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Teil I Einleitung in:

Sigrun Müller

Reichklara und Armklara, page 11 - 34

Zwei Mainzer Klarissenklöster in der Zeit der katholischen Reform bis zur Mainzer Aufklärung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3900-7, ISBN online: 978-3-8288-6644-7, https://doi.org/10.5771/9783828866447-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Teil I Einleitung 1 Thema In den vergangenen Jahrzehnten sind einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erschienen. Diese Studien konzentrieren sich überwiegend auf die Zeit vor und während der Reformation, als ein Großteil der geistlichen Frauengemeinschaften aufgehoben wurde.1 In wesentlich geringerem Maß 1 Johannes Kist, Das Klarissenkloster in Nürnberg bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts, Nürnberg 1929; Karl Schib, Die Geschichte des Klosters Paradies (Konstanz), Schaffhausen 1952; Brigitte Degler-Spengler, Das Klarissenkloster Gnadental in Basel 1289 – 1529 (Quellen und Forschungen zur Basler Geschichte 3), Basel 1969; Veronika Gerz-von Büren, Geschichte des Clarissenklosters St. Clara in Kleinbasel 1266 – 1529, Basel 1969; Astrid Fick (Hrg.), Das Weißenfelser St. Klaren-Kloster zum 700jährigen Bestehen, Weißenfels 2001; Elke Tkocz, Das Bamberger Klarissenkloster im Mittelalter. Seine Beziehungen zum Patriziat in Bamberg und Nürnberg sowie zum Adel (Arbeiten zur Kirchengeschichte Bayerns 88), Bamberg 2008; Rahel Bacher, Klarissenkloster Pfullingen. Fromme Frauen zwischen Ideal und Wirklichkeit (Schriften zur Südwestdeutschen Landeskunde 65), Ostfildern 2009. Folgende Studien beziehen die nachreformatorische Epoche mit ein: Maria Senfter, Das Klarissenkloster von Brixen (1600 bis 1800), Innsbruck 1977; Karl Suso Frank, Das Klarissenkloster Söflingen. Ein Beitrag zur franziskanischen Ordensgeschichte Süddeutschlands und zur Ulmer Kirchengeschichte (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm 20), Stuttgart 1980; Irmgard E. Zwingler, Das Klarissenkloster bei St. Jakob am Anger zu München. Das Angerkloster unter der Reform des Franziskanerordens im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges (Studien zur altbayerischen Kirchengeschichte 13), München 2009. Monographien zu Frauenklöster anderer Orden in der nachtridentinischen Epoche: Anne Conrad, Zwischen Kloster und Welt. Ursulinen und Jesuitinnen in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 142), Mainz 1991; Christine Schneider, Kloster als Lebensform. Der Wiener Ursulinenkonvent in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 12 Teil I: Einleitung wurde dagegen bisher die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum untersucht.2 Am Beispiel zweier von 1620 bis 1781 in der Haupt- und Residenzstadt Mainz parallel existierender Klarissenklöster, deren Konstitutionen sich, trotz des gemeinsamen Ursprungs, in einigen grundsätzlichen Aspekten deutlich voneinander unterschieden, möchte die vorliegende Arbeit zu diesem Forschungsthema einen Beitrag leisten. Der ältere Konvent, Reichklara, wurde im 13. Jahrhundert gegründet und sogleich mit weitreichendem Grundbesitz ausgestattet. Er richtete sich, da für ihn keine andere verbriefte Regel überliefert ist, vermutlich von Beginn an nach der von Papst Urban IV. (1261 – 1264)3 am 18. Oktober 1263 erlassenen Konstitution.4 Diese Regel erkannte zwar Klara von Assisi (1193 – 1253) explizit als Ordensgründerin an, ignorierte jedoch eines ihrer zentralen Anliegen weitgehend: Die von ihr und ihrem Gefährten Franziskus präferierte radikale Besitzlosigkeit (privilehunderts (L’-homme Schriften 11), Wien 2005; Janine Christina Maegraith, Das Zisterzienserinnenkloster Gutenzell. Vom Reichskloster zur geduldeten Frauengemeinschaft (Oberschwaben – Geschichte und Kultur 15), Eppendorf 2006. 2 Darauf weist Simone Laqua-O’ Donell in einer kürzlich erschienenen Studie zur Konfessionalisierung und der Rolle der Frauenkonvente im 16./17. Jahrhundert hin: It was a mightily difficult task to reform religious beliefs. Women were of signal importance to the Catholic Church in their role as nuns. We do not know much about how Counter-Reform affected women (…), little attention has been paid to Catholic women and how they perceived the new emphasis of Church on morality and convent life and spirituality. Existing work on women and Catholic Reform has so far mainly concentrated on Italy, Spain, France, and, within Germany, on Bavaria: Simone Laqua-O’ Donell, Women and the Counter-Reformation in Early Modern Münster, Oxford 2014, 5. 3 Die Jahreszahlen in den Klammern geben für die genannten Päpste und Erzbischöfe die jeweiligen Amtszeiten an. Bei den übrigen Personen sind die Lebenszeiten angegeben. 4 Bullarium Franciscanum. Romanorum pontificum constitutiones, epistolas ac diplomata continens tribus ordinibus Minorum, Clarissarum, et Poenitentium a seraphico Patriarcha Sancto Francisco concessa, hg. von Giovanni Girolamo Sbaraglia u. a., Bd. II, Rom 1759 – 1768, 509 – 521 (im Folgenden mit „BF“ abgekürzt). 1 Thema 13 gium paupertatis) wurde von der päpstlichen Verfassung durch die Duldung von gemeinschaftlichem Güterbesitz erheblich abgemildert. Das Konzept der paupertas zählte jedoch zu den elementarsten Aspekten der Spiritualität Klaras.5 Sie hatte in ihrer eigenen kurz vor ihrem Tod verfassten Regel, die 1253 von Papst Innozenz IV. (1243 – 1254) bestätigt worden war, ihr Ideal der kompromisslosen Besitzlosigkeit noch einmal zum Ausdruck gebracht.6 Die Urbanregel fokussierte indes die Beachtung der strengen Klausur.7 Der Papst hatte in der Bulle Beata Clara den Konventualinnen dringlich die Annahme von gemeinschaftlichem Güter- und Grundbe- 5 Bereits am 17.  September 1228 hatte sich Klara von Papst Gregor IX. (1227 – 1241) das privilegium paupertatis bestätigen lassen: Edmund Wauer, Entstehung und Ausbreitung des Klarissenordens besonders in den deutschen Minoritenprovinzen, Leipzig 1906, 33. Die Armutsforderung geht auf Matthäus 21, Vers 19 zurück: Wenn du vollkommen sein willst, verkaufe, was du hast, und gib den Erlös den Armen; dann komm und folge mir nach. Doch schon im November 1228, als ein Bürger aus Florenz dem Frauenkloster Monticelli einige seiner Besitztümer schenkte, nahm ein Teil der Klarissenklöster von dem privilegium paupertatis Abstand und bat den Papst, diesen Klöstern und ihren Besitzungen den Schutz der römischen Kirche zukommen zu lassen: Wauer, Entstehung und Ausbreitung 33. Zur Geschichte des franziskanischen Armutsideals: Leonhard Lehmann, „Arm an Dingen, reich an Tugenden“. Die geliebte und gelobte Armut bei Franziskus und Klara von Assisi, in: Hans-Dieter Heimann u. a. (Hrg.), Gelobte Armut. Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Paderborn 2012, 37 – 66; Angelica Hilsebein, Reiche Klöster – Arme Klöster? Finanzielle Transaktionen zwischen der Welt, dem Kloster und seinen Konventualinnen, in: Heimann u. a. (Hrg.), Gelobte Armut 307 – 334. Zu den Ordensregeln der Klarissen: Bacher, Klarissenkonvent Pfullingen 99; Karl Suso Frank, Die Klarissen (Ordo S. Clarae, OSCI), in: Friedhelm Jürgensmeier u. a. (Hrg.), Orden und Klöster im Zeitalter von Reformation und katholischer Reform 1500 – 1700, Bd. 2, Münster 2006, 126. 6 BF I 394 – 399. 7 Niklaus Kuster OFM, San Damiano und der päpstliche Damiansorden. Die spannungsvolle Gründungsgeschichte der Klarissen im Spiegel der neuesten Forschung, in: Paul Zahner OFM (Hrg.), Lebendiger Spiegel des Lichtes: Klara von Assisi. Beiträge zum Grazer Symposium vom 12.–13. November 2010, Norderstedt 2013, 113. 14 Teil I: Einleitung sitz empfohlen. Er war der Ansicht, dass fortwährende wirtschaftliche Sicherheit den Schwestern ein klausuriertes monastisches Leben erst ermögliche, während die Notwendigkeit, aktiv Almosen zu erbetteln, mit einem von der Außenwelt abgeschlossenen Dasein nicht vereinbar sei.8 Vor diesem Hintergrund kam es bereits im 13. Jahrhundert zu einer Spaltung des Klarissenordens: Ein großer Teil der Nachfolgerinnen Klaras präferierte die von Papst Urban IV. entworfene Verfassung und lebte unter der Zweiten Regel. Andere entschieden sich für ein Leben in strenger Enthaltsamkeit gemäß der durch die Ordensgründerin niedergelegten Ersten Regel.9 Letztere lehnten nicht nur individuelles, sondern auch gemeinsames Eigentum ab und akzeptierten als Grundlage für ihren Lebensunterhalt lediglich die passive Annahme von Almosen und den Verkauf von Produkten, die sie selbst durch Handarbeiten herstellten.10 1620 gründeten sechs aus dem Kölner Kloster Marientempel kommende Nonnen mit Armklara ein weiteres Klarissenkloster in Mainz. Armklara gehörte damit zu den ganz wenigen nachtridentinisch gegründeten Konventen des Zweiten franziskanischen Ordens in Zentraleuropa.11 Die Ordensregel dieser der Kölner Provinz der strengen Observanz zugehörigen Frauengemeinschaft berief sich auf die Ordensreformen, 8 Degler-Spengler, Klarissenkloster Gnadental 36; Bert Roest, Order and Disorder. The Poor Clares between Foundation and Reform (The Medieval Franciscans 8), Leiden 2008, 35. 9 Die Vertreterinnen der Ersten Regel zählten seit dem 15. Jahrhundert zu den Observanten, diejenigen der Zweiten Regel zu den Konventualen. Über die Entstehung der verschiedenen franziskanischen Reformgruppen insbesondere im 16. Jahrhundert: Zwingler, Klarissenkloster St. Jakob 119 – 122. 10 Zur Spaltung des franziskanischen Ordens in Konventuale und Observanten: Bernhard Neidiger, Die Reformbewegungen der Bettelorden im 15. Jahrhundert, in: Wolfgang Zimmermann u. a. (Hrg.), Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart, Ostfildern 2003, 79; Frank, Klarissenkloster Söflingen 81; Heike Uffmann, Wie in einem Rosengarten. Monastische Reformen des späten Mittelalters in den Vorstellungen von Klosterfrauen (Religion in der Geschichte 14), Bielefeld 2008, 42. 11 Insgesamt fanden nach 1500 lediglich 13 Neugründungen statt: Ute Küppers-Braun u. a. (Hrg.), Frauenkonvente im Zeitalter der Konfessionalisierung (Essener Forschungen zum Frauenstift 8), Essen 2010, 10. 1 Thema 15 die im 14. und 15. Jahrhundert formuliert worden waren. Das Ziel dieser Erneuerungen hatte darin bestanden, das monastische Leben, in dem sich im Spätmittelalter Missstände ausgebreitet hatten, auf die ursprünglichen Ideale der Ordensgründer zurückzuführen: Neben dem Verzicht auf privaten Besitz und der Beachtung der ewigen Klausur gehörte die Präferenz der vita communis, demnach der gemeinsame Gottesdienst sowie gemeinsames Essen und Arbeiten, zu den wichtigsten Reforminhalten. Zahlreiche Orden hatten sich dieser Observanzbewegung12 angeschlossen. Der observante Zweig der Franziskaner forderte von den weiblichen Konventen ihres Ordens in Anlehnung an die Regel Klaras zusätzlich zu den oben genannten Erneuerungen den radikalen Verzicht auf gemeinschaftliches Eigentum.13 Während Reichklara im 15. Jahrhundert den Anschluss an die Observanz verweigert hatte und erst 1586 auf der Grundlage der Dekrete des Konzils von Trient (1545 – 1563) reformiert wurde, war die Kommunität Armklaras seit ihrer Gründung von den Forderungen der spätmittelalterlichen Reformbewegung geprägt und richtete sich demgemäß nach der Ersten Regel, der Konstitution der Ordensgründerin.14 Die vorliegende Studie möchte diese beiden Frauenklöster, die sich jeweils auf die heilige Klara beriefen, jedoch unterschiedlichen Regeln folgten, im Kontext der nachtridentinischen katholischen Glaubensreform vergleichend analysieren. Die Quellen werden vor allem im Hinblick auf die jeweiligen sozialen Strukturen, auf die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen und das geistliche Leben innerhalb des Klosteralltages ausgewertet, so dass ein möglichst komplexes Bild der beiden kontemplativen Frauengemeinschaften entsteht. 12 Observare (lat.): „Beachten“. Die Reformbewegung forderte das Respektieren und die Beachtung der Ordensregeln. 13 Neidiger, Reformbewegungen 80. 14 Die Einleitung des Klosterstatus (Statua) lautet: „Vorgestellt denen Schwestern erster Regel der Heiligen Mutter Clara.“ 16 Teil I: Einleitung 2 Fragestellung In seinem Bestreben, die katholische Kirche auf die Grundlagen des alten Glaubens zurückzuführen, bemühte sich das Konzil von Trient um verbindliche Regeln für die Lebensbedingungen in den Männerund Frauenklöstern. Missstände, die während der vorangegangenen Jahrhunderte aufgetreten waren, sollten durch sie beseitigt und künftig vermieden werden. Regelübertretungen in Frauenkonventen wurden besonders streng beurteilt und für sie daher primär eine radikalere Befolgung der Klausurvorschriften angeordnet.15 Ansatzpunkt der vorliegenden Untersuchung ist neben einem Vergleich der klosterinternen Lebensräume von Reichklara und Armklara daher die Frage nach dem tatsächlichen Umgang von Frauenklöstern des 17. und 18. Jahrhunderts mit den Auswirkungen der Konzilsbeschlüsse und nach ihren konkreten Möglichkeiten der Teilhabe am Erneuerungsprozess. Die parallele Existenz Reichklaras und Armklaras, die beide dem gleichen Orden angehörten und dennoch aus ganz unterschiedlichen Gründungssituationen hervorgegangen waren, eignet sich für eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen dem Verordnen der Reform durch strikte Regeln einerseits und ihrer realen Umsetzung andererseits. Die durch das Tridentinum gestärkte Machtposition des Mainzer Erzbischofs und damit dessen erweiterte Handlungslegitimität muss hierbei in den Blick genommen werden, da er maßgeblich interne und traditionell gewachsene Strukturen des Ordenslebens beeinflusste und ver- änderte.16 Silvia Evangelisti bemerkt in ihrer Studie über Nonnen im 17. Jahrhundert und ihre Einflussmöglichkeiten auf Kunst und Kultur, dass die Wirkungen des umfangreicheren Aufsichtsrechts der Bischöfe über Frauenklöster durchaus begrenzt waren. Die Vielfalt traditioneller 15 Ulrike Strasser, Cloistering woman’s past: conflicting accounts of enclosure in a seventeenth-century Munich nunnery, in: Ulinka Rublack, Gender in Early Modern German History, Cambridge 2002, 222. 16 Die tridentinischen Dekrete waren für alle klösterlichen Gemeinschaften, unter welcher Leitung sie auch immer standen, bindend. Bisherige Privilegien wurden für ungültig erklärt. Alle Bischöfe wurden aufgerufen, die Reformen in den ihnen unterstellten Klöstern möglichst zügig durchzuführen: COED, XXV, de regularibus, cap. 22. 2 Fragestellung 17 Lebensentwürfe, die weibliche Religionsgemeinschaften in der frühen Neuzeit kennzeichneten, ließ sich etwa durch strikte Klausurvorschriften nicht vollständig eindämmen.17 Wie Alexander Jendorff feststellt, konnte der Impuls zu Wandel und Reform nicht ausschließlich durch die Zentralregierung initiiert, geregelt und kontrolliert werden. Stattdessen habe ein Prozess stattgefunden, in dem sich die weltliche Obrigkeit und klösterliche Gemeinschaften stets wechselseitig in progressiver Weise beeinflussten.18 Merry E. Wiesner hingegen sieht in dem Zwang zur Klausurierung der Nonnen einen der Schlüsselaspekte der katholischen Reform und ihres maskulinen und damit patriarchalen und unterdrückenden Charakters.19 Vor diesem Hintergrund lässt sich die Feststellung Laqua-O’Donells, dass über die Situation katholischer Nonnen während der Glaubensreform wenig Konkretes bekannt ist,20 aufgreifen und fragen: Welche Handlungsspielräume standen Nonnen der nachtridentinischen Epoche für eigene ihre Lebensumstände gestaltenden Entscheidungen zur Verfügung? Der zeitliche Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf dem 17. und 18. Jahrhundert und schließt die Epoche der Mainzer Aufklärung, die französische Verwaltungsreform von 1802 und damit die Aufhebung beider Klöster mit ein. Damit die Entwicklungsgeschichte Reichklaras angemessen nachvollzogen werden kann, wird die Visitation von 1586, mit welcher der Reformprozess in diesem Konvent begonnen hatte, berücksichtigt. Andere, gleichzeitig mit Reichklara und Armklara bestehende Frauenklöster in Mainz werden in dieser Studie nur am Rande behandelt, da ihre ausführlichere Betrachtung den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. 17 Silvia Evangelisti, Nuns. A history of Convent Life, Oxford 2007, 46. 18 Alexander Jendorff, Reformatio Catholica. Gesellschaftliche Handlungsspielräume kirchlichen Wandels im Erzstift Mainz 1514 – 1630 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 142), Münster 2000, 529. 19 Merry E. Wiesner, Women and Gender in Early Modern Europe. New approaches to European history, Cambrigde 2000, 195. 20 Vgl. Anmerkung 2. 18 Teil I: Einleitung 3 Forschungsstand Die von Christine Schneider 2005 erarbeitete Publikation über die Wiener Ursulinen fokussiert das Kloster als Sozialraum und arbeitet Diskrepanzen zwischen Normen und Regulativen einerseits und der Alltagsrealität andererseits heraus. Sie konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen 1740 und 1790.21 In einer weiteren Untersuchung bezüglich des gleichen Konvents nimmt Schneider die Wechselbeziehungen der Nonnen mit der Außenwelt in den Blick und fragt nach der Art der Interaktionen zwischen den Schwestern, den Oberinnen und der weltlichen Obrigkeit. Am Beispiel der für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts fast lückenlos überlieferten Visitationsakten kann sie nachweisen, dass die Nonnen vielfältige Möglichkeiten wahrnahmen, um auf ihren Lebensraum aktiv einzuwirken.22 Schneider untersuchte ebenfalls das 1782 aufgehobene Chorfrauenkloster Kirchberg am Wechsel im Hinblick auf die Handlungsmöglichkeiten der Nonnen. Grundlage für die Analyse bilden auch hier Visitationsprotokolle, die für die Jahre 1773 und 1776 erhalten sind. Zwischen der herrschenden Obrigkeit und den beherrschten und klausurierten Nonnen, so Schneider, hatte sich ein bemerkenswertes Kräftefeld etabliert, das nicht ausschließlich von Macht und Abhängigkeit, sondern auch von Kooperation und einer stetig den Ausgleich suchenden Balance geprägt gewesen war.23 Bei dem von Christine Tropper 1991 untersuchten Frauenstift St. Georgen am Längsee in Kärnten sind neben den erhaltenen Wahlprotokollen ebenfalls Visitationsakten von grundlegender Bedeutung. St. Georgen unterhielt Schulen, die sowohl von Mädchen als auch von Knaben besucht wurden. Tropper verweist auf den flexiblen, sich den 21 Schneider, Ursulinenkonvent (Wie Anmerkung 1). 22 Christine Schneider, Beziehungen und Schwierigkeiten zwischen Klosterschwestern und ihren Oberinnen, in: Falk Bretschneider u. a. (Hrg.), Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung. Historische Studien zu Institutionen und Orten der Separierung, Verwahrung und Bestrafung, Bd. III, Leipzig 2011, 85 – 105. 23 Christine Schneider, Ein wohlgesittetes Frauenkloster – Die Visitationsprotokolle des Augustiner-Chorfrauenstiftes Kirchberg am Wechsel (1773/76), in: UH 3 (2007) 190 – 225. 3 Forschungsstand 19 Umständen mehrmals anpassenden Umgang mit den Klausurvorschriften in dieser besonderen Situation.24 Mit einem Vergleich der Klausurbedingungen vor und nach dem Konzil von Trient beschäftigt sich die Arbeit Francesca Mediolis. Sie stellt heraus, dass die weltliche und geistliche Obrigkeit nach dem Konzil auf die Einhaltung der Klausur in den Frauenklöstern größeren Wert legte als in den Männerklöstern. Die Obrigkeit argumentierte, dass die Einschließung der Nonnen die einzige Methode sei, um Reformen effektiv voranzubringen und nur sie verhindere Skandale und Missstände, die es vor 1563 gegeben habe.25 Auch die Regionalstudie Simone Laqua-O’Donells befasst sich mit den Folgen des Tridentinums für geistliche Frauengemeinschaften, wobei sie sich auf die Stadt Münster bezieht. Einige der Konvente widersetzten sich über einen längeren Zeitraum der Einführung der strengen Klausur. Die Autorin vollzieht nach, wie sie allmählich eine den Reformanforderungen gemäße Rolle innerhalb der Stadtbevölkerung fanden.26 Diese Studien stellen primär das Interagieren und die meist konfliktreiche Suche nach Ausgleich und Kooperation zwischen den Herrschenden und den Beherrschten in den Mittelpunkt. Die vorliegende Arbeit hingegen bezieht das ungleiche Machtverhältnis der weltlichen und der geistlichen Obrigkeiten und deren Auseinandersetzungen um das Aufsichtsrecht über die Klöster mit in diese Konstellationen ein. Anhand von Visitationsprotokollen, Chroniken und Nekrologien werden die Konsequenzen des zunächst als bedrohlich empfundenen Vordringens der weltlichen Obrigkeit in die inneren Angelegenheiten der Klöster aus der Perspektive der Nonnen herausgearbeitet. Aus diesen Quellen wird ersichtlich, dass die Schwestern Reichklaras und Armklaras mit den neuen Machtverhältnissen nicht nur einen organisatorischen und emotionalen Ausgleich fanden, sondern dass ihre 24 Christine Tropper, Die Entwicklungen des Konventes des Klosters St. Georgen am Längsee vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Aufhebung, in: StMGBO 102 (1991) 265 – 303. 25 Francesca Medioli, An Unequal Law: the Enforcement of Clausura Before and After the Council of Trent, in: Christine Meek (Hrg.), Women in Renaissance and Early Modern Europe, Dublin 2000, 136 – 152. 26 Laqua-O’Donell, Women. 20 Teil I: Einleitung Bedürfnisse ernst genommen und entsprechende Forderungen in den meisten Fällen realisiert wurden. Darüber hinaus eröffneten sich ihnen vor diesem Hintergrund Möglichkeiten selbstständigen Handelns, die beide Klöster auf unterschiedliche Weise nutzten. 4 Aufbau der Arbeit Die Arbeit wurde in fünf Hauptteile gegliedert, von denen der erste an das Thema heranführt und die Überlieferungssituation der beiden zu untersuchenden Klarissenklöster vorstellt. Der zweite Teil ordnet die beiden Konvente in die historisch-politische Situation in Mainz während der Bemühungen um die Umsetzung der tridentinischen Reformen ein. Er erörtert die in diesen Kontext einzuordnenden Jurisdiktionskonflikte zwischen der weltlichen und geistlichen Obrigkeit. Die schrittweise stärker werdende Dominanz der erzbischöflichen Autorität gegenüber den Ordensoberen wird anhand entsprechender Verordnungen und am Beispiel der Visitationen in Armklara und Reichklara nachvollzogen. Der dritte Teil beleuchtet die wichtigsten Alltagsbereiche des Klosterlebens der Nonnen Reichklaras bis zu dessen Aufhebung im Zusammenhang mit der Mainzer Aufklärung. Dabei werden die reformrelevanten Bereiche, demnach die Aufnahmekriterien für das Noviziat, die Klausurbedingungen, die Versorgung der Nonnen, die Organisation und Durchführung ihres geistlichen Lebens und die wirtschaftliche Lage des Konventes thematisiert. Um die beiden Frauenklöster vergleichend analysieren zu können, wird Armklara im vierten Teil anhand ähnlicher Aspekte untersucht. Das anschließende Fazit bezieht sich ergebnisorientiert auf die Leitfragen der Arbeit nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Konvente und nach den Möglichkeiten und Folgen, welche das Tridentinum und damit die Stärkung der erzbischöflichen Macht für sie hatte. Der Anhang enthält die Namen und, soweit nachweisbar, die Herkunftsorte und Eckdaten sämtlicher in den Quellen genannter Schwestern sowie tabellarische Übersichten über die personelle Entwicklung der Konvente, über die Daten der Visitationen und die Inhalte der jeweiligen Fragekataloge. 5 Methode 21 5 Methode Gisela Muschiol machte 1999 darauf aufmerksam, dass Studien zum Konfessionalisierungsprozess kaum geistliche Frauengemeinschaften berücksichtigten, um die generelle oder partielle Umsetzung katholischer Reformen genauer zu erforschen.27 Wissenschaftliche Analysen überlieferter Visitationsprotokolle besonders aus kontemplativen Frauen klöstern sind bis auf wenige Ausnahmen vernachlässigt worden, weil die Quellenlage aufgrund der in vielen Fällen standardisierten und gekürzten Niederschriften im Allgemeinen als ungünstig gilt.28 Für Reichklara und Armklara ist bezüglich der Visitationen und auch der Einzelbefragungen so reichhaltiges Material vorhanden, dass es eine wichtige Grundlage für die vorliegende Untersuchung bildet. Bei der Auswertung von Visitationsakten als Parameter für die Situationen der Befragten sind generell einige Aspekte zu berücksichtigen: Maegraith weist darauf hin, dass die Antworten der Nonnen durch die Sicht des protokollführenden Sekretärs gefiltert und so vermutlich teilweise verfälscht wurden. Zudem ist ein möglicher Interessenkonflikt zu beachten: Die Schwestern mussten auf größtenteils genormte Fragen sowohl im Sinne der Klostergemeinschaft als auch mit Blick auf ihre persönliche Situation und Verfassung antworten.29 Schneider argumentiert ähnlich. Sie betont, dass Visitationsprotokolle keineswegs etwa mit Tonbandaufzeichnungen verglichen werden dürften, da es immer der Sekretär gewesen sei, der der jeweils Stellung nehmenden Klosterfrau eine Stimme verliehen, ihre Aussagen zensiert und entschieden habe, 27 Gisela Muschiol, Die Reformation, das Konzil von Trient und die Folgen. Weibliche Orden zwischen Auflösung und Einschließung, in: Anne Conrad (Hrg.), „In Christo ist weder Man noch Weyb“. Frauen in der Zeit der Reformation und der katholischen Reform, Münster 1999, 173 – 189. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2002 machte Muschiol erneut auf diese Forschungslücke aufmerksam: Gisela Muschiol, „Ein jammervolles Schauspiel…?“ Frauen klöster im Zeitalter der Reformation, in: Sigrid Schmitt (Hrg.), Frauen und Kirche (Mainzer Vorträge 6), Stuttgart 2002, 99. 28 Zur Überlieferungssituation kontemplativer Frauenklöster in der Frühen Neuzeit: Schneider, Visitationsprotolle 190 – 225. 29 Maegraith, Zisterzienserinnenkloster 147. 22 Teil I: Einleitung in welcher Form sie auf dem Papier festgehalten wurden.30 Häufig verwendete der Schreiber anstelle der tatsächlichen Antworten stereotypische Formulierungen wie affirmativ oder negativ. Gleichwohl sind die Äußerungen der Klosterfrauen oft überraschend detailreich, vor allem bei den Protokollen zu den erzbischöflichen Visitationen. Für die vorliegende Analyse sind sie von Bedeutung, da sie einen Blick ins Innere des Klosters bieten, vom unmittelbaren Ort des Geschehens selbst berichten. Die für Reichklara überlieferten Fragen der durch den Provinzial durchgeführten Ordensvisitationen bestehen größtenteils aus Entscheidungsfragen und sind in einem wesentlich höheren Maß standardisiert als die formula visitandi des Vikariats. Letztere gestalten sich flexibler hinsichtlich der im Konvent auszutragenden Konflikte und ergänzen bei Unklarheiten die vorgegebenen Interrogata durch offenbar spontane Zusatzfragen. Infolgedessen sprachen die Schwestern während der erzbischöflichen Befragungen offener und ausführlicher über eventuelle Schwierigkeiten als bei den Ordensvisitationen, deren Protokolle zudem äußerst knapp gehalten sind. Sie lassen kaum Rückschlüsse auf die individuellen oder allgemeinen Sorgen und Wünsche der Nonnen zu, sondern beziehen sich überwiegend auf die Disziplinierung der geistlichen Bereiche des klösterlichen Lebens. Im Mittelpunkt der Befragungen sowohl der weltlichen als auch der geistlichen Obrigkeit stand wiederholt die Beachtung der Klausur. Die Antworten der Schwestern lassen darauf schließen, dass sie trotz der Reglementierungen immer wieder Möglichkeiten fanden, rudimentäre soziale Kontakte nach außen zu pflegen. Es zeigt sich, dass Frauenkonvente im 17. und 18. Jahrhundert, obwohl sie von Kontrollmaßnahmen und Regulativen in besonderer Weise betroffen waren, keineswegs nur fremdbestimmt die Rolle von passiven Untergebenen einnahmen, sondern durchaus beharrlich, selbstbewusst und oftmals erfolgreich für ihre Interessen und Bedürfnisse eintraten. 30 Schneider, Visitationsprotokolle 196. 6 Quellen zu Reichklara 23 6 Quellen zu Reichklara Reichklara hat als politisch einflussreiches und wohlhabendes Kloster umfangreiche Aufzeichnungen im Zusammenhang mit dem Erwerb und der Verwaltung von Grundbesitz hinterlassen. Der Hauptbestand dieser Archivalien befindet sich im Stadtarchiv Mainz. Das Klosterarchiv, die Bibliothek und die Kirchenschätze31 gelangten nach der Aufhebung des Konvents durch den Mainzer Erzbischof Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802)32 zunächst in den Besitz der Mainzer Universität, in der sie bis 1803 blieben. Im Zuge einer Aufteilung dieser Bestände durch eine von der französischen Verwaltung bestellten Kommission kamen Teile des Klosterarchivs in Form einer Schenkung in das Mainzer Stadtarchiv. Dieser Bestand enthält zwei Salbücher,33 von denen das erste mit einem Rückblick auf die Gründung durch eine Stiftung des Mainzer Patriziers Humbertus zum Widder beginnt. Die Konventsgeschichte selbst wird in eher unregelmäßiger Form darin weitergeführt.34 Die Salbücher listen überwiegend die dem Kloster eigenen Güter sowie deren jährliche Erträge auf, berichten über Bautätigkeiten, kriegsbedingte Zerstörungen, Investitionskosten, zeitgeschichtliche Ereignisse und juristische Auseinandersetzungen mit der weltlichen Obrigkeit. Salbuch I enthält eine Liste der Äbtissinnen der Jahre 1294 bis 1717,35 Inventaraufzeichnungen und ein Dekret von Papst Benedikt XIV. (1740 – 1758) bezüglich des privilegierten Altars der Klosterkirche. Salbuch II setzt mit dem Protokoll der von Kurfürst Anselm Kasimir 31 Zu den Kirchenschätzen Reichklaras: Friedrich Schneider, Die Schatzverzeichnisse der drei Mainzer Klöster Kartause, Reichen Klaren und Altmünster bei ihrer Aufhebung im Jahre 1781, Mainz 1901. 32 Erich Düsterwald, Kleine Geschichte der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz: 742 – 1802, Sankt Augustin 1980, 113. 33 StadtA Mainz: 13/336; 13/337. Paginiert. In der vorliegenden Arbeit ist beim Zitieren der Salbücher neben der Signatur die Seitenzahl angegeben. 34 Am 10. April 1619 ordnete Franziskanergeneral Pater Benignus von Genua in allen Klöstern der Franziskaner die Führung von Ordens- und Klosterchroniken an. 35 Diese Liste ist von Richard Dertsch im Jahr 1971 ergänzt und auf den damals aktuellen Stand gebracht worden (inliegend im Register zu: StadtA Mainz: 13/330 und 13/335). 24 Teil I: Einleitung Wambolt von Umstadt (1629 – 1647) 1647 in Auftrag gegebenen Visitation ein, dem sich ein Bericht über die Wahl der Johanna Catharina von Münchhausen zur Äbtissin anschließt. Die Aufzeichnungen des ebenfalls im Mainzer Stadtarchiv aufbewahrten Memorienbuchs beginnen im Jahr 1667. Es enthält die Namen derer zu Gott abgestorbenen Schwestern und benefactoren dieses Gotteshauses zu St. Clara.36 Der erste Eintrag erfolgte rückblickend für das Jahr 1294, der letzte wurde 1779 getätigt. Einschließlich des Jahres 1500 basieren die Einträge auf dem von 1294 bis zum Jahr 1500 geführten Nekrologium oder Kalendarium.37 Die Daten dieser frühen Epoche sind äußerst ungenau. Den Aufzeichnungen lassen sich jedoch die Namen der damaligen Bewohnerinnen Reichklaras und ungefähr die Zeit ihres Aufenthaltes im Konvent entnehmen. Darüber hinaus wurden Namen und Sterbedaten der Wohltäter sowie weiterer mit dem Kloster auf das Engste verbundener Personen eingetragen. Lebensdaten der Nonnen konnten teilweise mit Hilfe der Klosterurkunden (Urkundenreihe U/1289 Mai 3 bis U/1602 September 9) ergänzt werden. In der Stadtbibliothek Mainz wird ein Antiphonar aufbewahrt, das die Äbtissin Maria Ursula Jäger 1727 anfertigen ließ.38 Visitationsunterlagen aus den Jahren 1737 bis 1781 und Protokolle zu Äbtissinnenwahlen der Jahre 1717, 1748, 1771 und 1782 werden im Dom- und Diözesanarchiv Mainz aufbewahrt.39 Der gleiche Bestand enthält neben Anweisungen zur Gestaltung der Gottesdienste und zu Altarbenefizien verschiedene Prozessakten hinsichtlich der Güter Reichklaras.40 Im Bayerischen Staatsarchiv Würzburg befinden sich folgende Urkundenbestände aus dem Mainzer Regierungsarchiv, die Reichklara betreffen: Ein Aktenkonvolut mit der Aufschrift Reichenklarissen 36 StadtA Mainz: 13/335. Foliert. In der vorliegenden Arbeit ist neben der Signatur das jeweilige Datum angegeben. 37 StadtA Mainz: 13/330. 38 StBMz: Hs II 148. Paginiert. Das Antiphonar zählt zum ehemaligen Bestand der Mainzer Universitätsbibliothek. 39 DDAMz: K 102/II.1. 40 Findbuch „Alte Kästen“ des Dom- und Diözesanarchivs Mainz 80. 6 Quellen zu Reichklara 25 Kloster in Mainz, Einbringung in desselbe41 birgt Teile des klösterlichen Schriftverkehrs im Zusammenhang mit der 1737 erlassenen kurfürstlichen Amortisationsverordnung zur Limitierung des Kirchen- und Klosterbesitzes. Das Mainzer Ingrossaturbuch 77 enthält die auf den tridentinischen Dekreten basierende Reformcharta Wolfgang von Dalbergs von 1586.42 Ein weiteres ebenfalls in Würzburg archiviertes Statut vom 6. August 1585, das im Auftrag Wolfgang von Dalbergs verfasst wurde, kann keinem bestimmten Kloster eindeutig zugeordnet werden.43 Vermutlich handelt es sich bei diesem Dokument um die charta visitatoria für ein Zisterzienserinnenkloster.44 Da es zeitlich und örtlich mit der charta für Reichklara zusammenhängt, wurden relevante Abschnitte dieses Statuts berücksichtigt. Der Bestand E 6A 15/2 des Hessischen Staatsarchives Darmstadt enthält Informationen über die Verwendung einiger Güter nach der Aufhebung Reichklaras. Der historische Ort des Klosters kann als Quelle im Hinblick auf die hier aufgeführte Fragestellung kaum in Betracht gezogen werden. Das ehemalige Klostergebäude in der Reichklarastraße wurde während des Zweiten Weltkriegs stark zerstört, heute ist darin das Mainzer Naturhistorische Museum untergebracht. 41 StA Würzburg: MRA K 740/2780. Gemäß einer kurfürstlichen Verordnung im Zusammenhang mit dem erneuerten Amortisationsgesetz von 1773 waren sämtliche Mainzer Klöster verpflichtet, alle seit 1737 angenommenen Novizen und Novizinnen samt der Höhe ihrer Einbringungen und der Einkleidungs- und Ausstattungskosten aufzulisten. Damit sollte die Annahme ungesetzlich hoher Einbringungsbeträge verfolgt werden können: Hans Illich, Maßnahmen der Mainzer Erzbischöfe gegen kirchlichen Gütererwerb (1462 bis 1792). Ein Beitrag zur Geschichte der Aufklärungszeit, in: MainzZ 34 (1939) 76. 42 StA Würzburg: Mz Ingrb. 77, f. 70 – 77. 43 StA Würzburg: MRA H 1265, f. 3 – 26. Das Deckblatt ist verschollen. 44 Heinrich Schrohe, Geschichte des Reichklaraklosters in Mainz. Nach ungedruckten und seither unbenutzten Quellen dargestellt, Mainz 1904, 22. 26 Teil I: Einleitung 7 Quellen zu Armklara Die Quellenlage zu Armklara hat sich als ebenso günstig erwiesen wie diejenige zu Reichklara. Klosterchronik,45 Nekrologium,46 zwei Gebetbücher47 und das Statutenbuch48 befinden sich im Ordenshaus der 45 Ohne Signatur, ohne Folierung und Paginierung. Es handelt sich um narrative historiographische Texte, in die Erlasse und Verträge integriert sind. Diese Aufzeichnungen wurden im Januar 1668 von Äbtissin Elisabeth Gramaye und Beichtvater Ludwig Resch zur Underrichtung der nachkömmlinge begonnen. Die Chronologie setzt nicht mit der Klostergründung, sondern bereits mit dem Wirken von Franziskus und Klara im 13. Jahrhundert ein. Die Chronik nennt retrospektiv für jedes Jahr ordens- oder klostergeschichtlich wichtige Ereignisse und endet 1706. Zitiert wird wie folgt: „Chronik“ und die jeweilige Jahreszahl. Bei Angabe eines genauen Datums der Chronik wird dieses zitiert. 46 Liber recommendationis pauperum Sororum Sanctae Clarae civitatis Moguntinensis. Ohne Signatur, mit Folierung. Bei diesem Nekrologium handelt es sich um eine Pergamenthandschrift. Es wurde von 1667 bis 1797, also teils retrospektiv, geführt und mit einem Bericht von der Aufrichtung des Konvents St. Antonij der armen Klarissen eröffnet. Es dokumentiert die Sterbedaten der Schwestern, der Wohltäter des Klosters und vieler mit ihm in Verbindung Stehender. Außerdem führt es im Anhang die Namen aller Schwestern nebst den jeweiligen Daten ihrer Einkleidungen und der Professionsexamen auf. Zitiert wird wie folgt: „Lib. rec.“ und die jeweilige Folierung. 47 Gebet- und Andachtsbücher aus dem Nachlass der Armen Klarissen. Signaturen: III C 144; III C 316. Ohne Signatur: Gottesdienst der Heiligen Char oder Marterwochen, München 1640. In den Gebetbüchern sowie im Statutenbuch ist auf den Innenseiten der Buchdeckel handschriftlich vermerkt: Clara Theresia Dietz, Clarisin von Mainz. 48 Ohne Signatur, mit Paginierung. Es handelt sich bei dieser Handschrift um das 152-seitige Klosterstatut. Es wurde anlässlich der im August 1662 durchgeführten Visitation durch den Provinzial Bonaventura Reul bestätigt. Das Statut ist in sieben Kapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln eingeteilt. Das erste Kapitel handelt von den Aufnahmebedingungen der Novizinnen, das zweite von der Gestaltung der Gottesdienste, das dritte von der Beichte und der Kommunion, das vierte thematisiert die Arbeit der Nonnen im Konvent, das fünfte erläutert die Bedeutung der Armut, das sechste die Notwendigkeit der Einigkeit zwischen den Schwestern und geht auf das wöchentliche Schuldkapitel ein. Das abschließende Kapitel widmet sich den Kranken und ihrer Betreuung. 7 Quellen zu Armklara 27 Maria-Ward-Schwestern in Mainz. Auf welche Weise die Archivalien dorthin gelangten, ist nicht genau bekannt. Vermutlich wurden sie den Maria-Ward-Schwestern anvertraut, da diese sich nach der Aufhebung des Armklara-Klosters sehr liebevoll um die Klarissen gekümmert hatten.49 Das Klosterstatut stellte einen Verhaltenskodex dar, regelte das Zusammenleben der Gemeinschaft, den Ablauf der Gottesdienste und das Strafmaß bei Regelübertretungen. In bestimmten zeitlichen Abständen las eine der Schwestern den anderen Nonnen Textstellen daraus vor, so dass sein Inhalt stets präsent war. Im Dom- und Diözesanarchiv Mainz liegen neben den Visitationsprotokollen der Jahre 1745, 1762, und 1768 folgende Archivalien vor:50 Ausführliche Protokolle zur Wahl einer Äbtissin aus dem Jahr 1789, eine Urkunde bezüglich der Stiftung einer Messe, das Protokoll für die Aufnahme einer Novizin aus dem Jahr 1756 und Anweisungen zum Unterhalt der Beichtväter für die Zeit zwischen 1753 und 1789.51 In der Stadtbibliothek Mainz befindet sich ein Choralbuch, das Pater Anton Voltz 1768 für die Novizin Maria Francisca Josepha Schnugin anfertigen ließ.52 Im Zusammenhang mit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Armklara gegründeten Bruderschaft im Namen der heiligen Thekla haben sich ein Statutenbuch (Bruderschaftsbüchlein) und ein Andachtsbuch erhalten, die beide in der Martinus-Bibliothek aufbewahrt werden.53 Ein im Nekrologium erwähntes Kommemorationsbuch ist nicht erhalten.54 Das Professionsbuch des Kölner Klarissenklosters Marientempel wurde im Zusammenhang mit den Einkleidungs- und Professionsdaten der Gründungsschwestern hinzugezogen.55 49 Freundliche Auskunft von Sr. Irmgard, Ordenshaus der Maria-Ward- Schwestern in Mainz. 50 DDAMz: K 102/I. 1a–c. 51 Findbuch „Alte Kästen“ des Dom- und Diözesanarchivs Mainz 73. 52 StBMz: Hs II 302: Musica choralis sororum Clarissarum. Paginiert. 53 MB: Mz/1936; L/874. 54 Lib. rec., 58v. 55 HAK: A 1: Liber memorabilium conventus sororum S. Clarae 1611 – 1789. Paginiert. 28 Teil I: Einleitung Teile des ehemaligen Klostergebäudes und die Klosterkirche sind durch Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt und später restauriert worden. Einige der Räumlichkeiten beherbergen heute das Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz. 8 Reichklara und Armklara in der Geschichtsschreibung Armklara wurde mehrfach in der seraphischen Ordensgeschichte erwähnt: Adam Bürvenich (1603 – 1676), franziskanischer Chronist und Provinzial, widmet Armklara einige Seiten in den 1659 verfassten Annales Ministrorum Provincialium. Insbesondere Jurisdiktionsstreitigkeiten zwischen dem Ordinariat und den Ordensoberen werden hier thematisiert.56 Im Seraphischen Stammbuch von 1693 berichtet Pater Fortunatus Hueber (1639 – 1706) rückblickend über die Entstehung Armklaras: Item zu Mainz haben wir dem neugebauten Clarissen-Closter gewaltig auffgeholfen an Geistlicher Zucht und erhebliche Lebens-Mitlen, etliche vortreffliche Gottverpflichtete Ordens Persohnen S. Clarae Ordens als nemblich: Schwester Anna Ursula ein gebohrne von Walbrun und hinterlaßne Wittib deß abgelebten Herrn von Dalberg, Schwester Anna Apollonia, ein gebohrne von Ehrentraut und hinderlaßne Wittib des abgelebten Herrn von Schönburg, Schwester Maria Apollonia Kraßin, Gräfin von Scharpstein, die Schwesteren Margaretha und Elisabeth Gramaye, welche alle an hocher Tugent, Geblüt, Eyfer und Klösterlichen Strenge, einen heiligen Wandel geführet unnd einen allgemeinen Namen der Heyligkeit mit sich auß der Welt geführt haben.57 56 HAK: 295, GA 199: Adam Bürvenich, Annales Ministrorum Provincialium, Ordinis Fratrum Minorum almae Provinciae Coloniae a prima origine eiusdem usque ad praesens tempus, cum Elencho omnium Conventum eiusdem Provinciae Colonia, Köln 1659. 57 R. P. Fortunatus Hueber, Stammen-Buch oder Ordentliche Vorstellung unnd Jährliche Gedächtnuß aller Heyligen/Seeligen/Vortrefflichen/Wun dert hättigen/Himmelswürdigen/Gnadenreichen/Hocherleuchteten/Ver 8 Reichklara und Armklara in der Geschichtsschreibung 29 In der 1722 von dem protestantischen Theologen und Historiker Georg Christian Joannis (1658 – 1735) verfassten Geschichte der Stadt Mainz ist ein vierseitiger Eintrag der Gründung Reichklaras gewidmet.58 Der Beginn dieses Berichtes hebt die Wohltäterschaft des Stifters Humbertus zum Widder besonders hervor: Monasterium D. Clarae statuerunt ac excitarunt Humbertus de Ariete (vulgo Wider) & Elisabeth zum Jungen, conjuges. Tabulis sane, quibus Humbertus Elisabetha eidem bona sua anno MCCLXXXII transscipserunt, in libro, qui vocabulo in monasteriis curiisque receptor, das Copial-buch vocatur, hic praefixus est titulus: Erste giftung des Stifters Humberti & Elisabeth.59 Eine Übertragungsurkunde mehrerer Güter an Reichklara ist bei Joannis wörtlich wiedergegeben, die Zeugen dieses Rechtsaktes sind aufgelistet. Das gleiche Werk berichtet auch über die Gründung Armklaras. In dreizehn kurzen Abschnitten schildert es die Ereignisse nach der Ankunft der Kölner Schwestern in Mainz. Der erste Teil erzählt von Pater Nikolaus Vigerius (1555 – 1628), dem damaligen Provinzial der Kölner Ordensprovinz der strengen Observanz und Initiator der Neugründung.60 Ihm oblag die seelsorgerische Betreuung der Schwestern und er trug dem Mainzer Erzbischof Johann Schweikhard von Kronberg (1604 – 1626) die Idee der Gründung eines weiteren Klarissenklosters vor. „Vigerius“ ist die latinisierte Form von „Wiggers“, es handelte sich um den aus Haarlem stammenden Diözesanpriester Nikolaus Wiggerszuckten/Vollkomnen unnd Kirch-berühmten Diener unnd Dienerinnen Gottes/Martyrer/Beichtiger/Jungfrawen/Frauen unnd Büsseren von Anfang bis zu jetzigen Zeiten, München 1693, 158. 58 Georg Christian Joannis, De sororum D. Clarae vulgo der Reichen Clarissen, in: Volumina tria rerum Moguntiacarum, Bd. II, Frankfurt 1722, 871 – 874. 59 Übersetzung: „Humbertus zum Widder und seine Ehefrau Elisabeth zum Jungen haben die Errichtung des Klara-Klosters angeregt. Die Verzeichnisse der Güter, die Humbertus und Elisabeth ihm im Jahr 1282 überschrieben haben, sind unter dem Titel ‚Erste Schenkung des Stifters Humbertus und der Elisabeth‘ in dem Buch niedergelegt, das ‚Copialbuch‘ genannt wird“. 60 Johannes Schlageter, Art. „Wiggers-Cousebant“, in: LThK 10 (2001) 1166. 30 Teil I: Einleitung Cousebant. Das folgende Zitat aus dem Werk des Joannis verdeutlicht das große Bemühen des Nikolaus Vigerius um die katholische Reform: Qui Fratribus Ordinis Seraphici locum Moguntiae suis impetraverat precibus, Rever. admodum P. Nicolaus Vigerius, ut similiter pro pauperculis D. Clarae de tertia regula Sororibus in eadem aliquem, asceterio suscitando idoneum, obtineret, curae sibi habuit. Anno pron MDCXIX, quem ante tam benignum facilemque expertus fuerat, Celsissimum Archiepiscopum, Joanem Suicardum, reverenter convenit, humilique rogavit prece, hospitiolum eisdem in urbe concederet.61 Joannis’ zweiseitiger Bericht gibt im Wesentlichen die im Vorbericht zum Nekrologium dargestellten Ereignisse wieder.62 Nach ihrer Ankunft in Mainz erlaubte der Kurfürst ihnen die Übernahme eines ehemaligen Antoniterklosters unter der Bedingung, dass sie für den Gewaltboten, der die Klostergebäude zu dieser Zeit bewohnte, eine alternative Unterkunft zur Verfügung stellen konnten. Mit der finanziellen Unterstützung der Domvikare Franciscus Sang, Melchior Herpoll und Johannes Scheubel erwarben die Klarissen, die unterdessen in einer privaten Wohnung untergebracht waren, für den Boten das Haus „Zum Langhof“. Am 6. August 1620 zogen sie vom Diebmarkt kommend63 festlich in ihr neues Kloster ein. 61 Georg Christian Joannis, D. Clarae De sororum de tertia regula, vulgo der Armen Clarissen parthenone, in: Volumina tria rerum Moguntiacarum, Bd. II, 877 – 878. Übersetzung: „Pater Nicolaus Vigerius hatte schon die Ansiedlung der Brüder des seraphischen Ordens in Mainz erreicht. Für die armen Schwestern der dritten Regel, deren Seelsorger er war, wollte er gleicherma- ßen erreichen, dass in diesem Ort ein geeignetes Kloster erbaut werde. Im Jahr 1619 trat er ehrwürdig vor den Erzbischof Johann Schweikhard und bat ihn demütig, dass er ihm dies in der Stadt erlaube“. Bei den Mainzer Armen Klarissen handelte es sich allerdings nicht um Terziarinnen. Sie gehörten der Ersten Regel des Zweiten Ordens an. 62 Chronik, Urkunden vom 8. Mai 1620. 63 Chronik, 6. August 1620. Am Diebmarkt wohnte Maria Schad mit ihren vier Töchtern, bei denen die Schwestern von November 1619 bis August 1620 lebten. 8 Reichklara und Armklara in der Geschichtsschreibung 31 In der 1737 von Denis de Sainte-Marthe, einem französischen Kirchenhistoriker und Benediktiner, verfassten Gallia christiana64 wird die Gründung Reichklaras in einem kurzen Artikel erwähnt. Heinrich Brühl geht als Chronist der Stadt Mainz im Jahr 1829 auf die damals fast 30 Jahre zurückliegende Aufhebung Armklaras ein. Als Quelle führt er noch lebende Nonnen und einen als wahrheitsliebender Mann bekannten Geistlichen an, der oft in dem Kloster die Messe gelesen hatte.65 Er nennt 1800 als Aufhebungsjahr, während Armklara bis 1802 existierte: Aus gemeinsamer Entbehrung ging festes Zusammenhalten unter den Klosterfrauen und eine solche Anhänglichkeit hervor, daß bei dessen, i. J. 1800 erfolgter Aufhebung, mehrere derselben nur mit Gewalt dazu konnten gebracht werden, das liebgewonnene Asyl zu verlassen. Karl Anton Schaab erläutert im zweiten Teil seiner vierbändigen Geschichte über die Stadt Mainz die unterschiedlichen Nutzungen der Klostergebäude Reichklaras während des 19. Jahrhunderts.66 Ein 1850 in der von Andreas Räß herausgegebenen Zeitschrift Der Katholik erschienener Artikel stellt die von Johann Schweikhard von Kronberg geförderte Klostergründung Armklaras explizit in den Zusammenhang reformatorischen Agierens seitens des Kurfürsten.67 Erstmals wird der politische Kontext erwähnt, der dazu beitrug, dass sich das Interesse der weltlichen Obrigkeit auf die reformierten Zweige des Franziskanerordens richtete. Das beispielsweise von den Kapuzi- 64 Denis de Sainte-Marthe (Hrg.), Gallia christiana in provincias ecclesiasticas distributa, in qua series et historia Archiepiscoporum, Episcoporum et Abbatum regionum omnium, quas vetus Gallia complectebatur, ab origine ecclesiarum ad nostra tempora deducitur & probatur ex authenticis instrumentis ad calcem appositis, Bd. V., Paris 1737, 602. 65 Heinrich Brühl, Mainz, geschichtlich, topographisch und malerisch dargestellt, Mainz 1829, 294. 66 Karl Anton Schaab, Geschichte der Stadt Mainz, Bd. II, Mainz 1844, 219. Weitere kurze Erwähnungen der Mainzer Klarissenklöster in: Schaab, Geschichte, Bd. I, 385 und 518, Bd. III, 239 – 240. 67 Andreas Räß, Stiftung des Klosters der Armen Klarissen zu Mainz, in: Der Katholik. Neue Folge1 (1850) 227– 234. 32 Teil I: Einleitung nern konsequent in die Tat umgesetzte Armutsideal wurde, so Räß, als Ausdruck ursprünglicher katholischer Intention wahrgenommen. Für das Volk verkörperten sie aufgrund ihrer Lebensweise, wie es Hillard von Thiessen formuliert, effektive Vermittler zur Sphäre des Transzendenten.68 Da Johann Schweikhard von Kronberg, wie Räß ihn schildert, ein mit Eifer für die katholische Mission erfüllter Landesherr war, kam ihm die Beliebtheit der Kapuziner sehr entgegen. In diesem Kontext hatte er gute Gründe, dem Ansinnen des Vigerius freudig zu willfahren.69 Georg Bockenheimers Aufsatz von 1876 konzentriert sich hingegen auf die Zeit nach der Aufhebung Armklaras und stellt die Kontroversen um die Klosterräumlichkeiten dar, als im 19. Jahrhundert die Eigentumsfrage aktuell wurde.70 Georg Wilhelm Wagner und Friedrich Schneider skizzieren in einem Überblick über aufgehobene Klöster im ehemaligen Großherzogtum Hessen in kurzen Abrissen die Geschichte Reichklaras während der ersten Jahrhunderte seines Bestehens,71 wobei sie sich auf die Sammlung hessischer Urkunden von Ludwig Baur stützen.72 Die bisher einzige Monographie zu Reichklara verfasste Heinrich Schrohe 1904. Schrohe geht von der Gründung bis zur Aufhebung und den Übertragungen des Vermögens von Reichklara an die Mainzer Universität Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend chronologisch vor, wobei er grundlegende politisch-religiöse Entwicklungsprozesse wie die Reformation, das Tridentinum sowie die katholische Reform 68 Hillard von Thiessen, Intendierte Randständigkeit und die „Macht der Schwachen“. Zur Wahrnehmung des erneuerten Armutsideals der Kapuziner in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit, in: Heinz-Dieter Heimann u. a. (Hrg.), Gelobte Armut. Armutskonzepte der franzikanischen Ordensfamilie vom Mittelalter bis in die Gegenwart, Paderborn 2012, 425. 69 Räß, Stiftung 230. 70 Karl Georg Bockenheimer, Das ehemalige Armen-Klaren-Kloster, Mainz 1876. 71 Georg Wilhelm Wagner und Friedrich Schneider (Hrg.), Die vormaligen geistlichen Stifte im Großherzogtum Hessen, Bd. II, Darmstadt 1878, 213 – 222. 72 Ludwig Baur, Hessische Urkunden. Aus dem Großherzoglich Hessischen Haus- und Staatsarchive zum Erstenmale herausgegeben, Bd. I – IV, Darmstadt 1866. 8 Reichklara und Armklara in der Geschichtsschreibung 33 weitgehend unberücksichtigt lässt.73 Andreas Ludwig Veit dagegen stellt die nachtridentinische Visitationspraxis der Mainzer Erzbischöfe in den Mittelpunkt seiner 1910 erschienenen Publikation über kirchliche Reformbestrebungen, erwähnt die Eingriffe des Vikariats unter Johann Philipp von Schönborn in die inneren Organisationsstrukturen des Konvents und die Zurückdrängung der geistlichen Obrigkeit.74 1922 stellt Heinrich Schrohe in einem Aufsatz über die Geschichte der Mainzer Armen Klarissen die Besetzung der Stadt durch französische Truppen im Jahr 1689 aus der Perspektive der Schwestern dar und schildert anhand der Chronik die Beschießung und die drohende Zerstörung ihres Klosters. Auf der Grundlage einiger der erhaltenen Visitationsprotokolle bietet er Einblicke in das Leben in der Klausur, ohne dass er die Existenzbedingungen der Schwestern in die nachtridentinische von Reformversuchen geprägte Situation einordnet.75 1950 thematisiert Laetitia Brede, sich in großen Teilen auf Schrohe beziehend, Klostergründung und Tagesablauf der Armen Klarissen. Sie schildert die Krise unter der schwedischen Herrschaft und zunehmende Konflikte der geistlichen Obrigkeit mit dem erzbischöflichen Vikariat. Brede schließt mit der Aufhebung Armklaras und erwähnt die weitere Verwendung der Klostergebäude.76 1957 erschien ein Aufsatz Richard Falcks über die letzte Äbtissin Armklaras.77 Falck stellt Lebensweg und Werdegang der Salome Schnug dar, die als Tochter eines Zinngießers 1767 eingekleidet wurde, den Klosternamen Maria Francisca erhielt und das Kloster als seine letzte Vorsteherin führte. Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht ihre Wahl zur Äbtissin und ihre Amtseinführung, wobei Falk wiederholt ihren wür- 73 Schrohe, Reichklarakloster (Wie Anmerkung 46). 74 Andreas Ludwig Veit, Kirchliche Reformbestrebungen im ehemaligen Erzstift Mainz unter Erzbischof Johann Philipp von Schönborn 1647 – 1673 (Studien und Darstellungen aus dem Gebiete der Geschichte 7), Freiburg im Breisgau 1910. 75 Heinrich Schrohe, Die armen Klarissen in Mainz, in: FS 9 (1922) 80 – 101. 76 M. Laetitia Brede, Fritz Arens, Kirche und Kloster St. Antonius (Armklaren) zu Mainz (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz 13), Mainz 1950. 77 Richard Falck, Die letzte Äbtissin des Mainzer Armklarissenklosters. Eine Mainzer Bürgerstochter, in: MainzZ 52 (1957) 62 – 71. 34 Teil I: Einleitung digen Umgang mit der zunächst drohenden und schließlich erfolgten Klosteraufhebung betont. 2006 thematisiert Helmut Hinkel die sich ab 1713 in Armklara vollziehende und für die Außenwirkung des Konvents bedeutsame Verehrung der Katharina von Bologna im Kontext neuer öffentlichkeitswirksamer Andachtsformen, wie sie sich während des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts herausbildeten.78 In den Zusammenhang der spirituellen Wahrnehmung Armklaras durch die Bevölkerung gehört auch die Bruderschaft im Namen der heiligen Thekla. Die Prozesse der Entstehung dieser Gebetsbruderschaft sowie die Bedeutung des Thekla-Kultes analysiert Hinkel in einem 2010 erschienenen Aufsatz.79 78 Helmut Hinkel, Miracul der Wunderwerck Gottes. Katharina von Bologna und Armklara in Mainz, in: MainzZ 101 (2006) 97 – 117. 79 Helmut Hinkel, Thekla-Kult im barocken Mainz, in: MainzZ 105 (2010) 157 – 168.

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References

Zusammenfassung

Während in den vergangenen Jahren bereits einige Monographien über Klarissenklöster in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Zeit vor und während der Reformation erschienen sind, blieb die Situation weiblicher Konvente während der katholischen Reform und der beginnenden Aufklärung im deutschsprachigen Raum lange Zeit ein blinder Fleck.

Sigrun Müller schließt diese Forschungslücke und leistet einen analytischen Vergleich zweier zwischen 1620 und 1781 parallel in Mainz existierender Klarissenklöster, die sich nach inhaltlich unterschiedlichen Ordensregeln richteten: Reichklara, das ältere der beiden Konvente, verfügte über Grundbesitz. Armklara, während der katholischen Reform gegründet, lebte dagegen überwiegend von Almosen und der Herstellung von Handarbeiten.

Im Zusammenhang mit den Reformen in Zuge des Konzils von Trient, das dem Erzbischof das Aufsichtsrecht über die Frauenklöster zusprach, stellt sie die Frage nach dem Verhältnis beider ideell stark unterschiedlichen Klarissenklöster zur weltlichen Obrigkeit. Auch werden Veränderungen bezüglich der den Nonnen zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume im Klosteralltag aufgezeigt, die sich aufgrund des durch das Tridentinum legitimierten bischöflichen Machtzuwachses vollzogen haben.