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1 Flucht ins Irrationale: die Mysterienkulte in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 331 - 344

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3866-6, ISBN online: 978-3-8288-6639-3, https://doi.org/10.5771/9783828866393-331

Tectum, Baden-Baden
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Teil IV Spätantike Unterdrückung der Idee sachhaltigen Wissens 333 1 Flucht ins Irrationale: die Mysterienkulte Mit der Darstellung des Skeptizismus gelangt meine Rekonstruktion der Geschichte der antiken Rationalität und Wissenschaft zu ihrem inneren und binnen kurzem auch zum äußeren Abschluss. Trotz seiner Absage an das Ideal des Weisen und mit seinem Plädoyer für die Orientierung an der alltäglichen Lebenserfahrung gehört auch der Skeptizismus noch ebenso in die hellenistische Tradition der das Ethisch-Praktische betonenden Philosophien wie der Epikureismus und die von ihm besonders polemisch attackierte Stoa, und er gehört wie diese zu den Richtungen, deren Hauptinteresse auf das Problem geht, wie ein glücklich zu nennendes Leben verfasst sein müsse und auf welche Weise der Einzelne in diese Verfassung gelangen könne. Und doch nimmt der Skeptizismus eben durch seine Absage an die Ideen des theoretischen Wissens wie der ethisch-praktischen Weisheit eine Sonderstellung ein: Seine Kernthese, dass der Mensch sich bezüglich seines Verlangens nach Erkenntnis und Wahrheit des Urteils enthalten, epoché üben müsse, verweist auf eine Erschöpfung dieser Paradigmata. Der Skeptizismus ist zu verstehen als Symptom der Krise des rationalen, auf Denken und Vernunft setzenden Prinzips, dem sowohl die antike Wissenschaft wie die Weisheitslehren, denen sie entsprang, verpflichtet sind. Gekennzeichnet ist das rationale Prinzip durch die Voraussetzung der Immanenz des Sinns: Von der denkenden Zuwendung des Menschen zur Welt und zu sich selbst wird die geistige Fundierung des Daseins erwartet. Das bedeutet nicht notwendig Verwerfung des Religiösen und Atheismus (diesen gibt es allerdings auch im griechischen Denken), vielmehr wird die Frömmigkeit, das affirmative Gottesverhältnis, als integrales Element des Daseins angesetzt, ohne indessen verabsolutiert zu werden. In diesem Sinne hatten ja Platon und Aristoteles, auch die Stoiker und sogar noch die Skeptiker die Frage des Göttlichen zum Gegenstand der Reflexion gemacht und zum Teil einer positiven Bestimmung zugeführt. Das Vertrauen in die denkende, die Lebenswirklichkeit gestaltende Vernunft, das in Platons und Aristoteles‘ Schriften seinen gültigsten Ausdruck gefunden hatte, schwindet jedoch im von Machtoptionen und territorialer Expansion geprägten Hellenismus; es wird auf Jahrhunderte hinaus verschüttet bleiben. An seine Stelle tritt im Leben des Einzelnen – eine Kategorie, die aus der Vereinzelung des Menschen in den hellenistischen Großreichen, in der Dialektik von Universalismus und Individualis- 334 mus1428 erst eigentlich entsteht – die Dominanz des Transzendenzbezugs, die dann vom Christentum geheiligt und historisch besiegelt wird. Während in Athen die Vertreter der diversen philosophischen Schulen noch um die überlegenen Argumente konkurrieren, bezüglich der Fragen, ob Erkenntnis möglich ist und wie das gute Leben zu gestalten sei, und sich au- ßerdem damit befassen, die Söhne der wohlhabenden Griechen bzw. der Führungseliten der hellenisierten Länder und in der Folge auch der Römer in die Philosophie als Lebensform einzuführen, und während im Museion von Alexandreia die führenden Gelehrten ihrer Zeit an mathematischen, astronomischen und philologischen Problemen arbeiten1429, bricht sich in den bildungsfernen Vielen, die sich ebenfalls der einst in den überschaubaren Verhältnissen der Poliswelt gediehenen homerischen Religion entfremdet haben oder als Nichtgriechen niemals mit ihr vertraut waren, ein ganz anders geartetes Bedürfnis Bahn, das Bedürfnis nach Befreiung und Erlösung von den Bürden eines nicht mehr als gestaltbar empfundenen Daseins und ein Verlangen nach überweltlicher Sinngebung. Der skeptische Abschied vom Wissen wird überboten von einer Verwerfung des Denkens selbst. Die ‚gedrungene Vernunft des Volkes‘ (Hegel)1430 kann mit den rationalisierenden Konstruktionen der Philosophen nichts anfangen und sucht ihr Wahrheits- und Sinnbedürfnis in anschaulichen und emotional packenden Formen zu befriedigen. So kommt es zum Aufstieg der Mysterienkulte, einer keineswegs neuen Form von Religion, vielmehr „esoterischer Sonderformen des Kultes“1431 in denen „sehr alte Traditionen weiterlebten“1432, die aber jetzt eine vorher nicht gekannte Verbreitung finden. Um sich diese im Hellenismus einsetzende religionsgeschichtliche Dynamik vor Augen zu führen, empfiehlt es sich, in Ergänzung zu dem an früherer Stelle Ausgeführten1433 nochmals den Blick auf diese für die gesamte europäische Kulturgeschichte so bedeutsame Übergangsphase von der Poliswelt des klassischen Griechenland zur römisch-christlichen Epoche zu richten und die wirkenden Faktoren zu fassen zu versuchen, allerdings in idealtypischer Vereinfachung. 1428 Vgl. oben, Kap. III 3.3 1429 Für Näheres zum Museion vgl. unten, Kap. IV 2.3 1430 Vgl.: „[Das] Volk, das nicht [mehr] konkrete, nicht gedrungen bleibende Vernunft [in sich enthält], das im Drange seines Innern sich nicht zu helfen weiß []“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Ausg. Lasson 1966, Bd. II/Teil 2, S. 230f.) 1431 W. Fauth: Art. Mysterien, KP 3, Sp. 1533 1432 Grabner-Haider 2004, S. 76 1433 Vgl. oben, Kap. III 3.1; 3.3 335 Die mit dem Alexanderzug einsetzende und in den Diadochenreichen der Antigoniden, Seleukiden und Ptolemäer fortwirkende und sich schließlich unter den Römern vollendende Hellenisierung des Orients mag zwar, im Sinne der von Droysen geprägten Epochenbezeichnung Hellenismus, in erster Linie die Übernahme griechischer Lebensformen und Wertorientierungen durch die unterworfenen Völker und Ethnien bedeutet haben. In Wirklichkeit ist dieser Vorgang vielschichtiger und umfasst auch die Rückwirkung der fremden Kulturen auf das Griechentum. Die soziokulturelle Basis dafür war der einfache Sachverhalt, dass die Männer, die die griechische Expansion tragen, Soldaten, Beamte, Techniker usw., „in der Regel [] asiatische [bzw. ‚orientalische‘] Frauen [heirateten]“1434, das heißt in Familien mit anderer Kultur und fremden Bräuchen eintraten und mit diesen konfrontiert wurden. Während auf der Makroebene der Institutionen, in Herrschaft, Verwaltung, Lehre usw., das griechische Element die autochthonen Kulturen überformt, dürfte zumindest auf der Mikroebene der Familienverbände die reziproke Assimilation dominiert haben. Die Historiographie hat diesen in seinen individuellen Momenten un- überschaubar komplexen und nicht rekonstruierbaren Vorgang wechselseitiger Angleichung treffend in die Metapher des Hellenismus als eines „ethnischen und kulturellen Schmelztiegels“1435 gefasst, der „nach und nach“ – der Prozess umfasste ja mehrere Jahrhunderte – „eine homogene Bevölkerung hervor[brachte], die Griechisch sprach oder wenigstens verstand und an einer gemeinsamen Kultur teilhatte“1436; Letztere war zwar griechisch geprägt, hatte jedoch autochthone Momente mittels einer interpretatio graeca integriert. Die gemeinsame griechische Sprache war die aus der Vermischung der klassischen Dialekte hervorgegangene Koiné, in der später auch das Neue Testament verfasst wurde. Was die Religion betrifft, hatte das griechische Pantheon, wie an früherer Stelle dargestellt, bereits in ältesten Zeiten orientalische Elemente in sich aufgenommen bzw. hatte sich in Berührung mit nahöstlichen Kulturen gebildet1437. Der Prozess des Synkretismus, der Assimilation und Amalgamierung unterschiedlicher Göttervorstellungen, setzt sich nun, nach Ende der Polis- 1434 C. Bradford Wells: Die hellenische Welt, PWG 3, S. 522 1435 Ebd. 1436 Ebd. 1437 Vgl. dazu oben, Kap. I 2.2; 6.2 sowie auch die diesem Thema gewidmete Schrift W. Burkerts: Die Griechen und der Orient, auf die ich bereits mehrfach Bezug genommen habe. 336 Epoche, in verstärkter Form fort1438. Teilweise werden Synkretismen auch politisch veranlasst. Ein Beispiel dafür ist der von dem über Ägypten herrschenden Satrapen und ehemaligen General und Leibwächter Alexanders d. Gr. Ptolemaios I. Soter (367/6-283/2 v.Chr.) inszenierte Kult des Gottes Sarapis (bzw. Serapis). Dank der traditionellen griechischen Offenheit für fremde Religionen1439 breitete sich der Kult dieses Gottes „schnell zusammen mit dem der Isis [einer ägyptischen Haupt- und Muttergottheit] über die damalige Welt aus“1440: Sarapis-Heiligtümer sind nachgewiesen für Athen, Sparta, Korinth, Delos und weitere griechische Orte; seit Mitte des 1. Jh. v.Chr. befand sich auch in Rom ein Sarapeum1441. Die religionspolitische Funktion der Gottheit war eine doppelte: „Sie sollte in der griechischen Welt Gläubige für ägyptische Religionsanschauungen gewinnen und andererseits gewisse ägyptische Religionsanschauungen hellenisieren“1442. Darüber hinaus dürfte Ptolemaios, der ja in Konkurrenz zu den antigonidischen und seleukidischen Diadochen stand, mit seiner Maßnahme den machtpolitischen Zweck verfolgt haben, durch Einflussnahme auf den religiösen Glauben der Griechen die Akzeptanz der ptolemaisch-ägyptischen Herrschaft im Mutterland und den anderen Reichsteilen zu stärken. Religiöses und Politisches sind in diesem Transformationsprozess von der Polisordnung zum dynastischen Großreich eng verzahnt; dabei kommt dem Politischen, zunächst in Gestalt von Alexanders selbst mythologisch unterfüttertem Eroberungsdrang, die determinierende, die Entwicklung treibende Rolle zu. Der Sinngehalt, der das Leben in der Polis bestimmte, war vor allem das Bewusstsein, in einem von den heimischen Göttern gewollten und geschützten, überschaubaren Verband zu leben, mit dem daraus erwachsenden Recht wie der Pflicht zur Selbstbehauptung, das heißt, in der naturgegebenen Konkurrenz zu den anderen Poleis, zur Stabilisierung und Optimierung des eigenen Verbands durch Machterweiterung mittels Krieg bzw. durch Bündnisse. Die jahrhundertelange Konkurrenz zwischen Athen und Sparta sowie 1438 Zur These der synkretistischen Entstehung auch des homerischen Pantheon aus orientalischen Quellen vgl. oben, Kap. I 2.2, zur orientalischen Herkunft des Dionysos-Kults vgl. oben, Kap. I 6.2. 1439 Vgl.: „Schon immer waren die Griechen anderen Gottheiten gegenüber aufgeschlossen gewesen“ (Gehrke/Schneider 2010, S. 242); dagegen waren sie hinsichtlich der eigenen Religion „frei von jeglicher Proselytenmacherei“ (FWG 6, S. 206). 1440 H. Chantraine: Art. Sarapis, KP 4, Sp. 1549 1441 Vgl. ebd. 1442 FWG 3, S. 209 337 der daraus entsprungene Peloponnesische Krieg sind das gegebene historische Beispiel für diese Verhältnisse. Der dank des begrenzten räumlichen Umfangs der Polis und der überschaubaren Zahl der Bevölkerung unmittelbar und anschaulich erfahrbare Sinngehalt verliert in der ‚globalisierten‘ Welt der hellenistischen, unterschiedlichste Völker und Ethnien zwangsweise vereinigenden, Menschenmassen großräumig in Bewegung setzenden und die Entscheidungsmacht fern von den Betroffenen zentralisierenden Großreiche seine Grundlage, so dass der griechische Mensch einer vorher nicht gekannten Entfremdung vom Ganzen und Vereinzelung anheimfällt, selbst wenn sich natürlich die elementaren, zur Reproduktion erforderlichen Binnenstrukturen des Lebens wie die Familie stets erneuern. Der Kult der Freundschaft in philosophischer Gemeinschaft, wie ihn etwa Epikur propagierte, ist ein Versuch, der Vereinzelung zu steuern, aber er ist seiner philosophischen Natur nach nur für wenige an Reflexion Interessierte attraktiv. Mit der autonomen Polis selbst schwindet aber auch die Grundlage der alten religiösen Ordnung, die Polisreligion: „Die Verehrung der panhellenischen Gottheiten ruhte allein [noch] auf der Oberschicht“1443, urteilt der Religionshistoriker Christoph Elsas. Die Masse der Menschen, insbesondere die Bevölkerung der Städte, beginnt, nach anderen Formen des Sinns Ausschau zu halten. Um noch einmal Elsas zu zitieren: „Die Menge der kleinen Leute, die sich in den Städten sammelten, [war] der Motor des Neuen. Sie waren entwurzelt, ohne Anteil am politischen Leben, auf sich gestellt und deshalb individualisiert zur beliebigen Wahl sowohl von Kontakt und Heirat mit Griechen oder Einheimischen als auch zur beliebigen Wahl der Gottheiten“1444. In dieser Situation blühen die Mysterienkulte auf und finden begeisterte Zustimmung bei Vielen; sie sind „im Gegensatz zu den Stadtgottheiten [der olympischen Religion] an kein Vaterland gebunden, [so dass sie] sofort universelle Geltung [gewinnen], weil sie sich an die Seele des Einzelnen wenden und nicht an eine Stadt oder eine soziale Gruppe“1445. Diese Kulte, die oft, wie schon gesagt, sehr alt sind, verbreiten sich nun über das gewaltige Gebiet der hellenistischen Reiche und des späteren römischen Reichs. Im Gegensatz zum klassischen griechischen Polytheismus mit seinem Pantheon zahlreicher verehrter Götter, wie wir es aus Homers Epen und aus den Tempel-Ensembles der großen Kultzentren kennen, erfolgt in den Mysterienkulten, gleichsam in 1443 Elsas 2002, S. 124 (Zusätze und Hervorh. Sk.) 1444 Ebd. 1445 FWG 6, S. 209 338 Analogie zum jüdischen und im Vorfeld des künftigen christlichen Monotheismus, jeweils die exklusive Verehrung einer Gottheit bzw. weniger aufeinander bezogener Götter, denen besondere Kraftwirkungen zugeschrieben werden, insbesondere für die die Menschen des Hellenismus immer stärker beschäftigende Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tode unter glücklicheren Umständen, als die irdische Existenz sie bot. Uralt sind etwa, um einige dieser Kulte kurz anzusprechen, die Mysterien des in der Nähe von Athen gelegenen Eleusis zu Ehren der Muttergöttin Demeter ([De]meter = mater), Göttin der Ackerfrucht, das heißt der Fruchtbarkeit und des Wachstums. Ihr Kult weist zurück auf Riten früher Ackerbaukulturen, bei denen Männer und Frauen sich auf frischgepflügtem Acker paarten, um die vegetativen Kräfte des mütterlichen Bodens in sich aufzunehmen. An diese vorgeschichtlich-archaische Tradition erinnert, dass Hesiod und Homer die Demeter ‚Heilige Hochzeit‘ (Hieros Gamos) mit dem Heros Jasion „auf dreimal gepflügtem Feld im reichen Land Kreta“1446 vollziehen lassen, aus der Plutos (Pluton), der Gott des Reichtums, hervorgeht. Mythologischer Kern der Mysterien ist die Geschichte um Demeter und ihre auch als Kore (‚Mädchen‘) oder ‚Kornmädchen‘ bezeichnete Tochter Persephone. Persephone wird vom Unterweltgott Hades aus Liebe geraubt und zur Gattin genommen, und die ihr innigst verbundene Mutter sucht sie durch die ganze Welt, aber vergeblich; in ihrem Schmerz über den Verlust schlägt sie die Erde mit Unfruchtbarkeit. Als Demeter schließlich von Hades‘ Raub erfuhr, „gab sie sich damit zufrieden, daß ihr Kind einen Teil des Jahres in der Unterwelt lebte, den anderen bei seiner Mutter verbringen konnte“1447 und gab der Erde die Fruchtbarkeit zurück. Dieser Alternationsmythos der ins Totenreich hinabsteigenden und wieder ans Licht und ins Leben zurückkehrenden Persephone ist ein Reflex, „ein Bild für den Wechsel von Blühen und Absterben in der Natur“1448. Dieser Kreislauf der Vegetation wurde wiederum mystisch ineins gesetzt mit dem menschlichen Geschick. Die an den Mythos geknüpfte „rituelle Unsterblichkeitshoffnung [] führte zum rituellen Nachvollzug exemplarischer Akte“1449 wie dem Ferkelopfer, dem Verzehr des heiligen Gerstentranks und der „Katharsis mit der Getreideschwinge“1450, wohl einer Form der Geißelung. Im Ri- 1446 Theogonie 969ff.; vgl. Od. V, 125ff. 1447 Art. Demeter, HLM, S. 56 1448 Ebd. 1449 W. Fauth: Art. Demeter, KP 1, Sp. 1436 1450 W. Fauth: Art. Mysterien, KP 3, Sp. 1535 339 tual wurden auch „der Abstieg in die Unterwelt und der Aufstieg zu neuem Leben nachgespielt. Die Feiernden (Mysten) zogen zu einer Grotte, die sie als Tor zur Unterwelt sahen. Sie mussten sich verhüllen; dann leuchtete ein gro- ßes Licht auf und die Priesterin verkündete eine göttliche Geburt. Es folgten ekstatische Tänze, Stieropfer, Kultmahl, Bitten um Regen und um ein gutes Schicksal der Seele nach dem Tod. Die Feiernden wurden selig gepriesen, denn sie lebten in der “1451. Der eleusische Kult der Demeter besteht während der gesamten hellenistischen Epoche; er erfreut sich gerade in der römischen Kaiserzeit großer Beliebtheit, das Kultzentrum in Eleusis wird „monumental ausgebaut“1452, und erst im fünften nachchristlichen Jahrhundert kommt der Kult, wahrscheinlich durch katholisch-kirchliche Einwirkung, zum Erliegen. Ebenso ist uralt der an früherer Stelle dargestellte Kult des Dionysos- Bakchos1453, in dessen ekstatisch enthemmten Riten „die Wildheit des Ursprungs [des Religiösen] am besten [] zu erkennen [ist]“1454; ich habe diese Wildheit bei der Behandlung des Kults angesprochen, wir finden sie aber auch in den monströsen Vorstellungen über die kosmischen Ursprünge in der Theogonie des Hesiod1455. Weitere Kulte sind gewidmet den Kabiren (Kabiroi), geheimnisvollen Erdund Bergwerksgottheiten, wohl phrygischer Herkunft, ferner der Kybele und dem Attis, Erstere, wie Demeter eine chthonische Muttergöttin und Naturherrin und mit jener synkretistisch verwandt, die Magna Mater der Römer, ebenfalls phrygischen Ursprungs. Dem Mythos nach ist Kybele dem Attis in Liebe verbunden, der aber das ihr zuliebe abgelegte Keuschheitsversprechen bricht, woraufhin die gedemütigte Kybele ihn mit Wahnsinn schlägt, Attis sich in seinem Wahn selbst entmannt und an der Wunde stirbt. Attis zum Gedenken stiftet Kybele ein Trauerfest, auf dessen Vorstellung die Kulthandlungen basieren: „Ihre Priester, [die] Galli, ziehen in die Berge und suchen den verlorenen Attis. Finden sie sein Bild, so geben sie sich wilder Ausgelassenheit hin, bis zu blutigen Wunden und zur Entmannung. [] Das Fest wurde [] als Symbol des alljährlichen Absterbens und Wiedererstehens der Vegetation gedeutet. [] 1451 Grabner-Haider 2004, S. 76 1452 E. Meyer: Art. Eleusis, KP 2, Sp. 246 1453 Vgl. oben, Kap. I 6.2 1454 Grabner-Haider 2004, S. 75 1455 Vgl. oben, Kap. I 8.2 passim 340 Tod und Auferstehung des Attis, verbunden mit einem kultischen Mahl [], wurde für viele ein erregendes religiöses Erlebnis“1456. Der Kybele-Attis-Kult ist interessant auch wegen der öffentlich-politischen Dimension, die ihm, ungeachtet seines Abzweckens aufs Mysterium, in römischer Zeit zuwächst. In Rom ist der Kult außerordentlich erfolgreich, da die Römer in Kybele „die Patronin ihrer troischen Vorfahren“1457 sehen. Im Jahr 204/5 v.Chr. überführen sie deshalb den Kultstein der Großen Mutter aus Pessinus in Kleinasien nach Rom, das damit zum Zentrum des Kults wird, und zwar mit klarer politischer Zielsetzung: „Ihre [d.h. Kybeles] Macht sollte die der Göttin der angreifenden Punier aufwiegen“1458. Zugleich werden (wie auch beim Dionysos-Kult) die „für Staat und Volk [als] gefährlich“1459 erachteten mystisch-orgiastischen Züge des Kults, „nach denen man sich jetzt intensiv sehnte“1460, rigoros beschnitten, „indem der Staat einen Römer als Oberpriester und statt Selbstkastration ihrer Priester das Stieropfer als neuen Hauptritus einsetzte“1461. Diese Humanisierung des Kults aber scheint nicht überall im Reich gegriffen zu haben, wie aus Bemerkungen in des ‚Kirchenvaters‘ Augustinus‘ breit angelegter Kritik der heidnischen Kulte im 7. Buch des Gottesstaats hervorgeht. Hier geißelt Augustinus die „abscheuliche Grausamkeit“1462 des Kults der Großen Mutter (die lat. Namen sind Tellus, Magna Mater bzw., als Göttin Erde, auch Terra Mater), deren „der Galle gedenkt, wenn er sich entmannt“1463, die es also zuließ, dass „lebendige Menschen [der Glieder] zu wenig hatten“1464. Offenbar verband sich die eunuchische Praxis in römischer Zeit auch mit Formen von homosexueller Prostitution, denn Augustinus spricht davon, die Große Mutter habe „durch eine Menge erwerbsmäßiger, öffentlicher Buhlknaben die Erde besudelt und den Himmel beleidigt“1465, Buhlknaben, „die man bis vor kurzem mit gesalbten Haaren, geschminktem Gesicht, schlaffen Gliedern und weibischem Gang durch die Straßen Karthagos ziehen und 1456 H. von Geisau: Art. Attis, KP 1, Sp. 725f. 1457 W. Fauth: Art. Kybele, KP 3, Sp. 388f. – Auf die Bedeutung Kybeles für Troja bezieht sich in jüngerer Zeit Christa Wolf in ihrem Roman Kassandra, in patriarchats- und totalitarismuskritischer Intention (vgl. zu Wolf oben, Kap. I 6.3 sowie Lit.-Verz.) 1458 Elsas 2002, S. 134 1459 Ebd. (Zusatz Sk.) 1460 Ebd. 1461 Ebd. 1462 Civ. Dei VII 26 – Zu Augustinus vgl. auch die folgenden Kapitel IV 2.2 und 2.3. 1463 Ebd., VII 25 1464 Ebd. 1465 Ebd., VII 26 341 selbst von Kleinhändlern Gaben zur Fristung ihres elenden Lebens erbetteln sah“1466. Kommen dem Leser der so beschriebenen Verhältnisse, die offenbar erst durch Einwirkung der christlichen Kirche beseitigt wurden, nicht die bei uns inzwischen üblichen ‚Love-Parades‘ und Homosexuellen- (‚Schwulen‘)- Hochzeiten mit ihren extrovertierten Gestalten in den Sinn oder auch die jugendlichen Streuner, die in den Geschäftszentren der Großstädte biertrinkend und rauchend auf dem Gehsteig liegen und die Passanten anbetteln? Solche Erscheinungen hat das Christentum einst bekämpft. Noch im Kampf um bzw. gegen die Durchsetzung des Christentums spielt der Kybele-Attis-Kult eine Rolle. Im Mailänder Toleranzedikt des Jahres 313 war das im römischen Reich bereits verbreitete Christentum durch Kaiser Konstantin offiziell reichsweit als Kult anerkannt worden. Dagegen verfügt im Jahr 361 der selbst schon christlich getaufte, aber die hellenistische Kultur liebende und zum heidnischen Götterglauben zurückgekehrte Kaiser Julian Apostata (der ‚Abtrünnige‘) die Wiederzulassung der heidnischen Bräuche und die Wiederöffnung der Tempel. Im Zuge dieser Bemühungen „feiert [Julian] die Göttermutter [die Magna Mater, Kybele] in einer religionsphilosophischen Rede“1467. 1466 Ebd. – Im Römischen Reich wurde Homosexualität toleriert, jedoch nur in Form der sog. römisch-priapischen Päderastie, d.h. als Verkehr erwachsener freier Bürger mit jugendlichen Sklaven. Dabei hatte der Freie gemäß dem Ethos der Virilität die aktive, ‚männliche‘ Rolle zu übernehmen, der jugendliche Unfreie die ‚weibliche‘. Geschlechtsverkehr zwischen erwachsenen Freien dagegen galt als Unzucht und wurde bestraft. Die tolerierte Weise der Homosexualität trat auch in Form öffentlicher Prostitution auf und war bordellmäßig institutionalisiert. Natürlich wurden subkulturell auch die tabuisierten Praktiken ausgeübt. Von Kaiser Nero wird berichtet, er habe beim passiven Geschlechtsakt mit einem Freigelassenen die Schreie und das Wimmern einer Jungfrau imitiert (vgl. den Art. Homosexualität im Römischen Reich, Wikipedia 06/2015, mit ausführlichen Literaturhinweisen). Im Text des Augustinus wird deutlich, dass der Kybele-Attis-Kult gewerbsmäßige homosexuelle Tempel- Prostitution beinhaltete. So stellt Augustinus fest, man müsse den an sich aufs Obszöne setzenden Schauspielen „dankbar sein, daß sie die Augen der Menschen schonten und nicht alles unverhült auf die Bühne brachten, was hinter Tempelwänden insgeheim vor sich geht [und was die Träger des Kults dort] die Verschnittenen und die Buhlknaben treiben lassen“ (Civ. Dei VI 7), dass jene aber doch „die jämmerlich und schmählich entnervten und verstümmelten Menschen nicht verbergen [konnten]“ (ebd.). Und wenig später beklagt er: „ [] daß Männer beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Weibes spielen, ist nicht naturgemäß, sondern widernatürlich. Diese Seuche, dies Verbrechen, diese Schmach wird aber in jenem Kult gewerbsmäßig betrieben []“ (ebd., VI 8). Die entmannten Gallen prostituierten sich demnach in der weiblichen Rolle. Mit dem Sieg des Christentums werden dann homosexuelle Praktiken generell unterdrückt, sogar mit Todesstrafe belegt. 1467 Fauth, a.O., Sp. 389 (Zusätze Sk.) 342 Das mag zur Darstellung der neuen, von den Mysterienkulten bedienten Geistigkeit genügen. Es gab zahlreiche weitere dieser Kulte, deren Wiedergabe in Einzelheiten hier zu weit führen würde. Stattdessen rücke ich einen zusammenfassenden Abschnitt aus einer religionsgeschichtlichen Darstellung ein, der auch die an früherer Stelle betrachtete Verbindung des Pythagoreismus zum Esoterisch-Mysteriösen1468 sowie die vom Christentum rezipierten Motive der Kulte einbezieht. Dort lesen wir: „Auch die Pythagoräer hatten Verbindungen zu den Mysterienkulten, der Schulgründer selbst sei ein Myste der großen gewesen. Sie glaubten an die Unsterblichkeit der Seele, weil sie von den Göttern stamme. Allein die Einweihung und ein moralisches Leben (bios) können die Seele von Schuld reinigen. Deswegen verzichteten die Anhänger auf den Genuss von Wein, Fleisch, Eiern und Bohnen, in der Sexualität sahen sie moralische Befleckung. Die Luft sei voll von Seelen und bösen Dämonen. Ziel des Lebens sei es, die Seele aus den vielen Wiedergeburten zu befreien. In der hellenistischen Zeit verstärkte sich die Mischung von Riten und Mythen, göttliche Wesen aus dem Alten Orient bereicherten die Religion. Bei den Gläubigen stieg die Sehnsucht nach Erlösung vom Leiden und von Schuld; viele wurden als Erlöser (soter) verehrt. Es wurde von (parthenos) erzählt, die göttliche Söhne geboren haben; sie hießen dann (theotokos). Die Mythen erzählen von von Menschen (Alexander, Platon, Herakles, Dionysos, Asklepios), auch von . Das Christentum erbte genau diese Mythen. In dieser Zeit wurden viele Götter aus fremden Kulturen übernommen. die ägyptische Muttergöttin Isis wurde als verehrt, viele ließen sich in ihre Mysterien einweihen. Die Götter Sarapis und Osiris wurden als Erlöser von Blindheit und Krankheit angerufen. Aus Phrygien wurde die alte Muttergöttin Kybele verehrt, die Feiernden gerieten in Ekstase und verletzten sich selbst. Der jugendliche Kriegsgott Adonis wurde mit dem semitischen Baal verbunden, die Frauen baten ihn um Liebeskraft und Fruchtbarkeit. Soldaten verehrten den alten Kriegsgott Mithras aus Persien, sie erwarteten Glück nach dem Tod. Bei den Mysterien des Gottes Attis wurde eine Bluttaufe mit Stierblut durchgeführt, sie sollte Reinigung von Schuld und [Erlangung von] Unsterblichkeit bewirken. In dieser Zeit ließen sich Könige und Herrscher als Inkarnationen eines Gottes verehren, um ihre Herrschaft zu festigen. Für den Make- 1468 Vgl. oben, Kap. II 2.1-2 343 donier Alexander wurde ab 290 v.Chr. ein Reichskult eigerichtet, auch Frauen fungierten dort als Priesterinnen. Von ihm wurde gesagt, dass er ein Gott wurde, aber ein Mensch blieb. In ihm waren zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche. Auch Königinnen (Berenaike) wurden vergöttlicht []. Das Göttliche kam den Menschen näher und löste sich beinahe [ins Menschliche?] auf. In dieser Zeit lebten viele Wundertäter und Zauberer, denen magische Kraft zugeschrieben wurde“ 1469. Rituelle Ausschweifungen sinnlich-sexueller Art einerseits, Selbstverstümmelung und bittere Askese andererseits, existentielle Schuldgefühle und Jenseitshoffnungen, Wunder- und Dämonenglaube, Magie sowie Epiphanien des Göttlichen: Unter solch extremen Bedingungen religiös-emotionaler Erregtheit – die Psychologie würde sie wohl als kollektive Hysterie bezeichnen – kann die Wissenschaft, sei es als Philosophie, sei es als Einzelforschung, nur noch ein Schattendasein führen. Aber noch gibt es sie, wenn sie auch nicht mehr wirklich produktiv ist, kein neues Paradigma mehr entwickelt: In Alexandreia berechnet Claudios Ptolemaios (ca. 100-160 n.Chr.) in seinem Almagest auf geozentrischer Basis die Bewegungsabläufe und Umlaufzeiten der Planeten und Sphären; als letzte Gestalt antiker Philosophie tritt der selbst von der religiösen Erregung infizierte Neuplatonismus des Plotin (203-269 n.Chr.) auf. Er entwirft eine Metaphysik des geistig-göttlichen Einen, das im Drang seiner inneren Überfülle die Reiche des Wirklichen vom Seelisch-Geistigen bis ‚hinunter‘ zum Körperlich-Kreatürlichen ‚hypostatisch‘ aus sich herausquellen lässt. 1469 Grabner-Haider 2004, S. 77 (Zusätze Sk.)

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts dritter Band demonstriert die Vollendung der antiken Wissenschaftsidee in den Konzeptionen Platons, vor allem aber Aristoteles’, sowie die im Hellenismus einsetzende Schwächung der Denkform Wissenschaft, einerseits durch das Aufkommen des Skeptizismus, andererseits durch das äußere Hemmnis einer neuen Religiosität. Der Band schließt mit Hinweisen auf das subkutane Überleben von Theorie in der virtuellen Form der christlichen Theologie und das durch Namen wie Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton gekennzeichnete Wiederaufleben der Naturwissenschaften in der Neuzeit.