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3. Migration im Zeichen des Klimawandels in:

Franziska Luisa Ochs

Klimaalltag, page 65 - 92

Wie sich Klimawandel und Umweltmigration in einem Küstenort in England begegnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3877-2, ISBN online: 978-3-8288-6622-5, https://doi.org/10.5771/9783828866225-65

Tectum, Baden-Baden
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65 3. Migration im Zeichen des Klimawandels In den Sozialwissenschaften ist Migration als menschliche Adaptionsform an veränderte Umweltbedingungen in Zeiten des Klimawandels zu einem rasant wachsenden Forschungsfeld geworden192. Dabei ist die Abwanderung von Menschen aufgrund geänderter Umweltbedingungen grundsätzlich kein neues Phänomen, sondern im Gegenteil eine besonders früh in der Geschichte der Menschheit zu beobachtende Migrationsursache193. Die Besonderheit der aktuellen Bewegung liegt erstens in der Tatsache, dass Umweltveränderungen – wie beispielsweise der Meeresspiegelanstieg und Extremwetterereignisse wie Dürren oder Stürme – heute zum Teil auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen sind, die sich global auswirken, zweitens in der erwarteten großen Anzahl der Betroffenen sowie drittens in der relativ hohen Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen vonstattengehen194. Die wissenschaftlichen Debatten, die sich im Allgemeinen zwischen den Termini Umweltmigration und Klimaflucht aufspannen195, setzen ihren Fokus allerdings beinahe ausschließlich auf die Länder des Globalen Südens196, sind doch hier sowohl Risiko als auch Vulnerabilität allgemein am höchsten. Menschen aus den ärmsten Ländern dieser Erde 192 Adger 2003; Adger u. a. 2009; Adger u. a. 2010; Adger – Nicholson-Cole 2008; McLeman – Smit 2006; Warner 2011; Warner u. a. 2009. 193 McAdam 2011, 102; Piguet u. a. 2011a, 2. 194 McAdam 2011, 102. 195 Müller u. a. 2012. 196 Piguet u. a. 2011a; Hastrup – Olwig 2012a. 66 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag werden hauptsächlich von den negativen Folgen des Klimawandels und der daraus resultierenden Migration betroffen sein197. Schätzungen der International Organization for Migration (IOM) gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2050 bis zu 200 Millionen Menschen in Folge veränderter Lebensräume auf der Flucht sein könnten198. Indes stammen drei Viertel der CO2-Emissionen aus Industrieländern199 und auch in diesen Hauptverursacherländern des Globalen Nordens werden erste Auswirkungen der anthropogen beeinflussten klimatischen Veränderungen evident. Der Rekordsommer von 2003 in Europa, der bis zu 30.000 Menschenleben forderte200, ist nur ein Beispiel201. Als Exempel für Migration als Folge des Klimawandels im Globalen Norden gilt bis heute der Hurrikan Katrina, der 2009 in den USA tobte202. Für Europa können solche Bezüge beispielsweise im Zusammenhang mit der zunehmenden Desertifikation Spaniens203 oder dem Flutrisiko der Niederlande204 gefunden werden. Auch in England gibt es erste Stimmen, die Umweltmigration und Klimaflucht in Zusammenhang mit der eigenen Bevölkerung sehen. Der Journalist Thomas Wagner bringt dies auf den Punkt, wenn er beschreibt, dass Umweltflucht bislang eindeutig mit Entwicklungs- und Schwellenländern assoziiert werde: „The phenomenon of environmental refugees is something most often associated with the developing world. But Britain is part of a growing club of rich countries whose coastal populations are also under threat“205. In seinem Artikel bezieht sich Wagner jedoch nicht nur auf Großbritannien allgemein, sondern nennt den kleinen Küstenort Happisburgh in diesem Zusammenhang explizit als Beispiel. Er vergleicht die Herausforderungen, denen sich Bangladesch oder Staaten im Südpazifik angesichts steigender Meeresspiegel stellen müssen mit 197 Jakobeit – Methmann 2007, 4. 198 Warner u. a. 2009, 2. 199 Latif – Wiegandt 2007, 61. 200 Rahmstorf – Schellnhuber 2012, 70–71. 201 Auf eine umfassende Aufzählung wird verzichtet. 202 Jakobeit – Methmann 2007, 24–25; Black u. a. 2011, 434. 203 Brauch 2006. 204 Christ u. a. 2012. 205 Wagner 2007a. 67 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs jenen, mit denen sich die Bewohnerinnen Happisburghs aufgrund der Erosion konfrontiert sehen206. Auch andere journalistische Artikel ziehen solche Parallelen: So werden im Guardian die Bewohnerinnen Happisburghs explizit als „ climate change refugees“207 bezeichnet, wie es Harry ebenso in der anfangs geschilderten Szene tut. Auch der Klimaforscher Neil Adger veröffentlichte einen journalistischen Aufsatz im Guardian, in dem er das Schicksal der Einwohnerinnen von Happisburgh mit dem von Bewohnerinnen der Pazifikinsel Tuvalu vergleicht: „In the villages of coastal Norfolk, erosion and sea level rise is already affecting local residents’ livelihoods and their plans for the future. At Happisburgh and elsewhere, the sea has already eroded the soft cliffs and claimed a number of homes and properties. […] Where will people live, where will their children go to school, and what is the future of their communities? […] The climate change risks are with us now, and the prospect of migration looms large for some. […] The decision to adapt or move leads to tough choices now and in the future for the people of Tuvalu, Happisburgh and other vulnerable regions across the world.“208 Dieses Zitat verdeutlicht einmal mehr, was in der Einleitung dieser Arbeit als wesentlich für die Relevanz der Forschungsfrage herausgearbeitet wurde: Die Herausforderungen aufgrund der Küstenerosion für die Einwohnerinnen von Happisburgh werden hier von einem der führenden Klimaforscher der Welt direkt mit jenen Problemen von Bewohnerinnen der Pazifischen Inseln verglichen. Wie die beispielhaft erwähnten Journalisten vor ihm macht sich auch Adger in diesem Artikel dementsprechend stark für eine multilokale Betrachtung des globalen 206 Wagner 2007a; der Zeitungsartikel erschien auch in deutscher Sprache ( Wagner 2007b). 207 Barkham 2008. 208 Adger 2007. Laut Audit Bureau of Circulations (UK) zählt der Guardian zu den meist gelesenen Zeitungen in Großbritannien (ABC 2013). 68 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Phänomens Klimawandel. Die Assoziation von Klimaflucht mit sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern hält er für zu kurz gegriffen und erkennt Klimavulnerabilität vor der eigenen Haustür. Deshalb interessiert mich in meiner Studie, wie Menschen im Globalen Norden mit Vergleichen und Parallelziehungen wie dieser umgehen, wie sie den Beispielcharakter ihres Dorfes einschätzen und wie sie selbst ihr Schicksal bewerten. Die folgenden Unterkapitel werden detailliert die Gründe erklären, weshalb ich den Begriff Umweltmigration für diese Fallstudie wähle. 3.1 Definition eines komplexen Phänomens – der Bedarf an Fallstudien „As complex as migration is, the environment is equally so“209, konstatiert Lonergan und beschreibt damit in einem Satz den Kern zahlreicher komplexer Aushandlungsprozesse von Definitionen dieser beiden großen Begriffe weltweit. So bemerken in der Einleitung der UNESCO- Aufsatzsammlung „Migration and Climate Change“210 die Herausgeber treffend: „Conceptual issues are a major source of confusion in the debate on the climate change-migration nexus. There are persistent disagree ments over how to refer to people migration because of environmental factors“211. Sie betonen die Schwierigkeiten, die mit einer Vielzahl an Wortschöpfungen, Definitionen und Kritiken rund um die beiden am häufigsten verwendeten Termini „environmental migrant“ und „ climate refugee“ verbunden sind212. Auch das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bestätigt diese „Unsicherheiten hinsichtlich der Definitionen“213. Das Amt stellt in seinem WorkingPaper 45 „Klimamigration – Definition, Ausmaß und politische Instrumente in der Diskussion“ fest, dass die Bezeichnungen Umweltmigrant, Umweltflüchtling, Klimaflüchtling 209 Lonergan 1998, 6. 210 Piguet u. a. 2011b. 211 Piguet u. a. 2011b, 17. 212 Piguet u. a. 2011b, 17. 213 Müller u. a. 2012, 5. 69 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs oder Klimamigrant und auch Klimavertriebene oft synonym verwendet werden214. Aller Bemühungen zum Trotze habe sich keine der Begriffsbestimmung seit dem Aufkommen der Debatte um den Bezug von „Klima“ und „Migration“ in den 1980ern durchsetzen können215. Diese Schwierigkeiten der Definition und das damit in Zusammenhang stehende Fehlen einer einheitlichen Methode zur Erfassung der in Folge von Umweltveränderungen migrierenden Personen würden den Vergleich von Schätzungen zum Ausmaß schwer machen216. Immer wieder wird im Zusammenhang mit den Definitionsschwierigkeiten auch der Ruf nach mehr Forschung laut217. So bemerken Piguet u.a., dass der Terminus „environmental migrant“ zwar häufig benutzt und stark kritisiert wird, es aber auf der anderen Seite sehr wenig empirische Beweise gebe: „many people use the term, but […] very few actually do research“218. Zudem fordern sie auch mehr Arbeiten zur Begriffsklärung im Sinne einer definitorischen Weiterentwicklung219. Das BAMF bekräftigt diesen Punkt und unterstreicht, es seien deutlich mehr Untersuchungen notwendig, um die Wirkungszusammenhänge von Umweltveränderungen und Migration zu verstehen. Verzerrten Wahrnehmungen über Klimamigration220 sowie falschen Annahmen könne nur mit präzisen und belastbaren Ergebnissen begegnet werden, um von hier aus politische Instrumente entwickeln zu können221. Ausdrücklich werden von Wissenschaftlerinnen auch mehr Ethnographien im Spannungsfeld von Klimawandel und menschlicher Mobilität gefordert222. Die vorliegende Arbeit versteht sich als wichtige Ergänzung in dieser Debatte. In ihrem Übersichtskapitel „Das Problem der Definition des Nexus Klimawandel und Migration“223 betonen die Autorinnen des 214 Müller u. a. 2012, 18. 215 Müller u. a. 2012, 10. 216 Müller u. a. 2012, 26. 217 Hastrup – Olwig 2012b. 218 Piguet u. a. 2011b, 6. 219 Piguet u. a. 2011a, 17. 220 Wie bereits beschrieben, arbeitet das Bundesamt mit diesem Terminus als „Sammelbegriff “ (Müller u. a. 2012, 10). 221 Müller u. a. 2012, 10–11. 222 Hastrup – Olwig 2012b, 4. 223 Müller u. a. 2012, 12–25. 70 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag BAMF zunächst die Abgrenzung der Phänomene voneinander, die unter dem Nexus Klimawandel und Migration subsumiert werden können, als zentrale Herausforderung224. Dieser begegnen sie durch eine Differenzierung von fünf Dimensionen der Klimamigration, die ich im Folgenden darstelle und teils ergänze. In einer Fußnote bemerken die Autorinnen, dass aufgrund dieser terminologischen Herausforderung ihre Studie mit dem Terminus Klimamigrant arbeitet, der „als Sammelbegriff für alle der umwelt- und klimawandelbedingten Migration zuzuordnenden Bezeichnungen“225 zu verstehen sei. Auch im Rahmen meiner Studie muss sich für einen Begriff entschieden werden. Ich arbeite hier und im Folgenden mit dem Terminus „environmental migration“ respektive mit der deutschen Übersetzung Umweltmigration in der Definition der IOM. Diese besagt: „Environmental migrants are persons or groups of persons who, for compelling reasons of sudden or progressive changes in the environ ment that adversely affect their lives or living conditions, are obliged to leave their habitual homes, or choose to do so, either temporarily or permanently, and who move either within their country or abroad“226. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien beruft sich auf eben diese Definition – unter anderem Publikationen der Vereinten Nationen und ihrer Suborgane und Arbeiten des EACH-FOR-Projektes der Europäi schen Kommission227. Die folgende Darstellung erläutert die Wahl dieser Definition in Bezug auf die Abwanderung der Bewohnerinnen Happisburghs. Dieser Präsentation wird deshalb vergleichsweise viel Platz eingeräumt, da grundlegende Überlegungen und theoretische Ansätze in die Arbeit mit dem empirischen Material eingeflochten werden. 224 Müller u. a. 2012, 12. 225 Müller u. a. 2012, 10. 226 IOM 2007, 1–2. 227 Warner u. a. 2011, 188; die Arbeit ist die erste global angelegte Studie zu Umweltveränderungen und Migration und wurde von 2006 bis 2009 durchgeführt. In 23 Fallstudien war es das Ziel von EACH-FOR, mit empirischen Daten eine Grundlage für die Zusammenführung der Paradigmen zu schaffen. 71 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs 3.1.1 Klimawandel als Aktualitätsmerkmal Zunächst muss der Fakt vertieft werden, dass Umweltmigration – im Sinne der IOM-Definition – keinesfalls ein neuartiges Phänomen unserer Zeit ist228. Schon 1889 bemerkt Ravenstein, dass „unattractive climate […] produced and still [is] producing currents of migration“229. Seit es Menschen gibt, müssen sie aufgrund von Umweltveränderung auf der Erde wandern beziehungsweise migrieren. Eine ausreichende Würdigung dieser historischen Perspektive erscheint also als Voraussetzung für den Gebrauch dieses Terminus. Um die Aktualität des Phänomens zu unterstreichen, muss der Zusatz „Klimawandel“ deutlich als neuartiger Pushfaktor hervorgehoben werden, wie eingangs im Kapitel unter Berufung auf McAdam230 geschehen. 3.1.2 Unterscheidung von Klimawandel und Umweltveränderung Oft werde laut Müller u.a. nicht adäquat zwischen Klimaveränderungen und „Umweltveränderungen insgesamt“ unterschieden – eine Kritik, die insbesondere in Bezug auf die bereits erwähnte Aktualität von Klimawandel nachvollziehbar erscheint. „Umweltveränderungen insgesamt“ − und damit meinen sie beispielsweise geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis231 − trügen zwar zweifelsohne zu Migrations- oder gar Flüchtlingsbewegungen bei, allerdings erscheine die Aufnahme dieser Personengruppen in Statistiken zu Klimavertriebenen oder Klimamigrantinnen zweifelhaft, da hier anthro pogener Einfluss fraglich sei. Es sei an dieser Stelle allerdings kritisch angemerkt, dass es Stimmen gibt, die keinen Bereich der Umwelt mehr frei von anthropogenen Einflüssen sehen und eine unberührte Natur folglich für nicht möglich 228 Piguet u. a. 2011b, 2. 229 Piguet u. a. 2011b, 2–3. 230 McAdam 2011, 102. 231 Müller u. a. 2012, 13. 72 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag halten232. Auf das Wetter Bezug nehmend konstatiert beispielsweise auch Hulme, dass von „rein natürlichen“ Vorgängen nicht mehr auszugehen sei, da menschliche Aktivitäten die Wetterverhältnisse auf dem gesamten Globus beeinflussen würden233. Auch im Falle der Bewohnerinnen von Happisburgh ist die Differenzierung zwischen Umweltveränderungen insgesamt und einer Verschärfung dieser Veränderungen aufgrund des Klimawandels schwierig. So ist zum einen historisch belegbar Erosion an der Küste von Norfolk ein schon seit der menschlichen Besiedlung dagewesenes Problem, dem sich die Bevölkerung immer wieder anpassen musste234. Zudem ist eine plattentektonische Absenkung im Osten der britischen Insel um 0,5–1,1 mm pro Jahr feststellbar, die einen relativen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hat235. Dies lässt den Effekt des globalen Meeresspiegelanstiegs entsprechend größer erscheinen, kann aber kaum in Bezug zu Umweltverschmutzung oder sonstigen menschlichen Einflüssen gesetzt werden. Auf der anderen Seite ist der Anstieg des Meeresspiegels in der Nordsee Fakt, auch wenn es sich derzeit um lediglich 1,5 mm pro Jahr handelt236. In diesem Zusammenhang ist eine Aussage des BAMF interessant, in der die Verfasserinnen den Klimawandel bei langsam wahrnehmbaren Umweltveränderungen als verschärfendes Moment bewerten: „Der Klimawandel wird vor allem bei den schleichend auftretenden Prozessen (slow-onset) wie Meeresspiegelanstieg […] eher als Verstärker oder nur mittelbarer Auslöser zu betrachten sein“237. Eine starke Häufung von Extremwetterereignissen, die der IPCC eindeutig in Verbindung mit der globalen Erwärmung setzt238, ist in England indes zweifelsohne feststellbar239. Das Norddeutsche Klimabüro des Instituts für Küstenforschung, das am Helmholtz-Zentrum Geesthacht angesiedelt ist, prognostiziert zum einen die Zunahme der jährlichen 232 Zimmerman 2003, 163. 233 Hulme 2000. 234 Frew 2009. 235 Shennan – Horton 2002. 236 Wahl u. a. 2013. 237 Müller u. a. 2012, 15. 238 Alexander – Allen 2013, 3, 5. 239 IME 2014, 12. 73 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs Sturmhäufigkeiten von 10 bis 20 Prozent bis zum Ende des 21. Jahrhunderts und weist zum anderen darauf hin, dass sie „auf den Ausstoß von menschengemachten Treibhausgasen zurückzuführen sind“240. Zudem würden diese vom Menschen beeinflussten Nordseestürme nicht nur häufiger, sondern auch bis zu 13 Prozent stärker werden241. Es wird deutlich, dass zumindest eine Verschärfung der Küstenerosion in Happisburgh durch den Klimawandel nicht von der Hand zu weisen ist. Als aktuellstes Beispiel für Auswirkungen von extremen Wetterereignissen auf den Küstenort kann das Orkantief „Xaver“ vom Dezember 2013 gelten. Dieser verursachte in der Nacht vom 5. Dezember auf den 6. Dezember 2013 eine erhebliche Abrasion und eine Bewohnerin in Happisburgh verlor in dieser Nacht sogar ihr Haus242. Dass Menschen in Happisburgh aufgrund von Umweltveränderungen ihren Lebensmittelpunkt verlagern und migrieren müssen, ist somit einmal mehr bestätigt. Der Terminus „Umweltmigration“, der in der IOM-Definition den Klimawandel zumindest explizit nicht miteinbezieht, ist also in jedem Fall ein geeigneter Arbeitsbegriff für die vorliegende Untersuchung. Zudem sind in dieser Arbeit nicht etwa die physikalisch messbaren Gründe für die Verschärfung der Erosion relevant, sondern das, was die Menschen als ihre Wirklichkeit wahrnehmen. Neben den wissenschaftlichen Messungen zum Einfluss des sich wandelnden Klimas auf die Naturregion Nordsee wurden – wie oben erwähnt – die Bewohnerinnen Happisburghs mit denen von Tuvalu, die weit offensichtlicher mit den Folgen der globalen Erwärmung werden umgehen müssen, öffentlich verglichen und dies von einem der führenden Klimaforscher weltweit, Professor Neil Adger243. Zudem setzen nicht nur britische Medien Klimawandel und Happisburgh in Zusammenhang, sondern Journalistinnen der ganzen Welt, wie Kapitel 6.3 anschaulich demonstriert. Dass die Politik auf diese Entwicklungen in den Medien aufmerksam 240 Meinke – Weisse 2013. 241 Meinke – Weisse 2013. 242 Keller 2013. 243 Adger 2007. 74 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag wurde und zum Teil auch steuernd eingriff, zeigt die Positionierung der Royal Community, die Happisburgh als Beispiel für Klimawandelfolgen anführte, wie bereits weiter oben dargestellt wurde. Es ist stark anzunehmen, dass sowohl Politik als auch Medien in diesem Fall so deutlich Happisburgh und Klimawandel zueinander in Bezug gesetzt haben, da es zu Migrationen in Folge der Küstenerosionen kam. Wären lediglich Strände und Felder betroffen, es wäre wohl nicht zu dieser Form der medialen und politischen Aufmerksamkeit gekommen. Hier verlaufen nun die Diskurslinien interessanterweise auch aus anderen Gründen in eine neue Richtung: Während das Problem der zunehmenden Migration in Folge von Umweltveränderungen lange Zeit fast ausschließlich für den Gglobalen Süden diskutiert wurde, ändert sich nun die Blickrichtung. Das Problem stets im Globalen Süden zu verorten, bedeutete zugleich die Selbsttäuschung, der Globale Norden würde nicht im gleichen Maße von Klimaveränderungen betroffen werden – die binäre Unterscheidung zwischen einem verelendeten, hilfsbedürftigen Süden und einem reichen, machtvollen Norden greift im Falle Happisburghs jedoch nicht mehr. Nicht nur die Differenzierung der Termini „Umwelt“ und „Klima“ fällt schwer, wenn man Migration als Folge von Umweltveränderungen näher analysiert. Migration, so konstatieren viele Autorinnen, ist nie als ein monokausales Phänomen anzusehen. Hulme beschreibt Migrationsursachen als Zusammenspiel ökonomischer, politischer, umweltbedingter und sozialer Faktoren. Die Bezeichnung Umweltmigrant könne dieses Zusammenspiel nicht nachzeichnen. Er bekräftigt: „The term implies a monocausality about the reasons for migration that just does not exist in reality. The decision to migrate is always a result of multiple interactions related to economic, political, environmental, and social factors“244. Auch Castles formuliert eine ähnliche Sichtweise, wenn er schreibt: “[T]he term ‘environmental refugee’ is simplistic, one-sided and misleading. It implies a monocausality which very rarely exists in practice”245. 244 Hulme 2008, 50. 245 Castles 2002, 8. 75 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs Zwar leuchtet dieser Kritikpunkt zur eingeschränkten Sichtweise beziehungsweise zur Monokausalität ein, doch diesem Argument folgend müsste stets auf jedwede Spezifizierung von Flüchtlingen oder von Migration verzichtet werden, da es fast unmöglich erscheint, den einen richtigen Beweggrund zu identifizieren. Nichtsdestotrotz wird im Allgemeinen zwischen verschiedenen Migrations- und Fluchtformen unterschieden und die Bundeszentrale für politische Bildung spricht beispielsweise selbstverständlich von „Arbeitsmigration“, wenn Menschen aufgrund besserer Lohnerwerbschancen ihre Heimat verlassen246. Doch auch hier ist der einseitige Beweggrund fragwürdig, denn wer könnte Umweltveränderungen als Push-Faktor ausschließen, wenn beispielsweise ein Bauer feststellen muss, dass die Bewässerung seiner Felder durch extreme Dürren nicht mehr rentabel ist und er sich deshalb einen anderen Beruf in der Stadt suchen muss? Außerdem ist im Falle der Menschen, die in Happisburgh ihre Häuser verloren haben, die Küstenerosion auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, der Grund für das Verlassen der Häuser war hingegen – ganz monokausal – das Wegbrechen der Küste. Somit ist zumindest dieses Argument entkräftet. Wenn Umweltveränderungen schnelles und unmittelbares Abwandern der Menschen erfordern, scheint der Begriff Umweltmigration im Allgemeinen besser verständlich. Doch auch langsam fortschreitende Umweltveränderungen können zu Migration führen. Und die Frage, ob unfreiwillig oder freiwillig umgesiedelt wird, ist ebenso schwerlich immer eindeutig zu beantworten, wie ich im Folgenden zeige. 3.1.3 Zeitliche Dimension der Umweltveränderung und Freiwilligkeit der Migration Das nächste Problemfeld, das laut BAMF eine klare Definition von Klimamigration erschwert, ist die zeitliche Bestimmung der Abwanderung. Das BAMF unterscheidet zwischen „plötzlich auftretenden ( sudden-onset) Extremwetterereignissen“247, die zu einer 246 Angenendt 2009. 247 Müller u. a. 2012, 13. 76 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag ad-hoc- Migration führen, und „schleichende[n] (slow-onset) klimawan del bedingte[n] Umweltveränderungen248. Im Falle Happisburghs sind beide Zeitdimensionen zu finden. So sind es einerseits sudden-onset Extremwetterereignisse, die die Bewohnerinnen über Nacht zur Flucht zwingen können249. Und andererseits treten slow-onset Ereignisse auf, die die durchschnittlich hohe Erosionsrate im Ort verursachen und somit beispielsweise Hauspreise in Küsten nähe sinken lassen. Grundsätzlich ist nach der Definition des BAMF Migration, die auf die sudden-onset Umweltveränderungen folgt, fast immer unfreiwillig. Eine langsam verlaufende Umweltveränderung, wie beispielsweise eine Austrocknung des Bodens, mache dagegen im Einzelfall eine Unterscheidung, ob Migration freiwillig aus wirtschaftlichen Gründen oder unfreiwillig aufgrund des Verlusts der Lebensgrundlage erfolgt, schwierig250. Die Analyse des Interviewmaterials in Kapitel 6 zeigt, dass es sich im Falle Happisburghs tendenziell um unfreiwillige Abwanderungen handelt. Bei jener Bewohnerin, die über Nacht ihr Haus an die Klippen verlor, liegt dies auf der Hand. Die meisten anderen migrierten Bewohnerinnen waren zum Verlassen ihrer Häuser durch den Wegfall der Küste gezwungen worden, auch wenn die meisten es vorzogen, zu gehen, bevor die Gefahr für Leib und Leben akut wurde. 3.1.4 Raum und Migrationsziel Das BAMF stellt fest, dass eine generelle Aussage über Distanz und Richtung der Migration als Folge von Umweltveränderungen nicht getroffen werden kann. Das Migrationsziel sei von pragmatischen und situa tionsspezifischen Entscheidungen abhängig251. Innerhalb der Migrationsforschung gelte es jedoch als wahrscheinlich, dass es sich „in der Tendenz um binnenstaatliche Klimamigration“252 handele und auch künftig handeln werde. Das United Nations Development Programme 248 Müller u. a. 2012, 13. 249 Keller 2013. 250 Müller u. a. 2012, 14; siehe hierzu auch das Beispiel des Bauern in Kapitel 3.1.2. 251 Müller u. a. 2012, 14. 252 Müller u. a. 2012, 14. 77 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs (UNDP) schätzt die Zahl der Binnenmigrantinnen mit 740 Millionen fast viermal so hoch wie die Zahl der international migrierten Menschen253. Dies trifft auch auf die Bewohnerinnen von Happisburgh zu. Von den geschätzten 73 Personen, die in den 35 an die Erosion verlorenen Häusern lebten, wohnt meinen Recherchen nach niemand mehr in Happisburgh, doch keiner ging so weit, das Land zu verlassen. Generell lässt sich feststellen, dass trotz der überwiegend binnenstaatlich verlaufenden Migration die Mehrheit der Autorinnen auf den Zusatz „Binnen“ zu verzichten scheint – allen voran das BAMF und das United Nations Institut for Environment and Human Security (UNU-EHS)254. In meiner Arbeit verwende ich diesen Zusatz ebenfalls nicht und arbeite stattdessen mit dem Begriff der „Umweltmigration“ anstelle von „Umweltbinnenmigration“, obgleich diese Bezeichnung präziser wäre. 3.1.5 Zeitliche Dimension der Migration Auch die Frage nach der Dauer der Abwanderung erschwert die Erfassung des Phänomens Klimamigration. So können nach kurzzeitig auftretenden, extremen Wettersituationen geflüchtete Menschen oft nach einer Weile wieder an ihren Herkunftsort zurückkehren255. Ist der Lebensraum jedoch dauerhaft zerstört, wie beispielsweise durch einen dauerhaft hohen Wasserspiegel, gibt es diese Option nicht. Als Beispiel hierfür können Dorfgemeinschaften in Alaska gelten, die aufgrund des Abtauens der Permafrostböden zum Teil bereits umgesiedelt werden mussten256. Ein Spezialfall stellt die etwaige Staatenlosigkeit infolge des Klimawandels dar, die in Bezug auf „versinkende Inseln“ drohen kann257. Im Fall von Happisburgh kann klar von einer dauerhaften Abwanderung ausgegangen werden, da die Grundstücke, auf denen die 35 Häuser standen, inzwischen vom Meer verschluckt wurden, wie die Abbildung 1 bereits veranschaulicht hat. 253 UNDP – United Nations Development Programme 2009, 1; siehe auch Müller u. a. 2012, 14. 254 Warner u. a. 2009; Warner u. a. 2011; Warner 2011. 255 Müller u. a. 2012, 15. 256 Bronen 2009. 257 Müller u. a. 2012, 48. 78 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag 3.1.6 Migration oder Flucht Eine Unterscheidung zwischen Migration und Flucht gehört zu den meist diskutierten Themen in der Migrationsforschung258. Im Folgenden werden die wichtigsten Eckpfeiler dieser Debatte präsentiert. Gleichzeitig wird mit dieser Darstellung transparent gemacht, warum sich für die vorliegende Studie für den Terminus Umweltmigration anstelle von Umweltflucht entschieden wurde. Die Verwirrung in der Nutzung des Terminus Migrant ist hauptsächlich den Raum- und Zeitdimensionen geschuldet. So wurde zum einen bereits geschildert, dass die Mobilität bei Umweltmigrantinnen sich vornehmlich innerstaatlich abspielt und so also eher von Umweltbinnenmigration die Rede sein müsste. Zum anderen variiert die zeitliche Dimension erheblich. Sie reicht von kurzzeitigem Wohnortwechsel, beispielsweise aufgrund einer Überschwemmung, bis hin zu einer etwaigen Staatenlosigkeit durch die vollständige Überflutung eines Inselstaates. Ist im ersten Fall Migration aufgrund des temporären Charakters eher im Sinne eines zeitweiligen Rückzugs anstatt eines Lebensmittelpunktwechsels zu verstehen, klingt im zweiten Fall der Bedarf nach Schutzmaßnahmen und Flüchtlingsrechten an. Der Terminus climate refugee oder die deutsche Übersetzung Klimaflüchtling wird unter anderem von Vertreterinnen des Tyndall Centres for Climate Change Research in Norwich kritisiert. Beim Gebrauch dieses Terminus moniert Hulme – neben der bereits beschriebenen Problematik der Monokausalität – auch einen „frozen view of reality“259. Zu oft werde in statischen Kategorien gedacht, wenn es um die Vertreibung von Menschen durch Umweltveränderungen ginge, dabei bewiesen Untersuchungen zu Dürrezeiten in der Sahel-Zone in den 1970ern und 1980ern, dass Flüchtlingsbewegungen dort oft nur vorübergehend waren, womit nicht von Flucht die Rede sein könne260. Auch Richard Black bezeichnet Wanderbewegungen in der Sahelzone als Bestandteil einer 258 Han 2010; Oswald 2007. 259 Hulme 2008, 50. 260 Hulme 2008, 50. 79 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs nomadischen Lebensweise261. Nimmt man jedoch die Dürre von 2011 in Somalia in den Blick, das sich nur knapp oberhalb der Sahelzone befindet, mutet diese Kritik von Hulme und Black aus heutiger Sicht sarkastisch an. Die humanitäre Katastrophe forderte Tausende von Menschenleben – auch von nomadisch lebenden Familien – und ließ das größte Flüchtlingslager der Welt in Dabaab entstehen262. Einen weiteren Angriffspunkt stellt der Terminus Flüchtling in Bezug auf die möglicherweise damit assoziierte Genfer Flüchtlingskonventionen (GFK) von 1951 dar263. In vielen Ländern dieser Welt fußen Flüchtlingsstatus und Asylrecht auf den GFK – so auch in Deutschland264. Klima- oder Umweltveränderungen werden in den GFK als Grund der Vertreibung nicht aufgeführt. Eben dies wird allerdings von Flüchtlingsorganisationen, die vornehmlich im Globalen Süden agieren, gefordert265. Im Falle der Hausbesitzerinnen an der Ostküste Englands handelt es sich eindeutig um eine dauerhafte Verlegung des Lebensmittelpunkts, da die Grundstücke der betroffenen Bewohnerinnen der Abrasion vollständig zum Opfer fielen. Nach Flüchtlingsrechten zu fragen, erscheint allerdings auch übertrieben, da die Migration innerhalb Englands, meist sogar innerhalb Norfolks, stattfand. Zudem bestand für keine der Befragten eine Gefahr für Leib und Leben. Damit wird klar, warum sich in der vorliegenden Arbeit gegen den Begriff Klimaflüchtling – obwohl Harry bereits im Prolog vom „climate refugees“ spricht – und für die Wahl des Terminus „Umweltmigration“ nach der IOM-Definition entschieden wurde. Abschließend zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Bewohnerinnen der Pazifikinseln Tuvalu und Kiribati. Diese sehen mindestens ähnlichen Herausforderungen bezüglich zunehmender Küstenerosion und Sturm- sowie Flutwahrscheinlichkeit entgegen, lehnen die 261 Black 2001, 5. 262 Henninger 2012. 263 UNHCR 1951. 264 Hailbronner 2006. 265 Jakobeit – Methmann 2007, 1–3. 80 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Bezeichnung „refugee“ aber ab266. Laut McAdam geschieht dies, „because it is seen as invoking a sense of helplessness and a lack of dignity“267. Die empirische Erhebung in Norfolk wird zeigen, dass auch hier Ressentiments gegenüber einer möglichen Assoziation mit Passivität und Hilflosigkeit bestehen. Insbesondere die Gründung der CCAG zeigt das aktive Handeln der Dorfbewohnerinnen und in Kapitel 6.3 präsentiere ich die Bewohnerinnen dementsprechend als aktive Gestalterinnen ihrer Alltagswelt. 3.2 Umweltmigration und Klimawandel in der chronologische Entwicklung Im Folgenden wird die wissenschaftliche Entwicklung der Paradigmen Klimawandel und Migration chronologisch dargestellt. Diese Übersicht ist notwendig, da sie die Brisanz der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung in diesem Feld bekräftigt und ich mit der vorliegenden Arbeit eine Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Konzepte anstrebe. Die im Folgenden dargestellten Zahlen zur bisherigen und zukünftigen Entwicklung der Migrationsbewegungen sind immer vor dem Hintergrund der eben dargestellten Definitionsschwierigkeiten kritisch zu betrachten. Eine Anmerkung, welche nicht an jeder Stelle wiederholt werden wird. Verzichtet wird zudem auf eine Wiederholung der in Kapitel 2.3 angeführten Betonung der historischen Dimension des Phänomens Umweltmigration, das im Grunde so alt ist, wie die Menschheit selbst, und durch den Zusatz des anthropogen verursachten Klimawandels seine besondere Aktualität erhält. James Morrisseys bestätigt in seinem viel zitiertem Paper „Environmental Change and Forced Migration“ von 2009 das wachsende Interesse, das seit Mitte der Nullerjahre dem Zusammenhang zwischen Umweltveränderung und Migration zuteilgeworden ist268. Auch er verweist auf das gestiegene öffentliche Interesse am Phänomen Klimawandel, das grundsätzlich Umweltveränderungen als Push-Faktor von Migration 266 McAdam 2011, 115–116. 267 McAdam 2011, 116. 268 Morrissey 2009, 2. 81 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs sehr wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit beschert habe. Allerdings kennzeichnet er als Anfangspunkt der Auseinandersetzung die 1970er Jahre, „well before the climate change debate was established“269. Die OPEC-Ölkrise von 1973 und die damit bewiesene Abhängigkeit der Industriestaaten von fossilen, also endlichen, Rohstoffen sowie die aufkommende Diskussion um die wachsende Weltbevölkerung markiert er als Beginn der Auseinandersetzung mit Umweltveränderung und Migration270. Benutzt wurde der Terminus „environmental refugee“ 1976 das erste Mal von Lester Russel Brown, dem Gründer des Worldwatch Institute271. Als Essam El Hinnawi 1985 in einem Policy Paper des Umweltprogramms der Vereinten Nationen „environmental refugees“ definierte als „[…] people who have been forced to leave their traditional habitat, temporarily or permanently, because of a marked environmental disruption (natural and/or triggered by people) that jeopardized their existence and/or seriously affected the quality of their life“272, habe der Begriff schließlich weltweite Beachtung erhalten273. Jodi L. Jacobsons Worldwatch-Publikation „Environmental Refugees: a Yardstick of Habitability“274 wird als Einzug der Thematik in die Wissenschaft markiert275. In dem Paper schätzt sie die Zahl der zu dieser Zeit existierenden Umweltflüchtlinge auf weltweit zehn Millionen Menschen276. Auf der geschätzten Zahl von Flüchtlingen basierend, die durch Dürreperioden in den 80er Jahren in der Sahelzone zur Wanderung gezwungen wurden, liefert sie somit das erste Mal eine konkrete Zahl in der aufkeimenden Umweltflüchtlingsdebatte und somit eine willkommene Diskussionsgrundlage277. Ihre Arbeit ist erstens aufgrund ihres Versuchs der praktischen Übersetzung von El-Hinnawis Definition in tatsächliche Zahlen bemerkenswert, im Zuge dessen sie die bis dato rein theoretische Debatte mit empirischen Daten füllte. Zweitens betrachtete 269 Morrissey 2009, 2. 270 Morrissey 2009. 271 Black 2001, 2; Morrissey 2009, 3. 272 Hinnawi 1985, 4. 273 Morrissey 2009, 3. 274 Jacobson 1988. 275 Morrissey 2009, 3. 276 Jacobson 1988, 257. 277 Morrissey 2012, 36. 82 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Jacobson erstmalig den Klimawandel als verschärfendes Moment für Flucht und Migration278. So rechnet sie beispielsweise dem Meeresspiegelanstieg eine bedeutende Rolle zu, wenn sie schreibt: „Among the various environmental problems that cause the displacement of people from their habitats, none rivals the potential effects of sea level rise as a result of human-induced changes in the earth’s climate“279. Wie viele andere nach ihr macht Jacobson in diesem Zusammenhang auf die ungerechte Verteilung dieser Folgen aufmerksam: „While sea level rise due to global warming is induced largely by the industrial world, developing countries stand to suffer the most“280. Die vorliegende Untersuchung an der Ostküste von England möchte diese Aussage weder schmälern noch relativieren. Folgen der globalen Erwärmung im Globalen Süden wie Tod durch Unterernährung oder Verdursten sind in keiner Weise vergleichbar mit dem Verlust von Immobilien. Ziel der Studie ist es, die dominante Perspektive auf den Globalen Süden um eine Nord-Perspektive zu erweitern. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Ergänzung zwingend erforderlich, handelt es sich beim Klimawandel doch um eine globale Veränderung, die also auch global, oder mindestens multi-lokal, begleitet werden muss. Im Sinne eines „Raumschiff Erde“281 wird diese Erweiterung der Perspektive zudem als Chance einer größeren Aufmerksamkeit für Menschen in Gebieten mit höherer Vulnerabilität begriffen. In den 1990er Jahren erweiterte sich die Debatte stetig. Zunächst wurde auch im ersten IPCC Report von 1990 die potentiellen Auswirkungen des Klimawandels – beispielsweise durch Küstenerosion, Fluten oder Schäden in der Landwirtschaft – auf Migration identifiziert282. Außerdem wurde im selben Jahr die Alliance of Small Island States gegründet, eine Koalition kleiner Inselstaaten und niedrig gelegener Küstenländer, die ähnliche Herausforderungen bezüglich Umweltveränderungen 278 Morrissey 2009, 3. 279 Jacobson 1988, 258. 280 Jacobson 1988, 258. 281 Crutzen 2011; mit dem Bild der Erde als Raumschiff verdeutlicht Crutzen, dass die Menschheit nur auf diesem einen Planeten überleben kann und sprichwörtlich „im selben Boot sitzt“. 282 IPCC 1990, 55. 83 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs teilen und für nachteilige Auswirkungen des globalen Klimawandels283 besonders anfällig sind. Die Vereinigung versteht sich als Lobby für „Small Island Developing States“ (SIDS) im System der Vereinten Nationen und gilt als einflussreich im UNFCCC-Prozess284. Der Inselstaat Großbritannien ist nicht Teil dieses Bündnisses. Die Analyse des empirischen Materials wird allerdings eine ganze Reihe von ähnlichen Herausforderungen und Handlungsreaktionen von Bewohnerinnen der Ostküste Englands sowie der SIDS zutage fördern. Kapitel 6.3.2 behandelt in diesem Zusammenhang beispielsweise das Gefühl des Begafftwerdens: Sowohl die Bewohnerinnen von Happisburgh als auch Menschen kleiner Inselstaaten im Pazifik berichten von der Erfahrung, in ihrem Alltagsleben als Beispiele für die Folgen der globalen Erderwärmung beobachtet zu werden. Als nächster Meilenstein in der chronologischen Auflistung kann der Aufsatz von Norman Myers „Environmental Refugees in a Globally Warmed World“ von 1993 gelten, in dem er die Zahl der Umweltflüchtlinge bis zum Jahr 2050 auf 150 Millionen schätzt285 und damit dem Begriff „environmental refugee“ zu großer Aufmerksamkeit und Prominenz verhalf286. Begleitet wurde diese Einschätzung auch von kritischen Stimmen, beispielsweise von Richard Bilsborrow287 oder JoAnn McGregor288. So kritisiert Bilsborrow unter anderem das Primat von Veränderungen physikalischer Gegebenheiten bei menschlicher Migration im Gegensatz zu anderen Push-Faktoren und McGregor argumentiert, der Begriff „environmental refugee“ impliziere ein Ausgeliefertsein an Umweltveränderungen und bestreite somit die menschliche Fähigkeit der Anpassung289. 283 Alliance of Small Island States 2013. 284 Warner 2011; zur besseren Lesbarkeit des Fliesstextes folgt die Erläuterung der Abkürzung UNFCCC ausnahmsweise in der Fußnote: “United Nations Framework Convention on Climate Change”. 285 Myers 1993, 757. 286 Morrissey 2012, 37. 287 Bilsborrow 1992. 288 McGregor 1994. 289 Morrissey 2012, 37. 84 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Ein Jahr nach Myers 150 Millionen-Schätzung erschien Astri Suhrkes berühmte Gegenüberstellung maximalistischer und minimalistischer Schulen der Umweltflüchtlinge290: Eine Perspektive, mit der sie die Literatur zu Umweltveränderungen und Migration innerhalb der kommenden fünfzehn Jahre maßgeblich beeinflussen sollte291. Unter anderem bezieht sie sich direkt auf El-Hinnawi und Jakobson als Maximalistinnen und behauptet, diese hätten die ihnen zuteil gewordene Aufmerksamkeit nur durch eine Dramatisierung des Problems erreicht292. Sie fragt weiter, ob es überhaupt möglich sei, den Einfluss von Umweltfaktoren isoliert zu analysieren293 und weist damit auf die Schwierigkeit hin, eine sich verändernde Umwelt als alleinigen Migrationsgrund zu identifizieren, was weiter oben unter dem Titel Monokausalität bereits diskutiert wurde. Oftmals sei eine Abgrenzung beispielsweise zur Arbeitsmigration nur schwer möglich, gerade wenn es sich um Langzeitveränderungen handele – wie beispielsweise die Austrocknung von Ackerland294. Im Gegensatz dazu fiele es leichter, einen Zusammenhang bei kurzzeitigen und extremen Wetteränderungen wie Fluten oder Stürmen zu erkennen. Dieser Kritikpunkt wurde seither oft wiederholt und wurde bis heute nicht ausgeräumt, wie beispielsweise Hulme in seinem Kommentar „Climate Refugees: Cause for a New Agreement?“295 darlegt. Im Kontrast zu den beschriebenen Maximalistinnen setzt Suhrke in ihrem Werk „Environmental degradation and population flows“296 die Minimalistinnen, zu denen sie, neben sich selbst, auch Bilsborrow297 und McGregor298 zählt. Bei diesen Minimalistinnen handle es sich laut Suhrke primär um Migrationsexpertinnen299, die Umweltveränderung 290 Suhrke 1994. 291 Morrissey 2012, 38. 292 Suhrke 1994, 475. 293 Suhrke 1994, 473. 294 El-Cherkeh 2009. 295 Hulme 2008. 296 Suhrke 1994. 297 Bilsborrow 1992. 298 McGregor 1994. 299 Suhrke 1994, 475. 85 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs höchstens anerkennen als „contextual factor that influences the de cision making“300. Das folgende Zitat fasst Suhrkes berühmte Gegenüberstellung der beiden Schulen zusammen: „Yet two different and opposing perspectives can be discerned. In one, which can be called the minimalist view, environmental change is a contextual variable that can contribute to migration, but analytical difficulties and empirical shortcomings make it hazardous to draw firm conclusions. The other perspective sets out a maximalist view, which posits that environmental degradation is a direct cause of large-scale displacement of people“301. Nach dieser Definition ist meine Studie der Schule der Maximalistinnen zuzurechnen, da ich argumentiere, dass das Abbrechen der Küste der einzige Grund für die Migration der ehemaligen Küstenbewohnerinnen in Happisburgh war. In Kapitel 4 werde ich dieses Argument detailliert untermauern. In den 1990ern nahmen die wissenschaftlichen Diskussionen um den Zusammenhang von Umweltmigration und Sicherheit zu302. Als Ausgangspunkt für diese Debatte kann der 1994 veröffentlichte Beitrag von Homer-Dixon „Environmental Scarcities and Violent Conflict“303 gesehen werden. Er ist vom Konflikt- und Gewaltpotential des „environmental scarcity“-Konzepts und seinem Einfluss auf Migrationsbewegungen überzeugt und prognostiziert einen Anstieg von Geschwindigkeit und Ausmaß analog zur Verschärfung der Knappheit304. 300 Suhrke 1994, 456. 301 Suhrke 1994, 474. 302 Morrissey 2012; Morrissey merkt in diesem Zusammenhang kritisch an, dass „writing on the security threat posed by ‘environmental refugees’, plays into other long-standing anti-immigrant narratives that connect migrants with crime, violence and disease“ (Morrissey 2012, 42 [Hervorhebung im Original]). 303 Homer-Dixon 1994. 304 Homer-Dixon 1994, 21. 86 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Steven Lonergan, der ebenso zum Lager der Minimalistinnen gezählt werden kann, gilt als einer der wichtigsten Kritiker in der Debatte zum Ende der 90er Jahre305. In seinem 1998 veröffentlichten Artikel „The role of environmental degradation in population displacement“306 plädiert er für den Gebrauch der Begriffe „environmental migrants“ oder „environmental degradation and population displacement“ und gegen die Nutzung des Begriffs „environmental refugees“, denn dieser impliziere zu verallgemeinernd eine erzwungene Abwanderung sowie internationale Schutz- und Rettungsmaßnahmen307. Überdies unterstreicht Lonergan in seinem Paper die Relevanz von Entwicklungspolitik und Ressourcenverteilung für die Entstehung von Vulnerabilitäten, wenn er betont: „Despite the complex nature of migration flows, and the ongoing debate on the role of environmental degradation as a cause of, or contributor to, migration, there is little doubt that we need to give greater consideration to environmental deterioration and resource scarcity in our development assistance activities“308. Forderte Lonergan309 Ende der 1990er noch einen sensibleren und differenzierteren Umgang mit dem Begriff, so lehnt ein weiterer Minimalist, Richard Black, Anfang der Nullerjahre das ganze Konzept grundsätzlich ab. In seinem gleichnamigen Aufsatz fragt er provokant: „Environmental refugees: myth or reality?“310. Auf diesen Titel bezogen konstatiert Morressey: „Black’s argument is the most drastic attempt at debunking the environmental refugee thesis altogether“311. Beispielsweise bemerkt Black in seinem Paper, dass das von Suhrke gewählte Beispiel der Wanderbewegungen in der Sahelzone nicht unbedingt als Migration oder gar als Flucht gedeutet werden müsse, sondern gerade für Hirten als ein fundamentaler Bestandteil ihrer nomadischen Lebensweise angesehen werden könne312. Auch kritisiert Black die bereits genannten 305 Morrissey 2012, 38. 306 Lonergan 1998. 307 Lonergan 1998, 15. 308 Lonergan 1998, 12. 309 Lonergan 1998. 310 Black 2001. 311 Morrissey 2012, 38. 312 Black 2001, 5. 87 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs Schätzungen Myers‘ zu Umweltflüchtlingen als zu hoch. Wie Lonergan begreift auch Black die ungleiche Ressourcenverteilung auf der Erde als eigentliche Wurzel des Problems und bewertet Umweltveränderungen, wenn überhaupt, nur als eine unmittelbare Ursache der Abwanderung313. Ein Jahr nach Blacks Beitrag aus dem minimalistischen Lager korrigiert Myers seine Schätzung zu Umweltflüchtlingen, allerdings nach oben. Dies kann als ein weiteres Indiz für die große wissenschaftliche Uneinigkeit in Bezug auf die umweltbedingten Wanderbewegungen von Menschen gelten. In seinem 2002 veröffentlichen Artikel „Environmental refugees: a growing phenomenon of the 21st century“ geht er von bis zu 200 Millionen Umweltflüchtlingen aus. Habe sich die Zahl der Umweltflüchtlinge im Jahre 1995 auf mindestens 25 Millionen Menschen belaufen, so könne man die Gesamtzahl der Umweltflüchtlinge bis zum Jahr 2010 bei gleichen Bedingungen seiner Ansicht nach schätzungsweise verdoppeln. Angesichts der globalen Erwärmung allerdings müsse mit den genannten 200 Millionen Menschen gerechnet werden314. Er schreibt: „when global warming takes hold, there could be as many as 200 million people overtaken by sea-level rise and coastal flooding, by disruptions of monsoon systems and other rainfall regimes, and by droughts of unprecedented severity and duration“315. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge konstatiert, dass Myers‘ Schätzung oft zitiert und durch die ständige Wiederholung sogar als empirischer Beweis angesehen wurde, und dies „trotz des sehr spekulativen Charakters sowie der fragwürdigen wissenschaftlichen Genauigkeit“316. Im Jahr 2006 beantragte die Republik Malediven eine Erweiterung der Genfer Flüchtlingskonventionen um den Begriff der „Klimaflüchtlinge“317. 100 Prozent der Bevölkerung des Inselstaats leben in niedriggelegenen Küstenregionen318, weshalb die Republik als sehr vulnerabel gegenüber einer Erhöhung des Meeresspiegels gilt319. Diesem 313 Black 2001, 13–14. 314 Myers 2002, 609. 315 Myers 2002, 609. 316 Müller u. a. 2012, 32. 317 McAdam 2011, 103. 318 Sterr 2007, 94. 319 McAdam 2011. 88 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag öffentlichen Hilfegesuch folgten zahlreiche Forderungen nach Schutz und rechtlicher Anerkennung aus der Wissenschaft, aber auch von NGOs oder Institutionen wie UNHCR oder UNFCCC320. Im Jahr 2006 erschien außerdem die erste Auflage des „The Economics of Climate Change: The Stern Review“321, das bis heute das bekannteste Werk zum Zusammenhang zwischen Ökonomie und Klimawandel darstellt. Der Autor des Reviews ist Nicholas Stern, der ehemalige Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Seine Hauptaussage ist, dass die Kosten für eine frühzeitige und umfassende Bekämpfung des Klimawandels um ein vielfaches niedriger seien als die Folgekosten des Nicht-Eingreifens. Im Jahr 2007 folgte die Veröffentlichung des bereits mehrfach erwähnten vierten IPCC Reports322. Im selben Jahr wurde zudem die bereits zitierte IOM-Definition der „Environmental Migrants“ veröffentlicht323. Im Jahr 2009 kommt es auf dem Südseeatoll Carteret zur Umsiedlung der Inselbewohner, was im englischen Guardian als „the world’s first evacuation of an entire people as a result of manmade global warming“ bezeichnet wird324. Zwar sei die Anzahl der Menschen gering, die im Zuge der fortscheitenden Inselüberflutung ihre Heimat verlassen müsse, allerdings sei dieses Geschehen als Vorbote für künftige Katastrophen zu bewerten: „Their numbers might be small, but this is the event that foreshadows the likely mass displacement of people from coastal cities and low-lying regions as a result of rising sea levels. The disaster has begun“325. Im gleichen Jahr unterstreicht der UNHCR in einem Policy-Paper die Ungenauigkeit in den Definitionen zu Klimaflüchtlingen und Umweltmigrantinnen: „UNHCR has serious reservations with respect to the terminology and notion of environmental refugees or climate refugees. These terms have no basis in international refugee law“326. 320 McAdam 2011, 103–104. 321 Stern 2007. 322 IPCC 2007. 323 IOM 2007. 324 Monbiot 2009. 325 Monbiot 2009. 326 UNHCR 2009, 8. 89 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs Diese nun an mehreren Stellen angemerkten Unklarheiten bezüglich der Definitionen mündeten 2011 darin, dass der Foresight Bericht der Britischen Regierung zu „Migration and Global Environmental Change − Future Challenges and Opportunities“ gänzlich auf die Termini verzichtet327. Aufgrund des bereits diskutierten Vorwurfs der Monokausalität verwendet der Bericht indes den Ausdruck „migration influenced by environmental change“328. Bei dieser Form der Migration können Umweltveränderungen als Faktor für die Migrationsentscheidung identifiziert werden: „environmental change can be identified as affecting the drivers of migration, and thus is a factor in the decision to migrate“329. In dieser Definition könnten die migrierten Bewohnerinnen Happisburghs sich aller Wahrscheinlichkeit nach wiederfinden. Allerdings geht der Bericht der Englischen Regierung auf das eigene Land nicht ein. Die Hitzewelle von 2003, die auch in Europa Tote forderte, wird indes als Beispiel für die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf den Menschen genannt330, dennoch bezieht sich auch dieser Bericht in seinen Beispielen und Prognosen vorwiegend auf die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer. Diese Dethematisierung könnte ein Hinweis auf das von Norgaard konstatierte gemeinschaftliche Leugnen sein. Die Untersuchung an der Ostküste von England wird diesen Mangel beheben und die Nord-Perspektive in die Debatte um Umweltmigration ausbauen. Ebenfalls in 2011 fordern Lilleor und Van den Broeck ein Mehr an empirischen Studien und Beweisen, um die Debatte über die globalen Auswirkungen vertiefen zu können331. Dem Aufruf nach mehr empirischen Studien zur genaueren Bestimmung des Verhältnisses von Umweltveränderungen und Migration nehmen sich unter anderem die UNU-EHS und die Hilfsorganisation Cooperative for Assistance and Relief Everywhere (CARE) an. Im Rahmen des 2011 initiierten Projekts „Where the Rain Falls“ wurden in Fallstudien aus Guatemala, Peru, Ghana, Tansania, Indien, Bangladesch, Thailand und Vietnam die Zusammenhänge von Niederschlagsmustern, 327 Müller u. a. 2012, 21. 328 Foresight 2011, 34. 329 Foresight 2011, 34. 330 Foresight 2011, 157. 331 Lilleør – Van den Broeck, Katleen 2011, 70. 90 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Nahrungsmittelsicherheit und Mobilität untersucht332. Durch die Auswertung von Fragebögen von über tausend Haushalten und über zweitausend Einzelinterviews trug die Makrostudie erstmals empirische Daten globalen Umfangs zusammen. Allerdings sind im Abschlussbericht erstens die lokalen Stimmen der Untersuchten kaum zu hören und zweitens erfolgte der Blick ausschließlich auf den Globalen Süden. Die Analyse der wichtigsten Studien zum Komplex Umweltmigration und Klimawandel zeigt deutlich, dass die Blickrichtung dieser Studien – oftmals verfasst von europäischen oder US-amerikanischen Institutionen oder Forscherinnen – fast immer einseitig ist: Es dominieren Theorien und Makrostudien, die sich überwiegend auf sogenannte Entwicklungs- und Schwellenländer konzentrieren, meist ohne die sozialen und politischen Verflechtungen zwischen Nord und Süd als Rahmen der Debatte zu Klimawandel und Migration zu thematisieren. 3.3 Zusammenfassung Der Stand der Forschung zu Umweltmigration zeigt, dass vor allem zwei Lücken zu schließen sind: Erstens gibt es kaum empirisches Material, das der Komplexität der Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Umweltmigration gerecht würde,und zweitens beschränken sich die wenigen Studien, die es gibt, auf Länder des Globalen Südens. Das Kapitel präsentierte demgemäß Publikationen, die den englischen Küstenort Ort Happisburgh klar mit Umweltmigration verbinden und die Nutzung dieses Fallbeispiels zur Füllung der konstatierten Lücken legitimieren. Zum einen wurden die Schwierigkeiten dargestellt, die in der Begriffsbestimmung menschlicher Abwanderung aufgrund von Umweltveränderungen zu Zeiten des Klimawandels einhergehen. Diskutiert wurden die Unterscheidung zwischen Klima- und sonstigen Umweltfolgen sowie die schwierige definitorische Abgrenzung von Migration und Flucht. Hier zeigte sich, dass man meist von multikausalen Faktoren, die zur Migration führen, ausgehen muss – auch dann, wenn von 332 Warner u. a. 2012. 91 migratiOn im zeichen des kLimawandeLs Umweltmigration die Rede ist. Hinzu kommt, dass oftmals schwer zu bestimmen ist, welche Langzeitfolgen die Umweltveränderungen auf eine Region haben und ob die Menschen dementsprechend remigrieren werden oder nicht und in welchem Zeitraum dies möglicherweise geschehen wird. Ebenso problematisch scheint es zu sein, aus einer Makroperspektive zu beurteilen, inwiefern freiwillig oder gezwungenermaßen migriert wird und ob die neuen Migrationsziele der Abgewanderten langfristig gesehen eher in angrenzenden Regionen oder im Globalen Norden liegen werden. Zum anderen konnte ich durch chronologische Darstellung der wissenschaftlichen Debatten zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Umweltmigration zeigen, dass es an Studien fehlt, die nicht vornehmlich mit großen Zahlen jonglieren und damit überwiegend alarmistisch wirken, sondern stattdessen verdeutlichen sollten, welche sozialen, politischen und sozioökonomischen Auswirkungen die globalen Klimaveränderungen auf die Lebenswelten der Menschen haben. Ich habe mich entschieden, die Formulierung Umweltmigration nach der Definition der IOM für meine Studie zu verwenden. In dieser relativ breiten Begriffsbestimmung wird der Klimawandel als Pushfaktor nicht erwähnt, aber auch nicht ausgeschlossen. Auch das Migrationsziel und die Dauer der Abwanderung sind breit gefasst. Ich interessiere mich in der vorliegenden Studie für die Bewertung und Reaktion der gesamten Dorfgemeinschaft Happisburghs angesichts der unmittelbaren Konfrontation mit Klimawandel und Umweltmigration. Die Untersuchungsgruppe der Umweltmigratinnen in Happisburgh ergibt sich aus den 35 Häusern, die bisher aufgrund der Erosion verloren gingen, und in denen schätzungsweise 73 Personen lebten. Wie ich im nächsten Kapitel zeige, war das Abbrechen der Küste der vorrangige Grund, weshalb die Bewohnerinnen ihre Heimat verließen. Ein einseitiger Blick auf die Migrationsursachen und -folgen ist jedoch meines Erachtens zu kurz gegriffen, denn auch die sozialen Folgen der Migration – beispielsweise gesellschaftlicher Auf- oder Abstieg verbunden mit der Abwanderung – sind in diesem Fall eng mit der Migration verbunden, wie ich im empirischen Teil der Arbeit verdeutlichen werde.

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References

Zusammenfassung

Das globale Klima erwärmt sich. Diese Erkenntnis ist inzwischen keine Schlagzeile mehr wert. Doch die viel diskutierten klimatischen Veränderungen sind im Alltagsleben nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht – immer wieder werden Stürme, Dürren oder Überschwemmungen in einen Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. In Teilen der Küstenregion Ostenglands ist die Erosionsrate in den letzten Jahren stark angestiegen. Der kleine Küstenort Happisburgh ist besonders betroffen. Durch den Abbruch der Küste kommt es in dem Dorf zum Verlust von Wohnhäusern und somit zu einem gesteigerten Medien– und Forschungsinteresse. Die globale Erwärmung gilt auch hier als verschärfender Faktor für die Erosion und so finden sich Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht in den Berichten. Dies sind jedoch klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern und werden oft mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen assoziiert. Ist es angemessen und legitim, die in Folge der Küstenerosion in Happisburgh in einen ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawissenschaft und Umweltmigration und wie reagiert sie darauf? Der Titel dieser Ethnographie lautet Klimaalltag, denn es sind die lokalen Wahrnehmungen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Die Studie arbeitet die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag heraus. Insbesondere behandelt sie die Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext sowie die Verwissenschaftlichung des Alltags im Küstenort oder besser: des Klimaalltags.