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2 Prolog in:

Jovan Zdjelar

Trade & Labour, page 49 - 148

Die Hypothek des Freihandels?

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3884-0, ISBN online: 978-3-8288-6623-2, https://doi.org/10.5771/9783828866232-49

Tectum, Baden-Baden
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49 PROLOG 2 Prolog Im Alltag sind Begriffe wie „Arbeit“ geläufig und ihre Definition vermeintlich simpel. Jedoch ist dies bei einer genaueren Betrachtung der Definition „Arbeit“ nicht mehr ganz so eindeutig. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer spüren die neue Form der Arbeitswelt, in diesem Kontext, die Folgen der Globalisierung am ehesten. Die signifikanten Umwälzungen der Definition „Arbeit“ sind Gegenstand dieses Kapitels, der Begriff ist stark verknüpft mit der Individualisierung und Globalisierung des Arbeitsmarktes. Dieses Kapitel hinterfragt die Entwicklung der Erwerbsarbeit aus der historischen Perspektive. Dadurch werden die vielfachen Veränderungen des Verständnisses der „Arbeit“ im Verlauf unterschiedlicher Epochen dargestellt. Es wird die Ambivalenz der subjektiven Wahrnehmung der „Arbeit“ resp. der Entwicklung der „Erwerbsarbeit“ aufgezeigt. Es existieren unterschiedliche Betrachtungsweisen der „Arbeit“, eine theoretische, eine ideologische sowie die real praktizierte Form der Arbeit.140 Die Arbeit nimmt eine signifikante Position im Leben von Individuen ein, durch die progressive Globalisierung wird es immer schwieriger dieses Verhältnis im nationalen Korsett zwischen Bürgerin/Bürger und der Arbeit zu beleuchten. In diesem Abschnitt wird die Komplexität der Reziprozität zwischen Trade & Labor verdeutlicht. Dieses Kapitel hinterfragt die Relevanz der Arbeit für das Individuum. Nur mit diesem Verständnis lassen sich die Bemühungen nachvollziehen, die es notwendig machen, Trade & Labour im globalen Ansatz zu verwirklichen. 140 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 151. 50 ZDJELAR 2.1 Ideologische und definitorische Grundlage des Terminus „Arbeit“ Individuen sehen in der Erwerbsarbeit eine Notwendigkeit oder verspüren eine starke Identifikation mit der ausgeübten Tätigkeit und werden dadurch in ihrem Wesen geprägt. Es existieren unterschiedliche wissenschaftliche Definitionen zum Terminus „Arbeit“. Den Anfang macht die politische Dimension. Lohnarbeit ist eine spezifisch menschliche Tätigkeit, die sowohl körperliche als auch geistige Anstrengungen benötigt.141 Die Erwerbsarbeit hat einen soziokulturellen sowie einen technisch-kulturell geprägten Hintergrund.142 „Arbeit ist insofern ein gestaltender, schöpferischer produzierender und sozialer, zwischen Individuen vermittelnder Akt. Arbeit ist von zentraler Bedeutung für die Verteilung individueller Lebenschancen, das Selbstwertgefühl und die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft.“143 In der Ökonomie definiert die Lohn- resp. Erwerbsarbeit im allgemeinen Sinn, die Tätigkeit einer Person, die auf ein ökonomisches Ziel ausgerichtet ist.144 Aus der Perspektive der Betriebswirtschaftslehre heraus ist die Erwerbsarbeit neben den beiden anderen Hauptfaktoren: Betriebsmittel und Werkstoffe, ein Produktionsfaktor.145 Die Volkswirtschaftslehre definiert die Erwerbsarbeit als Produktionsfaktor, neben Boden und Kapital.146 Der Staat resp. das Finanzamt unterscheidet zwischen selbstständiger Tätigkeit, eigenverantwortlich, auf Rechnung und nicht selbstständiger Tätigkeit, unter Anweisung und Aufsicht, die Bezahlung erfolgt durch Dritte. Man unterscheidet zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit, letzteres wird „traditionell“ dem weiblichen Geschlecht zugewiesen. 141 Vgl.: Schubert, Klaus/Martina Klein in: Das Politiklexikon. 5 aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2011, S. 20. 142 Vgl. :Ebd. 143 Vgl. :Ebd. 144 Vgl.: Mühlbradt, Frank W. in: Wirtschaftslexikon, Daten, Fakten und Zusammenhänge, 7. Aktul. Aufl. Cornelsen Verlag Scriptor GmbH & Co KG Berlin 1989, S. 30. 145 Vgl. :Ebd. 146 Vgl. :Ebd. 51 PROLOG „Die Reproduktionsarbeit wird ausschließlich oder parallel zur Erwerbsarbeit als Haus-, Familien-, Erziehungs- und Pflegearbeit unentgeltlich ausgeübt.“147 Das am häufigsten verbreitete Arbeitsmodell in Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ist das „Normalarbeitsverhältnis“. Dieses besteht in der Regel aus einem 8 Stunden Arbeitstag und einer 5 Tage Woche. Dieses Arbeitsverhältnis wird als sozialpflichtige Vollzeitstelle deklariert. Es existiert neben dieser allgemein anerkannten Deklaration, auch andere Formen der Beschäftigung, wie zum Beispiel die Teilzeitbeschäftigung (in der Regel 20 Stunden in der Woche, kann aber auch variieren) oder die geringfügig Beschäftigten die keiner sozialpflichtigen Arbeit nachgehen (Mini- Job 450 €).148 Dieser Abriss beweist die mannigfachen Veränderungsprozesse des Verständnisses und der Struktur der Arbeit. Es existiert stets eine theoretische und ideologische Sichtweise und daneben eine real praktizierte Form.149 Die Erwerbsarbeit stellt heute eine „Schlüsselposition“ zwischen dem Individuum (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) und der Gesellschaft dar. „Richtet man den Fokus auf die Globalisierung der Arbeit, so zeigt sich zunächst, dass nationale Gestaltungsmonopole aufgebrochen werden und eine aktive Gestaltung der Globalisierung bis zur Ebene des Individuums notwendig machen.“150 Die progressive Globalisierung kann von den einzelnen Akteuren also nur im positiven Sinne genutzt werden, wenn die neugeschaffenen Optionen nicht nur auf der ökonomischen Ebene genutzt werden. 147 Vgl. :Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 5 aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2011, S. 20. 148 Vgl.: Diese Beispiele verdeutlichen die Arbeitsverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland, im Jahr 2016. 149 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 151. 150 Vgl.: Ebd. 52 ZDJELAR „Die zunehmende Unmöglichkeit der ideologischen Begrenzung auf den nationalen Raum geht mit der zunehmenden Notwendigkeit der Kooperation auf allen Ebenen einher.“151 Die weltweite gegenseitige Beeinflussung und vor allem die ökonomische Abhängigkeit der Nationen untereinander, führen zur Homogenisierung auf dem Arbeitsmarkt. Die Folge davon sind unsichere Beschäftigungsverhältnisse. 152 Aus Abbildung 2 geht hervor, dass mehr Frauen als Männer in so genannten unsicheren Beschäftigungsverhältnissen einer Erwerbsarbeit nachgehen. Dies könnte unteranderem das Resultat, des Frauenbildes in Deutschland sein.153 „In Deutschland - West finden wir noch in großen Teilen ein konservatives Frauen- und Familienbild vor, dass Männer in der Ernährer rolle sieht und Frauen die „Zuverdiener“ rolle zuweist. Auch wenn sich in den letzten Jahren eine Menge geändert hat – vor allem junge Frauen wollen beides: berufliche Karriere und Familie - machen es die fehlenden Kinderbetreuungsangebote oft nicht möglich. Es fehlen vor allem Angebote für Kleinkinder und Ganztagsangebote. Diese Unterschiede wirken sich natürlich auf die Erwerbssituation von Frauen aus.“154 151 Vgl.: Ebd. 152 Vgl.: Friedrich-Ebert-Stiftung in: Gesprächskreis Migration und Integra tion, Ulrich Brinkmann, Klaus Dörre, Silke Röbenack (FSU Jena) gemeinsam mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel (FIAB Recklinghausen) Prekäre Arbeit Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnis Herausgegeben vom Wirtschafts- und sozialpolitischen Forschungs- und Beratungszentrum der Friedrich-Ebert- Stiftung Abteilung Arbeit und Sozialpolitik. Das Gutachten wird von der Abteilung Arbeit und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht. Die Ausführungen und Schlussfolgerungen sind von den Autoren in eigener wissenschaftlicher Verantwortung vorgenommen worden Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung, Wirtschafts- und sozialpolitisches Forschungsund Beratungszentrum Abteilung Arbeit und Sozialpolitik, D-53170 Bonn, 2009. 153 Vgl.: Friedrich Ebert Stiftung in: Neoliberalismus und Frauenpolitik – Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen Situation in Deutschland Christine Bergmann, Bundesministerin a.D., Mitglied des FES – Vorstandes; http://library. fes.de/pdf-files/bueros/seoul/06967.pdf, (11.01.2015) 154 Vgl.: Ebd. S. 3 53 PROLOG 2. Abbildung: WSI Gender Daten Portal155 Die Abbildung 3 unterteilt, welche Personengruppen den Sozialversicherungsträgern gemeldet wurden. Führend in dieser Tabelle sind Personen ohne besondere Merkmale, dies sind reguläre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Jedoch steigt die Zahl derer, die einen so genannten Minijob (450 €) nachgehen, signifikant an. Im Jahr 2013 waren dies bereits 7.716.104 Personen. Die zwar einer Erwerbsarbeit nachgehen, jedoch keinen Beitrag zur Sozialversicherung leisten. Die Problematik aus dieser Form der Beschäftigung resultiert daraus, dass der Sozialstaat sich aus Beitragszahlern finanziert, die in einem Normalarbeitsverhältnis (Vollzeitarbeit) beschäftigt sind.156 155 Vgl.: WSI Gender Portal: http://www.boeckler.de/43333.htm (11.01.2015). 156 Vgl.: Mehr zu diesem Thema: Zdjelar, Jovan in: Ein Minimum für jeden? Investivlohn, Kombilohn, Mindestlohn. Lohnkonzepte für die Arbeitswelt von Morgen. Tectum Verlag Marburg 2010. 54 ZDJELAR 3. Abbildung: Personengruppen in der revidierten Statistik über sozialversicherungspflichtige Beschäftigte157 157 Vgl.: http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Grundlagen/Methoden berichte/Beschaeftigungsstatistik/Generische-Publikationen/Methodenbe richt-Beschaeftigungsstatistik-Revision-2014.pdf, S. 12, (11.01.2015). 55 PROLOG 4. Abbildung: Personengruppen in der revidierten Statistik über geringfügig Beschäftigte158 Die fortschreitende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch unterschiedliche Instrumente, wie Teilzeitarbeit oder Minijobs, führt unweigerlich dazu, dass Auffangmechanismen nicht gänzlich, aber zu einem gewissen Prozentsatz aufgegeben werden müssen. Dies ist der Preis für den angelsächsischen Kapitalismus, der heutigen Zeit. „Im Zuge dessen zeigt sich nur, dass die zunehmende Flexibilisierung vielfach auch positiv genutzt werden kann und wird, sondern dass damit auch nicht unweigerlich alle Auffangmechanismen aufgegeben werden müssen.“159 Primär erscheint es relevant, die Reziprozität der verschiedenen Ebenen der Gesellschaft resp. des Arbeitsmarktes und ihre Einflussnahme auf das Individuum, verstärkt in den Fokus zu rücken. Die augenscheinliche Trennung von Gesellschaft und der Ökonomie, führt dazu, dass verschiedene Geldinstitute weltweit, ein System entwickelt haben, dass sich komplett abgekoppelt hat von dem herkömmlichen Konzept des Finanzmarktes, welches notwendig ist, um einen funktionierenden Kapitalismus zu gewährleisten. Kaltenbach definiert über die progressive Globalisierung der Wirtschaft, den nationalen und den internationalen Arbeitsmarkt, er geht in seiner Theorie von einer „Weltarbeitsgesellschaft“ aus.160 Durch eine größere Eigenverantwortung und das Ablegen 158 Vgl.: http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Grundlagen/Metho den-berichte/Beschaeftigungsstatistik/Generische-Publikationen/Methodenbe richt-Beschaeftigungsstatistik-Revision-2014.pdf, S. 15, (11.01.2015) 159 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 152. 160 Vgl.: Ebd. 56 ZDJELAR der eigenen Passivität, konstatiert Kaltenbach, dass die weltweit geteilten Ängste, die die Globalisierung mit sich bringt, zu überwinden sind. Kaltenbach sieht in neuen netzförmigen Organisationsstrukturen Ansätze, die belegen könnten, dass die Transformation der Ökonomie von einer konfrontativen, hin zu einer solidaritätsorientieren Wirtschaft, zu realisieren sei.161 Es sind in der Regel Begriffe die den meisten von uns im ersten Augenblick ganz klar definiert erscheinen, wie zum Beispiel der Terminus „Arbeit“. Wie bereits geschildert, bestehen ein theoretischer Aspekt, ein ideologischer, wie auch in der Praxis durch das alltägliche Leben definierter Aspekt des Begriffs „Arbeit“.162 „Richtet sich eine Handlung auf die Außenwelt, definiert die Philosophie sie als Arbeit: Arbeit ist gekonntes, kontinuierliches, geordnetes, anstrengendes, nützliches Handeln, das auf ein Ziel gerichtet ist welches jenseits des Vollzuges der Arbeitshandlung liegt.“163 Die Erwerbsarbeit definiert sich aus dieser Perspektive heraus als allgemeine Handlung des Individuums mit der natürlichen Auseinandersetzung seines soziokulturellen Umfeldes. Laut Jürgen Kocka, lässt sich eine Eingrenzung auf marktbezogene Arbeit bei allen über die Jahrhunderte unterschiedlichen Abgrenzungen der Begrifflichkeit „Arbeit“, nicht finden.164 Rekapitulierend betrachtet war die Arbeit im Mittelalter, reine Notwendigkeit. Wenn man ausgesorgt hatte, alles erledigt war, wurde nicht gearbeitet.165 Im Zuge des Protestantismus, der nachweislich eine Reformation des Glaubens und der Gesellschaft hervorbrachte, wurde die Arbeit zur notwendigen Pflicht erklärt. Man stilisierte die Arbeit als „Quelle des Glücks“.166 Im Zuge des Protestantismus wurde die 161 Vgl.: Ebd. 162 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 153. 163 Vgl.: Meyer, Ursula I. in: Der Philosophische Blick auf die Arbeit, Fachverlag, Aachen 2003, S. 18. 164 Vgl.: Kocka, Jürgen, Hoffe, Claus (Hrsg.) in: Arbeit früher, heute, morgen: Zur Neuartigkeit der Gegenwart, Campus Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 491. 165 Vgl.: Meyer, Ursula I. in: Der Philosophische Blick auf die Arbeit, Fachverlag, Aachen 2003, S. 120. 166 Vgl.: Ebd. S. 122. 57 PROLOG Arbeit auf den besitzenden Stand erweitert. In der frühen Neuzeit wurde die Arbeit durch Flexibilität, einer hohen Mobilität und einer signifikanten Fluktuation zwischen selbstständiger und unselbstständiger Arbeit geprägt.167 Diese Entwicklung begünstigte die neue Definition und Bedeutung der Arbeit in der Gesellschaft. „Der besitzlose, der unter einer ständigen Hungerdrohung oder im Zwang des Zuchthauses für andere arbeitet, wird zu arbeiten aufhören, wenn die Bedrohung durch äußere Gewalt aufhört, zum Unterschied von dem begüterten Kaufmann, der für sich selbst weiter und weiter arbeitet, obgleich er vielleicht auch ohne diese Arbeit zum Leben genug hat, den nicht schlechthin die Not, sondern der Druck des Konkurrenz- , des Macht- und des Prestigekampfes im Geschäft hält, weil sein Beruf, sein gehobener Standard Sinn und Legitimierung seines Lebens darstellt, und dem schließlich dieser beständige Selbstzwang die Arbeit so zur Gewohnheit macht, dass sein Seelenhaushalt, etwas von seinem Gleichgewicht verliert, wenn er nicht mehr arbeiten kann.“168 Primär verändern sich die Motivation und die Bewertung der Arbeit, im Vergleich zur vorindustriellen Gesellschaft, vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist dies durch die voranschreitende Arbeitsteilung signifikant spürbar. Der Begriff „Arbeit“ befindet sich im Wandel zu einem zentralen Begriff der modernen Welt.169 Zwischen dem 16. Bis 19. Jahrhundert steht der Begriff „Arbeit“ im religiösen Kontext. Der die Entlohnung zum Teil erst nach dem Tod, im „Paradies“, vorsieht. „Mit dem neuzeitlichen Berufsbegriff macht der Mensch aus der Bestimmung zur Arbeit eine Selbstbestimmung. Die Selbstbestimmung vollzieht sich auf vier Ebenen. Mit einem Beruf erwerbe ich aus der Natur das mir notwendige, bestätige ich mich selbst in meiner Freiheit, beziehe ich mei- 167 Vgl.: Elwert, Georg , Bierwisch, Manfred (Hrsg.) in: Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen, Akademie Verlag Berlin 2003, S.m 158. 168 Vgl.: Elias, Norbert (199), S. 353 f. 169 Vgl.: Conrad, Sebastian; Macamo, Elisio; Zimmermann, Benedicte (2000). Die Kodifizierung der Arbeit: Individuum, Gesellschaft, Nation. In: Kocka, Jürgen, Offe, Claus (Hrsg.); Geschichte und Zukunft der Arbeit (s. 449–475). Campus Verlag Frankfurt am Main. S. 451. In Kaltenbach, Dominic (2009). S. 156. 58 ZDJELAR nen Stand in der Gesellschaft, um bei den Mitmenschen Anerkennung zu erlangen, und kann ich Gott für mein Heil bestimmen.“170 Bereits zur damaligen Epoche, befand das Individuum, dass diese Anstrengungen nicht im Widerspruch zur Selbstverwirklichung stehen.171 Dadurch finden sich in der frühen Neuzeit Hinweise, die darauf schlie- ßen lassen, dass bei der Arbeitsgestaltung ähnliche Muster existent waren, die in der heutigen Moderne, fälschlicherweise als „neu“ definiert werden.172 Zum Problem für das Individuum, wird die Selbstdefinierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Identifikation und Selbstbestimmung lediglich über den Ansatz „Arbeit“ erfolgte. Der Aufstieg der Arbeit zum zentralen Punkt des Individuums in der modernen Industriegesellschaft erfolgte nicht linear und war nicht durch die permanente Aufwertung der Arbeit vollzogen worden. Jürgen Moltmann geht von einer Erfindung der Arbeit in ihrer modernen kodifizierten Form gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus.173 Mit der zunehmenden Kodifizierung der Arbeit, kommt es gegen Ende des 19. Jahrhunderts ebenso zu einer Kategorisierung der Arbeit.174 Bezogen auf den Wandel, wurde die Arbeit ein signifikanter Bestandteil der Identität, des Individuums. Verschiedene Akteure gingen so weit, ganze Völker oder Nationen anhand ihrer Arbeitsauffassung zu kategorisieren.175 170 Vgl.: Baruzi, Arno in: Recht auf Arbeit? Sieben philosophische-politische Thesen. Alber Freiburg/München 1983, S. 53 f. 171 Vgl.: Böhle, Fritz; Kratzer Nick (2002). Ehrenamt als Arbeit. Eine Betrachtung ehrenamtlicher Tätigkeit aus arbeitssoziologischer Sicht . In Kistler, Ernst; Noll, Heinz-Herbert; Priller, Eckhard (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrungen, Messkonzepte (s. 275–290): Berlin: Edition sigma. S. 279. 172 Vgl.: Gutschner, Peter (2002). S. 144. In Klatenbach, Dominic (2009), S. 157. 173 Vgl.: Moltmann, Jürgen (Hrsg.): Recht auf Arbeit. Sinn der Arbeit. Herausgegeben von Jürgen Moltmann. München, Kaiser 1979, S. 78. 174 Vgl.: Conrad, Sebastian; Macamo, Elisio; Zimmermann, Benedicte (2000). Die Kodifizierung der Arbeit: Individuum, Gesellschaft, Nation. In: Kocka, Jürgen, Offe, Claus (Hrsg.); Geschichte und Zukunft der Arbeit (S. 362–382). Campus Verlag Frankfurt am Main. S. 363. In Kaltenbach, Dominic (2009). S. 157. 175 Vgl.: Othman, Norani in: Auffassung, Wahrnehmung und Kultur der Arbeit in der malaiischen Gesellschaft” in Jürgen Kocka and Claus Offe (eds.) Geschichte und Zukunft der Arbeit”: Campus Verlag: Frankfurt [“Concept and Notions of Work and Work Culture in Malaysia”, a chapter contribution translated into German by the Campus Publisher, Frankfurt 2000, S. 148–162. 59 PROLOG „Nahezu jede Gesellschaft, die einmal arm gewesen ist, wurde so lange als faul und arbeitsscheu gebrandmarkt, bis sie reich wurde; ihr neuer Wohlstand erklärte sich dann aus ihrem Fleiß.“176 Der progressive Wandel der Gesellschaft wurde signifikant durch die Erwerbsarbeit geprägt. Das Individuum folglich, definierte sich nun über den Besitz. Durch den Besitz und den neu erworbenen Status in der Gesellschaft, entstanden neue Segmente in der Bevölkerung. „Mit dem Aufstieg berufsbürgerlicher Schichten im 19. Jahrhundert zur Oberschicht begannen Gelderwerb und Beruf die primären Angriffsflächen der gesellschaftlichen Zwänge zu werden, die den einzelnen modellierten.“177 Durch diese neugeschaffenen Zwänge wird das Individuum dazu verpflichtet sich immer wieder neu anzupassen, flexibel zu agieren und eine generelle Verfügbarkeit zu gewährleisten. Denn, falls einer dieser genannten Faktoren nicht mehr gewährleistet werden kann, droht dem Individuum der Verlust der Arbeit, damit einher, geht auch der Verlust der Anerkennung in der Gesellschaft.178 Durch die latente Bedrohung überflüssig und nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrierbar zu sein, trat anstatt der Mühsal und der Last der Arbeit, jetzt die permanente Anpassung an die Gegebenheiten in den Vordergrund.179 Das Individuum fängt an sich selbst und seine Umwelt als Mangel zu sehen, durch die Arbeit jedoch verschafft es sich physiologische und psychosoziale Befriedigung.180 176 Vgl.: Sachs, Jeffrey D. in: Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt. Siedler München 2005, S. 382. 177 Vgl.: Elias Norbert (199), S. 427. 178 Vgl.: Die Auswirkungen und Folgen durch den Verlust der Arbeit, für das Individuum, werde ich in einem späteren Kapitel näher erläutern. 179 Vgl.: Bierwisch, Manfred (Hrsg.) in: Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen. Akademie-Verlag, Berlin 2003, S. 16. 180 Vgl.: Daheim, H.; Schönbauer Günther; in: Soziologie der Arbeitsgesellschaft: Grundzüge und Wandlungstendenzen der Erwerbsarbeit; Grundlagentexte Soziologie, Weinheim [u.a.]: Juventa 1993, S. 9. 60 ZDJELAR „Damit ist Praxis nicht Leben, sondern Arbeit, anders formuliert, ist das Leben zur Arbeit geworden.“181 Wenn jedoch kein erarbeiteter Besitz mehr ausreicht, da ständig neue Märkte und dadurch neue Bedürfnisse geschaffen werden, dann wird der Erwerb, ihrer Selbstwillen vollzogen, und nicht mehr aus der Notwendigkeit heraus. „Der Mensch bringt Werke hervor und in ihnen schließlich nur noch das Hervorbringen selbst.“182 Vor dem Hintergrund, dass die Arbeit zum Lebensinhalt geworden ist und nicht mehr aus einer Notwendigkeit heraus erledigt wird, stellt sich für das Individuum die Frage: Wie viel ist es bereit zu investieren? „Je mehr Mittel für das Leben und die Freiheit wir herstellen und so erwerben und besitzen, umso mehr scheinen wir lebendig und frei zu sein und damit den Besitz von Leben, Freiheit und Vermögen zu demonstrieren.“183 Die positive Deklaration der Arbeit, wurde durch die Mönchsregeln in Europa forciert, die christliche Lehre hat sich darauf besinnt, sich gegen die Sklaverei und das damit verbundene Stigma der Unfreiheit auszusprechen, welches ihr seit der Antike anhaftete.184 Man muss darauf hinweisen, dass auch in anderen Religionen und Kulturen, Menschen versklavt und zur Arbeit gezwungen wurden. „Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, das so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.“185 181 Vgl.: Baruzi, Arno in: Recht auf Arbeit? Sieben philosophische-politische Thesen. Alber Freiburg/München 1983, S. 8. 182 Vgl.: Ebd. S, 11. 183 Vgl.: Ebd. S, 21. 184 Vgl.: Kocka, Jürgen in: Arbeit als Problem der europäischen Geschicht. In Bierwisch, Manfred (Hrsg.), Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen, S. 77–92, Akademie Verlag, Berlin 2003, S. 80 185 Vgl.: Onlineportal: Jesus-is-lord.com, 2. Brief von Paulus an die Tessalonicher, http://www.jesus-is-lord.com/germ2the.htm(Stand: 15.01.09). 61 PROLOG Die Benediktiner sahen im Müßiggang und dem Nichtstun eine Gefahr für die Seele.186 Jedoch waren in der Antike die Muße und die Freiheit von allem Notwendigen, dass Ziel der Arbeit. „Arbeit hieß, Sklave der Notwendigkeit zu sein.“187 „Muße“ ist der zentrale Begriff der Definition von Arbeit, bei Aristoteles. In der Antike war die „Muße“ nicht als „Nichtstun“ definiert, sondern als Zustand der Aktivität und der Konzentration.188 Im Verlauf der Zeit, explizit im 14. und 15 Jahrhundert wurde der Müßiggang mit Armut und Unsittlichkeit assoziiert worden, vor allem der Calvinismus trug dazu bei.189 Der Islam weist gegenüber dem christlichen Glauben einen signifikanten Unterschied auf. Nach muslimischen Glauben verfügt das Individuum über keine freie und autonome Schöpferkraft, weil diese es sonst in Konkurrenz zu Gott stellen würde.190 Im Islam verlangt Gott von niemand mehr, als er zu leisten vermag. Die Gefährdung der von Gott geschenkten Körperkraft wird sogar missbilligt, weil durch derart unnötige Erschöpfung der Gläubige nicht mehr in der Lage ist, die vom Gesetzesislam auferlegten Pflichten, nachhaltig und angemessen zu erfüllen.191 „Der christliche, und damit auch explizit der protestantische Hintergrund dürfte damit eher im Vergleich zum islamischen den Bedeutungswandel hin zur Arbeitsgesellschaft begünstigt haben.“192 186 Vgl.: Oexle, Otto Gerhard in: Arbeit, Armut, Stand im Mittelalter. In: Jürgen Kocka – Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/ New York 2000, S. 67–79 187 Vgl.: Moltmann, Jürgen in: Recht auf Arbeit. Sinn der Arbeit. (Hrsg.) Jürgen Moltmann, Kaiser München 1979, S. 62. 188 Vgl.: Meyer, Ursula I. in: Der Philosophische Blick auf die Arbeit, Fachverlag, Aachen 2003, S. 108. 189 Vgl.: Kocka, Jürgen (2003), S. 81; Liesmann, Konrad Paul (2000). Im Schwei- ße deines Angesichts. Zum Begriff der Arbeit in dem anthropologischen Konzepten der Moderne. In Beck, Ulrich (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie S. 85–107, Suhrkamp Frankfurt am Main, S. 85. 190 Vgl.: Haarmann, Ulrich in: Arbeit im Islam 2003. In Bierwisch, Manfred (Hrsg.) in: Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen. Akademie-Verlag, Berlin 2003, S. 137 – 151. 191 Vgl.: Ebd. 192 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 163. 62 ZDJELAR Wenn man diesen Wandel näher beleuchtet, verdichten sich die Hinweise, dass alle gesellschaftlichen Interaktionen im Prinzip Arbeitsverhältnisse sind.193 Diese These steht im Widerspruch zu dem, was in der Praxis als „Arbeit“ definiert wird. „Arbeit als Arbeitsverhältnis, das Rechte und Pflichten festlegt, dass Arbeitsplatzbesitzer schafft, ist eine alles andere als selbstverständliche Form der gesellschaftlichen Beziehungen. Durch sie wird eine positive Wertung mit der Arbeit verbunden, ungeachtet der Mühe, die am Arbeitsplatz gegebenenfalls zu verausgaben ist.“194 Die Orientierung des Individuums und der daraus resultierende Status in der Gesellschaft, ist eine Errungenschaft der Moderne. Eine Transformation der Definition „Arbeit“, hin zur Erwerbsarbeit, fand erst im 19. und 20. Jahrhundert statt. „Erwerbsarbeit meint Arbeit, die zur Herstellung von Gütern oder Erbringung von Leistungen zum Zweck des Tausches auf dem Markt dient, mit der man ein Einkommen erzielt, von der man lebt, durch die man verdient: sei es in abhängiger oder selbstständiger Stellung oder in einer der vielen Zwischenstufen, sei es mit manueller oder nichtmanueller, mit mehr oder weniger qualifizierter Tätigkeit.“195 Mit dieser signifikanten neuen Definition des Arbeitsbegriffs, wurde diese zur Erwerbsarbeit und damit zu einer tragenden Säule in der heutigen Gesellschaft.196 Daraus manifestieren sich Hinweise, dass die Gesellschaft nur noch „Arbeiter“ benötigt, das Individuum definiert sich über die ausgeübte Tätigkeit. Jeder einzelne muss einen Nutzen nachweisen, alles was das Individuum erarbeitet, muss der Gesellschaft als nützlich erscheinen. 193 Vgl.: Baruzi, Arno in: Recht auf Arbeit? Sieben philosophische-politische Thesen. Alber Freiburg/München 1983, S. 55. 194 Vgl.: Bierwisch, Manfred (Hrsg.) in: Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen. Akademie-Verlag, Berlin 2003, S. 14. 195 Vgl.: Kocka, Jürgen, Hoffe, Claus (Hrsg.) in: Arbeit früher, heute, morgen: Zur Neuartigkeit der Gegenwart, Campus Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 481. 196 Vgl.: Offe, Claus in: Arbeitsgesellschaft. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven, Campus Verlag GmbH 1989. 63 PROLOG „In einer sich in Arbeit organisierenden und für Arbeit lebenden Gesellschaft muss gewissermaßen jede Tätigkeit, wenn sie innerhalb der Gesellschaft bestehen will, zum Beruf werden.“197 Die Reform der Arbeit, zur Erwerbsarbeit, förderte nicht nur die Arbeitsteilung, damit einhergingen auch spezifische Qualifikationen, die vom Individuum erlernt werden mussten. Es entstanden zahlreiche neue „Berufe“. Diese Form der Fokussierung und die starke Identifikation mit den erlernten Beruf, finden sich in dieser ausgeprägten Form, besonders in Deutschland wieder.198 Ullrich Fichtner schreibt in einem Artikel der in der Zeitschrift „Spiegel“ erschienen ist, dass die meisten Deutschen keinen Job suchen, sondern einen Beruf.199 Dieser erlernte Beruf und die ausgeübte Tätigkeit sollten für den Rest des Berufslebens bestehen bleiben. Was sich angesichts von befristeten Arbeitsverträgen, der progressiven Globalisierung und dem technischen Fortschritt auf dem Arbeitsmarkt, nur sehr schwer in der Praxis realisieren lässt. Jedoch hat die Einteilung der Erwerbsarbeit in Berufe, gravierende Folgen für die Geschlechter. Karin Hauser ist der Ansicht, dass eine systematische Abwertung der für Frauen und eine Aufwertung der für Männer ausgelegten Arbeit sich entwickelt hat.200 Richtige „Arbeit“ wird den Männern zugeordnet und höher bezahlt. „Diese wird in Geld gemessen und hierarchisch geordnet; sie wird nach Berufszweigen ausdifferenziert und professionalisiert“.201 Vor der Reform der Arbeit und der neuen Definition dieser, zählten nicht nur die einzusetzende Zeit, sowie die Kraftanstrengung und die 197 Vgl.: Baruzi, Arno in: Recht auf Arbeit? Sieben philosophische-politische Thesen. Alber Freiburg/München 1983, S. 59. 198 Vgl.: Daheim, Hansjürgen; Schönbauer, Günther in: Soziologie der Arbeitsgesellschaft: Grundzüge und Wandlungstendenzen der Erwerbsarbeit, Grundlagentexte Soziologie, Weinheim [u.a.]: Juventa, 1993, S. 12. 199 Vgl.: Fichtner, Ullrich in: Die Rückkehr des Proletariats. Erst schuf das Land die „neue Mitte“, dann die „neue Unterschicht“ - Millionen Arbeitslose, die ohne Zukunft sind und keine Chance zum Aufstieg sehen. Und die anders leben, anders denken und anders wählen. http://www.spiegel.de/spiegel/ print/d-40525872.html (25.01.2015). 200 Vgl.: Hausen, Karin in: Arbeit und Geschlecht in: Jürgen Kocka, Claus Offe unter Mitarbeit von Beate Redslob (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/Main, New York 2000, S. 343–361. 201 Vgl.: Ebd. 64 ZDJELAR Kompetenz, auch das Gebären eines Säuglings wurde unter der damaligen Definition als Arbeit aufgefasst.202 Selbst wenn Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, wird diese nicht darauf abgestellt, dass diese zum Broterwerb dient und damit ihren Beitrag als Ernährerin der Familie leistet. Der Broterwerb wird von beiden Geschlechtern, damals zumindest, als „Männersache“ angesehen.203 Die Reduzierung darauf, dass der Broterwerb alleine die Angelegenheit des Mannes sei, war im 19. Jahrhundert sehr weit verbreitet. In der Praxis konnten jedoch nur wenige Individuen nach diesem Schema leben. Ein solches nach Geschlechterrollen geführtes Leben, war hauptsächlich für große Teile der europäischen Bevölkerung erst nach dem Zweiten Weltkrieg möglich.“204 Dieser Punkt verdeutlicht, dass der Umgang mit der Definition der Arbeit immer eines ideologischen und eines praxisnahen Aspekts bedarf. 2.2 Der Arbeitsbegriff im alltäglichen Kontext Im Alltag erfuhr der Arbeitsbegriff bei weitem nicht die Einteilungsund Abgrenzungslogiken, die aus der theoretischen und ideologischen Begründung der Arbeit hervorgingen.205 Die Trennung nach Ideologie und Praxis, spiegelt sich in der Antike wieder. 202 Vgl.: Ebd. 203 Vgl.: Janssens, Angelique in: The History of male breadwinning: a story about economics, power and identy. In Ehmer, Josef; Grebing, Helga; Gutschner, Peter (Hrsg.) , “Arbeit”: Geschichte – Gegenwart – Zukunft (S. 101 – 117). Wien: Akademische Verlagsanstalt. S. 102; Schmitt, Martina (200). S. 7. 204 Vgl.: Jansssens, Angelique (2002). S. 109; Lüdtke, Alf (2002). Über-Leben im 20. Jahrhundert. Krieg und Arbeit in den Lebensläufen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland – mit Vergleichen und Ausblick nach Frankreich und Großbritannien. In Ehmer, Josef; Grebing, Helga; Gutschner Peter (Hrsg.), „Arbeit“: Geschichte – Gegenwart – Zukunft (S. 37 – S. 50). Akademische Verlagsanstalt Wien, S. 50. 205 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 166. 65 PROLOG „So haben in der Antike, in der Arbeit mit Unfreiheit verbunden war, die meisten Bürger – von Frauen, Nicht-Bürgern und Sklaven zu schweigen – ihrem Lebensunterhalt durch Arbeit verdient.“206 In der Antike wurde die Arbeit nicht verachtet, vielmehr wurde der Arbeit kein hoher Stellenwert beigemessen. Bezieht man sich hier nochmals auf die Geschlechtertrennung im Kontext der Arbeit des 19. Jahrhunderts, so ist das Abstellen des Broterwerbes alleine durch den Mann, bei Familien der Arbeiterklasse nur marginal zu beobachten gewesen. In der heutigen Zeit, in der die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit signifikant gestiegen ist, kommt es in Einzelfällen dazu, dass trotz einer ausgeübten Tätigkeit (Vollzeitstelle) immer noch Individuen Transferleistungen beziehen müssen. Der „Alleinernährer“, ist eine aussterbende Spezies, die es immer schwieriger hat, in dem heutigen Wirtschaftssystem für eine komplette Familie zu sorgen. Diese Geschlechterideologie offenbart Auswirkungen auf die produktive und reproduktive Arbeit der Frauen.207 Durch den technischen Fortschritt und der progressiven Arbeitsteilung, vor allem durch die Verlagerung der Arbeit in Fabriken, fanden hauptsächlich Männer eine neue Grundlage ihrer Identität.208 Bei Familien die der Mittel- oder gar der Oberschicht angehörten, war es nicht üblich das die Ehefrau einer geregelten Arbeit nachging, dass zuhause bleiben der Frau gehörte zum Status dieser Schicht.209 In der Arbeiterklasse sind Hinweise erkennbar, dass auch für Frauen eine positive Statuszuweisungen zuerkannt wurde, die einer Beschäftigung in einer Fabrik nachgingen. Joshi Chitra sieht diesbezüglich heute einen Wandel: 206 Vgl.: Meier, Christian in: Politik und Anmut: eine wenig zeitgemäße Betrachtung, Hohenheim Verlag 1. Auflage Stuttgart/Leipzig 2000, S. 68. 207 Vgl.: Janssens, Angelique (2002). S. 109; Lüdtke, Alf (2002). Über-Leben im 20. Jahrhundert. Krieg und Arbeit in den Lebensläufen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland – mit Vergleichen und Ausblick nach Frankreich und Großbritannien. In Ehmer, Josef; Grebing, Helga; Gutschner Peter (Hrsg.), „Arbeit“: Geschichte – Gegenwart – Zukunft (S. 37 – S. 50). Akademische Verlagsanstalt Wien, S. 108. 208 Vgl.: Ebd. 113. 209 Vgl.: Joshi, Chitra (2002) in: Redefining work and domesticity: gender and household strategies in working class families. In Ehmer, Josef; Helga Gutschner, Peter (Hrsg.), “ Arbeit: Geschichte – Gegenwart – Zukunft (S. 193 – 208). Wien Akademische Verlagsanstalt. S. 196. 66 ZDJELAR „If the phase of industrial expansion was accompanied by a masculinization of the labour force, today a feminization of the labour force is possibly taking place.”210 Heutzutage findet sich diese klassische Rollenteilung am signifikantesten in Bereichen, die den Frauen zugeordnet werden. Obwohl der Zeitaufwand für die Hausarbeit, für die Erziehung der Kinder oder das Ehrenamt enorm hoch sind und zahlreiche Kompetenzen benötigt werden, ist gesellschaftlich nur die Arbeit anerkannt die auch vergütet wird. Interessanterweise besteht dabei keine Geschlechtertrennung mehr.211 Martin Kohli ist der Ansicht, dass wenn von einer Erosion der Normalerwerbsbiographie ausgegangen wird, nur das Modell des männlichen Alleinernährers gemeint sein kann.212 In vielen Zukunftsmodellen zum Thema Erwerbsarbeit, steht oder stand zumindest eine Verkürzung der Erwerbszeit im Fokus.213 „Eine radikale Arbeitszeitverkürzung im Erwerbsbereich bei gleichzeitiger Vervielfältigung der Erwerbsarbeitsplätze bietet die Grundlage dafür, dass jeder Mann und jede Frau neben der Erwerbsarbeit auch Versorgungsarbeit leistet.“214 Die gesellschaftliche Anerkennung von nicht bezahlter Eigenarbeit resp. Selbstversorgung fällt in der Realität sehr bescheiden aus. Neue Arbeitsmodelle sollen dies ändern und einen höheren sozialen Status implementieren.215 Christoph Strünck sieht in der genderspezifischen Trennung der Erwerbsarbeit den Zenit erreicht und spricht von einer Überwindung der Stereotypen. 210 Vgl.: Ebd. S. 207. 211 Vgl.: Bonß, W. in: Globalisierung unter soziologischen Perspektiven. In: Voigt, R. (Hrsg.): Globalisierung des Rechts. Baden-Baden: Nomos, 2000b, S. 39–68. 212 Vgl.: Kohli, Martin in: Die zweite Lebenshälfte : gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Surveys, Harald Künemund (Hrsg.), Leske u. Budrich Opladen 2000, S. 365. 213 Vgl.: Meyer, Ursula I. in: Der Philosophische Blick auf die Arbeit, Fachverlag, Aachen 2003, S. 79. 214 Vgl.: Biesecker, Adelheid; Winterfeld, Uta in: Vergessene Arbeitswirklichkeiten. In: Beck, Ulrich (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, S. 269–286, Suhrkamp Frankfurt am Main, S. 275. 215 Vgl.: Meyer, Ursula I. in: Der Philosophische Blick auf die Arbeit, Fachverlag, Aachen 2003, S. 83. 67 PROLOG „Die faktische Veränderung, dass auch bei den Männern immer häufiger Lücken in der Erwerbsbiographie auftauchen und diese Lücken im Durchschnitt bei den Frauen schrumpfen, spricht für die endgültige Überwindung der alten Geschlechterideologie.“216 Neben der bereits erörterten genderspezifischen Trennung der Erwerbsarbeit, spielt der Zeitaspekt eine signifikante Rolle in der Koordination von Erwerbsarbeit und Arbeit. Mit einer Trennung von Erwerbsarbeit und Freizeit, die maßgeblich zu einer Grauzone wird zwischen den beiden Segmenten, rückt erneut die Definition der Arbeit wieder in den Mittelpunkt, da diese oft die Differenzierung der beiden Begriffe abstellt. „Wenn wir den Beruf unseres Gegenübers kennen, glauben wir, ihn (Sie) zu kennen. Der Beruf dient zur wechselseitigen Identifikationsschablone, mit deren Hilfe wir die Menschen, die ihn „haben“, einschätzen in ihren persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten, ihrer ökonomischen und sozialen Stellung. So seltsam es ist, die Person mit dem Beruf gleichzusetzen, den sie hat. In der Gesellschaft, in der das Leben auf dem Faden des Berufs aufgereiht ist, enthält dieser tatsächlich einige Schlüsselinformationen: Einkommen, Status, sprachliche Fähigkeiten, mögliche Interessen, Sozialkontakte usw.“217 Während die Erwerbsarbeit auf die Produktivität, die Realisation der Dinge und naturgemäß den Broterwerb abzielt, ist der Beruf den das Individuum erlernt hat und ausübt, in diesem Prozess der Indikator für den Status in einer Gesellschaft. Jürgen Moltmann bringt es in einem prägnant formulierten Satz auf den Punkt: „Er wusste wer er war und wie er angesehen war.“218 216 Vgl.: Strünck, Christoph in: Mit Sicherheit felixibel? Chancen und Risiken neuer Beschäftigungsverhältnisse. Ditz Bonn, S. 67. 217 Vgl.: Beck, Ulrich in: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, Suhrkamp Frankfurt am Main, S. 221. 218 Vgl.: Moltmann, Jürgen in: Recht auf Arbeit. Sinn der Arbeit. (Hrsg.)Jürgen Moltmann, Kaiser München 1979, S. 71. 68 ZDJELAR Zwar wird es für das Individuum immer schwieriger, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, von der dieser sich und eine Familie ernähren kann,219 jedoch findet das Individuum immer einen Beruf. Dieser definiert ein dauerhaftes „Arbeitskraftmuster“.220 Der Beruf ist eine Koppelung der Autonomie des Individuums verbunden mit der Selbstbestimmung.221 In den Vereinigten Staaten von Amerika ist die am häufigsten genutzte Definition, nicht der Beruf, sondern der Job. Dieser impliziert eine zeitlich begrenzte Tätigkeit, primär, um die Bedürfnisse des Individuums zu befriedigen.222 Der dem deutschen entsprechende Begriff: „Berufung (Beruf)“, übersetzt im Amerikanischen: „Vocation“, eine sinnstiftende, prägende und ganzheitlich umfassende Tätigkeit, ist in der amerikanischen Gesellschaft kaum existent.223 Das deutsche Bundesverfassungsgericht definiert unter Artikel 12 des Grundgesetzes224, jede Tätigkeit die auf Dauer ausgelegt ist und der Schaffung und Erhaltung einer Lebensgrundlage dient, als Beruf.225 Das Ergreifen eines Berufes wird damit gleichgesetzt, das dieser zum Erhalt der Lebensführung dient. Diese Definition wird nicht sehr eng ausgelegt. Der Gesetzgeber lässt einen sehr großen Ermessensspielraum zu. In Artikel 12 GG werden nicht nur traditionelle Berufsbilder erfasst, sondern auch neugeschaffene oder sogar frei erfundene Berufe.226 Wie bereits erwähnt soll der ergriffene Be- 219 Vgl.: Zdjelar, Jovan in: Ein Minimum für jeden? Investivlohn, Kombilohn, Mindestlohn. Lohnkonzepte für die Arbeitswelt von Morgen. Tectum Verlag Marburg 2010. 220 Vgl.: Daheim, Hansjürgen und Günther, Schönbauer in: Soziologie der Arbeitsgesellschaft, Beltz Juventa Verlag, 1. Auflage 1993, S. 13. 221 Vgl: Sennet, Richard in: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2005, Berlin Verlag, S. 90. 222 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 169. 223 Vgl.: Ebd. 224 Vgl.: (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht. (3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig. Onlineportal: https://openjur.de/g/gg/12.html (07.02.2015). 225 Vgl.: http://www.juratelegramm.de/faelle/oeffenliches_recht/BVerfG_ NJW_2004_2890.htm (07.02.2015). 226 Vgl.: BVerfGE 97, 12, 25, 33 f.(Patentgebührenüberwachung). 69 PROLOG ruf zur Lebensführung beitragen. Dies reicht aber schon aus, wenn die betreffende Tätigkeit einen Beitrag dazu leistet, dieser muss nicht allumfänglich sein. Dadurch werden auch nicht unbedeutende Nebentätigkeiten umfasst. Ob diese Tätigkeiten selbstständig oder unselbstständig ausgeübt werden, ist irrelevant.227 Wenn juristische Personen einer Tätigkeit nachgehen, die zur Gewinnerzielung dient, ist diese Tätigkeit als Beruf zu definieren. Tätigkeiten die jedoch nur kostendeckend agieren oder nur der Freizeitgestaltung unterliegen, werden nicht von der gesetzlichen Definition des Berufes erfasst. Es ist dabei unerheblich, ob tatsächlich ökonomische Gewinne erzielt werden. Relevant hierbei ist die Gewinnerzielungsabsicht des Akteurs.228 Unter anderem muss die ausgeübte Tätigkeit, also der Beruf, auf Dauer angelegt resp. Nachhaltig ausgeübt werden.229 Dies impliziert keine andauernde Tätigkeit, vielmehr genügt es wenn diese gelegentlich in periodischen wiederkehrenden Abständen ausgeübt wird, wie zum Beispiel eine Gutachtertätigkeit.230 Eine Beschäftigung die lediglich in einen einmaligen Erwerbsakt mündet, erfüllt nicht die Voraussetzungen eines Berufes (Art. 12 GG).231 In einigen Entscheidungen haben die Gerichte jedoch die Berufsdefinition eingeschränkt. Dies bedeutet, der gewählte Beruf muss das Merkmal einer legalen Betätigung erfüllen. Die berufliche Handlung muss den Wertvorstellungen der Rechtsgemeinschaft entsprechen und darf nicht offensichtlich sozial- oder gemeinschaftsschädlich sein.232 Dies bedeutet nicht, dass es sich hierbei um Tätigkeiten handelt die der Gesetzgeber verboten hat, man könnte annehmen es handelt sich „ausschließlich“ um Handlungen die sozial- oder gemeinschaftsschädlich sind. Da der Gesetzgeber nicht definiert, was sozial- oder gemeinschaftsschädlich ist, hätte es der Rechtsanwender selbst in der Hand, dies zu tun.233 Das aktuelle „Problem“ dreht sich nicht um ökonomische Gesichtspunkte oder juristische Belange, vielmehr erscheint die Kontinuität, die mit der Ausübung eines Berufes verbunden ist, der Flexibilität und der 227 Vgl.: Schmidt-Bleibtreu in: Schmidt-Bleibtreu/Klein, GG, Art. 12 Rn. 6 ff. 228 Vgl.: BVerfGE 32, 1, 28 (Vorexaminierte); 102, 197, 212 f. (Öffentliche Spielbanken). 229 Vgl.: Ebd. 230 Vgl.: BVerfGE 97, 228, 253 (Nachrichtenmäßige Kurzberichterstattung im TV). 231 Vgl.: Ebd. 232 Vgl.: BVerwGE 22, 286, 289. 233 Vgl.: BVerwGE 22, 286, 288. 70 ZDJELAR Anpassung an die wirtschaftlichen Aspekte und neuen Entwicklungen, dem entgegen zu stehen.234 Die hier beschriebene Entwicklung zwischen Beruf und Lebensführung entstand im Fordismus und hat für viele Individuen bis heute Gültigkeit. „Dem fordistischen Wachstumsregime aus Massenproduktion, Massenarbeit und Massenkonsum entsprach nicht nur das standardisierte Lebensmodell der normierten Gesellschaft mit ihren „Festzeiten“, die das Rückgrat des Zusammenlebens in Familie, Nachbarschaft und Kommune bildete. Es wurde zugleich bekräftigt und gestaltet durch einen Modus der Regulation, welcher kulturell, politisch und rechtlich das Wachstumsregime abstützte.“235 Das System des Fordismus ist in der Autostadt Wolfsburg klar zu erkennen. Jeder Taktwechsel beim Ablauf hat signifikante Auswirkungen auf die jeweiligen Lebenssituationen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Familien.236 Dieser Anhaltspunkt verdeutlicht den Wandel weg vom fordistischen System, hin zum gesellschaftlichen Zerfall. Die von Personalabteilungen bevorzugten Lebensläufe, die eine Normalbiographie aufweisen, indem der erlernte Beruf permanent ausge- übt wurde, werden in der Praxis kaum noch zu finden sein. Um dieser Realität gerecht zu werden hat Ulrich Beck bereits im Jahr 1997 eine interessante These entwickelt. Er ist der Meinung, dass man die Fixierung auf bestimmte Berufe lockern sollte und dafür Schlüsselqualifikationen erlernt werden sollten. Dadurch wäre das Individuum flexibler einsetzbar und nicht mehr so stark den wirtschaftlichen und technologischen Wandel unterworfen.237 Diese Reform der beruflichen Ausbildung, würde explizit das deutsche Bildungssystem anpassen. Leider ist in der deutschen Ausbildung der Fokus immer noch auf den Beruf gerichtet, der für die weitere berufliche Karriere prägend sein soll. Dabei ist in der Praxis deutlich zu erkennen, dass der Wunsch sich fortzubil- 234 Vgl.: Beck, Ulrich in: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, Suhrkamp Frankfurt am Main 1986, S. 222. 235 Vgl.: Beck, Ulrich in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 40. 236 Vgl.: Willecke, Stefan; Kleine –Brockenhoff, Thomas in: Tut Modernisierung weh? In Beck, Ulrich (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 135–150. 237 Vgl.: Beck, Ulrich in: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus- Antworten auf Globalisierung, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997, S. 230. 71 PROLOG den oder neu zu orientieren bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern signifikant angestiegen ist. Dies belegen die Zahlen der Bundesregierung aus dem Jahr 2013: „In Deutschland haben im vergangenen Jahr so viele Menschen eine Weiterbildung gemacht wie niemals zuvor. 49 Prozent der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter haben von April 2011 bis Juni 2012 an einer Weiterbildungsveranstaltung teilgenommen. Erfreulich hoch ist die Quote in der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen.“238 Insgesamt ist zu beobachten, dass Individuen aus dem monogamen Berufsleben ausbrechen und vielfältige Berufsfelder erproben. Dies kann nur erfolgreich gestaltet werden, wenn das Bildungssystem auf diesem Segment durchlässiger und flexibler wird. Damit Innovationen zügiger auch auf dem Arbeitsmarkt etabliert werden können. Der „Nachteil“ an mehr Flexibilität und Innovation am Arbeitsmarkt resp. in der Berufsausbildung ist der, dass traditionelle Berufsbilder an Prestige verlieren. Signifikant macht sich dieser Trend im Handwerk bemerkbar. „Die Erfahrungen zeigen, dass in nahezu allen Berufen Ausbildungsstellen nicht besetzt werden können, da viele Jugendliche nur in vermeintlichen »Traumberufen« eine berufliche Perspektive suchen.“239 Im Kern lässt sich zusammenfassen, dass der erlernte Beruf resp. die Berufsausbildung nicht mehr ausreicht, um ein ganzes Berufsleben zu bestreiten. Wie bereits geschildert ist diese Erkenntnis in vielen Berufszweigen nicht neu. Die Weiterbildung wird zunehmend in ihrer Attraktivität steigen und wird fast schon zur Bedingung, um am Arbeitsleben zu partizipieren. Richard Sennet sieht keine Garantie dafür, dass das Individuum nach erfolgreicher Weiterbildung am Arbeitsleben teilnimmt. Die Marktverhältnisse sind zu dynamisch, als das man Jahr für Jahr, etwas auf dieselbe Art umsetzen könnte.240 War es früher noch möglich 238 Vgl.: Onlineportal der Bundesregierung. http://www.erfahrung-ist-zukunft. de/SharedDocs/Artikel/Bildung/Weiterbildung/20130326-weiterbildung-indeutschland-auf rekdorniveau.html;jsessionid=B2423808D48299240D912B26 AC6599A0.s3t2?nn=571100 (Stand 19.02.2015). 239 Vgl.: Onlineportal Handwerk NRW: http://www.handwerk-nrw.de/lehrstel len-org/news-1.html (Stand: 20.02.2015). 240 Vgl.: Sennet, Richard in: Der flexible Mensch (1998), bbt Verlag 2000, S. 26. 72 ZDJELAR in modernen Gesellschaften eine Berufskarriere in Angriff zu nehmen, wird es für die heutigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer schwieriger das gesetzte Ziel zu erreichen. Richard Sennet formuliert dies anschaulich: „Es gibt keine Pfade mehr, denen Menschen im Berufsleben folgen können.“241 Eine Vielzahl von jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern werden in ihrem Berufsleben verschiedene Berufe ausüben müssen. Die stets propagierte Normalbiografie für alle Berufstätigen, war und ist nur punktuell zu realisieren. Es gab zu jeder Epoche einen Wandel und Individuen die sich diesem Wandel angepasst haben. Ob damit einhergeht, dass die Berufsgesellschaft gescheitert ist, wie Christoph Strünck in seinem Buch: „Mit Sicherheit flexibel? Chancen und Risiken neuer Beschäftigungsverhältnisse“ erörtert, darf bezweifelt werden. Es ist ein Mythos, dass die Mehrzahl der Berufstätigen ihren erlernten Beruf bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben ausgeübt hat. „Der Beruf basiert weiterhin auf einer Erstausbildung, die jedoch breiter angelegt ist und die nunmehr nur noch als Ausgangsbasis für die anschlie- ßende eigenverantwortliche Akkumulation von Fachwissen dient.“242 Die Folge dieser Entwicklung besteht darin, dass der aktuell ausgeübte Beruf, dass Individuum immer weniger prägt und das es sich mit der ausgeübten Tätigkeit nur noch marginal identifizieren kann.243 Für das berufstätige Individuum hat dies zur Folge, dass Neuorientierungen und „Karriereknicks“ als „normale Bedingung“ im Berufsleben erscheinen werden. Der lineare Berufsweg ist demzufolge nicht mehr einzuhalten. Eine weitere Diskrepanz zeichnet sich im Konzept der Erwerbsarbeitsgesellschaft zwischen Ideologie und Praxis ab. Die Partizi- 241 Vgl.: Ebd. 203. 242 Vgl.: Schmid, Günther in: Arbeitsplätze der Zukunft: Von standardisierten zu variablen Arbeitsverhältnissen. In Kocka, Jürgen; Offe, Claus (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit , S. 269–292, Campus Verlag Frankfurt am Main, S. 279. 243 Vgl.: Rolle, Piere in: Die menschliche Tätigkeit begreifen und nutzen. Qualität der Arbeit, Qualifikation, Kompetenz. In Kilger, Gerhard; Bieneck, Hans- Jürgen (Hrsg.), Neue Qualität der Arbeit. Wie wir morgen arbeiten werden, S. 227–235, Campus Verlag Frankfurt am Main/NY, 2002, S. 233. 73 PROLOG pation des Individuums an der Erwerbsarbeit ist in der Realität die Voraussetzung für die eigene Autonomie, wie auch für die soziale Bindung in der Gesellschaft. Nicht die Arbeit als solches steht im Mittelpunkt des Lebens, vielmehr die Erwerbsarbeit die das Individuum dazu befähigt am gesellschaftlichen Prozess zu partizipieren und somit sein agieren resp. den Status sicherstellt. Mit der Entstehung der Bundesrepublik Deutschland hat sich eine signifikante Verschiebung der Lebenszeit, Arbeitszeit und des Einkommens zugunsten der Entfaltung der Lebenschancen ergeben.244 Ulrich Beck bezeichnet es als historischen Ruck in der Gesellschaft. „…das Leben der Menschen in der Lohnarbeitsgesellschaft ein gutes Stück aus dem Joch der Lohnarbeit herausgelöst.“245 Es ist tendenziell zu beobachten, dass es zu einer Verschiebung von Arbeit und Leben kommt. Die Erwerbsarbeit intensivierte sich, jedoch bekam die Nichterwerbsarbeitszeit, durch die gestiegene materielle Ausstattung eine signifikante Verbesserung zu spüren. Die entstandene Intensivierung der Erwerbsarbeit lässt erkennen, dass man die signifikante Verbesserung der Nichterwerbsarbeitszeit erst erzielen kann, wenn das Individuum an der Erwerbsarbeit partizipiert.246 „Alles, was als erstrebenswert betrachtet wird, wie beispielsweise materielle Sicherheit, soziale Anerkennung, Status und Identität, ist entsprechend nur durch das `Nadelöhr` der Erwerbsarbeit zu erlangen, was damit einhergehe, dass nun alle auf den Arbeitsmarkt drängen.“247 Das Individuum befindet sich im Sozialisationsprozess, permanent in der Schnittmenge zwischen Beruf und Gesellschaft. Der Einzelne befindet sich in einem anhaltenden Zustand der Auseinandersetzung zwischen der beruflichen Realität und den Bedingungen zur Verwirkli- 244 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 173. 245 Vgl.: Beck, Ulrich in: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, Suhrkamp Frankfurt am Main 1986, S. 124. 246 Vgl.: Ebd. 247 Vgl.: Beck, Ulrich in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 27. 74 ZDJELAR chung in der Arbeitswelt.248 Ulrich Beck sieht in der Durchsetzung der Erwerbsarbeit unter den sozialstattlichen Voraussetzungen, die Rahmenbedingungen geschaffen, dass die traditionelle Klassengesellschaft aufgelöst wurde.249 Im Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbandes wird von einer „Zerklüfteten Republik“ gesprochen.250 „Innerhalb nur eines Jahres ist die Armut insgesamt von 15 auf 15,5 Prozent gestiegen, heißt es in dem Bericht, der sich auf das Jahr 2013 bezieht. Insgesamt gelten 12,5 Millionen Menschen in Deutschland als arm - und das Land zerfällt in wohlhabende und mittellose Regionen.“251 Laut diesem Armutsbericht sind die am stärksten betroffenen Regionen in Deutschland: Bremen, Mecklenburg Vorpommern und Berlin. In den genannten Regionen liegt die Armutsquote bei 20 Prozent. Dem entgegen ist die Armutsquote in Bayern und Baden Württemberg, mit jeweils ca. 11 Prozent, weitaus am niedrigsten verzeichnet in der Bundesrepublik. Der paritätische Wohlfahrtsverband nimmt bei der Messung seiner Armutsquote, 60 Prozent des in Deutschland durchschnittlich Verdienten Einkommens als Bemessungsgrundlage. „In konkreten Zahlen lag die so errechnete Armutsgefährdungsschwelle 2013 für einen Singlehaushalt bei 892 Euro, für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1873 Euro.“252 Ulrich Beck spricht von einer Aufhebung der Klassengesellschaft, welches nach historischer Definition vollkommen zutreffend ist. Jedoch hat sich in der Moderne, eine neue Schicht herauskristallisiert. In Studien spricht man vom „Prekariat“, was übersetzt wird mit bildungsferne Schicht.253 Im Portfolie der „Armut“ in Deutschland befinden sich nicht 248 Vgl.: Daheim, Hansjürgen und Günther, Schönbauer in: Soziologie der Arbeitsgesellschaft, Beltz Juventa Verlag, 1. Auflage 1993, S. 17. 249 Vgl.: Beck, Ulrich in: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, Suhrkamp Frankfurt am Main 1986, S. 133. 250 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift Spiegel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/so ziales/armutsbericht-deutschland-zerfaellt-in-arm-und-reich-a-1019315.html (Stand: 23.02.2015). 251 Vgl.: Ebd. 252 Vgl.: Ebd. 253 Vgl.: Altenhain, Claudio (Hrsg.), Danilina, Anja (Hrsg.), Hildebrandt, Erik (Hrsg.), Kausch, Stefan (Hrsg.), Müller, Annekathrin (Hrsg.), Roscher, Tobias 75 PROLOG nur Menschen, die wenig oder gar keine Bildung genossen haben, darunter sind auch Menschen die Alleinerziehend sind oder durch Krankheit nicht mehr einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Laut Familienministerin Schwesig leben 1.6 Millionen alleinerziehende Menschen in Deutschland von Transferleistungen, und sind de facto Arm.254 Im auslaufenden 19. Jahrhundert setzte sich die Vorstellung durch, dass der soziale Status nicht durch Geburt, sondern durch Arbeit definiert wird. In Verbindung mit dem Anreiz, durch Ausbildung und „harte Arbeit“ die soziale Leiter empor klettern zu können.255 In der Praxis existiert eine signifikante Diskrepanz zwischen den Geschlechtern in Führungspositionen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter der Führung von Frau Manuela Schwesig hat beschlossen ein Gesetz auf den Weg zu bringen, welches eine feste Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent in den Aufsichtsräten mitbestimmungspflichtiger und börsennotierter Unternehmen in Deutschland vorsieht.256 „Es muss Schluss sein mit der Benachteiligung von Frauen in Führungspositionen. Deutschland braucht mehr Frauen in den Top Jobs“257 „Folgenden Inhalt sieht die Gesetznovelle des BMFSFJ vor: Das Gesetz besteht aus vier Bestandteilen: • Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent Etwa 110 Unternehmen sind ab 2016 verpflichtet, bei Nach- und Neubesetzungen für Aufsichtsräte eine Geschlechterquote in Höhe von 30 Prozent zu erfüllen. Das gilt für alle voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Unternehmen in Deutschland. (Hrsg.) in: Von »Neuer Unterschicht« und Prekariat: Gesellschaftliche Verhältnisse und Kategorien im Umbruch. Kritische Perspektiven auf aktuelle Debatten, transcript; Auflage: 1. August 2008 ff. 254 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift Spiegel.: http://www.spiegel.de/politik/ deutschland/alleinerziehende-studie-stuetzt-plaene-von-manuela-schwe sig-a-1015740.html (Stand: 23.02.2015). 255 Vgl.: Conrad, Sebastian; Macamo, Elisio; Zimmermann, Benedicte in: Die Kodifizierung der Arbeit: Individuum, Gesellschaft, Nation In: Geschichte und Zukunft der Arbeit, ed. Jürgen Kocka und Claus Offe, Campus Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 456. 256 Vgl.: Onlineportal des BMFSFJ: http://www.bmfsfj.de/mag/root-maerz- 25,did=205566.html?referrerDocId=205576 (Stand: 24.02.2015). 257 Vgl.: Ebd. 76 ZDJELAR Verstößt das Unternehmen gegen die Vorgaben, bleibt der für das unterrepräsentierte Geschlecht vorgesehene Stuhl im Aufsichtsrat leer. • Verbindliche Zielgrößen Unternehmen, die börsennotiert oder mitbestimmungspflichtig sind, müssen sich verbindliche Zielvorgaben für Aufsichtsräte, Vorstände und oberste Management-Ebenen setzen. Diese Ziele müssen veröffentlicht und über ihr Erreichen muss berichtet werden. Die Regelung wird ab 2015 für etwa 3.500 Unternehmen in Deutschland gelten. Bund muss mit gutem Beispiel voran gehen Was von der Privatwirtschaft verlangt wird, soll erst recht für den Öffentlichen Dienst gelten: • Novellierung des Bundesgleichstellungsgesetzes (BGleiG) Das Gesetz zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesverwaltung und in den Gerichten des Bundes wird modernisiert. Im Wesentlichen geht es dabei um die Erweiterung des Geltungsbereichs auf Unternehmen mit mehrheitlicher Bundesbeteiligung sowie strengere Vorschriften zur Besetzung von Führungspositionen (zum Beispiel Gleichstellungsplan, Stärkung der Rechtstellung der Gleichstellungsbeauftragten). • Novellierung des Bundesgremienbesetzungsgesetzes (BGremBG) Der Bund besetzt zahlreiche Gremien. Auch für diesen Bereich wird das System der verbindlichen Zielvorgaben gelten. So wird für große Gremien mit mindestens zehn Mitgliedern eine Quote von 50 Prozent gelten, und für kleinere Gremien eine absolute Zahlenvorgabe eingeführt.“258 Die Praxis wird zeigen, wie dieses ambitionierte Vorhaben umgesetzt werden wird. Man darf davon ausgehen, dass es zu zahlreichen Klagen vor deutschen Gerichten kommen wird. Diese Gesetzesnovelle könn- 258 Vgl.: Ebd. 77 PROLOG te mit der unternehmerischen Freiheit nach Art. 16 EU Grundrechte Charta und Artikel 12 GG kollidieren.259 Die Transformation der Arbeit zur Erwerbsarbeit beinhaltet neue soziale Diskrepanzen, die nur oberflächlich durch die Abschaffung der Klassengesellschaft durch die Erwerbsarbeit herbeigeführt wurden. Das Normalarbeitsverhältnis führt zu einer Teilung der Bevölkerung, in die die im Arbeitsmarkt integriert sind und die die Teilzeit- beschäftigt, befristet beschäftigt oder mit Langzeitarbeitslosigkeit konfrontiert sind. Ulrich Beck äußert sich wie folgt dazu: 259 Vgl.: Onlineportal Europäische Grundrechte Zeitschrift: „Hans D. Jarass, Münster, kommentiert die Gewährleistung der unternehmerischen Freiheit in der Grundrechtecharta »Das Grundrecht der unternehmerischen Freiheit wurde in Art. 16 GRCh verankert. In den Charta-Erläuterungen, die gem. Art. 52 Abs. 7 GRCh bei der Auslegung der Charta maßgeblich zu berücksichtigen sind, wird das Recht auf die Rechtsprechung des EuGH gestützt, nach der sich die Freiheit, eine Wirtschafts- oder Geschäftstätigkeit auszu- üben, sowie die (unternehmerische) Vertragsfreiheit aus allgemeinen Rechtsgrundsätzen ergeben. Daher ist diese Rechtsprechung auch für die Interpretation des Art. 16 GRCh höchst bedeutsam und wird nachstehend intensiv herangezogen, obgleich sie nicht unmittelbar zu Art. 16 GRCh ergangen ist. Weiter wird Art. 16 GRCh in den Charta-Erläuterungen auf die Vorschrift des Art. 119 Abs. 1, 3 AEUV (ex Art. 4 Abs. 1, 3 EG) gestützt, wonach Union und Mitgliedstaaten dem „freien Wettbewerb verpflichtet“ sind. Das verdeutlicht, dass Art. 16 GRCh nicht nur den Interessen der Unternehmer dient, sondern auch dem Grundsatz des freien Wettbewerbs i.S.d. Art. 119 Abs. 1 AEUV. Daher stellt die unternehmerische Freiheit neben der Berufsfreiheit des Art. 15 Abs. 1 GRCh und der Eigentumsgarantie des Art. 17 GRCh das zentrale Wirtschaftsgrundrecht dar. Art. 16 GRCh enthält ein einklagbares Recht, keinen bloßen (Charta-)Grundsatz i.S.d. Art. 52 Abs. 5 GRCh, der nur begrenzt gerichtlich geltend gemacht werden kann. Zwar könnte man daran wegen des in der Vorschrift enthaltenen Verweises auf das „Unionsrecht“ und die „einzelstaatlichen Rechtsvorschriften und Gepflogenheiten“ zweifeln. Da aber nach der Rechtsprechung des EuGH, auf die in den Charta-Erläuterungen entscheidend Bezug genommen wird, die volle Justiziabilität des Rechts der freien Berufsausübung auch und gerade für die selbständig Tätigen anerkannt war und ist, muss das für Art. 16 GRCh in gleicher Weise gelten. (…) Durch den Ausgestaltungs- und Regelungsvorbehalt in Art. 16 GRCh wird der Spielraum für Einschränkungen besonders betont. Einschränkungen lassen sich also tendenziell leichter rechtfertigen. In diese Richtung deutet auch die im Vergleich zu Art. 15 GRCh zurückhaltend ausgefallene Formulierung: Auf die Berufsfreiheit besteht ein „Recht“, die unternehmerische Freiheit wird (nur) „geachtet“. Das hat Folgen für den Umfang der gerichtlichen Kontrolle.« (Seite 360).“ http://www.eugrz.info/html/Archiv/i2011_13-15.html (Stand: 24.02.2015). 78 ZDJELAR „Hier konkurrieren inhaltliche Ansprüche an den `Sinn der Arbeit`, an ihren sozialen Nutzen, an das, was ein ausgefülltes Leben nennt, mit den Werten der ökonomischen Sicherheit und des Statusdenkens. Im Extremfall kann sogar das Stück selbst- und sinnerfüllte Arbeit, das man sich gegen die Übermacht der Verhältnisse freigeschaufelt hat, gegen die Sinn Entleerung einer erwerbssicheren und statusorientierten Industrie- und Büroarbeit ausgespielt werden.“260 Vor dem Hintergrund der Erwerbsarbeitsgesellschaft wird diskutiert, inwieweit der Gesellschaft der Vorrang über das Individuum gewährt werden soll. In neuerer Zeit entstand eine kontroverse Diskussion mit revolutionären Thesen, wie die Erwerbsarbeitsgesellschaft und das Individuum in Zukunft nebeneinander und gleichberechtigt existieren könnten. Sascha Liebermann hat in seinem Buch: „Aus dem Geist der Demokratie- Bedingungsloses Grundeinkommen“261 eine Zusammenfassung der verschiedenen Ansätze zu diesem Thema publiziert. Er plädiert für „Freiheit statt Vollbeschäftigung“262 und möchte das Individuum in seiner demokratischen Selbstbestimmung stärken. Er kritisiert den Demokratieverlust in der Bundesrepublik und möchte diesen durch mehr Basisdemokratie wieder stärken. Ein adäquates Instrument, seiner Meinung nach, wären Volksabstimmungen zu verschiedenen relevanten Themen. Unter anderem plädiert der Autor für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dadurch soll das Individuum die Option erhalten an der Erwerbsarbeitsgesellschaft zu partizipieren, ohne einer geregelten Beschäftigung nachzugehen. Diese Theorie stellt einen interessanten Ansatz dar, es wäre sicherlich spannend herauszufinden, wie sich die Gesellschaft verändern würde. Durch dieses Konzept soll unter anderem auch die bis dato in vielen Bereichen nicht bezahlte Arbeit wieder attraktiver gestaltet werden. Vor allem die zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, in Vereinen oder Institutionen, würden davon in einem hohen Maß profitieren können. Aktuell spielt es für die kollektive Bewertung des Arbeitsprozesses und seiner erstellten Produkte und Dienstleistungen keine Rolle, welche Intention die Arbeit- 260 Vgl.: Beck, Ulrich in: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft, Suhrkamp Frankfurt am Main 1986, S. 151. 261 Vgl.: Liebermann, Sascha in: Aus dem Geist der Demokratie- Bedingungsloses Grundeinkommen- Humanities Online Frankfurt 1. Auflage 2015, ff. 262 Vgl.: Ebd. S, 18. 79 PROLOG nehmerinnen und Arbeitnehmer mit ihrer ausgeübten Tätigkeiten verbinden. „Nur wenn ein Teil der Umwelt die Ziele der individuellen Tätigkeit als nützlich erachtet und der Prozess selbst dazu eine für rational gehalten Produktivität aufweist, kann aus gesellschaftlicher Sicht von Arbeit gesprochen werden.“263 Signifikant ist diese Ausprägung in Japan zu beobachten. Dabei spielt das Unternehmen eine tragende Rolle im Leben der dortigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das Individuum richtet seine Existenz entsprechend dem Unternehmen aus. Diese existentielle Betriebszentriertheit entstand dadurch, da sich der Sozialstaat in Japan nur langsam Entwickelt hat. „Die Betriebszentriertheit in Japan ist durch eine starke persönliche Bindung der Kernbelegschaft an die Betriebe [geprägt], die sich in langer Arbeitszeit, umfassender Verfügbarkeit, Dauerbeschäftigung, dem ausgeprägten Gefühl von Betriebsgemeinschaft und Zugehörigkeit sowie betrieblicher Loyalität äußert.264 Erstrebenswert ist diese ausgesprochen hohe Betriebszentriertheit nicht. Unter japanischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, wie auch unter Jugendlichen ist eine hohe Suizidrate zu beobachten. Die unter anderem, durch eine hohe Arbeitsbelastung und wirtschaftliche Probleme ausgelöst werden kann.265 263 Vgl.: Heinze, Rolf G.; Strünck, Christoph in: Die Verzinsung des sozialen Kapitals. Freiwilliges Engagement und Strukturwandel. In Beck, Ulrich (Hrsg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Frankfurt am Main 2000, S. 180. 264 Vgl.: Himeoka, Toshiko in: Die „betriebszentrierte“ Gesellschaft und die Geschlechterverhältnisse in Japan. In: Jürgen Kocka – Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/New York 2000, S. 135. 265 Vgl.: Onlineportal der Epochtimes: „In Japan ist Selbstmord die häufigste Todesursache bei Jugendlichen. Die Anzahl der jugendlichen Selbstmorde in Japan übersteigt 30.000 jedes Jahr. Mit 24 Selbstmorden pro 100.000 Menschen aller Altersgruppen, hat Japan die doppelte Rate wie in den Vereinigten Staaten und dreimal so viele wie in Großbritannien, was die höchste Rate unter den Industrieländern ist. Die am meisten gefährdete Gruppe für Selbstmordversuche und Sterblichkeit liegt im Alter von 15–24 Jahren. Die meisten von denen, die einen Selbstmord versuchen, sowohl Männer als auch Frauen, 80 ZDJELAR Im Prozess zwischen der Erwerbsgesellschaft und dem agierendem Individuum, verbirgt sich eine Diskrepanz, zwischen der Ideologie und der Realität. Dominic Kaltenbach vermutet, dass hinter der Arbeitsgesellschaftskonformen „Suche“ nach Arbeit, letztendlich nur ein Streben nach Wohlstandsvermehrung sich verbirgt.266 Dieser Konflikt wird durch das Individuum, welches bei einem Berufswechsel Einkommenseinbußen in Kauf nehmen muss, durch Mehrarbeit im Unternehmen wieder kompensiert. Dies muss aber nicht zwangsläufig, wie Kaltenbach konstatiert, der Wunsch nach einer Wohlstandsvermehrung sein, sondern kann lediglich der verzweifelte Versuch sein, sich aus dem System der Transferleistungsbezieher zu befreien. Hierbei muss erwähnt werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland 1.3 Millionen erwerbstätige Bürgerinnen und Bürger Arbeitslosengeld II beziehen.267 Ulrich Beck spricht in diesem Kontext von „Junk Jobs“, einer entwürdigenden Tätigkeit jenseits von Zumutbarkeitsregeln einer geregelten Beschäftigung, die inhaltlichen Sinnansprüchen nicht genügt und schlecht bezahlt wird.268 Diese These konstatiert, dass die Erwerbsarbeit keinen näheren Sinn ergeben muss, sondern lediglich ausgeführt wird, weil das Individuum dadurch seine Existenz sichern kann. Die ausgeübte Tätigkeit wird ohne jegliche Form der Identifikation oder Anerkennung in der Gesellschaft ausgeübt. Corinne Maier ist der Ansicht, dass kein Individuum gerne arbeitet, da es dies, sonst ja auch unentgeltlich tun würde.269 Ulrich Beck sieht in der Arbeitslosenrate ein Indiz dafür, dass das finanzielle Streben eines Individuums, über dem Nutzen einer ausgeführten Tätigkeit liegt, was bedeuten würde, dass nicht die Arbeitslosighaben eine zugrunde liegende psychische Störung. Bei vielen von ihnen ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) diagnostiziert worden. Mobbing in der Schule, stressiger Lebensstil und wirtschaftliche Probleme werden zunehmend zum wichtigen Auslöser für jugendliche Selbstmorde in Japan.“ http://www.epochtimes.de/Beaengstigend-hohe-Selbstmordrate-von-Jugendlichen-in-China-und-Japan-a1175617.html (Stand: 26.02.2015). 266 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 177. 267 Vgl.: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Aktuelle Daten aus der Grundsicherung, Erwerbstätigkeit von erwerbsfähigen Leistungsbeziehern, Oktober 2010 und Juni 2013. In: IAB Kurzbericht 07/2014. 268 Vgl.: Beck, Ulrich (Hrsg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Frankfurt am Main 2000. S. 33. 269 Vgl.: Maier, Corinne in: Die Entdeckung der Faulheit. Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun. Goldmann München 2000, S. 45. 81 PROLOG keit das Problem darstellt, sondern die finanzielle Not.270 Diese Ansicht würde die Forderung von Sascha Liebermann für ein bedingungsloses Grundeinkommen stützen. Es untermauert das ökonomische Prinzip von Angebot und Nachfrage. Je attraktiver eine Tätigkeit sich finanziell gestaltet, umso begehrter wird diese für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sein. Dies würde ebenfalls der Theorie, der sozialen Marktwirtschaft von Keynes entsprechen. Indem man die Binnennachfrage stärkt, kurbelt dies die eigene Wirtschaft an. Wenn man der These von Ulrich Beck folgt, dass die Intention des Individuums darin liegt seinen Wohlstand zu vermehren, und das die Erwerbsarbeit keinen anderen Nutzen mehr für das Individuum hat, wäre es nur logisch, dass man auch die Arbeit bezahlt, die auf den ersten Blick unrentabel erscheint. Primär richtet sich dieser Gedanke an die Tätigkeiten, die ehrenamtlich ausgeübt werden. Diese generieren zuerst einmal keinen finanziellen Mehrwert, sie erwirtschaften jedoch für die Gesellschaft einen signifikanten Mehrwert. Je mehr Individuen gesund und mit überschaubaren Problemen konfrontiert werden, desto produktiver sind diese. Durch die Abgrenzung von qualitativ und quantitativ relevanter Arbeit, im Sektor des Ehrenamtes, wird ein signifikanter Aspekt der Erwerbsarbeit ausgeklammert. Wenn man diesen Sektor attraktiver gestalten und diesem die notwendige Anerkennung zollen würde, wäre in Deutschland die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit unter den Bürgerinnen und Bürgern nicht das Problem. 270 Vgl.: Beck, Ulrich (Hrsg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Frankfurt am Main 2000. S. 33. 82 ZDJELAR 5. Abbildung: Arbeitslosenstatistik der Bundesagentur für Arbeit (November 2014 bis Februar 2015)271 271 Onlineportal der Bundesagentur für Arbeit: http://statistik.arbeitsagentur.de/ Statischer-Content/Unterbeschaeftigung-Schaubild.pdf (Stand: 01.03.2015). 83 PROLOG Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit verdeutlicht, dass in der Bundesrepublik Deutschland immer noch zu viele Bürgerinnen und Bürger existieren, die von Transferleistungen abhängig sind. In diesem Kontext finden sich entsprechende Ansätze, dass eine Notwendigkeit besteht, einen zweiten Arbeitsmarkt zu implementieren, weil im ersten Arbeitsmarkt nicht ausreichend Arbeitsstellen geschaffen werden und gleichzeitig, gesellschaftlich bedeutsame und notwendige Leistungen nicht mehr oder nur in geringem Maße erhältlich sind.272 Durch diese Theorie wird angedeutet, dass der Gesellschaft nicht die Arbeit ausgeht, sondern ein Sektor der Arbeit ausgeklammert wurde. Es stellt sich nun die Frage, was macht diesen Sektor der Erwerbsarbeit so „unrentabel“? Herrmann Schwegel ist der Ansicht: „Die Individualisierung im Verein mit hohen qualitativen und finanziellen Ansprüchen an den Arbeitsplatz, also der Individualismus, den Kern der Arbeitslosigkeit darstellt.“273 Ein weiterer populärer Ansatz ist der von Werner von Sinn, der nicht müde davon wird, in jeder politischen Talksendung darauf zu verweisen, dass der Staat, dass „Nichtstun“ zu hoch alimentiert. „Wir reden in Deutschland immer nur darüber, was der Staat zusätzlich gewähren kann, ohne die Frage zu stellen, wer das bezahlen soll. Die Perspektive der Steuerzahler, also der Leistungsträger, kommt stets zu kurz. Der Strom kommt aus der Steckdose, und das Hartz-IV-Einkommen vom Amt. So denken leider viele. Dabei argumentieren sie mit der Bedarfsgerechtigkeit. Dieses Konzept geht auf Karl Marx zurück. So gesehen ist die Feststellung, dass die Diskussion sozialistische Züge aufweist, richtig. Nach dem Grundgesetz müssen wir das Existenzminimum sichern, aber das heißt nicht, dass die Steuerzahler und Leistungsträger so viele Lasten tragen müssen, dass jeglicher Bedarf gedeckt werden kann.“274 272 Vgl.: Ruh, Hans in: Von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft. In Becker, Uwe (Hrsg.) in: Weniger Arbeit – Arbeit für alle?, Schüren Marburg 2001, S. 210. 273 Vgl.: Schwengel, Herrmann in: Grenzenlose Gesellschaft, Band 2/1: Sektionen. Forschungskomitees. Arbeitsgruppen. Herboltzheim Centaurus 1999, S. 233. 274 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift „Welt“, Interview mit Werner von Sinn „Perspektive der Leistungsträger kommt zu kurz“, http://www.welt.de/politik/ deutschland/article6417782/Perspektive-der-Leistungstraeger-kommt-zu-kurz. html (Stand: 01.03.2015). 84 ZDJELAR Selbstverständlich wird auch die Gegenseite Vertreten, die Transferleistungen seien zu gering, um ein menschenwürdige Existenz zu sichern. Dies fordert zumindest der Deutsche Gewerkschaftsbund in einem Artikel der FAZ: „Es ist eine der wichtigsten Kennzahlen im deutschen Sozialstaat: Der Regelsatz für mindestens 4,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger und deren Kinder ist nach Auffassung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) um bis zu 45 Euro zu niedrig berechnet. Unter anderem werde die verdeckte Armut nicht korrekt berechnet. Statt aktuell 399 Euro stünden einem Leistungsempfänger damit eigentlich bis zu 444 Euro im Monat zu. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler- Stiftung, die der F.A.Z. vorliegt.“275 In wie fern die Alimentierung zu hoch oder zu niedrig ist, wird auch in naher Zukunft einen Streitfaktor darstellen. Dafür sind die einzelnen Positionen zu stark interessengelagert. Jedoch ist in der Entwicklung der Erwerbsarbeit eine fordistische Note zu erkennen. Es entsteht eine Erosion der Gesellschaft, darunter leiden schwache und kranke Mitglieder. Die Fürsorge und Solidarität wird durch die progressive Individualisierung der Arbeitswelt immer stärker in den Hintergrund gedrängt. „Denn mit der wachsenden Flexibilität des Arbeitslebens zerbrechen auch traditionelle Lebensentwürfe, weil immer weniger Erwerbstätige davon ausgehen können, für lange Zeit oder gar ein ganzes Arbeitsleben in demselben Beruf und bei demselben Arbeitgeber beschäftigt zu sein.“276 Die zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die daraus resultierende Individualisierung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wiedersprechen den Grundzügen des Fordismus. 275 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift „FAZ“, Benachteiligte Arbeitslose, Studie: Hartz-IV-Satz liegt 45 Euro zu niedrig, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ wirtschaftspolitik/armut-und-reichtum/harzt-iv-empfaenger-bekommen-an geblich-zu-wenig-geld-13407112.html (Stand: 01.03.2015). 276 Vgl.: Bertram, Hans in: Arbeit, Familie und Bindung. In Kocka, Jürgen; Offe, Claus (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit. Campus Verlag Frankfurt am Main, S. 308. 85 PROLOG „Der Fordismus war durch die institutionalisierte Erwartung eines stetigen Wachstums geprägt, so dass zunehmende Konsum- und Lebensstandards, verbunden mit wachsenden öffentlichen Wohlstand und sozialer Sicherheit zum `sozialen Kitt` werden konnten.“ 277 Während das Regime des Fordismus die Arbeit standardisiert hat, nimmt das Risikoregime einen anderen Weg, indem die Arbeit immer stärker Individualisiert wurde.278 Der Fordismus entstand in einer Zeit, in der der Keynesianismus immer populärer wurde. Beide Systeme sind jedoch stark auf nationale Grenzen und auf einem daraus resultierenden Binnenmarkt fokussiert. Dieser wird durch multilaterale Abkommen und einer prosperierenden freien Marktwirtschaft, in seiner Existenz bedroht. „Während im fordistischen Regime nur ortsgebunden gearbeitet und produziert wurde, setzt das Risikoregime eine in ihren Folgen heute noch gar nicht absehbare soziale Enträumlichung von Arbeit und Produktion und damit die Dialektik von Globalisierung und Lokalisierung in Gang.“279 In diesem Kapitel wurde der Konflikt zwischen Ideologie und Praxis der „Arbeit“ dargestellt. Einige Autoren fordern in diesem Kontext die Definition der Erwerbsarbeit zu erweitern, andere jedoch möchten die Definition qualitativ aufwerten. Diese Problematik wird im nächsten Kapitel erörtert. 2.3 Neue definitorische Ansätze in der Erwerbsgesellschaft Richard Sennet definiert die Ausweitung der Begrifflichkeit „Arbeit“ unter dem Stichwort der Inklusion.280 Diese Annahme beruht auf den Befürchtungen, dass eine zunehmende Exklusion von Individuen aus 277 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 179. 278 Vgl.: Beck, Ulrich in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 41. 279 Vgl.: Ebd. S. 43. 280 Vgl.: Sennett, Richard in: Arbeit und soziale Inklusion. In Kocka, Jürgen; Offe, Claus (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Campus Verlag Frankfurt am Main, 2000, S. 432. 86 ZDJELAR der Arbeitswelt und somit aus der Gesellschaft voranschreitet.281 Er sieht eine Schwächung der sozialen Inklusion darin, dass die Bedingungen des aktuellen Kapitalismus den Individuen in ihrem Arbeitsleben, die Optionen nehmen, solidarisch mit anderen Individuen in der Gesellschaft umzugehen.282 Der Paradigmenwechsel des Ansatzes „Arbeit schafft Eigentum“ zur signifikanten Gleichung „Arbeit schafft Reichtum“, ist der definitorische Wandel des Arbeitsbegriffes, der eine weitere gravierende Umwälzung in der Historie der Arbeit erzeugt hat.283 Indem man in der alten Erwerbsgesellschaft die Freiheit gegen die Sicherheit eingetauscht hat, besteht die Option in der neuen Pluralen Tätigkeitsgesellschaft, die Sicherheit und Freiheit aufeinander abzustimmen. Ein Ansatz hierfür könnte sein, die Bürgerarbeit stärker in den Vordergrund zu stellen. Dadurch kann bewirkt werden, dass sich das Individuum davon befreit, dass „Erwerbsarbeit“ ein Wesensmerkmal der menschlichen Existenz darstellt. „Dem Schreckgespenst der Arbeitsgesellschaft ohne Arbeit soll eine Vision entgegengestellt werden, die das, was im ungebrochenen Paradigma der Vollerwerbsgesellschaft als Krise und Katastrophe erscheint, als historische Chance begreift und nutzt, gemäß dem Motto: Bürgerengagement statt Arbeitslosigkeit finanzieren.“284 In der Bundesrepublik Deutschland arbeiten ca. 12,67 Millionen Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich. Schaut man sich die Abbildung 6 an, welche Gruppe sich primär ehrenamtlich engagiert, fällt sofort auf, dass 281 Vgl.: Ebd, S. 432. 282 Vgl.: Ebd, S. 432. 283 Vgl: Gutschner, Peter (2002) in: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 180. 284 Vgl.: Beck, Ulrich in: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 417. Vgl.: Onlineportal: Das Statistik Portal; Anzahl der Personen in Deutschland, die ehrenamtlich tätig sind, von 2012 bis 2014 (in Millionen). Diese Statistik zeigt das Ergebnis einer Umfrage in Deutschland zu ehrenamtlicher Tätigkeit in den Jahren von 2012 bis 2014. Im Jahr 2013 gab es in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 12,67 Millionen Personen, die ein Ehrenamt hatten bzw. unentgeltlich in einer Bürgerinitiative, einem Verein, Verband oder Ähnlichem tätig waren. http://de.statista.com/statistik/ daten/studie/173632/umfrage/verbreitung-ehrenamtlicher-arbeit/ (Stand: 03.03.2015). 87 PROLOG Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die am häufigsten von Arbeitslosigkeit betroffen sind, nämlich die, die weder einen Schulabschluss, noch eine Berufsausbildung nachweisen können,285 in dieser Erhebung am unteren Ende des Freiwilligensurvey wiederzufinden sind. Aus Abbildung 6 geht hervor, dass sich Bildungsabschlüsse in der Engagementquote wiederspiegeln. Insgesamt haben 42,7 % der ehrenamtlich tätigen, einen hohen Bildungsabschluss. Dies bedeutet, dass dieser Personenkreis, mindestens Abitur/Hochschulreife resp. ein abgeschlossenes Hochschulstudium nachweisen kann. 6. Abbildung: Engagementquoten nach Bildungsniveau286 Die Verfasser der Studie konstatieren, dass drei Gruppen von Personen existieren, die überdurchschnittlich Vertreten sind in der Ausübung eines Ehrenamtes. Dies sind vor allem Erwerbstätige, gefolgt von Schülerinnen/Studentinnen und Schülern/Studenten sowie Hausfrauen und Männern. Die Verfasser stellten fest, dass eine Erwerbstätigkeit, die Aufnahmen eines Ehrenamtes begünstigt.287 Dies geht aus Abbildung 7 285 Vgl.: Zdjelar, Jovan in: Ein Minimum für jeden? Investivlohn, Kombilohn, Mindestlohn. Lohnkonzepte für die Arbeitswelt von Morgen. Tectum Verlag Marburg 2010, ff. 286 Vgl.: Alscher, Mareike; Dathe, Dietmar; Priller, Eckhard; Speth, Rudolf In: Bericht zur Lage und den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Wissenschaftszentrum Sozialforschung, Projektgruppe Zivil engagement, Berlin 2009, S. 43. 287 Vgl.: Ebd. S. 43. 88 ZDJELAR „Beteiligung am Ehrenamt“, hervor. Die Anzahl der Erwerbstätigen die eine ehrenamtliche Tätigkeit nachgehen, liegt bei 39,9 Prozent, bei den Erwerbslosen liegt diese deutlich darunter, lediglich 26,9 Prozent gehen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach. Das Ehrenamt jetzt attraktiver zu gestalten, indem der Staat dies fördert oder die Anzahl der bezahlten Arbeitsstellen erhöht, muss nicht zwangsläufig die Zahl derer erhöhen, die bereit wären sich sozial zu engagieren. Jedoch geht es bei der Forderung nach mehr bezahlter Bürgerarbeit, nicht darum die Erwerbsgesellschaft abzuschaffen.288 7. Abbildung: Beteiligung am Ehrenamt289 „Galt Lohnarbeit früher nicht nur als gesellschaftlich dominierende, sondern letztlich als einzig legitime Arbeitsform, so erscheint sie heute unter mehreren Arbeitsformen, deren gesellschaftliche Bedeutung keineswegs eindeutig ist.“290 288 Vgl.: Beck, Ulrich (Hrsg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp Frankfurt am Main 2000, S. 324. 289 Vgl.: Alscher, Mareike; Dathe, Dietmar; Priller, Eckhard; Speth, Rudolf In: Bericht zur Lage und den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Wissenschaftszentrum Sozialforschung, Projektgruppe Zivil engagement, Berlin 2009, S. 43. 290 Vgl.: Bonß, Wolfgang. in: Globalisierung unter soziologischen Perspektiven. In: Voigt, R. (Hrsg.): Globalisierung des Rechts. Baden-Baden: Nomos, 2000b, S. 363. 89 PROLOG Man betont zwar immer, dass Erwerbslose die ein Ehrenamt ausüben, zumindest einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen und dadurch der Etikettierung und vereinzelt der Diskriminierung als „arbeitslos und faul“ entgehen können. Wie jedoch durch die Erhebung des Wissenschaftszentrums Sozialforschung in Berlin bestätigt wurde, ist die Anzahl der Langzeitarbeitslosen, die sich in diesem Segment engagieren, sehr gering. Ein weiteres Indiz, dass dies kein geeignetes Instrument zur Integration von Erwerbslosen ist, hat bereits die „Marientahlstudie“ von Marie Jahoda in den 1930 er Jahren ermittelt.291 „Losgelöst von Ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit ihrer Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden. Sie die sich nicht mehr beeilen müssen, beginnen auch nichts mehr und gleiten allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene Leere.“292 Parallelen zu diesen Beobachtungen, lassen sich in die heutige Epoche übertragen. Ehrenamt oder resp. Bürgerarbeit ist eine ergänzende Option für Individuen, die einer geregelten sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen. Schaut man sich die signifikanten Merkmale zwischen einer ehrenamtlichen und einer Erwerbstätigkeit an, so ist festzuhalten, dass die Erwerbsarbeit vom Individuum ausgeübt wird, mit dem Ziel ein Erwerbseinkommen zu erzielen. Ein Kriterium für die Bürgerarbeit ist die, dass die erbrachte Leistung, jemand anderem zu Gute kommt und nicht einem selbst. Das Ehrenamt sollte freiwillig ausgeübt werden und nicht durch ein staatliches Organ auferlegt werden. Marie Jahoda hat in der Marienthalstudie nachgewiesen, dass die Erwerbsarbeit nicht nur auf den finanziellen Aspekt reduziert werden darf. Es geht hierbei, um die soziale Integration und den Austausch mit der Umwelt.293 Dadurch hat das Individuum die Möglichkeit seinen sozialen Lebensraum zu erweitern. Nach diesem Überblick über die Differenzierungskriterien von ehrenamtlicher Tätigkeit und Erwerbsarbeit, lässt sich konstatieren, dass die divergenten Meinungen hauptsächlich auf ideologischer Ebene und nicht auf praktischer Ebene zu fin- 291 Vgl.: Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans in: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975. S. 98. 292 Vgl.: Ebd. 83. 293 Vgl.: Ebd. 92. 90 ZDJELAR den sind.294 Wie mit dem Verlust der Erwerbsarbeit umgegangen wird, hängt maßgeblich von der Persönlichkeit des Individuums ab. Genevieve Hesse definiert den Umgang mit der Erwerbsarbeit folgendermaßen: „Horror Vacui“, die Angst der Natur vor leeren Räumen.295 Dieses Szenario ist laut Genevieve Hesse dafür verantwortlich, dass die ausgeübte Tätigkeit für das Individuum längst sinnlos erscheint, diese trotzdem dazu bewegt, die Tätigkeit weiterhin auszuüben.296 Individuen die eine emotionale Arbeit wertschätzen und diese in Ihrem Ehrenamt wiederfinden, gehen mit dem Verlust der Erwerbsarbeit signifikant anders um, als Individuen die diesem „Ideal“ nicht folgen möchten. „Menschen, die emotionale Arbeit wertschätzen, sind [jedoch] nicht mehr so leicht dazu bereit, diese für eine Erwerbsarbeit aufzuopfern, die Ihnen seelisch schadet. Erwerbsarbeit ist nicht mehr der einzige Maßstab für den Sinn Ihres Lebens. Dadurch gewinnen sie eine starke persönliche Basis, um berufliche Rückschläge besser zu verkraften. Sie führen ein Selbstmanagement ihrer ganzen Persönlichkeit, das nachhaltige Perspektiven für ihr Leben eröffnet.“297 Die Gallup Studie aus dem Jahr 2013 hat interessante Erkenntnisse hervorgebracht, die die Bedeutung der Arbeit für das Individuum wiederspiegeln. 298 Aus der Gallup Studie geht hervor: „Jeder sechste Arbeitnehmer hat innerlich gekündigt.“299 „Bei 17 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ist eine geringe Arbeitszufriedenheit festzustellen. Sie finden das Betriebsklima schlecht, können sich mit ihrer Arbeit nicht identifizieren und gehen gegenüber ihrem Unternehmen auf Distanz. Damit hat sich gegenüber den Vorjahren im Jahr 294 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 185. 295 Vgl.: Hesse, Genevieve in: Die Arbeit nach der Arbeit. Für eine emotionaler Erweiterung des Arbeitsbegriffs. In Mesching Alexander; Stuhr, Mathias (Hrsg.), Arbeit als Lebensstil. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003, S. 95. 296 Vgl.: Ebd. S, 95. 297 Vgl.: Ebd. S 98. 298 Vgl.: Onlineportal: http://www.download.ff-akademie.com/Gallup-Studie.pdf (Stand: 09.03.2015). 299 Vgl.: Ebd, S. 1. 91 PROLOG 2013 in Bezug auf die mangelnde emotionale Bindung von deutschen Arbeitnehmern an ihren eigenen Arbeitsplatz nur eine leichte Verbesserung, aber keine grundlegende Wende ergeben. In einer seit dem Jahr 2001 jährlich durchgeführten Arbeitnehmerbefragung stellt das Gallup-Institut einen durchgehenden Trend fest: Die Identifikation mit der eigenen Arbeit ist erschreckend gering. Gallup bezeichnet diese Beschäftigten als „unengagiert bis hin zur inneren Kündigung“. Als Hauptverursacher dieses Trends benennt das Institut das Management: Viele Beschäftigte haben das Gefühl, dass ihre zentralen Bedürfnisse und Erwartungen von ihren direkten Vorgesetzten teilweise oder völlig ignoriert werden. Das hat finanzielle Folgen. Gallup errechnet jährliche Kosten durch Fehltage, Fluktuation und schlechte Produktivität in Höhe von über 110 Milliarden Euro und empfiehlt den Unternehmensleitungen, ihren Beschäftigten gegen- über an Stelle von Verschleißstrategien mehr auf die Pflege der Humanressourcen zu setzen.“ Neu Theorien verfolgen die Idee einer stärkeren Eigenarbeit und Eigenversorgung, die die psychosoziale Zufriedenheit fördern und zu einer gewissen Unabhängigkeit vom Geldeinkommen führen soll.300 Im vorigen Jahrhundert war die Normalbiographie der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein wesentlicher Bestandteil im Erwerbsleben, wonach in der Jugend gelernt wird, im Erwachsenenalter gearbeitet und im Alter die Früchte der geleisteten Tätigkeit genossen wurden. Dieses Modell trifft heute kaum noch zu. Es wird immer mehr Flexibilität und Lernbereitschaft über das ganze Erwerbsleben (lebenslanges Lernen) hinweg vom Individuum erwartet. Dies muss nicht unweigerlich zu einem Negativszenario für den einzelnen ausarten. Signifikant, ist dies bei den jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu erkennen. Da bei diesen ein Umdenken stattgefunden hat und sie zu den Rationalisierungsgewinnern gehören.301 Verlierer dieser Entwicklung sind angelernte und Facharbeiter in Kernsektoren der Wirtschaft. Die der Rationalisierungsprozess am härtesten trifft, da ihre Berufszweige am stärksten Abgewertet wurden. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, plädiert Werner Wilkenning, aus „Arbeit“ gute „Arbeit“ zu ma- 300 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 186. 301 Vgl.: Ebd. S, 187. 92 ZDJELAR chen.302 Damit soll nicht nur der Sinn und Zweck der Arbeit aufgewertet werden, durch eine höhere Identifikation und eine bessere Bezahlung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, soll das Ergebnis und die Leistung signifikant gesteigert werden.303 „Die zukünftige Arbeit soll stärker mit Freude verbunden sein und ein zusätzlicher Raum werden, in dem gesellschaftliche und private Fortentwicklung stattfindet.“304 Die Zukunft der Arbeit soll vermehrt mit den Attributen der Freude und Identifikation in Verbindung gebracht werden. In der Moderne wird dies unter den Begrifflichkeiten der „Work Life Balance“ substituiert. In Unternehmen wird dieses Modell verwendet, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker an die Firma zu binden. Stefanie Rolle bezeichnet dieses Instrument, als eine gesellschaftspolitische Aufgabe: „Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen und organisationalen Wandels vom Industriezeitalter hin zur Informations- und Wissensgesellschaft gewinnen Work Life Balance Strategien nicht nur auf politischer und wissenschaftlicher Ebene, sondern auch für Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Das Ziel von Work Life Strategien ist, durch ein Gleichgewicht der Anforderungen und Bedürfnisse verschiedenere Lebensbereiche die individuelle Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit der Mitarbeiter langfristig zu erhalten.“305 Leider bringen die vielen Bemühungen von Unternehmen, wie Zuschüsse für den Kindergarten oder Gleitzeitmodelle, dem einzelnen Mitarbeiter nur sehr wenig, wenn der Kindergarten bereits um 17:00 Uhr schließt, immer in den Ferien geschlossen ist oder man erst gar keinen 302 Vgl.: Wilkenning, Werner in: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit – Initiative für eine neue Qualität der Arbeit (Hrsg.) 2003, S. 14. 303 Vgl.: Ökonomen würden an dieser Stelle vehement widersprechen. Zur Berechnung der Produktivität, zählen nicht nur die Vergütung des Einzelnen pro Stunde, sondern die durch die Bezahlung entstandenen Lohnstückkosten für das Unternehmen. 304 Vgl.: Rothaupt, Gerhard in: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit – Initiative für eine neue Qualität der Arbeit (Hrsg.) 2003, S. 21. 305 Vgl.: Rolle, Stefanie in: Work – Life – Balance als Zukunftsaufgabe: Personalbindung und Arbeitszufriedenheit im Kontext der Familienfreundlichkeit. Diplomica Verlag GmbH Hamburg 2012, S. 1. 93 PROLOG Platz für sein Kind erhält. Es fehlt das Zusammenspiel von Wirtschaft und den Trägern der Kindergärten. Da sich der Staat vermehrt aus der Kinderbetreuung zurückzieht, muss in diesem Kontext ein Umdenken stattfinden und der Staat muss wieder mehr Verantwortung übernehmen. Um auf Werner Wilkennings Plädoyer für aus „Arbeit, gute Arbeit zu machen“ zurückzukommen, lässt sich bei einer differenzierten Betrachtung der unterschiedlichsten Arbeitsfelder feststellen, dass die Forderung nach „Guter Arbeit“ sehr einseitig an die Arbeitgeber gerichtet wird.306 Diese kann in einigen Betätigungsfeldern auch von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern organisiert werden. Die eigene Vernachlässigung der individuellen Optionen durch die Mitarbeiter, könnte auf den US Amerikanischen Arbeitsmarkt zurückzuführen sein. Die Folgen des individualisierten Arbeitsmarktes werden gerne in diesem Kontext erwähnt. In dieser Debatte wird nicht berücksichtigt, dass es sich hierbei nicht um die Qualität der Erwerbsarbeit handelt, sondern um die Entlohnung. Im US Amerikanischen Arbeitsmarkt fallen die Sozialleistungen geringer aus, als die in der Bundesrepublik Deutschland. „Die in den USA wesentlich höheren Wochen- und Jahresarbeitszeiten und die dort wesentlich geringeren Schutzmechanismen innerhalb des Beschäftigungssystems gemahnen jedenfalls zur Vorsicht. Amerikanische Ergebnisse unbesehen auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen, und die bisherigen für Deutschland vorliegenden Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Beschäftigung auf der einen und Familie und sozialen Netzwerken auf der anderen Seite unterstützen diese Vorsicht.“307 Das zum Teil gering ausgebildete Sozialsystem, fördert den Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den USA. Die dadurch erzeugten Existenzängste, verlangen vom Individuum im Erwerbsleben mehr Kreativität und Flexibilität. Dies stellt keine angebliche Dynamik auf dem US Amerikanischen Arbeitsmarkt dar, wie einige Medien gerne berichten. 306 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 190. 307 Vgl.: Nollmann, Gerd, Strasser, Hermann (Hrsg.) in: Das individualisierte Ich in der Modernen Gesellschaft, Campus Verlag GmbH Frankfurt am Main 2004, S. 126. 94 ZDJELAR „In den USA gewinnt der Arbeitsmarkt immer stärker an Dynamik. Im November entstanden so viele neue Arbeitsplätze wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Außerhalb der Landwirtschaft kamen 321 000 Stellen hinzu, wie das Arbeitsministerium am Freitag in Washington mitteilte. Dies ist der höchste Wert seit Januar 2012. Analysten hatten im Durchschnitt nur mit 230 000 neuen Jobs gerechnet.“308 Dieser Strukturwandel ist in Ansätzen ebenfalls in Deutschland zu beobachten. Besonders die jüngere Generation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat dies teilweise akzeptiert. Beim selbstorganisierten Lernen, kann das Individuum bestimmen, was, wie und in welchem Segment es sich weiterbilden möchte. Aus Untersuchungen über die Personen die einer ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen, geht hervor, dass die Zunahme der Fortbildungsoptionen signifikant in der Gruppe zu erkennen ist, die sich am stärksten sozial engagieren.309 Einige Individuen Empfinden die Weiterbildung als Zumutung, insbesondere in der Gruppe der Zwangsrekrutierten310, wenn sich nicht umgehend Mitnahmeeffekte in Form vom Erwerbseinkommen oder einer Stabilisierung der Arbeit bemerkbar machen.311 Der Ansatz zur Vereinheitlichung von „Guter Arbeit“ ist nachvollziehbar, ist jedoch ein ambitioniertes Vorhaben. Eine komplette Umkehr des fordistischen Systems wird es auch in ferner Zukunft nicht geben. Die Mechanisierung unterschiedlichster Produktionsprozesse wird voranschreiten und das Individuum, wird vermehrt bei der Jobsuche kreativer und flexibler agieren müssen. 308 Vgl.: Onlineportal Handelsblatt in: ROUNDUP: Überraschend starke Dynamik am US-Arbeitsmarkt. http://www.handelsblatt.com/wirtschaft-handel-und-finanzen-roundup-ueberraschend-starke-dynamik-am-us-arbeitsmarkt/11082052.html (Stand: 17.03.2015). 309 Vgl.: Daheim, Hans Jürgen, Fröhlich, Dieter in: Arbeit und beruf in der modernen Gesellschaft. Rene König Schriften 19, Leske + Budrich Opladen 2002, S. 283. 310 Vgl.: In diesem Kontext werden in der Arbeitssoziologie Teilnehmer an Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen deklariert, die vom Unternehmen dazu angeregt worden sind oder durch die Bundesagentur für Arbeit in entsprechende Maßnahmen gesteckt worden sind. 311 Vgl.: Daheim, Hans Jürgen, Fröhlich, Dieter in: Arbeit und beruf in der modernen Gesellschaft. Rene König Schriften 19, Leske + Budrich Opladen 2002, S. 285. 95 PROLOG „Damit ist nicht gesagt, dass es nicht zu einer allgemeinen Ausweitung der Autonomie kommen kann, es bleibt aber zu berücksichtigen, dass dieser Aspekt sehr eng mit der jeweiligen Ausformung der Tätigkeit zusammenhängt und es wird davon ausgegangen, dass auch in Zukunft die große Masse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beispielsweise im Gastgewerbe, im Verkauf, im Versicherungs- und Finanzwesen Routinearbeit verrichten wird.“312 Die Individualisierung und die Solidarität sind zwei Kernpunkte der Entwicklung in der Gesellschaft. Diese Entwicklung muss nicht zwangsläufig dazu führen müssen, dass diese nicht gleichberechtigt nebeneinander existieren können. Niklas Luhmann sieht vielmehr bei den Tendenzen, Steigerungsprozesse die aufgrund einer bestimmten Sozialstruktur und einer Arbeitsteilung, erst ermöglicht werden.313 Vor diesem Hintergrund entsteht die Forderung, nach einer neuen Definition der Arbeit, die mehr sein muss als reine Erwerbsarbeit und nur in diesem erweiterten Spektrum zu einer „Life Work Balance“ führen kann.314 Der Ausgleich zwischen Leben und Arbeit, wird nicht zur Folge haben, dass die herkömmliche Definition von Erwerbsarbeit verschwindet. Dominic Kaltenbach fordert die zentrale Rolle der Erwerbsarbeit im Vergesellschaftungsprozess zu neutralisieren.315 „Zum einen wird nicht mehr davon ausgegangen, dass Individuen nur dann vollwertige Gesellschaftsmitglieder sind, wenn sie ihren Lebensunterhalt über eine abhängige Beschäftigung bestreiten. Zum anderen werden soziales Ansehen, berufliche Förderung und soziale Sicherung nicht mehr an die Erwerbsarbeit gekoppelt, und genau dies ist eine entscheiden- 312 Vgl.: Siegenthaler, Hansjörg (2000), S. 107 in: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 192. 313 Vgl.: Luhmann, Niklas (1992) in: Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie. Einleitung in Durkheim, Emile. Über soziale Arbeitseilung. Studie über Organisation höherer Gesellschaften (S. 19–38). Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, S. 31. 314 Vgl.: Rothaupt, Gerhard in: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit; Initiative für eine neue Qualität der Arbeit (Hrsg.) 2003, S. 24. 315 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 193. 96 ZDJELAR de Voraussetzung, um überhaupt von einer Vergesellschaftung jenseits der Erwerbsarbeit sprechen zu können.“316 Hierbei stellt sich die Frage, wie diese veränderte Perspektive bei den Individuen an Zuspruch gewinnen kann. Die Debatte über eine Vergesellschaftung der Arbeit ist nicht neu. Schon bei den Griechen galt die „Arbeit“ als eine Form der „Privatangelegenheit“, es wurde gearbeitet um die elementaren Bedürfnisse einer Stadt zu befriedigen.317 Nach dieser Theorie, war Arbeit das Schicksal des einzelnen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.318 Durch diese Ausprägung konnte sich in der Antike kein Bewusstsein entwickeln, wonach Arbeit dem Gemeinwohl dienen soll.319 Die Römer dagegen sahen dies ganz anders, da hatte der Dienst gegenüber anderen oder der Gemeinde einen höheren Stellenwert.320 Wie bereits ansatzweise in dieser Untersuchung beschrieben wurde, untersteht die Definition der Arbeit verschiedenen Einflüssen und Faktoren. Insbesondere in der Moderne spiegelt die Globalisierung eine signifikante Rolle bei dem Wandel der Arbeit wieder. Dominic Kaltenbach fast den Arbeitsbegriff zusammen, indem er diesem fehlende Statik und Veränderbarkeit unterstellt, Arbeit jedoch schon immer das gesellschaftliche Gefüge prägte.321 „Als allgemeinste Umschreibung stellt sich Arbeit als eine Auseinandersetzung mit der natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelt dar, die zumindest im Zusammenhang mit dem Lebensunterhalt des Arbeitenden steht. Darüber hinaus ist es eine Eigentümlichkeit von Arbeit, dass dieser stets ideologische Attribute angeheftet sind, die zur Praxis meist eine nicht unerhebliche Diskrepanz aufweisen. Diese reichen von der Sinn- und 316 Vgl.: Bonß, Wolfgang. in: Globalisierung unter soziologischen Perspektiven. In: Voigt, R. (Hrsg.): Globalisierung des Rechts. Baden-Baden: Nomos, 2000b, S. 399. 317 Vgl.: Meier, Christina in: Griechische Arbeitsauffassung in archaischer und klassischer Zeit. In Bierwisch, Manfred (Hrsg.) in: Die Rolle der Arbeit in verschiedenen Epochen und Kulturen. Akademie-Verlag, Berlin 2003, S. 20. 318 Vgl.: Ebd. S. 71. 319 Vgl.: Ebd. S. 71. 320 Vgl.: Ebd. S. 71 321 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 195. 97 PROLOG Werthaftigkeit der Tätigkeit, die als Arbeit bezeichnet werden kann, bis hin zur Sinn- und Werthaftigkeit des Menschen selbst.“322 Die gesellschaftliche Zuordnung der Arbeit in der Erwerbsarbeitsgesellschaft, die die Selektion nach Berufen ideologisch betrachtet und die Individuen in der Gesellschaft positioniert, ist vermehrt in westeuropäischen Ländern wiederzufinden. Eine Forsa Umfrage hat ein „Ranking“ der einzelnen Berufe erstellt: „Alle lieben Feuerwehrleute und Krankenschwestern. Seit Jahren führen beide Berufe das Ansehens-Ranking in der Bevölkerung an. Verlierer sind Manager und Banker. Der deutsche Beamte kommt hingegen in der Gunst der Bürger viel besser weg als es sein Ruf verheißt.“323 Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Altenpfleger aber auch Erzieher genießen laut einer Forsa Umfrage eine hohe Reputation in der Gesellschaft. Gewinner in dieser Studie sind Müllmänner. Aber auch Lehrer, Dachdecker und Briefträger, die in der Gunst der Bevölkerung an Ansehen gewonnen haben. Interessanterweise finden sich in der Auswertung der Umfrage, Professoren, Richter oder Polizisten nicht wieder. Diese Ideologisierung der Berufsstände dient mehr einer Ausgrenzung. Die Sortierung nach Anerkennung der Berufe in der Gesellschaft, hat zur Folge, dass mehr Individuen ausgegrenzt als einbezogen werden. Solche Umfragen sind nicht wissenschaftlich untermauert, sie sind im Ergebnis eine rein subjektive Sichtweise, die ohne jegliche Form der Reflektion, Auskunft über den aktuellen Stand darstellt, welcher Berufsstand „aktuell“ an „Ansehen“ genießt. Dies kann sich jederzeit durch Medien oder die Wirtschaftspolitik ändern. Dieses ideologische „Problem“ wird sich nicht dadurch lösen lassen, dass die Erwerbsarbeit neu definiert wird. Vielmehr muss jedes Individuum seine eigene Passivität aufgeben und sich aktiv beteiligen, am Diskurs der Selektion in „gute und schlechte Berufszweige“. Es geht hierbei letztendlich nicht mehr um Inhalte, teilweise profitieren Berufszweige in der Anerkennung der Gesellschaft bereits davon, wenn in diesem Segment gerechte oder gute 322 Vgl.: Ebd. 323 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift Focus in: Feuerwehrmann und Krankenschwester sind angesehenste Berufe. http://www.focus.de/panorama/welt/ gesellschaft-feuerwehrleute-auf-platz-eins-der-angesehensten-berufe_id_ 4085669.html (Stand: 24.03.2015). 98 ZDJELAR Löhne/Gehälter gezahlt werden. Die Nützlichkeit der eigenverantwortlichen Weiterbildung des Individuums, kann in Gänze nicht bestätigt werden. Nach einer erfolgreich abgeschlossen Fortbildung werden keine Garantien auf Stabilisierung der Arbeit oder einem erhöhten Entgelt ausgestellt. Im Umkehrschluss die These aufzustellen, dass eine Weiterbildung „nutzlos“ sei, wäre ein gravierender Fehler. Vor allem wenn das Individuum, nur aus materiellen Gründen oder aus einem Stabilisierungseffekt heraus sich weiterbildet. Es liegt in der Natur der Sache, dass Individuen immer von Bildung profieren können. Dominic Kaltenbach fasst die Definition der „Arbeit“ dahingehend zusammen, dass bei der Kodifizierung der Arbeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ein Starker Fokus gelenkt auf den Nationalstaat ersichtlich ist, der das Verhältnis von Individuen und Arbeitsgesellschaft zueinander bestimmt.324 Dieser These kann in der heutigen Zeit nur ansatzweise zugestimmt werden, da sich bedingt durch die Globalisierung und der weltweiten Vernetzung durch das Internet, die Berufsbilder ändern und dadurch sich das Verständnis von Erwerbsarbeit ändert. Wenn man den nationalen Bezug als Definitionsansatz heranzieht, würde es die Kausalität von Arbeitslosigkeit und Armut bezogen auf den Nationalstaat erklären. Da der Umstand einer Erwerbslosigkeit von „Stakeholdern“ zur Solidaritätserzeugung mit Erwerbstätigen missbraucht werden kann, um erwerbslose Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stigmatisieren. Die mannigfaltigen Optionen die das Individuum in der Arbeitswelt heute hat, können zu Irritationen führen. Durch die Individualisierung, gefolgt mit dem einhergehen der Heterogenisierung der verschiedenen Interessenlagen, kann dies vermehrt zu Enttäuschungen beim Individuum, bezüglich der eigenen Vorstellungen führen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde diese Entwicklung maßgeblich fördern. Es würde den Bürgerinnen und Bürgern freigestellt, sich in der Arbeitswelt zu engagieren. Dies würde wiederum vermehrt zu einer forcierten Individualisierung der Gesellschaft beitragen. Es besteht die Gefahr, dass die Passivität des einzelnen gefördert wird. „Es scheint daher wesentlich dringlicher, die breiten Nutzungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die als wesentliche Ausgangsbasis die Bereitschaft bein- 324 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 336. 99 PROLOG halten, sich eigenverantwortlich weiter zu qualifizieren, sowohl als Wirtschafts- wie als Staatsbürger, um auf den aktuellen Stand zu bleiben.“325 Ein positiver Effekt des Lebens langen Lernens, würde daraus resultieren, dass Veränderungen in der Gesellschaft nicht abrupt erscheinen und der „Bruch“ nicht als gravierend empfunden wird. Dies hätte zur Folge, dass die notwendige Kontinuität und Stabilität in der Gesellschaft aktiv von den Protagonisten in der Arbeitswelt herbeigeführt werden kann. Das Gesellschaftsbild der „Arbeit“ lediglich unter den Merkmal eines „Nutzen“ festzumachen, ist aufgrund der Tatsache zunehmender Austauschbarkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für diese sehr frustrierend. Diese Frustration hat zur Folge, dass die Beibehaltung der Orientierung an unmittelbaren Mitnahmeeffekten in der Erwerbsgesellschaft gefördert wird.326 Die zunehmende Notwendigkeit der eigenverantwortlichen Qualifikation und der zu beseitigende Reformstau in der Aus- resp. Fortbildung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, würde ohne die Garantie einer Stabilisierung der Erwerbsarbeit, in der Erwerbsarbeitsgesellschaft nicht anerkannt werden. Bei einer Vernachlässigung der eigenverantwortlichen Qualifikation durch das Individuum, besteht ein erhöhtes Risiko, anhand der aktuellen „Nützlichkeitsfaktoren“ selbst aussortiert zu werden. Fasst man abschließend die verschiedenen Faktoren zusammen, erhält man ein Gesamtbild, welches Anhaltspunkte liefert, dass die Globalisierung der Arbeit einhergeht mit der Individualisierung der Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmer und die beiden Prozesse als Einheit betrachtet werden müssen. Ein positiver Nutzen aus beiden Prozessen entsteht, wenn man eine Verbindung dieser untereinander voraussetzt.327 „Die Globalisierung lässt sich in diesem Zusammenhang weder als Siegeszug des Kapitalismus als solchen charakterisieren, denn verschiedene Formen des Kapitalismus waren schon immer weltweit vorzufinden, noch erscheint vor diesem Hintergrund ausgerechnet der angelsächsische Kapitalismus als einziger gangbarer Weg, denn die Veränderung hin zu mehr 325 Vgl. Ebd, S. 337. 326 Vgl.: Ebd, S. 337. 327 Vgl.: Ebd, S. 338. 100 ZDJELAR Eigenverantwortlichkeit des Individuums muss und wird nicht in einer gesellschaftlichen Herauslösung nach angelsächsischen Vorbild enden.“328 Unter anderem stützt sich diese These darauf, dass vermehrt Forderungen debattiert werden, adäquate rechtliche Schutzmechanismen in Form von Sozialklauseln zu schaffen und bestehende auszubauen. Leider findet hierbei kein wechselseitiger Lernprozess statt, da durch die fortschreitende Individualisierung, auch der Verlust von Traditionen zu erkennen ist. Der Verlust oder die Veränderung einer Traditionsvermittlung, kann in gewissen Aspekten auch positiv bewertet werden. „Diese Veränderung erscheint zudem gerade unter dem Gesichtspunkt der Überwindung alter, national propagierter und diskriminierender Hemmschwellen, als Veränderung zu mehr Lebensqualität. War die Idolisierung329 der Hausfrauenrolle der Idolisierung der Arbeit geschuldet, verlieren derartige Vorstellungen noch mehr als zuvor ihre Praktikabilität.“330 Solche Überwindung von Normalitätsvorstellungen führen in der Gesellschaft zu Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit. Die Individualisierung kann auch für die notwendige Überwindung der Passivität verstanden werden, Lebensentwürfe und die Arbeitswelt können dadurch einer neuen Orientierung unterworfen werden. Diesen Rahmen kann die „Weltarbeitsgesellschaft“ schaffen, da die Unsicherheit und die daraus resultierenden Ängste Weltweit zu verzeichnen sind. Die dafür notwendigen arbeitsorganisatorischen Veränderungen sind sehr umfangreich. Doch bei allen bevorstehenden aktuellen Schwierigkeiten und Herausforderungen, würden neue Ansätze Entstehen, die eventuell die Überwindung des konfrontativen Wirtschaftens, bedingt durch neoliberale Marktmechanismen, einschränken könnten. Diese grundlegenden Reformen finden nur statt, wenn das Individuum seine Passivität ablegt und sich verstärkt am Reformprozess beteiligt. Dies setzt voraus, dass sich die Perspektive der Individuen, auf sich selbst und auf die Gesellschaft ändern muss. Dominic Kaltenbach sieht in diesem Reformprozess Ansätze dafür, dass unter diesen neuen Bedingungen in der Weltarbeitsgesellschaft, die Wirtschaft, die aktuell teilweise Abs- 328 Vgl.: Ebd, S. 339. 329 Vgl.: Onlineportal: Wissen.de, „Idolisierung bedeutet etwas zum Ideal hervorheben“, http://www.wissen.de/fremdwort/idolisierung (Stand: 07.05.2015). 330 Vgl.: Ebd, S. 339. 101 PROLOG trakte Züge annimmt, in ihrer Gesamtheit wieder in die Gesellschaft eingebettet werden kann.331 Die neugeschaffene Weltarbeitsgesellschaft könnte aufgrund der neuen Bedeutung der Individuen, eine Arbeitsgesellschaft der Menschen sein. „Die Bedeutung der individuellen Aufgabe bleibt jedoch gerade in der Arbeitswelt sehr wahrscheinlich deshalb noch ein Stück weit verschleiert, weil die Arbeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur nationalen Solidaritätserzeugung im Zuge der Kodifizierung instrumentalisiert und, immer noch nachwirkend, bewusst auf den nationalen Raum eingeengt und damit ein starker Bezug zwischen Fürsorge und Nationalstaat geschaffen worden ist.“332 Diese Kodifizierung in Bezug auf die Solidaritätserzeugung des sozio- ökonomischen Nationalstaates würde bei einer zunehmenden eigenständigen Rollendefinition des Individuums, ihre Bedeutung verlieren. Dieses neue Verhaltens- und Denkmuster des Individuums unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Struktur, kann als Ursprung der Individualisierung bezeichnet werden. „Dieser Kern kann jedoch nur dann zu positiven Begleiterscheinungen führen, von der Abwendung eines plötzlichen Bruchs bis zur positiven Gestaltung der Globalisierung selbst, wenn sich das Individuum als Wirtschaftswie als Staatsbürger auch im Privaten hierfür qualifiziert und vor allem Bezug auf die immer noch oft gestellte Frage der `Nützlichkeit` auch diese daraus resultierenden positiven Mitnahmeeffekte erkennt.“333 Wenn also eine Handlung als Arbeit definiert werden soll, die eine Qualifikation des Individuums voraussetzt und die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft beinhaltet, und zudem von den Protagonisten anerkannt und nützlich erscheint, besteht die Option, dass unter dem Einfluss der Globalisierung und der damit verbundenen Individualisierung, die Menschen in ihrer Vielfalt geprägt werden. Die Globalisierung und die Individualisierung der Gesellschaft zwingen die Akteure zum Ausbruch aus dem instrumentalisierten nationalen ökonomischen Prozess, 331 Vgl.: Ebd, S. 340. 332 Vgl.: Ebd, S. 340. 333 Vgl.: Ebd, S. 341. 102 ZDJELAR da immer wieder Forderungen gestellt werden, Staatsaufgaben wieder vermehrt in die Gesellschaft zu implizieren. Dass die „Muße“ als Gegenstück zur Arbeit, nicht die Passivität definiert, ist aus der Historie der Antike hinreichend bekannt. Leider wird dies heutzutage anders bewertet. Die private Passivität kann zu einer Instrumentalisierung des Nationalstaates missbraucht werden. Wenn der Einfluss durch den Nationalstaat immer geringer wird, da sich immer mehr Individuen als Weltbürger neu definieren, müssen folglich auch die Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt von dem bisherigen „ökonomischen Diktat“ herausgelöst werden und sich einem Wandel unterziehen. Dies hätte zur Folge, dass die Gesellschaft ein neues Berufsverständnis definieren würde. Immer noch wird mit dem Beruf ein dauerhaftes Verhältnis, zumindest bis zum Erreichen des Rentenalters, vorausgesetzt. Dadurch werden der Weiterbildung, der Flexibilität des Individuums sowie der Kreativität nur eine untergeordnete Rolle zugestanden. Trotz nachweislich wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Erosion von Normalarbeitsverhältnissen, bevorzugen Arbeitgeber immer noch einen Bewerber mit einer Normalbiographie. So genannte Brüche, die mit einem Berufswechsel oder Arbeitgeberwechsel einhergehen, werden negativ bewertet. „Die Individualisierung in der Arbeitswelt führt dazu, dass in der Zeit zwischen zwei Arbeitsverhältnissen jede Menge Arbeit vorhanden ist und diese nicht nur in Form von Arbeit, die man klassisch nicht in der Erwerbsarbeit verortet. Mehrere Erwerbsunterbrechungen könnten dann im besten Fall kein Einstellungshindernis sein, sondern ein Hinweis für den Arbeitgeber auf aktualisierte Qualifikation.“334 Die immer stärker werdenden Anforderungen an das Individuum, durch komplexere Tätigkeiten, und das erhöhte Risiko die Erwerbsarbeit zu verlieren, fördern nicht die finanzielle Planbarkeit und sorgen für eine Unsicherheit in der Praxis. Die komplexer werdenden Erwerbsabläufe könnten die Gleichstellung der Geschlechter vorantreiben und eventuell den Konsumwunsch wieder dahin verorten, dass wieder auf Anschaffungen gespart wird und nicht vermehrt auf Kreditbasis diese finanziert werden.335 Die kroatische Regierung hat vor der Wahl, 334 Vgl.: Ebd, S. 342. 335 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift Focus in: Schlimmer als Spanier und Itali- 103 PROLOG den ärmsten Bürgern die Schulden erlassen.336 Dadurch sollte die Wirtschaft in Form der Binnennachfrage gestärkt werden und natürlich der Wunsch der Parteien, von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt zu werden. Im Hinblick eines Arbeitsverständnisses ist die Individualisierung, im Kontext der Globalisierung per se nicht negativ zu betrachten. Das Verständnis der Arbeit beinhaltet Komponenten und Fähigkeiten die lediglich in diesem Arbeitssystem funktionieren. Ein Beispiel hierfür sind Individuen die sich künstlerisch betätigen. Solange der Lebensunterhalt mit dieser Fähigkeit verdient wird, wird diese Form der Erwerbsarbeit anerkannt. Jedoch nicht, wenn das Individuum künstlerisch begabt ist und damit seinen Lebensunterhalt nicht finanzieren kann. Durch die Globalisierung entstehen neue Denkmuster in der Gesellschaft. Das Aufbrechen des nationalen Korsetts, konfrontiert die ideologische Sichtweise mit der Realität. „Individualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang primär, dass das Wissen und die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen direkt in einen weltweiten Rahmen gesetzt wird und die Fähigkeiten individuell auf die Erfordernisse ausgerichtet werden müssen. Anders formuliert zeigt sich nun direkt, dass mit dem Aufbrechen des nationalen Rahmens auch die vorgegebenen Bildungs- und Arbeitsstrukturen zugunsten der Persönlichkeit des Individuums das Arbeitsbild weniger prägen.“337 Die bereits in dieser Untersuchung definierte „Nützlichkeit“ der Erwerbsarbeit, da diese zum Lebensunterhalt beiträgt, gilt es jetzt neu zu definieren und im Rahmen der Weltarbeitsgesellschaft, individuell auszuhandeln. Die aktuelle Situation in der Gesellschaft hat wohlmöglich dazu beigetragen, dass die Weiterbildung nur unter der Perspektive der Nützlichkeit betrachtet wird. Dies bedeutet, dass in vielen Fällen nur ener -Deutsche Bürger sind bald Schulden Europameister. http://www.focus. de/finanzen/news/schlimmer-als-spanien-und-italien-deutsche-auf-dem-wegzum-schulden-europameister_aid_1085143.html (Stand: 01.04.2015). 336 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift Spiegel in: Vor der Wahl: Kroatien streicht armen Bürgern die Schulden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kroatien-streicht-armen-buergern-die-schulden-a-1016363.html. (Stand: 01.04.2015). 337 Vgl.: Kaltenbach, D. Dominic in: Globalisierung – bleibt das Individuum auf der Strecke? Eine rechts- soziologische Betrachtung der Arbeitswelt, Band 3, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, S. 343. 104 ZDJELAR unter einer vorher „ausgestellten Garantie“ durch den Arbeitgeber, die Weiterbildung als produktiv und rational anerkannt wird. „Was nun direkt zum Vorschein kommt, mit Blick auf die Sinnstiftung der Arbeit, ist die individuelle Aufgabe, diesen Sinn nicht aus der Stiftung der Arbeit, diesen Sinn nicht aus der gesellschaftlichen Bewertung herauszulesen, sondern ihn selbst zu schaffen und aktiv an die Arbeitsgesellschaft herantragen.“338 Wenn die Passivität jedes einzelnen reduziert und in Engagement transformiert wird, trägt dies zum Wandel im Verständnis einer sinnstiftenden Arbeit in der Weltarbeitsgesellschaft bei. Die Beziehungen und der Umgang der Individuen untereinander muss eine Transformation durchleben, damit die gesellschaftliche Definition dessen was „Arbeit“ darstellt einen signifikanten Bedeutungswandel durchläuft. Dadurch werden die Kreativität und die Wertschätzung dem einzelnen Gegen- über gefördert. Die Selektion nach Nützlichkeit, Sinnstiftung oder Unter- resp. Überordnungsverhältnissen hebt sich sukzessive auf. Primär muss dieser Prozess einen Wandel zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vorantreiben. Da dieser einen signifikanten Einfluss auf dieses Verhältnis ausüben kann. Das Abhängigkeitsverhältnis beruht auf Gegenseitigkeit, dies muss den Akteuren wieder bewusst gemacht werden. Explizit ist das Gestaltungsmonopol des Arbeitgebers bezüglich des Arbeitsumfeldes einer Reform zu unterziehen. Prekäre Arbeitsbedingungen und ein nicht kollegialer Umgang der Parteien untereinander, hat ein negatives Bild in der Außendarstellung zur Folge. Damit einhergehend sind ein Verlust der Anerkennung und der Sinnhaftigkeit einiger Berufszweige oder Branchen verbunden. Ein interessanter Bericht in der Zeitschrift „Welt“ spiegelt diese Ansatzweise wieder. „Mehr als 73 Prozent aller Arbeitsverhältnisse enden demnach betriebsbedingt, gut 24 Prozent verhaltensbedingt. Nur 2,4 Prozent der untersuchten Kündigungen waren personenbedingt. Betriebsbedingte Kündigungen sind einfacher für Arbeitgeber. Die wahren Kündigungsmotive liegen aber häufig im Verhalten oder in der Person, sagt Arbeitsrechtler Kursawe. Per- 338 Vgl.: Ebd, S. 343. 105 PROLOG sonenbedingte oder verhaltensbedingte Kündigungen seien jedoch bis auf wenige Ausnahmen beinahe unmöglich.“339 Durch die Konzepte des bedingungslosen Grundeinkommens und der daraus resultierenden Bürgerarbeit, in die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gesellschaft einzugreifen, würde das Prinzip der realen Freiwilligkeit untergraben und der Erfolg dieser Konzepte wäre nur sehr schwer messbar. In der Debatte, um Moral in der Wirtschaft oder der Flexibilität des Individuums, ist der Unterschied zwischen „Recht“ und „Moral“ nur marginal zu erkennen. Explizit bei der progressiven Globalisierung und der verstärkten Individualisierung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Weltarbeitsgesellschaft muss ein Paradigmenwechsel, von einer stetigen Abwehr durch Sanktionen, zu einem Akteur der Gestaltung realisiert werden. Je stärker der Gesetzgeber reguliert, desto stärker fördert er die Passivität des Individuums. Das Kapital befasst sich bei einer Überregulierung, wie zum Beispiel im Arbeitsmarkt, sofort mit dem Gedanken aus einem vermeidlich zu stark regulierten Markt auszusteigen. Dies bedeutet, dass das globale Kapital und die hochqualifizierten Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmer und Arbeitgeber flexibel und mobil sind. Dies könnte zur Folge haben, dass eine gut gemeinte Regulierung auf Kosten derer geht, die weniger mobil sind. Diese Aussage stellt kein Plädoyer für eine Deregulierung des Arbeitsrechts dar. Das Arbeitsrecht genießt einen Schutzcharakter, um der Willkür einiger Arbeitgeber entgegenzuwirken. Dies muss auch der Kern des Arbeitsrechts bleiben. Jedoch bei einem zu starken untergraben der Privatautonomie in Form einer eingeschränkten Gestaltung des Vertragsrechts, würde dieses Vorgehen den Wettbewerb in der Marktwirtschaft lähmen und die Einschränkungen in die Vertragsfreiheit fördern. Warum sollen sich Menschen solidarisieren und für ihr Recht demonstrieren, wenn der Staat ohnehin so stark reguliert hat, dass ihnen jegliche Motivation genommen wird. Das folgende Kapital untersucht die Folgen der Erwerbslosigkeit und seine unterschiedlichen Facetten für das Individuum. Es wird ein breites Spektrum von Studien und Analysen deskriptiv erörtert. 339 Vgl.: Onlineportal der Zeitschrift „Welt“ in: Dienstags wird fast nie ein Mitarbeiter gekündigt. http://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article129519343/ Dienstags-wird-fast-nie-ein-Mitarbeiter-gekuendigt.html (02.04.2015). 106 ZDJELAR 2.4 Die verschiedenen Facetten der Erwerbslosigkeit Dieser Abschnitt der Untersuchung setzt sich intensiv mit der Erwerbslosigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auseinander. Der Fokus liegt auf einer deskriptiven Bestandsaufnahmen von verschiedenen sozio-psychologischen Theorien. In dieser Übersicht dürfen selbstverständlich nicht Maria Jahoda und die Marienthalstudie sowie einer seiner bemerkenswertesten Protagonisten der Psychoanalyse Sigmund Freud fehlen. Anhand dieser Experten und einiger anderer wird die Ist- Situation der Individuen analysiert, die nicht mehr am Arbeitsmarkt partizipieren. In den vorherigen Kapiteln wurde aus einer philosophischen und teils juristischen Perspektive der Wandel des Terminus „Arbeit“ und seine historische Bedeutung dargestellt, in den nun folgenden Abschnitten wird das Thema nicht weiter fortgesetzt. Das Kernproblem des deutschen Arbeitsmarktes bildet die Massenarbeitslosigkeit, vor allem bei gering qualifizierten und älteren Personen. Die zunehmend enge Verzahnung zwischen Wirtschaft und der Sozialordnung tritt signifikant zum Vorschein, wenn eine neue Wirtschaftskrise entsteht.340 Die Erwerbsarbeit dient dem Individuum nicht ausschließlich zur Existenzsicherung, unter anderem identifiziert sich das Individuum durch seine ausgeübte Tätigkeit und repräsentiert seinen sozialen Status in der Gesellschaft dadurch. Dieser Status impliziert die gesellschaftliche „Nützlichkeit“ und die daraus resultierende Wertschätzung in der breiten Öffentlichkeit. Die Erwerbslosigkeit birgt die Gefahr des sozialen Abstieges, sowohl finanziell als auch gesellschaftlich. Wenn jedoch viele Individuen von Erwerbslosigkeit betroffen sind, und diese sind Aktuell immer noch im sozio-ökonomischen Korsett des Nationalstaates eingebettet, kann dies zu Unruhen in der Gesellschaft führen. Die damalige Implementierung sozialer Standards in Deutschland, unter Bismarck, war ein Resultat der allgemein herrschenden Unzufriedenheit unter der arbeitenden Bevölkerung, da die vorherrschende soziale Absicherung in der Praxis nur gewährleistet wurde, solange jemand in der Familie ein Einkommen bezog. Es spielten aber auch andere Faktoren, wie ein verstärktes Demokratieverständnis, und nicht ausschließlich prekäre Arbeitsbedingungen, bei diesen Unruhen eine signifikante Rolle. Solche Unruhen sind in den letz- 340 Vgl.: In diesem Kontext: Weltwirtschaftskrise von 1929 und die globale Bankenkrise von 2008. 107 PROLOG ten Jahrzehnten in der Bundesrepublik nicht mehr vorgekommen. Die Arbeitsmarktreform der Rot/Grünen Bundesregierung im Jahr 2005, führte vereinzelt zu Demonstrationen der Bürgerinnen und Bürger. Diese wollten auf den, ihrer Meinung nach, neoliberalen Vormarsch in der Wirtschafts- resp. Arbeitsmarkt aufmerksam machen. Wie die fast schon manifestierte Massenarbeitslosigkeit unter der Bevölkerung reduziert werden kann, darüber besteht unter den Experten ein Richtungsstreit. Es werden unterschiedliche Paradigmen proklamiert. Die neoliberalen Theoretiker präferieren ein Wirtschaftssystem mit geringer Regulation. In der Angebotstheorie mit neoliberalen Grundzügen werden Schocks oder Konjunkturkrisen intern geregelt, demnach bereinigt sich der Wirtschaftsmarkt eigenständig. Wird die Nachfrage stärker in den Focus gerückt, verweisen Keynesianer wiederum auf erhebliche Stabilisierungsprobleme und fordern eine Konjunktur- und wachstumspolitische Steuerung durch den Staat.341 Die EZB hat verschiedene Hilfspakete in Milliardenhöhe konzipiert, um verschuldete Staaten bei Ihrer Schuldenkrise zu unterstützen. Diese sind an weitreichende Bedingungen geknüpft, die die in Anspruch nehmen den Staaten zu weitreichenden Reformen zwingen. Einige neoliberale Experten wie Herr Sinn, äußern sich stets kritisch zu den Lohnkosten in der Bundesrepublik Deutschland und fordern diese zu mindern. Da aus neoliberaler Perspektive, diese im europäischen Vergleich zu hoch sein sollen. Durch die zu hohen Löhne/Gehälter würde die Arbeitslosigkeit in Deutschland vorangetrieben. Der konjunkturelle Aufschwung der Wirtschaft in Deutschland, kann nicht nur alleine auf eine Zurückhaltung der Gewerkschaften beim Thema Lohn/Gehalt in Tarifverhandlungen geführt werden. Konjunktureller Aufschwung stabilisiert sich nur, wenn auch die Binnennachfrage dem entsprechend gesteigert werden kann. Ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung enthält also mehrere Faktoren. Die Schwierigkeiten für jede nationale Wirtschaft sind die Langzeitarbeitslosen Bürgerinnen und Bürger. Die Kosten belasten den Wirtschaftshaushalt in Milliardenhöhe. Als langzeitarbeitslos definiert werden Individuen, die länger als 12 Monate keiner Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Es bestehen in diesem Kontext verschiedene Facetten der 341 Vgl.: Mehr zu diesem Thema in: Neumann, F. Lothar, Schaper, Klaus, Die Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland, Campus Verlag Frankfurt/ NY, 5. Auflage 2008 ff. 108 ZDJELAR Arbeitslosigkeit.342 Ein Unternehmen stellt seinen Betrieb ein und muss Insolvenz anmelden. Technische Innovationen haben zu einer nachhaltigen Veränderung in der Nachfrage geführt. Die Folge ist eine strukturelle Arbeitslosigkeit. Eine strukturelle Arbeitslosigkeit ist meist langfristig, da der Umstellungsprozess in der Wirtschaft viele Ressourcen bündelt. Ein Ansatzpunkt um dieser Form der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken sind zeitnahe und forcierte Umschulungs- oder Qualifizierungsangebote durch die Bundesagentur für Arbeit. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit wird dagegen durch zyklische Schwankungen der Gesamtwirtschaft verursacht, in Zeiten der globalen Vernetzung müssen diese nicht zwangsläufig Ursachen der eigenen Nationalökonomie sein. Nachfrageschwankungen führen zu Produktionsrückgängen, die wiederum zu Rationalisierungsmaßnahmen führen können. Um Konjunkturschwankungen zu kompensieren, ist es dringend erforderlich die Wirtschaftspolitik flexibel und kreativ zu gestalten. Ein verharren in veralteten wirtschaftlichen Dogmen wäre kontraproduktiv. Ressourcen müssen gebündelt und in den Wirtschaftskreislauf implementiert werden. Gegen eine saisonale Arbeitslosigkeit, vor allem in Berufszweigen, wie zum Beispiel in der Baubranche, besteht in Deutschland die Option ein so genanntes Saisonkurzarbeitergeld zu beantragen, gemäß §§ 175ff Sozialgesetzbuch – Drittes Buch (SGB III), Bundesrahmentarifvertrag für das Baugewerbe (BRTV).343 Die Sucharbeitslosigkeit, auch friktionelle Arbeitslosigkeit genannt, ist dagegen unvermeidbar. Jede Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer wird in seinem Berufsleben vermutlich in die Situation kommen, sich einen neuen Arbeitsplatz suchen zu müssen. In solch einer Situation, besteht die Option die Hilfe der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch zu nehmen. Maria Jahoda hat eine interessante Studie zu dem Thema: Arbeitslosigkeit und seine Folgen herausgebracht. Das Folgende Kapitel setzt sich mit dieser Studie auseinander. 342 Vgl.: Zdjelar, Jovan in: Ein Minimum für jeden? Investivlohn, Kombilohn, Mindestlohn. Lohnkonzepte für die Arbeitswelt von Morgen. Tectum Verlag Marburg 2010 ff. 343 Vgl.: Leitfaden Saison-Kurzarbeitergeld der der deutschen Bauindustrie. http://www.bauindustrie.de/media/attachments/Saison-Kug_LF_2009.pdf (Stand: 06.04.2015). 109 PROLOG 2.5 „Die Arbeitslosen von Marienthal“344 Die verschiedenen Facetten der Arbeitslosigkeit und seine Folgen für das Individuum, beschäftigen die Wissenschaft schon seit geraumer Zeit. Eine der bekanntesten Studien, erstellte Frau Maria Jahoda345 in einer Erhebung in den 1930er Jahren. Frau Jahoda definierte ihre Forschungsarbeit als soziographischen Versuch, die Folgen von Arbeitslosigkeit, um 1930 in einem kleinen Ort in der Nähe von Wien empirisch zu untersuchen. Durch diese Untersuchung wurden sozialpsychologische Tatbestände umfassend und objektiv dargestellt. Das faszinierende an dieser Erhebung war der Umfang des eigenen Einsatzes durch das Team von Frau Jahoda. Die Akteure waren mehrere Monate vor Ort und ein Bestandteil der Dorfgemeinschaft. Dadurch erhielten Sie die Möglichkeit als Beobachter tätig zu werden. Der enge Kontakt zu den Probanden wurde realisiert, indem den Einwohnerinnen und Einwohnern eine kostenlose medizinische Versorgung bereitgestellt wurde. Dieser Kontakt wurde wiederum intensiviert, indem der Dorfgemeinschaft gespendete Kleidungsstücke angeboten wurden und persönliche Besuche der Probanden durch das Team von Frau Jahoda durchgeführt wurden. Dadurch wurde den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Option gewahrt Interviews mit den Probanden durchzuführen. Natürliche Informationsquellen des Ortes wurden ebenfalls genutzt. Das waren zum einen der ortsansässige Verein und die statistischen Erhebungen der Bibliothek sowie die Wahlziffern der kommunalen statistischen Erhebung. Das Dorf Marienthal wurde nicht nur wegen seiner hervorragenden Untersuchungsbedingungen ausgewählt, sondern aufgrund der Tatsache, dass ein großes Unternehmen in der Nähe geschlossen wurde und von 478 Familien im Ort, nur noch 111 einer geregelten Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Dies machte eine Arbeitslosenquote, berechnet auf die Gesamtbevölkerung von 81,8 Prozent aus. Die Marienthal-Studie lässt sich in zwei Kategorien einteilen. Die erste umfasst Fragen nach der eigenen Meinung, zum Thema „Arbeitslosigkeit“ und die zweite nach der Auswirkung der „Arbeitslosigkeit“ 344 Vgl.: Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans in: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975 ff. 345 Vgl.: Jahoda, Maria, Sozialpsychologin und Soziologin, Autorin der Marienthalstudie, geb. 26.01.1907 in Wien, verstorben in West Sussex (GB) am 28.04.2001. 110 ZDJELAR auf das Individuum selbst. Aus Gründen der Komplexität wurde darauf verzichtet, alle Fragen der Untersuchung hier darzustellen. Die erste Kategorie umfasste Fragen wie:346 • „Was war die erste Reaktion auf die Arbeitslosigkeit?“ • „Was hat der einzelne getan, um Arbeit zu finden?“ • „Welche Pläne haben die Leute noch?“ Die zweite Kategorie umfasste Fragen wie: • „Wie ist die Wirkung auf den psychischen Zustand der Bevölkerung?“ • „Haben sich Schwierigkeiten bei eventueller Wiederaufnahme der Arbeit gezeigt?“ • „Haben sich allgemeine Interessenverschiebungen gezeigt?“ Neben der erwähnten Fragebogenerhebung wurde in Marienthal der Altersaufbau mit dem in Niederösterreich verglichen, die Haushaltsgrößen und der Lebensstandard ermittelt. Anhand dieser Ergebnisse wurde konstatiert, wie stark die Abhängigkeit der Probanden von der Sozialfürsorge oder Arbeitslosenunterstützung war. Eklatant deutlich wurde diese Abhängigkeit am Beispiel des Frühstücksbrotes. Am Tag der Auszahlung der Unterstützung wurde gezählt, wie viele Schulkinder ein Pausenbrot mit in die Schule gebracht haben. Das Ergebnis war bezeichnend für die Gesamtsituation in Marienthal, da mehr als zwei Drittel der Bevölkerung von Transferleistungen abhängig waren. Der vorherige ökonomische Status in den Familien konnte nur gesichert werden, wenn zwei Familienmitglieder einer geregelten Arbeit nachgingen. Das lag vor allem daran, dass die gezahlten Löhne zu niedrig waren. Wenn dagegen nur ein Familienmitglied einer geregelten Tätigkeit nachging, war der Lebensstandard nicht signifikant höher, im Vergleich zu einer Familie die ausschließlich von Transferleistungen lebt. Der erwirtschaftete Lohn von einigen Bewohnern, war teilweise identisch mit der Höhe der staatlichen Transferleistungen. Aktuell beziehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland, trotz Vollzeit- 346 Vgl.: Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans in: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975, S 14. 111 PROLOG beschäftigung, staatliche Transferleistungen. Einen Überblick darüber wie viele Personen dies sind, bietet die Abbildung der Bundesagentur für Arbeit vom Februar 2013. 8. Abbildung: Bundesagentur für Arbeit (Februar 2013)347 Im Jahr 2013 haben insgesamt 1.289.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, trotz einer geregelten Tätigkeit, staatliche Transferleistungen in der Bundesrepublik Deutschland bezogen. In der Erhebung der Marienthal-Studie wurde gefragt, wie die finanziellen Ressourcen strukturiert werden. Dabei kam ein negatives Ergebnis zustande. Die Mehrzahl der befragten gab an, die finanziellen Ressourcen fast gar nicht oder nur sehr schwer strukturieren zu können. Besonders die Kinder im Dorf bekamen diese finanzielle Not zu spüren. Vereinzelt wurde von den Probanden berichtet, dass die Kinder am Wochenende das Haus nicht verlassen dürfen, da das Spielen drau- ßen die Schuhe zu stark abnutzt. Eine gesundheitliche Untersuchung der Probanden ergab, dass nur 16 Prozent der Kinder unter 14 Jahren einen guten Gesundheitszustand vorweisen konnten, 51 Prozent wiesen einen mittleren Wert auf und 33 Prozent offenbarten einen schlechten 347 Vgl.: Onlineportal der Bundesagentur für Arbeit: Grundsicherung in Deutschland https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Soziale-Sicherung/Faltblatt-Aufstocker/Aufstocker-2013-07. pdf (Stand: 07.04.2015). 112 ZDJELAR Gesundheitszustand. Die gesellschaftlichen Aktivitäten der Einwohnerinnen und Einwohner im Dorf, gingen signifikant zurück. Die statistischen Daten der Bibliothek belegten, dass die Bücherausleihe von 1929 bis 1931 um 48,7 Prozent abnahm. Die Anzahl der Abonnenten der Arbeiterzeitung gingen um 60 Prozent zurück, im gleichen Zeitraum sanken die Mitgliederzahlen von gesellschaftlichen Gemeinschaften um 33 Prozent. Im örtlichen Gesangsverein, um bis zu 62 Prozent. Trotz der Tatsache, dass den Probanden, bedingt durch die Arbeitslosigkeit jetzt mehrt Zeit zur Verfügung stand. Die Wahlbeteiligung blieb von 1929 bis 1932 konstant hoch, bei 90 Prozent. Das Team von Frau Jahoda untersuchte ebenfalls, geschlechtsspezifisch getrennt, die Nutzung der generierten Alltagszeit, die jetzt bedingt durch die Erwerbslosigkeit den Probanden täglich zur Verfügung stand. Bei den Frauen im Dorf wurde festgestellt, dass diese durch die schwierige Haushaltsführung noch mehr unter Druck standen und es vereinzelt zu körperlich/seelischen Überbelastungen kam. Hingegen wurde bei den erwerbslosen Männern in Dorf beobachtet, dass die freigewordene Ressource Zeit, ihre Bedeutung für einige verloren hatte. Diese Resignation unter den Probanden viel insbesondere auf, als man diese nach ihrem aktuellen Status fragte. 51, 9 Prozent der Probanden gaben an, sie seien vom Beruf: „arbeitslos“. 24, 7 Prozent nannten bei dieser Frage ihren erlernten Beruf, mit dem Hinweis: „jetzt arbeitslos“. Die Gesamtheit der Ergebnisse, veranlasste Marie Jahoda dazu, die Familien in drei Kategorien einzuteilen: Demzufolge waren 69 Prozent der Familien „resigniert“, 23 Prozent waren „ungebrochen“ und 8 Prozent von ihnen waren „gebrochen“. Resigniert bedeutete, das Leben zu leben, die Kinder und den Haushalt zu pflegen und bis zur nächsten Auszahlung der Transferleistung zu wirtschaften. Ungebrochen wurde definiert, als nicht ganz ohne Hoffnung und mit Plänen für die nahe Zukunft. Gebrochen bedeutete, dass Kinder und Erwachsene sich Aufgaben und keinen Gedanken mehr an die Zukunft verschwendeten. Aktuell besteht immer noch ein starkes Interesse an der Studie von Marie Jahoda, die Untersuchungsergebnisse von damals weisen heute immer noch Parallelen zur aktuellen Individualisierungs- und Globalisierungsdebatte auf. Trotz weitreichender Modernisierung des Arbeitsmarktes, in Form neuer technischer Innovationen, zeigt das Individuum starke Verlustängste beim Entzug des Objektes „Arbeit“. Eine weitere sehr interessante Theorie zur Erwerbslosigkeit entstand in den 113 PROLOG 1965er Jahren durch den Medizinsoziologen Aaron Antonovsky348. Der nächste Abschnitt fasst diese Theorie zusammen. 2.6 Das Individuum und die psychosozialen Auswirkungen in der Erwerbslosigkeit Vorreiter zu diesem Thema ist Aaron Antonovsky der im Jahr 1960 zur Medizinsoziologie kam und sich primär für die alltäglichen Stresssituationen des Individuums interessierte. Der Terminus Salutogenese wurde durch Antonvsky geprägt. Dieser war der Meinung, dass die Gesundheit kein Zustand sei, sondern ein Prozess. Deswegen untersuchte Antonovsky bei seiner Stressforschung, vermeintliche „banale“ Alltagssituationen, wie zum Beispiel mit dem PKW im Stau stehen, aber auch einschneidende Ereignisse wie den Tod eines geliebten Menschen. Durch diese Forschung kam Antonovsky zu der Erkenntnis, dass die Medizinforschung primär pathogenetisch349 orientiert ist. Dies bedeutete, dass der Fokus nur auf die Faktoren oder Stressoren ausgerichtet war, die Krankheiten fördern oder deren Ursache darstellten. Wie auch andere Wissenschaftler wies Antonovsky in zahlreichen Publikationen in den 1965–66 nach, dass ein Zusammenhang zwischen Stressbelastung einerseits und der Entstehung von Krankheiten und deren Verlauf andererseits, existiert. Antonovsky stellte fest, dass Spannungen im Individuum nicht zwangsläufig pathogen sein müssen, sondern durchaus auch anregend und befriedigend sein können. Er ist der Ansicht, dass der Prozess der „Spannung“, sofern dieser gelöst wird, nicht zwangsläufig in Stress transferiert werden muss. 350 Die Theorie von Antonovsky besagt, dass eine Niederlage in einer Auseinandersetzung mit Stressoren zu einem Zusammenbruch führen kann, dass aber die Bewältigung der Niederlage zu einer Stärkung führt. 348 Vgl.: Aaron Antonovsky, geb. 1923 in Brooklyn, NY/USA; gest. 7. Juli 1994 in Beerscheba, Israel, war Professor der Soziologie und wird als der Vater der Salutogenese betrachtet. 349 Vgl.: Es wird zwischen der kausalen Pathogenese und die formalen Pathogenese unterschieden. Die kausale beschreibt den Zusammenhang von Krankheitsursache und Disposition. Die formale Pathogenese behandelt die funktionellen und strukturellen Krankheitsprozesse im Individuum. 350 Vgl.: Antonovsky, Aaron in: Meine Odyssee als Stressforscher, Krankheitsentstehung und Gesundheitsförderung, Jahrbuch für kritische Medizin, 1991, ff. 114 ZDJELAR Den Kernbegriff der Salutogenese bildet der „Sense of Coherence“ (SOC). Antonovsky definiert darunter, dass die Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt streng strukturiert abläuft und keineswegs chaotisch. Auftretende Probleme sind demnach mit einer Bewältigungsstrategie zu lösen. Der SOC definiert sich über drei Elemente: Verstehbarkeit (comprehensibility), Handhabbarkeit (manageability) und Sinnhaftigkeit (meaningfulness).351 Die „Verstehbarkeit“ setzt sich zusammen aus der Gesamtsumme der Stimuli, bestehend aus der äu- ßeren und inneren Umgebung, die im Laufe des Seins strukturiert wird und vorhersehbar sowie verständlich erscheint. Die Stressoren werden bewältigt, wenn das Ausmaß und die Art der Problemlage erkannt werden. Eine fortgeschrittene „Verstehbarkteit“ der Umwelt repräsentiert diesen Faktor. Die „Handhabbarkeit“ richtet ihren Fokus auf die verfügbaren Ressourcen, die geeignet sind, den durch die Stimuli gestellten Anforderungen gerecht zu werden. Im Vordergrund steht das Gefühl, dass die notwendigen Ressourcen für einen sinnvollen Umgang mit den Stressoren bei der betroffenen Person oder bei der akzeptierten Person in der Umgebung vorhanden sind. Die Sinnhaftigkeit wird folgendermaßen definiert, die Anforderungen werden als Herausforderung angenommen, deren Bewältigung ein inneres und äußeres Engagement erfordert. Dies stellt eine Lebenseinstellung dar, die das Leben als lebenswert ansieht und Stressoren zwar als hinderlich wahrnimmt, jedoch die Herausforderung zur Bewältigung annimmt und nicht verleugnend vorgeht. Diese Einstellung erzeugt die notwendige Motivation, die Welt zu ordnen und potentielle Ressourcen zu aktivieren. Antonovsky sieht in der Sinnhaftigkeit die wichtigste Komponente innerhalb des SOC. Vor allem hebt er die gesundheitsfördernde Wirkung des SOC hervor, dass daraus resultierende gesundheitsfördernde Verhalten und dazu die positive Lebenseinstellung. Antonovsky konstatiert, dass der SOC der Faktor zu sein scheint, der Ordnung in das Chaos der menschlichen Organisation bringen kann. Die drei erörterten Komponenten des SOC begünstigen oder behindern die Entwicklung des SOC durch den Grad ihrer Ausprägung. So kann eine hohe Ausprägung der „Verstehbarkeit“ bei einer vergleichsweise niedrigen Ausprägung der „Handhabbarkeit“ und zu- 351 Vgl.: Ebd, ff. 115 PROLOG gleich einer hohen Ausbildung der „Sinnhaftigkeit“ zu hohen Werten in allen Kategorien führen. 9. Abbildung : Komponenten des SOC352 „Der Sence of Coherence ist definiert als eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Umfang jemand ein durchdringendes und dauerhaftes, obgleich dynamisches Selbstvertrauten hat, so dass seine inneren und äußeren Lebensumstände vorhersagbar sind und dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass Probleme bewältigt werden können und zu vernünftigen Erwartungen führen.“353 Laut Antonovsky entwickelt der Mensch, um das dreißigste Lebensjahr herum eine Sichtweise der Welt, die die Welt mehr oder weniger kohärent darstellt. Je mehr Lebenserfahrungen als konsistent zu charakterisieren sind, ist abhängig von der Form der Partizipation der Ergebnisse. Das ausgeglichene Verhältnis von Über- und Unterladung von Stimuli ist besonders relevant. Je ausgeglichener dieses Verhältnis ist, desto stärker ist das Individuum geneigt, die Welt als kohärent und vorhersehbar zu betrachten. Falls diese Annahme von Antonovsky zutrifft, dann muss der SOC eine signifikante Bedeutung für die individuellen Reaktionen bei verschiedenen Stresssituationen beinhalten. Kinder, die in ihrer Entwicklung einen geringeren SOC aufweisen, können in der Ado- 352 Vgl.: Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998, S. 44. 353 Vgl.: Ebd, S. 45. 116 ZDJELAR leszenz durchaus mehr Stabilität entfalten. Der SOC lässt sich als ein persönlicher Charakterzug definieren oder als eine Form des Coping (Bewältigungsstrategie), mit einer permanenten Tendenz, dass Leben als mehr oder weniger geordnet, vorhersehbar und handhabbar zu betrachten. Während in der Adoleszenz eine Reihe von Entwicklungen stattfindet, wie die der Selbstfindung und der Unabhängigkeit, muss sich der SOC während dieser Zeit stärker ausbilden. Einer der Faktoren, der sich als evident für die Entwicklung des SOC herausstellte, ist die Bindung in der frühen Kindheit und während der Adoleszenz an das Elternhaus. Der andere wichtige Faktor ist die Stabilität der Gesellschaft, in der das Individuum lebt. Anhand der Lebenssituation von erwerbslosen Individuen kann man diese Theorie gut einordnen. Eine neue unbekannte und nur gering von einem selbst steuerbare Lebenssituation, löst in einigen Erwerbslosen Stress hervor. Formulare müssen bei der Bundesagentur für Arbeit ausgefüllt werden, Urkunden und Zeugnisse müssen zusammengestellt werden, der Lebenslauf muss verschriftlicht werden, potentielle neue Arbeitsgeber müssen recherchiert werden, um nur einige vermeintliche Stressfaktoren zu nennen, denen das Individuum ausgesetzt wird. Die Bewältigung dieser Aufgaben und die Strukturierung des Alltags, können erwerbslose Individuen sogar krank machen. Besonders dann, wenn die neuen Aufgaben, dass Individuum überfordern und der Stress körperliche Symptome erzeugt, wie zum Beispiel: Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit. Im nächsten Abschnitt werden Erklärungsmuster erörtert, die den Verlust der Erwerbsarbeit aus einer sozialpsychologischen Perspektive untersuchen. 2.7 Erklärungsmuster beim Verlust der Erwerbsarbeit Um sozialpsychoanalytische Erklärungsmuster erörtern zu können, muss man sich zunächst mit den Grundlagen zu diesem Thema auseinandersetzen. Wenn man die psychosozialen Auswirkungen für erwerbslose Individuen beschreibt, dann fallen Termini wie: Selbstachtung, Trauer, Angst, Depression, Bindung und Melancholie. Die intraspychischen Abläufe beim Verlust der Erwerbsarbeit, ähneln denen eines Objektverlusts oder Bindungsverlusts. Diese Abläufe resultieren aus Ängsten des Individuums, wie auch aus traumatischen Ereignissen, die 117 PROLOG vermutlich auf einer narzisstischen Bindungs- und Objektbesetzungsstruktur basieren können. Die Erwerbsarbeit unterliegt einer libidinösen Besetzung durch das Individuum, ergo muss es sich hierbei um ein libidinöses Objekt handeln.354 Signifikante Hinweise dafür, ergeben sich bei der Arbeitslosenforschung, die Ärzte und Psychologen bei ihren Studien gesammelt haben.355 Diese Hinweise, lassen sich im Einzelfall eindeutig belegen, jedoch ist der gesellschaftliche Kontext noch unzureichend geklärt. Es wurde auch noch nicht hinreichend geklärt, ob der Rückgang der Inanspruchnahme von Heilbehandlungsmaßnahmen oder Kuren, darauf zurückzuführen ist, dass Individuen eine kollektive Angstreaktion auf die vorherrschende Massenarbeitslosigkeit zeigen und der Verlust der Erwerbsarbeit vermutlich in enger Beziehung zu den Verlustängsten zum Objekt steht356. Untermauert wird diese These am Beispiel von Individuen, die von einer Betriebsschließung bedroht sind. Einige verdrängen die Tatsache der Schließung des Unternehmens und gehen davon aus, dass das Unternehmen von der Insolvenz befreit werden kann. Dramatischer verläuft solch eine Entwicklung der Verdrängung beim Individuum, wenn die Erwerbslosigkeit vor sich selbst und vor der Familie und Freunden verleugnet wird. Teilweise gehen die betroffenen Erwerbslosen jeden Morgen aus dem Haus, um dem Umfeld zu suggerieren, dass sie nicht erwerbslos sind. Dies sind nur einige Anzeichen für eine libidinöse Objektbesetzung der Erwerbsarbeit durch das Individuum. Es existiert eine direkte und eine indirekte libidinöse Objektbesetzung der Erwerbsarbeit durch seine Protagonisten. Aussagen von Betroffen Erwerbslosen lassen Rückschlüsse zu, dass es sich bei den Überlegungen und Aussagen um Größenphantasien, ebenso aber auch Kleinheitsphantasien, wie auch zur Selbstentwertung oder zu Schuldzuweisungen kommen kann. Legt man diese Argumentation zugrunde, kann davon ausgegangen werden, dass die Erwerbsarbeit einer 354 Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998. ff. 355 Vgl.: Baumann, Mareike in: Selbst und Fremdbilder von Arbeitslosigkeit, Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2010, S. 45 ff. 356 Vgl.: Reichwald, Maar (Hrsg.) in: Mensch und Arbeit im technisch –organisatorischen Wandel, Seisl, Petra in: Der Abbau personeller Überkapazitäten, Unternehmerische Handlungsspielräume- Folgewirkungen – Implikationen für ein Trennungsmanagement, Erich Schmidt Verlag GmbH & Co Berlin 1998, S. 114 ff. 118 ZDJELAR libidinösen Besetzung unterliegt. Nach der psychoanalytischen Definition, ist das Objekt eine Person oder eine Sache, Glaube oder als Ideologie zu definieren, die sich dem Individuum als libidinöses Objekt zur Verfügung stellt.357 Dies wird insofern deutlich, wenn Individuen ihre Ressourcen trotz Krankheit oder Urlaub dem Unternehmen zu Verfügung stellen. Ein Schamgefühl oder Schuldgefühle könnte die Ursache für dieses Handeln bei den Individuen sein. Es kommt ebenfalls in Betracht, dass Größenphantasien des Individuums eine Unentbehrlichkeit der eigenen Person im Unternehmen implizieren. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass Erwerbsarbeit in der Gesellschaft persönliche Erfolge produziert und das Individuum sich aus diesem Erfolg eine gewisse Anerkennung seiner Leistung verspricht. Erwerbsarbeit eignet sich sehr gut, als Objekt zur narzisstischen Triebbefriedigung. Erwerbsarbeit kann zur Identitätsbildung beitragen, sofern man der Ansicht ist, dass Erwerbslosigkeit zur Störung der persönlichen Identitätsbildung beiträgt. Der Erwerbsarbeit kann attestiert werden, dass es sich als libidinöses Objekt eignet.358 Ausgehend von der soziologischen Perspektive, im Hinblick der Berufswahl für das Individuum, nimmt die Erwerbsarbeit in diesem Kontext eine übergeordnete Rolle ein. Am Anfang der Berufswahl stehen teilweise infantile Wünsche im Vordergrund, erst in der Adoleszenz werden die Vorstellungen konkreter. Diese Vorstellungen bezüglich der Berufswahl orientieren sich an den Verdienstmöglichkeiten, den eigenen Interessen oder dem gesellschaftlichen Status. Bei dieser Wahl, sind die investierten Ressourcen zu berücksichtigen, die Dauer der Ausbildung, Schule oder Studium. Der ausgewählte Beruf und die daraus resultierende Erwerbsarbeit, können durchaus einer libidinösen Objektbeziehung unterworfen werden. Bei dieser Form der Besetzung würde es sich um ein reales Objekt handeln. Die ausgewählte Tätigkeit, wird zur Berufung. Dies hat zur Folge, dass bei einer Ablösung des Objekts, der Verlust durch Trauerarbeit sublimiert wird.359 Bevor die Trauerarbeit beginnen kann, muss jedoch geklärt werden, ob es sich in dieser 357 Vgl.: Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998, S. 73. 358 Vgl.: Freud, Sigmund in Massenpsychologie und Ich-Analyse, Nikol 2010, ff. 359 Vgl.: Bossinade, Johanna in: Theorie der Sublimation – Ein Schlüssel zur Psychoanalyse und zum Werk Kafkas, Könnigshausen & Neumann GmbH Würzburg 2007, S. 33 ff. 119 PROLOG Beziehung, um eine Liebes- oder um eine Hassbeziehung zum Objekt handelt. In einigen Fällen, kann es aber auch zu einer sogenannten ambivalenten Form der Beziehung kommen. Aus den konstatierten Beispielen lassen sich Rückschlüsse ziehen, dass es sich bei der Erwerbsarbeit um ein Objekt handeln muss, welches durch das Individuum besetzt werden kann. Die Erwartungen an die Erwerbsarbeit gleichen teils denen, die das Individuum an ein libidinöses Objekt stellt. Im Vordergrund dieser Beziehung steht die Befriedigung eigener Bedürfnisse, diese können ambivalent sein. Gestellte Aufgaben im Beruf werden mit Herausforderungen verglichen, werden diese erfolgreich absolviert, stellt sich ein Wohlbefinden im Individuum ein. Dabei muss unterschieden werden, ob diese Emotion intern oder extern durch das Individuum generiert wurde. Intern generierte Erfolge im Berufsleben, sind die, die positive Emotionen erzeugen können. Diese Emotion kommt einer narzisstischen Zufuhr von Selbstliebe gleich.360 Eine extern generierte Emotion, ist die Anerkennung durch Dritte. Die Erwerbsarbeit ist in der Position, Emotionen im Individuum zu erzeugen, die wiederum zur Bedürfnisbefriedigung herangezogen werden können. Dies sind primär, dass Sicherheitsbedürfnis, die soziale Integration in der Gesellschaft, das Bedürfnis nach Selbstachtung und Anerkennung, sowie das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Die von Maslow361 konstatierte Bedürfnispyramide veranschaulicht dies. 360 Vgl.: Altmeyer, Martin in: Narzissmus und Objekt – Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit. Vandenhoeck & Rupprecht Göttingen 2000, S. 61 ff. 361 Vgl.: „Zu Abraham Maslows bekanntester Leistung im Bereich der Psychologie zählt wohl dessen Bedürfnispyramide, einem Stufenmodell der menschlichen Motivationen. Diese Pyramide wurde von ihm in insgesamt fünf Stufen unterteilt. In der ersten Stufe an unterster Stelle sieht er die physiologischen Grund- und Existenzbedürfnisse wie z. B. ausreichend Nahrung, Wärme etc. Sie sind seiner Auffassung nach die grundlegendsten und mächtigsten unter allen Bedürfnissen. In der zweiten Stufe der Hierarchie innerhalb der Maslow‘schen Bedürfnispyramide folgen die Sicherheitsbedürfnisse. Darunter versteht man die Sicherheit, den Schutz, die Stabilität, die Geborgenheit, Freiheit von Angst, das Verlangen nach Strukturen, Ordnungen, Grenzen, Regeln und Gesetzen. Nach dem Sicherheitsbedürfnis folgen auf der dritten Ebene die sozialen Bedürfnisse. Wenn die untersten bei denen Ebenen der Bedürfnispyramide befriedigt sind, verlangt der Mensch nach Zuneigung und Liebe, nach sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit. Dieser Hierarchie der Bedürfnisse folgt dann die vierte Ebene mit Anerkennung und Wertschätzung sowie letztendlich auf der obersten fünften Stufe die Selbstverwirklichung eines jeden Menschen. Maslow sieht in seiner Theorie der 120 ZDJELAR 10. Abbildung: Bedürfnispyramide362 Die Psychoanalyse kritisiert an dieser Pyramide, dass die Objektbeziehungen mit der Summe der Umweltbeziehungen gleichgesetzt werden.363 Dieser Kritik kann nur bedingt beigepflichtet werden, zwischen dem Subjekt (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) und dem Objekt (Erwerbsarbeit) besteht eine Beziehung. Zwar ist in diesem Kontext das Objekt sehr komplex und es fließen Umweltbedürfnisse mit hinein, daher ist es sehr schwierig einzelne Beziehungen herauszuarbeiten. Es ist Bedürfnispyramide erhebliche funktionale Unterschiede zwischen den verschiedenen Ebenen. Je niedriger die Ebene ist, umso wichtiger sind die Bedürfnisse für das eigentliche Überleben. Deshalb unterscheidet er zwischen Defizitbedürfnissen (niedrigen Bedürfnissen) und Wachstumsbedürfnissen (höheren Bedürfnissen). Erstere müssen auf jeden Fall erfüllt sein, damit der Mensch zufrieden ist, letztere führen neben Zufriedenheit letztendlich zum Glück Die Wachstumsbedürfnisse, wie also z. B. das Streben nach Selbstverwirklichung, treten erst dann in den Vordergrund, wenn die Defizitbedürfnisse erfüllt sind. Durch sie erfolgt schließlich die Verstärkung der eigenen Individualität.“ Onlineportal: http://www.abraham-maslow.de/beduerfnispyramide.shtml (Stand: 21.04.2015). 362 Vgl.: Boeree, George in: Persönlichkeitstheorien, Abraham Maslow 1908 – 1970, Copyright 1998, 2006, C. Goerge Boeree, Shippensburg University USA, deutsche Übersetzung D. Wieser M. A. , 2006., S. 4. Onlineportal: http://www.social-psychology.de/do/PT_maslow.pdf ( Stand: 21.04.2015). 363 Vgl.: Heckhausen, Jutta, in: Motivation und Handeln, Springer Verlag, 4., überarb. u. aktualisierte Auflage 2010, S. 59. Myers, David G, in: Psychologie, Springer Verlag, 2. erw. u. aktualisierte Auflage 2008, S. 515. 121 PROLOG jedoch auch sehr schwierig einzelne Positionen herauszuarbeiten, wenn die Objektbesetzung durch das Individuum religiöser Natur ist. In der Psychoanalyse werden die Objektbeziehungen auf der Phantasieebene untersucht.364 „Vollständig ausgearbeitete Phantasien enthalten in der Regel ein bestimmtes Selbstbild, ein Bild vom Objekt und eine Geschichte über die Beziehung dazwischen.“365 Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Phantasien das Erfassen der realen Welt in einem gewissen Grad modifizieren und die daraus resultierenden Handlungen des Individuums aufgrund der Phantasien beeinflusst werden. In der Arbeitsgesellschaft macht sich dies bei „Großphantasien“ des Individuums bemerkbar. Wenn das Individuum der Annahme ist im Unternehmen unersetzbar zu sein. Gerade wenn diese auftretenden Phantasien nicht die notwendige Anerkennung durch das soziale Umfeld genießen, kann das Individuum den Bezug zur Realität verlieren. Bei der Erwerbsarbeit muss es sich um ein libidinöses Objekt handeln, welches zum Zwecke der Bedürfnisbefriedigung resp. der Triebbefriedigung dient und modifiziert wirkende Phantasieanteile enthält. Die Wünsche und Hoffnungen des Individuums lassen sich auf die Erwerbsarbeit projizieren und harmonische Anteile lasen sich introjizieren. Selbstverständlich können auch Störungen in solch einer Objektbesetzung durch das Individuum entstehen. Folgende Faktoren spielen dabei eine signifikante Rolle: Arbeitsüberlastung, Mobbing am Arbeitsplatz oder Verlustängste durch Umstrukturierungsmaßnahmen im Unternehmen. Häufig wird vom Individuum, welches sich in solch einer Phase befindet, der Terminus „Stress“ verwendet. In den meisten Fällen trifft dieser Terminus jedoch nicht zu. Stress definiert sich über eine körperliche Reaktion, verursacht durch eine psychische Empfindung, die zum einen Teil auf einer Hormonreaktion beruht sowie auf Ängsten und Furcht basiert. Das Individuum benutzte jedoch den Terminus „Stress“ gerne auch bei Alltagssituationen, die weder von Angst oder Furcht gekennzeichnet sind und auch keine Hormonreaktion hervorgerufen haben. Wenn das Individuum vor einem Misserfolg steht, 364 Vgl.: Hohega, Roderich in: Analytisch orientierte Psychotherapie in der Praxis – Diagnostik, Behandlungsplan, Kassenerträge, 4 Auflage, Schattauer GmbH Stuttgart 2008, S. 105 ff. 365 Vgl.: Ebd. 122 ZDJELAR erzeugt dies Scham und sogar Schuldgefühle, dass daraus resultierende Versagen oder die Angst vor einer Sanktionierung, erzeugen im Körper des Individuums eine Hormonreaktion, die wiederum „Stress“ erzeugen kann.366 Unter einer dauerhaften Stressbelastung wird das Individuum krank. Die positive libidinöse Objektbesetzung der Erwerbsarbeit durch das Individuum, kann sich auch ins Gegenteil umkehren. Diese Reaktion macht sich zum Teil bei einigen erwerbslosen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bemerkbar. Einige von ihnen schildern den Arbeitsalltag im ehemaligen Unternehmen sehr kritisch und unreflektiert. Dies manifestiert die Beziehungen von Individuen zur Erwerbsarbeit, solch eine Konstellation der Liebes- resp. Hassbeziehung zwischen Objekt und Subjekt, verdeutlicht eine Objektbesetzung der Erwerbsarbeit durch das Individuum. Wenn das Individuum häufig Misserfolge und Enttäuschungen im Berufsleben erfährt, kann dies bei einer differenzierten Betrachtung des Einzelfalls, eine sanktionierende Reaktion des Unternehmens gegenüber dem Subjekt auf dessen modifizierte Handlung sein. Daraus folgt, dass die Objektbeziehung zwischen der Arbeit und dem Subjekt ambivalenter Natur sein muss. Diese Form der Beziehung, bezieht ihre Bedürfnisbefriedigung und Enttäuschung aus ein und derselben Quelle, der Erwerbsarbeit. Wie in der psychoanalytischen Wissenschaft üblich, steht der Objektbegriff eng mit den folgenden drei Termini in Verbindung: Quelle, Objekt und Beziehung.367 Die Quelle hat in diesem Kontext eine sogenannte Vorbildfunktion, dass Subjekt und das Objekt treten aber in den Vordergrund. Es ist fraglich, ob die Wünsche nach Befriedigung durch das Objekt Erwerbsarbeit hinreichend befriedigt werden können. Laut Freuds Triebtheorie ist die Quelle ein Reiz, dessen primäres Ziel es ist, die Anspannung im Individuum zu sublimieren. Zu diesem Zweck benötigt das Individuum ein libidinös besetztes Objekt. Dieses wird benötigt um die Sublimierung auf einem indirekten Weg zu erreichen. In dieser dargestellten Form entspricht das Objekt „Erwerbsarbeit“ den Kriterien und Anforderungen im Sinne der Psychoanalyse nach Freud. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei der Beziehung eines Subjekts (Arbeitnehmerin, Arbeitnehmer oder Erwerbslose Individuen) und dem Objekt 366 Vgl.: Rüegg, Caspar, Johann in: Gehirn, Psyche und Körper – Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie – Mit einem Geleitwort von Gerd Rudolf – Schattauer Verlag 4. Auflage Stuttgart 2007, S. 82 ff. 367 Vgl.: Freud, Sigmund in: Triebe und Triebschicksale, Das Ich und das ES, Fischer Verlag Frankfurt am Main 1915/1994 ff. 123 PROLOG (Erwerbsarbeit) um ein libidinös besetztes Objekt handeln kann. Norbert P. Nüchter schreibt in seiner Studie „Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit“, dass es sich bei der Triebbefriedigung des Objekts Arbeit nicht um einen Partialtrieb handeln kann, sondern eher um eine ständig wechselnde Triebmischung, die die Ressourcen liefert, um die gro- ße Anstrengung zu bewältigen, Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr die Strapazen aufzunehmen, um einer geregelten Erwerbsarbeit nachzugehen.368 Dies verdeutlicht die ambivalente Beziehung zwischen dem Individuum und der Erwerbsarbeit. Der Verlust der Beziehung kann Individuen krank machen, sofern diese keinen adäquaten Ersatz für die verloren gegangene Beziehung finden können. In Einzelfällen können der Strukturverlust durch Erwerbslosigkeit, die soziale Ausgrenzung und die finanziellen Sorgen, dass Individuum in Depressionen und Stimmungsschwankungen sowie zu einem Anstieg des Konsums von Alkohol oder Drogen führen. Diese Substanzen werden als Substitut verwendet, deren negative Auswirkung auf die Gesellschaft und das konsumierende Individuum hinreichend bekannt sind. Durch die permanente Bedrohung des Individuums in der Weltarbeitsgesellschaft, entstehen latente Ängste und Befürchtungen. Freud definierte „Angst“ unspezifisch und objektlos. Sie manifestiert sich nicht aus einer konkreten Bedrohung heraus, sie kann aus Bildern und Phantasien bestehen, die durch das Individuum erzeugt werden. Diese können die momentane Situation beschreiben, das Individuum muss jedoch nicht akut von dieser beschriebenen Situation bedroht werden. „Wir suchen offenbar nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst erschließt, nach einem Entweder—Oder, dass die Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreicht als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil keine Wahl möglich war. Ich schlage jetzt vor, es anders zu machen wir wollen unparteiisch alles zusammentragen, was wir von der Angst aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer neuen Synthese verzichten.“369 368 Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998, S. ff. 369 Vgl.: Freud, Sigmund in Hemmung, Symptome, Angst, Fischer Verlag Frankfurt am Main 1926/1992, S. 162. 124 ZDJELAR Freud konstatiert der „Angst“ einen Unlustcharakter, der Abfuhrreaktionen und Wahrnehmungen derselben enthält. „Aus der Empfindung der Angst können wir immerhin etwas entnehmen. Ihr Unlustcharakter scheint eine besondere Note zu haben das ist schwer zu beweisen, aber wahrscheinlich; es wäre nichts Auffälliges.“370 In Folge von Erwerbslosigkeit handelt es sich beim Angstsignal nicht zwangsläufig um die Angst ökonomische Verluste hinzunehmen, dass Angstsignal kann ein Erinnerungssymbol sein, dass situativ als affektives Symbol bei einem Ereignis ausgelöst wird, welches möglicherweise noch bevorsteht. Die Emotion „Angst“ kann beim Individuum Bilder oder Phantasien einer Situation aus der Vergangenheit generieren, die vom Individuum als unmöglich zu bewältigen eingestuft werden. Die Angst entsteht reflexartig beim Individuum, durch traumatische Situationen, in der es von äußeren und inneren Reizen überflutet wird. „Wir meinen, auch die anderen Affekte sind Reproduktionen alter, lebenswichtiger, eventuell vorindividueller Ereignisse und wir bringen sie als allgemeine, typische, mit geborene hysterische Anfälle in Vergleich mit den spät und individuell erworbenen Attacken der hysterischen Neurose, deren Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole uns durch die Analyse deutlich geworden ist.“371 Das Angstsignal ist demnach ein Schutzmechanismus, der dem „Ich“ dazu dient eine Reizüberflutung in einer möglichen Gefahrensituation zu sublimieren. Das Angstsignal reproduziert in dieser Situation eine abgeschwächte Variante der ursprünglich in einer traumatischen Situation erlebten Angstreaktion, die zur Auslösung von Abwehrreaktionen beiträgt. Wenn die Erwerbslosigkeit als kritisches Lebensereignis bewertet wird, werden von den betroffenen Individuen Befürchtungen und unspezifische Bilder oder Phantasien in die Zukunft projiziert. Dies entspricht der Theorie von Zukunft- und Existenzängsten der Individuen. Vom Individuum wird die Erwerbslosigkeit als ein kritisches Lebensereignis wahrgenommen, welches eine Gefahrensituation her- 370 Vgl.: Ebd, S,162. 371 Vgl.: Ebd, S. 164. 125 PROLOG vorruft, die das „Ich“ in eine Situation manövrieren kann, die vermeintlich nur schwer zu bewältigen ist. „Die Angst entstand als Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie wird nun regelmäßig reproduziert, wenn sich ein solcher Zustand wieder einstellt.“372 Diese Situationsreize, die konkret eintreten oder sich in Form von Bildern ausdrücken können, bestehen aus einer Reizmischung, die gleichermaßen aus inneren und äußeren Reizen bestehen kann. Einen konkreten Impuls stellt das Trennungserlebnis zum Objekt „Erwerbsarbeit“ dar, und der daraus resultierende Einkommensverlust ist eine äußere Bedrohung. Bedrohungen des Individuums können in der Weltarbeitsgesellschaft bevorstehende Verhandlungen beim Arbeitsgericht sein, Absagen auf eingereichte Bewerbungen, die unübersehbare Verweildauer in der Erwerbslosigkeit, die ökonomischen Einbußen beim Bezug von Transferleistungen, der Verlust des sozialen Status, Konflikte in der Beziehung aufgrund einer möglichen Perspektivlosigkeit und vieles mehr. Hinzu kommen möglicherweise innere Vorstellungen der Ich-Entwertung durch den sozialen Status als erwerbsloses Individuum in der Weltarbeitsgesellschaft und der damit einhergehende Verlust der Selbstachtung. Diese traumatische Situation kann Unlusterwartungen und Unlustempfindungen beim Individuum produzieren, die wiederum zu Abfuhrreaktionen führen können. „Die Entwicklung wird dabei so vorgestellt, dass die inneren und äußeren Konsequenzen einen Unlustzustand besondere Art erzeugen, der auf bestimmten Bahnen zur Abfuhr drängt und deshalb Angst erzeugt. Angst an sich ist als notwendiger Affekt zu betrachten, dessen Aufgabe es ist, einer Gefahr entgegen zu wirken und die Gefahr zu entschärfen, so dass über das Angstsignal und die damit verbundene Regression auf eine früher erlebte traumatische Situation, die in abgeschwächter Form wieder erlebt wird, die Handlungsfähigkeit erhalten wird.“373 372 Vgl.: Ebd; S. 164. 373 Vgl.: Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998, S. 100. 126 ZDJELAR Eine Angst- und Furchtreaktion dient dem Individuum als natürlicher Schutz vor gefahren. Dieser natürliche Schutzmechanismus diente dem Urmenschen sich vor Gefahren zu schützen. Es gab zwei wesentliche Optionen für den Urmenschen, bei einer drohenden Gefahr, die erste Option war die Flucht ergreifen oder sich der Bedrohung stellen. Diese archaischen Vorgänge sind in einer gesellschaftlich angepassten Form nur bedingt durch das Individuum zu realisieren. Wie soll das Individuum alleine die moderne Bedrohung in der Weltarbeitsgesellschaft entgegenwirken? Im ersten Moment ist die Bedrohung durch Erwerbslosigkeit unsichtbar und allmächtig. Die Option der Flucht vor der drohenden Erwerbslosigkeit, ist optional möglich, indem das Individuum zeitnah eine neue Erwerbsarbeit findet. Die Verteidigung gestaltet sich jedoch sehr schwierig, da der Gegner keine natürliche Person darstellt, sondern ein von Individuen geschaffenes Konstrukt, auf Basis der geltenden Normen. Das Arbeitsrecht genießt einen Schutzcharakter, um die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor willkürlichen Entscheidungen durch Arbeitgeber zu schützen, dieser Schutz ist nicht allumfassend. Den Arbeitgebern wird ein großer gesetzlicher Ermessensspielraum eingeräumt, wie diese mit ihren Beschäftigten umgehen dürfen. Wenn das Individuum akut von der Erwerbslosigkeit betroffen ist, löst das in ihm eine permanente „Alarmbereitschaft“ aus, die wiederum erzeugt hormonell bedingten Stress. Dieser erzeugte Stresspegel manifestiert sich auf einem erhöhten Niveau im Körper des erwerbslosen Individuums. Eine solche Neujustierung der hormonellen Stressbelastung bei den Protagonisten, kann in Einzelfällen zu wenig produktiven Entscheidungen führen, die wiederum neue Bilder und Phantasien generieren, die Folge davon sind zusätzliche Angstgefühle, die den Stresskreislauf weiterhin aktivieren können. „Wenn also das Individuum in eine neue Gefahrsituation gerät, so kann es leicht unzweckmäßig werden, dass es mit dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere Gefahr, antwortet, anstatt die der jetzigen adäquaten Reaktion einzuschlagen.“374 Der Inhalt dieser sich abzeichnenden Angst, ist die Angst vor dem Objektverlust. Dies erklärt die Notwendigkeit der körperlichen Abfuhr, 374 Vgl.: Freud, Sigmund in Hemmung, Symptome, Angst, Fischer Verlag Frankfurt am Main 1926/1992, S. 165. 127 PROLOG durch den neujustierten Hormonhaushalt im Individuum. Wiederum können Individuen einer konkreten und physischen Bedrohung durch Flucht oder Verteidigung entgegnen, der Aufbau dieser Anspannung im Körper ist wiederum hormonell bedingt, diese alleine dem Zweck dient, die notwendigen psychischen und physischen Voraussetzungen für eine mögliche Aktivität zu schaffen. Da aber bei erwerbslosen Individuen keine kontinuierliche Möglichkeit zur Abfuhr existiert, da die Erwerbslosigkeit ein permanenter Zustand ist, kann Erwerbslosigkeit eine Anhäufung von Angstaffekten bedeuten. Dieser Zustand wird in Einzelfällen durch neugenerierte Bilder und Phantasien im Bewusstsein des Individuums verdrängt. Dies kann aber zur Folge haben, dass es bei den Protagonisten zu psychischen und auch teilweise zu psychosomatischen Symptomen kommen kann. Die eintretende Angst, die sich symptomatisch äußern kann, ist die Ursache einer Hemmung im Individuum, diese kann wiederum unspezifisch und objektlos entstehen. Laut Freud ist solch eine Hemmung auf eine sexuelle Diskrepanz zurückzuführen, aber auch andere libidinöse oder narzisstische Hemmungen können als Ursache von Angst vorstellbar sein. „Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann uns nicht lange entgehen. Manche Hemmungen sind offenbar Verzichte auf Funktion, weil bei deren Ausübung Angst entwickelt werden würde.“375 Im Fall der Erwerbslosigkeit bei Individuen, kann die eintretende soziale Ausgrenzung zu einer sozialen Hemmung führen. Das Bedürfnis nach einem sozialen Umfeld wird gehemmt, dies kommt einer Triebhemmung gleich, vorausgesetzt man definiert den Trieb als ein Bedürfnis, welches auf Befriedigung ausgerichtet ist. Wenn der Sozialtrieb bei den Individuen gehemmt wird und keine Abfuhr erreicht werden kann, besteht die Möglichkeit, dass sich Angstzustände im Individuum etablieren. Es können Bilder im Bewusstsein generiert werden, die Hilflosigkeit und Vereinsamung darstellen. Diese Form der Angst ist unspezifisch und benötigt kein Objekt. In diesem Fall handelt es sich vielmehr um eine Imagination. Von Erwerbslosigkeit betroffene Individuen lei- 375 Vgl.: Freud, Sigmund In: Hemmungen, Symptome und Angst (1926), Onlineportal: psychoanalyse.lu, http://www.psychanalyse.lu/Freud/FreudHSA. pdf (Stand: 28.04.2015), S. 2. 128 ZDJELAR den sehr stark unter dem ökonomischen Druck, dies kann zur Folge haben, dass Existenzängste sich bei den betroffenen einstellen. „Die Gefahrsituation ist die erkannte, erinnerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit. Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduziert wird.“376 Gegen diese permanente Bedrohung kämpft das Individuum an. Es sucht nach einer Bewältigungsstrategie, eine Abfuhrmöglichkeit, um den Spannungszustand aufzulösen. Diesen Spannungszustand auf direkten Weg aufzulösen, ist häufig nicht möglich, daher kann es zu Symptombildungen beim Individuum kommen. „Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen Schauplätzen ab und bedient sich mannigfaltiger Mittel.“377 Symptome können in mannigfaltigen Escheinungsmustern auftreten. Diese Symptome dienen alleine der Vermeidung der durch die Angst generierten Bilder im Bewusstsein des Individuums, die als unausweichliche Bedrohung wahrgenommen werden können. Die entstehenden Symptome sollen das betroffene Individuum vor der Angst schützen und dienen somit der Abfuhrreaktion. Das eintretende Symptom kann das erwerbslose Individuum vor der Last des imaginierten Ereignisses schützen. Eine mögliche Erklärung für solche Symptome kann eine narzisstische Besetzung des Objekts „Erwerbsarbeit“ sein. Narzisstisch geprägte Neurosen resultieren aus einem labilen Selbstwertgefühl. Die gefühlte ständige Bedrohung des Selbstwertgefühls wird oft auf unangemessene Weise kompensiert. Das Individuum generiert übertriebene Erfolgsphantasien, leidet an Selbstüberschätzung und erwartet die Bewunderung durch andere.378 Wie bereits erörtert, genießt die Er- 376 Vgl.: Freud, Sigmund in: Gesammelte Werke (1925–1931), Onlineportal: dpv-psa.de, http://www.dpv-psa.de/wissenschaft/sigmund-freud-online/ (Stand: 28.04.2015).S. 200. 377 Freud, Sigmund In: Hemmungen, Symptome und Angst (1926), S. 2, Onlineportal: psychoanalyse.lu, http://www.psychanalyse.lu/Freud/FreudHSA.pdf (Stand: 28.04.2015), S. 9. 378 Vgl.: Onlineportal: http://www.psychomeda.de/lexikon/neurose.html (Stand: 129 PROLOG werbsarbeit in der heutigen Weltarbeitsgesellschaft einen hohen Stellenwert für das Individuum. Die Erwerbsarbeit gestaltet sich als Quelle der Selbstachtung, des Selbstwertgefühls und des Selbstverständnisses. Laut Alois Wacker ist die Erwerbsarbeit eine relevante Basis, die für die Entwicklung der Identität des Individuums notwendig zu sein scheint.379 Der Eintritt in die Erwerbslosigkeit, stellt generell einen ökonomischen Verlust dar, dieser ist im Einzelfall existenziell. Diese existenzielle Bedrohung manifestiert sich bei den betroffenen Individuen im Bewusstsein. Eine existenzielle Bedrohung kann aber auch zu einer narzisstischen Kränkung führen, da der Verlust des libidinös besetzten Objektes Erwerbsarbeit vorliegt. Dies kann zu nachhaltigen Hemmungen und in einigen Einzelfällen sogar zu einem immanenten Gefühl der Hilflosigkeit führen. „Die Hemmung ist der Ausdruck einer Funktionseinschränkung des Ichs, die selbst sehr verschiedene Ursachen haben kann.“380 Die Hilflosigkeit führt ihrerseits in ein Szenario, welches die Angst vor Verarmung konkretisiert. Diese Hemmungen zeigen sich bei den Individuen unter anderem im Sozialverhalten, dass vermehrt durch Rückzugsbemühungen seitens der Betroffenen gekennzeichnet wird. Der Verlust der Erwerbsarbeit kann zu einer narzisstischen Kränkung führen, die Folge ist die Reduktion der Objektlibido oder der narzisstischen Libido vom Objekt. Dies hat wiederum zur Folge, dass eine Inkongruenz des Selbstbildes auftritt, welches zu einem übersteigerten Selbstwertgefühl oder zu einer gestörten resp. zerstörten Selbstachtung führen kann.381 Um diesem Schreckensszenario zu entkommen und zumindest die täglichen Lebensaufgaben zu bewältigen, bedarf die Angst als Affekt und Erregungszustand, einer Abfuhr. Diese Abfuhr kann sich in einer nach innen gerichteten Aggression, in einer nach außen gerichteten Aggression oder in einer Besetzung der Selbstpräsenz äußern. 29.04.2015). 379 Vgl.: Wacker, Alois in: Arbeitslosigkeit, Soziale und psychische Folgen, Europäische Verlagsgesellschaft Frankfurt am Main 1983, S. 53. 380 Vgl.: Onlineportal: psychoanalyse.lu , Freud, Sigmund In: Hemmungen, Symptome und Angst (1926), http://www.psychanalyse.lu/Freud/FreudHSA. pdf (Stand: 28.04.2015), S. 3. 381 Vgl.: Nüchter P, Norbert in: Zur Sozialpsychologie der Arbeitslosigkeit. Individuelle Folgen und psychoanalytische Erklärungsansätze, Tectum Verlag Marburg 1998, S. 108. 130 ZDJELAR Dadurch können verschiedene Symptome entstehen. Die Aggression kann sich in Einzelfällen in physische Gewalt entladen und dadurch abgeführt werden. Andererseits kann sich die Aggression auch durch Selbstbestrafungsaktionen und Selbstbezichtigungsaktionen entladen. Bei einigen erwerbslosen Individuen entstehen Symptome wie: Darmbeschwerden, Herz-Kreislaufbeschwerden oder vereinzelt psychosomatische Symptome, wie gravierende Zwangsneurosen.382 Man muss jedoch sehr vorsichtig sein bei solchen Diagnosen, je körperlicher eine Beschwerde beim Individuum ist, desto schwieriger ist es eine Kausalität zwischen einem erwerbslosen erkrankten Individuum und einem erwerbstätigen Individuum zu erstellen.383 Legt man die Termini Zukunftsangst resp. Existenzangst zugrunde, veranschaulicht dies, wie existentiell der Verlust des Objekts Erwerbsarbeit für das Individuum ist. Hierfür entscheidend sind die ambivalente Bedrohung und der Verlust von Status und nicht zuletzt die finanziellen Folgen für die Individuen. Dieses Lebensereignis generiert Schreckensszenarien im Bewusstsein des Individuums, die als nicht handhabbar und als Gefahr eingestuft werden können. Das Resultat können Angstzustände sein, die permanent wirken und einen hormonell bedingten Stress im Individuum auslösen können. 2.8 Eine zeitpolitische Betrachtung der Arbeitslosenforschung – Zwischenfazit Die empirische Sozialforschung hat bereits seit längerem und wiederkehrend nachgewiesen, wie tragisch der Verlust von Erwerbsarbeit in der Gesellschaft, auf die mentale und physische Verfassung der Individuen sich auswirken kann. Die Erwerbslosigkeit hat Einfluss auf das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit. Dieser Zustand erzeugt bei den Betroffenen ein Gefühl von Leere und Niedergeschlagenheit. Das wiederum hat zur Folge, dass vermehrt Depressionen und Angstsymptome bei den Individuen diagnostiziert werden. Die Verschlechterung der finanziellen Situation und der Verlust der Identifikation und Anerkennung in der Weltarbeitsgesellschaft spielen eine signifikante Rol- 382 Vgl.: Friedel, Heiko in: Arbeitslosigkeit und Krankheit – Eine gesundheits- ökonomische Studie, Tectum Verlag Marburg 2000, S. 25. 383 Vgl.: Ebd. S, 25. 131 PROLOG le bei diesem Krankheitsbild.384 Jedoch sind diese Beobachtungen nicht zu generalisieren und der Verlust der Erwerbsarbeit kann auch als unproblematische Lebenssituation von den Betroffenen eingestuft werden.385 Sogar als Erleichterung und Befreiung von einer belastenden Tätigkeit. Der Verlust der Erwerbsarbeit hat verschiedene Auswirkungen auf die Individuen, es kann ein Zugewinn an freier Zeit sein, der positiv von dem einzelnen bewertet wird, oder aber auch negativ, indem sich verschiedene Krankheitsbildern beim Individuum bemerkbar machen. Die Folgen der Erwerbslosigkeit sind ambivalent und kommen in den Lebenswelten der Betroffenen unterschiedlich vor. Diese Heterogenität der psychischen und physischen Auswirkungen auf die Individuen korrespondiert mit der Forderung von Alois Wacker, den Fokus der Arbeitslosenforschung auf eine differentielle Methodik auszurichten. 386 Diese Form der differentiellen Arbeitslosenforschung richtet ihr Augenmerk auf die Faktoren, die zu den psychischen Folgen bei einer Erwerbslosigkeit führen. Die Pionierarbeit in der Arbeitslosenforschung leistete Frau Marie Jahoda und ihr Team bereits vor über 80 Jahren mit der „Marienthalstudie“. Wie aktuell sind die Ergebnisse der Marienthalstudie heute? Wie gehen heute erwerbslose Individuen mit ihrer Situation um? Die Kernthese der Marienthalstudie, dass die Entbindung aus dem Arbeitsverhältnis und die dadurch gewonnene Zeit, den Alltag der Betroffenen in Marienthal komplett entwertet haben, gilt es zu überprüfen. Frau Jahoda spricht in ihrer Studie zum Thema „Zeit“ von einem „tragischem Geschenk“ für die betroffenen Einwohner.387 Dies wird anhand ihrer Beobachtungen zur Schrittgeschwindigkeit der Einwohner dokumentiert. Da eine signifikante Verlangsamung der Gehgeschwindigkeit nachgewiesen wurde. Die Marienthalstudie gewann in der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre und in der Manifes- 384 Vgl.: Paul, Karsten in: The negative mental health effect of unemployment: Meta-analyses of cross-sectional and longitudinal data. Doctoral dissertation, University of Erlangen-Nürnberg ff. 385 Vgl.: Rogge, B.G., Kuhnert, P., & Kastner, M. in: Zeitstruktur, Zeitverwendung und psychisches Wohlbefinden in der Langzeitarbeitslosigkeit. Eine qualitative Studie. In: Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.), Arbeitswelt und Gesundheit. Psychosozial 2007, Sonderheft 109, S. 85–103. 386 Vgl.: Wacker Alois in: Differentielle verarbeitungsform von Arbeitslosigkeit; Prokla 53, S. 77–88. 387 Vgl.: Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans in: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975, S. 83. 132 ZDJELAR tierung der Massenarbeitslosigkeit der 1980er Jahre enorm an Bedeutung in der Sozialforschung. Viele Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler wandten sich vermehrt dieser Thematik zu. Dies wird vor allem durch die Neuauflage im Jahr 1975 der Marienthalstudie im Suhrkamp Verlag deutlich. Frau Jahoda entwickelte im Jahr 1982 einen neuen Ansatz, aufgrund aktuellerer Studien in der Arbeitslosenforschung, und einem anderen Verständnis der Erwerbslosigkeit, in Form der psychosozialen Deprivation.388 Diese Theorie beinhaltet eine Anthropologisierung der Bedürfnisse eines Individuums nach Erwerbsarbeit. Frau Jahoda postuliert dem Individuum fünf grundlegende Bedürfnisse.389 Zum einem das Bedürfnis nach einer Zeitstruktur, nach sozialen Kontakten außerhalb der Familie, die Einbindung kollektiver Ziele, den sozialen Status und einer Identität, sowie das Bedürfnis nach einer regelmäßigen Beschäftigung. Frau Jahoda hebt explizit die Zeitstruktur unter den Bedürfnissen hervor.390 Sie konstatiert der Zeitstruktur eine immense Bedeutung, weil Ihrer Meinung nach, Individuen ohne solch einen unterstützenden Rahmen Schwierigkeiten bei der Lebensgestaltung aufweisen können. Sie ist der Ansicht, dass objektive Merkmale der Alltagszeit, nämlich die zeitliche Struktur des Alltags, mit den subjektiven Merkmalen des Zeiterlebens zusammenfallen. Frau Jahoda sieht im Verlust der Erwerbsarbeit bei Individuen, ein Abrutschen in eine strukturlose und sinnentleerte Existenz.391 Dieser Theorie ist nur bedingt zuzustimmen, da sie ein simplizistisches Verständnis der Zeit wiederspiegelt. In dieser Überlegung fehlt das aktive Gestalten der Alltagszeit durch die Protagonisten.392 Die gewonnene Zeit muss nicht zur strukturlosen und sinnentleerten Existenz führen, wie es Frau Jahoda beschreibt. Die „Zeit“ kann auch als Medium verstanden werden, dass dazu dient seine Aktivitäten einem Umstrukturierungsprozess zu unterwerfen. Individuen können sich bei einem neuen Hobby verwirklichen oder gehen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach, diese Aktivitäten sind vergleichbar der einer Erwerbsarbeit. Sie werden vom Individuum 388 Vgl.: Jahoda, Marie in: Employment and unemployment. A social-psychological analysis. Cambridge: Cambridge University Press. 1982, S. 298. 389 Vgl.: Ebd. 390 Vgl.: Ebd. S. 85. 391 Vgl.: Ebd. 392 Vgl.: Opaschowski, Horts, W. In: Arbeit. Freizeit. Lebenssinn – Orientierungen für eine Zukunft die längst begonnen hat. Leske und Budrich GmbH Leverkusen 1983, S. 69 ff. 133 PROLOG strukturiert und sie dienen einem neuen Verständnis von Status und sozialer Integration. Frau Jahoda würdigt diese Aspekte bei Ihrer Argumentation nur gering. Herr Luedtke veranschaulicht in seiner Skizze über die Folgen der Erwerbslosigkeit die einzelnen Verbindungen, in die das Individuum in der Weltarbeitsgesellschaft eingebettet ist. Dieses Netzwerk kann ebenfalls zur aktiven Gestaltung der Zeit hinzugezogen werden. Die Gestaltung der Zeit ist nicht bei allen Erwerbslosen identisch. Selbst dann nicht wenn diese in einer ähnlichen Lebenssituation sich befinden. Das erleben der Zeit und primär ihr Nutzen für den einzelnen, hängt signifikant von der eigenen Identität, der Rollendisposition, der sozialen Integration und der eigenen Zielsetzung ab. 11. Abbildung: Soziale Folgen von Arbeitslosigkeit393 393 Vgl.: Luedtke, J. In: Lebensführung in der Arbeitslosigkeit – Veränderungen und Probleme im Umgang mit der Zeit in: Voss, G. G. & Weihrich, M. (Hrsg.), tagaus – tagein. Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung. Hamp München 2001, S. 92. 134 ZDJELAR Individuen erleben den Alltag unterschiedlich und dadurch entstehen unterschiedliche Perspektiven. Diese sind unterschiedlich auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart ausgerichtet. Arnold Hinz zieht einen philosophischen Bezug zu Aristoteles in seinem Buch: „Psychologie der Zeit“. „Meine Ausführungen zu den drei zeitlichen Dimensionen möchte ich mit einem Bezug auf die Philosophie einleiten. Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) spricht von seiner Physik vom Vergangenem, vom Kommendem und vom Jetzt. Er fragt, ob die Zeit seiend oder nicht seiend ist, da der eine Teil derselben schon gewesen ist und daher nicht mehr ist, während der andere bevorsteht und daher noch ist. Zudem ist das Jetzt nur die Trennung und Grenze der Zeit. Aber das Jetzt ist auch die Einheit von Vergangenheit und Zukunft und der Zusammenhalt der Zeit.“394 Die drei Dimensionen der Zeit sind offenbar keine Abgegrenzte Einheit, die zusammengefasst die Zeit ergibt. Das Zeiterleben wird nicht nur in unterschiedlichen Kulturen anders wahrgenommen, sie variiert unter den sozialen Schichten und in der Gruppe der Erwerbslosen. Bei einigen Individuen führt die Erwerbslosigkeit dazu, dass sie sich weg von der Zukunft und verstärkt der Gegenwart widmen. Bei anderen wiederum erschüttert die Erwerbslosigkeit das Zeiterleben nicht und die Zeitperspektive verändert sich kaum.395 Frau Jahoda hat dies selbst in der Marienthalstudie bestätigt. Sie definiert 23 Prozent der erwerbslosen Einwohner als „Ungebrochene“ mit einer aktiven Zeitgestaltung und Zeitstruktur.396 Seit den 1980er Jahren hat sich eine neue Herangehensweise bei der Arbeitslosenforschung etabliert, die der differenziellen Arbeitslosenforschung.397 Diese hinterfragt die Ambivalenz der spezifischen Erfahrungen und den Umgang mit der Erwerbslosigkeit. Die Entwertung des Faktors Zeit infolge einer Erwerbslosigkeit steht 394 Vgl.: Hinz, Arnold in: Psychologie der Zeit – Umgang mit Zeit, Zeiterleben und Wohlbefinden, Waxmann Verlag , München, NY, Berlin, Münster 2000, S. 20. 395 Vgl.: Heinemann, Klaus in: Arbeitslosigkeit und Zeitbewusstsein, Soziale Welt 33, Nomos Verlagsgesellschaft mbH 1982, S. 87–101. 396 Vgl.: Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans in: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975 ff. 397 Vgl.: Wacker Alois in: Differentielle verarbeitungsform von Arbeitslosigkeit; Prokla 53, ff. 135 PROLOG im Kontext der sozialen Struktur, der Definition eigener Normen und des eigenen Agierens resp. Interpretierens der Individuen. Der Umgang mit der Alltagszeit durch Erwerbslose kann im Vergleich zu erwerbstätigen Individuen, signifikante Unterschiede offenbaren. Erwerbstätige verbringen einen sehr großen Teil ihrer Zeit auf der Arbeit, wenn man lediglich die Lohnarbeit als Erwerbsarbeit definiert. Bei Erwerbslosen gestaltet sich der Alltag im Vergleich anders. Die Zeit wird einer anderen Struktur unterworfen. Manche von Ihnen schlafen länger, schauen mehr Fernsehen, unternehmen weniger soziale und außerhäusliche Aktivitäten, bedingt durch den Bezug von Transferleistungen. Dies hat bereits die Marienthalstudie im Kern bestätigt. Diese objektiven Merkmale sagen jedoch wenig über die Entwertung der „Zeit“ aus, da es sich bei solchen Studien um die subjektive Bewertungen durch die betroffenen Individuen handelt. Einige Individuen fürchten sich vor der generierten Zeit, wenn diese in so einem großen Umfang vorhanden ist, für diese Gruppe ist es sehr schwer eine Zeitstruktur zu entwickeln. „Das ist der Eilfertigkeit Einhalt zu gebieten, die einen großen Teil der Menschen beherrscht, die in Häusern, Theater und Foren umherirren: dem Dienst für andere Anbieten sie sich an wie Leute, die stets irgendwie tätig sind. Wenn du einen von ihnen, so er sein Haus verlässt, fragst: Wohin des Weges? dann wird er dir antworten: Beim Herkules – das weiß ich nicht, aber irgendjemand werde ich aufsuchen, irgendetwas unternehmen. Ziellos schweife sie umher auf der Suche nach einem Betätigungsfeld: nicht, was sich zum Ziel gesetzt haben, tun sie, sondern, worauf sie gerade gestoßen sind...“398 Die Bedrohung durch „Langeweile“ treibt das Individuum an. Repräsentative Studien, die sich der Thematik des Zeiterlebens bei erwerbslosen Individuen widmen, existieren nur wenige. Eine Ausnahme ist die Studie von Jens Luedtke399. Auf der Grundlage einer, für die Arbeitslosenforschung unüblichen, quantitativen Untersuchung konstru- 398 Vgl.: Seneca in: Bellebaum, Alfred, Langeweile – Überdruss und Lebenssinn, Eine geistesgeschichtliche und kultursoziologische Untersuchung, Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1990, S. 86. 399 Vgl.: Luedtke, Jens in: Lebensführung in der Arbeitslosigkeit - Veränderungen und Probleme im Umgang mit der Zeit- Life during unemployment - changes and problems in dealing with time, (Hersg.) Voß, G. Günther; Weihrich Margit, Hamp Verlag München 2001, S. 87–109. 136 ZDJELAR iert Jens Luedtke Lebensführungstypen und untersucht deren spezifischen Umgang mit der Alltagszeit in der Erwerbslosigkeit. Damit nutzt er das Lebensführungskonzept für eine Differenzierung der Gruppe der von Erwerbslosigkeit betroffenen Individuen und diskutiert Chancen der Herausbildung einer Lebensführung, die nicht berufszentriert, aber dennoch durch die Erwerbsarbeit geprägt ist. In dieser Studie wird von positiven Effekten der Erwerbslosigkeit bei der Bewertung der Alltagszeit berichtet. Heiko Friedel attestiert wiederum eine Zunahme psychischer Probleme und eine stetige Abnahme ihres psychosozialen Wohlbefindens.400 Dieses abnehmen des psychosozialen Wohlbefindens umfasst Symptome wie der Depression. Die Rumination, das intensive Grübeln über belastende Gedankeninhalte, erscheint charakteristisch für das Zeiterleben von erwerbslosen Individuen. Die wiederkehrende Rumination spricht für eine Entwertung der Zeit bei Erwerbslosen. Dies ist ein Resultat, des Fehlens von finanziellen aber auch kulturellen und explizit emotionalen Ressourcen. Selbstverständlich ist der Bezug von Transferleistungen ein herber Einschnitt im finanziellen Budget des einzelnen, Studien belegen, dass reflektierte Individuen, die sich nicht stark über den Beruf definieren und einem Hobby oder einem Ehrenamt nachgehen, die Alltagszeit nicht zwingend negativ bewerten, sondern dieser durchaus positiv Aspekte gewinnen können. In diesem Bild der Erwerbslosigkeit regiert nicht die Angst vor der Zukunft, sondern der positive Müßiggang und/oder das Engagement.401 Die Erwerbslosen die ihren Alltag trotz der Erwerbslosigkeit positiv bewerten, tun dies auf der Grundlage, weil sie Erwerbslos sind. Die Untersuchungen von Fryer und Payne belegen, dass der produktive Erwerbslose, die Stigmatisierung durch die Gesellschaft nicht wehrlos akzeptiert. Die sich verändernde Perspektive des Individuums in einer progressiven Gesellschaft, kann zu veränderten und gegenläufigen Verhaltensmustern führen. Die Deprivationsaspekte wie: Zeit, soziale Kontakte, Status und Identität, Zielsetzung und Kompetenzen transformieren sich unterschiedlich.402 Es ist zwingend notwendig jede Lebenssituation der betroffenen erwerbslosen Individuen differenziert zu betrachten, um spe- 400 Vgl.: Friedel, Heiko in: Arbeitslosigkeit und Krankheit – Eine gesundheits- ökonomische Studie, Tectum Verlag Marburg 2000. 401 Vgl.: Fryer, D. M., und Payne, R. L. in: Pro-active behavior in unemployment: Findings and implications. Leisure Studies 3, 1984.ff. 402 Vgl.: Steinmetz, Bernd in: Über den Wandel und das Problem der Arbeitslosigkeit, LIT Verlag Münster 1997, S. 149. 137 PROLOG zifische Problematiken und Belastungen zu diagnostizieren. Benedikt Rogge spricht in diesem Kontext von vier Determinanten des Zeiterlebens.403 Zuerst bezieht er sich auf die sozialen Milieus und Normen. Das subjektive Gestalten der sozialen Normen, in diesem Kontext die Zeitnorm, spielt für das Individuum eine signifikante Rolle. Diese Zeitnorm variiert Kultur- und Milieuspezifisch.404 Besonders Relevant erscheint es, welche Normen ein erwerbslos gewordenes Individuum für sich verinnerlicht hat. Individuen die sich einer ausgeprägten Leistungs- und Produktivitätsnorm unterwerfen, haben Schwierigkeiten ihre Alltagszeit als „Muße“ und Erholung zu gestalten. Eine ausgeprägte Arbeitsorientierung, im Sinne des protestantischen Arbeitsethos, die Pflicht den Beruf gewissenhaft auszuüben, hindert das Individuum daran, die frei gewordene Alltagszeit konstruktiv zu strukturieren, indem es einem Hobby/Ehrenamt nachgeht. Das Zusammenspiel von genderübergreifenden Zeitnormen ist für männliche Individuen oftmals nur schwer umzusetzen und vereinzelt gar unmöglich.405 Benedikt Rogge stellt die zentrale Frage, in welchem Ausmaß die Formen der Zeitverwendung außerhalb der Erwerbsarbeit normativ entwertet werden.406 Laut Rogge hängt dies maßgeblich von der Sozialisation des Individuums und von dem verinnerlichten oder in deren Referenzgruppe vorfindbaren Normen zusammen.407 Selbstverständlich kann eine positive Bewertung der Alltagszeit durch das Eintreten der Erwerbslosigkeit stattfinden. Die sogenannten „glücklichen Erwerbslosen“, dokumentieren eindeutig, dass eine sinnvoll erlebte Zeitgestaltung unter bestimmten Aspekten, einen Gegendiskurs notwendig macht, der sich unabhängig von den Normen der Weltarbeitsgesellschaft und dem gegenwärtigen protestantischen Arbeitsethos etablieren kann. In einigen Kulturen, in denen die Mas- 403 Vgl.: Rogge, Benedikt, G.; und Kieselbach, T.; in: Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit aus zwei theoretischen Perspektiven: soziale Exklusion und sozilogische Identitätstheorie. Arbeit. Schwerpunktheft 4/2009: erwerbsarbeit und Gesundheit – Stand und Perspektive der Prävention. 404 Vgl.: Ebd. 405 Vgl.: Rogge, Benedikt, G.; in: Entwertete Zeit? Erwerbslosenalltag in Paarbeziehung und Familie. In: Heitkötter, M., Jurczyk, K., Lange, A., und Meier Gräwe, U., (Hrsg.), Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien. Opladen Barbara Budrich, S. 67–89. 406 Vgl.: Rogge, Benedikt, G., in: Zeit und Arbeitslosigkeit. Differenzielle Arbeitslosenforschung und zeitpolitische Perspektiven, Ausgearbeitetes Manuskript zum DGfZP-Vortrag, 24.10. 2009, Berlin. S. 6, http://www.zeitpolitik. de/pdfs/vortrag_rogge.pdf (21.05.2015). 407 Vgl.: Ebd. 138 ZDJELAR senarbeitslosigkeit sich über Jahre hinweg manifestiert hat, wird ein erwerbsloses Individuum anders bewertet als in Ländern, indem die Wirtschaft prosperiert und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. In Milieus, in denen es zum Alltag gehört, erwerbslose Freunde, Bekannte oder Verwandte zu kennen, werden die betroffenen Akteure seltener stigmatisiert. Die Erwerbslosigkeit wird nicht tabuisiert. Da diese Situation jeden treffen kann und zum Alltag gehört, wird die dazu gewonnene Zeit nicht entwertet. „In polychronen Kulturen bleibt die Zeit daher oft implizit, so dass für eine genaue Zeitplanung und Zeiteinteilung keine Notwendigkeit besteht. Kulturen mit monochromer Zeitverwendung bevorzugen eine sequentielle Bearbeitung von Aufgaben. Man konzentriert sich solange auf eine Aktivität, bis der dafür vorgesehen Zeitrahmen ausgeschöpft ist. Handlungen werden durch Termine geordnet und durch Fristen begrenzt. Die Zeitverwendung ist weniger flexibel, sondern eher bürokratisch, da alle Aktivitäten mit einem minimalen Toleranzbereich auf die Uhrzeit abgestimmt werden. Dabei wird Zeit oft als ein knappes Gut betrachtet, dass möglichst ökonomische verwendet werden sollte.“408 Die verinnerlichten sozialen Normen kommen hierbei zum Tragen. Wenn im lebensspezifischen Milieu, wie Haushalt und erweitertes Umfeld, ebenfalls erwerbslose Individuen existieren, dann steigt das Wohlbefinden des einzelnen Erwerbslosen signifikant an.409 Andrew Clark konstatiert einen sozialen Normeffekt der Erwerbslosigkeit.410 Eine Entwertung der Alltagszeit von Erwerbslosen ist dort signifikant zu beobachten, wo sich Individuen sozialen Normen unterwerfen müssen, die die Erwerbstätigkeit als ein „muss“ in der Weltarbeitsgesellschaft darstellen. Andere soziale Milieus, definieren die „Unproduktivität der erwerbslosen Individuen“ als Missbrauch der sozialen Strukturen. Diese sind der Ansicht, dass eine adäquate Alltagstruktur in der Weltarbeitsgesellschaft nur durch eine Erwerbstätigkeit gestalten werden kann. 408 Vgl.: Morgenroth, Olaf in: Psychologie der Zeitbewältigung, W. Kohlhammer GmbH Stuttgart, 1. Auflage 2008, S. 72. 409 Vgl.: Clark, Andrew, E. in: Unemployment as a social norm: Psychological evidence from panel data. Journal of Labor Economics, 21, S. 323–351. 410 Vgl.: Ebd. 139 PROLOG „Über die Verbreitung des Missbrauchsvorwurfs wird Sozialpolitik negativ besetzt, es finden Interessenspaltungen statt und die Akzeptanz wohlfahrtstattlicher Maßnahmen sinkt. Im Gegensatz zu der großen Aufmerksamkeit, die dem vermuteten Missbrauch im öffentlichen Diskurs zukommt, steht der merkwürdige Mangel an kritischer Rückfrage und wissenschaftlicher Reflexion des Phänomens.“411 Thomas Kieselbach definiert dies als eine Form der Stigmatisierung von Erwerbslosen.412 Den erwerbslosen Individuen wird oft von der Gesellschaft suggeriert, dass es ihnen in dem Sozialstaat Deutschland an nichts fehlen würde. Dadurch wird in der Weltarbeitsgesellschaft eine Norm produziert und oftmals auch reproduziert in der die Lebenssituation der betroffenen Individuen maßgeblich beeinflusst wird. Eine andere wichtige Determinante in diesem Kontext sind die sozialen Rollen von Individuen in der Gesellschaft.413 Sie sind den betroffenen näher anzusiedeln 411 Vgl.: Wogawa, Diane in: Missbrauch im Sozialstaat – Eine Analyse des Missbrauchsarguments im politischen Diskurs, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2000, S. 9. 412 Vgl.: Kieselbach, Thomas: Arbeitslosigkeit und Entfremdung. In: Journal für Psychologie 6 (1998), 1, pp. 38–52. URN: http://nbn-resolving.de/ urn:nbn:de:0168-ssoar-28960, (Stand: 22.05.2015). 413 Vgl.: Boeree, George, C. in: Persönlichkeitstheorien (Erik Erikson 1902– 1994), Originaltitel: Personality Theories, Copyright 1997,2006, C. George Boeree Shippinsburg University, USA, deutsche Übersetzung D. Wieser M.A., 2006. http://www.social-psychology.de/do/PT_erikson.pdf (23.05.2015). ff. „Erik Erikson ist am 15 Juni 1902 in Frankfurt, Deutschland, geboren. Seine Abstammung umgibt ein kleines Geheimnis: Sein biologischer Vater war ein namenloser Däne, der Eriks Mutter vor der Geburt des Kindes verließ. Seine Mutter, Karla Abrahamsen, war eine junge Jüdin, die ihn die ersten drei Jahre seines Lebens alleine groß zog. Dann heiratete sie Dr. Theodor Homberger, Eriks Kinderarzt, und die Familie zog nach Karlsruhe im Süden Deutschlands. 1950 schrieb er Childhood and Society, worin Zusammenfassungen seiner Untersuchungen unter den amerikanischen Ureinwohnern enthielt, daneben auch Analysen zu Maxim Gorki und Adolph Hitler, eine Diskussion der „Amerikanischen Persönlichkeit“ und ein Abriss seiner Version der Freudschen Theorie. Diese Themen – der Einfluss der Kultur auf die Persönlichkeit und die Analyse historischer Gestalten – wiederholten sich in anderen Werken, von denen eines Gandhi‘s Truth, (Gandhis Wahrheit. Über die Ursprünge der militanten Gewaltlosigkeit, 1978) ihm den Pulitzer Prize sowie den national Book Award einbrachte. Erikson ist ein Freudianischer Ichpsychologe (ego-psychologist). Das bedeutet, dass er davon ausgeht, dass Freuds Theorien grundsätzlich korrekt sind, eingeschlossen der eher kontroversen Ideen wie etwa der Ödipuskomplex, aber er akzeptiert auch die Theorien über das Ich, welche andere Freudianer wie etwa Heinz Hartmann und 140 ZDJELAR als verinnerlichte Normen oder die Zuordnung zu einer Bezugsgruppe. Die Erwerbslosigkeit ereignet sich in verschiedenen Rollenkonstellationen. Dies können allleinerziehende Personen oder auch Singles im mittleren Erwachsenenalter sein. Die Auswirkungen der Erwerbslosigkeit und der dadurch generierten Alltagszeit, müssen differenziert analysiert werden. Dies kann nur bewerkstelligt werden, wenn man die individuellen Rollenkonstellationen der Akteure berücksichtigt. Die neuen Zeitstrukturen in der Erwerbslosigkeit sind von sozialen Erwartungen geprägt. Einige männliche Erwerbslose übernehmen Fürsorgearbeit oder pflegen Familienangehörige, usw.414 In anderen Rollenkonstellationen, explizit indem ein traditionelles Rollenverständnis vorherrscht, indem der Mann als Alleinernährer fungiert, können Konflikte in der Partnerschaft auftreten.415 In Familien mit reduziertem konservativem Rollenverständnis, wird die Alltagszeit, durch die neue Rolle des Erwerbslosen, vor der Entwertung bewahrt. Bei alleinlebenden Personen kann der Mangel an Alternativrollen resp. der Verlust der sozialen Anerkennung, zu einer gravierenden Entwertung der Alltagszeit führen. Inwieweit die Rollendisposition einen positiven oder einen negativen Einfluss auf das Zeiterleben der betroffenen Individuen hat, hängt signifikant von der Identifizierung mit der zugeschriebenen eigenen Rolle in der jeweiligen Konstellation ab. Der geschlechterspezifische Arbeitsmarkt trägt ebenfalls zu disparaten Erwerbsbiographien bei. Die Entwertung der Alltagszeit ist dort signifikant ersichtlich, wo Individuen einen hohen Rollenstress ausgesetzt sind, weil die Erwerbslosigkeit den Verlust von Status in der Weltarbeitsgesellschaft bedeutet. Insbesondere Alleinerziehende Personen die über wenig finanzielle Ressourcen verfügen müssen mit dem Verlust des Status und der daraus resultierenden Gefahr sozialer natürlich Anna Freud hinzugefügt haben. Doch Erikson orientiert sich weit mehr an der Gesellschaft und der Kultur als die meisten Freudianer, wie von einem Forscher mit anthropologischem Interessenschwerpunkt auch nicht anders zu erwarten, und oft schiebt er die Instinkte und das Unbewusste geradezu aus dem Bild hinaus. Vielleicht aber liegt hierin der Grund dafür, dass Erikson sowohl unter Freudianern als auch unter Nicht-Freudianern außerordentlich populär ist!“ S. 5–6, Ebd. 414 Vgl.: Rogge, B.G., Kuhnert, P., & Kastner, M. in: Zeitstruktur, Zeitverwendung und psychisches Wohlbefinden in der Langzeitarbeitslosigkeit. Eine qualitative Studie. In: Brähler, E. & Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.), Arbeitswelt und Gesundheit. Psychosozial 2007, Sonderheft 109, S. 85–103. 415 Vgl.: Hess, D., Hartenstein, W., Smid, M., in: Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Familie. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 1991, 24: 178–192. 141 PROLOG Abgrenzung rechnen. Wenn keine Alternativrollen für erwerbslose Individuen in ihrem Milieu vorhanden sind, birgt dies die Gefahr einer Zeitentwertung. Explizit bei Alleinstehenden Personen, die wenig sozial vernetzt sind und aufgrund ihres Bildungsniveaus Schwierigkeiten bei der Suche nach einer neuen Beschäftigung haben, besteht ein erhöhtes Risiko den Alltag nicht adäquat zu strukturieren. Der Mangel an Alternativrollen, die einhergehen mit Anerkennung und sozialen Kontakten, damit die Rolle als erwerbsloses Individuum in einem angemessenen Rahmen kompensiert werden kann, führt zu sozialer Isolation und psychosozialer Beeinträchtigungen. Die soziale Exklusion mindert die Lebenszufriedenheit und die psychosoziale Gesundheit wird gemindert. „In Deutschland geht eine Furcht um. Es ist die Furcht vor dem wirtschaftlichen Abstieg. Diejenigen, die der Arbeitslosigkeit nicht Herr werden können, schüren sie, weil sie immer neue Erklärungen dafür brauchen, dass es nicht ihr Politikversagen ist, dass die Dinge so sind, wie sie sind.“416 In einem ökonomischen Milieu werden monetäre Ressourcen in Ressourcen für die Zeitgestaltung transformiert. Man darf davon ausgehen, dass das vorhanden sein von finanziellen Kapazitäten, gleichbedeutend ist, mit der Aufwertung der Alltagszeit. Ergo hängt das Zeiterleben der Erwerbslosen signifikant davon ab, ob diese überschuldet sind oder über umfangreiche finanzielle Mittel verfügen. Insbesondere die Gruppe derjenigen, die ohnehin aus prekären finanziellen Verhältnissen kommen und in die Erwerbslosigkeit abrutschen, diese Gruppe kann signifikant von der Entwertung der Alltagszeit betroffen sein. Selbstverständlich existieren in allen Milieus Ausnahmen. Wie bereits angesprochen ist die Existenz von Alternativrollen, eine gravierende Bedeutung zuzusprechen, aber auch eine proaktive mentale Einstellung und die Inanspruchnahme von Beratungsangeboten und gesundheitsfördernden Maßnahmen, können eine Form der Bewältigungsstrategie darstellen. Individuen die einen aktiven Bewältigungsstil an den Tag legen, sind prinzipiell im Vorteil.417 Jedoch ist der Umgang mit der Zeit, Benedikt 416 Vgl.: Stadermann, Hans Joachim in: Arbeitslosigkeit im Wohlfahrtsstaat, 2. Erweiterte und aktualisierte Auflage, Tübingen: Mohr 1998, S. 7. 417 Vgl.: Rogge, Benedikt, G., in: Zeit und Arbeitslosigkeit. Differenzielle Arbeitslosenforschung und zeitpolitische Perspektiven, Ausgearbeitetes Manuskript zum DGfZP-Vortrag, 24.10. 2009, Berlin. S. 9, http://www.zeitpolitik. de/pdfs/vortrag_rogge.pdf (21.05.2015). 142 ZDJELAR Rogge definiert dies als Zeitkompetenz, ungleich verteilt bei den Individuen. Die Zeitkompetenz ist maßgeblich abhängig vom Milieu in dem das Individuum lebt. Der Umgang mit der Zeit und das daraus resultierende Wohlbefinden variieren von den einzelnen Handlungskompetenzen, die das Individuum im Verlauf seiner Sozialisation verinnerlicht hat. „Insofern also für Kant das stete Pendeln zwischen Schmerz und Befriedigung als anthropologischer Grundzug zu betrachten ist und er Langeweile und Nichtstun assoziiert, muss für Ihn das Verhindern von Langeweile als erstrebenswert erscheinen und nicht nur aus dem ganz schlichten Grunde, dass es sich hier um einen unangenehme Empfindung handelt, die es zu meiden gilt, sondern ganz besonders auch insofern die Langeweile das stete Fortschreiten zu Besseren untergräbt.“418 Besonders bedroht von einer massiven Entwertung der Alltagszeit sind diejenigen, die in einem Milieu sozialisiert wurden, indem diesen nicht vermittelt wurde, wie sie ihre Zeit eigenständig gestalten können. Dieses Milieu wird durch Resignation und einem Fokus auf die Gegenwart geprägt, deshalb fehlt den Individuen die Kompetenz ihren Alltag aktiv und neu umzugestalten, damit die Alltagszeit nicht als sinnentleert empfunden wird.419 Aus zeitpolitischer Perspektive, muss es die Aufgabe der Gesellschaft sein, die Entwertung der Alltagszeit bei erwerbslosen Individuen zu vermeiden. Dies entspricht der gesundheitspolitischen Verpflichtung einer Bundesregierung, gesundheitliche Beeinträchtigungen jeder Art bei erwerbslosen Individuen zu vermeiden. Dies ist kein Plädoyer für aktuelle Maßnahmen, wie in jüngster Vergangenheit die so genannten „1 Euro Jobs“ oder „Vermittlungsmaßnahmen“ bei freien Bildungsträgern für Transferleistungsbezieher. Diese führen zu einer fortschreitenden Stigmatisierung der Erwerbslosen und sind kontraproduktiv bei der Aufwertung der Alltagszeit. Durch diese Zwangsrekrutierung der Erwerbslosen durch die Bundesagentur für Arbeit oder 418 Vgl.: Hüsch, Sebastian in: Langeweile bei Heidegger und Kierkegraad – Zum Verhältnis philosophischer und literarischer Darstellung, Narr Franke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Tübingen 2014, S. 42. 419 Vgl.: Rogge, Benedikt, G., in: Zeit und Arbeitslosigkeit. Differenzielle Arbeitslosenforschung und zeitpolitische Perspektiven, Ausgearbeitetes Manuskript zum DGfZP-Vortrag, 24.10. 2009, Berlin. S. 10, http://www.zeitpolitik. de/pdfs/vortrag_rogge.pdf (21.05.2015). 143 PROLOG kommunaler Jobcenter wird keine Verbesserung der Lebenssituation der Erwerbslosen erreicht. Dies kann nur mit einer fokussierten Ausrichtung auf die jeweiligen Bedürfnisse der heterogenen Gruppe von Erwerbslosen realisiert werden. Zuerst muss die Stigmatisierung von Erwerbslosen durch einen konstruktiven Diskurs in der Gesellschaft bekämpft werden. Es muss eine neue Definition von Gesellschaft, Arbeit und Zeit in einem gemeinschaftlichen Dialog erörtert werden. Die Gesellschaft besteht nicht nur aus einer „Weltarbeitsgesellschaft“. Der Status von Individuen, die sich um pflegebedürftige Familienangehörige oder um die Erziehung von Kindern kümmern, muss in der Gesellschaft wieder einen höheren Stellenwert genießen. Die politischen Akteure in der Bundesrepublik Deutschland müssen sich hinterfragen, ob Sie sich damit abgefunden haben, das angestrebte Ziel der Vollbeschäftigung nicht zu erreichen. „Man kann darüber streiten, wie groß die Arbeitslosigkeit heute tatsächlich ist und ob mit den gegenwärtig (Februar 2012) gut drei Millionen registrierten Arbeitslosen ihr Umfang tatsächlich hinreichend erfasst wird. Man muss auch in Rechnung stellen, dass etwa knapp zwei Millionen Menschen sich entmutigt vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben oder wegen Arbeitslosigkeit bereits Rente beziehen, dass gut eine halbe Million in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen oder im Vorruhestand verharren und dass sich knapp eine halbe Million in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen befinden. Man kann also die Zahl der registrierten Arbeitslosen in etwa verdoppeln, um einen realistischen Anhaltspunkt für die Unterauslastung des Erwerbspotenzials der deutschen Wirtschaft zu erhalten. Dass diese Konstellation recht weit vom Ziel „Vollbeschäftigung“ entfernt ist, erscheint unbestreitbar. Und auch der gegenwärtig beobachtbare erfreuliche Anstieg der Beschäftigung in Deutschland auf über 41 Millionen Erwerbstätige und der Rückgang bei den registrierten Arbeitslosen bringt uns dem hehren Vollbeschäftigungsziel allenfalls partiell näher.“420 Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Erwerbslosen ist ein Bestandteil, der ebenfalls zur Entwertung der Alltagszeit unter den Betroffen führt. Die Stigmatisierung reproduziert eine Restriktion der Lebens- 420 Vgl.: Onlineportal Bundeszentrale politische Bildung in: Kurze Geschichte der „Vollbeschäftigung“ in Deutschland nach 1945, http://www.bpb.de/ apuz/126004/kurze-geschichte-der-vollbeschaeftigung-in-deutschland-nach- 1945?p=all (Stand: 26.05.2015). 144 ZDJELAR möglichkeiten von Erwerbslosen. Um eine Entwertung der Alltagszeit bei Erwerbslosen zu vermeiden, müssen die institutionellen Angebote resp. Maßnahmen, punktuell auf die heterogene Gruppe der Erwerbslosen ausgerichtet sein. Multipel belastete erwerbslose Individuen, wie zum Beispiel: Alleinerziehende Personen oder Langzeiterwerbslose mit signifikanten Vermittlungshemmnissen haben unterschiedliche Ansprüche und Bedürfnisse. Bei Alleinerziehenden Personen müssen Entlastungen im Alltag geschaffen werden. Dies ist nur über eine ganzheitliche Betreuung von Kindern in Betreuungseinrichtungen zu realisieren. Bei Langzeiterwerbslosen müssen institutionelle Angebote geschaffen werden, die von den betroffenen Personen als sinnvolle Zeitgestaltung wahrgenommen werden. Maßnahmen in denen Langzeiterwerbslose Arbeiten, indem diese Tätigkeiten für die Gemeinde verrichten, wie im Garten- und Landschaftsbau oder Maler und Lackierarbeiten, sind kritisch zu bewerten. Diese Tätigkeiten übernehmen in der Regel regionale Handwerksbetriebe.421 Durch den Einsatz von Langzeiterwerbslosen werden Tarifverträge unterlaufen, da die Akteure nicht den vereinbarten tariflich geregelten Mindestlohn erhalten. Jedoch ist eine Tätigkeit in Vereinen oder gemeinnützigen Organisationen anders zu bewerten. Wenn sich nicht ausreichend engagierte oder handwerklich begabte Mitglieder im Verein befinden, ist das hinzuziehen von Transferleistungsempfängern legitim. Jedoch nur unter der Voraussetzung, das geltende branchenspezifische Mindestlöhne gezahlt werden, da ein arbeitsrechtliches Verhältnis entsteht.422 Es existiert jedoch eine Lücke in 421 Vgl.: Onlineportal BMSA in: Verzeichnis der für allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge, Stand: 1. April 2015, http://www.bmas.de/SharedDocs/ Downloads/DE/PDF-Publikationen-DinA4/arbeitsrecht-verzeichnis-allgemeinverbindlicher-tarifvertraege.pdf;jsessionid=76732AD9BC2309955E189C C7612D7441?__blob=publicationFile (Stand: 26.05.2015). 422 Vgl.: Sozialgesetzbuch (SGB) Viertes Buch (IV) - Gemeinsame Vorschriften für die Sozialversicherung - (Artikel I des Gesetzes vom 23. Dezember 1976, BGBl. I S. 3845) § 2 Versicherter Personenkreis (1) Die Sozialversicherung umfasst Personen, die kraft Gesetzes oder Satzung (Versicherungspflicht) oder auf Grund freiwilligen Beitritts oder freiwilliger Fortsetzung der Versicherung (Versicherungsberechtigung) versichert sind. (1a) Deutsche im Sinne der Vorschriften über die Sozialversicherung und die Arbeitsförderung sind Deutsche im Sinne des Artikels 116 des Grundgesetzes. (2) In allen Zweigen der Sozialversicherung sind nach Maßgabe der besonderen Vorschriften für die einzelnen Versicherungszweige versichert: 145 PROLOG der Gesetzgebung, die hierbei zum Tragen kommt. Bei diesen institutionellen Maßnahmen wird der Begriff der „Arbeitsgelegenheit“ verwendet. Dies ist laut § 19 BSHG kein arbeitsrechtliches Verhältnis.423 Im 1. Personen, die gegen Arbeitsentgelt oder zu ihrer Berufsausbildung beschäftigt sind, 2. behinderte Menschen, die in geschützten Einrichtungen beschäftigt werden, 3. Landwirte. Sozialgesetzbuch (SGB) Viertes Buch (IV) - Gemeinsame Vorschriften für die Sozialversicherung - (Artikel I des Gesetzes vom 23. Dezember 1976, BGBl. I S. 3845) § 7 Beschäftigung (1) Beschäftigung ist die nichtselbständige Arbeit, insbesondere in einem Arbeitsverhältnis. Anhaltspunkte für eine Beschäftigung sind eine Tätigkeit nach Weisungen und eine Eingliederung in die Arbeitsorganisation des Weisungsgebers. (1a) Eine Beschäftigung besteht auch in Zeiten der Freistellung von der Arbeitsleistung von mehr als einem Monat, wenn 1. während der Freistellung Arbeitsentgelt aus einem Wertguthaben nach § 7b fällig ist und 2. das monatlich fällige Arbeitsentgelt in der Zeit der Freistellung nicht unangemessen von dem für die vorausgegangenen zwölf Kalendermonate abweicht, in denen Arbeitsentgelt bezogen wurde. 423 Vgl.: BSHG § 19 Schaffung von Arbeitsgelegenheiten (1) Für Hilfesuchende, insbesondere für junge Menschen, die keine Arbeit finden können, sollen Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden. Zur Schaffung und Erhaltung von Arbeitsgelegenheiten können auch Kosten übernommen werden. Die Arbeitsgelegenheiten sollen in der Regel von vorübergehender Dauer und für eine bessere Eingliederung des Hilfesuchenden in das Arbeitsleben geeignet sein. (2) Wird für den Hilfesuchenden Gelegenheit zu gemeinnütziger und zusätzlicher Arbeit geschaffen, kann ihm entweder das übliche Arbeitsentgelt oder Hilfe zum Lebensunterhalt zuzüglich einer angemessenen Entschädigung für Mehraufwendungen gewährt werden; zusätzlich ist nur die Arbeit, die sonst nicht, nicht in diesem Umfang oder nicht zu diesem Zeitpunkt verrichtet werden würde. Von dem Erfordernis der Zusätzlichkeit kann im Einzelfall abgesehen werden, wenn dadurch die Eingliederung in das Arbeitsleben besser gefördert wird oder dies nach den besonderen Verhältnissen des Leistungsberechtigten und seiner Familie geboten ist. (3) Wird im Falle des Absatzes 2 Hilfe zum Lebensunterhalt gewährt, so wird kein Arbeitsverhältnis im Sinne des Arbeitsrechts und kein Beschäftigungsverhältnis im Sinne der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung begründet. Die Vorschriften über den Arbeitsschutz finden jedoch Anwendung. 146 ZDJELAR Fokus einer differenziellen Zeitpolitik muss es das Ziel sein, den unterschiedlichen Bedürfnissen und Zeitkompetenzen in der heterogenen Gruppe der Erwerbslosen mit institutionellen Maßnahmen gerecht zu werden.424 Dies hätte zur Konsequenz, dass alle beteiligten Akteure: Erwerbslose, Arbeitgeber und die Bundesagentur für Arbeit, bereits im Vorfeld aktiv werden und in einem engmaschigen Korsett die betroffenen Individuen in diesem Prozess begleiten.425 Die Entwertung der Alltagszeit und die Stigmatisierung von Erwerbslosen wird verhindert, wenn diese ermutigt und unterstützt werden, die Kontrolle ihrer Zeitgestaltung wieder selbst zu übernehmen. Die zeitpolitische Forderung muss es sein, die heterogenen Gruppe erwerbsloser Individuen in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen, punktuell zu unterstützen, seitens der Arbeitgeber und der zuständigen Behörden. Die Erwerbsarbeit in der Weltarbeitsgesellschaft spiegelt, explizit in Nationen mit einem funktionierenden Sozialsystem, den Status von Individuen wieder. Der Verlust der Erwerbsarbeit, kann zu einer physischen, wie auch zu einer psychischen Beeinträchtigung führen. Individuen die in Nationen mit einem nur gering ausgebauten funktionierenden Sozialsystem leben, stehen vor existenziellen Herausforderungen beim Verlust der Erwerbsarbeit. Eine Reform des Verständnisses der „Erwerbsarbeit“ ist erforderlich. Unterschiedliche Bedürfnisse der Individuen müssen berücksichtigt werden. In den westeuropäischen Ländern, besteht ein funktionierendes Sozialsystem. Die Bürgerinnen und Bürger der einzelnen Nationalstaaten haben Rechte und können diese gegebenenfalls einfordern. Inwiefern diese im nationalen Korsett sozial gerecht ausgerichtet sind, hängt von der eigenen Perspektive ab. Es kann jedoch zu einer Ero- (4) Bei der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsgelegenheiten sollen die Träger der Sozialhilfe, die Dienststellen der Bundesagentur für Arbeit und gegebenenfalls andere auf diesem Gebiet tätige Stellen zusammenwirken. In geeigneten Fällen ist für den Hilfesuchenden unter Mitwirkung aller Beteiligten ein Gesamtplan zu erstellen. 424 Vgl.: Rogge, Benedikt, G., in: Zeit und Arbeitslosigkeit. Differenzielle Arbeitslosenforschung und zeitpolitische Perspektiven, Ausgearbeitetes Manuskript zum DGfZP-Vortrag, 24.10. 2009, Berlin. S. 11, http://www.zeitpolitik. de/pdfs/vortrag_rogge.pdf (21.05.2015). 425 Vgl.: Zempel, Jeanette, Bacher, Johann, Moser, Klaus in: Erwerbslosigkeit – Ursachen, Auswirkungen und Interventionen, Springer Fachmedien Wiesbaden 2001, S. 393 ff. 147 PROLOG sion des Sozialsystems kommen (bottom down Prinzip), wenn nicht im globalen Kontext das Arbeitsrecht und der Außenhandel (Trade & Labour) reformiert werden. Das Verhältnis von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Erwerbsarbeit ist facettenreich und teilweise ambivalent. Mit einer progressiven Globalisierung der Wirtschaft, der Vernetzung der Menschen durch das Internet, erscheint es nur logisch, die Implementierung einer weltweit gültigen Sozialklausel im Außenhandel voranzutreiben. In welcher Form diese Implementierung zu realisieren ist, erörtern die folgenden Kapitel. Der Abschnitt „Globalisierung“ Risiko oder Chance? ist eine deskriptive Analyse des Weltaußenhandels und verdeutlicht die Marktmechanismen der Wirtschaft.

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References

Zusammenfassung

In Zeiten einer vollends globalisierten Finanz-, Kapital- und Herstellungsvernetzung sind die Anforderungen an eine international synchronisierte Erwerbsregulierung drastisch gestiegen. Eine Vielzahl multinationaler Unternehmen produziert und verkauft ihre Güter auf dem internationalen Wirtschaftsmarkt. Dies bedeutet, dass sie sowohl im Hinblick auf die allgemeine wirtschaftliche und politische Entwicklung als auch hinsichtlich der rechtlichen Konzepte und Systeme der Erwerbsregulierung an mitunter sehr unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen gebunden sind. Diese Bindung stellt die Unternehmen vor eine enorme Aufgabe bei der Organisation ihrer Arbeitsprozesse sowie bei der Einhaltung von Arbeitnehmerrechten. Es droht ein Konflikt zwischen Wohlstandsvermehrung einerseits und einer sozialgerechtfertigten Partizipation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am generierten Wohlstand auf der anderen Seite.

Jovan Zdjelar hinterfragt die wirtschaftliche Praxis multinationaler Wirtschaftsakteure am Beispiel des Internationalen Arbeitsrechts kritisch. Dabei zeigt er auch, wie das aktuelle Welthandelssystem mit der Einhaltung grundlegender Menschenrechte in der Arbeitswelt wieder in Einklang gebracht werden kann.