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II.Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit in:

Felix Kampel

Peripherer Widerstand, page 48 - 83

Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3874-1, ISBN online: 978-3-8288-6624-9, https://doi.org/10.5771/9783828866249-48

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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47 II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit 1. Antiessentialistische Argumentationsstrategien der Nationalismusforschung „Geben wir das Grundprinzip nicht auf, daß der Mensch ein vernünftiges und moralisches Wesen ist, ehe er sich in dieser oder jener Sprache einpfercht, ein Angehöriger dieser oder jener Rasse, Mitglied dieser oder jener Kultur ist. Ehe es die französische, deutsche, italienische Kultur gibt, gibt es die menschliche Kultur. Die großen Menschen der Renaissance waren weder Franzosen noch Italiener noch Deutsche. Durch ihren Umgang mit der Antike hatten sie das wahre Geheimnis des menschlichen Geistes wiedergefunden, und ihm gaben sie sich mit Leib und Seele hin. Wie gut sie daran taten!“ (Ernest Renan: Was ist eine Nation?) In diesem einleitenden Zitat von Ernest Renan wird ein zentraler Gedanke ausgedrückt, der als Kernstück der vorliegenden Untersuchung bezeichnet werden kann. Der Gedanke beinhaltet die These, dass das gemeinsame kulturelle Erbe Europas gerade nicht in der Geschichte seiner einzelnen Nationalstaaten wurzelt, sondern im gemeinsamen Rückgriff der Europäer auf das antike Zeitalter. Die Anfänge unserer modernen Kultur, wie beispielsweise die Vorstellung von Demokratie als legitimer Staatsgewalt, reichen sehr viel weiter zurück als die Geschichte der einzelnen Nationalstaaten, deren Implementierung erst Ende des 18. Jahrhunderts allmäh lich zu einem politischen Organisationsmodell heranreifte, in dessen Nachraum post moderne Demokratien bis heute mit allen Konsequenzen stehen. Dabei stürzte die ideologische Überhöhung dieser Nationalstaaten als irrationale Massenbe wegung namentlich im 20. Jahrhundert ‚nationale Minderheiten‘ auf dem europäischen Kon tinent durch ethnische Säuberungen in unvorstellbares Leid. In der radikalen Konsequenz führte das zu dem Ergebnis, dass diese Minderheiten unter dem Imperativ einer wie auch im mer verstandenen ‚Homogenität‘ während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer massiven, ja tödlichen Repression ausgesetzt waren: „Es gibt nur einen Weg, diese Homogenität rasch zu erreichen […]: [die] ethnische 48 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Säuberung“126, schreibt Ernest Gellner im Zusammenhang mit der irrationalen Zielutopie vom homogenen Nationalstaat, und er konstatiert weiter zur ethni schen Säuberung mit Blick auf die „geschichtlichen Erfahrungen in Mitteleuropa“: Dort hatte dieses Phänomen in den vierziger Jahren seine Hauptphase. Die Wirren des Krieges, aber vor allem die skrupellose und rassistische Ideologie der damaligen Herrscher Europas […] ermöglichte neue Methoden, um das Ziel der nationalen Homogenität zu erreichen: Völkermord, Zwangsumsiedlung und Vertreibung.127 Zweifellos wäre dabei zugleich die Annahme fehlerhaft, dass Ausschreitungen gegen ‚ethni sche Minderheiten‘ im Namen der homogenen Nation grundsätzlich ein Kapitel der Vergan genheit seien – auch wenn Verschiebungen in ideologischen Konzepten und bei Gewaltaus schreitungen durchaus zur Kenntnis genommen worden sind. So wurde die „Abschwächung des ethnischen Bewusstseins […] im westlichen Europa und sogar in Teilen Mitteleuropas“ festgestellt, „sie gilt jedoch nicht für Gastarbeiter aus entfernten Kulturen.“128 Zudem kommt neben Gellner auch Hans-Ulrich Wehler in einer gesamtglobalen Einschätzung über den Nationalismus zu dem Ergebnis, dass seine praktischen Implementierungsversuche vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen inzwischen als „rundum gescheitert“ be trachtet werden müssten: Tatsächlich hat […] der Nationalismus überall zu einer harten, unbarmherzigen, keineswegs einer brü derlichen Genossenschaft entsprechenden Exklusionspraxis im Inneren geführt. Ob Indianer oder Schwarzafrikaner – Farbige wurden jahrhundertelang aus der amerikanischen Nation effektiv ausge schlossen. Das traf auch ebenso lang auf Iren und Katholiken in Großbritannien zu. […] Auch wenn die Einzigartigkeit der deutschen Judenvernichtung eine Sonderstellung behält, lässt sich doch ein depri mierender Negativkatalog für alle alten, inzwischen auch für alle neuen Nationalstaaten unschwer zu sammenstellen. Gemessen an der ursprünglichen Verheißung ist der Nationalismus nicht nur rundum gescheitert. Vielmehr hat das absolutistische Regime seiner Imperative 126 Gellner: Nationalismus, S. 83. 127 Ebd., S. 84. 128 Ebd., S. 86. 49II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit neue, tödliche Konflikte in den Nationalstaaten, etwa in der Gestalt der Nationalitätenkonflikte, aber auch zwischen ihnen heraufbe schworen.129 Den gleichen Sachverhalt bringt – um hier eine erste Brücke zu den später im Zentrum der Untersuchung stehenden Autoren zu schlagen – Robert Menasse 2014 in einem Interview gegenüber der österreichischen Wochenzeitschrift Profil mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Die größten Menschheitsverbrechen geschahen im Namen des Nationalismus. Wer glaubt, es gäbe heute noch die Nation als Verteidigerin seines Wohlstands, der ist geschichtsblind.“130 Gleichwohl gibt es nicht nur historische oder moralische Einwände gegen den Nationalismus und die aus ihm resultierenden Vernichtungs politik, sondern auch rationale. In Anlehnung an Hans-Ulrich Wehler wurde bereits im Einleitungsteil darauf hingewiesen, dass der größte Irrtum postmoderner Gesellschaften heute in der von ei ner Majorität getragenen Vorstellung besteht, die Nation sei eine aus homogenen Individuen zusammengesetzte Gesellschaft, die seit archaischen Urzeiten besteht und die es in ihrer Kontinuität zu erhalten gelte. Oder um es in metaphorischer Sprache mit Anderson auszudrücken: Der historische Irrtum der nationalen Mehrheitsgesellschaften besteht darin, dass irrtümlicherweise die Nation „als beständige Gemeinschaft verstanden wird, die sich gleichmäßig die Ge schichte hinauf (oder hinunter) bewegt.“131 In Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab klingt das im Jahr 2010 folgendermaßen: Dänen sollen auch in 100 Jahren noch als Dänen unter Dänen, Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie dies wollen. […] Ich möchte  […], dass meine Nachfahren in 50 und auch in 100 Jahren noch in einem Deutschland leben, in dem die Verkehrssprache Deutsch ist und die Menschen sich als Deutsche fühlen[.] […] Ich bin sicher, dass auch unsere östlichen Nachbarn in Polen in 50 oder 100 Jahren noch Polen sein wollen, genau wie die Franzosen, die Dänen, die Holländer und die Tsche chen Entsprechendes für ihre Völker und ihre Länder wollen.132 129 Wehler: Nationalismus, S. 105 f. 130 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein.“ In: Profil. 24.05.2014. 131 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 33. 132 Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, S. 391 f. 50 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Dem steht als Minderheitenperspektive aus Sicht der Forschung allerdings die Tatsache ge genüber, dass der national verfasste Staat in der europäischen Geschichte ein neues Phänomen ist. Entsprechend heißt es etwa bei Anderson, dass „[n]och [bis] 1914 Dynastien die Mehrheit der Mitglieder des politischen Weltsystems“133 stellten. Und mit einer gewissen Spottlust macht auch Ernest Gellner darauf aufmerksam, dass noch 1815 – zur Zeit des Wie ner Kongresses – die dynastischen Herrscher Metternich, Talleyrand und Castlereagh nicht im Entferntesten auf die Idee gekommen wären, so etwas wie das Kriterium einer homogenen Sprache oder Rasse als Legitimationsprinzip politischer Grenzziehung anzuerkennen. Dabei versäumten diese Herrscher es Gellner zufolge kaum mit böser Absicht, „die Sprach- und Kulturgrenzen Europas untersuchen zu lassen, um die Empfindlichkeiten der Bauern“134 mög lichst zu schonen. „Man hatte andere Dinge zu bedenken, zum Beispiel dynastische und konfessionelle Interessen“, so Gellner. „Aber die Sprache von Bauern als Prüfstein politischer Legitimität oder künftiger Gebietsgrenzen zu nehmen – das war in der Tat undenkbar. Über einen derartigen Vorschlag hätte man wahrscheinlich nur gelacht.“135 Dennoch sind die folgenden hundert Jahre der Geschichte Europas bis 1914 entscheidend für die Entwicklung der nationalen Ideologie. Mit zunehmender Industrialisierung und gleichzei tiger Emanzipation des Bürgertums, das bald den dynastischen Herrschern das Prinzip der ‚Gleichheit‘ und ein allgemeines, bürgerliches Wahlrecht entgegensetzt136, gelingt „dem Nationalismus zur selben Zeit ein überwältigender Sieg in bezug [sic!] auf Ideologie und Lite ratur. Hatte man ihn im Jahre 1815 eher übergangen als offen verschmäht, konnte ihn 1914 niemand mehr ignorieren, und die meisten wunderten sich nicht einmal mehr darüber.“137 Miroslav Hroch bemerkt dabei ferner zur eigentlich überraschenden Entwicklung des Nationalismus im 19. Jahrhundert nach Karl Marx: Entgegen aller Prognosen der Rationalisten kam es im Modernisierungsprozess nicht zur Verschmel zung der „Nationen“, sondern eher zum Gegenteil: Während des 19. Jahrhunderts gewannen die meisten großen 133 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 29. 134 Gellner: Nationalismus, S. 69. 135 Ebd., S. 69 f. 136 Vgl. Wehler: Nationalismus, S. 105. 137 Gellner: Nationalismus, S. 78. 51II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit ethnischen Gruppen feste Konturen, grenzten sich ab und nahmen die angebotene neue Identität an – die Identität mit der Nation.138 Von entscheidender Bedeutung bei dieser postmarxistischen Entwicklung ist, dass der Natio nalismus als Ideologie bereits zu diesem Zeitpunkt keineswegs noch an das Kriterium der wissenschaftlichen Rationalität gekoppelt war. Im Gegenteil potenzierte sich seine Virulenz im Zusammenhang mit irrationalen Massenbewegungen, die durch patriotische Pro pagandainstrumente gegen den Internationalismus auf eine politische Linie ge bracht wurden: „Die Liebe zur Nation konnte ebenso von irrationaler Bewunderung ihrer Stärke und Größe wie selbstmitleidiger Bespiegelung der eigenen Schwäche und edlen Ohn macht motiviert sein“, konstatiert Miroslav Hroch. „Die Kehrseite der Medaille war aber die Möglichkeit, feindselige Gefühle gegenüber einer anderen Nation bzw. ihren Angehörigen zu hegen und zu personalisieren.“139 Keineswegs grundlos verweist daher auch Anderson im direkten Zusammenhang von Irrationalität und Nationalismus im 20. und 21. Jahrhundert auf die Tatsache, dass „Millionen von Menschen für so begrenzte Vorstellungen“ wie die der Na tion „bereitwillig gestorben sind.“140 Hinzu kommt, dass die Feindschaft gegenüber den ‚fremden‘ Nationen trotz der offenkundi gen Irrationalität einer nationalen Ideologie von staatlicher Seite regelrecht institutionalisiert wurde. Obwohl bereits am Beispiel von Nietzsche, Renan oder Zweig darauf hingewiesen wurde141, dass intellek- 138 Hroch: Das Europa der Nationen, S. 74. 139 Ebd., S. 204. 140 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 17. 141 Auch Arthur Schopenhauer und Johann Wolfgang von Goethe können als Beispiele für eine noch frühere Distanzierung von der nationalen Ideologie herangezogen werden, die damit im Grunde während ihrer unmittel baren Entstehungszeit einsetzt. So schreibt Schopenhauer 1851 in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit über den Nationalismus scherzhaft: „Die wohlfeilste Art des Stolzes […] ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ Schopenhauer, Artur: Aphorismen zur Lebensweisheit. Frankfurt a. M.: Insel 1976, S. 66. Und Goethe bemerkt gegenüber Eckermann am 14. März 1830: „Überhaupt […] ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. – Auf den untersten Stufen der Kultur wer den Sie ihn immer am stärksten und heftigsten fin- 52 Felix Kampel: Peripherer Widerstand tuelle Minderheiten nicht müde wurden, auf die Paradoxien der nationalen Doktrin vergeblich hinzuweisen.142 Dennoch gilt in kollektivge schichtlicher Hin sicht, dass die „Pflege positiver Emotionen gegenüber der eigenen und negativer oder neutra ler Einstellungen gegenüber einer fremden Nation […] ein latentes Ele ment staatlicher Erziehungspolitik“ darstellte, „das nicht nur durch die Schule und den Militärdienst, sondern auch über das öffentliche Leben, durch Feste und Umzüge vermittelt wurde.“ 143 Es ist an diesem Punkt daher erneut mit Miroslav Hroch darauf aufmerksam zu machen, dass durch derartige Propagandamaßnahmen nationale „Vorstellungen und Illusionen die Ober hand über die authentische Erfahrung gewinnen“ konnten, „was zur Folge hatte, dass […] die Bahn für Massenpsychosen frei wurde.“144 Innerhalb der Völker, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sukzessive vom Imperativ der nationalen Ideologie erfasst wurden, hatte man es jetzt also zunehmend mit pathologischen Massenerregungen zu tun, gegen die intellektuelle Au ßenseiter nur wenig ausrichten konnten: „Einzelne sahen sich gerne als Internationalisten statt als Nationalisten, doch im Jahre 1914 zeigte sich, wie unpopulär eine solche Haltung gewor den war“, schreibt Gellner, „nur sehr wenige trauten sich überhaupt noch, sich gegen sie auszusprechen.“145 Im direkten Hinblick auf Deutschland zeigte der Anstieg von nationalen Massenpsy chosen nach einer ersten Hochphase vor dem Ersten Weltkrieg nach Hans-Joachim Maaz, dass im „deutschen Nationalsozialismus […] die individuellen narzisstischen Störungen ihre kollektive Abwehr in einem Weltherrschaftswahn“ fanden, „der sogar Krieg und Völkermord rechtferden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß[.]“ Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens 1823 – 1832. Hrsg. von Christoph Michel. Ber lin: DKV 2011, S. 711. 142 Vgl. Gellner: Nationalismus, S.  78 f. Vgl. hierzu am Beispiel etwa von Joseph Roth: Braese, Stephan: „With a difference“ – Joseph Roths Abschied von Europa. In: Abschied von Europa: jüdisches Schreiben zwischen 1930 und 1950. Hrsg. von Alfred Bodenheimer und Barbara Breydach. München: edition text + kritik 2010. S. 17 – 31. Explizit zu Roths Kritik am Nationalismus vgl. ferner: Roth, Joseph: Juden auf Wanderschaft. 4. Aufl. München: dtv 2006; Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Frankfurt a. M.: Fischer 2010. Hier besonders die Figur des Grafen Chojnicki. 143 Hroch: Das Europa der Nationen, S. 203. 144 Ebd., S. 203. 145 Gellner: Nationalismus, S. 78 f. 53II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit tigte.“146 Und weiter wundert es im Zusammenhang mit diesem nationalen Kollektivdeli rium kaum, dass Maaz folgerichtig auf psychopathologische Kontinuitätslinien bis in die unmittelbare Gegenwart hinweist, wenn er mit Verweis auf die WM 2006 konsta tiert, dass „im Deutschlandfahnen schwenkenden Sommermärchen einer Fußballweltmeister schaft“ weniger ein vernunftbetontes und rationales Geschichtsbewusstsein als vielmehr „Symptome des Größenwahns erkennbar“147 geworden seien. In nuce bedeutet das: Sofern sie sich als homogene Einheit begreifen, stehen die Völker Europas bis heute – zugespitzt formuliert – in der historischen Kontinuität einer nationalen Massenpsychose. Dementsprechend weisen auch die empirischen Untersuchungen der „Mitte“-Studie von 2014 noch einmal darauf hin, dass „die Moderne ein weit zurückreichendes Erbe verwaltet“.148 Wobei „spätestens das rassistische Ressentiment bezeugt, wie tief die Gegenwart in ihrer Vorzeit wurzelt.“149 Einzelne – im Fall dieser Arbeit jüdische Schriftsteller deutscher Sprache – haben sich heute wie schon zum Ende des 19. Jahrhunderts von dieser ‚Massenpsychose‘ freigedacht oder freigeschrieben. Durch ihre Texte machen sie der nationalen Bevölkerung ein neues transnationales Identifikationsangebot, das künftig entweder abgelehnt oder ange nommen werden kann. Die finale Entscheidung über die politische Zukunft ist heute jedenfalls noch nicht gefallen. Aber die Tatsache, dass in „ganz Europa […] seit einigen Jahren zu beobachten“ ist, „dass sich Parteien etablieren, die gemeinhin als ‚rechtspopulis tisch‘ beschrieben werden“150, deutet mit offener Klarheit an, dass der Nationalismus als ideolo gisches Konstrukt noch heute für viele Menschen ein attraktives Identifikations angebot darstellt. Besonders weil das breite Parteienspektrum „von eher ‚bür gerlich‘-konservativen Parteien wie der United Kingdom Independent Party im Vereinigten Königreich bis hin zu unverhohlen faschistisch auftretenden Parteien wie der Goldenen Mor genröte in Griechenland“151 reicht und mit der AfD inzwischen auch in Deutschland einen populistischen Ableger gefunden hat. 146 Maaz, Hans-Joachim: Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. 4. Aufl. München: Beck 2004, S. 61. 147 Ebd., S. 63. 148 Brähler et al.: Die stabilisierte Mitte, S. 16. 149 Ebd. 150 Ebd. S. 8. 151 Ebd. S. 8 f. 54 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Ausgangspunkt für die Textanalysen der vier Autoren ist im Folgen den eine der ältesten Streitschriften, die explizit zum Thema Nationalismus verfasst worden ist.152 Wie schon angedeutet, handelt es sich dabei um Ernest Renans Rede Was ist eine Nation?, die er 1882 an der Sorbonne in Paris gehalten hat. Kraft seiner argumentativen Klarheit hätte Walter Euchner zufolge die rechtzeitige Verbreitung dieses Textes in Europa frühzei tig einen eminenten Beitrag zur Völkerverständigung geleistet153 – wären seine Inhalte anstelle einer staatlich gelenkten Nationalisierungspropaganda rechtzeitig beispielsweise in Schulen unterrichtet worden. Entscheidend für die vorliegende Untersuchung ist jedenfalls, dass Renan in seiner Rede vier kulturell-elementare Kriterien in ihrer finalen Irrationali tät beschreibt, die gleichwohl von nationalen Ideologen bis heute immer wieder vorgetragen werden, wenn die Ziehung einer nationalstaatlichen Grenze durch diese Kriterien legitimiert werden soll. Es handelt sich dabei um die vier folgenden Kriterien: 1. Das kulturelle Kriterium von einer homogenen Ethnie, einem Volk oder gar einer Rasse, die auf natürliche Weise mit der Ziehung einer nationalen Grenze zusammen fallen soll. 2. Das kulturelle Kriterium von einer homogenen Sprache, die auf natürliche Weise die Ziehung einer nationalen Grenze legitimieren soll. 3. Das kulturelle Kriterium von einer homogenen Religion, die auf natürliche Weise die Ziehung einer nationalen Grenze legitimieren soll. 4. Das kulturelle Kriterium von einem durch homogene Individuen bevölkerten Territo rium, das auf natürliche Weise die Ziehung einer nationalen Grenze legitimieren soll. Gemäß den treffenden Worten Hobsbawms wird im Folgenden verdeutlicht, warum diese Kriterien, die dem Zweck einer nationalen Grenzziehung dienen sollen, ihrerseits so verschwommen, wandelbar und mehrdeutig sind, dass sie als Orientierungspunkte bei der Formulierung von nationalen Wesensdefinitionen so nutzlos sind wie Wolkenformationen für Reisende bei der Ausrichtung ihrer Route.154 Wobei Hobsbawm zur Unschärfe der Kriterien präzisiert: „Das macht sie natürlich außerordentlich brauchbar für propagandistische und programmatische Zwecke – im Unterschied 152 Vgl.: Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 12. 153 Vgl.: Euchner, Walter: Nation und Nationalismus. Eine Erinnerung an Ernest Renans Rede „Was ist eine Nation?“ In: Renan, Ernest: Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1996. S. 41 – 68, hier: S. 47. 154 Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 16. 55II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit zu deskriptiven.“155 Noch genauer gesagt: Es muss aufgezeigt werden, dass wir es bei modernen Nationen in der Regel zwar mit institutionalisierten Rechtsgemeinschaf ten zu tun haben (der durch den Staat ausgestellte Pass spricht hier eine unzweifelhaft rechtsgültige Sprache, die den einzelnen Mitgliedern einer Nation trotz Menschenrechtserklä rung eindeutig Sonderrechte gegenüber Nichtangehörigen dieser Nation verleiht). Das Problem hingegen ist, dass wir es im Fall dieser „unzweifelhaften ‚Nationen‘“156 bei genauem Hinsehen in empirischer Hinsicht schon immer mit ‚imaginierten Gemeinschaften‘ zu tun gehabt haben, weil einzelne Individuen in diesen Gemeinschaften „das geforderte Merkmal oder die Merkmalskombi nation nicht [oder nicht alleine] aufweisen.“157 Aus diesem Grund ist die moderne Nation paradoxerweise auch keine von gleichsam ‚natürlichen Grenzen‘ umschlossene Gemeinschaft; sondern die moderne Nation ist – um hier eine berühmte Formulierung von Benedict Anderson zu gebrauchen – bloß „eine vorgestellte politi sche Gemeinschaft.“158 Und die Imagination dieser Gemeinschaft ist deshalb nicht mit der empirischen Realität vereinbar, weil die Kriterien, die Nationalisten zur Legitimation der nationalen Grenzziehung anführen – also Rasse, Sprache, Religion oder Ter ritorium – keine hinreichenden Bedingungen darstellen, die die Ziehung einer solchen Grenze rechtfertigen können. Die erfundenen Gemeinschaften moderner Nationen basieren vielmehr auf einem ideologischen Fundament, das argumentativ schon seit dem Ursprung der Doktrin marode gewesen ist. Eine Ideologie auf der Grundlage unhaltbarer Annahmen und Voraussetzungen, die gänzlich in sich zusam menfällt, wenn hier der Prüfstein wissenschaftlicher Exaktheit angelegt wird. Für die späteren Textanalysen ist von entscheidender Bedeutung, dass es diese vier kultu rellen Homoge nitätskriterien sind, die von den Autoren sowie ihren Texten auf jeweils unter schiedliche Weise in Frage gestellt werden. Dabei handelt es sich mit der offensiven Kreuzung dieser kulturellen Kriterien deshalb um einen für die vorliegende Studie so zentralen As pekt, weil nur durch diese Kriterien aus wissenschaftlicher Perspektive die These plausibilisiert werden kann, dass die ausgewählten Schriftsteller zu Recht als transnationale Aufklärer gele sen werden. Denn im scharfen Kontrast zur national organisierten Mehrheitsbevölkerung wei sen die Autoren mit ihren Texten als Aufklärer durch die anschaulichen Mittel der Literatur die Gegen- 155 Ebd. 156 Ebd. 157 Ebd. 158 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 15. 56 Felix Kampel: Peripherer Widerstand wartsgesellschaften gerade am Bespiel dieser Kriterien auf die irrationalen Aspekte des anhaltenden Nationalismus hin. Gleichermaßen kämpfen sie so aus innergesellschaftli chen Bedingungen und mithin als ‚Nestbeschmutzer‘159 oder ‚Vaterlandsverräter‘ verbal ge gen den Nationalismus als eine Dokt rin, die in finaler Konsequenz auf empirisch nicht halt baren Annahmen basiert. Bevor es jedoch zur Untersuchung der einzelnen literarischen Texte kommt, ist noch zu fra gen, warum genau sich die vier kulturellen Homogenitätskriterien: Rasse, Sprache, Religion und Territorium als unhaltbar erweisen, wenn durch sie das Wesen der Mitglieder einer Na tion definiert werden soll. Im Folgenden werden die jeweiligen Kriterien daher im Einzelnen aufgegriffen und in Anlehnung an Renans Konzept referiert. Zugleich erfolgt eine Untermau erung von seiner Thesen durch klassische und neuere Texte der Nationalismusforschung; gezeigt wird dabei, dass geistesgeschichtliche Wissenschaftler und die vier jüdischen Schrift steller heute mit sehr analogen Schwierigkeiten zum Phänomen ‚Nationalismus‘ ringen wie bereits 1882 der französische Völkerkundler. Die homogene Ethnie oder die homogene Rasse als Kriterium Warum ist seit dem Aufstieg der nationalen Ideologien also das kulturelle Kriterium unhaltbar, demzufolge Nationalisten von der Idee ausgehen, bei den Angehörigen ihrer Nation handle es sich in Abgrenzung zu anderen Individuen um Urahnen einer beständigen Volks- oder Blutsgruppengemeinschaft? Zunächst sollte hier noch einmal angemerkt werden, dass der Vorstellung von der Nation als reiner Rassegemeinschaft im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heute eine geringere Bedeutung zukommt. Die Ursache dürfte dabei besonders in der Tatsache begründet sein, dass die zunehmende Mobilität von Menschen durch innovative Technologie die weltweite (Arbeits-)Migration unübersehbar mit in Bewegung versetzt hat: Nachkommen der ‚Gastarbeiter‘ haben in der BRD beispielsweise längst Ehen mit ‚deutschen Staatsbürgern‘ geschlossen, die inzwischen wiederum ‚gemischte Kinder‘ mit deutschen Pässen zur Welt brachten. Gleichwohl weisen sowohl Gellner als auch Hobsbawm darauf hin, dass die Schwächung des ethnischen Bewusstseins keineswegs eine Auflösung des rassistischen Potentials innerhalb moderner Nationalstaaten zur Folge hat. So benennt Gellner explizit Probleme in der Gegenwart, wenn er schreibt, dass 159 Vgl. etwa: Schulte, Sanna: Nestbeschmutzung als Konstituierung einer Theorie des Gedächtnisses. In: Erschriebene Erinnerung. Die Mehrdimensionalität literarischer Inszenierung. Hrsg. von Sanna Schulte. Köln u. a.: Böhlau 2015. S. 287 – 306, hier: S. 304 f. 57II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit die Abschwächung des ethni schen Bewusstseins zwar im westlichen Europa und sogar in Teilen Mitteleuropas beobachtet wurde, sie „jedoch nicht für Gastarbeiter aus entfernten Kulturen“160 gilt. Auch Hobsbawm meint weiter, dass „sich nur sehr wenige moderne Nationalbewegungen wirklich auf ein starkes eth nisches Bewusstsein“ stützen, „obwohl sie häufig eines erfinden, wenn sie erst einmal in Gang gekommen sind, und zwar in Form eines Rassismus,“161 wodurch einmal mehr die Debatte um Sarrazins Thesen und die Pegida-Proteste in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden sollte. Zementiert werden können Hobsbawms und Gellners Thesen zusätzlich durch empirische Befunde. So lehnten laut Umfrage der „Mitte“-Studie 2014 „84,7 % der Befragten in den neuen und 73,5 % der Befragten in den alten Bundesländern […] die Forderung ab, der Staat solle großzügig bei der Prüfung von Asylanträgern vorgehen.“162 Und 58,7 % aller Befragten stimmten zumindest teilweise der Aussage zu: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unse ren Sozialstaat auszunutzen.“163 Wobei eine solche Aussage bereits suggeriert, dass das pauschale Konzept vom ‚Ausländer‘ überhaupt eine sinnvolle Kategorie darstellt, mit der sich eine bestimmte Menschengruppe von ‚Deutschen‘ abgrenzen und klassifizieren lässt. Darüber hinaus macht Hobsbawm weiter auf den Umstand aufmerksam, dass sich aus der „Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe (Ethnizität)“ gemäß der Argumentationslogik von Nationalisten gleichwohl „angeblich die gemeinsamen Merkmale der Mitglieder einer Volks gemeinschaft ableiten“164 ließen. Natürlich ist das, wie im Folgenden genauer gezeigt wird, grober Unsinn. Allein deshalb, weil sich „der zoologische Anfang der Menschheit in unauslotbarer Dunkelheit verliert.“165 Der Mensch, der sich in sexueller Hinsicht (und freilich ohne gesundheitliche Folgen) problemlos mit Angehörigen anderer Nationen vereinigen kann, ist als Gattung um Jahrtausende älter als die maximal seit 230 Jahren anhaltende Doktrin vom nationalen Staat.166 Dennoch legt Hobsbawm großen Wert auf die Bemerkung: „‚Verwandtschaft‘ und ‚Blut‘ sind offensichtlich von Vorteil, wenn es darum geht, Mitglieder einer Gruppe aneinander zu binden, und Außenstehende aus- 160 Gellner: Nationalismus, S. 86. 161 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 80. 162 Brähler et al.: Die stabilisierte Mitte, S. 62. 163 Ebd., S. 32. 164 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 78. 165 Renan: Was ist eine Nation?, S. 24. 166 Vgl. Wehler: Nationalismus, S. 205. 58 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zuschließen, und die beiden Be griffe stehen deshalb im Mittelpunkt eines völkisch begründeten Nationalismus.“167 Überdies hielt bereits Ernest Renan das ethnische Bewusstsein der Nationalisten in Europa für extrem gefährlich. Auch ihm zufolge handelte es sich dabei „um einen schwerwiegenden Irrtum, der, wenn er sich durchsetzen würde, die europäische Zivilisation zugrunde richten würde“168, was er in letzter Konsequenz während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch tat. Doch warum handelt es sich gerade beim Zusammenhang von Nationalismus und einem daraus angeblich abgeleiteten Rassismus um einen gravierenden Fehler, wenn dieses ethnische Selbstverständnis das Wesen einer homogenen Nation zum Ausdruck bringen soll? Im Blick auf die schriftlich fixierte Geschichte Europas steht da besonders das historische Faktum der Völkerwanderung; und spätestens die überfallartigen Eroberungen der ‚Barbaren‘ vor rund 1600 Jahren fügen „der Idee der Rasse einen schweren Schlag zu.“169 Denn mit dem Einfall der barbarischen Horden in das römische Imperium seit dem 5. Jahrhundert begannen diese Eindringlinge unterschiedlicher Volkstämme (Franken, Burgunder, Goten, Lombarden, Normannen) ein weit über Europa ausgebreitetes Territorium zu okkupieren, „das zwölfmal so groß war wie das heutige Frankreich.“170 Von zentraler Bedeutung für die Unhaltbarkeit eines nationalen Rassismus ist und war laut Renan dabei schlicht der Umstand einer sexuellen Kreuzung zwischen den barbarischen Eindringlingen bzw. ihren Söhnen und deren römischen Konkubinen: „Der ganze Stamm heiratete [schließlich] lateinische Frauen“171, deren Kinder als Resultat in der historischen Folge jede Vorstellung einer homogenen Rasse ad absurdum führen. Entscheidend für Renans Argumentation war jedoch schon damals, dass jenseits der staatlichen Propaganda „über alle diese Fragen“ eben nur ein „Nachdenklicher zu Rate“ geht, „um sich mit sich selbst zu verständigen.“ 172 Allerdings: „Das Weltgeschehen richtet sich kaum nach solchen [exakten] Erwägungen, aber der Forscher will in diese Dinge, in denen sich die oberflächlichen Geister verlieren, etwas Ordnung bringen.“173 Die Majorität der Men schen der nationalen Bevölkerungen war sich demnach damals 167 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 78. 168 Renan: Was ist eine Nation?, S. 20. 169 Ebd., S. 21. 170 Ebd. 171 Ebd., S. 12. 172 Ebd., S. 17. 173 Ebd. 59II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit wie heute beispielsweise kaum der Tatsache bewusst, dass der Einfall der sich sexuell mit den Römern kreuzenden ‚Barbaren‘ auf dem gleichen Territorium stattfand, auf dem vorher das römische Imperium angesiedelt war und auf dem heute die einzelnen Nationalstaaten Europas ihre alleinige Vormachtstellung beanspruchen: „Das Vergessen – ich möchte fast sagen: der historische Irrtum – spielt bei der Erschaffung der Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Erkenntnis für die Nation eine Gefahr.“174 Im Klartext führt der historische Irrtum von geschichtlich ungeschulten Bevölkerungsmehr heiten damit wiederum zur fehlenden Einsicht in das Faktum, dass „[k]ein Franzose weiß, ob er Burgunder, Alane, Wisigote ist“, so Renan mit Blick auf die irrationale Vorstellung einer ‚französischen Nationalrasse‘. „Es gibt in Frankreich keine zehn Familien, die ihre fränkische Herkunft nachweisen können, und wenn sie es könnten, wäre ein solcher Nachweis unvoll ständig wegen der vielen unbekannten Verbindungen, die jedes genealogi sche System durch einanderbringen.“175 Etwas anders ausgedrückt: „Frankreich wurde legitimerweise der Name eines Landes, in das nur eine kaum wahrnehmbare Minderheit von Franken eingedrungen war.“176 Allein am Beispiel Frankreichs wird im Zusammenhang mit der Völkerwanderung dadurch klar, „daß es keine reine Rasse gibt und daß man die Politik einem Trugbild anheimgibt, wenn man sie auf die ethnographische Analyse gründet.“177 Doch Renan gelangt mit seiner Untersuchung von Frankreich als Nation keineswegs an den Endpunkt seiner Argu mentation. Mit einbezogen in die Analyse eines unzureichenden nationalen Rassismus wurden von ihm schon damals im Grunde alle zu diesem Zeitpunkt in Europa vorherrschenden Staa ten: Frankreich, Deutschland, Italien, Britannien. Und bei deren ethnographischer Zergliederung kennt Renan im scharfen Kontrast zum rassistischen Geist seiner Zeit keine Rücksicht: Frankreich ist keltisch, iberisch, germanisch. Deutschland ist germanisch, keltisch und slawisch. Italien ist das Land mit der verwirrendsten Ethnographie. Gallier, Etrusker, Pelasger, Griechen, ganz zu schweigen von einer Reihe anderer Elemente, kreuzen sich dort zu einem unentwirrbaren Geflecht. Die britischen Inseln zeigen in ihrer Gesamtheit 174 Ebd., S. 14, kursiv F. K. 175 Ebd., S. 15 f. 176 Ebd., S. 13. 177 Ebd., S. 22, kursiv F. K. 60 Felix Kampel: Peripherer Widerstand eine Mischung von keltischem und germanischem Blut, de ren Anteile ungeheuer schwer zu bestimmen sind.178 Und Renan geht als Völkerkundler noch weiter zurück in die Menschheitsgeschichte. Schließlich lässt er auch das römische Imperium hinter sich, die Griechen, die Mesopotamier. Auch alle physiologischen Vorurteile, die sukzessive als fester Bestandteil in den sozialdar winistischen Diskurs des späten 19. Jahrhunderts eingedrungen waren, werden systematisch von ihm entkräftet: Schon in jener Menschengruppe, die die arische Sprache schuf, gab es Kurz- und Langschädlige. Dasselbe gilt von der ursprünglichen Gruppe, welche die Sprachen und Institutionen schuf, die man se mitisch nennt. Mit anderen Worten, die zoologischen Ursprünge der Menschheit liegen weit vor den Anfängen der Kultur, der Zivilisation, der Sprache.179 Renans finale Antwort auf die irrationale Frage nach einer einheitlichen Rasse in den moder nen Nationalstaaten Europas kann vor diesem historischen Hintergrund kaum überraschen: „Das instinktive Bewusstsein, das für die Zusammensetzung der Landkarte Europas gesorgt hat, hat die Rasse nicht im geringsten berücksichtigt, und die ersten Nationen Europas sind [bereits] Nationen gemischten Bluts.“180 Oder in alternativer Kurzform: „Was macht nun wirklich diese verschiedenen Staaten aus? Es ist die Verschmelzung der Bevölkerungen, die sie bewohnen.“181 Historisch betrachtet ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend, dass die Argumenta tionsfigur gegen das Kriterium der angeblich homogenen Rasse in der Nationalismusfor schung bis heute unverändert ge blieben ist. Tatsächlich handelt es sich bei der Unentwirrbar keit der genealogischen Systeme während der vergangenen 1600 Jahre durch den Mangel an Abstammungsdokumenten schlicht um ein Problem (für Nationalisten), das in ferner Zukunft noch genauso zutreffen wird wie schon zur Zeit Renans. Entsprechend gilt mit Blick auf den heutigen Diskurs nach wie vor, dass wir „auf jeden Fall […] aus der Bevölkerungsgeschichte großer Teile Europas“ wissen, „wie vielfältig die Herkunft ethnischer Gruppen sein kann“, wie Hobs bawm schreibt, „vor allem dort, wo Gebiete im Lauf der Zeit ent- 178 Ebd., S. 22. 179 Ebd., S. 23. 180 Ebd., S. 25, kursiv F. K. 181 Ebd., S. 11, kursiv F. K. 61II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit völkert und neu besiedelt wur den wie in weiten Landstrichen von Mittel-, Ost- und Südeuropa oder auch in Teilen Frank reichs.“182 Um einen nicht mehr zu lösenden Komplex handelt es sich daher auch heute noch bei der Frage, inwieweit „sich eigentlich vorrömische Illyrer, Römer, Griechen und eigewan derte Slawen verschiedenster Herkunft und die verschiedenen Wellen zentralasiatischer Ein fälle miteinander vermischt haben“.183 Vor dem Hintergrund dieser Sachlage wird insgesamt schnell deutlich, dass das kulturelle Kriterium des homogenen Volkes, der homogenen Ethnie oder gar der homogenen Rasse ganz einfach deshalb historisch fehlerhaft ist, weil ein Blick in die Geschichte Europas unmissverständlich zeigt, dass es seit Jahrhunderten immer wieder zur (sexuellen) Kreuzung unterschiedlicher Kulturen gekommen ist, deren Ursprünge sich in unbestimmbarer Dunkelheit verlieren. Und ebenfalls liegt damit auf der Hand, dass eine Autorin wie beispielweise Olga Grjasnowa in ihrem Debütroman bewusst auf den Tatbestand einer nach wie vor anhaltenden ethnischen Kreuzung und Durchmischung der nationalen Kulturen hinweist. Denn nichts an deres als ein Angriff auf die Vorstellung einer homogenen Nationalrasse ist es, wenn beispielwese die Figur Sami in Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt aus einer betont multiethnischen Ehe stammt, die den folgenden genealogischen Familienhintergrund aufweist: Sami war während des Bürgerkriegs in Beirut geboren worden. Albert, Samis Vater, war Schweizer, dessen Eltern Italiener und später Franzosen und er selbst Filialleiter einer Bank in Beirut. Kurz nach Samis Geburt wurden sie nach Paris versetzt, und Französisch wurde zu Samis eigentlicher Mutterspra che. Als er dreizehn Jahre alt war, zog die Familie nach Frankfurt. Wenn Sami arabisch sprach, musste er oft französische Vokabeln zur Hilfe nehmen, Beirut kannte er nur von kurzen Urlaubsreisen, von Zeitungsbildern und den langen Telefonaten seiner Mutter mit den libanesischen Verwandten[.] (RBl 127) 182 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 78. 183 Ebd. 62 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Die homogene Sprache als Kriterium Welche Schwierigkeit liegt weiter der Vorstellung zugrunde, dass die Sprache ein homogenes Krite rium sei, dass auf natürliche Weise mit der Ziehung einer nationalen Grenze zusammenfällt? Auch Hobsbawm möchte in diesem Zusammenhang wissen: Wie verhält es sich mit der Sprache? Ist sie nicht das eigentliche Wesen dessen, was ein Volk von ei nem anderen unterscheidet, „uns“ von „ihnen“, wirkliche menschliche Wesen von den Barbaren, die keine richtige Sprache sprechen können, sondern nur unverständliche Laute von sich geben?184 Renans schlagende Antwort – die so wenig wie Hobsbawms Argumentation das Kriterium von der homogenen Sprache als Legitimationsmerkmal einer nationalen Grenze gelten lässt – ist in diesem Fall kurz und präzise: „Die Sprache lädt dazu ein, sich zu vereinigen; sie zwingt nicht dazu.“185 So ist beispielsweise „die Schweiz mit drei Sprachen […] und drei oder vier Rassen eine Nation“.186 Damit bringt Renan erneut ein praktisches Beispiel, an dem er eindeutig demonstrieren kann, dass in diversen multilingualen Staaten nicht nur die Vorstellung einer homogenen Sprache ein nutzloses kulturelles Kriterium zur Ziehung einer nationalen Grenze darstellt. Gleichfalls davon betroffen ist im Fall der Schweiz auch das bereits eruierte Kriterium der Rasse. Zudem bringt Renan neben der Schweiz, zu der man allein in Europa multilinguale Staaten wie Italien, Belgien oder Luxemburg hinzufügen kann, noch weitere Beispiele. Bei diesen Län dern ist es hingegen genau umgekehrt. Die Menschen haben zwar die gleiche Dik tion; doch die Länder sind in unterschiedliche Nationen aufgespalten: „Die Vereinigten Staa ten und England, Lateinamerika und Spanien sprechen dieselbe Sprache und bilden doch keine Nation.“187 Gleiches gilt heute aus historischen Gründen für Österreich und Deutsch land. Hinzu kommt das Faktum, dass Sprache als kulturelle Technik im fortlaufenden Wandel begriffen ist; sie lässt sich dabei innerhalb dieses Wandels nicht statisch von einer Generation auf die nächste übertragen: „In Preußen, wo heute nur noch deutsch gesprochen wird, sprach man noch vor ein paar 184 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 64. 185 Renan: Was ist eine Nation?, S. 27. 186 Ebd., S. 17. 187 Ebd., S. 27. 63II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit Jahrhunderten slawisch; das Land der Gallier spricht englisch“, so Re nan. „Gallien und Spanien sprechen das ursprüngliche Idiom von Alba Longa; Ägypten spricht arabisch: Die Beispiele sind nicht zu zählen.“188 In diesem Zusammenhang ist darüber hinaus eine Anmerkung von Robert Menasse bemerkenswert. Denn mit Blick auf die angesprochene Mehrsprachigkeit in bestimmten Ländern ist der Autor der Meinung, dass gerade Brüssel eine überaus geeignete Hauptstadt des künftigen Europas sein wird. Insbesondere weil der Nationalismus in Belgien gerade wegen der dort vorherrschenden Sprachenvielfalt nur schwach ausgebildet ist. Denn: Brüssel ist die Hauptstadt einer Nation, die sehr spät darauf verpflichtet wurde, eine Nation zu sein, und sich nie dazu entschließen konnte, wirklich eine zu werden. Wahrscheinlich weil ihr, zum Glück, die „nationale Idee“ fehlte. Worin sollte sie auch bestehen? Eine romantische Nationsidee konnte nicht ent stehen, mit drei Sprachgruppen, die auf einem willkürlichen zugewiesenen Territorium zusammenleben. […] Für Zeitgenossen ist Brüssel aus genau diesem Grund sinnigerweise die Verwaltungshauptstadt der Europäischen Union, die konkrete, lebende und lebendige Vision eines nachnationalen Europa[.] […] Mehrsprachigkeit ist in Brüssel so selbstverständlich, dass nicht der Fremdsprachige, sondern der Ein sprachige der Fremde ist. (DEL 29 f.) Weiter macht Hobsbawm im Hinblick auf die neuere Nationalismusforschung explizit darauf aufmerksam, dass es im 18. Jahrhundert „in der Zeit vor der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht keine gesprochene ‚Nationalsprache‘“189 gab – sondern regional verbreitete Dia lekte. Für die Zeit vor der Implementierung des Schulwesens gilt laut Anderson zudem, dass der Markt der Leser „anfangs das gebildete Europa einer ausgedehnten, doch dünnen Schicht von Lateinlesern war. […] Für die Bedeutung des Latein […] war entscheidend, daß es in der Regel neben einer anderen Sprache gesprochen wurde[.]“ Doch: „Die Logik des Kapitalismus drängte nach der Sättigung des lateinischen Elitenmarktes zu den riesigen Märkten der einsprachigen Massen.“190 Und: „Die damalige Geldknappheit in ganz Europa zwang die Dru cker, über den Vertrieb billiger Ausgaben in den Landessprachen nachzudenken.“191 Wobei die Drucker trotz der Vielfalt an gesproche- 188 Ebd., S. 28. 189 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 66. 190 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 45. 191 Ebd. 64 Felix Kampel: Peripherer Widerstand nen Dialekten ein Territorium von möglichst gro ßem Umfang abdecken wollten, was zugleich die überregionale Vereinheitlichung eines Idioms auf dem Weg zu einer fixierten Nationalsprache erforderlich machte. Aus historischer Perspektive muss damit die nationale Sprache auf einem bestimmten Territo rium in einem Kontext betrachtet werden, den Hobsbawm als standardisierte und künstliche Normierung charakterisiert hat: Nationalsprachen haben […] fast immer etwas von einem Kunstprodukt und sind gelegentlich, wie das moderne Hebräisch, so gut wie erfunden. Sie sind das Gegenteil dessen, wofür die nationalistische My thologie sie ausgibt, nämlich die archaischen Fundamente einer Nationalkultur und der Nährboden des nationalen Denkens und Fühlens. Sie stellen gewöhnlich Versuche dar, aus einer Vielfalt von gespro chenen Idiomen (die später zu Dialekten verkommen) ein einheitliches Idiom zu machen, wobei das Problem hauptsächlich darin besteht, welcher Dialekt als Grundlage für die normierte und vereinheitlichte Sprache gewählt werden soll.192 Hier drängt sich noch einmal der Brückenschlag zu Ernest Renan auf, der mit Blick auf das Kriterium der homogenen Sprache zu einem ähnlich vernichtenden Urteil kommt wie im Fall der Idee von einer nationalen Rasse: „Die ausschließliche Berücksichtigung der Sprache hat ebenso wie die zu starke Betonung der Rasse ihre Gefahren und Unzuträglichkeiten.“193 Denn: „Die Sprachen sind historische Gebilde, die wenig über das Blut derer aussagen, die sie sprechen.“194 Zudem sind Sprachen nicht nur historische Gebilde, sondern auch kulturelle Techniken, die Menschen jederzeit auf multiple Weise erlernen können (hier ist namentlich an Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa zu erinnern, die als Migranten heute ein zweitsprachlich erlerntes, aber fehlerfreies Deutsch beherrschen – was bekanntermaßen keines wegs zugleich auf alle Muttersprachler zutrifft). Aus gutem Grund spricht daher auch die Protagonistin Anja Buchmann in Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem „fünf Spra chen, die sie beherrscht, weil sie sie studieren durfte, in verschiedenen Ländern sogar.“ (HiJ 145) Und auch bei Olga Grjasnowas Protagonistin Mascha Kogan handelt es sich um eine multilinguale Sprachwissenschaftlerin, die als Dolmetscherin arbeitet und in diesem Zusammenhang folgenden Bericht aus ihrer multilingualen Biographie gibt: 192 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 67 f. 193 Renan: Was ist eine Nation?, S. 28 f. 194 Ebd., S. 28. 65II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit In der Schule hatte ich Englisch, Französisch und ein wenig Italienisch gelernt, anschließend war ich für ein Jahr als Au-pair nach Frankreich gereist, um mein Französisch zu perfektionieren. Danach hatte ich mich für ein Dolmetscherstudium eingeschrieben und in meiner Freizeit Italienisch, Spanisch und ein bisschen Polnisch gelernt[.] (RBl 30 f.) Der gebildete mobile Europäer ist heute demnach freilich alles andere als einsprachig. Und in der Tat sind Sprachen darüber hinaus keine regional verbreiteten Idiome, die etwa mit Jacob Grimm als „das natürliche gesetz [sic!][…] allein die grenze [eines Volkes] setzen“195 kön nen. Sprachen sind mit Renan vielmehr historische Gebilde, die (durch Disziplin jederzeit) in mehrfacher Hinsicht erlernbar sind; kulturelle Techniken, die in einer Nation unter Umständen problemlos koexistieren können. Die homogene Religion als Kriterium Wie sieht es im Vergleich zur homogenen Ethnie oder Sprache mit dem Kriterium der homo genen Religion auf einem bestimmten Territorium aus? Ist eine homogene Religion, wie etwa das Christentum, eine hinreichende Legitimation für die Ziehung einer nationalstaatlichen Grenze? Die bereits mehrfach angedeutete Antwort liegt bei einer zielgerichteten Überprü fung auch hier auf der Hand: Allein eine historische Retrospektive in die Religionsgeschichte zeigt deutlich, dass die drei in Europa heute vorherrschenden Glaubensgemeinschaften, die als einzige überhaupt einen entscheidenden Hauptausschlag geben könnten, ihren Ursprung in einer Zeit hatten, die ebenfalls weit hinter die Idee des nationalen Staats zurückfällt. So weist Hobsbawm explizit mit Blick auf die Entstehung des Judentums, des Christentums und des Islams darauf hin, dass diese „zu verschiedenen Zeiten zwischen dem sechsten vor christlichen und dem siebten nachchristlichen Jahrhundert erfunden wurden“.196 Wie von Renan bereits am Beispiel der Schweiz erläutert, kann dies in Verbindung mit dem sehr viel später aufkommenden Nationalismus dazu führen, dass innerhalb eines Territoriums, das als Nationalstaat organisiert ist, mehrere Religionsgemeinschaften aufeinandertreffen. Bis heute sind religiöse Minoritäten in Nationalstaaten daher sogar die Regel, was gleichwohl keines wegs dazu führt, dass 195 Grimm, Jacob: Über die wechselseitigen Beziehungen und die Verbindung der drei in der Versammlung vertretenen Wissenschaften. In: Kleinere Schriften. Bd.  7. Berlin: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung Harrwitz und Gossmann 1884. S. 556 – 563, hier: S. 557. 196 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 84. 66 Felix Kampel: Peripherer Widerstand in nationalen Zusammenhängen das Kriterium der Religionszugehörigkeit ignoriert wird. Vielmehr bleibt zu bedenken, dass die Religion innerhalb der irrationalen Argumentationslogik von Nationalisten ein bis heute bedeutendes Kriterium sein kann: „Die Verbindungen zwischen Religion und Nationalbewusstsein können sehr eng sein, wie die Beispiele Polen und Irland zeigen“, schreibt Hobsbawm. „Sie scheinen sogar noch enger zu werden, sobald der Nationalismus nicht länger die Ideologie einer Min derheit und eine Bewegung von Aktivisten ist, sondern die Massen erfasst.“197 Gleichwohl hielt bereits Renan entschieden gegen die Argumentationsfigur einer homogenen Religion, da „[a]uch die Religion […] uns keine hinreichende Grundlage geben“ könne, „um darauf eine moderne Nation zu errichten.“198 Renan argumentierte 1882 in diese Richtung aus bereits sehr naheliegenden Gründen, die sich seit der Französischen Revolution besonders aus dem Säkularismus moderner liberaler Staaten herleiten und daher seit 1949 auch im deutschen Grundgesetz (Art. 4 Abs. 1,2) durch die Religionsfreiheit zum Ausdruck gebracht werden: „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Renan – der nicht nur als französischer Staatsbür ger, sondern auch als liberaler Denker seinem Zeitgeist sicherlich voraus war – artikuliert dieses inzwischen festgeschriebene Verdikt bereits 1882 so: Heutzutage ist die Situation vollkommen klar. Es gibt keine Masse von Gläubigen mehr, die auf gleich förmige Weise glaubt. Jeder glaubt und praktiziert nach seinem Gutdünken, wie er kann, wie er mag. Es gibt keine Staatsreligion mehr, man kann Franzose, Engländer, Deutscher sein und dabei Katholik, Protestant oder Jude, oder gar keinen Kult praktizieren. Die Religion ist Privatsache geworden, sie geht nur das Gewissen jedes Einzelnen an. Die Einteilung der Nationen in katholische oder protestantische existiert nicht mehr. Die Religion […] ist nur noch im Innern eines jeden einzelnen bedeutsam. 199 Doch gibt es neben der Tatsache, dass es in modernen liberalen Staaten keine Staatsreligion mehr gibt, weil man zugleich einer bestimmten Nation angehören und seinen Kult doch frei wählen kann, noch ein zusätzliches Faktum. 197 Ebd., S. 83. 198 Renan: Was ist eine Nation?, S. 29. 199 Ebd., S. 31. 67II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit Für Hobsbawm ist „die Religion“ noch aus einem weiteren Grund „ein paradoxes Bindemittel […] für den modernen Nationalismus“200. Denn zweifellos „sind die Weltreligionen […] per definitionem universell und deshalb darauf be dacht, ethnische, sprachliche, politische und andere Unterschiede nicht zu thematisieren.“201 Anders gesagt: Eine nationale Religion ist trotz der immer wieder auftretenden Begründungsversuche durch Nationalisten ein Widerspruch in sich, weil die Religion ihrer eigenen Doktrin zufolge die Grenzen der Nation in einem universellen Anspruch gerade zu überschreiten versucht. Das konkrete Beispiel von Hobsbawm lautet dabei: „Spanier und Indianer im Kaiserreich, Paraguayer, Brasilianer und Argentinier seit ihrer Unabhängigkeit waren gleichermaßen treue Kinder Roms und konnten sich aufgrund ihrer Religion nicht als eigene Gemeinschaft verste hen.“202 Der Nationalismus zeigte diesen überzeugten Katholiken nämlich buchstäblich Grenzen auf, die innerhalb ihres eigenen Glaubenssystems nicht die geringste Bedeutung haben. Die Religion ist damit ein paradoxes Bindemittel zur Konsolidierung eines homogenen Nationalstaats aus mindestens zwei Gründen. Erstens, ideologisch folgt die religiöse Doktrin einem universellen oder globalen Anspruch, der Nationalismus dagegen ist lokal begrenzt. „Keine Nation setzt sich mit der Menschheit gleich,“ heißt es bei Anderson: „Selbst die glühendsten Nationalisten träumen nicht von dem Tag, da alle Mitglieder der menschlichen Rasse ihrer Nation angehören – anders als es in vergangenen Zeiten den Christen möglich war, von einem ganz und gar ‚christlichen‘ Planeten zu träumen.“203 Zweitens ist es die politi sche Logik laizistischer Nationalstaaten selbst, die durch die Proklamation einer säkularen Doktrin die frei wählbare Religion als homogenen Faktor von sich selbst abspaltet. Als literarisches Beispiel dafür, dass die Autoren Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa mit ihren Texten fortlaufend homogene Vorstellungen zerstreuen, die angeblich das Wesen einer Nationalkultur zum Ausdruck bringen, kann mit Bezug auf die Religion hier paradigmatisch Ma xim Billers Selbstporträt herangezogen werden. Ironischerweise ist es der sich selbst in Deutschland ausdrücklich als Jude bezeichnende Protagonist: „Ich bin Jude und nichts als Jude“ (DgJ 12), der nach einer Rasur seinem armenischen Großvater ähnlich sieht, der als Christ wiederum „der einzige Nichtjude in der Familie“ war. Eindeutige religiöse Zuordnun gen verlieren allein durch 200 Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 84. 201 Ebd., kursiv F. K. 202 Ebd., kursiv F. K. 203 Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 16. 68 Felix Kampel: Peripherer Widerstand die Genealogie der einzelnen Familienmitglieder in der Summe jede Möglichkeit einer scharfen Abgrenzung nach außen: Ich benutzte das Rasierzeug meines Vaters. Als ich fertig war, sah ich im Spiegel das Gesicht meiner Mutter. Und ich sah das Gesicht von Jakow Tschachmachtschev, ihrem armenischen Vater. Er war der einzige Nichtjude in der Familie, und meine Mutter sagt immer, ich sei genau wie er – überempfindlich, untreu und übertrieben ordentlich, und natürlich habe ich die gleichen Hände. (DgJ 24) Das homogene Territorium als Kriterium Im Zusammenhang mit der ethnischen Begründung zur Konsolidierung einer homogenen Nationalkultur wurde weiter oben bereits gezeigt, dass in Europa allein die Tatsache des Einfalls barbarischer Horden der Vorstellung von der homogenen Rasse innerhalb einer Na tion einen ‚schweren Schlag‘ im Sinne Renans zufügt. Hinzu kommt, dass der Einfall dieser Horden wiederum auf einem ‚europäischen Territorium‘ stattfand, über dessen ‚Natürlichkeit‘ sich die ‚Barbaren‘ bei ihrem Einfall so wenig Gedanken gemacht hatten wie schon die römischen Legionen, als diese wiederum das gleiche Gebiet Jahrhunderte vorher zu okkupieren begonnen hatten. Über den Verlauf solcher Okkupationsbewegungen lesen wir nicht nur bei Renan, sondern ebenso bei Friedrich Nietzsche bereits Ende des 19. Jahrhunderts – der Hoch phase des europäischen Imperialismus: Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf Erden angefangen hat! […] Barbaren in jedem furchtbaren Verstande des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz ungebrochener Willenskräfte und Macht-Begierden, warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste.204 Doch obwohl derselbe ‚geographische Raum‘ auf dem europäischen Kontinent im Verlauf seiner Geschichte bereits von diversen heterogenen Kulturen bevölkert worden ist, nimmt auch das Kriterium eines Territoriums, auf dem angeblich ein ‚indigenes Urvolk‘ aus homoge nen Individuen beheima- 204 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S. 205 f. 69II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit tet sein soll, bis heute in der Argumentationslogik von Nationalisten einen zentralen Stellenwert ein. Bei Ernest Gellner heißt es dazu: „Ethnische Konflikte drehen sich meist um Gebietsansprüche. Der Symbolgehalt eines nationalen Territoriums spielt in der emotionalen Dichtung des Nationalismus bis heute eine zentrale Rolle.“205 Und auch Renan erkannte bereits: „Die Geographie, was man die ‚natürlichen Grenzen‘ nennt – hat fraglos einen großen Anteil an der Einteilung der Nationen.“206 Dennoch gibt es rationale Einwände, die neben der Faktizität der Völkerwanderung offenkun dig gegen die These vom ‚natürlichen Territorium‘ einer Nation sprechen: „Ich kenne keine willkürlichere, keine verhängnisvollere Theorie“207, konstatiert Renan in dieser Hinsicht. Denn tatsächlich hat ‚die Natur‘ den Nationalisten nicht im Geringsten den Gefallen getan, in ihre Landschaft gleichsam mit Lineal oder Zirkel ‚Grenzen‘ einzuzeichnen, aus denen heraus die Markierungen für moderne Nationalstaaten als vorgeprägte Verläufe seit archaischen Ur zeiten erkennbar werden. Folgerichtig konstatiert Renan: Nicht zu bestreiten ist, daß Gebirge trennen, während Flüsse eher verbinden. Aber nicht alle Gebirge grenzen Staaten voneinander ab. Welche trennen und welche tun es nicht? Von Biarritz bis zum finnischen Torneälv gibt es nicht eine Flußmündung, die nicht die eine oder andere begrenzende Eigenschaft hätte. Wenn die Geschichte gewollt hätte, besäßen Loire, Seine, Maas, Elbe, Oder nicht anders als Rhein diese Eigenschaft einer natürlichen Grenze[.]208 Fakt aber ist, diese Flüsse grenzen nicht im Geringsten die heutigen Nationalstaaten konse quent voneinander ab, sodass zumindest ‚die Natur‘ kaum für die Grenzen verantwortlich gemacht werden kann, die von Nationalisten für ihre eigenen Gebietsansprüche erhoben wer den. Dennoch ist klar ersichtlich, dass Menschen bis heute immer wieder auf die Vorstellung zurückkommen, im Namen einer ‚homogenen Nation‘ ein bestimmtes Territorium unter Kontrolle zu halten.209 205 Gellner: Nationalismus, S. 87. 206 Renan: Was ist eine Nation?, S. 32. 207 Ebd., S. 32. 208 Ebd., S. 32. 209 Erneut ist hier an den anhaltenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu erinnern, in dem die Vorstellung von der „territorialen Integrität der Ukraine“ eine zen- 70 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Dagegen argumentiert Menasse analog zu Renan und Gellner ebenfalls in die Richtung von der irrationalen Annahme einer angeblich ‚natürlichen Grenze‘ der modernen Nationen. Ent sprechend leitet er seinen Essay Der Europäische Landbote mit zentralen historischen Hinweisen ein, die weiter oben schon einmal kürzer skizziert worden sind: Wenn man auf einer Europakarte alle politischen Grenzen, die es im Lauf der geschriebenen Geschichte je gegeben hat, mit einem schwarzen Stift einzeichnet, dann liegt am Ende über diesem Kontinent ein so engmaschiges schwarzes Netz, dass es fast einer geschlossenen schwarzen Fläche gleichkommt. Welche schwarze Linie auf dieser schwarzen Fläche kann da augenfällig als natürliche Grenze gelten? Wenn man dann auf dieser Karte für jeden Krieg, der in Europa stattgefunden hat, mit einem roten Stift eine Linie zwischen den kriegführenden Parteien zieht, Schlachtfelder und Frontverläufe markiert, dann verschwindet das Netz der Grenzen völlig unter einem rotgefärbten Feld. (DEL 7) Wie Renan deutet also auch Menasse damit unmissverständlich nicht nur auf die diversen Verschiebungen und Unschärfen innerhalb der Grenzen Europas hin. Sondern zudem verweist Menasse auch auf die vielen Schlachtfelder, auf denen bis heute Menschen im Namen der Nation ihr Leben lassen und gelassen haben. Fakt aber bleibt: Besonders das ‚europäische Territorium‘ ist allein im Verlauf der geschrie benen Geschichte in diverse Grenzen und Reiche eingeteilt worden: „Welche kann da“, so fragt Menasse aus genau diesem Grund, „augenfällig als natürliche Grenze gelten?“ Klare An zeichen für eine politische Grenze jedenfalls, die beispielweise ‚die Natur‘ zugunsten der nationalen Doktrin vorgezeichnet hat, sind bis auf den heutigen Tag nicht ablesbar. Das Ziel der vorangegangen Analyse bestand in der Absicht, die vier kulturellen Kriterien: Rasse, Sprache, Religion und Territorium in ihrer finalen Konsequenz als irrationale oder paradoxe Bindemittel zur Konsolidierung eines homogenen Nationalstaats herauszuarbeiten. Bei allen aufgezeigten Widersprüchen, die die Logik des Nationalismus der Analyse zufolge aus wissenschaftlicher Perspektive aufweist, wird die irrationale Doktrin der kulturellen Homogenitätskriterien von Nationalisten bis heute immer wieder trale Rolle spielt. Müller, Reinhardt: Kann die Ukraine auseinanderbrechen? In: FAZ. 03.04.2014. 71II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit erfolgreich aufgegriffen, wenn die Legitimationsgrundlage zur Ziehung einer nationalen Grenze gesucht wird. Ausgegangen wurde in der Analyse zunächst von dem Problem, dass die Mehrheitsgesell schaft in postmodernen Nationalstaaten fälschlicherweise von der Annahme ausgeht, die Nation sei eine archaische (Ur-)Gemeinschaft aus homogenen Individuen, die sich als beständiger Staat gleichmäßig die Geschichte hinauf- oder hinunterbewegt. Noch einmal ist hier an Benedict Anderson zu erinnern, der in diesem Zusammenhang auf zwei zentrale Ge genpunkte aufmerksam gemacht hat: Erstens verweist Anderson darauf, dass noch 1914 Dynastien (und nicht souveräne Nationalstaaten) die Mehrheit der Mitglieder des politischen Weltsystems stellten. Zweitens betont er den Umstand, dass aus wissenschaftlicher Sicht die Widersprüchlichkeit des Nationalismus hinsichtlich seiner basalen Annahmen diametral seiner ‚politischen‘ Macht gegenübersteht, die der Nationalismus aufgrund der anhaltenden Mehrheitszustimmung heute besitzt. Die Gegenargumente der minoritären Transnationalisten setzen hingegen ganz im Sinne der Aufklärung auf eine historische Ana lyse, bei der sich die kulturellen Homogenitätskriterien der Nationalisten – also Rasse, Sprache, Religion und gemeinsames Territorium – in empirischer Hinsicht als unbrauchbar erweisen. Die bisher präsentierten Untersuchungsergebnisse zeigen damit auf, dass sich an Renans Auf klärungsproblem zur nationalen Doktrin bis heute wenig geändert hat. Dennoch haben und hatten vereinzelte Intellektuelle wie Nietzsche oder Renan seit dem 19. Jahrhundert Vi sionen einer politischen Ordnung jenseits „der krankhaften Entfremdung“ vor Augen, die „der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa’ s gelegt hat und noch legt“.210 Renans finale und heute noch nicht mehrheitsfähige Antwort auf den Nationalismus, die er bereits im Vorfeld zweier nationaler Weltkriege gab, war schon damals unmissverständlich: „Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“211 Es ist diese argumentative Richtung, in die die vorliegende Untersuchung gerade im Lichte der kriegerischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wei ter fortgesetzt wird. Durch die bewusste Integration von Passagen aus den Texten der Schriftsteller Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa konnte hier in einem ersten Schritt bereits veran schaulicht werden, dass die vier 210 Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S. 201. 211 Renan: Was ist eine Nation?, S. 36. 72 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Autoren in ihren Texten die Idee vom nationalen Staat auf unterschiedliche Weise konterkarieren. Doch bevor es im weiteren Studienverlauf zu einer unmittelbaren Analyse der jeweils relevanten Texte kommt, ist zunächst noch ein Blick in die Literaturtheorie erforderlich. Wenn es in diesem Teil der Untersuchung in erster Linie darum ging, auf empirisch-argumentativer Ebene der These Geltung zu verschaffen, dass der Nationalismus auf ideologisch unscharfen und paradoxalen Ansichten basiert, dann geht es im Folgenden um die Frage: Inwieweit kann gerade die Literatur einen signifikanten Aufklärungsbeitrag leisten, wenn der Nationalismus künftig als ein irrationaler Bestandteil unserer politischen Gegenwart effektiv überwunden werden soll? 2. Literatur und Transnationalismus: Homi K. Bhabhas DissemiNation Die Zeit vorübergehender Nationen Was genau ist der moderne Nationalstaat? Ist er ein politisches Organisationsmodell, dem anders als seinen aristokratischen oder dynastischen Vorläuferstaaten ein legitimer Anspruch auf ewige Dauer attestiert werden kann? Der bisherige Blick in die Forschung lässt an dieser Idee ernstzunehmende Zweifel aufkommen. Und wenn dem Nationalstaat vor dem Hintergrund historischer und empirischer Beweisführung gerade kein Anspruch auf ewige Dauer bescheinigt werden kann, so stellt sich mit Blick auf die kulturpolitische Avantgarde die Frage, wo genau eigentlich die Möglichkeiten seiner Überwindung liegen? In Anlehnung an Benedict Andersons Thesen, die Homi K. Bhabha als Grundlage seiner Überlegungen zur transnationalen Funktion von Literatur voraussetzt, han delt es sich bei der Genese von modernen Nationen jedenfalls keineswegs um vollendete soziale Entitäten, auf die der historische Weltverlauf seit Urzeiten angelegt war und die mit der Etablierung von gegenwärtigen Staaten wie der „BRD“, „Frankreich“ oder „Polen“ als abgeschlossen betrachtet werden könnten. Ganz im Gegenteil sind moderne Nationalstaaten in Übereinstimmung mit den Tendenzen der neueren Nationalismusforschung auch Bhabha zufolge „erfundene Gemeinschaften“212 mit offensichtlichem Übergangscharakter, deren Grenzen unter gewissen politischen Konstellationen leicht 212 Bhabha, Homi K.: DissemiNation: Zeit, narrative Geschichte und die Ränder der modernen Nation. In: Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenberg 2000. S. 207 – 253, hier S. 215. (Im Folgenden zitiert als „Bhabha: DissemiNation“) 73II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit verschoben werden können213; und deren prinzipielle Endlichkeit offen zutage trete: „Diese einfallsreichen Geographien, die Länder und Imperien umfaßten, ändern sich“.214 Und im Angesicht des gesamthistorischen Weltverlaufs, vor dem Hintergrund vom Aufstieg und Niedergang der vielen aufstrebenden und zerfallenden Reiche oder Imperien, artikuliert Bhabha mit Anderson folglich die von einer gewissen Irritation ausgehende Frage: „‚Aber warum feiern Nationen ihr ehrwürdiges Alter und nicht ihre erstaunliche Jugend?‘“215 Es ist damit bereits zu Beginn (und noch im Vorfeld einer genaueren Frage nach den Funktio nen von Migration und Literatur) darauf aufmerksam zu machen, dass auch Bhabha mit seinen Überlegungen zum Nationalismus unmittelbar in der Forschungstradition der ‚neueren Nationalismusforschung‘ steht. Konkret beschreibt Wehler den antiessentialistischen Trend dieser neueren Forschungsrichtung in verkürzter Form folgendermaßen: Die neuere Nationalismusforschung hat […] einen grundsätzlichen Zweifel an dem Totalitätsanspruch des Nationalismus geltend gemacht. Sie trägt damit auf ihre Weise dazu bei, einer Grundüberzeugung des Historismus: dass nämlich alle historischen Phänomene kommen und vergehen, ohne je einen Ewigkeitswert zu gewinnen, auch für den Nationalismus endlich Geltung zu verschaffen.216 Und im Hinblick auf die eben „erst seit gut 220 Jahren“ anhaltende „Epoche des Nationalis mus“217 bedeutet das nach Wehler: „Nicht der Fetisch des souveränen Nationalstaats ist das höchste Ziel, sondern die verfassungsmäßige Garantie der Menschen- oder Grundrechte in einer funktionsfähigen Demokratie, mithin auch eine politische Praxis, die diesem Werteka non folgt.“218 Antiessentialismus und nationaler Sprachgebrauch als Grenz- Operation Die ‚Nation‘ und der moderne ‚Nationalstaat‘ sind nach Bhabha damit kulturpolitische Rechtsräume, die durch relativ willkürliche Ländergrenzen territorial von Nachbarstaaten ab getrennt werden. Gleichzeitig liegen diesen Nationen in ihrer vorübergehenden Historizität einerseits zwar nachvollzieh- 213 Wehler: Nationalismus, S. 9 f. 214 Ebd., S. 252. 215 Ebd., S. 211. 216 Wehler: Nationalismus, S. 105 f. 217 Ebd. 218 Ebd., S. 111. 74 Felix Kampel: Peripherer Widerstand bare Erklärungsmuster ihrer Genese zugrunde; andererseits aber – und das ist der entscheidenden Punkt – darf diesen Nationen aus empirischer Perspektive in keiner Hinsicht ein fundamentalexistentieller Zuspruch gemacht werden. Weder hinsichtlich einer vermeintlichen Homogenität der auf dem ‚nationalen Territorium‘ lebenden Bevölkerung219, noch mit Blick auf eine teleologische Notwendigkeit der Nation selbst.220 Doch trotz der offen zutage tretenden zeitlichen Dimension der Nationen, so Bhabha, habe die Entstehung der Nationalstaaten gerade aus individualpsychologischer Perspektive eine klar erkennbare Funktion. Denn als Folge der zunehmenden Individualisierung seit dem Maschi nenzeitalter und der damit fortschreitenden Industrialisierung falle der modernen Nation bis in die Gegenwart die Substitution vormoderner und großfamiliärer Strukturen zu: „Die Nation füllt die Leere, die bei der Entwurzelung von Gemeinschaften und Familien entstand, und sie überträgt diesen Verlust in die Sprache der Metapher.“221 Nicht umsonst sprechen wir in Zu sammenhängen von nationalstaatlichen Diskursen etwa vom Vaterland, in dem wir mit Hilfe unserer Muttersprache in verbalen Kontakt treten. Zugleich aber zementieren wir folglich – ob wir wollen oder nicht – allein schon durch die Wahl unserer Begriffe (in deutscher/französischer/englischer Sprache etc.) den Glauben an das fundamentale Vorhandensein sozialontologischer Entitäten wie Nationen:222 Wir sprechen etwa von „Frankreich“, der „Bundesrepublik Deutschland“ oder „Polen“, obgleich der ständig fortschreitende Geschichtsverlauf sich bei näherer Betrachtung offenkundig der Starrheit unserer begrifflichen Zuschreibungen widersetzt – noch bis 1989 sprachen wir von der „Deutschen De mokratischen Republik“ (DDR) und bis 1992 von „Jugoslawien“ (SBRJ) als eigenständigen Nationen. In diesem historischen, keineswegs aber notwendigen Prozess, dem vielmehr eine ‚disjunktive Zeitlichkeit‘223 zugrunde liegt – damit die Möglichkeit eines Diskurses innerhalb des Nationalismus oder eines Diskurses, der die Überwindung desselben anstrebt224 – betont Bhabha, dass es ihm keineswegs „primär um den Diskurs des Nationalismus“225 gehe. Sein Anspruch bestehe vielmehr darin, sich „gegen die historische Zuverlässigkeit […] dieses Aus- 219 Bhabha: DissemiNation, S. 211. 220 Ebd., S. 209. 221 Bhabha: DissemiNation, S. 208. Vgl. ferner: Hobsbawm: Nationalismus 2005, S. 59. 222 Vgl. ebd., S. 213 f. 223 Vgl. ebd., S. 226. Ferner: S. 228. 224 Vgl. ebd., S. 208. Ferner: S. 214. 225 Ebd., S. 208. 75II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit drucks“ zu wenden, indem er „die westliche Nation als eine obskure und allgegenwärtige Form […] zu beschreiben“226 versuche. Ferner ist Bhabha der Auffassung, dass es sich bei modernen Nationalstaaten um territoriale Grenzeinheiten handelt, deren eigentümliche Intaktheit – trotz der offenkundigen Widersprüche der Homogenitätsvorstellungen in ihnen selbst – bis in die Gegenwart nur schwer zu beantwortende Fragen aufwirft: „Wie sollen wir jene ‚Homogenität‘ der Moderne – das Volk – verstehen, die, wenn sie zu weit getrieben wird, so etwas wie den archaischen Körper der despotischen oder totalitären Masse annehmen kann?“227 Wobei hier ein direkter Konnex etwa zu Grjasnowas Schreibarbeit besteht, wenn auch sie zur despotischen und totalitären Masse in modernen Nationalstaaten feststellt, dass darin „von heute auf morgen jemand umgebracht werden kann oder als ‚der Andere‘ manifestiert wird“ und wenn auch sie gleichzeitig zu den Strukturen nationaler oder religiöser Ausschlussme chanismen konstatiert: „Das beschäftigt mich persönlich auch sehr […]. Das ist etwas, was ich immer noch nicht ganz verstehe und was mich antreibt.“228 Bhabhas vorläufige Antwort auf die eigentümliche Intaktheit moderner Nationen lautet: „Wir können damit anfangen, daß wir die progressive Metapher von der modernen Kohäsion hin terfragen – die vielen als einer –, die von organischen, ganzheitlichen Theorien der Kultur […] vertreten wird[.]“229 Doch handelt es sich bei der Hinterfragung moderner Kohäsion ver meintlich existierender Nationalstaaten um ein Vorhaben, das keineswegs leicht zu bewälti gen ist. Denn die moderne Kohäsion vom Selbstverständnis als ‚gemeinsames Volk‘ ist enorm: Einer für viele: nirgendwo hat diese grundlegende Aussage über die politisch verfasste Gesellschaft der modernen Nation […] ein interessanteres Bild von sich selbst gefunden als in jenen unterschiedli chen Sprachen, […] die sich bemühen, die große Macht, die die Idee der Nation besitzt, in den Manifestationen ihres alltäglichen Lebens darzustellen[.]230 Will man aber diese, zur dominierenden Konvention gewordene große Macht von der Idee der Nation in ihrem präsupponierten Homogenitätsanspruch in Frage stellen, dann fällt auf, dass Bhabha zur Umsetzung dieses 226 Ebd. 227 Bhabha: DissemiNation, S. 212. 228 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 229 Bhabha: DissemiNation, S. 212. 230 Ebd., S. 213. 76 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Ziels Diaspora-Menschen und Schriftsteller wie Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa im Blick hat. Denn das „vitale[] Bewußtsein“ von „Migranten oder Bewohnern der Metropole“231, für die das Leben unter anderen Randfiguren der Gesell schaft charakteristischer Alltag ist, besteht in der Fähigkeit, dem „‚unheilbar‘ pluralen modernen Raum“232 in der Nation durch die Literatur eine angemessene, progressive Sprache zu geben.233 Die minoritären Autoren entwerfen so in ihrer Literatur die dialektische Vision von transnationalen „Gegen-Geschichten“234, die auf der Grundlage von realistischen Alltagserfahrungen die „totalisierenden Grenzen der Nation zur Sprache bringen und verwischen.“235 Folglich „stören“ diese Schriftsteller mit ihrer Literatur gerade „jene ideologi schen Vorgehensweisen, durch die die ‚erfundenen Gemeinschaften‘ essentialistische Identitäten enthalten.“236 Ein Problem aber, das auch beim Schreiben und Lesen selbst zunächst nicht unmittelbar be hoben werden kann, ist – wie schon angedeutet –, dass auch der Migrant und intellektuelle Außenseiter bei der Formulierung seiner Überwindungsansätze der Nation auf die Verwen dung einer nationalen Sprache und deren Metaphorik angewiesen ist, die selbst wiederum ein Medium darstellt, das allein durch den Gebrauch eine totalisierende Wirkung erzeugt: „Die Sprache der Kultur und der Gemeinschaft schwebt über den Rissen der Gegenwart“.237 Indem der Schreibende sich bei der Fixierung eines (literarischen) Textes also bereits einer nationa len Sprache bedient, ist er zugleich Teilnehmer eines Sprachspiels, das einen entscheidenden Faktor bei der Imagination der Existenz einer Nation evoziert. Doch zugleich bedeutet dieses Sprachspiel für den Migranten oder diasporischen Metropolenbewohner eben auch, dass er einen Angriff auf das herrschende Establishment aus- übt, in dem die Vorstellung von der nati onalen Kohäsion radikal hinterfragt wird: „Die Sprache vom natio nalen Kollektivcharakter und Zusammenhalt steht jetzt zur Debatte.“238 231 Ebd., S. 210 f. 232 Ebd., S. 222. 233 Vgl. ebd., S. 211. 234 Ebd., S. 222. Der Terminus „Gegen-Geschichte“ stammt aus der deutschen Übersetzung des Textes. Im Originaltext ist noch exakter die Rede von „[c]ounter-narratives of the nation that continually evoke and erase its totalizing boundaries.” Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. London and New York: Routledge 2004. 235 Bhabha: DissemiNation, S. 222. 236 Ebd. 237 Ebd., S. 212. 238 Ebd., S. 229. 77II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit Die Rechts-Spaltung der homogenen Nation durch Migrantenund Minoritätendiskurse So wie die ‚erfundenen Gemeinschaften‘ der Nationalstaaten in ständiger Bewegung sind, verhält es sich auch mit der Bevölkerung, die in der Nation lebt. Trotz eines häufig vorherrschenden und majoritären Kollektiv charakters lassen sich die Bürger in heterogene Subjekte aufspalten: Das Volk ist weder Anfang noch Ende der nationalen Geschichte; es ist die Schnittstelle zwischen den totalisierenden Mächten des ‚Sozialen‘ als homogener, auf Konsens ausgerichteter Gemeinschaft und den Kräften, die die spezifische Referenz auf die strittigen, ungleichen Interessen und Identitäten in der Bevölkerung bedeuten.239 Die nationale Bevölkerung – verstanden als bipolare „Schnittstelle“ von Artikulationsmög lichkeiten – spaltet sich demnach in ihrer heterogenen Pluralität in mindestens zwei „totalisierend[e] Mächte[]“, von denen die eine gewissermaßen als ‚konservative Kraft‘ „einer nationalistischen Pädagogik“ verpflichtet zu sein glaubt: „Das Pädagogische gründet seine narrative Autorität auf eine Tradition des Volkes, […] die eine durch Selbsterzeugung entstandene Ewigkeit repräsentiert.“240 Die andere ‚totalisierende Macht‘ aber, die dieser Vorstellung von der Ewigkeit der Tradition des Volkes dialektisch entgegenarbeitet, wird in der Regel von Minoritäten und Migranten initiiert, um auf die in jeder Gesellschaftsformation bestehende Heterogenität der einzelnen Mitglieder aufmerksam zu machen: „Wir haben es mit einer in sich selbst gespaltenen Nation zu tun, in der die Heterogenität ihrer Bevölkerung deutlich zum Ausdruck kommt.“241 Denn: „Die in Sie/Selbst getretene Nation, die ihrer ewi gen Selbsterzeugung entfremdet wurde, wird zu einem liminalen, bedeutungskonstruierenden Raum, der intern durch den Diskurs von Minoritäten gekennzeichnet ist[.]“242 Und: „Unhaltbar ist“ folglich „die Vorstellung, die Nation befinde sich in einem Zustand des Gleichgewichts zwischen verschiedenen Elementen, das von einem ‚guten‘ Gesetz austariert und aufrechterhalten wird.“243 Ganz im Gegenteil können Schriftsteller durch ihre Literatur als minoritäre Avantgarde im günstigsten Fall direkt 239 Ebd., S. 218. 240 Ebd., S. 220. 241 Ebd. 242 Ebd. 243 Ebd., S. 225. 78 Felix Kampel: Peripherer Widerstand oder indirekt auf die Gesetzgebung in einen nationalen Rechtsraum auch gegen äußeren Widerstand einwirken: […] Migranten, […] Minoritäten –, […] [werden] nicht mit einbezogen […] in das Heim der nationalen Kultur und ihren einstimmigen Diskurs, sondern [sie sind] selbst die Zeichen einer sich verschiebenden Grenze […], welche die Grenzziehung der modernen Nation verfremdet. Diese Menschen […] bringen zum Ausdruck, daß die Idee der „erfundenen Gemeinschaft“ der Nation ein letales Dasein führt; die ausgeleierten Metaphern vom strahlenden nationalen Leben zirkulieren nun in jener anderen Geschichte von den Einreisegenehmigungen, den Reisepässen und den Erteilungen der Arbeitserlaubnis, welche die Rechte der Menschen einer Nation zugleich erhalten und weiter ausbreiten, eingrenzen und brechen. Jene Menschen, die den kryptischen Diskurs […] des Migranten artikulieren, konterkarieren die Art und Weise, wie die Geschichte des Westens akkumuliert wird.244 Das Scheitern transnationaler Avantgarde Wenn im Zusammenhang von Schreibstrategien der Migranten oder Minoritäten bisher be sonders von potentiellen Möglichkeiten durch kreative Schaffensprozesse die Rede war, so muss im Kontext von Bhabhas literaturtheoretischer Analyse zugleich auf die offenkundige Begrenztheit von Mobilisierungsmöglichkeiten durch die moderne Literatur hingewiesen werden. Spätes tens Adolf Hitler hatte in seinem zeitgenössischen Bestseller Mein Kampf mit erforderlicher Schärfe erkannt, dass auch künftig die Literatur zur Mobilisierung der neuen Massengesellschaften bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielt: „Ich weiß“, schreibt er vo rausblickend im Vorwort von 1925, „daß man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, dass jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern ver dankt.“245 Sein Wahlerfolg im März 1933 und seine unter konsequenter Ausnutzung der neuen Massenmedien Film und Volksempfänger betriebene Politik246 sollten die These von den begrenzten Mobilisierungsmöglichkeiten durch Literatur sehr bald in erforderlicher Konsequenz verifizieren. 244 Ebd., S. 245, kursiv F. K. 245 Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. München: Eher 1943, S. X – VII. (Im Folgenden zitiert als „Hitler: Mein Kampf“) 246 Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 167. 79II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit „Das Kino hat das Erfassen der Natur durch das menschliche Auge weit grundlegender verän dert als der Kubismus“, spottet auch Eric Hobsbawm 1983 gewissermaßen nachträglich in seinem Essay Kultur als Getto mit Blick auf die neuen Massenpropagandainstrumente Film und Rundfunk. Seit „Beginn unseres [20.] Jahrhunderts“ konstatiert Hobsbawm darin treffend eine „sichtbar gewordene Entfremdung zwischen der Öffentlichkeit […] und der kulturellen Avantgarde, wie übrigens auch der wissenschaftlichen Forschung.“247 Eine grundlegende Entfremdung, seit der „[d]ie künstlerische Avantgarde […] eine wirkliche Beziehung zur Öff entlichkeit“ nur noch habe herstellen können, „indem sie sich […] ihr geradezu aufzwang.“248 Zur damit einhergehenden Marginalisierung von (Hoch-)Kultur im öffentlichen Leben der westlichen Gegenwartsgesellschaften hält Hobsbawm weiter fest: „Gott sei Dank wird die Berührung der Massen mit Kultur konsumtiv durch die Mafia der Gebildeten in den Mas senmedien ein wenig noch aufrechterhalten, die aus Klassikern Fernsehromane machen […] – ohne Verdauungsbeschwerden.“249 Doch wer die Mechanismen der neuen Massenmedien innerhalb der westlichen Gegenwartsgesellschaften seit den 1920er Jahren wie auch ihre pädagogisch problematische Funktion im Hinblick auf die Kulturentwicklung erfasst habe, wisse zugleich, „daß auch die erfolgreichsten solcher Fernsehprogramme […] hauptsächlich im Intellektuellengetto gesehen werden.“250 Wiederholt ist in kritischer Fortführung der Argumentation Hobsbawms damit auf eine bis heute (über-)mächtige Industrie der Massenmedien hinzuweisen, sodass natürlich auch Bhabha anerkennt, dass die aufklärende und mobilisierende Funktion der Literatur an Gren zen stößt, die in ihrer gesellschaftsrelevanten und politischen Tragweite nicht überschätzt werden sollten: „Die Unterschiede zwischen verbundenen Orten und Darstellungen des gesellschaftlichen Lebens müssen artikuliert werden, ohne daß dabei die inkommensurablen Bedeutungen und Urteile überwunden würden, die im Prozeß transkultu rellen Verhandelns entstehen.“251 Bei ihrem Versuch, dem drohenden Verschluckt-Werden durch national formierte Mehrheitsgesellschaften irgendwie entgehen zu können, mögen Migranten oder Minori- 247 Hobsbawm, Eric: Kultur als Getto. In: Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen. 2. durchgesehene Aufl. Hrsg. von Friedrich Martin Balzer und Georg Fülberth. Köln: PapyRossa 2010. S. 23 – 31, hier: S. 27. 248 Ebd. 249 Ebd., S. 30. 250 Ebd., S. 26. 251 Bhabha: DissemiNation, S. 241, kursiv F. K. 80 Felix Kampel: Peripherer Widerstand täten selbst als Ausweg Literatur produzieren und mit ihren Texten an die Öffentlichkeit treten, um ihrem Leidensweg als Außenseitern ein angemessenes Artikulationsniveau zu geben. Keineswegs aber impliziert der durch die Minoritäten initiierte Schreibvorgang damit zugleich, dass die inkommensurablen Urteile und Behauptungen der Nationalisten dabei überwunden würden. Gleichzeitig bleibt es aber auch eine Tatsache, dass gesellschaftliche Avantgarde in Kunst und Literatur häufig durch intellektuelle Minoritäten vorbereitet wurde und wird – was die Tradition der europäischen Aufklärung in besonderem Maße zeigt; und damit bleibt es eben auch eine Tatsache, dass „die radikale Alterität der nationalen Kultur nur durch den Prozess der DessimiNation – von Bedeutung, Zeit, Völkern, kulturellen Grenzen und histori schen Traditionen – neue Lebens- und Schreibformen schaffen wird.“252 Die Hoffnung einer Übertragbarkeit der transnationalen Perspektive auf die mehrheitlichen Bevölkerungsteile in den nationalen Territorialstaaten stirbt dabei auch in Bhabhas literaturtheoretischem Ansatz zuletzt: „Denn dadurch, daß wir an der Grenze von Geschichte und Sprache leben, an den Grenzen von Rasse und Geschlecht, sind wir in der Lage, die Unterschiede zwischen ihnen in eine Art Solidarität zu übersetzen.“253 Die Metropole als Keimzelle des modernen Transnationalismus Als unmittelbare Überleitung zur Untersuchung der literarischen Autorentexte muss abschlie ßend noch auf den eigentlichen Entstehungsraum hingewiesen werden, an dem die transnationale Avantgarde Bhabha zufolge entsteht. Der Ort, an dem die Nation in ihrem repräsentativen Anspruch auf Homogenität am offensichtlichsten in Frage gestellt wird. Dabei handelt es sich um die moderne Metropole: Migranten, Minoritäten, Menschen mit diasporischer Vorgeschichte strömen in die Großstadt und än dern so die Geschichte der Nation. Wenn ich davon gesprochen habe, dass Menschen innerhalb der Binnengrenze der Nation in Erscheinung treten, daß sie dabei den liminalen Charakter kultureller Identität bezeichnen und jenen zweischneidigen Diskurs von sozialen Territorien und Zeitlichkeiten hervorbringen, dann ist es […] in zunehmendem Maße […] die Großstadt, die den Raum zur Verfügung stellt, in dem entstehende Identifikationen und neue soziale 252 Ebd., S. 248. 253 Ebd., S. 253. 81II. Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit Bewegungen des Volkes statthaben. In un serer Zeit ist sie der Ort, an dem die Perplexität des Lebens am extremsten erfahren wird.254 Ausgehend vom abstrakteren Theorieteil ist damit der Zeitpunkt gekommen, sich der konkre ten Verdichtung von transnationaler Alterität in der Literatur als Gegenkonzept zum modernen Nationalismus zuzuwenden. Die folgende Untersuchung führt den Leser der literarischen Texte von Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa damit auch unmittelbar in die europäischen Metropolen Hamburg, München, Frankfurt am Main, Brüssel und Wien; ebenso wie in die weltgeschichtlich bedeutenden Metropolen New York, Tel Aviv oder Jerusalem. 254 Ebd., S. 252.

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References

Zusammenfassung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren.

Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier „jüdischen“ Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.