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3 Resümee: Der weibliche Blick – Synonym für einen am Leben interessierten Blick in:

Fiona Pröll

Das Frauenbild in Irmgard Keuns Exilwerk - neu entdeckt, page 213 - 218

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3886-4, ISBN online: 978-3-8288-6626-3, https://doi.org/10.5771/9783828866263-213

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 44

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
213 3 Resümee: Der weibliche Blick – Synonym für einen am Leben interessierten Blick Die Protagonistinnen – Sanna, Kully und das Mädchen – leben in den Exilromanen den Zusammenhang von Blick, Durchblick und Agieren vor. Sie sehen, denken über das Wahrgenommene nach und gelangen so zu Erkenntnissen, die ihnen als Handlungsmotivation und -anleitung dienen. Alle drei Hauptfiguren sind als Vertreterinnen des Typus der Neuen Frau angelegt. Sie verfügen über genügend Selbstständigkeit, um ihre eigene Sicht der faschistischen Gesellschaft anzustellen und über genügend Selbstvertrauen, um sich auf diese auch zu verlassen. Lenchen fungiert als ein Gegenmodell zu den drei Protagonistinnen. Sie trägt keine Wesenszüge einer Neuen Frau. Anders als Sanna, Kully und das Mädchen verlässt sie sich nicht auf ihren eigenen Blick und handelt daher fremdgesteuert. Lenchen führt ihre Probleme auf die Männer in ihrem Leben, ihre zwei Verlobten und Karl, zurück. Sie findet, „sie hätte sich mit überhaupt keinem Mann einlassen dürfen“1305. Im Unterschied zu den anderen Protagonistinnen begreift sie die beiden Geschlechter nicht als einander ebenbürtig. Für Lenchen ist das Männliche eine Übermacht, der sie zu dienen hat. Keun kritisiert in ihren Werken Frauen, die den Wunsch hegen, „zu einem Mann aufsehen [zu, F. P.] können“1306. Deren sich freiwillig unterordnendes Verhalten sei es, das Männer „größenwahnsinnig“1307 werden lasse. Das Aufkommen rein männlich geprägter Systeme wie des Faschismus scheint die Folge daraus zu sein. Die Exilromane zeigen, wie im NS-Regime die Welt aus den Fugen gerät, da nurmehr das Männliche die Gesellschaft bestimmt. Sie zeigen jedoch auf der Figurenebene auch, wie diese durch ein Mehr an Weiblichkeit und damit durch ein Geschlechtergleichgewicht wieder ins Lot gebracht werden kann,1308 wie es etwa die Beziehung von Sanna und Franz, die einander ergänzen, wertschätzen und brauchen, widerspiegelt. Damit 1305 Keun, I.: „D-Zug dritter Klasse“. S. 24, Z. 18 f. 1306 Unger, W. (Hg.): Keun, I.: „Wenn wir alle gut wären“. S. 41, Z. 29 f. 1307 Ebd. Z. 31. 1308 Schäffer-Hegel, B.: „Widersprüchliches zum Thema Weiblichkeit“. S. 15, Sp. 3, Z. 17 ff. 214 3 Resümee greift Keun in ihren Exilromanen dem vorweg, was Simone de Beauvoir 1949 in „Das andere Geschlecht“ ausführlich darstellen wird: ein Verhältnis zwischen den Geschlechtern, das von gegenseitiger Anerkennung des anderen als komplementärem Teil der eigenen Person geprägt ist.1309 Besonders deutlich wird diese Vorstellung in Küppers Rat an Sanna: „Haben Sie einen Mann, haben Sie einen Freund? Haben Sie einen Menschen? Dann danken Sie Gott, halten Sie zu ihm und sein Sie ihm treu“1310. Sanna, Kully und das Mädchen verkörpern die „Kindfrau, die sich […] ihrer Weiblichkeit vollkommen sicher [ist. F. P.] und deshalb in den Männern den anderen“1311 liebt und respektiert. Nur vor dem Hintergrund dieses ausbalancierten Geschlechterverhältnisses scheinen „die Wahrheit und die ehrliche Zuneigung als Grundlage für jede menschliche Beziehung“1312 erst möglich. Sanna, Kully und das Mädchen vertreten als Repräsentantinnen des Typus der Neuen Frau eine erweiterte weibliche Geschlechterrolle. Sie verfügen über als stereotyp feminin geltende Eigenschaften und zudem über traditionell als männlich begriffene Wesenszüge wie Realitätssinn, Nüchternheit und Durchsetzungsfähigkeit. Damit stellen sie ein modernes Bild von Weiblichkeit dar, das in krassen Kontrast zum Faschismus steht, der als archaisch angelegte Bewegung die Lebenswirklichkeit der Protagonistinnen zunehmend durchzieht. Sanna, Kully und das Mädchen widersprechen dem NS-Bild der Frau, doch eben dies macht sie im alltäglichen Überlebenskampf erfolgreich. Entsprächen sie wie Lenchen der von der Ideologie propagierten Vorstellung einer passiven, fremdgesteuerten, auf den häuslichen Bereich beschränkten Weiblichkeit, wären sie nicht in der Lage, ihr eignes Leben und das von Schwächeren zu lenken und nicht im NS-System unterzugehen. Im Umkehrschluss wird damit in Keuns Exilromanen deutlich, dass der Faschismus ein Frauenbild propagiert, das dafür prädestiniert ist, innerhalb seiner selbst unterzugehen. Wollen die Frauenfiguren im NS-System überleben, müssen sie aus seinen ideologischen Vorgaben ausbrechen. Das faschistische System evoziert einen Blick auf die Welt, der nur wenig am Leben interessiert ist. Um die gefährliche und menschenverachtende Lebenswirklichkeit weitestgehend zu verschleiern, werden die Menschen von bunten Bildern der ständigen Selbstinszenierung des NS-Systems überflutet. Sie werden solange durch das Spektakel berauscht, bis sich ihr Blick 1309 Frey Steffen, T.: „Grundwissen Philosophie“. S. 43, Z. 19 ff. 1310 Keun, I.: „Nach Mitternacht“. S. 197, Z. 1 ff. 1311 Lorisika, I.: „Frauendarstellungen bei Irmgard Keun und Anna Seghers“. S.  247, Z. 11 ff. 1312 Bescana, C.: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“. S. 164, Z. 35 f. 215Der weibliche Blick – Synonym für einen am Leben interessierten Blick abstumpft und nicht mehr das tatsächliche Leben zu sehen versucht. Auf dieses Die-Augen-vor-der-Realität-Verschließen trifft in den Exilromanen der Blick von Sanna, Kully und dem Mädchen. Durch ihre Augen werden die Exilromane geschildert und ihr Blick ist im Gegensatz zu dem vieler ihrer Mitmenschen ein am Leben interessierter. Ausgestattet mit ihrer alltagsbezogenen Perspektive, gehen sie mit offenen Augen durch die Welt. Sie nehmen auf, was in der faschistischen Gesellschaft geschieht. Das Sehenwollen und die ständige Bereitschaft dazu gehören zu ihrer Lebenseinstellung. Sie sind aufgeschlossen und interessieren sich für die Ereignisse um sie. Neugier und Wissensdurst treiben sie aufgrund ihres jungen Alters an. Zudem drängt sie als Vertreterinnen der Neuen Frau ihr Realitätssinn dazu, zu erfahren, wie die Welt aussieht. Diese Qualität ihres Blicks unterscheidet sie von Lenchen. Diese „fürchtet[…] sich vor der Welt und w[ill] nichts mehr sehen1313. Ebenso ist etwa auch bei Algin, dessen „Augen […] ohne Blick nach außen“1314 sind, Heini, der „[o]hne Glaube an Gott, ohne Glaube an die Menschen“1315 auf die Welt sieht, oder Herrn Küppers, der „sich nicht mehr um Politik, […] nicht mehr um die Familie, […] nicht mehr um sich selbst“1316 kümmert, ein am Leben interessierter Blick verloren gegangen. Sanna, Kully und das Mädchen hegen einen starken Überlebenswillen, der sie ihre Handlungsfähigkeit nutzen lässt. Sie sehen ihr Leben und das ihrer Mitmenschen als wertvolles Gut, das es vor den gefährlichen Einflüssen des Faschismus zu schützen gilt. Es ist nicht zuletzt die liebende Verantwortung anderen gegenüber, die sie so eng an das Leben bindet. Kully „will ewig leben“1317. Sie und die anderen zwei Protagonistinnen zeigen, trotz Zweifeln und zeitweiliger Ermüdung, durch ihren immer wieder neu erwachenden Elan und Kampfgeist, „daß man das Leben nie so satt hat wie man [vorübergehend vielleicht, F. P.] denkt“1318. Sie schlagen sich durch die faschistische Lebenswirklichkeit, um schließlich sagen zu können: „[A]lles wird gut, ich bin glücklich, […] wir werden leben“1319.1320 Der Blick der Protagonistinnen 1313 Keun, I.: „D-Zug dritter Klasse“. S. 119, Z. 24 f. 1314 Keun, I.: „Nach Mitternacht“. S. 136, Z. 24 f. 1315 Keun, I.: „Nach Mitternacht“. S. 189, Z. 4 f. 1316 Keun, I.: „Nach Mitternacht“. S. 155, Z. 25 ff. 1317 Keun, I.: „Kind aller Länder“. S. 30, Z. 11. 1318 Keun, I.: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“. S. 86, Z. 3 f. 1319 Keun, I.: „Nach Mitternacht“. S. 199, Z. 15 f. 1320 In krassem Kontrast dazu erscheint in Keuns Nachkriegsroman Ferdinands Wunsch: „Ich möchte überhaupt nichts mehr sein […]. Ich will erleben, daß ich nicht erleben will und kann“ (Keun, I.: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Her- 216 3 Resümee greift damit das Konzept der Neuen Sachlichkeit als einer am Leben der Menschen interessierten Literatur auf. Sanna, Kully und das Mädchen müssen ihre Augen auf die Lebenswirklichkeit richten, denn nur so können sie den Faschismus überstehen. Dies ist die Botschaft der Exilromane an ihre zeitgenössischen Leser. Der weibliche Blick von Sanna, Kully und dem Mädchen wird als ein am Leben interessierter dargestellt. Aber muss der am Leben interessierte Blick, folgt man den Exilromanen, unbedingt ein weiblicher sein? Die Sicht der Protagonistinnen wird durch ihre Alltagsperspektive, ihre ständige Bereitschaft zu sehen, ihren Realitätssinn sowie durch ihr Inte resse an der Lebenswirklichkeit, den Mitmenschen und dem Zeitgeschehen bestimmt. Die meisten der Kriterien sind nicht fest mit der traditionellen weiblichen Geschlechterrolle verbunden. Nur die Alltagsperspektive und die ausgeprägte soziale Eingebundenheit gelten als typisch weiblich. Beide sind jedoch entscheidende Voraussetzungen für einen am Leben interessierten Blick und nicht zuletzt grundlegende Motive der neusachlichen Literatur. Geht man von traditionell eng definierten, klar voneinander abgrenzbaren Geschlechterrollen aus, kann es tatsächlich nur innerhalb des Weiblichen einen derartigen Blick geben. Doch schon Keuns Protagonistinnen zeigen als Vertreterinnen des Typus der Neuen Frau, dass eine Erweiterung der traditionellen Geschlechterrolle möglich ist. Um zu einem am Leben interessierten Blick zu gelangen, muss also auch der Mann seine Geschlechterrolle weiterfassen und die Alltagsperspektive sowie die starke soziale Eingebundenheit ebenfalls übernehmen. In seiner neu definierten, weiter verstandenen Geschlechterrolle erteilt er damit zusätzlich dem archaischen, eng abgesteckten Bild von Männlichkeit, das der Faschismus propagiert, eine Absage und entzieht ihm seine Grundlage. Ausgangspunkt der Untersuchung der Exilwerke in der vorliegenden Arbeit war die Frage, ob die weibliche Perspektive nötig ist, um die braune Lebenswirklichkeit zu durchblicken und aktiv zu bewältigen. Sanna, Kully und das Mädchen durchblicken den Faschismus von ihrer weiblichen Position aus. Aufgrund ihrer Geschlechterrolle stehen sie dem männlich geprägten NS-System außen vor, sodass sie es distanziert betrachten und zu einer nüchternen Sicht des Faschismus gelangen können. Zugleich hilft ihnen ihr zen“. S. 201, Z. 19 ff.). Der junge Kriegsheimkehrer hat den am Leben interessierten Blick verloren. Doch schließlich erkennt auch er wieder die Notwendigkeit einer sozialen Existenz. Nur ein Leben mit anderen und damit die Verbindung zur Realität gibt seinem Erzählen überhaupt einen Sinn (Keun, I.: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“. S. 231, Z. 9 ff.). 217Der weibliche Blick – Synonym für einen am Leben interessierten Blick am Leben interessierter Blick, nicht am ständigen Spektakel des NS-Regimes abzustumpfen, und motiviert sie stetig, für eine persönlich glückliche Zukunft zu handeln. Übernimmt der Mann den am Leben interessierten Blick, steht auch er durch seine erweiterte Geschlechterrolle dem archaisch männlich gestalteten Faschismus außen vor und kann ihn distanzierter betrachten. Der so gewonnene Durchblick wird ihn trotz eventuell größerer zu befürchtender sozialer Fallhöhe als bei der Protagonistin dazu antreiben, zu handeln, um den Nationalsozialismus zu überwinden. Ein lebensbejahendes Agieren gegen den totalitären Faschismus scheint möglich und, wie Sanna, Kully und das Mädchen darlegen, erfolgversprechend, sodass Fritz Erpenbecks Fazit zu „Kind aller Länder“ wohl für alle von Keuns Exilromanen zu gelten vermag: „Und schliesslich legt man es, aufgelockert und gestärkt, recht nachdenklich aus der Hand.“1321 1321 Thurner, C.: „Der andere Ort des Erzählens“. S. 126, Z. 8 ff.

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Zusammenfassung

„Man darf da nicht bequem werden und die Augen schließen.“ Dieser Satz, den Irmgard Keun während ihres Exils an Arnold Strauss schrieb, fasst wie kaum ein anderer ihr literarisches Werk zusammen: das unbedingte Sehenwollen.

Als Autorin verstand es Keun als ihre Aufgabe, die Augen angesichts des Zeitgeschehens offenzuhalten. Ihre Protagonistinnen sind visuelle Charaktere. Sie gehen mit einem wachen Blick durch eine Zeit, in der viele die Realität nicht wahrnehmen möchten.

Fiona Pröll setzt sich mit dem Konzept des Sehens in Keuns Exilwerken „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936), „Nach Mitternacht“ (1937), „D-Zug dritter Klasse“ (1938) und „Kind aller Länder“ (1938) auseinander. Im Fokus ihrer Untersuchung steht der weibliche Blick auf die faschistische Gesellschaft – der Zusammenhang von weiblichem Sehen, Verbalisieren, Durchblicken, Handeln und zuletzt dem Bewältigen.

Keuns Protagonistinnen zeigen sich dabei nicht als passive Sammelbecken der Sinneseindrücke, die auf sie einströmen. Das Gesehene arbeitet in ihnen weiter, wird überdacht, strukturiert und dient schließlich als Handlungsmotivation.