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V.Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) in:

Felix Kampel

Peripherer Widerstand, page 208 - 275

Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3874-1, ISBN online: 978-3-8288-6624-9, https://doi.org/10.5771/9783828866249-208

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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207 V. Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) 1. Einführung Analog zu Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem soll im vorliegenden Kapitel V der Untersuchung für die These argumentiert werden, dass auch Olga Grjasnowa mit ihrem Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt. 552 In diesem Kontext kann Grjasnowas literarische Arbeit ebenfalls nicht mit der zentralen Gegenthese der Neuen Patrioten in Einklang gebracht werden, der zufolge die Bundesre publik seit der WM 2006 ein Land ist, zu dem die eigenen Bürger ein harmonisches Verhält nis haben.553 Denn mag dieser Sachverhalt auch nach wie vor auf breite Teile der deutschen Mehrheitsbevölkerung zutreffen: Wie im Fall der Aufklärungsarbeiten von Lena Gorelik und Maxim Biller gilt das Diktum der Neuen Patrioten ebenfalls nicht für Olga Grjasnowa und ihren Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt. Vielmehr muss auch Grjasnowas Debütroman im Kontext einer postnationalen Aufklä rungsarbeit verortet werden, weil die ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ Grjasnowas in Anlehnung an Homi K. Bhabha die ‚totalisierenden Grenzen‘ der Nation durch transnationale Schreib strategien verwischt.554 Auf diese Weise stört auch sie die ideologischen Vorgehensweisen, durch die die ‚erfundenen Gemeinschaften‘ der Nationen vorübergehend ihre heute mehr heitsfähigen Identitäten stabilisieren555, die einer empirisch-rationalistisch fundierten Kritik aus wissenschaftlicher Perspektive jedoch nicht standhalten können. Wiederholt wird in Grjasnowas Roman – wie auch am Beispiel ihrer eigenen Biographie – vielmehr die Tatsache vom „‚unheilbar‘ pluralen Raum“556 der nationalen Territorien zur Sprache gebracht, der im 21. Jahrhundert durch die zunehmende Mobilität von Menschen weiter geprägt sein wird557: „Meine Biographie ist langweilig. Ich bin irgendwann nach Deutschland gekommen“, kon statierte Olga Grjasnowa in diese Stoßrichtung etwa im Gespräch mit Stefan Kister gegenüber der 552 Vgl. Bhabha: DissemiNation, S. 222. 553 Vgl. Watzal: Editorial, S. 2. 554 Vgl. Bhabha: DissemiNation, S. 222. 555 Ebd. 556 Ebd. 557 Vgl. Welzer: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis, S. 17. 208 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Stuttgarter Zeitung, „aber das gilt mittlerweile ungefähr für zwanzig Prozent der Bevölkerung.“558 Zudem beschreibt Olga Grjasnowa ihre eigene „Lebensrealität“559, die sie in ihren Romanfiguren durchaus realistisch repräsentiert oder gespiegelt sieht560, im Tagesspiegel gegenüber Gerrit Bartels wie folgt: Ich kenne gerade in deutschen Großstädten so viele in meiner Generation, die einen ausländischen Hin tergrund haben, die Medizin, Psychologie oder Geisteswissenschaften studieren. Bei meinem Bruder auf dem Gymnasium in Frankfurt/Main waren am Ende in der Abiturklasse nur zwei Deutsche.561 Folgerichtig konstatierte Olga Grjasnowa auch zur Protagonistin ihres Romans Mascha Ko gan in einem Interview, dass „Mascha und ihre Freunde […] junge Erwachsene mit Hochschulabschlüssen und Migrationshintergrund“562 sind. Und genau dieser Migrationshinter grund führt laut Grjasnowa dazu, dass ihre Figuren nicht mehr auf die Zuge hörigkeit zu einem nationalen Kollektiv setzen, sondern „eher auf Staatsbürgerschaften, Visa und Aufenthaltsgenehmigungen“563. Damit zeigen die bisherigen Positionierungen deutlich an, dass der Rezipient im Fall von Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt ebenfalls mit einem zukunftsgerichteten Literaturkonzept einer aufgeklärten Avantgarde kon frontiert wird, in dem die multiethnische Entwicklung der BRD bereits zum festen Bestandteil der realen Entwicklung des Landes gehört. Ähnlich wie im Fall von Lena Gorelik und Maxim Biller soll in diesem Kapitel V der Zu griff auf Olga Grjasnowas Roman durch folgende Teilschritte strukturiert werden: (2) Im ersten Schritt wird zunächst erneut ein transnationales Kurzporträt der Autorin ausgearbeitet, das dazu dient, Grjasnowas intellektuelle Schreibarbeit genauer in den Kontext der dieser Studie zugrundeliegenden Generalthese einzubetten. (3) Im anknüpfenden Teil soll wie im Fall von Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem zunächst eine kurze inhaltliche Einfüh rung in die Romanhandlung ausgearbeitet werden, die den Plot der Erzählung grob skizziert und dabei die zentralen Figu- 558 Kister, Stefan: „Warum wollen Sie immer nur das eine wissen?“ In: Stuttgarter Zeitung. 28.07.2012. 559 Bartels, Gerrit: Rastlos in Kreuzberg. In: Der Tagesspiegel. 12.02.2012. 560 Vgl. ebd. 561 Ebd. 562 Grjasnowa, Olga: „Ich bevorzuge Gedrucktes“. In: Buchreport. 03.04.2012. 563 Ebd. 209V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) ren vorstellt, die im Roman auftreten. (4) Im vierten Teil liegt der Fokus erneut auf der bisherigen Rezeption des Romans: Zunächst im Umfeld des deutsch sprachigen Feuilletons, dann vor dem Hintergrund der bisherigen Forschungsergebnisse. Noch einmal wird in diesem Zusammenhang explizit die Frage nach dem transnationalen Po tential des Romans im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. (5) Im ausführlichen fünften Teil soll Grjasnowas Debütroman schließlich auf drei Interpretationsebenen dazu befragt werden, ob und inwieweit die dieser Studie zugrundeliegende Generalthese von der transnationalen Aufklärungsarbeit im literarischen Text Der Russe ist einer, der Birken liebt einen signifi kanten Ausdruck findet. (5.1) Ein Blick auf die Orte, an denen die Romanhandlung spielt, wird dabei auf der ersten Interpretationsebene ausgearbeitet. (5.2) Auf der zweiten Interpreta tionsebene wird es um die zentralen, zumeist multiethnischen Figuren und ihre Rolle im gesamten Romangefüge gehen. (5.3) Auf der dritten Interpretationsebene stehen schließlich spannungsgeladene Dialoge, Debatten oder Konflikte im Zentrum der Aufmerksamkeit, mit denen Grjasnowas Protagonistin Mascha als Folge der nationalen Doktrin im 21. Jahrhundert von Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft im Verlauf der Handlung konfrontiert wird. 2. Olga Grjasnowa: Ein transnationales Porträt Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku als Tochter einer Klavierlehrerin und eines Anwalts geboren.564 Im Alter von zwölf Jahren emigrierte sie 1996 gemeinsam mit ihrer Familie – wie Mascha, die Protagonistin ihres Debütromans – als jüdischer Kontingentflüchtling von Aser baidschan nach Deutschland.565 Grjasnowas Familie zählt damit zur bereits mehrfach thematisierten Gruppe der 170.000 bis 300.000 jüdischen Migranten, die aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik immigrierten566 und die heute einen Gesamtbevölkerungs anteil von rund 90 % aller Juden in Deutschland ausmachen.567 Unbestreitbar führte die Möglich keit jüdischer Migration seit 1991 dabei auch zu dem Umstand, „dass Deutschland um die 564 Vgl. Barthels, Gerrit: Rastlos in Kreuzberg. In: Der Tagesspiegel. 12.02.2012. 565 Ebd. 566 Gorelik; Weiss: Aufbrüche, S. 397. Die Autoren verweisen explizit darauf, dass die Angaben der Zahlen aus unterschiedlichen Quellen schwanken. 567 Vgl. hierzu: Braese, Stephan: Auf dem Rothschild-Boulevard: Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt und die deutsch-jüdische Literatur. In: Gegenwarts- Literatur. Ein germanistisches Jahrbuch. A German Studies Yearbook. Hrsg. von Paul 210 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Wende zum 21. Jahrhundert das einzige Land war, das ein Anwachsen seiner jüdischen Bevölkerung zu verzeichnen hatte.“568 Im Gespräch gegenüber Alan Posener hatte Maxim Biller dazu bereits angemerkt, dass er sich auf die kommende Generation der neuen Juden in Deutschland freue. Die Eltern dieser Generation seien ohne großes Kapital aus der Sowjetunion gekommen. Aus kultur- und gene rationsgeschichtlicher Perspektive folgte für Biller daraus, dass die Kinder der ersten Genera tion jetzt Ärzte und Juristen werden; die Kinder der zweiten Generation wiederum würden dann als Journalisten und Schriftsteller die BRD in Aufruhr versetzen.569 Dabei sollte ergän zend hinzugefügt werden, dass es sich bei Olga Grjasnowa und Lena Gorelik bereits um Vertreterinnen der zweiten Generation dieser Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion handelt, die damit die von Biller prognostizierte ‚bürgerliche‘ Ausbildung zum Juristen oder Arzt kurzerhand übersprungen haben und unmittelbar den Weg in die journalistische bezie hungsweise literarische Öffentlichkeit fanden, wo sie gleich für positive Aufmerksamkeit als aufgeweckte Gegenwartsdiagnostikerinnen sorgten. Olga Grjasnowa lebt und arbeitet heute als freie Schriftstellerin in Berlin. Nach ihrem Abitur und ersten Auslandsaufenthalten in Polen, Russland und Israel absolvierte sie im Jahr 2010 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig ihren Bachelorabschluss, bevor sie im Jahr 2012 ihren Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt 570 veröffentlichte. Neben ihrem vielbeachteten Debüt legte Olga Grjasnowa im Sommer 2014 einen zweiten Roman mit dem Titel Die juristische Unschärfe einer Ehe 571 vor. Im Zentrum des zweiten, ebenfalls breit rezi pierten Romans steht die Frage nach den Möglichkeiten moderner (homoerotischer) Liebesbeziehungen zwischen und in den Kulturen des Okzidents und des Orients im 21. Jahrhundert, deren Toleranzbereiche immer wieder auf gewisse Grenzen der Liberalität stoßen. Wobei im Zusammenhang mit der hier relevanten Fragestellung nach der Bedeutung des Nationalismus auffällt, dass die drei Hauptfiguren Jonoun, Leyla und Altay auch in Grjas nowas zweitem Roman ihre Gemeinsamkeit in dem Umstand finden, dass es sich um multiethnische Figuren handelt, in Michael Lützeler u. a. Tübingen: Stauffenburg 2014. S. 275 – 297, hier: S. 277. (Im Folgenden zitiert als „Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard“) 568 Ebd. S. 397. 569 Posener, Alan: Maxim Biller will Thomas Mann zerstören. In: Die Welt. 28.09.2009. 570 Vgl. hierzu die Seite des Verlags Hanser unter: http://www.hanser-literaturverlage.de/ autor/olga-grjasnowa. (Stand 14.12.2014). 571 Grjasnowa, Olga: Die juristische Unschärfe einer Ehe. München: Hanser 2014. 211V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) deren Lebensläufen und Vorfahren die unterschiedlichsten Herkünfte zur Kreuzung gebracht werden. Olga Grjasnowa ist wie Lena Gorelik und Maxim Biller für ihre literarische Arbeit inzwi schen mehrfach mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet worden: Im Jahr 2008 wurde Olga Grjasnowa Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Im Jahr 2011 erhielt sie das Grenz gängerstipendium der Robert Bosch Stiftung. Ferner erhielt Olga Grjasnowa im Jahr 2012 das Hermann Lenz Stipendium und für ihren Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt den Anna-Seghers-Preis sowie den Klaus-Michael-Kühne-Preis. Im Jahr 2014 erhielt sie schließlich das Arbeitsstipendium für Schriftsteller der Kulturverwaltung des Berliner Senats. Über das politische Engagement ihrer Schreibarbeit im direkten Hinblick auf die Frage nach der Bedeutung des Nationalismus äußerte sich die Autorin in einem Interview am 03.04.2012 darüber hinaus mit folgender Aussage: Was mich interessiert, ist die Frage, wie unsere Gesellschaften gegenwärtig organisiert sind, ob wir immer noch davon ausgehen können, dass wir einen nationalen Staat haben? Deutschland behauptet seit ca. fünfzehn Jahren, dass es ein Einwanderungsland ist, aber trotzdem ist es noch immer ein nationaler Staat. Es gibt zwar Menschen, die einwandern dürfen, aber sie gehören nie dazu und es wird von staatli cher Seite auch genau so festgelegt, vollkommen gewollt. Dazu gehört auch die Diskussion um Integration, was ja heißt, dass es jemanden gibt, der besser ist als andere und der den ‚Barbaren‘ beibringen muss, wie man zu leben hat. An diese Ausgangsvorstellung, dass alle gleich sind und gleiche Rechte haben, daran glaube ich nicht. Was ich von einem Staat oder Heimat, oder wie auch immer, gerne hätte, wären klar definierte Zugangsberechtigungen zu der Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig finde ich es sehr gut, dass es festgeschriebene gesellschaftliche Normen gibt, z. B. das Konzept des Rechts staats oder Demokratie. Mir wäre es ganz lieb, wenn das einfach nur gewährleistet wäre und zwar unabhängig von der Herkunft oder dem Bildungsstand, unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft, wenn also praktisch ein postnationaler Staat daraus entstehen könnte. Das finde ich viel interessanter als folkloristische Heimatbetulichkeit.572 572 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012, kursiv F. K. 212 Felix Kampel: Peripherer Widerstand In dieser Aussage Grjasnowas kommen die transnationalen Ziele der Autorin, die sie explizit mit ihrer politischen Schreibarbeit in Verbindung bringt, klar zum Ausdruck: Grjasnowa arti kuliert hier offen den Wunsch, dass die Transformation Deutschlands in einen postnationalen Staat ein für sie wünschenswertes Projekt wäre, das in der Summe viel interessanter sei als „folkloristische Heimatbetulichkeit“. Des Weiteren sieht Grjasnowa die konstitutive Funktion der Menschenrechte allein durch die Institution der Nation eo ipso verletzt, indem in stitutionelle und bürokratische Funktionäre nationaler Gemeinschaften rechtliche Grenzen zwischen ‚Ausländern‘ und ‚Einheimischen‘ ziehen und sich selbst innerhalb dieser Grenzen willkürlich Sonderrechte gegenüber denjenigen Menschen verleihen, die als ‚Ausländer‘ diffamiert und entrechtet werden. Denn obwohl es im Grundgesetz Art. 3 Abs. 1 zunächst großzügig heißt: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, haben politisches Asylrecht nach Art. 16a Abs. 3 in Deutschland bekanntlich keineswegs alle Menschen, die es sich au genblicklich wünschen. Sondern politisches Asylrecht haben in Deutschland nur „Ausländer“, die aus einem Staat einreisen, in dem klar erkennbar ist, „daß dort […] politische Verfolgung“ beziehungsweise „unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet.“ Dabei bleibt als radikale Einschränkung nach Art. 16a zudem die grundsätzliche Verschiebung der Beweislast auf den Antragsteller zu beachten, denn: „Es wird vermutet, daß ein Ausländer aus einem solchen Staat nicht verfolgt wird, solange er nicht Tatsachen vor trägt, die die Annahme begründen, daß er entgegen dieser Vermutung politisch verfolgt wird.“ Genau aus diesem Grund argumentiert Grjasnowa vollkommen zu Recht, dass sie trotz der Proklamation der Menschenrechte und des Grundgesetzes in Deutschland eben nicht an die „Ausgangsvorstellung“ glaubt, „dass alle gleich sind und gleiche Rechte haben.“ Denn: „Es gibt zwar Menschen, die einwandern dürfen, aber sie gehören nie dazu und es wird von staat licher Seite auch genau so festgelegt, vollkommen gewollt.“ Ihre eigene Forderung mit Blick auf den in der Bundesrepublik durch das Grundgesetz festgeschriebenen Rechtsstaat lautet, dass es ihr „ganz lieb“ wäre, wenn gleiche Rechte für alle Menschen „einfach nur gewähr leistet“ wären, unabhängig von der Herkunft oder dem Bildungstand und ebenso unabhängig von sozialer oder kultureller Herkunft, was in der logischen Konsequenz für Deutschland be deutet, dass „praktisch ein postnationaler Staat daraus entstehen könnte.“573 573 Ebd. 213V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Ferner wundert es in diesem Zusammenhang kaum, dass Grjasnowa über ihre politische Schreibarbeit ebenfalls anmerkt: „Was mich interessiert, ist die Frage, wie unsere Gesell schaften gegenwärtig organisiert sind, ob wir immer noch davon ausgehen können, dass wir einen nationalen Staat haben?“ Wobei das Konzept der Heimat in Grjasnowas Schreibarbeit gerade in Verbindung mit dem Nationalstaat entschieden abgelehnt wird.574 So heißt es in einem Autorenporträt gegenüber dem Tagesspiegel, das bereits in der Einleitung dieser Studie als Reaktion auf den neuen Patriotismus im Umfeld der Thesen von Thilo Sarrazin zitiert wurde: „Ich weiß nicht, was das ist: Heimat. Das war für mich noch nie wichtig, dieses Wort hat was von Ausschluss, von Ausgrenzung. Es bedeutet Russland den Russen […] oder Deutschland den Deutschen.“575 In einem weiteren Interview betonte Grjasnowa ferner zu den politischen Zielen ihrer transnationalen Schreibarbeit: „Ich glaube, das wird immer nur dargestellt als ein Verlust, dass man angeblich eine Sprache, eine Heimat verliert. Ich weiß nicht, ob da so viel dahinter steckt, das hinterfrage ich.“576 3. Der Russe ist einer, der Birken liebt: Eine interkulturelle Einführung Olga Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt erzählt die Geschichte der jüdischen Protagonistin Maria Kogan, genannt ‚Mascha‘, die wie die Autorin in Baku geboren wurde, der Hauptstadt Aserbaidschans. Dort hat Mascha in den 1990er Jahren in ihrer Kind heit „die Pogrome an den Armeniern miterlebt“577, woraufhin sie 1996 ebenfalls mit ihren Eltern als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland emigrierte. Anders als die Autorin Olga Grjasnowa hat ihre Protagonistin Mascha Kogan dort infolge der nationalen Konflikte zwischen Armeniern und Aserbaidschanern zuvor eine traumatische Erfahrung gemacht, die sie nachhaltig in ihrer Lebensführung beeinträchtigt: Als Mascha von ihrem Vater an einem Nachmittag zu ihrer Großmutter gebracht wird, schlägt auf dem Gehweg plötzlich die Leiche einer jungen Frau vor Mascha auf. (Vgl. RBl 42) Da Olga Grjasnowa nach der Romanveröffentlichung durch die Presse und auf Lesungen mehrfach auf die autobiographischen Überschneidungen zwischen Autorin und Protagonistin im Roman angesprochen wurde, 574 Vgl. hierzu auch: Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard, S. 294 f. 575 Bartels, Gerrit: Rastlos in Kreuzberg. In: Der Tagesspiegel. 12.02.2012. 576 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 577 Grjasnowa, Olga: „Ich bevorzuge Gedrucktes“. In: Buchreport. 03.04.2012. 214 Felix Kampel: Peripherer Widerstand äußerte sich die Schriftstellerin dazu ironisch in einem Essay in der Berliner Zeitung wie folgt: Natürlich gibt es gewisse Gemeinsamkeiten zwischen mir und Mascha, der Protagonistin, wie etwa das Alter oder die vermeintliche Herkunft; doch ich habe nichts von all dem im Buch Geschilderten erlebt – weder den Tod eines geliebten Menschen, noch ein Trauma in der Kindheit und gewiss leide ich an keiner posttraumatischen Belastungsstörung.578 Die erzählte Zeit des Romans erstreckt sich über etwas mehr als ein Jahr. Die ersten beiden von insgesamt vier Romanteilen spielen hauptsächlich am Schauplatz der Metropole Frank furt. Zum Zeitpunkt der Handlung ist Mascha Mitte zwanzig579, eine überdurchschnittlich begabte Studentin, die sieben Sprachen spricht580 und eine transnationale Dolmetscherkarriere bei der UN anstrebt. Seit ihrer traumatischen Erfahrung ist die Protagonistin Grjasnowas An gaben zufolge „stets auf der Suche nach etwas, das ihr Stabilität bieten kann – sei es ein Ort oder eine Person, Mann oder Frau. […] Bei ihrem Freund Elias kommt Mascha endlich zur Ruhe, doch er stirbt.“581 Sein tragischer Tod ereignet sich zum Ende des ersten Romanteils als Folge einer Fußballverletzung, die zu einer Sepsis führt, vor der die Ärzte Elias nicht retten können. Nach Elias Tod tritt Maschas rastlose Suche nach Stabilität und Sicherheit im zweiten Ro manteil in eine erweiterte Phase ein – wobei der Leser zunehmend differenzierte Einblicke in Maschas Trauerprozess, ihre Alltagsbewältigungsstrategien und besonders ihr transnationales Weltverständnis erhält. Ihre Freunde Sami und Cem, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben und deren Vorfahren zudem aus muslimisch geprägten Ländern stammen, stehen ihr bei dem Versuch der Trauerbewältigung jederzeit zur Seite. Gleichzeitig betont Olga Grjasnowa im Zusammenhang von Maschas neu entfachter Suche nach Sicherheit und Stabi lität, dass ihre Protagonistin weder das emotionale Bedürfnis nach nationalen Identifikationsmöglichkeiten zeige, noch dasjenige nach ‚Heimat‘ im Sinne eines rhetorisch 578 Grjasnowa, Olga: Niboko hat einen Plan. In: Berliner Zeitung. 18.09.2012. 579 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 580 Sie spricht: Deutsch, Russisch, Polnisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch (vgl. RBl, S. 30 f.). 581 Grjasnowa, Olga: „Ich bevorzuge Gedrucktes“. In: Buchreport. 03.04.2012. 215V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) oder pathetisch aufgeladenen Vaterlandsbegriffs.582 Im Gegenteil ist Mascha nach Grjasnowa in Analogie zu Bhabhas literaturtheoretischem Ansatz vielmehr der Meinung, dass eine natio nale Identität „in heutigen Metropolen nicht mehr aktuell“583 ist. Folglich stellt Grjasnowas Protagonistin auch im Roman fest: „[D]er Begriff Heimat implizierte für mich stets den Pog rom. Wonach ich mich sehnte, waren vertraute Menschen, nur war der eine tot, und die anderen ertrug ich nicht mehr. Weil sie lebten“. (RBl 203) Mascha absolviert eine erfolgreiche Abschlussprüfung und schläft im Anschluss in einer nach wie vor desorientierten Lebenslage mit einem ihrer Professoren. Dieser verschafft ihr im Anschluss zwar nicht die angestrebte Stelle bei der UN, immerhin aber eine als Korrespondentin im „Auslandsbüro einer deutschen Stiftung in Tel Aviv“. (RBl 143) Die Romanteile drei und vier handeln folglich in Israel, wobei vor allem die Metropolen Tel Aviv und Jerusalem als Schauplätze der Erzählung die multikulturelle Metropolenkulisse liefern. Da Maschas Arbeitsaufträge als Dolmetscherin häufig darin bestehen, mit Delegierten das Land und damit auch seine Krisenregionen zu besuchen (vgl. RBl 184 f.), ist sie als Rei sende viel im Land unterwegs und lernt Israel als Sonderfall des Nationalismus besser kennen. Doch auch hier wird Mascha ihre Vorbehalte gegen nationalstaatliches Denken keineswegs hinter sich lassen oder vergessen. Im Gegenteil findet sie bis zuletzt auch zum Nationalstaat Israel keinen klaren, festen Standpunkt. Von sich selbst sagt sie jedoch, dass sie im Fall einer in ih ren Augen unverhältnismäßigen Kritik an der politischen Führung Israels durch Außenste hende stets „schon wieder nah dran“ war, mit dem ‚israelischen‘ Nationalismus „eine Lebensform zu verteidigen, die ich ablehnte.“ (RBl 226) Mit dem Geschwisterpaar Ori und Tal wird Mascha in Israel zwar sehr bald neue Freunde, nicht jedoch ihren ersehnten inneren Seelenfrieden finden. Denn zuletzt sind es nicht aufzuhaltende, ständig wiederkehrende Re miniszenzen an ihren verstorbenen Freund Elias in Verbindung mit ihren traumatischen Erfahrungen, die Mascha in Israel mit eskalierender Heftig- 582 In einem Aufsatz von Andrea Klatt heißt es zu Maschas transnationalem Identitätskonzept treffend: „Sie [Mascha] beansprucht viele kulturelle Identitäten für sich […]; eine Zugehörigkeit zur deutschen Kultur wird ihr abgesprochen und sie versucht diese auch nicht mehr zu profilieren. […] Außerdem umgibt sie sich fast aus schließlich mit Menschen mit hybriden Identitäten, an denen das Muster der Transkulturalität paradigmatisch ausbuchstabiert wird.“ Klatt, Andrea: Heterotope Heilsamkeit der Nicht- Orte bei Olga Grjasnowa und Christian Kracht. In: Provisorische und Transiträume: Raum erfahrung „Nicht-Ort“. Hrsg. von Miriam Kanne. Berlin: Lit 2013. S. 215 – 230, hier: 219 f. 583 Grjasnowa, Olga: „Ich bevorzuge Gedrucktes“. In: Buchreport. 03.04.2012. 216 Felix Kampel: Peripherer Widerstand keit erneut einholen. (Vgl. u. a.: RBl 180; 205; 250) Parallel zu dieser psychologischen Abwärtsbewegung potenziert sich ihr Konsum von Medikamenten, Alkohol und Drogen. Eine explosive Mischung, die Mascha zum Ende des Romans völlig aus der anfangs streng fokussierten Bahn ihres Lebens werfen: „[I]ch wollte […] mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln“. (RBl 225) Im vierten Teil lernt Mascha schließlich den aus einem kommunistischen El ternhaus stammenden Palästinenser Ismael kennen – und zwar „nur weil er Elischa ähnelte und ich mich an ihn klammern wollte“. (RBl 267) Schon einen Tag später begleitet sie Ismael auf eine Hochzeit von seiner Cousine in Ramallah. Als Mascha sich nach kurzen Gesprächen mit einigen Verwandten der Hochzeitsgesellschaft wegen ihrer jüdischen Abstammung all mählich fehl am Platz fühlt, ergreift sie überstürzt die Flucht. (Vgl. RBl, 277 f.) Dabei verliert sie das Bewusstsein und findet sich allmählich auf einem freien Feld in Ramallah wieder, von wo aus sie ihren Ex-Freund Sami anruft und ihn um Hilfe bittet. Maschas Schicksal bleibt am Ende des Romans offen. Doch nach Grjasnowas eigenen Angaben „scheitert [Mascha] zu nehmend“ und in Ramallah damit zum letzten Mal an ihrer „ganz eigene[n] Grenze kultureller Übersetzbarkeit.“584 Denn, so äußerte sich Grjasnowa über die durchaus kulturpessimistische Konstitution und mentale Verfasstheit ihrer Protagonistin ausführlich im Interview gegenüber Aviva: Egal wo sie [Mascha] hinkommt, die Strukturen ähneln sich. Egal ob Kaukasus oder Palästina. Dieses Wissen, dass von heute auf morgen jemand umgebracht werden kann oder als ‚der Andere‘ manifestiert wird. Egal, ob es sich um Palästinenser oder Juden, um Moslems oder um Christen handelt. Das be schäftigt mich persönlich auch sehr, diese Strukturen, die dazu führen, dass man jemanden als anders und fremd wahrnimmt und sich daraus dann sehr schnell gesellschaftliche Konsequenzen entwickeln. Das ist etwas, was ich immer noch nicht ganz verstehe und was mich antreibt. Und bei Mascha ist es das Trauma, das immer stärker wird und das Wissen, dass es nicht gut ist und dass es auch nicht gut werden kann, dass es kein Happy End geben wird, weil sich nichts verändert.585 584 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 585 Ebd. 217V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Auch wenn Mascha im Roman also glaubt, dass es „kein Happy End gibt, weil sich nichts verändert“, so legen die bisherigen Ausführungen zu Olga Grjasnowas Perspektiven durchaus einen Interpretationsansatz nahe, in dem das vielbeachtete Debüt der Autorin unmittelbar auf sein transnationales Potential befragt wird. Besonders deshalb, weil Grjasnowa selbst vorgibt, sich im Roman mit Strukturen von Fremdwahrnehmung zu befassen, aus denen sich gesell schaftliche Konsequenzen mit xenophoben Auswüchsen entwickeln. Eine dieser Strukturen mit schnellen gesellschaftlichen Konsequenzen ist, wie im Verlauf der Untersuchung inzwischen mehrfach gezeigt wurde, der Nationalismus. Trotz des Scheiterns der Romanheldin Mascha, so wird sich im Folgenden daher zeigen, kann der Ro man als eine offensive Aufklärungsarbeit über den Nationalismus gelesen werden. Denn Grjasnowas literarischer Text verweist bereits auf eine multiethnische, multireligiöse und multilinguale Gegenwart in Deutschland, in der die postmoderne Gesellschaft als Majorität aus Glaube und Tradition heute noch nicht in hinreichendem Maße angekommen ist. 4. Olga Grjasnowas Debütroman in der Kritik: Rezeption und Forschungsthesen Breit und zugleich vielstimmig war das Echo, das Olga Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt in den ersten Wochen und Monaten unmittelbar nach seinem Erscheinen in den Debatten des deutschen Feuilletons hervorrief. Doch wenn auch die Mehrzahl der Besprechungen durchaus von zustimmender Emphase gerade im Hinblick auf die transnationalen Aspekte des Romans getragen war, so gab es andererseits auch harte Kri tik gegen die Autorin und ihren literarischen Text, sodass ein genauerer Blick im Vorfeld einer detaillierten Untersuchung des Romans sich abermals für den Fortgang der Untersu chung als lohnenswert erweisen dürfte. Ursula März sprach in einer eindeutig positiv, ja begeistert ausfallenden Kritik in der Zeit am 13.03.2012 von einem überaus wachen, hellsichtigen Debüt, mit dem es Grjasnowa gelungen sei, „gleichsam aus dem Stand, den Nerv ihrer Generation“586 zu treffen. Doch ging März in ihrer affirmativen Einschätzung zu Grjasnowas Roman noch einen Schritt weiter, 586 März, Ursula: Sie ist auf Alarm. Sie sucht eine Schulter zum Anlehnen. Sie schläft nicht. Sie haut ab. In: Die Zeit. 13.03.2012. 218 Felix Kampel: Peripherer Widerstand wagte gar eine prognostische These und konstatierte, dass der potentielle Leser des literarischen Textes durchaus die „kosmopolitische Weltsicht“ der Romanheldin Mascha Kogan, „die Selbstver ständlichkeit ihres multiethnischen Lebensmilieus hochrechnen“587 könne. Und zwar hochrechnen „zum Bewusstsein einer jungen Generation, die gerade dabei ist, das Bewusst sein der deutschen Literatur zu bestimmen.“588 Entsprechend sei der überaus gelungene Roman Grjasnowas nicht nur die „radikal antifolkloristische, antilarmoyante Stimme“ einer „deutschsprachigen Migrationsliteratur, […] deren Vielstimmigkeit längst das Wort Tradition verdient“.589 Des Weiteren erfasse Grjasnowa auch „das Erfahrungstempo einer jungen Genera tion, für die Globalisierung nicht nur eine Floskel aus den Wirtschaftsnachrichten ist, sondern Lebensalltag“590. Insgesamt wollte März deshalb auch keinen Zweifel an der hochaktu ellen Erfindungsgabe Grjasnowas aufkommen lassen, was sie durch die These zum Ausdruck brachte, dass „Mascha Kogan für die deutsche Literatur erfunden werden“ musste, „weil sie den Typus einer neuen Generation verkörpert.“591 Mit ähnlich positiv konnotiertem Zuspruch besprach auch Tilman Krause in der Welt am 31.03.2012 Grjasnowas Roman: „Das Erstaunliche an diesem Buch ist, angesichts seiner be stürzenden Gemengelage, die vollständige Abwesenheit von Larmoyanz.“592 Vielmehr zeichne sich mit der Schriftstellerin Grjasnowa „ein Typus ab“, so Krause, „dem alles Pitto reske oder gar gefällig Folkloristische gründlich ausgetrieben ist. […] Von wegen Heimat. Von wegen nationale Identität. Dergleichen haben Mascha und ihre Freunde abgeschrie ben.“593 Des Weiteren betonte auch Mathias Wulf in der Berliner Morgenpost594, dass mit Grjas nowa ein junges Talent am Werk sei, das einerseits durch eine außergewöhnliche Sprachbegabung hervorsteche. Andererseits wisse Grjasnowa sich derzeit aber eben auch durch eine klare Orientierungstendenz von den jungen deutschen Kollegen abzuheben: „Olga Grjasnowa hat einen eigenen, rauen und zugleich verzweifelten Ton gefunden, der anders ist als 587 Ebd. 588 Ebd. 589 Ebd. 590 Ebd. 591 Ebd. 592 Krause, Tilman: Globale Heimatlosigkeit. In: Die Welt. 31.03.2012. 593 Ebd. 594 Wulff, Matthias: Wütend, ruppig, verletzt. In: Berliner Morgenpost. 03.02.2012. Gedruckt wurde der unverän derte Artikel zudem in: Die Welt kompakt. 08.02.2012. 219V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) bei der Mehrzahl jüngerer deutscher Schriftsteller, deren Protagonisten in Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit und Sinnsuche gefangen sind.“595 Denn während die Kollegen in aller Regel in ihrem eigenen Nihilismus verharrten und zugleich über denselben nicht hinauskä men, verhalte es sich bei Grjasnowas Protagonistin ganz anders: „Mascha fragt nicht nach einem Lebensentwurf, weil ihr ihre Herkunft nicht viele Wahlmöglichkeiten gegeben hat.“596 Wenn ferner die Rezeptionen des Romans in der Summe auch nicht immer von den gleichen, nahezu uneingeschränkten Positivreaktionen zu Grjasnowas Roman getragen waren wie im Fall von Ursula März, Tilman Krause oder Matthias Wulf, so behielt die Mehrzahl der wohlwol lenden Kritiken insbesondere in den auflagenstarken Feuilletons der deutschen Presselandschaft auch weiterhin eindeutig Oberwasser. Der Schwerpunkt der Rezensenten lag dabei immer wieder auf dem zentralen Hinweis, dass Grjasnowa mit außergewöhnlichem Feingespür auf die Notwendigkeit zur Überwindung nationaler Denk- und Handlungsmuster hinweise. Entsprechend schrieb Meike Fessmann in der Süddeutschen Zeitung am 24.03.2012 nicht nur, dass Der Russe ist einer, der Birken liebt „ein faszinierender Roman“ sei, „kraftvoll, di alogstark, anmutig“, sondern auch, dass die „Zuschreibungsakrobatik dieses Romans beein druckt, der spannend und gelenkig bleibt, obwohl er bei nahezu jeder Figur Herkunftsgeschichten erzählen muss.“597 Was Fessmann neben aller Befürwortung im Hinblick auf die transnationalen Perspektiven im Roman hingegen als Schwachstelle des Textes charakterisierte, kam in der kritischen Anmerkung zum Ausdruck, dass „Maschas Trauer um Elias“ in der Erzählweise Grjasnowas nicht aufgehe, weil es der Heldin Mascha „an Innerlichkeit“ fehle, die auch durch „den Hinweis auf posttraumatische Belastungsstörun gen nicht schon erklärt“598 sei. Ein Punkt, der für Fessmann immerhin so schwer ins Gewicht fiel, dass sie in ihrer insgesamt positiv ausgerichteten Kritik auf einen polemischen Schluss punkt durch einen süffisanten Satz nicht verzichten konnte: „Aber vielleicht ist das die Pointe des Romans: dass er vom Druck erzählt, 595 Ebd. 596 Ebd. 597 Fessmann, Maike: Elias und die Aserbaidschan-Kiste. In: Süddeutsche Zeitung. 24.03.2012. 598 Ebd. 220 Felix Kampel: Peripherer Widerstand unter den junge Frauen geraten, die gelernt haben, dass alles zur Pose werden kann, selbst das Leiden.“599 Gerrit Bartels konstatierte im Tagesspiegel in Analogie zum transnationalen Interpretationsansatz seiner Kollegen insbesondere mit Bezug auf die 2010 durch Thilo Sarrazin entfachte Integrationsdebatte: „Nein, Grjasnowas junge Figuren sind begabt, gut ausgebildet, politisch sensibilisiert, privilegiert, ohne dass ihr Leben gleich ein Zuckerschle cken sein würde. Thilo Sarra zin gingen vermutlich die Augen über, würde er diesen Roman lesen.“600 Zudem wies Jörg Plath am 13.03.2012 in der Neuen Zürcher Zeitung noch einmal auf die längst überholte Homogenitätsvorstellung deutschnationaler Kultur anschaulich am Beispiel der Figur Elias hin: „Es ist kein Zufall, dass der Tote einer der wenigen Deutschen im Buch und zudem Opfer einer schweren ostdeutschen Jugend mit einem alkoholkranken Vater ist: Er ist ein Bauernopfer.“601 In einer Besprechung der TAZ legte Christa Nord am 16.06.2012 darüber hinaus noch einmal besonderen Wert auf den Umstand, dass Grjasnowas Roman gerade auf einfühlende und emphatische Weise verständlich mache, „was es heißt, wenn man in Deutschland lebt, ohne dass dies auch schon die Groß- und Urgroßeltern getan hätten.“602 So liege eine Stärke des Romans eben auch darin, Nicht-Migranten einmal auf emphatische Weise vor Augen ge führt zu haben, „[w]ie es ist, wenn man die Eltern aufs Ausländeramt begleitet, wo die Anträge derer, die der Sprache nicht mächtig sind, erst gar nicht bearbeitet werden.“603 Für breitere Aufmerksamkeit auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Feuilletons604 sorgte auf der Gegenseite der vielen Positivbesprechungen ein ausgesprochen kritischer Interpretati onsansatz Sigrid Löfflers, der bereits am 30.01.2012, knapp eine Woche vor dem eigentlichen Erscheinungstag des Romans, beim Kulturradio rbb veröffentlicht wurde.605 In ihrer durch eine 599 Ebd. 600 Bartels, Gerrit: Rastlos in Kreuzberg. In: Der Tagesspiegel. 12.02.2012. 601 Plath, Jörg: Hochtouriges Identitätskarussell. In: Neue Zürcher Zeitung. 13.03.2012. 602 Nord, Christa: Aserbaidschanisch für „Haselnuss“. In: TAZ. 16.06.2012. 603 Ebd. 604 Vgl. hierzu u. a. Wulff, Matthias: Wütend, ruppig, verletzt. In: Die Welt kompakt. 08.02.2012. Und: Berliner Morgenpost. 03.02.2012. Vgl. ferner: Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 605 Löffler, Sigrid: Olga Grjasnowa. Der Russe ist einer, der Birken liebt. In: Kulturradio rbb. 30.01.2012. Quelle vom 14.11.2012 (www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2012/ 221V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) feministische Perspektive inspirierten Kritik attestierte Löffler Grjasnowa darin im scharfen Angriffston einen „Rückfall auf ausgelaugte, vor-emanzipatorische Stereo typen, offensichtlich ohne dass dies der Autorin bewusst wäre.“606 Dass diese gendertheoreti sche Lesart Löfflers tatsächlich eine zurückweisende Wirkung nicht nur unter den Kritikerkollegen607, sondern auch bei Grjasnowa selbst provozierte, wurde schließlich im Mai 2012 bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen deutlich, als Grjasnowa im Interview zur Entkräftung von Löfflers Kritik folgenden Einwand vorbrachte: Was mich ärgert ist die Heteronormativität, von der eine solche Interpretation ausgeht: dass eine Frau sich unbedingt wehren muss. Die Heteronormativität macht mir mehr zu schaffen als der Erlösungsge danke. Und auch Postfeminismus ist nicht mein Konzept. Ich bin immer noch für den Feminismus. Bis zum Postfeminismus ist es noch ein weiter Weg.608 Tatsache trotz dieser Reaktion hingegen bleibt, dass Löffler in der Argumentation ihres Inter pretationsansatzes weder von einer Heteronormativität ausging, also von der Heterosexualität als der einzig gültigen Norm; noch trat Löffler mit der Forderung an Grjasnowa heran, dass sich eine moderne Autorin notwendig dem Konzept des Postfeminismus zuwenden müsse, wenn sie einen aufgeklärten Roman schreiben wolle. Was Löffler lediglich in ihrer Kritik zum Ausdruck brachte, war vielmehr die aus der Romanhandlung in der Tat kaum zu tilgende Feststellung, dass die Romanheldin zum Ende eine eskalierende Tendenz zur Unselbständig keit aufweise und dass Mascha sich dadurch im Verlauf der Handlung zu einer seit der Antike problematischen Frauenfigur entwickle, die mit Grjasnowas Roman bis in die Gegenwartslite ratur hineinreiche. Genauer gesagt zu einer Frauenfigur, die in Löfflers Worten „nur von ei nem Ritter aus ihrer misslichen Lage errettet werden kann.“609 Denn, so hatte Löffler in ihrer Interpretation der Figur Mascha mit Bezug auf den Schlussteil des Romans zu bedenken gege ben: „Sie [Mascha] gibt jeden Anspruch auf Selbstbestimmung auf und über lässt olga_grjasnowa_der.html.) 606 Ebd. 607 Matthias Wulf sprach in seiner Besprechung etwas misslich von einem „nahezu stalinistisch daherkom mende[n] Diktum, das die Gender-Theorie (als gäbe es nur eine), als eine Autorität überhöht.“ 608 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 609 Löffler, Sigrid: Olga Grjasnowa. Der Russe ist einer, der Birken liebt. In: Kulturradio rbb. 30.01.2012. 222 Felix Kampel: Peripherer Widerstand es ihren rit terlichen Freunden Sami und Cem, über ihr Leben zu bestimmen und sie aus Notlagen zu be freien.“610 Und mit konkretem Bezug auf die Romanhandlung begründete Löffler ihre Kritik wei ter durch die Anmerkung: Über ihren Kopf hinweg melden die beiden [Cem und Sami] kurzerhand Mascha zur UN-Dolmetscherprüfung an. Im Schlussbild des Romans steht Mascha völlig verloren und allein auf einem Feld am Rande eines Palästinensergebiets bei Ramallah, hat Nasenbluten und weiß nicht wohin. Per Handy ruft sie ihren ritterlichen Freund Sami aus Europa herbei: Er soll sofort herkommen und sie retten.611 Eben diese Vorstellung vom Erlösungsgedanken an einen männlichen Retter, der die obendrein durch eigene und impulsive Schuld in Not geratene Frau schließlich aus einer misslichen Lage befreien soll, sei durch die „ Gender- Theorie“, so Löffler, „längst durchanalysiert (und verworfen)“612 worden. Vor diesem Hintergrund sei es „um so merkwürdiger, dass Olga Grjasnowa ihre anfangs emanzipierte Heldin ganz unreflektiert in diese hilflose Rolle zurückdrängt.“613 Doch mag es in Bezug auf die Forderung nach einer emanzipatorischen Frauenrolle in Grjasnowas Roman durchaus Schwierigkeiten geben; Löfflers zweifellos unter den Kollegen registrierte Kritik änderte auch in der Folge nichts an dem Umstand, dass die Mehrzahl der Besprechungen im deutschsprachigen Feuilleton einen entschieden positiv ausfallenden Charakter behielt. Obgleich zu beachten bleibt, dass in den Kritiken weniger das (möglicher weise) problematische Frauenbild des Romans im Zentrum der Aufmerksamkeit stand als vielmehr Grjasnowas normative Hauptstoßrichtung: Die Problematik nationalstaatlicher Grenzziehung sowie die damit verbundenen systematischen Tendenzen der Ausgrenzung von ethnischen, religiösen oder sprachlichen Minderheiten in der modernen Mehrheitsgesellschaft. Im Hinblick auf die bisherige Rezeption des Romans bleibt neben der Vielzahl affirmativer Kritiken im Feuilleton ferner ein richtungsweisender Aufsatz mit dem Titel Auf dem Rothschild-Boulevard: Olga Grjasnowas Roman 610 Ebd. 611 Ebd. 612 Ebd. 613 Ebd. 223V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) ‚Der Russe ist einer, der Birken liebt‘ und die deutsch-jüdische Literatur zu berücksichtigen, den Stephan Braese im Jahr 2014 vorgelegt hat. Prägend besonders auch für die These der vorliegenden Studie ist dabei zunächst Braeses Hinweis, dass spätestens mit der Einwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus Osteu ropa und den daraus hervorgehenden neuen Autoren in der Gegenwartsliteratur die Orientierung an einer ‚deutschen‘ Literatur und Kulturtradition an ein Ende gelangt sei: Die selbstverständliche Verbindlichkeit einer deutschen literarischen Tradition, die Verbindlichkeit gar der kritischen Reflexion einer explizit deutsch-jüdischen Literatur, am Beispiel etwa Heines oder Kaf kas – sie ist in den Subjektgeschichten jener jüdischen Autoren deutscher Sprache an ein Ende gelangt, die nicht mehr ‘deutsch’ – d. h. hier: nicht mehr vorrangig mit deutschsprachiger Literatur – sozialisiert wurden. Die privilegierte Stellung, die die deutsche literarische Tradition für Heine, Lasker-Schüler, Celan hatte und noch für Honigmann hat, ist aufgehoben.614 Gemäß Braeses These ist in der vorliegenden Studie bereits im Zusammenhang mit Maxim Biller darauf aufmerksam gemacht worden, dass diese in der Sowjetunion sozialisierten Auto ren die (in der Regel von außen adressierte) Zuschreibung ‚deutsch-jüdisch‘ in ihren eigenen Texten unter Umständen offensiv konterkarieren. Etwa wenn Maxim Biller explizit schreibt, dass er nicht den Versuch unternehme, an eine ihm „fremde stilistische Tradition anzuknüpfen oder gegen sie zu rebellieren“, sodass er mit Blick auf die deutsche Literatur entschieden konstatiert, er „kenne Schiller, Novalis oder Kleist nur vom Hörensagen.“615 In finaler Konsequenz führt dieser Umstand nach Braeses Ansatz zu dem Ergebnis, dass spätestens bei Grjasnowas Debütroman die besonders im Feuilleton kolportierte Vorstellung ins Leere laufe, dass man hier noch mit ‚deutsch-jüdischer‘ Literatur konfrontiert wird: „Tatsächlich radikalisiert Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt eine Tendenz, für die schon Kaminers Produktion steht“, so Braese: „Nicht nur gleitet an ihrem Roman der Begriff der deutsch-jüdischen Literatur ab – mehr noch: Er weist auf ein, vielleicht auf das Ende der deutsch-jüdischen Literatur.“616 614 Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard, S. 284. 615 Biller, Maxim: Letzte Ausfahrt Uckermark. In: Die Zeit. 20.02.2014. 616 Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard, S. 277. Vgl. hierzu ferner: S. 295. 224 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Neben Grjasnowas expliziten Hinweisen auf literarische Vorbilder, die gerade nicht aus Deutschland stammten, werde die „strukturelle Bipolarität deutsch-jüdischer Literatur“ in Grjasnowas Roman auch insbesondere „durch die Welt, die der Roman entwirft, und durch die Rolle der jüdischen Erfahrung in ihr dementiert.“ 617 Denn: „Die konstitutive Beschaffen heit der Gegenwart Deutschlands, wie es in Grjasnowas Roman zur Darstellung kommt, ist die der multinationalen Einwanderungsgesellschaft.“618 Wobei die „jüdische Erfahrung“ von Vertreibung, Exil und Vernichtung im Roman „keineswegs preisgegeben“619 werde, sondern vielmehr in ihrem Exklusivitätsanspruch effektiv aufgelöst wird620 und dadurch von Grjas nowa als eine universelle, gleichsam globale Erfahrung literarisch produktiv gemacht worden sei:621 „In der Welt, in der Maria Kogan lebt – und die Grjasnowas Roman als Deutschland der Gegenwart zeichnet – führen Zuschreibungen dieses Stils – ‚jüdisch‘, ‚Enkelin von Holo caust-Überlebenden‘ – nicht mehr weiter“622, so Braese in seinem Zugriff auf den Text: „Es ist das Ensemble dieser Figuren, die Vielfalt ihrer Herkünfte und ihrer Bemühungen, sich in der Gegenwart zu behaupten, in der sich die Ich-Erzählerin bewegt.“623 Dabei kommt gerade die Vielfalt der Herkünfte des Romanpersonals – auch die Möglich keiten ihrer Verständigung jenseits der kurrenten nationalen oder religiösen Konflikte – Braese zufolge auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv zu ihrer konkretesten Verdichtung: Die Menschen, die sich auf Grjasnowas Rothschild Boulevard treffen, sind jedoch nicht die zionisti schen Gründer des Staates Israel, auch nicht zionistisch motivierte jüdische Neueinwanderer, sondern – mit der aserbeidschanisch-jüdisch-deutschen Maria Kogan, dem israelischen Ori, dem deutsch-türkischen Cem – Repräsentanten einer multikulturellen Gesellschaft, an denen die einsinnigen ethnischen Zuschreibungen beispielsweise durch israelische Zollbeamte oder deutsche Parteipoliti- 617 Ebd., S. 285. 618 Ebd. 619 Ebd., S. 295. 620 Vgl. ebd., S. 288 f. 621 Vgl. ebd., S.  291 f., S.  295. Vgl. hierzu ferner: Beck, Ulrich; Levy, Daniel; Sznaider, Nathan: Erinnerung und Vergebung in der zweiten Moderne. In: Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung? Hrsg. von Ulrich Beck und Christoph Lau. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008. S. 440 – 468, hier: S. 450. 622 Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard., S. 291. 623 Ebd., S. 287. 225V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) ker abgleiten. Sie gleiten an ihnen ab, weil diese Zuschreibungen ihre Erfahrungen, mehr noch aber die Konflikte, in denen sie stehen und von denen sie sich bestimmt wissen, verfehlen. Indem Grjasnowas Roman Maria, Ori, Cem, auch Sami zu typischen Figuren einer deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ernennt, und Tel Avivs Rothschild Boulevard zum zugleich untrennbar jüdischen wie programmatisch multikulturellen Ort, sprengt Grjasnowas Roman das explizite wie immanente Bipolare deutsch-jüdi scher Literatur auf: Noch dort, wo politisch und ideologisch ein ‘Deutsch-Jüdisches’ […] hätte Selbstbestätigung beziehen mögen, ist die aserbeidschanische Jüdin mit deutschem Pass nur die eine unter den vielen anderen, für die – und das geradezu im Herzen des zionistischen Staatsprojekts – auch ‘das Jüdische’ einen gemeinsamen Nenner nicht mehr bildet.624 Ferner entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass Grjasnowa durch die Verdichtung ihrer multiethnischen Figuren an multikulturellen Orten in ihrem Roman konsequent die Tat sache artikuliert, „dass ein Ende des Othering, der manifesten und der latenten Stigmatisierung, die Einwanderer und ihre Nachkommen erfahren, ohne die Dekonstruktion des Heimatbegriffs nicht zu haben ist.“625 Sei der in Deutschland zunächst anschwellende Mitleidskredit „einer Vertreibung aus Baku als historische Modifikation einer Vertreibung aus der Heimat […] erst aufgezehrt“, so Braese, „wird es eine Zuerkennung einer neuen Heimat Deutschland doch niemals geben. Grjasnowas Figuren haben dieses Wissen internalisiert“.626 Grjasnowas multiethnische, multireligiöse und multilinguale Geschichte vor diesem Hin tergrund noch mit dem Versuch der Zuschreibung ‚deutsch-jüdischer Literatur‘ lesen zu wollen, treffe kaum ins Zentrum des Potentials, das in der veritablen Gegenwartsdiagnostik des Romans zum Ausdruck gekommen sei: „Die Fixierung des Blicks auf eine bipolare Relation verfehlt, was ist – sogar in Deutschland.“627 Der Blick einerseits auf Olga Grjasnowas Selbstaussagen zur ihrer politischen Schreibarbeit, andererseits auch auf bisherige Positionen in der Rezeption des Romans, lassen sich hinsicht lich der zugrundeliegenden Hypothese bisher in folgender Synopse zusammenfassen: Am Beispiel von Grjasnowas 624 Ebd., S. 293. 625 Ebd., S. 294 f. 626 Ebd., S. 294. 627 Ebd., S. 295. 226 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Selbstaussagen konnte zunächst verdeutlicht werden, dass auch diese jüdische Autorin – ebenso wie Lena Gorelik und Maxim Biller – eine deutliche Distan zierung erkennen lässt, wenn es darum geht, Deutschland so zu betrachten, wie es sich die Neuen Patrioten vorstellen. Denn während trotz enormer Einwanderungsbewegungen bei spielsweise Thilo Sarrazin noch im 21. Jahrhundert – inspiriert von einer romantischen Nationalstaatsvorstellung – erfolgreich fordert: „Dänen sollen auch in 100 Jahren noch als Dänen unter Dänen, Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie dies wollen“628, stößt Grjasnowa (auch hinsichtlich der Menschenrechte) gleichsam dialektisch in eine entgegengesetzte Richtung. Im Hinblick auf festgeschriebene gesellschaftliche Normen und den Rechtsstaat fordert sie von Deutschland vielmehr die Transformation in einen post nationalen Rechtsraum, in dem die Grenzen der gegenwärtigen Territorialherrschaft offensiv transzendiert werden.629 Darüber hinaus ist durch die überwiegend positive Rezeption von Olga Grjasnowas Debüt roman in den deutschsprachigen Feuilletons deutlich geworden, dass es gerade der Aspekt der multinationalen Figuren in der Welt von Grjasnowas Roman war, der die Rezensenten immer wieder überzeugte. Hier besteht eine klare Differenz zu den Beobachtungen im Feuilleton, wie sie im Fall von Billers Selbstporträt gemacht wurden. Um einen weiteren, entscheidenden Blick wurde die Perspektive auf den Roman überdies durch die Untersuchung von Stephan Braese geöffnet, dessen Akzent auf der Beobachtung lag, dass die bipolare Betrachtungsweise ‚deutsch-jüdischer‘ Literatur mit Grjasnowas Roman mutmaßlich an ein prognostizierbares Ende gelangt sei, auch wenn das Feuilleton bei der Re zeption des Romans weitgehend an einer derartigen Symbiose festhalte. Grjasnowa dagegen habe in ihrem Roman die „jüdische Erfahrung“630 von Vertreibung, Exil und Vernich tung keineswegs preisgegeben, sondern sie vielmehr in ihrem Exklusivitätsanspruch effektiv aufgelöst und somit als eine universelle, gleichsam globale Erfahrung literarisch pro duktiv gemacht. In diesem Sinne weise Der Russe ist einer, der Birken liebt vielmehr auf eine neue und bereits existierende Form der transnationalen Einwanderungsgesellschaft in Deutschland hin, in der sich das Ensemble von Grjasnowas multiethnischen Figuren gegen über der Mehrheitsgesellschaft in unterschiedlichen Herausforderungen immer wieder neu behaupten müsse. 628 Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, S. 391. 629 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 630 Ebd., S. 295. 227V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) 5. Der Russe ist einer, der Birken liebt als transnationale Gegen-Geschichte In der folgenden Interpretation von Olga Grjasnowas Debütroman werden die diversen Dar stellungsformen der transnationalen und multikulturellen Aspekte des literarischen Textes genauer untersucht. Wie im Fall der bereits bearbeiteten Texte von Lena Gorelik und Maxim Biller wird in Abgrenzung zur bisherigen Rezeption des Romans der Analyseschwerpunkt erneut auf den vier Kriterien: Ethnie, Sprache, Religion und einheitliches Territorium liegen. Auf welche Weise also kreuzen Grjasnowas Schreibstrategien im Hinblick auf Renans Kriterien konkret die verankerten, essentialistischen Vorstellungen der Existenz von National staaten wie „Deutschland“, die auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft bis in die unmittelbare Gegenwart zum Ausdruck kommen? (5.1) Als allgemeines Element wird dabei auf der ersten Interpretationsebene zunächst ge nauer die Rolle der territorialen Räume betrachtet, an denen die einzelnen Szenen des Romans spielen: Hier können gerade die Metropolen der modernen Nationalstaaten als Orte der kultu rellen Kreuzung, Durchmischung und Interaktion betrachtet werden. In ländlichen Regionen hingegen scheint die Zeit in Grjasnowas Roman häufig im Denken nationaler Kategorien als eine Art atavistisches Relikt des 19. Jahrhunderts verhaftet geblieben zu sein. Eine Annahme, die eine entsprechende Bestätigung auch durch die Befunde der „Mitte“-Studie findet, wenn es darum geht, das rassistische Potential einer Gesellschaft am Beispiel seiner territorialen Distribution genauer auszuloten: Stadtstaaten (Berlin, Hamburg) schneiden grundsätzlich besser ab als ländlich geprägte, weniger indus trialisierte Flächenstaaten. Die von uns gemessene Ausländerfeindlichkeit ist zudem nicht etwa da besonders hoch, wo sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen täglich begegnen, sondern dort, wo kaum Migrantinnen und Migranten wohnen.631 Ernst Bloch spricht im soziostrukturellen Zusammenhang eines xenophoben Nationalismus bereits 1935 in seinem Buch Die Erbschaft dieser Zeit von der sogenannten ‚Ungleichzeitig keit des Gleichzeitigen.632 Bloch beschreibt damit ein Phänomen, demzufolge das soziale und intellektuelle Niveau der 631 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 115. 632 Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1962, S. 104. 228 Felix Kampel: Peripherer Widerstand einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft zur gleichen Zeit der Welt entwicklung keineswegs als einheitlich betrachtet werden kann, sondern stets auf konträren politischen und sozialen Anschauungen und Weltbildern basiert. Ein zentraler und freilich bis heute beobachtbarer Aspekt, der im Hinblick auf die kosmopolitische und transnationale Haltung einer Gesellschaft buchstäblich in eine negative Dialektik und Rückwärtsbewegung umschlagen kann: Nicht alle [Menschen] sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, daß sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. Ältere Zeiten als die heutigen wirken in älteren Schichten nach; leicht geht oder träumt es sich hier in ältere zu rück. […] Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwür dig, schief, von rückwärts her. Die Kraft dieses unzeitigen Kurses hat sich gezeigt, sie versprach gerade, so sehr sie nur Altes aufholt, neues Leben. Auch die Massen strömten ihr zu  […]. [N]ichts gefährlicher als diese Kraft, feurig und kümmerlich, widersprechend und ungleichzeitig zu sein.633 Relevant ist ferner eine sehr analog zu Grjasnowas Sicht auf ‚Heimat‘ formulierte Diag nostik von Henryk M. Broder in seinem 1987 veröffentlichten Essay Heimat? Nein Danke! Denn „beinah automatisch“, so konstatiert Broder darin, würden in Deutschland „Heimat, […] Land, Dorf und Kleinstadt […] mit Moral und Anstand“634 identifiziert. Das Dorf betrach tet Broder dabei als einen topographisch leicht überschaubaren Ort, in dem jeder jeden kennt, wo niemand aus der Reihe noch aus der Rolle tanzt, wo es die stärkste Gruppenkohärenz gibt. Großstadt dagegen steht für Dekadenz und Durcheinander, für Anonymität und Individualität und vor allem: für Pluralität. […] Je urbaner eine Metropole, um so pluralistischer ist sie, daß heißt aber auch, desto stärker die Bedrohung, die sie auf harmoniebedürftige, heimatsüchtige Gemüter ausübt.635 633 Ebd. 634 Broder, Henryk M.: Heimat? Nein Danke! In: Ich liebe Karstadt und andere Lobreden. Augsburg: Ölbaum 1987. S. 7– 37, hier: S. 22. (Im Folgenden zitiert als: „Broder: Heimat? Nein Danke!“.) 635 Ebd. 229V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) (5.2) Auf der zweiten Ebene der Interpretation soll der Fokus vom Ort der Handlungen auf die zentralen Figuren des Romans sowie ihre Beziehungen untereinander geworfen werden: An gestrebt wird hier eine chronologisch geordnete, sich im Leseverlauf nur aus dem Romankontext ergebende Biographie Maschas, die zu einer detaillierten Analyse der Rolle ihrer Eltern beim Integrationsprozess in Deutschland übergeht. Im Anschluss werden Maschas Freunde und ihr bekanntes Umfeld im Hinblick auf ihre (vorhandenen oder nicht vorhande nen) transnationalen Herkünfte und Kompetenzen untersucht. (5.3) Die dritte Ebene der Interpretation konzentriert sich schließlich als spezifisches All tagselement noch einmal auf charakteristische Szenen und einzelne Dialoge oder Konflikte im Roman. Durch diese szenisch dargestellten Konflikte illustriert Grjasnowa am unmittelbaren Beispiel, welche Rolle der Nationalismus für Migranten bei der alltäglichen Bewältigung ih res Lebens in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts spielt. 5.1 Transnationalität als topographisches Element: Metropolen und Dörfer Frankfurt am Main Gemäß Bhabhas These, dass „Migranten, Minoritäten, Menschen mit diaspo rischer Vorge schichte […] in die Großstadt“ strömen „und […] so die Geschichte der Nation“636 ändern, setzt auch Grjasnowas Roman exakt an einem solchen Ort, in einer solchen Metropole ein. In Frankfurt am Main, an einem heißen Sommertag, zu einem nicht genau bestimmten Zeitpunkt der Merkel-Ära: „Es sollte der heißeste Tag des Jahres werden“. (RBl 10) „Ich übersetzte die Nachrichten simultan ins Englische[.] […] Die Kanzlerin machte Staatsbesuch“. (RBl 14) Gemeinsam mit ihrem Freund Elias teilt Mascha sich in den ersten beiden Teilen des Ro mans eine baufällige, aber günstige Wohnung im multikulturellen Stadtteil Gallus (vgl. RBl 223), die in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof und der Kaiserstraße gelegen ist, „zwischen einer chinesischen Wäscherei und einem alternativen Jugendzentrum, dessen Besucher regelmäßig in unseren Hauseingang urinierten“. (RBl 9) Dabei erfährt der Leser bereits auf der ersten Seite des Romans, dass es sich beim Gallus-Viertel um einen bisher kei neswegs gentrifizierten Stadtteil handelt, da es hier „ganze Straßenzüge gab, die man besser mied, mit Billigkaufhäusern und riesigen Pornokinos“. (RBl 9) Aber die kulturelle Be wegung, die Durchmischung der 636 Bhabha: DessimiNation, S. 252. 230 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Völker, ist gerade hier Lebensalltag, wo entschieden nicht-deutsche, sondern vielmehr orientalische Kulturtraditionen das allgemeine und alltägli che Stra- ßenbild Frankfurts prägen: Jeden Morgen, gegen fünf, luden die Väter, Brüder und Cousins unter unseren Fenstern ihre Kleintrans porter aus, knallten mit den Türen, bauten ihre Stände auf, tranken Tee, kochten Maiskolben und warteten, dass die Straße sich füllte und sie mit ihrem automatisierten Singsang ihr Obst anpreisen konnten. (RBl 9) Und als Mascha eines Abends mit ihren Freunden Cem und Sami von einer Party zurückkehrt, stellt sie mit Bezug auf die angrenzende Kaiserstraße fest: Die meisten Läden auf der Kaiserstraße waren schon geschlossen. Einige ältere, blondierte Frauen mit strähnigem Haar waren noch unterwegs. Wir kamen an einem Vierundzwanzig-Stunden-Waschsalon vorbei. Drinnen saß ein älteres Pärchen, beide sahen aus wie Junkies. […] Überhaupt konnte man nachts nirgendwo mehr hingehen, im Bahnhofsviertel verwandelte sich langsam alles in Gemüse- und Fischläden. Allerdings waren an keinem anderen Ort so günstige und frische Lebensmittel zu bekom men, wie hier, und mittags bildeten sich lange Schlangen, in denen müde Frauen in engen Minikleidern oder in weiten Hidschabs standen, neben Zuhältern und anderen männlichen Aufpassern. (RBl 67 f.) Dieser topographischen Beschreibung Maschas zufolge ist die Kaiserstraße tatsächlich das genaue Gegenteil zur klassischen Gentrifikation: Das Gallus-Viertel ist ein Ort am Rand der Gesellschaft, ein Ort der Ausgesto- ßenen, der Prostituierten, der Junkies und Migranten. Folg lich verwandelt sich hier im Augenblick auch nichts in ausgefallene Spitzenrestaurants oder angesagte Szenebars. Keine Orte, in denen man in Form der Übertragung von massentaugli chen Sportveranstaltungen – wie Fußballspielen – der totalisierenden Selbstinszenierung einer nationalen Volksgemeinschaft folgen kann.637 Zu beobachten ist vielmehr eine Art Rückwärtsbewegung zum beinahe altertümlichen und in jedem Fall ambivalenten Marktplatzgetümmel. Denn einerseits hat die prekäre Bevölke rungssituation im Gallus-Viertel zwar 637 Vgl. hierzu Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 167 f. 231V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) den auch für Mascha und Elias günstigen Umstand zur Folge, dass man „an keinem anderen Ort so günstige und frische Lebensmittel“ bekommen kann „wie hier“. Andererseits aber führt die Abschiebung von bestimmten Teilen der Gesell schaft bei Tageslicht eben auch zu „Schlangen“, in denen besonders die verdrängten Schattenseiten der nationalen Gegenwartskultur in aller Form mit Bhabha offen und unheilbar zutage treten. Zu „Schlangen, in denen müde Frauen in engen Minikleidern oder weiten Hidschabs standen, neben Zuhältern und anderen männlichen Aufpassern“ – und damit also zu Schlangen, in denen offene Prostitution und Frauenunterdrückung innerhalb der unter schiedlichen Kulturtraditionen auch im Deutschland der Gegenwart erst bewusst gemacht werden. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, so heißt es in Art. 3 Abs. 2 des deutschen Grundgesetzes: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichbe rechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Doch die korrigierende, exekutive Hand des nationalen Staatsapparates hat auf das tat sächliche, alltägliche Geschehen im Gallus-Viertel auch in der nationalen Gegenwart keinen Zugriff: „Nationale Totalität trifft“ – ganz im Sinne Bhabas – hier also durch Grjasnowas Art der Darstellung „auf eine supplementäre Schreib-Bewegung und wird von ihr gekreuzt.“638 Denn anders als Sönke Wortmanns Film im Anschluss an die WM 2006 erzählt Olga Grjas nowa hier nichts von: Deutschland. Ein Sommermärchen. Im Gegenteil: Grjasnowa erzählt mit den charakteristischen Szenen im Gallus-Viertel eine „nationale Gegengeschichte“ anhaltender Frauenunterdrückung und Migration, in der sowohl die begrifflichen als auch wirklichen Grenzen nationaler Selbstinszenierungsprozesse in gebotener Deutlich keit aufgezeigt werden.639 Tel Aviv und Jerusalem In den Romanteilen drei und vier können ferner die israelischen Metropolen Tel Aviv und Jerusalem als adäquates Gegenstück zur deutschen Metropole Frankfurt betrachtet werden. Auch in diesen beiden kulturellen Zentren kann – wie Stephan Braese ebenfalls am Beispiel des Rothschild-Boulevards gezeigt hat – von einer homogenen Kulturerfahrung keineswegs die Rede sein. Das genaue Gegenteil wird vielmehr bereits unmittelbar nach Maschas Lan dung auf dem Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv erkennbar, einem transitorischen Durchlauf- und Kreuzungspunkt der Kulturen, auf dem 638 Bhabha: DessimiNation, S. 230. 639 Vgl. ebd., S. 222. 232 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Mascha in einer Passage mit Blick auf die dort vorherrschende, babylonische Multinationalität folgende Beobachtung schildert: [I]n der Flughafenhalle vermischten sich die Sprachmelodien zu einem Klangteppich: Russisch, Hebräisch, Englisch, Italienisch und Arabisch. Über die Lautsprecher mahnte eine tiefe Frauenstimme [auf Englisch] immer wieder, das Gepäck nicht aus den Augen zu lassen, und fügte hinzu: ‚It’s prohibited to carry weapons in all the terminal halls.‘ (RBl 161) Und als Mascha an einem Nachmittag von Tel Aviv aus zu ihren Freunden Ori und Tal nach Jerusalem fahren will, macht sie am Busbahnhof von Tel Aviv und während der anschließen den Überfahrt erneut eine Beobachtung, die ebenfalls jede ethnische Homogenitätsvorstellung der Metropolen auf unmittelbarem Weg kreuzt: Da [am Sabbat] schon eine Stunde später nichts mehr fahren würde, war der Busbahnhof voll. […] [D]ie Reisenden drängten sich in die schwüle Wartehalle. Mir gegenüber saß eine junge Frau in Armeeuniform. […] Neben ihr saß ein Mann in königsblauen Shorts und mit einer weißen Kippa, die von zwei roten Haarklammern auf seinem roten Locken kopf gehalten wurde. Hinter ihm unterhielten sich laut zwei Thai unbestimmten Alters. […] Auf der Sitzbank vor mir ließ sich ein uniformiertes Pärchen nie der. Sie war größer als er, blond, schlank und sorgfältig geschminkt. Er hatte einen wachen, intelligenten Blick und einen schweren Körper[.] […] Sie lachte über seine kleinen Geschichten, die er ihr auf Russisch zuflüsterte[.] (RBl 186 f.) Ob russische, hebräische oder thailändische Sprache, ob traditionelle Kippa kombiniert mit moderner königsblauer Shorts oder ungleiche Pärchen, in diesen Metropolen, in diesen kultu relle Zentren läuft die heterogene Summe der modernen Welt zusammen – alles, was nach Bhabha ‚unheilbar plural‘ nebeneinander existieren kann, ja muss, ohne dass der assimilierende Druck oder Zwang die Notwendigkeit einer Homogenisierung erkennen ließe. Wie in Frank furt das Gallus-Viertel darüber hinaus derjenige Stadtteil ist, in dem als Konzentrationspunkt kultureller Kreuzung gerade die negativen Aspekte nationalpolitischer Vormachtstellung zum Ausdruck gebracht werden, so ist das positive Gegenstück zum Frankfurter Gallus-Viertel in Tel Aviv das multikulturelle Szeneviertel Florentin, das Mascha häufiger aufsucht, um dort ihren Freud Ori in seiner Schreinerwerkstadt zu besuchen: „Manchmal 233V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) besuchte ich Ori in seiner Werkstatt im Süden von Tel Aviv. Die Lautstärke und die Intensität der Stadt zogen sich dort zusammen. Flüchtlinge aus dem Sudan, Altenpfleger von den Philippinen, Künstler, Studenten, sie alle lebten in Florentin“. (RBl 210) Zuletzt ist es ferner die Stadt Jerusalem, die Mascha unter anderem eines Tages mit der Nebenfigur Maya besuchen muss – der unsympathischen Frau eines wichtigen Geldgebers von Maschas Arbeitsstelle. Der ‚unheilbar plurale‘ und doch faktisch in kultureller Koexis tenz existierende Raum der modernen Metropole wird dort von Grjasnowa anscheinend in der Tradition von Lessings Nathan der Weise fortgeschrieben: Insbesondere hinsichtlich der friedlichen Kreuzung und des toleranten Nebeneinanderlebens der Religionsgemeinschaften, heute allerdings anhand der modernen Pilgerbewegung des Massentourismus als einem zu gleich immer etwas grotesk anmutenden Ausdruck zeitgenössischer Bewegungsformen: In der Altstadt kamen wir kaum voran, in den engen Gassen drängten sich Touristen, die Rucksäcke über ihren Bäuchen trugen, und Gläubige verschiedenster Konfessionen. Alle in Phantasieuniformen. […] Kafyas hingen neben IDF-Shirts und wurden mal von arabischen, mal von jüdischen Händlern ver kauft. (RBl 248) Friedberg Ganz anders als in den Metropolen Frankfurt, Tel Aviv und Jerusalem verhält es sich dagegen auf dem Weg von Frankfurt nach Friedberg. Der Ort, an dem Maschas Eltern zur erzählten Zeit des Romans leben. Im Zusammenhang einer Untersuchung topographischer Romanele mente sticht dabei zunächst Maschas Reisebeschreibung von Frankfurt nach Friedberg ins Auge. Denn buchstäblich können die Eindrücke auf ihrer Zugfahrt als ein regelrechtes Abtau chen in die Welt von Blochs ‚ungleichzeitiger Gleichzeitigkeit‘ aufgefasst werden: Je weiter Mascha das Gallus-Viertel und die ganze Metropole Frankfurt hinter sich lässt, umso einheitlicher und homogener wird die Architektur und der biedere Baustil der Wohnhäuser. Und umso einheitlicher wird auch der Soziolekt, in dem die Nicht-Migranten sich miteinander austauschen: Die Jungs [in Frankfurt] waren alle nach der Sozialbaumode gekleidet. Die Mädchen nutzten die Displays ihrer Mobiltelefone als Spiegel und versuchten, ihre Frisuren zu retten. Die Gangsta-Peergroup gab mit türkisch-arabischen Pseudokonstruktionen an, die Minderjährigen verab- 234 Felix Kampel: Peripherer Widerstand schiedeten sich von ih ren Mitschülern mit ‚Also dann … bubun üzerine tschüs‘. Felder, Neubauten und Bahnhäuschen tauchten nur noch in unregelmäßigen Abständen auf, und sie schrien einander ‚Also dann tschüs, gell!‘ zu. Häuser und Menschen fingen an, wie nicht fertig gebackene Kastenbrote auszusehen. (RBl 44) Doch sind es am Bahnhof in Friedberg zunächst nicht deutsche, sondern türkische Jugendliche, die plötzlich aggressive Muster eines sozialen Atavismus insbesondere in ihrem verbalen Verhalten gegenüber Mascha zum Ausdruck bringen: Vor dem Empfangsgebäude des Bahnhofs stank es nach Urin, und ein Zwölfjähriger rief „Fotze“ in meine Richtung. Als ich mich nach ihm umdrehte, lachte er laut und sagte etwas auf Türkisch zu seinen Freunden, die gebratene Nudeln vom chinesischen Schnellimbiss verschlangen. Die ganze Gruppe brach in schallendes Gelächter aus, und ich wünschte laut, das Essen möge ihnen im Rachen stecken bleiben. (RBl 51) An dieser Stelle muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Autoren der „Mitte“-Studie es in ihrer Untersuchung von 2012 ebenfalls für wichtig halten, in angemessener, sachlicher Weise auch auf solche ‚Integrationsprobleme‘ aufmerksam zu machen, die in der Tat zunächst nicht ausschließlich durch ausgrenzende Tendenzen und Verhaltensweisen der deutschen Mehrheitsgesellschaft verursacht werden. Gerade mit Blick auf den für die mo derne Gesellschaft konstitutiven Aspekt der ‚Religionskritik‘ grenzen die Autoren in ihrer Untersuchung daher scharf die Islamfeindschaft von der Islamkritik ab und bestehen darauf, dass das seit der europäischen Aufklärung konstitutive Element der Religionskritik auch ein Instrument innerhalb des Islams sein muss, durch das atavistische Traditionsmuster aufgesprengt und überwunden werden können: Von Relevanz soll bei der Untersuchung […] sein, dass Religionskritik ein konstitutives Moment einer aufgeklärten Gesellschaft ist. Sie hat nicht nur mit Blick auf die christlichen Religionen ihre Berechti gung, sondern muss sich auch mit islamischen Religionen beschäftigen. So stellt sich eine weitere Frage: Welcher Anteil an islamkritischen Positionen lässt sich von islamfeindlichen abgrenzen?640 640 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch 2012, S. 87. 235V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) In eindeutiger Abweichung von der bisherigen Auseinandersetzung mit dem Islam und einer an ihm durchaus berechtigten Kritik bemerken die Autoren: Die Zulässigkeit von westlicher Islamkritik wird insbesondere von postkolonialen und Diskurstheorien infrage gestellt, welche an Edward Saids Kritik eines westlichen „Orientalismus“ anknüpfen. […] Hier wird den westlichen Gesellschaften konstitutiv ein islamophober Diskurs unterstellt, welcher wie derum die gesamte Gesellschaft durchdringe und dem sich keine Aussage über den Islam – auch keine positive, unterstützende – entziehen könne. […] Die Berechtigung dieser Sicht liegt auf der Hand. Problematisch an derartigen Konzepten ist jedoch, dass sie jede westliche Aussage über den Orient bzw. den Islam als Bestandteil eines orientalischen bzw. islamophoben Diskurses ansehen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion überhaupt nicht mehr möglich wäre.641 Ein diplomatischer Mittelweg, den die Autoren der „Mitte“-Studie daher für vertretbar halten, besteht im Vorschlag einer Lösung, die im Zusammenhang mit zulässiger Islamkritik auf den religiösen Aspekt beschränkt bleibt. Denn auf diese Weise verzichte man sowohl auf die Konstruktion ethnischer Gruppen als auch auf die damit zusammenhängende, stets fehlgelei tete Gefahr einer Stigmatisierung, bei denen fehlerhaft von Gruppen auf individuelle Einzelpersonen geschlossen wird: Eine an der Aufklärung orientierte Islamkritik lässt sich an universalistischen Werten orientiert beschreiben – also beispielsweise als Kritik an der fehlenden Säkularisierung, an der Ungleichheit der Religion, an der Frauenunterdrückung oder der Verfolgung von Homosexuellen. Im Gegensatz zum kulturalistisch-rassistischen antimuslimischen Ressentiment […] muss eine Differenzierung zwischen Individuen erfolgen, anstatt ethnische Gruppen zu konstruieren.642 Andere, dezidiert auf Mittel der rhetorischen Polemik zugreifende Autoren, wie Henryk M. Broder, sprechen in diesem Fall hingegen schon seit einiger Zeit eine weniger vorsichtige Sprache. In seinem Essay Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken vergleicht Henryk M. Broder die häu- 641 Ebd., S. 87 f. 642 Ebd. S. 90. 236 Felix Kampel: Peripherer Widerstand fig zurückhaltende Haltung westlicher Institutionen gegenüber dem Islam mit der Appeasement-Politik deutscher Bürger und europäischer Mächte gegenüber dem NS-Regime.643 Er kommt dabei durchaus zu provozierenden Ergebnissen, die häufig tat sächlich in polemischen Kulminationspunkten gegen Moslems gipfeln: Das Landesschulamt und der Schulsenator könnten sich glücklich preisen, wenn sie heute nur über ein Plakat zu einem Aufklärungsstück entscheiden müssten. Denn die Situation hat sich vollkommen geändert. Das Einzige, das gleich geblieben ist, ist die Entschlossenheit, die Gefühle der Moslems nicht zu verletzen. Nur dass es inzwischen nicht um Berliner Schüler mit ‚Migrationshintergrund‘ geht, sondern um 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reak tionen neigen. Es geht um Meinungsfreiheit, den Kern der Aufklärung und der Demokratie, und um die Frage, ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, das sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten, von Frauen in kurzen Röcken über Häresie und Religi onsfreiheit bis hin zu Karikaturen, von denen sie sich provoziert fühlen, ohne sie gesehen zu haben.644 Ob Mascha selbst allerdings radikale Auffassungen dieser Art befürworten würde, darf ange sichts ihrer Freunde mit islamischem Migrationshintergrund bezweifelt werden. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Mascha mit der Erwähnung des Vorfalls der unverschämten türkischen Jugendlichen am Provinzbahnhof von Friedberg auch zur Kenntnis nimmt, dass Migrationsprobleme in Deutschland vielfältig und keineswegs ausschließlich von der deut schen Mehrheitsgesellschaft ausgehen. Insbesondere dann, wenn die tolerablen Grenzen der seit der Aufklärung sukzessive in Europa etablierten Rechtsstaatlichkeit etwa durch patriar chalisches Dominanzgehabe überschritten werden. Dabei spielt die Frage nach den prinzipi ellen Möglichkeiten konstitutiver Religions- und Traditionskritik (auch gegenüber den Kulturen des Islams) nicht nur in der Szene der pubertierenden Migranten am Bahnhof von Friedberg eine Rolle, die Mascha durch den Begriff „Fotze“ beleidigen. 643 Broder, Henryk M.: Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken. Berlin: wjs 2006. 644 Ebd., S. 13. 237V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Noch interessanter in diesem Zusammenhang ist ein Blick auf die Nebenfigur Sibel im Roman, mit der Mascha kurzzeitig eine homoerotische Beziehung eingeht. „Zweimal fickte sie meine Liebhaber. Ich hatte sie dafür gehasst, gründlich und deutsch, nur konnte ich nicht aufhören, sie zu begehren.“ (RBl 82) Sibel selbst aber ist das Opfer einer traditionellen Familienstruktur, in die – ähnlich wie im Gallus-Viertel – die in Deutschland inzwischen rechtlich etablierte Gleichstellung von Mann und Frau bisher nicht vordringen konnte: Ihre Familie war traditionell, drei ältere Brüder, alle in Deutschland geboren und auf Ehre aus. Sibel durfte keine Freunde haben, weder mit Deutschen, mit Jugoslawen noch mit Russen sprechen, durfte nicht im Dunkeln auf die Straße. Zur Schule wurde sie von einem ihrer Brüder begleitet. Als dieser be schloss, dass Sibel ihren Lehrer zu lange angesehen habe, brandmarkte er ihren Rücken mit einem Bügeleisen. Sibels Vater war entsetzt, lief Kreise auf dem Wohnzimmerteppich und verprügelte schließlich Sibels Bruder. Danach trank er Tee und ohrfeigte Sibels Mutter, da der Tee zu schnell abge kühlt war und weil sie seine Tochter wie eine Deutsche rumlaufen ließ. Sibel wurde von der Schule genommen, ihr Vater fing an, in einem Internetcafé nach einem Bräutigam für sie zu suchen. Sibels Vater hatte vor, ein gutes Geschäft zu machen. Auch wenn Sibel keine gute Mitgift bekommen würde, sie hatte die deutsche Staatsbürgerschaft, und das machte sie für viele begehrenswert. Eine Heirat war der einzig legale Weg nach Europa, und Europa war die große Hoffnung. (RBl 80 f.) Aber ähnlich wie Mascha gehört auch Sibel als Frau zu einer sich freikämpfenden, emanzipie renden Generation von Migranten, die den Entschluss gefasst hat, mit den atavistischen Traditionen auch innerhalb der individuellen Familiengeschichte zu brechen. Die etablierten Konventionen werden in der Praxis durch Verhaltensweisen gekreuzt, die den Erwartungen der Familie entgegenlaufen: Den ersten Bräutigam lehnte Sibel ab, den zweiten auch und dafür verprügelte sie ihr ältester Bruder. Der Jüngste, ein Jahr älter als sie, hielt sie fest, ließ seine Hand in ihr Höschen gleiten und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist eine Schande für die ganze Familie. Wir werden dich umbringen.“ Ihre Mutter sagte: „Er ist ein guter Mann, er wird für dich arbeiten, dich beschützen. Glaubst du, dass sich jemand in dich verlie- 238 Felix Kampel: Peripherer Widerstand ben wird, nur weil du schön und jung bist? Dass er ewig bei dir bleibt? Dass er dich lieben wird? Sei nicht so naiv.“ Sibel stand vor dem Spiegel und weinte, denn sie war naiv. Wollte es sein. Sibel lief von zu Hause weg, zuerst kam sie bei einer deutschen Freundin unter, aber die Eltern ihrer Freundin hatten Angst vor den muslimischen Männern, ohne dass Sibel ihnen etwas von deren tatsächlicher Ge walttätigkeit erzählt hatte. Oder über den Islam. Sibel stand nach drei Tagen wieder auf der Straße. Verbittert und alleine. (RBl 81) Dass es Grjasnowa am Beispiel Sibel gerade um Religions- und Traditionskritik wie etwa in der „Mitte“-Studie von 2012 geht, dass es ihr also nicht darum geht, ethnische Gruppen zu konstruieren und daraus generalisierende Argumente gegen bestimmte Volksgruppen abzu leiten, ist besonders daran erkennbar, dass die Frage nach Sibels nationaler oder ethnischer Abstammung vollkommen offen bleibt. Angedeutet wird nur, dass Sibel eine muslimische Kurdin sein könnte. Zumindest wendet sich Sibel einmal mit dem verschleierten Hinweis an Mascha: „‚Wusstest du, dass die kurdischen Mädchen sich immer auf den Mund küssen, als Ersatz für den richtigen Sex? Sie können sich keinen Reitunterricht leisten.‘ ‚Bist du Kurdin, Sibel?‘ Sie schaute mich an, grinste, antwortete aber nicht“. (RBl 82) Ein namenloses Dorf bei Apolda Neben der flüchtigen Betrachtung von Friedberg als provinziellen Wohnort von Maschas Eltern ist im Zusammenhang mit einer topographischen Untersuchung darüber hinaus ein genauer Blick auf das (im Ro man) namenlose Dorf bei Apolda im Osten der Bundesrepublik erforderlich, in dem Maschas Freund Elias aufgewachsen ist. Mascha besucht es mit ihren Eltern und Freunden erstmals auf Elias Beerdigung. Zunächst macht sie dabei folgende, in diesem Fall wiederum sehr an Broders Ausführungen zum deutschen Dorf erinnernde Entdeckung: „Das Dorf war gepflegt und sauber. Hier gab es nicht viel: eine Eisdiele, eine Sparkasse und rundliche ungeschminkte Gesichter. In den Vorgärten taten Pudel ihren Dienst, und die NPD-Plakate hingen niedrig.“ (RBl 114) Dass Grjasnowa mit ironischen Charakterisierungen wie dieser topographischen Beschreibung jedoch keineswegs bunte Phantasieorte entworfen hat, sondern dass sie in ihrem Roman eklatante politische Missstände zum Thema macht, kann zunächst noch einmal am Beispiel der „Mitte“-Studien verdeutlicht werden. Besonders ins Auge fällt im Zusammenhang mit den niedrig hängenden NPD-Plakaten zu nächst einmal die „Dimension der ‚Ausländerfeindlich- 239V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) keit‘“: Denn noch „viel alarmierender“ als die in Gesamtdeutschland wieder zu verzeichnende Negativentwicklung mit Blick auf rassistisches Denken, so heißt es in der Untersuchung, sei „der Trend in Ostdeutschland.“645 Dabei handelt es sich in der Rezeption insgesamt um einen sozialpolitischen Aspekt, auf den bereits Max Haberich im Zusammenhang mit Maxim Biller aufmerksam gemacht hatte, wo raus Haberich eine Notwendigkeit von Billers Text als unverzichtbare Aufklärungsarbeit abgeleitet hatte. Und auch wenn die Autoren der „Mitte“-Studie ausdrücklich anmerken, dass man beim Problem eines mit Ausländerfeindlichkeit verbundenen, aggressiven Nationalismus „nicht von einem ostdeutschen Phänomen sprechen“646 dürfe, so wird die Lage durch die Autoren in diesen Regionen als besonders besorgniserregend eingestuft: Mit jetzt 38,7 % ist der Wert [der Ausländerfeindlichkeit] so hoch wie nie zuvor[.] […] Ein Gegensteuern auf allen gesellschaftlichen Ebenen ist längst überfällig – zumal in einer Region, die mehr als 20 Jahre nach der Wende noch immer mit Abwanderung, massiver Arbeitslosigkeit usw. zu kämpfen hat.647 […] [G]erade die jungen Ostdeutschen fallen nun zunehmend mit hohen Zustimmungswerten auf.648 Weiter mit Bezug auf den Aspekt der ‚Islamfeindschaft‘ in Ostdeutschland merken die Auto ren an: „Die höchste Zustimmung findet Islamfeindschaft und Islamkritik im Osten.“649 Zudem: „Unter den Islamfeindlichen finden sich mit 88,1 % überdurchschnittlich viele Probanden mit niedrigem Bildungsgrad, während die Befragten mit Abitur zu 11,9 % vertreten sind.“650 Entsprechend sind die Menschen in Elias namenlosem Heimatdorf bei Apolda nicht nur mit NPD-Walkampfkampagnen beschäftigt. Nach Maschas Eindrücken sind sie politisch auch kaum interessiert sowie insgesamt extrem ungebildet, was im Roman beispielsweise durch eine Flucht der Menschen in phrasenhafte Allgemeinplätze aufgezeigt wird: „Eine pummelige Frau, die aussah wie jemand, der eine solide konservative Partei wählt, weil er sich nicht mit Politik auseinandersetzen möchte, blieb neben mir stehen und flüsterte: ‚Sind Sie die Freun din? Ein so junger Mensch. Und 645 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 50. 646 Ebd., S. 115. 647 Ebd., S. 50. 648 Ebd., S. 114. 649 Ebd., S. 93. 650 Ebd., S. 95. 240 Felix Kampel: Peripherer Widerstand schön.‘“ (RBl 114 f.) Weiter macht sich das Merkmal extre mer Unbildung in Elias Heimatdorf bemerkbar, als Mascha an einem Abend der wiederholt ausbrechenden Verzweiflung über Elias Tod mit ihrem Freund Sami noch einmal das Grab des (Ex-)Freundes besucht. Als Sami und Mascha an einer Tankstelle ein Eis holen wollen, kommt es mit der dort arbeitenden Angestellten zu einer Unterhaltung, in deren Verlauf Sami und Mascha sich eine Verspottung der Dame am Ende nicht verkneifen können: Die Verkäuferin fragte Sami, wo er herkäme. Aus Frankfurt, sagte Sami. Nein, wo er denn wirklich herkäme. Ich fragte sie, was sie meinte. Sie lächelte verloren […] ‚Komm schon, sag es ihr‘, stichelte ich. Die Verkäuferin lechzte nach Exotik. ‚Ich komme aus Madagaskar‘, sagte Sami. ‚Dort leben alle in Baumhäusern und ernähren sich ausschließlich von Bananen.‘ ‚Das ist das erste Mal, dass er ein Eis probiert‘, sagte ich. (RBl 142) In Analogie zum intellektuellen Pauperismus wird auch die allgemeine Atmosphäre der na menlosen Ortschaft als das genaue Gegenteil zum pluralen, sich ständig in Bewegung befindenden Raum einer modernen Metropole beschrieben. In diesem namenlosen Ort bei Apolda ist im Kontrast zum Frankfurter Gallus-Viertel nichts in Bewegung. Die Menschen leben hier vielmehr hinter verschlossenen Fenstern, in zurückgezogener Deprivation: Wir gingen durch die Ortschaft spazieren, wanderten durch die Straßen, in denen Elischa als Kind gespielt hatte, vorbei an Einfamilienhäusern mit heruntergelassenen Rollläden, vorbei an der Gaststätte seiner Eltern und der Post, wir schritten einen Schulhof ab, machten vor einem Basketballkorb halt, die betrunkene Dorfjugend blieb verborgen[.] (RBl 141) 5.2 Die Romanfiguren: ein internationales Ensemble Maschas Kindheit Mascha wird Mitte der 80er Jahre in Baku geboren. Ein schlechter Ort, ein schlechter Zeitpunkt, um unter den gegebenen Verhältnissen die ersten Jahre der Kindheitsentwicklung zu erleben: Denn schon als Kleinkind wird Mascha bereits seit 1987 in Baku unfreiwillige Zeugin der eskalierenden und ethnisch motivierten Konflikte um die Region Berg-Karabach, die infolge des Zerfalls der Sowjetunion zwischen Aserbaidschanern und Armeniern 241V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) eine be sonders durch den neuen Nationalismus forcierte Gewalt und Kriegsdynamik zu entfalten beginnen. Es kommt zu bürgerkriegsartigen Zuständen im Land, die kurz darauf in wüsten Pogromen gipfeln. Ein Konflikt, dessen umstrittene und explosive Gemengelage Emil Souleimanov folgendermaßen charakterisiert hat: Das ideologische und machtpolitische Vakuum, das mit dem Niedergang der Sowjetunion immer deutlicher zutage trat, sowie die Unfähigkeit bzw. der Unwille der Zentralregierung, Konflikte zu verhüten, führten zu einem Vertrauensverlust gegenüber den lokalen sowjetischen Organen und parallel dazu zur Entstehung nationalistischer Vereinigungen (der Aserbaidschanischen Volksfront bzw. des Karabach-Komitees in Armenien), denen die Karabach-Frage eine willkommene Gelegenheit war, sich zu profilieren und letztendlich an die Macht zu gelangen. Die Rhetorik der Nationalisten, ihr Bemühen, „wahren Patriotismus“ zu demonstrieren, ihre Hingabe an die nationalen Interessen und ihre Entschlos senheit, diese (im Gegensatz zu den lokalen kommunistischen Parteibossen, die traditionell auf Moskau blickten) auch durchzusetzen, ließ nur wenig Raum für Verhandlungen und Kompromisse.651 In den darauffolgenden Jahren kommt es nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion zu einer für den Nationalismus charakteristischen Konfliktform, in deren Verlauf sowohl die aserbaidschanischen als auch die armenischen Nationalisten die Eskalation der Konflikte vorantreiben, indem beide Parteien durch einen historischen Rekurs vehement zu behaupten versuchen, dass die eigenen ‚Stammväter‘ die eigentlich indigene Volksgruppe der umkämpften Region darstellen.652 Ein Verweis auf die transnationale Perspektive der neueren Nationalismusforschung erübrigt hier jedoch auch im Sinne Grjasnowas jede Form einer par teiischen Stellungnahme, da die Vorstellung einer nach außen hermetisch abgedichteten Volksgruppe als nationaler Entität konstitutiv entkräftet wird. Kreuzungen von Kulturen und Völkern hat es seit jeher gegeben. Die Annahme von der vorgestellten Existenz ethnisch ho mogener ‚Nationalrassen‘ ist sowohl logisch als auch empirisch inkonsistent, dient bestenfalls der Konsolidierung regionaler Machtinteressen und ist durch zahlreiche Gegenbeispiele der neueren 651 Souleimanov, Emil: Der Konflikt um Berg-Karabach. In: OSZE-Jahrbuch 10 (2004). S.  217 – 236, hier: S.  221. (Im Folgenden zitiert als „Souleimanov: Der Konflikt um Berg-Karabach“) 652 Vgl. ebd., S. 221 u. S. 219 f. 242 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Nationalismusforschung spätestens seit Renan immer aufs Neue widerlegt worden.653 Dieser Umstand ändert freilich nichts an der Tatsache, dass die nationalen Funktionäre in Aserbaidschan und Armenien inzwischen Auflösungserscheinungen der Sowjetmacht erfassen, den Ausbau ihrer nationalen Rhetorik daraufhin verschärfen und nach der Macht zu drängen beginnen. Infolge der fehlenden – durch den Kommunismus noch dezidiert transnational aus gerichteten – sowjetischen Staatsautorität in Aserbaidschan entlädt sich die Wut der sich zunehmend hinter der Nationalen Front Aserbaidschans etablierenden Volksmajorität in den folgenden Jahren: Sie richtet sich immer gerade gegen diejenige Minderheit im Land, von der geglaubt wird, dass sie die nationale Souveränität Aserbaidschans als grundsätzliches Ziel des Nationalis mus654 infrage stellen könne. Zu einem Zeitpunkt, als Mascha etwa sechs Jahre alt ist, kommt es zu brutaler Gewalt, Massenvergewaltigungen, Mord. Bei Emil Souleimanow heißt es mit Blick auf Daten und Fakten zur eskalierenden Gewalt: Vom 11. Januar 1990 an organisierte die Volksfront in Baku Massenproteste, an denen Hunderttausende Demonstranten teilnahmen und der aserbaidschanischen Regierung in der Karabach-Frage Untätigkeit vorwarfen; bei diesen Demonstrationen wurden auch bereits Forderungen nach Unabhängigkeit laut. Am 13. und 14. Januar attackierte eine fanatisierte Menschenmenge dort lebende Armenier, ohne dass die anwesenden sowjetischen Soldaten eingriffen; dabei kamen rund einhundert Menschen ums Leben. Die sowjetischen Streitkräfte nahmen das Massaker zum Anlass, am 20. Januar Baku zu stürmen. Dabei wurden über 130 aserische Zivilisten erschossen und mehrere Hundert schwer verletzt.655 Das erste aus der Familie Kogan stammende Opfer der eskalierenden, ethnisch motivierten Gewalttaten ist Maschas Großvater: „Mein Großvater […] war ein dunkeläugiger Mann mit stark ausgeprägten Wangenknochen. Als er mit der Tram zur Universität fuhr, wo er anorga nische Chemie unterrichtete, wurde er für einen Armenier gehalten und zusammengeschlagen. Drei Tage später starb er an einem Herzinfarkt“. (RBl 47) Dennoch ist das politische Klima für Familie Kogan wegen ihrer (russischen und nicht armenischen) 653 Vgl. Wehler: Nationalismus, S. 9 f. u. S. 105. Vgl. auch: Gellner: Nationalismus, S. 17 f. 654 Vgl. ebd., S. 36. 655 Souleimanov: Der Konflikt um Berg-Karabach, S. 223. 243V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Abstammung zunächst halbwegs stabil, bis schließlich das Vertrauen auch in russischstämmige Bevölkerungsteile zu bröckeln beginnt. Maschas Mutter etwa äußert sich gegenüber ihrer Tochter in einem Ge spräch über die Vergangenheit in dieser Hinsicht folgendermaßen: „‚Angeblich waren die Russen neutral, aber die Aserbaidschaner dachten, dein Vater sympathisiert mit den Armeniern, und die Armenier dachten, er ist für die Aserbaidschaner.‘“ (RBl 121) Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen am 20. Januar 1990 richten sich die Aggressionen der inzwischen neonational formierten Volksmajorität Aserbaidschans zuletzt auch gegen die gesamte russlandstämmige Familie Kogan. Am Tag des Begräbnisses von Maschas Großvater entgehen ihre Eltern nur knapp einer Attacke durch die aufbegehrenden Nationalisten: „Der Hass wandte sich nun gegen die Russen. Meine Eltern waren in Begleitung einer Freundin, die akzentfreies Aserbaidschanisch sprach und Mitglied der Nationalen Front war. Diese Freundin rettete meine Eltern an jenem Tag.“ (RBl 48) Weiter kommt es in dieser Zeit schließlich zur entscheidenden, traumatischen Wendung in Maschas Leben. Denn als eines Abends im Verlauf der anhaltenden Konflikte Maschas Vater seine sechsjährige Tochter bei ihrer Großmutter in Sicherheit bringen will, wird Mascha auf dem zehnminütigen Fußweg plötzlich unfreiwillige Zeugin einer grausamen Erfahrung, die mit solcher Wucht in ihr Seelenleben eindringt, dass Mascha auch als erwachsene Frau in der gegenwärtigen Erzählzeit des Romans nur in der dritten Person von sich selbst über dieses Ereignis sprechen kann: „‚Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug.‘“ (RBl 42) Die junge Frau, deren lebloser Körper neben Mascha liegen bleibt, ist damals jünger als Mascha zum Zeitpunkt der Erzählung. (Vgl. RBl 42; 107) Weiter heißt es in einem Mutter-Tochter-Gespräch am Heiligen Abend von Seiten der Mutter über das Trauma Maschas: „‚Nach jenem Tag hast du dich verschlossen, und ich habe nie wieder einen Zugang zu dir gefunden. Es ist absurd. Ich wollte dich nicht gehen lassen. Ich wusste, dass es falsch war, aber was hätte ich machen sollen? Wir hatten eine Leiche [die des Großvaters] im Haus.‘“ (RBl 121) Infolge der sich in Aserbaidschan weiter fortsetzenden Bürgerkriegszustände verschärfen sich auch die ökonomischen Überlebensbedingungen der Bewohner des Landes. Die Leis tungsträger und nationalen Minderheiten treten möglichst bald die Flucht an, wollen die Grenzen Aserbaidschans so schnell wie möglich hinter sich lassen: „[K]aum jemand blieb in Baku: keine 244 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Ärzte, keine Professoren, keine Ingenieure; weder Armenier noch Georgier, Ju den, Russen, Tataren.“ (RBl 50) Maschas Eltern hingegen beschließen, eine mögliche Deeskalation des Konfliktes zumindest vorübergehend abzuwarten: 1990 ging meine Tante nach Israel. Meine Eltern gingen nicht mit. Beide hatten gute Stellungen und beschlossen abzuwarten. […] Mein Vater weigerte sich, nach Israel zu gehen. Meine Mutter sprach jeden Morgen über den Antisemitismus in Russland und konnte sich meinen Vater aber insgeheim doch nicht in einem jüdischen Staat vorstellen. Auch die Wörter besetzte Gebiete, Armee und jüdischer Staat passten nicht in ihre Zukunftsutopie. (RBl 50) Nach den Konventionen der Menschenrechtserklärung ist die in den Folgejahren der eskalieren den Konflikte einsetzende Flucht aus Aserbaidschan das „unveräußerliche Recht“ eines jeden Mitglieds der jetzt verfolgten Ethnien. Heißt es doch in Art.  13 Abs. 2. und 1. der durch alle UN-Staaten unterzeichneten Konvention: „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen […]. Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu be wegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.“ In ähnlicher Wortgewalt fährt Art. 14 Abs. 1. Zudem fort: „Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ Doch wie in Fällen von plötzlich einsetzenden Flüchtlingsströmen üblich, will man in den nationalen Verwaltungsgebieten des Westens gerade jetzt den konkreten In halt der 1948 verabschiedeten Menschenrechtskonventionen eben nicht mehr so genau nehmen. Westliche Regierungen, die sich im Fall von Menschenrechtsverletzungen anderer Länder niemals scheuen, mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger etwa auf China oder Russland zu deuten, dichten ihre Grenzen nach Aserbaidschan ab: Erst gab es noch Hoffnung, in die USA oder nach Kanada gelassen zu werden, aber diese Grenzen wur den als erste geschlossen. Nach Deutschland und Israel konnte man noch einreisen, aber nur als Jude, weshalb die Register in den Synagogen sich mit Namen füllten, ebenso wie Einreiseanträge in der deutschen und der israelischen Botschaft. (RBl 50) Auch im postfaschistischen Deutschland also werden trotz Menschenrechtserklärung die Schleusen für Flüchtlinge aus Aserbaidschan geschlossen und damit das Versprechen auf po litisches Asyl gebrochen. Das gilt allerdings 245V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) nicht für die mindestens halbseitig aus Russland stammende, jüdische Familie Kogan. Denn groteskerweise wird der Holocaust in der neuen, jetzt eintretenden historischen Konstellation zum entscheidenden Faktor, der Familie Kogan die Flucht aus Aserbaidschan und das vermeintliche Privileg einer Einreise nach Deutschland erst möglich macht: „Offiziell gehören wir zum Kontingent jüdischer Flüchtlinge, die jüdi sche Gemeinden in Deutschland stärken sollten.“ (RBl 44) Ein groteskes Privileg, das freilich ohne die entsprechenden Vorbehalte auch für Familie Kogan nicht denkbar ist: Die Vorstellung, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen, fanden meine Eltern zuerst […] absurd. Noch 1994 sagte meine Mutter, sie würde niemals dieses Land betreten, dort sei die Asche noch warm. Meine Großmutter war eine Überlebende. (RBl 51) […] [Sie] war mit ihrem kleinen Bruder halb verhungert in Baku angekommen, sie waren die einzigen Überlebenden in ihrer Familie. (RBl 174) Kurze Zeit später aber, nachdem die soziale und wirtschaftliche Lage in Aserbaidschan zunehmend katastrophaler wird, ist es schließlich doch so weit, dass ein Ausreiseantrag von Familie Kogan gestellt wird: „Wir konnten nicht in Aserbaidschan bleiben. […] Neun Monate später stellten meine Eltern einen Einreiseantrag bei der deutschen Botschaft. 1995 wurde unser Antrag genehmigt […]. 1996 waren wir in Deutschland. 1997 dachte ich zum ersten Mal über Selbstmord nach“. (RBl 51) Emil Souleimanov hat das Zerstörungsausmaß der nationalen Konflikte zwischen Aserbaidschanern und Armeniern während der 1990er Jahre durch Fakten und Zahlen darüber hinaus in folgender Synopse zusammengefasst: Der Krieg forderte mindestens 30.000 Opfer, davon etwa 7.000 Armenier; etwa 1.100.000 Menschen, davon mindestens 800.000 Aseri, wurden vertrieben, sieben Bezirke Aserbaidschans, die zusammen 14 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums ausmachen, sind besetzt (Latschin, Kelbadschar, Agdam, Fisuli, Kubatli, Dschebrail und Sangelan). Die Wirtschaft beider Länder war ruiniert. Aserbaidschan und die Türkei halten bis heute eine Blockade gegen Armenien aufrecht, Armenien seinerseits blockiert Nachitschewan.656 656 Souleimanov: Konflikt um Berg-Karabach, S. 225. 246 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Mit dieser Vorgeschichte ist Mascha eine Figur, die seit ihrer frühesten Kindheit gelernt hat, dass nationale Konflikte sehr schnell und in jeder Hinsicht bestürzende Ausmaße annehmen können. In transnationaler Perspektive bedeutet das: Mascha fühlt sich selbst alles andere als ortsverbunden; sie ist in keiner Heimat essentiell ‚verwurzelt‘, sondern flexibel: „Ich wäre in der Lage, innerhalb von zwei Stunden meine Sachen zu packen und unsere Wohnung zu ver lassen. Ich könnte in den meisten Ländern überleben. Eigentlich brauchte ich gar keine Sachen. Ich könnte sofort los.“ (RBl 42). Maschas Adoleszenz – ein isoliertes Leben als Migrantin in Deutschland Die Kette der Schwierigkeiten reißt für Familie Kogan auch 1996 mit der Ankunft in Deutschland keineswegs ab. Denn obgleich seit 1991 die Integration jüdischer Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion zur Stärkung der jüdischen Gemeinden in Deutschland vorangetrie ben wird, ändert das nichts an der Tatsache, dass Familie Kogans Weg beschwerlich bleibt. Schon die Ankunft in der BRD ist keineswegs ein herzlich-willkommener Staatsempfang, bei dem für die einst verfolgten Juden zur Ankunft der rote Teppich ausgerollt wird: „Als wir vor dem Asylbewerberheim standen, hatten wir drei Koffer dabei, und bald fanden wir heraus, dass wir die mitgebrachten Sachen dort nicht gebrauchen konnten.“ (RBl 148) In den folgen den Jahren überschattet zudem eine Reihe amtlicher Diskriminierungen die ersten Deutschland-Impressionen, die von Familie Kogan durchaus als willkürlich erlebt werden. Frostige Kindheitserinnerungen bleiben in Mascha zurück: Ich begleitete meine Eltern auf das Ausländeramt und lernte dort, dass Sprachen Macht bedeuten. Wer kein Deutsch sprach, hatte keine Stimme, und wer bruchstückhaft sprach, wurde überhört. Anträge wurden entsprechend der Schwere der Akzente bewilligt. […] Die Wartezeiten waren lang, denn die Ausländerbehörde wurde an einem Tag selten mit mehr als fünf Migranten fertig, und wir mussten schon Stunden vor der Öffnung anstehen, um überhaupt dranzukommen. (RBl 37 f.) Doch findet eine sprachdefizitär bedingte Zurückstellung im gesellschaftlichen Kontext in Deutschland nicht nur gegenüber Maschas Eltern statt. Die sozialen Diskriminierungen in der BRD sind vielmehr struktureller Art und setzen sich in Maschas eigener Biographie auch auf dem Schulweg fort: 247V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) An meinem dritten Tag in Deutschland bin ich in die Schule gegangen und wurde gleich um zwei Klas sen zurückgestuft. Statt Wurzelrechnung zu üben sollte ich Mandalas mit Wachsmalstiften ausmalen. […] [B]ei den Elternsprechtagen, einer durch und durch schikanösen Angelegenheit, saß ich neben meiner Mutter auf dem Gang[.] […] Die Deutsch-, Mathe- und Englischlehrerinnen erklärten einstim mig, meine Sprachkenntnisse seien mangelhaft und ich sei auf diesem Gymnasium fehl am Platz. Ich übersetzte es ungeduldig für meine Mutter. Das Gymnasium, das ich besuchte, kannte Migranten ausschließlich aus der Springerpresse und dem Nachmittagsfernsehn. […] Araber, Schwarze und Türken gab es keine. (RBl 38) Wie andere in der Vergangenheit durch eine analoge Kritik am deutschen Schulwesen durch aus hervorstechende Schriftsteller entwirft Grjasnowa durch die Sicht ihrer Protagonistin Mascha hier ein in der deutschsprachigen Literatur häufig entwickeltes Panorama: Die Insti tution Schule wird innerhalb dieses Entwurfs als eine teilweise durch unfähige Lehrkörper nach willkürlichen Regeln operierende und selektierende Einrichtung dargestellt, die ein eigentlich begabtes Kind deshalb als unfähig ausmustert und aus dem Klassenverband eliminiert, weil es in Teilbereichen (hier z. B. sprachlichen) hinter etablierten Standards zu rückbleibt, die innerhalb des Systems selbst als notwendige Norm betrachtet werden, die bewältigt werden muss. Die damit verbundene Ausgrenzung lässt Verstörungen im Betroffe nen selbst zurück und kommt bei Mascha in einer dreijährigen Deprivation und Aphasie zum Ausdruck. Wenn in der Klasse Unruhe herrschte, wurde ich dafür verantwortlich gemacht, obwohl ich mich schämte, meinen Mund aufzumachen. Drei Jahre lang sprach ich kein Wort. Ich war auf ein diffuses Später ausgerichtet. Ich spann Träume: studierte Karten, las Reiseführer und machte Listen mit Sachen, die ich unterwegs brauchen würde. Ich […] wollte weg. (RBl 38 f.) Eine Entsprechung der Darstellung vom begabten Außenseiter, der durch unfähige Lehrkörper zum Schulversager degradiert wird, gab 1906 bereits Hermann Hesse in seinem ironischer weise längst zur allgemeinen Schullektüre avancierten Roman Unterm Rad. An einer be rühmten Stelle heißt es zur Schändung von Außenseitern durch den „Schulmeister“: 248 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. Wer aber mehr und Schwereres vom anderen leidet, der Lehrer vom Kna ben oder umgekehrt, wer von beiden mehr Tyrann, mehr Quälgeist und wer von beiden es ist, der dem anderen Teil seiner Seele und seines Lebens verdirbt und schändet, das kann man nicht untersuchen, ohne mit Zorn und Scham an die eigene Jugend zu denken.657 Darüber hinaus finden sich in gleicher Hinsicht lohnenswerte Passagen auch im 2. Kapitel des Elften Teils in Thomas Manns Buddenbrooks: Hier steht der außerordentlich für die Musik begabte Hanno im Fokus von Manns Betrachtung. Genauer gesagt dokumentiert Mann in die sem Kapitel sehr detailliert einen einzigen, als Marter erlebten Schultag des Schülers Hanno Buddenbrook, wobei dieser die Institution Schule als derart repressiv erlebt, „daß es innig wünschenswert wäre, vor dem geschlossenen Hoftore [des Schulgebäudes] tot umzufallen.“658 Thomas Mann verdichtet in einem charakteristischen Absatz der ausführlichen Schilderung dieses Schultags von Hanno die Durchkreuzung und Verhinderung seines musikalischen Ta lents durch das als autoritär erlebte Schulwesen, indem er den auf seinem Schulweg längst verspäteten, nicht im Geringsten auf den Unterricht vorbereiteten Hanno noch „rasend vor Verzweiflung“ die augenblicklich vollkommene Nebensächlichkeit feststellen lässt, dass die Glocken von Sankt Marien, das „Nun danket Alle Gott […] grundfalsch“ spielen, „sie hatten keine Ahnung von Rhythmus, und waren höchst mangelhaft gestimmt.“659 Trotz all seiner Begabung zur Musik aber hatte Hanno sich am Vortag als unfähig zur Bewältigung seiner Hausaufgaben gezeigt. Am Nachmittag wird er mit schlechten Noten vollkommen erschöpft und niedergeschlagen von der Schule nach Hause zurückkehren. Doch neben den geschilderten Analogien zu Repressionen durch das deutsche Schulsys tem, denen letztlich auch Grjasnowas talentierte Protagonistin Mascha zum Opfer fällt, ist in Maschas Biographie noch ein weiterer Punkt entscheidend: Nicht nur, dass Grjasnowas Mascha Kogan – wie Herman Hesses Hans Giebenrath oder Thomas Manns Hanno Buddenbrook 657 Hesse, Hermann: Unterm Rad. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, S. 90. (Im Folgenden zitiert als „Hesse: Unterm Rad“) 658 Mann, Thomas: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. 6. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer 2002, S. 706. 659 Ebd., S. 706. 249V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) – das Schulsystem in ihren Schilderungen als eine Institution auffasst, die lediglich auf das Funktionieren des Schülers in einer dem Lehrplan angemessenen Richtung ausgelegt ist. Ent scheidend für Maschas Einsicht in den deutschen Schulapparat ist ferner die Feststellung, dass die gegen sie als begabte Migrantin gerichteten Ausgrenzungen institutionenübergreifend auf anderen Schulen fortgesetzt werden und dass so der allgegenwärtige, strukturelle Alltagsras sismus in Deutschland von Migranten unmöglich umgangen oder unterlaufen werden kann. Ja, dass als entscheidender Faktor innerhalb der Institution Schule Aggressionen gegen migrantische Minoritäten unter Umständen überhaupt erst (mit-)produziert werden, indem ein gewisses Lehrpersonal offen ausgesprochene Tendenzen gegen Ausländer durch zielgerich tete Positivsanktionierung weiter fördert: In der elften Klasse hatte ich eine Deutschlehrerin, die an Haarausfall litt. Diesen verziehen ihr weder das Lehrerkollegium noch ihre minderjährigen Schüler. Wenn sie die Erniedrigungen nicht mehr aus hielt, gab sie diese weiter. […] Die Deutschlehrerin unterrichtete auch Sozialkunde, es ging um Auslän derkriminalität, und alle waren für sofortige Abschiebungen krimineller ausländischer Elemente. Genauer gesagt ging es um den Fall Mehmet: Ein Straftäter, dessen Bekanntschaft auch ich nicht hätte machen wollen, aber was genau ihn eigentlich von einem deutschen Kriminellen unterschied, abgesehen davon, dass er zwar in Deutschland geboren, in München aufgewachsen und ausschließlich in deutschen staatlichen Bildungseinrichtungen sozialisiert worden war und dennoch keine Staatsbürgerschaft besaß, begriff ich nicht. Meine Lehrerin hatte eine Antwort parat. (RBl 39) In dem Augenblick aber, in dem Maschas Lehrerin im Einklang mit den Schülern ebenfalls für eine „sofortige Abschiebung krimineller ausländischer Elemente“ votiert, ist für Mascha ein kritischer Zeitpunkt erreicht. Ein über lange Zeit durch den Rückzug in die Literatur sub limiertes Ressentiment kulminiert schließlich in einer praktischen Tat gegen die Lehrer-Autorität: Als ich die Diskussion nicht mehr ertragen konnte, nahm ich die Bastelschere aus meinem Mäppchen, stand auf und ging auf die Lehrerin zu. […] In diesem Augenblick wusste ich, dass ich alles konnte, was ich wollte. Ich riss ihr die Perücke vom Kopf. Irgendjemand lachte laut auf, als der fast kahle Schädel mit ein paar Strähnen welkem Haar sichtbar wurde. Sie wehrte sich nicht, schaute mich nur erschrocken an. Sie tat 250 Felix Kampel: Peripherer Widerstand mir sogar leid, denn sie war genauso ein Opfer wie ich, aber im Gegensatz zu ihr hatte ich beschlossen, mich zu wehren. Ich wurde der Schule verwiesen. (RBl 39 f.) Maschas Schulverweis ist die logische Konsequenz des von Hermann Hesse beim Schüler Hans Giebenrath bereits attestierten Zorns gegen den Lehrkörper und die Schulinstitution. Aus diesem Grund drängt sich der Seitenblick in den Roman Unterm Rad an diesem Punkt buchstäblich noch einmal auf, heißt es doch in einer weiteren Feststellung des Romans aus der zwischengeschalteten Perspektive des allwissenden Erzählers: Und wir haben den Trost, daß bei den wirklich Genialen fast immer die Wunden vernarben und daß aus ihnen Leute werden, die der Schule zu Trotz ihre guten Werke schaffen[.] […] Und so wiederholt sich von Schule zu Schule das Schauspiel des Kampfes zwischen Gesetz und Geist, und immer wieder sehen wir Staat und Schule atemlos bemüht, die alljährlich auftauchenden paar tieferen und wertvolleren Geister an der Wurzel zu knicken. Und immer wieder sind es vor allem die von den Schulmeistern Gehassten, die Oftbestraften, Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes bereichern. Manche aber – und wer weiß wie viele? – verzehren sich in stillem Trotz und gehen unter.660 Das ist auch die Geschichte, genauer gesagt: das Schicksal der oft zu Unrecht bestraften, da vongejagten und entlaufenen Mascha. Auch sie geht der Schule zum Trotz gegen die Widerstände der Lehrer ihren Weg, mit der konsequenten Entwicklung ihrer immensen Sprachfähigkeiten schafft sie ihr eigenes gutes Werk, und in ihrer Rolle als dolmetschende Diplomatin ist sie potentiell befähigt, den kulturübergreifenden Schatz der Europäischen Gemeinschaft durch den vermittelnden Kontakt zu anderen Nationalitäten zu bereichern. Doch geht auch Mascha, wie Hans Giebenrath, am Ende unter, verzehrt sich in Israel im stillen Trotz, weil der Dienst, den sie dem deutschen und europäischen Volk anbieten möchte, durch den fehlenden Kontakt zur UN nicht zustande kommt, da ein beleidigter Hochschullehrer sich sperrend der Protagonistin in den Weg stellt. (Vgl. RBl 131 ff.) 660 Hesse: Unterm Rad, S. 90. 251V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Maschas Vater Maschas Vater ist diejenige schwache und melancholische Figur im Roman, die Familie Kogans Einreise nach Deutschland 1996 am schlechtesten verkraftet. Mit den als diskriminie rend erlebten Lebensbedingungen wird er bis zuletzt nicht fertig. Dabei ist Maschas Vater zunächst vor allem ein Mann, „der nicht damit klarkam, keine Verbindungen mehr zu haben.“ (RBl 157) In Deutschland ist er lediglich eine unbrauchbare ‚Nummer‘ auf dem Amt, was sehr bald zur Selbstaufgabe führt: „Deutschland hatte für meinen Vater keine Verwen dung. […] Vater hatte aufgegeben, von einem Tag auf den anderen.“ (RBl 53) Zudem ist Maschas Vater, sicher auch aufgrund der Zurückgezogenheit, diejenige männliche Figur im Roman, der das Erlernen der deutschen Sprache sehr viel schwerer fällt als seiner Frau und besonders seiner Tochter Mascha: Das Deutsch meines Vaters geriet immer unhöflich, auf Russisch klang er diplomatischer. Selbst seine Körperhaltung war anders, wenn er deutsch sprach, der Rücken war gerade, die Muskulatur angespannt. Sein Deutsch blieb rudimentär, begleitet vom türkischen Klang, russischer Satzlogik und lateinischen Fremdwörtern. (RBl 113) Bereits in der Sowjetunion scheiterte der erste Lebensentwurf als russischer Astronaut. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aber scheiterte schließlich auch sein gesamtes politisches Weltbild: Alle Russen wollten Kosmonauten werden, aber mein Vater war tatsächlich einer. Allerdings einer, der niemals in den Weltraum fliegen durfte. Vater war wie Juri Gagarin Parteimitglied, beendete die Flug schule mit Auszeichnung und studierte wie Gagarin an der Militärakademie für Ingenieure der Luftstreitkräfte in Moskau, absolvierte wie Gagarin das Kosmonautentraining, doch danach hörte die ganze Gagarin-Geschichte auf. Keiner wusste, weshalb. Vater kehrte nach Baku zurück, und niemand nahm ihm diese Niederlage übel, niemand wertete seine Rückkehr als Scheitern. Er bekam einen Posten im Ministerium und wurde zu einem geachteten und vielbeschäftigten Mann. Ich denke, das und der Zusammenbruch der Sowjetunion waren die größten Überraschungen seines Lebens. (RBl 52 f.) Bei ihren Elternbesuchen in Friedberg erkennt Mascha im Blick des Vaters folglich nur noch den „gewohnten Ausdruck vollkommener Niedergeschla- 252 Felix Kampel: Peripherer Widerstand genheit“. (RBl 52) Die meiste Zeit in Deutschland verbringt er in seinem Schlafzimmer, bei „seinem Computer und […] seinen russischen Filmen.“ (RBl 52) Und lakonisch bilanziert Mascha seine Resignation mit der Feststellung: „Mein Vater war ein Mann, der verstanden hatte, dass es niemals gut werden würde.“ (RBl 52) Maschas Mutter In Deutschland ist es dagegen besonders Maschas Mutter, die mit den neuen Umständen sehr viel besser und schneller zurechtkommt als ihr Ehemann. Gemäß Grjasnowas feministischem Grundkonzept661 ist folglich besonders auch die Mutter diejenige Romanfigur, die nach der Deutschlandeinreise als ökonomisch treibende Kraft das Familienleben stabilisiert. Die Abdeckung und Versorgung der finanziellen Bedürfnisse ist fortan allein ihr Aufgabenbereich (vgl. RBl 157): „Sie unterrichtete Klavier – zuerst an einer Musikschule, später an einer Hochschule. Auch sie hatte am Anfang Schwierigkeiten mit dem neuen System: Ausgebildet an einem sowjetischen Konservatorium, hatte sie professionelle Standards, hinter die sie nicht zurückkonnte.“ (RBl 26) Doch die strebsame, disziplinierte und sich auch auf die Tochter übertragende Art der Mutter sowie die daraus resultierende fordernde Haltung gegenüber ihren Schülern stößt in Deutschland ebenso auf Ablehnung wie die gesamte Familie Kogan zunächst nach ihrer An kunft auf dem Ausländeramt: „Als der Vater einer ihrer ersten Schülerinnen, ein Priester, sich bei ihr beklagte, der Musikunterricht würde seiner Tochter keinen Spaß bereiten, bekam meine Mutter Herzrasen und schwitzige Hände. Sie hatte bis dahin nicht gewusst, dass Spaß der Zweck der Kunst war.“ (RBl 26) Tatsächlich zeichnet sich nicht zuletzt auch an dieser Stelle ein kultur- und mentalitätsspezifischer Unterschied ab, der bei den Kogans als einer hinter dem Eisernen Vorhang sozialisierten Familie (vgl. RBl 157) in der Tat einige Irritationen hervorruft: Die Musik wurde in der UdSSR mit größtem Ernst behandelt, genau wie Ballett und bildende Kunst. Im Gegensatz zu Deutschland konnte jedes Kind neben der schulischen eine hochprofessionelle und vor allem kostenlose künstlerische Ausbildung bekommen, allerdings nur solange das Kind gewillt war, hart zu arbeiten, und meine Mutter verstand nicht, wie es jemand nicht wollte. (RBl 27) 661 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 253V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Die Arbeit der Mutter ist schließlich auch das Thema, das die Familie während der gemein samen Mahlzeiten zusammenführt, ja gelegentlich sogar der rettende Anker, der die schwere Anfangszeit in Deutschland zu überbrücken hilft: „Beim Essen erzählte Mutter ab und zu von ihren Klavierschülern. Mein Vater und ich stellten abwechselnd Fragen, wenn die Stille uner träglich wurde.“ (RBl 53 f.) Ganz allgemein aber ist es im Roman nicht nur Maschas Mutter, sondern gemäß Grjasno was feministischem Grundkonzept sind es die Frauen aus Maschas erweitertem Familien- und Verwandtschaftsumfeld, die den Zusammenbruch der Sowjetunion sehr viel besser verkraftet haben als ihre Ehemänner, die immer wieder an ihrem eigenen Selbstmitleid scheitern. Denn Bilder, die Familie Kogan gelegentlich von den nach Israel ausgewanderten Verwandten er hält, dokumentieren nach dem Verlassen der alten Sowjetrepublik einerseits die totale Resignation der Männer, während die Frauen sich andererseits niemals ganz aufgegeben zu haben scheinen: Besonders traurig waren Fotos von Familienfeiern – meine Tanten hatten noch ein bröckelndes Lächeln im Gesicht, ihre Männer aber gaben sich nicht mehr die Mühe und schauten niedergeschlagen in die Kamera. Auf dem Tisch vor ihnen stand das aus der UdSSR mitgebrachte Geschirr. (RBl 165) Elias Ganz anders als Mascha ist ihr Freund Elias Angermann aufgewachsen: Nicht im Bürger kriegsgebiet Baku, sondern – wie in den topographischen Beschreibungen des Romans bereits angemerkt – in einem kleinen, namentlich nicht genannten Dorf in Thüringen bei Apolda (vgl. RBL 141; 148): „Horst und Elke“, Elias Eltern – die als Schankwirte aus soziologischer Perspektive einer ständig vom sozialen Abstieg bedrohten Gruppe der unteren Mittelklasse zugeordnet werden können662 – „wohnten in einem pfirsichfarbenen Haus im mediterranen Fertigbaustil, das in der ostdeutschen Provinz verloren aussah. […] Hinter ihrem Haus hörte das Dorf auf“. (RBl 111) Ohne unangenehm in der Umgebung auffallen zu wollen, „ohne aus der Reihe noch aus der Rolle“663 zu tanzen – um erneut an Broders Charakterisierung des Dor fes anzuknüpfen –, hält man sich im Hause Angermann streng an die im eigenen Milieu vorherrschenden architektonischen und 662 Vgl. hierzu: Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie: Die Individuen in ihrer Gesellschaft. Band 2. 4. Aufl. Wiesbaden: VS-Verl. 2009, S. 310 f. 663 Broder: Heimat? Nein Danke!, S. 22. 254 Felix Kampel: Peripherer Widerstand gestalterischen Spielregeln des Dorfes: „Eine Eiche wuchs neben dem weiß gestrichenen Hauseingang, zugezogene Gardinen, akkurat geschnittener Rasen, Gartenhäuschen“. (RBl 111) Auch die Einrichtung der Innenräume, insbesondere das mit unzähligen Wanduhren geschmückte Wohnzimmer des Hauses, beschreibt Mascha folglich als „ein einziges Ost-Biedermeier“. (RBl 112) Das soziale Klima in Elias Elternhaus kann dabei in unmittelbarer Analogie zur Architek tur und Inneneinrichtung des Wohnhauses als provinziell und emotional verarmt beschrieben werden. Die Suche nach weltbürgerlichen Erziehungsidealen läuft ins Leere. Besonders leidet Elias unter dem groben Erziehungsstil seines Vaters. Denn Horst Angermann ist durchaus keine vorbildliche Vaterfigur. Der Stil der Erziehung seines Sohnes ist geprägt durch undis ziplinierte Selbstregie, die Horst Angermann immer wieder durch patriarchalisches Domi nanzgehabe zu kompensieren versucht: „Horst ist alles andere als ein guter Vater gewesen. Er versoff die Wirtschaft seiner Frau und trainierte ab und zu die dörfliche Fußballmannschaft“. (RBl 145) Als Elias für kurze Zeit aus dem Krankenhaus entlassen wird, kommt es an einem Abend zwischen ihm und Mascha in der gemeinsamen Wohnung zu einem vertrauten Ge spräch, in dem Elias ein prägendes Kindheitserlebnis von sich preisgibt: ‚Ich wusste nie, in welchem Zustand ich ihn antreffen würde. Meistens trank er abends, wenn Mutter arbeiten war. […] Sie arbeitete, ertrug wortlos seine Launen und seine Selbstherrlichkeit. Gleich nach der Wende wurde er arbeitslos. Aber getrunken hatte er schon vorher.‘ (S. 90) Ähnlich wie in Maschas Familie ist es also auch hier der Vater, der sich in seinem ohnehin schon schwierigen Lebensweg nach dem Untergang der Sowjetrepublik erst recht nicht mehr im eigenen Leben zurechtfinden wird. Auch bei Familie Angermann ist es die Mutter, die in nerhalb des diffizilen Familiengefüges zur ökonomisch treibenden Kraft avanciert. Denn während Elkes Mann Horst „die Wirtschaft seiner Frau versoff“, muss Elke bis in die tiefe Nacht die Bewirtung der Gäste des Familienbetriebs organisieren, wo „jeden Abend […] vol ler Betrieb“ (RBl 17) herrscht. Maschas Beschreibung vom äußeren Erscheinungsbild des arbeitslosen Horst dagegen entspricht – trotz aller gebotenen Vorsicht bei physiologischen Vorurteilen – ganz den geschilderten inneren Charakterzügen des Erwerbslosen: „Eine breite Gestalt, ein grobes Gesicht und ein grausamer Zug um seinen Mund. Die 255V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Hände waren vor Wut zu Fäusten geballt, und in seinen Augen lag kompromissloser Hass. Ich hatte Angst vor ihm“. (RBl 152) Gewalt und Homophobie prägen folglich auch den Erziehungsalltag des heranwachsenden Elias. Freiräume zur Entwicklung individueller Fähigkeiten sind faktisch nicht vorhanden: „Elischa, der sich niemals im Sport hervorgetan hatte, wurde nach jedem Spiel verprügelt, der Sohn eines Sportfunktionärs sollte weder zu einem Waschlappen, noch zu einem Homosexuellen heranwachsen“. (RBl 145 f.) Doch trotz der sozialen Einschränkung ist auch Elias, analog zu Mascha, ein sozialer Auf steiger. Ihm allein ist es gelungen, sich – wenn auch nur allmählich – von der familiären und provinziellen Enge und dem Umfeld der väterlichen Gewalt zu emanzipieren: „Elias hatte lange gebraucht, um zu verstehen, dass Liebe nicht ausschließlich durch Schläge ausgedrückt werden kann“. (RBl 146) Tatsächlich bewältigt Elias, der wie alle jungen und zentralen Figu ren in Grjasnowas Roman zwar nicht unbedingt ein finanzieller, in jeder Hinsicht aber ein intellektueller Aufsteiger ist, darüber hinaus ein Studium der Fotografie. (Vgl. RBl 18) Im Anschluss arbeitet er in Frankfurt als Künstler. Gelegentlich organisiert er auch Ausstellun gen, wo Mascha ihn eines Tages besucht, bevor die beiden ein Paar werden. (Vgl. RBl 106) Die Beziehung zwischen Mascha und Elias verläuft trotz beiderseitiger Emanzipations schübe allerdings häufig mühsam, schleppend und problematisch: „Elias fing wieder mit seinen Fragen an. Wir lagen im Bett, Körper an Körper. […] Elias warf mir immer öfter vor, er würde nicht an mich herankommen“ (RBl 88 f.) Doch scheint die Lokalisation der Proble matik eher in Maschas psychischer Konstitution verortet werden zu müssen: Wir hatten uns viel gestritten […]. Meistens ging es […] um mich. […] Ich hatte mal ein Buch gelesen, in dem es um Menschen mit traumatischen Störungen ging, […] es stand darin, dass wir die Menschen, die wir lieben, vernichten würden. Und Elischa ging drauf. (RBl 150) Cem In freundschaftlicher Hinsicht ist Cem Maschas wichtigste Bezugsfigur im Roman. Er ist türkischer Abstammung, homosexuell664 und zur Frankfurter Studentenzeit arbeitet er wie Mascha zunächst als Dolmetscher, sodass die beiden nicht nur als Freunde, sondern auch als Arbeitskollegen perfekt miteinander harmonieren: 664 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 256 Felix Kampel: Peripherer Widerstand In der Übersetzungskabine war Cem mein Kodolmetscher, wir wechselten uns alle dreißig Minuten ab, dolmetschten gemeinsam Konferenzen in stumm geschalteten Kabinen. Wir waren aufeinander einge spielt, merkten sofort, wenn der andere mit einer Vokabel oder einem Ausdruck haderte, halfen oder übernahmen vorzeitig. Selbst unsere Stimmen ergänzten sich gut. (RBl 125) Wie Mascha ist also auch Cem ein multilingualer Charakter, der als Dolmetscher arbeitet und der mit einem besonderen Talent zum Spracherwerb und -gebrauch geboren wurde. Anders als Mascha kam er zwar in Deutschland, doch erst in der zweiten Generation als Sohn türki scher Eltern zur Welt. Auch seine Geschichte ist die eines ehrgeizigen, intellektuellen und strebsamen Außenseiters. Die Geschichte eines sprachbegabten Migrantenkindes, das sich seine Stellung nicht nur wie Mascha innerhalb der deutschen Gesellschaft, sondern wie Elias auch innerhalb der Strukturen seiner eigenen Familie hart erkämpfen musste: Er war der erste [sic!] aus seiner Familie, der studierte und besseres Türkisch als seine Eltern sprach. Cem war in Frankfurt geboren und ist bilingual aufgewachsen, das dachte er zumindest. Erst während eines Urlaubs in Istanbul stellte er fest, dass er einen starken Dialekt hatte […]. Also verbrachte er ein Jahr an der besten Istanbuler Universität und legte sich den feinen Dialekt der Istanbuler Oberschicht zu. Mit seinen Verwandten sprach er nach wie vor in dem Dialekt des Dorfes, aus dem sie nach Deutschland eingewandert waren. Wir sprachen deutsch miteinander, wie zwei perfekt integrierte Vorzeigeausländer. (RBl 56 f.) Sobald Mascha auf emotionaler Ebene in ein negatives, sie selbst extrem belastendes Ungleichgewicht gerät, ist Cem zur Stelle und hilft ihr als Freund: Er spricht ihr positiv zu, als Elias im Kran kenhaus liegt. (Vgl. RBl 57 f.) Als erster steht er ihr unter Maschas Freunden bei, nachdem Elias an seiner Fußballverletzung verstorben ist (vgl. RBl 107), und natürlich begleitet er Mascha auch auf die Beerdigung nach Apolda. (Vgl. RBl 110) Darüber hinaus kann Mascha sich auf Cems Hilfe verlassen, als Elias Vater Horst wutentbrannt die letzten Sachen seines verstorbenen Sohnes in Frankfurt abholt. (Vgl. RBl 152 f.) Und nachdem Mascha in Israel zunehmend aus ihrer streng fokussierten Lebensbahn entgleist, ist es Cem, der ihr als Erster zur Seite steht; der nach Maschas Anruf trotz seiner politischen Vorbehalte in Israel einreist (vgl. RBl 59 f.), um ihr Beistand zu leisten. (Vgl. RBl 220 f.) 257V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Anders als Mascha aber, die nach dem Studium in Israel als Dolmetscherin arbeitet, ent scheidet Cem sich im Verlauf des Romans zumindest vorläufig nicht für den Weg in die diplomatische Praxis. Cem wählt eine akademische Laufbahn und damit die theoretische Ver tiefung seiner bisherigen Interessengebiete: „Cem saß mir gegenüber und erzählte von seinem Promotionsthema, und ich versuchte ihn zu bestärken, denn er hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Eltern, da er nicht sofort anfangen würde zu arbeiten“. (RBl 222) Dabei dürfte die Wahl seines Promotionsthemas vor dem Hintergrund seiner persönlichen Biographie kaum überraschen. Denn jetzt interessiert Cem sich exakt für das Thema, das ihn als einen in Deutschland lebenden Migranten der zweiten Generation mit am stärksten persönlich betrifft. Er interessiert sich für „alle Klassiker der Post Colonial Studies, der Critical Whiteness Stu dies, der Rassismustheorien, Fanon, Said, Terkessidis“. (RBl 221) Sami Wie im Zusammenhang mit Sigrid Löfflers Kritik bereits angemerkt, ist neben Cem insbesondere auch Maschas Ex-Freund Sami eine multinationale Männerfigur des Romans, die Mascha zur Seite steht. Auch Sami zeigt meistens Präsenz, wenn es kritisch wird und Ma scha Hilfe benötigt. (Vgl. RBl 140; 244) Im ersten Teil des Romans trifft Mascha Sami erstmals eher zufällig an einem Abend auf einer House-Party, die sie mit Cem besucht: Schöne Mädchen mit glänzenden Mündern und süßlichem Parfüm tanzten zu aggressivem House. […] [D]ie Männer waren leicht bekleidet und bemühten sich, wie Lustknaben auszusehen. Alles lächelte, tänzelte, flirtete. Sami stand salopp an eine Säule gelehnt. Er trug dunkle Jeans und eine schwarze Le derjacke. […] Ich kam von hinten auf Sami zu und legte meine Hand auf seinen breiten Rücken. Diese Bewegung war instinktiv, und nun, von mir selber überrascht […] wusste ich nicht, was folgen könnte. (RBl 60 f.) Eigentlich arbeitet Sami zu diesem Zeitpunkt in den USA an einer Promotion über den „deut schen Idealismus“. (RBl 143) Augenblicklich aber ist er zurück in Frankfurt und steckt in einer schlaf- und produktionslosen Lebenskrise (vgl. RBl 86), auch weil sein Antrag auf die Verlängerung seines Visums aus ethnischen Gründen abgelehnt wurde: „Samis Studentenvi sum für die USA war abgelaufen, normalerweise war so etwas eine Sache von zwei Wochen, aber wenn im Pass ein arabischer Name stand und als Geburtsort 258 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Beirut vermerkt war, konnte selbst die deutsche Staatsbürgerschaft wenig ausrichten.“ (RBl 110. Vgl. ferner: RBl 85) Sami ist Maschas erste gescheiterte Liebe; auch in der erzählten Zeit des Romans bleibt Mascha ihm in emotionaler Hinsicht latent verhaftet, was die Beziehung der beiden noch nach ihrer Trennung erschwert: „Sami war mein erster Freund gewesen, vor ihm endete die Liebe für mich stets mit einer Zurückweisung“. (RBl 85. Vgl. ferner: RBl 69) Für die emotionale Gestaltung des Romans hat das Konsequenzen, zuletzt auch im Hinblick auf die komplizierte Beziehung zu Elias: Obwohl wir [Sami und Mascha] schon lange nicht mehr zusammen waren, streckte ich zuweilen reflexartig meine Hand nach ihm aus. Manchmal, wenn ich die Nähe seines Körpers spürte, oder ihn zu lange anschaute, war alles wieder da: Liebe und Lust und Hunger und Gier. Zudem hatten wir einander so verletzt, dass es kein Zurück mehr gab. (RBl 62) Auch Maschas Tagträume werden häufig von Vorstellungen beherrscht, in denen Sami nach wie vor eine dominante Rolle spielt: Sami sah aus wie jemand, der genau wusste, was zu einem schönen Leben dazugehört, wo man es be kommt, wie man es festhält und letztendlich auch, wie man das schöne Leben wieder verwirft, bevor es einen zu Tode langweilt. Kurz: Er war jemand, der etwas Gefährliches an sich hatte, ohne abschreckend zu wirken. Sein Blick war immer ein wenig zu ernst und auf seiner Nase, die ich sehr erotisch fand, war ein kleiner Höcker. Diesen Höcker hatte er einer Schlägerei in einer Dorfdisco zu verdanken, die er sel ber angezettelt hatte. (RBl 61 f.) Detaillierte Angaben über den Trennungsgrund erfährt der Leser nicht: […] [M]it der Zeit verblassten die Erinnerungen daran, wer wen verlassen oder gedemütigt hatte. Übrig blieb die Erinnerung an ein paar gute Momente, an ein diffuses Glück und an das Verlangen. Damals war es das körperliche Verlangen, nun war es womöglich das Verlangen, vom anderen wieder so be gehrt zu werden wie einst. (RBl 69) Im Porträt der Stuttgarter Zeitung äußerte sich Olga Grjasnowa zum Status ihres Migrations hintergrunds dahingehend, dass ihre Biographie im 259V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Grunde „langweilig“ sei, weil sie „irgendwann nach Deutschland gekommen“665 sei, was mittlerweile für rund 20 % der Bevölkerung gelte. Neben Maschas und Cems multinationaler Biographie gehört auch die von Sami in diesen transnationalen Kontext. Sie ähnelt folglich gerade mit Blick auf die mul tinationalen Lebensgestaltungsräume den Biographien von Mascha und Cem, unterscheidet sich von ihnen aber darin, dass Sami selbst aus einem vergleichsweise wohlhabenden Elternhaus stammt: Sami war während des Bürgerkriegs in Beirut geboren worden. Albert, Samis Vater, war Schweizer, dessen Eltern Italiener und später Franzosen und er selbst Filialleiter einer Bank in Beirut. Kurz nach Samis Geburt wurden sie nach Paris versetzt, und Französisch wurde zu Samis eigentlicher Muttersprache. Als er dreizehn Jahre alt war, zog die Familie nach Frankfurt. Wenn Sami arabisch sprach, musste er oft französische Vokabeln zur Hilfe nehmen, Beirut kannte er nur von kurzen Urlaubsreisen, von Zeitungsbildern und den langen Telefonaten seiner Mutter mit den libanesischen Verwandten[.] (RBl 127) Die Kreuzung und Durchmischung einer breiten Spannbreite von Völkern – das nach Bhabha ‚unheilbar Plurale‘ – kommt hier also nicht nur im Leben der Metropole, sondern auch in der Figur Sami und seinen sprachlichen Kompetenzen zu einem erneuten Konzentrationspunkt. Folglich wird in Deutschland bei den Mahlzeiten in Samis Familie auch nicht hessisches Deutsch, sondern „ein Mischmasch aus Französisch und Arabisch gesprochen“. (RBl 69) Auffällig im Hinblick auf eine Untersuchung der Figur Sami bleibt allerdings, dass in der Küche der Frankfurter Wohnung seiner Mutter am „Kühlschrank […] eine kleine Palästinen serflagge mit einem schwarzen Magneten befestigt“ (RBl 70) war. Denn wie sich im Folgenden genauer zeigen wird, macht Mascha im Roman auch deutlich, dass man Sami durchaus als „Antisemiten“ (vgl. S. 64) bezeichnen könne. 665 Kister, Stefan: „Warum wollen alle immer nur das eine wissen?“ In: Stuttgarter Zeitung. 28.07.2012. 260 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Daniel Ebenfalls zu Gast auf der House-Party, bei der Mascha zunächst überraschend Sami wiedergetroffen hat, ist auch Daniel. Doch obgleich Daniel ähnlich wie Mascha politisch links steht, ist er zugleich so etwas wie ein konzentriertes Feindbild der Protagonistin: Daniel bezeichnete sich als antideutsch, womit er judophil, proamerikanisch und irgendwie linksradikal meinte. Er gehörte zu der Sorte von Leuten, die die Welt immerzu durch irgendein Projekt retten wollen: zuerst war es die Kernenergie, dann kam der Regenwald, der biologische Anbau, und schließ lich waren es die Juden. Auf die hatte er es besonders abgesehen. (RBl 62) Was Daniel von Mascha eigentlich genau will, bleibt unklar: Einerseits initiiert er politische Debatten, andererseits tendiert gleichzeitig immer wieder dazu, Mascha offensiv erotische Avancen zu machen. (Vgl. RBl 65) Mascha hingegen zeigt eher Anzeichen von Ekel, sobald Daniel ihr zu nahe kommt: „Er kam schnell auf mich zu, seine Schritte waren groß und ungelenk, die Hand griff nach meiner, ohne dass ich sie ihm entgegengestreckt hätte. […] [S]ein Atem roch nach Bier und schlechter Verdauung“. (RBl 63) Untereinander kennt man sich im Freundeskreis schon länger; etwa aus Gruppenarbeiten an der Universität, bei denen es in der Vergangenheit keineswegs immer harmonisch zugegangen ist: Daniel hielt Sami für einen Antisemiten, Sami hielt Daniel für einen Philosemiten und beide hatten recht. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten mich damit in Ruhe gelassen, doch während einer Gruppenarbeit an der Uni hatte Daniel gesagt, mein arabischer Liebhaber würde mich unterdrücken und aussaugen. Eine ägyptische Plage, so nannte er ihn. Daraufhin hatte ich Daniel einen Zahn ausgeschlagen und wäre beinahe exmatrikuliert worden, wenn Daniel nicht die ganze Schuld auf sich genommen hätte. Die er selbstverständlich auch trug und das nicht erst in der dritten Generation. Seit ihm ein Zahn fehlte, behandelte er mich als seinen persönlichen Teddyjuden. Mein einziger Makel war, dass ich nicht geradewegs aus einem deutschen Konzentrationslager kam. (RBl 64) 261V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Mascha wird damit zur philosemitischen Projektionsfigur666, an der ihr Kommilitone Daniel seine familiären Schuldkomplexe abzuarbeiten versucht. Wobei das abgemilderte Schuldein geständnis (auch im Fall Daniel) typischerweise nicht in der unmittelbaren Abstammungslinie des eigenen Vaters oder Großvaters liegen soll, sondern bei einem entfernten Onkel. Entsprechend konstatieren Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall in ihrem Forschungsklassiker „Opa war kein Nazi“, dass trotz reger Mitbeteiligung mehrheitlicher Teile der deutschen Bevölkerung am NS-Regime heute in der „Gesamtbevölkerung weit überwiegend die Auffassung vorherrscht, dass eigene Familienangehörige keine Nazis waren; Antisemiten und Tatbeteiligte scheinen in deutschen Familien praktisch inexistent gewesen zu sein.“667 Hinzu kommt ferner der (auch im Fall Daniel) zunächst paradox anmutende Um stand, „dass die Befragten mit Abitur bzw. Hochschulabschluss diejenigen sind, die von der positiven Rolle ihrer Angehörigen in dunkler Zeit am meisten überzeugt sind.“668 Konkret bedeutet das wiederum: „Es gibt […], milde gesagt, tiefe Widersprüche in der deutschen Erinnerungskultur[.]“669 Die Beschreibung genau dieses Falls, dieses Widerspruchs, spiegelt sich tatsächlich ziem lich exakt in der Figur Daniel. Denn kurzerhand wird die ideologische Abirrung im Nationalsozialismus in der Familiengeschichte Daniels nicht nur auf den entfernten Onkel abgeschoben. Darüber hinaus soll sie durch ein voluntaristisches Korrektiv kryptisch gerechtfertigt werden, wodurch das gesamte Familienporträt wieder in einen geordneten, und das heißt zumindest halbwegs schuldfreien Kontinuitäts- und Kohärenzzusammenhang ge rückt werden kann. So behauptet Daniel in einem der Monologe, mit denen er Mascha immer wieder belästigt: „Mein Onkel Günther, der wollte auch immer nur Juden morden, aber der meinte es nicht so, der hat nicht gekämpft, der war Sanitäter. Bei uns hat überhaupt niemand gekämpft“. (RBl 65)670 Auch Daniel kämpft gemäß seiner linken Grundhal- 666 Vgl. Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 75. 667 Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline: „Opa war kein Nazi“: Nationalsozialismus und Holo caust im Familiengedächtnis. 8. Aufl. Frankfurt a. M.: Fischer 2012, S. 247. 668 Welzer, Harald: Die Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen. Eine sozialpsychologische Perspektive. In: Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. 2. Aufl. Hrsg. von Hartmut Radebold et al. München: Juventa 2009. S. 75 – 93, hier: S. 76. 669 Ebd., S. 77. 670 Vergleiche hierzu ausführlicher: Kampel, Felix: „Mein Onkel Günther“ – Deutsche NS-Erinnerungskultur nach 1945 und Probleme der Aufarbeitung am Beispiel von Olga 262 Felix Kampel: Peripherer Widerstand tung, wie seine Vorfahren, freilich nicht an der Waffe. Wenn er überhaupt kämpft, dann nur in Form von verbalen Selbstinszenierungsprozessen und natürlich immer auf der ‚richtigen‘ Seite: „Ich will hier nicht mit abstrakten Allgemeinbegriffen einen totalitären Diskurs anfangen, versteh mich bitte nicht falsch. Es ist nun einmal einleuchtend, dass viele Juden Israel primär als ihren Zufluchtsort vor dem Genozid sehen. Und Auschwitz kann sich jederzeit wiederholen. Aber nun seid ihr da, die materialisierte Konsequenz der antisemitischen Vernichtungswut, ihre Exekutive, sozusagen. Die Juden müssen sich nach Auschwitz gegen die verteidigen können, die sie ermorden wollen.“ (RBl 64 f.) Tatsächlich handelt es sich bei diesen ambivalenten Konzessionen an „die Juden“ und „Israel“ um charakteristische Ausdrucksformen eines typisch deutschen Diskurses über Juden nach Auschwitz, die in der modernen Antisemitismusforschung auf folgende Weise charakterisiert werden: [D]urch Gegenbewegungen wie den Philosemitismus und öffentlichen anti-antisemitischen Meinungsdruck gibt es keinen homogenen Antisemitismus, sondern inhaltlich-konkret recht unterschiedlich ausgestaltete judenfeindschaftliche Differenzkonstruktionen, die in Einzelfragen sogar zueinander in Widerspruch stehen können, gleichwohl aber an der Stigmatisierung des Jüdischen festhalten.671 Zur Abtragung von Schuldkomplexen in der eigenen Familiengeschichte braucht auch Daniel Mascha als Projektionsfigur, um weiter an der Stigmatisierung des Jüdischen festhalten zu können. Seine undifferenzierten Aussagen münden bei konkreten Einzelfragen folglich geradewegs in Widersprüchen: Heißt es doch einmal, sein Onkel habe auch immer Juden morden wollen. Andererseits aber zugleich, er habe es nicht so gemeint und natürlich so we nig wie der Rest der Familie für das deutsche Volk unter Adolf Hitler gekämpft. Auch wenn Daniel weiter von sich selbst sagt, er wolle „hier nicht mit abstrakten Allgemeinbegriffen einen totalitären Diskurs anfangen“, so Grjasnowas Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt. In: Erschriebene Erinnerung. Die Mehrdimensionalität literarischer Inszenierung. Hrsg. von Sanna Schulte. Köln u. a.: Böhlau 2015, S. 251 – 269. (Im Folgenden zitiert als „Kampel: ‚Mein Onkel Günther‘“) 671 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 75 f. 263V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) sind es doch besonders gerade leere, allgemeine Phra sen von und über „die Juden“ und „Israel“, die Mascha erst recht gegen Daniel aufbringen: „Ich hatte wieder Lust, ihn zu schlagen, und hatte meine Hand schon zur Faust geballt, als Cem mich von ihm wegzog“. (RBl 66) Dennoch hat Mascha zunächst und bevor sie Daniel später in Israel noch einmal zufällig über den Weg laufen wird, in gewisser Weise auch eine sie selbst störende Achtung vor dem politisierenden Kommilitonen: „[E]s machte mich wütend, dass er einen festen Standpunkt hatte und ich nur Zweifel.“ (RBl 63) Doch gerade in dem Augenblick, als Daniel in Israel vollkommen unerwartet noch einmal vor Mascha auftaucht, zeigt sich, dass er entgegen seiner blendenden Rhetorik definitiv keinen „festen Standpunkt“ hat. Daniel erweist sich hier nämlich als das, was er tatsächlich ist: Ein opportunistischer Charakter, der zur Orientierung im Leben ein klares, undifferen ziertes Schwarz-Weiß-Schema braucht und der daher die Ambivalenzen, Komplexitäten und häufig schwer verständlichen Vielschichtigkeiten des Nahostkonflikts nicht aushalten kann. Denn jetzt, in Tel Aviv, kommt seine im Grunde ständig vorherrschende antisemitische La tenz mit ganzer Kraft zum Vorschein: „Ich war gerade im Libanon, wollte mir ein Bild von der Lage machen. Irgendwie hattest du recht. Was Israel macht, ist wirklich nicht in Ordnung. Gerade jetzt wäre es doch eine schöne Geste, die besetzten Gebiete zurückzugeben.‘ […] Ich unterbrach ihn: ‚Was soll das überhaupt? Eine schöne Geste? Die Ju den nicht zu vernichten wäre auch eine schöne Geste. Und was hast du mit Palästina am Hut?‘ ‚Ich habe dort in einem Flüchtlingslager unterrichtet. Die haben mich total gemocht. Weißt du, manchmal haben wir über den Konflikt gesprochen. […] Wie schlimm das war. Mit Israel. Die ganzen Ungerechtigkeiten und die Kriege. Ich hatte ja keine Ahnung. Und aus dir konnte man ja auch nichts rauskriegen. Die ha ben mir erzählt, dass sie die Juden hassen. Ihnen den Tod wünschen. Aber ich habe sie berichtigt. Habe ihnen gesagt, dass es falsch ist, die Juden zu hassen. Dass man sie nicht über einen Kamm scheren dürfe. Das waren ja noch Kinder. Sechs-, Siebenjährige und so. Ich meinte zu ihnen, dass nicht die Ju den schuld sind. Die Israelis, die können sie ruhig hassen.“ (RBl 217 f.) Nach den Erfahrungen im palästinensischen Flüchtlingslager ist Daniel mit seiner plötzlich umgeschlagenen Auffassung inzwischen gegen „die Israelis“ zum typischen (Aus-)Träger eines insbesondere deutschen Phänomens 264 Felix Kampel: Peripherer Widerstand geworden, das in der gegenwärtigen Antisemitis musforschung als Ausdruck des bereits im Zusammenhang mit Biller erwähnten „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet wird und bei dem insbesondere Debatten um Israel und den Nahostkonflikt eine zentrale Rolle spielen können. Denn auch „der Nahostkonflikt stellt einen Schauplatz dar, auf den sich diese Bedürfnisse projizieren lassen.“672 Und das zeigt sich am Fall Daniel besonders „in der Übertragung antisemitischer Muster auf den Nahostkonflikt, namentlich in einer exzessiven, mit antisemitischen Stereotypen agierenden Kritik an Israel“.673 Ori und Tal Als notwendiges Kontrast- und Differenzierungsprogramm zu Daniels sekundär-antisemitischer Haltung, dass man nicht „die Juden“, dafür aber „die Israelis“ für die Politik ihres eigenen Landes „ruhig hassen“ könne, ist dringend noch ein Blick auf das israelische Geschwisterpaar Tal und Ori zu werfen. Denn interessanterweise können gerade diese beiden Figuren gemäß ihrer politischen Dispositionen als junge, an einer liberalen und kritischen Demokratie orientierte Israelis beschrieben werden, die einem konservativen Rollback insbe sondere der religiösen Fundamentalisten in Israel durchaus skeptisch gegenüberstehen. So behauptet Ori bereits während der ersten Unterhaltung mit Mascha in einer Bar in Tel Aviv: „In zwanzig Jahren, wenn das hier so weitergeht, ist das hier ein religiöser Staat. […] Die Demokratie ist abgeschafft, in der Schule wird nur noch die Thora gelehrt, Frauen dürfen nicht mehr an den Strand, am Sabbat darf sich niemand weiter als hundert Meter von seinem Haus entfernen und, ach ja, allge meine Kippa-Pflicht.“ (RBl 180) Und über „eine Gruppe orthodoxer Juden“ (RBl 190) bemerkt die politisch noch sehr viel radikaler eingestellte Tal vor einem Restaurant in Jerusalem gegenüber Mascha, ganz im Sinne der religionsskeptischen Position Grjasnowas674: „Ich glorifiziere sie nicht. Ich denke, dass unsere und die palästinensische Kultur sich grundsätzlich unterscheiden. Es gibt keine Frauenrechte in 672 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 75. 673 Ebd. 674 Vgl. März, Ursula: Sie ist auf Alarm. Sie sucht eine Schulter zum Anlehnen. Sie schläft nicht. Sie haut ab. In: Die Zeit. 13.03.2012. 265V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) der arabischen Kultur, und sonst läuft da auch so viel Scheiße ab. Mir geht es um mein Land, aber nicht den Zustand, in dem es sich befindet. Ich möchte in einem freien und demokratischen Staat leben.“ (RBl 190) Auch die Art und Weise, in der Mascha ihre eigene Persönlichkeitsstruktur in derjenigen von der Armeedienstverweigerin Tal gespiegelt sieht, ist einen genaueren Einblick wert: Tal war Aktivistin. Kommunistin. Feministin. Vor allem war sie eines: kompliziert. (RBl 197) […] Sie wurde wegen ideologischer Probleme aus der Armee entlassen und verließ drei Tage später das Land. In Thailand und Vietnam probierte sie alle Drogen durch, tanzte, trank und schlief mit anderen Israelis, die ebenfalls gerade ihren Militärdienst hinter sich hatten. (RBl 198) Eben deshalb findet Grjasnowas Protagonistin in der als attraktiv beschriebenen Israelin zu gleich zerstörerische Züge, die für Mascha tatsächlich eine ausreichende Warnung auch vor sich selbst sein sollten: „In ihrem Gesicht sah ich außerdem etwas, das auch in meinem war, und es war nichts Gutes“. (RBl 187) Denn: „Ihr Aktivismus und ihre Ideologie dienten ihr als Fassade, die niemand durchbrechen sollte“. (RBl 197) Dennoch stellt Mascha nur einen Satz später über Tals gleichzeitige Anziehungskraft fest: Tal war einer der interessantesten Menschen, die ich kannte, nur hatte ich keine Ahnung, wer sie eigentlich war. Sie war Mitglied der Hadash, der Arabisch-israelischen Kommunistischen Partei, und sie war bei Breaking the Silence, und Anarchists Against The Wall. Den Großteil ihrer Zeit verbrachte sie auf Demonstrationen oder bei politischen Meetings. (RBl 197) Gemeinsam besucht Mascha mit der kommunistisch und daher ebenfalls transnational den kenden Außenseiterin Tal Demonstrationen. (Vgl. S. 234) Schließlich wird Mascha nach anfänglichem Zögern sogar ein Liebesverhältnis mit ihr beginnen, das sie für eine gewisse Zeit von Elias’ Tod abzulenken scheint: „Seit Elischas Tod war ihre Hand auf meinem Becken, während wir mit synchronisierten Atemzügen einschliefen, das erste [sic!], was richtig war“. (RBl 242) Als Tal jedoch so weit geht, dass sie Mascha als Dolmetscherin in den Dienst einer poli tischen Aktion einspannen will, wird Mascha skeptisch. Schon einige Zeit vor ihrer späteren Flucht aus dem Haus 266 Felix Kampel: Peripherer Widerstand der Aktivistin, von wo die Aktion starten soll, beginnen Maschas übliche Fluchttendenzen konkrete Gestalt anzunehmen: „Ich schwieg, denn in diesem Augen blick begriff ich, dass Tal mich nicht verlassen würde, sie würde immer wieder zu mir zurückkehren, bis sie mich ausgesaugt hätte.“ (RBl 254) Wie auch immer Daniels Vorstellungen von „den Juden“ oder „den Israelis“, die man für die politische Führung ihres eigenen Landes „ruhig hassen“ könne, also auch sein mögen: Am Beispiel der Figuren Ori und Tal gelingt es Grjasnowa erneut, jede Homogenitätsvorstellung (hier von israelischen) Volkszuschreibungen am individuellen Fall zu kreuzen. Wie in der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland kommt Kritik auch in Israel – der einzigen funktionierenden Demokratie im Nahen Osten – häufig zuerst und oft genug aus den Reihen der eigenen Bevölkerung. Besonders dann, wenn die Kritiker des eigenen Systems wie Tal dem radikalen Flügel der Linken angehören und beispielsweise den hoch angesehenen Armeedienst in Israel offensiv verweigern. 5.3 Mascha Kogans Weltbild – Konflikte und transnationale Perspektiven Diskursverweigerung – eine Küchentischdebatte Am „heißeste[n] Tag des Jahres“ (RBl 10), an dem die Handlung des Romans einsetzt, will Elias zu einem Fußballspiel, nachdem er zuvor vergeblich seine Schoner in der chaotischen Wohnung gesucht hat. Seit dem Vortag herrscht zwischen dem Paar eine gereizte Stimmung: Mascha wollte am Abend Quiche zubereiten, hatte allerdings versehentlich süßen Blätterteig verwendet und dadurch das Abendessen verdorben. Am Frühstückstisch kommt es infolge der angespannten Stimmung zu einem Alltagsstreit, in dem Elias plötzlich, aber willkürlich und aus Gründen der Provokation den Begriff Migrationshintergrund in den Dis kurs wirft: „‚Brauche ich einen Migrationshintergrund, um Fußball zu spielen?‘, fragte er und schaute mir direkt in die Augen.“ (RBl 12) Mascha, das weiß Elias genau, reagiert darauf un mittelbar mit Verärgerung: Immer wenn ich dieses Wort las oder hörte, spürte ich, wie mir die Gallenflüssigkeit hochkam. Schlimmer wurde es lediglich beim Adjektiv postmigrantisch. Vor allem hasste ich die damit zusammenhängenden Diskussionen, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch zwischen mir und Elias. In diesen Gesprächen wurde nie etwas Neues gesagt, aber der Ton war belehrend und vehement. Einer von uns provozierte Wider- 267V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) spruch, dann verstrickten wir uns beide in Behauptungen und Zurechtweisungen. Elias warf mir Verschlossenheit und ich ihm Eindringlichkeit vor[.] (RBl 12) Damit wird der Leser bereits in der Exposition auf den zentralen, im Romanverlauf immer wieder zu verhandelnden Themenkomplex der in Deutschland aufflammenden „Migrationsdebatten“ aufmerksam gemacht. Besonders muss an dieser Stelle darüber hinaus auf das Diskursverhalten von Elias als ei nem Repräsentanten der deutschen Enkelgeneration nach dem Holocaust hingewiesen werden. Bei entsprechenden Themenfeldern wie Holocaust, Judentum, Nationalsozialismus, israelischer Nationalstaat oder Zweiter Weltkrieg zeigen sich in Elias Verhalten nämlich typische Verweigerungsstrategien der dritten Generation. Und zwar die einer „Ver meidung ihrer Thematisierung angesichts des immensen Meinungsdrucks“675, die neben der sekundär antisemitischen Israelkritik Daniels eine weitere Erscheinungsform der gegenwärtig problematischen Vergangenheitsbearbeitung in Deutschland darstellen.676 Denn aus Furcht vor moralischer und informativer Überforderung ergreift eben auch der Mittzwanziger Elias regelmäßig die Flucht vor einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Er steigert sich dabei in den schon für die Kriegsgeneration charakteristischen Arbeitseifer nach dem Holocaust, in einen Drang zur praktischen Tätigkeit ebenso wie in einen Drogenrausch, um die intellektuelle Auseinandersetzung mit ‚jüdischen‘ Themenfeldern möglichst effektiv umgehen zu können: Sami und Cem hatten in meiner Küche die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als im Radio über Israels Siedlungspolitik gesprochen wurde. Elischa hatte sich rausgehalten, Joints gedreht oder ge kocht. Immer mit schnellen und präzisen Bewegungen, um uns deutlich zu machen, dass es sich nicht lohnte, einen Streit anzufangen, denn das Abendessen oder Mittagessen wäre bald fertig. (RBl 127) Heinz und Reiner – zwei schwierige Patienten In den Wochen nach der Fußballverletzung wird Mascha Elias bis zu seinem plötzlich eintretenden Tod pflegen. Anfangs im Krankenhaus, später noch eine Zeit zu Hause in ihrer gemeinsamen Wohnung. Zunächst wird Elias aber am Tag nach seiner Verletzung erfolgreich operiert und muss einige 675 Brähler et al: Die Mitte im Umbruch 2012, S. 74. 676 Vgl. hierzu ebenfalls ausführlicher: Kampel: „Mein Onkel Günther“. 268 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Zeit darauf in einem Krankenhauszimmer verbringen, „in der Mitte […] von zwei weiteren Krankenbetten flankiert“ (RBl 17), in denen als nationale Prototypen Patienten aus der Mitte der deutschen Gegenwartsgesellschaft untergebracht sind, mit denen auch Mascha ihre eigenartigen Erfahrungen zu machen hat: Heinz hatte gedient und Rainer war Schlosser. Heute würden sie einiges anders machen. Nicht viel, natürlich nicht viel. Der linke Bettnachbar räusperte sich und sagte, er müsse mir ein Kompliment machen, ich könne besser Deutsch als alle Russlanddeutschen, die er bisher auf dem Amt getroffen habe, dabei hatte ich noch fast gar nichts gesagt. Heinz fing von seiner Kriegsgefangenschaft an – bis Elias ihn bat, leise zu sein. Dann bat Elias auch mich, leise zu sein. (RBl 18) Wie schon in der Alltagsstreitszene zwischen Elias und Mascha gibt es auch in dieser Passage gewisse Schwierigkeiten. Nicht nur, dass Elias abermals die aufblühende Debatte über die deutsche NS-Vergangenheit innerhalb der diskutierenden Gruppe erfolgreich in einen dogma tischen Abbruch treibt. Darüber hinaus findet sich in dieser Passage auch der Hinweis darauf, dass Rainer in Form eines typischen Alltagsrassismus aus der Mitte der Gesellschaft Mascha bloß deshalb ein plumpes Kompliment über ihre Sprachfähigkeiten attestiert, um gleich darauf ein fremdenfeindliches Ressentiment nachlegen zu können. Denn die tatsächliche Botschaft seiner Aussage lautet, dass eigentlich „alle Russlanddeutschen“ – die Rainer natür lich nicht bei seinen Freizeitkontakten, sondern „auf dem Amt getroffen“ hat – schlechtes Deutsch sprechen. Professor Windmühle Während vor Elias mindestens vier weitere Wochen Krankenhausaufenthalt liegen, wird Ma scha an einem Nachmittag nach ihrem Seminar von Professor Windmühle zu einem Gespräch in dessen Sprechstunde gebeten. Vom tatsächlichen Verlauf der Unterhaltung erfährt der Le ser nichts. Aber in einem vorgeschalteten und gleichsam antizipierenden Gedankenspiel Maschas, das als mentale Vorbereitung auf das anschließende Gespräch mit Professor Wind mühle gedeutet werden kann, nimmt Mascha den Ablauf der Unterhaltung vorweg, wobei sie von ihrem Professor ein alles andere als positives Bild zeichnet: 269V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Ich würde ihm […] nicht sagen, dass Menschen, die ohne fließendes Wasser leben, nicht zwangsläufig ungebildet sind, aber mein Professor war mein Professor und hatte Patenkinder in Afrika und in Indien. Sein Multikulturalismus fand in Kongresshallen, Konferenzgebäuden und teuren Hotels statt. Integra tion war für ihn die Forderung nach weniger Kopftüchern und mehr Haut, die Suche nach einem exklusiven Wein oder einem ungewöhnlichen Reiseziel. (RBl 33) War es beim Zimmernachbarn Rainer noch der vermeintliche Mangel an Bildung und Erfah rung mit Migranten, so ist es jetzt ein sich mit Bildung verdichtender Elitismus, der der Figur Windmühles angelastet wird. Dabei trifft Grjasnowa mit ihrer Darstellung auch hier einen empfindlichen Punkt. Denn: „Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Werte zwischen den Bevölkerungsgruppen zwar schwanken, doch wie auch schon in an deren Studien […] festgestellt wurde, ist keine gesellschaftliche Gruppe ‚immun‘ gegen- über der rechtsextremen Einstellung.“677 Freilich gilt das auch für Professoren, die schon historisch betrachtet keineswegs qua ihrer Stellung vom Vorwurf eines rassistischen Überlegenheits dünkels freigesprochen werden können. Ein Umstand, auf den vielmehr Jean Améry in seinem Essay Jenseits von Schuld und Sühne (1966) anschaulich hingewiesen hat. Handelte es sich bei Hitler doch faktisch um einen Diktator, der „zur Macht durch sein Volk gelangte“, so Améry, ein vom Rektor einer ehrwürdigen Universität bis zu irgendeinem armen Teufel in einem großstädti schen Elendsquartier zustimmendes, ja jubelndes Volk. Denn ja, es jubelte das deutsche Volk[.] […] Ich war dabei und kein noch so geistvoller junger Politologe soll mir seine begrifflich verqueren Geschich ten erzählen, die nehmen sich hochgradig albern aus für jeden, der Augenzeuge war.678 Unfall mit Schnauzbart Ein weiteres signifikantes Beispiel für nationalen Rassismus aus der unmittelbaren Mitte der Gesellschaft liefert Maschas Schilderung eines Auffahrunfalls, den Cem in Frankfurt verse hentlich am Steuer seines Wagens verursacht: „Aus dem Auto vor uns stieg umständlich ein älterer Mann, in einer dunkelblauen Steppjacke. Cem und ich stiegen ebenfalls aus.“ (RBl 154) 677 Brähler et al.: Die Mitte im Umbruch, S. 38. 678 Améry, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. München: dtv 1988, S. 8. 270 Felix Kampel: Peripherer Widerstand Doch obgleich Cem seine Schuld an der Verursachung des Unfalls unmittelbar eingesteht (vgl. RBl 154), geht der zunächst als vollkommen durchschnittliche Biedermann beschriebene Unfallgeschädigte unmittelbar zum Gegenangriff über: „Der Mann stellte sich vor uns auf, die Arme in die Hüften gestemmt. Er hatte schmale Lippen, über denen ein weißer Schnauzbart wuchs, der ein gelbes Gebiss verbarg. Sein Schal war aus Kaschmir und maronenfarben“. (RBl 154) Mit wachsendem Eifer macht der Unfallgeschädigte in der Folge Cem zum Adressaten einer wüsten Aneinanderreihung rassistischer Ressentiments: „Der andere war rot angelaufen: ‚So was. Eine Dreistigkeit. Eine Dreistigkeit ist das. Wie verhältst du dich über haupt auf deutschen Straßen? Du bist hier nur Gast.‘ […] ‚Ich bin hier geboren.‘ ‚Gar nichts bist du. Ein Kanake, das bist du.‘“ (RBl 155) Als Cem aber infolge der ausländerfeindlichen Ausschweifungen einen Schritt auf den Un fallgeschädigten zumacht, verdichtet sich die Szene zu einem spannungsgeladenen Szenario, das in einer Schlägerei zu kulminieren droht. Mascha kündigt an, die Polizei zu alarmieren, woraufhin der unfallgeschädigte Biedermann sich in seinem rassistischen Hochmut nur be stärkt fühlt: „Machen Sie ruhig, machen Sie nur.“ Er feuerte mich an. „Ihr Freundchen hier hat wahrscheinlich gar keine Aufenthaltsgenehmigung. Ist ein Illegaler. Profitiert nur von unserem System. Wie die alle.“ „Eurem Faschosystem, klar‘‘, schrie ich. „Wer alle“, schrie Cem. „Ich bin doch kein Faschist! Das wird ja immer bunter hier.“ „Aber ein Rassist.“ „Rassismus hat damit nichts zu tun! Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt.“ (RBl 155) Für den typischen, latent in der Mitte der deutschen Gesellschaft vorherrschenden Alltagsras sismus ist die Schilderung dieser Szene abermals charakteristisch. Denn: „Insbesondere Ausländerfeindlichkeit ist […] tief in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs verwoben“679, heißt es mit wiederholter Emphase in den „Mitte“-Untersuchungen. „Besonders nachdenklich stimmen die Werte bei den Aussagen zu Ausländern.“680 So glaubten rund 65 % aller Befrag ten zumindest teilweise, dass „die Bundesrepublik […] durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet ist.“681 Und der 679 Ebd. 680 Ebd. 681 Vgl. ebd., S. 30. 271V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) Aussage: „,Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen‘, stimmte ein Drittel zu, ein weiteres Drittel war sich unsicher und nur ein Drittel lehnte diese Aussage ab.“682 Am Ende der entfesselten Ausschweifung gegen ‚Ausländer‘ gipfelt auch diese Szene in dem fremdenfeind lichen Vorwurf, Cem sei „‚ein Illegaler. Profitiert nur von unserem System. Wie die alle.‘“ Typischerweise pocht der Agitator dabei auf das Recht der freien Meinungsäußerung: „‚Rassismus hat damit nichts zu tun! Man wird ja wohl noch sagen dürfen, was man denkt.‘“ Das bedeutet, nach Maschas Beschreibung trifft die Charakterisierung des Biedermanns unmittelbar ins Zentrum des rassistischen Potentials aus der Mitte der deutschen Gegenwart. Denn „von einer toleranten Mehrheitsgesellschaft sind wir noch weit entfernt.“683 6. Fazit Im vorliegenden Kapitel wurde analog zur Interpretation von Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) für die These argumentiert, dass auch Olga Grjasnowa in ihrem Debüt Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) eine ‚transnationale Gegen-Geschichte‘ erzählt. Homi K. Bhabha zufolge bringen diese nationalen Gegengenschichten ständig die wirklichen und begrifflichen Grenzen der Nation zur Sprache und verwischen diese Grenzen durch die Einschreibung heterogener und pluraler Lebensformen. Genau dadurch stören die Autoren mit ihren literarischen Texten die ideologischen Prozesse und Initiativen, durch die die ‚erfunde nen Gemeinschaften‘ der modernen Nationen (vermeintlich) fundamentalexistentielle Identitäten erhalten sollen.684 Wie im Fall von Lena Gorelik und Maxim Biller wurde mit dem Ziel einer ganzheitlichen Betrachtungsweise zunächst ein transnationales Porträt von Olga Grjasnowa entworfen, in dessen Zentrum Aussagen der Autorin standen, mit denen sie kritisch zur Institution der Nation Stellung bezieht. Dabei wurde deutlich, dass Olga Grjasnowa sich von Deutschland künftig einen Transformationsprozess erhofft, der in einem postnationalen Staat seinen finalen Ausdruck findet. Im scharfen Kontrast etwa zum Bestsellerautor Thilo Sarrazin, der 2010 mit Deutschland schafft sich ab den Wunsch an sein 682 Ebd., S. 124. 683 Ebd., S. 28. 684 Vgl. Bhabha: DissemiNation, S. 222. 272 Felix Kampel: Peripherer Widerstand deutsches Publikum adressiert hat, dass Deutsche auch in 100 Jahren noch als Deutsche unter Deutschen leben können sollen, wenn sie dies wollen (Franzosen unter Franzosen, Italiener unter Italienern usw.)685, findet Grjasnowa einen postnationalen Staat deutlich interessanter als folkloristische Heimatpathetik.686 Enormen Zuspruch für diese transnationale Denkrichtung, in die auch ihr Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt in den Feuilletons überwiegend interpretiert wurde, erhielt Olga Grjasnowa dabei zunächst von den deutschsprachigen Kritikern. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Sigrid Löffler Olga Grjasnowa unterstellte, dass die junge Autorin ihre anfangs emanzipierte Heldin am Ende des Romans in eine hilflose Rolle zurückgedrängt habe. Mit Stephan Braeses Interpretationsansatz kam darüber hinaus ein Punkt in die Debatte, demzufolge die strukturelle Bipolarität deutsch-jüdischer Literatur insbesondere in Grjasno was Roman dementiert worden sei.687 Dabei habe Grjasnowa die ‚jüdische Erfahrung‘ von Vertreibung, Exil und Vernichtung im Roman zugleich aber keineswegs preisgegeben, son dern diese Erfahrung vielmehr in ihrem Exklusivitätsanspruch effektiv aufgelöst und zugleich als eine universelle, gleichsam globale Erfahrung literarisch produktiv gemacht.688 In der vorlie genden Untersuchung kann an diesen Punkt unmittelbar in einem größeren Gesamtzu sammenhang angeknüpft werden: Denn durch Braeses These stellt sich zugleich die zentrale Frage, ob nicht die jüdischen Autoren Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa als prominente jüdische Schriftsteller der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust in ihren trans nationalen Arbeiten insgesamt den Exklusivstatus ihrer – nicht unmittelbar gemachten – Opfererfahrung auflösen, um ihn literarisch in einer aufklärenden Schreibbewegung effektiv gegen den Nationalismus zu wenden. Immerhin ist der Nationalismus eine ideologische und zugleich irrationale Doktrin, die bis in die unmittelbare Gegenwart Europas immer wieder zu Gewalt, Polemiken und Ausgrenzungsversuchen von ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheiten innerhalb der einzelnen Länder führt. Und der offensive Protest der vier Auto ren gerade gegen diese Tendenzen des Nationalismus konnte in der vorliegenden Untersu chung bisher bereits an diversen Beispielen veranschaulicht werden. Der Roman selbst wurde in Anlehnung an die vorangestellten Überlegungen schließlich auf drei Ebenen interpretiert, in denen die vier am Bei- 685 Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, S. 391. 686 Baude: Interview mit Olga Grjasnowa. 03.04.2012. 687 Vgl. Braese: Auf dem Rothschild-Boulevard, S. 285. 688 Vgl. ebd., S. 295. 273V. Olga Grjasnowa: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) spiel von Renan entwickelten Homoge nitätskriterien auf unterschiedliche Weise konterkariert werden. Mit Blick auf das Kriterium des einheitlichen Territoriums der Nation konnte zunächst besonders auf der topographischen Interpretationsebene (5.1) gezeigt werden, dass Grjasnowa in Analogie zu Bhabha das trans nationale Flair moderner Metropolen stets als multinationale Hintergrundkulisse nutzt, um am Beispiel von Frankfurt, Tel Aviv und Jerusalem zu zeigen, wie absurd die Vorstellung einer ethnisch homogenen Bevölkerung an diesen Orten in Zeiten zunehmender Mobilität heute ist. Die schon seit ihren Anfängen irrige Vorstellung, es gebe im 21. Jahrhundert noch eine ethnisch homogene Rasse, die etwa mit den Grenzen eines modernen Nationalstaats zusam menfalle, wurde im Roman überdies durch die Tatsache gekreuzt, dass in Grjasnowas Figuren eine multikulturelle Realität Deutschlands zum Ausdruck kommt, in der namentlich die Hauptakteure Mascha, Cem und Sami zwar in Deutschland ihre Universitätsabschlüsse als hohe gesellschaftliche Auszeichnung erworben haben. Ihre Familien aber kamen – wenn überhaupt – frühestens eine Genration zuvor ins Land. Das konnte besonders auf der zweiten Interpretationsebene, der Figurenanalyse (5.2), gezeigt werden, die hier einen differenzierten Einblick in die Biographien und Rollen der zentralen Figuren des Romans ermöglichte. Die Tatsache, dass Cem und Mascha zudem in Dolmetscherpositionen arbeiten, die Tatsache, dass Mascha sieben Sprachen beherrscht – die sie sich im Verlauf ihrer Biographie als kulturelle Techniken angeeignet hat –, veranschaulicht darüber hinaus einmal mehr den von Hobsbawm herausgearbeiteten Aspekt, dass Sprachen das Gegenteil dessen sind, wofür die nationalistische Mythologie sie ausgibt: Archaische Fundamente einer Nationalkultur sowie der Nährboden des nationalen Denkens und Fühlens.689 Mit mehr oder weniger Talent ist die Sprache eines Landes immer nachträglich erlernbar. Das verdeutlicht nicht nur Grjasnowas Debütroman am konkreten Beispiel Maschas, sondern auch die Autorin selbst als beeindru ckendes Modell einer talentierten Schriftstellerin mit Migrationshintergrund, die Deutsch kei neswegs als Muttersprache gelernt hat. Zuletzt wird im Roman die Vorstellung einer homogenen Religion, die als einheitliches Band die einzelnen Individuen einer Nation zu ausschließlichen Mitgliedern einer nationalen Gemeinschaft verbinden soll, ebenfalls auf eindrückliche Weise gekreuzt. Denn einmal abge sehen von dem Umstand, dass sich die einzelnen Figuren des Romans als (postaufklärerische) Individuen bestenfalls in marginaler Hinsicht von religiösen Vorschrif- 689 Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 68. ten zur Gestaltung ihres Alltags leiten lassen, spricht die Tatsache für sich, dass im christlich geprägten Deutschland Mascha als Jüdin mit Sami und Cem befreundet ist, die in den Genealogien ihrer Familien beide auf muslimische Vorfahren zurückblicken. Die dritte Ebene der Interpretation (5.3) diente ferner noch einmal zur Veranschaulichung der These, dass Grjasnowas Roman ein Ensemble aus jüdischen und muslimischen Migranten als zentralen Figuren präsentiert, die sich gegenwärtig im Nationalstaat Deutschland gegen über einer christlichen Mehrheitsgesellschaft behaupten müssen. So konnten die konkreten Beispiele alltäglicher Konfliktsituationen verdeutlichen, dass und vor allem wie tief der Nationalismus und ein aus ihm resultierendes Überlegenheitsgefühl im Alltag etwa bei Zim mernachbarn im Krankenhaus, Professoren oder biederen Unfallgeschädigten in modernen, sich als liberal gebärdenden Staaten des Westens verhaftet sein kann. Insgesamt konnte damit im vorliegenden Kapitel V erstens gezeigt werden, dass Olga Grjasnowa 2012 mit ihrem Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt auch nach der WM 2006 eine ‚Gegengeschichte‘ zum neuen Patriotismus mit hohem Aufklärungspotential über nationalistische Ausdruckformen im alltäglichen Leben erzählt. Zweitens präsentiert die vorgeschlagene Lesart von Grjasnowas Debütroman – nach Gorelik und Biller – damit bereits ein drittes Mal am literarischen Beispiel, dass jüdische Autoren gemäß Nietzsches und Diners Beobachtung tatsächlich eine hohe Affinität und Sensibilität erkennen lassen, wenn es darum geht, die irrationalen Denkmuster der nationalen Ideologie als Aufklärer im 21. Jahrhundert effektiv zu überwinden.

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References

Zusammenfassung

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren.

Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier „jüdischen“ Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.