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VI.Robert Menasse: Der Europäische Landbote (2012) in:

Felix Kampel

Peripherer Widerstand, page 276 - 335

Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3874-1, ISBN online: 978-3-8288-6624-9, https://doi.org/10.5771/9783828866249-276

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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275 VI. Robert Menasse: Der Europäische Landbote (2012) „Der Nationalismus wird nie wieder in der Geschichte unschuldig sein. Er hat den europäischen Konti nent in Schutt und Asche gelegt.“ (Robert Menasse. Interview. In: Profil. 24.05.2012) 1. Einführung Im Zusammenhang mit dem Nationalismus als problematische, auf irrationalen Annahmen basierende Doktrin im 21. Jahrhundert wurde im vorangehenden Kapitel festgestellt, dass Olga Grjasnowa sich als politische Autorin mit der Frage beschäftigt, ob Menschen im Zeit alter mobiler Migrationsbewegungen noch davon ausgehen können, dass sie in einem nationalen Staat leben.690 Als sozialpolitisches Ziel – auch gemessen an einer adäquateren Umsetzung der Menschenrechte – wünschte sich Grjasnowa dabei von Deutschland, dass „praktisch ein postnationaler Staat daraus entstehen könnte.“691 Dabei stellt sich in erster Li nie die Frage, wie ein derartiger postnationaler Staat konkret aussehen könnte: Von wo aus kann ein solcher, nicht mehr an eine nationale Doktrin gefesselter Staat regiert werden? Kann die demokratische Legitimation seiner Repräsentanten gewährleistet werden? Und was eigentlich wird – eine Vernichtungsangst, die viele Europaskeptiker teilen – aus den kulturellen Eigenheiten der gegenwärtigen Nationalstaaten, die sich im Laufe der Geschichte herausgebildet haben?692 Eine sicherlich kontroverse, aber durchaus geschichtsbewusste Antwort auf diese Fragen bietet Robert Menasses essayistische Streitschrift Der Europäische Landbote, die wie Grjas nowas Debütroman ebenfalls 2012 erschien und ursprünglich auch als Romanprojekt angelegt war. (Vgl. DEL 17) Für Robert Menasse repräsentiert in diesem Essay die Europäische Union  – als noch unfertiger Ansatz einer transnationalen Regierungsinstitution  – zunächst einmal das, was er als „historischen Vernunftgrund“ gegen den Nationalismus bezeichnet: Der historische Vernunftgrund der späteren EU ist […] der blutig erfahrungsgesättigte Anspruch, den Nationalismus in einer nachnationalen 690 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 691 Ebd. 692 Vgl. hierzu Wehler: Nationalismus, S. 99 ff. 276 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Entwicklung zu überwinden, die durch supranationale Institutio nen organisiert und vorangetrieben werden muss. Mit der OEEC, der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit, wurde 1947 die erste supranationale Institution in Europa geschaffen, unter Kontrolle der USA. Sie verteilte die Mittel des Marschallplans und koordinierte bereits die Wirt schafts- und Finanzpläne der am Marshallplan teilnehmenden Staaten. Das wird heute gerne vergessen: dass es damals nicht einfach nur Unterstützung und Hilfe für diese und jene zerstörte, wirtschaftlich bankrotte Nation gab, sondern dass Wiederaufbau und Wirtschaftswunder der europäischen Staaten we sentlich durch eine akkordierte, supranationale Wirtschaftspolitik möglich gemacht wurde. (DEL 9) Menasse zufolge ist die institutionelle Implementierung der EU damit der entscheidende, historisch vernünftige Entwicklungsschritt: Mit Gründung der OEEC nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Auswüchse des Nationalismus durch ökonomische Verschränkung der Staaten erstmals effektiv unterbunden, nachdem die Hybris nationaler Selbstüberschätzung 1914 und 1939 in einer doppelten und totalen Maschinerie des Krieges kulminierte, in der sich nicht mehr nur noch Armeen dynastischer Herrscher, sondern buchstäblich ganze Volksgruppen untereinander ausgelöscht hatten.693 Als weiteren zentralen Aspekt bei der institutionellen Implementierung der EU hebt Me nasse hervor, dass sich bereits die politischen Eliten der 1940er und 1950er Jahre bei der Gründung der EU entschieden nicht am Willen der Volksmajorität orientierten; was sie darüber hinaus – hier bringt Menasse als Vertreter der repräsentativen Demokratie einen durchaus provokanten Punkt – auch heute nicht tun sollen: „Diese Idee vom Absterben der Nationalstaaten war schon damals nicht mehrheitsfähig, obwohl die verheerenden Erfahrun gen mit dem Nationalismus noch ganz frisch waren und jedem die Konsequenzen nationaler Ekstasen deutlich vor Augen standen.“ (DEL 13) Weiterhin fügt Menasse in Analogie zur Argumentationsstruktur dieser Untersuchung seinen Ausführungen zum Punkt Rationalität versus Majorität über die aktuelle Situation hinzu: „Und so vernünftig diese Idee auch ist, sie kann heute noch weniger mit der Zustimmung der Mehrheit rechnen.“ (DEL 13) Doch gerade deshalb greift Menasse den Nationalismus an, kreuzt mit seinem Essay gezielt durch polemi sche Interventionen die 693 Vgl. hierzu etwa Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. 3. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2007, S. 122 ff. 277VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Neuen Patrioten und ihre feuilletonistisch inszenierten Jubelszenerien, die immer wieder auf die Meinung der Mehrheit der Bevölkerung hinweisen, wenn es um den Erhalt der Nationalstaaten in ihrer aktuellen Formation geht: „Konrad Adenauer und die da maligen politischen Eliten hatten, nach der Erfahrung der jüngst erst gedämpften NS-Begeisterung der Deutschen, mit profunder Desillusionierung erkannt, dass vox populi mitnichten vox Dei ist“. (DEL 12) Wobei die Gründungsväter der EU „schneller als ihre Wähler gelernt“ haben, „dass die institutionalisierten Verfahren der Demokratie zu politischer Verantwortung führen, die dann unabhängig von konjunkturellen Volksstimmungen wahrge nommen werden muss.“ (DEL 12) Denn: „Wären schon damals in der BRD demoskopisch erfasste Meinungen maßgeblich für Regierungsentscheidungen gewesen, die BRD wäre ein Agrarstaat geworden, möglicherweise Kartoffelexportweltmeister.“ (DEL 12) Dabei ist für Robert Menasse in Kompatibilität zur Argumentationsstruktur der vorliegen den Untersuchung besonders am gegenwärtigen Stimmungstrend klar ablesbar, dass „in ganz Europa […] der Trend zur Renationalisierung festzustellen“ ist. Wobei innerhalb der Bevöl kerung „nationales Ressentiment“ gezielt geschürt werde, um „Souveränitätsrechte aus Brüs sel wieder zurückzuholen.“694 Und eins der zentralen Probleme ist heute in Menasses Augen, dass es „eine unglaubliche Feigheit der politischen Eliten“ gibt, „hier Position zu bezie hen.“695 Zudem sind einleitend einige Worte darüber von Interesse, weshalb Robert Menasse seinen Essay (auch dem Titel nach) in die sozialrevolutionäre Flugblatttradition von Georg Büchners Der Hessische Landbote aus dem Jahr 1834 gestellt hat. Denn obgleich Georg Büchner als Autor in der ganzen Streitschrift weder namentlich genannt noch direkt zitiert wird, sticht dem geschichtsbewussten Leser die Analogie der historischen Kontexte von Büchners und Menasses Texten zweifellos ins Auge. Mit seiner Flugschrift Der Hessische Landbote im Jahr 1834 versuchte Georg Büchner als intellektueller Sozialrevolutionär im Fürstentum Hessen die mehrheitliche Bevölkerung niederen Standes unter der Regierungsgewalt von Wilhelm II. für die (durchaus gewaltsame) Einrichtung einer nationaldemokratischen Verfassung mit ega litärem Wahlrecht anzustiften. Büchners Pamphlet richtete sich damals im Sinne einer emanzipatorischen Bildungsbürgerbewegung insgesamt gegen die aristokratische Rechtsordnung in den einzelnen deutschen Fürstentümern; damit trat der junge Student zu gleich für die politi- 694 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“ In: Profil. 24.05.2014. 695 Ebd. 278 Felix Kampel: Peripherer Widerstand sche Einheit des Landes nach dem Vorbild der französischen Revolution ein: „Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten“696, schrieb der gerade einmal zwanzigjährige Büchner in seiner berühmten Flugschrift von 1834: „Deutschland, das jetzt die Fürsten schinden, wird als ein Freistaat mit einer vom Volk ge wählten Obrigkeit wieder auferstehen.“697 Ja, unter Voraussetzung der notwendigen Anstrengungen prognostizierte Büchner sogar eine kurzfristig-apokalyptische Durchsetzung seines bürgerlichen Ideals: „Das ganze deutsche Volk muss sich die Freiheit erringen. Und diese Zeit, geliebte Mitbürger[,] ist nicht ferne.“698 Dabei gehört es heute in der Summe zu den eher unrühmlichen Verläufen der historischen Revolutionsgeschichte Deutschlands, dass das von Büchner angestiftete „deutsche Volk“ nach der Flugblattverteilung alles andere tat, als den unmittelbaren Umsturz der fürstlichen Regie rung zu forcieren. Vielmehr ernüchterte es damals den jungen Georg Büchner ungemein, „daß die Bauern die meisten gefundenen Flugschriften auf die Polizei abgeliefert“699 hatten – eine Revolution folglich keineswegs konsequent durchgeführt wurde, weil sie auf den verknö cherten Widerstand der eigentlichen Adressaten traf. Die zogen es offenkundig vor, sich weiter als Untertanen der deutschen Fürsten ‚schinden‘ zu lassen. Mit seiner apokalyptisch-prophezeienden These also, dass die Zeit „nicht ferne“ war, in der das „ganze deutsche Volk […] sich die Freiheit“ erringt, hatte Büchner sich 1834 in seiner Flugschrift ordentlich verkalkuliert. Bis sich das „ganze deutsche Volk“ erst 1918 – und nur infolge katastrophaler Entwicklungen an den eigenen Fronten im Ersten Weltkrieg – tatsächlich zu einer egalitären Wahlordnung nach französi schem Vorbild durchringen sollte, mussten weitere 84 Jahre vergehen. Entscheidend für Menasse ist in diesem Zusammenhang heute, dass er mit seinem Essay Der Europäische Landbote die ‚Diktatur‘ der modernen Nationalstaaten im Rat der Europäi schen Union ebenso überwinden möchte (vgl. DEL 84) wie Georg Büchner seinerzeit die deutschen Fürstentümer. Aus diesem Grund fordert Menasse analog zu Büchners nationalem Wahlrecht in seinem Essay ein postnationales Wahlrecht, das alle Bürger der Europäischen Union dazu ermächtigt, in ihrer Region politische Abgeordnete 696 Büchner, Georg: Der Hessische Landbote. In: Georg Büchner. Schriften, Briefe, Dokumente. Bd. 2. Hrsg. von Henri Poschmann. Frankfurt a. M.: DKV 2006. S. 53 – 66, hier: S. 55 f. (Im Folgenden im Fließtext zitiert als „DHL“) 697 Ebd., S. 59 f. 698 Ebd., S. 63. 699 Noellner, Friedrich zitiert nach: Poschmann, Henri. In: Georg Büchner. Schriften, Briefe, Dokumente. Bd. 2. Frankfurt a. M.: DKV 2006, S. 844. 279VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) für ein Parlament zu wählen, das Europa künftig von Brüssel aus regieren soll und also nicht mehr von Berlin, Paris, War schau etc. (Vgl. DEL 87 f.) Menasses sehr konkrete Vision eines künftig demokratischen Europas, das von den Nationalstaaten abgekoppelt ist, sieht dabei folgendermaßen aus: Die demokratische Revolutionierung Europas: Die Regionen, die bekanntlich in den meisten Fällen nicht an den ohnehin schon verschwundenen nationalen Grenzen haltmachen, wählen ihre Abgeordneten ins Parlament. Das Parlament wählt die Kommissare und den Kommissionspräsidenten. Die Kom mission, die einzige wirklich europäische Institution, entwickelt die Gesetzesvorlagen und Richtlinien, über die das Parlament dann abstimmt. So können die großen Rahmenbedingungen definiert werden, die Finanz-, Wirtschafts-, Steuerpolitik, das Rechts- und das Sozialsystem. Und was regional entschie den werden kann, bleibt bei den regionalen Parlamenten. Das alles wäre nachvollziehbar, wählbar und abwählbar, würde das Bewusstsein jedes Einzelnen als Europäer stärken und entspräche auch dem wahren Selbstverständnis der Menschen, ihrer wirklichen Identität: Die Menschen sind doch in Wahr heit in ihrer Region verwurzelt, durch das Leben in ihrer Region geprägt. (DEL 88) Die Analogie zwischen Büchner und Menasse muss damit folgendermaßen aufgefasst werden: Wenn Büchner in den 1830er Jahren gegen die Interessen der mehrheitli chen Bevölkerungsteile als demokratischer Vorkämpfer die Überwindung der irrationalen, angeblich durch Gottesgnadentum legitimierten Aristokratie700 anstrebte, dann fordert Menasse ebenfalls als demokratischer Avantgardist analog zu Büchner heute die Überwindung der irrationalen Nationalstaaten gegen die Tendenzen der nationalen Mehrheitsbevölkerung. Denn wie die dynastische Legitimationsgrundlage vom Gottesgnadentum auf der Fiktion eines angeblich göttlichen Willens beruht701, 700 In Büchners Landboten heißt es über die repressive Regierung von Wilhelm II. in Bezug auf das ‚Gottesgnadentum‘: „Das alles duldet ihr, weil euch Schurken sagen: ‚diese Regierung sei von Gott.‘ Diese Regierung ist nicht von Gott, sondern vom Vater der Lügen.“ (DHL, S. 59) 701 Die Doktrin von der Forderung nach der totalen Hörigkeit gegenüber der herrschenden staatlichen Gewalt findet ihre biblische Legitimation etwa in Paulus Brief an die Römer (Röm. 13,1-7.): „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. […] Sie [die 280 Felix Kampel: Peripherer Widerstand so basiert die Ideologie des nationalen Staats auf der Fiktion einer territorialen Nation, die durch die irrationalen Kriterien der homogenen Rasse, Sprache oder Religion legitimiert werden soll und deren mangelhafte Argumentationsbasis heute am offensichtlichsten durch zunehmende Mobilität und fortlaufende Einwanderungen in den multikulturellen Metropolen der europäischen Länder auf eklatante Widersprüche trifft. Doch anders als der damals hoffnungsvolle Georg Büchner kennt Robert Menasse heute die häufig gescheiterte Revolutionsgeschichte in nationalen Zusammenhängen genau. Dabei beruhte die Hoffnung zu oft auf dem Votum der Majorität in einer bestimmten Volksgruppe und kulminierte doch im Chaos; was Menasse zu einer gewissen Skepsis und Distanz gegen- über Mehrheitsentscheidungen veranlasst. Diese Reserve nimmt in Menasses Denkprozessen über Europapolitik einen derart eminenten Stellenwert ein, dass er sie nicht nur in seinem Essay wiederholt zur Sprache gebracht hat. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Misstrauen gegen demokratische Mehrheitsentscheidungen insgesamt, das Robert Menasse immer wieder zementiert, indem er darauf in diversen Interviews eingeht. So heißt es beispielsweise im Mai 2014 gegenüber der österreichischen Wochenzeitung Profil: Eine radikal konsequente Basisdemokratie war der Nationalsozialismus. Da gab es eine buchstäblich überwältigende Mehrheit, die das wollte. Nein, in der Demokratiegeschichte ist die repräsentative De mokratie die große Zivilisationsleistung. Und die demokratiepolitische Frage ist heute nicht, ob man zur plebiszitären Demokratie zurückkehren soll, sondern: Wenn heute die großen Herausforderungen durch nationale Demokratie nicht mehr lösbar sind, dann muss man Mittel suchen, wie man sie doch legiti miert lösen kann. Das geht nur durch transnationale Demokratie.702 In einem weiteren Interview gegenüber der Frank furter Rundschau heißt es korrespondierend zu diesem Argwohn im März 2013: staatliche Gewalt] steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. […] Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre.“ 702 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 281VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Wenn die Zustimmung durch Votum oder stille Duldung per se schon demokratisch wäre, dann wäre der Nationalsozialismus die reinste Basisdemokratie gewesen. Demokratie, das haben wir nach 1945 lernen müssen, ist der Schutz der Minderheit, der Auftrag, mit der Minderheit einen lebbaren Kompro miss zu finden. Demokratie setzt den mündigen Citoyen voraus. Der Citoyen ist aber nie in der Mehrheit. Darum sind alle vernünftigen Demokratiemodelle Systeme zum Schutz der Intelligenz der Minderheit. Das wurde vergessen.703 Und noch einmal behauptet der Autor in einem Interview gegenüber der Zeit, dass er bereits im Jahr 2004 gegeben hatte: Ich fürchte mich ja im gegenwärtigen Stand des allgemeinen Bewusstseins vor nichts mehr als vor De mokratie. Wenn man die Menschen abstimmen lassen würde über wirklich vitale Lebensfragen, hätten wir unter Umständen die Todesstrafe, wir hätten wahrscheinlich sogar Zensur und einen Polizeistaat. Es müssen Bedingungen der Möglichkeit für Selbstbestimmung geschaffen werden.704 Angesichts dieser scharfen Einlassungen braucht der Leser von Menasses politischen State ments sich ebenfalls nicht über seine geradeheraus geäußerte These zu wundern: „Wir wissen, dass das allgemeine öffentliche Bewusstsein nie die Avantgarde war“705, oder: „Der größte Demokratiekiller ist die auf Meinungsumfragen schielende Politik.“706 Mit seinem Essay Der Europäische Landbote hat Robert Menasse überdies zwar innerhalb des intellektuellen Milieus eine Debatte im deutschsprachigen Raum ausgelöst – und damit gleichzeitig die Aufmerksamkeit eines über den reinen Literaturbetrieb hinausragenden Inte ressentenkreises auf sich gezogen.707 Aber in treffender Analogie zu den Neuen Patrioten be merkt 703 Riesbeck, Peter: Einsicht in den Reichtum der Vielfalt. In: Frankfurter Rundschau. 27.03.2013. 704 Schörkhuber, Eva: Wir brauchen Ketzer. In: Die Zeit. 04.03.2004. 705 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 706 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 707 Vgl. hierzu etwa: Weidenfeld, Werner: Die Bilanz der Europäischen Integration 2013. In: Jahrbuch der Europäi schen Integration (2014). S. 13 – 24. Vgl. hierzu ferner das Aufsehen, das Robert Menasse durch die Ver leihung des Preises „Das Politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung für seinen Essay Der Europäische Landbote erzeugt hat. 282 Felix Kampel: Peripherer Widerstand auch Menasse gemäß seiner demokratietheoretischen Skepsis zur demoskopischen Problematik einer gesamteuropäischen Demokratie: [D]as Faszinierende dieser Frage erregt nicht die öffentlichen Gemüter trotz all ihrer Erregungsbereitschaft, ganz zu schweigen von den Massen, die nach mehr plebiszitärer Demokratie rufen, aber damit lieber die Todesstrafe in ihrer Nation durchsetzen wollen, als die Frage zu diskutieren, wie nachnationale Demokratie organisiert sein müsste – eine Frage, die sie wohl für das Problem eines Mondkalbs halten. Und doch ist diese Frage entscheidend für die Zukunft Europas und ihre breite Dis kussion notwendig, um den nötigen politischen Druck herzustellen, der zu einer Reform der europäischen Verfassung, einer Weiterentwicklung des europäischen Projekts und schließlich zur Erfüllung der Versprechen führt, die am Anfang des Wegs so stark waren, dass der Weg überhaupt eingeschlagen werden konnte. (DEL 95) Tatsächlich rückt Robert Menasse mit den bisher zitierten Passagen und Einlassungen end gültig in eine Argumentationskette ein, die analog auch der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegt. Demnach sind die (jüdischen) Vordenker transnationaler Politikmodelle in ihren Urteilen auch in einer Demokratie keineswegs konstitutiv an das Votum der Volksmajo rität gekettet. Besonders sind sie es deshalb nicht, weil aus wissenschaftlicher Perspektive alle Prämissen ins Leere laufen, wenn sie dem argumentativen Zweck dienen sollen, der Imagina tion vom homogenen Raum der Nation eine entsprechende Geltung zu verschaffen. Mit Robert Menasses Worten bedeutet das konkret, dass sich in „der Kritik an den Demokratiede fiziten der EU […] in Wirklichkeit das Unbehagen am schleichenden Verlust einer Identität“ mit der Nation zeigt, „die objektiv ohnehin immer Chimäre war, aber doch die Eliten und das Volk, in Abgrenzung von anderen, innerhalb einer Nation zusammenhalten konnte.“ (DEL 13) Vor dem Hintergrund von Dan Diners und Friedrich Nietzsches Überlegungen zur jüdi schen Diaspora – so lautet die These der vorliegenden Untersuchung – könnten die Schriftsteller Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa bei ihrer Aufklärungsarbeit über die irrationalen Argumentationsfiguren der mehrheitsfähigen Nationalstaatsideologie gerade des halb avantgardistische Pionierarbeit leisten, weil „Juden […] eine transnationale, eine multilingual, vorwiegend urbane Bevölkerung“ sind, was sie im Kontrast zu den Neuen 283VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Patri oten „für eine neue Perspektive auf Europas Geschichte und Zukunft“708 prädestiniert. In der vorliegenden Untersuchung konnte dabei bisher am Beispiel von Maxim Billers Selbstporträt Der gebrauchte Jude gezeigt werden, dass Biller das jüdische Identifikationsmodell explizit einsetzt, um der überholten nationalen Identität im 21. Jahrhundert ein altes Modell im neuen, atheistischen Gewand entgegenzusetzen (vgl. DgJ 12). Darüber hinaus konnte sowohl am Beispiel von Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem als auch am Beispiel von Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt verdeutlicht werden, dass namentlich die Protagonistinnen Anja Buchmann und Mascha Kogan transnationale Lebensmodelle im Raum moderner Metropolen entwerfen, in denen die eindimensionale nationale Identität als überholtes und zur Ausgrenzung tendierendes Modell abgelehnt wird. Mit Robert Menasses Essay Der Europäische Landbote steht schließlich ein offensiv-transnationaler Text im Fokus, in dem die konkrete Vision eines europäischen Politikmodells konzeptualisiert wird, das aus historischen und empirischen Argumenten als Gegenprojekt zum Nationalismus künftig abgeleitet werden soll. Der Kern von Menasses revolutionärem Konzept kann dabei in einer europapolitischen Skizze kurz veranschaulicht werden: Das mächtigste und zugleich problematischste Gremium im Gefüge der Europäischen Union ist seiner Auffassung zufolge neben dem Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission (die beide nur Gesetzesvorschläge ausarbeiten können) der Europäische Rat. Also die Instanz, die sich aus den Staatschefs der nationalen Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten zusammensetzt. Problematisch ist der Europäische Rat nach Menasses Auffassung aus zwei wesentlichen Gründen: Erstens im Hinblick auf seine demokratische Legitimation aus europäischer Per spektive. Denn dieses mächtigste Gremium der Europäischen Union besteht aus den Regierungschefs der einzelnen Nationalstaaten, die nicht von der europäischen Population insgesamt, sondern ausschließlich in den einzelnen Nationalstaaten der EU gewählt werden (also in Frankreich, Polen, Deutschland etc.). Zweitens im Hinblick auf seinen Machtfaktor. Denn der Rat bestimmt einerseits die allgemeinen und politischen Zielvorstellungen und Prio ritäten der EU, andererseits blockiert er gleichzeitig die proeuropäischen Vorschläge der Kommission und des Parlaments, die dadurch in ihrer transnationalen Agenda immer wieder ausgebremst werden können. 708 Diner: Imperiale Residuen, S. 261. 284 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Menasses Antwort auf das Problem mit der zwischengeschalteten Institution des Rats – die aus europäischer Perspektive de facto eine Einrichtung zur Vernichtung der Demokratie ist – lautet daher konsequenterweise: „Der Rat muss weg! Ersatzlos. Zwischen einem Europäischen Parlament, das eine Regierung (die Kommissare) wählt, die den Apparat der Europäischen Kommission zur Verfügung hat, ist logischer- und notwendigerweise kein Platz für eine Institution wie den Europäischen Rat.“ (DEL 94) Anders gesagt: In Europa sollen nationale Landeswahlen (wie die Bundestagswahl in der BRD) künftig durch gesamteuropäi sche Wahlen ersetzt werden. Statt der Bundestagsabgeordneten werden dann Vertreter des ‚europäischen Volkes‘ demokratisch ins EU-Parlament gewählt, das wiederum – ähnlich wie der Bundestag heute – die Regierung der gesamteuropäischen Population in Form von ‚abge ordneten Kommissaren‘ stellt. Wie oben bereits angedeutet, lautet in Anlehnung an das referierte Essaykonzept die These für das vorliegende Kapitel, dass auch Robert Menasse mit seinem Essay Der Europäische Landbote (2012) als Aufklärer aus einer intellektuellen Diasporaposition zu Recht gegen den deutschen Nationalismus anschreibt, der seit der WM 2006 in breiten Teilen der Gesellschaft neuen Auftrieb erhalten hat. Analog zur bisherigen Vorgehensweise ist der Argumentations gang im vorliegenden Kapitel dabei in folgende Arbeitsschritte gegliedert: (2) Im zweiten Teil soll zunächst erneut ein Autorenporträt von Robert Menasse ausgear beitet werden, wobei abermals ein selektiver Blick auf die Frage gerichtet wird, inwieweit das transnationale und sozialkritische Potential von Menasses Texten bisher durch die Forschung erschlossen werden konnte. Ferner soll der zweite Teil dieses Abschnitts auch genutzt werden, um vor dem Hintergrund der Untersuchungsthese noch einmal wesentliche Argu mentationsschwerpunkte zu präsentieren, die dem Konzept von Menasses Streitschrift zugrunde liegen. (3) Im Anschluss wird ein Blick auf die Rezeption des Essays im deutsch sprachigen Feuilleton einerseits zeigen, dass Robert Menasse wegen seines zeitweiligen Sponsors, der Novomantic AG (Wien), zunächst einer scharfen antikapitalistischen Kritik aus den Reihen prominenter Rezensenten ausgesetzt war. Ihren finalen Ausdruck fanden die Attacken der Kritiker bedauerlicherweise in einer Tirade antisemitischer Angriffe gegen Ro bert Menasse durch einen öffentlichen ‚Shitstorm‘, der bald nach der Publikation des Essays im Internet losgetreten wurde. Andererseits wird der Blick auf die Rezeption aber auch verdeutlichen, dass das avantgardistische und sozialrevolutionäre Potential von Robert Menasses Essay bereits vielfach von Kritikern gelobt und entschieden als tragfähiges 285VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Zukunftskonzept für Europapolitik eingestuft wurde. (4) In einem bereits zitierten Interview gegenüber Profil hat Robert Menasse darüber hinaus analog zum Theoriekapitel II der vorliegenden Arbeit angemerkt, dass Menschen, die in aufgeklärten und historischen Zusam menhängen denken, „sich heute nicht mehr so wie früher vor allem über die[] völkischen Identitätsbegriffe Ethnie, Sprache und Religion“ definieren, denn „die Identität jedes Einzelnen hat viel mehr Aspekte.“709 Gemäß dieser grundlegenden These wird im Teil 4 des vorliegenden Kapitels nicht mehr explizit berücksichtigt, wie Menasse in seinem Text die nationalen Homogenitätskriterien: Ethnie, Sprache, Religion und einheitliches Territorium in diversen Einzelfällen auf effektive Weise konterkariert, um auf diese Weise in Bhabhas Sinne die ideologischen Vorgehensweisen zu stören, durch die ‚erfundene Gemeinschaften‘ der Nationen eine essentialistische Identität erhalten.710 Vielmehr wird ein konstruktiver Blick auf Menasses Untersuchung der EU-Kommissionsbeamten ergeben, dass es sich bei diesen Mitarbeitern deshalb explizit um aufgeklärte Europäer als individuelle Gegenmodelle zur heutigen Mehrheitsgesellschaft handelt, weil sie als transnationale Minderheit in ihrem Habitus heute ein progressives Identitätsmodell als Paradigma realisieren, in dem die Identifikation mit dem Herkunftsland des Einzelnen längst keine ernstzunehmende Rolle mehr spielt. 2. Robert Menasse: Ein transnationales Porträt Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren, nach der Trennung seiner Eltern verbrachte er die Schulzeit vorübergehend auf einem Internat in Bad Ischl.711 Seine Mutter Hilda Menasse, geborene Boigner, wurde als Katholikin getauft.712 Sein jüdischer Vater Hans Menasse wurde im Alter von acht 709 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 710 Vgl. Bhabha: DissemiNation, S. 222. 711 Vgl. Beilein: 86 und die Folgen, S. 18. Vgl. ferner: Beilein, Matthias: Robert Menasses poetologisch fundier tes Engagement. In: Poetologisch-poetische Interventionen: Gegenwartsliteratur schreiben. Hrsg. von Alo Allkemper et al.: Fink 2012. S. 349 – 355, hier: S. 349. (Im Folgenden zitiert als „Beilein: Robert Menasses poetologisch fundiertes Engagement“.) 712 Vgl. Mache, Beata: Robert Menasse. In: Metzler Lexikon. Autoren. Deutschsprachige Dichter und Schriftstel ler vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Bernd Lutz und Benedikt Jeßing. 4., aktualisierte u. erweiterte Aufl. Stuttgart u. a.: Metzler 2010. S. 547 – 548, hier: S. 547. (Im Folgenden zitiert als „Mache: Robert Menasse“) 286 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Jahren in einem von Quäkern organisierten Transport von Wien nach Großbritannien geschickt. 1947 kehrte er nach Österreich zurück: Dort wurde er zunächst Fußballprofi bei First Vienna FC 1894 und im Nationalteam der österreichischen National mannschaft, im Anschluss arbeitete er als Pressechef des UIP-Filmverleihs in Wien.713 Nach dem Abitur studierte Robert Menasse Germanistik, Philosophie und Politikwissen schaften, ebenfalls in Wien sowie kurze Zeit in Salzburg und Messina.714 Im Anschluss promo vierte er 1980 mit einer Arbeit über den „Typus des Außenseiters im Literaturbe trieb“.715 Zwischen 1981 und 1988 lebte Robert Menasse in São Paulo, wo er bis 1986 zunächst als Lektor für österreichische Literatur arbeitete. 1986 nahm er dort eine Stelle als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an. Im Zusammenhang mit seinem Lehrauftrag hielt Menasse Seminare über politische und ästhetische Theorien mit einem Schwerpunkt auf den Arbeiten der Autoren Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno.716 1989 kehrte Robert Menasse als freier Schriftsteller nach Wien zurück: „Ich hatte die 80er-Jahre in Brasilien verbracht, war nahe daran gewesen, definitiv dort zu bleiben, hatte mich dann aber doch dazu entschieden, nach Europa zurückzukehren“717, sagt Menasse nachträg lich im Hinblick auf sein heutiges Verständnis vom Kontinent, über den er aus der Ferne besonders während der Jahre in Brasilien entscheidende Erkenntnisse gewonnen habe. „Als ich in Brasilien ankam, herrschte noch Militärdiktatur, allerdings hatte gerade die ‚abertura‘ begonnen, die Öffnung hin zu einem so mühsamen wie dynamischen Übergang in demokrati sche Verhältnisse“718, so Menasse über seinen Lebensweg in der Rede zur Verleihung des Preises „Das politische Buch“, der ihm 2013 für seinen Essay Der Europäische Landbote von der Friedrich-Ebert-Stiftung verliehen wurde: 713 Vgl. Beilein: 86 und die Folgen, S. 18. 714 Vgl. ebd. 715 Rölcke, Michael; Strehlow, Wolfgang: Robert Menasse – Essay. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachi gen Gegenwartsliteratur. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik. Stand: 01.06.2010. (Im Folgenden zitiert als „Rölcke; Strehlow: Robert Menasse – Essay“) 716 Vgl. ebd. Ferner: Beilein: 86 und die Folgen, S. 18. 717 Menasse, Robert: Neue Welt, Alter Stier. Dankesrede. In: Das politische Buch. Dokumentation der Preisverleihung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Berlin: Politische Akademie 2013. S. 34 – 44, hier: S. 35. Der Essay ist ebenfalls in dem folgenden Band abgedruckt: Menasse, Robert: Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa. 2. Aufl. Berlin: Suhrkamp 2014. S. 47 – 56. 718 Ebd., S. 40. 287VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Ich habe Debatten in den Medien verfolgt, die langsam dazu führten, dass immer mehr Menschen auf einer Zukunft bestanden, die nicht durch Nostalgie, durch das Heimweh nach den alten Verhältnissen und der alten Währung definiert war, dann wieder Rückschläge erlebt, Abenteurertum, Populisten, alles in allem eine Dynamik, wie ich sie von Europa nicht kannte.719 Doch eben diese Dynamik ist es, die Menasse in den Debatten um die EU in den letzten Jahren allmählich wieder in Europa zurückkehren sah. Allerdings in einer neuen, wie er meint, weltgeschichtlich nie dagewesenen Dimension: „Europa ist wieder Avantgarde. Hier entsteht, durch Krisen hindurch und von Krisen angetrieben, etwas historisch völlig Neues, nie Dagewesenes.“720 Und mit Blick auf seine kontrastierenden Lebenseindrücke in Brasilien ergänzt er: „Ich habe es in der Differenz zu meinen Erfahrungen mit der Transformationskrise seinerzeit in Brasilien zu verstehen begonnen, oder sagen wir so: Ich habe die Chance gehabt, einen Blick dafür zu entwickeln.“721 Zudem ergänzt Menasse in einem Interview gegenüber der Wiener Zeitung zur europäischen Dynamik, die im Kontext etwa der ‚Griechenland‘-Debatte heute wieder zur Entfesselung gekommen sei: Was wir erleben, ist nichts anderes als eine Reihe von Symptomen einer Transformationskrise: Die Nationalstaaten funktionieren nicht mehr, die Europäische Gemeinschaft noch nicht. In dieser Nicht-mehr/ Noch-nicht-Situation können nur Fortschritte bei der Vergemeinschaftung aus der Krise füh ren.722 Neben dem Umstand, dass Robert Menasse in Brasilien entscheidende Erfahrungen hinsicht lich gesellschaftlicher Transformationsprozesse machen konnte, die den politischen Kämpfen um den Nationalstaat in der heutigen EU ähneln, spielt auch die moderne multinationale Metropole in seiner Perspektive auf Europa eine zentrale Rolle. Ähnlich wie Lena Gorelik, Olga Grjasnowa und Maxim Biller, die in München oder Berlin leben, beschreibt auch der Stadtnomade Robert Menasse die Erfahrung aus dem Lebensraum der Metropole in seinem Essay als zentral: 719 Ebd. 720 Ebd., S. 43. 721 Ebd. 722 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 288 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Mich haben Städte immer fasziniert. Lange Zeit konnte ich nicht schlafen, weil ich mich mit offenen Augen in andere Städte träumte. Mein Leben war mir zu klein, zu eng, zu reglementiert, zu wenig ur ban. […] Ich studierte Literaturgeschichte, im Grunde studierte ich vielleicht ‚die Geschichte der erzählten Stadt‘. Sind die eigentlichen Hauptfiguren der großen Romane nicht oftmals die Städte – Pa ris, London, New York, St. Petersburg, ja sogar (das alte) Wien –, und sind nicht die Städte die wahren Maschinisten der Figuren, von deren Elend und Glück? Ich wollte diese Metropolen nicht besuchen, ich wollte, sobald es die Möglichkeit gab, in ihnen leben, mein Glück machen. (DEL 27 f.) Robert Menasse ist in der Reihe der in dieser Studie erfassten Schriftsteller nicht nur der bekannteste und produktivste, sondern auch derjenige Autor, dessen Gesamtwerk aus literaturwissenschaftlicher Perspektive bisher am breitesten erschlossen wurde. Aufgrund des Umfangs von Menasses literarischen Arbeiten soll hier deshalb anders als im Fall von Biller, Gorelik und Grjasnowa auf eine kurze Darstellung einzelner Publikationen verzichtet werden.723 Ergänzend ist dem hinzuzufügen, dass Robert Menasse alleine drei der zahlreichen Preise in den letzten Jahren explizit für den Essay Der Europäische Landbote überreicht worden sind. Hierzu zählen: Der Donauland-Sachbuchpreis 2013, der Heinrich-Mann-Preis 2013, Das politische Buch 2013 (Friedrich-Ebert-Stiftung). Robert Menasses schriftstellerische Arbeit umfasst zum größten Teil Essays, Romane und Erzählungen, die er Beata Mache zufolge in einem Selbstverständnis als „Bürger und Aufklä rer“724 vorlegt, wobei die „jüdische Perspektive“725 eindeutig eine subordinierte Rolle spiele. Mit einem deutlich 723 Bereits im Jahr 2008 hat Werner Zillig in einer Untersuchung von Menasses Essays aus sprachwissenschaftli cher Perspektive darauf aufmerksam gemacht, dass er „aus Umfangsgründen auf eine Liste mit den Veröffentli chungen Menasses“ verzichtet. Auch deshalb, weil einen „guten Einstieg […], wie fast immer, der Wikipedia-Artikel“ liefere. Siehe: Zillig, Werner: Der Essay unter sprachwissenschaftlichem Aspekt. Am Beispiel einer Auswahl der Essays von Robert Menasse. In: Feuilleton – Essay – Aphorismus: nicht-fiktionale Prosa in Öster reich. Beiträge eines polnisch-österreichischen Germanistensymposiums. Hrsg. von Sigurd Paul Scheichl. Innsbruck: Univ. Press 2008. S. 21 – 43, hier: S. 27. Ein ausführlicherer Eindruck vom Gesamtwerk und den zahlreichen Preisen, die Menasse in den vergangenen Jahren verliehen worden sind, kann ferner sowohl in Matthias Beileins umfangreicher Untersuchung 86 und die Folgen (S. 18 ff.) als auch in Wolfgang Strehlows und Michael Rölckes KLG-Artikel gewonnen werden. 724 Mache: Robert Menasse, S. 574. 725 Ebd. 289VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) anderen Akzent dagegen hat Andrea Reiter Menasses Haltung gegenüber dem Judentum folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: So sehr sich Menasse dem Judentum zugehörig fühlt, die Orthodoxie stößt ihn ab. Weder für das Ge habe von ultraorthodoxen Gruppen, wie den Lubawitschern, noch für ihre irrationalen Gebräuche kann er Verständnis aufbringen. Zu eklatant widersprechen sie einem modernen Weltverständnis, zu sehr beugen sie sich einer lebensfeindlichen Doktrin.726 Andrea Reiter zufolge ist es demnach sehr wohl das (kulturelle) Judentum und eben damit auch die jüdische Perspektive, der Menasse sich durchaus „zugehörig fühlt“. Keineswegs da gegen ist es die Orthodoxie mit ihren religiösen Kulten, da sie in einer aufgeklärten, vom Mystizismus abgewandten und postmarxistischen Weltsicht Reiter zufolge einem zeitgemäßen Weltverständnis eklatant widersprechen. Weiter präzisiert Reiter Menasses Verhältnis zur jüdischen Tradition durch eine Betrachtungsweise des Autors, in der das Moment von sozialpolitischem Widerstand und Kritik einen zentralen Stellenwert einnimmt: „Die Gespaltenheit zwischen dem Sicheinfügen in die fremde Mehrheitsgesellschaft und die nur mehr im Unterbewusstsein vorhandene Prägung durch die jüdische Tradition bezeichnet er“, Robert Menasse, „als ‚radikale Assimilation mit Bewusstseinswiderständen‘.“727 Weiter konsta tiert Reiter treffend über das gesellschaftskritische Bewusstsein bei Menasse: Zur Kritik hat er erklärtermaßen ein geradezu existentielles Verhältnis. Sich mit einem Essay in die öffentliche Debatte einzumischen, begreift Menasse als eine Art ‚Blutspende‘, als notwendige Formu lierung des Offensichtlichen, das entweder niemandem sonst auffällt, oder das niemand anderer auszu drücken wagt. Intellektuelle Faulheit und Einfallslosigkeit wirken auf ihn wie das rote Tuch auf den Stier in der Arena.728 Von entscheidender Bedeutung für die transnationale Profilbildung Menasses ist bei Andrea Reiters Beobachtungen zudem, dass sie in einer kurzen Passage Menasses Schreibarbeit ebenso wie die literarischen Texte von Juden 726 Reiter: Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle, S. 183. 727 Ebd., S. 179. 728 Ebd., S. 182 f. 290 Felix Kampel: Peripherer Widerstand der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust bereits mit den Thesen der literaturtheoretischen Arbeit von Homi K. Bhabha in Verbindung bringt. In direkter Anspielung auf Dan Diner729 konstatiert Reiter in ihrem Auf satz bei diesen Juden eine intellektuelle, entschieden von der Ratio geleitete Distanz zur öffentlichen Meinung, bei der eine offensive Negierung nationalstaatlicher Argumentations muster konstitutiv beobachtet werden könne: Den Krypto-Juden nicht unähnlich, bevölkern Robert Menasse und andere Juden der 2. und 3. Generation in der Diaspora eine Art ‚Dritten Raum‘, wie man ihre Lebenswelt mit Homi Bhabha oder Edward Soja bezeichnen könnte. Als Juden unter Christen, als Linke unter Konservativen, als Intellek tuelle unter ‚Praktikern‘, leben sie als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft, die sie vom Rand her betrachten bzw. kommentieren, und werden dafür von dieser beargwöhnt oder gar gefürchtet und abge lehnt. Da sie nicht mehr national gebunden sind – hoher Lebensstandard und Telekommunikation ermöglichen ihnen eine nie dagewesene Mobilität – hat […] ihr Leben in der Diaspora seine ursprüng lich negative Konnotation verloren.730 Der Behauptung Maches, die „jüdische Perspektive“ spiele für Menasses Sicht auf die moderne Welt bestenfalls eine untergeordnete Rolle, widerspricht ferner Heidi Schlipphacke. Explizit bezeichnet sie in ihrer ausführlichen Untersuchung Nostalgia after Nazism. History, Home, and Affect in German and Austrian Literature and Film Robert Menasse sogar als einen ‚österreichischen Juden‘, womit sie wiederum die halachische Sichtweise in ihrer Perspektive auf den Autor schlicht übergeht: „As an Austrian Jew who spent time teaching in Brazil, Menasse’s perspective on German and Austrian fascism is simultaneously internal and external“731, so Schlipphacke etwa mit Blick auf Menasses Analyse des Faschismus. Dieser Analyse misst Schlipphacke deshalb eine besondere Bedeutung bei, weil Menasse den Faschismus von Brasilien aus längere Zeit auch als externer Beobachter habe analysieren können. So kommt Schlipphacke insgesamt zu dem Ergebnis, dass Menasses sozialkritische Analysen, ja seine ganze Art, literarische Texte zu produzieren, nicht nur einer dezidiert histo rischen Arbeitsweise verpflichtet seien, son- 729 Vgl. ebd., S. 171. 730 Ebd., 181. 731 Schlipphacke, Heidi: Nostalgia after Nazism. History, Home, and Affect in German and Austrian Literature and Film. Lewisburg: Bucknell UP 2010, S. 179. 291VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) dern qualitativ eben durchaus auch einen herausragenden Neuig keitswert hätten: „Menasse’s subtle combination of postmodern citation, historical deconstruction, ironic nostalgia, and nostalgic affect can be seen as historically engaged and yet qualitatively new.“732 Matthias Beilein wiederum kritisiert in seiner Untersuchung zu Schindel, Menasse und Rabinovici scharf die Kategorisierungen „deutsch-jüdische“ oder „jüdische“ Literatur, Iden tität, Autoren etc.733 Denn solche operativen Zuweisungsversuche prä sup po nieren Beilein zufolge einen Essentialismus, der als einheitliche Kategorisierung ‚objektiv‘ natürlich nicht gewährleistet sei: „Begriffe wie ‚jüdische Literatur‘ […] stellen keine Kategorisierung nach objektivierbaren, distinktiven Merkmalen dar, sondern sind Kanonisierungsversuche oder Eti kettierungen, die […] nicht von den Autoren selbst stammen[.]“734 Im Hinblick auf die hier zur Debatte stehende Frage, ob Menasse nun als ‚jüdischer Autor‘ im weiteren Sinne bezeichnet werden kann oder nicht, hebt Beilein den Umstand hervor, dass man von einer (definitionsmäßigen) jüdischen Identität bei Menasse jedenfalls nicht sprechen könne. Doch trotz seiner berechtigten Kritik am Essentialismus ist Beilein andererseits ge zwungen, anzuerkennen, dass es in Deutschland und Österreich unter anderem mit Menasse durchaus Autoren gibt, die sich im Kontrast zur deutschen und österreichischen Mehrheitsge sellschaft explizit mit den jüdischen Vorfahren ihrer Familiengeschichte produktiv auseinandergesetzt haben. Das freilich hat in der Literatur individuelle Konsequenzen, die ihre Gemeinsamkeit aber eben doch in der Auseinandersetzung mit dem familiär bedingten Judentum finden. Bei Beilein, der essentialistische Termini über ‚die Juden‘ aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen vermeiden will, klingt das so: Robert Schindel, Robert Menasse und Doron Rabinovici sind drei österreichische Schriftsteller; daß sie alle drei außerdem einen jüdischen Familienhintergrund haben, verbindet und trennt sie zugleich, denn von einer ‚jüdischen Identität‘ lässt sich bei diesen Autoren aufgrund der individuellen Auseinanderset zung mit dem jüdischen Anteil ihrer Identität nicht sprechen. Was sie verbindet, ist, daß sie als Juden wahrgenommen werden und daß sie von der Geschichte zu Angehörigen einer 732 Ebd. 733 Vgl. ausführlich: Beilein: 86 und die Folgen. Kap. 3.: Jüdische Identität und Integrität. 734 Beilein: 86 und die Folgen, S. 251. 292 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Schicksalsgemeinschaft gemacht worden sind: Als Überlebende und als Kinder und Verwandte von Opfern der Shoah.735 An genau dieser Stelle kommt damit einmal mehr – wie sich im Folgenden genauer zeigen wird – der These von Stephan Braese über das Ende der ‚deutsch-jüdischen Symbiose‘ eine erweiterte Funktion zu. Allgemein fällt in der bisherigen Betrachtung jedoch zunächst auf, dass tatsächlich keiner der in dieser Studie untersuchten Autoren ein näheres Verhältnis zum orthodoxen Judentum aufweist. Im Gegenteil bietet das Judentum den Autoren Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa tatsächlich eher im Sinne einer kulturellen Gemeinschaft eine Identifikationsmöglichkeit, die sich gemäß Beilein auf eine einheitliche Definition oder auf ein Bündel von gemeinsamen Merkmalen in der Tat nicht herunterbrechen lässt. Gleichwohl ist diesen vier Schriftstellern aber zweierlei gemeinsam. Erstens: Sie alle las sen auf unterschiedliche Weise erkennen, dass – im scharfen Kontrast zu den Neuen Patrioten – die Doktrin vom deutschen Nationalstaat in ihren Texten auf einen starken Widerstand mit je individueller Ausprägung trifft, was tatsächlich auf historische Kontinuitätslinien innerhalb des kulturellen Judentums spätestens seit Heines Deutschlandpolemiken 735 Ebd., S. 259. An diesem Punkt könnte man Matthias Beilein in seiner (sicherlich berechtigten) Versiertheit gegen den Essentialismus die Frage stellen, wie er dazu kommt, Menasse als einen „österreichischen Schrift steller“ zu bezeichnen, wo Menasse doch explizit ein europäisches, nicht an den Nationalstaat Österreich gekoppeltes Selbstverständnis offensiv zur Schau trägt. Beileins Schwierigkeiten mit der „jüdischen“ Identität oder den „jüdischen“ Autoren etc. scheinen mir vielmehr von grundsätzlicher Natur zu sein: In Anlehnung an Ludwig Wittgenstein ist der Essentialismus ein notwendiges Problem, da es immer wieder Einzelfälle gibt, die sich bestimmten Wesensdefinitionen entziehen, sodass allgemeine Kategorisierungsversuche an einem be stimmten Punkt ins Leere laufen. (Vgl. Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus [u. a.]. Werkaus gabe Bd. 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006, S. 239 §3, S. 299 f. §113, S. 277 f. § 66 ff.) In der Forschung ist meines Wissens aber bisher beispielsweise Dan Diners Beobachtung, „die Juden“ seien „ein europäisches Volk per se“ aus guten Gründen noch nicht widersprochen worden, obgleich das in der Einleitung der Untersuchung aufgezeigte Beispiel von Alain Finkielkrauts Einsprüchen gegen die europäische Identität zeigt, dass mitnichten „die Juden“ proeuropäische Einstellungen vertreten. Mit anderen Worten: Auch wenn essentialistische Kategorisie rungsversuche an einem bestimmten Punkt zu unproduktiven Übergeneralisierungen führen, stellt sich die Frage, ob man auf diese allgemeinen Kategorisierungsversuche wie „jüdische Literatur“, „französische Literatur“, „Literatur der Romantik“ etc. grundsätzlich verzichten sollte. Die Antwort lautet nach meiner Auffassung nein, weil die analytische Kraft von Kategorisierungen im essentialistischen Modus bis zu einem bestimmten Punkt – der freilich nicht überstrapaziert werden darf – keineswegs bestritten werden kann. 293VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) schließen lässt. Zweitens: Gerade mit Stephan Braeses Hinweis (zunächst in Bezug auf Olga Grjasnowa) fällt auf, dass alle vier Autoren – also Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa – die ‚jüdische Er fahrung‘ von Vernichtung und Vertreibung als universelle Erfahrung zum Movens ihrer Schreibarbeit machen, um durch diese Erfahrung auf aktuelle Probleme hinzuweisen, die un mittelbar mit dem Nationalismus verbunden sind. In Robert Menasses Essay Der Europäische Landbote verdichtet sich die gleichsam existentielle Verknüpfung von Vernichtungserfahrung und Resistenz gegenüber der nationa len Doktrin buchstäblich in folgender Anmerkung: Und wer sich das alles [die Überwindung der Nationalstaaten] nicht vorstellen kann, der soll zumindest versuchen, sich vorzustellen, was Auschwitz bedeutet. Und was dies bis heute und auf ewig für uns bedeutet. Und warum jeder europäische Kommissionspräsident seit der Gründung der Europäischen Kommission seinen Amtsantritt mit einer Reise nach Auschwitz beginnt. Da werden die Nationalisten gleich wieder höhnisch rufen: „Jetzt kommt er wieder mit der Faschismuskeule!“ Der Faschismus ist die Keule, nicht die Erinnerung an ihn. (DEL 102) Insbesondere auf die sozialkritischen Aspekte, die in Robert Menasses literarischer Schreibarbeit einen eminenten Stellenwert einnehmen, ist innerhalb der Forschung in den vergangenen Jahren wiederholt auf unterschiedliche Weise aufmerksam gemacht worden.736 Dabei erweist sich bei einem transnationalen Porträt-Entwurf Menasses der genauere Blick auf einige pronon- 736 Neben den Untersuchungen, auf die im Folgenden explizit im Zusammenhang mit der hier relevanten Fragestel lung genauer eingegangen wird, zählen zu entsprechenden Beiträgen in jüngster Zeit: Jabłkowska, Joanna: Kein gewaltiger Schmerz mehr: die geborenen Enkel. Großeltern und Enkelkinder in der österreichischen Literatur um die Jahrtausendwende. In: Zwischen Aufbegehren und Anpassung. Poetische Figurationen von Generationen und Generationserfahrungen in der österreichischen Literatur. Hrsg. von Joanna Drynda. Frankfurt a. M.: Lang 2012. S. 293 – 308, hier: S. 307. Ferner: Kwiecińska, Grażyna: Die gescheiterten Epigonen der 68er-Revolution im Ro man Don Juan de la Mancha von Robert Menasse. In: Zwischen Aufbegehren und Anpassung. Poetische Figurationen von Generationen und Generationserfahrungen in der österreichischen Literatur. Hrsg. von Joanna Drynda. Frankfurt a. M.: Lang 2012. S. 221 – 229. Ferner: Kupczyńska, Kalina: Anstatt „lobpreisender Mono loge“. Kathrin Röggla, Robert Menasse und alte Aufgaben neuer Literatur aus Österreich. In: Gedichte und Geschichte. Zur poetischen und politischen Rede in Österreich. Beiträge zur Jahrestagung der Franz-Werfel-StipendiatInnen am 16. und 17. April 2010 in Wien. Hrsg. von Arnulf Knafl. Wien: Praesens 2010. S. 209 – 221, hier: S. 214. 294 Felix Kampel: Peripherer Widerstand cierte Forschungspositionen als lohnenswert, um zunächst besonders die Per spektive für das kontroverse Potential des Autors Robert Menasse weiter zu schärfen. Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann kommentiert Menasses oft auf Pro vokation angelegte Haltung in einem vielbeachteten Essay exemplarisch mit den folgenden Worten: „Menasse macht das, was von einem Intellektuellen immer erwartet wird – aber wehe, er tut es dann: er mischt sich ein, kommentiert, kritisiert und glossiert“. Das wiederum hat nach Liessmann freilich kontroverse Haltungen gegenüber Menasse zur Folge: „Keine Frage, daß diese Arbeiten […] Menasse zu einer bekannten, aber auch umstrittenen Figur ma chen.“737 Weiter heißt es bei Beata Mache im Kontext von Menasses sozialkritischer und nicht unumstrittener Arbeitsweise: „Mit seinem literarischen Werk und seinem politischen Engagement gilt Menasse in Österreich als einflussreicher und kontrovers diskutierter Intellektueller.“738 Zudem verweisen Wolfgang Strehlow und Michael Rölcke auf den Um stand, dass Menasse im nationalen Kontext und damit in breiten Teilen der österreichischen Öffentlichkeit durchaus ein Ruf als „Nestbeschmutzer“739 vorauseile. Gemeint ist damit auch der Umstand, dass Menasse nicht davor zurückscheut, politische Akteure und Institutionen des eigenen Landes öffentlich in Frage zu stellen, wie er es beispielsweise in einem Interview zum Nationalismus gegenüber dem Kurier im Jahr 2012 getan hat: „Ich bin entsetzt über Äu ßerungen des Vizekanzlers, der davon träumt, Griechenland aus der Euro-Zone zu werfen. Gott schütze Europa vor dem, was sich in Österreich ‚Europapartei‘ nennt!“740 In einer Untersuchung zum Umgang mit dem Heimat-, Verantwortungsund Vergangenheitsverständnis bei den Autoren Josef Haslinger, Christoph Ransmayr und Robert Menasse rechnet Andreas Stuhlmann Menasse ferner zu „den wichtigsten Autoren Nach kriegsösterreichs“.741 Denn neben 737 Liessmann, Konrad Paul: Laudatio zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Kulturpublizistik an Robert Menasse am 12. Mai 1999. In: Menasse, Robert: Dummheit ist machbar. Begleitende Essays zum Still stand der Republik. Wien: Sonderzahl 1999. S. 160 – 176, hier: S. 165. (Im Folgenden zitiert als „Liessmann: Laudatio“) 738 Mache: Robert Menasse, S. 547. 739 Rölcke; Strehlow: Robert Menasse – Essay. 740 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie.“ In: Der Kurier. 14.09.2012. 741 Stuhlmann, Andreas: Heimat, Vergangenheit, Verantwortung: Haslinger, Ransmayr, Menasse. Ein Tripty chon. In: Fünfzig Jahre Staatsvertrag: Schreiben, Identität und das unabhängige Österreich. Hrsg. von Gilbert J. Carr und Caitríona Leahy. München: Iudicium 2008. S. 117 – 135, hier: S. 117. 295VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) den beiden erstgenannten sei auch Robert Menasse „vielgelesen, vielfach ausgezeichnet und übersetzt, aber auch […] ästhetisch wie politisch heftig umstritten.“742 Zudem bemerkt Stuhlmann zur kontroversen Rolle, die alle drei Autoren in öffentlichen Debatten wiederholt einnehmen: Einen Gutteil dieses Streits provozieren diese Autoren immer wieder selbst durch polemische Interven tionen im Diskurs um die Identität in der zweiten österreichischen Republik, die Konstruktion eines neuen Heimat-Begriffs und die damit einhergehende Verwertung der österreichischen Geschichte seit dem Untergang der ersten Republik im sogenannten ‚Anschluss‘.743 Entscheidend für Stuhlmann ist dabei besonders die exzentrische Rolle des nicht national denkenden Außenseiters, die die Autoren Haslinger, Ransmayr und Menasse als Minorität in den öffentlichen Diskurs einbringen. Denn diese Autoren „haben sich ihre Position zur Hei mat z. T. gegen dominante, ideologisch kontaminierte Modelle […] erschrieben.“744 Zudem machen die drei Schriftsteller Stuhlmann zufolge die Gesellschaft auf notwendige, noch off ene oder zu führende Diskurse aufmerksam, die in der Öffentlichkeit nur ungern zur Sprache gebracht werden: „Die Last der Geschichte mag lästig geworden sein, deshalb bleiben die Provokationen Haslingers oder Menasses notwendig“, da „die Last der Erinnerung […] Op fern wie Tätern nicht zu nehmen“745 ist. Stuhlmann begreift Menasse konsequenterweise damit als einen Autor, der durch die Mittel der Literatur „die fragwürdigen Gewissheiten archivierter und kanonisierter Geschichtsbilder, die Lügen und Deckerinnerungen in der Spra che, aber auch in Gemälden, Fotografien und Fernsehbildern in Frage“746 stellt. Im Zusammenhang mit Menasses medienkritischen Positionen verweist zugleich noch einmal Konrad Paul Liessmann darauf, dass in modernen, massenmedial gelenkten Gesell schaften die Rolle des Intellektuellen konstitutiv in einer Hinterfragung des Materials bestehe, das durch die informierende Pressearbeit geliefert wird; wobei Menasse dieser Rolle in ausgezeichneter Weise gerecht werde: „Das Verhältnis des Intellektuellen zur Gesellschaft hat sich im Zeitalter der totalen Medienmobilisierung radikal gewandelt, und 742 Ebd. 743 Ebd. 744 Ebd., S. 119. 745 Ebd., S. 134. 746 Ebd., S. 135. 296 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Robert Menasse repräsentiert diese Entwicklung genauso wie seine Arbeiten ein ständiger Einspruch dagegen sind.“747 Tatsächlich ist diese Beobachtung auch unmittelbar im Zusammenhang mit den Debatten um seinen Essay Der Europäische Landbote feststellbar. Entsprechend kritisiert Menasse die nationalen Medienkanäle in seinem Essay nicht nur explizit für die Art, wie die europäische Gesellschaft heute über die aktuelle Europapolitik (des-) informiert wird.748 Im Interview gegenüber Profil beschreibt Menasse diese problematische Art der medialen Dar stellung vielmehr so: Die EU-Institutionen haben die sinnvolle Aufgabe, in transnationale Prozesse, die stattfinden, ob wir das wollen oder nicht, durch transnationale Politik gestaltend einzugreifen – aber informiert werden wir darüber nur über nationale Medien. Darin liegt das Kommunikationsproblem.749 An einem anschaulichen Beispiel präzisiert Menasse dann dieses „Kommunikationsproblem“ mit der folgenden Schilderung: Ich saß nach einem Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs im Pressezentrum ne ben dem Korrespondenten einer gro- ßen deutschen Zeitung. Ein blendend informierter, europapolitisch sehr erfahrener Mann. Er hatte gerade seinen Artikel, damals über den Rettungsschirm, durchgegeben. Wir tranken Kaffee und diskutierten, da bekam er die Antwort der Chefredaktion, er solle den Artikel neu schreiben, mit Fokus auf die Frage: „Was kostet das uns Deutsche?“ Mit diesem Blickwinkel ist Einsicht in Europapolitik nicht mehr möglich, aber er schürt Ressentiment.750 Beata Mache zufolge steht ferner die Erkenntnis der sozialen Wirklichkeit in politischen Zu sammenhängen explizit im Zentrum von Menasses essayistischen Arbeiten: „Die Frage, ‚wie die Welt ist, in die ich die Kunst entlasse‘ sieht Menasse als notwendige Neubestimmung der Aufgaben einer Literatur, die nicht vor Politik resigniert.“751 Dieser politische Perspektivenschwerpunkt wird in Menasses Arbeiten stets von linksintellektuellen Basis- 747 Liessmann: Laudatio, S. 161. 748 Vgl. DEL, S. 32, S. 39 f., S. 42, S. 56. 749 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 750 Ebd. 751 Mache: Robert Menasse, S. 548. 297VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) argumenten unterfüttert. Entsprechend verweisen Wolfgang Strehlow und Michael Rölcke darauf, dass die marxistisch inspirierten Gesellschafts- und Literaturkritiker Benjamin, Lukács und Adorno nicht nur im Zusammenhang mit Menasses Lehre an der Universität São Paulo eine zentrale Rolle gespielt haben, sondern dass diese Autoren darüber hinaus auch für Menasses „eigene Romanproduktion relevant sind“752. Weiter machen Strehlow und Rölcke darauf aufmerksam, dass Menasse in der Vergangenheit immer versucht habe, das Verständnis einer engagierten, politisch verpflichteten Literatur und Publizistik neu zu justieren: Mit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen „Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung“ (2006) versucht Menasse, den Begriff des Engagements für die Gegenwart wiederzubeleben, und gibt allen Globalisierungsgegnern eine fulminante Kritik des entfesselten Kapitalismus an die Hand. Da er Lite ratur als gültigen und bleibenden Ausdruck der Zeit versteht, sei es Aufgabe einer Poetikvorlesung, dem Hörer und Leser wieder zu einer Mündigkeit zu verhelfen, die ihn dazu befähigt, bewusst die Gegen wart zu gestalten, die Dingwelt wieder mit Menschen zu besiedeln. Dichtung, so Menasse, ist Verdich tung der Zeit und muss gleichzeitig Trotz gegen die Zeit und Nichtanerkennung der gesellschaftlichen Lebensorganisation und ihrer Erscheinungsformen sein, wenn sie sich ihrer Funktion bewusst werden will.753 Andrea Reiter kommt überdies in einer gruppenspezifischen Beobachtung der ‚jüdischen Intellektuellen‘ als ‚Linke und Kommunisten‘ auch im Zusammenhang mit Menasse auf eine Analogie zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sprechen: „Für die jüdischen Studenten, die sich im Zuge der Studentenbewegung um 1968 politisierten, stellten radikal linke Gruppierungen ähnlich willkommene Identifikationsflächen dar wie der Kommunismus für manche assimilationswilligen Juden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.“754 Folglich macht Robert Menasse, der sich im unmittelbaren Nachraum der 68er-Generation als Student tatsächlich in marxistischen Arbeitskreisen und trotzkistischen Studentengruppen enga gierte755, 752 Rölcke; Strehlow: Robert Menasse – Essay. 753 Ebd. 754 Reiter: Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle, S. 177. 755 Vgl.: Menasse, Robert: „Ich bin kein 68er, sondern ein 89er“. In: Der Standard. 20.08.2009. Vgl. ferner: Beilein: Robert Menasses poetologisch fundiertes Engagement, S. 349. 298 Felix Kampel: Peripherer Widerstand aus seiner linksintellektuellen Grundhaltung kein großes Geheimnis. Etwa, wenn er jedem interessierten Leser auch heute dringend als Lektürevorschlag das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels öffentlich empfiehlt, wie im März 2004 in einem Interview gegenüber der Zeit756; obgleich eine Distanz zur These von der Diktatur des Proletariats in Menasses Ausführungen inzwischen klar erkennbar ist.757 Nichtsdestotrotz kon statiert, genauer gesagt: prognostiziert Menasse gemäß seiner linksintellektuellen Dispo sition auch in seinem Essay Der Europäische Landbote, dass nach der Überwindung des Nationalismus in Europa noch lange nicht ausgemacht ist, in welcher Form, in welchen Produktionsverhältnissen, die Menschen auf diesem Kontinent letztlich wirtschaften wollen oder wirtschaften werden, es ist nur eines in der Idee der EU und ihrer Implementierung in der Realität angelegt: dass sie zunehmend solidarischer wirt schaften müssen. (DEL 76) Zur engagierten Literatur hat Robert Menasse heute gleichwohl ein durchaus distanziertes Verhältnis, das nicht einfach im Sinne einer hegelschen Dialektik missverstanden werden darf. Die Geschichte der Menschheit, so Menasse, entwickelt sich nicht auf ein bestimmtes Ziel oder Telos hin, das mit den Mitteln der Vernunft praktisch in die Realität eingesetzt wer den könne. Im Interview gegenüber der Zeit positioniert sich Menasse wie folgt: Alle engagierten Intellektuellen sind einmal davon ausgegangen, dass es eine Vernunft in der Geschichte gibt. Diese Vernunft, die hinführen soll auf ein Geschichtsziel oder auf eine vernünftige Gesellschaftsordnung, erleidet zwar immer wieder Rückschläge, aber letztendlich gibt es eine historische Vernunft, und man muss sie mittragen, sie unterstützen, sie anschieben. Dieser Glaube ist vollkommen verloren gegangen. Es gibt meines Wissens niemanden mehr, der seriös davon ausgeht, dass es so was wie Vernunft in der Geschichte und ein Geschichtsziel gibt. Es gibt das Ziel nicht, und es gibt den Träger der historischen Vernunft nicht mehr.758 756 Schörkhuber, Eva: Wir brauchen Ketzer. In: Die Zeit. 04.03.2004. 757 Ebd. 758 Ebd. 299VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Dennoch fordert Menasse eine radikale und durchaus destruktive Opposition gegenüber Haltungen, die in der Öffentlichkeit als unhintergehbare Wahrheiten proklamiert und gehan delt werden. Seiner Auffassung zufolge besteht in dieser Gegenwehr sogar die Essenz, die das Handwerk des engagierten Gegenwartskünstlers auszeichnet: Man kann nur zurück an den Punkt, wo man nichts anderes ist als ein Ketzer und Häretiker. Ich glaube, dass wir die neuen alten Begriffe für uns wiederentdecken müssen, dass Kunst einfach momentan – gesellschaftspolitisch gesehen – keine andere Chance und keine andere Funktion haben kann als Ketze rei und Häresie. Solche Ketzer wachsen heran, wir finden sie etwa bei den Globalisierungskritikern.759 Engagierte Literatur bedeutet für Menasse jedoch auch, dass neben den destruktiven, ketzeri schen Momenten zugleich immer auch konstruktive Ideen an den öffentlichen Raum adressiert werden müssen: „Man muss Alternativen eröffnen, sie zu denken versuchen, weil nur das Denken in Alternativen ein freies Denken ermöglicht und damit auch die Entwicklung eines Bewusstseins, das nicht alles hinnimmt, was von selbst passiert.“760 Außerdem konsta tiert Menasse zur Denkaufgabe der Intellektuellen mit Blick auf praktische Fragen der gesellschaftlichen Organisation: „Ich glaube, dass man einfach das System neu denken muss.“761 Schon früh kündigt sich damit im Kontext von Menasses explizit engagiert-visionärem Literaturverständnis an, dass etwa das politische System der BRD gewiss nicht für das einzige gesellschaftliche Organisationsmodell gehalten werden muss, das im Hinblick auf eine europäische Zukunftspolitik gedacht werden könne: „Es gibt schon innerhalb Europas so große Unterschiede in den demokratischen Systemen, dass es lächerlich ist zu glauben, nur das unsrige sei die einzige Möglichkeit.“762 Gleichwohl sollte in diesem Zusammenhang keineswegs die Tatsache umgangen werden, dass inzwischen sowohl Matthias Beilein als auch Antje Büssgen in ihren Untersuchungen jeweils darauf aufmerksam gemacht haben, dass Menasse zwar „zu den wenigen deutschspra chigen Intellektuellen“ gehört, „die sich essayistisch mit dem europäischen Einigungspro- 759 Ebd. 760 Ebd. 761 Ebd. 762 Ebd. 300 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zess auseinandersetzen.“763 Zugleich ist aber auch beobachtet worden, dass Menasses Haltung zur heutigen Europapolitik in zwei klar voneinander abgegrenzte Phasen eingeteilt werden müsse – zunächst in eine ausgesprochen EU-skeptische Phase; und seit 2010 schließlich in eine aus gesprochen EU-affirmative: „Zunächst bezieht er [Menasse] […] eine globalisierungskritisch fundierte, ausgesprochen europakritische Position, die in erster Linie auf die Demokratiedefizite in der Entscheidungsfindung der Europäischen Union abzielt.“764 Doch für die zweite Phase konstatiert Beilein in Analogie zu Büssgen treffend: Als Menasse […] 2010 für mehrere Monate nach Brüssel zieht, ändert sich indes seine Einstellung zur EU. Seine Kritik an der Entscheidungsfindung behält er zwar grundsätzlich bei, allerdings zeigt er sich nunmehr beeindruckt von der Professionalität der Brüsseler Administration[.] […] Das Problem sei im Grunde nicht das Demokratiedefizit der EU, sondern der an nationalstaatliche Paradigmen gebundene Demokratiebegriff, den es im Interesse eines europäischen Gemeinwohls einer postnationalen Konstel lation zu überwinden gilt.765 Mit seinem Essay Der Europäische Landbote hat Robert Menasse gemäß seinen ketzerischen Überlegungen zur Funktion der engagierten Literatur schließlich eine denk- und realisierbare Utopie vom künftigen Europa vorgelegt, in der dieser Positionie rungswandel berücksichtigt werden muss. Menasses Idee ist dabei nach wie vor eng mit den Vorstellungen verflochten, die wir auch heute als eine emanzipatorische Demokratiebewe gung bezeichnen würden. Als Architekt einer neuen politischen Gesellschaftsordnung auf dem europäischen Kontinent schwebt Menasse dabei folgender, schon einmal in etwas abweichender Form skizzierter Grundriss vor: 763 Beilein: Robert Menasses poetologisch fundiertes Engagement, S. 354. Vgl. hierzu ferner: Büssgen, Antje: Der Europa-Diskurs von Intellektuellen in Zeiten der Krise. Zu Robert Menasses und Hans Magnus Enzensber gers Europa-Essays der Jahre 2010 – 2012. In: Der literarische Europa-Diskurs: Festschrift für Paul Michael Lützeler zum 70. Geburtstag. Hrsg. von Peter Hanenberg und Isabel Capeloa Gil. Würzburg: Könighausen & Neumann 2013. S. 193 – 215, hier: S. 200 f. (Im Folgenden zitiert als „Büssgen: Der Europa-Diskurs von Intel lektuellen in Zeiten der Krise“) 764 Beilein: Robert Menasses poetologisch fundiertes Engagement, S. 354. 765 Ebd., S. 354 f. 301VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Die Regionen wählen ihre Abgeordneten ins Europäische Parlament. Die Abgeordneten wählen die Kommission. Und die schafft die Rahmenbedingungen − ich betone Rahmenbedingungen. Europa muss nicht alles regeln. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen können die frei assoziierten Regionen in der großen Res Publica Europa gemäß ihrer Traditionen, Mentalitäten, Interessen ihre subsidiäre Demokra tie entfalten.766 Stark kritisiert Menasse in diesem Sinne insbesondere das moderne Wahlrecht. Kein wirklich tragendes Argument spricht seiner Auffassung nach im modernen Europa des 21. Jahrhun derts noch dafür, dass Wahlen im territorialen Raum einer imaginierten Nation abgehalten werden; die Nationalstaaten führten vielmehr ein letales Dasein: „Der Nationalismus stirbt ab, mittelfristig kann man auch die nationalen Parlamente abschaffen.“ (DEL 88) Doch „das Problem ist: Alle Erfahrungen, die wir mit Demokratie haben, leiten sich von den Erfahrun gen und Gewohnheiten ab, die wir mit nationalen Demokratien haben. Die EU aber ist ein nachnationales Projekt, das muss zu einem ganz anderen System führen.“767 Und weiter heißt es: Warum die Menschen immer nur die Fiktion nationaler Interessen wahrnehmen, hat auch mit dem de mokratischen System in Europa zu tun. Alles, was wir wählen können, bis hin zum EU-Parlament, kann man nur auf nationalen Listen wählen. Ein Politiker weiß also, dass er, um gewählt zu werden, die Fiktion der Verteidigung nationaler Interessen aufrechterhalten muss.768 Doch gerade diese Fiktion von der Verteidigung angeblich nationaler Interessen, die deshalb Fiktion ist, weil die Idee des homogenen Volkes weder in Bezug auf das Kriterium der Rasse noch der Sprache noch der Religion haltbar ist, greift Menasse entschieden an: „Ich verlange mehr politische Fantasie! Es geht heute um die Frage, wie etwas historisch völlig Neues, wie eine nachnationale Demokratie aussehen könnte. Diese Diskussion muss 766 Riesbeck, Peter: Einsicht in den Reichtum der Vielfalt. In: Frankfurter Rundschau. 27.03.2013. 767 Luciano, Ferrari von; Odehnal, Bernhard: „Europa wird sehen: Im Grunde sind wir alle Schweizer!“ In: Tagesanzeiger. 26.10.2012. 768 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 302 Felix Kampel: Peripherer Widerstand nun endlich geführt werden.“769 Nicht die Auflösung des Nationalstaats ist dabei das, wovor die Menschen sich Menasse zufolge eigentlich fürchten sollten. Im Grunde sind es die (keineswegs nur rechtsori entierten) Politiker, gegen die die Wut des Demos sich eigentlich zu richten habe: „Die ‚Welt von gestern‘ ist durch den Irrationalismus der Herrschenden untergegangen, die Welt von heute kann an der Feigheit der Regierenden scheitern.“770 Die immer wieder – besonders unter intellektuellen EU-Kritikern – aufkeimende Debatte, Europa fehle ein einheitliches Narrativ, durch das sich die Menschen als miteinander vereint betrachten könnten, weist Menasse entschieden zurück: „Ich halte diese Debatte für Unsinn. Europa braucht kein neues Narrativ. Das Narrativ Europas ist nichts anderes als die Einsicht in den Reichtum der Vielfalt.“771 Dabei trifft Menasse insofern einen entscheidenden Punkt, als sich natürlich auch in heutigen Nationalstaaten keine zwei Menschen gleichzeitig auffin den lassen, die ad hoc eine einheitliche Version von dem nationalen Narrativ ihres Staates, also beispielsweise von Deutschland, erzählen können. Milan Kundera hat den offenkundigen Mangel an Verständigung der einzelnen Mitglieder einer Nation über ihr einheitliches Narra tiv in seinem Romanklassiker Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins anschaulich zum Ausdruck gebracht. Der Leser folgt im Roman eine Zeitlang den Gedankenläufen der Künst lerin Sabina, deren exzentrische Positionierung außerhalb der Nation Kundera mit den Worten charakterisiert: „Sie will nicht, und sie wird nicht in der Reihe stehen! Sie wird nicht immer mit denselben Leuten, die immer dasselbe reden, in einer Reihe stehen!“772 Infolge des Prager Frühlings 1968 ist Sabina nach Genf immigriert, wo es zu einem enttäuschenden Treffen mit weiteren Exilpragern kommt; und nach dessen Beendigung fragt sich Sabina über die hetero genen Vorstellungen zur Einheit der Nation mit dem Leser, warum sollte sie [Sabina] überhaupt mit Tschechen verkehren? Was verband sie mit ihnen? Die Land schaft? Wenn alle hätten sagen müssen, was sie sich unter Böhmen vorstellten, so wären die Bilder, die vor ihren 769 Luciano, Ferrari von; Odehnal, Bernhard: „Europa wird sehen: Im Grunde sind wir alle Schweizer!“ In: Tagesanzeiger. 26.10.2012. 770 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 771 Riesbeck, Peter: Einsicht in den Reichtum der Vielfalt. In: Frankfurter Rundschau. 27.03.2013. 772 Kundera, Milan: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Frankfurt a. M.: Fischer 1984, S. 95. 303VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Augen entstünden, ganz verschieden und würden niemals eine Einheit bilden. […] Das Wesen des Tschechentums, sagte sich Sabina, ist für sie ein Häufchen Asche, sonst nichts.773 Was genau – außer „ein Häufchen Asche“, um im Bild zu bleiben – ist also das einheitliche nationale Narrativ beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland, in dem sein Wesen zum Ausdruck kommt: Das Nibelungenlied?, die Reichsgründung von 1871?, die Wiedervereini gung? Oder worin besteht das einheitliche Narrativ, in dem sich das Wesen der spanischen Nation ausdrückt, das die Menschen des Landes zu einer homogenen Gemeinschaft zusam menschweißen soll? Und wieso sollte Europa vor seiner parlamentarischen Implementierung überhaupt ein einheitliches Narrativ benötigen, wenn es nicht mal ein einheitliches nationales Narrativ der gegenwärtigen Nationalstaaten gibt, über das sich die einzelnen Bürger hinrei chend verständigen können? Menasses Antwort auf die Frage nach dem Narrativ, die in der Tat eine gesamteuropäische Erfahrung beinhaltet, richtet sich vielmehr gerade gegen die narrative Mystifizierung einer angeblich archaischen, territorialen Urgemeinschaft, die es in einem vormodernen und dynas tischen Europa ohnehin niemals gab. Im Gegensatz dazu vertritt Menasse vielmehr einen dezidiert pragmatischen Ansatz, der jede Form von sagenumwobener Mystik ausspart: „Wir wissen heute, in welchen Abgrund uns der Nationalstaat geführt hat, deshalb ist es un sere Aufgabe, diese Form zu überwinden.“774 Es geht Menasse darum, endlich die Last abzuwer fen, die die Länder Europas durch das Erbe des Nationalismus bis heute mit sich her umtragen: Das neue Europa […] ist das Projekt unserer Union, die eben nicht durch Gewalt und Unterwerfung, sondern durch freiwilligen Beitritt und auf vertraglicher Grundlage geschaffen wird und die auch nicht Nationswerdung zum Ziel hat, sondern die Überwindung der Nationen in einer freien Assoziation von Regionen. Das ist die Avantgarde.775 Auf die thesenartige Frage im Interview mit Margaretha Kopeinig: „Man braucht doch eine nationale Identität, oder?“, kann Menasse nur die plausible Gegenfrage stellen, worin sich eine nationale Identität, die alle – und 773 Ebd., S. 94. 774 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 775 Ebd. 304 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zugleich nur diejenigen – die Mitglied eines territoria len Nationalstaats sind, denn eigentlich zeigen solle: Viele glauben, dass sie das [eine nationale Identität] brauchen. Aber worin zeigt sie sich? Beim Sport und bei der Wetterkarte. Was habe ich gewonnen, wenn ein Skispringer in Innsbruck siegt, der derselben Nation angehört wie ich? Ich schnelle dann nicht vor Begeisterung aus dem Sessel, um jubelnd im Telemark auf dem Wohnzimmerparkett zu landen. Das ist doch kindisch. Mich interessiert: Rechtszustand, vernünftige Rahmenbedingungen für mein Leben, politische Partizipationsmöglichkeiten am Lebensort, Lebenschancen, soziale Sicherheit und Friede – und diese Interessen teile ich doch nicht nur mit Menschen meiner Nation. Das ist der Gemeinschaftsgedanke.776 Hinzu kommt, dass die Fiktion von der homogenen Nation Menasse zufolge heute nicht ein mal mehr in den Fußballnationalmannschaften einen scheinbar passenden Ausdruck findet, denn: „Fußballvereine sind längst multinationale Teams.“ In Deutschland und Österreich sind dabei etwa Spitzenfußballer wie Mesut Özil, David Alaba, Lukas Podolski, Sami Khedira, Jérôme Boateng und weitere Spieler mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen. Folge richtig sieht man Robert Menasse zufolge damit auch gerade im Sport – paradoxerweise einer der mächtigsten und massenwirksamsten Institutionen des Nationalismus777 –, „wie sich das [nationale Identifikationsmodell] auflöst.“778 Besondere Probleme hatte Menasse ferner damit, dass der Versuch einer Bewältigung der Eurokrise seit 2008 durch die einzelnen Nationalstaaten in Europa flächendeckend von unso lidarischen Impulsen geleitet war. Nach Menasses Auffassung hat das besonders damit zu tun, dass die Krise immer wieder aus einer nationalen Perspektive untersucht werde: „Betrachtet man die Finanzkrise durch die nationale Brille, ist sie riesig, und jeder Nicht-Grieche ist zu Recht wütend: Diese kleine Nation mit ihrer unbedeutenden Ökonomie hat Schulden angehäuft, deren Rückzahlung sie nie 776 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 777 Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 167 f. 778 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 305VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) erwirtschaften kann.“779 Menasse dagegen setzt sich dezidiert für einen transnationalen Perspektivenwechsel ein, der im Zuge der europäischen Integration weniger schwer als vielmehr vernünftig sei. Denn: „Betrachtet man das Problem durch die europäische Brille“, dann „ist es verschwunden. Da geht es um zwei Prozent des Bruttosozialprodukts der 27 EU-Staaten. Kalifornien wäre froh, nur diese Schulden zu haben. Die Krise ist in Wahrheit diese: Wir haben eine gemeinsame Währung eingeführt, ein riesiger Erfolg.“780 In ihrem bereits erwähnten Beitrag zum Europadiskurs von Intellektuellen in Zeiten der Krise hat Antje Büssgen demnach darauf aufmerksam gemacht, dass „Menasse […] die ge genwärtige Finanzkrise im Grunde als eine Krise der europäischen Institutionen“781 identifiziert habe. Insgesamt kommt Büssgen in ihrem Vergleich der Europa-Essayistik von Robert Menasse und Hans Magnus Enzensberger unter Einbeziehung kurrenter Ergebnisse aus sozialwissenschaftlicher Perspektive in ihrer Untersuchung zu einem für Robert Menasse überaus positiven Fazit: „Für die Leistung intellektueller Aufklärungsarbeit, die sich an die Öffentlichkeit wendet, muss Menasses Forderung […] als Blick schärfend gewürdigt werden, sie zeigt“, so konstatiert Büssgen, „in die richtige Richtung, wenn das europäische Projekt weitergehen soll: Menasses Forderung weist den Weg zu mehr Europa und zu weniger Natio nalstaat.“782 Dabei kommt Menasses Krisenanalyse mit dem Ergebnis einer notwendigen Beseitigung des EU-Rats folglich auch eine zentrale Bedeutung mit Blick auf die europäische Finanzpolitik zu: Gäbe es perspektivisch gesehen nämlich die vorherrschende und bestimmende Institution der einzelnen Nationalstaaten nicht mehr, dann wäre klar, dass sozioökonomische Strukturprobleme innerhalb der EU nur durch gemeinschaftliches Handeln gelöst werden könnten. In der BRD ist genau das bereits auf nationaler Ebene seit der Wiedervereinigung mit der DDR im Jahr 1989 eine selbstverständliche Praxis geworden. Kein seriöser Politiker käme trotz Mehrbelastung durch den Solidaritätsbeitrag heute noch auf die Idee, die Wiedervereinigung rückgängig zu machen, weil der östliche Teil der Bundesrepublik beispielsweise unter höherer Arbeitslosigkeit und konjunkturellen Problemen leidet. Neben den neonationalen Ressentiments als negativem Output der Euro-Krise möchte Menasse dieser Krise in vielerlei Hinsicht aber auch produktive Elemente auf dem Weg zur Überwindung des Nationalstaats 779 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 780 Ebd. 781 Büssgen: Der Europa-Diskurs von Intellektuellen in Zeiten der Krise, S. 209. 782 Ebd., S. 211. 306 Felix Kampel: Peripherer Widerstand abgewinnen: „Die Krise erzeugt den Druck, von national staatlich diktierten Vorgaben zu gemeinschaftlichen Lösungen, also wirklich zu Europa zu kommen. In diesem Sinn bin ich froh um die Krise.“783 Tatsächlich bezeichnet sich Menasse sogar buchstäblich als ein „Fan der Krise“, weil sie jetzt zu Entscheidungen zwingt, die vorher verhindert wurden. Die Krise kann nicht gelöst werden, wenn man die politisch-institutionellen Widersprüche der EU nicht löst. Die Krise wird dazu zwingen, nationale Widerstände zu überwinden und Probleme in Europa auch europäisch zu lösen. Wir erleben, wie schnell nationalistische Ressentiments entstehen – die „faulen Griechen“, die „korrupten Griechen“. Alles, was Nationalstaaten zu mehr Souveränitätsabgabe zwingt, jetzt in Hinblick auf Wirtschafts-, Finanz- und Fiskalpolitik und Bankenkontrolle, drängt die Nationalstaaten zurück.784 Gegen diesen Optimismus, den Menasse im Umgang mit der Krise zum Ausdruck gebracht hat, ist andererseits aber auch entschieden Einspruch erhoben worden. In einem Streitgespräch in der Wiener Zeitung vom 23.12.2012 wendet Konrad Paul Liessmann gegenüber Robert Menasse aus nachvollziehbaren Gründen ein: „Es gibt allerdings keine Gewissheit, dass wir aus dieser Krise die richtigen Lehren ziehen werden; die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass man auch falsche Lehren ziehen kann, das sieht man etwa an den Folgen der Wirt schaftskrise der 20er und 30er Jahre.“785 Menasse, der Liessmann in diesem Punkt zwar recht gibt, ermuntert das wiederum erneut zu einer Kritik an den nationalen Politikern: Das stimmt, deshalb bin ich auch für eine strenge Begrenzung der Einflussmöglichkeiten nationaler Dummheit. Die Gefahr geht natürlich vor allem von den nationalen politischen Eliten aus. Sie erobern ihre Ämter und Positionen nur durch nationale Wahlen, müssen also, um wiedergewählt zu werden, die Fiktion von nationalen Interessen aufrechterhalten, für deren Verteidigung sie dann heroisch Schatten boxen. Damit 783 Luciano, Ferrari von; Odehnal, Bernhard: „Europa wird sehen: Im Grunde sind wir alle Schweizer!“ In: Tagesanzeiger. 26.10.2012. 784 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 785 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 307VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) produzieren sie aber nur Ressentiments gegen andere und Blockaden gegenüber vernünftigen Gemeinschaftslösungen.786 Dennoch bleibt der Einwand gegen Menasses optimistischen Umgang mit der Krise ein grundsätzlicher. Denn trotz seiner häufigen Skepsis an der Volksmajorität als revolutionäres Subjekt im europäischen Einigungsprozess – die oben mehrfach angesprochen wurde –, basiert auf diesem Misstrauen zugleich irgendwie auch seine Hoffnung. Besonders in den finalen Passagen seines Essays kommt Menasse schließlich doch in Analogie zu Büchners Kampfrhetorik auf die Rolle der sich potentiell gegen den Nationalstaat erhebenden Bürger zu sprechen: „Politisches Engagement, demokratischer Kampf, ja, und vernünftigerweise die Energie des Wutbürgertums müssen sich jetzt darauf richten: auf die Abschaffung des Rats.“ (DEL 94) Neben Konrad Paul Liessmann hat gegen Menasses optimistische Prognose vom europäischen Volksaufstand auch Antje Büssgen skeptisch eingewandt, dass in der Tat fraglich sei, „ob sich die ‚Wut der Bürger‘ von populistisch-nationalistischen Ressentiments gegen andere Nationen zeitnah in einen Aufstand gegen den Europäischen Rat und die dort sitzenden Staatschefs umorientieren wird.“787 Und auch Leszek Zylinski fügt in einem Aufsatz über den Europäischen Landboten trotz einer prinzipiell affir mativen Grundhaltung zu Menasses essayistischer Argumentationsführung hinzu, dass eine Verwirklichung der volksrevolutionären Europawünsche des Autors „in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich“788 seien. Gleichwohl ist Menasse in seinem Essay nicht bereit, sich von seinem Optimismus abbringen zu lassen: Alles, so konstatiert er im Zuge eines rasanten Schlussplädoyers, laufe heute in Europa letztlich noch einmal unweigerlich auf einen Punkt hinaus, den man im Benjaminschen Sinne treffend als einen „Zwang zur Entscheidung“789 interpretieren kann: 786 Ebd. 787 Büssgen: Der Europa-Diskurs von Intellektuellen in Zeiten der Krise, S. 211. 788 Zylinski, Leszek: Die Geburt der neuen Demokratie aus dem Geist Europas. Zu den Europa-Essays von Jürgen Habermas und Robert Menasse. In: Ungeduld der Erkenntnis. Eine klischeewidrige Festschrift für Hubert Orlows. Frankfurt a. M.: Lang 2014. S. 325 – 336, hier: S. 335. 789 Vgl. Benjamin, Walter: Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch. In: Walter Benjamin. Gesammelte Werke. Band III. Hrsg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972. S. 279 – 283, hier: S. 281. Vgl. ferner: Benjamin, Walter: Der Autor als Produzent. In: Walter Benjamin: Gesammelte Werke. Band II, 2. Hrsg. 308 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Na tionalstaaten unter. So oder so, die EU ist „unser“ Untergang. Es gibt keine dritte Möglichkeit. So oder so wird es gut sein. Entweder wird Europa einmal mehr, aber diesmal friedlich, die Avantgarde der Welt, oder Europa wird definitiv vor der Welt beweisen, dass bleibende Lehren aus der Geschichte nicht gezogen werden können, und das es keinen menschengerechten Weg gibt, um schöne Utopien ins Recht der Wirklichkeit zu setzen. Und wenn, in diesem Fall, dann die politischen Untergangster wieder vor rauchenden Trümmern stehen und betroffen stammeln: „Dies soll nie wieder geschehen können!“, dann wird Hohngelächter aus den langen dunklen Korridoren der Geschichte dröhnen. (DEL 107) Tatsächlich sind Menasses Hoffnungen auf eine gesamteuropäische Neuordnung sogar sehr groß. Nicht nur im Hinblick auf die Rolle der plötzlich etwas überraschend in den Dienst ge nommenen Wutbürger; sondern auch hinsichtlich der Erwartungen an die kommenden politi schen Eliten in Europa. Wobei Menasse nicht gerade zurückhaltend mit Prognosen agiert: Um 2018 wird eine stille Revolution in Europa stattfinden, etwas, das es in der Geschichte noch nie gegeben hat: den kompletten politischen Eliten-Austausch auf einem ganzen Kontinent. Man kann hoffen, dass die nächste Politikergeneration aufgrund ihrer Sozialisation, Erfahrungen und Prägungen viel europäischer denken wird. Wir müssen nur die nächsten sechs Jahre übertauchen.790 Dabei kann der ‚Zwang zur Entscheidung‘ in der Zukunft Europas nach Menasse natürlich nur einen Ausgang nehmen, der ihn ernsthaft in seinen prognostischen Erwägungen zufrie denstellen würde: Sein alleiniges Ziel ist die Überwindung des Nationalismus. Entsprechend äußerte sich Menasse zur Frage: „Was droht uns, wenn das EU-Projekt scheitert?“ mit fol gender Antwort: Wir verlieren unser Leben. Punkt. Wir werden statt Lebenschancen Überlebenskämpfe haben, statt Wohlstand Bürgerkriege um die Verteivon Hermann Schweppenhäuser und Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M: Suhrkamp 1982. S. 683 – 701, hier: S. 695. 790 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 309VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) lung des gesellschaftlichen Reichtums, statt dummer Politiker gemeingefährliche Demagogen, die den gemeinsamen Kontinent wieder in verfeindete Wir-Gruppen aufspalten. Wir werden statt Nachbarn Feinde haben. Wir werden nicht in einer Welt leben, sondern hinter dem Mond des Nationalismus – und wir werden uns furchtbar schämen müssen vor unseren eige nen Enkeln. Ich werde dann auswandern – in die Schweiz oder nach Lateinamerika.791 Klar ist für Menasse deshalb: „Ein Rückfall in ein Europa der souveränen Nationalstaaten wird diesen Kontinent in rauchende Trümmer verwandeln. Und weil ich nicht der Feind meines eigenen Wohlbefindens bin, wehre ich mich mit aller Kraft gegen eine solche Ent wicklung.“792 Die präsentierten Überlegungen zur Bildung eines transnationalen Porträts von Robert Me nasse unter Einbeziehung bisheriger Forschungsarbeiten lassen sich mit Blick auf die zentrale These der vorliegenden Studie an diesem Punkt folgendermaßen zusammenfassen: Eine gezielte Konzentration auf die Frage, ob Robert Menasse auch im Kontext der vorliegenden Untersuchung als ‚jüdischer‘ Autor betrachtet werden kann, zeigte zunächst, dass eine solche Einschätzung in der Forschung umstritten ist. So geht etwa Beata Mache von der Behauptung aus, dass Menasse sein politisches Engagement „nicht aus jüdischer Perspektive, sondern als Bürger und Aufklärer“793 verstehe. Als gegenläufiges Extrem vertritt dagegen Heidi Schlipphacke eine Position, derzufolge Menasse als ein „Austrian Jew“ zu betrachten sei, dessen Perspektive auf den deutschen und österreichischen Faschismus deshalb besonders innovativ ist, weil er ihn von Brasilien aus eine Zeitlang als externer Beobachter habe analy sieren können. Wobei sicherlich zu bedenken bleibt, dass die Position Schlipphackes schlicht den halachischen Standpunkt des orthodoxen Judentums übergeht. Als interessanter Ausweg aus beiden polarisierenden Positionen erwies sich im Kontext der vorliegenden Studie die Perspektive von Andrea Reiter, der zufolge sich Menasse zwar dem kulturellen Judentum zugehörig fühlt, nicht jedoch der religiös-orthodoxen Auslegung desselben. Weiter erscheint im Kontext der vorliegenden Untersuchung besonders Reiters Hinweis wert- 791 Luciano, Ferrari von; Odehnal, Bernhard: „Europa wird sehen: Im Grunde sind wir alle Schweizer!“ In: Tagesanzeiger. 26.10.2012. 792 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 793 Mache: Robert Menasse, S. 547. 310 Felix Kampel: Peripherer Widerstand voll, dass Menasse und andere Juden der zweiten und dritten Generation in der Diaspora mit Bhabha gesprochen eine Art ‚Dritten Raum‘ als Lebenswelt bevölkern, was dazu führe, dass ein transnationales Schreibkonzept bei diesen (jüdischen) Außenseitern als nahezu konstitutiv vorausgesetzt werden könne.794 Wobei betont werden muss, dass es sich hierbei lediglich um eine Randbemerkung Reiters handelt, die nicht den Schwerpunkt ihrer eigenen Untersuchung bildet. Matthias Beileins Einwände gegen den „deutsch-jüdischen“ Essentialismus führten die Untersuchung schließlich noch einmal explizit auf die Position von Stephan Braese zurück: Namentlich auf den Aspekt, dass Olga Grjasnowa im Kontext ihrer Schreibarbeit explizit die ‚jüdische Erfahrung‘ von Vertreibung und Vernichtung als eine gleichsam globale Erfahrung produktiv in ihren Roman integriert habe. Exakt ein solches Vorgehen ist in der Tat auch bei Menasses transnationaler Schreibarbeit zu beobachten, wenn er das Kapitel 31 seines Essays explizit nutzt, um allgemein auf Auschwitz als Kulminationspunkt der nationalen Auswüchse im 20. Jahrhundert hinzuweisen und so die ‚jüdische Erfahrung‘ von Vertreibung und Ver nichtung in einer aufklärenden Schreibbewegung gegen den Nationalismus zu wenden.795 Darüber hinaus zeigt ein Blick in die inzwischen breite Forschung zu Robert Menasse, dass im Zentrum der Analyse seiner vielbeachteten Texte immer wieder die sozialkritische und entschieden politisch engagierte Positionierung des Autors steht. Zwei Punkte sollten dabei noch einmal im Zusammenhang mit Menasses europapolitischer Schreibarbeit hervorgehoben werden. Erstens: Menasses Optimismus im Hinblick auf den revolutionären Volksaufstand gegen den Rat der EU als Output der Euro-Krise ist inzwischen mehrfach infrage gestellt worden. Zweitens: Sowohl Matthias Beilein als auch Antje Büssgen haben bisher auf den Umstand verwiesen, dass Menasse in seiner transnationalen Haltung zu Europa zunächst De mokratiedefizite innerhalb der EU beklagte. Seit Menasses Recherche in Brüssel im Jahr 2010 hat sich jedoch ein Wandel in seinem Denken über Europa vollzogen, der dahingehend cha rakterisiert werden kann, dass der Schriftsteller inzwischen von der Professionalität der Brüsseler Administration 794 Vgl. Reiter: Robert Menasses Die Vertreibung aus der Hölle, S. 181. 795 Vgl. hierzu ferner: Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. Der genaue Wortlaut von Menasse im Interview lautet dazu: „Der Nationalismus wird nie wieder in der Geschichte unschuldig sein. Er hat den europäischen Kontinent in Schutt und Asche gelegt.“ 311VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) beeindruckt ist. Ein Punkt, der für den Interpretationsteil 4 des vorliegenden Kapitels noch einmal von größerer Bedeutung sein wird. Die Einbeziehung diverser Interviews und sonstiger Stellungnahmen von Robert Menasse zum neuen Nationalismus verdeutlichten ferner die Tatsache, dass Menasses intellektuelle Arbeit unstrittig in den Kontext dieser Untersuchung eingebettet werden kann. Keine Frage: Postnationale Aufklärungsarbeit in einer durchaus radikalisierten Form gehört spätestens seit dem Erscheinen des Essays Der Europäische Landbote (2012) zum festen Bestandteil von Robert Menasses politischem Schreibengagement. 3. Rezeption: Der Europäische Landbote in der Kritik Die Rezeption des Essays Der Europäische Landbote startete im deutschsprachigen Feuilleton weniger mit einem Aufschrei der Begeisterung über Robert Menasses transnationale Thesen als vielmehr mit einer Apologie des Autors, zu der sich Reinhard Göweil am 27.09.2012 in der Wiener Zeitung veranlasst sah.796 Robert Menasse hatte zwar nicht das geringste Geheimnis aus dem Umstand gemacht, dass die neunmonatigen Brüssel-Recherchen zu seinem Essay finanziell von der Novomantic AG Wien unterstützt worden waren – worauf er vielmehr bereits auf Seite 4 seines Essays ausdrücklich und für jeden Leser erkennbar auf merksam machte. Gleichwohl gab es bei der Präsentation des Buches im Novomantic-Forum Wien am 26.12.2012 massive Proteste gegen Menasse und seinen Sponsor, die schließlich in einer antisemitischen Hetzkampagne ihren enttäuschenden Kulminationspunkt fanden, worauf Göweil in seinem Artikel explizit aufmerksam machte. Angesichts der Vorfälle bei der Präsentation kam Göweil in seinem Artikel auch nicht im eigentlichen Sinne zur Besprechung von Menasses Essay, zu dem er inhaltlich lediglich be merkten konnte, dass es sich dabei um „ein kluges Büchlein“ handle, in dem Menasse „essayistisch Stellung bezieht – gegen überkommenes nationalstaatliches Denken und ringend um die Ausformung einer ‚nachnationalen Demokratie‘.“797 Schwerer wog für Göweil dage gen ein grundsätzlicher Einwand, den er folgendermaßen zusammenfasste: „Robert Menasse hat ein kluges Europa-Buch geschrieben – aber alle reden über den Sponsor Novomantic.“798 Der Vorwurf gegen den poli- 796 Vgl. Göweil, Reinhard: Das Abendland in der Nacht. In: Wiener Zeitung. 27.09.2012. 797 Ebd. 798 Ebd. 312 Felix Kampel: Peripherer Widerstand tisch links gerichteten Autor Menasse lautete dabei: „Robert Menasse habe alle Ideale verraten, weil Novomantic seine Recherche in Brüssel finanziell unterstützt hat – und als Gegenleistung die Buch-Präsentation im Novomantic-Forum einge fordert hat.“799 Wobei hinzugefügt werden sollte, dass die Novomantic AG (Wien) ein janusköpfiges Unternehmen ist: Einerseits betreibt die AG Kasinos und kommerzielle Admiral-Sportwetten. Andererseits sponsert sie Kunst und Studien zur europäischen Ent wicklung, worin Robert Menasse einen hinreichenden Anlass sah, mit seiner Essay-Idee beim Unternehmen vorzusprechen. Menasses erfolgreiche Bewerbung aber zog bedauerlicherweise erhebliche Folgen bei der Präsentation des Buches nach sich: „Noch während der Veranstaltung begann auf Twitter und Facebook ein aufgeregtes Summen: Menasse, der Verräter“800, so beschreibt Göweil die Stim mung auf der Präsentationsfeier in seinem Artikel. Hauptbeteiligte an der einsetzenden Kampagne gegen Menasse waren unter anderem Joachim Ridel von der Zeit, Florian Klenk vom Falter und „sogar der gar nicht anwesende ORF-Mann Armin Wolf machte (vorsichtig) mit“.801 Wer dabei die Studien über den nach wie vor in Deutschland (und Österreich) anhalten den Antisemitismus kennt802, dürfte sich kaum über die Folgen der daraufhin einsetzenden Angriffe gegen Menasse wundern: „Ich bekam teilweise sehr untergriffige E-Mails an meine private Adresse“, habe Menasse am Tag nach der Veranstaltung sichtlich er nüchtert erzählt: „Es war eine Zangenbewegung von Antisemiten und Linken mit Heiligen schein, ohne dass beide Gruppen wussten, dass sie eine Zange bilden. Aber das Gift ist in der Seele.“803 Göweil brachte seinerseits hingegen für die inszenierte Kampagne gegen Menasse kein Verständnis auf: „Als Autor ist Menasse – gewerberechtlich gesprochen – Unternehmer und nicht Angestellter“, verteidigte er den Schriftsteller in seinem Artikel, da Menasse seinen Le bensunterhalt – wie jeder andere Schriftsteller auch – nun einmal irgendwie bestreiten müsse. Weiter in das Dilemma des Künstlers Robert Menasse vordringend argumentierte Göweil: „Das Verbot eines solchen Sponsorings würde bedeuten, dass jemand anderer einspringen muss. Das können moralisch einwandfreie Organisationen sein wie Caritas oder Greenpeace. Die sind aber auch eher 799 Ebd. 800 Ebd. 801 Ebd. 802 Vgl. besonders: Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 68 ff. 803 Göweil, Reinhard: Das Abendland in der Nacht. In: Wiener Zeitung. 27.09.2012. 313VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) auf der Nehmer- als auf der Geberseite zu finden.“804 Anders ausge drückt: Wer findet heute tatsächlich ethisch unbedenkliche Geldgeber, die ein transnationales Textunternehmen wie Robert Menasses Essay Der Europäische Landbote freiwillig finanzieren? Und warum sollte man für ein Literaturprojekt eigentlich keine Gelder aus der transnational-prosperierenden Kommerzindustrie akquirieren dürfen, wenn die Aufklärungs intention primär eine mentalitätsgeschichtliche im politischen Kontext ist? Auf der Gegenseite muss jedoch betont werden, dass es sich bei den einsetzenden Kampagnen gegen Menasse auf der Buchpräsentation in Wien um Ausnahmefälle handelte. Denn die eindeutige Mehrheit der bald darauf einsetzenden Kritiken, die erneut ein recht breites Spekt rum innerhalb der auflagenstarken Zeitungen im deutschsprachigen Raum abdeckten, fiel eindeutig zugunsten von Menasses engagiertem Text aus. 805 „Die Lektüre dieses Buches lässt niemanden kalt“806, schrieb am 03.10.2012 in einer durch aus begeisterten Kritik Niels Minkmar in der FAZ, in der er insbesondere das politisch-aufklärerische Potential des Textes in den Fokus seiner Betrachtung stellte: „Es gibt keine einzige langweilige Passage, man liest kondensierte Aufklärung.“807 Ferner hob Minkmar in seiner Rezension auch den appellhaften, engagierten Ton in Menasses Essay positiv hervor: „Der Autor will den Leser zur Aktion gewinnen und ihn also packend überzeugen: Europa ist ganz anders“, so Minkmar. „Der Leser aber muss dazu erst einmal die Bereitschaft entwi ckeln, etwas über das vom Autor entdeckte Europa zu lernen, denn in all den Jahren haben sich doch erhebliche kognitive Widerstände gegen das Thema formiert.“808 Bemerkenswert fand Minkmar darüber hinaus, dass Menasse mit seiner Verteidigung der Brüsseler Bürokraten eine Minorität in Schutz genommen 804 Ebd. 805 Im Folgenden nicht näher beachtet werden diese Rezensionen: Vesper, Karlen: Für eine Herzenssache aller. In: Neues Deutschland. 12.10.2012; Mayer, Norbert: Menasse träumt vom nachnationalen Kontinent Europa. In: Die Presse. 16.05.2013; Weinzierl, Ulrich: Robert Menasses Kehrtwende. In: Die Welt. 03.04.2010. Hierbei handelt es sich um Besprechungen oder Einschätzungen, die zwar allesamt zu einem positiv ausfallenden Ergebnis hin sichtlich Menasses transnationaler Perspektive auf Europa kommen. Ihre argumentative Kraft ist aufgrund ihrer Kürze jedoch fragwürdig, da sie bestenfalls eine kurze inhaltliche Präsentation des Essays liefern, die im vorliegenden Fall bei einer näheren Betrachtung den Eindruck überflüssiger Redundanz produzieren würde. 806 Minkmar, Nils: Alles bestens in der Zentrale. In: FAZ. 03.10.2012. 807 Ebd. 808 Ebd. 314 Felix Kampel: Peripherer Widerstand habe, an der sich gewöhnlich die Wut der Bürger sowie die der nationalen Medienkanäle buchstäblich entlade: „Menasses Buch ist zunächst einmal eine Ehrenrettung der so oft gescholtenen Brüsseler Bürokraten, die er wie ein Ethnologe aufsucht, beschreibt und würdigt.“ Dabei „herrscht in Brüssel intellektu ell und sozial ein ganz anderes Klima als in den nationalen Verwaltungen, deren Protagonisten ja meist aus ähnlichen Regionen und Milieus kommen.“809 Summa summarum gab es aus diesen Gründen für Minkmar keinen Zweifel an der Tatsache, dass Menasses Essay ein avantgardistisches Pamphlet sei, an dessen notwendiger Verbreitung der Kritiker nicht den geringsten Zweifel aufkommen ließ: Menasse erkennt in Europa die Möglichkeit zu etwas ganz Neuem, und nach der Lektüre ist man von dieser Möglichkeit elektrisiert. Gut, dass es dieses Buch gibt; gut auch, dass es eine Dimension und eine Form hat, die es vielen ermöglichen, es zu lesen, einzustecken und zu tauschen. Das wird auch gesche hen, denn es ist ein wichtiges Buch, vielleicht der Beginn von etwas.810 Ein wenig zurückhaltender, doch insgesamt ebenfalls mit klarem Zuspruch für den Autor reagierte in der Neuen Zürcher Zeitung am 04.10.2012 Beat Amann: „In einem mitunter et was fahrig geschriebenen Essay fühlt der österreichische Schriftsteller Robert Menasse der EU auf den Zahn“811, hieß es zunächst in seiner Kritik. Und mit leicht ironischem Unterton ergänzte Amann in Bezug auf Menasses ursprüngliches Romanvorhaben: „Deutschland und Angela Merkel kommen in seinen Ausführungen schlecht weg, die Griechen etwas besser, aber auch nicht gut. Am besten schneidet der ab, der Held des Romans sein sollte: der Beamte der EU-Kommission.“812 Gleichwohl nahm Amann die Generalidee vom aufgeklärten Mitarbeiter im EU-Beamtenapparat in Schutz. So könne man Menasse „durchaus folgen, wenn er feststellt, dass die vielgeschmähten Eurokraten die echten Europäer seien“.813 Amanns Einschätzung fiel damit gleichermaßen in den Kontext einer dezidierten Aufklä rungsarbeit, die Menasse mit seinem Essay geleistet habe: 809 Ebd. 810 Ebd. 811 Ammann, Beat: Die europäische Zukunft steht noch bevor. In: Neue Zürcher Zeitung. 04.10.2012. 812 Ebd. 813 Ebd. 315VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) „Menasse, der sich als ‚Fan‘ der Krise ‚outet‘, demontiert viele gängige Irrtümer über die EU und entwirft ein Europa im Sinne der Vereinigung als Friedensprojekt, der Auflösung der Nationen und als ‚nachnationale Gemeinschaft‘.“814 Sodass insgesamt auch Ammans Gesamtfazit – einige Nebensätze herausge rechnet – mit klarem Zuspruch für Robert Menasse ausfiel: „Ausgenommen der ein oder anderen Klammerbemerkung und einiger politisch überkorrekter Anführungszeichen“, so der Kritiker in seinem Schlussplädoyer, „ist die Lektüre ein Genuss: Wer traut sich schon, heutzutage angesichts der EU und des Prinzips Europa ‚geradezu euphorisch‘ zu sein unter dem Risiko, dafür abgestraft zu werden?“815 Ebenfalls viel Zustimmung erhielt Menasse von seinem österreichischen Schriftstellerkolle gen Michael Amon, der am 09.10.2012 eine Kritik in der österreichischen Zeitung Die Presse vorlegte: „Menasse hat ein fulminantes Buch geschrieben“816, hieß es dort mit wiederholter Begeisterung. Wobei Amon Menasse besonders auch bei der Einschätzung zustimmte, dass die nationale Identität im Europa unserer Zeit bei der Mehrheit der Bevölkerung gegenüber der europäischen Identität leider eindeutig überlegen sei. Denn „den ‚aufgeklärten, josephinischen‘ Kommissionsbeamten, den er [Menasse] vorgefunden hat, mag es vereinzelt geben – vielleicht häufiger, als man zu hoffen wagt. Aber er ist nicht die Regel“817, sodass auch Aman analog zu Menasse gerade im Punkt der nationalen Identität ein erhebliches Aufklärungsdefizit in breiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft konstatierte: „200 Jahre nach Beginn der Aufklärung ist evident, dass die Dinge schwieriger sind, als man wahrhaben will.“818 Besonders was die großen Rahmenargumente im Hinblick auf den Rat der europäi schen Union in Menasses Essay anlange, „ist seine Kritik berechtigt: Der Rat ist kein Gre mium, das Europa wirklich weiterbringen kann und will.“819 Ja, Amon empfahl, Menasses Essay sogar explizit als Schullektüre einzusetzen, sodass ge rade die junge Generation schon frühzeitig mit solchen revolutionären Ideen in Kontakt komme, da die Gestaltung des künftigen Europas in der Tat nicht unwesentlich auch von der Einstellung der 814 Ebd. 815 Ebd. 816 Amon, Michael: Das Spiel um das Überleben Europas hat bereits begonnen. In: Die Presse. 09.10.2012. 817 Ebd. 818 Ebd. 819 Ebd. 316 Felix Kampel: Peripherer Widerstand heran wachsenden Menschen in den einzelnen EU-Staaten abhängen wird: „Menasse beschreibt die institutionelle Fehlkonstruktion eindringlich und klar. Das sollte Schullektüre sein und könnte der von ihm eingeforderten Vernunft ein wenig auf die Sprünge helfen.“820 Insgesamt teilte Amon zudem Menasses These, dass die europäische Union künftig wohl in der Tat auf eine Art Benjaminschen ‚Zwang zur Entscheidung‘ hinauslaufe, dessen Ausgang heute noch ungewiss sei: „Das Spiel um das Überleben Europas hat bereits begon nen. Wie es ausgehen wird, weiß niemand.“821 Wobei Amon sich als Erzähler auch persönlich in die Pflicht genommen fühlte und Menasses „Mut zur Utopie“ dabei in vollem Maße unterstützte; ja sogar von sich selbst verlangte, künftig mit Hand anzulegen an das bisher im mer neu erzählte Märchen vom geeinten Europa, damit der heutige (Minderheiten-)Traum eines Tages tatsächlich in die Realität umgesetzt werden könne: Es ist der Mut zur Utopie, den Menasse verlangt. Es ist das Märchen vom geeinten Europa. Märchen müssen beständig erzählt, erweitert und ausgeschmückt werden, sonst vergessen die Menschen sie. Nach Ökonomen und Politikern sind wir, die Erzähler, gefordert. Im Vertrauen darauf, dass auch die schwache Vernunft den Menschen manchmal vernünftiges Handeln ermöglicht.822 Christian Thomas veröffentlichte am 12.10.2012 ferner eine Rezension in der Frankfurter Rundschau, in der er zunächst in einer peripheren Randbemerkung kurz auf die Analogien zu Büchners Flugschrift aufmerksam machte: „Robert Menasses Der europäische Landbote [sic!] ist ein wildes Buch, Analyse und Polemik, Traktat und Pamphlet – bei allem eine Art Flugschrift, die an die Halbstarkenjahre des deutschen Nationalismus erinnert.“823 Darüber hinaus interpretierte Thomas gerade diese Analogie auch als „eine Dekonstruktion in einem ungewöhnlichen Sinne“824, die er besonders deshalb für absolut zeitgemäß hielt, weil diese konzentrierte Dekonstruktion ihre Energie in der Tat auf die umstrittene Institution des euro päischen Rates richte: „Was die EU auszehrt, ist nicht deren Kommission, nicht deren parlamenta- 820 Ebd. 821 Ebd. 822 Ebd. 823 Thomas, Christian: Gerichtshof, Rechnungshof. In: Frankfurter Rundschau. 01.11.2012. 824 Ebd. 317VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) rische Versammlung, vielmehr der Europäische Rat, das Gremium der nationalen Regierungschefs.“825 Wie seine Vorgänger empfahl folglich auch Thomas in seiner dezidiert positi ven Kritik Menasses Essay jedem potentiellen Leser weiter; besonders auch wegen der aufgeklärten Lehrstunde in demokratietheoretischen Fragestellungen: „Menasse sieht ein De fizit der (demokratischen) Gewaltenteilung; indem er die Finanzkrise als Fetisch begreift und die Demokratiedefizite der EU benennt, beharrt er auf dem Primat der Politik.“826 Doch empfahl Thomas nicht einfach nur Menasses Essay den potentiellen Lesern von heute als pro gressiven Lektürevorschlag; sondern darüber hinaus schrieb auch er dem Essay – ähnlich wie Viola Roggenkamp im Fall von Maxim Billers Der gebrauchte Jude – das Potential eines Textes zu, dessen argumentative Kraft durchaus über unsere eigene Epoche herausragen werde: Der „Landbote“ ist so etwas wie der Gerichts- und Rechnungshof eines Autors – doch nicht nur das, will doch Menasse aus den Erfahrungen, die er in Brüssel machen konnte, einen Roman werden lassen, den „Vorabend-Roman“ zu einer aufziehenden, neuen Epoche. Eines Tages wird man Menasses „Landboten“ auch als Arbeitsjournal lesen. Ebenfalls zu einem sehr affirmativen, wenn auch von leichten Kritikpunkten untersetzten Urteil kam in einer eher wissenschaftlichen als feuilletonistischen Rezension die Literaturwis senschaftlerin Frauke Hamann Anfang 2013 in der Zeitschrift Kultur und Kritik.827 Dabei konstatierte Hamann zunächst in Übereinstimmung mit Menasse allgemein, dass in der jüngeren europäischen Vergangenheit in der Tat eine Renaissance der nationalen Ideologie in den einzelnen Ländern der EU beobachtet werden könne. Ein Rollback, innerhalb dessen be sonders eine negativ konnotierte Versteifung auf bestimmte Länder (oder Regionen) in Europa auffalle: „Nationalistische Ressentiments gegenüber einzelnen Mitgliedsstaaten neh men in beunruhigender Weise zu“828, bestätigte Hamann Menasses Beobachtungen. Diesen Beobachtungen ließ die Rezensentin weiter die Frage folgen, ob der Frieden nach 1945 und mit ihm der Überwindungsprozess des Nationalismus in Europa inzwischen in der Tat ein Thema sei, an dem heute kein großes 825 Ebd. 826 Ebd. 827 Hamann, Frauke: Von einem der auszog, die Europäische Union zu verstehen. Robert Menasses Essay „Der europäische Landbote“. In: Kultur und Kritik 1/2 (2013), S. 84 – 86. 828 Ebd., S. 84. 318 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Interesse mehr bestehe: „Ist die friedenssichernde Kraft der EU zu selbstverständlich, das Narrativ von der Überwindung nationalstaatlicher Konflikte einfach langweilig geworden?“829 Von Menasse könne das jedenfalls nicht behauptet werden, denn: „Der österreichische Intellektuelle ist ausgezogen, die EU zu verstehen – und radikal neu zu denken.“830 Dabei machte Hamann im Zusammenhang mit Menasses vorkämpferischem Ausflug in die Brüsseler EU-Institutionen ebenfalls auf zwei zentrale Punkte in seiner intellektuellen Arbeit aufmerksam, auf die im Kontext des vorliegenden Kapitels immer wieder hingewiesen wurde. Erstens: „Menasse ist fasziniert von der Klugheit, Effizienz und dem multinationalen Selbst verständnis der Beamten. Sie seien – im Unterschied zu einer klassisch nationalen Bürokratie – ‚einer grundsätzlichen aufgeklärten Rationalität verpflichtet‘.“831 Und zweitens sei aus Menasses Sicht klar: „Das Problem“ ist „der Europäische Rat: Eingerichtet, um die Vergemeinschaftung Europas anzustoßen und Schritt für Schritt voranzubringen, bis er selber überflüssig geworden sei, ‚wurde er zum Bollwerk, mit dem die Staats- und Regierungschefs genau diesen Weg blockieren‘.“832 Weiter in diese Richtung konstatierte Hamann über Me nasse: „Eindringlich beschreibt er die institutionelle Fehlkonstruktion der EU und streitet für die Abschaffung des Europäischen Rates, für ein Ende der nationalen Demokratien und ein Europa der Regionen.“833 Menasse plädiere dabei schlicht für die These, dass die „Zeit der nationalstaatlichen Demokratie […] vorbei“ sei, denn er „entwirft die Vision vom notwendi gen Untergang der Nationalstaaten“.834 Als eindeutigen Einwand gegen Menasses Essay legte Hamann dagegen die These vor, dass „allerdings bezweifelt werden“ dürfe, dass „mit den Nationalstaaten auch ihre Egoismen verschwänden“835. Denn, so fragte Hamann in ihrer Rezension: „Stehen die Regionen als Ausgangs- und Bezugspunkt nicht auch für Dumpfsinn und misstrauischen Provinzialismus, wenn nicht Fremdenfeindlichkeit?“836 Wobei sie die Grundidee von Menasses Essay, der „viel Diskussionsstoff“837 biete, trotz ihres Einwandes in überwiegenden Tei- 829 Ebd. 830 Ebd. 831 Ebd. 832 Ebd., S. 84 f. 833 Ebd., S. 86. 834 Ebd. 835 Ebd. 836 Ebd. 837 Ebd. 319VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) len befürwortete: „Dennoch ist Robert Menasses Essay Der europäische Landbote [sic!], […] erhellend in sei nen Einsichten, anregend in seinen Beobachtungen und herausfordernd in seinen Thesen.“838 Kein Zweifel: „Menasses zentrale These einer neuen nachnationalen Demokratie belebt die Debatte über die Perspektiven der EU.“839 Allerdings sollte im Kontext von Hamanns Einwand gegen Menasses Idee von den Regio nen als Basiseinheit eines künftigen Europas zugunsten des Autors hinzugefügt werden, dass er in seinem Essay nie behauptet hat, das Problem der dumpfen Fremdenfeindlichkeit könne durch die Etablierung von Regionen in Europa vollständig gelöst werden. Im Gegenteil be tont Menasse im Essay durchaus, dass es in den einzelnen Regionen „schrullige Traditionen“ und „sprachliche Besonderheiten“ gibt, die aus der Perspektive eines polyglotten Weltmannes „nicht unbedingt Zustimmung“ (DEL 88) finden müssen. Doch der zentrale Punkt ist, dass Menasse durch die Etablierung der Regionen in erster Linie die Fiktion einer bis heute tief in der Mehrheitsgesellschaft wurzelnden, ‚nationalen Identität‘ effektiv zu durchbrechen hofft, weil gerade dieser ‚nationalen Identität‘ allzu oft der Grundgedanke einer scheinbaren Überlegenheit anhaftet, die auf den irrigen Vorstellungen einer homogenen Ethnie, Sprache oder Religion aufbaut. Kriterien, die den Vorstellungen von einem einheitlichen Volk in der empirischen und argumentationsbasierten Realität nicht standhalten. Für den vorläufigen Schlusspunkt einer erneut breiten Kulturkritikdebatte, in der zuletzt mehrheitlicher Zuspruch für Menasse und seinen Essay klar erkennbar war, sorgte am 10.07.2013 Anja Martin im Fluter840 mit einer Besprechung, die an deutlich artikuliertem Lob auch nicht sparte: „Ein schlankes Buch mit dicken Argumenten. Eine Streitschrift für Eu ropa“841, schrieb Martin, die ebenfalls besonders von der analytischen Kraft beeindruckt war, die Menasse mit Blick auf die Institutionen in Brüssel aufzeige: „Eine Ehrenrettung fürs gescholtene Brüssel. Das ist Robert Menasses Europäischer Landbote, der mit seinem Appell fast so kämpferisch antritt wie Georg Büchners Hessischer Landbote 1834, an den sich der Titel anlehnt.“842 Doch lobende Worte fand Martin nicht nur für Menasses scharfe Kritik am Organisations modell der EU, sondern ähnlich wie Nils Minkmar auch für die Art und Weise, in der Menasse seine Argumente präsentiere: „Das 838 Ebd. 839 Ebd. 840 Martin, Anja: Die da in Brüssel. In: Fluter. 10.07.2013. 841 Ebd. 842 Ebd. 320 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Buch liest sich wie eine mitreißende Rede, durchsetzt mit geschichtlichen Rückblicken, politischen und wirtschaftlichen Hintergrund-Fakten und Reportage-Elementen. Vieles davon wird in Sinnzusammenhänge gestellt, die man bislang nicht parat hatte.“843 Weiter verwies Martin auch auf Menasses – möglicherweise doch etwas zu wohlwollende – Interpretation der Eurokrise: „Er hofft, dass uns die momentane Situation aufrüttelt. Allen soll klar werden, dass wir eine wirkliche nachnationale Demokratie brauchen. Kein Europa, das von Einzelinteressen gelenkt wird.“844 Insgesamt wollte Martin daher besonders an der argumentativen Stärke des Essays in einer pointierten Schlussformulierung keinen Zweifel aufkommen lassen: „Eins ist sicher“, schrieb sie im Hin blick auf die künftig erwartbaren Debatten: „Nach der Lektüre des Europäischen Landboten […] geht man gut gerüstet in jede Diskussion mit Europakritikern.“845 Zusammenfassend kann mit Blick auf die ausführliche Feuilleton- und Kulturkritikdebatte zu Robert Menasses Essay Der Europäische Landbote festgehalten werden, dass trotz der schwierigen Anlaufzeit die mehrheitlichen Einschätzungen der Kritiker bereits stark in eine positive Interpretationsrichtung wiesen, die erneut problemlos in den Kontext der vorliegen den Untersuchungsthese integriert werden kann. Denn auch wenn Menasses Nahverhältnis zur jüdischen Diaspora in den einzelnen Rezensionen zunächst keine nähere Beachtung fand846, so herrschte unter den Kritikern doch hinsichtlich der Tatsache große Übereinstimmung, dass Menasse im Jahr 2012 mit seinem Essay einen dezidiert aufgeklärten und transnationalen Text vorgelegt habe, gegen den es in sachlicher und rationaler Hinsicht keine grundsätzlich schlagenden Argumente gibt. Den fehlenden Willensfaktor der Volksmajorität einmal heraus gerechnet, von dem bereits in Kapitel II der Studie ausführlich gezeigt wurde, dass er auf fehlgeleiteten Homogenitätsannahmen basiert, die aus wissenschaftlicher, d. h. empirisch-argumentationsbasierter Perspektive nicht aufrechterhalten werden können. Darüber hinaus ist bereits angemerkt worden, dass Robert Menasse in Analogie zu Kapitel II über Menschen, die in aufgeklärten Zusammenhängen denken, angemerkt hat, sie würden „sich heute nicht mehr so wie früher 843 Ebd. 844 Ebd. 845 Ebd. 846 Inhaltlich spielt das Judentum im Essay überhaupt eine marginale Rolle, sodass zunächst kein Anlass für eine Fokussierung auf diesen erweiterten Themenkreis gegeben ist. 321VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) vor allem über die[] völkischen Identitätsbegriffe Ethnie, Sprache und Religion“ definieren, denn „die Identität jedes Einzelnen hat viel mehr As pekte.“847 Um welche Aspekte es sich dabei genau handelt, soll im folgenden Interpretationsteil plausibilisiert werden: Am Beispiel von Menschen, die über den Nationa lismus als irrationale Doktrin schon heute sehr genau informiert sind. Dabei handelt es sich Menasse zufolge um administrative oder politische Akteure, die heute im Wesentlichen als Beamte in der Europäischen Kommission für die Einsetzung transnationaler Rechte streiten und damit zugleich gegen die Durchsetzung nationaler Partikularinteressen im Rat der Euro päischen Union. 4. Der Kommissionsbeamte als aufgeklärter EU-Idealtypus? Robert Menasses Idee, das Bild des EU-Beamten in seinem Essay zu korrigieren, mag aus der Perspektive des exzentrischen Künstlers auf den ersten Blick überaus bieder erscheinen. Doch der Anlass des Schriftstellers hat exakt mit der Vorstellung von scheinbarer Überange passtheit des Beamten zu tun: Menasse glaubt erkannt zu haben, dass heute in der öffentlichen Darstellung alle negativen Klischeebilder des Beamten aus einer neidgeladenen Wut des ‚kleinen, um die Demokratie betrogenen Mannes‘ auf die ‚mäch tigen‘ Institutionen der EU abgewälzt werden. Die „Eurokraten“ – so glaubt nämlich der paradigmatische Wutbürger – hätten es sich in einer Art Orwellschen Machtapparat zum Ziel gesetzt, den aufrichtigen Wähler seiner letzten noch bestehenden Rechte und Freiheiten zu berauben: „Alle alten Klischeebilder von Beam ten, alle klassischen Vorurteile in Hinblick auf Beamte werden nun nach ‚Brüssel‘ projiziert“, schreibt Menasse, „für alle Missstände, Defizite, Probleme, Widersprüche, für alle Verdros senheit wird der europäische Beamtenapparat verantwortlich gemacht.“ (DEL 17) Weiter heißt es deshalb etwa zur berühmten Gurkennorm durch Verordnung Nr.  1677/88/EWG, die – nebenbei angemerkt – am Ende 15 von 27 nationale Mitgliedsstaaten ebenso wie der Deutsche Bauernverband behalten wollten848: „Alles ist im mer gleich ‚Wahn‘: Regulierungswahn, Abkürzungswahn … ‚Die EU‘ erscheint heute in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst als eine monströs aufgeblähte Bürokratie, der 847 Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 848 Vgl. Drösser, Christoph: Schreibt die EU die maximale Krümmung von Gurken vor? In: Die Zeit. 03.05.2014. 322 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Beamte in seiner Burg als das Grundübel.“ Aufgrund dieses (Vor-)Urteiles schließt Menasse seine Aus führungen vorläufig mit der Feststellung: „Eine Reflexion über die gegenwärtige Verfasstheit Europas muss daher mit einer Untersuchung des Beamten beginnen.“ (DEL 17) Dabei ist Robert Menasse klug genug, um zu wissen, dass sich heute die „Figur des Be amten […] aus den Negativbildern aller sozialer Klassen oder Berufsstände der Gesellschaft“ (DEL 18) zusammensetzen lässt: Der Beamte ist privilegiert und dabei weltfremd wie ein dekadenter Aristokrat; behäbig und verbohrt wie der Kleinbürger; regulierungssüchtig wie ein Arbeitnehmervertreter, dabei so arbeitsscheu wie ein Lumpenproletarier; engstirnig und dabei auf hinterhältige Weise schlau wie ein Bauer (seine Heilige Schrift heißt Vorschrift); im Aushecken von Unsinn ist er so kreativ wie der Unternehmer, der hinter listig die Bedürfnisse erst produziert, die er zu befriedigen behauptet; und so wie alle „Sozialschmarot zer“ hat er die fixe Idee, sich zu Lasten und auf Kosten der Steuerzahler wild zu vermehren. (DEL 18) Auch findet Menasse es überaus „erstaunlich, mit welch nachhaltigem Erfolg diese Kunstfigur, diese geklitterte Fiktion durch die kollektive Phantasie geistert, ohne je im Licht der Realität sterbend zusammenzusinken.“ (DEL 18 f.) Gemessen an diesen Vorurteilen liest er an empirischen Befunden in Eurobarometer-Umfragen folgerichtig ab, dass sich innerhalb der vergangenen Jahre „etwas Wesentliches am Image der Beamten geändert“ (DEL 19) habe, nämlich: „Die meisten denken heute bei ‚Beamter‘ nicht mehr […] an einen Minis terialbeamten in der Hauptstadt ihres Landes, auch nicht an einen Polizisten, dem sie auf der Straße begegnen, sondern sie denken unmittelbar an ‚Brüsseler Bürokratie‘.“ (DEL 19) Weiter kommt Menasse nach seiner Auswertung der empirischen Befunde zu dem Ergeb nis, dass „‚Brüsseler Bürokratie‘ heute ein Begriff“ sei, „unter den immer wieder generell subsumiert wird, was bei vielen Menschen in ihren Alltagserfahrungen oder auch nur beim Medienkonsum Kritik, Ressentiment oder Wut auslöst.“ Ja, tatsächlich habe „die Realität heute noch weniger eine Chance  […], das Phantasiebild des Beamten zu korrigieren, seit der ferne Brüsseler Eurokrat den heimischen Staatsdiener als Inbegriff des Beamten abgelöst hat.“ (DEL 20) Entscheidend an dieser Wahrnehmung des „Brüsseler Beamten“ – der seinen Platz im Wesentlichen ja gerade nicht im Rat der Europäischen Union hat, sondern in der Europäi schen Kommission – sei besonders, dass sich mit der Etablierung der EU „die Defi- 323VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) nition des Beamten grundlegend geändert“ hat, „ohne dass dies allerdings ins öffentliche Bewusstsein bereits eingedrungen“ (DEL 20) sei. Kurz gesagt: Der Wutbürger hat Menasse zufolge nicht im Entferntesten eine klare Vorstellung davon, mit welchen Aufgaben ein Beamter der Euro päischen Kommission im Alltag konfrontiert wird. Auch deshalb, weil die Arbeit der Kommission „bei den Menschen ohnehin immer nur gefiltert durch ihre nationalen Me dien“ (DEL 26) ankommt, wie ein englischer EU-Beamter Menasse während eines Be suchs in der Kommission erläutert. Dabei arbeitet der neue Typus des EU-Beamten Menasse zufolge effektiv an einer konstruktiven Überwindung der Nationalstaaten mit; eine Arbeit, die logi scherweise auch den Nationalstaat betrifft, aus dem der Beamte selbst stammt. Denn der neue Typus des Kommissionsbeamten steht nicht mehr im Dienst einer öffentlichen Institution seines Staates, in einem Treueverhältnis zu seinem Staat, sondern im Dienst einer supranationalen Institution wie etwa der Europäischen Kommis sion, deren Aufgabe es ist, die Sonderinteressen der einzelnen Staaten zurückzudrängen und schließlich die Nationalstaaten, auch den, aus dem der Beamte selbst stammt, zu überwinden. (DEL 20) In diesem Zusammenhang wird klar, weshalb bereits Beat Amann in seiner NZZ-Rezension über Menasse mit ironischem Unterton zu dem Ergebnis kam, dass am besten derjenige ab schneidet, der Held des Romans sein sollte – der Beamte der EU-Kommission.849 Bei Menasse selbst heißt es über die gesammelten Erfahrungen bei seinem persönlichen Besuch in der Europäischen Kommission im Berlaymont-Gebäude entsprechend: „Ich erlebte Überra schung auf Überraschung, als gäbe es die geheime Übereinkunft, sämtliche Klischees und Phantasiebilder, die gemeinhin vom Eurokraten existieren, durch das Gegenteil in der Realität zu widerlegen.“ (DEL 21) In der Folge geht Menasse folglich auf insgesamt fünf „Überraschungen“ näher ein, durch die die Klischees und Phantasiebilder vom ‚Eurokraten‘ konkret falsifiziert werden könnten. Menasses erste Überraschung ist der gesprächsbereite Freundlichkeitsfaktor: „Ich fand off ene Türen vor und auskunftsbereite Beamte.“ (DEL 21) Menasses zweite Überraschung ist der Personalschlüsselfaktor: „Die Brüsseler Bürokratie ist extrem schlank. Die EU hat zur Verwaltung des gan- 849 Vgl. Amann, Beat: Die europäische Zukunft steht noch bevor. In: Neue Zürcher Zeitung. 04.10.2012. 324 Felix Kampel: Peripherer Widerstand zen Kontinents weniger Beamte zur Verfügung als die Stadt Wien allein.“ (DEL 22) Seine dritte Überraschung, der spartanisch-asketische Faktor der Institution: „Die Brüsseler Bürokratie ist extrem sparsam und bescheiden. Die Arbeitszimmer der Beamten sind, selbst in den oberen Etagen der Hierarchie, funktional, sonst nichts. Da gibt es kaum Annehmlichkeiten und Luxus.“ (DEL 22) Menasses vierte Überraschung, der Gesamtkosten faktor: „Es gibt keinen staatlichen Verwaltungsapparat und kein großes politisches Projekt, das so billig ist.“ Denn: „Die Europäische Union hat ein Budget in der Höhe von einem Prozent des europäischen Bruttosozialprodukts.“ (DEL 22) Ein zentraler Aspekt, der Menasse veranlasst, zum Vergleich unmittelbar die Lupe genauer auf die Ausgaben für die Wiederver einigung zu legen: „Die Kosten für die deutsche Wiedervereinigung zum Beispiel beliefen (und belaufen) sich auf vier Prozent des westdeutschen BIP per anno.“ (DEL 22) Tatsächlich ein Fall, der Menasse zufolge klar zeigt, wie tief die irrationale Ideologie des Nationalismus heute noch in der Bevölkerung verankert ist, denn: „Für deutsches Nationalbewusstsein sind die Kosten der deutschen Wiedervereinigung nicht zu hoch, und wenn, dann doch notwendig – aber die Kosten für die europäische Vereinigung erscheinen astronomisch.“ (DEL 22) Der belustigende Aspekt – gerade für diejenigen, die im Fall der EU gerne den Kostenfaktor ins Argumentationsfeld führen – ist dabei: „[D]urch einen EU-Beitritt der DDR, ohne den Um weg einer großdeutschen nationalen Wiedergeburt, wäre die Modernisierung der DDR durch EU-Förderungen wesentlich billiger gekommen und sicherlich weniger demütigend verlaufen.“ (DEL 22) Menasses fünfte Überraschung allerdings, das unmittelbare Zusammentreffen und der in tellektuelle Austausch mit den Beamten der Europäischen Kommission, beschreibt er als die eigentlich entscheidende Widerlegung der Beamtenklischees. Denn „[d]urch ihre Arbeit am europäischen Projekt wurden die Merkmale ihrer jeweiligen nationalen Identität zu Schrullen, mit denen sie [die EU-Beamten] selbstironisch umgehen. Man kann auch sagen: Befreit von nationaler Verbiesterung, wird Mentalität erst zur Kultur.“ (DEL 23) In diesem Zusammenhang bietet sich zunächst noch einmal eine unmittelbare Verknüpfung zu Benedict Anderson an, der bereits in seinem Klassiker zur irrationalen Doktrin des Natio nalismus nicht nur anmerkt, dass der ‚politischen‘ Macht des Nationalismus seine argumentative Armut oder gar Widersprüchlichkeit gegenübersteht; sondern besonders, dass der Nationalismus anders als andere Ismen nie große Denker hervorgebracht hat – also 325VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) keinen Thomas Hobbes, keinen Karl Marx und keinen Max Weber. 850 Daher beinhaltet die nationale Doktrin Anderson zufolge eine gewisse intellektuelle oder argumentative ‚Leere‘, die kosmo politischen und polyglotten Intellektuellen gerne zu einer gewissen Herablassung Anlass gibt.851 Tatsächlich aber sind es genau diese von Anderson als ‚polyglotte Intellektuelle‘ beschriebene Menschen, auf die Menasse in der EU-Kommission trifft. Doch finden diese Beamten bei Menasse nicht einmal mehr Anlass genug, die Wider sprüchlichkeit des Nationalismus mit Spott oder gar Herab lassung zu betrachten. Nein, Herablassung gegenüber einer irrationalen, noch heute mehrheitsfähigen Doktrin haben diese Beamten in ihrem Arbeitsumfeld nicht mehr nötig. Menasse zufolge widerlegen sie vielmehr den Nationalismus – ähnlich wie die Protagonistinnen Anja Buchmann und Mascha Kogan – schlicht durch die Realisierung ihres Daseins im gewöhnlichen Alltag, durch ihre Arbeit am europäischen Projekt selbst: „Zeitweise sah ich in diesen Menschen, die das fiktionale Bild des Beamten konkret widerlegten, auch selbst wieder Fiktion, eine neue“, schreibt Menasse als architektonischer Vordenker der konkreten Utopie vom demokratischen Europa. Denn die Beamten der EU-Kommission „sind oftmals in ihrer Praxis das, was doch zweifellos attraktiv wäre zu werden, nämlich echte Europäer: polyglott, hochqualifiziert, aufgeklärt, verwurzelt in der Kultur ihrer Herkunft, allerdings befreit von der Irrationalität einer sogenannten nationa len Identität.“ (DEL 23) Dringend ist hier zugleich noch einmal die Brücke zu Dan Diner zu schlagen: „Die jüdi schen diasporischen Lebenswelten entsprachen den Strukturen multinationaler Imperien bei weitem mehr als den homogenen und dadurch assimilatorisch geneigten Nationalstaaten, so liberal sich diese auch geben mochten.“852 So schreibt Diner, der eben auch aus dieser Loyali tät der Juden gegenüber den multinationalen Imperien schließt, dass gerade „Juden […] ein europäisches Volk per se, sozusagen Europäer avant la lettre“853 sind. Den hierzu passenden Entwurf, der in moderner demokratischer Ausarbeitung buchstäblich an „die Strukturen multinationaler Imperien“ andockt, liefert Robert Menasse rund acht Jahre nach Diners Aufsatz in seinem Essay. Denn vielleicht ist die polyglotte, hochqualifizierte und auf geklärte Beamtenschaft der EU und der Entwurf einer gemeinsamen europäischen Lebenswelt – so lautet Menasses These – „die 2.0-Version der josephinischen Bürokratie, die 850 Vgl. Anderson: Die Erfindung der Nation, S. 15. 851 Ebd. 852 Diner: Imperiale Residuen, S. 261. 853 Ebd. 326 Felix Kampel: Peripherer Widerstand als multina tionale in gewissem Sinn als Vorläufer der heutigen europäischen Verwaltung gelten kann.“ (DEL 23) Dabei geht Menasse in seinem Essay zugleich keineswegs unkritisch mit dem alten dynastischen Vielvölkerreich Österreich-Ungarn ins Gericht. Doch bei „aller Kritik an der Habsburgmonarchie und bei allem Misstrauen gegenüber ihrer späteren Verklärung“, so lautet Menasses Ehrenrettung des untergegangenen Vielvölkerstaats, „die Meriten des Josephinis mus und der habsburgischen Bürokratie sind bis heute, fast hundert Jahre nach Untergang des Vielvölkerstaats, auch noch in den ehemaligen Kronländern nachweisbar.“ (DEL 23) Zumal wenn man bedenkt, dass die emanzipatorische Bewegung der damaligen Nationalisten gegen den sogenannten „österreichischen Völkerkerker“ des Habsburgerreichs alles andere als ein humanitärer Erfolgsgarant gewesen ist. Folglich schreibt Gellner zu Recht über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Das Staatensystem, das im Namen des Selbstbestimmungsprinzips in Versailles aus der Taufe gehoben wurde, erwies sich als beschämend zerbrechlich und schwach. Es brach bereits beim ersten Sturm in sich zusammen. Die neuen [demokratisch-selbstbestimmten] Staaten hatten all die Schwächen der Großreiche, an deren Stelle sie traten, geerbt; sie wurden mindestens genauso von Minderheitenproble men geplagt, und wie immer man die neuen Grenzen gezogen hätte, sie hätten das Problem nicht beseitigt. […] Es brauchte nur einen Adolf und einen Josef, und das System brach schmählich in sich zusammen. […] Als man 1918 versuchte, Wilsons Prinzipien durchzusetzen, scheiterte dieser Versuch; beim Zusammenbruch Jugoslawiens versuchte man Ähnliches. Dies hatte noch tragischere Konsequen zen[.]854 […] Die uneingeschränkte Freude angesichts des plötzlichen Zusammenbruchs des Habsbur ger-, des sowjetischen oder jugoslawischen Staates war wohl Ausdruck einer gewissen Naivität.855 Dabei ist im unmittelbaren Anschluss an Menasses Verknüpfung mit der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn kaum verwunderlich, dass er in diesem Zusammenhang explizit noch ein mal seine Einwände gegen die Verfahren der plebiszitären Demokratie ins Argumentations feld führt. Genau gesagt greift Menasse erneut den direktdemokratischen Einwand (etwa der Neuen 854 Gellner: Nationalismus, S. 80 f. 855 Ebd., S. 171. 327VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Patrioten) auf, dass in der Europäischen Kommission in der Tat „Beamte ohne demo kratische Legitimation entscheiden wollen, was das Beste für die Allgemeinheit ist“. (DEL 23) Denn die radikalen Basisdemokraten und Neuen Patrioten machen hier einmal mehr den gleichen Einwand geltend, der lautet: „Es sei doch egal, wie gut es die Beamten der Kommis sion mit Richtlinien […] meinen – niemand habe sie gewählt, sie seien einfach nicht legitimiert.“ (DEL 23) Wer dabei Menasses provokativen Einwänden gegen basisdemokratische Elemente in modernen Nationalstaaten aufmerksam gefolgt ist, wird sich über seine Antwort auf diesen Einwand gegen die EU kaum wundern. Denn für Menasse ist die Einsetzung der nicht demo kratisch gewählten Beamten in den Institutionen der EU ein großes Glück: „Wir reden über Beamte. Beamte werden nicht gewählt. Auch in Deutschland nicht. Jedes System braucht einen Verwaltungsapparat, braucht Beamte“ (DEL 23), schreibt Menasse als Antwort nicht ganz frei von Häme. Doch: „Die Menschen in der EU-Bürokratie sind sinnigerweise durch Qualifikation qualifiziert.“ (DEL 24)856 Menasse ist demnach also froh, dass die Beamten der Kommission – ähnlich wie Professorinnen oder Professoren – und damit anders als Vertreter von Parteien nicht durch basisdemokratische Wahlprozesse ins Amt gesetzt werden, sondern durch Qualifikation. Denn auch keine Professorin und kein Professor wird Beamter oder Beamtin an einer Hochschule, weil die Mehrheit der Studierenden ihn oder sie in einer freien Wahl durch das Mehrheitsrecht bestätigt haben. Darüber entscheidet eine Kommission bewusst ausgewählter Entscheidungsträger. Weiter beschreibt Menasse das Ethos sowie die Einstellungsverfahren der EU-Beamten sogar mit einiger Bewunderung für diejenigen, die sich am Ende im Prozess der Qualifikation durchsetzen können: [V]erpflichtet sind die Beamten der Europäischen Kommission ausschließlich einer grundsätzlichen aufgeklärten Rationalität. Sie haben ihre Jobs nicht durch paternalistische Interventionen, Protektion und Parteimitgliedschaft erobert, sondern wesentlich durch ihre Bildung und Tüchtigkeit: Jedes Jahr wollen zwischen fünfundzwanzig- und dreißigtausend Menschen einen Beamtenjob in einer europäi schen Institution und 856 Der jüdische Autor György Konrád zeigt sich 2013 in einem Essay ebenfalls erleichtert über die transnationa len und zum Teil autoritären Eingriffsmöglichkeiten der EU gegenüber Entscheidungen in den einzelnen Nationalstaaten, die häufig einer populistisch-patriotischen Rhetorik und Agenda folgen. Vgl. Konrad, György: Europa und die Nationalstaaten. Berlin: Suhrkamp 2013, S. 9 f. 328 Felix Kampel: Peripherer Widerstand treten zu einem komplizierten dreistufigen Concours an – von denen am Ende vielleicht einhundert eine Stelle bekommen. Einhundert von dreißigtausend! Ich muss gestehen, dass ich die, die das schaffen, bewundere. Ich könnte das nicht. Ich hätte, bei aller Begeisterung für das eu ropäische Projekt, nicht diese Konsequenz, mich auf eine solche Prüfung vorzubereiten und mich ihr zu stellen. Aber ich kann bezeugen, dass die Qualifikation jener, die das schaffen, sich in der Regel deut lich von der aalglatten Schlüpfrigkeit, trübsinnigen Angepasstheit und protegierten Willfährigkeit jener unterscheidet, deren nationale Karrieren wir oftmals vor Augen haben. (DEL 24 f., kursiv F. K.) Menasse weiß damit sehr gut, dass die EU in der Tat ein Elitenprojekt ist. Doch im Unter schied zu allen radikalen Basisdemokraten sieht er in diesem Tatbestand kein Problem: Die künftigen Beamten der EU müssen zunächst nämlich einen Apparat von hochratio nalen Prüfungsanforderungen durchlaufen, vor dem sogar Menasse nach eigenen Angaben seine Kapitulation einräumen würde. Wer gleichzeitigt aber glaubt, Menasse tappe durch seinen ‚josephinischen‘ Elitismus notwendig in die Falle eines dynastisch-autoritären Staats modells, irrt sich. Denn mittelfristig liegt ihm in seinem Staatsmodell entwurf nichts ferner als die Reorganisation aristokratischprivilegierter Politikverhältnisse in Europa. Im Gegenteil: Menasse fordert in erster Linie „vor allem […] eine Stärkung des Europäischen Parlaments und eine Änderung des europäischen Wahlrechts“. (DEL 24) Doch von Büchner wie auch von Dostojewski857 weiß Menasse andererseits genau, dass die Identifikation der Bevölkerungsmehrheit mit einer neuen politischen Ordnung der Imple mentierung in der Regel erst nachgeschaltet ist. Er weiß, dass erst Vorkämpfer aus einer Minderheitenposition sich für eine neue politische Ordnung einsetzen müssen, die – wie im Fall Büchner – erst im Nachhinein von der Bevölkerungsmehrheit akzeptiert und angenom men wird. Entsprechend lautet eine berühmte Theorie des Protagonisten Raskolnikow in Dostojews kis Meisterwerk Schuld und Sühne, dass „die Menschen nach einem Naturgesetz sich tatsächlich in zwei Klassen scheiden“ lassen: „Die erste Klasse […] bilden diejenigen Men schen, die ihrer Natur nach konservativ und wohlgesittet sind“858, zu ihnen gehört die Mehrheit der 857 Vergleiche hierzu explizit Menasses Anspielungen auf Dostojewski in DEL, S.  28 u. S. 107. 858 Dostojewski, Fjodor: Schuld und Sühne. Frankfurt a. M.: Insel 2003, S. 379. 329VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) Bevölkerung und sie „ist stets die Beherrscherin der Gegenwart.“859 Zweifellos bildet diese Klasse heute die Mehrheit der Nationalisten in den einzelnen europäischen Län dern. „Die Zugehörigen der zweiten Klasse dagegen übertreten sämtlich das Gesetz; sie sind Zerstörer oder neigen wenigstens zur Zerstörung“860. Sie sind Raskolnikow zufolge notwendig in der Minderheit und zweifellos gehören heute die Vertreter einer europäischen Gesetzgebung zu ihnen, denn „größtenteils verlangen sie […] die Zerstörung des Bestehenden zum Zweck der Erreichung von etwas Besserem.“861 Anders als der junge Büchner kennt Menasse heute die konservative, autoritätshörige Ge walt der Mehrheit jedoch genauer – bereits 1834 machte sie den Plan einer demokratischen Ordnung in Deutschland durch Verrat an die fürstliche Obrigkeit zunichte. Obgleich exakt diese demokratische Ordnung sich rund 84 Jahre nach Büchners Flugblatt doch in Deutsch land etablieren konnte, was wiederum dazu führt, dass Büchner heute als revolutionärer Volksheld gesehen wird. Mit Raskolnikow aber weiß der europäische Sozialrevolutionär Me nasse anders als Büchner genau, die große Masse erkennt dieses Recht der außerordentlichen Menschen [zur Etablierung neuer Gesetze] niemals an, sondern hängt und köpft sie (mehr oder weniger) und erfüllt dadurch in durchaus rechtmä ßiger Weise ihre konservative Bestimmung; nur ist der weitere Verlauf oft der, daß in den nachfolgenden Generationen ebendiese große Masse die Hingerichteten auf Piedestale stellt und feiert (auch hier setze ich hinzu: mehr oder weniger).862 Georg Büchner wurde in seiner Zeit auf tragische Weise durch die Bevölkerung an die fürstli che Regierung verraten und musste wegen seiner politischen Aktivitäten im Straßburger Exil einer Verurteilung durch die polizeilichen Behörden entgehen. Menasse kennt die Analogie zur heutigen Situation jedoch genauer. Die Todesstrafe ist zwar gegenwärtig außer Kraft ge setzt, und Menasse muss durchaus (noch nicht) ins Exil. Doch obgleich – oder gerade weil – Menasse heute genau weiß, dass er als Raskolnikowscher Vorkämpfer einer neuen europäi schen Gesetzgebung kaum mit der Mehrheit der Bevölkerung in der EU rechnen kann, fordert er gerade gegen das Votum derselben Mehrheit die konsequente Vernichtung der nationa- 859 Ebd., S. 380. 860 Ebd., S. 379. 861 Ebd. 862 Ebd., S. 380. 330 Felix Kampel: Peripherer Widerstand len Ideologie und die mit ihr verknüpfte Demokratievorstellung in Europa: „Wir müssen stoßen, was ohnehin fallen wird, wenn das europäische Projekt gelingt. Wir müssen dieses letzte Tabu der aufgeklärten Gesellschaften brechen: dass unsere Demokratie ein heiliges Gut ist“, pro klamiert Menasse in unzweideutigem Ton als aggressiver Umstürzler: „[W]ir müssen eine neue Demokratie erfinden. Eine Demokratie, die nicht an die Idee des Nationalstaats gekoppelt ist.“ (DEL 98) Offen bleibt jedoch die Frage, woher Menasse eigentlich die Gewissheit hat, dass es sich bei einer europäischen Verfassung um eine vorteilhaftere Gesetzgebung zumindest gegenüber einer nationalen Grundordnung handelt. Dabei kann zunächst noch einmal die Brücke zu Olga Grjasnowas Einwand gegen den nationalen Staat geschlagen werden: Ihr Einwand besteht darin, dass die Umsetzung der Menschenrechte in einer postnationalen Gesellschaft wenigs tens ein Stück weit adäquater gewährleistet werden könnte als in den gegenwärtigen Nationalstaaten Europas. Denn paradoxerweise hat ein „Deutscher“, ein „Franzose“ oder ein „Österreicher“ durch den Ort seiner Geburt in Verbindung mit seinem nationalen Pass heute radikale Sonderrechte beispielsweise gegenüber einem „Mexikaner“, „Vietnamesen“ oder „Nigerianer“. Im Fall von politischer Verfolgung beschränkt sich dessen „Bleiberecht“ nach deutschem Recht beispielsweise auf drei Monate, obgleich es doch in der Proklamation der Menschenrechte zunächst in Artikel 9 pathe tisch heißt: „Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.“ Zudem heißt es entgegen der alltäglichen Ausweisungspraxis von Migranten und der Abschottung vor Asylbewerbern innerhalb der westeuropäischen Länder in Art. 13 Abs. 2 u. 1: „Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eige nen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren.“ Und: „Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines Staates.“ Menasse kennt diese alltägliche Praxis einer Verletzung der Menschenrechte in den westeuropäischen Nationalstaaten natürlich genau. Seine Forderungen nach einem gesamteu ropäischen Recht lauten daher auch analog zu Grjasnowas Ansprüchen: „[E]s ist nichts vorstellbar, was im Sinne des Gemeinwohls für österreichische Staatsbürger gut sein kann, wenn es niemand anderem in Europa zugutekommt.“863 Denn wenn europäisches Recht auch lange noch keinen globalen Status erreicht (ihn vielleicht auch gar nicht 863 Lahodynsky, Otmar; Zöchling, Christa: Robert Menasse: „Der Nationalismus wird nie wieder unschuldig sein“. In: Profil. 24.05.2014. 331VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) erreichen soll!), so gilt im Falle einer europäischen Rechtsprechung doch wenigstens: „Wenn das europäische Parla ment etwas beschließt, dann ist es zum Wohl oder zum Schaden für die Mehrheit aller Men schen in der EU.“864 Weiter im direkten Zusammenhang mit den Menschenrechten möchte Menasse daher auch wissen: „[W]arum sollen die Menschenrechte im Alentejo anders sein als für mich in Nieder österreich oder für einen Menschen am Peloponnes? Wer das behauptet, sieht die Menschenrechte als Kuchen, von dem man möglichst große Stücke für sich runterschneiden muss.“865 Ein eindeutiger Fortschritt für die Menschenrechte in Europa, ein dezidierter Schritt hin zu einer adäquateren und konsequenteren Umsetzung der Menschenrechte durch eine rechtsbindende Verfassung für alle EU-Bürger, wäre daher Menasse zufolge immerhin schon ein positiver Schritt Richtung Zukunft: „Innerhalb von gleichen Rahmenbedingungen für alle an seinem Lebensort sein Glück zu suchen, oder aber seinen Lebensort zu wechseln, ohne dass man zur Fremdenpolizei muss, ein Visum braucht oder ausgewiesen wird.“866 Woraus als logische Konsequenz der Menschenrechte wiederum nur eine Forderung an die gegenwärtigen Bürger und Politiker Europas gestellt werden kann: Wir müssen einen Kontinent schaffen, wo Rechtsstaatlichkeit und vernünftige Rahmenbedingungen für alle gelten; das ist das Große. Die Rahmenbedingungen. Und innerhalb dieses Rahmens bringen kleine Verwaltungseinheiten, nach dem Prinzip der Subsidiarität, das demokratische Leben zur Entfaltung.867 5. Fazit Das Ziel im vorliegenden Kapitel bestand darin, im Anschluss an die Textinterpretationen von Gorelik, Biller und Grjasnowa auch mit Blick auf den Essay Der Europäische Landbote (2012) zu zeigen, dass Robert Menasse ebenfalls zu Recht als Aufklärer seine potentielle Le serschaft über die irrationalen Aspekte in Kenntnis setzt, die bis heute paradoxerweise als Prämissen zur Implementierung nationalstaatlicher Grenzen und Verfassungen zugrunde 864 Ebd., kursiv F. K. 865 Ebd. 866 Ebd., kursiv F. K. 867 Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. 332 Felix Kampel: Peripherer Widerstand ge legt werden. Dabei wurde im scharfen Kontrast zu den Neuen Patrioten seit der WM 2006 zunächst in einem zitierten Interview klar, dass Robert Menasse anlog zu Renan und damit auch passend zur Generalthese der vorliegenden Untersuchung grundsätzlich von der Be hauptung ausgeht, dass Menschen, die in historisch-aufgeklärten Zusammenhängen denken, sich inzwischen nicht mehr über die völkischen Identitätsbegriffe Ethnie, Sprache und Reli gion definieren. Denn anders als vielleicht noch zu Georg Büchners Zeiten hat nach Menasse heute die Identität jedes einzelnen aufgeklärten Bürgers mehr Aspekte.868 Der Entwurf eines transnationalen Porträts des Autors präsentierte wie in den übrigen Ka piteln zunächst am Beispiel bisheriger Forschungsergebnisse ein Bild von Robert Menasse, das klar zeigte, dass er nicht nur ein engagierter Intellektueller besonders in Bezug auf politische Gegenwartsdebatten ist. Des Weiteren konnte in diesem Porträt auch klargestellt werden, dass Menasse trotz seiner nicht-halachischen Abstammung ein der jüdisch-kulturellen Diaspora nahestehender Autor ist, der mindestens die von Stephan Braese themati sierte ‚jüdische Erfahrung‘ von Vernichtung und Vertreibung in seiner literarischen Arbeit produktiv werden lässt, um sie in einer aufgeklärten Schreibbewegung gegen xenophobe Auswüchse des Nationalismus zu wenden. Andererseits konnte das skizzierte Porträt von Robert Menasse in diesem Fall genutzt werden, um wesentliche Grundzüge seines Essays Der Europäische Landbote darzulegen, die zeigen, dass Menasse konkret den Plan einer europäischen Verfassung entwirft, der in den einzelnen europäischen Nationalstaaten derzeit nicht mehrheitsfähig ist. Einen durchaus gewichtigen Einwand gegen Menasses überaus positive Interpretation der EU-Krise, die mittelfristig den notwendigen Druck zur Implementierung einer europäischen Verfassung erzeuge, legten sowohl Konrad Paul Liessmann als auch Antje Büssgen und Leszek Zylinski vor. So behauptete Liessmann etwa in seinem Streitgespräch mit Menasse im Hinblick auf empirische Wissensbestände seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, es gebe durchaus keine Gewissheit, dass die europäische Population aus dieser Krise die richtigen Lehren ziehen werde. Vielmehr zeige die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass man auch falsche Lehren ziehen könne, was etwa an den Folgen der Weltwirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre erkennbar sei.869 Weiter spricht gegen Menasses sicherlich wohlwol- 868 Vgl. Kopeinig, Margaretha: „Nationalismus, die kriminelle Energie“. In: Der Kurier. 14.09.2012. 869 Vgl. Stanzel, Eva; Hämmerle, Walter: „Strenge Grenzen für nationale Dummheit“. In: Wiener Zeitung. 23.12.2012. Vgl. ferner: Büssgen: Der Europa-Diskurs von Intellektu- 333VI. Robert Menasse: „Der Europäische Landbote“ (2012) lende Interpretation der Krise auch die Tatsache, dass in ganz Europa seit einigen Jahren zu be obachten ist, dass sich Parteien etablieren, die gemeinhin als ‚rechtspopulistisch‘ bezeichnet werden.870 Kurz: Die Geschichte des 20. Jahrhunderts belehrt den intellektuellen Beobachter im Grunde einmal mehr über den Umstand, dass Menschen in finanziellen und politischen Krisen situationen häufig eher die Bereitschaft zur Ausgrenzung, im Extremfall sogar zum situationsbedingten Völkermord anzeigen als zu einer Verbrüderung im Sinne einer friedfer tigen Weltgesellschaft, in der die Durchsetzung der Menschenrechte als Ziel von höchster Priorität angesehen wird.871 Denn auch wenn militante Tendenzen innerhalb der EU-Länder augenblicklich weniger sichtbar werden, so zeigt nicht zuletzt der brutale Bürgerkrieg in der Ukraine oder der Umgang mit Flüchtlingen aus Syrien an der Peripherie Europas klar an, inwieweit unverhohlener Nationalismus nach wie vor als Katalysator zur plötzlichen Gewalt ausübung dienen kann. Die Auswertung der Rezeption des Essays in Abschnitt 3 dieses Kapitels führte in der Summe zu dem Ergebnis, dass Robert Menasses Der Europäische Landbote – trotz des antisemitischen Internet-Shitstorms – im deutschsprachigen Feuilleton äußerst wohlwollend aufgenommen wurde. Dabei könnte hier möglicherweise tatsächlich der Grund für eine künftige Hoffnung der sich heute noch in einer Minderheit befindenden, proeuropäischen Avantgarde liegen. Denn wenn Menasses Ideen auch gegenwärtig, wie er selbst sagt, nicht die öffentlichen Gemüter erfasst, „trotz all ihrer Erregungsbereitschaft, ganz zu schweigen von den Massen“ (DEL 95), so scheint derzeit doch innerhalb der kritischen Publizistik häufig eine Einigkeit über die Notwendigkeit zur Überwindung der irrationalen Ideologie des Nationalismus zu bestehen (zumindest sofern man die reorganisierte Legitimationsbemühung des Nationalismus durch die Neuen Patrioten subtrahiert). Darüber hinaus könnte auch der in Abschnitt 4 entwickelte Interpretationsansatz zum EU-Kommissionsbeamten für eine entsprechende Hoffnung bei einer postnational denkenden Minderheit in Europa sorgen: Zwar bringt Menasse durch seine Untersuchung des EU-Beam ten eindeutig das Problem auf den Punkt, dass es sich bei diesen Beamten heute noch um ein gut ausgebildetes Ausnahmepersonal handelt, das nicht demokratisch legitimiert ist. Doch handelt es sich eben gerade bei diesen, nicht von einer nationalen Bevölkerung gewählten Beamten Menasse zufolge um polyglotte, ellen in Zeiten der Krise, S. 211. 870 Vgl. Brähler et al.: Die stabilisierte Mitte, S. 8 871 Vgl. Gellner: Nationalismus, S. 175. 334 Felix Kampel: Peripherer Widerstand hochqualifizierte, aufgeklärte und daher „echte Eu ropäer“, die im Kontrast zur Mehrheitsgesellschaft als Minderheit bereits von der Irrationalität einer sogenannten nationalen Identität befreit sind. (DEL 23) Und auf Dauer wäre es Menasse zufolge daher für die Mehrheit der Bevölkerung gerade in Bildungsfragen zweifellos attraktiv zu werden, was diese Beamten heute schon sind. (Vgl. DEL 23) Weiter darf sich die proeuropäische Minderheit auf dem Kontinent durch Menasses An spielung auf Georg Büchners Der Hessische Landbote eine gewisse Hoffnung erhalten. Auch der junge Sozialrevolutionär stemmte sich 1834 gegen die irrationale Verfassung der aristokratischen Ordnung im Fürstentum Hessen, ohne dabei erfolgreich um den Beistand des „deutschen Volkes“ werben zu können. Gleichwohl wurde Büchners Idee 84 Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, in Deutschland implementiert. Genau aus diesem Grund legitimiert der Fall Büchner auch die Anwendung der Theorie von Dostojewskis Raskolni kow, der zufolge es zunächst immer erst vorkämpferische Minderheiten für eine neue politische Idee geben muss – in dem Fall die einer konsequent gemeinsamen EU-Verfassung mit entsprechendem Wahlrecht. Wobei die stets konservative Mehrheitsgesellschaft den Avantgardisten grundsätzlich skeptisch, ja feindlich gegenübersteht; bevor dieselbe Mehr heitsgesellschaft die geschmähten Vorkämpfer der neuen politischen Idee schon einige Generationen später auf Podeste stellt und feiert. Eine Prognose, die im Hinblick auf die Ge schichte von Büchners Der Hessische Landbote immerhin als Paradigma künftig auch für den Essay Der Europäische Landbote denkbar ist. Zuletzt erscheint besonders Menasses Ansatz einer konsequenteren Ausdehnung der Menschenrechte in Form einer europäischen Gesamtverfassung mit konsequent gleichen Rechten (zumindest) für alle EU-Bürger als plausibel. Auch deshalb, weil sämtliche Mitgliedsstaaten der EU die konsequente Durchsetzung der Menschenrechtskonvention heute unterzeichnet und damit als Orientierungsmaßstab einer künftigen Entwicklung auf dem Glo bus ratifiziert haben, ohne durch ihre momentane Gerichtsbarkeit die entsprechenden Rechte in den einzelnen Nationalstaaten tatsächlich konsequent realisieren zu können.

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References

Zusammenfassung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren.

Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier „jüdischen“ Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.