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III.Lena Gorelik: Hochzeit in Jerusalem (2007) in:

Felix Kampel

Peripherer Widerstand, page 84 - 141

Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3874-1, ISBN online: 978-3-8288-6624-9, https://doi.org/10.5771/9783828866249-84

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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83 III. Lena Gorelik: Hochzeit in Jerusalem (2007) 1. Einführung Im vorliegenden Teil der Untersuchung wird gemäß Ankündigung für die These argumentiert, dass Lena Gorelik mit ihrem literarischen Text Hochzeit in Jerusalem (2007) eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt, die im Kontext einer unabgeschlossenen Aufklä rung über den Nationalismus zu verorten ist. Auf entscheidende Weise kann der Text damit nicht in Einklang mit der zentralen Gegenthese gebracht werden, die von den Neuen Patrioten vertreten wird. Ihrem Postulat zufolge ist die Bun desrepublik seit der WM 2006 ein selbstbewusster Nationalstaat, zu dem die eigenen Bürger kein gespaltenes Verhältnis mehr haben sollen.255 Das mag gegenwärtig, wie am Beispiel empi rischer Untersuchungsergebnisse verdeutlicht wurde, auf breite Teile der deutschen Mehrheitsbevölkerung zutreffen. Das Diktum gilt jedoch nicht für die diasporischen Autoren Robert Menasse, Maxim Biller, Olga Grjasnowa und Lena Gorelik. Vor dem Hintergrund von Bhabhas Literaturtheorie stören diese Autoren durch ihre literarische Arbeit vielmehr die ide ologischen Vorgehensweisen (der Neuen Patrioten), durch die ‚Deutschland‘, aber auch ‚Frankreich‘ oder ‚Dänemark‘ usw. „essentialistische Identitäten enthalten.“256 Zum Ausdruck gebracht wird in den Texten dieser jüdischen Autoren damit die Tatsache vom „‚unheilbar‘ pluralen modernen Raum“257 eines nationalen Territoriums, der im 21. Jahrhundert weiter durch das Faktum der zunehmenden Mobilität und Migration von Menschen in westeuropäischen Gesellschaften geprägt sein wird.258 Aus Lena Goreliks persönlicher Sicht bedeutet das zunächst konkret: „Die Realität ist nämlich […] die: Dass sich die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund nicht verrin gern wird“, wie sie in ihrem Sachbuch „Sie können aber gut Deutsch!“ (2012) zum Thema Integration und Integrationspolitik in Deutschland schreibt. „Im Gegenteil: Schon jetzt hat ein Drittel der Kinder Migrationshintergrund  […]. Mit anderen Worten: Sie werden das Land in Zukunft noch mehr prägen, als sie es jetzt schon tun.“259 255 Watzal: Editorial, S. 2. 256 Bhabha: DissemiNation, S. 222. 257 Ebd. 258 Vgl. Welzer, Harald: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Zukunft der Erinnerung 25 – 26 (2010). S. 16 – 23, hier: S. 17. (Im Folgenden zitiert als „Welzer: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis“) 259 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch“, S. 224. 84 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Im Fall des Romans Hochzeit in Jerusalem wird die ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ in erster Linie dadurch konstituiert, dass Lena Gorelik in ihrer Protagonistin Anja Buchmann die Kreuzung einer dreifachen Identität zur Realisation bringt: Anja ist Russin, Deutsche und Jü din zugleich. (Vgl. HiJ 8)260 Das von Gorelik entwickelte Narrativ kreuzt damit nicht nur natio nale Identitäten (russisch-deutsch); sondern diese nationalen Identitäten werden im Fall des Romans mit der Selbstzuschreibung zum Judentum zusätzlich von einer religiösen Iden tität in der Diaspora flankiert, die in ihrer orthodoxen Schärfe zugleich von einem zurückhaltenden Säkularismus domestiziert wird. Denn obgleich Goreliks Protagonistin Anja Buchmann Jüdin ist, bezeichnet sie sich selbst als „ehrlich gesagt, nicht besonders religiös“. (HiJ 21) Dass gerade dieses Konzept einer Durchmischung und Kreuzung der nationalen und religiö sen Kulturen zu interessanten Ergebnissen einer transnationalen Synthesis führt, wusste Renan bereits 1882, als er schrieb, dass die „edelsten […] jene Län der“ sind, „bei denen das Blut am stärksten gemischt ist.“261 Dennoch konstatieren die Autoren der „Mitte“-Studie mit Blick auf eine gesamtgesellschaftliche Prognose in der Ge genwart auch noch für das Jahr 2014: „Wie in den Vorjahren, sind chauvinistische Aussagen für große Teile der Bevölkerung zustimmungsfähig und werden nur von der Hälfte der Befragten explizit abgelehnt.“262 Wobei „Chauvinismus“ von den Autoren explizit als „die Überhöhung der Eigengruppe, in diesem Fall der Nation“263 definiert wird. Aus diesem Grund der fehlenden Einsicht innerhalb der Mehrheitsgesellschaft schreibt Renan bereits 1882, dass wir mit dem Nationalismus auf eine irrationale Ideologie treffen, „über die man sich unbedingt Klarheit verschaffen“ und bei der man „Missverständnissen vorbeugen muss.“264 Goreliks Roman, so lautet die These im vorliegenden Kapitel, sorgt für diese früh von Re nan geforderte Klarheit. Allerdings ist es keineswegs Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem allein, der zur Vorbeugung von Missverständnissen hier einen entscheidenden Beitrag leistet. Ebenfalls bleibt zu 260 Vgl. hierzu auch: Mache, Beata: Das unverkrampfte Ich oder: Lena Goreliks fröhliches jüdisch-deutsch-russisches Durcheinander. In: Was bist du jetzo, Ich? Berlin: WVB 2009. S. 243 – 255, hier: S. 243. (Im Folgen den zitiert als „Mache: Das unverkrampfte Ich“) 261 Renan: Was ist eine Nation?, S. 22. 262 Brähler et al.: Die stabilisierte Mitte, S. 34. 263 Ebd. 264 Ebd., S. 23. 85III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) beachten, dass Lena Gorelik mehr als 130 Jahre nach Renans Vortrag persönlich regelmäßig auf Menschen in Deutschland trifft, die sich im Gegensatz zu ihr als „‚echte‘ Deutsche“265 fühlen. Dabei erlebt Gorelik solche Begegnungen weniger in Zentren der Massenmigration wie Berlin Neukölln; vielmehr trifft sie diese vermeintlich ‚echten Deut schen‘ auf ihren eigenen Lesungen. Zu zentralen und schwerwiegenden Missverständnissen kommt es damit bereits an Orten, die eigentlich ein belesenes und historisch gebildetes Publikum erwarten lassen, das derartige Denkkategorien auf einem angemessenen Reflexionsniveau einordnet. Doch da genau das nicht der Fall ist, beschreibt Lena Gorelik auch in ihrem Sachbuch „Sie können aber gut Deutsch!“ (2012) wiederholte Ausgrenzungserfahrungen mit dem deutschen Nationalismus als ein klärungsbedürftiges Alltagsproblem: Nachdem ich […] signiert hatte, bat eine Redakteurin einer mittelgro- ßen deutschen Zeitung zum Inter view. […] Ihre erste Frage lautete: ‚Was sind die größten Vorurteile, die die Russen gegenüber den Deutschen haben.‘ Ihre zweite Frage lautete: ‚Was sind die größten Vorurteile, die die Deutschen ge genüber den Russen haben?‘ Sie sagte ‚die Russen‘ und ‚die Deutschen‘, beide Male. […] Dann fragte sie noch: „Und wie oft fahren Sie so nachhause? Das war der Moment, in dem ich keine Lust mehr hatte, keine Lust mehr zu antworten. „Welches Zuhause? Mein Zuhause ist München, ich mache mich in einer Viertelstunde auf den Weg dorthin.“266 Wie im Fall der späteren Textanalysen von Maxim Biller, Robert Menasse und Olga Grjas nowa wird im vorliegenden Kapitel aus bereits dargelegten Gründen keineswegs ein genuin textimmanenter Interpretationsansatz verfolgt.267 In der gesamten Untersuchung wird vielmehr für die These argumentiert, dass die vier relevanten Autoren ihre schriftstellerische und intellektuelle Arbeit in einem sozialen und politischen Umfeld platzieren, das a priori in breiten Teilen als unaufgeklärt betrachtet werden muss, wenn es um den Nationalismus als gesellschaftlich vi rulentes Phänomen der Gegenwart geht. Die hier von Gorelik skizzierte Erfahrung auf einer Lesung zeigt dabei noch einmal mit deutlicher und sehr konkreter Klarheit an, wie intensiv das Problem im Alltag sogar unter gebildeten Menschen verankert ist. Und 265 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 10. 266 Ebd., S. 10 f. 267 Vgl. Kap I, 4. 86 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zugleich bestätigt das unmittelbare Erlebnis damit vielmehr Andersons kritische Beobachtung, dass im „Gegensatz zu dem immensen Einfluss, den der Nationalismus auf die moderne Welt ausübt, […] es um seine theoretische Bewältigung auffallend schlecht“268 steht. In einem derart prekären Sozialkontext muss ein real beschriebenes Erlebnis der Autoren als eine ebenso authentische Äußerungsform betrachtet werden wie ein Erlebnis, das dem Leser aus der Sicht einer Romanfigur vermittelt wird, die die Schriftsteller in ihren literarischen Texten entwerfen. Mit anderen Worten: Die bewusste Umgehung und Trennung vom Autor und seinen literarischen Texten führt im Fall der hier entwickelten Untersuchungsintention zur Gefahr, dass bei der reinen Interpretation der literarischen Texte eine kritische Dimension mit wertvollen Infor mationen zur gesamten intellektuellen Arbeit herausgestrichen wird, die diese Autoren in ihrer Rolle als postnationale Aufklärer leisten. Die Untersuchung von Lena Goreliks Roman beginnt aus diesem Grund mit einem kurzen intellektuellen Profil der Autorin (2). Gleichwohl werden hierbei, wie bereits angekündigt, Aussagen und Informationen von und über Lena Gorelik nur dann als relevant betrachtet, wenn sie zum Verständnis der These beitragen, dass die schriftstellerische Arbeit der Autorin mit dem Nationalismus eine politische Bewegung kontert, die als virulente Doktrin in den Alltag der deutschen Gegenwartsgesellschaft hineinwirkt. Im Anschluss folgt ein kurzer Einblick in Lena Goreliks 2012 erschienenes Sachbuch „Sie sprechen aber gut Deutsch“ (3). Erforderlich ist der Blick in diesen Text, weil die Autorin darin ihre Rezipienten über einen Umschwung in ihrem Denken informiert, der zentral mit der Debatte um Thilo Sarrazins Thesen und dem neuen Nationalismus seit der WM 2006 verknüpft ist. Darauf hin wird zur einführenden Orientierung eine grobe Plot-Skizze die Interpretation des Romans Hochzeit in Jerusalem (2007) einleiten (4), in der zugleich die zentralen Figuren des Romans vorgestellt werden. Im nächsten Schritt liegt der Fokus auf der bisherigen Rezeption des Ro mans: Zunächst auf der Ebene der Kritiken im deutschen Feuilleton (5), dann geht es um Positionen, die innerhalb der Forschung bisher zum Roman ausgearbeitet worden sind (6). In beiden Fällen ist in erster Linie nach dem Potential zu fragen, das bisher zum Roman mit Blick auf den Problemfaktor der nationalen Identität erschlossen werden konnte. Schließ lich soll am Beispiel der Biographie von Lena Goreliks Protagonistin Anja Buchmann gezeigt werden, dass diese fik- 268 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 13. 87III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) tionale Figur das Identifikationsmodell der nationalen Identität als praxistaugliches Paradigma erfolgreich transzendiert hat (7). Dass der Schwerpunkt der Analyse auf Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) liegt, hat weitere Gründe, die im Vorfeld einer zusätzlichen Erläuterung bedürfen. Denn der Roman bietet zumindest prima facie durchaus Raum für die Annahme, dass Gorelik nach der WM 2006 in diesem Text eine Perspektive auf den neuen Nationalismus entwickelt, die nicht mit der bewussten Kreuzung von nationalen Identitäten in Einklang gebracht werden kann. Zunächst betrifft das eine Widmung, die Gorelik ihrem Roman vorangestellt hat und in der es heißt: „Für meine Freunde, die Deutschland zu meiner Heimat machen.“ (HiJ 5) Hier bei scheint es sich zunächst in der Tat um ein Bekenntnis zum deutschen Nationalstaat zu handeln. Hinzu kommt eine Wendung von Goreliks Protagonistin Anja im Roman selbst, in der sie sagt: „Ich bin kein Patriot, außer vielleicht in Deutschland, ein bißchen, seit der WM [2006].“ (HiJ 163) Die vorliegende Interpretation wird dennoch zeigen, dass es nicht möglich ist, Goreliks Roman in einem pro-nationalen Kontext zu verorten, wie er beispielsweise bei den Neuen Patrioten beobachtet werden kann. Nicht zuletzt weil Goreliks Tonfall und Wort wahl seit der Integrationsdebatte um Thilo Sarrazin im Jahr 2010 eine deutlich andere Färbung angenommen hat. So beschäftigt sich Lena Gorelik in „Sie können aber gut Deutsch“ unter anderem mit „Fragen, die man üblicherweise Vorzeigeausländern stellt“269, zu denen sie sich als etablierte Schriftstellerin in Deutschland auch zählt.270 Üblicherweise ge hört zu den typischen Fragen auch: „‚Was ist Ihre Heimat?‘“ Doch inzwischen antwortet Gorelik auf die Frage nach der Heimat eben nicht mehr mit ‚Deutschland‘, sondern mit: „Russland. Weil Heimat immer mit Kindheitsgerüchen verbunden bleiben wird, etwa dem […] Duft nach Apfelkuchen, wenn Oma gebacken hatte“.271 Die Deutschen ohne Migrations hintergrund, denen auf die Frage nach der Heimat als Wunschantwort wohl ‚Deutschland‘ vorschwebt, reagieren nach Goreliks Einschätzung auf diese Antwort: „Schockiert, weil ich ‚Russland‘ antworte?“272 269 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 102. 270 Vgl. ebd., S. 105. 271 Ebd., S. 103. 272 Ebd., S. 103 f. 88 Felix Kampel: Peripherer Widerstand 2. Lena Gorelik: Ein transnationales Porträt Lena Gorelik wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren. Gemeinsam mit ihrer jüdischen Fami lie verließ sie 1992 Russland Richtung Deutschland. Nach eigenen Angaben „wegen des wachsenden Antisemitismus und einer ungewissen Zukunft“273 in der ehemaligen Sowjetunion. Lena Gorelik war zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt.274 Der Vater machte nach der Ankunft in Deutschland eine Umschulung vom Ingenieur zum Elektrotechniker. Auch die Mutter, ebenfalls eine Ingenieurin, machte in Deutschland eine Umschulung zur Buchhalte rin.275 Beide Elternteile hatten folglich in der Sowjetunion akademische Studienabschlüsse erworbenen, die infolge der Migration nicht anerkannt wurden. Die ersten Erfahrungen mit nationalen Behörden in Deutschland beschreibt Lena Gorelik als einschneidende Ausgrenzungserlebnisse, die sich nachhaltig im autobiographischen Ge dächtnis der Autorin festgesetzt haben: Ich wurde von meinen Eltern geprägt, die seit ihrer Ankunft in Deutschland an keinem einzigen Tag Arbeitslosengeld oder ähnliche Beihilfen erhalten haben, sich direkt vom Sprachkurs auf den Weg in die jeweiligen Umschulungen machten, wo sie nach und nach von Akademikern zu einfachen Arbeitern umgeschult wurden, um dann bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter durchzuarbeiten, selbstverständ lich unterhalb ihres intellektuellen Niveaus, weil ihre aus der Sowjetunion stammenden, zahlreichen Diplome hierzulande nicht anerkannt wurden. (Ein Problem im Übrigen, das viele Zuwanderer der ers ten Generation von der beruflichen „Integration“ abgehalten und Deutschland um viele dringend benötigte Fachkräfte gebracht hat. Ein Problem, das heute noch besteht[.])276 Mit der Migration nach Deutschland im Jahr 1992 gehörte Familie Gorelik zu den ersten jü dischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die als sogenannte Kontingentflücht linge in die Bundesrepublik einreisen durften. Diese Reintegrationsmaßnahme jüdischer Migranten wurde seit 1991 durch die Bundesinnenministerkonferenz initiiert, nachdem es zuvor eine länger anhaltende Skepsis besonders aus den Reihen der konservativen 273 Ludwig, Kathrin: „Deutsch mit Pipi Langstrumpf gelernt!“ In: Die Welt. 07.04.2007. 274 Ebd. 275 Fritzen, Florentine: Ihre grünen Augen. In: FAZ. 01.07.2007. 276 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 211. 89III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) politischen Parteien gegeben hatte.277 Das Ziel der gesetzlichen Neuregelung für die BRD bestand in der Hoffnung, die nach 1945 nahezu vollständig ausgelöschten jüdischen Gemeinden noch einmal zum Erstarken bringen zu können.278 Für die von der Migration betroffenen Menschen ist das neue Leben im aufnehmenden Land in der Regel keineswegs leicht. Denn die Migration nach Deutschland betrifft – wie im Fall von Familie Gorelik – nicht nur die Aberkennung von be reits erworbenen Universitätsabschlüssen durch nationale Behörden. Vielmehr beginnt für Familie Gorelik und viele andere Migranten der deutsche Alltag in einem Ludwigsburger Asylantenwohnheim: Wir, meine Großmutter, meine Eltern und ich [sic!] saßen zu viert in unserem Asylantenwohnheimzimmer vor dem Sperrmüll-Fernseher gedrängt auf braunen Stahlhochbetten. Das Asylantenwohnheim, ebenfalls braune Holzbaracken hinter Stacheldraht, ein Zuhause, für das ich mich bis auf die Knochen schämte.279 Erst recht wird der Integrationsprozess im aufnehmenden Land Gorelik zufolge nicht durch geheucheltes Mitleid erleichtert, mit dem vermeintliche Helfer der Migranten sich selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken wollen. Denn diese Art von Helfern verfolgt nach Go reliks Auffassung das Ziel, die Migranten zu beobachten wie Tiere in einem Zoo:280 Familien wie die meine waren ein Geschenk für solche Helfer. Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, aus dem Kommunismus, Akademiker, in einem Asylbewerberwohnheim hinter Stacheldraht in ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer gepfercht. […] Den Unterschied zwischen denjenigen, die kamen, um zu helfen, und denjenigen, die kamen, um zu helfen und später sagen zu können: ‚Ich habe da übri gens vor Kurzem ein paar aus der Sowjetunion geflohenen Juden geholfen‘, spürte sogar ich als Kind.281 277 Vgl. Gorelik, Lena; Weiss, Yafaat: Aufbrüche. Die russisch-jüdische Zuwanderung. 1990 – 2012. In: Ge schichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. Politik, Kultur und Gesellschaft. Hrsg. von Michael Brenner. München: Beck 2012. S. 379 – 418, hier: S. 391. (Im Folgenden zitiert als „Gorelik; Weiss: Aufbrüche“) 278 Vgl. ebd., S. 404. 279 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 21 f. 280 Vgl. ebd., S. 206. 281 Ebd. 90 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Tatsächlich wird erst in diesem Kontext konkreter nachvollziehbar, was es eigentlich heißt, wenn Bhabha schreibt: „Migranten, Minoritäten, Menschen mit diasporischer Vorgeschichte strömen in die Großstadt und ändern so die Geschichte der Nation.“282 Denn wie schon angedeutet, geht es in dieser Art von (Migranten-)Literatur um mehr als texthermeneutische Schwierigkeiten. Es geht um den Kampf existentieller Grundbedürfnisse, da die literarischen Texte der Minoritäten Geschichten von „Einreisegenehmigungen, […] Reisepässen und […] Erteilungen der Arbeitserlaubnis“ erzählen, die in der praktischen Sphäre des Politischen „die Rechte der Menschen einer Nation zugleich erhalten und weiter ausbreiten, eingrenzen und brechen.“283 Und indem diese Minoritäten durch ihr protestartiges Schreiben auf die offenkundigen Miss stände in der Nation hindeuten – zum Beispiel auf die Aberkennung von akademischen Ab schlüssen oder die Einpferchung in Asylbewerberheime – zielen sie zugleich auf die „ausge leierten Metaphern vom strahlenden nationalen Leben“.284 Die Lehrer von Lena Gorelik sind anfangs überfordert. Sie können die intellektuellen Fä higkeiten der besonders in Mathematik brillierenden Migrantin nicht angemessen einschätzen: „Ich sollte in eine Förderklasse. […] Meine Mutter hat die Rektorin angefleht, damit ich in eine normale Klasse gehen konnte. Sie hatte Erfolg“ 285, konstatiert Gorelik in einem Welt-Interview: „Ich kam in die vierte Klasse und habe kein Wort verstanden. Ich wusste noch nicht mal, welches Fach wir gerade hatten. Deutsch und Sachkundeunterricht konnte ich nicht voneinander unterscheiden.“286 Die deutsche Sprache lernt Gorelik in der Leihbibliothek von Ludwigsburg: „Ich habe an gefangen, mir in der Stadtbibliothek Bücher auszuleihen. ‚Pippi Langstrumpf‘, ‚Karlsson vom Dach‘, all diese internationalen Bestseller.“ Die Sprachbeherrschung wird dabei zur Grundbe dingung der Integration in den Alltag: „Ich wusste, worum es geht, und so habe ich Deutsch gelernt. Ich wollte unbedingt Freunde haben, weil mir alleine tierisch langweilig war. Deshalb habe ich alles aufgesogen.“287 Doch das Erlernen der deutschen Sprache reicht nicht aus. Wer wirklich ankommen will im Westdeutschland der 1990er Jahre, der muss zunächst eine radi kale Anpassung auch in seinem äußeren Erscheinungsbild demonstrieren: „[A]ls ich dann 282 Bhabha: DissemiNation, S. 252. 283 Ebd., S. 245. 284 Ebd. 285 Ludwig, Kathrin: „Deutsch mit Pipi Langstrumpf gelernt!“ In: Die Welt. 07.04.2007. 286 Ebd. 287 Ebd. 91III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Klamotten trug, die alle nur in Deutschland gekauft waren: Jeans, Pulli, Schuhe, Socken, da hatte ich das Gefühl: Jetzt bin ich deutsch. Als Kind hält man sich ja an sehr konkreten Din gen fest.“288 Nach ihrem Schulabschluss besuchte Lena Gorelik zunächst die Journalistenschule in München, auf der zuvor auch Maxim Biller seine Ausbildung absolviert hatte. Anschließend studierte sie an der LMU München Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Politik. Dieses sozialwissenschaftliche Grundstudium ergänzte sie später um den Aufbaustudi engang ‚Ost europa‘. Seit Juli 2007 erhielt sie nach der Veröffentlichung ihrer ersten beiden Romane ein Promotionsstipendium am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte. Das Ziel ihrer For schung war dabei wenig überraschend: Im Fokus stand die Situation jüdischer Kontingent flüchtlinge aus Osteuropa.289 Lena Gorelik bezeichnet ihre eigene ‚jüdische Identität‘ als ein Gefühl, das nicht in erster Linie religiös geprägt ist, was gleichfalls auf die Protagonistin Anja Buchmann in ihrem Ro man Hochzeit in Jerusalem zutrifft. (Vgl. HiJ 21) Über die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit dem Judentum sagt Gorelik selbst: „In Deutschland ist es [das Judentum] etwas, womit ich mich auseinander setzen muss, aber nicht, weil ich es will, sondern weil ich dazu gebracht werde. Für mich persönlich ist jüdisch sein ein Gefühl. […] Es ist für mich we niger etwas Religiöses.“290 Die durch Medien kolportierte Unterstellung, Lena Gorelik sei ein repräsentatives Beispiel des „neuen Judentums“ in Deutschland, hält sie für „eine seltsame Schublade“291, in die sie eher ungern gesteckt werden möchte. Vielmehr fügt sie über den explizit singulären und individuellen Stellenwert ihrer Arbeiten hinzu: „Woher weiß ich denn, ob andere junge Juden so denken wie ich? Womöglich finden die mein Buch blödsinnig.“292 Veröffentlichungen Mit ihren literarischen Texten Meine weißen Nächte (2004), Hochzeit in Jerusalem (2007), Die Listensammlerin (2013) sowie Null bis unendlich (2015) hat Lena Gorelik inzwischen vier Romane vorgelegt. Hinzu kommt der Reisebericht Verliebt in St. Petersburg (2008) über ihre Geburtsstadt, für den 288 Leinkauf, Maxi: „Ich rede extra leise“. In: Der Freitag. 13.07.2011. 289 Vgl. Fritzen, Florentine: Ihre grünen Augen. In: FAZ. 01.07.2007. 290 Ludwig, Kathrin: „Deutsch mit Pipi Langstrumpf gelernt!“ In: Die Welt. 07.04.2007. 291 Leinkauf, Maxi: „Ich rede extra leise“. In: Der Freitag. 13.07.2011. 292 Ebd. 92 Felix Kampel: Peripherer Widerstand sie gemeinsam mit einem Freund vor Ort recherchierte.293 Weiter zählt zu Goreliks Œuvre ein durch literarische Stilmittel fiktionalisierter Brief an ihren Sohn Mi scha, in dem sie ihn darauf vorbereitet, wie es ist, als Jude in Deutschland zu leben: Lieber Mischa … (2011). Darüber hinaus hat Lena Gorelik sich inzwischen als Übersetzerin und wissenschaftliche Autorin einen Namen gemacht: Im Jahr 2013 übersetzte sie gemeinsam mit Gero Fedke das Tagebuch von Lena Muchina, die als 16-jähriges Mädchen die Be lagerung von Leningrad überlebte. Als wissenschaftliche Autorin hat Gorelik zudem gemeinsam mit Yfaat Weiss einen Aufsatz zur gegenwärtigen Lage der jüdischen Kontingent flüchtlinge aus Osteuropa verfasst: Aufbrüche. Die russischjüdische Zuwanderung. 1990 – 2012.294 Außerdem schrieb Lena Gorelik 2012 ihr schon mehrfach zitiertes Sachbuch zum Thema Integration und Integrationspolitik: „Sie können aber gut Deutsch!“ Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft. Dieses Buch kann als explizite Reaktion auf die Debatte um Thilo Sarrazins Thesen gelesen werden, auf die die Autorin mit großer Enttäuschung reagierte. Für ihre schriftstellerische Arbeit ist Lena Gorelik mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden: Sie erhielt den Bayerischen Kunstförderpreis, den Ernst-Hoferichter-Preis und den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Für ihren Roman Hochzeit in Jerusalem war sie 2007 ferner für den Deutschen Buchpreis nominiert. Lena Gorelik schreibt in der Re gel einen leicht zugänglichen Stil. Dabei verzichtet sie in ihren Texten auf eine zu häufige Verwendung abstrakter Fachtermini, ohne dass ihre literarische Arbeit einen intellektuellen Mangel an analytischer Schärfe erkennen ließe. Im Vordergrund steht häufig das Interesse, konkrete gesellschaftliche Probleme zu benennen und diese nach Maßgabe der Möglichkeiten zu entkräften. Entsprechend schreibt sie in ihrem essayistischen Sachbuch „Sie können aber gut Deutsch!“ mit ironisch-süffisantem Unterton: „[M]ögliche Integrationsansätze, neue Migrati onstheorien oder ähnlich lebensferne Faseleien kommen in diesem Buch nicht vor.“ 295 Viel mehr handele es sich um „ein Buch über Menschen. Über all die Menschen, die in diesem Land leben, es in irgendeiner Weise beeinflussen, bereichern, verwirren, es letztendlich zu dem machen, was es ist.“296 293 Vgl. Löhndorf, Marion: Geistige Standortwechsel. Die russischdeutsche Schriftstellerin Lena Gorelik bewegt sich leicht und witzig zwischen den Kulturen. In: Neue Zürcher Zeitung. 03.01.2009. 294 Vgl. Gorelik; Weiss: Aufbrüche. 295 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 12. 296 Ebd. 93III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Ferner merkte Lena Gorelik scherzhaft zum Ziel ihres Sachbuchs im Hinblick auf die In tegrationsdebatte an, dass man im Falle eines gelungenen Integrationsprozesses in Deutschland ihr Buch anschließend getrost entsorgen könne: Und dann? Wenn wir gelernt haben, einander zuzuhören? Einander wahrzunehmen, das Land miteinander zu teilen – als Menschen statt als Fremde, Eindringlinge, die sich gegenseitig etwas wegnehmen wollen? Der ultimative Traum sozusagen? Nun, der ist eigentlich ganz einfach. Dann schmeißt jeder, der dieses Buch gerade in den Händen hält, es einfach in den Mülleimer.297 3. „Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf“ – Lena Gorelik vs. Thilo Sarrazin Im einleitenden Teil der Untersuchung wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Debatte um Thilo Sarrazin im Jahr 2010 Lena Gorelik in eine Art Schockzustand versetzte. Dabei ging es Gorelik weniger um Sarrazins Postulate selbst; vielmehr wurde eine große Enttäuschung über die Debatte bei der Autorin besonders deshalb ausgelöst, weil Sarrazins Buch und seine Auf tritte in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft auf offene Zustimmung stießen: Es ging mir nicht um Sarrazins Thesen, sondern darum, was diese auslösten. Oder sollte ich sagen: frei setzten. An Ressentiments. Sarrazins Buch wurde bei Amazon.de 352 Mal mit fünf Sternen, 66 Mal mit vier Sternen und insgesamt nur 73 Mal schlechter bewertet. […] Es hatte auch früher solche Stimmen gegeben, aber nicht in dieser Qualität. Es hatte früher mehr Gegenstimmen gegeben.298 Im Zusammenhang der vorliegenden Untersuchung von Reaktionsweisen jüdischer Gegen wartsautoren auf den wiedererwachten Nationalismus seit der WM 2006 in Deutschland ist Goreliks Sachbuch von besonderem Interesse. Vor allem deshalb, weil die Autorin darin den Leser über eine entscheidende Zäsur in ihrem Denken informiert. Demzufolge ist sie nach einem 297 Ebd., S. 20. 298 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch“, S. 131. 94 Felix Kampel: Peripherer Widerstand anfäng lichen Versuch, als jüdisch-russische Migrantin während der WM 2006 den deutschen Natio nalismus positiv zu bewerten, am Ende bitter enttäuscht worden. Entgegen der Warnungen aus ihrem bekannten Umfeld wollte Gorelik seit der WM zunächst jedoch hartnäckig an die Möglichkeit eines tatsächlich inklusiven Nationalismus in Deutschland glauben: Manche – insbesondere mein Mann – warfen mir seit Jahren naiven Optimismus vor angesichts meines Wir-Deutschlands, zu dem ich nicht weniger gehöre als mein seit Generationen schwäbischer blond-blauäugiger-großer bester Freund. Zu dem auch die Frau aus dem Haus nebenan gehört, die nur russisch spricht, aber während der WM [2006] eine Deutschland-Fahne auf dem Balkon hängen hatte. Und all die anderen auch.299 Dem ist hinzuzufügen, dass Lena Gorelik den nationalen WM-Jubel 2006 in Deutschland da mit zunächst deutlich positiver einschätzte als etwa Maxim Biller, der den erstarkten Nationalismus ja als Startpunkt einer nationalkonservativen Revolution eingestuft hatte. Doch Goreliks erstem Eindruck zufolge handelte es sich bei dem Jubel während der WM 2006 eben um einen multiethnischen Jubel. Ein Jubel, von dem sie nicht geglaubt hatte, dass er nur vier Jahre später plötzlich in einen Jargon umschlagen könne, der ganze Bevölkerungsteile dieses Landes wegen ihrer Religionszugehörigkeit pars pro toto diskreditieren sollte: Ich hielt und halte die WM-Deutschland-Euphorie nicht für die Lösung aller Integrationsprobleme und den Beweis dafür, dass die Deutschen ihre nationale Identität wiedergefunden hätten. Aber in meinem Deutschland lebten dennoch Wir. […] Mein Deutschland […] war ein Wir-Deutschland, zu dem so viele Menschen gehörten, die miteinander und mit mir nicht unbedingt etwas zu tun hatten, auch nichts zu tun haben mussten, aber doch zweifelsfrei ein Teil dieses Landes waren. Ich wollte mit ihnen reden, ihre Geschichten erzählen, ich wollte darüber schreiben, wie vielfältig und deshalb spannend dieses Deutschland ist. Aber dann schrieb Sarrazin sein Buch.300 299 Ebd., S. 172. 300 Ebd., S. 128. 95III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Die folgende Analogie mag überraschen, doch die skizzierten Annährungsversuche von Lena Gorelik an den deutschen Nationalismus im Zuge der WM 2006 haben zweifellos die Ten denz einer Entwicklung, die es in der Geschichte Deutschlands schon einmal gegeben hat. Es ist die Tendenz einer Annäherung, die tragischerweise stark an den Versuch jüdischer Intellektueller und Organisationen erinnert, die sich 1933 nach der Machtübergabe an die NSDAP durch das deutsche Volk mit Adolf Hitler zu arrangieren versuchten. Das Problem ist aus führlich am Beispiel unzweideutiger Zeitdokumente von Henryk M. Broder in seinem Essay: Heimat? Nein Danke! ausgearbeitet worden.301 In pointierter Überspitzung, die zur Verdeutlichung von Goreliks Annährungsversuch im Folgenden einen historischen Exkurs in die 1920er und 1930er Jahre erforderlich macht, könnte man in Analogie zu ihrem Satz: „Aber dann schrieb Sarrazin sein Buch“ an dieser Stelle hinzufügen: Aber dann schrieb Hitler den zweiten Teil von Mein Kampf. Eine Publika tion, die schon nach der Veröffentlichung des ersten Bandes 1925 als nationaler Bestseller gehandelt geworden war. Darin heißt es trotz der späteren Annäherungsversuche der Juden an die Regierung Hitlers mit eindeutiger Klarheit: Sicher aber geht diese Welt einer großen Umwälzung entgegen. Und es kann nur die eine Frage sein, ob sie zum Heil der arischen Menschheit oder zum Nutzen des ewigen Juden ausschlägt. Der völkische Staat wird dafür sorgen müssen, durch eine passende Erziehung der Jugend dereinst das für die letzten und größten Entscheidungen auf diesem Erdball reife Geschlecht zu erhalten. Das Volk aber, das diesen Weg zuerst betritt, wird siegen.302 Aus der Erfahrung ist inzwischen hinreichend bekannt, dass Worte häufig Taten voranschrei ten. Noch heute wird man in dieser Hinsicht mit Recht und zugleich doch erfolglos der deutschen Bevölkerung aufzeigen können, dass Hitlers Thesen zum Judentum schon 1933 keineswegs auf dem aktuellen Stand der Forschung gewesen sind. Ein kurzer Blick in Renans Vortrag aus dem Jahr 1882 hätte auch damals schon genügt, um die gesamte Rassenideologie der NS-Wissenschaftselite auf ihre zahlreichen inneren Widersprüche aufmerksam zu ma chen. Doch wer gerade in einer modernen Demokratie die Sphäre des Politischen mit derjenigen der wissenschaftlichen Exaktheit 301 Vgl. hierzu: Broder, Henryk M.: Heimat? Nein Danke! In: Ich liebe Karstadt und andere Lobreden. Augsburg: Ölbaum 1987. S. 7 – 37. 302 Hitler: Mein Kampf, S. 475. 96 Felix Kampel: Peripherer Widerstand verwechselt, begeht einen schwerwiegenden Kategorienfehler. Politisch entscheidend an Hitlers (und Sarrazins) Thesen war niemals der wissenschaftliche Gehalt ihrer Idee. Entscheidend ist immer die populistische Wirkung, die solche Thesen auf breite Teile der Mehrheitsbevölkerung ausüben: „Der Name der neuzu-gründenden Bewegung [„Deutsche Arbeiterpartei“] musste von Anfang an die Möglichkeit bieten, an die breite Masse heranzukommen; denn ohne diese Eigenschaft schien die ganze Arbeit zwecklos und überflüssig“303, schreibt Hitler treffend 1925 in Mein Kampf. Mit Einführung der Weimarer Republik ist es längst nicht mehr nur noch die Aristokratie, bei der politisch ambitionierte Akteure sich einschmeicheln, um politische Karriere zu machen. Seit 1918 herrscht in Deutschland das allgemeine und freie Wahlrecht für Frauen und Männer gleichermaßen. Mit dieser Masse an Wahlpotential hat die politische Agitation einen neuen Adressaten, und gewinnbringend dringt man an diesem Punkt in das sozialpsychologisch filigrane Werk Dostojewskis vor. Genau gesagt in seinen die moderne Massenseele präzise auslotenden Roman Böse Geister (1872), wo der immer etwas zurück haltende, schüchterne Schatow bei einem Vortrag in einem Kreis konspirativer Zarengegner zu folgendem Ergebnis kommt: Vernunft und Wissenschaft haben im Leben der Völker immer, sowohl heute wie auch am Anfang aller Zeiten, eine zweitrangige und dienende Rolle gespielt, und diese Rolle werden sie bis ans Ende der Zeiten spielen. Die Völker werden von einer anderen Kraft gebildet und bewegt, einer gebieterischen und unbeherrschten Kraft, deren Ursprung allerdings unbekannt und unerklärlich ist. Diese Kraft ist die Kraft des unermüdlichen Begehrens, ein Ende zu erreichen, dass sie gleichzeitig vereint. Es ist die Kraft der ununterbrochenen und unablässigen Bejahung des eigenen Seins und der Verneinung des Todes. […] Das Ziel einer jeden Bewegung der Völker, eines jeden Volks in jeder Periode seines Seins, ist ein zig und allein die Suche nach Gott, seinem eigenen Gott, unbedingt seinem eigenen, und der Glaube an ihn als den Einzigen und Wahren.304 Man kann hier in Schatows zutreffende Beobachtung von der Zweitrangigkeit der Wissen schaft und der Vernunft bei der Bewegung der Völker minimal korrigierend eingreifen. Natürlich hat Schatow recht, dass sich die deutsche Bevölkerung im nachmetaphysischen Zeitalter mit Hitler insofern einen Stellvertreter Gottes auf Erden erwählten, als er dem Volk 1925 in sei- 303 Ebd., S. 227. 304 Dostojewskij, Fjodor: Böse Geister. Frankfurt a. M.: Fischer 2010, S. 319 f. 97III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) ner Offenbarungsschrift Mein Kampf in fettgedruckten Lettern prophezeite: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ 305 Aber Schatows beschriebene, gebieteri sche und die Völker bewegende Kraft, „deren Ursprung allerdings unbekannt und unerklärlich ist“, hat im 20. Jahrhundert einen klar artikulierbaren Ausdruck bekommen. Dieser lautet Propaganda. Sie wird rund sechzig Jahre später von Hitler in Mein Kampf in einer berühmten Passage treffend auf folgende Weise beschrieben: An wen hat sich die Propaganda zu wenden? An die wissenschaftliche Intelligenz oder an die weniger gebildete Masse? Sie hat sich ewig nur an die Masse zu richten! […] [D]a ihre Aufgabe […] im Aufmerksammachen der Menge zu bestehen hat und nicht in der Belehrung der wissenschaftlich ohnehin Erfahrenen oder nach Bildung und Einsicht Strebenden, so muß ihr Wirken auch immer mehr auf das Gefühl gerichtet sein und nur sehr bedingt auf den so genannten Verstand. Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll. Handelt es sich aber, wie bei der Propaganda für die Durchhaltung eines Krieges, darum, ein ganzes Volk in ihren Wirkungs bereich zu ziehen, so kann die Vorsicht bei der Vermeidung zu hoher geistiger Voraussetzungen gar nicht groß ge nug sein. Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausführ lich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, um so durchschlagender der Erfolg. Dieser aber ist der beste Beweis für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene Befriedigung einiger Gelehrter oder ästhetischer Jünglinge. […] Es ist falsch, der Propaganda die Viel seitigkeit etwa des wissenschaftlichen Unterrichts geben zu wollen.306 Alles beginnt mit durchaus klaren Worten, deren populistischer Erfolg über den Sieg oder die Niederlage ihres Redners entscheidet. Hitler gewinnt – wie alle Demagogen im Zeitalter des europäischen Faschismus – mit wissenschaftlich offenkundig unhaltbaren Thesen gleichwohl den Kampf um die breite Masse der deutschen Bevölkerung. Er gewinnt ihn letztlich auf Kosten der aristokratischen Minderheit, vor allem aber auf Kosten der jüdischen Diaspora, der Hitler ein unausrottbares ‚Wesen‘ andichtet, das einen umso 305 Hitler: Mein Kampf, S. 70. 306 Ebd., S. 197 f., kursiv F. K. 98 Felix Kampel: Peripherer Widerstand größeren Einfluss auf die Masse auszuüben schien, als seine These wissenschaftlich von Beginn an unhaltbar gewesen ist. „Der Jude“ ist nach Hitler ein wahrer Blutegel, der sich an den Körper des unglücklichen Volkes ansetzt und nicht wegzubringen ist, bis die Fürsten selber wieder Geld brauchen und ihm das ausgesogene Blut höchst persönlich abzapfen. Dieses Spiel wiederholt sich immer von neuem, wobei die Rolle der sogenannten „deutschen Fürsten“ genau so erbärmlich wie die der Juden selber ist. Sie waren wirklich die Strafe Gottes für ihre lieben Völker, diese Herren, und finden ihre Parallele nur in verschiedenen Ministerien der heutigen Zeit.307 Im Falle des politischen Wahlsiegs und der Einsetzung von eigenen Parteikadern folgt bald die Etablierung einer neuen Rechtsprechung. Am Ende der Kette steht schließlich die durch das neue Gesetz legitimierte Tat. Im Falle der keineswegs geheim gehaltenen Nürnberger Ge setze von 1935 bedeutet das nach § 4 Abs.1 konkret: „Ein Jude kann nicht Reichsbürger sein. Ihm steht ein Stimmrecht in politischen Angelegenheiten nicht zu; er kann ein öffentliches Amt nicht bekleiden.“ Und nach § 4 Abs. 2: „Jüdische Beamte treten mit Ablauf des 31. De zember 1935 in den Ruhestand.“ Ein unter den Augen der Öffentlichkeit sukzessiver Fall von gesetzlich legitimierter Entrechtung und Enteignung, die jeder Bürger in Deutschland zur Kenntnis nehmen musste – keine Geheimoperation. Durch Heinrich Heine hatten die Deutschen lange zuvor erfahren, was sich sehr bald be wahrheiten sollte. Sie hatten erfahren, dass erst Bücher, dann Menschen verbrannt werden.308 Gorelik selbst schreibt im Zuge der Sarrazin-Debatte über deren Eskalation daher einerseits keineswegs grundlos: „Internetforen zu den Medienberichten zu diesem Thema“ seien „explo diert vor lauter Zustimmung“, wobei diese Foren „sich zunehmend wie Quellen aus der Zeit kurz vor dem nationalsozialistischen Regime“ lasen, „nur, dass der Begriff ‚Jude‘ durch ein neues Hassobjekt ausgetauscht worden war: die Muslime.“309 Andererseits bemerkt sie zur Analogie der Kompromisslosig- 307 Ebd., S. 340. 308 Vgl. Heine, Heinrich: Almansor. In: Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Bd. 5. Hrsg. von Manfred Windfuhr. Hamburg: Hoffmann und Campe 1994. S. 7 – 68, hier: S. 16. 309 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 155. 99III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) keit, mit der die Juden zwischen 1933 und 1945 in Europa durch Deutsche ausgelöscht werden sollten: Ich muss bei dem Begriff Assimilation immer an die Juden in den Zwanzigern denken, die so genannten Westjuden, die im Gegensatz zu den Ostjuden standen. […] Die Westjuden schauten auf die Ostjuden herab, sie schämten sich ihrer, sie distanzierten sich, sie waren bedacht und stolz darauf, assimiliert zu sein. […] Schließlich wurden sie alle ermordet, die Ostjuden in den schwarzen Kaftans und die assimi lierten Juden, die stark darauf bedacht waren, ihre Herkunft, ihre Religion abzulegen, bewusst nach nicht-jüdischen Ehepartnern und damit richtig deutschen Familien gesucht haben, genauso. Am Ende waren sie Juden und fast alle tot. […] Es ist die Assoziation, die in meinem Kopf auftaucht, uneingeladenerweise, wenn ich den Begriff „Assimilation“ höre. Und den höre ich immer häufiger, weshalb sich zu der historischen Assoziation neue, aktuelle hinzugesellen, zum Beispiel diese: „Es gibt keine Integration ohne Assimilation.“ Der Satz stammt von Thilo Sarrazin. Ein Satz, öffentlich ausge sprochen, was heißt das schon. So viele Menschen, so viele Sätze jeden Tag. Aber manche Sätze bleiben hängen, werden zu einer Haltung nicht nur des einen, sondern vieler, werden vielleicht sogar zu einer Stimmung im Land.310 In Goreliks historisch-politischer Analyse herrscht dabei das sichere Bewusstsein, dass es nicht etwa ‚die Nazis‘ waren, die die Juden auslöschen wollten. Vielmehr weiß Gorelik sehr genau, dass hier eine Kraft der bürgerlichen Mitte mit am Werk war, dass „dieses Land [Deutschland], dieses Volk nun einmal das jüdische Volk auslöschen wollte.“311 Kann politischer Alarmismus aufgrund des historischen Bewusstseins von Vernichtung und Vertreibung bei einer populistisch erfolgreichen Ausgrenzungsbewegung wie im Fall Sar razin jemals weit genug gehen? „[M]anche Sätze bleiben hängen“, schreibt Gorelik, „werden zu einer Haltung nicht nur des einen, sondern vieler, werden vielleicht sogar zu einer Stimmung im Land.“ Es ist vor diesem Hintergrund jedenfalls eindeutig nachvollziehbar, dass die Autorin ihren vehementen Protest gegen diese aufkeimende Nationalismusdebatte zum Ausdruck bringt. Auch wenn es sie als Jüdin in diesem Fall selbst zunächst gar nicht getroffen hatte: „Diesmal bin ich nicht 310 Ebd., S. 235. 311 Ebd., S. 153. 100 Felix Kampel: Peripherer Widerstand gemeint, diesmal sind die Muslime gemeint, ich bin aus dem Schneider. Die Angst aber, sie bleibt. Es ist ein ganz klein wenig die Angst, dass ich eines Tages – wieder – gemeint sein könnte.“312 Ihre Naivität im Hinblick auf den deutschen Nationalismus, die Vor stellung, er sei seit der WM 2006 ein multiethnischer und weltoffener Nationalismus, ist seit der Debatte um Sarrazin jedenfalls an ein jähes Ende geraten: Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Er hat damit […] eine Debatte ausgelöst, deren Tonfall mich wiederum meiner Naivität beraubte. Seine Aussagen, die Probleme, die er aufzeigte, waren mir nicht neu gewesen, noch nicht einmal manche der Statistiken, mit denen man darauf reagierte, offen („man wird doch noch mal sagen dürfen“) und zwischen den Zeilen, hatten meine Überzeugung, in einem Wir- Deutschland zu leben, als naiv entlarvt. Ich, so wie ich bin, nicht mein bemüht deutsches Ich, schien hier plötzlich nicht mehr willkommen zu sein. […] Man hat mich – und wahrscheinlich noch viele an dere – unseres Landes beraubt. […] Wo gehöre ich jetzt hin?313 Neben der Absage an den neuen Nationalismus hat Lena Gorelik außerdem etwas einzuwen den gegen die Art, mit der die Forderung nach Assimilation in Deutschland seit der Debatte um Sarrazin gestellt wird. Denn Gorelik will und wird auch künftig nicht bereit sein, auf die Anteile ihres russischen Ichs zugunsten einer wie auch immer aufgefassten „echten deutschen Identität“ zu verzichten: Dieser Gedanke macht mir Angst. Dass ich die […] Reste meines russischen Ichs, die Kinderlieder, den Geschmack pappsüßer Geburtstagstorten auf der Zunge, den emotionalen Drang, Menschen zu sagen, was sie mir bedeuten, meine Sehnsucht nach Birkengeruch abgeben muss, um deutsch zu sein. Deutsch zu sein? Will ich das? Kann ich nicht deutsch-russisch sein oder russisch-deutsch oder sonst irgendeine Mischung sein? Also noch einmal umformuliert: Dass ich die Reste meines russischen Ichs aufgeben muss, um mich in Deutschland zuhause zu fühlen. Das macht nicht nur Angst. Das ist etwas, und darü ber muss ich nicht nachdenken, ein Preis, den zu zahlen ich nicht bereit wäre.314 312 Ebd., S. 182. 313 Ebd., S. 147 f. 314 Ebd., S. 177 f. 101III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) 4. Hochzeit in Jerusalem: Eine interkulturelle Einführung Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) wird aus der Ich-Perspektive der Prota gonistin Anja Buchmann erzählt, wobei auf den zentralen Stellenwert autobiographischer Überschneidungen bereits hingewiesen wurde. So ist Anja Buchmann wie Lena Gorelik in Russland geboren. Sie ist wie die Autorin Jüdin und mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Analog zur Schriftstellerin Lena Gorelik hat auch ihre Protagonistin Anja Buchmann ein Studium absolviert. Aber anders als Lena Gorelik arbeitet Anja nicht als Schriftstellerin, sondern „als sogenannte interkulturelle Berate rin“. (HiJ 24) Nach Anja Buchmanns Sichtweise bedeutet das im Roman konkret, dass „ich Managern vor ihrer Reise nach Russland erkläre, wie wichtig dort Saunabesuche und Wodka für erfolgreiche Geschäfte sind.“ (HiJ 24) Auch Anja Buchmann schlägt also wiederum – wie Lena Gorelik – Kapital aus ihrer durch die Migration geprägten Erfahrung, die Anja ebenso zum festen Bestandteil ihres eigenen Berufslebens gemacht hat wie Lena Gorelik. Primärereignis der Erzählung ist die Trennung von Anja und ihrem (im Roman namentlich nicht erwähnten) Ex-Freund. Anjas Trauer zu Beginn der Erzählung ist gewaltig: „Ich hatte Liebeskummer. Großen Liebeskummer, den größten der Welt eben.“ (HiJ 11) Sie sucht nach mehr oder weniger konventionellen Auswegen aus ihrer Krise, die bereits im Ansatz zum Scheitern verurteilt sind: „Nach ein paar Tagen entwickelte ich ein ausgeprägtes Interesse an zweifelhaften Sendungen mit Laiendarstellern, die gegen die Mittagszeit ausgestrahlt werden.“ (HiJ 11) Zunächst verbringt Anja einige Zeit bei ihrer Familie, die jedoch – wie üblich in solchen Fällen – nur wenig am individuellen Leid der Betroffenen zu ändern vermag: „Mein Vater gab mir einen Krimi auf russisch [sic!], der mich ablenken sollte. Ich fing an zu weinen“. (HiJ 12) Bald darauf kehrt Anja in ihre Heimatstadt zurück. (Vgl. HiJ 14) Ein konkreter Ort wird im Roman nicht angegeben, doch in einem FAZ-Porträt stellt Florentine Fritzen nach Gesprächen mit Lena Gorelik lakonisch zum verführerisch-verwechselnden Spiel zwischen Fik tion und Realität fest: „Eigentlich lebt sie [Lena Gorelik] in München. Anja auch.“315 Dort angekommen, trifft sich Anja mit Bekannten, die ihr ebenfalls kluge Ratschläge zur Bewältigung der Trauer geben wollen: Psychoanalyse schlägt beispielsweise ein Freund vor, der gerade seine Diplomarbeit 315 Fritzen, Florentine: Ihre grünen Augen. In: FAZ. 01.07.2007. 102 Felix Kampel: Peripherer Widerstand über Freud schreibt. Sexuelle Abenteuer mit möglichst vielen wech selnden Geschlechtspartnern meint ein anderer, usw. (Vgl. HiJ 15) Doch mit den guten Ratschlägen der Freunde weiß Anja so wenig anzufangen wie mit denen, die sie zuvor von ihren Eltern erhalten hat. Dagegen gerät die Handlung in Bewegung, nachdem Anjas überfürsorgliche ‚Mamme‘ ihrer Tochter einen Link zu einer jüdischen Singlebörse schickt. Zwar weiß Anja gar nicht so recht, was sie dort soll: Eigentlich ist sie gar nicht „auf der Suche nach einem Mann fürs Leben“. (HiJ S.  18) Gleichwohl hat die Anmeldung im Fo rum entscheidende Folgen für den weiteren Verlauf der Geschichte, denn: „So lernte ich Julian kennen.“ (HiJ 16) Ähnlich wie Anja ist auch Julian Ferenci nicht direkt auf der Suche nach einer neuen Partnerin. In erster Linie hat Julian das, was Anja zu Beginn der Handlung noch von sich selbst abstreitet: ein gewaltiges Identitätsproblem (Vgl. HiJ 9). „Vor kurzem habe ich überraschend erfahren, daß mein Vater jüdischer Abstammung ist, und nun hoffe ich, hier Leute kennenzulernen, mit denen ich mich über das Jüdischsein unterhalten kann“ (HiJ 17), schreibt Julian im Forum. Und Anja antwortet: „[I]ch könnte Dir bestimmt helfen und Dir ein paar Infos geben und mich mit Dir ‚über das Jüdischsein unterhalten‘. Melde Dich einfach.“ (HiJ 18) Zwischen Julian und Anja entwickelt sich bald eine Freundschaft. Gemeinsam treffen sich die beiden in einer Bar. (Vgl. HiJ 32 f.) Später besuchen sie eine Synagoge, obgleich Anja „nicht einmal genau weiß“, ob sie Gemeindemitglied ist (HiJ 50): „Ich glaube, ich zahle Kir chensteuer.“ (HiJ 50) Einige Zeit später kommt es zum erwartbaren Konflikt: Julian versucht Anja zu küssen, die weist ihn aber zurück. (Vgl. HiJ 84) Für Anja sind Julians Annährungs versuche besonders aus zwei Gründen ein Problem: Erstens ist Julian in ihren Augen nicht attraktiv, „er sieht vielmehr aus wie der Freak aus High-School-Komödien, der keine Freun din abkriegt, aber irgendwie trotzdem nett ist.“ (HiJ 205) Zweitens kann er auch sonst nicht durch interessante Attribute auf sich aufmerksam machen. Denn schließlich wirkt er einfach „nicht wie ein netter jüdischer Junge aus einer intellektuellen Familie.“ (HiJ 39) Doch auch wenn es von Anjas Seite mit der Liebesbeziehung zunächst nicht funktioniert, und auch wenn Julian bald mit der Suche nach seiner jüdischen Identität Anja sogar zu beläs tigen beginnt (vgl. HiJ 59) – die Freundschaft bleibt bestehen. Gemeinsam besuchen Anja und Julian schließlich dessen Vater. Der ist zwar überaus freund lich und bekocht die beiden mit ungarischem Gulasch. Nichtsdestotrotz erweist sich der zunächst offen wirkende Gastgeber als ein schwieriger Charakter, der in der Tat nur ein sehr 103III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) geringes Interesse an seiner jüdischen Herkunft zeigt. Nachdem Julian ihn mit der Tatsache seiner jüdischen Abstammung konfrontiert, reagiert der Vater gereizt: ‚Julian, was willst du hören? Ich habe meine Eltern nie kennengelernt, weil sie nach Auschwitz kamen. Ich wurde als Baby von einem befreundeten Paar versteckt, bei dem ich aufgewachsen bin. Jahrelang dachte ich, es seien meine Eltern. Jahrelang wußte ich nicht, daß ich Jude bin. Was willst du nun von mir hören? Ich weiß es nicht. Ich kann dir sonst nichts dazu sagen. Ich hatte das Gefühl, ich dürfe dir das nicht vorenthalten, also habe ich es dir erzählt. Von meiner Seite aus ist die Sache damit erledigt.‘ Dann nimmt er seinen Löffel wieder in die Hand. Wir essen schweigend. (HiJ 68) Anja wird Julian, der daraufhin ihre mitfühlende Seite erweckt, weiter unterstützend zur Seite stehen; aber schon bald entwickeln sich in der Freundschaft neue Schwierigkeiten. Die hän gen vor allem mit Julians Freunden zusammen. Einerseits sind diese Freunde – wie viele deutsche Staatsbürger heute – unfähig, Julian als Menschen mit jüdischen Vorfahren zu begegnen. Als Julian sie mit der Information seiner jüdischen Herkunft konfrontiert, reagieren diese „sonderbar, unge duldig, beinahe genervt“. (HiJ 70) Auf der anderen Seite handelt es sich bei diesen Freunden um linksmilitante Vegetarier mit propalästinensischen Argumenten, die sich selbstverständ lich gegen „die bösen Amerikaner“ (HiJ 99) wenden, die nichts weiter anstrebten als eine permanente Erweiterung ihres eigenen Machtimperiums. Mit diesen Leuten sind Konflikte aus Anjas Perspektive vorprogrammiert. Obgleich Anja doch auch über sich selbst sagt: „Im Grunde bin ich links. Ich bin links, auch wenn in meinem Freundeskreis nicht alle so aussehen.“ (HiJ 95) Als Anja schließlich eines Abends bei Julian zu Gast ist, ärgert sie sich bereits während der dort stattfindenden Debatten über die Annahme der Einladung. Denn dort lasse ich mir meinen wirklich geringen Fleischkonsum von einer Frau vorwerfen, die zwar gute prove getarische und bestimmt auch propalästinensische sowie feministische Argumente vorzutragen weiß, aber sich wahrscheinlich von ihrem Vater finanzieren läßt und womöglich zu Hause ihren schweigen den Freund bekocht. Es ist leicht, links zu sein, wenn man reiche Eltern hat. (HiJ 98) 104 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Unter dem Vorwand von Kopfschmerzen will Anja sich bald darauf aus der Runde zurückziehen. Doch an der Haustür fängt Julian sie im letzten Augenblick ab und konfrontiert sie mit einer unerwarteten Frage: „‚Ich fahre nach Israel. Kommst Du mit?‘“ (HiJ 100) Anja, die bereits zweimal zuvor in Israel gewesen ist, geht etwas überraschend auf das An gebot ein. Das ist die erste handlungsbestimmende Wende im Roman. Die zweite folgt einige Seiten später: Während Anja mitten in den Reisevorbereitungen steckt, kommt als dop pelte Überraschung die eigene Familie ins Spiel. Anjas grenzenlos fürsorgliche ‚jiddische Mamme‘ hatte ohne weitere Rücksprache mit der Tochter beschlossen, sich mit der gesamten Familie (inklusive Großmutter) als Reisebegleitung der eigenen Tochter anzuschließen. Es kommt zu einer kurzen Auseinandersetzung, die Anjas Mutter jedoch zu ihren Gunsten austragen kann: „Außerdem, fügt meine Mutter hinzu – und das ist ihr unschlagbares Argument –, finde in dieser Zeit in Jerusalem eine Hochzeit von einer Verwandten statt, zu der ich auch eingeladen sei.“ (HiJ 108) Nach Anjas Auffassung ist das eigentlich ein lächerlicher Vorwand: „Die Braut, eine Cousine vierten Grades, habe ich einmal in meinem Leben gesehen. Ich war damals vierzehn Monate alt.“ (HiJ ebd.) Gemeinsam reisen also Julian – „der weder bester Freund noch Affäre noch Partner ist“ (HiJ 113) –, Anja und ihre Familie nach Israel. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Anja (und der Leser) nicht, dass Julian sich dort mit Sarah zu treffen beabsichtigt. Sarah ist eine Jüdin aus einer orthodoxen Familie. Julian hat sie auf einem gemeinsamen Wochenendtrip mit Anja nach Straßburg kennengelernt, von dem auch der Leser erst nachträglich erfährt. (Vgl. HiJ 140 ff.) Den Ausflug haben Julian und Anja unternommen, weil Anja Julian eigentlich bei seiner Suche nach der verlorenen jüdischen Identität behilflich sein wollte. Interessant für den Leser wird Sarah dabei in zweifacher Hinsicht. Erstens, weil sich zwi schen Julian und Sarah inzwischen eine Art Liebesbeziehung anbahnt. Zweitens, weil sich bald herausstellt, dass Sarah trotz ihrer Herkunft aus einer orthodoxen Familie „alles zu ken nen scheint, was man nur kennen kann. Natürlich hat sie die Klassiker gelesen, sie liest aber auch moderne Literatur, sie hat Houellebecq gelesen und kennt Kants Werke.“ (HiJ 147) Mit nichten bestätigt Sarah also das fromme Vorurteil, dass man von einer orthodoxen Jüdin erwarten würde. Dabei prägt der Zufall die Romanhandlung so, dass sich Sarah, Julian und Anja zur gleichen Zeit in Israel aufhalten. Auch wenn Sarahs Familie nichts mit der bevorstehenden Hochzeit von Anjas Cousine zu tun hat. 105III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) In Israel machen Anja und Julian zunächst eine Reihe typisch touristischer Unternehmungen. Sie besuchen Tel Aviv und Jerusalem, wo sie gemeinsam die Klagemauer besichtigen. (Vgl. 136) Dabei kann Anja sich auch hier von einem gewissen Spott gegenüber dem religiösen Eifer der Gläubigen nicht lösen: „Was ist das für eine Religion, für die ein Stück Mauer das Heiligste ist, frage ich mich.“ (HiJ 183) Natürlich ahnt Anja zu diesem Zeitpunkt noch nichts von dem bevorstehenden Treffen zwischen Sarah und Julian. Als sie etwas später davon erfährt, spitzt sich die Lage auf den dramatischen Höhepunkt zu: Anja wird eifersüchtig, möchte Julian plötzlich doch für sich allein, möchte ihn verführen und ihn nicht an Sarah verlieren. (Vgl. HiJ 190 ff.) Sie will Julian jetzt zeigen, was ihm entgeht, wenn er sich auf eine orthodoxe Jüdin einlässt: „Ich habe für Julian und mich Konzertkarten […] besorgt. […] Ich will Julian nur zeigen, was er verpaßt. Dezent dosiert. Ein bißchen Dekolleté, ein bißchen Weggehen, ein bißchen Freiheit. Ein unkompliziertes Leben, einfach und schön.“ (HiJ 196) Später führt Anja Julian noch zum Strand, denn der „Strand ist der richtige Ort zum Verführen. Am Strand ist alles Erotik und abends auch noch Romantik.“ (HiJ 204) Es kommt schließlich zum Kuss zwischen den bei den. (HiJ 208) Doch schon am nächsten Tag ist der erotische Zauber in Anjas Seele erloschen: „Ich will nicht, daß er mich küßt, ich habe ausgetrocknete Lippen und überhaupt. Ich will nicht, daß er mich küßt“. (HiJ 210) Julian macht sich etwas verwirrt auf den Weg zu Sarah. Dabei wundert der Rezipient sich insgesamt kaum, wenn Florentine Fritzen in ihrem FAZ-Porträt treffend über die beiden ersten Gorelik-Romane bemerkt: „In beiden Romanen bilden Bezie hungswirren die Rahmenhandlung. Diese Liebesgeschichten wirken konstruiert, fast blutleer im Vergleich mit den prallen Berichten aus der Kindheit, die aus tiefster Autorinnenseele zu kommen scheinen.“316 Anjas Gefühle gegenüber Julian bleiben ambivalent. (Vgl. HiJ, 236) Plötzlich bekommt Anja Angst, dass Julian nach dem Strandabend nicht auf der Hochzeit erscheinen könnte. Der aber trifft im letzten Augenblick auf der Feier ein. Mit Sarah hat es nicht funktioniert, weil Julian schließlich erkennt: „Sie ist einfach ganz anders als ich.“ (HiJ 245) Also feiern alle Verwandten von Anja gemeinsam mit Julian ein großes Hochzeitsfest. Die Frage, ob Anja und Julian am Ende der Handlung ein Paar werden, bleibt offen. Die Lösung des zentralen Konflikts liegt in einer Erkenntnis im Hinblick auf die Identitätsproble matik: Anja muss mit zunehmendem 316 Fritzen, Florentine: Ihre grünen Augen. In: FAZ. 01.07.2007. 106 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Verlauf der Handlung erkennen, dass die Suche nach der eigenen (religiösen oder nationalen) Identität ein Problem ist, das nicht allein auf ihren Freund Julian zutrifft – sondern auch auf sie selbst. Entsprechend geht Anja im Prolog der Handlung noch etwas naiv von der An nahme aus, dass sie selbst in keinerlei Identitätskonflikt stecke: „‚Und du denkst wirklich nicht darüber nach, wer du bist?‘, hakte er [Julian] noch einmal nach. ‚Nein, nur wenn man mir solche Fragen stellt. Normalerweise bin ich einfach nur ich.‘“ (HiJ 9) Davon ist Anja lange Zeit überzeugt: „Ich wüßte nicht, was ich fragen soll. Meine Großväter haben im Zwei ten Weltkrieg gekämpft, einer ist gefallen. Meine Großmütter haben die Blockade um Sankt Petersburg überlebt, rationiertes Brot, Hunger, eisige Kälte von minus dreiunddreißig Grad.“ (HiJ 169) Doch im weiteren Verlauf muss Anja während ihrer Reise nach Israel feststellen, dass auch in ihrer Familiengeschichte nicht alle Probleme vollkommen offen thematisiert worden sind, wie sie zunächst glaubt und behauptet. (Vgl. HiJ, Kap. 26, 161 – 178) Auch ihr wird allmählich klar, dass sie die Suche nach ihrer eigenen Identität nicht einfach ignorieren kann. Im Epilog des Romans befindet sich Anja daher nicht mehr in Israel, sondern auf einem Flug nach To ronto. Und diese Reise führt Anja eben nicht einfach nur nach Amerika. Die Reise führt sie vielmehr zurück in die stets umnebelte Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte und Identität, die bei ihr als einer in Russland geborenen Jüdin natürlich keineswegs im (deutsch-)nationalen Kontext verortet werden kann: Drei Tage lang habe ich meine Großmutter interviewt. Eigens dafür habe ich ein Diktiergerät gekauft und sie über ihr Leben ausgefragt. Viele der Geschichten wiederholten sich, aber es macht nichts. Sie hatte sich erst geziert, aber sich dann über die Aufmerksamkeit gefreut. Nach dem ersten Tag hatte sie abends Notizen gemacht über Themen für den nächsten Tag. Meine Mutter hat uns ständig mit Essen versorgt. […] Ich […] höre die Stimme meiner Großmutter: ‚Geboren wurde ich in einem Schtetl, das weißt du ja. In Weißrußland war das. Es war ein Schtetl, wahrscheinlich wie das in Kanada, wohin du fliegst. Warum eigentlich noch mal?‘ (HiJ 254 f.) 107III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) 5. HiJ im deutschsprachigen Feuilleton Bevor im weiteren Untersuchungsverlauf begründet wird, auf welche Weise Lena Gorelik mit ihrem Roman eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt, soll im Folgenden zunächst erörtert werden, wie der Roman nach seinem Erscheinen im deutschen Feuilleton aufgenommen wurde. Eine synoptische Skizze der Rezeption scheint auch deshalb ange bracht, weil der Roman inzwischen zwar Gegenstand einiger Forschungsarbeiten geworden ist. Eine eingehende Betrachtung des literarischen Textes unter rezeptions- ästhetischen Ge sichtspunkten steht bisher aber noch aus. Allgemein ist dabei zunächst bemerkenswert, dass der Roman nach seinem Erscheinen im deutschen Feuilleton – im Vergleich beispielsweise zu Grjasnowas Debütroman oder Billers Selbstporträt – in einem recht bescheidenen Umfang besprochen wurde. Neben einem bereits mehrfach erwähnten FAZ-Porträt zur Autorin Lena Gorelik, in dem Florentine Fritzen besonders den naheliegenden Impuls einer Amalgamierung von Goreliks Autobiographie und Fiktion in ihren beiden ersten Romanen ausreizt, gibt es nur drei Besprechungen, die nach dem Erscheinen von Hochzeit in Jerusalem eine tatsächliche Konzentration auf den Inhalt des Romans angestrebt haben.317 Von durchaus zweifelhafter Qualität war ferner eine Rezension von Yvonne Ge bauer in der Süddeutschen Zeitung vom 09.08.2007.318 Denn Gebauer leistete in ihrer Kritik zunächst kaum mehr als eine vage Zusammenfassung des Inhalts, bei der die Autorin weder näher auf sprachliche noch auf inhaltliche Elemente des Romans einging. Und trotz Gebauers Bemühen, am Ende ihrer Rezension eine anspruchsvolle Kritik zu formulieren, reicht es nur zu folgendem Urteil: Fragen nach der Vergangenheit erübrigen sich […], denn geredet wird sowieso unaufhörlich. Jeder er zählt unaufgefordert seine Geschichten, 317 Es sollte hinzugefügt werden, dass im Folgenden zwei Besprechungen des Romans als „Kritiken“ nicht näher erwähnt werden. Dabei handelt es sich erstens um: Ukena, Silja: Lena Gorelik: Hochzeit in Jerusalem. In: Kulturspiegel 6 (2007). Zweitens handelt es sich um: Diller, Christine: Geschenke zu „Weihnukkivester“. In: Münchener Merkur. 29.05.2007. Diese Kritiken können deshalb weitgehend ignoriert werden, weil in ihnen lediglich geleistet wird, was korrekterweise als inhaltliche Produktinformation bezeichnet werden müsste, die jeweils mit einem für Lena Gorelik günstigen Schlusssatz endet. Von einer Kritik oder Romanbesprechung im engeren Sinne kann aber nicht die Rede sein. 318 Gebauer, Yvonne: Die liebste und nervigste Familie. Lena Goreliks erzählfreudiger Roman „Hochzeit in Jerusalem“. In: Süddeutsche Zeitung. 09.08.2007. 108 Felix Kampel: Peripherer Widerstand und die Großmutter gerne auch mehrmals am Tag dieselbe. So geht die Erzählerin davon aus, „dass da nichts verlorengeht.” Etwas von dieser Leichtigkeit, von dieser Unbekümmertheit bewegt den gesamten Roman und trägt die Hauptfigur manchmal etwas fraglos durch ihre Erzählungen, die immer so weiter und so weiter und so weiter gehen könnten, und wer restlos alles erfahren möchte, der möge selber weiterlesen.319 Über diese Kritik muss in erster Linie angemerkt werden, dass das ständige Reden im Roman natürlich in keiner Weise dazu führt, dass sich Fragen nach der Vergangenheit erübrigen – wie Gebauer hier unterstellt. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Nicht umsonst begibt sich Anja schließlich im Epilog auf eine Reise in die Vergangenheit, die sie zurück an den Ur sprung ihrer eigenen Familiengeschichte führt. Anja hat eingesehen, dass das unablässige Reden auch eine paradoxale Form des komplexen Schweigens sein kann320, indem trotz vieler Worte das Wesentliche gerade nicht zur Sprache gebracht wird, das Anja durch die Interviews mit ihrer Großmutter am Ende zu ergründen versucht. Des Weiteren muss zu Ge bauers Kritik hinzugefügt werden, dass es keineswegs im Roman die unterstellte „Unbeküm mertheit“ gibt, die die Hauptfigur manchmal „etwas fraglos durch ihre Erzählungen“ trägt. Vielmehr sind die einzelnen Episoden im Roman klar aufgebaut. Der Text benennt darüber hinaus am Beispiel der frühen Migrationserfahrungen von Anja sehr konkrete Probleme, mit denen (nicht nur jüdische) Migranten in Deutschland heute vertraut sein dürften (vgl. HiJ 77 ff). Doch ausgerechnet der Aspekt von Anjas Ausgrenzungserfahrungen spielte in Gebauers Rezension keine tragende Rolle, weshalb die Rezensentin offenkundig auch an zentralen Merkmalen des Romans vorbeischrieb, ohne sein Potential in einem angemes senen Umfang erfassen zu können. Positiv fiel dagegen eine Besprechung im Deutschlandradio Kultur vom 18.09.2007 aus. Darin stellte Vladimir Balzer zum multinationalen und multi religiösen Profil von Goreliks Protagonis tin Anja treffend fest: „Deutsch, Russisch, Jüdisch – all das trifft auf sie zu und doch wieder auch 319 Ebd. 320 Vgl. Welzer, Harald: Die Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen. Eine sozialpsychologische Perspektive. In: Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. 2. Aufl. Hrsg. von Hartmut Radebold et al. München: 2009. S. 75 – 93, hier: S.  75 f. (Im Folgenden zitiert als „Welzer: Die Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen“.) 109III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) nicht, denn Anja sagt ‚Ich bin einfach ich.‘ Auch wenn es so einfach natürlich nicht ist. Denn genau das ist ja das Thema von Lena Gorelik alias Anja Buchmann.“321 An ders als Gebauer begriff Balzer den literarischen Text von Gorelik also gerade als einen Roman, in dem Fragen der religiösen und nationalen Identität längst nicht abschließend geklärt sind: „Wie viel Jüdisches kann man als Jude der jungen Generation im Deutschland von heute überhaupt gebrauchen?“322 Genau deshalb ist Hochzeit in Jerusalem Balzers Auffassung zufolge auch ein Roman, der zentrale Probleme der (deutsch-)nationalen Alltagskultur zum Ausdruck bringe und dabei „ein An gebot von Lena Gorelik, ein so schwieriges und konfliktträchtiges Thema wie die Einwande rung russischer Juden in deutsche Gemeinden und ihre inzwischen prägende Alltagskultur mit einem lachenden Auge zu sehen.“323 Zu Recht sei Gorelik daher mit ihrem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen, war „aber nicht mehr in der Endrunde. Schade, sie hätte ihn verdient.“324 Ebenfalls mehr inhaltliche Elemente als Gebauers vage Inhaltsangabe lieferte auch eine der Romanveröffentlichung zeitlich deutlich nachgeschaltete Besprechung in der Neuen Zürcher Zeitung vom 03.01.2009. Marion Löhndorf feierte Lena Gorelik darin als Autorin, die auf sehr positive Weise „die Rolle einer Vermittlerin zwischen den Welten“325 einnehme. Zent ral war für Löhndorfs Einschätzung besonders Goreliks Fähigkeit, eine „gewisse Dis tanz“326 zu wahren, wenn es um ein vermeintliches Vorrecht einer kulturellen Lebensform gegenüber einer anderen gehe. Entsprechend verstehe Gorelik es nicht nur, sich souverän zwi schen der russischen und der deutschen Lebensform zu bewegen. Sie verstehe es obendrein, die Aspekte der jüdischen Kultur in ihrem positiv hervorstechenden Roman mit den beiden nationalen Identitäten zu verknüpfen: 321 Balzer, Vladimir: Anjas Welt. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“. In: Deutschlandradio Kultur. 18.09.2007. 322 Ebd. 323 Ebd. 324 Ebd. 325 Löhndorf, Marion: Geistige Standortwechsel. Die russischdeutsche Schriftstellerin Lena Gorelik bewegt sich leicht und witzig zwischen den Kulturen. In: Neue Zürcher Zeitung. 03.01.2009. In dieser Rezension werden gleich zwei Texte von Lena Gorelik besprochen, worin die Begründung für die zeitliche Verzögerung liegen dürfte. Neben dem Roman Hochzeit in Jerusalem bespricht Löndorf in deutlich geringerem Umfang auch Lena Goreliks kurz zuvor erschienenen Reisebericht Verliebt in St. Petersburg. 326 Ebd. 110 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Nicht nur zwischen zwei, sondern zwischen drei kulturellen Einflüssen bewegt sie [Lena Gorelik] sich. Vielleicht ist es dieser häufige geistige Standortwechsel, der zu einer gewissen Distanz zu allen Lebens formen führt. Anja macht sich über die Verkupplungsmanöver der russischen Verwandtschaft lustig ebenso wie über das bigotte Gutmenschentum, dem sie als der deutschen Sprache kaum kundige russi sche Einwanderin begegnet[.]327 Zusammenfassend lässt sich im Blick auf die Romanrezeption damit festhalten, dass die Be sprechungen von Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem innerhalb der deutschsprachigen Literaturkritik in der Tat negative Ausreißer aufweisen. Das betrifft hier die Lektüre aus erster Kritikerhand, wie es das Beispiel von Yvonne Gebauers Rezension in der Süddeutschen Zeitung zeigt. Andererseits bleibt der Umstand bemerkenswert, dass in den Rezensionen durchaus Ansätze einer transnationalen Lesart des Romans bereits erkennbar wurden. Durchaus hervorzuheben ist dabei der durch Vladimir Balzer konstatierte Aspekt, dass Gorelik in ihrem Roman Probleme mit der nationalen und religiösen Identität pointiert zum Ausdruck bringe, die direkt ins Zentrum un serer politischen Gegenwartskultur hineinstoßen. Und auch Löhndorfs Beobachtung, derzufolge Gorelik mit professioneller Distanz die Rolle einer Vermittlern zwischen den Kulturen ein nehme, weist bereits in die Richtung einer transnationalen Interpretation des Romans. Dennoch wäre hier die Annahme verfehlt, dass die Aussagen innerhalb der Literaturkritik bereits explizit auf den Umstand verweisen, der für die vorliegende Untersuchung von zentraler Bedeutung ist: Die These, dass Gorelik ihre ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ Hochzeit in Jerusalem als Aufklärerin in einem sozialen Umfeld platziert hat, in dem die Mehrheit der (deutschen) Bevölkerung Defizite aufweist, wenn die Grenzen der eigenen nationalen Identitätskonzepte in Frage gestellt werden. 327 Ebd. 111III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) 6. Zum Forschungsstand von HiJ: Nationalismus im Fokus Nach Ausarbeitung der rezeptionsästhetischen Analyse des Romans Hochzeit in Jerusalem baut der folgende Teil auf bisherige Forschungsthesen zu Goreliks Texten auf: Im Kern geht es dabei um die Frage, ob bisherige Untersuchungen ihre Konzentration bereits genauer auf den Aspekt der nationalen Identität in Goreliks Text gerichtet haben. Allgemein fällt im Verhältnis zur Literaturkritik bei einer Betrachtung der wissenschaftli chen Texte zuerst auf, dass gerade Lena Goreliks zweiter Roman Hochzeit in Jerusalem in der Forschung bisher die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Vier Aufsätze liegen bis her vor, die unmittelbar dem Roman selbst eine nähere Beachtung hinsichtlich unterschiedlicher Aspekte und Schwerpunkte geschenkt haben. Eine weitere Ausarbeitung konzentriert sich darüber hinaus stark auf die Person Lena Gorelik sowie auf ihren fiktiven Brief Lieber Mischa …, wobei dieser Aufsatz von Ursula Homann mehr den Charakter einer Rezension als den einer wissenschaftlichen Untersuchung erkennen lässt. Darüber hinaus wird deutlich, dass die einzelnen Forscherinnen und Forscher den jeweils vorangegangenen Aufsätzen noch keine nähere Aufmerksamkeit geschenkt haben.328 In ihrem eher informativ als argumentativ angelegten Aufsatz Juden in der zweiten Genera tion. Wie leben sie heute in Deutschland? Vier Autorinnen geben Auskunft (2012) bespricht Ursula Homann in erster Linie Goreliks durch literarische Mittel fiktionalisierten Brief Lieber Mischa  …, kommt dabei jedoch auch über die Person Lena Gorelik zu folgendem Urteil: Auch für die 1981 in St. Petersburg geborene und elf Jahre später mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewanderte Schriftstellerin Lena Gorelik ist jüdische Identität nicht mehr an den Holocaust gekop pelt. Immerhin gehört sie zu den vielen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eingewanderten Kontingentflüchtlingen aus Russland, wo das Judentum nicht als Religion, sondern als eine Volkszuge hörigkeit angesehen wurde. Erst in Deutschland lernte sie die jüdischen Traditionen kennen, an die sich ihre Großmutter nur noch dunkel erinnerte.329 328 Das ist nicht (notwendig) als Einwand zu verstehen. Natürlich kann es sein, dass die vorangehende Forschung nur zu Ergebnissen geführt hat, die für das eigene Forschungsziel nicht von relevantem Interesse gewesen sind. 329 Homann, Ursula: Juden in der zweiten Generation. Wie leben sie heute in Deutschland? Vier Autorinnen geben Auskunft. In: Tribüne 51 (2012). S. 168 – 174, hier: S. 172 f. (Im Folgenden zitiert als „Homann: Juden in der zweiten Generation“) 112 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Klar ist, dass dieses Urteil über Lena Gorelik im Hinblick auf die bisherige Analyse Probleme aufweist. Das trifft besonders die Aussage, dass für Gorelik die „jüdische Identität nicht mehr an den Holocaust gekoppelt ist“, die Homann hier monokausal aus dem Umstand ableiten möchte, dass das Judentum in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Volkszugehörigkeit betrachtet worden sei. Zwar stimmt dabei einerseits durchaus, dass Lena Gorelik auch in ihren wissenschaftlichen Texten darauf aufmerksam macht, dass es die „in der Sowjetunion oktroyierte und verbreitete Überzeugung“ gibt, „das Judentum sei eine Nationalität oder Volkszugehörigkeit, keine Reli gion“330. Dennoch scheint es zumindest unter Berücksichtigung von Goreliks Essay „Sie können aber gut Deutsch!“ fraglich, ob Homanns These angebracht ist, dass Goreliks jüdische Identität deshalb nicht mehr mit dem Holocaust verknüpft sei. Immer hin erinnert Gorelik in ihrem Essay von 2012 die deutschen Leser im Zuge der Sarrazin-Debatte durchaus im Angriffston noch einmal explizit an die Tatsache, dass „dieses Land, dieses Volk nun einmal das jüdische Volk auslöschen wollte.“331 Auch wenn also – wie Homann in Anleh nung an Goreliks Selbstaussagen treffend anmerkt – das Judentum in Russland vielfach nicht als Religion, sondern als Volkszugehörigkeit betrachtet wird332, führt dieser Sachverhalt keineswegs monokausal zur Folge, dass Gorelik den Holocaust in ihren Statements zur Identität gänzlich ignoriert. Und wieso sollte überhaupt der Umstand, dass in Russland das Judentum als Volkszugehörigkeit aufgefasst wird, eine hinreichende Begründung dafür abgeben, dass ein Jude oder eine Jüdin in Deutschland heute mit Blick auf nationale Identi tätsfragen den Holocaust ausklammert? Gleichwohl weist Homann in ihrem Aufsatz treffend darauf hin, dass Gorelik als Schrift stellerin im Kontext einer modernen Aufklärung verortet werden sollte. Auch wenn dieses Urteil nicht explizit auf den Nationalismus bezogen wird, sondern eher auf die Aufklärungs arbeit, die Gorelik hinsichtlich des jüdischen Lebens in Deutschland leistet. Denn: Lena Gorelik zeichnet […] auf humorvolle Weise ein lebendiges und realistisches Bild jüdischen Le bens in Deutschland. Nichtjuden, vor allem jene, die glauben, über Juden alles zu wissen, dürften aus den Ausführungen dieser Autorin über das Judentum viel erfahren und lernen.333 330 Gorelik; Weiss: Aufbrüche, S. 410. 331 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 153. 332 Vgl. Gorelik; Weiss: Aufbrüche, S. 410. 333 Homann: Juden in der zweiten Generation, S. 174. 113III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Erwähnenswert im Hinblick auf die ersten beiden Romane von Lena Gorelik ist überdies eine Untersuchung von Hanni Mittelmann aus dem Jahr 2009: Deutsch-Jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland: Das Ende der Fremdbestimmung? Es wurde bereits in der Einleitung darauf aufmerksam gemacht, dass es Mittelmann in ihrer Untersuchung um die „literarischen Selbstfindungsversuche“334 der jüdischen Schriftsteller in Deutschland von den 1980er Jahren bis ins 21. Jahrhundert geht. Entscheidend für den hier vorliegenden Zusammenhang sind da bei besonders Mittelmanns Beobachtungen zu Identitätsfragen in der dritten Generation, zu der Lena Gorelik ebenso gehört wie Olga Grjasnowa: Diese jungen Juden, die zumeist aus den alten GUS-Staaten als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, aber auch aus Israel und Amerika, begrüßten die Freiheit einer hybriden Identität, die sich aus russischen, israelischen und amerikanischen Identitäten entwickelt hatte. Die Melancholie einer inneren Zerrissenheit zwischen Heimaten und Loyalitäten scheint es nicht mehr zu geben. […] Diese mehrfache Identität bedeutet nun keinen Leidensdruck mehr, sondern wird unbefangen akzeptiert.335 Es bleibt auch hier zu beachten, dass diese Forschungsthese mit Blick auf Gorelik (und Grjas nowa) nicht unproblematisch ist. Denn auch wenn sicher nicht bestritten werden kann, dass Gorelik in ihrer Protagonistin Anja eine jüdische, eine deutsche und eine russische Identität gleichermaßen zur Realisation bringt, so ist zumindest unter Berücksichtigung von Goreliks Essay „Sie können aber gut Deutsch!“ fraglich, ob zugleich einfach davon ausgegangen wer den kann, dass es bei Gorelik „keine Zerrissenheit zwischen den Heimaten und Loyalitäten mehr zu geben scheint.“ Und weiter fraglich ist auch die Annahme, dass die ‚hybride‘ Identi tät bei Gorelik „keinen Leidensdruck mehr“ bedeutet. Immerhin wurde weiter oben ausführlich gezeigt, dass sich Gorelik in der Tat deutlich ge gen zu hohe Assimilationsforderungen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft zur Wehr setzt: Diese Forderungen erinnern sie erstens sehr stark an die Juden in den 1920er Jahren, die trotz ihrer Anpassungsbemühungen am Ende beinahe alle umgebracht wurden.336 Zweitens fügt Gorelik 334 Mittelmann: Deutsch-Jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland: Das Ende der Fremdbestimmung?, S. 429. 335 Ebd., S. 438 f. 336 Vgl. Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 235. 114 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zum Assimilationsdruck von deutscher Seite hinzu, dass sie künftig unter keinen Umständen bereit sei, für eine deutsche Identität auf die Anteile ihrer russischen Kindheitser lebnisse zu verzichten.337 Und immerhin hat Susanne Düwell als grundsätzlichen Einwand (damit auch gegen Mittelmanns These) darauf hingewiesen, dass angesichts „der nach wie vor bestehenden Dominanz divergenter geschichtlicher Erfahrung im deutsch-jüdischen Verhält nis […] zweifelhaft“ ist, „ob der Transfer des Begriffs der Hybridität eine produktive Analysekategorie liefert.“338 Durchaus entscheidend an Mittelmanns Aufsatz ist gleichwohl die Feststellung, dass man ge mäß den Texten von jüdischen Schriftstellerinnen der dritten Generation zeitgleich Russe, Deutscher und Jude sein kann.339 Zu einem politisch relevanten Problem wird diese multiple Identität allerdings dann, wenn die deutsche Mehrheitsgesellschaft durch ihre Assimilationsforderungen einen entsprechenden Leidensdruck erzeugt. Wenn Gorelik anmerkt und anmerken muss: [I]ch werde immer aus der ehemaligen Sowjetunion stammen. […] Mich dafür bedanken zu müssen, hier sein zu dürfen, nicht als gleichberechtigtes Puzzleteilchen dieses Landes, sondern als jemand, der eben hier sein darf. Hört das jemals auf? Es hat nicht mit dem deutschen Pass aufgehört, auch nicht mit den auf Deutsch geschriebenen Büchern, nicht den Preisen, die ich dafür erhalten habe, wann aber dann?340 Sehr interessante Aspekte, die eine ähnliche Deutungsrichtung wie Mittelmanns These der multiplen Identität aufweisen, liefert auch Beata Maches 337 Siehe ebd., S. 177 f: „Deutsch zu sein? Will ich das? Kann ich nicht deutsch-russisch sein oder russisch-deutsch oder sonst irgendeine Mischung sein? Also noch einmal umformuliert: Dass ich die Reste meines russi schen Ichs aufgeben muss, um mich in Deutschland zuhause zu fühlen. Das macht nicht nur Angst. Das ist etwas, und darüber muss ich nicht nachdenken, ein Preis, den zu zahlen ich nicht bereit wäre.“ 338 Düwell, Susanne: Hybridität, Diaspora, Bruch: Poetologische Konzepte deutsch-jüdischer Gegenwartsliteratur am Beispiel von Vertlib, Biller und Rabinovici. In: Aussinger Beiträge 6: National – postnational – transnational? Neuere Perspektiven auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus Mittel- und Osteuropa. Hrsg. von Renata Comejo, Slawomir Piontek und Sandra Vlasta. Ústí nad Labem: Univerzita J. E. Purkyně v Ústí nad Labem, Filozofická fakulta 2012. S. 81 – 102, hier: S. 100. (Im Folgenden zitiert als „Düwell: Hybridität“) 339 Mittelmann: Deutsch-Jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland: Das Ende der Fremdbestimmung?, S. 438. 340 Gorelik: „Sie können aber gut Deutsch!“, S. 39. 115III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Aufsatz Das unverkrampfte Ich – Oder: Lena Goreliks fröhliches jüdischdeutsch-russisches Miteinander, ebenfalls aus dem Jahr 2009: Lena Gorelik ist keine naive Autorin, die eine einfache, erfolgreiche ‚Integrations-Story‘ schreibt. Ihre Protagonistin hat einen langen Weg zurückgelegt, bis sie ihre dreifache Identität akzeptiert. Es ist eine harmonische und für sie produktive Identität, aber nicht naiv, sondern mit Distanz und Selbstironie; sich ständig neu konstruierend, der Notwendigkeit der Veränderung gegenüber offen stehend. Lena Gorelik entwirft auch keinen idealtypischen Integrationsverlauf. Ihr Roman ist realistisch, die Hauptfigur glaubwürdig: die Bedingungen und Schwierigkeiten einer erfolgreichen Selbstdefinition sind deutlich gezeichnet: Anja erlernt schnell die neue Sprache, ist eine gute Schülerin, entwickelt ein gesundes Selbstvertrauen, ist extrovertiert, intelligent, risikobereit.341 Neben dieser entscheidenden, von Mache konstatierten Aufgewecktheit der Protagonistin Anja ist weiter die politisch-gesellschaftliche Funktion des Romans von relevantem Interesse, auf die Beata Mache in ihrem Aufsatz gleich mehrfach aufmerksam macht. Deutlich stellt Mache in diesem Zusammenhang heraus, dass Goreliks Romane gleich auf zweierlei Weise gelesen werden könnten: „Ihre Romane können im Kontext der deutsch-jüdischen Literatur und dem der (weitverstandenen) ‚Migrantenliteratur‘ gelesen werden.“342 Zudem verweist Mache expli zit auf den schon mehrfach angesprochenen Problemfaktor der unaufgeklärten Majorität im Umgang mit moderner Migration. Sie schreibt treffend, dass gegen die geläufige Meinung nicht die Migranten die größten Schwierigkeiten mit ihrer Identität haben, sondern die Mehrheitsgesellschaft, die auf Herausforderungen, Mehrdeutigkeiten und nicht-geradlinige Entwicklungen mit Verunsicherung reagiert. Anja nimmt jede Veränderung auf, integriert sie, lässt sich durch sie aber nicht bestimmen, sie sucht das Interessanteste für sich aus; Julian und seine Freunde reagieren verstört, verkrampfen sich und werden sprachlos.343 341 Mache: Das unverkrampfte Ich, S. 250. 342 Ebd., S. 252. 343 Ebd., S. 251 f. 116 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Vor diesem Hintergrund wird weiter klar, warum Beata Mache die Romane von Gorelik – deutlich profilierter als die Rezensenten – „als wichtige Beiträge zur Gegenwartsliteratur“344 kennzeichnet: In ihnen werden die gängigen Vorstellungen vom Fremden, vom Anderen und vom Eigenen auf char mante, unterhaltsame Art infrage gestellt und so durcheinander gebracht, dass sie nicht wieder neubestimmt und voneinander getrennt werden können. In Goreliks bunter Welt gibt es nämlich kein normatives Fremdes, das bedrohlich sei. Es gibt nur das aufregende kognitiv Fremde, das mit Neugierde erkundet werden möchte.345 Ein weiterer Aufsatz von Jens Koberstein aus dem Jahr 2010 untersucht neben zwei zusätzli chen Romanen der Migrationsliteratur auch Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem mit einem Analyseschwerpunkt auf der Israelreise: „Babuschka, ich fliege nach Israel“: Das Reisemotiv als Mittler zwischen dem Eigenen und dem Fremden in Romanen von Lena Gorelik, Luo Lingyuan und Sibylle Lewitscharoff. Für Koberstein ist die Reise der Romanfiguren dabei deshalb von zentraler Bedeutung, weil sich „das Motiv der Reise […] [a]uffällig oft […] in der Migrationsliteratur“346 findet: „Anja erkennt während der Reise in Israel im Roman Hoch zeit in Jerusalem, dass sie eine eigene Position zu den unablässig auf sie einströmenden Eti kettierungsversuchen finden muss, will sie sich nicht selbst verleugnen.“347 Nicht ohne Grund begibt sich Anja im Epilog des Romans demnach also auch Koberstein zufolge auf die Suche nach dem Ursprung ihrer eigenen Familiengeschichte. Und zwar ohne der Nation, in der Anja sich gerade aufhält, in der sie lebt oder in die sie hineingeboren wurde, einen tieferen Existenz- und Selbstbestimmungsgrund zuzuweisen: Durch die Reise nach Israel sieht sie sich mit neuen Bewertungen ihrer Identität konfrontiert. Sie setzt sich bewusst mit ihnen auseinander und erkennt, dass ihre Familie die gleiche bleibt, und somit die ein zige kon- 344 Ebd., S. 254. 345 Ebd., S. 254 f. 346 Koberstein, Jens: „Babuschka, ich fliege nach Israel“: Das Reisemotiv als Mittler zwischen dem Eigenen und dem Fremden in Romanen von Lena Gorelik, Luo Lingyuan und Sibylle Lewitscharoff. In: Identität. Fragen zu Selbstbildern, körperlichen Dispositionen und gesellschaftlichen Überformungen in Literatur und Film. Hrsg. von Corinna Schlicht. Oberhausen: Laufen 2010. S. 246 – 260, hier: S. 250. 347 Ebd. 117III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) stante Bezugsgruppe in ihrem Leben bildet. In ihrer Familie findet sie ihre wahre Heimat.348 Für Koberstein ist der Roman damit zugleich auch eine klare Zurückweisung von eindeutigen nationalen oder religiösen Identitätsangeboten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Auch nach seiner Auffassung müssen diese Zuschreibungen in einer modernen Einwanderungsgesell schaft als zu unscharfe, nicht mehr hinreichende Identitätskategorien aufgefasst werden: Die Reise [nach Jerusalem] ist […] Initiator für den Erkenntnisprozess und gleichzeitig auch Symbol für diesen, da es um mehr als nur die bloße Bewegung von Deutschland nach Israel geht. Der Roman ist somit eine Absage an die identitätsstiftende Wirkung von nationalen und religiösen Zuschreibungen, werden diese doch in unserer von Migration geprägten Zeit als zu vage entlarvt, um für das Individuum noch eine verlässliche Größe zu sein.349 Abschließend bleibt bei einer Betrachtung des bisherigen Forschungstandes zu Lena Gorelik noch auf einen 2012 erschienenen Aufsatz von Weertje Willms aufmerksam zu machen, der die Rolle der Familie in literarischen Texten russischer Migrantinnen und ihrer Nachfahren untersucht: „Wenn ich die Wahl zwischen zwei Stühlen habe, nehme ich das Nagelbrett“. Willms Beobachtungen orientieren sich allgemein am Phänomen der (russischen) Migrationsliteratur, indem sie familiäre Merkmale vor allem im Vergleich zu einer nicht von Migrationserfahrung geprägten Literatur in Deutschland herausarbeitet. Doch auch dabei kommt Willms in ihrem Aufsatz mit Blick auf Lena Gorelik explizit zu einem für diese Studie relevanten Ergebnis: Willms beschreibt das Gefühl der Scham von Migrationskindern über das kulturell häufig unangepasste Verhalten der Eltern, das sich tief und schmerzhaft im auto biographischen Familiengedächtnis der Schriftstellerinnen festsetzt, dann aber im Sinne Bhabhas literarisch produktiv gemacht werden kann – wie es eben auch bei Lena Gorelik der Fall ist (vgl. HiJ 63): Bei den Erzählerfiguren aus Migrationsfamilien gibt es […] Dinge, die migrationsspezifisch sind und sich in den Texten wiederholen: Die Erzählerfiguren berichten von ihrer Scham als Kinder darüber, dass die Eltern schlechtes, fehlerhaftes Deutsch sprechen, und darüber, dass die 348 Ebd., S. 253. 349 Ebd. 118 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Eltern die kulturellen Kodes nicht beherrschen, welche für die Kinder so wichtig sind (z. B. wissen sie nicht, wie man sich gegen über der Lehrerin oder den Freunden ‚richtig‘ verhält, welches Essen man zubereiten, welche Feste man wie feiern muss usw.). Diese kindlichen Emotionen werden von den Erzählerfiguren im Nachhinein re flektiert.350 Durch die synoptische Skizzierung der Romanrezeption konnte für die bevorstehende Text interpretation bisher der Umstand verdeutlicht werden, dass Lena Gorelik mit Hochzeit in Jerusalem einen Roman geschrieben hat, der deshalb für Aufsehen in der Literaturkritik sorgte, weil die Autorin pointiert Probleme zum Ausdruck bringt, die im Zentrum unserer nationalen Gegenwartskultur wirksam sind. Der anschließende Blick in die bisherige For schung untermauerte zudem die These, dass sich Gorelik auf kritische Weise mit dem Aspekt der nationalen Identität beschäftigt. Dabei handelt es sich nach mehrheitlicher Auffas sung der Autoren bei Goreliks Kritik an der eindimensionalen nationalen Identität sogar um ein derart zentrales Thema im Roman, dass bisher Hanni Mittelmann, Beata Mache und Jens Koberstein explizit diese Position Goreliks auf jeweils unterschiedliche Weise ausformuliert haben. Problembehaftet scheint die These der multiplen oder hybriden Identität hingegen vor dem Hintergrund der Unterstellung zu sein, dass sie in Deutschland von Gorelik zwanglos und ohne politischen Druck ausgelebt werden könne. Dieser Punkt zeigt wiederum deutlich, dass besonders dem deutschnationalen Umfeld, in das Lena Gorelik ihre Texte platziert, bisher kaum nähere Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Insgesamt bestätigen die bisherigen Ergebnisse damit, dass der Leser im Fall von Lena Go relik mit einer Autorin konfrontiert wird, deren schriftstellerische Arbeit gerade nicht in die gleiche Richtung weist, wie sie von den Neuen Patrioten vorgegeben wird: Seit der WM 2006 beanspruchen sie in Anlehnung an die massenhafte Jubelstimmung eine Rückkehr zur alten Heimat liebe gegenüber dem deutschen Nationalstaat. Doch Goreliks essayistische Arbeit weist offenkundig in eine andere, dem Nationalismus in Deutschland vollkommen entgegengesetzte und kritische Richtung. Im weiteren Untersuchungsverlauf wird es als entscheidendes Mo ment der Abgrenzung zu bisherigen Forschungsansätzen darauf ankommen, einzelne Aspekte 350 Willms, Weertje: „Wenn ich die Wahl zwischen zwei Stühlen habe, nehme ich das Nagelbrett“: die Familie in literarischen Texten russischer Migrantinnen und ihrer Nachfahren. In: Die interkulturelle Familie. Literatur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: Transcript 2012. S. 121 – 141, hier: S. 130. 119III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) aus dem Roman Hochzeit in Jerusalem herauszuarbeiten, die im Sinne einer post nationalen Aufklärungsarbeit bezüglich der deutschnationalen Identität nachhaltig fruchtbar gemacht werden können. 7. Anja Buchmanns Biographie als transnationale Gegen-Geschichte Im vorliegenden Kapitel wurde einleitend die These postuliert, dass Lena Gorelik in ihrem Roman Hochzeit in Jerusalem eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt, weil sie in ihrer Protagonistin Anja Buchmann die Kreuzung einer dreifachen Identität zur Realisation bringt. Im Folgenden wird es darauf ankommen, die These von der ‚transnationalen Gegen-Geschichte‘ konkret am Beispiel der Textinterpretation zu plausibilisieren. Von tragender Bedeutung ist dabei der Umstand, dass Goreliks Protagonistin Anja Buchman durch ihre Existenz- und Handlungsweise im Roman jeder essentialistischen Vorstellung von der Nation als einem ho mogenen Kulturraum im Sinne Renans einen ‚schweren Schlag‘ zufügt. Der Zugriff auf Goreliks Text erfolgt chronologisch im Hinblick auf Anjas Biographie. Dieser biographische Zugriff auf die Geschichte der Protagonistin ist durch den Aufbau des Romans von Gorelik so nicht vorgegeben. Er bietet sich dennoch an, um einzelne Entwick lungsschritte der Protagonistin nachvollziehen zu können und gleichzeitig aufzuzeigen, dass gerade durch ihre Biographie die Vorstellung gekreuzt wird, Deutschland sei als Nation ein homogener Kulturraum aus Individuen, denen durch das Blut, die Sprache oder die Religion einzigartige Merkmale anhaften, die anderen Individuen vermeintlich abgehen. Anjas Kindheit Eine gewisse Ironie bei der essentialistischen Zuschreibung durch das religi- öse Kriterium be ansprucht in Anjas Biographie der Umstand, dass sie bis zu ihrem siebten Lebensjahr nicht einmal weiß, dass sie Jüdin ist. Mit Renan ist hier noch einmal darauf aufmerksam zu ma chen, dass auch „die Religion“ uns „keine hinreichende Grundlage geben“ kann, „um darauf eine moderne Nation zu errichten.“351 Denn nach Renan war der Säkularismus bereits um 1882 so weit fortgeschritten, dass vom Standpunkt der Forschung bloß das hinreichende Ar gument angeführt werden muss, demzufolge es eben „keine 351 Renan: Was ist eine Nation?, S. 29. 120 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Staatsreligion“352 mehr gibt, weil man ‚Franzose‘, ‚Engländer‘ oder ‚Deutscher‘ sein kann und zugleich ‚Atheist‘, ‚Katholik‘, ‚Protestant‘ oder ‚Jude‘. In diesem Sinne, dass es keine Staatsreligion mehr gibt, dass die Religion „nur noch im Innern eines jeden einzelnen bedeutsam“353 ist, erfährt auch Lena Goreliks Protagonistin Anja interessanterweise von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erst im Alter von sieben Jahren. Anja befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Urlaub. Den verbringt sie gemeinsam mit ihrem drei Jahre älteren Cousin Andrej und den Eltern auf der Familiendatscha. Anja und Andrej verstehen sich ausgezeichnet und werden in dieser Zeit feste Freunde. Aber als ein gut funkti onierendes Team halten sich die beiden auch für so überlegen, dass Anja und ihr Cousin sich zur Ausgrenzung einer unangenehmen Mitstreiterin namens Mascha berechtigt fühlen. Sie diffamieren Mascha als Jüdin, um sie so aus ihrem gemeinsamen Bündnis auszugrenzen: ‚Vorhin war Mascha da, sie wollte mit euch spielen‘, sagte meine Mutter. […] ,Wir wollen aber nicht mit Mascha spielen‘ rief mein bester Freund. […] ‚Warum nicht?‘, fragte meine Mutter, ließ von mir ab und wandte sich ihm zu. […] ,Sie bohrt in der Nase. Wie eine richtige Jüdin‘, sagte mein bester Freund. ‚lch glaube, sie ist auch eine richtige Jüdin‘, ergänzte ich und fand mich sehr witzig. Meine Mutter sagte nichts. (HiJ 54) Als Anja eine Stunde nach dem Vorfall Proviant auf der Datscha holen will, bittet der Vater sie mit einer strengen Aufforderung ins Haus: Meine Eltern saßen am Eßtisch wie bei einem Tribunal. Vorsichtshalber blieb ich an der Eingangstür stehen. […] ‚Mir hat gar nicht gefallen, was du vorhin gesagt hast‘, fing meine Mutter an, nachdem ich ihnen gegenüber Platz genommen hatte. ‚Über Mascha.‘ […] Erstaunt starrte ich meine Eltern an. War doch nur ein Spruch, das sagte man eben so. Ich hatte schon schlimmere Schimpfwörter in Gegenwart meiner Eltern benutzt. ‚Weißt du, was es heißt, Jude zu sein?‘ fragte mein Vater. Ich zuckte mit den Schultern. Was Gutes war es jedenfalls nicht. ‚Juden sind ein Volk. So wie Russen, Ukrainer oder Li tauer‘, erklärte mein Vater. […] ‚Du darfst niemanden Jude schimpfen. Das ist nicht schön‘, sagte meine Mutter. […] ‚Es gibt einen bestimmten Grund, warum gerade du genau dieses Wort nicht als Schimpfwort benutzen darfst, begann meine 352 Vgl. Ebd., S. 31. 353 Ebd. 121III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) Mutter. ‚Es ist nämlich so, daß du selbst Jüdin bist‘, fügte sie hinzu. ,Ich?‘ ‚Du und wir. Und Oma und Opa. Und die anderen [sic!] Oma und Opa. Und Andrej. Und alle unsere Verwandten […] ‚Aber ich bin russisch‘ erklärte ich. ‚Nein, das bist du nicht. Du bist jüdisch‘, sagte mein Vater mit Nachdruck. Eine Erklärung folgte nicht. (HiJ 57) Der Einwand von Anjas Vater wirkt zunächst irritierend. Denn klar ist ja spätestens seit Renan, dass wir es auch im Fall von ‚Russen‘, ‚Ukrainern‘ oder ‚Litauern‘ nur mit einer durch Nationalisten imaginierten politischen Ordnung zu tun haben, deren konkrete Erläuterung in dem Fall allerdings auch den Vater überfordert („Eine Erklärung folgte nicht.“). Entscheidend an dieser Konfliktkonstellation ist vielmehr die Tatsache, dass Anja von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erst im Grundschulalter erfährt. Und diese religiöse Zuschreibung und Identität ist nach säkularer, moderner Auffassung nur etwas, das wir selber annehmen oder ablehnen kön nen. Es mag zwar sein, dass ein Mensch in einem bestimmten kulturellen Umfeld aufwächst, in dem er mit der Zeit dazu bewegt wird, sich zu einer bestimmten Glaubensrichtung zu be kennen. Dennoch ist die religiöse Identität nach säkularer Auffassung weder etwas, das dem Menschen genetisch anhaftet, noch ist sie eine Determinante, die ein Individuum qua Geburt in einem bestimmten kulturellen Kontext auf ein irreversibles Bekenntnis fixiert. Im Gegen teil: Konversionen sind immer möglich. In genau diesen Kontext fällt schließlich auch der Versuch von Anja, die ungeliebte Mit streiterin als Jüdin zu diffamieren. Als Kind von sieben Jahren weiß Anja noch nicht, dass sie und ihre Familie offiziell der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehören. Und die Tatsache, dass Anja das Judentum weder wesenhaft in sich fühlt noch auf sonst irgendeine Weise zuvor verinnerlicht hat, verweist aus einer säkularen Perspektive darauf, wie absurd der Versuch ist, Menschen essentiell in religiöse Kategorien einzuteilen. Vor allem dann, wenn sie sich selbst einer solchen Kategorie gar nicht zugehörig fühlen. In Russland war es für Anja eine irritierende Neuigkeit, von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum nachträglich zu erfahren; wodurch gleichzeitig das Kriterium der Religionszu gehörigkeit als essentialistischer Faktor der nationalen Identität erstmals zerstreut wird, weil Anja registriert, dass sie als Jüdin in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft lebt. Ein genauerer Blick auf die spätere Ankunft der Familie in Deutschland kreuzt abermals eine essentialistische Vorstellung. Dabei handelt es sich um die Idee, dass die 122 Felix Kampel: Peripherer Widerstand nationale Alltagskultur etwas sei, dass auf unverrückbare Weise an die in der Nation lebenden Individuen geknüpft ist. Doch kulturelle Techniken – wie Sprachen, aber auch nonverbale Verhaltensweisen – sind etwas, das sich der Mensch durch bewusstes Lernen jederzeit aneig nen kann. Konkret zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an Bhabha, der sogar andeutet, dass „in zunehmendem Maße […] nationale Kulturen aus der Perspektive der Paria-Minderheiten produziert“354 werden. Sukzessive arbeitet Familie Buchmann sich demnach in die für Deutschland erforderlichen kulturellen Techniken ein, wie Anja berichtet: Meine Familie war eine der ersten jüdischen Einwandererfamilien aus der Sowjetunion in Deutschland. Alles war fremd und schwierig, Alltagsdinge wie Einkaufen im Supermarkt oder Busfahren schienen wie nicht zu bewältigende Probleme. Mein Vater sagte, wir machen eins nach dem anderen. Heute ha ben wir herausgefunden, daß man Brot in Scheiben kaufen kann, das ist doch eine gute Erkenntnis. Morgen nehmen wir die Sache mit dem Kindergeld in Angriff. Schritt für Schritt eroberten wir uns Deutschland. (HiJ 59 f.) Im Hinblick auf die Aneignung der deutschen Sprache als kultureller Technik wurde schon angemerkt, dass Lena Gorelik dieselbe mit Ehrgeiz und Disziplin in den Sommerferien ge lernt hatte, um auf diese Weise neue Freunde in Deutschland gewinnen zu können. Das Gleiche gilt auch für ihre Protagonistin Anja: Ich lernte Deutsch. Ich war richtig gut in der Schule, eine von den Besten. Als ich in die nächste Klasse kam, trug ich den richtigen Schulranzen und sprach akzentfrei Deutsch. Wie alle Auswandererkinder schämte ich mich ein wenig für meine Familie, um mich gleich darauf für diese Scham zu schämen. In der jüdischen Gemeinde hatte ich genauso viele Freunde wie in der Schule, alles, wie es sich gehört. (HiJ 63) In diesem Fall geht es mit dem aktiven Erlernen der Sprache um die Kreuzung der Vorstel lung, dass die Nation als territorialer Raum auf konstitutive Weise mit den Muttersprachlern einer bestimmten Vernakularsprache verknüpft sei. Auch wenn eine Überhöhung der nationalen Landesprachen seit der Zeit des aufkeimenden Nationalismus in Europa an der Tagesordnung 354 Bhabha: Einleitung. Verortung der Kultur, S. 8. 123III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) war, weil die Schriftsteller der nationalen Bewegungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert die etablierten Vernakularsprachen als ‚heilige Sprachen‘ ihrer Völker überhöht haben.355 Aber nur weil eine Vernakularsprache ein Solidaritätsgefühl unter Individuen mit gleichem Idiom erzeugt, die sich der imaginierten Gemeinschaft einer Nation dadurch annähern können356, folgt daraus natürlich nicht, dass Sprachen tatsächlich einen ewi gen Charakter haben, der einem Volk und nur den aus ihm hervorgehenden Individuen zugänglich ist. Dass Sprachen vielmehr jederzeit einem gewissen Wandel ausgesetzt sind, dass dominie rende Kultursprachen wie (augenblicklich) das Englische fortlaufend in weniger dominante Kultursprachen wie (augenblicklich) das Deutsche hineindrängen, lernt heute nicht nur jeder Studierende der Sprachoder Literaturwissenschaft im ersten Semester; vielmehr ist dies durch die signifikante Anzahl der Anglizismen im deutschen Sprachgebrauch unübersehbar gewor den. Die Studierenden erkennen darüber hinaus den sich ständig wandelnden Charakter einer Landessprache nicht zuletzt am Beispiel der deutschen Literaturgeschichte; spätestens wenn sie durch den Lehrplan aufgefordert werden, sich mit der Entwicklung der alt- oder mittelhochdeutschen Sprache seit ihrer schriftlichen Fixierung und der Differenz zum heutigen Sprachgebrauch zu beschäftigen. Tatsächlich werden an dieser ewig waltenden Tendenz, an diesem fortlaufenden Umbau der menschlichen (National-)Sprachen auch die sich heute im mer wieder bildenden Vereine zum Erhalt bestimmter Regionaldialekte nichts ändern können. Und weil eine (National-)Sprache nicht nur wandelbar, sondern auch erlernbar ist, infor miert Anja, als sie Julian gerade im Forum kennengelernt hat, ihren neuen Bekannten über den Umstand, dass ihre deutschen Sprachkenntnisse heute den russischen weit überlegen sind: „Ich war elf, als ich aus Sankt Petersburg nach Deutschland kam. Und deshalb kann ich natür lich Russisch, es war die erste Sprache, die ich gelernt habe, allerdings ist mein Deutsch in zwischen weitaus besser.“ (HiJ 27) Damit ist Sprache in der Tat erstens eine kulturelle Tech nik, die auch von Nicht-Muttersprachlern sicher erworben werden kann. Zweitens kommt es sogar vor, dass die Sprecher einer neuen Sprache nach Jahren unter Umständen diese neue Sprache besser beherrschen als ihre Muttersprache, die sie ursprünglich in ihrem Geburtsland erworben haben. 355 Vgl. Wehler: Nationalismus, S. 47 f. 356 Vgl. ebd. 124 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Mit Blick auf das Sachbuch „Sie sprechen aber gut Deutsch!“ wurde bereits darauf hingewie sen, dass Lena Gorelik schon als Kind mit starken Vorbehalten auf Menschen reagierte, die den Migranten um Familie Gorelik aus Selbstsucht zu helfen versuchten, nachdem die Familie in Deutschland angekommen war. Ihrer Protagonistin Anja Buchmann geht es ähnlich. So wird dem Leser Deutschland im Jahr 2007 aus der Sicht der jüdisch-russischen Migrantin Anja zunächst noch als ein Land präsentiert, in dem viele Menschen sich einerseits gegen Brandsatzangriffe zur Wehr setzen, die aufgebrachte Menschenmassen in den 1990er Jahren auf Asylbewerberheime abfeuerten.357 Andererseits gibt es unter den Menschen, die sich für die Migranten einsetzen, auch solche, die zu einem Helfersyndrom ‚von oben herab‘ neigen, was in Anja ein deutliches Gefühl der Abscheu provoziert: Kaum daß wir damals in Deutschland angekommen waren, wurden wir von Gutmenschen umringt. Wir landeten Anfang der Neunziger in einem Asylantenwohnheim, in einer Zeit, als man sich in Deutsch land aus Protest gegen die zahlreichen Anschläge auf Ausländer zusammenschloss, um Lichterketten zu bilden, gegen Fremdenhaß zu demonstrieren, der Welt zu zeigen, daß Deutschland auch anders sein kann. Unter den Lichterkettenmenschen waren auch Gutmenschen, die unbedingt helfen wollten, aber von oben herab – Hausfrauen, die sich ehrenamtlich engagieren wollten, wohlhabende Familien, die von dem Wunsch beseelt waren, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, linke Studenten, Kirchenmitarbei ter. Sie alle suchten nach Betätigungsfeldern, fanden das Wohnheim. Sie kamen, um Asylanten zu helfen, Klamotten und Essen zu bringen, Deutsch zu unterrichten – und entdeckten Juden. (HiJ 77 f.) Juden sind bei dieser Art von helfenden ‚Gutmenschen‘ besonders beliebt: Wir waren sechzig Juden, zusammen mit Asylanten waren wir familienweise in kleinen Zimmern in Holzbaracken untergebracht. Hinter Stacheldraht. Wir waren Kontingentflüchtlinge, Juden aus der ehe maligen Sowjetunion, die nach einer Sonderregelung nach Deutschland einreisen 357 Vgl. Vogt, Martin: Deutschland von der Bonner „Wende“ zu den Problemen der Einheit. In: Deutsche Ge schichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer 2006. S. 888 – 970, hier: S. 907 f. Auf bemerkenswerte Parallelen zu den Brandanschlägen auf Asylbewerberheime und den jüngsten Attacken gegen Migranten im Jahr 2015 verweist folgender Artikel: Kraske, Michael: Die Politik der stillen Duldung. In: Cicero. 26.08.2015. 125III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) durften, ein Signal an die Welt, daß das wiedervereinigte Deutschland ein anderes ist. Ein Deutschland, in das Juden gern kommen, freiwillig. Wie schön. Wir waren ein gefundenes Fressen für Gutmenschen. Tag für Tag be kamen wir Besuch. Mit einigen Familien freundeten wir uns an, ich freue mich immer, wenn ich meine Eltern an ihren Geburtstagen besuche und unsere Freunde von damals eingeladen sind. Aber die Gutmenschen unter ihnen brachten uns Lebensmittel, obwohl wir welche hatten und der Tisch der russi schen Gastfreundschaft entsprechend immer reichlich gedeckt war. Sie sprachen langsam mit uns: „Wie geeeht eeees Iiiiih-neeen heeeu-teee?“ und lächelten immerzu dabei. (HiJ 78) Die Naivität und Achtlosigkeit, mit der die Menschen helfen wollen, nimmt mitunter groteske Züge an. Weder wird von Seiten der ‚Gutmenschen‘ das nicht vorhandene Einkommensniveau der Migranten berücksichtigt, noch werden die Lebensbedingungen re flektiert, die in der Sowjetunion zum geläufigen Alltag der Menschen gehörten: „[D]ie besonders Naiven wollten wissen, wie oft wir nach Israel fahren (sie selbst führen oft dahin), wobei sie vergaßen, daß man sich in der Sowjetunion nicht mal eben ein Flugticket kaufen konnte, um Urlaub im Ausland zu machen.“ (HiJ 78) Anjas größte Verachtung gilt aber denen, die sich durch ihren geheuchelten Philosemitismus entweder vor anderen Deutschen oder in narzisstischer Attitüde vor sich selbst auszeichnen wollen. Exemplifiziert wird das am Beispiel der Figur Doris, die die Buchmanns zu allem Überfluss mit einer kostbaren Menora beschenkt, obgleich die Sorgen der Familie darin be stehen, sich vor lauter Platzmangel in dem Zimmer des Asylantenwohnheims überhaupt zurechtzufinden: Am meisten haßte ich Doris. Doris schenkte uns einen siebenarmigen Leuchter, schwarz und groß. Die Menora war zwar schön, wir wußten aber nicht, wohin mit ihr, denn unsere aus Sankt Petersburg mitgebrachten eigenen Sachen paßten kaum in das Zimmer, in dem wir zu fünft lebten. Beim nächsten Mal bestand Doris darauf, Fotos von uns zu machen, vor der Menora. Sie sprach uns vorzugsweise mit „Meine jüdischen Freunde“ an. (HiJ 78 f.) In erster Linie ist es die Scham, die Anja Buchmanns Familie dazu bewegt, Doris weiter im Wohnheim zu empfangen – keiner in der Familie mag die Philosemitin. Doch wie verhält man sich als Migrant in einem Land, in dem Menschen leben, die einem ihre vermeintliche Hilfe aufzwingen wollen? 126 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Anjas Vater weiß keinen direkten Rat und fühlt sich der Situation ausgeliefert: Wenn ich das Glück hatte, Doris’ Ankunft beim Spielen im Hof zu bemerken, versteckte ich mich, bis sie ging. Warum meine Eltern ihr Woche für Woche höflich Tee und Essen vorsetzten an unserem kleinen Tisch, zwischen den zwei Etagenbetten, verstand ich nicht; erst recht nicht, nachdem ich meinen Vater eines Abends sagen hörte: „Ich wünschte, ich könnte mich so verstecken wie Anja, wenn Doris kommt.“ (HiJ 79) Auf eine gewisse Ironie verweist zudem der Umstand, dass es die von ihrem schlechten Ge wissen getriebene Doris ist, die bald damit beginnt, Familie Buchmann mehr über das Judentum aufzuklären, als sie durch das säkulare Sowjeterbe vor ihrer Ankunft in Deutsch land wusste: „An jedem jüdischen Feiertag kam Doris zu uns. So lernte meine Familie Pessach von Purim zu unterscheiden.“ (HiJ 79) Doris wird bald ein unangenehmer Dauergast, der Familie Buchmann auch an christlichen Feiertagen aufsucht. Ihre narzisstische Sucht, sich in ihrer Helferrolle selbst und anderen zu gefallen, nimmt schließlich derart forcierte Züge an, dass Doris nicht einmal davor zurückschreckt, ihre einsame Mutter an Weihnachten alleine zu Hause zu lassen, um sie später via Telefon darüber zu informieren, dass sie Weihnachten gerade mit ihren ‚jüdischen Freunden‘ feiert: Unser erstes Weihnachten in der eigenen Wohnung – vollgestellt mit alten Möbeln verschiedener Freunde, ich hatte als einzige neue bekommen, welche aus hellem Kiefer, wie meine Schulfreunde – feierten wir ebenfalls mit Doris. Sie kam wie immer unangemeldet, klingelte an der Tür, als mein Bru der und ich es uns gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatten. […] Doris fragte, ob sie kurz telefonieren dürfe, ihre alte Mutter anrufen. […] Im Flur hörte ich Doris telefonieren. ‚Ich feiere heute mit meinen jüdischen Freunden‘, sagte sie gerade. (HiJ 80 f.) Der Fall Doris zeigt damit, wie deutsche Staatsbürger ihre nationale Identität in zweierlei Hin sicht gegenüber den russisch-jüdischen Migranten ausnutzen können: Erstens, um sich als Helfer mit geheuchelter Barmherzigkeit gegenüber den Migranten und Asylanten überlegen zu fühlen. Zweitens, um sich als vermeintlich wohlwollende Unterstützer gegenüber den eige- 127III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) nen Nationsgenossen narzisstisch in Szene zu setzen. Das geschieht, indem man wie Doris Fotos mit jüdischen Migranten vor einer Menora macht, mit denen man später vor anderen Deut schen mit seinen ‚jüdischen Freunden‘ angeben kann. Auch in diesem Fall ist damit das Moment der politischen Schreibarbeit Goreliks von ent scheidender Bedeutung. Denn es stellt sich die Frage, inwieweit viele von oben herab helfende ‚Gutmenschen‘ mit ihren perfiden Strategien überhaupt eine Bühne geliefert bekämen, wenn Migranten und Asylanten durch den (deutsch-)nationalen Staat von Beginn an als gleichberechtigte Bürger der Gesellschaft behandelt werden würden. Der 9.  November als Gedenktag für die Judenpogrome von 1938 ist ein Ereignis, das primär nichtjüdische Mitglieder der deutschen Gesellschaft nutzen, um eine Tat zu bedauern, die ihre eigenen Vorfahren begangen haben. Natürlich ist das ein wichtiges Zeichen an die eigene Bevölkerung und die Welt. Doch nicht umsonst merkt Harald Welzer im Zusammenhang mit den zahlreichen Betroffenheitsgesten zum Holocaust an, dass die Erinnerung an die NS-Kul tur in Deutschland zuweilen „so obsessive Formen“ annehme, „dass der Schluss naheliegt, auf komplizierte Weise verberge sich hinter all den Gedenktagen, Gedenkstätten, Erinnerungsorten, Buchneuerscheinungen, Fernseh-Features ein besonders perfider Mecha nismus des Vergessen-Machens.“358 Die jüdischen Bewohner im Wohnheim von Familie Buchmann zeigen jedenfalls so wenig Interesse an der Teilnahme einer Gedenkveranstaltung zu den Judenpogromen wie Anja selbst: Kurz vor dem 9. November verteilte der Deutschlehrer meiner Eltern Flyer an die russisch-jüdischen Wohnheimbewohner: eine Einladung zu einer Gedenkveranstaltung anläßlich der Reichskristallnacht – auch in unserer schönen Stadt wurde 1938 eine Synagoge angezündet. Die meisten aus unserem Wohn heim gingen nicht hin. Es war kalt in diesem Herbst, es regnete an jenem Tag, und wie sie schnell herausfanden, gab es auf der Veranstaltung weder Essen noch Wodka, das Ganze fand sogar draußen statt. Ich wurde gegen meinen Willen von meinem Vater mitgeschleppt. (HiJ 62) 358 Welzer: Die Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen, S. 76. 128 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Anjas Mutter zeigt sich dagegen von diesen ritualar tigen Inszenierungen zum Gedenken an die Ermordung der europäischen Juden beeindruckt. Aus Russland kennt sie das nicht, und gelegentlich fühlt sie sich sogar zur Vertei digung Deutschlands aufgefordert. Zumindest wenn es darum geht, Deutschland als Ort zu benennen, an dem Juden inzwischen ein vergleichsweise sorgenfreies Leben führen können: Heute noch erzählt meine Mutter von diesem Abend, vor allem dann, wenn Verwandte aus Israel, den USA oder Rußland über sie herfallen mit der Frage: „Wie kann man als Jude in Deutschland leben?“ Mit Tränen in den Augen berichtet sie von der Lichterkette im Regen, von den vielen Deutschen mit ih ren kleinen Kindern, die kaum auf den kleinen Platz gepaßt haben, an dem früher die Synagoge gestanden hatte, davon, wie laut und gefühlvoll sie Hevenu Schalom Aleichem gesungen haben. Davon, wie sie damals trotzig dachte: Es war doch eine gute Entscheidung, das mit Deutschland. Trotzig – weil wir zu fünft in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer lebten, meine Großmutter viel weinte, ich keine Freunde hatte, meistens lesend und einsam im Bett lag und wir uns alle viel stritten. (HiJ 62 f.) Festzuhalten bleibt neben der Deutschlandapologie der Mutter gegenüber anderen Juden aber auch ihr Trotz. Denn ja, in Deutschland werden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion aufgenom men, um die jüdischen Gemeinden zu stärken. Und in der Tat, Deutschland ist ein Land, in dem es Minderheiten in der Regel nach massiven inneren Widerständen gelungen ist, punktu ell für ein historisches Bewusstsein zu sorgen, das den Holocaust als integralen Bestandteil der eigenen nationalen Geschichte anerkennt.359 Auch wenn der „Mitte“-Studie aus dem Jahr 2014 zufolge in Deutschland 55 % der Befragten nach wie vor „ihren Ärger darüber kund[tun], dass ‚den Deutschen die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden‘.“360 Und auch wenn 48,8 % der Befragten meinen, „dass sie es leid seien, ‚immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden‘ zu hören“, wodurch klar angezeigt wird, dass hier „deutlich eine Schlussstrich-Mentalität zum Ausdruck“361 kommt. Aus Sicht der Mutter reicht dieses historische Bewusstsein der Deutschen aus, um den Verwandten mitzuteilen, dass sich in Deutschland nach 359 Ebd., S. 80. 360 Zick, Andreas; Klein, Anna: Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutsch land 2014. Bonn: Dietz 2014, S. 70 f. 361 Ebd. 129III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) 1945 ein mentaler Wandel vollzogen hat. Doch der Trotz der Mutter bleibt, weil damals die Bedingungen für die Kontingentflüchtlinge unerbittlich waren: Familie Buchmann stand ein harter Integrations kampf bevor. Die fünfköpfige Familie lebte in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer, alltäglich kam es zu Streit und Anja hatte beim Aufbau freundschaftlicher Kontakte große Schwierigkeiten. (Vgl. HiJ 62 f.) Anjas Jugend Der Wille von Anja, in Deutschland nicht als Außenseiterin behandelt zu werden, hat auch Folgen für ihre Pubertät: „Als ich 13 war, fand ich mich wie jedes andere Mädchen auf der Welt sehr hässlich. Alle anderen waren natürlich hübsch, weil blond.“ (HiJ 239) Entsprechend ist ihre Assimilationsbereitschaft ist in der ersten Zeit enorm: „Ich stellte mich jeden Morgen vor den Spiegel und sagte mir: ‚Ich hasse meine Haare.‘ Ein Jahr später färbte ich sie blond und ließ sie glätten, dann ging es mir besser.“ (HiJ 240) Auf der anderen Seite aber weist Anja in ihrer Adoleszenz unzählige Verhaltensweisen auf, die für die Entwicklung von Jugendlichen auch jenseits der jeweiligen Nation typisch sind. Und gerade diese Züge wiederum unterscheiden Anja auch nicht im Geringsten von Jugendlichen, die aus Deutschland kommen: So wie es sich für Kinder gehört, wollte ich immer anders sein [als es sich die Eltern wünschen]. Auf keinen Fall Mathematik studieren, ich hätte meinem Vater damit einen zu großen Gefallen getan. Auf keinen Fall wollte ich sparen, schon gar nicht wegen des Krieges, den mein Vater als Kleinkind erlebt hatte, auch nicht, weil man niemals wissen kann, was kommt, und ebenfalls nicht, weil es sinnvoll ist; einfach gar nicht. Auf keinen Fall Essenspakete mitnehmen, wenn man wegfährt, niemals nur die Bü cher kaufen, die man ganz sicher mindestens zweimal liest, nicht die billigere Jacke wählen, weil das leuchtende Orange nächsten Herbst aus der Mode ist. Dafür das Licht in allen Zimmern brennen lassen. Meine Mutter sagte, es sei dumm und kindisch, in meinem Alter noch so zu rebellieren, aber je öfter sie das sagte, desto öfter kaufte ich mir unterwegs einen Kaffee, anstatt mir zu Hause einen zu machen, selbst wenn ich gar keinen wollte. (HiJ 128) Das eine ist also Anjas Wille zur Anpassung. Das andere ist die Tatsache, dass sie sich wie alle Jugendlichen in der Pubertät vom Vorbildverhalten der Eltern emanzi pieren möchte. Vollkommen unabhängig von der Nation, in 130 Felix Kampel: Peripherer Widerstand der die oder der Pubertierende gerade lebt. Denn in allen Ländern setzen sich Jugendliche wie Anja über die Wünsche und Pläne der Eltern hinweg. Darüber hinaus sollte ein verschärfter Blick auf die Kreativität geworfen werden, die gerade Anja als jüdisch-russische Migrantin entwickelt, wenn es darum geht, die christlichen Normen aufzu sprengen, die im Kontext der deutschnationalen Kultur als weitgehend etabliert gelten. Von Russland aus bringt die Familie atheistische Parallelfeste mit nach Deutschland, die hier der Form nach unbekannt sind: In Rußland gab es kein Weihnachten, auch keinen Gott, nur Lenin. Wir hatten Silvester, da gab es auch Geschenke und einen geschmückten Tannenbaum mit einem roten Stern an der Spitze, den Silvester baum. Es gab auch einen Weihnachtsmann, der Väterchen Frost hieß. Weihnachten auf kommunistisch, eigentlich dasselbe Fest, nur ohne Bibel. (HiJ 73) Die Tatsache, dass Weihnachten in der ehemaligen Sowjetunion nicht gefeiert wurde, führt zunächst bei Anjas Eltern zu kultureller Verwirrung: In unserem ersten Jahr in Deutschland verwechselten meine Eltern Weihnachten mit Nikolaus. Am Ni kolaustag finde ich im Flur vor unserer Zimmertür einen Stiefel. Der Stiefel ist leer, dafür steht daneben eine große C&A-Tüte. Darin ist eine wunderschöne lilafarbene Jacke mit einer Kapuze, die mit weißem Fell gesäumt ist. Meine erste deutsche Winterjacke, über die ich mich sehr freue. (HiJ 74) Mit dieser Verwechslung von Nikolaus und Weihnachten zeigt Gorelik auf, wie beliebig die Setzung von Feiertagen in einer Nation sein kann: In der kommunistischen Sow jetunion kommt nach der Revolution Väterchen Frost, in Deutschland bis heute gemäß der christlichen Tradition der Nikolaus und das Christkind. Im Laufe der Zeit aber entwickeln auch Anjas Eltern neue kulturelle Zugänge zur Religion. In ihrem Fall bezieht sich dieser kulturelle Zugang auf das Judentum, das in der Sowjetunion nach Anjas Angaben unter drückt wurde: Im nächsten Jahr entdecken meine Eltern ihre jüdische Seite, die in Rußland ebenso unterdrückt wurde wie das christliche Weihnachten. Weil Weihnachten die Geburtstagsfeier von Jesus ist, beschließen sie, überhaupt kein Weihnachten zu feiern. Dafür erinnern sie sich daran, 131III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) daß ungefähr zur selben Zeit, Mitte Dezember etwa, das jüdische Fest Chanukka beginnt, ein acht Tage dauerndes Lichterfest. Warum es ein Lichterfest ist und warum man jeden Tag eine Kerze anzünden muß, wissen wir nicht, das soll ich im jüdischen Religionsunterricht lernen, den ich jetzt regelmäßig besuche, aber meine Großmutter erin nert sich dunkel an den Brauch, Kindern Chanukka-Geld zu geben. Ich bekomme also mitten im Dezember Geld geschenkt, das ich für Weihnachtsgeschenke für meine deutschen Freunde und für Sil vestergeschenke für meine Familie ausgebe. (HiJ 74 f.) Durch die Wiederaneignung der jüdischen Traditionselemente kreuzt Anjas Familie damit die Vorstellung, dass die BRD als Nationalstaat konstitutiv ans Christentum geknüpft ist. Gemäß Mittelmanns Untersuchungsthese geht Anja damit als Pubertierende in der Tat kreativ und gelassen um362, weiß den Umstand für ihre eigenen Zwecke zu nutzen: Weihnachten ist ein dehnbarer Begriff. Weihnachten fängt an Heiligabend an und endet am 26. Dezem ber, normalerweise, aber mein Weihnachten geht bereits Mitte Dezember los und ist erst am 1. Januar vorbei. Ich kriege entsprechend dreimal Geschenke. (HiJ 73) Nachdem Anja als Kind in Russland von ihren Eltern erfahren hatte, dass sie und ihre Familie dem Judentum angehören, reagiert sie auf die Frage ihres Vaters: „‚Weißt du, was es heißt, Jude zu sein?‘“ zunächst noch ratlos und überaus skeptisch: „Ich zuckte mit den Schultern. Was Gutes war es jedenfalls nicht.“ (HiJ 57) In Deutschland dagegen nutzt Anja den Schwung und die Kraft der pubertären Energie zur Aneignung der religiösen Kulte für den eigenen Lebensentwurf. Sie lebt und entdeckt das Judentum auf ihre individuelle Weise, was zunächst positiv von der Mutter und der Großmutter, weniger wohlwollend jedoch vom Vater zur Kenntnis genommen wird: Ich feierte meine Bat Mitzwah[.] […] Ich wurde richtig religiös. […] Meine Mutter und meine Groß mutter machten mit. Sie fanden es gut, daß ich das Judentum zurück in die Familie brachte, und meine Großmutter grub die Geschichten von früher aus, als ihre Familie noch religiös war und ihr Vater eine Jeschiwa leitete. Ich hörte ihren Geschich- 362 Vgl. Mittelmann: Deutsch-Jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland: Das Ende der Fremdbestimmung?, S. 441. 132 Felix Kampel: Peripherer Widerstand ten nur mit einem Ohr zu. Mein Vater vermißte die Salami. Er wollte Sahne soßen zum Fleisch. Ich hängte eine große Israelflagge an die Wand in meinem Zimmer und verkündete in der Schule, sobald ich mit dem Abitur fertig wäre, würde ich der Israelischen Armee bei treten. (HiJ 88 f.) Radikale Abscheu ist gleichwohl nicht die Haltung, die Anja wählt, nachdem sie im vollen Umfang zu realisieren beginnt, dass Deutschland zwischen 1933 und 1945 als Hauptinitiator für die Vernichtungspolitik an den europäischen Juden betrachtet werden muss: [I]ch [las] Exodus von Leon Uris. Ich fand es so gut, daß ich es in der Schule im Biounterricht unter der Bank las. Das Buch erzählt in Romanform die Geschichte der Geburt Israels, und ich fühlte mit jedem seiner Helden mit. Ich fühlte mit dem Jungen mit, der aus dem Warschauer Getto entfloh. Ich fühlte mit dem Mädchen mit, das mit Hilfe von Dänen dem Holocaust entkommen konnte. Ich fühlte auch mit der Engländerin mit, die sich in den Israeli verliebte. Und auch mit ihm, der seit der Schoah keine Gefühle mehr empfinden konnte, fühlte ich mit. Ich wollte die Deutschen hassen. Ich konnte es nicht, aber nach der Biostunde sagte ich meiner besten Freundin, ich könne jetzt nicht mit ihr sprechen, ich sei zu be wegt von dem, was ihre Vorfahren meinen angetan hätten. (HiJ 87 f.) Aber auch wenn Anja die Deutschen nicht hassen kann, so hat die bewusste Auseinanderset zung und Identifikation mit dem Judentum zweifellos subversive Entwicklungstendenzen in Anjas Biographie zur Folge. Die provozieren besonders Rückkopplungseffekte in Bezug auf den schon erwähnten Umgang mit dem Weihnachtsfest: „Mit siebzehn organisiere ich […] mit meinen jüdischen Freunden eine Antiweihnachts-Party. Nun muß ich nicht mehr allein fernsehen.“ (HiJ 75) Irgendwann hat Anja aber genug von der jüdischen Rebellion gegen das mehrheitlich christlich geprägte Deutschland; besonders nachdem sie ihren ersten Freund kennenlernt: Das alles [die jüdische Rebellion] hörte jäh auf mit meinem ersten Freund. Ich wollte wieder sein wie die anderen Mädchen und bauchfreie T-Shirts tragen. Ich nahm die Israelflagge ab, auch die Pferdepos ter, und hängte stattdessen ein Bild von meiner Lieblingsband auf, die sahen ja alle so süß aus. Meine Mutter hatte sich so sehr an mein Jüdisch-sein 133III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) gewöhnt, daß sie nun weiterhin alle jüdischen Feste fei ern wollte und mich fragte, warum ich keine israelische Musik mehr höre. Sie erinnerte mich daran, daß ich doch im Grunde meines Herzens Jüdin sei. Ich war genervt. Bei einem harmonischen Familien abendessen gab ich bekannt, ich würde lieber den Ethikunterricht in der Schule als den jüdischen Religionsunterricht besuchen. (HiJ 89) Die These der Neuen Patrioten lautet: Deutschland ist seit der WM 2006 ein Land, zu dem die eigenen Bürger kein gespaltenes Verhältnis mehr haben. Doch durch ihre kulturelle Flexibili tät bereits in der Adoleszenz hat Anja mit dem Unbehagen zu Fragen der deutschnationalen Identität wenig zu tun. Was kümmert es sie als russisch-jüdische Deutsche, dass die Deutschen als Kollektiv Schwierigkeiten haben, den Holocaust als integralen Bestandteil ihrer eigenen Geschichte anzuerkennen? Für Anja ist die eindimensionale nationale Identität nach dem Abschluss der pubertären Entwicklungsphase etwas, das nicht mehr Teil ihres eige nen Selbstbildes zu sein braucht. Hinter sich gelassen hat sie zunächst eine Zeit der Anpas sung und Assimilation an die deutsche Kultur. Es folgt ein intensives Stadium der Abgrenzung durch die Aneignung jüdischer Traditionselemente. Und schließlich durchlebt Anja eine Abstoßphase der neuerworbenen jüdischen Identität, die – nachdem sie ihren ersten Freund kennengelernt hat – in der Wahl für den konfessionslosen Ethikunterricht gipfelt. Nach Abschluss der Pubertät kann Anja damit unterschiedliche Traditionen und Kultur elemente spielerisch verknüpfen. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis einer multiplen und kreativen Identitätskonstruktion; das alles ist jenseits der Vorstellung zu verorten, die den Neuen Patrioten im Kampf um die Wiederaneignung des deutschen Nationalismus vor schwebt. Denn Anja sagt von sich: „Ich bin so, wie ich bin, eine russisch-jüdische Deutsche, mein Weihnachten dauert eben länger. Ich nenne es Weihnukkivester.“ (HiJ 76) Anjas Gegenwart Die Konzentration auf Anjas Kindheits- und Jugendbiographie konnte bisher verdeutlichen, dass Anja eine mit besonderem Ehrgeiz ausgestattete Protagonistin ist. Das führte einerseits dazu, dass sie sich schnell durch den Erwerb der deutschen Sprache integrierte, was wiederum neue Freundschaften zur Folge hatte. Andererseits hat Anja sich jedoch bewusst von der deutschen Mehrheitsbevölkerung abgegrenzt. Sie hat sich zielgerichtet Traditionselemente des jüdischen Glaubens angeeignet und sich intensiv mit dem Holocaust sowie der deutschen Täterschaft während der NS-Diktatur 134 Felix Kampel: Peripherer Widerstand auseinandergesetzt. Dabei erkannte sie nach einiger Zeit, dass Hass auf die Deutschen nicht der Weg ist, den sie als russisch-jüdische Migrantin in Deutschland zu wählen beabsichtigt. Was für ein Mensch aber ist Anja in der erzählten Zeit des Romans? Wie haben die Erinne rungen in Deutschland ihren Charakter geprägt? Wo steht sie heute politisch und wie haben die intensiven Auseinandersetzungen mit dem Judentum und der russischen Kindheit nach haltig ihre Persönlichkeit beeinflusst? Allgemein fällt bei solchen Fragen zur Protagonistin zunächst einmal auf: Anja unterscheidet sich in ihrem alltäglichen Habitus im Grunde nicht von ihren deut schen Freunden. Sie hat sich die erforderlichen kulturellen Techniken angeeignet, auch dann, wenn sie nicht von sich sagt: ‚Ich bin eine Deutsche‘. Son dern vielmehr: „Ich bin eine russisch-jüdische Deutsche.“ (HiJ 76) Vor ihrem ersten Treffen mit Julian stellt sie im Zusammenhang mit guten Vorsätzen, die mehr oder weniger alle Deutschen haben, über sich selbst ironisch fest: „Ich sollte ein neuer Mensch werden, einer, der regelmä- ßig wäscht und bügelt und dessen Schrank orden tlich aussieht und nicht wie ein Wühltisch beim Ausverkauf.“ (HiJ 34 f.) Anja macht sich zudem, wie die meisten Deutschen, Gedanken über ihre Garderobe: „Ich werde doch den schwarzen Pulli anziehen. Er ist figurbetont und frisch gewaschen. Und paßt zu meinem der zeitigen seelischen Zustand.“ (HiJ 36) Ebenfalls hat sie sich seit ihrer Kindheit längst an die Modevorlieben in Deutschland angepasst: Ich finde, ich sehe aus wie jeder andere Mensch. Ich trage eine Jeans und einen Pulli und eine Dreizackmütze mit Ohren und meine nagelneue wunderschöne braune Jacke mit vielen Taschen an den Seiten. Ich sehe aus wie viele andere Frauen in meinem Alter in Deutschland, ich trage keine Absätze und auch nicht Unmengen von Make-up und auch kein tiefes Dekolleté. (HiJ 219) Neben ihrer kulturell angeglichenen Garderobe lässt sich Anja, ebenfalls wie die meisten Deutschen, gelegentlich auch gerne zu ungesunden Ausschweifungen hinreißen, wenn es angebracht zu sein scheint. Als Julian von seinem Vater schroff wegen der Anspielung auf seine jüdische Identität zurückgewiesen wird, erzählt Anja: „Später betrinken Julian und ich uns bei ihm zu Hause mit Wodka.“ (HiJ 68) Und doch geht Anja gelegentlich – wie jeder andere Deutsche – auch unkonventionelle Wege. Sie probiert neue Dinge aus, wenn sie etwa bei Julians Vater infolge des Streitgesprächs über die jüdische Identität feststellt: „Ich wäre gerne gegangen. Stattdessen nehme ich 135III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) mir eine Zigarette und zünde sie an, obwohl ich eigentlich nicht rau che.“ (HiJ 67) Auch im Umgang mit technischen Medien ist Anja nicht anders als die meisten Deutschen, wenn sie konstatiert: „Ohne mein Handy fühle ich mich nackt und einsam, ich stelle es höchstens mal auf lautlos, komplett aus mache ich es eigentlich nur im Flugzeug.“ (HiJ 140) Der Ehrgeiz, mit dem Anja sich seit ihrer Kindheit und Jugend in Deutschland behaupten musste, hat im Erwachsenenalter zur Ausbildung transkultureller Sichtweisen ge führt, die Anja erfolgreich in ihr eigenes Berufsleben investieren konnte: „Ich arbeite in einem großen Unternehmen als interkulturelle Beraterin“ (HiJ 145), erklärt sie, als sie ge genüber der orthodoxen Jüdin Sarah mit ihrem westlich-säkularen Lebensstil ein wenig prahlen will. Anja erzählt in den schillerndsten Farben von [ihrem] Job. Von den vielen Reisen und den spannenden Be gegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt. Von den fünf Sprachen, die sie beherrscht, weil sie sie studieren durfte, in verschiedenen Ländern sogar. Von den Seminaren, die sie für hohe Tiere aus allen Abteilungen durchführt, bevor die auf ihre Geschäftsreisen gehen. (HiJ 145) Kurz: Anja ist zu einer ehrgeizigen Weltbürgerin herangewachsen. Zu einer Frau, die viel in der Welt herumkommt, weil sie sich nach ihrem Studium beachtliche Berufserfolge erarbeiten konnte; für die zugleich der Nationalismus schon allein deshalb ein eingeschränktes Weltbild ist, weil sie im internationalen Business reüssiert. So ist hier explizit noch einmal an Hobsbawms Hinweis zu erinnern, dass „die Auswanderer im 21. Jahrhundert“ durch die technologische Revolution „nicht mehr von ihrem Herkunftsland abgeschnitten“ 363 sind. Das führt dazu, dass wohlhabende Migranten zwischen verschiedenen Wohnungen und sogar zwischen verschiedenen Jobs und Geschäftsorten in unterschiedlichen Ländern hin und herpendeln.364 Ja, Anjas Mutter wirft ihrer Tochter in diesem Zusammenhang sogar vor, dass Anja die typischen Bedenken einer sich um ihr Kind sorgenden Mutter „niemals verstehen könne[], weil ich [Anja] zu sehr damit beschäftigt sei, Karriere zu machen, und niemals das Glück erleben würde, eine Mutter zu sein.“ (HiJ 13) Dennoch: Für Anja zählt vorläufig kei neswegs die Hochzeit in orthodoxer Tradition, sondern seit ihrem Studium arbeitet sie als inter- 363 Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. X. 364 Ebd. 136 Felix Kampel: Peripherer Widerstand kulturelle Beraterin. Das bedeutet, dass sie Manager und Geschäftsleute vor ihrer Reise nach Russland auf die kulturellen Besonderheiten des Landes vorbereitet. (Vgl. HiJ 24) In politischer Hinsicht ist Anja trotz ihres beruflichen Erfolgs allerdings nicht in dem Milieu zu verorten, in dem man sie als reüssierende Businessfrau reflexartig einordnen würde. Die Erinnerung an ihre Vergangenheit mag sie von der Wahl konservativer oder marktoffener Parteien abhalten. Nach Abschluss des Studiums ordnet sie sich (und ihre Freunde) vielmehr dem linksliberalen Lager zu: Mein Freundeskreis ist, wohl wie ich, neulinks. Wir glauben an die Ideologien und leben gerne unser bequemes Leben in der konsumorientierten Gesellschaft, über die wir beim Shoppen schimpfen. Meine Freunde wählen die SPD und die Grünen, manche auch die PDS, aber sie sind froh, daß sie Geld ver dienen. Geld genug, um Indien und Venezuela zu bereisen, mit Rucksäcken natürlich, also ganz links, aber dennoch vierwöchige Reisen auf westlichem Niveau. Meine Freunde […] tragen mehrere T-Shirts übereinander zu zerschlissenen Jeans, aber die Jeans wurden von Designern zerschlissen, und die T-Shirts sind von einem anderen (jungen französischen) Designer aneinandergenäht. Links sind wir aber auf jeden Fall. (HiJ 95 f.) Die Bedürfnisse haben sich nach der Schulzeit und dem Studium allerdings geändert. Mit dem beruflichen Erfolg wachsen die Ansprüche an den Lebensstil, auch was die Reisege wohnheiten anlangt: Nach der Schule hatte ich mal mit Freunden eine Interrailtour durch Südeuropa gemacht, mit Rucksack und unbequemen Nächten in Zügen und Übernachtungen am Strand und in Stadtparks. […] Heute bin ich eine Rucksacktouristin, die mit einem Koffer reist. Mein Koffer hat vier Räder, die sich in jede Richtung drehen können, und mehrere Fächer für Blusen, die nicht zerknittern sollen. (HiJ 114) Probleme mit ihrer russisch-jüdisch-deutschen Identität hat Anja – wie von Beata Mache treff end angemerkt – weniger selbst; Schwierigkeiten haben da schon eher die Deutschen, unter denen sie lebt. Sekundärer Antisemitismus und indirekte Judenfeindschaft, die in Deutschland unter anderem über den israelisch-palästinensischen Konflikt kanalisiert werden365, gehören 365 Vgl. Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 75. 137III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) in Anjas Alltag. Kontinuierlich wird sie damit von außen und auch im eigenen Freundeskreis konfrontiert: „Meine Freunde sind gegen die Israelis und für die geschändeten Palästinenser“. (HiJ 95) Menschen, mit denen Anja gar keine engeren Kontakte pflegt, mischen sich ein: „Manchmal sagen sie auch: ‚Man wird doch Israel noch kritisieren dürfen?‘, als hätte ich es ihnen verboten. Als wäre ich Israelin, wo ich doch nur auf Verwandtenbesuch und zum Tau chen dort bin.“ (HiJ 162) Manchmal ist es auch kein sekundärer Antisemitismus, mit dem Anja konfrontiert wird, wohl aber eine eigenartige Art des Nachfragens, die nicht darauf hindeutet, dass Deutsche und Juden inzwischen ein ‚normales‘ Verhältnis zueinander hätten. Es kommt sogar vor, dass Anja auf Menschen trifft, die glauben, Israel sei Anjas Heimat, obgleich sie doch tat sächlich in Russland geboren wurde und einen deutschen Pass hat: Sowohl nach meiner ersten als auch nach meiner zweiten Reise fragten mich Bekannte und Freunde, wie es in Israel gewesen war. Sie fragten mich mit einem besonderen Unterton in der Stimme. Ich mochte diesen Unterton nicht und erzählte meistens nur vom Essen oder vom Meer. Eine Bekannte meiner Eltern wollte wissen, ob die Israelreise für mich so etwas wie eine Rückkehr in meine jüdische Heimat gewesen sei. Ich dachte an die Falafel, die gutaussehenden Soldaten und das Kamel, dem wir in der Jerusalemer Altstadt begegnet waren, und zuckte mit den Schultern. Heimat, was ist das schon. (HiJ 103) Hinsichtlich Anjas transkultureller Haltung zur Religion wurde bereits festgestellt, dass sie als Kind bis zu ihrem siebten Lebensjahr nicht einmal von ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wusste. In ihrer Pubertät entwickelt sie mit Hilfe des Religionsunterrichts und durch regelmäßige Gemeindebesuche ein ausgeprägtes jüdisches Bewusstsein. Pathetisch erklärt sie jedoch bald in einer neuen Lebens phase ihren Eltern beim Esstisch, dass sie den Religionsunterricht zugunsten des Ethikunterrichts aufgeben werde, um schließlich im Alter von 17 Jahren mit jüdischen Freunden eine Antiweihnachts-Party zu veranstalten. Trotz intensiver Auseinandersetzungen mit dem Judentum in der Jugend merkt Anja mit Blick auf die Gegenwart während ihres Besuchs bei Sarahs Familie überraschenderweise an: „Außerdem kann ich mich nicht erinnern, jemals die Tora studiert zu haben. Heute ist ein gu ter Tag dafür, beschließe ich notgedrungen und fange an.“ (HiJ 144) Von den orthodoxen Traditionen in Sarahs Familie fühlt Anja sich in ihrem aufgeklärt-feministischen 138 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Selbstver ständnis abgestoßen: „Ich habe gerade ein Wochenende verschwendet, um mich diskriminieren zu lassen.“ (HiJ 152) Man kann Anja demzufolge einen durchaus säkularen, ja sogar nachlässigen Umgang mit religiösen Traditionen attestieren, der gleichwohl von einem gewis sen Kenntnisstand über die jüdische Religion grundiert ist. Gelegentlich entsteht durch Anjas kritische Haltung zum Judentum so der Eindruck, dass sie ihren diskursiven Standpunkt abhängig von den jeweiligen Gesprächspart nern macht, um einen erkenntnisgenerierenden Diskurs zu provozieren. Denn während Anja sich einerseits über Leute ärgert, die sie mit dem Vorwurf konfrontieren, dass man Israel doch wohl noch kritisieren dürfe, stört die Protagonistin sich andererseits an ‚arroganten Juden‘ im westdeutschen Fernsehen. Sie bestreitet dann die Existenz von Antisemitismus in Deutschland und lässt es in diesem Fall sogar auf heftige Auseinandersetzungen mit ihrem Vater ankom men: Juden sind vielleicht klug, aber nervig und arrogant. Vor allem die im Fernsehen. Antisemitismus gibt es nicht, und wenn, dann nur von mir. Mir ist er natürlich erlaubt, denn es ist ein rebellischer und auch liebender Antisemitismus. Meinem Vater hielt ich Vorträge über Vorurteile, ausgefeilte Reden über die Notwendigkeit der Gleichbehandlung aller Völker, einmal nannte ich ihn fast einen Nazi, woraufhin er auf den Tisch haute, mich respektlos und Schlimmeres nannte und den Raum verließ. Meine Mutter warf mir vor, den Familienfrieden bei jedem – ach so seltenen – Besuch zu zerstören, […], ich nahm den Hund mit in mein ehemaliges Zimmer, das meine Eltern zum Gäste- und Arbeitszimmer umfunktioniert hatten, und kam mir unverstanden vor. (HiJ 128 f.) In der Summe kann damit festgehalten werden, dass Anja in ihrer Gegenwart ein Leben führt, in dem der Nationalismus sich insgesamt als hinderliche Komponente zeigt. Denn nicht ohne Grund reagiert sie auf die Frage, ob die Reise nach Israel „so etwas wie eine Rückkehr in die Heimat gewesen“ sei, mit der Formulierung: „Heimat, was ist das schon.“ (HiJ 103) Im Hinblick auf die vier kulturellen Homogenitätskriterien ist das transnationale Selbstver ständnis von Anjas Identität dabei weder an ein bestimmtes Territorium geknüpft (Anja wurde in Russland geboren, lebt in Deutschland und reist quer über den Globus) noch an eine be stimmte Religion (Anja verknüpft das christliche Weihnachten mit dem jüdischen Chanukka und spottet bisweilen aus einer säkularen Distanz über jegliche Glaubensrituale). Ebenfalls ist ihr transnationales Selbstverständnis nicht an 139III. Lena Gorelik: „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) die Vorstellung einer homogenen Ethnie gebun den (sie fühlt sich als russische Deutsche) und auch an keine bestimmte Landes sprache. Denn Anja spricht fünf verschiedene Sprachen, die sie zuvor in verschiedenen Län dern studieren durfte. (Vgl. HiJ 145) Welchen Vorteil sollte aber einem derart ausgebildeten und sozialisierten Menschen das Identifikationsmodell der eindimensionalen nationalen Iden tität im 21. Jahr hundert noch verschaffen können? Lieber schreitet die Protagonistin Anja Buchmann buchstäblich als personifi zierte Aufklärerin durch die Zeilen von Lena Goreliks Roman. Und mit Hochzeit in Jerusalem erzählt die Schriftstellerin folglich eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘, die am Beispiel der russisch-jüdisch-deutschen Protagonistin dem Rezipienten kaum anschaulicher in einer unterhaltsamen Erzählung vor Augen geführt wer den könnte. 8. Fazit Die These der vorliegenden Untersuchung lautet, dass neben den Autoren Robert Menasse, Maxim Biller und Olga Grjasnowa auch Lena Gorelik mit ihrem literarischen Text Hochzeit in Jerusalem (2007) als Aufklärerin auf die Absurdität der deutschnationalen Doktrin im 21. Jahrhundert aufmerksam macht. Im vorliegenden Kapitel konnte ne ben der theorem gerechten Romaninterpretation gezeigt werden, dass zur Untermauerung der Generalthese insbesondere Goreliks 2012 erschienenes Sachbuch „Sie können aber gut Deutsch!“ als produktive Quelle einschlägig fruchtbar gemacht werden kann, ebenso wie zahlreiche Interviews der Autorin und weitere Forschungstexte. Gleichwohl sollte unter Voraussetzung einer ganzheitlichen Betrachtungsweise berück sichtigt werden, dass Gorelik dem deutschen Nationalismus – anders als etwa Maxim Biller – nicht immer mit einer radikalen Abwehrhaltung begegnet ist. Zwar kann ihr zweiter Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) keineswegs einfach als ein Zeugnis rezipiert werden, das die Neuen Patrioten für ihre These vom wiedergewonnenen Nationalismus der ‚Deutschen‘ in Anspruch nehmen können; der Komplexitätsgrad der multiplen, deutsch-jüdisch-russischen Identität liefe einem derart eindimensionalen Interpretationsanspruch diametral entgegen. Dennoch wird Goreliks zunächst zurückhaltende Skepsis gegenüber der deutschna tionalen Identität einerseits an der Widmung in ihrem Roman Hochzeit in Jerusalem deutlich, in der sie Deutschland zum Ort ihrer Heimat erklärt, weil sie dort ihre Freundschaften ge knüpft hat. (Vgl. HiJ 5) Und weiter schreibt Gorelik in ihrem Essay „Sie können aber gut Deutsch!“, dass sie sich nach der WM 2006 zumindest vorübergehend konstruktiv mit der neuen deutschnationalen Identität als Schriftstellerin auseinandersetzen wollte, die sie fälschlich als selbstbewusste Multikulturalität des Landes interpretiert hatte: „Aber dann schrieb Sarrazin sein Buch.“366 Für Lena Gorelik Anlass genug, um offensiv transnationale Positionen in einer kontroversen De batte zu entwickeln, die ihr das xenophobe Bild eines Deutschlands aufzeigte, das sie als neuen Auswuchs eines exklusiven Nationalismus wohl in der Form lieber nicht kennengelernt hätte. 366 Ebd., S. 128.

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Zusammenfassung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren.

Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier „jüdischen“ Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.