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7. Schlussbetrachtung in:

Franziska Luisa Ochs

Klimaalltag, page 239 - 244

Wie sich Klimawandel und Umweltmigration in einem Küstenort in England begegnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3877-2, ISBN online: 978-3-8288-6622-5, https://doi.org/10.5771/9783828866225-239

Tectum, Baden-Baden
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239 7. Schlussbetrachtung Die Auseinandersetzung mit Klimawandel ist in Happisburgh Alltag. Klimaalltag. Die Arbeit hat gezeigt, auf welchen Ebenen diese Auseinandersetzungen stattfinden, welche Formen sie annehmen können, welche Rolle die beobachtbare Umweltmigration spielt und weshalb diese Erkenntnisse überhaupt von Interesse sind. Im Folgenden trage ich die Eckpunkte der Analysen zusammen und stelle die wesentlichen Ergebnisse dar. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit. 7.1 Zusammenfassung der Ergebnisse Wie wird der globale Klimadiskurs in einem Küstenort in England erlebt, interpretiert, inszeniert – eben lokalisiert –, dessen Bewohnerinnen sich durch starke Küstenerosion einem drohenden Verlust von Wohngebieten gegenüber sehen? Dies ist die Forschungsfrage dieser Arbeit, die mithilfe der Feldforschung in Happisburgh, einer breiten Theoriediskussion und der Zusammenführung und Analyse der Befunde aus Literatur und Empirie beantwortet wurde. Der globale Diskurs findet in Happisburgh nicht in abstrakter Ferne statt, sondern buchstäblich vor der Haustür. Das Interesse am Thema erklären die Bewohnerinnen mit ihrer Augenzeugenschaft von Umweltveränderungen und insbesondere mit der direkt beobachtbaren Umweltmigration als Folge dieser Veränderungen. Damit bestätigt sich die erste These dieser Arbeit und leistet somit einen wichtigen Beitrag 240 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag in der seit Jahren dichter werdenden Debatte um die Verflechtung der Paradigmen Umweltmigration und Klimawandel. So vielschichtig und komplex der Klimadiskurs ist, so sind es auch die lokalen Wahrnehmungen und Interpretationen, denn es lassen sich verschiedene Formen der Lokalisierung ausmachen, was als zweites Ergebnis dieser Untersuchung gewertet wird. In den vorgestellten Klimanarrativen kann eine Verwissenschaftlichung des Alltags im Sinne Stefan Becks nachgewiesen werden – und das in beiden von ihm identifizierten Stadien. So stelle ich erstens eine starke Diffusion wissenschaftlichen Wissens auf Alltagsebene in Happisburgh fest. In dem Küstenort wird das lokal tradierte Wissen zu den seit vielen Jahrhunderten stattfindenden Erosions prozessen, das Wissen über die weiche Beschaffenheit der Küste, die Stürme im Winter oder den Gang der Gezeiten, seit ein paar Jahrzehnten wissenschaftlich unterfüttert und modifiziert durch Graphen zum Meeresspiegelanstieg oder Statistiken zur Sturmhäufigkeit. Eine Neuetikettierung hat stattgefunden. Zweitens stelle ich eine Skepsis in Bezug auf die Ausdifferenzierungen dieser wissenschaftlichen Ergebnisse aus der Klimaforschung fest. Becks Argumentation zur zweiten Phase der Verwissenschaftlichung des Alltags folgend, gelange ich anhand der Feldforschung in Happisburgh zu dem Ergebnis, dass die grundsätzlich skeptische und rastlose Natur der Wissenschaft – welche als Wissensrichtung den Klimadiskurs dominiert – auch eine steigende Unsicherheit in der Sinngebung des Alltags im Küstenort auslöst. Durch die voran geschrittene Dissemination von Wissenschaft in den Alltag gewinnt auch der Prozess des Infragestellens immer stärker an Gewicht. Am Beispiel von Happisburgh zeigt sich, dass zwar die Diskussion um Klimawandel zum Alltag geworden ist, Sicherheit in den Schlussfolgerungen und Handlungsoptionen dadurch aber noch lange nicht gegeben ist. Meine Forschung verdeutlicht somit eine Entwertung der Klimawissenschaft als Fundament für Alltagsentscheidungen und Handlungen, durch das eigene Prinzip der Erkenntnisgenerierung. Die Zuhilfenahme sozialwissenschaftlicher Emotionstheorien förderte in dieser – im ersten Schritt festgestellten – Heterogenität in der Wahrnehmung und Bewertung der Umweltveränderung weitere Erkenntnisse zutage. So führt die Küstenerosion, in Verbindung mit Zukunftsprognosen bezüglich des Klimawandels, zu einem Gefühl der doppelten Ohnmacht: Einerseits gegenüber der unberechenbaren Natur 241 schLussbetrachtung und andererseits gegenüber der Politik, der die Bewohnerinnen nicht mehr trauen. Um dieser Ohnmacht begegnen zu können und sie für den alltäglichen Umgang sortieren und nutzbar zu machen, färbten die Informantinnen ihre Erzählungen mit Sorge, Wut, Gleichmut, Freude, Gemeinschaftsgefühl, Misstrauen und Schadenfreude. Diese teils intensive emotionale Verknüpfung der beobachtbaren Umweltveränderungen wurde als Begründung für die starke Auseinandersetzung mit dem Thema Klimawandel sowie für das gemeinschaftliche Engagement innerhalb der Dorfgemeinschaft genannt. Zudem konnten insbesondere durch die Analyse der positiven Bewertungen der Umweltveränderung Belege für eine neue Form der Umweltmigration hin zu den bedrohten Küstenabschnitten gesammelt werden. Nicht nur die gefallenen Hauspreise sind hierfür ein Grund, wie es beispielsweise auch bei Flughafeneinflugschneisen beobachtet werden konnte, sondern auch der Wunsch, dem Meer – dem von anderen als Bedrohung eingestuften Elements – näher sein zu wollen. Dieses Ergebnis ist neu in der Forschung zur Umweltmigration und wird von mir als Klimaimmigration bezeichnet. Die nächste Erkenntnis bezieht sich auf die internationale Aufmerksamkeit, die dem kleinen Küstenort und der dortigen Migration in Folge der Umweltveränderungen zuteil wurde. Die Analyse arbeitete Lichtund Schattenseiten dieser Beobachtung heraus. In der Theoriereflexion ließen sich Hinweise darauf finden, dass Happisburgh ein gutes Beispiel für ein Austragungsfeld der von Pries konstatierten Transnationalisierung der sozialen Welt darstellen könnte. Die Methoden dieser Ethnographie reichen aber nicht aus, um aus diesen Hinweisen einen Befund zu machen. Allerdings konnte mittels der qualitativen Datenanalyse ein strategischer Gebrauch des Konzepts Klimawandel zur transnationalen Aufmerksamkeitssteigerung festgestellt werden. Obgleich der Klimawandel als Grund für die Erosion, wie bereits erwähnt, höchst kontrovers diskutiert wurde, wurde er als globaler Referenzpunkt im Rahmen von Werbeaktionen zur Küstensicherung dennoch von einer Mehrzahl der Bewohnerinnen herangezogen. Diese strategische soziale Praxis bezeichne ich als Bumerangeffekt, da sie die lokale Verhandlung und Inszenierung des Klimadiskurses verdeutlicht und gleichzeitig die Rückspiegelung lokaler Praktiken in die globale Arena zeigt. Damit bestätigt sich die zweite These dieser Arbeit: Die Akteurinnen von Happisburgh sind als aktive Gestalterinnen ihrer Alltagswelt selbst Produzentinnen 242 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag des globalen Klimadiskurses. Die Bedeutung des Lokalen für das Globale wird damit unterstrichen und es wurde der Vorschlag gemacht Krauss‘ Idee des downscalings in der Lokalisierung globalen Wissens durch ein upscaling theoretisch zu ergänzen. In der Analyse der verbundenen Emotionen konnte ein weiteres Phänomen identifiziert werden: der Klimavoyeurismus. Auch dieses Ergebnis der lokalen Auswirkung der globalen Klimakrise ist neu und bezieht sich auf das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen und als konkretes Beispiel für ein abstraktes Konzept instrumentalisiert zu werden. 7.2 Anschlüsse und Ausblick Eine der Besonderheiten der vorliegenden Forschungsergebnisse ist die Perspektive auf Umweltmigration im Globalen Norden. Direkte Vergleichsstudien mit Menschen andernorts, die aufgrund anderer Umweltveränderungen migrieren mussten – Flut, Dürre, Stürme oder ähnliches – wären denkbar. Ferner ist die Vermutung, dass die sichtbaren Umweltveränderungen in Zusammenhang mit dem globalen Klimadiskurs zu einem veränderten Umweltverhalten in Happisburgh geführt haben, nicht eindeutig belegbar. Einige Äußerungen, beispielsweise in Bezug auf die Nutzung CO2-neutraler Energiequellen im Privathaushalt, deuten darauf hin. Auch hier wäre eine tiefere Analyse in Verbindung mit einer Vergleichsstudie sinnvoll. Insbesondere sind in Bezug auf die neu vorgestellten Konzepte Klimaimmigration und Klimavoyeurismus weitere Untersuchungen erforderlich. Die Klimawandelforschung und insbesondere Untersuchungen zu Umweltmigration sind zwar vergleichsweise jung, wissenschaftliche Fortschritte in diesen Bereichen können allerdings das Leben unzähliger Menschen auf diesem Planeten beeinflussen. Es ist die Pflicht von Sozial wissenschaftlerinnen die Folgen des Klimawandels auch auf der Ebene von Deutungsprozessen zu untersuchen, um zu realistischen und sozial belastbaren Handlungsoptionen gelangen zu können. Wenn wir ernsthaft versuchen wollen, Klimawandel zu verstehen, so müssen wir uns mit seinem gesamten Spektrum auseinandersetzen, mit allen „facettenreichen menschlichen Überzeugungen, Werten, 243 schLussbetrachtung Einstellungen, Sehnsüchten und Verhaltensweisen“605. Die Ergebnisse meiner Arbeit sowie weitere sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die durch die vorliegende Forschung angestoßen oder inspiriert werden, leisten hier wertvolle Beiträge. 605 Hulme 2014, 24.

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Zusammenfassung

Das globale Klima erwärmt sich. Diese Erkenntnis ist inzwischen keine Schlagzeile mehr wert. Doch die viel diskutierten klimatischen Veränderungen sind im Alltagsleben nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht – immer wieder werden Stürme, Dürren oder Überschwemmungen in einen Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. In Teilen der Küstenregion Ostenglands ist die Erosionsrate in den letzten Jahren stark angestiegen. Der kleine Küstenort Happisburgh ist besonders betroffen. Durch den Abbruch der Küste kommt es in dem Dorf zum Verlust von Wohnhäusern und somit zu einem gesteigerten Medien– und Forschungsinteresse. Die globale Erwärmung gilt auch hier als verschärfender Faktor für die Erosion und so finden sich Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht in den Berichten. Dies sind jedoch klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern und werden oft mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen assoziiert. Ist es angemessen und legitim, die in Folge der Küstenerosion in Happisburgh in einen ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawissenschaft und Umweltmigration und wie reagiert sie darauf? Der Titel dieser Ethnographie lautet Klimaalltag, denn es sind die lokalen Wahrnehmungen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Die Studie arbeitet die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag heraus. Insbesondere behandelt sie die Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext sowie die Verwissenschaftlichung des Alltags im Küstenort oder besser: des Klimaalltags.