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4 Primat der Ethik über die Physik: Stoizismus in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 251 - 260

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3866-6, ISBN online: 978-3-8288-6639-3, https://doi.org/10.5771/9783828866393-251

Tectum, Baden-Baden
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251 4 Primat der Ethik über die Physik: Stoizismus Die an Epikur beobachtete und ausführlich untersuchte Relativierung der aristotelischen Idee objektiver, sachbezogener, erfahrungsnah ansetzender, wenn auch die Erfahrung am Ende spekulativ transzendierender Erkenntnis zugunsten der unter dem Titel Ethik geführten Reflexion auf die Frage, wie zu leben sei, kennzeichnet auch die weitere Entwicklung des philosophischen Denkens im Hellenismus. Dies betrifft insbesondere die beiden etwa gleichzeitig mit dem Epikureismus entstehenden Richtungen des Stoizismus und des Skeptizismus. Beide Schulen haben wie der Epikureismus ihren Schwerpunkt in Athen, das inzwischen durch Männer wie Sokrates, Platon und Aristoteles und ihre Schulen sowie durch weitere philosophische Richtungen wie, cum grano salis, die Sophisten, ferner die Megariker, die Kyniker (bekannt: Diogenes in der Tonne!), die Kyrenaiker zum unbestrittenen Zentrum der Philosophie aufgestiegen ist, wie es ja bis zur Niederlage im sogenannten Peloponnesischen Krieg gegen Sparta im Jahr 404 v.Chr. auch die zentrale politische Macht Griechenlands gewesen war. Raffaels schon angesprochenes monumentales Fresko Die Schule von Athen, das die Vertreter der verschiedenen philosophischen Richtungen in einer antiken Halle idealiter vereint präsentiert, spiegelt insofern durchaus die Realität wider. Von Athens politischer Dominanz ist allerdings nun, am Beginn der hellenistischen Epoche, das heißt nach dem Sieg Philipps von Makedonien über Athen und Theben im Jahr 338 v.Chr. und der Machtübernahme seines Sohns Alexander im Jahr 336 nichts geblieben. Kulturelles Zentrum des Griechentums wird Athen jedoch noch auf geraume Zeit sein. Und so konkurrieren in Athen die verschiedenen Schulen des Denkens miteinander um die Vorherrschaft (das Konkurrenzprinzip war unter den Griechen stark ausgeprägt), das heißt um die Deutungshoheit über Leben und Wirklichkeit: die im Hain des Akademos beheimatete platonische Akademie, der im Lykeion (‚Lyzeum‘) tagende aristotelische Peripatos, die Epikureer im Garten ihres Schulhauptes sowie die weiteren Gruppierungen je an ihrem Ort. Begründer der stoischen Richtung ist der um 336/5 v. Chr. geborene, mit Epikur also nahezu gleichaltrige Zenon aus Kition, einem Ort im östlichen, durch phönikischen Einfluss geprägten Teil Zyperns1073. Seinen Namen bezieht der Stoizismus bzw. die Stoa daher, dass der Versammlungsort dieser Schule eine Säulenhalle (griech. stoá) war, die sogenannte Stoa Poikile (Stoá poi- 1073 Vgl. zur Bedeutung Zyperns als Kontaktzone zwischen der griechischen und der phönikisch-orientalischen Kultur oben, Kap. I 2.2. 252 kilé), die ‚buntbemalte‘ Halle; deren Buntheit bestand in ihrer Ausschmückung mit mythischen Szenen durch den zwischen 480 und 440 in Athen tätigen bekannten Maler Polygnotos. Die Halle befand sich, wie noch weitere Hallen gleicher Art, auf der Agora, dem Platz für die Volksversammlungen. Über die Beliebtheit dieses Bautyps, eines langgestreckten, durch zwei Reihen Säulen, die ein Dach tragen, gebildeten Wandelganges, gerade in hellenistischer Zeit gibt im übrigen das bekannte Modell der Akropolis von Pergamon im gleichnamigen Berliner Museum Auskunft, das eine Fülle solcher Wandelgänge aufweist. Was die Doktrin der Stoiker anbelangt, verstehen sie sich wie die Epikureer als Philosophen – diese von Platon geschaffene Bezeichnung hat sich inzwischen verfestigt –, und sie gliedern die Philosophie in die auch von ihnen behandelten Gebiete Logik, Physik und Ethik, analog zu Epikur, dessen Denken sich Diogenes Laertius zufolge in einen „kanonischen, physischen und ethischen [Teil]“1074 gliedert, eine Gliederung, die auf Aristoteles zurückgeht1075, aber abweicht von dessen in der Metaphysik vorgenommenen Einteilung, wo er die theoretische Wissenschaft in Erste Philosophie (Theologie), Mathematik und Physik unterscheidet1076. Die stoische Festschreibung der drei Disziplinen, die bis heute philosophische Kernfächer darstellen, bedeutet auch eine thematische Beschränkung; bis in die Neuzeit, bis zu Leibniz und Hegel, wird es keinen Denker von vergleichbarer Spannweite des Interesses wie Aristoteles mehr geben, und in der Gegenwart wäre ein derart breit angelegtes Forschungsprogramm seitens eines einzelnen Denkers erst recht unvorstellbar und gegebenenfalls obsolet. Epikur, um dies noch nachzutragen, betitelte seine logischerkenntnistheoretische Schrift ja als Kanon, und seine ethische Hauptschrift trug die Bezeichnung Von den Lebensweisen. Unter diesen Titel könnte man in der Tat das gesamte ethische Denken des Hellenismus stellen, die Stoiker eingeschlossen: Stets geht es darum, wie zu leben, wie der richtige, wahrhafte Lebensvollzug zu gestalten sei. Dabei gilt allen Richtungen als allgemeines Telos 1074 A.O., X 29 – Vgl. auch oben, Kap. III 3.2 1075 Vgl. dazu oben, Kap. III 2.2 1076 Diese Einteilung deckt in Aristoteles‘ eigenem Werk nur den engen Teil der eigentlichen Theoria ab. Hinzu kommen, wie früher dargestellt, diverse andere Themen, die seit je zu Aristoteles‘ Philosophie gezählt werden: als logischer Teil das später so genannte Organon und als praktische Teile die Ethiken sowie die Politik, ergänzt noch um Rhetorik und Poetik sowie die diversen naturwissenschaftlichen Spezialuntersuchungen zu Kosmologie, ‚Meteorologie‘ (Wetterphänomene, Chemie, Geologie, das heißt Naturtheorie der sublunaren Welt) und Zoologie. 253 des Lebens die Glückseligkeit, die Eudaimonia (der ‚gute Dämon‘ bzw. ‚gute Geist‘), das heißt die volle innere Übereinstimmung der Person mit ihrem Zustand, mit sich selbst also1077, und die ethische Frage besteht dementsprechend darin, wie sich diese Übereinstimmung angesichts der Widrigkeiten des Lebens und der im Menschen selbst wirkenden Widersprüche, vor allem des allgemein, wenn auch mit unterschiedlicher Klarheit empfundenen Gegensatzes zwischen dem von unserer sinnlichen Natur in uns Angeregten und dem bei ruhiger Überlegung als tunlich Erachteten: Es ist ein Gegensatz, der uns heute so vertraut ist wie dem antiken Menschen und dem die beginnende Philosophie besonderes Interesse entgegenbrachte, indem sie versuchte, diesen Zwiespalt sozialverträglich mit dem als legitim anerkannten Glücksverlangen des Einzelnen zu versöhnen. Im gegen Ende der hellenistischen Ära entstehenden Christentum wird, um auch dies noch präliminarisch festzustellen, das allgemeine, im Kern stets egozentrische, auf Autarkie, Selbstgenügsamkeit und Selbstrechtfertigung tendierende Lebensziel der Eudaimonia verworfen zugunsten eines um den Gottesbezug zentrierten Lebens und zugunsten einer Ethik der frommen Unterwerfung unter das von Gott Zugemessene. Das Ziel der Eudaimonia rückt, eschatologisch überhöht, als Lohn für fraglosen Gehorsam, Vertrauen in Gottes Macht und Güte sowie gläubige Hinnahme des Geschicks in die Transzendenz. Dass mit dem Stoizismus (wie schon mit dem Epikureismus) die Ethik den Primat vor den anderen beiden philosophischen Disziplinen erhält, macht bereits die Bedeutung klar, die die Ausdrücke Stoiker und stoisch noch heute für uns haben: Wir assoziieren mit ihnen keine logische oder physikalische (d.h. naturphilosophische), sondern eine ethische Theorie. Wie extrem diese Überordnung des Ethischen über die anderen philosophischen Fächer aufgefasst werden konnte, verdeutlicht das Beispiel des Ariston aus Chios (um 240 v.Chr.), der ausschließlich die Ethik gelten ließ und sowohl Logik wie Physik verwarf, Erstere als irrelevant für den Menschen, Letztere als das Erkenntnisvermögen übersteigend1078. Der ethische Gehalt des Stoizismus, die von diesem intendierte Lebenshaltung bzw. seelische Disposition, sind noch heute jedem halbwegs Gebildeten geläufig: Der vollendete Stoiker, der stoische Weise, ist der Mensch, der, im Besitz „unerschütterlicher Festigkeit“1079, sich durch nichts aus dem seelischen 1077 In diesem Sinn „soll Zenon das ethische Ziel (télos) als die Übereinstimmung mit sich selbst bezeichnet haben“ (Praechter, a.O., S. 426, mit Vw. auf Stobaeus) 1078 Vgl. D. L. VII 160 1079 Seneca: Vom glückseligen Leben (Ausg. Schmidt), S. 238 (Aus den Briefen an Lucilius) 254 Gleichgewicht bringen lässt, mögen die Ereignisse auch noch so einschneidend und das Leben beeinträchtigend sein. Nicht nur die ataraxía, die epikureische Ruhe und Heiterkeit der Seele angesichts der unvermeidlichen Widrigkeiten des Lebens, kennzeichnet das stoische Ideal, sondern die apatheía, die, wie das deutsche Äquivalent Apathie suggeriert, Freiheit von den páthe, den Affekten, den Leidenschaften, diesen „verwerflichen, plötzlichen und heftigen Bewegungen des Gemüts“1080, eine Befreiung, die nur durch deren mehr oder weniger rationalisierende Unterdrückung gelingt, wie wenn zum Beispiel jemand nach Enttäuschungen in der Liebe beschließt, dies Gefühl, sobald es durch äußeren Stimulus wieder aufzukeimen droht, sogleich in sich zu ersticken. In diesem Sinn erhielte die apatheía die Konnotation von Gleichgültigkeit, Indifferenz, ja Gefühlsverhärtung. Der Zusammenhang von ataraxía und apatheía ließe sich wie folgt vorstellen: Insofern es die Affekte als Reaktionen auf äußere Ereignisse sind, die den Menschen mit der Welt verwickeln, ist ihre Ausschaltung, die Apathie, der Weg zum Ziel der Seelenruhe, der Ataraxie. Doch ist die stoische Ethik nicht negativ, ist keine durch emotionale Selbstzensur auf Selbstschutz abzweckende Lebenstechnik – dann verdiente sie den Namen Ethik nicht. Im Hintergrund steht vielmehr immer das Ziel der Eudaimonia, und das Erreichen dieses Ziels wird, durchaus im Geiste von Platon und Aristoteles1081, an die Verwirklichung eines tugendhaften Lebens gebunden. Nur durch Tugend, areté, lässt sich (echtes) Glück realisieren, und nur ein Leben nach der Tugend ist auch des Glückes wert. Mit diesem Gedanken kommt auch der in Epikurs Ansatz zurücktretende normative Charakter, die Objektivität des Guten zur Geltung: die Tugend wird dem Individuum und seinen Neigungen als Forderung, als zu Leistendes gegenübergestellt: Streben nach dem Guten, Gehorsam gegen die Gesetze, Liebe für den Nächsten, kurz: ‚Pflichten‘, déonta. Tugend als Pflicht: das ist das alternativlose, weil durch Erfahrung in seiner Berechtigung bestätigte Grundmuster der okzidentalen Ethik und Moral. Nun belässt es die stoische Ethik, die „ein Doppeltes [umfaßt], einmal die reinen Begriffe und allgemeinen Grundsätze, sodann die Anwendung dieser auf einzelne Lebensgebiete“1082, nicht beim allgemeinen Appell zur Tugend, sondern ist um deren Konkretisierung bemüht. Dies führt zur Definition von 1080 Ebd., S. 242 1081 In diesem Sinn hat bereits der Akademiker Antiochos von Askalon (um 70 v.Chr.), der die Akademie vom Skeptizismus zum Dogmatismus zurückbrachte, „in die Akademie die Stoa überführt“ (Sextus: Grundriß I 235), das heißt, die Zugehörigkeit Letzterer zur platonischen Tradition festgestellt. 1082 Praechter (1961), S. 424f. 255 vier „Kardinaltugenden []: sittliche Einsicht (phrónesis), Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit“1083 – allesamt Werte, deren Bedeutung auch heutzutage ein intelligenter Mensch ohne weiteres nachzuvollziehen mag, wie ja auch ein solcher in bestimmten Situationen bei sich selbst oder in seiner Umgebung auf die Schwierigkeit gestoßen sein dürfte, diese Tugenden zu leben. Der Stoiker setzt den Wert dieser Werte für das Erreichen des Glücks, etwas zeitgemä- ßer paraphrasiert: für das Gelingen des Lebens, so hoch an, dass im Vergleich dazu alles andere, was dem Menschen im Leben begegnen kann, Gutes oder Schlechtes, Zufallsglück oder Pech, Reichtum oder Armut, Gesundheit oder Krankheit, Erfreuliches oder Unerfreuliches aller Art, bedeutungslos wird, zum adiáphoron, zum ‚Indifferenten‘, Gleichgültigen herabsinkt1084. Dementsprechend realisiert sich das Leben des Weisen in stoischem Geiste in „vollkommener Pflichterfüllung“1085, während die von Epikur ins theoretische Zentrum seiner Ethik gerückte ‚Lust‘ „etwas zur Tätigkeit Hinzutretendes [ist], das nicht Ziel unseres Strebens werden darf“1086. Über diesen Kernbestand stoischer Ethik hinaus setzen die einzelnen Denker eigene Akzente. Dass dies sich so verhält, ist auch insofern naheliegend, als die stoische Schule einen langen Zeitraum umfasst, so dass sich Anpassungen ergeben. Man unterscheidet deshalb drei Phasen, beginnend mit der alten, neben Zenon durch Chrysippos und Kleanthes repräsentierten Stoa des vierten und dritten vorchristlichen Jahrhunderts über die mittlere Stoa des zweiten Jahrhunderts v.Chr., deren hervorstechende Vertreter Panaitios und der überragende Poseidonios waren, Letzterer eine „ungemein reiche, in Tiefe und Breite weit dringende Persönlichkeit“1087, bis zur späten, um die Zeitenwende blühenden und sozusagen römischen Stoa, deren Repräsentanten, der bereits zitierte Seneca (ca. 4 vor – 65 n.Chr.) sowie Epiktet (ca. 50-138 n.Chr.) und Kaiser Marc Aurel (121-180 n.Chr.), noch heute die bekanntesten Namen der Bewegung sind: Ihre moralphilosophischen und erbaulichen Schriften haben sich erhalten und sind noch heute erhältlich in wohlfeilen Ausgaben (und dazu handlichen, in den Tornister des Rekruten passenden, zogen doch die gebildeteren Soldaten mit stoischer Lektüre im Gepäck in die Schlachten der Weltkriege!). 1083 Ebd., S. 425 1084 Vgl. ebd. 1085 Ebd. 1086 Ebd. (Hervorh. Sk.) 1087 Ebd., S. 478 256 Durchgängig kennzeichnend für alle Phasen des Stoizismus und in Übereinstimmung mit der realen politischen Entwicklung zu den übernationalen Reichen ist der Kosmopolitismus, das Bewusstsein der Einheit des menschliche Geschlechts über alle ethnischen und kulturellen Partikularitäten hinweg. Dieser Kosmopolitismus lässt sich vielleicht begreifen als Komplement und philosophischer Reflex auf die Ausbreitung der griechischen Kultur im Mittelmeer- Raum einerseits, sowie andererseits auf die politische Realität, dass die Menschen zwar in unterschiedlichen staatlichen Großgebilden, den Diadochenreichen, organisiert sind, die einander jedoch feindlich gegenüberstehen, was die wachsende kulturelle Homogenität konterkariert. Eine Differenzierung zwischen den einzelnen Phasen der Schule ergibt sich durch die allmähliche Milderung der „Härte der stoischen Lehre“1088. So treten bei Seneca „an die Stelle der unerbittlichen Strenge der alten Stoa und der hochmütigen Verachtung der Toren [] Mitleid und Milde, die sich auf das allgemein stoische, aber bei Seneca besonders lebhafte Bewußtsein von der Verwandtschaft aller Menschen untereinander gründen“1089. Und bei Epiktet, den mit Seneca „die starke Hervorkehrung des Religiösen“1090 verbindet, findet sich die Vorstellung, dass „als Kinder desselben [göttlichen] Vaters [] alle Menschen Brüder [sind]“1091, ein Gedanke, in dem Überzeugungen des jungen Christentums aufleuchten, dessen theologische Repräsentanten als gebildete Männer der hellenistischen Zeit ja mit der griechischen Philosophie vertraut waren und so auch stoisches Gedankengut in ihren Aufbau der Theologie einbrachten. Zum Beispiel stellte bereits Seneca „die menschliche Sündhaftigkeit und die Pflicht zur Nächstenliebe“1092 heraus. Über allem aber steht bei diesem „das höchste Gut [,] das Sittlichgute“1093. Und um dieses verwirklichen zu können, muss „eine große Seele [] der Gottheit gehorchen und alles, was das Gesetz der Weltordnung gebietet, ohne Bedenken sich gefallen lassen“1094. Das sind Gedanken, die Tendenzen der Zeit reflektierten und sich zur christlichen Adaption anboten. Dass diese Adaptierung stattgefunden hat, belegt etwa die von christlichen Theologen geprägte Aussage: Seneca saepe noster (‚Seneca ist oft auf unserer Seite‘)1095. Zur Person Senecas sei noch nachgetragen, dass er im Jahre 65 1088 Ebd., S. 476 1089 Ebd., S. 492 1090 Ebd., S. 495 1091 Ebd., S. 496 1092 Ebd., S. 493 1093 Seneca, a.O., S. 235 1094 Ebd., S. 241 1095 Zit. nach: Stroumsa (2012), S. 163 257 durch Kaiser Nero, der ihn der Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung beschuldigte, zum Suizid gezwungen wurde, ein Schicksal, das er „mit der Gefaßtheit des Stoikers auf sich genommen [hat]: Er öffnete sich die Pulsadern und starb nach gelassenem Gespräch mit seinen Freunden“, solchermaßen „bewährend, was er im Leben gelehrt hatte“1096. Werfen wir nun einen Blick auf die stoische Physik, die ja der klassischen Dreiteilung zufolge eins der Fächer der Philosophie bildet, eine Gliederung, auf die auch Seneca mit dem zustimmenden Hinweis rekurriert: „Die meisten und bedeutendsten Gewährsmänner stellen drei Teile der Philosophie auf, den moralischen, physischen und rationalen“1097. Die Übernahme dieses Schemas durch Seneca deutet darauf hin, dass auch für die römische Antike mit keiner Herauslösung der Naturforschung aus der spekulativen oder, wie man es genannt hat, „qualitativen“1098 Betrachtungsweise zu rechnen ist. Und tatsächlich gelingt auch dem (späten) Stoizismus keine Entwicklung neuer, fruchtbarer Perspektiven für die Betrachtung der Natur. Vielmehr stellt sich seine Physik als eklektisches Aufgreifen tradierter Theoreme dar. In diesem Sinne urteilt etwa Karl Praechter, dass die Stoiker in der Physik „weniger selbständig als in der Logik und Ethik verfuhren und im wesentlichen auf die heraklitische Naturphilosophie, im einzelnen häufig auf Aristoteles zurückgriffen“1099. An Heraklit erinnert in der stoischen Kosmologie, welchem Fach ja in einer wenig differenzierten Physik immer das Hauptaugenmerk gilt, die das periodische Entstehen und Vergehen der Welt durch die Kraft des „göttlichen Urfeuers“1100 annehmende Lehre vom Weltenbrand, der Ekpyrosis (ekpýrosis). Wenn sich diese Lehre für Heraklit auch nicht exakt nachweisen lässt, so kommt in dessen Kosmologie dem Feuer als Prinzip der Lebendigkeit große Bedeutung zu, so dass das stoische Theorem durchaus durch ihn angeregt worden sein könnte1101. Auf Platon und Aristoteles verweist hingegen der Gedanke der Transformation der Elemente ineinander; demnach „verwandelt sich bei der Weltbildung [das Urfeuer] in Luft und Wasser [und] das Wasser wird zum Teil Erde, bleibt zu einem anderen Teile Wasser und verdunstet zu 1096 So J. Kroymann in der Einführung zur Schmidtschen Ausgabe von Senecas Schriften, a.O., S. 13. 1097 Ebd., S. 252 1098 Vgl. G. Seubold: Art. Historia Naturalis [des Plinius], KLW, S. 336 1099 A.O., S. 420 1100 Ebd. 1101 Zu Heraklits Kosmologie vgl. oben, Kap. II 3.3; vgl. jetzt ferner: Bremer/Dilcher: Heraklit, in: Grundriss 1/2 (§ 15), S. 601ff., hier insbesondere S. 616ff. 258 einem Teile in Luft, woraus sich wiederum Feuer entzündet [usw.]“1102. Das ist genauso spekulativ und stimmt sachlich im Prinzip überein mit Aristoteles‘ Behauptung, „daß Feuer Luft Wasser Erde auseinander entstehen und daß jedes Element in jedem potentiell vorhanden ist []“1103. Platonisch-aristotelischen Ursprungs ist ebenfalls die Vorstellung, dass „die Welt begrenzt und kugelförmig [ist]“1104; der pantheistische, pneumatheoretische Gedanke, dass „die Gottheit [] die ganze Welt als ein allverbreiteter Hauch [durchdringt]“1105, verweist auf an früherer Stelle angesprochene Vorstellungen des Anaximenes und des Diogenes von Apollonia, die ihrerseits auf orientalische Anregungen zurückgehen dürften1106. Und wenn wir zusätzlich zu diesen epigonalen Anschauungen über Natur bei Seneca lesen, „der physische Teil der Philosophie [werde] in zwei Abschnitte zerlegt, in die Lehre von den körperlichen und unkörperlichen Dingen“1107, können wir getrost den Schluss ziehen, dass sich die naturforscherische Produktivität der Antike spätestens mit den Stoikern der römischen Zeit erschöpft hat, ein Befund, der sich gleichfalls für die kosmologischen Ausführungen in der Naturalis Historia des Plinius ergab, der einige Jahre jünger als Seneca ist1108. Die Erschöpfung des naturphilosophischen Paradigmas spekulativqualitativer Naturbetrachtung wird bestätigt durch ein anderes kosmologisches Theorem des Stoizismus, die Überzeugung, dass in der Welt die heimarméne, das „unbedingt zwingende Schicksal“1109 herrscht. In diesem Gedanken, der im übrigen mit der von der stoischen Ethik vorausgesetzten Freiheit der Entscheidung nicht ohne weiteres kompatibel ist, mag zwar ein Keim des naturwissenschaftlichen Determinismus liegen, also der Voraussetzung, dass in der Natur Kausalnotwendigkeit, Naturgesetze, herrschen, aber der Stoizismus zieht aus dieser Einsicht keinen Impuls zu empirischer Forschung, sondern hypostasiert bzw. personifiziert in antiker Logik diese Naturnotwendigkeit qua Verhängnis zu einem göttlichen Walten, gegen das der Mensch sich 1102 Ebd. 1103 Meteorologie 339 a 36f. – Zu meiner Darstellung von Aristoteles‘ Elementenlehre vgl. oben, Kap. II 6.5.4, zu derjenigen Platons ebenda. 1104 Praechter, a.O., S. 419 1105 Ebd. 1106 Vgl. zu dem Komplex oben, Kap. I 5, ferner Burkert (2009), Kap. Persien und die Magier sowie Gemelli III, S. 272ff.: Zu Kosmogonie und Kosmologie des Diogenes von Apollonia. 1107 A.O., S. 254; Hervorh. Sk. 1108 Zur Kosmologie des Plinius vgl. oben, Kap. II 7.6.2 1109 W. Pötscher: Art. Heimarmene, KP 2, Sp. 972 259 mit ataraxía, der tranquillitas animi, wie es bei Cicero heißt1110, also mit ‚stoischer Ruhe‘, zu wappnen hat. 1110 Vgl. S. Harwardt: Art.: ataraxia, WaPh, S. 74l.

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts dritter Band demonstriert die Vollendung der antiken Wissenschaftsidee in den Konzeptionen Platons, vor allem aber Aristoteles’, sowie die im Hellenismus einsetzende Schwächung der Denkform Wissenschaft, einerseits durch das Aufkommen des Skeptizismus, andererseits durch das äußere Hemmnis einer neuen Religiosität. Der Band schließt mit Hinweisen auf das subkutane Überleben von Theorie in der virtuellen Form der christlichen Theologie und das durch Namen wie Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton gekennzeichnete Wiederaufleben der Naturwissenschaften in der Neuzeit.