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Vorwort in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 9 - 10

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3864-2, ISBN online: 978-3-8288-6637-9, https://doi.org/10.5771/9783828866379-9

Tectum, Baden-Baden
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9 Vorwort Zunächst bedarf es einer Erklärung zur Wahl und zur Durchführung des Themas. Zu der Beschäftigung mit der vorsokratischen Gedankenwelt haben mich weder ein genuines Interesse an der Antike im allgemeinen noch etwa altphilologische Motive im engeren Sinn bewogen. Mein Beweggrund war ein allgemeines kultur- und geistesgeschichtliches und, spezieller, ein wissenschaftshistorisches Interesse, und zwar an der Hypothese, dass die antike Naturphilosophie nicht nur die Philosophie als solche initiiert, sondern auch die Naturwissenschaften der Neuzeit ermöglicht hat. Diese Überlegung wird im Folgenden an der frühen griechischen Philosophie zu verifizieren gesucht, indem vor allem die gedanklichen Formen und Begriffsprägungen aufgewiesen werden, in denen sich dies manifestiert. Dem ist insbesondere Teil II der Arbeit gewidmet. Da die Entstehung der vorsokratischen Philosophie zwar einen radikalen denkerischen Neubeginn darstellt, jedoch nicht im ‚luftleeren Raum‘, sondern in einer bestimmten historischen Situation des Griechentums, das heißt vor dem Hintergrund existierender orientalischer Reiche und deren politischer und kultureller Ausstrahlung, sowie in Absetzung von der herrschenden mythischen Religion stattfindet, schien es mir angebracht, zunächst diese Situation zu erhellen. Das erfolgt in Teil I durch Darstellung des historisch-politischen Kontextes und durch Untersuchungen zu Homer und Hesiod als literarischen Repräsentanten der olympischen Religion. Da andererseits die Entwicklung nicht bei den Vorsokratikern aufhört, sondern erst durch Platon und speziell durch Aristoteles ihre der Antike mögliche Vollendung erfährt, waren auch diese beiden Großdenker in gebotener Kürze zu berücksichtigen, was in den ersten Kapiteln von Teil III erfolgt. Der weiteren Frage, aus welchen Gründen es in Hellenismus und Spätantike zu einem Niedergang des naturforscherischen bzw. generell des theoretischen Interesses kommt – lediglich über Mathematik und Astronomie wird weiter produktiv gearbeitet – gehe ich in den Schlusskapiteln von Teil III und in Teil IV nach. Mit einem knappen Ausblick auf den von der christlichen Religion initiierten Prozess der Entweltlichung und den mit der Renaissance einsetzenden erneuten Paradigmawechsel zurück zu Weltbejahung und Wissenschaftsgesinnung schließt die Schrift. Da die Darstellung im Verlauf der Arbeit weit über den ursprünglich angesetzten Umfang hinausgewachsen ist, habe ich den Stoff auf drei Bände verteilt; Band 1 umfasst Teil I der Darstellung, Band 2 enthält Teil II und Band 3 die Teile III und IV. 10 Das weiter gespannte Motiv der gesamten Untersuchung bildet die Überzeugung, dass die aus ihren spekulativen antiken Anfängen herausgewachsenen Naturwissenschaften und die auf ihnen basierende moderne Technik schon seit geraumer Zeit, und je länger desto mehr, die die menschliche Wirklichkeit praktisch, aber auch in der Theorie bestimmende Macht darstellen, eine Realität ersten Ranges, der die anderen geistigen und Machtkomplexe – Politik, Wirtschaft, Religion, Kunst – sich nicht entziehen können und der gegenüber ihnen nur ein reaktives Verhalten bleibt. Ein Wort ist noch zum Titel Mythos – Wissenschaft – Philosophie zu sagen: Man könnte einwenden, die Folge der Begriffe des Titels erscheine nicht logisch, vielmehr müsse die Philosophie als historisch primär vor der Wissenschaft stehen, die ans Ende der Reihe gehöre. Wenn in diesem Einwand eine Logik steckt, so ist es die eines historischen Vorurteils. Die gewählte Reihenfolge sollte gerade eine Assoziation an ein (in sich fragwürdiges, da Denkgeschichte auf ein simples lineares Schema reduzierendes) Dreistadiengesetz verhindern. Ans Ende der Folge gehört die Philosophie als die die Wissenschaften ebenso wie den Mythos und den zwischen beiden waltenden Zusammenhang reflektierende Disziplin. Zum Schluss dieses Vorwort sage ich Dank: vor allem meiner Frau Ursel, zum einen dafür, dass sie den für die Abfassung der Arbeit erforderlichen enormen Aufwand an Zeit akzeptierte, andererseits für die kluge und konstruktiv-kritische Begleitung der Arbeit durch manchen Ratschlag zu stilistischer Verbesserung, zu sachlicher Verdeutlichung und zu textlicher Straffung – Letzteres allerdings, wie das Resultat belegt, mit geringem Erfolg. Ich danke dem Leiter des Tectum Verlags, Herrn Dr. Kubitza, für seine Bereitschaft, meine umfangreiche Schrift zu verlegen. Ferner bedanke ich mich bei den Verlagsmitarbeiterinnen Frau Ina Beneke, die sich für die Veröffentlichung einsetzte, sowie bei Frau Sabine Borhau, die das Projekt engagiert betreute und mit Einsatzfreude und Geduld mein Manuskript zur Druckreife brachte. Hans-Joachim Schönknecht

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts erster Band setzt den historisch-geographischen Rahmen. Er beschreibt die Ethnogenese des Griechentums, vertieft die in den Epen Homers und Hesiods angelegten rationalen Impulse und präsentiert die ersten, noch sehr abstrakten Theoriekonzeptionen der milesischen Naturdenker. Exkurse, die innerhalb der drei Bände immer wieder auftauchen, widmen sich weiteren interessanten Einzelaspekten: Neben der Übernahme mathematischer Denkweisen bei der Konstruktion von Bauwerken, in die bildenden Künste oder bei der Stadtplanung wird auch die wichtigste kosmologische Erkenntnis der Antike behandelt: die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde.