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1. Einleitung in:

Franziska Luisa Ochs

Klimaalltag, page 21 - 32

Wie sich Klimawandel und Umweltmigration in einem Küstenort in England begegnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3877-2, ISBN online: 978-3-8288-6622-5, https://doi.org/10.5771/9783828866225-21

Tectum, Baden-Baden
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21 1. Einleitung Das 900-Seelendorf Happisburgh8 an der Nordseeküste von England, zirka 200 Kilometer nordöstlich von London, steht als Besichtigungsort nicht nur auf dem Lehrplan vieler Schulen – auch Politik, Presse und Wissenschaft haben das Dorf in den letzten zehn Jahren als Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels für sich entdeckt9. Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht werden in diesen Kontexten ebenfalls hergestellt10, mittlerweile auch weltweit11. Der Meeresspiegelanstieg der Nordsee gilt indes als vergleichsweise gering. Um 1,5 Millimeter pro Jahr ist hier das Wasser durchschnittlich gestiegen und in den letzten 200 Jahren ist keine signifikante Beschleunigung feststellbar12. Zudem sind Klimaflucht und Umweltmigration klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungsund Schwellenländern13 und werden oft assoziiert mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen. Ist es legitim, die in Folge der Küstenerosion emigrierten Bewohnerinnen Happisburghs in einem ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawandel und Umweltmigra tion und wie reagiert sie darauf? Die vorliegende Ethnographie wird diese 8 Ausgesprochen: heizbrə. 9 Als Beispiele: The Royal Commission on Environmental Pollution 2010; Hurrell 2014; Kölnische Rundschau 2014; EDP 2014; The Guardian 2014; Barkham 2014; Barkham 2008; Hill 2013; Donhauser 2011; Leithäuser 2007; Wagner 2007b; Adger 2007; Poulton u. a. 2006; BGS 2009; Chini u. a. 2010. 10 Adger 2007; Wagner 2007a; Warren 2008. 11 Bennhold 2014. 12 Wahl u. a. 2013. 13 Hastrup – Olwig 2012a, Piguet u. a. 2011a. 22 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Fragen untersuchen, denn die Fallstudie in Happisburgh folgt den Spuren der Lokalisierung des Klimawandels. Mithilfe ethnologischer Methoden wird in dieser Ethnographie die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag herausgearbeitet und die besondere Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext analysiert. Ich beantworte damit die Frage, wie die Auswirkungen des globalen Diskurses zu Klimawandel und Umweltmigration in einem kleinen Ort Europas erlebt, interpretiert und inszeniert werden. Der Feldtagebucheintrag aus dem Prolog bietet hier einen ersten Einblick. Mit dieser Arbeit wird somit eine wichtige Forschungslücke geschlossen, denn das Interesse am Komplex Migration und Klimawandel wächst zwar14, Orte ethnologischer Forschungen zu diesem Thema befinden sich jedoch fast ausschließlich im Globalen Süden15. Der Erkenntnisgewinn besteht also vor allem in der Erweiterung der Perspektive auf den Globalen Norden16. Dieser Arbeit liegt die Auffassung zugrunde, dass eine Untersuchung zu Adaptionsprozessen an den Klimawandel an der englischen Nordseeküste – insbesondere im Zusammenhang mit Umweltmigration – eine dringend erforderliche thematische Ergänzung für die Sozialwissenschaften darstellt. Bezüglich der Vulnerabilität ist von erheblichen Unterschieden zwischen Globalem Norden und Süden auszugehen, im Kern allerdings geht es um die selbe Herausforderung: Der Umgang mit veränderten Umweltbedingungen in Zeiten des anthropogenen Klimawandels. 14 Piguet u. a. 2011b; Warner 2011. 15 Als Beispiele: Worliczek 2010; Worliczek – Allenbach 2011; Crate – Nuttall 2009. 16 Länder des Globalen Nordens stehen für die reichen Industriestaaten wie beispielsweise England. Als Globaler Süden wird im Allgemeinen die Ländergruppe der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer (eurozentrische Sichtweise) bezeichnet. Die Begriffe des Globalen Nordens bzw. Südens sind dementsprechend weniger als räumliche Kategorien zu verstehen und müssen stattdessen als politische Begriffe gesehen werden, die sich von der eigentlichen geographischen Lage der Länder losgelöst haben (Sachs 2002, 26–28). Ulrich Beck bezeichnet solche Alltagsbegriffe deshalb als „Zombiekategorien“ (Beck 2000, 16). 23 einLeitung 1.1 Klimawandel und Alltag Einerseits scheint der globale Klimawandel eine unumstößliche naturwissenschaftliche Tatsache zu sein. Spätestens seit dem vierten Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change17 (IPCC) von 2007 und dem damit verbundenen Nobelpreis für die Verfasserinnen des Berichts und Al Gore herrscht darüber in der Wissenschaft weitestgehend Konsens18. Der fünfte IPCC Bericht von 2014 bestätigt – neben unzähligen weiteren Veröffentlichungen – die Erkenntnisse seiner Vorgänger und untermauert die Forschungsergebnisse zur Erhitzung der Erde sowie des signifikanten Einflusses menschengemachter Treibhausgase auf diese Erwärmung19. Die Änderung des Klimas ist aber inzwischen nicht nur eine unaufhaltsame Tatsache, der anthropogene Einfluss auf das Wetter unseres Planeten ist zudem allgegenwärtig. Der britische Geograph Mike Hulme konstatiert deshalb: „There is no longer such a thing as a purely natural weather event“20. Anthropozän lautet daher auch Crutzens berühmter und vieldiskutierter Vorschlag zur Benennung unserer derzeitigen geochronologischen Epoche, da diese Bezeichnung den Menschen als wesentlichen Einflussfaktor für biologische, atmosphärische und geologische Erdprozesse ins Zentrum stellt21. Andererseits sind die klimatischen Veränderungen im Alltagsleben der Menschen nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht22, wie etwa im Hinblick auf die Dürre in Kalifornien in der ersten Jahreshälfte 201523. Immer wieder werden Umweltveränderungen dieser 17 Diese zwischenstaatliche Institution wird im Deutschen auch als Weltklimarat bezeichnet und wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie gegründet mit dem Ziel, den Stand der wissenschaftlichen Klimaforschung für politische Entscheidungsträger zusammenzufassen (siehe Kapitel 2). 18 Rahmstorf – Schellnhuber 2012, 86–90. 19 IPCC 2014b. 20 Hulme 2000. 21 Crutzen 2011. 22 Weber 2008, 23. 23 Schrader 2015. 24 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Art sowie auch andere Wetterumbrüche von Politik und Medien in Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. Ein weiteres Beispiel sind die Überschwemmungen im Frühjahr 2014 in Südengland24. Auch in Teilen der Küstenregionen von Norfolk in Ostengland, zu der auch Happisburgh gehört, liegt die Erosionsrate derzeit bei bis zu sieben Metern jährlich und der Klimawandel gilt klar als verschärfender Faktor25. Der Titel dieser Ethnographie lautet deshalb Klimaalltag, denn es sind die lokalen Perzeptionen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Alltagsforschung hat in der Kulturanthropologie durchaus Tradition26, ist doch die „Lebenswelt des Alltags […] die vornehmliche und ausgezeichnete Wirklichkeit des Menschen“27. Ein breiteres Engagement dieser Wissenschaft in Bezug auf den Klimawandel gilt zudem als dringend erforderlich28. In der vorliegenden Studie wird der Begriff Klimawandel synonym zur globalen Erwärmung benutzt und im sozialkonstruktivistischen Sinne Hulmes verstanden. Für ihn ragt Klimawandel weit über die Naturwissenschaften hinaus und mitten in Gesellschaften hinein29. Er beschreibt ihn als eine „Idee auf Reisen“30. Dieses Bild ist besonders passend, da in dieser Arbeit argumentiert wird, dass auch in den untersuchten Küstenort im Osten Englands die Idee Klimawandel gereist ist und bekannten Umweltveränderungen eine neue Kontextualisierung bescherte. Ebenso wird untersucht, auf welche Art und Weise das Konzept auf lokaler Ebene verhandelt wird und welche Reiserouten es von Happisburgh aus einschlägt. Harrys Präsentation für die Schulklasse und seine Erklärungen anhand der Abbildungen bieten hier erste Hinweise. 24 BBC Online 2014. 25 Frew 2009; BGS 2009; Nicholson-Cole – O’Riordan 2010, 368; Donhauser 2011. 26 Greverus 1987. 27 Schütz – Luckmann 1975, 23. 28 Crate – Nuttall 2009. 29 Hulme 2014, 23–24. 30 Hulme 2014, 24. 25 einLeitung Hulme ist der Überzeugung: Ein ernsthafter Versuch, Klimawandel zu verstehen, bedarf einer Auseinandersetzung mit seinem gesamten Spektrum, mit allen „facettenreichen menschlichen Überzeugungen, Werten, Einstellungen, Sehnsüchten und Verhaltensweisen“31. Die Studie kommt dieser Aufforderung nach und fügt mit der Darstellung der Fallstudie in England dem Spektrum eine weitere Facette hinzu. Die Entstehung von geteilten Wahrnehmungen in gesellschaftlichen Prozessen und in Bezug auf die globale Erwärmung soll mithilfe des sozialkonstruktivistischen Ansatzes erklärt werden32. Klimawandel als physikalisches Phänomen wird dabei dennoch nicht angezweifelt. Gerade innerhalb eines westlichen Bezugsrahmens, innerhalb dessen sich auch diese Arbeit verortet, ist der Klimawandel durch die ihm zugeschriebenen Bedeutungen und dem Vertrauen auf naturwissenschaftliche Messungen real. Hier sind die Netze der Akteurinnen, die den Diskurs formen, am dichtesten gesponnen33. Der Ethnologe Werner Krauss spricht deshalb auch von einer „Klimaerzählung“ – ein abstraktes Konzept, das durch vielschichtige Aushandlungen immer wieder reproduziert wird und daher Wahrheitsansprüche erhebt34. In seiner prominenten Lagerfeuer-Metapher geht Krauss der Spannung zwischen naturwissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und den sozialen Sinnkonstruktionen auf den Grund und erklärt: „Wir sind, so Bruno Latour, nie modern gewesen. Noch immer sitzen wir ums Lagerfeuer und erzählen uns mythische Geschichten und versuchen die Angst zu bannen, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Diese Angst trägt heute den Namen Klimawandel“35. Die Idee einer konstanten Unsicherheit, die dem vielschichtigen Deutungspotential von Dingen, Informationen und Temperaturskalen innewohnt, ist auch Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Es wird allerdings angezweifelt, dass Lagerfeuergeschichten zum Thema Klimawandel zwangsläufig oder ausschließlich mit Angst verbunden werden. Viel eher geht es in dieser Arbeit um eine Erweiterung 31 Hulme 2014, 24. 32 Christmann u. a. 2014, 144. 33 Voss 2006, 2864. 34 Krauss 2009. 35 Krauss 2012. 26 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag solch essentialistischer Herangehensweisen, die den Klimadiskurs zurzeit dominieren36. Die Perspektive auf lokale Bedeutungskonstruktionen speist sich dabei aus der Motivation, der Asymmetrie der Stimmenmacht innerhalb des Klimadiskurses entgegenwirken zu wollen. Laut Voss seien bis heute „selbst im westlichen Kulturkreis weder alle relevanten Aktanten an diesem Prozess beteiligt, noch verfügt jeder […] über die seinem Anliegen angemessene Stimmenmacht“37. Ein herrschaftsfreier Diskurs im Sinne Habermas‘ ist ein kaum erreichbares Ideal38. Nichtsdestotrotz ist ein Ziel der vorliegenden Studie, den lokalen Wahrnehmungen einer Dorfgemeinde Raum und Stimme zu verleihen, die in besonderer Form mit dem globalen Klimadiskurs in Verbindung gekommen sind39. Diese Herangehensweise gründet sich aus der Überzeugung, dass Globales nur im Lokalen sichtbar werden kann und zudem meist selbst vormals lokal war40. Lokalisierung wird also nicht als reine Reaktion auf globale Prozesse verstanden, sondern vielmehr als ihre Voraussetzung und ihr konstitutiver Moment41. Bereits Hannerz hebt Lokalität als substantiell für das Alltagserleben hervor und beschreibt das Lokale als „totale Erfahrung“ sowie als „ein Gefühl der Unmittelbarkeit“42. In meiner Studie untersuche ich, ob sich die lokale Verortung des globalen Phänomens Klimawandel auch in einer solchen Unmittelbarkeit im Alltag widerspiegelt. Die Perspektive auf Lokales steht traditionell im Mittelpunkt kulturanthropologischer Forschung und ergänzt klassischerweise Makro analysen durch die Eröffnung neuer Blickwinkel43. Zwar sind 36 Christmann u. a. 2014, 144. 37 Voss 2006, 2864 (Hervorhebung im Original). 38 Habermas 1981. 39 Mit der Betrachtung von Strategien empfundener Ohnmacht zu begegnen, sucht meine Studie im Empiriekapitel 6 Anschluss an ethnologisch dominante Strömungen, die sich insbesondere den Underdogs und Subalternen zuwenden (vgl. Münster 2012). 40 Hannerz 1995, 78. 41 Vgl. Langenohl 2014, 2. 42 Hannerz 1995, 78. 43 Crate – Nuttall 2009. 27 einLeitung kulturanthropologische Forschungen im Bereich Klimawandel noch immer rar, Klagen über eine grundsätzliche Interesselosigkeit dieser Wissenschaft an der globalen Erderwärmung gelten inzwischen allerdings auch als überholt44. Rudiak-Gould schwärmt sogar von der zunehmenden theoretischen Raffinesse und dem Blick für die praktische Anwendbarkeit, mit der immer mehr Anthropologinnen die Interpretationen und lokalen Auswirkungen der globalen Erwärmung in Gruppen und Gemeinden beleuchten würden45. Die vorliegende Studie reiht sich hier ein und baut die Untersuchung zu Prozessen der Lokalisierung des globalen Klimadiskurses auf den Grundsätzen einer verstehenden Kulturanthropologie auf. Diese fußt wiederum auf einer Ergänzung des hermeneutischen Zugangs durch die Phänomenologie. Durch diese Zusammenführung werden kollektive Sinnzusammenhänge in ihren Wechselwirkungen zu subjektiv erzeugten Bedeutungsmustern einzelner Akteurinnen für die Forschung greifbar46. Die Eingangs szene und insbesondere die darin enthaltenen Sinnkonstruktionen Harrys haben bereits angedeutet, dass die Verschränkung von Globalem und Lokalem in Happisburgh besonders deutlich sichtbar wird: Die Ero sion, mit der der Ort bereits seit seiner Entstehung verbunden ist, erhält durch den Einzug des Klimadiskurses eine neue Kontextualisierung. Die Inter pretationen und Bewertungen dieser globalen Referenz für die lokalen Heraus forderungen stehen im Fokus der Arbeit. Den Narrativen der Akteurinnen zum Zusammenhang wissenschaftlicher Erkenntnis mit den beobachtbaren Umweltveränderungen vor der Haustür wird daher viel Raum gegeben. Ein besonderer Vorzug der Analyse des empirischen Materials stellt die zusätzliche Unterteilung in verschiedene emotionale Färbungen der Erzählungen dar. Dieses Vorgehen begründet sich in der Überzeugung, dass Emotionen ein sinnkonstitutives Element für die Bedeutungskonstruktion der Alltagsrealität sind47. Insbesondere in Bezug auf die Wahrnehmung des Klimawandels herrscht zudem ein starker Mangel an Untersuchungen, die das Konzept der Emotion zur Analyse des Datenmaterials heranziehen48. Für 44 Townsend 2004. 45 Rudiak-Gould 2011, 9. 46 Welz 1991, 57. 47 Scheve 2009; Denzin 1984. 48 Norgaard 2011, 9, 210. 28 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag die Analyse der Lokalisierung des globalen Klimadiskurses erweisen sie sich als sehr fruchtbar. Auch hierfür kann die flammende und teils emotionale Rede Harrys im Prolog als erstes Beispiel gelten. Zugespitzt formuliert arbeite ich mich in dieser Arbeit also an zwei Thesen ab: Erstens behaupte ich, dass die erlebte und beobachtbare Umweltmigration von den Bewohnerinnen selbst in Zusammenhang mit Klimawandel gebracht wird und der globale Klimadiskurs somit Teil der lokalen Alltagsrealität geworden ist. Wie sich die Prozesse der Lokalisierung im Alltagsleben niederschlagen, wird diese Arbeit erforschen – die Facetten und Heterogenitäten der Wahrnehmung und emotionalen Bewertung werden analysiert. Ich behaupte zweites, dass diese Lokalisierung von Klimadiskursen zurückgespiegelt wird in die globale Arena. Den Prinzipien einer Anthropologie der Praxis49 folgend, betrachte ich die Bewohnerinnen als aktive Gestalterinnen ihres Alltags und nicht als rein passive Empfängerinnen. In der Analyse nehme ich daher soziale Praktiken in den Blick, die sich aus den lokalen Verhandlungen des globalen Klimadiskurses ergeben und in einer Art Bumerangeffekt selbst Teil globaler Deutungs- und Machtprozesse werden. 1.2 Aufbau der Arbeit Zunächst wird in Kapitel 2 definiert, welches Verständnis von Klimawandel dieser Arbeit zugrunde liegt. Der große Bedarf an sozialwissenschaftlicher Forschung in dem – noch immer von Naturwissenschaften dominierten – Forschungsfeld wird herausgearbeitet. Auch um aufzuzeigen, dass sich hier beide Wissenschaften gut ergänzen können, werden die wesentlichen physikalischen Grundlagen für die Erhöhung der Erosionsrate in Happisburgh in Bezug auf den Klimawandel vorgestellt. Der globale Klimadiskurs wird in seinen Grundzügen beschrieben und die zentralen Diskurs-Repräsentationen, insbesondere in England, 49 Schlesier 1980. 29 einLeitung werden dargestellt. Ein Überblick zur Klimawandelforschung rundet das Kapitel ab: Hier konzentriere ich mich auch auf die Emotionalisierung des Phänomens, um später in der Analyse meines empirischen Materials die verschiedenen Emotionen besser herausarbeiten und deuten zu können. Kapitel 3 widmet sich dem Spannungsfeld von Umweltmigration im Zeichen des Klimawandels. Wie bereits in den vorherigen Abschnitten angedeutet, zeigt sich hier gerade in Bezug auf Europa dringender Forschungsbedarf und zudem die Notwendigkeit einer Schärfung der Begrifflichkeiten. Das Kapitel bietet aus diesem Grund einen breiten Überblick über die vielfältigen Verbindungen von Klimawandel und Umweltmigration. Hier wird detailliert auf die Wahl und Definition des Begriffs Umweltmigration eingegangen. Die Darstellung der im Kontext dieser Arbeit relevanten Referenzstudien bereitet die Diskussion des empirischen Materials vor. In Kapitel 4 werden der Ort Happisburgh und die theoretischen Grundlagen zur Beschleunigung der Erosion präsentiert. Anhand von Publikationen aus dem politischen und wissenschaftlichen Feld wird der Einzug des globalen Klimadiskurses in den Ort Happisburgh nachvollzogen. Insbesondere umfasst dieses Kapitel eine detaillierte Darstellung der Änderungsmaßnahmen der Küstenverwaltung innerhalb der letzten fünfzig Jahre, die Happisburgh sowie die direkten Nachbarorte betreffen. Im Prolog sind die entsprechenden Änderungen der Küstenverwaltungsordnung bereits angeklungen. Im Zusammenhang mit einem geologischen Exkurs, der die Beschaffenheit der Küstenstruktur in Happisburgh veranschaulicht und in die Grundlagen des natürlichen Sedimenttransports einführt, entsteht ein umfassendes Bild der die Erosion begünstigenden Faktoren. Diese theoretischen Grundlagen der Verwaltungspolitik und Küstengeologie ist für die Diskussion mit dem empirischen Material notwendig, da meine Informantinnen teils genau dieses Vokabular in ihren Erklärungen und Erzählungen benutzen. Im fünften Kapitel folgt die Darstellung der methodischen Herangehens weise. Das methodologische Fundament einer verstehenden Anthropologie wird hier erläutert. Ich gehe näher auf den Verlauf der viermonatigen Feldforschung ein, insbesondere auf den Feldzugang und die 30 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag verschiedenen Beobachtungs- und Interviewformen, die gewählt wurden. Die Besonderheiten im Feld, welche sich aus der Analyse der Klimawandelwahrnehmung im Zusammenhang mit konkreter Umweltmigration im Globalen Norden ergaben, werden detailliert beschrieben. Auch meine Position als Forscherin sowie die Herausforderungen während der Feldforschung werden reflektiert. Diese Herausforderungen ergaben sich unter anderem auch durch die starke Emotionalisierung des Themas, wie dann das folgende sechste Kapitel zeigen wird, das der Präsentation des empirischen Materials in der Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen gewidmet ist. Es bildet das Herzstück der Arbeit. In 6.1 wird die Wahrnehmung des Klimadiskurses im Ort beschrieben. Der Übertitel „Globales wird lokal“ zeigt das Ziel dieses Abschnitts: Der in den Theoriekapiteln dargestellte Einzug des wissenschaftlichen Konzepts Klima in Alltagsdiskurse wird am empirischen Material überprüft. Erklärungen für die Gründe der Erosion werden in Erzählform vorgestellt und bieten einen ersten Einblick in die Bandbreite diesbezüglicher Bedeutungskonstruktionen und einer Verwissenschaftlichung des Alltags50. Darauf aufbauend beschäftigt sich 6.2 mit den Emotionen, die die Dorfbewohnerinnen und politischen Akteurinnen mit der Erosion verknüpfen. Ein theoretischer Einschub in die Grundzüge der Emotionssoziologie am Anfang des Kapitels legt den Grundstein für die gewählte Darstellungsweise und Analyse. Weiter oben wurde bereits erwähnt, dass die Einteilung in verschiedene emotionale Färbungen der Narrative weder willkürlich gewählt noch künstlich auf das Material gestülpt wurde. Für Untersuchungen auf Mikroebene gelten Emotionen als überaus nützlich, da sie großen Anteil an alltäglichen und kollektiven Handlungen von Akteurinnen haben und somit maßgeblich die Bildung sozialer Ordnung beeinflussen51. In den Gesprächen und Interviews verdeutlichten die Akteurinnen selbst Relevanz und Kausalzusammenhang ihrer Empfindungen für die Wahrnehmung der Umweltveränderung. Ziel ist die Feststellung und Vermittlung des großen Spektrums von Sinnzusammenhängen, die mit 50 Beck 2001. 51 Scheve 2009, 16; auch auf die Nähe emotionstheoretischer Konzepte zur integrativen Wissenssoziologie (Durkheim 1976; Berger – Luckmann 1971), die als Grundlage für die sozialkonstruktivistischen Überlegungen bezüglich des Klimawandels gelten kann, weist von Scheve hin. 31 einLeitung der Umweltveränderung verknüpft werden. Sie reichen von Sorge, Wut, Schadenfreude und Misstrauen zu Freude und Gemeinschaftsgefühl. In 6.3 analysiere ich die sozialen Praktiken, die ich im Zusammenhang mit der Umweltveränderung beobachtet habe. Der Titel „Lokales wird global“ verweist auf die Quintessenz dieses Abschnitts, denn die Akteurinnen präsentieren sich keineswegs als passive Rezipientinnen eines globalen Diskurses. Anhand des empirischen Materials wird viel eher ein strategischer Gebrauch des Klimawandels als globaler Referenzrahmen zur Erreichung lokaler Ziele identifiziert. Rückkopplungsprozesse lokaler Praktiken mit dem globalen Klimadiskurs werden verdeutlicht. Das Schlusskapitel 7 führt die theoretischen Überlegungen und das empirische Material noch einmal zusammen, um herauszuarbeiten, wie Emotionalisierung, Globales und Lokales in der Forschung zusammengefunden haben. Ich argumentiere dort, dass die Analyse der verschiedenen Klimawandelnarrative nicht nur die starken Emotionen der Akteurinnen zutage fördert, sondern zugleich auch auf eine Verwissenschaftlichung des Alltags hindeutet, die den Akteurinnen durchaus bewusst ist. Zudem stelle ich die Befunde zu „Klimavoyeurismus“ und „Umweltimmigration“ dar, um daran verdeutlichen zu können, wo die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse liegt.

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Zusammenfassung

Das globale Klima erwärmt sich. Diese Erkenntnis ist inzwischen keine Schlagzeile mehr wert. Doch die viel diskutierten klimatischen Veränderungen sind im Alltagsleben nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht – immer wieder werden Stürme, Dürren oder Überschwemmungen in einen Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. In Teilen der Küstenregion Ostenglands ist die Erosionsrate in den letzten Jahren stark angestiegen. Der kleine Küstenort Happisburgh ist besonders betroffen. Durch den Abbruch der Küste kommt es in dem Dorf zum Verlust von Wohnhäusern und somit zu einem gesteigerten Medien– und Forschungsinteresse. Die globale Erwärmung gilt auch hier als verschärfender Faktor für die Erosion und so finden sich Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht in den Berichten. Dies sind jedoch klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern und werden oft mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen assoziiert. Ist es angemessen und legitim, die in Folge der Küstenerosion in Happisburgh in einen ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawissenschaft und Umweltmigration und wie reagiert sie darauf? Der Titel dieser Ethnographie lautet Klimaalltag, denn es sind die lokalen Wahrnehmungen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Die Studie arbeitet die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag heraus. Insbesondere behandelt sie die Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext sowie die Verwissenschaftlichung des Alltags im Küstenort oder besser: des Klimaalltags.