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2. Klimawandel – eine theoretische Rahmensetzung in:

Franziska Luisa Ochs

Klimaalltag, page 33 - 64

Wie sich Klimawandel und Umweltmigration in einem Küstenort in England begegnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3877-2, ISBN online: 978-3-8288-6622-5, https://doi.org/10.5771/9783828866225-33

Tectum, Baden-Baden
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33 2. Klimawandel – eine theoretische Rahmensetzung Die dialektische Beziehung zwischen Umwelt und Menschen wird im anthropogenen Klimawandel besonders deutlich. Menschliche Praxis verändert natürliche Prozesse und anders herum hat die nicht-menschliche Umwelt Effekte auf soziale Praktiken: In diesem Prinzip begründen sich letztlich weltweite Bemühungen rund um Reduktions- und Adaptionsstrategien bezüglich der globalen Erderwärmung.52 Gerade die gesellschaftlich und kulturell variierenden Deutungen und praktischen Verarbeitungen des Klimawandels bieten für die Sozialwissenschaften ein wichtiges Untersuchungsfeld, das über Disziplingrenzen hinweg bearbeitet werden sollte, um es in seiner Komplexität zu verstehen. 2.1 Forschungsfeld und gesellschaftliche Herausforderung So forderten beispielsweise Stehr und von Storch bereits im Jahr 2000 eine grundlegende Neuerung des Naturbegriffs im sozialwissenschaftlichen Diskurs und die Aufhebung der traditionellen Arbeitsteilung von Natur- und Sozialwissenschaften53. Sie schlagen sogar die Schaffung einer transdisziplinären „soziale[n] Naturwissenschaft“ vor, die sowohl die natürlichen Verhältnisse, als auch deren Deutungen als soziale Prozesse für Gesellschaft und Forschung verstehen54. Insgesamt wächst 52 Stehr – Storch 2000 53 Stehr – Storch 2000, 193. 54 Stehr – Storch 2000, 193. 34 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag in Bezug auf den Klimawandel seither die Anzahl sozialwissenschaftlicher Auseinandersetzungen stark an. Was Naturwissenschaften per Defini tion nicht beschreiben können, wird hier zum Mittelpunkt des Interesses: der Prozess einer gesellschaftlichen Konstruktion des Klimawandels im komplexen Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Medien. Die Forderung nach mehr und ausgedehnterem Engagement der verschiedenen Disziplinen ist diesen sozialwissenschaftlichen Arbeiten bis heute gemeinsam. Zu den prominentesten Vertretern gehören in diesem Zusammenhang Anthony Giddens55, Mike Hulme56 und John Urry57; für den deutschsprachigen Raum sind Harald Welzer58 und Martin Voss59 hervorzuheben. Als einer der Gründe für das stark wachsende Interesse sei exemplarisch die pathetisch anmutende Frage Ulrich Becks angeführt: „Warum kommt es angesichts der Bedrohung der Menschheit, die von der Umweltzerstörung ausgeht, nicht zum Sturm auf die Bastille, zum ökologischen Roten Oktober?“60. In seiner Antwort fordert Beck eine grundlegende Erweiterung des Expertinnen- und Elitediskurses um die Analyse der Wahrnehmung „normaler Menschen verschiedener Schichten, Nationen, politischer Ideologien und Länder“61. Er sieht die Soziologie, seine sozialwissenschaftliche Heimat, in der Pflicht, die Klimapolitik vom „Kopf auf die Füße“62 zu stellen und die „alltägliche Unterstützung von unten“63 zu untersuchen. Die vorliegende Arbeit kommt dieser Aufforderung mit der Analyse der Fallstudie in England nach. Die lokale Wahrnehmung der Umweltveränderungen und die alltäglichen Bedeutungskonstruktionen dieser Phänomene stehen im Vordergrund. Der von Beck so selbstverständlich konstatierte allgemeine gesellschaftliche Bedarf und das große aktuelle Interesse an Beiträgen zum 55 Giddens 2009. 56 Hulme 2009. 57 Urry 2011. 58 Welzer 2008. 59 Voss 2010. 60 Beck 2010, 33. 61 Beck 2010, 34. 62 Beck 2010, 33. 63 Beck 2010, 34 (Hervorhebung im Original). 35 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Klimawandel sind schwer zu belegen. Dies liegt allerdings nicht etwa an einem etwaigen Mangel, sondern an der schier unübersichtlichen Fülle von Beispielen und Beiträgen. Die Wahl der bereits genannten Friedensnobelpreisträger 2007 kann sicher als Beleg für die gesellschaftliche Relevanz der Auseinandersetzung mit Klimawandel gelten. Zudem haben seit dem ersten Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro in Brasilien bis dato 20 UN-Klimakonferenzen stattgefunden64, mit dem Ziel, völkerrechtlich verbindliche Instrumente der Klimaschutzpolitik zu entwickeln65. In Veröffentlichungen der Europäischen Union ist zu lesen: „Eine der größten Herausforderungen der Menschheit in den kommenden Jahren ist der Klimawandel“66, was an dieser Stelle als Beispiel für unzählige Äußerungen dieser Art von politischen Entscheidungsträgern unserer Zeit herangezogen wird. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) betont die Anforderungen der Wissensakkumulation und appelliert damit direkt an die wissenschaftliche Forschung: „Der fortschreitende globale Wandel gehört zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Die Wirkung des anthropogen bedingten Klimawandels wird sich in den kommenden Jahrzehnten verstärken. Damit steigen die Anforderungen an das Wissen über klima systemare Zusammenhänge“67. Als eine Art indirekte Antwort auf diese Aufforderung und als weiterer Beleg für die Relevanz des Themas ist die wachsende Zahl von Klimaforschungsinstituten68, welche das Wissen zum Klimawandel anwachsen lassen sollen. Doch was ist dieses „Klimawissen“69 überhaupt? Die eine Seite der Medaille ist die Bearbeitung des Themas mithilfe von Messungen, Berechnungen oder Langzeitstatistiken. Die andere Seite beschreibt Mike Hulmes‘ Aussage 64 UNFCCC 2014. 65 Das bisher einzige Instrument dieser Art ist das Kyoto-Protokoll, welches 2012 offiziell ablief, aber im gleichen Jahr bis 2020 verlängert wurde (Presseund Informationsamt der Bundesregierung 2012). 66 europa.eu. 67 BMBF 2014. 68 Beispielhaft für Deutschland sind zu nennen: das Helmholtz-Zentrum Geesthach, das Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung, das Max-Planck- Institut für Meteorologie in Hamburg, das Deutsche Klimarechenzentrum in Hamburg, das Rachel-Carson-Zentrum in München und das Alfred- Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven. 69 BMBF 2014. 36 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag am besten, der die Analyse von „story-making and story-telling around climate change“70 als Aufgabe der Sozial- und Geisteswissenschaften ansieht. In der vorliegenden Studie wird argumentiert, dass gerade dieses Zusammenspiel der globalen Zirkulation wissenschaftlicher Daten mit den lokalen Alltagsnarrationen und -praktiken in den Blick genommen werden muss, wenn nicht eine reine Anhäufung und Zusammenführung des Klimawissens das Ziel sein soll. In der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema soll vielmehr gefragt werden: Wie wird dieses Wissen in Argumentationen für oder gegen bestimmte soziale Handlungen eingesetzt? Welche Emotionen werden daran geknüpft, wie wird es in andere, bereits bestehende Wissensvorräte zu Wetter und Klima integriert, welche sozialen und politischen Akteurinnen betreten die Bühne, wer fühlt sich vom Klimawandel betroffen und wer nicht? Gerade mein empirisches Material trägt zur Bearbeitung dieser Fragen bei. Zunächst wende ich mich aber der physikalischen Seite des Klimawissens zu und skizziere die Entwicklungen in diesem Feld seit den 1980er Jahren. 2.2 Zur physikalischen Basis Das oben erwähnte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist das prominenteste Expertinnengremium auf internationaler Ebene. Es wurde vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der World Meteorological Organization 1988 ins Leben gerufen und veröffentlicht zirka alle fünf Jahre einen Bericht, die IPCC Assessment Reports, der den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel für politische Entscheidungsträger zusammenfasst. Das Panel selbst führt keine eigenen Forschungen durch, sondern es trägt veröffentlichte, wissenschaftliche Literatur zusammen und präsentiert Schnittstellen und Wahrscheinlichkeiten. Tausende von Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt sind somit in diese Arbeit eingebunden und 195 Länder sind zurzeit Mitglied des IPCC71. 70 Hulme 2011, 178. 71 IPCC 2014a. 37 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Fünf Berichte sind bisher erschienen, wobei seit Bericht Nummer  3, dem Third Assessment Report: Climate Change 2001, feststeht, dass der Klimawandel bereits im Gange ist72. Sein Nachfolger, der Fourth Assessment Report: Climate Change 2007, unterstreicht die Bedeutung menschlicher Aktivitäten für die Klimaveränderungen und präzisiert die Annahmen von 200173. Die im September 2013 veröffentlichte Zusammenfassung der Ergebnisse des fünften Sachstandberichts des IPCC bestätigt zweifelsfrei eine Erwärmung des Klimasystems und damit die Ergebnisse seiner Vorgänger74. Auch der menschliche Einfluss auf die physikalischen Klimaveränderungen scheint so evident wie nie. In der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger des Berichts heißt es: „Human influence on the climate system is clear. This is evident from the increasing greenhouse gas concentrations in the atmosphere, positive radiative forcing, observed warming, and understanding of the climate system“75. Mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sei der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels: „It is extremely likely that human influence has been the dominant cause of the observed warming since the mid-20th century“76. Sechs Jahre zuvor lag die Wahrscheinlichkeit noch bei nur 90 Prozent77. Nicht nur Luft und Wasser auf der Erde erwärmten sich messbar, so die Verfasserinnen des Reports, auch seien Schnee- und Eismengen weiter zurückgegangen, die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre habe zugenommen und – für die vorliegende Studie von besonderem Interesse – auch der Meeresspiegel sei weiter angestiegen78. Insbesondere die Nordhemisphäre habe bis 2013 die wärmste 30-Jahre-Periode in den letzten 1400 Jahren erlebt79. Außerdem hätten Extremwetterereignisse – wie Stürme oder Hitzeperioden – seit den 1950er Jahren zugenommen und das explizit auch in Europa80. 72 IPCC 2001. 73 IPCC 2007. 74 Stocker u. a. 2013. 75 Alexander – Allen 2013, 13. 76 Alexander – Allen 2013, 15. 77 Alley – Arblaster 2007, 3. 78 Alexander – Allen 2013, 23–24. 79 Alexander – Allen 2013, 3. 80 Alexander – Allen 2013, 3. 38 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag In Bezug auf Auswirkungen der Klimaveränderungen für die Nordsee bescheinigt die Gesamtfassung der „Physical Science Basis“ des fünften IPCC Berichts nicht nur eine größere Wahrscheinlichkeit für stärkere Stürme81, auch auf ein messbar erhöhtes Risiko bezüglich des Meeresspiegelanstiegs in der Nordsee – und somit auch für Großbritannien – wird explizit hingewiesen82. Den direkten Einfluss der physikalischen Klimaveränderungen auf die britischen Inseln hatte die 2005 veröffentlichte Studie „A Regional, Multi-Sectoral and Integrated Assessment of the Impacts of Climate and Socio-Economic Change in the UK (RegIS)“83 zum Gegenstand. Die Studie ist die erste regionale Studie zur Bewertung des Klimawandels in Großbritannien84. Sie untersucht den Ist-Zustand von 2005, stellt darüber hinaus die Auswirkungen zweier unterschiedlicher Klimaszenarien vor und lässt im Resümee keinen Zweifel daran, dass der Klima wandel erhebliche Auswirkungen auf den europäischen Inselstaat haben wird. Besonders aussagekräftig für die Relevanz der vorliegende Untersuchung sind ihre Befunde in Bezug auf East Anglia, die der Re gion beachtliche Klimawandel-Auswirkungen testieren: „Climate change has profound implications for coastal areas and river valleys, especially in East Anglia […] It shows that the increases in sea level […] will significantly increase the frequency of flooding, unless flood defences are raised“85. Doch was bedeutet dieser Befund genau für die Region und wie sieht es nun, fast zehn Jahre später, an diesem Teil der englischen Küste aus? Welche physikalischen Entwicklungen lassen sich nachzeichnen? Darauf werde ich im Folgenden näher eingehen. 81 Stocker u. a. 2013, 217. 82 Stocker u. a. 2013, 1200. 83 Holman u. a. 2005. 84 Holman u. a. 2005, 24. 85 Holman u. a. 2005, 7. 39 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung 2.2.1 Happisburgh als interdisziplinärer Untersuchungsgegenstand Auch der Ort Happisburgh selbst wurde Gegenstand physikalischer Messungen in Bezug auf Entstehung und Verlauf der erhöhten Erosion86. Für den ältesten Geologischen Dienst der Welt, den British Geological Survey, gilt Happisburgh als ideales Beispiel für künftige Klimawandelszenarien, da hier die Küste – aufgrund der ohnehin hohen Vulnerabilität, wie in Kapitel 4 gezeigt werden wird – durch den Meeresspiegelanstieg sowie erhöhtem Sturmrisiko besonders frühzeitig und stark betroffen sein wird87. Auch von Politikvertreterinnen wurde Happisburgh als Beispiel für einen von den Folgen des Klimawandels besonders betroffenen Ort genutzt. Die Royal Commission on Environmental Pollution besuchte den Ort im Jahre 2010 und konstatierte: „Sea level rise as a result of climate change is therefore likely to have both direct and indirect effects on the erosion of coastal cliffs. Increased storminess will exacerbate the impact of higher sea levels and contribute to cliff erosion. Any coastal protection infrastructure installed to protect vulnerable parts of the coastline may result in further deflection of wave energy to more vulnerable unprotected parts of the coastline. The Commission saw dramatic evidence of this in the erosion of a bay along the coast from Happisburgh, Norfolk“88. Wie im Bericht erwähnt, fanden Besuche in Happisburgh und Treffen mit den Dorfbewohnerinnen statt. Die vorliegende Studie untersucht in diesem Zusammenhang, welche (Um- oder Neu-)Deutungen des Konzepts Klimawandel in Folge dieser Begegnungen mit Politik- und Medien vertreterinnen in der einheimischen Bevölkerung im Dorf entfaltet werden und zirkulieren. Wie in der Einleitung erwähnt, kann das Konzept des Klimawandels als eine Idee gesehen werden, die global „auf Reisen“ ist und durch die Begegnungen verschiedener Akteurinnen 86 Poulton u. a. 2006. 87 Poulton u. a. 2006, 50–51. 88 The Royal Commission on Environmental Pollution 2010, 26. 40 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag vor Ort ihre Wirkmacht überhaupt erst entfaltet89. In Kapitel 2.4 werde ich diese Sichtweise theoretisch vertiefen. Nicht nur Geologinnen und Politikerinnen besuchten und untersuchten den kleinen Küstenort. Aufgrund der besonders starken Erosion und den daraus ableitbaren sozialen Praktiken – wie beispielsweise die Gründung des lokalen Aktionsbündnisses CCAG – war er überdies bereits Gegenstand sozialwissenschaftlicher Erhebungen. Der Humangeograph Mark Tebboth arbeitet sich in seiner Studie „Understanding intractable environmental policy conflicts: the case of the village that would not fall quietly into the sea“90 explizit an einer Fallstudie zum Ort Happisburgh ab. Er untersucht, wie die Britische Regierung und die CCAG, die Herausforderung der Küstenerosion wahrnehmen und kommunizieren. Tebboth arbeitet mit der von Erving Goffman geprägten Rahmenanalyse91 sowie Mary Douglas‘ Kulturtheorie des Risikos92 und kommt zu dem Schluss, dass unterschiedliche Rahmungen des Risikos als Barriere für die Bildung einer Einigung zum Schutz der Küste von Happisburgh gelten. Auch Tebboth erkennt den Klimawandel als wichtigen Faktor im Diskurs um die Küstenerosion in Happisburgh an, verortet ihn allerdings eher im nationalen Mediendiskurs und weniger in den lokalen Bedeutungskonstruktionen der Bewohnerinnen93. Indes betont Tebboth, seine Arbeit in Happisburgh sei nur eine Momentaufnahme und unterstreicht den Bedarf an weiterführender Forschung94. Der Feldforschungsaufenthalt, den ich im Rahmen meiner Studie durchgeführt habe und auf den ich detailliert in Kapitel 5 eingehe, ermöglicht eine tiefergehende Analyse der Bedeutungskonstruktionen der Dorfbewohnerinnen. Zudem erweitert die Studie Tebboths Perspektive um wichtige Aspekte, von denen hier vier genannt werden sollen. Die erste Erweiterung bezieht sich auf Tebboths methodische Herangehensweise. Zunächst erscheint sein Ansatz fruchtbar, mit Hilfe 89 Bezüglich der Reise von Konzepten vgl. Bal 2011. 90 Tebboth 2013. 91 Goffman 1974. 92 Douglas – Wildavsky 1982. 93 Tebboth 2013, 5–6. 94 Tebboth 2013, 10. 41 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Goffmans Theorie der Rahmungen die Handlungsstränge95 der Akteurinnen in Happisburgh sichtbar zu machen. Diese Rahmungen sind für ihn deshalb spannend, da sie es sind, die die Akteurinnen – bewusst oder unbewusst – in ihrer Kommunikation über bestimmte Sachverhalte dazu bringen, Aspekte zu betonen und andere vielleicht gänzlich auszulassen96. Ich bewerte allerdings seinen Ansatz kritisch, sich diesen Rahmungen durch die Gewinnung überwiegend quantitativer Daten vor Ort anzunähern. Zwar ergänzt er seine Fragebogenerhebung durch ein Fokusgruppengespräch, meines Erachtens werden jedoch durch den quantitativ orientierten Ansatz einer historischen Einbettung sozialer Phänomene, der wechselseitigen Entfaltung von Deutungen zwischen Forschenden und Akteurinnen sowie den Reaktionen auf mediale Botschaften nicht genügend Raum gelassen. Es werden damit meiner Ansicht nach wesentliche Aspekte des lokalen Diskurses, den Tebboth untersucht, vernachlässigt. Ich betrachte es als methodischen Umweg, die Bewohnerinnen Happisburghs in Fragebögen verschiedene Arten möglicher Rahmungen ankreuzen zu lassen, wenn doch das eigentliche Interesse ihren Erzählungen gilt. Gerade durch die teilnehmende Beobachtung vor Ort und qualitative Interviews entsteht die Möglichkeit, sich den Lebenswelten der Akteurinnen von verschiedenen Seiten anzunähern. Da bei der Thematik Klimawandel insbesondere die Interaktion zwischen Mensch und Raum und ebenso zwischen verschiedenen Interaktionsgruppen von Interesse ist, erscheint mir diese Art des Feldzugangs adäquat, wie ich im fünften und sechsten Kapitel näher erläutern und darstellen werde. Anders als von Tebboth angenommen konnte ich den globalen Klimadiskurs mittels dieser Methode sehr wohl in lokalen Narrativen wiederfinden. Aus kulturanthropologischer Sicht grenzt sich der von mir verwendete Begriff des Narrativs von dem sehr viel allgemeiner gefassten Begriff der Narration dadurch ab, dass in diesen persönlichen Erzählungen Informantinnen Erlebtes in bekannte Kategorien und in einen für sie sinnhaften Kontext stellen und somit Subtexte übermitteln und Prämissen gesellschaftlicher Logik offenbar werden lassen97. Die konzeptuelle Nähe zu den oben beschriebenen 95 Tebboth schreibt in diesem Zusammenhang von “storylines” (Tebboth 2013). 96 Tebboth 2013, 3. 97 Roehl 2011; vgl. Genette 2010, 13. 42 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Rahmungen liegt auf der Hand und auch literaturwissenschaftliche Studien zum „world-making“ wären anschließbar98. Die zweite Erweiterung bezieht sich auf die Umweltmigration als Drehund Angelpunkt der Debatte. Tebboth erwähnt den Verlust von Häusern und Geschäften durch die Erosion, übersieht allerdings vollkommen, dass dieser sowohl von Medien als auch von der Wissenschaft in Zusammenhang mit Umweltmigration gesetzt wurde. Der dringende Bedarf an diesbezüglichen Fallstudien wird in Kapitel 3 herausgearbeitet. In der Analyse meines Materials arbeite ich die entstandene Umweltmigration als maßgeblichen Indikator für die Wahrnehmung der Erosion und somit auch für die Wahrnehmung eines etwaigen Zusammenhangs mit Klimawandel heraus. Die dritte Kritik, die ich an Tebboths Studie übe, bezieht sich auf den ersten Satz seiner Veröffentlichung. Hier bezeichnet er Küstenerosion explizit als „emotive issue“99 − eine Aussage, die der Humangeograph erstaunlicherweise mit keinem Wort weiter verfolgt. Auch mir fiel die Emotionalität im Feld bereits in den ersten Tagen meiner Feldforschung auf, weshalb ich mich dazu entschloss, den Narrativen zur Verbindung von Emotionen und Klimawandel in meiner Untersuchung Raum zu geben. In Verknüpfung mit der Analyse der Bedeutung der Umweltmigra tion als Indikator der Umweltveränderung kann ich meine erste These zur Bedeutung des Klimadiskurses im Alltagsleben Happisburgh bestätigen. Die letzte Ergänzung zielt auf die Verstrickung von Klimadiskurs und Politik ab. Tebboth beschreibt zwar einerseits die Relevanz des Klimadiskurses für die veränderte Küstenpolitik, geht aber andererseits den lokalen Narrativen dazu nicht nach. Er übersieht somit politische Handlungen und Positionierungen, die die Akteurinnen vornehmen, auch wenn sie vielleicht nicht einer bestimmten politischen Partei angehören oder eine klare politische Agenda im Bereich der Umweltpolitik verfolgen. Der von mir gewählte offene Feldzugang lässt die Bedeutung des Klimadiskurses für lokale Praktiken dagegen zutage treten. In Kapitel 6.3.3 zeige ich beispielsweise, wie die Sorge um künftige Klimaveränderung 98 Goodman 1990; Nünning u. a. 2010. 99 Tebboth 2013, 1. 43 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung in Verbindung mit der beobachtbaren Erosion das lokale Engagement direkt beeinflusst. Ich analysiere hier die Praktiken der lokalen Heritage Group, deren politische Motivationen erst bei näherer Betrachtung und Analyse offenbar werden. Meine zweite These zur Bumerangbewegung des lokal verhandelten Klimadiskurses zurück in die globale oder zumindest überlokale Arena werde ich damit bestätigen können. Auch das politische Engagement begründen meine Informantinnen mit der teils hohen Emotionalität, die mit Zukunftsprognosen zu steigenden Meeresspiegeln und der direkt beobachtbaren Umweltmigration einhergeht. Das folgende Kapitel vertieft den gewählten Ansatz, Emotionstheorien für die sozialwissenschaftliche Klimaforschung nutzbar zu machen. 2.3 Emotionen, Ethnographien und die Klimaforschung Der Analyse der lokalen Bedeutungskonstruktion des Klimawandels füge ich explizit Emotionen als fundamentalen Bestandteil der Wirklichkeitskonstruktion hinzu100. Vorbild in diesem Zusammenhang ist die Arbeit von Kari Marie Norgaard, „Living in Denial. Climate Change, Emotions and Everyday Life“101. Die Soziologin sucht in diesem Werk Antworten auf die Frage, weshalb angesichts eines der bedeutendsten Umweltprobleme unserer Zeit keine ausreichenden Maßnahmen getroffen werden. Ort ihrer Feldforschung ist ein Dorf in Norwegen, dem sie den fiktiven Namen Bygdaby gibt. Mithilfe ethnographischer Methoden identifiziert Norgaard eine kollektive, sozial organisierte Verleugnung in dem Ort. Beispielsweise waren einerseits den Dorfbewohnerinnen Informationen über den Klimawandel durch Wissenschaft und Medien bekannt. Andererseits wurde allerdings der späte Schneefall in Bygdaby während Norgaards Feldforschung damit nicht in Zusammenhang gebracht. Norgaard stellt fest, dass für die hoch gebildeten und politisch versierten Bewohnerinnen Bygdabys Erderwärmung beides war: Allgemeinwissen und dennoch unvorstellbar. Dieses gelebte Leugnen führt Norgaard durch mehrere Emotionsebenen, die für sie 100 Vgl. Scheve 2009. 101 Norgaard 2011. 44 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag entscheidend sind für die Erzeugung der Alltagsrealität102. So beschreibt sie die beobachteten Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Schuld als Schlüsselemotionen für die Leugnung der scheinbar sichtbaren Klimawandelindizien in Bygdaby103. Diese Schlüsselemotionen sind für sie zudem eine Erklärung für den Mangel an individuellem Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf Klimawandel104. Die Soziologie der Emotionen beschreibt Norgaard als einen nicht häufig genutzten, aber überaus relevanten Ansatz bei Untersuchungen von Reaktionen auf die globale Erderwärmung: „Although not normally applied to environmental issues, research on the sociology of emotions is highly relevant to understanding community members‘ reactions to global warming“105. Der Vorteil der Inklusion von Emotionen in ihre sozialwissenschaftliche Klimaforschung ist die unmittelbare Nähe zur Lebenswelt der Akteurinnen. In den Darstellungen von Angst, Hilflosigkeit und Schuld wird erkennbar, was in den weiter oben beschriebenen Messungen und Berechnungen kaum abbildbar ist: die soziale Verarbeitung des hochkomplexen und vielschichtigen globalen Klimadiskurses auf lokaler Ebene. Auch Myers u.a. erkennen das große Potential einer Analyse der Emotionen, wenn es um ein besseres Verständnis der Bedeutungskonstruktion des Klimawandels geht106. Die Wahrnehmung globaler Erwärmung untersuchen sie in einem Versuch mit Testpersonen mittels zweier unterschiedlicher Kontextualisierungen: erstens die globale Erwärmung als drohendes Gesundheitsproblem und zweitens als nationales Sicherheitssystem. In ihrer Auswertung kommen sie zu dem Schluss, dass zumindest die Kontextualisierung als Gesundheitsproblem Klimawandel als Bedrohung stärker ins Bewusstsein rücken lässt. Myers u.a. bedauern in ihrer Analyse die stiefmütterliche Behandlung von Emotionen in der Klimawandelforschung und betonen ihre Bedeutung sowohl für die 102 Norgaard 2011, 210–215. 103 Norgaard 2011, 187–197. 104 Vgl. Kent 2009. 105 Norgaard 2011, 210. 106 Myers u. a. 2012. 45 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Wissenschaft als auch für die Kommunikation über Klimaveränderungen allgemein107. Alltagsrealität wird laut Norgaard strukturiert durch soziale, politische und ökonomische Institutionen. Alltägliche Praktiken produzieren und reproduzieren sie. Diese Praktiken wiederum basieren auf sozialen Normen, die bestimmen, was wir fühlen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit lenken und worüber wir sprechen108. In derselben Weise, wie diese Normen bestimmen, was uns real erscheint, bestimmen sie auch, was als nicht real gilt und somit von der Beschäftigung im Alltagsleben ausgeschlossen werden kann109. Norgaard zeichnet in ihrem Werk verschiedene Erklärungen für den von ihr konstatierten Ausschluss des Klimawandels in der Alltagsrealität in Bygdaby nach. Ihre Überlegungen zur Nutzbarmachung der Soziologie der Emotionen für eine ethnographische Fallstudie im Klimawandelkontext sind für die Analyse meines empirischen Materials aus Happisburgh von Bedeutung, wie ich auch in Kapitel 6.2. zeigen werde. Mit der besonderen Einbettung der vorliegenden Fallstudie in den Kontext der Umweltmigration möchte ich meine erste These belegen, dass angesichts dieser offensichtlichen und hoch emotionalen Auswirkung von einer Exklusion des Klimadiskurses im Alltagsleben nicht die Rede sein kann. Viele Äußerungen zu Sorgen und Trauer bezüglich künftiger Erosionen und angesichts der Prognosen steigender Meeresspiegel lassen sich finden, wie Kapitel 6.2.1 zeigt. Andere Beispiele sind Äußerungen meiner Gesprächspartnerinnen, in denen sie einen Zusammenhang zwischen Freude oder Schadenfreude und ihrem Wissen über Klimawandel ziehen. So konnten einige meiner Informantinnen sich ein Haus direkt an der Küste und dazu mit Meerblick nur leisten, weil es zur erhöhten Erosion und den in der Einleitung bereits genannten Presseberichten kam. Den Klimadiskurs bewerten sie zwar nicht als durchweg positiv, dennoch weisen sie klar auf den Nutzen hin, den der Einzug des globalen Klimadiskurses auf ihr Alltagsleben hat. Andere hingegen, 107 Myers u. a. 2012, 1107. Gleiches betonen auch O‘Neill – Nicholson-Cole 2009 sowie Leiserowitz 2006. 108 Norgaard 2011, 132. 109 Norgaard 2011, 132. 46 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag die ihr ehemals prestigeträchtiges Haus am Meer aufgrund der Erosion verloren hatten, berichteten von einer empfundenen Schadenfreude in den Blicken der übrigen Bewohnerinnen von Happisburgh. Der Bogen zum Klimadiskurs ergibt sich hier, wenn – spöttisch oder nicht – in der Dorfgemeinschaft eine allgemeine Einigkeit über die Offensichtlichkeit eines steigenden Risikos für die Küstenhäuser herrscht. Die Empfindung von Scham, die Kräfte der Natur respektive die Auswirkungen des allseits diskutierten Klimawandels nicht richtig eingeschätzt zu haben, kann nur mithilfe einer Soziologie der Emotionen nachvollzogen und analytisch freigelegt werden. Im Gegensatz zu Norgaard stelle ich in der Analyse dieser Ergebnisse in Kapitel 6 mit dieser Herangehensweise allerdings fest, dass der Klimadiskurs in Happisburgh sehr wohl auf Alltagsebene angekommen ist und gerade die Beobachtungen der unmittelbaren Umwelt Beleg hierfür zu sein scheinen. Eine weitere Ethnographie, die sich explizit mit der Wahrnehmung von Klimawandel auseinandersetzt, stammt von Elisabeth Worliczek und hat die Interpretation von Umweltveränderungen im frankophonen Südpazifik zum Gegenstand110. Ihre Fallstudie führte sie auf geomorphologisch sehr unterschiedlichen Inseln durch: einem Atoll und auf einer hohen Insel mit Lagune. Die These der Ethnologin, die lokale Wahrnehmung des Klimawandels könne mit dem jeweiligen Inseltyp variieren, kann sie mit Ergebnissen aus ihrer empirischen Erhebung belegen111. So rechnen die Bewohnerinnen des sehr viel niedriger gelegenen Atolls eher mit Naturkatastrophen und werten den Klimawandel deutlich als künftige Bedrohung. Insbesondere die Aussichten der vollständigen Überflutung der Insel sowie der Mangel an sicheren Rückzugsorten – wie beispielsweise Berge oder nahegelegenes Festland – schüren Worliczeks Ansicht nach Sorgen, von denen auf der höher gelegenen Insel seltener berichtet wurde112. Insbesondere geht Worliczek auf Aspekte der drohenden Umsiedlung auf beiden Inseln ein113. Zum Zeitpunkt ihrer Studie ist es allerdings noch zu keiner Abwanderung gekommen, im Gegensatz zu Happisburgh, wo die Migration einen entscheidenden 110 Worliczek 2010. 111 Worliczek 2010, 31–33. 112 Worliczek 2010, 31–33. 113 Worliczek 2010, 28–31. 47 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Einfluss auf die Wahrnehmung des Themas hat, wie ich argumentiere. Partiell decken sich die Wahrnehmungen der Insel-Bewohnerinnen im Südpazifik mit jenen meiner Informantinnen der Nordseeküste – beispielsweise wenn es um die Unsicherheit der Einordnung wissenschaftlicher Informationen in Bezug auf die eigene Lebenssituation geht114. Andere Beobachtungen lassen sich wiederum deutlich abgrenzen – beispielsweise bei Einschätzung der Konsequenzen des eigenen Lebensstils. Worliczek beschreibt, dass die von ihr untersuchten Inselbewohnerinnen den Klimawandel als ein Problem insbesondere „der Weißen” wahrnehmen, weshalb beispielsweise die Nutzung von Fahrzeugen mit extremem Benzinverbrauch und ohne Katalysatoren auf den Inseln nicht als Teil der Ursache angesehen wird115. In der Mehrzahl meiner Interviews hingegen wurde die selbstkritische Meinung zum Ausdruck gebracht, durch das eigene Verhalten zu den Verursachern zu gehören. Das Kapitel 6.1.4 „As you make your bed, so you must lie“ liefert empirisches Material zur Unterfütterung dieser Beobachtung. So begründet ein Ehepaar seine Entscheidung für einen nachhaltigen Lebensstil – welcher sich seiner Ansicht nach beispielsweise in der Installation einer Solaranlage auf dem Dach bemerkbar mache – als Antwort auf die derzeitige voranschreitende Erosion und die Nachrichten über Umweltverschmutzung und Klimaveränderungen aus dem Rest der Welt. Diese Übersetzung des globalen Diskurses in lokale Praktiken ist es, an der ich als Kulturanthropologin in der Klimaforschung interessiert bin. Bereits in der Einleitung wurde auch auf die Untersuchung des Kulturanthropologen Krauss hingewiesen, die die Bedeutungskonstruktion des Klimawandels zum Gegenstand hat und sich insbesondere auch mit ihrer Lokalisierung beschäftigt116. Krauss untersucht die lokalen Bedeutungsmuster des Klimawandels anhand des Beispiels eines Küstenforschungsinstituts an der deutschen Nordseeküste, an dem überwiegend Vertreterinnen naturwissenschaftlicher Disziplinen beschäftigt sind. Er fragt sich „What kind of phenomenon is climate change, and how to localize it and study it ethnographically?“117 und bleibt die Antwort nicht schuldig. Mithilfe teilnehmender Beobachtung, Interviews und einer 114 Worliczek 2010, 24–28. 115 Worliczek 2010, 22–24. 116 Krauss 2009. 117 Krauss 2009, 149. 48 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag multi-sited Herangehensweise reflektiert Krauss, wie etwa der globale Diskurs um das berühmte Hockeystick-Bild (siehe Abbildung 4) im Küstenforschungsinstitut wahrgenommen wird. Abbildung 4 Klima des Holozän, auch als Hockeystick-Bild bekannt. Quelle: Rahmstorf – Schellnhuber 2012, 27. Der Hockeyschläger wird im Koordinatensystem in der Silhouette der parallel verlaufenden Graphen von Emissions- und Temperaturmessungen seit dem Holozän sichtbar. Mit dem Anstieg der Emissionen nach der industriellen Revolution steigt auch die Temperatur, was als Beweis für den anthropogenen Anteil an der globalen Erderwärmung gilt118. Krauss beschreibt, wie innerhalb des Forschungsinstituts aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive heraus das Herunterbrechen des Models Klimawandel auf lokale Wetterverhältnisse – wofür Krauss auch den Begriff „downscaling“ gebraucht119 – im Grunde eine mathematische Berechnung ist120. Er argumentiert, dass dieses Rechnen allerdings eine hochkomplexe soziale Praxis sei, deren Analyse die Probleme 118 Rahmstorf – Schellnhuber 2012, 25–28. 119 Krauss 2009, 149. 120 Krauss 2009, 149. 49 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung einer Separierung von Klimawandel als wissenschaftlichem Fakt und gesellschaftlichem Besorgnisgrund deutlich mache121. Mit der maßgeblich von Bruno Latour geprägten Akteur-Netzwerk-Theorie eröffnet er sich das naturwissenschaftliche Forschungsinstitut als Feld seiner ethnologischen Untersuchung und konstatiert: „Climate research offers an insight into a mesy world of ramifications, surprising activities and unexpected ‘social‘ content“122. Er demaskiert in seinem Text die vermeintlich harten naturwissenschaftlichen Rechnungen als soziale Konstruktionen, denen Verästelungen aus Werten, sozialen Prozessen und Netzwerke verschiedener Akteurinnen zugrunde liegen123. Seine Arbeit ist vor allem für den ersten Teil der Auseinandersetzung mit meinem empirischen Material relevant, in dem das downscaling auch in einer Verwissenschaftlichung des Alltags124 erkannt wird, womit ich meine erste These zur Bedeutung des Klimadiskurses auf Alltagsebene in Happisburgh belege. Allerdings übersieht Krauss in diesem Aufsatz, dass es auch ein upscaling geben muss, das den globalen Diskurs füttert und formt. Wie in der Einleitung bereits erwähnt, macht sich beispielsweise Langenohl stark für Forschungen, die sich mit eben jenen lokalen Prozessen beschäftigen, die Globalität anreichern, anstatt nur ihr Ergebnis zu sein125. Auch die vorliegende Analyse des empirischen Materials aus Happisburgh ergab deutliche Hinweise auf eine strategische Formung des globalen Diskurses durch lokale Aushandlungen und Strategien. Als Beispiel vorwegnehmen möchte ich die Arbeit der CCAG, auf welche ich in Kapitel 6.3.1 ausführlich eingehen werde. Dieses Aktionsbündnis setzte unter anderem durch gezielte Pressearbeit die lokalen Umweltereignisse strategisch mit dem globalen Klimadiskurs in Beziehung, um wiederum lokale Ver- änderungen im Küstenschutz bewirken zu können. Ich argumentiere in meiner Analyse dieser Beobachtung, dass der globale Klimadiskurs demgemäß aktiv durch lokale Aktivität um ein konkretes und zeitgleich stattfindendes Beispiel bereichert respektive upscaled wurde. 121 Krauss 2009, 149–150. 122 Krauss 2009, 150 (Hervorhebung im Original). 123 Krauss 2009, 161–162. 124 Beck 2001; In Kapitel 2.4.1 wird dieser Ansatz vertieft dargestellt. 125 Langenohl 2014, 2. 50 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Christmann u.a. nehmen einen ähnlichen Pfad wie Krauss. In ihrer Untersuchung vergleichen sie die lokale Konstruktion von Vulnerabilität und Resilienz der deutschen Küstenstädte Lübeck und Rostock in Bezug auf den Klimawandel126. Vulnerabilität und Resilienz sehen sie dabei als offene Konstrukte und distanzieren sich von essentiellen Herangehensweisen, die von klar umrissenen Definitionen ausgehen127. Prinzipiell hätten die beiden Städte zwar eine ähnliche geographische Ausgangs lage im Hinblick auf mögliche Flut- oder Erosionsrisiken, dennoch würden sich die lokalen Interpretationen dieser Risiken stark unterscheiden, was sie auf die jeweiligen lokalen Kulturen zurückzuführen, die sie vor allem an den unterschiedlichen historischen Entwicklungen der Städte festmachen128. Ich verzichte in meiner Studie bewusst auf den Begriff der lokalen Kultur – zu vielschichtig und missverständlich stellt er sich in diesem Zusammenhang dar. Insbesondere in Verbindung mit kollektiv zugeschriebenen Identitäten wurde Kultur zu häufig zu einem Werkzeug der Ausgrenzung oder des „Othering“, weshalb in der Ethnologie teilweise gänzlich auf ihn verzichtet wird129. Stattdessen stehen die lokalen Bedeutungskonstruktionen und daraus erwachsenen sozialen Praktiken der Bewohnerinnen des Dorfes im Fokus. Der Aufforderung von Christmann u.a., nicht auf essentielle Annahmen zurückzufallen, wird nachgegangen, denn eine große Bandbreite an Bewertungen der Umweltveränderungen – sowie zum Teil sehr ambivalente Haltungen dazu – werden im Kapitel sechs verdeutlicht. 126 Christmann u. a. 2014. 127 Christmann u. a. 2014, 143–145. Zur Abgrenzung von essentiellen Ansätzen siehe auch Christmann – Ibert 2012, 259. 128 Christmann u. a. 2014, 155. 129 Hannerz 1995, 75. 51 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung 2.4 Klimawandel als Bedeutungskonstruktion und Diskurs Klimawandel wird in dieser Arbeit verstanden als eine komplexe, von verschiedenen Akteurinnen stimulierte und diskutierte Bedeutungskonstruktion. Durch die öffentliche und globale Austragung dieser Auseinandersetzungen wird Klimawandel als Wirklichkeit produziert, konstruiert, geordnet und reproduziert. Diese sozialkonstruktivistische Herangehensweise darf nicht mit Klimawandel-Skepsis verwechselt werden, sondern ist eine erforderliche sozialwissenschaftliche Perspektive auf eine der bedeutendsten Herausforderungen unserer Zeit. Ich schlie- ße mich Bruno Latour an, der eindringlich warnt: „dangerous extremists are using the very same argument of social construction to destroy hardwon evidence that could save our lives. […] Why does it burn my tongue to say that global warming is a fact whether you like it or not?“130. Der sozialkonstruktivistische Blick auf den Klimawandel ist durchaus nicht neu; in den letzten Jahren sind einige Studien dazu erschienen. So beschäftigte sich beispielsweise Melanie Weber in ihrer Doktorarbeit intensiv mit einer solchen Herleitung131 und Mary Pettenger veröffentlichte bereits 2009 einen Sammelband mit dem Titel „The social construction of climate change“132. Ich diskutiere in meiner Arbeit immer wieder, wie vielfältig die Interpretationen der aktuellen globalen Umweltveränderungen sind, die über die bereits beschriebenen physikalischen Grundlagen des aktuellen IPCC Berichts hinausgehen, und wie der wissenschaftliche und mediale Diskurs zum Klimawandel Einzug in die Lebenswelten der von mir untersuchten Akteurinnen erhält. Zu diesem Zweck möchte ich zunächst den Diskursbegriff schärfen, der meinen Überlegungen zugrundeliegt. Den Klimawandel definiere ich hier als ein gesellschaftlich verhandeltes Konzept, das ständig durch soziale Praxis und Sinngebungen unterstützt und erhalten wird. Explizit beziehe ich mich hierbei auf die Überlegungen von Mike Hulme. Für ihn ist Klimawandel eine „Vorstellung, 130 Latour 2004, 227. 131 Weber 2008, 59–95. 132 Pettenger 2009. 52 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag die nun weit über ihre Ursprünge in den Naturwissenschaften hinaus in die Gesellschaften und Kulturen ragt“133. Klima sei eine Idee auf Reisen, die kontextgebundene Bedeutungen annimmt und verschiedenen Zwecken dienen kann134. In seinem Buch „Streitfall Klimawandel“135, geht er – analog zu seiner persönlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema136 – zunächst von den naturwissenschaftlichen Grundlagen aus. Er betrachtet Klimawandel dann allerdings zunehmend als Idee, die sowohl physikalische als auch kulturelle Dimensionen hat: „Die Vorstellung von Klima hat sich mindestens ebenso sehr, wenn nicht sogar stärker verändert, als das physikalische Klima selbst“137. Er fordert eine konstruktive und unkonventionelle Beschäftigung mit dem Konzept Klimawandel138. Ein Appell, dem die vorliegende Arbeit anhand der Auseinandersetzung mit Klimawandelnarrativen in Happisburgh nachkommen will. Wenn im Zuge der folgenden Darstellungen und Analysen von Klimadiskurs die Rede ist, so meine ich damit den globalen und auf unterschiedlichsten Kommunikationsebenen – von Elite bis Laie – ausgetragenen Kampf um Bedeutung und Realität der globalen Erderwärmung. Als Grundlage für den Diskursbegriff wird Foucault herangezogen. Für ihn ist ein Diskurs ein Prozess der Bedeutungsproduktion, bei dem Wissen entsteht. Die Formung neuen Wissens bildet Macht, womit Diskurse einerseits nie herrschaftsfrei oder rational ablaufen, was allerdings andererseits auch nicht zwangsläufig ausschließend oder unterdrückend, sondern durchaus produktiv wirken kann139. Foucault benutzt das Bild des Kampfes und stellt den Diskurs in den Fokus machtvoller Verhandlungen: „[Der Diskurs ist nicht nur das; Anmerk. F.O.] was die Kämpfe oder die Systeme der 133 Hulme 2014, 24. 134 Hulme 2014, 24. 135 Hulme 2014. 136 Hulme begann sich mit dem Thema Klimawandel bereits in den späten 1970er Jahren als Geographiestudent auseinanderzusetzen und näherte sich dem Feld zunächst aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive und mit quantitativen und statistischen Methoden. Inzwischen ist er Professor am London Kings College für „Climate and Culture“ (Stand: April 2015). 137 Hulme 2014, 51. 138 Hulme 2014, 334. 139 Foucault 1977. 53 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Beherrschung in Sprache übersetzt: Er ist dasjenige, worum und womit man kämpft“140. Als Begriffsdefinition liegt dieser Arbeit die auf Foucault aufbauenden folgenden Überlegungen Hajers zugrunde: „Discourse is here defined as an ensemble of ideas, concepts, and categories through which meaning is given to phenomena. […] Discourses frame certain problems; that is to say, they distinguish some aspects of a situation rather than others. […] As such, discourse provides the tools with which problems are constructed. Discourse at the same time forms the context in which phenomena are understood and thus predetermines the definition of the problem“141. Damit bringt Hajer auf den Punkt, was in Bezug auf den Klimadiskurs so wichtig erscheint: Konzepte, Ideen und Kategorien sind es, die einem (Umwelt-) Phänomen erst Bedeutung geben. Und, wie Norgaad in einem ähnlichen Zusammenhang konstatiert: „People have a need for meaning in their lives“142. Die wesentlichen Klimadiskursakteurinnen fänden sich, laut Weber, in Wirtschaft und Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik und Medien143. Sie zeichnet den Verlauf des Klimadiskurses innerhalb dieser Diskursarenen nach144. Weber betont, dass Klimawandel als globales sowie komplexes Umweltproblem erst durch die Kommunikation der Wissenschaft – und den angeschlossenen Interpretationen – wahrnehmbar wird145. Dies gelte ebenso für andere ökologische Gefahren, wie beispielsweise dem Ozonloch146. Weber bezieht sich in ihrer Untersuchung auf den deutschsprachigen Raum, liefert mit Überlegungen wie dieser aber wichtige Impulse für meine Untersuchung in Happisburgh. In Kapitel 6.1.5 beschreibe ich beispielsweise die große Abhängigkeit der 140 Foucault 1977, 8. 141 Hajer 1996, 45–46 (Hervorhebung im Original). 142 Norgaard 2011, 82. 143 Weber 2008, 59. 144 Weber 2008, 59–95. 145 Weber 2008, 59. 146 Weber 2008, 59. 54 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Dorfbewohnerinnen von Expertinnenmeinungen in Bezug auf die Umweltverändung. „We can only go by what the experts say“, äußerte beispielsweise der Pfarrer des Dorfes, als ich ihn fragte, wie er so sicher sein könne, die Erosion stünde mit dem globalen Klimadiskurs in Verbindung. Die in seiner Aussage anklingende Bedeutung abstrakter Systeme und Diskurse für die alltägliche Sinnstiftung von Akteurinnen ist ein in der Theorie seit Langem diskutierter Gegenstand in den Sozialwissenschaften, wie das folgende Kapitel zeigen wird. 2.4.1 Verwissenschaftlichung des Alltags Grundsätzlich wurde die steigende Bedeutung abstrakter Systeme für alltägliche Lebenswelten bereits von soziologischen Klassikern wie Max Weber oder Georg Simmel als Kennzeichnung für Modernisierung thematisiert. So würden demnach beispielsweise soziale Beziehungen durch eine zunehmende Verrechtlichung, Verwissenschaftlichung oder Ökonomisierung entpersonalisiert und zunehmend rational werden, womit eine Abnahme der Bedeutung persönlicher Interaktionen verbunden sei147. Anthony Giddens beobachtet darauf aufbauend die Notwendigkeit eines tiefen Vertrauens in abstrakte Systeme, ohne das ein moderner Alltag nicht möglich sei148. So vertrauen wir beispielsweise der Technik bei einer Straßenbahnfahrt oder der Handynutzung und dem Wirtschaftssystem bei Einkäufen. Die Feststellung einer Durchdringung sozialer Handlungsmuster in industrialisierten, modernen Gesellschaften durch Wissenschaft und Technik ist in diesem Zusammenhang also wenig überraschend149. Dennoch ist der Blick auf die zunehmende Verwissenschaftlichung des Alltags eine vielversprechende Forschungsrichtung, die sich auch für die Lokalisierung des Klimadiskurses in Happisburgh als fruchtbar erweist. Stefan Beck stellt die Behauptung auf, dass die Moderne in der zweiten Phase einer 147 Vgl. Beck 2001, 222. 148 Giddens 1990, 79–88. 149 Beck merkt an, dass es seit den 60 Jahren eine konservativ motivierte Kritik der „wissenschaftlichen Zivilisation“ gibt, die sich explizit mit Verwissenschaftlichung auseinandersetzt (Beck 2001, 213). 55 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung „Verwissenschaftlichung des Alltags“ angekommen sei150. Während die erste Phase von einer zunehmenden Inklusion wissenschaftlicher Fakten in den Alltag dominiert war, was er als „Veralltäglichung von Wissenschaft und Technik“ beschreibt, sei nun ein öffentliches „Fraglich-Werden“ wissenschaftlichen Wissens dominant151. Mit dieser – ursprünglich nur für den Wissenschaftsbetrieb charakteristischen – grundlegenden Skepsis würde eine „Wissenschaftsähnlichkeit von Aspekten des Alltags“ vorangetrieben werden152. Alltagswissen – das als tendenziell ortsgebundenes, traditionales Erfahrungswissen begriffen werden kann – wurde und wird also im ersten Schritt zunehmend von wissenschaftlichem Wissen durchdrungen, modifiziert und teilweise zu Expertinnen ausgelagert153. In dieser Weise entstandenes Alltagswissen könne laut Beck als rekursiv bezeichnet werden, da es in konkreten Verhandlungssituationen gebildet und in Reaktion auf sie veränderbar sei154. Niklas Luhmann grenze davon allerdings eine Reflexivität des Wissens ab, das durch die Differenzierung des Wissenschaftssystems vorhanden sei. Im Wissenschaftsbetrieb selbst sei die Skepsis gegenüber den eigenen Produkten – dem Wissen – fester Bestandteil, wenn nicht sogar Grundbedingung155. Luhmann selbst schreibt dazu: „Rekursivität ist schon dann gewährleistet, ‘wenn [sic] der Prozeß von eigenen Ergebnissen profitiert, Reflexivität nur dann, wenn er sich selbst zum Gegenstand eigener Operationen mach[t]“156. Die Produktionsbedingungen von Wissen werden in der Forschung als dem System inhärenter Bestandteil hinterfragt. Das Wissen selbst wird thematisiert und sein Wahrheitsgehalt immer wieder aufs Neue überprüft. Stefan Beck folgert nun, dass durch die vorangeschrittene Durchdringung von Wissenschaft in den Alltag auch der Prozess der Reflexivität in einem zweiten Schritt zunehmend in den Alltag aufgenommen wird. Er spricht von der „Veralltäglichung des wissenschaftlichen Zweifels“, 150 Beck 2001. 151 Beck 2001, 214. 152 Beck 2001, 214 153 Als Beispiel für die Auslagerung nennt er die Änderungen im Berufsbild der Hebamme unter Berufung auf Gernot Böhme (Böhme 1981). 154 Beck 2001, 215. 155 Beck 2001, 216. 156 Luhmann 1990, 334. 56 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag da der Alltag von Laien durch die Beschaffung von Information aus widerstreitenden Quellen bestimmt sei, die sie zu einem ständigen Abwägen – auf der Grundlage eines Gefühls der Unvollständigkeit von Information – zwingen würde157. Das von Giddens konstatierte Vertrauen in abstrakte Systeme erkennt er als zunehmend erschüttert. Beck spricht sogar von einem drohenden Zusammenbruch jeglicher Routine, da ja gerade ein Nicht-Hinterfragen Alltagsabläufe bestimmt, die nun durch die Verwissenschaftlichung selbst Gegenstand von Skepsis werden158. Die neue Tendenz in der Verwissenschaftlichung des Alltags sei also die Zunahme einer generalisierten Skepsis gegenüber wissenschaftlichem Wissen und abstrakter Systeme sowie die Einsicht, in konstanter Un sicher heit zu leben159. Allerdings herrsche laut Beck ein Mangel an Ethnographien zur lebensweltlichen Verarbeitung abstrakter Prozesse und er sieht die Volkskunde, womit er die Kulturanthropologie mit einschließt, in der Pflicht, hier beispielhafte Studien durchzuführen160. Ich argumentiere, dass im Falle von Happisburgh erstens die Durchdringung des Alltagswissens gut beobachtbar ist: Das lokal tradierte Wissen zu den seit vielen Jahrhunderten stattfindenden Erosionsprozessen in Norfolk, der weichen Beschaffenheit der Küste und dem Gang der Gezeiten161 wird nun wissenschaftlich unterfüttert und modifiziert durch Graphen zum Meeresspiegelanstieg und Grafiken zur steigenden Sturmhäufigkeit. Zweitens kann auch eine Skepsis gegenüber dem zunehmend wissenschaftlichen Alltagswissen festgestellt werden: In Kapitel 6.1.3 präsentiere ich skeptische Einschätzungen von Dorfbewohnerinnen in Bezug auf die Gründe der Erosion in Happisburgh. Insbesondere die Motivation politischer Entscheidungsträger zur Nutzung wissenschaftlicher Belege für den Klimawandel wird hier kritisch bewertet und teilweise spiegelt sich zudem die von Beck konstatierte 157 Beck 2001, 214. 158 Beck 2001, 216; Stefan Beck macht dies am Beispiel der Ernährungskultur fest und beschreibt mit dem Übergang von der einfachen Lebensmittelkonsumentin zur selbstverantwortlichen Verbraucherin die Zunahme von Unsicher heit und Skepsis in der Alltagspraxis. 159 Beck 2001, 223. 160 Beck 2001, 227. 161 Kapitel 4 geht ein auf die Geologie der Küste von Happisburgh sowie auf die Sedimenttransporte durch das Meer. 57 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Unsicherheit gegenüber Expertinnenwissen wider. Diese Beobachtungen zur Verwissenschaftlichung des Alltags in Happisburgh stützt meine erste These zum Klimaalltag. Doch so fruchtbar und inspirierend Becks Aufsatz für die folgenden Analysen der lokalen Verarbeitung des Klimadiskurses auch ist, so lässt er doch konkrete Überlegungen zur methodischen Umsetzung einer lokalen Feldforschung zur globalen Wissensakkumulation vermissen. Beck spricht zwar in seiner Gegenüberstellung von ortsgebundenem Alltagswissen und zirkulierendem wissenschaftlichem Wissen, etwaige Spannungen zwischen Lokalität und Globalität lässt er allerdings au- ßer Acht. Lediglich ein Hinweis auf die Möglichkeiten einer multisited ethnography162 lässt potentiell Überlegungen in diese Richtung vermuten. Ein Grund könnte sein, dass das Standardwerk zur „Global Ethnography“ von Michael Burawoy nur kurz vor der Veröffentlichung von Becks Text erschien163. Hier finden sich hinreichend Aufforderungen für eine Beforschung abstrakter, global verorteter Systeme auf lokaler Ebene, insbesondere für Anthropologinnen164. In diesen Ethnographien sollten die externen Vernetzungen, die Porosität lokaler Grenzen sowie die mannigfaltigen sozialen Verbindungen der Akteurinnen reflektiert werden165, was im folgenden Kapitel theoretisch vertieft wird. 2.4.2 Global – lokal Der Anthropologe Arjun Appadurai beobachtet die Auflösung einer Ortsgebundenheit von Kultur durch die zunehmende Globalisierung unserer modernen Welt166. Die steten globalen Bewegungen von Konzepten, Dingen und Menschen ließen sich seiner Ansicht nach am besten mit der Vorstellung von Flüssen, Strömungen oder Fluidität verstehen. Hierauf aufbauend unterscheidet er fünf verschiedene globalisierte, deterritorialisierte Räume, die er als „scapes“ bezeichnet – techno-, 162 Marcus 1995. 163 Burawoy 2000a. 164 Burawoy 2000b. 165 Gille – Riain 2002, 290–291. 166 Appadurai 1990. 58 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag ethno-, finance-, media- und ideoscapes167. Für meine Arbeit sind Appadurais Überlegungen vor allem aufgrund seiner Betonung des Lokalen bei der Betrachtung von globalen Räumen und Strömungen wichtig. Globalisierung selbst ist für ihn ein Lokalisierungsprozess, wenn er schreibt: „globalization is itself a deeply historical, uneven, and even localizing process. Globalization does not necessarily or even frequently imply homogenization. […] there is still ample room for the deep study of specific geographies, histories, and languages“168. In der vorliegenden Arbeit wird dieses spezifisch Lokale der globalen Entwicklung nachvollzogen. In Happisburgh wird anhand konkreter Beispiele aus dem Feld gezeigt, wie lokale Ideen die globale Arena betreten und von dort wieder auf die lokalen Bedingungen zurück wirken. Besonders deutlich wird diese Bewegung – die ich als Bumerangbewegung bezeichne – in Kapitel 6.3.1. Hier beschreibe ich, wie eine Gruppe von Dorfbewohnerinnen durch gezielte Pressearbeit die globalen „mediascapes“ betraten und so für weltweite Aufmerksamkeit sorgten. In der Diskussion des empirischen Materials analysiere ich nicht nur die Gründe für diese augenscheinlich sehr erfolgreiche soziale Praxis, sondern zeige auch, dass die globale Aufmerksamkeit lokale Nebenwirkungen hatte, die nicht von allen Bewohnerinnen positiv ausgelegt wurde. Das Sinken der Hauspreise im gesamten Ort, sowie das teils als Belästigung empfundene Interesse am Ort von Wissenschaft, Politik und Medien sind hier gute Beispiele. Um Dichotomisierungen von lokal und global zu meiden, prägte Roland Robertson maßgeblich den Begriff der Glokalisierung169. Dieser Begriff fügt der Debatte um das Spannungsfeld zwischen lokalen und globalen 167 Mit „technoscapes“ beschreibt Appadurai die deterritorialen Räume, die durch die steigenden technischen Möglichkeiten der Vernetzung, zum Beispiel das Internet, entstehen; „financescapes“ sind vereinfacht ausgedrückt, die Bereiche translokaler Investitionen oder Geldtransfers; in „ideoscapes“ finden sich komplexe ideelle Vorstellungen, welche beispielsweise mit globalen politischen Diskursen verknüpft sind. Die Räume, die sich in der weltweit vernetzten Medienlandschaft auftun, nennt er „mediascapes“ und mit „ethnoscapes“ beschreibt er durch beispielsweise Migration oder Tourismus entstehende soziale Räume verschiedener mobiler Gruppen (Appadurai 1990, 296–301). 168 Appadurai 2008, 17 (Hervorhebung im Original). 169 Robertson 1998. 59 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Prozessen, das ich auch in Happisburgh vorfand, einen neuen Aspekt hinzu. Das Kofferwort wird aus den Teilen der Worte Globalisierung und Lokalisierung zusammengesetzt. Es wird nach dem Vorbild des japanischen Wortes dochakuka170 gebildet und bezeichnet ursprünglich das landwirtschaftliche Prinzip, Techniken an lokale Umstände anzupassen. In den 1980er Jahren fand der Begriff Einzug in den japanischen Geschäftsjargon und wurde von hier aus zunehmend für die Sozialwissenschaften von Interesse171. Robertson schlägt vor, Globalisierung mit dem Neologismus Glokalisierung zu ersetzen und so die Gleichzeitigkeit und Verknüpfung des Globalen im Lokalen zu betonen172. Die Dimension des „Lokalen“ werde in der Verschmelzung mit dem „Globalen“ unterstrichen. Globalisierung sei eine Fokussierung der Welt als Gesamtheit, die die lokale Perspektive stets mit einschließe: „Globalization, defined in it‘s most general sense as the compression of the world as a whole, involves the linking of localities“173. Es ist wichtig zu betonen, dass Robertson das Lokale und das Globale nicht als Gegenbegriffe definiert. Eher sollten die Begriffe auf einer Ebene betrachtet und als sinnvoll verbunden und einander ergänzend verstanden werden174. Die Nutzung des Neologismus „Glokalisierung“ sei auch deshalb sinnvoll, da laut Robertson der Gebrauch des Wortes „Globalisierung“ die Gefahr berge, eine Universalisierung zu implizieren. Viel eher sollten dagegen Macht und Bedeutung der lokalen Tendenzen zur Partikularisierung hervorgehoben werden175. Diesbezüglich äußern sich auch Altvater und Mahnkopf. Sie betonen, ohne lokale Bindungen könne Globalisierung nicht stattfinden176 und sind der Ansicht: „globale Tendenzen haben lokale Folgen und umgekehrt“177. In den Narrativen zu Klimawandel in Happisburgh ist eben diese Aussage meiner Ansicht nach besonders gut nachvollziehbar. 170 dochaku = sein eigenes Land bewohnen (Oxford Dictionary of new Words 1991, S. 134. Zitiert nach Robertson 1998, 197). 171 Robertson 1998, 197. 172 Robertson 1998, 216. 173 Robertson 1995, 35. 174 Robertson 1995, 34. 175 Robertson 1998, 206. 176 Altvater – Mahnkopf 2007, 69. 177 Altvater – Mahnkopf 2007, 385. 60 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Ich argumentiere, dass der global verursachte Klimawandel lokal bei den Menschen angekommen ist und nicht nur ein Nachdenken über beispielweise die weltweit stattfindende Erderwärmung provoziert, sondern sie teilweise zu radikalen geographischen Veränderungen zwingt, wie etwa der Suche eines neuen Lebensraums. Das Globale im Lokalen spiegelt sich im dargestellten Zusammenhang des Wissens um den Klimadiskurs und der beobachteten Umweltmigration wieder. Dass England als bedeutender Austragungsort des Klimadiskurses gelten kann, ist Voraussetzung für eine solche Behauptung in Bezug auf meinen Untersuchungsort an der englischen Ostküste. Das folgende Kapitel trägt nun die deutlichsten Belege hierfür zusammen. 2.4.3 Klimadiskurs in England Der Umweltwissenschaftler Maxwell T. Boykoff unternimmt in seinem Werk „Who Speaks for the Climate?“178 den Versuch, die wichtigsten Schauplätze der Klimawandel-Debatte zusammenzustellen. Er schreibt: „the notion of climate change has increasingly dominated the contemporary science and policy landscapes, it has also more visibly inhabited public discourses“179. Insbesondere England näme laut Boykoff eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Klimadiskurses ein. Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gelte demnach aufgrund ihrer als „green speech“ bekannt gewordenen Rede, die sie am 27. September 1988 beim jährlichen Dinner der Royal Society hielt, als eine der ersten und wichtigsten Wegbereiterinnen der Klimawandel- Debatte180. In ihren Memoiren markiert auch Thatcher selbst hier den Beginn ihres Klimawandel-Engagements und konstatiert „It broke quite new political ground“181. Die einstige Premierministerin sprach unter anderem vom menschlichen Einfluss auf das Gleichgewicht der Erde durch das Bevölkerungswachstum, die Agrarwirtschaft und die 178 Boykoff 2012. 179 Boykoff 2012, 1. 180 Boykoff 2012, 49; Tewdwr-Jones 1996, 47. 181 Thatcher 1993, 640. 61 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung zunehmende Nutzung fossiler Energien und warnte zudem davor, die Atmosphäre nicht als austauschbares Laboratorium zu betrachten182. Auch in ihrem Kommentar zum 1990 erstmalig erschienen IPCC Report bezieht sie klar Stellung. Hier heißt es: „[W]ith the publication of the report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, we have an authoritative early-warning system: an agreed assessment from some three hundred of the world’s leading scientists of what is happening to the world’s climate. They confirm that greenhouse gases are increasing substantially as a result of man’s activities, that this will warm the Earth’s surface with serious consequences for us all“183. Die studierte Chemikerin verhalf dem Report damit zu großem Medieninteresse in England und der Daily Express titelte sogar „Britain takes lead in crusade against greenhouse effect“184. Besonders interessant für die vorliegende Untersuchung und allgemein wenig bekannt: Thatcher brachte bereits in dieser Rede die Erderwärmung in Zusammenhang mit Migration: „There would surely be a great migration of population away from area of the world liable to flooding“185. Den weiteren Kontext der Rede betrachtend bezog sich die „eiserne Lady“186 damit allerdings klar auf die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer und hatte sicherlich keineswegs die britischen Inseln im Sinn. Diese Zitate Thatchers sind ein erster Beleg für die Relevanz des Klimadiskurses in England und ihr Tod am 8. April 2013 fiel zufällig in die Zeit meiner Feldforschung in Happisburgh. Wahrscheinlich ist dies ein Grund dafür, dass auch eine meiner Interviewpartnerinnen ihren Namen und ihr vermeintliches Engagement für den Umweltschutz im Gespräch erwähnte. Wie viele Kritikerinnen ging allerdings auch diese Dorfbewohnerin davon aus, Thatcher sei – zumindest zum Teil – aus parteistrategischen Gründen so auffallend ambitioniert in die Klimawandel-Debatte 182 Thatcher 1993, 640–641. 183 Leggett 2001, 4. 184 Leggett 2001, 4. 185 Leggett 2001, 4. 186 Campbell 2011. 62 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag eingestiegen. Die Ölkrisen der 1970er-Jahre und die zahlreichen Streiks der Kohlearbeiter seien für sie der Anstoß gewesen, das Land aus der Abhängigkeit von Kohle und Öl zu lösen und auf Kernenergie zu setzen. Im Kampf gegen die Bergbau-Gewerkschaften verschaffte die Aufmerksamkeit auf die Langzeitfolgen von CO²-Emmissionen – verursacht durch beispielsweise die Energiegewinnung durch Kohle – ihr willkommene Argumente187. Doch Thatchers öffentliche Äußerungen bezüglich des Klimawandels sind sicher nur ein kleiner Teil des Klimadiskurses in England. Carvalho und Burgess machen in Bezug auf den medialen Klimadiskurs in England drei große Phasen aus188. Laut ihrer Studie stieg in den Jahren 1985 bis 1990 die mediale Aufmerksamkeit signifikant, was mit der Veröffentlichung des ersten IPCC Reports und der erwähnten Green-Speech von Margaret Thatcher in Verbindung gebracht wird189. Durch das Ausbleiben einer spürbaren beziehungsweise für die Engländer sichtbaren Klimakrise flaute die Berichterstattung zwischen 1991 und 1996 wieder ein wenig ab190. Die Einigung auf das Kyoto Protokoll in Zusammenhang mit neuen wissenschaftlichen Nachweisen führte dann zwischen 1997 und 2003 erneut zu einer massiven Medienaufmerksamkeit. Regionale Extremwetterereignisse wie die europaweite Hitzewelle im Jahr 2003 oder lokale Überflutungen in Großbritannien im Jahr 2000 trugen laut der Studie zu einem erneuten Erstarken des Medieninteresses bei191. Da Carvalho und Burgess ihre Untersuchung 2005 veröffentlichten, fehlen ihre aktuellen Einschätzungen zum medialen Interesse am Klimawandel in England. Nichtsdestotrotz zeugen ihre Untersuchungen sowie die weiter oben aufgeführte Einschätzung Boykoffs von der Relevanz Englands als Schauplatz des Klimadiskurses. Meine Studie beschäftigt sich mit der lokalen Bedeutung des Diskurses anhand eines konkreten Fallbeispiels. Ich argumentiere, dass die direkte Berichterstattung über Happisburgh in Verbindung mit dem 187 Bradley 2009, 286–288. 188 Carvalho – Burgess 2005. 189 Carvalho – Burgess 2005, 1462–1464. 190 Carvalho – Burgess 2005, 1464–1465. 191 Carvalho – Burgess 2005, 1465–1467. 63 kLimawandeL – eine theOretische rahmensetzung Klimawandel zu einer starken Wahrnehmung des Phänomens führte. Die Analyse des empirischen Materials wird hierzu Belege liefern. Wie bereits weiter oben erwähnt, führen beispielsweise die Dorfbewohnerinnen selbst ihr besonderes Engagement in der Heritage Group auf den Zusammenhang zwischen der Kontextualisierung der lokalen Umweltveränderung durch Expertinnen und der direkten Wahrnehmbarkeit der Erosion zurück. Besonders die Sorge vor der Unaufhaltsamkeit und zunehmenden Geschwindigkeit der globalen Erderwärmung in Verbindung mit den sichtbaren Umweltveränderungen vor der Haustür schlagen sich in den Bemühungen der Heritage Group nieder. In Kapitel 6.3.3 betrachte ich dies im Detail, weshalb ich hier nur ein kleines Beispiel als Ausblick anführe: Aufgrund seiner eigenen Beobachtungen des Meeres und der Medienberichte über Happisburgh war sich einer meiner Interviewpartner sicher, dass das vollständige Verschwinden seines Heimatortes nur mehr eine Frage der Zeit wäre. Sein empfundener Zeitdruck, das Dorferbe zu konservieren, führt er auf den Klimadiskurs zurück: „[…] better we try to conserve our little villages culture today rather than tomorrow“, erklärte er. 2.5 Zusammenfassung In Kapitel 2 wurden einerseits vier Aspekte zur Einbettung der Forschungsfrage herausgearbeitet: Erstens wurde ein deutlicher Bedarf an Untersuchungen im Bereich Klimawandel und insbesondere an sozialwissenschaftlicher Forschung konstatiert. Die vorliegende Ethnographie zur Lokalisierung des globalen Klimadiskurses leistet somit einen wichtigen Beitrag. Zweitens wurde auf die physikalischen Grundlagen der Erderwärmung und ihre Auswirkungen auf England und insbesondere auf die Nordseeküsten hingewiesen. Es wurde deutlich, dass der Meeresspiegelanstieg und Extremwetterereignisse physikalisch messbaren Einfluss auf die Küstenregion im Osten Englands haben und zukünftig haben werden. Drittens wurde gezeigt, dass die Betrachtung des Klimawandels in dieser Arbeit über diese physikalischen Grundlagen hinausgeht. Klimawandel wird als soziales Konstrukt begriffen, dem ein intensiver, globaler Diskurs auf wissenschaftlicher, politischer, zivilgesellschaftlicher sowie medialer Ebene zugrunde unterliegt. Viertens wurde gezeigt, dass England ein relevanter Schauplatz des 64 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Klimadiskurses darstellt, was als wichtige Grundlage für die empirische Untersuchung in Happisburgh zur Beantwortung der Forschungsfrage gewertet wird. Zudem wurden andererseits in diesem Kaptiel Argumente zur Belegung meiner beiden Forschungsthesen theoretisch vorbereitet. So behaupte ich erstens, dass die Auseinandersetung mit dem Klimawandel in Happisburgh zur Alltagsrealität geworden ist, weshalb der Titel dieser Ethnographie Klimaalltag lautet. Ich argumentiere, dass diese alltägliche Auseinandersetzung aufgrund der sichtbaren Konfrontation mit der Umweltveränderung Küstenerosion und ihren Folgen stattfindet. Mittels der Analyse meines empirischen Materials werde ich zeigen, warum diese Umweltveränderung einen so großen Stellenwert im Alltagsleben in Happisburgh einnimmt und welch hohe Emotionalität meine Informatinnen mit dieser Veränderung verknüpfen. Stefan Becks Konzept einer Verwissenschaftlichung des Alltags wurde zu diesem Zweck vorgestellt. Auch Ansätze zur Nutzbarmachung der Soziologie der Emotionen in der Klimaforschung wurden dementsprechend aufbereitet. Meine zweite These geht von globalen Rückkopplungsprozessen dieser lokalen Verarbeitung des Klimadiskurses aus. Auch für die Auseinandersetzung mit dieser These wurden in Kaptiel 2 wichtige Grundsteine gelegt. So wurde der Vorschlag gemacht, Krauss‘ Idee des downscallings durch ein upscalling zu ergänzen, um so die Bedeutung des Lokalen für das Globale zu unterstreichen, wie es beispielsweise Langenohl fordert. Auch vielgenutzte Ansätze wie Robertsons Glokalisierung oder Appadurais scapes wurden erläutert und für die spätere Reflexion mit dem empirischen Material nutzbar gemacht. Das folgende Kapitel 3 widmet sich nun der Auseinandersetzung mit dem zweiten zentralen Konzept dieser Arbeit, welches nicht weniger komplex ist als der Klimawandel: die Umweltmigration.

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Zusammenfassung

Das globale Klima erwärmt sich. Diese Erkenntnis ist inzwischen keine Schlagzeile mehr wert. Doch die viel diskutierten klimatischen Veränderungen sind im Alltagsleben nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht – immer wieder werden Stürme, Dürren oder Überschwemmungen in einen Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. In Teilen der Küstenregion Ostenglands ist die Erosionsrate in den letzten Jahren stark angestiegen. Der kleine Küstenort Happisburgh ist besonders betroffen. Durch den Abbruch der Küste kommt es in dem Dorf zum Verlust von Wohnhäusern und somit zu einem gesteigerten Medien– und Forschungsinteresse. Die globale Erwärmung gilt auch hier als verschärfender Faktor für die Erosion und so finden sich Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht in den Berichten. Dies sind jedoch klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern und werden oft mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen assoziiert. Ist es angemessen und legitim, die in Folge der Küstenerosion in Happisburgh in einen ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawissenschaft und Umweltmigration und wie reagiert sie darauf? Der Titel dieser Ethnographie lautet Klimaalltag, denn es sind die lokalen Wahrnehmungen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Die Studie arbeitet die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag heraus. Insbesondere behandelt sie die Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext sowie die Verwissenschaftlichung des Alltags im Küstenort oder besser: des Klimaalltags.