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1 Ein Paradigmawechsel kündigt sich an in:

Hans-Joachim Schönknecht

Mythos - Wissenschaft - Philosophie, page 11 - 22

Zur Genese der okzidentalen Rationalität in der griechischen Antike

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3864-2, ISBN online: 978-3-8288-6637-9, https://doi.org/10.5771/9783828866379-11

Tectum, Baden-Baden
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Teil I Zwischen Mythos und Logos: Entstehung einer neuen Wissensform 13 1 Ein Paradigmawechsel kündigt sich an1 In der ersten Hälfte des 6. Jh. v. Chr. ereignet sich in einer Küstenstadt Groß- Griechenlands ein Vorgang von weitreichender, ja man darf sagen: von welthistorischer Bedeutung, „eine geistesgeschichtliche Revolution unerhörten Ausmaßes“2, deren Auswirkungen allerdings erst mehr als zweitausend Jahre später zu voller Geltung kommen. Inmitten der archaischen Welt der Göttermythen tritt als neue Art des Denkens die Theorie hervor, der Versuch, die Wirklichkeit rational, verstandesmäßig, ohne Rückgriff auf religiöse Mächte und übernatürliche Vorgänge aus der als erkennbar unterstellten Natur der Dinge selbst zu begreifen und den Anthropomorphismus der religiösen Weltdeutungen, das heißt die Rückführung natürlicher und sozialer Ereignisse auf göttliches Handeln und dessen Rückbeziehung auf menschliche Zwecke, zu überwinden. Diese Neuausrichtung des Denkens ist eine bewusste und gewollte; sie bringt, könnte man sagen, den ersten geschichtlich fassbaren Vorgang von Aufklärung in Gang3 und markiert den Ausgangspunkt der abendländischen Verwissenschaftlichung des Weltbildes. Die Bedeutung dieses Vorgangs kam bereits in der Antike selbst zu einem ersten Bewusstsein und wurde als Schritt vom Mythos zum Logos, vom Dichten zum Denken, begriffen 1 Der hier benutzte Begriff des Paradigmawechsels wurde insbesondere durch Th. S. Kuhns Schrift Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen bekannt. Bei Kuhn bezeichnet er den Übergang von einer in die Krise geratenen wissenschaftlichen Grundorientierung zu einer anderen, die Phänomene besser und umfassender erklärenden. Es handelt sich also um„Wendepunkte in der wissenschaftlichen Entwicklung“ (Kuhn 1976, S. 20), etwa den Übergang vom geozentrischen Weltbild der Antike zum heliozentrischen der Neuzeit durch die sog. Kopernikanische Revolution oder die Ablösung der Newtonschen Physik des absoluten Raumes durch die Relativitätstheorie Einsteins. Mit nicht weniger Berechtigung darf man den Begriff des Paradigmawechsels wohl im vorliegenden Fall gebrauchen, in dem es sich um einen noch tiefer greifenden Wandel handelt, nämlich den Übergang von einer ziemlich diffusen, phantasiegeleiteten mythischen zu einer überhaupt erst wissenschaftlich zu nennenden Form der Welterklärung. Während der Begriff des Paradigmawechsels auf Inhalt referiert, lässt sich die formale Seite mit dem Begriff ‚neue Wissensform‘ fassen, unabhängig davon, ob man den alten Mythen oder den neuen Aussagen der Wissenschaft inhaltlichen Wahrheitswert zuerkennt oder nicht (Der Terminus Wissensform findet sich etwa in der Literatur zu Aristoteles, vgl. z.B. W. Detel: Art. epistêmê/Wissen, AL, S. 201). 2 Paulsen 2004, S. 94f. 3 Des Begriffs der Aufklärung für den vorliegenden Zusammenhang bedienen sich auch andere Forscher. So formuliert Th. Kobusch in seinem Aufsatz Die Wiederkehr des Mythos. Zur Funktion des Mythos in Platons Denken und in der Philosophie der Gegenwart (in: Janka/Schäfer 2002, S. 44-57), „der Gegensatz [zwischen Mythos und Logos sei] nicht erst eine Erfindung unserer zweiten, der modernen Aufklärung, sondern er [gehe] auf das Aufklärungsdenken der Griechen selbst schon zurück“ (a.O., S. 44). 14 und, etwa in den Schriften Platons, offensiv vertreten4. Logisch, intrinsisch möglich wird diese Wendung durch die Herausbildung der neuen Kategorie der Wahrheit, der wahren Wirklichkeit, die im Begriff des lógos als der wahren, die innere Ordnung des Ausgesagten intendierende Rede anklingt und die es erlaubt, die überlieferten Mythen kritisch zu hinterfragen. Ich gebe ein Beispiel: Die Frage, ob der vorolympische Urgott Uranos tatsächlich, wie Hesiod dichtet, seine Kinder verschlungen habe, lässt sich nicht sinnvoll diskutieren. Dagegen lassen sich in der Frage, ob die Urgegebenheit des Kosmos das Wasser sei (wie Thales behauptet) oder die Luft (wie Anaximenes sagt), für beide Auffassungen Gründe anführen (auch wenn sie letzten Endes beide falsch sind). Der Logos stellt solche Fragen, und er thematisiert, wie wir noch sehen werden, im Gegensatz zum Mythos, diesen und sich selbst; er weiß sich als Logos. Moderne Versuche, gegen den herrschenden Logozentrismus den Mythos zu rehabilitieren, eine Wahrheit des Mythos5 zur Geltung zu bringen, haben ihren Ort selbst in der Sphäre des Logos: Sie sind Resultat nicht originären mythischen Fühlens, sondern kritischer Reflexion, ‚sentimentalische‘ (Schiller) Versuche des Verstandes, die von ihm (nur unvollkommen) beherrschte Welt wieder in einem ‚Absoluten‘, einem an und für sich Gültigen zu fundieren, und sie sind insofern romantisch. Geographischer Einsatzpunkt der Entstehung der Wissenschaftlichkeit ist die kleinasiatische Stadt Milet, die bedeutendste Polis der groß-griechischen Provinz Ionien, gelegen an der Westküste der heutigen Türkei, eine Autostunde südlich von Izmir. Denn aus Milet stammen die ersten Denker. Drei Namen sind uns überliefert: Thales (etwa 625–545 v. Chr.), Anaximander (um 611–nach 547/46 v. Chr.) und Anaximenes (um 585–525 v. Chr.). Ihre Lehren sind nur in wenigen Fragmenten und nur in sekundärer Überlieferung, als Zitate und Erwähnungen in Texten anderer antiker Autoren, auf die Nachwelt gelangt. Sie beziehen sich vor allem auf die Natur als Natur, auf den Kosmos, auf die vielleicht erstmals als Eine vorgestellte Welt oder, wie man später sehr unanschaulich sagen wird, auf das Sein in seiner Totalität. Die geschichtliche Überlieferung interpretiert seit alters her diese Denker als die ersten Philosophen. Als solche hat sie der Schriftsteller Diogenes Laertius 4 Berühmt ist vor allem Platons Dichterschelte in der Politeia; vgl. dazu unten, Kap. I 6.9 passim. Vgl. ferner den Werktitel Vom Mythos zum Logos von W. Nestle (erschienen 1940). 5 Vgl. etwa K. Hübners voluminöses philosophisches Werk Die Wahrheit des Mythos (erstmals 1985, s. Lit.-Verz.) 15 im 3. Jh. n.Chr. in sein Werk Leben und Meinungen berühmter Philosophen6 aufgenommen. In der neueren Philosophiegeschichtsschreibung firmieren sie im Sinn dieser Tradition als milesische oder ionische Naturphilosophen. Mitunter werden sie wegen ihres besonderen Interesses am Aufbau des Kosmos als erste Kosmologen bezeichnet7. Zusammen mit einer Reihe auf sie folgender Denker werden sie in der neueren Philosophiegeschichtsschreibung in der Regel unter der Bezeichnung vorsokratische Philosophen oder kurz Vorsokratiker geführt, da man in Sokrates (470-399 v.Chr.) den Urheber einer ganz neuen, zu Dominanz gelangenden Weise des Philosophierens zu erkennen glaubt, eines Philosophierens, das Natur als primären Denkhorizont preisgibt und sich dem Menschen als solchem zuwendet, dem Menschen als dem Wesen, in dem, wie wir formulieren müssen, Natur sich selbst überschreitet. Platon selbst lässt im Dialog Phaidros seinen Lehrer Sokrates diese Option für die Erkenntnis des Menschen und gegen die Naturforschung bildhaft zum Ausdruck bringen, wenn dieser auf die Bemerkung des Phaidros, Sokrates erscheine inmitten der Natur wie ein Fremdling, antwortet: „Verzeihe mir das, mein Lieber. Ich bin eben lernbegierig, und Felder und Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt“8. Mitunter halten Forscher es jedoch für am sachgerechtesten, in der Bezeichnung dieser Denker jeden inhaltlichen Bezug zu vermeiden, um die Interpretation nicht zu präjudizieren. Man bezeichnet sie schlicht als frühe griechische Philosophen9. Dass es sich um Philosophen handle, ist jedenfalls weithin unbestritten. Und doch ist gerade diese Rubrizierung nicht selbstverständlich. Wie immer es sich in der Sache verhalten mag, die Ausdrücke Philosoph (gr. philósophos: ‚Freund des Wissens‘ bzw. ‚Freund der Weisheit‘) und Philosophie (gr. philosophía, sinngemäß: ‚Liebe zur Weisheit‘, ‚Liebe zum Wissen‘) sind zu jener Zeit noch nicht geprägt; sie werden erst durch Platon (427-347 v.Chr.) terminologisch, das heißt in der bis heute gültigen Bedeutung eines auf sehr allgemeine Prinzipien ausgerichteten Denkens fixiert. Menschen mit auszeichnenden Kenntnissen oder Fähigkeiten werden im antiken Griechenland häufig als sophoí, als ‚Wissende‘ oder ‚Weise‘ bezeichnet. So fasste man einige Männer der griechischen Frühzeit von besonderem geis- 6 Das Werk ist eine der wichtigsten Quellen für die Entwicklung der antiken Philosophie und das einzige Quellenwerk, das „im wesentlichen vollständig vorliegt“ (Praechter 1961, S. 19) 7 Vgl. z.B. die Behandlung dieser Denker durch K. Algra unter dem Titel Die Anfänge der Kosmologie (in: Long 2001, S. 42ff.) 8 Phaidros 230 d (zit. Schleiermacher) 9 Vgl. den Titel von Long 2001 16 tigen Rang und sicherer Urteilskraft zur Gruppe der Sieben Weisen zusammen und überlieferte deren Einsichten in Leben und Welt in Form geprägter Sinnsprüche (sog. apophthegmata). Neben dem für die politische und soziale Entwicklung Griechenlands sowie für die europäische Rechtsauffassung wichtigen Gesetzgeber Solon (um 640-560 v. Chr.) wurde auch Thales diesen Weisen zugerechnet. Noch Aristoteles (384-321 v.Chr.), der große Systematiker und seiner umfassenden Bedeutung nach Vollender, wenn auch nicht letzter Vertreter der antiken (Natur)Philosophie, dessen Hinweisen ich zunächst folgen werde, verwendet den Begriff des sophos nicht nur im engen Sinn zur Kennzeichnung einer „ehrwürdigen , sondern ebenso im weiten Verständnis eines außergewöhnlichen Könnens, einer überragenden Fachkompetenz, [im Sinne] jener Vollkommenheit einer Kunst, die auszeichnet“10; er steht damit in einer Tradition, die zurückreicht bis auf Homer, welcher in der Ilias die sophía dem die Messschnur souverän handhabenden Schiffszimmermann zuweist11. Sóphos ist also zunächst der auf seinem Gebiet umfassend und begründet Wissende; der Weise in dem bis heute geläufigen Sinne des sittlich gereiften Menschen, der durch Sensibilität, Nachdenken, Erfahrung und gelassene Distanz zum eigenen Ich als Ratgeber in den Wirren des Lebens und der menschlichen Befindlichkeit befähigt ist, stellt sozusagen einen Spezialfall in der Vielfalt der Wissensformen dar. Diese Bedeutung wurde insbesondere durch die hellenistischen Philosophen, u.a. durch Epikureer, Stoiker, Skeptiker, leitend. Als Philosoph, das heißt ‚Freund der Weisheit/des Wissens‘, wird seit Platon derjenige bezeichnet, der sich das Denken als solches und die Erkundung der Möglichkeiten (und Grenzen) menschlichen Seins und Bewusstseins zur Aufgabe und zum Thema gemacht hat und diese nach verschiedenen Richtungen ausarbeitet. Die in dem Ausdruck ‚Weisheitsfreund‘ im Vergleich zur selbstgewissen Bezeichnung des ‚Weisen‘ liegende Beschränkung erklärt sich aus dem Umstand, dass Platon (bzw. seine Projektionsfigur Sokrates) dem Menschen die volle Realisierungsmöglichkeit der Weisheit in dem von ihm ethisch, quasi religiös aufgeladenen Sinn des Begriffs abspricht, insofern „in Wahrheit [...] diese Weisheit“, das heißt die unverkürzte Erkenntnis des Guten, „nur der Gottheit zu[kommt]“12. Dies ist im Übrigen eine Bestimmung, die dem sich 10 Vgl. O. Höffe, Art. sophia/Weisheit, in: AL, S. 528 – Zu Polyklet siehe die Ausführungen unten, Kap. II 2.9.2. 11 Vgl. Ilias 15, 412 12 Phaidon 23a 17 philosophisch verstehenden Menschen die Forderung kontinuierlicher reflexiver wie ethisch-praktischer Bemühung um das Gute, als des einzigen unzweideutig, wenn auch so nur formal bestimmten Wertvollen, auferlegt. Philosophische Bemühung um das Gute bedeutet somit zugleich die Bemühung um dessen adäquate inhaltliche Bestimmung und konstituiert damit Ethik – im Unterschied zur Moral mit ihrem festgelegten Satz von Normen – als auf Dauer gestellten reflexiven Vollzug, und genau darin liegt der Sinn der Rede von der „Philosophie als Lebensform“13. Aristoteles ist es, der sich als erster ausführlich mit den Lehren der milesischen und der weiteren ihm vorangehenden Denker auseinandersetzt und eine, wenn nicht die maßgebende Quelle für ihr Verständnis darstellt14. Er bezeichnet sie meist nicht als Philosophen, sondern – mit möglicherweise von ihm selbst erst geprägten Bezeichnungen – als physikoi15 oder physiologoi16, das heißt als Naturdenker, Naturforscher oder eben ‚Physiker‘, in dem gleichen Sinne, wie das wichtigste seiner zahlreichen eigenen Werke über Naturerkenntnis den Titel Physik trägt17. Die Bezeichnungen des Aristoteles resultieren aus dem Umstand, dass in der Ursprungssituation der theoretisch-rationalen Weltzuwendung die Wissenschaft der Natur noch keine innere Differenzierung aufweist (bzw. aufweisen kann) und ihre Vertreter sich den Naturphänomenen in voller Breite und ohne fachspezifische Distinktionen zuwenden. Die Ausdifferenzierung der einzelnen Wissenschaften von der Natur, die den Einsatz der ganzen Person 13 Vgl. den Titel des bekannten Buchs von Pierre Hadot. 14 Eine zweite bedeutende Quelle ist das Werk Meinungen der Physiker des Aristoteles- Schülers Theophrast (gr. Theophrastos, 372-287 v.Chr.). Das umfangreiche, 16 Bücher umfassende Werk, ist zwar nicht erhalten, doch haben alle späteren antiken Berichterstatter, die sog. Doxographen, aus ihm geschöpft (vgl. den „Stammbaum der zur Geschichte der vorsokratischen Philosophie“ bei Capelle 1968, Anhang sowie unten, Kap. I 3.6). Man kann vermuten, dass Theophrast sich in der Beurteilung an seinen Lehrer Aristoteles anlehnt, dass also Letzterer eine maßgebende Figur für die Überlieferung bleibt. 15 Vgl. Physik I 2, 184b17 passim 16 Physik III 4, 203b15 – Was die Herkunft der genannten Bezeichnungen anbelangt, so ist auffallend, dass die Nachweise im Register bei Diels-Kranz sich praktisch alle auf die A- Fragmente beziehen; es handelt sich also nicht um Selbstbezeichnungen der alten Denker. 17 Aristoteles‘ Bedeutung für die Interpretation der frühen Philosophen wird mitunter infrage gestellt und man sucht sich dem Verständnis unter Vermeidung der angeblich von Aristoteles verschuldeten Fehldeutungen zu nähern. Dennoch bleibt Hegels Beurteilung richtig, der in Aristoteles „die reichhaltigste Quelle“ sieht, da er „die älteren Philosophen ausdrücklich und gründlich studiert [...] und der Reihe nach von ihnen gesprochen“ habe (Geschichte der Philosophie I; TWA 18, S. 190). Und faktisch reflektieren die aktuellen Interpreten der Vorsokratiker ständig die aristotelischen Positionen. 18 erfordern, und damit auch die Ausformung der Philosophie zur eigenständigen Disziplin, steht erst noch bevor. Im Verlauf der Darstellung werden die wesentlichen Züge dieses Prozesses sichtbar werden. Es bedarf deshalb für die Darstellung dieses Embryonalzustandes der Wissenschaften keiner terminologisch scharfen Unterscheidung; Bezeichnungen wie Wissenschaft, Naturforschung, Physik, (Natur)Philosophie, (Natur)- Theorie, sind äquivalent und lassen sich synonym verwenden. Die frühen Naturdenker sind Universalisten, sie betreiben generell Kosmologie, auch Astronomie, und im Lauf der Zeit entwickeln sich auch geografische, biologische und weitere naturforscherische Gesichtspunkte. Mathematik und Medizin, die uns nur am Rande beschäftigen werden, stehen ohnehin in einer langen, wenn auch anwendungsbezogenen Tradition, und in der von mir betrachteten Epoche erfolgt ihre theoretische Fundierung, das heißt die Wendung zur Aufsuchung ihrer Prinzipien und Axiome, also ihr Ausbau zu wirklichen Wissenschaften, zu epistemischem Wissen. Die frühen Wissenschaftler aber betrachten die verschiedenen Spezialitäten noch unter ihrem einheitlichen Charakter als Naturgegenstände und betreiben sie in Personalunion. Aristoteles selbst ist das beste, nie wieder erreichte Beispiel umfassender, auf nahezu alle Wissensgebiete sich erstreckender Gelehrtheit. Er allerdings behandelt aufgrund des vor allem von ihm selbst erweiterten Wissensstandes die einzelnen Disziplinen erstmals in speziellen Traktaten zu allgemeiner Naturtheorie (‚Physik‘), Kosmologie, Zoologie, Psychologie, Meteorologie/Chemie, jedoch noch ohne diese erst später entstandenen Fachbezeichnungen zu verwenden. Statt des wissenschaftlichen Disziplinennamens nennt Aristoteles (bzw. spätere Herausgeber seiner Schriften) oft das Thema der Darstellung, z.B. Über den Himmel (Kosmologie); Über die Bewegung der Tiere (Zoologie); Naturgeschichte der Tiere (Zoologie); Über Werden und Vergehen (Teil der allgemeinen Naturtheorie)18. 18 Vgl. die schematische (und auch nicht vollständige) Übersicht über naturtheoretische Werke des Aristoteles am Schluss von Kap. I 5.3 sowie die Darstellung einiger wesentlicher Aspekte seines Denkens in Kap. III 2. Beiläufig verweise ich auf die ob ihrer Einfachheit sympathisch wirkende Lösung des terminologischen Problems bei Karl Popper. Unbekümmert um entwicklungsgeschichtliche Überlegungen zur terminologischen Abgrenzungen der Forschungsfelder stellt Popper fest: „Ich glaube, daß jede Wissenschaft im Grunde Kosmologie ist. Für mich liegt das Ziel sowohl der Philosophie wie der Wissenschaft ausschließlich in dem kühnen Unterfangen, unser Wissen von der Welt (und somit auch von uns selbst, die wir ein Teil dieser Welt sind) und die Theorie dieses Wissens zu vermehren“ (Vgl. Zurück zu den Vorsokratikern, in: Popper 2006, S. 31). In diesem Sinne fasst Popper ausdrücklich auch Wittgensteins Tractatus als „kosmologische Abhandlung“ (ebd.) auf. Und in der Tat ist ja ein solcher Bezug im allgemeinsten Sinne bereits durch den Eröffnungssatz „Die Welt ist alles, was der 19 Was aber die zuvor diskutierte Frage nach dem philosophischen Charakter des vorsokratischen Naturdenkens anbelangt, so sei hier bereits die These formuliert: Das philosophische Element ist bei diesen Denkern noch ungeschieden von den anderen wissenschaftlichen Aspekten und stellt in diesem Sinn noch keine spezifische Form des Zugriffs auf die Wirklichkeit dar. Dementsprechend behandelt die folgende Darstellung in Abweichung vom Üblichen die vorsokratischen Theoretiker als die ersten Wissenschaftler, wodurch es möglich wird, ihr Denken in einen weiteren historischen und sachlichen Kontext zu rücken. Dies erweist sich zwar mit zunehmender Differenzierung des Denkens als schwierig, für die Milesier jedenfalls ist eine integrierende Darstellung möglich. Dass es gerade Milet ist, in der das theoretische Denken seinen Anfang nimmt, lässt sich nicht zwingend begründen. Eine Begründung im Sinne lückenloser kausaler Herleitung kann bei einem historischen, das heißt in letzter Instanz durch gedankliche Aktion und Interaktion von Menschen veranlassten Ereignis ohnehin nicht gegeben werden, weil alles Tun auf bestimmten Motiven des bzw. der Handelnden innerhalb eines Geflechts sog. Rahmen- oder Randbedingungen beruht, die einem Betrachter nicht ohne weiteres und gewiss niemals vollständig zugänglich sind. Diese Begrenzung gilt natürlich noch stärker für vergangenes, nur lückenhaft überliefertes Geschehen. Im übrigen ist bei jeder Handlung ein Moment intellektueller Spontaneität im Spiel, jene „Kausalität durch Freiheit“ nach Kant19, die per definitionem nicht ableitbar ist. In der schlichten und entschiedenen Sprache Poppers, dieses großen Bewunderers der Vorsokratiker, gesagt: „Selbstverständlich kann man Originalität und Genie nicht erklären“20. Ein Rest von Kontingenz haftet somit jeder Handlung und jedem Ereignis an. Andererseits lassen sich doch Faktoren aufweisen, die als historischsozialer Kontext auf die Ereignisse und Entscheidungen eingewirkt haben. Jede Erklärung verfährt allerdings, um es mit einem etwas antiquierten Terminus zusagen, unvermeidlich idiographisch und bleibt darum hypothetisch: „Geschichte lässt sich auf nicht fixieren“, formuliert der Historiker A. Heuß diesen Sachverhalt21. Zur Deduktion historischer Ereignisse be- Fall ist“ (Wittgenstein 1964, S. 11) gegeben (Zu Poppers Formulierung vgl. auch meine Bemerkungen unten, Kap. II 8.7). 19 Vgl. KrV B 566 20 Popper 2012, S. 53 21 PWG 3, S. 89 – Dem philosophisch geschulten Leser ruft der zuvor gebrauchte Begriff idiographisch W. Windelbands berühmtes Gegensatzpaar idiographisch – nomothetisch in Erin- 20 dürfte es einer umfassenden Geschichtsphilosophie, deren Möglichkeit aber immer problematisch bleibt22 und die zumindest nur um den Preis empirischer Verarmung des Konstrukts zu haben ist, was zumal durch das Scheitern des marxistischen Klassenkampf-Modells der Geschichte deutlich geworden ist23. Doch ist die Historie genannte Rekonstruktion der Vergangenheit als unserer Geschichte mit ihrem Schein von Ordnung und Fortschritt24, die uns die Spur unserer eigenen kollektiven Bewusstwerdung vor Augen führt, in einer nerung. Windelband prägte es in seiner 1894 erschienenen Schrift Geschichte und Naturwissenschaft. Als nomothetisch (‚Gesetze aufstellend‘) bezeichnete Windelband das Verfahren der Naturwissenschaften, als idiographisch (‚das Einzelne beschreibend‘) das der Geschichtsbzw. Geisteswissenschaften. Für eine knappe Erläuterung vgl. beispielsweise WphB, Art. idiographisch. 22 Vgl. in diesem Sinne: Marquard: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. – Hegel, der in der Frage einer internen Gesetzmäßigkeit der Geschichte nie zu übergehen ist, würde die Unterscheidung von Induktion und Deduktion in der Anwendung auf den Geschichtsverlauf als abstrakt zurückweisen und auf die integrale Natur des sich im Medium des Begriffes realisierenden Geistes hinweisen, in dem die hier Entgegengesetzten lediglich Momente sind. 23 In den Zusammenhang der Gesetzesproblematik der Geschichte gehören die Diskussionen über die Möglichkeiten kausaler Betrachtung auf diesem Feld. Hier ist der Auffassung zuzustimmen, dass „die Anerkennung des Kausalitätsprinzips eine unerlässliche Bedingung für die Erklärung dessen [darstellt], was geschehen ist“ (Faber 1972, S. 68), denn die Frage nach der Ursache ist genuin historisch. Darüber kann sich jeder durch Thukydides, den ersten wissenschaftlichen Historiker, belehren lassen, der als Ziel seiner Darstellung des Peloponnesischen Krieges „die Erforschung der Wahrheit“ über dies Ereignis und damit auch über dessen „letzten und wahren Grund“ angibt (PP I 20(3), 23(6)). Allerdings handelt es sich bei der historischen nicht um Kausalität auf Basis des Covering-law-Modells, es gibt keine Rückführung der Ereignisse auf Gesetze. Vielmehr haben die Diskussionen um dieses Modell im Endeffekt „auch die singulare kausale Erklärung wissenschaftlich rehabilitiert, also die Erklärungsweise, die Max Weber als kennzeichnend für die Geschichtswissenschaft ansah“ (Ch. Lorenz: Geschichtswissenschaft und Gesetze: eine zwiespältige Geschichte, in: Bock 2006, S. 198) 24 Der Ausdruck Schein soll nicht aussagen, dass es sich um falschen Schein, um Täuschung handelt. Der Schein muss nicht trügen, er kann durchaus zutreffen, durch Erfahrung verifiziert werden (etwa in der Aussage „Er ist eine sympathische Erscheinung“). Es handelt sich hier um das erscheinende Bewusstsein von der Geschichte, um die intrinsisch gewordene Sicht auf die Geschichte als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ (Hegel 1955 [2], S. 63). Wir können Geschichte nicht anders wahrnehmen als so, wir können uns selbst nicht anders wahrnehmen denn als Subjekte solcher Freiheit. Daran ändert auch nichts die Überzeugung mancher heutiger Forscher (z.B. P. Feyerabend, K. Hübner), dass das Wirklichkeitsverhältnis des im Horizont des Mythos lebenden Menschen ein kompletteres gewesen ist als das des neuzeitlichen Individuums. Dass wir über den Mythos Bescheid wissen, zeigt, dass wir über ihn hinaus sind, und jede Werbung für seine Wiederbelebung erscheint romantisch. 21 Zeit weltanschaulicher Kakophonie und Orientierungslosigkeit einer der wenigen Bezugspunkte für den gebildeten Intellekt. In diesem Sinne sollen im folgenden Kapitel I 2 die historischen Fakten und Faktoren, die das Entstehen der neuen Wissensform Theorie im ionischen Milet begünstigt haben dürften, umrissen werden. Die Untersuchung wird zu dem Ergebnis führen, dass die Entstehung der Wissenschaft enger mit der Gesamtentwicklung der frühgriechischen Kultur verknüpft ist, als gemeinhin angenommen wird. Der zeitliche Rahmen, in der die Neuausrichtung des Denkens sich vollzieht, sind das 6. und 5. vorchristliche Jahrhundert. Thales, der älteste der Vorsokratiker wurde um 624 v.Chr. geboren, Demokrit, der jüngste, starb um 380 v.Chr. Die Jahre zwischen 600 und 400 brachten eine in dieser Dichte einzigartige Zahl denkerischer Gründergestalten hervor, zumal wenn man zu dem etwa einem Dutzend bedeutender Naturphilosophen die Sophisten und Sokrates selbst, ferner die Geographen und Historiker (Hekataios, Herodot, Thukydides), die Mathematiker (Hippasos, Archytas u.a.) sowie die auf theoretische Grundlegung überlieferter Heilverfahren zielenden Ärzte (u.a. Alkmaion, Hippokrates) hinzuzählt. Im Vordergrund der folgenden Darstellung stehen die naturphilosophischen Pioniere, doch werde ich beiläufig auch auf weitere repräsentative Wissenschaftler zu sprechen kommen. Diese Darstellung füllt zusammen mit dem Rückblick auf den durch Homer und Hesiod repräsentierten Mythos die Teile I und II meiner Untersuchung. Teil III wird die Vollendung der theoretischen Welthaltung in den Philosophien Platons und des Aristoteles sowie die beginnende Selbstzersetzung der Theorie im Skeptizismus umfassen. Teil IV thematisiert an ausgewählten Beispielen die Ablehnung und teilweise bewusste Unterdrückung säkularer Wissenschaft durch das aufkommende Christentum und beschließt die Überlegungen mit einigen knappen, über Antike und Mittelalter hinaus auf die Neuzeit zielenden Bemerkungen.

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Zusammenfassung

In drei umfassenden Bänden erforscht Hans-Joachim Schönknecht den Ursprung und die Entstehungsgeschichte wissenschaftlichen Denkens. Philosophie und Naturwissenschaften, die Grundpfeiler westlich intellektueller Kultur – ihre Wurzeln liegen im antiken Griechenland, bei Homer und Pythagoras, bei Heraklit und Platon.

Schönknechts erster Band setzt den historisch-geographischen Rahmen. Er beschreibt die Ethnogenese des Griechentums, vertieft die in den Epen Homers und Hesiods angelegten rationalen Impulse und präsentiert die ersten, noch sehr abstrakten Theoriekonzeptionen der milesischen Naturdenker. Exkurse, die innerhalb der drei Bände immer wieder auftauchen, widmen sich weiteren interessanten Einzelaspekten: Neben der Übernahme mathematischer Denkweisen bei der Konstruktion von Bauwerken, in die bildenden Künste oder bei der Stadtplanung wird auch die wichtigste kosmologische Erkenntnis der Antike behandelt: die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde.