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Zusammenfassung der Ergebnisse in:

Fiona Pröll

Das Frauenbild in Irmgard Keuns Exilwerk - neu entdeckt, page 219 - 220

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3886-4, ISBN online: 978-3-8288-6626-3, https://doi.org/10.5771/9783828866263-219

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
219 Zusammenfassung der Ergebnisse Irmgard Keuns Exilwerke schildern durch die Augen der Protagonistinnen Sanna, Kully und das Mädchen die faschistische Gesellschaft. Lenchen ist die einzige der Hauptfiguren, deren Blick nicht die Romanhandlung ausmacht. Die jungen Frauen und Mädchen leben in einer Umwelt mit traditioneller Blickkonstellation: Ein kulturschaffender Blick wird nur Männern zuerkannt, Frauen dienen als Repräsentationsfläche dessen, was der männliche Blick in sie hineinlegt. Sanna, Kully und das Mädchen brechen aus dieser Konstellation aus. Sie machen sich ein eigenes Bild ihrer Lebenswirklichkeit. Sie gehen mit offenen Augen durch die Welt, beobachten Entwicklungen und erweitern ihren Blick um die Sicht, die qualifizierte Beobachter ihnen liefern. Indem sie dem Leser von ihren Betrachtungen berichten, erlangen sie den Status von Kulturträgern. Sie fungieren als Reporter ihrer Lebenswirklichkeit, deren Berichte auf Augenzeugentum fußen. Mehrfach tritt der Typus des erfolglosen Autors auf. Sein Scheitern lässt nach einer anderen Form von Autorschaft fragen. Diese liefern Sanna, Kully und das Mädchen, indem sie ein privates, mündlich geprägtes Erzählen verkörpern. Keuns Exilromane setzen die Tradition der Neuen Sachlichkeit fort. Beansprucht wird die Darstellung eines unverstellten Blicks auf die Realität. Nüchtern zu sehen ist für die Protagonistinnen im Überlebenskampf entscheidend. Ihr Blick ermöglicht das Durchblicken der Lebenswelt. Sie erklären sich mit ihrer reflektierten Naivität den Alltag und durchleuchten das Weltgeschehen. Sie erkennen, sie müssen agieren, um nicht unterzugehen. Sanna, Kully und das Mädchen steuern ihr Handeln und weiten es vom privaten auf den öffentlichen Raum aus. Sie erringen ein Leben, das sich den Einflüssen der faschistischen Gesellschaft weitestgehend entzieht. Die Kette vom Sehen, Durchblicken bis zum Handeln reißt bei Lenchen durch ständiges Hadern ab, was sie im Gegensatz zu den anderen Protagonistinnen bei der persönlichen Überwindung des Faschismus scheitern lässt. Sanna, Kully und das Mädchen besiegen ihre Zweifel, nicht zuletzt durch ihr Wesen als Vertreterinnen der Neuen Frau. Sie erweitern ihre weibliche Geschlechterrolle um männliche, pragmatische Eigenschaften und grenzen sich vom NS-Frauen- 220 Zusammenfassung der Ergebnisse bild einer passiven Weiblichkeit ab. Sanna, Kully und das Mädchen durchblicken den Faschismus. Sie sehen, dass er sich der Täuschung bedient und die Menschen schauspielern müssen, um zu überleben. Der Faschismus offenbart sich als männliches Konstrukt. Da die Protagonistinnen durch ihre Weiblichkeit dem System außen vor stehen, können sie es distanziert betrachten. Einzig Lenchen nutzt die Möglichkeit nicht. So gelingt es ihr als einzige der weiblichen Hauptfiguren auch nicht, Wahrheiten, die sich vom Faschismus nicht verdrängen lassen, zu erkennen.

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Zusammenfassung

„Man darf da nicht bequem werden und die Augen schließen.“ Dieser Satz, den Irmgard Keun während ihres Exils an Arnold Strauss schrieb, fasst wie kaum ein anderer ihr literarisches Werk zusammen: das unbedingte Sehenwollen.

Als Autorin verstand es Keun als ihre Aufgabe, die Augen angesichts des Zeitgeschehens offenzuhalten. Ihre Protagonistinnen sind visuelle Charaktere. Sie gehen mit einem wachen Blick durch eine Zeit, in der viele die Realität nicht wahrnehmen möchten.

Fiona Pröll setzt sich mit dem Konzept des Sehens in Keuns Exilwerken „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936), „Nach Mitternacht“ (1937), „D-Zug dritter Klasse“ (1938) und „Kind aller Länder“ (1938) auseinander. Im Fokus ihrer Untersuchung steht der weibliche Blick auf die faschistische Gesellschaft – der Zusammenhang von weiblichem Sehen, Verbalisieren, Durchblicken, Handeln und zuletzt dem Bewältigen.

Keuns Protagonistinnen zeigen sich dabei nicht als passive Sammelbecken der Sinneseindrücke, die auf sie einströmen. Das Gesehene arbeitet in ihnen weiter, wird überdacht, strukturiert und dient schließlich als Handlungsmotivation.