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5. Methoden in:

Franziska Luisa Ochs

Klimaalltag, page 115 - 136

Wie sich Klimawandel und Umweltmigration in einem Küstenort in England begegnen

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3877-2, ISBN online: 978-3-8288-6622-5, https://doi.org/10.5771/9783828866225-115

Tectum, Baden-Baden
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115 5. Methoden In diesem Kapitel werden die Methoden beschrieben, die ich für die vorliegende Untersuchung ausgewählt habe, sowie deren methodologische Grundlagen391. Zunächst führen methodologische Vorüberlegungen in die Grundsätze der Herangehensweise ein. Dann werden die drei wichtigsten Methoden zur Datengewinnung beschrieben: teilnehmende Beobachtung, Interviews sowie Wahrnehmungsspaziergänge. Eine Beschreibung der besonderen Herausforderungen im Feld und der Probleme, die sich im Feld ergaben, wird als Nächstes präsentiert, gefolgt von der Darstellung ethischer Prinzipien der Datenerhebung. Hierauf folgen Anmerkungen zu Transkription und Kodierung. Den Abschluss des Kapitels bildet eine tabellarische Übersicht aller Gesprächspartnerinnen, die von einer detaillierten Erklärung begleitet wird. 5.1 Methodologische Vorüberlegungen Die vorliegende Arbeit baut auf den Grundsätzen einer verstehenden Kulturanthropologie auf. Diese fußt auf der Tradition des Neukantianismus und begreift das Verstehen als das Instrument der Kulturwissenschaften392. Verschiedene wissenschaftliche Richtungen fließen in der 391 Das Standardwerk von Uwe Flick, „Qualitative Sozialforschung“, ist Ausgangspunkt der vorliegenden Methodenbeschreibung (Flick 2002). 392 Girtler 2006 [1979], 194. Rickert, Windelband und Dilthey gelten unter anderem deshalb als „Neukantianer“, da sie die von Kant geforderte Unterscheidung von mathematisch belegbaren Ergebnissen und dem moralischen Bereich, in dem allein der Mensch selbst Gesetzgeber ist, aufgriffen. Die allgemeine Differenzierung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften stammt aus den Überlegungen dieser Zeit. 116 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag verstehenden Kulturanthropologie zusammen, wobei vor allem die Ergänzung eines hermeneutischen Zugangs durch die Phänomenologie hervorzuheben ist. Durch diese Zusammenführung werden kollektive Sinnzusammenhänge in ihren Wechselwirkungen zu subjektiv gemeinten Bedeutungsmustern einzelner Akteurinnen für die Forschung greifbar393. Diese „kennzeichnende Verschränkung von Hermeneutik und Phänomenologie ermöglicht das Erfassen einer nur durch Verstehen zugänglichen Wirklichkeit“394; eine Überzeugung, die in ihren Grundzügen bis heute Gültigkeit in der Kulturanthropologie beansprucht und sich bestens zur Untersuchung aktueller Phänomene eignet395. Für die Beantwortung meiner Forschungsfrage, die auf Prozesse der Lokalisierung des globalen Klimadiskurses in einem von Küstenerosion betroffenen Dorf abzielt, halte ich diesen methodologischen Ansatz – einschließlich der damit verknüpften Methoden – für geeignet. Zunächst möchte ich mich der verstehenden Anthropologie allerdings in ihrer wissenschaftlichen Genese nähern. So ist auf der Seite einer geisteswissenschaftlichen Tradition der Textinterpretation vor allem die Hermeneutik Wilhelm Diltheys zu nennen, die einen starken Einfluss auf die europäische Kulturanthropologie hatte396. Im Gegensatz zum klassischen Verständnis von Hermeneutik, die sich auf die Deutung von Texten bezieht, wurde die sinnverstehende Deutung in der europäischen Kulturanthropologie auf soziale Praktiken ausgeweitet397. Dilthey rückt den Prozess des Verstehens in den Vordergrund. Er argumentiert, dass ein Sich-Hineinversetzen in die Innenwelt einer anderen Person über das Verstehen möglich sei, da eine individuelle Innenwelt immer sozial geprägt sein müsse und nicht restlos subjektiv sein könne. Beim Verstehen fände das Erlebnis seinen Ausdruck. Durch Schnittstellen der sozialen Prägung könnten durch diese Ausdrücke Rückschlüsse 393 Welz 1991, 57. 394 Welz 1991, 57. 395 Faßler 2008. 396 Welz 1991, 73–74. 397 Welz weist darauf hin, dass diese Ausweitung das erste Mal im 1938 erschienen Werk Mühlmanns, „Methodik der Völkerkunde“, vorgenommen wurde und somit die deutsche Kulturanthropologie der amerikanischen „Anthropology of Experience“ der 1980er Jahre weit voraus war (Welz 1991, 74, 108). 117 methOden „auf die Qualität des Erlebten“ gezogen werden398. Dass die handelnden Personen einen Sinn hinter ihren Aktionen sehen und dass dieser Sinn ihr Handeln bestimmt oder zumindest mitbestimmt, ist folglich Axiom. Bei der Erklärung sozialer Phänomene sei es eben dieser Sinn, den es Girtler zufolge miteinzubeziehen gelte399. Dieser hermeneutische Zugang befähigt die Forscherin, die Bedeutung sozialer Handlungen zu entschlüsseln. Der phänomenologische Ansatz ist es aber, der eine Rekonstruktion kultureller Sinnzusammenhänge ermöglicht, die soziale Praxis bewusst oder unbewusst beeinflussen400. Der Philosoph Edmund Husserl gilt als Begründer des Konzepts der Phänomenologie401. Am Begriff der „Lebenswelt“ versuchte er aufzuzeigen, dass diese für den Akteur eine Art „vorgegebene Erfahrungswelt“ darstelle, in die das Subjekt „aktiv hineinhandele“402. Unter Lebenswelt verstand Husserl also das gemeinschaftliche Ganze, in das der Mensch geschichtlich hineinlebe403: Laut Girtler zeigten sich hier die Beziehungen zu Diltheys Formulierung des „Erlebniszusammenhangs“404. Objektive, also überindividuelle Sinnzusammenhänge waren für Husserl untrennbar verbunden mit den subjektiven Bedeutungen des Akteurs, und Welz macht mit Stagl auf die Parallelen zur „verstehenden Soziologie“ Max Webers aufmerksam und das, was dieser mit „subjektiv gemeintem Sinn“ bezeichnete405. Nach Husserl eignet sich das handelnde Subjekt die objektive Welt demnach subjektiv an, wobei er als klassischer Phänomenologe vom einzelnen Akteur ausging, der allein einer Weltenform gegenübersteht und in diese aktiv hineinagiert406. Die sogenannte „natürliche Einstellung“ sei 398 Welz 1991, 74. 399 Girtler 1984, 17–18. 400 Welz 1991, 74. 401 Greverus 1987, 97. 402 Greverus 1987, 98. 403 Girtler 2006 [1979], 201. 404 Girtler 2006 [1979], 201. 405 Welz 1991, 109. 406 Greverus 1987, 98. 118 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag dafür konstitutiv407. Alfred Schütz und sein Schüler Thomas Luckmann definieren diese Einstellung als jene, mit der „gesunde Erwachsene mit nicht-hinterfragten, problemlosen Sachverhalten umgehen“408. Zudem wurde das Konzept Husserls von den beiden – und später auch von Peter Berger – weiterentwickelt, indem sie es in einen gesamtgesellschaftlichen und damit historischen Kontext stellten: „‘Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit‘ der in einer Alltagswelt handelnden Subjekte [wird] geradezu zum Angelpunkt eben dieser eingeschränkten Umweltauseinandersetzung des Menschen“409. Für meine Forschung zu Lokalisierungsprozessen des Klimawandeldiskurses ist die hier vorgestellte methodologische Herangehensweise fundamental. In Kapitel 2 stelle ich den Klimawandel als soziale Konstruktion und Diskurs dar. Ziel meiner Feldforschung war es, mittels ethnographischer Methoden die lokal beobachtbaren, subjektiven Deutungen des gesellschaftlich konstruierten Diskurses zu Klimawandel zu verstehen: das Globale in der lokalen Alltagswelt aufzuspüren und nachzuvollziehen. Der Titel dieser Arbeit, „Klimaalltag“, unterstreicht meinen Forschungsfokus, denn „[n]ur in der alltäglichen Lebenswelt kann sich eine gemeinsame kommunikative Umwelt konstituieren“410. Diese Lebens- und Alltagswelt zu verstehen und der Forderung Diltheys, „Leben durch Leben“ zu erfassen, nachzukommen, sei die Kunst der Feldforschung411. Doch wie wurde ich als Kulturanthropologin überhaupt auf meinen Untersuchungsgegenstand aufmerksam? Wie gelang mir der Zugang zum Feld respektive zur Alltagswelt der Bewohnerinnen von Happisburgh? 407 Krämer 2005, 20. 408 Krämer 2005, 20. 409 Greverus 1987, 98 (Hervorhebung im Original). 410 Schütz – Luckmann 1975, 23. 411 Girtler 2006 [1979], 199, 202. 119 methOden 5.2 Feldzugang In der Einstiegsszene, die ich im Prolog ausführlich beschreibe, wurde mein erster Berührungspunkt mit dem Ort Happisburgh bereits angesprochen. Es war im Februar 2009, als ich in einer Fernsehsendung412 eine Dokumentation über den Ort sah, in dem die Bewohnerinnen als „erste Klimaflüchtlinge Europas“ tituliert wurden. Ich war sogleich angetan von der Idee, den Wirklichkeitskonstruktionen der Bewohnerinnen dieses Ortes wissenschaftlich weiter auf den Grund zu gehen. Zum einen beeindruckte mich der scheinbare Medienhunger nach sichtbaren Beweisen für Auswirkungen des Klimawandels in der Nordsee und das, obwohl der Meeresspiegelanstieg dort als vergleichsweise gering gilt413. Zum andern fühlte ich mich als Kulturanthropologin angespornt, mehr über die lokalen Bedeutungskonstruktionen der Bewohnerinnen dieses Ortes in Erfahrung zu bringen und somit einen sozialwissenschaftlichen Beitrag zur naturwissenschaftlich dominierten Klimawandelforschung zu leisten. Mein erster Feldzugang bestand daraufhin in einer Onlinerecherche. Ich suchte Informationen rund um den Ort und schnell stellte ich fest, dass dieser zumindest in England aufgrund der starken Erosion – oder der starken Emotionen, die diese Erosion in den Menschen auslöste – zu einiger Berühmtheit gekommen war. Zahlreiche Zeitungsartikel, Fernsehsendungen und auch wissenschaftliche Beiträge mit Messungen aus dem Ort zeugten davon. Meine nächste Annäherung an das Feld bestand in einer Kontaktaufnahme mit Harry, dem Vorstand der CCAG, der in der Einstiegsszene aus meinem Feldtagebuch Erwähnung findet. Ich beschrieb ihm die Fernsehsendung und mein Interesse als Kulturanthropologin an seinem Heimatort. Harrys Antwort kam derart prompt und detailliert, dass ich mich mit dem guten Gefühl, eventuell 412 Aus Gründen der Anonymisierung wird auf die Nennung der Fernsehsendung verzichtet. 413 Dieser liegt bei durchschnittlich 1,5 Millimeter pro Jahr (Wahl u. a. 2013). Im Pazifischen Ozean steigt der Meeresspiegel aufgrund der Zentrifugalkraft, die bei der Erdumdrehung entsteht, vergleichsweise stärker. 120 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag bereits einen Gatekeeper414 gefunden zu haben, an die Vorbereitung eines Feldaufenthalts begab. Den Grundsätzen einer verstehenden Anthropologie folgend, entschloss ich mich daher dazu, möglichst früh ins Feld aufzubrechen. Dieser Feldaufenthalt in Happisburgh war in zwei Phasen geteilt. Die erste erfolgte von Februar 2013 bis April 2013 und die zweite von Juli 2013 bis September 2013. Diese Aufteilung in zwei Phasen hatte den Vorteil, den betroffenen Küstenabschnitt während zwei verschiedener Jahreszeiten mit jeweils anderen klimatischen Bedingungen erforschen zu können. Zudem war geplant, nach der Analyse der Daten der ersten Feldphase die Forschungsfrage weiter zu schärfen, um den Fokus während der zweiten Feldphase entsprechend ausrichten zu können. Zudem kontaktierte ich Professor Mike Hulme von der University of East Anglia (folgend UEA). Ich erhielt die Möglichkeit, für einen Monat als host-PhD-student an die UEA zu gehen. Sowohl Hulmes Arbeiten zur sozialen Konstruktion des Klimawandels als auch seine Erfahrung mit Untersuchungen an der Küste Norfolks übten Einfluss auf die vorliegende Arbeit aus. Beispielsweise stellte er den Kontakt zu Mark Tebboth her, der 2013 seinen Artikel über Happisburgh veröffentlichte415. Somit bewerte ich auch die Studienzeit an der UEA und die in diesem Zeitraum geknüpften Kontakte als eine weitere Form des Feldzugangs. In Happisburgh selbst bewohnte ich eine kleine Herberge mit der Möglichkeit zur Selbstverpflegung. Tagsüber hielt ich mich aber meist im Ort selbst auf und besuchte alle mir zugänglichen Aktivitäten im Dorf, um möglichst viele teilnehmende Beobachtungen durchführen zu können. 414 Als Gatekeeper werden in der Feldforschung Schlüsselpersonen bezeichnet, die eine zentrale Rolle einnehmen und weitere Kontaktaufnahmen ermöglichen oder zumindest erleichtern (Lueger 2000, 60–61). 415 Tebboth 2013. 121 methOden 5.3 Teilnehmende Beobachtung Die teilnehmende Beobachtung gilt als „Königsweg kulturanthropologischer Forschung“416 und war eine elementare Methode zur Datengewinnung in Happisburgh. In seinem Standardwerk zur Einführung in die Kulturanthropologie bezeichnet Girtler, mit Verweis auf Herbert Blumer, diese Methode als wesentlich zur Datenerhebung während der Feldforschung, da erst durch diese „die noch fremde ‚Lebenswelt‘ ‚verstanden‘ werden könne“417. In Happisburgh angekommen, beschloss ich zunächst, mich ganz auf die mir fremde Lebenswelt einzulassen und mit größtmöglicher Offenheit am Alltagsleben in Happisburgh teilzunehmen. So besuchte ich zwar einerseits gezielt Gruppentreffen der CCAG, nahm aber auch jeden Sonntag am Gottesdienst des Dorfes teil und half ehrenamtlich bei Gemeindeveranstaltungen – beispielsweise bei einer Spendenak tion zur Erhaltung des Kirchturms. Außerdem wurde ich Ehrenmitglied der Yogaklasse 50+, besuchte die Happisburgh-Heritage-Group sowie die Bellringing-Group und durfte in einen laufenden Aquarell-Malkurs einsteigen. Dazu kamen Einladungen bei einer Gruppe älterer Damen, die das Wolle-Spinnen wieder für sich entdeckt hatten, sowie Gemeinschaftsausflüge durch die Wiesen und Weizenfelder rund um Happisburgh mit der Pottwashing Group418. Auch Aufenthalte im einzigen Café sowie dem einzigen Pub des Ortes will ich erwähnen, da auch diese maßgeblich zum Eintauchen in die Alltagswelt der Dorfbewohnerinnen beitrugen. Auf die Erfahrungen und Ergebnisse dieser Begegnungen mit den verschiedenen Gruppen werde ich im Empiriekapitel dieser Arbeit eingehen – Auszüge aus meinem Feldtagebuch veranschaulichen diese Erlebnisse. 416 Greverus 1994, 91. 417 Girtler 2006 [1979], 202–203 (Hervorhebung im Original). 418 Die Pottwashing Group hatte es sich zur Aufgabe gemacht, interessant aussehende Steinmaterialien (pottery) in den Feldern rund um Happisburgh zu sammeln, zu säubern und dann einem Archäologen zur Begutachtung zu schicken. Kapitel 6.3.3 erklärt den Kontext dieser Arbeit und analysiert die Gründe dieser sozialen Praxis. 122 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Diese Art der Feldbegegnung erwies sich als sehr fruchtbar. Innerhalb weniger Wochen gelang mir der Kontakt zu einer Vielzahl der Bewohnerinnen des 900-Seelen-Dorfes und ich gewann einen Überblick über die zentralen Gesprächsthemen und Persönlichkeiten. Auch von Tratsch, Gerüchten sowie persönlichen Beziehungsverhältnissen – guten wie schlechten – erhielt ich ein Bild. Die teilnehmenden Beobachtungen an den verschiedenen Schauplätzen und in unterschiedlichster Gesellschaft lassen sich rückblickend in drei Phasen unterteilen419. So deckt sich der erste Teil meiner Forschung mit dem von James Spradley beschriebenen Beginn einer ethnographischen Felderhebung, der „descriptive observation“420. Diese sei notwendig, um einen Überblick über das Feld und über „what goes on there“421 zu bekommen. Ich bezeichne diese Phase als Zeit des Zuhörens und Beobachtens. Zwar hatte ich durch meine Vorrecherchen und Kontaktaufnahmen im Internet sowie insbesondere durch meine Einarbeitung in die Dokumente zu küstenpolitischen Änderungsmaßnahmen gewisse Vorkenntnisse gewonnen, allerdings versuchte ich in den ersten Wochen bewusst, jegliche Erwartungshaltung zurückzunehmen und erst einmal das Feld für sich sprechen zu lassen. Daher möchte ich trotz meiner intensiven Vorbereitungsphase meine Herangehensweise nicht als „fokussierte Ethnographie“422 bezeichnen. Viel zu wichtig waren mir zu Beginn der Forschung die große Offenheit und die Partizipation an allen mir zugänglichen Dorfaktivitäten, die mir Einblicke in die Alltagswelt der Dorfbewohnerinnen ermöglichten. Dieses Prinzip sollte aber auch nicht mit der Grounded Theorie423 verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. 419 Verzichten möchte ich an dieser Stelle auf eine ausgedehnte Ausdifferenzierung verschiedener „Beobachtungsdimensionen“, wie sie bspw. Flick aufführt (Flick 2002, 199–203). Grundsätzlich hielt ich mich stets an die Paradigmen einer teilnehmenden Beobachtung, auch wenn ich mich möglicherweise an manchen Tagen weniger aktiv verhielt als an anderen. 420 Spradley 1980, 33. 421 Spradley 1980, 33. 422 Knoblauch 2001; Knoblauch beschreibt mit dieser Methode eine „soziologische Form der ethnographischen Praxis“ (Knoblauch 2001, 136), die sich vor allem durch intensive Vorrecherchen, kurze Feldaufenthalte und eine sehr eingeschränkte teilnehmende Beobachtung auszeichnet. 423 Glaser – Strauss 1967; Glaser und Strauss‘ Überlegungen lassen sich bei Weitem nicht nur auf das Offenheits-Prinzip während der Feldforschung 123 methOden Offenheit im Forschungsprozess, Selbstreflexion, ein Sich-Einlassen auf das Feld sind seit jeher Grundsätze in der Kulturanthropologie und der Ethnologie424 – man denke allein an die Arbeitsweise des Vaters der Feldforschung, Bronisław Malinowski, und seine teilnehmende Beobachtung auf den Trobriand-Inseln zu Zeiten des ersten Weltkrieges425. So stellte ich mich zwar als Doktorandin vor und teilte meinen Plan mit, über den Ort eine Ethnographie schreiben zu wollen, vermied aber bewusst die Termini „Climate Change“ oder „Environmental Migration“. Mir war es wichtig, herauszufinden, ob und in welchen Kontexten diese Begriffe fielen. In dieser ersten Phase der Beobachtung wuchsen auch zwischenmenschliches Vertrauen mit den Bewohnerinnen und Vertrautheit mit der sich ändernden Küste und den vielen damit in Verbindung stehenden Faktoren und Folgen. Mit Roland Hitzler und Anne Honer machte schon Welz auf diese beiden Bestandteile der teilnehmenden Beobachtung aufmerksam426. Ich bekam den Eindruck, dass mein offenes Interesse an den ganz persönlichen Einschätzungen, Bewertungen und Geschichten sehr willkommen war. Scheinbar hatten frühere quantitative Forschungsmethoden von Kolleginnen das Misstrauen der Dorfbewohnerinnen in solche Forschungsprojekte geweckt. Teils empört und spöttisch erzählte man mir von als „wirr“427 empfundenen Fragebögen von Umweltwissenschaftlerinnen der UEA. Führte ich in der ersten Phase der Feldforschung ethnographische und narrative Interviews durch (vgl. Kapitel 5.4), so war die zweite Phase geprägt von der Schärfung meiner Forschungsfrage, nun stärker fokussiert auf die Lokalisierungsprozesse des Klimawandeldiskurses. Hier begann ich mit der Entwicklung eines halboffenen Leitfadens und suchte zudem gezielt nach Objektivationen der Lokalität des globalen Phänomens. Spradley nennt diese Phase der teilnehmenden Beobachtung herunterbrechen, hier konzentriere ich mich aber in der Darstellung vor allem auf dieses Prinzip. 424 Langenohl 2009. 425 Malinowski 1973 [1922]. 426 Welz 1991, 74–75. 427 Tatsächlich wurde von meinen Gesprächspartnerinnen diesbezüglich das englische Adjektiv „random“ benutzt. 124 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag „focused obervation“428. Während meiner Zeit in Deutschland transkribierte ich die Interviews aus der ersten Phase und begann mit der Auswertung und Sortierung meines Materials. In meiner zweiten Feldphase im Sommer 2013 führte ich dann die dritte Form der Beobachtung durch, die von Spradley als „selective observation“429 bezeichnet wird. Hier überprüfte ich meine Ideen und Interpretationen und bemühte mich um eine stärkere Fokussierung meiner Aufmerksamkeit und um zielgerichtete Beobachtungen. 5.4 Interviews Wie im vorangegangen Kapitel erwähnt, war die Zeit der Feldforschung ausgefüllt mit Gesprächen und Interviews. Diese Erhebung verbaler Daten kann in vier Kategorien gegliedert werden. Erstens fanden ethnographische Interviews statt. Diese lassen sich am ehesten als freundliche und informelle Gespräche mit Interviewelementen beschreiben, die nicht aufgezeichnet oder mitgeschrieben wurden. Häufig fanden diese während einer teilnehmenden Beobachtung statt und gingen formalen Interviews voraus. Spradley bestätigt: „It is best to think of ethnographic interviews as a series of friendly conversations into which the researcher slowly introduces new elements to assist informants to respond as informants. […] A few minutes of easygoing talk interspersed here and there throughout the interview will pay enormous dividends in rapport“430. Diese Methode war vor allem in der ersten Phase meiner Feldforschung für die Kontaktaufnahmen und die Einschätzung des Forschungsgegenstandes sinnvoll. Eine Anzahl dieser Art der Konversationen kann allerdings – im Gegensatz zu den anderen Interviewformen – nicht genannt werden. Auszüge finden sich teilweise in Zitaten aus meinem Feld tagebuch. 428 Spradley 1980, 33. 429 Spradley 1980, 33. 430 Spradley 1979, 58. 125 methOden Die zweite Interviewform bezeichne ich als narrative Interviews. Ein Großteil dieser Befragungen fand unter vier Augen statt, beispielsweise interviewte ich aber Ehepaare gemeinsam. Auch diese Gespräche fanden überwiegend in der ersten Phase der Feldforschung statt und dienten der Orientierung und dem offenen Zugang zum Feld. Im Allgemeinen werden Interviewpartnerinnen bei dieser Form der Befragung gebeten, mittels einer „Stegreiferzählung“ eine „zusammenhängende Geschichte“ zu einem bestimmten „Gegenstandsbereich“ zu erzählen, die alle wichtigen Ereignisse beinhaltet431. Häufig wird diese Art des Interviews für die Biographieforschung verwendet432. So bettete auch ich meine Aufforderung zum Erzählen in eine Frage nach der persönlichen Biographie ein. Ich bat beispielsweise meine Interviewpartnerinnen mir zu erzählen, seit wann sie in Happisburgh lebten und wann und wie sie das erste Mal mit der Küstenerosion in Berührung kamen. Im Laufe der Erzählung ermunterte ich sie, mir mehr über ihre persönliche Meinung zu den Ereignissen zu verraten. Auf diese Weise erfuhr ich en passant etwas über die individuelle Bedeutungsrahmung der Küstenerosion und die persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen. Ohne die Frage direkt formulieren zu müssen, konnte ich prüfen, ob und wie die Erosion in Verbindung mit dem Klimadiskurs gebracht wurde. Insgesamt wurden sieben Interviews dieser Art durchgeführt. Leitfaden-Interviews waren die dritte Art der Befragung, die ich in Happisburgh durchführte. Gemeinhin werden hier „mehr oder minder offen formulierte Fragen in Form eines Leitfadens in die Interviewsituation ‚mitgebracht‘ […], auf die der Interviewte frei antworteten soll“433. Wie oben beschrieben, erarbeitete ich den Leitfaden mit offen formulierten Fragen im Laufe meiner ersten Wochen im Feld. Insgesamt wurden 31 solcher Interviews durchgeführt. Der Vorteil dieser Methode liegt in der großen Offenheit und Flexibilität, denn die Forscherin kann selbst über die Reihenfolge der Fragen oder ein detaillierteres Nachfragen entscheiden434. Der Leitfaden galt mir eher als Gedächtnisstütze 431 Hermanns 1995, 183. 432 Flick 2002, 147. 433 Flick 2002, 143 (Hervorhebung im Original). 434 Flick 2002, 143. 126 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag und ich nahm mir die Freiheit, offen und individuell auf die jeweilige Gesprächssituation zu reagieren. Neben diesen drei Gesprächsformen führte ich noch zwei Interviews durch, die ich als Expertinnen-Interviews bezeichnen möchte. Bei dieser Form der Interviews geht es nicht um die persönliche Lebensgeschichte des Befragten, sondern vielmehr um spezielles Expertinnenwissen435. Ein Gespräch führte ich mit einem Mitarbeiter des NNDC, den ich explizit zu den Änderungsmaßnahmen der Küstenverwaltung in Norfolk befragte. Das andere Interview fand mit einer Journalistin der Eastern Daily Press (EDP) statt, die schon häufig über Happisburgh berichtet hatte, und der ich explizit Fragen nach dem Nachrichtengehalt der Erosion in Happisburgh stellte. Meuser und Nagel betonen die Relevanz von Fragebögen in den Expertinneninterviews und weisen darauf hin, dass die intensive Vorbereitung auf ein solches Interview durch die Erstellung des Fragenkatalogs in diesem Fall paradoxerweise zur Offenheit beiträgt: „Auch wenn dies paradox klingen mag, es ist gerade der Leitfaden, der die Offenheit des Interviewverlaufs gewährleistet. Durch die Arbeit am Leitfaden macht sich die Forscherin mit den anzusprechenden Themen vertraut, und dies bildet die Voraussetzung für eine ‚lockere‘, unbürokratische Führung des Interviews“436. So bereitete ich mich durch intensive Onlinerecherchen auf die Gespräche vor und formulierte einen konkreten Fragenkatalog aus. Wie die Tabelle in Kapitel 5.9 zeigt, konnte ich also während der Feldforschung insgesamt vierzig Interviews durchführen, die ich alle vollständig transkribierte. 5.5 Wahrnehmungsspaziergang Die Interviews wurden in sechs Fällen ergänzt durch Wahrnehmungsspaziergänge. Diese Methode geht auf den amerikanischen Stadtplaner Kevin Lynch zurück und ist eine Art gemeinsame Ortsbegehung437. Sie 435 Meuser – Nagel 1991, 442–443. 436 Meuser – Nagel 1991, 449. 437 Lynch 1975 [1960]. 127 methOden gehört in den Bereich der Wahrnehmungs- beziehungsweise Perzeptions geographie und Lynch nutzte sie ursprünglich zur Analyse der Elemente eines Stadtraums wie Wege, Grenzlinien oder Merkzeichen438. In der Kulturanthropologie wurde die Methode der Wahrnehmungsspaziergänge in den 1980er Jahren erweitert439. Fokus wurde hier auf die „subjektive Wahrnehmung“ im Raum gelegt und die Spaziergänger wurden nach der individuellen Relevanz „sichtbarer Elemente des städtischen Raums für ihr Alltagsleben“ gefragt440. In Happisburgh modifizierte ich diese Methode zwangsläufig ein wenig, indem ich auch nach der Bedeutung der nicht sichtbaren beziehungsweise nicht mehr sichtbaren Ortselemente fragte, nämlich nach den verlorengegangen Küstenabschnitten und Wohnhäusern. Mit den Gesprächspartnerinnen, die zu einem Wahrnehmungsspaziergang bereit waren, drehte ich meist eine Runde im kleinen Dorfkern, bevor wir dann an den Strand oder zu einem der Küstenwanderpfade gingen. Mit einem Gesprächspartner bestieg ich zudem den Leuchtturm von Happisburgh. Ein anderer, Thomas, hatte den Schlüssel zum Kirchturm mitgebracht und berichtete mir von dort aus über seine Erinnerungen und Einschätzungen. Der Nachteil der Methode lag in der umständlichen Dokumentation, da sich sowohl Audioaufzeichnungen sowie ein Mitschreiben während des Gehens als mühsam herausstellten. Der Vorteil bestand aber darin, dass die Eindrücke während der Spaziergänge als Impulse für Erinnerungen und Erzählungen fungierten. Obwohl der Ort sehr klein ist, besuchten die wenigsten Bewohnerinnen regelmä- ßig den Strand – gerade in den Wintermonaten. Die sehr starke Ero sion durch die heftigen Ostwinde im Winter 2012/13 wurde einigen Personen erst im Zuge des gemeinsamen Spaziergangs mit mir bewusst. Ich konnte die Empfindungen angesichts der verschwundenen Küstenpfade oder Wohnwagenplätze sozusagen unmittelbar beobachten. 438 Lynch 1975 [1960], 60 ff.. 439 Puhan-Schulz 2005, 133. 440 Puhan-Schulz 2005, 133. 128 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag 5.6 Herausforderungen während der Feldforschung Die Bewohnerinnen von Happisburgh nahmen mich herzlich auf und gestatteten mir bereitwillig Einblicke in ihr Alltagsleben. Weder wurden mir Zugänge zu interessanten Veranstaltungen verwehrt, noch fiel es mir schwer, Interviewpartnerinnen zu finden. Per Schneeballsystem gelang mir der Kontakt zu immer neuen Akteurinnen. Als herausfordernd im Forschungsprozess möchte ich an dieser Stelle dennoch vier persönliche Eindrücke beschreiben. Erstens empfand ich die bereits erwähnte Konkurrenz im Feld zu anderen Wissenschaftlerinnen als irritierend. So wurde mir beispielsweise von Bewohnerinnen erklärt, sie hätten in Fragebögen einer mir bekannten Forscherin der UEA falsche Angaben gemacht, um den von ihr versprochenen Gutschein von Tesco441 erhalten zu können. Zwar ist ein solches Risiko im Zuge einer quantitativen Befragung allgemein bekannt, die direkte Konfrontation und Mitwissenschaft waren mir allerdings unangenehm. Zum Zweiten versuchte eine Interviewpartnerin wiederholt, über mich Informationen über andere Dorfbewohnerinnen zu erhalten. Weiter oben erwähnte ich, auch bestens über die neuesten Gerüchte aus Happisburgh informiert worden zu sein. Die Neugier auf die Antworten anderer Dorfbewohnerinnen überraschte mich allerdings. Es kam für mich selbstverständlich jedoch nicht in Frage, gegen ethische Prinzipien einer Feldforschung zu verstoßen. Ich bekam den Eindruck, dass sich hinter den Fragen die Sorge um einen schlechten Ruf verbarg und mir als Außenstehende genügend Neutralität zugesprochen wurde442. Drittens überraschten mich die teils heftigen emotionalen Ausbrüche während der Interviews. Zwei Interviewpartnerinnen fingen beispielsweise während unseres Gesprächs an zu weinen, während andere sich lautstark über die Politik oder andere Dorfbewohnerinnen 441 Tesco ist die größte Handelskette in Großbritannien. 442 Gerade bei Hausbesitzerinnen in Wassernähe beobachtete ich eine Tendenz der Rechtfertigung, da diese nicht als naiv oder gutgläubig eingestuft werden wollten. 129 methOden echauffierten. Eine Situation, auf die mich weder Methodenseminare noch meine bisher durchgeführten Feldforschungen vorbereitet hatten. In Kapitel 6.2 mache ich diese Besonderheit der Fallstudie für die Untersuchung nutzbar und bette Emotionen als sinnkonstitutives Element bei der Bedeutungskonstruktion von Alltagsrealität ein443. Die vierte Bemerkung bezüglich der Herausforderungen im Feld bezieht sich auf mein persönliches Gefühl der Sicherheit. So raten beispielsweise Mohr und Vetter bei der Erstellung des Feldtagebuchs zur Beantwortung von Fragen wie: „Wie sehe und situiere ich meinen eigenen Körper im Feld? […] Inwiefern sorgt meine eigene Körperlichkeit für einen leichteren oder schwierigeren Feldzugang?“444. Sie ermuntern damit Forscherinnen zu dem sicher fruchtbaren Ansatz, in der Feldforschung die Vergegenwärtigung der eigenen Rolle und die körperliche Erfahrung als bewusste Erkenntnisquelle zugänglich zu machen445. In meiner Situation im Feld beunruhigte mich die Vergegenwärtigung „meiner Körperlichkeit“ indes teilweise. Einige Wochen vor der ersten Feldphase war eine Frau in einem Nachbarort von Happisburgh überfallen worden und ein körperlicher Übergriff konnte nur durch das beherzte Eingreifen eines Passanten verhindert werden. Zwar wurde der Täter gefasst, dennoch war mir bei meinen Besuchen in unbekannten Häusern und Wohnungen fremder Menschen teilweise nicht wohl. Der fast immerwährende Nieselregen in Verbindung mit den für die Gegend typischen Küstennebeln wirkte da wenig beruhigend. Als 28jährige, alleinreisende Studentin ohne Auto und meist auch ohne Handyempfang empfand ich es also teilweise als herausfordernd, Gesprächstermine in Privathäusern wahrzunehmen und bevorzugte Treffen im Café. Da meine Herberge etwa zwanzig Gehminuten vom Café entfernt lag und der Weg über ein unbeleuchtetes, brachliegendes Feld führte, sagte ich außerdem zwei Gesprächstermine nach Anbruch der Dunkelheit ab. 443 Scheve 2009; Denzin 1984. 444 Mohr – Vetter 2014, 108. 445 Mohr – Vetter 2014, 102. 130 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag 5.7 Forschungsethik Das Datenmaterial wurde unter Berücksichtigung der ethischen Prinzipien der Transparenz meiner Forschungsintentionen und der größtmöglichen Anonymität der Beforschten gesammelt. Vor den Interviews wies ich meine Gesprächspartnerinnen stets auf meine Absicht hin, einige ihrer Aussagen im Zuge meiner Dissertation und in mit dieser im Zusammenhang stehenden Publikationen veröffentlichen zu wollen. Wurde eine entsprechende Erlaubnis nicht erteilt, flossen die Gespräche nicht in diese Arbeit ein. Ich führte zudem keine verdeckten Beobachtungen durch. Sowohl für die Audioerfassung der Gespräche mittels eines digitalen Aufnahmegeräts als auch für das Fotografieren holte ich mir stets Genehmigungen ein. Wenn ich mit Kindern sprach, bat ich überdies eines der Elternteile, bei dem Gespräch dabei zu sein. Mittels fiktiver Vornamen wurden alle Gesprächspartnerinnen anonymisiert. Ein Erkennen der Personen durch die Nennung des ungefähren Wohnortes sowie des Berufs und des Alters kann dagegen nicht mit vollkommener Sicherheit ausgeschlossen werden. Insbesondere die Bewohnerinnen der Beach Road und die Betreiberinnen von Pub, Café sowie Hostel wies ich auf diesen Umstand hin und erhielt die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieser Informationen. 5.8 Transkription und Kodierung Im Allgemeinen stellen Texte in der qualitativen Forschung die Basis der Analysen und Interpretationen dar und sind zudem das entscheidende Medium zur Präsentation und Vermittlung der Ergebnisse446. So wurde auch das Datenmaterial für diese Arbeit in Texte übersetzt. 446 Flick 2002, 53; Die Herausforderungen, die sich durch die Übersetzung einer sozialen Realität in eine – subjektiv selektierte – Verschriftlichung der Forscherin ergeben, werden unter der Überschrift „Krise der Repräsentation“ seit langem diskutiert (Flick 2002, 55). 131 methOden Zum einen führte ich Feldtagebuch, in dem ich jeden Abend die Ereignisse des Tages zusammenfasste. Zum anderen wurden alle Interviews mittels Transkription der Audioaufnahmen oder der Abschrift der Mitschriften digital erfasst. Ich ergänzte außerdem die tagsüber formulierten Memos, respektive die Notizen und Bemerkungen zu den Interviewsituationen und teilnehmenden Beobachtungen. Spätestens bei diesen Feldnotizen beginnt laut Flick „die Herstellung der Wirklichkeit im Text“447. Die selektive Wahrnehmung und Darstellung der Forscherin mache sich zum einen in ausgelassenen Aspekten bemerkbar, würde sich aber zum anderen auch in der Betonung von Vorgängen spiegeln, die zu „Ereignissen“ avancierten, die es zu interpretieren gelte448. Mir nutzten Dokumentationen dieser Art als Erinnerung an Gedanken und Interpretationszugänge. Flick zufolge dienen sie prinzipiell der Reflexion im Forschungsprozess449. Der nächste Schritt in der Arbeit mit dem Material stellte die Kodierung dar. Ich wählte ein offenes Verfahren und machte mich bei der Durchsicht der Texte absatzweise auf die Suche nach Sinneinheiten450. Die Beantwortung der Forschungsfrage war dabei oberstes Analysekriterium. Ziel war es, sinnvolle Überschneidungen im heterogenen und vielschichtigen Material zu finden, die es mir ermöglichten, viele Akteurinnen zu Wort kommen zu lassen, beziehungsweise möglichst vielen Wirklichkeitskonstruktionen Raum geben zu können. Das Ergebnis war eine grobe Unterteilung in die Blöcke Narrativ, Emotion und Aktion, wie sie sich in den folgenden Kapitelüberschriften widerspiegelt. Diesen groben Kategorien wurden Subcodes zugeordnet, die sich in den Unterkapiteln finden. Klar ist, dass eine solche Strukturierung der Verschriftlichung von beschriebenen und beobachteten sozialen Realitäten immer eine Beschneidung zum Zwecke der sozialwissenschaftlichen Analyse und Präsentation darstellt. Schütz bezeichnet die in den Sozialwissenschaften produzierten Texte daher auch als „Konstruktionen zweiten Grades“451. Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass Erzähltes, 447 Flick 2002, 248. 448 Flick 2002, 248–249. 449 Flick 2002, 250. 450 Flick 2002, 259–265. 451 Schütz 1972, 68. 132 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Empfundenes und Getanes stark miteinander in Verbindung stehen und nicht vollständig getrennt interpretiert werden können. Im Resümee dieser Arbeit werden die drei Stränge deshalb wieder explizit zusammengeführt. 5.9 Tabellarische Übersicht der Gesprächspartnerinnen Die unten stehende Tabelle, Grafik 1, bietet eine Übersicht zu den in Happisburgh durchgeführten Interviews. Die Zusammenstellung wurde angefertigt, um das Verständnis des folgenden Empiriekapitels zu erleichtern. In diesem werden die Ergebnisse aus der Feldforschung dargestellt, wobei nicht jeder Abschnitt explizit auf den Kontext der Befragten oder die Rahmenbedingungen des Interviews eingeht. Da die Ergebnisse aus der Feldphase das Herzstück dieser Arbeit darstellen, wird empfohlen, die folgende Übersicht sowohl einführend als auch begleitend zu begreifen. Die Darstellung der Interviews ist chronologisch angeordnet. Diese fanden in der ersten Forschungsphase, von Februar bis April 2013, und in der zweiten Forschungsphase, von Juli bis September 2013, statt. Im Durchschnitt hatten die Interviews eine Länge von 30 bis 180 Minuten. Die Gesprächspartnerinnen waren zwischen zehn und neunzig Jahre alt. Zur übersichtlicheren Darstellung wurde in der Tabelle mit Abkürzungen gearbeitet, die ich im Folgenden erläutere: Spalte 1: Fiktive Vornamen anonymisieren die Gesprächspartnerinnen. Spalte 2: Information zum Alter der Interviewpartnerinnen. Teils entsprechen diese Schätzungen. „W“ steht für das weibliche Geschlecht und „M“ für das männliche. Diese Informationen wurden stets geschätzt und nicht abgefragt. Spalte 3: In der Spalte „Interviewkontext“ befinden sich Informationen zu den Bedingungen, unter denen die Gespräche stattfanden. Die Gespräche folgten den Methoden: narrativ „nrr“, leitfadengestützt „lfs“ oder im Sinne von Schlüsselinformantinnen- und Expertinneninterviews 133 methOden „exp“. Außerdem erschließt sich aus dem Kürzel „Da“, dass das Gespräch digital erfasst und später transkribiert wurde und aus dem Kürzel „Ms“, dass kein Aufnahmegerät erwünscht war und somit eine Mitschrift angefertigt wurde. Einzel- und Doppelinterviews werden durch „Ei“ beziehungsweise „Di“ dargestellt. Zudem ist in Spalte 4 vermerkt, ob ein zusätzlicher Wahrnehmungsspaziergang „Spz“ stattfand. Spalte 4: Hier soll ein grober Eindruck entstehen, wie lange und in welchem Verhältnis eine Verbindung zum Ort besteht. Die hinterlegten Informationen sind nicht abgekürzt. Außerdem wurden besondere Umstände des Gesprächs oder Hinweise zu mitgebrachten Materialien vermerkt. Spalte 5: Das Datum des Gesprächs. In der gesamten Tabelle wird der Ort Happisburgh mit „Hb“ abgekürzt. 134 Franziska Luisa Ochs: kLimaaLLtag Tabellarische Übersicht 135 methOden Abbildung 14 Übersicht aller Interviewpartnerinnen.

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Zusammenfassung

Das globale Klima erwärmt sich. Diese Erkenntnis ist inzwischen keine Schlagzeile mehr wert. Doch die viel diskutierten klimatischen Veränderungen sind im Alltagsleben nicht unmittelbar wahrnehmbar. Laien sind auf die Aussagen von Wissenschaft, Politik und Medien angewiesen, wenn es beispielsweise um die Kontextualisierung lokaler Extremwetterereignisse geht – immer wieder werden Stürme, Dürren oder Überschwemmungen in einen Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung gebracht. In Teilen der Küstenregion Ostenglands ist die Erosionsrate in den letzten Jahren stark angestiegen. Der kleine Küstenort Happisburgh ist besonders betroffen. Durch den Abbruch der Küste kommt es in dem Dorf zum Verlust von Wohnhäusern und somit zu einem gesteigerten Medien– und Forschungsinteresse. Die globale Erwärmung gilt auch hier als verschärfender Faktor für die Erosion und so finden sich Bezüge zu Umweltmigration und Klimaflucht in den Berichten. Dies sind jedoch klassischerweise Themen aus den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern und werden oft mit Verelendung und Massenflucht ganzer Bevölkerungen assoziiert. Ist es angemessen und legitim, die in Folge der Küstenerosion in Happisburgh in einen ebensolchen Zusammenhang zu sehen? Wie bewertet die Dorfgemeinschaft die unmittelbare Konfrontation mit Klimawissenschaft und Umweltmigration und wie reagiert sie darauf? Der Titel dieser Ethnographie lautet Klimaalltag, denn es sind die lokalen Wahrnehmungen und alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem globalen – von Wissenschaft, Politik und Medien produzierten – Klimadiskurs, die hier im Fokus stehen. Die Studie arbeitet die lebensweltliche Verhandlung des Klimadiskurses im Alltag heraus. Insbesondere behandelt sie die Funktion der Augenzeugenschaft von Umweltmigration im Klimawandelkontext sowie die Verwissenschaftlichung des Alltags im Küstenort oder besser: des Klimaalltags.