oberrheinischen Hohen Ritterschaft und Dekan zu St. Mauritius, vermachte Armklara sein gesamtes Erbe.1017 Die Fürstin und der Fürst von Taxis gaben 330 Gulden,1018 der Dekan zu St. Johannis, Johannes Richard, schenkte den Schwestern 50 Gulden,1019 der gewesene camer warther Peter Jelling gab 75 Gulden1020 und ein ehemaliger Gärtner der Abtei Eberbach legierte 100 Reichstaler.1021 Einer der Wohltäter war in Wien ansässig und berücksichtigte Armklara in seinem Testament.1022 Wiederholt bedachten ungenannte gutthäter Armklara mit Lebensmitteln und kleineren Geldbeträgen.1023 Im März 1008 Lib. rec., f. 21r. 1009 Lib. rec., f. 6v. 1010 Lib. rec., f. 31v. 1011 Lib. rec., f. 28r. 1012 Lib. rec., f. 36v. 1013 Lib. rec., f. 45r. 1014 Lib. rec., f. 29v. 1015 1 Ohm entsprach in Mainz 135,574 Liter: Verdenhalven, Münzen 38. 1016 Lib. rec., f. 47r. 1017 Lib. rec., f. 53r. 1018 Lib. rec., f. 77v. 1019 Lib. rec., f. 89v. 1020 Lib. rec., f. 89r. 1021 Lib. rec., f. 60v. 1022 Lib. rec., f. 29v. 1023 Lib. rec., f. 89v. 13 Die wirtschaftliche Situation 273 1778 spendete ein Unbekannter 184 Reichstaler.1024 Einige der Wohltäter erhielten in der Kirche des Klosters Grabstätten für sich und ihre Familien.1025 Somit war Außenrepräsentation, Integration und Ansehen nicht nur für den personellen, sondern auch für den finanziellen Fortbestand des Klosters von existentieller Bedeutung. Dennoch war Armklara, obwohl es einen großen Wohltäterkreis für sich gewonnen hatte, mehrmals in seiner Geschichte durch finanzielle Instabilität bedroht. 13 Die wirtschaftliche Situation Anders als Armklara erhielten beispielsweise die Augustiner-Chorfrauen sowie die seit 1752 in Mainz ansässigen Maria-Ward-Schwestern aufgrund ihres Unterrichts für Mädchen ein regelmäßiges Einkommen. Die Zisterzienserinnen Altmünsters besaßen, wie Reichklara, einen weitreichenden Grundbesitz. Die wirtschaftliche Situation Armklaras stellte sich dagegen weitaus instabiler dar. Der Verdienst durch den Verkauf ihrer Handarbeiten wird nicht sehr hoch gewesen sein. Zeitweise waren jedoch annähernd vierzig Nonnen zu versorgen, während in Reichklara höchstens 25 Schwestern gleichzeitig zu ernähren waren. Dennoch wird die Relevanz der Handarbeiten als ökonomische Basis neben den Almosen innerhalb des Schriftverkehrs des Vikariats mit den Äbtissinnen Armklaras des Öfteren betont.1026 Katharina Neefin konstatierte noch 1775 in einem Schreiben an den Kurfürsten, dass der stärkste Theil unserer Lebensnahrung von der alltäglichen starken Handarbeit abhanget.1027 Einen weiteren wirtschaftlichen Faktor stellten die Einbringungsgelder der Novizinnen dar. Zuweilen übergaben Konventualinnen dem Kloster ihre Erbanteile.1028 Maria Margaretha von Ehrentraut vermachte ihrer Tochter, der späteren Äbtissin Anna Apol- 1024 Lib. rec., f. 22r. 1025 Lib. rec., f. 62v; 92r. 1026 DDAMz: K 102/I.10: Extractus protocolli Archiepiscopalis vicariatus Moguntini; K 102/I.7; K 102/I.11. 1027 DDAMz: K 102/I.7. 1028 Chronik, 3.2.1654. 274 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras lonia von Schönburg, kurz vor ihrem Tod einen Teil des Freien Hofs zu Kiedrich.1029 Das Testament sah vor, dass diese Immobilie nach dem Tod Anna Apollonias in das Eigentum Armklaras übergeht. Der Konvent solle dann macht haben es zu verkaufen und im besten nutzen es zu gebrauchen. Das Kiedricher Gut wurde schließlich mit Haus, Hof, Gärten, Wiesen, Weingärten und dazu gehörigem Zehnten im Jahr 1650, schon bald nach der Eigentumsübergabe an Anna Apollonia und lange vor ihrem Tod, für 500 Gulden an Stefan Ritter zu Groenesteyn verkauft.1030 Dieses Vorgehen weist auf eine um diese Zeit akute finanzielle Krise hin. Von einigen der Wohltäter1031 und vom kurfürstlichen Hof erhielt Armklara neben barem Geld in unregelmäßigen Abständen Lebensmittel, Wein und Getreide.1032 In Krisenzeiten, etwa während der Inflation nach 1636, versorgte der Kurfürst die Schwestern mit wöchentlichen Gaben von Brot und Wein.1033 Aus einem Weingut bei Hattersheim und aus einem Weingarten von sechs Morgen bei Nackenheim erzielte Armklara mehr oder weniger regelmäßige Erträge. Es erhielt eine jährliche Lieferung von 14 Maltern Korn aus dem Ort Sörgenloch sowie geringe Einnahmen aus der Vermietung eines Hauses.1034 Lange kämpfte das Kloster mit erheblichen Schulden aufgrund der Flucht im Jahr 1631 und des Exils in Köln. Kurze Zeit nach ihrer Rückkehr befanden sich die Nonnen in so unmittelbarer finanzieller Not, dass Äbtissin Anna Apollonia von Schönburg mit dem Einverständnis des Provinzials von einer wohlhabenden Witwe 200 Reichstaler zur Closters notturfft borgte.1035 Der Provinzial verfügte im Sommer 1637, es dürften keine Einkleidungen mehr stattfinden, solange sich das Kloster in solch akuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinde.1036 Offenbar 1029 Chronik, 23.7.1648. 1030 Chronik 1650. 1031 Lib. rec., f. 88r. 1032 Lib. rec., f. 43r. 1033 Chronik 1647. 1034 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1768, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 5. 1035 Chronik, 1.2.1637. 1036 Chronik, 27.8.1637. 13 Die wirtschaftliche Situation 275 entspannte sich die Situation recht bald, denn schon im Oktober 1637 wurden zwei Schwestern eingekleidet. Die Kölner Schulden konnten jedoch erst im Mai 1652 durch den Verkauf eines Hauses, das Armklara durch Schwester Anna Maria Andrein zugekommen war, vollständig beglichen werden.1037 Philippina Josepha erklärte 1745, das Kloster habe ein Capital bei Hof stehen von 6000 Reichstalern. Davon sie statt Zinsen jährlich 63 Stapeln Holz bekommen.1038 Diese Holzlieferungen vom kurfürstlichen Hof gab es, wie das Visitationsprotokoll belegt, bis mindestens 1768. Allerdings deckten sie nur einen Teil des tatsächlichen Bedarfs, zumal Armklara bis 1753 jährlich eine bestimmte Menge Brennholz an das Franziskanerkloster als Gegenleistung für das Lesen der Messe an Festtagen abgeben musste. Für diesen Mehrverbrauch musste Armklara selbst aufkommen.1039 Zwischen 1652 und etwa 1750 konnte Armklara mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten offenbar recht effizient wirtschaften. 1753 sah es seinen Fortbestand erneut durch eine Schuldenlast bedroht, sie betrug 6000 Reichstaler. Das Kapital am kurfürstlichen Hof konnten die Schwestern zur Tilgung nicht in Anspruch nehmen, da sie auf die Holzlieferungen angewiesen waren. Noch acht Jahre zuvor, 1745, hatte Philippina Josepha angegeben, dass das Kloster keine Schulden habe und nur für Dinge des täglichen Bedarfs zahle.1040 Eine letztendlich schlüssige Antwort auf die Frage, durch welche Veränderungen sich in den folgenden Jahren diese Schuldenlast auftürmte, bleibt offen. In seiner Not wandte sich der Konvent an das Vikariat, das daraufhin ein Gutachten erstellte. Aufgrund dieser Untersuchung wurde konstatiert, dass die äußerst prekäre finanzielle Situation Armklaras vor allem 1037 Chronik, 31.5.1652. 1038 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antwort der Philippina Josepha auf Frage 5. Heinrich Brühl erwähnt ein Einkommen in Form von Brennholz und Naturalien, das Armklara jährlich von der kurfürstlichen Regierung bezogen habe. Das entsprechendes Kapital sei von verschiedenen Geistlichen gestiftet worden: Brühl, Mainz 293; Hinkel, Miracul 98. 1039 DDAMz: K 102/I.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 8. 1040 DDAMz: K 102/I.1a–c: Int. 1745, Int. pro Abbatissa et Vicarissa, Antworten der Philippina Josepha auf die Fragen 5 und 7. 276 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras durch die großzügige Versorgung des Beichtvaters, seines Begleiters und der übrigen Franziskanerpater verursacht worden sei. Diese speisten nach ihrem Dienst in der Kirche oft reichhaltig in der Wohnung des Beichtvaters auf Kosten des Klosters. Die Pater verlangten ausdrücklich Wein und Fleisch von guter Qualität, so dass für ihre Versorgung eigens eine Fleischküche unterhalten werden musste. Die Klarissen selbst ernährten sich ihrer Ordensregel gemäß fleischlos. Darüber hinaus war Armklara traditionell dazu verpflichtet, die Kosten für den Habit des Beichtvaters zu tragen.1041 Diese Art der finanziellen Aufwendungen kann die prekäre Lage Armklaras zu dieser Zeit nur teilweise erklären, denn dieser Finanzposten war von jeher vorhanden gewesen. Vermutlich war der Anspruch der Franziskaner gestiegen. Tatsache ist, dass diese Versorgung der Priester durch das Kloster bereits den Unmut vieler Wohltäter erregt hatte, die dem Konvent in einer gewissen Regelmäßigkeit Almosen hatten zukommen lassen. Ein Teil von ihnen zog sich zurück, weil sie den großzügigen Lebensstil der Pater nicht unterstützen wollten. So reduzierten sich für Armklara diese lebensnotwendigen Zuwendungen erheblich.1042 Um das Kloster zu retten, untersagte das Vikariat der Äbtissin, den Beichtvater sowie die übrigen Pater weiterhin mit teuren Naturalien zu versorgen. Dem Beichtvater solle kein Habit mehr finanziert werden und die Fleischküche müsse unverzüglich geschlossen werden: (…) wobei auch unanständig ist, dass in einem Closter, wo alle Conventualen nach ihrer heiligen Regul verbunden seyen Fastenspeisen zu gereichen, Fleischspeisen gekocht und außer der Clausur denen extraneis gereicht werden.1043 Verboten wurde Armklara auch, für das Zimmer des Beichtvaters auf dem Klosterhof aufzukommen, 1041 DDAMz: K 102/1.13: Oeconomie des armen Clarissen Closters, Punkt 9: Der Beichtvater erhielt alle drei Jahre einen neuen Habit im Wert von 60 – 70 Reichstaler. Auch für die regelmäßige Reinigung des Habits und der Paramente musste Armklara aufkommen. Erst ab 1789 wurde der Habit für den Beichtvater nicht mehr durch das Kloster bereitgestellt: DDAMz: K 102/I.13: Extractus Protocolli Archi-Episcopalis Generalis Vicariatus Moguntini vom 14.5.1789. 1042 DDAMz: K 102/I.13. Armklara nahm 1753 trotz der Krise zwei Einkleidungen vor: die von Maria Antonetta Brauer und Maria Paulina Vogelin. Ob die beiden Novizinnen eine hohe Mitgift einbrachten, ist nicht überliefert. 1043 DDAMz: K 102/I.13. 14 Die Aufhebung Armklaras 277 sodann musste die jährliche Brennholzlieferung an das Franziskanerkloster eingestellt werden. Das Vikariat forderte stattdessen die Pater auf, als Gegenleistung für ihre Dienste einen Geldbetrag zu nennen, den die Behörde von nun an jährlich begleichen werde. Das Kloster war zwar 1764, also elf Jahre später, noch immer mit einigen schulden beschwehret. Die Maßnahmen des Vikariats hatten dennoch gefruchtet, denn diese Last hatte sich inzwischen auf 3500 Reichstaler reduziert. Philippina Josepha entschloss sich, um die Restschulden tilgen zu können, für den Verkauf des oben erwähnten Weingutes in Hattersheim.1044 Ein 1773 erstelltes Gutachten belegt allerdings, dass Armklara dem jeweiligen Beichtvater noch immer die Kleidung stellte und ihm täglich zumindest eine Mahlzeit gereicht wurde. 14 Die Aufhebung Armklaras Für die letzten zwei Jahrzehnte, in denen das Kloster der Armen Klarissen bestand, existieren nur wenige Quellen, die es erwähnen: In einem Gutachten des Geistlichen Rates Philipp Schultheis, das Ende der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts die Frage nach der Existenzberechtigung insbesondere der kontemplativen Klöster im Erzstift Mainz klären sollte, wird festgestellt, dass in der Maynzer Erzdioeze nur einige Klöster seien, in welchen eine stricte clausur beobachtet wird, ausser denen der armen Clarissen und Congregation ist kein einziges Kloster in Maynz und ausserhalb Maynz, in welchen die clausur nach Vorschrift genau beobachtet wird.1045 Nach der Eingliederung von Mainz in das französische Staatsgebiet wurde Armklara aufgrund eines Erlasses vom 10.  Januar 1798 verboten, Postulantinnen aufzunehmen, und aufgefordert, den staatlichen Behörden Inventarverzeichnisse abzuliefern. 1044 DDAMz: K 102/I.3a–b. 1045 Zitiert nach: Friesenhagen, Klosterpolitik 456. 278 Teil IV: Das Klosterleben Armklaras Mit dem Konsularbeschluss vom 9.  Juni 1802 reorganisierte die französische Verwaltung die linksrheinischen Gebiete, wodurch vier Departements entstanden. Das Mainzer Gebiet wurde zum Departement Donnersberg. Diese Strukturveränderungen bewirkten die staatliche Einziehung des Kirchengutes und damit die endgültige Aufhebung Armklaras.1046 Gemäß zweier Dekrete des Präfekten der französischen Regierung sollte im Jahr 1805 in den Räumen des ehemaligen Armklara-Klosters zunächst eine Sekundärschule und dann, als dieses Projekt scheiterte, eine Normalschule eingerichtet werden.1047 Auch dieses Vorhaben wurde nicht realisiert und März 1806 in den Gebäuden eine Anstalt eingerichtet, in der Hebammen ihren Beruf lehren und lernen konnten.1048 Das ehemalige Kloster wurde zu einem Ausbildungsort und gleichzeitig zu einer Wohltätigkeitseinrichtung, in der mittellose Frauen mit der Hilfe fachlich geschulten Personals entbinden konnten. Nach den Freiheitskriegen musste die Anstalt vorübergehend geschlossen werden. 1815, als Mainz zu einem Teil des Deutschen Staatenbundes wurde, nahm sie ihre Tätigkeit wieder auf.1049 1046 Falck, Die letzte Äbtissin 65. 1047 Bockenheimer, Armen-Klaren-Kloster 7. 1048 Bockenheimer, Armen-Klaren-Kloster 9. 1049 Bockenheimer, Armen-Klaren-Kloster 15.

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References

Zusammenfassung

Während in den vergangenen Jahren bereits einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit vor und während der Reformation erschienen sind, blieb die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum lange Zeit ein blinder Fleck.

Sigrun Müller schließt diese Forschungslücke und leistet einen analytischen Vergleich zweier zwischen 1620 und 1781 parallel in Mainz existierender Klarissenklöster, die sich nach inhaltlich unterschiedlichen Ordensregeln richteten: Reichklara, das ältere der beiden Konvente, verfügte über Grundbesitz. Armklara, während der katholischen Reform gegründet, lebte dagegen überwiegend von Almosen und der Herstellung von Handarbeiten.

Im Zusammenhang mit den Reformen in Zuge des Konzils von Trient, das dem Erzbischof das Aufsichtsrecht über die Frauenklöster zusprach, stellt sie die Frage nach dem Verhältnis beider ideell stark unterschiedlichen Klarissenklöster zur weltlichen Obrigkeit. Auch werden Veränderungen bezüglich der den Nonnen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume im Klosteralltag aufgezeigt, die sich aufgrund des durch das Tridentinum legitimierten bischöflichen Machtzuwachses vollzogen haben.