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5 Rettung der Phänomene: Die jüngeren Naturphilosophen in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 253 - 258

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3865-9, ISBN online: 978-3-8288-6638-6, https://doi.org/10.5771/9783828866386-253

Tectum, Baden-Baden
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253 5 Rettung der Phänomene: Die jüngeren Naturphilosophen Parmenides stellt die letzte der großen frühgriechischen Gründergestalten der theoretischen Weltbetrachtung dar, die mit einer ganz eigenen Wirklichkeitsdeutung hervortreten. Mit seinem Seinsmonismus, dem Ansatz beim Begriff des nichts außer sich habenden, vollendet in sich selbst ruhenden Seins, glaubt er das Problem theoretischer Wahrheit ein für alle Mal gelöst zu haben – ebenso wie seine Vorgänger dies für sich beanspruchten und die großen Denker das bis heute tun. Doch für ihn wie für die anderen gilt das biblische Wort: Die Füße derer, die dich hinaustragen werden, stehen schon vor der Tür. Dennoch übt sein Begriff des Seins nachhaltigen Einfluss auf die folgenden Denker aus, und dies, wie im Vorhergehenden aufgewiesen, bis in die heutige Zeit. Bevor ich mich der Darstellung der weiteren Entwicklung der theoretischen Welthaltung zuwende, hier ein kurzer denkgeschichtlicher Hinweis. Ich hatte bereits bei den milesischen Denkern eine Verwandtschaft der aufeinander folgenden Welterklärungen aufgezeigt. Wie Thales zu Anaximander so steht dieser zu Anaximenes im Verhältnis von Lehrer und Schüler, allgemeiner formuliert: Es lässt sich ein Einfluss des jeweils Älteren auf den Jüngeren feststellen (was sich in Einzelfällen auch umkehren kann). Der Pythagoreismus sodann stellt sich dar als eine sich zu zahlreichem Gefolge entwickelnde wissenschaftlich-weltanschauliche und zugleich ethisch-religiöse Schule. Auch Heraklit hat „Schule gemacht“, Xenophanes gilt, mutatis mutandis, als Lehrer des Parmenides und dieser wiederum als Inspirator des Zenon und des Melissos. Diese Nach- und Breitenwirkung der großen Anreger hat in den von uns betrachteten zwei Jahrhunderten Denkgeschichte bereits eine Fülle weiterer, weniger bedeutender Forscher hervorgebracht, die ich, um nicht allzu sehr auszuufern, übergangen habe. Dementsprechend stellen auch die nun vorzustellenden Denker nur besonders relevante Vertreter der sich immer breiter entwickelnden wissenschaftlichen Bewegung dar979. Ein wesentliches Kennzeichen ihrer Bemühungen wird es sein, an die von den ionischen Denkern begründete Rückführung der Welt der erscheinenden Vielfalt und Veränderlichkeit auf ihr bestimmendes Prinzip 979 Wir beschränken unsere Aufmerksamkeit für den Moment ohnehin auf die Naturtheorie im engeren Sinne. Ich übergehe sowohl die Medizin wie die Geographie und die Mathematik, die sich mit ihrer anwendungsbezogenen Variante, der Messkunst, inzwischen zur Spezialwissenschaft herausgebildet hat und von Fachmännern betrieben wird. 254 Im einzelnen handelt es sich um den aus Akragas (Agrigent) auf Sizilien stammenden Empedokles (ca. 460-370 v.Chr.), den etwas älteren Anaxagoras (ca. 500-428 v.Chr.) aus dem ionischen Ort Klazomenai, der als erster bedeutender Denker eine Zeitlang in Athen lehrte, das inzwischen zum politischen und intellektuellen Zentrum Griechenlands avanciert war, ferner um Demokrit (ca. 460-370 v.Chr.), den Mitbegründer des Atomismus aus dem thrakischen Abdera. Beiläufig hinzuweisen ist auf den bereits bei der Darstellung des Anaximenes erwähnten Diogenes aus Apollonia, einer milesischen Kolonie im heute türkischen Abschnitt der Schwarzmeerküste. ebenfalls um 460 v.Chr. geboren und damit etwas jünger als Sokrates; Diogenes‘ Todesdatum ist nicht überliefert. Ungeachtet des von Parmenides über die Erscheinungswelt ausgesprochenen Verdikts verbindet die genannten Forscher nochmals und letztmalig für die Antike der Ansatz bei der stofflichen Beschaffenheit der Welt und die Annahme, daraus die Gesamtwirklichkeit erklären zu können. Sie sind also wie ihre milesischen Vorgänger echte physikoi oder physiologoi. Im Unterschied zu den Milesiern gehen sie jedoch nicht von einer einzigen, empirisch vorfindbaren und qualitativ bestimmten Materie wie Wasser oder Luft aus (Anaximander mit seinem nicht eindeutig als stofflich identifizierbaren Apeiron bildete hier die Ausnahme), sondern verfahren stärker abstrahierend und systematischer. Die konkreteste und auf Grund der Rezeption durch Aristoteles sogar für fast zwei Jahrtausende kanonisch gewordene Lösung präsentiert Empedokles. Er nimmt vier Urstoffe an, aus denen durch Mischung alle Dinge entstehen; es sind die noch heute populärerweise als Elemente bezeichneten Stoffgemische Erde, Wasser, Luft und Feuer; Letzteres ist nicht selbst ein Stoff, sondern bloß Manifestation eines an Stoffen sich vollziehenden Prozesses, nämlich der Verbrennung. Dass Empedokles (in der Nachfolge Heraklits und der Pythagoreer) das Feuer dennoch als Element betrachtet, mag mit der irrtümlichen Ansetzung der Möglichkeit eines reinen, materiefreien Brennens zusammenhängen, wie es etwa die Sonne vortäuscht. Abstrakter und komplexer als die Konzeption des Empedokles sind die Ansätze von Anaxagoras und Demokrit. Der erste nimmt eine unbegrenzte Zahl von Elementarstoffen an, der zweite entwickelt im Anschluss an seinen Lehrer Leukipp die Korpuskulartheorie der Materie, den Atomismus; beide vertreten damit einen extremen Pluralismus. 255 Im Gegensatz dazu vertritt Diogenes von Apollonia letztmalig einen Monismus im Stil der Milesier. Er schließt, wie bereits ausgeführt980, an Anaximenes an und hält aus den dargelegten Gründen an der Luft als dem einzigen, sich in die Vielheit der Dinge transformierenden Urstoff fest. Ein Einfluss von Parmenides‘ Doktrin des jenseits der Erscheinungswirklichkeit in absoluter Transzendenz verharrenden, keiner Veränderung unterworfenen, in sich homogenen und opaken, eine numerische Eins bildenden und unbeweglich in sich ruhenden Seins wird bei den drei erstgenannten Denkern sichtbar. Sie folgen dem Parmenides jedoch nicht in der Entwertung der Erscheinungen zu bloßem Schein und damit auch nicht in der völligen Abtrennung des Seienden von der Erscheinung. Vielmehr suchen sie der erfahrenen Wirklichkeit der Veränderung und des Wechsels in der Welt theoretisch zu entsprechen. Mit ihrer Ansetzung von Elementen und Korpuskeln halten sie an einer Form von Seiendem fest, aus dem sich die Erscheinungswelt aufbaut, das aber als solches nicht in Erscheinung tritt und keiner Veränderung seiner Natur unterliegt. Sie tragen mit solcher Rückführung des Veränderlichen auf Unveränderliches zur Schaffung des theoretischen Rahmens bei, in dem Wissenschaft bis heute operiert. Wie sich dies konkret darstellt, soll die folgende Einzelbetrachtung der genannten Denker verdeutlichen. Zunächst sei jedoch eine weitere Vorüberlegung gestattet. ‚Forschungsstrategisch‘ nehmen die jüngeren Naturphilosophen mit der Rückführung der vielfältigen und wechselnden Erscheinungen auf die Kombination weniger Elemente ein Prinzip vorweg, das später unter dem Titel Rettung der Phänomene als Postulat an die mathematische Astronomie bekannt und Platon zugeschrieben wurde. Der Mythos hatte die sinnlich erfahrbaren Dinge der uns umgebenden Welt, allen voran die bereits von ihm erfassten Entitäten der Naturwirklichkeit – Erde, Himmel, Meer, Gestirne, Lebensphänomene usw. – numinos aufgeladen, in der Sprache der Tradition: vergöttlicht. Parmenides hatte alles das, gemessen am Sein als der Realität schlechthin, für null und nichtig erklärt. Die jüngeren Naturphilosophen aber stellen die Dignität der erfahrbaren Welt wieder her, indem sie diese auf das zu Grunde liegende Seiende zurückführen, in diesem fundieren und sie derart, wenn man so sagen will, theoretisch ‚retten‘981. 980 Vgl. oben, Kap. I 5.3 981 Zur Auffassung des Aristoteles, dass sich schon für Parmenides selbst das Problem einer Rettung der Phänomene geltend gemacht habe, vgl. Kap. II 4.6. 256 Es ist zuzugeben, dass die Rede von einer ‚Rettung‘ der Phänomene im vorliegenden Kontext befremden könnte. Die Erscheinungen bedürfen einer Erklärung – aber inwiefern einer Rettung? Tatsächlich geht es bei diesem Gedanken um die Herstellung von Übereinstimmung zwischen einem theoretischen, spekulativ erdachten Prinzip über das wesensgemäße Verhalten gewisser Gegenstände und der damit nicht korrespondierenden Erfahrung. Im Falle Platons handelt es sich um das metaphysische Theorem, dass den Bewegungen der Gestirne, als göttlich-vollkommenen Wesenheiten982, die einfachste und ‚vollkommene‘ Form, nämlich die des Kreises, m.a.W. der „ideal-zirkuläre“983 Bewegungsverlauf, eignen müsse. Das in dieser Annahme implizierte (vielleicht von Platon gar nicht expressis verbis formulierte984) Postulat einer Rettung der Phänomene zielte demnach darauf, die aus der ‚geozentrischen‘ Perspektive des irdischen Beobachters als sehr unregelmäßig wahrgenommenen Bewegungen der Planeten als ‚in Wirk- 982 In diesem Sinne heißt es etwa in den Nomoi, in der Rede des Atheners: „Wenn wir [] bei unserem Bemühen, Beweise vorzubringen für das Dasein der Götter, uns berufen auf Sonne Mond, Sterne und Erde als auf Götter und göttliche Wesen []“ (886 d). 983 Chr. Horn: Art. Ordnung/Kosmos (taxis/kosmos), PL, S. 215 – Im Timaios spricht Platon die kreisförmige Bewegung dem vom Demiurgen als göttliches Lebewesen geschaffenen Kosmos im Ganzen zu: „Und im kreisförmigen Umschwung sich drehend ward [der Kosmos] so hingestellt als das eine und ganz auf sich beschränkte Weltall, durch seine Vortrefflichkeit imstande, an dem Umgange mit sich selbst Genüge zu finden“ (34 b). Heute ersetzt, nebenbei bemerkt, die neueste Naturphilosophie das perhorreszierte Prädikat der Göttlichkeit des Kosmos durch das die entscheidende Frage aussparende Etikett seiner Autopoiesis. – Dagegen wird an dem von Platon behaupteten Eins-Sein des Kosmos gegen die in der Tat logisch fragwürdige, vom Atomismus vertretene Theorie vieler Welten, also eines Multiversums, bis heute festgehalten, wie etwa die Theorie des sog. ‚Urknalls‘ belegt. 984 Ob es sich bei der „Aufgabe, die Phänomene zu retten“ (F. Krafft), tatsächlich um eine von Platon für die Astronomen entworfene, sogar auch die neuzeitliche Naturwissenschaft generell leitende Programmatik handelt, wie J. Mittelstraß in seiner Schrift Die Rettung der Phänomene. Ursprung und Geschichte eines antiken Forschungsprinzips (1962) behauptete, ist kontrovers diskutiert worden. Mitgeteilt wurde die Forderung Platons durch den Neuplatoniker Simplikios (6. Jh. n. Chr.), der in seinem Kommentar zu Aristoteles: De caelo einen Bericht des Sosigenes referiert, dass Platon „den Fachastronomen [] als Aufgabe gestellt habe, durch welche (hypothetisch) zugrunde gelegten gleichmäßigen und geordneten Bewegungen die bei den Planetenbewegungen auftretenden Phänomene vollkommen gerettet würden“ (zit. Krafft: Der Mathematikos und der Physikos. Bemerkungen zu der angeblichen Platonischen Aufgabe, die Phänomene zu retten. In: Krafft u.a., 1965). In seiner gründlichen Studie über die Entwicklung des Motivs von der Antike über das Mittelalter bis zur frühen Neuzeit bestreitet Krafft die dem Prinzip der Rettung der Phänomene zugewiesene Relevanz auch noch für Galilei und die moderne Naturwissenschaft insgesamt. Dagegen fasst H.G. Zekl das Prinzip als ein tatsächlich für die Astronomie „von Platon formuliertes Programm“ auf, in dessen „Tradition [] sich noch Copernicus sieht“ (H.G. Zekl: Einleitung, in: Copernicus: Das neue Weltbild, S. XLIVf.; s. Lit.-Verz.) 257 lichkeit‘ kreisförmige darzustellen (und zu berechnen), sie also mit der spekulativ angesetzten Ideallinie zu konformieren. Dieser Aufgabe unterzog sich erstmals der mit der platonischen Akademie verbundene Mathematiker und Astronom Eudoxos von Knidos (ca. 390-340 v.Chr.), dem es mit seinem System der homozentrischen, das heißt konzentrisch, um dasselbe Zentrum, die Erde, angeordneten Sphären gelang, „periodische Schleifenbewegungen der Planeten durch Kombinationen gleichförmiger Kreisbewegungen [zu] erklären“985. Eudoxos‘ Konzeption wurde von der späteren Forschung verfeinert und fand ihre Vollendung in Ptolemäus‘ (um 100-160 n.Chr.) komplexer und mathematisch höchst raffinierter Konstruktion des geozentrischen Systems mit Exzentern, Epizykeln und Ausgleichspunkten. Was die neuzeitliche Wissenschaft anbelangt: Auch wenn diese wie die griechischen Vorgänger das Wahrnehmbare auf Nichtwahrnehmbares – mathematisch formulierte Gesetze in der Physik, quantifizierende Erfassung qualitativer Elemente in der Chemie usw. – zurückführt, so hat doch kein Forscher die Empfindung, es müssten die Phänomene ‚gerettet‘ werden, so als seien sie das Wesenlose, das erst durch diesen Vollzug der Rettung am Sein teilhat, vielmehr erleben wir sie, das Explanandum, als das primär Seiende. Anders formuliert: Wir stellen uns kein hinter den Erscheinungen wirkendes Reich von Naturgesetzen vor, das Erstere erzeugt, sondern betrachten die Gesetze als durch Beobachtung und Experiment von den Phänomenen abstrahiertes Instrument der Beschreibung und Erklärung (und – nicht zuletzt – der Prognose und technischen Manipulation); mit Descartes‘ in der Terminologie noch an das antike Programm der Rettung der Phänomene erinnernden Formulierung bilden wir „Hypothesen [], die nicht als wahr, sondern lediglich als geeignet gelten, um die Phänomene zu erklären“986. Der ‚ontologische Status‘ der gefundenen Gesetze interessiert den Forscher dabei wenig. 985 J. Mittelstrass: Art. Ptolemäisch, Ptolemäisches Weltsystem, HWPh 7, Sp. 1709 986 Principia III 15

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts zweiter Band präsentiert die Entfaltung des theoretischen Bewusstseins in den großen Natur- und Seinsentwürfen von Xenophanes über Pythagoras und Heraklit bis hin zu Demokrit und untersucht deren einzelne Beiträge zu den neuen naturforscherischen Ideen und Begrifflichkeiten. Reflektiert wird die Entstehung epochaler und für die spätere Naturwissenschaft fundamentaler Begriffe wie Raum, Materie, Prozess, Beharrliches (‚Sein‘), Element und Atom. Und auch die Zahl als noch unzulänglich gehandhabtes Mittel zur Strukturgebung der Wirklichkeit wird hier aufgegriffen.