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3 Ausblick: Umbesetzung – Assimilation – Neuansatz in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 381 - 388

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3866-6, ISBN online: 978-3-8288-6639-3, https://doi.org/10.5771/9783828866393-381

Tectum, Baden-Baden
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381 3 Ausblick: Umbesetzung – Assimilation – Neuansatz Es wäre allerdings ein Verfehlen der Komplexität und der neben den Brüchen doch auch zu beobachtenden Momente von Kontinuität des geistesgeschichtlichen Prozesses, wollte man die christliche Haltung zur antiken Geistigkeit auf das negative Moment der Kritik reduzieren. Perhorresziert die neue Lehre auch das Interesse an Naturerkenntnis und profanem Wissen generell und liquidiert sie die Institutionen der antiken Kultur und Wissenschaft, so verhält sie sich doch in differenzierterer Weise zu der großen, durch den Platonismus initiierten idealistischen Richtung antiker Weisheit, der Logosphilosophie. Diese wird nicht einfach als ‚heidnische‘ Verirrung abgetan, sondern als eine Art Vorbereitung auf das betrachtet, was man mit dem Auftreten von Jesus dem Christus in die Welt gekommen sieht. Wie Augustinus die Artes, das griechische Quadrivium, als Instrument zur Kritik des Manichäismus nutzt, so assimiliert die frühe Theologie insgesamt die Logosphilosophie in doktrinaler Absicht. Im Zentrum dieses Vorgangs steht dabei eben der erstmals von Heraklit thematisierte und dann von Platon breit exponierte Begriff des Logos als der Realität nicht nur der vernünftigen Rede, sondern im weiteren Sinne der (menschlichen) Geistigkeit überhaupt1597. Wie ansatzweise schon bei Heraklit, wird in der Folge im stoischen Denken1598 der Begriff des Logos, in ebenfalls metaphysischer Überhöhung zur weltkonstituierenden Macht hypostasiert, zum „aktiven Prinzip, das dem Kosmos und den in ihm enthaltenen Seienden ihre Beschaffenheit schenkt“1599. Hier knüpft die christliche Theologie an. Durch den jüdisch-griechischen Philosophen Philon von Alexandria, der etwa 25 vor bis 50 nach Christus, also zeitgleich mit Jesus von Nazarath selbst lebt, wird in einer Verschmelzung von jüdischer Theologie und griechischer Philosophie der Logos „bald als oberste Idee [im Sinne Platons], bald als oberster Erzengel (Knechte Gottes) dargestellt“1600, also partiell zum transzendenten Wesen personalisiert. Mitte des 3. Jahrunderts n.Chr. schließlich deutet der Neuplatoniker Plotin (203-269 n.Chr.), der „den stoischen Logos-Begriff in eine platonische Metaphysik integriert“1601, die pluralisch aufgefassten logoi als 1597 Vgl. zum Logos bei Platon oben, Kap. III 1.5 1598 Zu Letzterem vgl. oben, Kap. III 4 1599 J. Opsomer: Art. Logos, WaPh, S. 259 R 1600 Art. Philon, PhWb, S. 557 (Zusatz in eckigen Klammern Sk.) 1601 Opsomer, a.O., S. 260 R 382 „seelische Entitäten“1602, ihm sind es „die [platonischen] Ideen auf der Ebene der Seele“1603, und zwar als Individualseelen wie als „Weltseele“1604. In der Aneignung und Fortführung derartiger ‚heidnisch‘- bzw. jüdischphilosophischer Logos-Spekulation erarbeitet die früheste, noch „primitive“1605 christliche Theologie der sogenannten Apologeten, deren bedeutendster der sich selbst in vollem Sinne als Philosoph verstehende Justin(us) der Märtyrer (um 110-165 n.Chr.) ist, ab Mitte des 2. Jahrhunderts eine eigene christliche Logos-Lehre. Die allgemeinen, von den Apologeten verfolgten Ziele sind einmal die „Polemik gegen den heidnischen Polytheismus“1606, sodann die „Widerlegung der [von römischer Seite] gegen das Christentum erhobenen Vorwürfe [wie] Atheismus, Staatsverrat [und] widernatürliche Laster“1607, was mit dem „Hinweis auf Frömmigkeit und Leben der Christen [sowie] ihre loyale Haltung gegen die Obrigkeit“1608 abgewehrt wird, und schließlich ein philosophisch argumentierender „Wahrheitserweis des Christentums“1609. Für diesen fällt dem Logos eine prominente Rolle zu, insofern dieser von den Philosophen zum Kern und Zentrum des Seins erhobene Begriff als in Jesus Christus verwirklicht und in die Welt getreten interpretiert wird: „Christus allein ist die volle Offenbarung des Logos“1610. Von diesem Interpretament aus enthüllt sich der Patristik die antike Logos-Lehre als Vorgeschichte ihrer christlichen Verwirklichung. Es bildet sich so die Auffassung, dass „neben der Geschichte Israels gleichsam [in Form platonisierender Logos-Philosophie] ein zweiter heilsgeschichtlicher Weg auf das Christentum zu[führt]“1611, so dass dieses sozusagen die „“1612 ist und dass Philosophen wie Sokrates „insgeheim schon Christen [waren]“1613. Ganz konkret drückt die präsumtive Vorbereitungsfunktion der Philosophie für das Christentum Clemens von Alexandria (ca. 150–210/16 n. Chr.) aus, wenn er in den Stromateis feststellt: „Vielleicht wurde die [] Philosophie 1602 Ebd. 1603 Ebd. 1604 Ebd. 1605 Heussi 1960, S. 47 1606 Ebd., S. 46 1607 Ebd. 1608 Ebd. 1609 Ebd. (Hervorh. Sk.) 1610 Ebd. 1611 Moeller 1965, S. 51 (Zusatz Sk.) 1612 Ebd. 1613 Ebd. (Hervorh. Sk.) 383 um ihrer selbst willen den Griechen gegeben [gemeint ist: durch Gott]; denn auch sie erzog das Griechenvolk für Christus wie das Gesetz die Hebräer“1614. Und die Theologie rezipiert weitere Begriffe und Vorstellungen der antiken Philosophie. So bestimmen die Vertreter der negativen Theologie, für die die Realität Gottes jede mögliche, stets endliche Bestimmung übersteigt, dessen Natur nur mit negativen Prädikaten, unter anderem mittels des historisch ehrwürdigen, uns von Anaximander bekannten Merkmals der Grenzenlosigkeit, des apeiron1615. Und auf dem Konzil von Nikaia im Jahr 325, das mit der These der Göttlichkeit von Jesus Christus das erste große kirchliche Dogma fixiert, erfolgt dessen sprachliche Formulierung mit Rückgriff auf den platonischaristotelischen Terminus der ousía, also der Wesenheit (bzw. der Substanz): Christi Göttlichkeit wird „mit dem Begriff (homooúosis) [bezeichnet] – womit ausgedrückt werden sollte, daß Jesus Christus die gleiche Wesenheit wie Gott besitzt“1616. Wie sich im Einzelfall ‚heidnische‘ Philosophie und christliche Theologie personell verschränken können, zeigt das Beispiel des im vorigen Kapitel bereits als Schüler der Hypatia erwähnten Synesios von Kyrene (einer griechischen Stadt im östlichen Libyen). Der Darstellung Schupps zufolge war Synesios „kein Christ, aber mit einer Christin verheiratet“1617. Er „verstand sich [selbst] als platonischer Philosoph [und] sah [] seine Philosophie [] nicht als im Gegensatz zum Christentum stehend“1618. Trotz dieser Differenz seiner Position zum Christentum wurde Synesios, der auch ein Mann der Politik war und einige Jahre am Kaiserhof in Konstantinopel tätig gewesen war, im Jahre 410 zum Bischof von Ptolemais (Libyen) ernannt. In der solcherart ihm zufallenden Zuständigkeit für die Seelsorge der Gläubigen findet er die für das Verhältnis von Philosophie und Christentum, Theologie und Verkündigung exemplarische und geschichtsmächtig gewordene Bestimmung, der zufolge „“1625, als den Augustinus die Menschheit betrachtet, befreit zu werden – wird die transzendente himmlische Sphäre aufs Anmutigste ausgemalt mit den um Gottes Thron herum gruppierten Heerscharen der Engel, Märtyrer und Heiligen – wie wir es aus den künstlerischen Vergegenwärtigungen vergangener Jahrhunderte kennen. Werden auch durch das Christentum die widervernünftigen und zum Teil barbarischen Naturkulte zuerst im Süden und dann im Norden des Kontinents ausgerottet und durch das Evangelium der agápe, der reziproken Liebe von Gott und Mensch und Mensch zu Mensch ersetzt, so senkt sich, prononciert gesprochen, durch die kirchliche Etablierung eines weltlich- überweltlichen Imperiums eine Art mehrhundertjähriger Umnachtung auf die europäische Menschheit, in der das Licht, wie in Platons Höhle, von oben kommt, das heißt nur das Jenseits hell erstrahlt. Und doch bilden sich im Verlauf dieser von der neueren Zeit selbstbewusst als Mittelalter apostrophierten Jahrhunderte, im ständigen Spannungsverhältnis zwischen dem autoritativen Anspruch der Kirche, Verwalterin der Wahrheit und damit Herrin über die Gedanken zu sein, und dem, wie am griechischen Ursprung aufgezeigt, seiner Natur nach auf Autonomie und vo- 1625 Zit. Moeller 1965, S. 127 387 raussetzungsloser Erkenntnis insistierenden Denken, die Bedingungen eines erneuten tiefgreifenden historischen Paradigmenwandels heraus. Die von der christlichen Religion dem Menschen beigelegte Vorzugsstellung in der Hierarchie der Geschöpfe – sie ist logisch allein schon durch die Exklusivität des menschlichen Gottesbezugs gegeben –, seine Stellung als Mandatar Gottes in der geschaffenen Natur und als Gegenstand besonderer göttlicher Fürsorge (der Gottessohn ist ja für die Sünden der Menschen gestorben), schlägt unter dem Antrieb des Denkens am Ende um in das der heidnischen Antike fremde Bewusstsein einer besonderen Würde des Menschen als solchen, auf der Ebene der Gattung, und in dessen Selbstermächtigung zum souveränen Herrn nicht nur der Welt, sondern auch seiner selbst: als „Former und Bildner [s]einer selbst“ hatte, wie zitiert, der Renaissance- Philosoph Pico della Mirandola den Menschen in seiner Rede über die Würde des Menschen definiert1626. Der Mensch wird nun erst ‚selbstbewusst‘ – nicht in dem formalen ontologischen Sinne eines Seienden, das um sein eigenes Sein weiß, dies liegt in seiner menschlichen Natur –, sondern in dem ethischen Sinne einer historisch neuen, hochschätzenden Selbstbewertung der eigenen Gattung. In solchem Bewusstsein erfolgt im 15./16. Jahrhundert die Zuwendung zur und die freie Aneignung der antiken Kultur, ein Unternehmen, das den Doppelnamen von Humanismus und Renaissance erhält und das den der Antike wie dem Mittelalter fremden Impuls freisetzt zur umfassenden Erschließung und praktischen Eroberung der Welt, zunächst noch beschränkt auf den Planeten Erde und die irdische ‚Natur‘. Erst jetzt, da mit der Verwerfung des durch die Kirche verteidigten aristotelisch geschlossenen Sphärenkosmos mit der zentralen Position einer ruhenden Erde durch Denker wie Nikolaus von Kues, Giordano Bruno und, als wirkungsmächtigstem, Nikolaus Kopernikus die Erde als in Relation bedeutungsloser kosmischer Körper irgendwo im unermesslich weiten Universum erkannt wird, erfährt sich der Mensch als das, was er von Anbeginn war, als der opake, sich selbst nicht durchweg transparente, aber Helligkeit schaffende Durchleuchter des Seienden. Was geistig eine Ankunft ist, bedeutet praktisch und materiell den Aufbruch in jene sich selbst als Neuzeit und Moderne bezeichnende Epoche, in der sich auf der Grundlage der sich in der Renaissance vorbereitenden und im 17. Jahrhundert sich verwirklichenden Naturwissenschaft sowie der durch diese hervorgebrachten und sich kontinuierlich im Sinne der aristotelischen Uto- 1626 Vgl. oben, Kap. III 5.3 388 pie1627 vervollkommnenden Technik die vor unseren Augen stattfindende Transformation der Erde in eine gemeinsame, die Gattung integrierende und in diesem Sinne ‚globale‘ Stätte menschlich-freien Wohnens ereignet. Es ist dies ein höchst interessantes, aber mit immer deutlicher hervortretenden Risiken behaftetes Unternehmen experimentellen Charakters, dessen Erfolg keineswegs als garantiert erscheint. Doch dies ist Thema eines anderen Diskurses und nicht mehr Gegenstand der vorliegenden Schrift. 1627 Vgl. dazu oben, Kap. I 2.3.3.3

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts dritter Band demonstriert die Vollendung der antiken Wissenschaftsidee in den Konzeptionen Platons, vor allem aber Aristoteles’, sowie die im Hellenismus einsetzende Schwächung der Denkform Wissenschaft, einerseits durch das Aufkommen des Skeptizismus, andererseits durch das äußere Hemmnis einer neuen Religiosität. Der Band schließt mit Hinweisen auf das subkutane Überleben von Theorie in der virtuellen Form der christlichen Theologie und das durch Namen wie Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton gekennzeichnete Wiederaufleben der Naturwissenschaften in der Neuzeit.