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VII.Schlussbetrachtung und Ausblick in:

Felix Kampel

Peripherer Widerstand, page 336 - 345

Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3874-1, ISBN online: 978-3-8288-6624-9, https://doi.org/10.5771/9783828866249-336

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
335 VII. Schlussbetrachtung und Ausblick Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stand die Frage, ob der neue Nationalismus im Nachraum der Fußballweltmeisterschaft 2006, der breite Teile der deutschen Mehrheitsbevöl kerung zu patriotischen Ausdrucksformen aktivieren konnte, auch spezifische Reaktionen bei den vier jüdischen Autoren ausgelöst hat, deren Texte den zentralen Studienschwerpunkt gebildet haben. Mit Robert Menasse und Maxim Biller lag dabei einerseits ein entscheidender Akzent auf zwei Autoren der zweiten Generation nach dem Holocaust; wobei sich mit Blick auf die zentrale Fragestellung zeigte, dass diese Autoren als Kinder potentieller Opfer heute eine überaus skeptische Haltung zum neuen Nationalismus ausgebildet haben, die in einer breiteren Öffentlichkeit bisher weitgehend marginalisiert wird. Andererseits lag mit Lena Go relik und Olga Grjasnowa ein entscheidender Akzent auf zwei Autorinnen der dritten Genera tion nach dem Holocaust; und auch hier konnte klar demonstriert werden, dass diese Autorin nen als Enkelinnen potentieller Holocaustopfer eine kritische, ja sogar radikal ablehnende Haltung zum neuen Nationalismus entwickelt haben, die bisher ebenfalls in keinen öffent lichen Dialog als direkte Austauschform mit der jüdischen Diaspora aufgenommen wird. Aus dieser (bewusst oder unbewusst betriebenen) Marginalisierung jüdischer Diasporapositi onen resultiert damit insgesamt eine bedenkliche Selbstbezogenheit in der affirmativen Debat te um die Renaissance des neuen Nationalismus, die in letzter Konsequenz zum Verlust aufge klärter und transnationaler Entwicklungspotentiale führt. Besonders wenn in den Reflexionsprozess einkalkuliert wird, dass die kognitiven Widerstände der vier jüdischen Autoren seit 2006 aufgrund ihres öffentlich artikulierten Charakters bei genauerer Prüfung von den Neuen Patrioten gerade in Deutschland eigentlich nicht übersehen werden können. In diesem Sinne legten bereits die eingangs aufgezeigten Reaktionen der vier jüdischen Schriftsteller den Bruch des Versprechens einer angeblichen Freundschaft offen, die von den Neuen Patrioten durch den Slogan Die Welt zu Gast bei Freunden als symbolische Gegenleistung für die Renais sance des neuen Nationalismus gegeben worden war. Dabei reichten die konkreten Gegenimpulse und Attacken der Autoren von einer unmissverständlichen Ablehnung des nationalen Jubels unmittelbar nach der WM 2006 (Biller) zu einer ebenfalls offenen Negation der xenophoben Nationalismusvariante infolge der Finanzkrise von 2008 (Menasse) weiter zu einer Zurück weisung der innenpolitisch eskalierenden Debatte um Thilo Sarrazins provokante 336 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Thesen 2010 (Gorelik) bis hin zur radikalen Hinterfragung des Heimatkonzeptes selbst, dessen Konsequenzen weniger Inklusion als vielmehr die konstitutive Ausgrenzung von Minoritäten zur Folge hätten (Grjasnowa). Gleichzeitig unterfütterte der Einblick in empirische Untersuchungsergebnisse zu fremdenfeindlichen Fragestellungen, dass die vier jüdischen Autoren mit ihrer Kritik am neuen Nationalismus auch deshalb einen wichtigen sozialkritischen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten leisten, weil der Bedarf an gesellschaftlicher Aufklärung besonders in dieser intellektuellen Grauzone heute ei nen eminenten Stellenwert einnimmt. Sowohl mit Blick auf zentrale Verweise bereits bei Friedrich Nietzsche als auch im Hin blick auf neuere Forschungsansätze bei Dan Diner konnte weiter die These erhärtet werden, dass unter den Vertretern jüdischen Lebens bis heute eine signifikante Schlagzahl zu erwarten ist, wenn ein europäisches Bewusstsein als Alternative zu einem nationalen Identitätsentwurf ausgespielt werden kann. Eine These, die ihrerseits die diskursive Basis für die Forschungsrichtung der vorliegenden Studie lieferte. Obwohl am Beispiel von Alain Finkielkrauts Einwänden gegen die EU zugleich explizit darauf aufmerksam gemacht wurde, dass fahrlässige Übergeneralisierungen und essentialistische Pauschalurteile zu ‚den Juden‘ und ihrer vermeintlich konstitutiven Europaloyalität natürlich leicht ad absurdum geführt werden können. Ein Umstand, aus dem wiederum die untersuchungs relevante Vorbedingung abgeleitet wurde, dass auch die Ergebnisse der vorliegenden Studie nicht einfach als empirisch quantifizierbares Gesamturteil der ‚jüdischen Literatur‘ in Deutschland missverstanden werden dürfen. Gleichzeitig sollten die Beobachtungen von Nietzsche und Diner aber durchaus als theoretische Ausgangspunkte genutzt werden. Denn natürlich kann die Häufung auffälliger, sich wiederholender Beobachtungen – in dem Fall: die transnationale Disposition unter deutschen Juden in der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust – bereits den Wert forschungsrelevanter Ergebnisse steigern. Auch wenn das Ziel wissenschaftlicher Erkenntnisgenerierung grundsätzlich in der Verifikation allgemeingültiger Aussagen mit Gesetzescharakter bestehen mag; gerade auf dem Feld der Literaturwissen schaft stellt sich doch immer wieder die Frage nach dem Nutzen solcher schnell überambitionierten Bestrebungen, da ihr primärer For schungsgegenstand aus artifiziellen Texten besteht, die im höchsten Grad vom individuellen Standpunkt des Künstlers verfasst werden, dem im Einzelfall natürlich Rechnung getragen werden muss. Zudem zeigte die vorliegende Studie unabhängig von diesen theoretischen Erwägungen tatsächlich, dass die analytische Kraft von Nietzsches und Diners Thesen zur transna- 337VII. Schlussbetrachtung und Ausblick tionalen Disposition der Juden im vollen Umfang zumindest auf die vier deutschsprachigen Autoren übertragen werden kann, deren Texte in der vorliegenden Untersuchung im Fokus der Aufmerksamkeit standen. Gleichwohl führte nach wie vor die gewisse Vagheit von Nietzsches und Diners Hinweisen einerseits, andererseits aber auch die offen formulierte Aversion der vier Autoren gegen pro-nationale Strömungen seit der WM 2006, in einem weiteren Untersuchungsschritt zu einer Verknüpfung mit Thesen aus der klassischen und neueren Nationalis musforschung. Mit Hilfe dieser Verknüpfung konnte zur Verschärfung der Argumentation namentlich in Kapitel II der Untersuchung ein theoretisches Analyseinstrumentarium entwickelt werden, in dem die vier kulturellen Homogenitätskriterien: Volk/Rasse, Sprache, Religion und einheitliches Territorium in ihrer finalen Irrationalität aufgezeigt wurden, die von Vertreten der nationalen Ideologie bis heute als zentrale Argumente vorgelegt werden, wenn die Ziehung einer nationalstaatlichen Grenze legitimiert werden soll. Derartige Überlegungen hatten bisher weder in der Forschung zu den einzelnen Autoren einschlä gige Aufmerksamkeit gefunden noch in den Kritiken des Feuilletons. Der entscheidende Konnex zu den vier Autoren Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa bestand schließlich darin, dass es exakt diese vier Kriterien sind und waren, auf deren Irratio nalität die Schriftsteller ihre potentiellen Leser entweder fortlaufend aufmerksam machen oder die sie zugunsten transnationaler Identifikationsmodelle gänzlich überschreiben. Der er kenntnisleitenden These der Studie zufolge wurden die vier Autoren dabei einerseits deshalb im Kontext einer anhaltenden europäischen Aufklärung über den Nationalismus verortet, weil sie sich eindeutig aus einer intellektuellen Minderheitenposition gegen die dominante Nationsvor stellung in der postmodernen Mehrheitsbevölkerung wenden. Andererseits wurden sie deshalb im Kontext einer anhaltenden europäischen Aufklärung verortet, weil – mit Sigmund Freud gesprochen – die Vorstellung von der Nation als überzeitlicher Entität auf einem durch die gesellschaftliche Majorität getragenen Wahn basiert, für deren tatsächliche Existenz es aus wissenschaftlicher Perspektive weder hinreichende empirische noch argumentationsbasierte Gründe gibt. Flankiert wurde das theoretische Fundament der Studie durch einen literatur theoretischen Ansatz von Homi K. Bhabha, der diasporischen Minderheiten – wie Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa – durch die Mittel der Literatur bei der Destabilisierung nationaler Homogenitätsvorstellungen eine zentrale Funktion zuweist. Um die Autoren selbst im Kontext einer postnationalen Aufklärungsarbeit verorten zu können, wurde einerseits ein Schwerpunkt auf einen zentra- 338 Felix Kampel: Peripherer Widerstand len Text im Nachraum der WM 2006 gelegt, der im Hinblick auf die nationale Thematik das größte analytische Potential zu enthalten schien. Andererseits sollte ein genuin textimmanenter Ansatz aus Gründen einer ganzheitlichen Betrachtungsweise bewusst umgangen werden, indem in einem transnationalen Porträt der Autoren jeweils weitere themenrelevante Texte, Essays oder Interviews gezielt in den Reflexionsprozess und die spätere Textinterpretation integriert wurden. Außerdem wurde ein selektiver Schwerpunkt auf die Frage nach der bisherigen Erschließung des transnationa len Potentials der Texte sowohl in der feuilletonistischen Literaturkritik als auch in der Rezeption der bisherigen Forschungsergebnisse gelegt. Die Analyse von Lena Goreliks Arbeiten mit einem Schwerpunkt auf ihrem Roman Hoch zeit in Jerusalem (2007) führte in Kapitel III der Studie zu dem Ergebnis, dass Goreliks literarische Arbeit nicht mit den Bestrebungen der Neuen Patrioten und ihrer Vorstellung von einer allumfassenden Renaissance des deutschen Nationalismus in Einklang gebracht werden kann. Denn auch wenn Lena Gorelik in Hochzeit in Jerusalem etwa durch ihre Romanwid mung: „Für meine Freunde, die Deutschland zu meiner Heimat machen“ (HiJ 5), kurzeitig den Eindruck erzeugt haben mochte, sie kokettiere seit der WM 2006 als jüdische Ausnahme autorin mit der patriotischen Renaissance in Deutschland; spätestens mit ihrem politischen Sachbuch Sie können aber gut deutsch! (2012) zeigte sich die mögliche These von ihrem Annäherungsversuch an den deutschen Nationalismus als unhaltbar. Enttäuscht schrieb Gore lik dieses Buch als Antwort auf die Integrationsdebatte, die im Jahr 2010 durch Thilo Sarrazins provokante Thesen in Deutschland eskalierte. Klar erteilte sie darin der Renaissance des neuen deutschen Patriotismus gerade in seiner neoxenophoben Ausgrenzungsvariante eine un zweideutige Absage. Zudem zeigte die Analyse des Romans Hochzeit in Jerusalem (2007) entgegen pronationaler Deutungsoptionen, dass die Autorin – gemäß Homi K. Bhabhas Thesen – ihre Romanheldin Anja Buchmann im Kontext einer ‚transnationalen Gegengeschichte‘ verortet: Bewusst stattet Gorelik ihre Protagonistin mit Attributen aus, die ihr ein Denken und Leben ermöglichen, das jenseits aller nationalen Homogenitätskriterien zu verorten ist und durch die Anja vielmehr die totalisierenden Grenzen der Nation zur Sprache bringt und verwischt. So ist Anja in Russland geboren, lebt jedoch in der erzählten Zeit des Romans bereits als Jüdin in München und ist folglich weder russisch noch deutsch oder jüdisch allein. Vielmehr kombiniert sie alle drei Identifikationsmöglichkeiten zu einem einheitlichen Selbstbild. 339VII. Schlussbetrachtung und Ausblick Damit kreuzt Gorelik offenkundig die nationale, völkische oder ethnische Identifikation, die im Roman schlicht durch eine dreidimensionale Identität aufgesprengt wird. Ferner spricht Anja fünf Sprachen, die sie teilweise studiert hat, womit Goreliks Protagonistin die Vorstellung konterkariert, der Erwerb und die Verwendung einer bestimmten Landessprache sei konstitutiv an ein bestimmtes Territorium geknüpft, auf dem man geboren wurde. Anja wohnt außerdem als (nicht orthodoxe) Jüdin in Deutschland und damit in einem Staat, in dem eine christliche Mehrheitsbevölkerung lebt. Auf diese Weise wird im Roman ebenfalls die Vorstellung ad absurdum geführt, eine moderne Nation basiere auf dem Fundament einer homogenen Glaubensgemeinschaft. Schließlich reist Anja in ihrem Beruf als kulturelle Beraterin quer über den Globus, wodurch sie eine totale Unab hängigkeit gegenüber territorialen Grenzlinien demonstriert, an die Anja durch ihre Mehrsprachigkeit längst nicht mehr gebunden ist. Des Weiteren zeigte die Rezeption des Romans sowohl im deutschsprachigen Feuilleton als auch in der bisherigen Forschung, dass in die dezidiert transnationale Untersuchungsrichtung der vorliegenden Studie bisher allenfalls Andeutungen gemacht worden waren. In Kapitel IV konnte im Hinblick auf die WM 2006 zunächst noch einmal explizit gezeigt werden, dass Maxim Biller ein jüdischer Autor deutscher Sprache ist, der bereits mit der aus gelassenen Feierstimmung zum großen deutschen Fußballturnier enorme Schwierigkeiten hatte. In einer scharfen Replik auf das Großevent bezeichnete er den Massenjubel der Deutschen während der Fußballweltmeisterschaft sogar als Startpunkt einer nationalkonservativen Revolution. Und die Folgeentwicklungen des Sommers 2006 stufte Biller schließlich sogar in die Kategorie einer nationalen Bewegungsoffensive ein, die in ihrer Breitenwirkung schwerwie gender beurteilt werden könne als die Wiedervereinigung von 1989. Hinzu kommt, dass neben Maxim Billers zahlreichen essayistischen Attacken gegen den deutschen Patriotismus gerade am Beispiel seines literarischen Textes Der gebrauchte Jude (2009) ausführlich die Kreuzung der nationalen Identität durch die Einsetzung des historisch sehr viel älteren Identifikationsmodells als ‚Jude‘ aufgezeigt werden konnte, das schließlich in einem atheistischen Selbstentwurf kulminiert. So bemerkt Billers zentrale Ich-Erzähler-Figur im Selbstporträt gegen die nationale Identität eindeutig: „Ich bin Jude, weil ich kein Russe, Tscheche oder Deutscher sein will.“ (DgJ  12) Die nachträglich erworbenen Deutschkennt nisse setzt der gebrauchte Jude in der BRD daher ganz im Sinne von Bhabha als Kampfmittel gegen den neuen Nationalismus ein. Etwa wenn Deutschland beim 340 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Anflug auf Frankfurt mit Blick auf das territoriale Kriterium als ein Gebiet ausgedeutet wird, das „bald rot, dann gelb, dann tot“ sein wird. (DgJ 120) Auch im Fall von Maxim Biller ergab sich ferner bei der entsprechenden Rezeption in der Forschung und im Feuilleton, dass insbesondere das transnationale Potential seiner Texte bisher nur in marginaler Hinsicht erfasst werden konnte. In Kapitel V wurde analog zur Gorelik-Interpretation für die These argumentiert, dass auch Olga Grjasnowa in ihrem Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt. Zuvor verdeutlichte jedoch bereits das transnationale Porträt von Olga Grjasnowa, dass die Autorin beispielsweise in Interviews und Essays immer wieder kritisch zur Institution des modernen Nationalstaats Stellung bezieht. Unter anderem wurde dabei mit Bezug auf die Ausgangsthese der Studie deutlich, dass Grjasnowa sich analog zu Menasse von Deutschland einen Transformationsprozess erhofft, der künftig in einem postna tionalen Staat seinen finalen Ausdruck findet. Der Roman selbst wurde schließlich auf drei Ebenen interpretiert, innerhalb derer die vier Homogenitätskriterien Rasse, Sprache, Religion und Territorium auf unterschiedliche Weise gekreuzt werden. Mit Blick auf das Kriterium des einheitlichen Territoriums der Nation konnte zunächst besonders auf der ersten, topographischen Interpretationsebene gezeigt wer den, dass Grjasnowa in Analogie zu Bhabha das transnationale Flair moderner Metropolen als multinationale Hintergrundkulisse nutzt, um am Beispiel von Frankfurt, Tel Aviv und Jerusalem zu zeigen, wie absurd in Zeiten von verstärkter Mobilität und Migration die Vorstellung einer ethnisch homogenen Bevölkerung an diesen Orten heute ist. Die schon seit ihren Anfängen irrige Vorstellung, es gebe im 21. Jahrhundert noch eine ethnisch homogene Rasse, die etwa mit den Grenzen eines modernen Nationalstaats zusammenfalle, wurde im Roman darüber hinaus durch die Tatsache konterkariert, dass in Grjasnowas zentralen Figuren eine multiethnische Realität Deutschlands zum Ausdruck kommt, in der die mehrsprachigen, nicht christlich-religi- ösen Hauptakteure Mascha, Cem und Sami ein erfolgreiches Leben führen, indem sie ihre Universitätsabschlüsse in Deutschland als hohe gesellschaftliche Auszeichnung erwerben. Immerhin kamen ihre Familien – wenn überhaupt – frühestens eine Generation zuvor ins Land. Besonders auf der zweiten Interpretationsebene des Romans zeigten damit die differenzierten Einblicke in die Biographien und Rollen der zentralen Figuren des Romans die Fehlannahme bei der Vorstellung auf, ein moderner Nationalstaat sei ein 341VII. Schlussbetrachtung und Ausblick Territorium, auf dem Individuen einer homogenen Religion oder Sprache leben könnten. Die dritte Ebene der Inter pretation diente ferner zur Veranschaulichung der These, dass Grjasnowas Roman ein Figurenensemble aus jüdischen und muslimischen Migranten präsentiert, die sich in der Gegenwart gegenüber einer christlich-deutschen Mehrheitsgesellschaft immer wieder behaupten müssen. Entsprechend veranschaulichte dieser Teil am Beispiel alltäglicher Konfliktsituationen von Mascha und ihren Freunden, dass der Nationalismus und ein aus ihm resultierendes ethnisches, sprachliches oder religiöses Überlegenheitsgefühl tief im deutschen Alltag verhaftet ist. Des Weiteren zeigte der synoptische Blick in die feuilletonistische Rezeption von Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt auf, dass ihr Text auch ohne theoretisches Fundament bereits als transnationaler (und deshalb zeitgemäßer) Roman gelesen wurde, wofür Olga Grjasnowa von deutschsprachigen Kritikern bereits breiten Zuspruch erhalten hatte. Mit Stephan Braeses Interpretationsansatz kam ferner ein zentraler Punkt in die gesamte Untersuchungsdebatte; demzufolge habe Grjasnowa die ‚jüdische Erfahrung‘ von Vertreibung, Exil und Vernichtung in ihrem Exklusivitätsanspruch einerseits zwar effektiv aufgelöst, sie andererseits im Roman aber als eine universelle, gleichsam globale Erfahrung literarisch pro duktiv ausgestaltet. In der vorliegenden Untersuchung eröffnete sich die Möglichkeit, an diesen Punkt in einem größeren Gesamtzusammenhang gedanklich anzuknüpfen. Und zwar insofern, als sich durch Breases These die Frage stellt, ob nicht die Autoren Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa als jüdische Vertreter der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust in ihren transnationalen Arbeiten insgesamt den Ex klusivstatus ihrer – nicht unmittelbar gemachten – Opfererfahrung auflösen, um ihn literarisch in einer aufklärenden Schreibbewegung gegen den neuen Nationalismus zu wenden. Immerhin fällt bei der Betrachtung der zentralen Texte auf, dass die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Holocaust (namentlich in der Opferrolle) offensichtlich eine untergeordnete Rolle spielt. Der Nationalismus dagegen ist als Problemfaktor in allen Texten auf dominante Weise präsent. In Kapitel VI lag die Konzentration der Analyse hauptsächlich auf Robert Menasses inzwischen mehrfach preisgekröntem Essay Der Europäische Landbote (2012) und einer Auswertung von Stellungnahmen, die Menasse im Nachraum der Veröffentlichung des Essays über den euro päischen Nationalismus geäußert hat. Erneut wurde dabei im scharfen Kontrast zu den Neuen Patrioten in einem Interview zunächst noch einmal klar: Menasse geht anlog zu Renan von der Behauptung aus, dass Menschen, die in histo- 342 Felix Kampel: Peripherer Widerstand risch-aufgeklärten Zusammenhängen denken, sich heute nicht mehr über die abgegriffenen Identitätsbegriffe Ethnie, Sprache und Religion definieren; anders als vielleicht zu früheren Zeiten habe die Identität in der Tradition der europäischen Aufklärung heute mehr Aspekte. Die Auswertung der Rezeption des Essays führte dabei zu dem Ergebnis, dass Robert Menasses Der Europäische Landbote im deutschsprachigen Feuilleton überwiegend wohlwollend aufgenommen wurde. Dieses sehr positive Signal führte zur Überlegung, dass eine (intellektuelle) Minderheit mit Menasse künftig Anlass zur Hoffnung auf die Ver abschiedung vom Nationalismus in Europa haben könnte. Denn wenn Menasses Idee von einer europäischen Regierung auch gegenwärtig – wie er selbst sagt – „nicht die öffentlichen Gemüter“ erfasst, „trotz all ihrer Erregungsbereitschaft“ (DEL 95), so bestand immerhin unter den Rezipienten der Kulturredaktionen weitgehend Einigkeit darin, dass die Überwindung der irrationalen Ideologie des Nationalismus künftig auf breiter gesellschaftlicher Basis forciert werden müsse. Überdies kann auch der ausgearbeitete Interpretationsansatz zum Essay für eine berechtigte Hoffnung bei einer postnationalen Minderheit in Europa sorgen. Zwar bringt Menasse durch seine Untersuchung des EU-Beamten eindeutig das Problem auf den Punkt, dass es sich bei den transnationalen Beamten der zeit (noch) nicht um demokratisch legitimierte Akteure in einer politisch-administrativen Funktion handelt. Allerdings sind eben gerade diese nicht von einer nationalen Bevölkerung gewählten Beamten dem Autor zufolge polyglotte, hochqualifi zierte, aufgeklärte und daher auch „echte Europäer“, die im Kontrast zur Mehrheitsgesell schaft als Minderheit heute bereits befreit von der Irrationalität einer ‚nationalen Identität‘ leben. (DEL 23) Und was diese Beamten derzeit schon sind, wäre nach Menasse auf Dauer zweifellos auch für die Mehrheit der Bevölkerung ein attraktives Entwicklungsziel, gerade in Bezug auf zentrale Bildungsaspekte. (Vgl. DEL 23) Zuletzt darf sich die proeuropäische Minderheit auf dem Kontinent sicher auch durch Ro bert Menasses Anspielung auf Georg Büchners Der Hessische Landbote in einer berechtigten Hoffnung wähnen. Der junge Sozialrevolutionär stemmte sich 1834 gegen die irrationale Verfassung der aristokratischen Ordnung durch ein vermeintliches Gottesgnadentum im Fürstentum Hessen, ohne mit Hilfe seines agitatorischen Flugblatts den anvisierten Beistand des ‚deutschen Volkes‘ gewinnen zu können. Dennoch wurde Büchners Idee vom egalitären Staatsmodell auf nationaler Ebene 84 Jahre später in Deutschland (vorübergehend) implemen tiert; und seit 1945 hält diese Idee vom egalitären Staatsmodell bis in die unmittelbare Gegen- 343VII. Schlussbetrachtung und Ausblick wart an. Zudem erwies sich Menasses Forderung nach einer konsequenteren Ausdehnung der Menschenrechte – zunächst immerhin in Form einer europäischen Gesamtverfassung – als überaus plausibel. Besonders deshalb, weil sämtliche Mitgliedsstaaten der EU die konsequente Durchsetzung der Menschenrechte längst in ‚gegen seitiger Übereinkunft‘ als ethischen Orientierungsmaßstab ratifiziert haben. Und immerhin ist durch das Gleichheitspostulat aller Menschen vor dem Gesetz keineswegs nachvollziehbar, warum ein ‚Deutscher‘ heute noch privilegierte Sonderrechte gegenüber einem ‚Bulgaren‘, einem ‚Griechen‘ oder einem ‚Rumänen‘ einfordern kann. Abschließend bleibt im Hinblick auf den Gesamtwert der vorliegenden Studie damit festzuhalten, dass ihr analytisches Potential sich vorläufig auf den Umfang von vier literarischen Texten und den dazugehörigen Porträts erstreckt. Gleichwohl wurde in den Kapiteln I und II ein the oretisches Instrumentarium zur Erfassung transnationaler Potentiale in (jüdischen) Texten deutscher Gegenwartsliteratur erarbeitet; dieses Analysemodell kann und soll künftig dazu einladen, Schriften zahlreicher weiterer Autoren zu erschließen, die im Rahmen der hier ausgearbeiteten Thema tik bereits entsprechende literarische Beiträge geleistet haben oder künftig weiter leisten werden.

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Zusammenfassung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren.

Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier „jüdischen“ Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.