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9 Resümee und Ausblick auf Band 3 in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 441 - 446

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3865-9, ISBN online: 978-3-8288-6638-6, https://doi.org/10.5771/9783828866386-441

Tectum, Baden-Baden
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441 9 Resümee und Ausblick auf Band 3 Mit der vorstehenden Darstellung der erkenntnistheoretischen Ansätze bei Demokrit schließe ich den zweiten, zentralen Band meiner Untersuchung zur Entstehung der Wissenschaftsidee und ziehe ein kurzes Fazit. Die denkerische Leistung der vorsokratischen Philosophen bzw. Protowissenschaftler besteht, daran kann kein Zweifel sein, in der entschlossenen, ein neues Paradigma der Weltdeutung darstellenden Herauslösung der Dinge aus ihrem mythischnuminosen Kontext und der Erarbeitung eines begrifflichen Apparates zu ihrer voraussetzungsfreien Erfassung. Ist der Bruch mit dem Mythos zu Anfang auch nicht total, so ist er doch tiefgreifend. Dagegen vollzieht sich die Entwicklung der neuen Gedanken sukzessive. Sie hebt an mit Thales‘ Rückführung aller Realität auf die arché des Wassers als Ursprung und Substanz der (Natur)Dinge, wobei der Aspekt des Ursprungs selbst noch im Mythos wurzelt. Der Weg führt über verschiedene Stufen der Differenzierung, das heißt der Gewinnung neuer Aspekte. Dass es sich um eine Entwicklung, das heißt um die sukzessive Entfaltung eines und desselben ursprünglichen Gedankens handelt, lässt sich ernsthaft nicht bezweifeln. Insofern impliziert dieser Gedanke alles aus ihm Folgende, enthält es in gleichsam eingehüllter Form (lat. implicare bedeutet eben ‚einfalten‘), aus welcher es die folgenden Denker nach und nach freisetzen. So impliziert [sic!] der Gedanke der arché qua Wasser nicht nur die genannten Gehalte Ursprung und Substanz, sondern auch den des Urelements und Grundstoffs, der Materie sowie den des (‚eigentlich‘) Seienden und gar den des Absoluten. Während der Begriff des Ursprungs bereits dem mythisch empfindenden Bewusstsein präsent war – an den (eigenen) Ursprung heftet sich das Interesse des Menschen als eines in familiärer und Geschlechterkontinuität existierenden, darin eingebundenen und sie mittragenden Wesens vorrangig – wird, wie früher dargestellt, der Begriff des Seins (tó einai) bzw. des Seienden (tò ón, Pl. tà ónta) von Parmenides gefasst, der des Elementaren durch Empedokles, der des vollkommen Unlebendigen, rein Stofflichen durch Anaxagoras und durch die Atomisten, der der Substanz als des Wesens in allem Erscheinenden durch Platon und Aristoteles. Der Begriff des Absoluten als des alles andere Bedingenden, aber selbst Unbedingten tritt gar seine Karriere erst in der Philosophie der Neuzeit an – und ist doch auch in Thales‘ arché-Spekulation angelegt. Bei alldem ist zunächst nicht entscheidend, ob für die genannten Gedankenformen ein entsprechendes Wort, ein Begriffswort, zur Verfügung steht. 442 Den Anfang bildet vielmehr das, was mit griechischem Terminus als héxis, lateinisch als habitus und im Deutschen vielleicht am angemessensten mit Bewusstseinsstellung zu bezeichnen wäre. So tritt mit Thales zum ersten Mal die Bewusstseinsstellung zutage, dass irgendwie alles aus Einem kommt bzw. sich auf dieses zurückführen (lat. ‚reducere‘: ‚reduzieren‘) lässt, und dies Eine nennt er Wasser. Anaximander fasst sodann, aus identischer Bewusstseinsstellung heraus, die formale Seite des Einen als arché und und bestimmt es nach der Seite des Inhalts hin als ápeiron: arché der seienden Dinge ist das apeiron, aus welchem die Dinge entspringen und in das sie wieder vergehen1847. Damit ist zugleich das Eine in die kategorialen Momente von Subjekt und Prädikat der Aussage geschieden (‚dirimiert‘), als Voraussetzung dafür, es überhaupt zum Gegenstand des Diskurses zu machen, denn ‚an sich‘ entzieht sich das Eine, wenn es wirklich ein solches ist, als ‚Umgreifendes‘1848 der sprachlichen Vergegenständlichung. Eine solche bedeutet in jedem Falle seine Verendlichung. Die von Anaximander hinzugefügte entwicklungsgeschichtlich-begriffliche Nuance ist die Entgrenzung des Urseienden zum Unbegrenzten (bzw. Unbestimmten), was eben von dessen Begriff gefordert wird (ein begrenztes Urseiendes wäre ein Unding!). Dabei muss offen bleiben, ob Anaximander dem Apeiron im Stile des Thales oder des auf ihn selbst folgenden Anaximenes eine stoffliche Charakteristik zugewiesen hat, was insofern ebenso denkbar wie unbedenklich wäre, als eben der Begriffsgegensatz eines bloßen Stoffes und eines stofflos Seienden latent ist und seiner (metaphysischen) Aufdeckung harrt (um es mit Anklang an Platons Ideen- und Anamnesislehre auszudrücken). Den weiteren Weg der ‚Ent-Wicklung‘, das heißt der Ausdifferenzierung der im thaletischen Prinzip des sich in Vielfalt umsetzenden Einen angelegten Implikationen (‚Ein-Faltungen‘) haben wir verfolgt. Er verläuft von Anaximenes‘ Wahl der Luft als einer ‚geistigeren‘ arché über Xenophanes‘ Reduktion der Göttervielfalt auf den Einen Gott und dessen Reinigung von empirischen Schlacken sowie seine Einsicht in die Zeitverflochtenheit und progredierende Natur menschlichen Erkennens, Heraklits Erschließung des Begriffs Natur als der intrinsischen Realität der erscheinenden Vielfalt, Parmenides‘ Erfassung und logische Klärung des Begriffs Seiendes als des ungewordenen, allem Wechsel enthobenen rein mit sich identischen Beharrenden, Empedokles‘ und Anaxagoras‘ Reduktion des Naturseienden auf eine Anzahl ungewordener 1847 Vgl. DK 12 B 1 1848 Dies der Terminus von Karl Jaspers; vgl. auch oben, Kap. II 4.7. 443 und unvergänglicher stofflicher Konstituenten und ihre Unterscheidung eines bloß Stofflichen von den dieses in Bewegung setzenden Wirkkräften. In naturphilosophischer (nicht in theologischer oder ontologischer) Hinsicht kulminiert die Entwicklung im Atomismus, der die Entgrenzung und Entqualifizierung der Raumvorstellung zum Begriff eines unendlichen Leeren weitertreibt, die anschaulich gegebenen Naturmaterien als archaí zugunsten einer rein reflexiv gefundenen Grundmaterie, der in unendlicher Zahl vorhandenen, ihrer Natur nach identischen ‚Unteilbaren‘ (‚Atome‘), eliminiert und die in den Bewegungsprinzipien des Empedokles und des Anaxagoras verbliebenen anthropomorphen Residuen beseitigt durch die Einführung der rein mechanisch wirkenden Kräfte von Attraktion und Repulsion sowie des Zufallsprinzips, das, wenn es auch wissenschaftlich kaum zielführend ist, doch das Denken von Begründungszwängen entlastet und auch von späteren Denkern nicht verschmäht wird. Zudem integriert der Atomismus die vereinzelten erkenntnistheoretischen Reflexionen bei Heraklit, Parmenides und Empedokles zu einer systematischen, die Erkenntnistätigkeit auf die Opposition Sinnlichkeit und Denken hin auflösenden, in sich kohärenten physikalistisch orientierten Theorie der Wahrnehmung, der sogenannten Bildchen-Theorie. Ohne klare Lösung bleibt beim Atomismus wie auch bei den Vorgängern (soweit die Problematik überhaupt in den Blick kam, Heraklit leistet einen Ansatz, die parmenideische ‚Lösung‘ ist eher eine Blockade), das Problem des Verhältnisses von Wahrnehmen und Denken im Erkenntnisvorgang und damit auch die Frage der Reichweite und Zuverlässigkeit des Denkens (zur Frage der Methode findet sich im Atomismus eine These, die aber nicht zureicht1849). Die Klärung dieser Probleme und damit der Schritt zu sachhaltiger, effizienter Naturwissenschaft werden für die folgenden zwei Jahrtausende Kultur- und Denkgeschichte ein Desiderat bleiben. Bei aller von der vorsokratischen Protowissenschaft erreichten theoretischen Differenzierung bleibt allerdings ein Gesichtspunkt noch vollkommen außer Betracht. Werden auch Wahrnehmen und Denken klar unterschieden und die vermuteten Prinzipien und Mechanismen der sinnlichen Wahrnehmung theoretisch zu erfassen gesucht, bleibt doch der Gedanke, dass auch im Denken als solchem bestimmte feststellbare Prinzipien am Werk sein könnten, noch außerhalb des Gesichtskreises der Vorsokratiker (wiederum mit Ausnahme einzelner Überlegungen bei Heraklit1850). Dieser Horizont wird erst von 1849 Vgl. oben, Kap. II 8.8.1 1850 Vgl. oben, Kap. II 3.7.3 444 der durch Platon und Aristoteles entfalteten Logos-Orientierung erschlossen und mit Inhalten erfüllt, die durch mehr als zwei Jahrtausende hindurch Bestand haben bzw. bis heute als Stimuli der Auseinandersetzung und weiterer Reflexion dienen werden. Dabei bleiben die in der Entfaltung des Programms einer Logos- Philosophie angestellten Überlegungen noch in vielfältiger Weise mit den vorsokratischen Vorgängern verbunden; dies dürfte durch die in der bisherigen Darstellung enthaltenen Bezugnahmen auf Platon und Aristoteles hinreichend verdeutlicht sein. Der Schritt zu einer gehaltvollen, Empirie und theoretische Methode integrierenden Naturwissenschaft, das heißt zu einer naturwissenschaftlichen Physik, gelingt aber auch ihnen noch nicht, wird vielmehr als nicht möglich zurückgewiesen. Platon sieht in der Anwendung der Mathematik auf empirische (‚sublunare‘) Verhältnisse eine Verunreinigung Ersterer, Aristoteles vermisst in Letzteren (sehr zu Unrecht) die für einen erfolgreichen mathematischen Zugriff vorauszusetzenden Ordnungsstrukturen. Dennoch dürften die von beiden Denkern geleistete Schärfung des Sinns für logische Verhältnisse sowie etwa Platons auf spekulativer Mathematik konstruiertes Kosmosmodell im Timaios und Aristoteles‘ Einführung des Begriffs der Zweckmäßigkeit im Naturgeschehen doch wohl als Voraussetzungen der späteren erfolgreichen Entfaltung von Naturwissenschaft zu gelten haben. Der folgende, die Teile III und IV umfassende dritte Band meiner Untersuchung wird in Teil III zunächst einige unter dem vorgegebenen Aspekt ausgewählte Textstellen aus Platon und Aristoteles interpretieren, um die durch diese Denker im Rahmen des der Antike Möglichen geleistete Vollendung der wissenschaftlichen Hexis aufzuzeigen. Ebenfalls in Teil III erfolgt sodann die Darstellung der beginnenden Abwendung von der Wissenschaftsidee in den die Philosophie auf eine Theorie ethischer Lebensgestaltung reduzierenden Ansätzen von Epikureismus und Stoizismus, eine Absetzbewegung, die in der direkten, allerdings immer noch argumentativ entfalteten Bestreitung der Möglichkeit von Theorie durch den Skeptizismus terminiert. Der unter dem Titel der spätantiken Unterdrückung der Wissenschaftsidee stehende Teil IV wird das dem Erkenntniszweifel komplementäre Aufblühen irrationaler Kulte sowie die Diffamierung der die Polis-Epoche prägenden theoretischen Neugier als unfromm durch das aus dem Kampf der Synkretismen siegreich hervorgehende Christentum, namentlich seitens Augustinus, darstellen. Der diesen Teil und damit die gesamte Arbeit abschließende knappe Ausblick bringt eine sehr geraffte Darstellung der Rezeption der griechi- 445 schen Logos-Philosophie durch das sich formende Christentum, ein Vorgang, durch den die im ‚Heidentum‘ so nicht bekannte ideelle, man könnte wohl auch sagen: virtuelle, ‚Gottes-Wissenschaft‘, die Theo-Logie, entsteht. Diese wird im geschichtlichen Prozess zur Platzhalterin der Wissenschaftsidee und ermöglicht damit, summarisch gesprochen, deren profane Renaissance im Neuansatz von Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert. Mit einem Hinweis auf den ambivalenten Charakter des von Letzterer hervorgebrachten Weltphänomens der Technik schließt die Schrift.

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts zweiter Band präsentiert die Entfaltung des theoretischen Bewusstseins in den großen Natur- und Seinsentwürfen von Xenophanes über Pythagoras und Heraklit bis hin zu Demokrit und untersucht deren einzelne Beiträge zu den neuen naturforscherischen Ideen und Begrifflichkeiten. Reflektiert wird die Entstehung epochaler und für die spätere Naturwissenschaft fundamentaler Begriffe wie Raum, Materie, Prozess, Beharrliches (‚Sein‘), Element und Atom. Und auch die Zahl als noch unzulänglich gehandhabtes Mittel zur Strukturgebung der Wirklichkeit wird hier aufgegriffen.