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3 Biografie und künstlerischer Werdegang in:

Helga Becker

Anton Josef Reiss (1835-1900), page 21 - 44

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3861-1, ISBN online: 978-3-8288-6618-8, https://doi.org/10.5771/9783828866188-21

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 6

Tectum, Baden-Baden
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21 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Anton Josef Reiss53 (Abb. 1) wurde am 25.  Oktober 183554 als drittes Kind seiner Eltern Josef (geb. am 6. 8. 1798) und Sofia Henrietta Reiss geb. Fink (geb. am 31. 12. 1795) in Düsseldorf geboren. Die Familie lebte zu dieser Zeit wahrscheinlich in der Ritterstraße (Abb. 2) 37,55 bis sie zu einem unbekannten Zeitpunkt zur Ratinger Straße (Abb. 3) 84 umzog. Seine ältere Schwester Louise56 war bei seiner Geburt bereits zehn Jahre alt. Eine zweite Schwester, Christine,57 war erst zwei Jahre vor ihm geboren worden. Weitere Kinder haben seine Eltern nicht mehr bekommen. Den Lebensunterhalt bestritt Reiss’ Vater durch sein Einkommen als selbständiger Fruchtmakler.58 Über die schulische Ausbildung von Anton Josef Reiss ist nichts bekannt. Sein Lebensweg kann erst wieder von 1851 bis 1856 verfolgt werden. In dieser Zeit war er als ordentlicher Student an der Kunstakademie in Düsseldorf (Abb. 4) eingeschrieben. Er war also bei der Aufnahme des Studiums erst sechzehn Jahre alt. Der Unterricht an der Akademie, die Friedrich Wilhelm von Schadow (1788 – 1862 – Abb. 5) leitete, erfolgte in drei Stufen. Gemäß der Satzung der Kunstakademie besuchte Reiss die Elementarklasse, in der er von Josef Wintergerst (1783 – 1867 – Abb. 6)59 erste Unterwei- 53 Vor- und Nachname werden in Publikationen unterschiedlich wiedergegeben. Beim Vornamen findet man die Schreibweise „Joseph“ und „Josef “, in manchen Quellen wird er auch als „Johann“ oder „Johannes“ bezeichnet. Sein Nachname taucht in den Varianten „Reiß“, „Reiss“, „Rheihs“, „Reis“, „Reihs“ und „Reisz“ auf. Bereits im 19. Jahrhundert wurde in den Adressbüchern der Stadt Düsseldorf sein Familienname in drei verschiedenen Formen niedergelegt. Da Anton Josef Reiss seine Briefe mit „Reiß“ unterzeichnete, d. h. mit der Form des Namens, die der ersten Eintragung im Düsseldorfer Bürgerbuch entspricht, hatte ich für die Magisterarbeit noch dieser Schreibweise den Vorzug gegeben, mich aber für die vorliegende Arbeit für „Reiss“ entschieden, da der Künstler seine Werke so signierte. In Lexika des 20. Jahrhunderts taucht „Anton“ als zweiter Vorname auf, der aber weder in Adress-, Bürger- oder Taufbüchern nachgewiesen werden konnte. 54 Im Bürgerbuch der Stadt Düsseldorf von 1854 – 1860, Band Q-S, wurde zuerst der 27.  Oktober 1835 als Geburtsdatum festgehalten. Dieses Datum wurde jedoch durchgestrichen und durch den Eintrag 30.  Oktober 1835 ersetzt. Da die nächsten Verwandten von Reiss auf seinem Totenzettel aus dem Jahre 1900 den 25.  Oktober 1835 als Geburtsdatum angaben (Stadtarchiv Düsseldorf, Akte 0-1-22-577.000, Totenzettel Nr. 13858), wurde dieses Datum hier übernommen. 55 Im Bürgerbuch wurde ein erster Vermerk „Ritterstr. 37“ durchgestrichen und der Eintrag „Ratinger Str. 84“ vorgenommen (Stadtarchiv Düsseldorf, Bürgerbuch 1854 – 1860). 56 Geb. am 3.  Oktober 1825 (Stadtarchiv Düsseldorf, Bürgerbuch 1854 – 1860). 57 Geb. am 2.  Juli 1833 (Stadtarchiv Düsseldorf, Bürgerbuch 1854 – 1860). 58 In den Adressbüchern der Stadt Düsseldorf ist der Beruf des Vaters bis 1865 unterschiedlich als „Makler“, „Fruchtmakler“ und „Fruchthändler“ angegeben. Ab 1870 wird er als „Privatier“ geführt (Stadtarchiv Düsseldorf, Adressbücher 1850 – 1870). 59 Josef Wintergerst war einer der Gründungsmitglieder des Lukasbunds in Wien (W. Neuss, 1917, S. 3. Vgl. auch N. Suhr, 2012, S. 9). Sein Porträt wurde mir freundlicherweise von der 22 3 Biografie und künstlerischer Werdegang sungen im Zeichnen nach der Natur erhielt.60 Bei ihm lernte er auch, antike Gegenstände zu kopieren, gleichzeitig wurde er mit der Proportionslehre vertraut gemacht. Nachdem die Grundausbildung abgeschlossen war – sein Talent wurde zu dieser Zeit als noch unbestimmt bezeichnet –, besuchte er die Vorbereitungsklasse. Hier waren seine Lehrer Karl Ferdinand Sohn (1805 – 1867 – Abb.  7) und Carl Anton Heinrich Mücke (1806 – 1891 – Abb. 8).61 Karl Ferdinand Sohn, „[…] einer der beliebtesten und erfolgreichsten Lehrer der Institution […]“,62 leitete ihn an, nach lebenden Modellen zu zeichnen. Im Antikensaal wurden seine Kenntnisse im Zeichnen nach der Antike vertieft. Architektonisches Zeichnen, die Lehre über die Perspektive, eine Vermittlung der Grundsätze über Gewandung und eine Unterrichtung in der Geschichte der bildenden Kunst gehörten ebenfalls zu Sohns Aufgabenbereich in dieser Stufe. Nachdem Anton Josef Reiss diese beiden Abschnitte seiner Ausbildung erfolgreich hinter sich gebracht hatte,63 konnte er nun die dritte Klasse besuchen, die sich in die Sparten Malerei, Bildhauerei, Kupferstecherei und Baukunst aufteilte. Eine Professur für Bildhauerei gab es in dieser Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie noch nicht. Eine Änderung dieser Situation wurde erst 1862 herbeigeführt,64 als ein Lehrstuhl für dieses Fach eingerichtet und August Wittig (1826 – 1893) als Professor berufen wurde,65 der sein Amt aber erst 1864 antrat.66 Da Reiss sich für die Bildhauerei entschieden hatte, wurde er in der letzten Periode seines Studiums von dem begabten Bildhauer Julius Bayerle (1826 – 1873 – Abb. 9) unterrichtet, der bei Wilhelm von Schadow studiert hatte und sich nun in der Meisterklasse befand. Er teilte sich wahrscheinlich ein Meisteratelier im Alten Schloss mit anderen Meisterschülern und galt als „[…] Vorbild Leiterin des Archivs der Kunstakademie Düsseldorf, Frau Dr. Leach, am 12. 10. 2011 zugesandt. Es handelt sich um die von Elke Walford aufgenommene Fotografie eines sich in der Hamburger Kunsthalle befindlichen Gemäldes. 60 Diese und die folgenden Informationen, die sich auf Reiss’ Ausbildung beziehen, beruhen auf schriftlichen Auskünften der Leiterin des Archivs der Kunstakademie Düsseldorf, Frau Dr. Dawn M. Leach, vom 23.  September 2008. Als Quelle gab sie an: HStA NW 60, Band 1559 – 60, hier der Transkribierung entnommen. Die Angaben über den Unterricht in den Fächern der jeweiligen Ausbildungsstufe entstammen einem Auszug aus dem Reglement der Kunstakademie Düsseldorf vom 24.  November 1831, der ebenfalls Inhalt dieses Schreibens war. Vgl. auch Anonymus, 1852, S. 31 f. 61 Mücke und Sohn waren ehemalige Meisterschüler Schadows, die ihm nach seiner Berufung an die Spitze der Kunstakademie von Berlin nach Düsseldorf gefolgt waren (M.-S. Dumoulin, 1992, S. 13). 62 E. Mai, 1998, S. 292. 63 Hätte Reiss den Ansprüchen der Akademie nicht genügt, hätte nach den Statuten „[…] die Conferenz ihm den Rath ertheilen (können), sich einen anderen Lebensberuf zu wählen und, im Falle er den Rath verschmäht, durch förmlichen und zu Protocoll zu nehmenden Spruch seine Entlassung verfügen (können).“ (R. Theilmann, 1985, S. 233). 64 E. Daelen, 1888, S. 319. 65 Anonymus, 1862, S. 126. Um 1858 war auch schon einmal darüber nachgedacht worden, Gustav Bläser die Professur für Bildhauerei anzutragen, da er „als eingeborener Rheinländer Düsseldorf und alle Verhältnisse durch längeren Aufenthalt kennt und sich bereits in verschiedener Richtung als tüchtigen Meister bewährt hat.“ (Anonymus, 1858, S. 221). 66 K. Woermann, 1880, S. 6. Vgl. auch P. Bloch, 1973, S. 122. 23 3 Biografie und künstlerischer Werdegang und Mentor für jüngere Studenten […].“67 Bayerle war nach Studienreisen, die er in Rom beendet hatte, im Jahre 1854 nach Düsseldorf an die Kunstakademie zurückgekehrt, um hier „[…]  das erste Atelier für Plastik  […]“68 einzurichten.69 Der Aufbau seines Bildhauerateliers fällt genau in die Zeit, als Reiss in die letzte Phase seines Studiums eintrat. Die hohe Qualität seiner Werke machte Bayerle schon in jungen Jahren zu einem vielbeschäftigten Künstler seiner Zeit, von dem behauptet wurde, dass er bis zur Berufung Wittigs an die Akademie „[…] der einzige in Düsseldorf lebende nennenswerthe Bildhauer war.“70 Sein Wissen über die Bildhauerkunst gab er an der Akademie an jüngere Schüler weiter.71 Anton Josef Reiss und Leo Müsch (1846 – 1911)72 werden immer gemeinsam als die Schüler genannt, für die Bayerle zur prägenden Persönlichkeit wurde.73 Alleine Reiss wird im Nekrolog von 1873 auf Bayerle als dessen „[…] talentvollste(r) […]“ Schüler hervorgehoben.74 Reiss, dessen Fleiß und Betragen am Anfang seines Studiums nur mit einer befriedigenden Note bewertet worden waren, war offensichtlich während seiner Ausbildung zu einem ernsthaften jungen Mann herangereift, denn am Ende seiner Ausbildung 67 Schriftliche Auskunft von Frau Dr. Dawn M. Leach, Leiterin des Archivs der Kunstakademie Düsseldorf vom 24.  September 2008. 68 P. Bloch, 1975, S. 49. Vgl. auch P. Bloch, 1973, S. 124. 69 Nur im Jahre 1818 waren einmal Anstrengungen unternommen worden, eine Lehrstelle für Bildhauerei einzurichten. Aus einem im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf aufbewahrten, nicht mehr vollständigen Schriftverkehr geht hervor, dass die preu- ßische Regierung sich am Bildhauer Flatters als Lehrer an der Kunstakademie interessiert zeigte und ihn für den Fall der Einstellung um Darlegung seiner Bedingungen bat. Aus einem Brief können Flatters an die Regierung gestellten Forderungen rekonstruiert werden, die offensichtlich abgelehnt wurden, da es nicht zu einer Anstellung kam. Flatters schrieb nämlich an seinen Bruder in Krefeld am 2.  Februar 1818, für den Fall seines Wechsels von Paris nach Düsseldorf wünsche er, dass „[…] le Gouvernement Prußien m’achête tous les ouvrages qu’il me plaira de faire […]“. Auf die Aussage des Botschafters in Paris, Goltz, wollte er sich augenscheinlich nicht verlassen, der ihm mündlich zugesagt hatte, dass „[…] une fois arrivé, le Roi de Pruße vous donnera des Travaux. Il encourage beaucoup les arts, et il m’a fortement engagé de ne point la refuser.“ Flatters wies auch auf seine guten Einkommensverhältnisse in Paris hin, darüber hinaus habe er „[…] trop d’expérience pour ne point acheter chat en poche […]“. (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, Einsicht in Akte 2522 am 14. 6. 2010: Einrichtung einer Lehrstelle für Plastik an der Akademie zu Düsseldorf. Verhandlungen mit dem Bildhauer Flatters in Paris). 70 Anonymus, 1871, S. 148. Vgl. auch P. Bloch, 1973, S. 125. 71 Die „[…] Meister-Classe […]“ hatte Wilhelm von Schadow schon 1831 an der Akademie eingeführt. Künstler, die sich während ihres Studiums „[…] durch Fleiß und Talent […] so ausgezeichnet (hatten), daß sie den Schülern zu Vorbildern dienen können.“ (Anonymus, 1852, S. 30) wurden Räume zu günstigen Konditionen angeboten. Nach Bedarf konnten sie sich in ihren Ateliers auch noch weiterhin vom Direktor des Instituts beraten lassen (Anonymus, 1852, S. 30). 72 Leo Müsch studierte bei Julius Bayerle, dann bei Christian Mohr in Köln und ging dann wieder nach Düsseldorf, um unter August Wittig seine Studien zu Ende zu bringen (Anonymus, 1873, S. 288). 73 P. Bloch, 1970, S. 120. 74 Anonymus, 1873, Sp. 789. 24 3 Biografie und künstlerischer Werdegang wurden sein Arbeitseifer sowie sein Verhalten an der Akademie mit einem „sehr gut“ benotet. Sein Talent wurde mit „gut“ beurteilt. Nach Abschluss seines Studiums und auch während seiner Selbstständigkeit begab sich Reiss auf Studienreisen, die ihn zweitweise durch „[…] Deutschland, Belgien und Holland […]“75 sowie nach Frankreich führten. In Frankreich war Paris das Ziel seiner Erkundungen für sein späteres berufliches Schaffen. In Deutschland sind die Städte „[…] Berlin, München […] (und) Dresden […]“76 als Orte seiner Weiterbildung überliefert. Insbesondere werden die Niederlande für Reiss von großem Interesse gewesen sein, denn schon seit den dreißiger Jahren hatten sich zahlreiche Düsseldorfer Künstler in dieses Land begeben, nachdem der Maler Andreas Achenbach (1815 – 1910) hier als erster Künstler der Düsseldorfer Kunstakademie Landschaftsstudien betrieb. Nach und nach wurden so die Bilder der alten Meister und andere Kunstschätze im Nachbarland in den Fokus der Kunstinteressierten gerückt, die teils auch für Reiss zum Vorbild wurden. Vielleicht hat er schon zu dieser Zeit Kontakte zu künftigen Kunden knüpfen können, denn später wurde er von vielen Niederländern mit Aufträgen bedacht, die seine Kunst schätzten.77 Ob er auch Italien wie die meisten Künstler seiner Zeit bereiste, ist nicht überliefert. Ein Brief, 78 der von sehr guten Italienischkenntnissen zeugt, könnte ein Hinweis darauf sein, dass er sich zumindest auf eine Reise dorthin gründlich vorbereitet hatte. Über Gründe dafür, dass es vielleicht nicht mehr zur Ausführung einer weiteren Studienreise kam, kann nur spekuliert werden. Vielleicht hatte es eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie gegeben, die es nicht mehr zuließ, den Sohn für dieses kostenintensive Bildungserlebnis mit den entsprechenden pekuniären Mitteln zu versehen, denn es fällt nicht nur auf, dass die Schwestern das Elternhaus spätestens ab 1856 verließen,79 sondern es ist auch bemerkenswert, dass die Wohnsituation sich für Reiss und seine Eltern nach 1856 mehrfach änderte. Zunächst zog er mit seinen Eltern zur Elberfelder Chaussee 11. Aus seiner Meldekarte ergibt sich, dass er von November 1860 bis Februar 1861 in der Bilker Str. 24 lebte. Seine Eltern zogen von der Elberfelder Chaussee in das Haus Klosterstraße 39, in dem sie zumindest von 1863 bis 1865 lebten, bevor sie spätestens 1870 zur Klosterstr. 88 zogen. Hier war auch Reiss ab 1870 wieder gemeldet.80 Die danach einsetzende Stabilität bezüglich des Wohnumfelds scheint dem Umstand geschuldet zu sein, dass Reiss inzwischen zu einem gefrag- 75 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 76 Ebd. 77 Außer den für den holländischen Raum ermittelten Arbeiten, die nur noch zum Teil existieren (Kat.-Nr. 47, 48, 49, 50, 55, 56, 62, 70 und 86), muss Reiss noch mehr Skulpturen in Holland hergestellt haben, denn auf meine Nachfrage beim Geschäftsführer des auf den Handel von Heiligenfiguren spezialisierten Geschäfts Fluminalis in Horssen/Holland ( Joannes Peters), teilte dieser mit: “For sure we did have religious works (especially statues) of Josef Reiss in our collection” (Schreiben vom 12. 10. 2011). Angaben darüber, an wen diese Figuren verkauft wurden, konnten nicht mehr gemacht werden. 78 Reiss’ Brief ohne genaue Datierung aus dem Jahre 1876 an Stadtbaumeister Schülke in Duis burg (Stadtarchiv Duisburg, Akte Mercator-Denkmal Duisburg, 10/4825 A). 79 Louise zog zur Adlerstraße 50 und Christine zur Benrather Str. 821 (Stadtarchiv Düsseldorf, Adressbuch 1856). 80 Stadtarchiv Düsseldorf (Meldekarte und Adressbücher aus den Jahren 1856 – 1870). 25 3 Biografie und künstlerischer Werdegang ten Bildhauer geworden war,81 der möglicherweise seine Eltern unterstützen konnte, aber aufgrund seiner exzellenten Auftragslage nun keine Zeit mehr für die Realisierung einer weiteren Bildungsreise fand, um sich mit den Skulpturen in Italien persönlich vor Ort vertraut machen zu können. Reiss’ Vater muss 1877 verstorben sein, denn ab 1878 lebte der Künstler mit seiner Mutter, die nun als Witwe im Adressbuch der Stadt Düsseldorf bezeichnet wurde, alleine in der Klosterstraße 88.82 Seine finanzielle Lage erlaubte es ihm zu diesem Zeitpunkt, sich mit der Planung eines mehrstöckigen Wohnhausbaus zu befassen, das auf dem Grundstück Klosterstr. 128 entstehen sollte. 1879 stellte er „[…] beim Bauamt der Stadt Düsseldorf einen Antrag für den Bau […]“.83 Im Folgejahr wurde er „Als Grundstückseigentümer […] ins Liegenschaftskataster eingetragen.“84 Auf demselben Grundstück ließ er auch sein Atelier errichten (Abb. 10 und Abb. 11).85 1881 bezog Reiss sein Eigentum, in dem er noch zwei gemeinsame Jahre mit seiner Mutter bis zu ihrem Tod verbrachte. Nur auf den ersten Blick verwundert es, dass die früheste Spur Reiss’ künstlerischen Schaffens, der überwiegend im Rheinland und in Holland tätig war, im Süden Deutschlands aufgenommen werden konnte. Bei Betrachtung des Hintergrunds für die im Jahr 1859 gearbeitete Marienfigur mit Kind (Kat. Nr. 1) klärt sich aber schnell auf, weshalb er außerhalb seines später üblichen Wirkungskreises hier erstmals offiziell tätig wurde. Auftraggeber dieses Werks war Fürst Karl Anton (1811 – 1885 – Abb. 12), der nach seiner Abdankung als Landesherr des „[…] Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen […]“86 81 Reiss hatte sich durch seine qualitätsvollen Arbeiten zwar schon in jungen Jahren einen guten Ruf erwerben können, sicherlich profitierte er aber auch von der Situation, dass es in Düsseldorf nicht viele Bildhauer gab. Obwohl bereits ein Lehrstuhl für Bildhauerei ab 1864 besetzt worden war, gab es im Jahre 1873 lediglich acht Konkurrenten (zum Vergleich: 150 Maler mussten sich um Aufträge bemühen). Nur allmählich steigerte sich die Zahl der ansässigen Bildhauer. Einen dramatischen Anstieg gab es bis zum Beginn des letzten Dezenniums im 19. Jahrhundert noch nicht, denn im Adressbuch der Stadt Düsseldorf waren 23 Mitwettbewerber verzeichnet. Im Jahr 1897 waren jedoch schon 37 selbstständig arbeitende Bildhauer registriert (Stadtarchiv Düsseldorf, Adressbücher der entsprechenden Jahre). Die Bevölkerungsexplosion trug darüber hinaus dazu bei, dass der Strom der Aufträge zur Errichtung von Kirchen, für die auch Altäre hergestellt werden mussten, nicht zum Erliegen kam. 82 Stadtarchiv Düsseldorf (Adressbücher der Jahre 1875 – 1880). 83 Schriftliche Auskunft vom 28. 10. 2011 des Katasterarchivs der Landeshauptstadt Düsseldorf (Herr Gründer). 84 Ebd. 85 Da keine Fotografie mehr von seinem Wohnhaus vorgelegt werden kann, wurden noch folgende Details eruiert: Die Gesamtgröße des Grundstücks betrug 470 qm. Das mehrgeschossige Wohnhaus wurde auf 110 qm errichtet, das Atelier auf 124 qm. „Im Jahre 1900 wurde Herr Walter Strauß als Nachfolge-Eigentümer eingetragen. Ob Herr Walter Strauß als Erbe oder als Käufer das Grundstück bekommen hat, lässt sich hier nicht ermitteln.“ (Schriftliche und telefonische Auskünfte von Herrn Gründer, Mitarbeiter des Katasterarchivs Düsseldorf, am 28. 10. 2011 und 8. 11. 2011). Beide Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg vernichtet. 86 G. Richter, 1972, S. 502. 26 3 Biografie und künstlerischer Werdegang im Jahre 184987 fast ein viertel Jahrhundert in Düsseldorf lebte. Abgesehen von einer vierjährigen Unterbrechung88 wirkte er in dieser Stadt erst „[…]  als Divisionskommandeur und dann als Militärgouverneur der Rheinprovinz […]“.89 Da seine Residenz das Schloss Jägerhof (Abb. 13) war,90 das in unmittelbarer Nachbarschaft des Anwesens des „Malkastens“ (Abb. 14) lag,91 nutzte der ausgewiesene Kunstfreund die Gunst der Lage seines Wohnorts und verkehrte mit den dort ein- und ausgehenden Künstlern in freundschaftlicher Weise.92 Für viele Mitglieder des „Malkastens“ erwies sich die Tatsache, dass Karl Anton ihr Nachbar war, als glücklicher Umstand, verfügte er doch über die Mittel und Verbindungen, ihnen entweder als Kunstmäzen selber Aufträge zu erteilen oder ihnen andere vermögende Kunden zuzuführen.93 Gerne wird ihm die Künstlervereinigung die Ehrenmitgliedschaft im Jahre 1861 angetragen haben.94 Auch Reiss wird er dort kennengelernt haben, der im „Malkasten“ ab 1859 Mitglied war.95 Er muss in den jungen Bildhauer genauso viel Vertrauen gesetzt haben wie Julius Bayerle, für den Reiss zu dieser Zeit noch als „Gehülfe“ 96 tätig war. Des Fürsten Einverständnis zur Ausführung einer Skulpturengruppe (Kat.-Nr. 1) für sein Schloss in Sigmaringen (Abb. 15) kann vorausgesetzt werden. Für diese wichtige Arbeit, die für die zur Stadt ausgerichtete Fassade des Schlosses bestimmt war, hatte er bereits 1858 einen Vertrag mit Bayerle abgeschlossen, der den Entwurf für das Bildwerk anfertigen sollte. 97 87 G. Richter, 1972, S. 503. 88 Fürst Karl Anton war von 1858 – 1862 preußischer Ministerpräsident (G. Richter, 1972, S. 503). 89 A. Nägele, 1929, S. 40. 90 Stöcker, 1970, S. 89. 91 1861 konnte der Verein „Malkasten“ den ehemaligen „[…]  Wohnsitz des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi […]“ (S. Schroyen, 1992, S. 31) erwerben. Auf dem Grundstück wurde in der Folge ein großzügiges Veranstaltungshaus errichtet, das 1867 eingeweiht wurde (S. Schroyen, 1992, S. 31). 92 E. Daelen, 1898, S. 50. 93 Wenn Fürst Karl Anton auch die Düsseldorfer Künstler unterstützte, so vergaß er doch nicht die Kunstschaffenden in seiner Heimat Sigmaringen, in die er nach Abschluss seines Einsatzes am Rhein mit seiner Familie zurückkehrte. Zumindest drei Arbeiten sollen im Zusammenhang mit den Werken von Reiss erwähnt werden, bei denen ein Unternehmen aus Sigmaringen sicherlich dem Fürsten Aufträge im Rheinland zu verdanken hatte: Das war die Bildhauerfirma Marmon, die für die Kirche St. Cyriakus in Krefeld-Hüls den Hochaltar (Kat.-Nr. 38), den Marienaltar (Kat.-Nr. 58) und den Josephsaltar (Kat.-Nr. 73) anfertigte. 94 E. Daelen, 1898, S. 50. 95 Reiss wurde nach dem Mitgliederverzeichnis von 1859/60 bis 1898 als Mitglied geführt (schriftliche Auskunft von Frau Sabine Schroyen M. A., Leiterin des Archivs im Künstlerverein „Malkasten“ vom 27.  September 2008). 96 Staatsarchiv Sigmaringen (Akte Fürstlich Hohenzollern’sche Hof-Haltung. Gen.-Rubrik No 6. Bibliothek & […] Spezial-Inhalt. B […] der Hofrath Dr. Rössler. Verträge mit Photograph E. Bilharz, mit Bildhauer Bayerle, Professor Müke [sic!], Maler Heß und Honorierung des Professors A. Müller). 97 Da Julius Bayerle Reiss zwei Aufträge für das Schloss Sigmaringen übertrug (Kat.-Nr.  1 und Kat.-Nr. 11), ist es durchaus denkbar, dass Reiss noch eine weitere Marienfigur mit Kind im Auftrag Bayerles für die Michaelskapelle der Burg Hohenzollern anfertigte. Ein 27 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Der Vermittlung Fürst Karl Antons sind sicherlich auch weitere Aufträge aus Adelskreisen zu verdanken. Reiss arbeitete beispielsweise 1861 gemeinsam mit anderen Kunstschaffenden an einem Werk, das für die Königin Augusta von Preußen (1811 – 1890) bestimmt war.98 Es handelte sich um die Anfertigung eines Einbands zu einer Haus-Chronik (Kat.-Nr.  3). Für den Vorderdeckel, der in Düsseldorf auf einer Kunstaustellung präsentiert wurde, schnitzte er den Preußischen Adler über Girlanden.99 Für ein weiteres, vom Adel bestelltes Werk, ein Reisealtar (Kat.-Nr. 4), der vom Grafen Pförten als Geschenk für den Grafen Schönborn bestellt wurde, führte er ebenfalls Schnitzarbeiten aus.100 Dieser Reisealtar wurde in Düsseldorf 1862 öffentlich ausgestellt.101 Der Nobilität gehörte auch der Staatsminister Adolf Heinrich Alexander von Arnim an, dessen Büste Reiss wahrscheinlich bis spätestens 1860 anfertigte. Das Modell der Büste des „[…] Minister(s) Arnim […]“ (Kat.-Nr. 2) wurde viele Jahre nach dem Tod des Politikers in seinem Atelier von einem Journalisten gesehen,102 der dort auch das Modell der Büste des „Fürst(en)“ entdeckte (Kat.-Nr. 24), womit ganz offensichtlich Fürst Karl Anton aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen gemeint war. Mit dem Fürsten war Reiss offensichtlich inzwischen freundschaftlich verbunden, denn dieser besuchte ihn oft in seinem Atelier, nachdem er „[…] selbständig geworden […]“103 war und bedachte ihn mit weiteren Aufträgen. Leider ist nur noch eine Arbeit bekannt, die Reiss für ihn am Schloss Sigmaringen im Jahr 1866 ausführte. Er brachte dort über dem Eingangstor des Museums, das 1867 eröffnet wurde,104 das Relief „Allegorie der Kunst“ an (Kat.-Nr. 11). Als weitere potentielle Kundin aus höchstem Adel, die Reiss wohl auch auf Empfehlung von Karl Anton kennengelernt haben dürfte, kommt auch Königin Viktoria in Betracht,105 für die der Bildhauer, genauso wie für den Fürsten, immer eine Mappe mit Entwürfen bereithielt.106 entsprechender Auftrag wurde von der Fürstin von Hohenzollern-Sigmaringen an Bayerle 1867 vergeben (Anonymus, 1867 (Dioskuren), S. 13). Nach Angaben des Schlossarchivs Sigmaringen befindet sich diese Arbeit heute nicht mehr in der Michaelskapelle (schriftliche Auskunft vom 21. 11. 2011, Frau Hähnel. Archivarin auf Schloss Sigmaringen). 98 Fürst Karl Anton und Königin Augusta von Preußen waren Cousin und Cousine, die nach ihrer noch erhaltenen Korrespondenz bis zum Lebensende freundschaftlich verbunden waren und sich gegenseitige Besuche in Berlin und auf Schloss Sigmaringen abstatteten. Leider wird Reiss in den vielen Briefen nicht erwähnt (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, BPH Rep 51 T lit H Nr. 5). 99 Anonymus, 1861 (Dioskuren), S. 278. 100 H. Finke, 1898, S. 93. 101 Anonymus, 1862, S. 20. 102 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 103 Ebd. 104 A. Nägele, 1929, S. 40. 105 Königin Viktoria (1840 – 1901) war die Tochter der englischen Königin Viktoria, die mit Kaiser Friedrich III. von Preußen (99 Tage-Kaiser) verheiratet war. In der Zeit seiner Regentschaft war sie Königin von Preußen und Kaiserin von Deutschland. Sie war die Schwiegertochter der Königin Augusta von Preußen, der Cousine von Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen. Leider ist es mir trotz intensiver Recherchen nicht gelungen, ein Werk für diese mögliche Kundin Reiss’ ausfindig zu machen. 106 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 28 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Bevor Reiss sein letztes nachweisbares Werk für das Schloss in Sigmaringen anfertigte, hatte er 1862 für das Hochkreuz des Friedhofs Heerdt, der heute zu Düsseldorf gehört, einen Kruzifixus (Kat.-Nr.  5) gestaltet. Drei Jahre später, 1865, stellte er im Auftrag der Düsseldorfer Katholiken den figürlichen Schmuck der Mariensäule (Kat.-Nr. 8) her, die sich aus vier Propheten- und einer Marienfigur zusammensetzte. Der Anblick der Propheten wird die evangelische Minderheit nicht so sehr provoziert haben wie der Umstand, dass eine überdimensionale Marienfigur mitten in der Stadt platziert werden sollte.107 Ein politisch motivierter Streit eskalierte, der erst nach sieben Jahren schließlich damit beendet werden konnte, dass sich die gegnerischen Parteien als Aufstellungsort anstelle des Grabbeplatzes auf den Maxplatz einigten, an dem die kolossale Immaculata seit 1873 beheimatet ist und auch noch heute eine Zierde des Areals darstellt. Reiss schuf von 1866/1867 eine Muttergottesfigur mit Jesuskind für die Kirche St. Maria Himmelfahrt in Andernach (Kat.-Nr.  12), von der im Kirchenarchiv heute zwar keine Unterlagen mehr vorliegen, von deren früherem Aufstellungsort aber vor dem Chor wahrscheinlich eine alte Aufnahme zeugt, die im Archiv des Bistums Trier gefunden werden konnte.108 Diese Skulpturengruppe muss für seine weitere Laufbahn bedeutend gewesen sein, da nach ihrer Fertigstellung nun „[…] sein Name in weiteren Kreisen bekannt wurde […]“.109 Heute gilt sie als verschollen.110 1866 wurde er für die bei Neuss liegende Gemeinde St. Stephanus in Grefrath verpflichtet, deren Gotteshaus vom Dombaumeister Vincenz Statz bereits 1862 – 1864 errichtet worden war. Reiss fertigte zunächst die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus (Kat.-Nr. 9 – 10) an, die an den Wänden der Seitenschiffe aufgestellt wurden. Etwa vier Jahre später, um 1870, lieferte er noch vier weitere Figuren an St. Stephanus aus, die auch für die Seitenschiffwände bestimmt waren, nämlich die der hll. Matthias, Hubertus, Antonius von Padua und Hubertus (Kat.-Nr. 16 – 19). Schon 1868 waren aufgrund einer großzügigen Spende eines Gemeindemitglieds111 die Mittel für die Anschaffung des Hauptaltars (Kat.-Nr. 15) zusammengekommen, mit dessen Errichtung Reiss noch im selben Jahr betraut wurde. Die Idee zum oberen Abschluss dieses Altars, einem Gnadenstuhl, entnahm er einem der Heiligenbilder, die er ab den frühen sechziger 107 F. Benson, 1988, S. 9. 108 Bistumsarchiv Trier (Akte Maria Himmelfahrt, Andernach, Abt. 70, Nr. 122, Nr. III). 109 Stadtarchiv Düsseldorf (Nachruf vom 3. 2. 1900, Akte 0-1-22-577.000). 110 Abbildungen von Figuren aus dem 19. Jahrhundert, die in der Kirche St. Himmelfahrt gestanden haben sollen, wurden mir vom Stadtmuseum Andernach zur Auswertung zur Verfügung gestellt. Nach Inaugenscheinnahme musste Reiss aus stilistischen Gründen als Urheber dieser Skulpturen ausgeschlossen werden (das Fotomaterial wurde mir freundlicherweise von Herrn Guido Seibert am 18. 5. 2012 auf Veranlassung des Dr. Klaus Schäfer vom Kulturamt Andernach zur Verfügung gestellt). 111 Georg Weidenfeld hatte nicht nur die von Reiss hergestellten Altäre finanziert, sondern unterstützte die Kirche darüber hinaus auch noch mit Zuwendungen bei der Anschaffung weiterer Kunstgegenstände. 29 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Jahren für den „Verein zur Anfertigung von Heiligenbildern“112 in Düsseldorf anfertigte (Kat.-Nr. 13),113 welches später von Anton Eitel gestochen wurde. Ein letztes Mal wirkte Reiss in Grefrath, als er für die Kirche St. Stephanus 1871 den größten Teil des an der Stirnwand des südlichen Seitenschiffs aufgestellten Marienaltars herstellte, den er mit Reliefs und einer Marienfigur mit Jesuskind ausstattete (Kat.-Nr. 22). Warum der Altar erst 1880 von Josef Laurent vollendet wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.114 115 Im Zusammenhang mit seinen Bildwerken, die Reiss für Grefrath arbeitete, ist eine Arbeit aus dem Jahre 1870 zu sehen, die er für einen Privatmann ausführte. Der Rittergutsbesitzer Georg Weidenfeld bat ihn darum, eine „[…] sechs Fuß hohe Figur des kreuztragenden Heilandes […]“116 für seinen zwischen Glehn und Grefrath liegenden Birkhof anzufertigen (Kat.-Nr. 20).117 Eine auf dem Birkhof vorgefundene Skulptur aus Eiche, von der zunächst vermutet wurde, sie stamme von Reiss, konnte ihm nicht zugeordnet werden.118 Im Jahre 1870 fertigte Reiss für das Südportal der Kirche St. Lambertus in Düsseldorf Skulpturen der hll. Pankratius und Apollinaris an (Kat.-Nr. 21). Zwei Jahre später wurden von ihm die Figuren des Apostels Thomas und des hl. Lambertus im Tympanon über dem Nordportal aufgestellt (Kat.-Nr. 27). Wieder wurde er nach den Kirchen St. Maria Himmelfahrt in Andernach und St. Lambertus in Düsseldorf für eine weitere bedeutende Kirche des Rheinlands tätig, als er 1871 für St. Quirinus in Neuss einen Marienaltar (Kat.-Nr. 26) herstellte, für dessen Ausführung er bereits ab Beginn der Planungen im Jahre 1865 vorgesehen war. Der 112 Es handelte sich um einen Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, „[…] die schlechten Heiligenbilder durch gute allmälig zu verdrängen, […]“ (L. Gierse, 1980, S. 24. Gierse zitiert hier aus einem Artikel aus dem „Organ für Christliche Kunst“ von 1851). 113 Den Hinweis auf die Anfertigung von Heiligenbildern verdanke ich Herrn Dr. Ralf Beines, der mir freundlicherweise einen Auszug aus seinem Buch „Plastik und plastisches Kunstgewerbe in Köln: Künstler, Kunsthandwerker und Produzenten“ am 17.  Oktober 2008 zur Verfügung stellte. Dieses Buch soll demnächst beim Emons-Verlag in Köln erscheinen. 114 Leider waren die entsprechenden Akten im Archiv der Kirche St. Stephanus nicht auffindbar. 115 1879 – 1880 hat der Reiss-Schüler Alexander Iven ein Relief am Tympanon über dem Haupt eingang der Kirche angebracht (K. Emsbach/M. Tauch, 1986, S. 181). 116 Anonymus, 1871, S. 191. 117 Freundlicherweise wurde es mir von den heutigen Bewohnern des Birkhofs gestattet, die nach meinen Anfragen im privaten Wald gefundene Christusfigur in der Kapelle des Anwesens zu besichtigen und zu fotografieren. 118 Zum einen stimmten die in einer alten Quelle aufgeführten Maße mit dem noch vorhandenen Objekt nicht überein, zum anderen wich die Darstellungsweise von der schriftlichen Überlieferung ab, denn bei der vorgefundenen Skulptur handelte es sich um einen Kruzifixus und nicht um einen kreuztragenden Heiland. Hinzu kommt, dass das Gesicht wegen eines Anobienbefalls fast ganz zerfressen war, so dass ein Vergleich mit anderen Skulpturen nicht mehr möglich war. Ein rundlich geformter Bart, mit dem das Kinn der existierenden Figur abschließt, ist bei anderen Figuren des Künstlers unüblich. Ferner war keine Ähnlichkeit hinsichtlich des Perizoniums mit anderen Lendentüchern Reiss’scher Kruzifixus-Figuren zu erkennen. 30 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Verbleib des Werks, das wahrscheinlich schon Ende des 19. Jahrhunderts wieder abgebaut wurde,119 ist unbekannt.120 In das Jahr 1871 fällt auch Reiss’ Bewerbung bei Dombaumeister Richard Voigtel in Köln, bei der Ausführung von Skulpturarbeiten am Dom berücksichtigt zu werden.121 Einem Vertrag, der am 1.  Dezember 1871 mit Peter Fuchs abgeschlossen wurde, konnte entnommen werden, dass Reiss sich mit anderen Kollegen darum bemühte, skulpturalen Schmuck für die Portale des Doms anzufertigen.122 Im Gegensatz zu Beines, der diese Bewerbung als vergeblich bezeichnete,123 vermutete Rode, der in einem Aufsatz über Franz Meynen diesen Vorgang erwähnte, dass die Bildhauer im Atelier Fuchs „[…]  wenigstens zeitweise  […]“124 mitgearbeitet haben könnten, deren Nummern vor ihrem Namen in seinem Vertrag nicht durchgestrichen waren, wie es bei anderen Mitbewerbern der Fall war.125 Reiss gehörte zu den Bildhauern, deren Namen nicht durchgestrichen waren. Nachdem er 1872 eine Kommunionbank (Kat.-Nr. 28) für die Kirche St. Jacobus de Meerdere in Uithuizen ausgeliefert hatte, sein erstes nachweisbares Werk in Holland,126 fertigte er 1873 ein kleines Marmorrelief (Kat.-Nr. 30) mit dem Titel „Tröster der Betrübten“ an, das sich heute im Privatbesitz befindet.127 Möglicherweise ist diese Marmorarbeit identisch mit einem Relief (Kat.-Nr. 31), das Reiss der Kölner Dombaulotterie als Gewinn stiftete.128 Vorlage zu dieser Arbeit war sicherlich ein Andachtsbild gleichen Titels, das er zuvor dem Düsseldorfer „Verein zur Anfertigung von Heiligenbildern“ zur Verfügung gestellt hatte (Kat.-Nr. 29). Dieses wird heute gemeinsam mit anderen Graphiken Reiss’ im Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, aufbewahrt.129 1874 wurde er noch einmal mit einem Auftrag von der Kirche St. Quirinus in Neuss bedacht, für die er den fünffigurigen Josephsaltar (Kat.-Nr. 32) herstellte. Dieser Altar stellt insofern ein Dokument der Zeitgeschichte dar, als Reiss mit einer der Skulpturen ein Porträt des damaligen Papstes Pius IX. anfertigte. 1880 wurde auf der Kunstaustellung in Düsseldorf das Modell eines Kalvarienbergs (Kat.-Nr. 33) präsentiert,130 nach dem er möglicherweise schon 1875 ein Hochkreuz auf dem Katholischen Friedhof in Groningen/Holland (Kat.-Nr. 34) und den Kalvarienberg für die Kirche St. Joseph in Oberhausen-Styrum (Kat.-Nr. 35) gestaltet hatte. Aus 119 Schriftliche Auskunft Dr. Max Tauch (September 2012). 120 Mündliche und schriftliche Angaben des Kirchenarchivs (Dr. Hildegard Welfers). 121 Hinweis auf dieses Objekt erfolgte von R. J. Beines im Jahre 2008. 122 H. Rode, 1972, S. 99. 123 R. J. Beines, o. J., o. S. 124 H. Rode, 1972, S. 99. 125 Ebd. 126 Schriftlicher Hinweis von Professor Sible de Blaauw, Universität Nijmwegen vom 24. 10. 2012. 127 M. Puls, 2011, Bd. 2, S. 130. 128 Anonymus, 1874, S. 51. 129 Ludwig Gierse hat diesem Museum diese Graphik im Jahre 2006 geschenkt wie auch die Andachtsbilder „Die Geburt“ (Kat.-Nr. 25) und „Dreifaltigkeit“ (Kat.-Nr. 13). 130 Katalog IV. Kunstausstellung in Düsseldorf 1880, S. 107. 31 3 Biografie und künstlerischer Werdegang demselben Jahr stammt auch seine erste große Pietà aus Sandstein (Kat.-Nr. 36), die ebenfalls in St. Joseph im Oberhausener Stadtteil Styrum aufgebaut wurde. Von der Beteiligung Reiss’ an der Ausstellung des rheinisch-westfälischen Kunstvereins in Düsseldorf berichtete die Zeitschrift „Dioskuren“ im August 1875. Er war nur einer von zwei Bildhauern, die hier ihre Skulpturen präsentierten.131 Im Jahr 1875 begann Reiss auch für die von Heinrich Wiethase (1833 – 1893) errichtete St. Cyriakus-Kirche in Krefeld-Hüls den Hauptaltar (Kat.-Nr. 38) mit skulpturalem Schmuck zu versehen. Da er bis zur Vollendung dieser Arbeiten, die das Schnitzen einer großen Anzahl von Skulpturen und Relieffiguren erforderlich machte, offensichtlich andere lukrative Aufträge nicht ausschlagen wollte, kalkulierte er in seinem Vertrag schon von vornherein sechs Jahre bis zur Fertigstellung dieses Projekts ein, das 1881 zum Abschluss gebracht werden konnte. Geschäftstüchtiges, kaufmännisches Handeln kann ihm in Bezug auf seine erste Arbeit in Hüls unterstellt werden, wenn man um seine in vielen anderen Fällen meist hohen Preisnachforderungen weiß, die er im Laufe seiner Auftragsausführungen immer wieder einmal stellte. Die Tatsache, dass er im Falle der Anfertigung des Hauptaltars in Hüls keinen weiteren Betrag in Rechnung stellte, lässt vermuten, dass er auf die Anschlussaufträge für Arbeiten an den Nebenaltären hoffte, für die später auch mit ihm tatsächlich Verträge abgeschlossen wurden. Eine ebenfalls für Hüls angefertigte Pietà, von der nicht bekannt ist, ob sie auch für St. Cyriakus geschaffen wurde, ist heute nicht mehr auffindbar.132 Ein Jahr nach Aufnahme seiner Tätigkeit in Krefeld-Hüls, also 1876, wurde er von der Stadt Duisburg dazu berufen, ein Kriegerdenkmal (Kat.-Nr. 39) zu errichten, das noch im selben Jahr den Gefallenen des deutsch-französischen Kriegs von 1870/1871 geweiht wurde. Für das Monument gestaltete er eine „Germania“ mit dem Reichsadler, die irrtümlich auch schon mit „Duisburgia“ bezeichnet wurde.133 Obwohl Stadtbaumeister Schülke, der für die Überwachung der Arbeiten am Denkmal verantwortlich war, einige Kritikpunkte an der Gestaltung des Gesichts der „Germania“ gegenüber Reiss vorbrachte, da er deren Züge als weniger ebenmäßig als im Modell empfand, schloss er mit dem Künstler einen weiteren Vertrag im August des Jahres 1877 ab. Gegenstand dieses Kontrakts war die Anfertigung eines Mercator-Brunnens (Kat.-Nr. 42) für den Burgplatz. Insbesondere um das Aussehen der Mercator-Figur hatten die Verantwortlichen der Stadt zuvor schon seit mehr als zwei Jahren gerungen, als sie endlich nach Anfertigung mehrerer Modelle eines akzeptierten, das Reiss ihnen im Frühjahr 1877 vorgelegt hatte (Kat.-Nr. 41). Das bereits ab 1869 geplante Denkmal für den weltweit bekanntesten Bürger der Stadt Duisburg konnte schließlich am 2.  September 1878, dem Tag des Sedanfests,134 eingeweiht werden. 1879 bewarb sich Reiss erneut um einen Auftrag am Kölner Dom,135 dem die Ausschreibung zu einem Wettbewerb zur Anfertigung von Bronzetüren für die Westpor- 131 Anonymus, 1975, S. 235. 132 H. Singer, 1921, S. 37. 133 P. Bloch, 1975, S. 53. 134 Da eine Einweihung nur an diesem Tag infrage kam, um dem Jahrestag des Siegs über die Franzosen im Krieg 1870/1871 eine besonders feierliche Note zu verleihen, mussten alle am Bau des Brunnens Beteiligten diesen prestigeträchtigen Termin unbedingt einhalten. 135 R. J. Beines, o. J., o. S. 32 3 Biografie und künstlerischer Werdegang tale vorausgegangen war.136 Dieses Mal sah er sich nicht mehr nur etwa zehn Mitbewerbern wie im Jahre 1871 gegenüber, sondern einer Konkurrenz von 30 Bildhauern,137 die aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland138 ihre Entwürfe der Dombauverwaltung übersandten.139 Er selbst beteiligte sich mit dem Modell „Grablegung“, das er unter dem Motto „Nihil sine Deo“ einreichte (Kat.-Nr. 43).140 Ein Beweggrund für die enorme Beteiligung am Wettbewerb war sicherlich der finanzielle Aspekt, den ein solcher Auftrag für die Künstler mit sich brachte. Nach seiner vorläufigen Kalkulation hätte Reiss beispielsweise über 100.000 Mark nach Erteilung eines Auftrags verbuchen können.141 Aber nicht nur die lukrative pekuniäre Perspektive spielte hier eine Rolle, sondern die Aussicht auf noch größeren Ruhm, der ihm nach der Ausführung einer Arbeit zuteil geworden wäre, denn sein Name wäre für alle Zeiten mit einer der bedeutendsten Kathedralen der Christenheit in Zusammenhang gebracht worden. Reiss konnte sich zwar gegen die Kollegen nicht durchsetzen, zumindest aber wurde sein 1880 in einem Kölner Museum ausgestelltes Modell von der örtlichen Presse lobend erwähnt,142 im Gegensatz zum Entwurf seines Kollegen Peter Fuchs, der bis zu diesem Zeitpunkt immerhin schon fast 700 Skulpturen für den Dom angefertigt hatte und von einem Journalisten derselben Zeitung wie folgt kritisiert wurde: „[…] seine Figuren entbehren der Empfindung, der Bewegung und der Grazie viel zu sehr, um der alten Bildwerke am Dom würdig zu sein, […].“143 144 Acht Jahre nach seiner ersten Arbeit für St. Jacobus de Meerdere in Holland (Kat.-Nr. 28), kehrte Reiss wieder an diesen Ort zurück, um die Kirche 1880 mit zwei Nebenaltären auszustatten, die der Gottesmutter (Kat.-Nr. 47) und dem Herzen Jesu (Kat.-Nr. 49) geweiht wurden. Im Rahmen der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts allgemein üblichen Entrümpelung von Einrichtungsgegenständen aus dem 19. Jahrhundert wurden die beiden Altäre abgeschafft. Die Skulpturengruppe Maria mit Kind des Marienaltars (Kat.-Nr.  48) überlebte. Wahrscheinlich noch im selben Jahr hat Reiss den dreifigurigen Kalvarienberg für den sich an die Kirche anschließenden 136 Dombauarchiv Köln (Akte Dombau zu Cöln, Acte Bronzethüren. Litt. X, vom 1. 9. 1879 bis 7. 5. 1880, Supplement e I a). 137 P. Keller/H. Schlüter, 1996, S. 181. 138 Eine der Bedingungen für die Teilnahme am Wettbewerb aber war, dass die Bewerber „[…]  Bürger des Deutschen Reiches,  […]“ sein mussten (P. Keller/H. Schlüter, 1996, S. 177). 139 Noch weitaus mehr Kollegen Reiss’ hatten sich die Unterlagen für den Wettbewerb zuschicken lassen, nämlich genau 109 (P. Keller/H. Schlüter, 1996, S. 181). 140 Dombauarchiv Köln (Akte Dombau zu Cöln, Acte Bronzethüren Litt. X vom 1. 9. 1879 bis 7. 5. 1880, Supplement e I a). 141 Ebd. 142 Ebd. 143 J. Becker, 1969, S. 50. 144 Keiner der Bildhauer konnte einen ersten Preis erringen (P. Keller/H. Schlüter, 1996, S. 182), so dass es acht Jahre später zu einem erneuten Wettbewerb kam, den „[…] Hugo Schneider und Wilhelm Mengelberg gewannen.“ (P. Keller/H. Schlüter, 1996, S. 163). Nach ihren Plänen wurden die Bronzeportale „[…] zwischen 1888 und 1892 ausgeführt.“ (P. Keller/ H. Schlüter, 1996, S. 163). 33 3 Biografie und künstlerischer Werdegang römisch-katholischen Friedhof errichtet (Kat.-Nr.  50). Es kann aber auch sein, dass diese Skulpturengruppe etwas später entstanden ist, da erst 1890 eine Kapelle gebaut wurde, die ihr auch noch heute Schutz bietet. 1880 beschickte Reiss die Akademieausstellung in Berlin145 mit zumindest einer Arbeit: Eine aus Holz gefertigte Madonnenfigur (Kat.-Nr. 51), die in Quellen mit Werken der Künstlerfamilie Della Robbia verglichen wurde. Es handelt sich vielleicht um das Werk, das sich heute, nach einer im Jahre 2010 in Amerika stattgefundenen Versteigerung in einem Auktionshaus in Privatbesitz befindet (Kat.-Nr. 53). Eine 1881 für das Grabmal Dr. Sträter auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof angefertigte Marienfigur mit dem Jesuskind (Kat.-Nr. 52), eine Arbeit, die sich aus einem Relief und einer vollplastischen Figur zusammensetzt, ist vielleicht nach dem Vorbild der in Berlin ausgestellten Skulptur in Bronze gegossen worden.146 Im Jahre 1881 war wieder Reiss’ Anwesenheit in Holland erforderlich. Seine Reise führte ihn dieses Mal nach Wijhe zur neugotischen Kirche Onze Lieve Vrouw Onbevlekt Ontvangen, die bereits etwa ein Jahrzehnt zuvor nach Plänen von Wilhelm Mengelberg aus Utrecht und Prof. Schneider aus Aachen vom Architekten te Riele gebaut worden war. Hier gestaltete Reiss den Hochaltar (Kat.-Nr. 55) mit Reliefs und Skulpturen. Vermutlich wurde ihm der Auftrag nach einer im Jahre 1880 in Düsseldorf stattgefundenen Ausstellung erteilt, in der er das Gipsmodell eines Gnadenstuhls (Kat.-Nr. 14) darbot, der von ihm schon 1868 am Hauptaltar von St. Stephanus in Grefrath (Kat.-Nr. 15) angebracht worden war und der nun auch als Aufsatz für den Hauptaltar der katholischen Kirche in Wijhe gewählt wurde. Reiss soll auch eine Figur des hl. Antonius für dasselbe Gotteshaus angefertigt haben.147 Eine Antoniusfigur befindet sich zwar außerhalb der Kirche in einer kleinen Holzkapelle, aber da der Kopf offensichtlich im 20. Jahrhundert neu geschnitzt wurde, ist eine Zuschreibung nicht mehr möglich. Bevor Reiss sich wieder einer größeren Aufgabe zuwendete, beteiligte er sich 1882 mit einem Marmorrelief, eine Madonna mit Kind darstellend (Kat.-Nr.  57), an der Ausstellung des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen und der Städtischen Gemäldesammlung. Von diesem Jahr an widmete er sich auch der Herstellung von Holzskulpturen für den Marienaltar in der Kirche St. Cyriakus in Krefeld-Hüls (Kat.-Nr. 58), die vier Jahre in Anspruch nahm. In derselben Zeit, also von 1882 – 1886, schuf er auch die fünf Figuren für den Kalvarienberg an der Nordseite der Kirche St. Lambertus in Düsseldorf (Kat.-Nr. 59), von denen einer seiner Schüler, Hermann Nolte 145 Reiss war offensichtlich nur einer von wenigen Künstlern, der ein Werk mit religiösem Inhalt ausstellte, denn in zeitgenössischen Kommentaren (bezogen auf die Ausstellungen von 1876, 1877 und 1879) wurde bedauert: „Christliche Kunstwerke fehlen entweder ganz oder sind nur spärlich vertreten.“ (D. Kaiser, 1984, S. 15). 146 Wolfgang Funken aus Düsseldorf machte mich freundlicherweise auf dieses Objekt am 6. 12. 2008 aufmerksam. 147 Hinweis von Frau Dr. Evelyne M. F. Verheggen und Frau Dr. Anique de Kruijf vom Bisschoppe lijk Adviesbureau Bouwzaken des Bistums Haarlem-Amsterdam und Rotterdam (schriftliche Auskunft am 24. 9. 2013). 34 3 Biografie und künstlerischer Werdegang (1873 – 1935),148 im Jahre 1930 Repliken anfertigte, weil die Originale zu dieser Zeit schon zu verwittert waren. 1884 war Reiss auf der Ausstellung des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen wieder mit einer Holzmadonna mit Kind (Kat.-Nr. 60) vertreten. Ob er dieselbe Arbeit präsentierte, die er auch für die Überblicksveranstaltung der rheinisch-westfälischen Künstler 1882 eingereicht hatte, kann weder bestätigt noch negiert werden. Im Jahre 1884 stand ein prominenter Bau in seiner Heimatstadt im Fokus, auf dessen Dach er Skulpturen aufstellte. Es handelte sich um das neue Rathausgebäude, das nach seinem Architekten zuweilen auch Westhofenbau genannt oder aber auch als „Wilhelminischer Bau“ bezeichnet wird. Für das Bauwerk fertigte er vier Personifikationen (Kat.-Nr. 61) an, Sinnbilder der Industrie, der Stadt Düsseldorf, einer guten Stadtverwaltung und eines blühenden Handels. Nachgewiesen werden konnten nur diese vier Figuren, es ist aber nicht auszuschließen, dass er auch für die Innenräume des Gebäudes Skulpturen herstellte, denn in einer Quelle aus dem 19. Jahrhundert heißt es mit Bezug auf Reiss, dass der „[…] figürliche Schmuck in und an dem neuerbauten Teil des neuen Rathhauses „[…] von der Hand unseres Künstlers […]“149 stammte. Obwohl Reiss 1884 noch mit den Arbeiten in Düsseldorf für das neue Rathausgebäude und den Kalvarienberg für die St. Lambertuskirche sowie mit dem Marienaltar in Krefeld-Hüls ausgelastet gewesen sein muss, schien es ihn doch beunruhigt zu haben, dass er vielleicht noch keine Anschlussaufträge akquirieren konnte. Bei Durchsicht von Akten des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin konnte festgestellt werden, dass Reiss zu den Künstlern gehörte, die im Jahre 1884 beim preußischen Kultusministerium in Berlin um die Erteilung von Staatsaufträgen baten.150 Eine Reflexion über die Gründe, warum eine Unterbrechung der bisher so erfolgreich verlaufenen Auftragskette eintrat, könnte zwar auch den Gedanken an eine Wirtschaftskrise aufkommen lassen, die damals noch anhielt,151 lässt jedoch in erster Linie vermuten, dass der missliche Zustand für die Künstler aus dem katholischen Rheinland mit den Auswirkungen des „Kulturkampfs“ zu tun haben musste, der noch immer nicht 148 Stadtarchiv Düsseldorf (7-2-12-2.000, Persönlichkeiten zur Geschichtskartei, Band 5 – Buchstabe M bis Q). Im Kirchenarchiv St. Lambertus in Düsseldorf konnte ein Aufsatz über Nolte gefunden werden, in dem er als Reiss’ Schüler bezeichnet wird (U. Gotzes, S.  866, o. J., Kirchenarchiv St. Lambertus, Akte 437). Nolte lernte bei Reiss, begab sich dann als Zwanzigjähriger auf eine mehrmonatige Fußreise nach Rom, arbeitete danach drei Jahre in Zürich beim Bildhauer Bösch und studierte im Anschluss sechs Jahre an der Kunstakademie in München. Nach Abschluss seiner Studien machte er sich in Düsseldorf selbstständig (U. Gotzes, o. J., S. 867 ff., Kirchenarchiv St. Lambertus). Obwohl Hermann Nolte viele Werke geschaffen hat, u. a. das Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof, konnte selbst bei einer heute noch in Düsseldorf lebenden, angeheirateten Verwandten keine Fotografie mehr von ihm aufgefunden werden. 149 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 150 Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz (Akte I. HA, Rep. 76, Sekt. 1, Abt. 1, Nr. 3, Band 5, S. 39 R., Punkt 15). 151 Wilhelm Lauser, 1887, S. 871. 35 3 Biografie und künstlerischer Werdegang ganz beendet war.152 Nachdem die ab 1871 sukzessive gegen die Katholiken gerichteten Gesetze in Kraft getreten waren, fehlten den Kirchen einfach die Mittel, die Kunstschaffenden weiterhin mit großzügigen Aufträgen zu bedenken. Nicht nur Reiss wurde in diesem Jahr zum Bittsteller beim preußischen Staat. So gehörten beispielsweise zu den Malern, die in Berlin auch mit Arbeiten zum Ankauf vorstellig wurden, die Spätnazarener Ernst Deger (1809 – 1885 – Abb. 16) sowie Andreas Müller (1811 – 1890 – Abb. 17) und Karl Müller (1818 – 1893 – Abb. 18).153 Sie waren Mitglieder eines Kreises, dem auch Franz Ittenbach (1813 – 1879 – Abb. 19) und Reiss zugerechnet werden, wobei Letztgenannter, der eine ganze Generation jünger als die anderen war, wegen „[….] eine(r) Verwandtschaft […] (im) Stil […] gewissermaßen (als) ihr Schüler.“154 betrachtet wurde.155 156 Auch diese Künstler, die außer Ittenbach der Führungsschicht der Düsseldorfer 152 Die letzten der ab 1871 unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck eingeführten Gesetze wurden erst 1886 aufgehoben (H. Kinder/W. Hilgemann, 1998, S.  355.). Ein Jahr später „[…]  bezeichnete Leo XIII. den Kulturkampf, „welcher die Kirche schädigte und dem Staate nicht nutzte“, als beendet.“ (J. Hansen, 1917, S.  821). Vgl. auch Ros Sachsse/Rolf Sachsse, 1978, S. 4. 153 Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz (Akte I. HA, Rep. 76, Sekt. 1, Abt. 1, Nr. 3, Band 5). 154 Anonymus, 1960, S. 59. 155 Da es bisher nur allgemeine Angaben in der Literatur gab, dass Reiss zum Kreis der o. a. Spätnazarener gerechnet wird, ohne dass ein einziges Beispiel für diese Verbindung angegeben wurde, sollen hier die ermittelten Verknüpfungen aufgeführt werden: 1. An den Objekten Kat.-Nr.  3 und 4 haben Reiss und Andreas Müller zusammengearbeitet. Am Bildwerk Kat.-Nr. 4 hat darüber hinaus Franz Ittenbach mitgewirkt. 2. In der Kirche St. Maria Himmelfahrt in Andernach, in der sich eine Marienstatue mit Kind von Reiss befand (Kat.-Nr. 12), fertigten Ittenbach und Deger Gemälde an (Archiv des Bistums Trier, Akte Andernach, St. Maria Himmelfahrt. Bau und Kunst, Abt. 70 Nr. 122, Nr. III). 3. Reiss war im Besitz eines Gemäldes aus dem Jahr 1883 mit der Darstellung einer Himmelskönigin von Karl Müller (H. Finke, 1896, S. 117). 4. Franz Ittenbach schuf 1873 Gemälde für das Marienhospital in Düsseldorf an (H. Finke, 1898, S. 95), das 1872 auch schon das Modell der Mariensäule (Kat.-Nr. 8) von Reiss erworben hatte. Im Übrigen saßen Deger, Andreas Müller und Ittenbach in der Kommission, die nicht nur die Entscheidung für den besten Entwurf einer Mariensäule in Düsseldorf treffen musste (Gewinner war Gottfried Renn aus Speyer), sondern die auch für die Vergabe der Ausführung der Arbeiten zuständig war (Anonymus, 1860, S. 34), mit denen sie Reiss bedachte. 5. In der Kirche St. Quirinus in Neuss, für die Reiss den Marien- und den Josephsaltar (Kat.-Nr. 26 und 32) herstellte, führte Ittenbach Freskengemälde aus. 6. Reiss gestaltete das Grabmal für Franz Ittenbach (Kat.-Nr. 46). 7. Durch Vermittlung von Karl Müller arbeitete Alexander Iven bei Reiss (A. Mentel, 2011, S. 33, siehe auch weiter unten in der Biografie). 7. Andreas Müller und Reiss besuchten sich gegenseitig in Düsseldorf (Kirchenarchiv St. Cyriakus in Krefeld-Hüls). 8. Eine „[…] persönliche Freundschaft […]“ (J. Ehl, 1980, S. 542) verband Reiss auch mit Franz Müller, einem der Söhne von Andreas Müller, mit dem er gemeinsam drei Altäre in der Kirche St. Cyriakus in Krefeld-Hüls anfertigte (Kat.-Nr. 38, 58 und 73). Beide gehörten der Kirche St. Mariä Empfängnis an, deren Gemeindevertreter sie waren (Archiv des Erzbistums Köln, Akte Dek. 56, Vol. I und Vol. II, 1). 9. Reiss stellte für den Geheimrat Dr. Sträter das Grabmal her (Kat.-Nr. 52), der im Besitz einer Sammlung von Zeichnungen der Brüder Müller und Ittenbachs war (W. Cohen, 1917, S. 436). 36 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Kunstakademie angehörten157 und bisher vom Klerus bevorzugt mit Aufträgen bedacht worden waren, wurden nun Opfer des jahrelangen politischen Konflikts. Reiss beließ es in Berlin nicht nur bei der Bitte um Staatsaufträge, sondern er schickte zugleich ein Holzrelief „Madonna mit dem Kinde“ an das Kultusministerium mit dem Gesuch, es für die Königliche Nationalgalerie anzukaufen. Bei dieser Gelegenheit muss Kultusminister Dr. von Goßler dieses Werk Reiss’ kennengelernt haben, dessen Qualität ihn offensichtlich sehr beeindruckte.158 Wurde dem Minister auch von der Landeskommission des Preußischen Staats, die ihn über die Verteilung von Kunstfonds berieten, der Ankauf nicht empfohlen, weil eine „[…] unmittelbare Zweckbestimmung […] fehlte […]“ und ein zu „[…] kleiner Maßstab der Arbeit […]“159 moniert wurde, so setzte er sich jedoch bald für ihn ein, als es um die Vergabe des Auftrags zur Anfertigung der Marmor-Pietà für die Kirche St. Gereon in Köln ging (Kat.-Nr. 77), die vom preußischen Staat finanziert wurde. Bis Reiss wieder für eine Arbeit von der Kirche selbst bezahlt werden konnte, lebte er in den Jahren 1886 – 1889 von Aufträgen aus privater Hand. So wurden beispielsweise die Skulpturen der Vierzehn Nothelfer/innen für die Stoffeler Kapelle (Kat.-Nr.  63), die heute zum Stadtgebiet Düsseldorfs gehört, von Gemeindemitgliedern finanziert. Sepulkralskulpturen, die Hinterbliebene von ihm anfertigen ließen, waren eine weitere Einkommensquelle. Auffallend ist, dass er in dieser Zeit für den Klerus, der außerhalb des Deutschen Kaiserreichs finanziell nicht eingeschränkt war, zwei größere Arbeiten ausführen konnte, nämlich in Holland: 1886 arbeitete Reiss einen Altar mit einer Pietà aus Holz (Kat.-Nr.  62), die von den holländischen Dominikanern für ihre Dominicus-Kerk in Nijmwegen in Auftrag gegeben worden war. Die Pietà befindet sich heute auf dem nicht mehr vollständigen Altar in der Kirche Onze Lieve Vrouw van de Heilige Rozenkrans in De Goorn. Drei Jahre später, 1889, wurde er noch einmal für die Dominikaner tätig, als er für sie einen Altar mit einer Sandstein-Pietà (Kat.-Nr. 70) für die Kirche Sint-Jan-de-Doperkerk in Schiedam (heute zu Rotterdam gehörig) anfertigte. Der Altar ist verschollen, die Pietà existiert noch. Für die Notkirche in Süd-Pempelfort, die ursprünglich an der Ecke der Düsseldorfer Kaiser-Wilhelm-Straße/Charlottenstraße stand und später zum Zooviertel 156 Der Umstand, dass Reiss dem Kreis von Deger, Andreas Müller, Karl Müller und Ittenbach angehörte, wurde auch bei der Ausstellung in Düsseldorf „Weltklasse-Die Düsseldorfer Malerschule 1819 – 1918“ im Kunstpalast (23. 9. 2011 – 22. 1. 2012) insofern berücksichtigt, als sein Relief „Segnendes Christuskind“ (Kat.-Nr. 30) neben ausgestellten Gemälden der o. a. Spätnazarener gehängt wurde. 157 Ernst Deger wurde ab 1869 als Professor für religiöse Historienmalerei berufen (R. M. Loske, 1985, S. 14), Karl Müller war vertretender Direktor der ersten und zweiten Malklasse spätestens ab 1869 (W. Hütt, 1964, S. 150), Andreas Müller war spätestens ab 1860 Professor für Historienmalerei (Anonymus, 1861, S. 278). 158 Viele der unter der Kat.-Nr. 77 aufgeführten Quellen gehen davon aus, dass Kultusminister Goßler auf Reiss während einer Ausstellung in Berlin im Jahre 1880 aufmerksam wurde. Natürlich ist das auch möglich, aber viel wahrscheinlicher ist es, dass durch die 1884 an den Staat zum Kauf angebotene Arbeit sein Interesse an dem Künstler geweckt wurde. 159 Geheimes Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin (Akte I. HA, Rep. 76, Sekt. 1, Abt. 1, Nr. 3, Band 5, S. 2). 37 3 Biografie und künstlerischer Werdegang transloziert wurde, erhielt Reiss um 1890 den Auftrag, den Haupt- und die Nebenaltäre (Kat-Nr. 71) zu errichten sowie eine Herz-Jesu-Figur (Kat.-Nr. 72) anzufertigen. Ab 1890 begann auch sein letzter Einsatz in Krefeld-Hüls, als er für den dritten der drei Altäre in der Kirche St. Cyriakus, den Josephsaltar (Kat.-Nr. 73), die Gefache, das Gesprenge und die Seiten bis zum Jahr 1894 mit Figuren bestückte. Gleichzeitig arbeitete er auch noch an anderen Objekten: 1891 stellte er für den Hauptaltar der Waisenhauskapelle der Puricellischen Stiftung in Rheinböllen eine lebensgroße Marienfigur her (Kat.-Nr. 74), einen Kruzifixus aus Holz, von dem nicht mehr bekannt ist, wo er aufgestellt wurde, produzierte er 1892 (Kat.-Nr. 76). Im selben Jahr begann er auch mit der Modellierung der Pietà (Kat.-Nr. 77) für St. Gereon in Köln, die er erst 1897 abschließen konnte. Gründe für eine verzögerte Auslieferung der Marmorarbeit, die heute als sein Hauptwerk bezeichnet wird,160 liegen wohl in seiner damals schon angeschlagenen Gesundheit, die ein kontinuierliches Schaffen ausschloss, obwohl seinem Gesicht auf einer Fotografie, die ihn neben seinem Werk im Atelier zeigt, keine Symptome einer Krankheit anzusehen sind. Sie zeugt nur von seinem Stolz über die Fertigstellung der Figurengruppe (Abb. 23).161 Ein von vier schweren Pferden gezogenes Spezialgefährt muss den Transport von Düsseldorf nach Köln zu einem aufsehenerregenden Ereignis gemacht haben.162 Nachdem die Pietà in einer eigens für sie errichteten Kapelle aufgestellt worden war, wurde sie „[…] als eine neue Hauptsehenswürdigkeit der Stadt Köln gepriesen […]“.163 Da Reiss wieder einmal an mehreren großen Aufträgen gleichzeitig arbeitete, musste er 1893 das Angebot der Stadt Düsseldorf, einen Entwurf für das geplante Adersdenkmal einzureichen, wegen Arbeitsüberlastung ablehnen.164 1893 beteiligte er sich an der Jahresausstellung der Düsseldorfer Künstlerschaft in der Kunsthalle in Düsseldorf mit einer die „Flucht nach Ägypten“ darstellenden Figurengruppe aus Holz (Kat.-Nr. 79). Vielleicht handelte es sich bei diesen Ausstellungsstücken um genau die Skulpturen, die für den Josephsaltar in Krefeld-Hüls bestimmt waren (Kat.-Nr.  73), der erst 1894 fertiggestellt wurde, denn in einem der Gefache befinden sich Figuren zum selben Thema. 1894 bemühte er sich darum, einen Auftrag zur Errichtung des Hochaltars für die Kirche St. Maria Himmelfahrt (Liebfrauen) in Düsseldorf zu erlan- 160 Von dieser Skulpturengruppe nahm Peter Bloch 1975 an, dass „[…] sie offenbar nicht mehr erhalten ist.“ (P. Bloch, 1975, S. 53). 161 In der Vergrößerung des Fotos sind teils Modelle von Objekten zu erkennen, die im Katalog beschrieben sind. Ganz links: Josephsfigur des Josephsaltars (Kat.-Nr.  73) in Krefeld-Hüls; das sich anschließende Modell ist nicht zu identifizieren; über der Tür befindet sich die Figur des Abraham, die als eine der Seitenfiguren am Hauptaltar in Krefeld-Hüls (Kat.-Nr. 38) angebracht wurde; hinter der Pietà steht an der Wand das Modell des Gnadenstuhls (Hauptaltäre Grefrath (Kat.-Nr. 15) und Wijhe (Kat.-Nr. 55); ganz rechts könnte es sich um das Modell zum Grabmal „Drei Frauen am Grabe“ (Kat.-Nr. 44) handeln; der Putto, der oben rechts neben dem evtl. Grabmalmodell angebracht ist, entspricht den Putti, die das Kapitell der Mariensäule (Kat.-Nr. 8) in Düsseldorf schmücken. 162 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 163 H. Delvos, 1938, S. 42. 164 Ebd., S. 258. 38 3 Biografie und künstlerischer Werdegang gen.165 Mitbewerber waren Ferdinand Langenberg (1849 – 1939) und Richard Moest (1841 – 1906). Gegen Langenberg konnten sich Reiss und Moest jedoch nicht durchsetzen, weil er seine Konkurrenten wegen einer „[…] preisgünstige(n) Offerte […]“166 ausbooten konnte.167 Die letzten Werke, die Reiss herstellte, waren für seine Heimatstadt bestimmt. Für die von Ludwig Becker in den Jahren 1894 bis 1896 errichtete Kirche St. Mariä Empfängnis in der Oststraße stellte er gemeinsam mit Alexander Iven (1854 – 1934 – Abb. 24) den skulpturalen Schmuck her. Alexander Iven war Reiss’ Schüler, über dessen frühen Werdegang Mentel berichtet, er habe „Seine handwerkliche Ausbildung […] in der Werkstatt der Gebrüder Kramer, …[…] in Kempen […]“ abgeschlossen, „[…] ging […] (dann) an die Kunstakademie in Löwen, dort studierte er unter Vanderlinden, de Vigne und Louis de Taye. Sein Studium in Löwen unterbrach er, als er durch den Akademiedirektor Karl Müller die Möglichkeit bekam, in der Werkstatt des Düsseldorfer Bildhauers Josef Reiss tätig zu werden.“168 Ob Iven die Arbeiten an St. Mariä Empfängnis vor Reiss’ Tod noch als dessen Mitarbeiter ausführte oder ob er bis zu diesem Zeitpunkt bereits als selbstständiger Künstler dort arbeitete, konnte nicht mehr nachvollzogen werden.169 Einen Teil der Kreuzwegstationen (Kat.-Nr. 83) hatte Reiss schon vollendet, als er krankheitshalber gezwungen war, Iven die Ausführung der restlichen Stationen zu überlassen.170 Aus der Hand Reiss’ stammt aber auf jeden Fall eine Immaculata aus Holz in dieser Kirche, die wahrscheinlich 1898 gearbeitet und aufgestellt wurde (Kat.-Nr. 84). Die Nachricht in einer Neusser Zeitung, er habe den Portalschmuck hergestellt,171 kann nur eingeschränkt stimmen, denn es steht fest, dass Iven beispielsweise am Tympanon ein Relief anbrachte. Der im Chor über dem Zelebrationsaltar befindliche Kruzifixus, von dem auf einem an der Außenwand der Kirche angeschlagenen Schild zu lesen ist, es stamme von Reiss, ist ein Werk Wilhelm Mengelbergs. 165 Freundlicher Hinweis von R. J. Beines vom 17. 10. 2008 und R. J. Beines, o. J., o. S. 166 I. Kähmer, 1999, S. 56. 167 Da Langenberg bis zu dieser Zeit „[…] nur für kleinere umliegende Ortschaften seiner Heimatstadt Goch gearbeitet hatte […]“, setzte er alles daran, um an diesen Auftrag zu gelangen, „[…] weil sich hier die Möglichkeit bot, in einer aufstrebenden finanzstarken Großstadt bekannt zu werden.“ (I. Kähmer, 1999, S. 56). Sein Kalkül, mit einem günstigeren Angebot als Reiss und Moest in Düsseldorf ins Geschäft zu kommen, ging auf, denn in den nachfolgenden Jahren stattete er weitere Düsseldorfer Kirchen mit Altären aus (I. Kähmer, 1999, S. 55 ff.). Vgl. auch R. J. Beines, o. J., o. S. 168 A. Mentel, 2011, S. 33. 169 Mentel führte von Iven gearbeitete Werke für St. Mariä Empfängnis an, die sie in seinem Werkverzeichnis vorgefunden hatte (A. Mentel, 2011, S. 177 f.). Rechnungen zu den Kreuzwegstationen scheinen nicht mehr vorhanden gewesen zu sein. Aus diesem Grund kann für seine Arbeiten am Kreuzweg weder auf ein Angestelltenverhältnis noch auf eine selbstständige Tätigkeit geschlossen werden. 170 Antonia Mentel hat irrtümlich das Todesjahr Reiss’ mit 1906 angegeben und die von Iven für St. Mariä Empfängnis ausgeführten Kreuzwegstationen „[…]  vermutlich nach 1906 […]“ datiert (A. Mentel, 2011, S. 177). Ivens letzte Signatur an diesen Reliefs stammt aber aus dem Jahr 1900 (siehe Kat.-Nr. 83), dem Todesjahr Reiss’. 171 Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 19.  März 1930 (Stadtarchiv Neuss). 39 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Da Reiss überwiegend sakrale Kunstwerke herstellte, wurde er auch oft mit der Gestaltung von Sepulkralskulpturen beauftragt. In einem anderen Zusammenhang wurde bereits das heute noch existierende Grab Dr. Sträter (Kat.-Nr. 52) auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof erwähnt. Darüber hinaus konnten für diesen Friedhof noch weitere Arbeiten ausfindig gemacht werden: Auf dem nicht mehr bestehenden Grabmal Kukuk, dessen Entstehungsdatum nicht mehr bekannt ist, befand sich einmal eine Christusfigur mit der Siegesfahne (Kat.-Nr. 85). Für das 1887 errichtete Monument der Familie Dübbes (Kat.-Nr.  64) gestaltete er eine Figur des „Guten Hirten“. Sie zeigte aber auf einer alten Fotografie, die etwa 1975 aufgenommen wurde, schon starke Verwitterungsspuren, so dass sie wahrscheinlich aus Sicherheitsgründen abgebaut werden musste. Um 1888 arbeitete Reiss für das Grab Dr. Hermkes den Kruzifixus und für die auf dem so genannten „Millionenhügel“ liegende Ruhestätte Kürten (Kat.-Nr. 82) ein Pietà-Relief aus Marmor. Ein gleich gestaltetes Relief, das um 1887 entstand, ist an der Grabstätte Rudolph Lupp (Kat.-Nr. 65) angebracht, die sich nach ihrer Translozierung vom Bilker Friedhof heute auf dem 1904 eröffneten Südfriedhof in Düsseldorf befindet.172 Auch für das auf dem Poppelsdorfer Friedhof in Bonn liegende Grabmal der Familie des Königlichen Baurats Felix Ittenbach (Kat.-Nr. 78) fertigte Reiss um 1893 ein gleich aussehendes Werk an. Seine Pietà-Reliefs müssen ein Exportschlager gewesen sein, denn es sollen sich zahlreiche auf holländischen Friedhöfen befunden haben,173 von denen aber dort heute keines mehr nachgewiesen werden konnte.174 Für den Golzheimer Friedhof, der heute zu den innerstädtischen Düsseldorfer Parkanlagen zählt, gingen aus Reiss’ Atelier insgesamt sechs Werke hervor: Die erste Arbeit, ein Christuskopf, wurde 1871 für die Ruhestätte des aus Amsterdam stammenden holländischen Bürgers Schlegell (Kat.-Nr. 23) angefertigt. 1877 folgte die Gestaltung des Grabmals für den Notar Victor Müller, für das er einen „Ecce homo“ (Kat.-Nr. 40) modellierte. Für das Grabmonument seines Malerkollegen Franz Ittenbach, mit dem er sehr verbunden war, stellte er „Die Grablegung Christi“ her (Kat.-Nr. 46). Seine Skulpturen zum Thema „Die Frauen am Grabe des Herrn“ (Kat.-Nr. 45) für das Grabmal Mallmann entstanden zwischen 1880 und 1885. Am heute noch existierenden Grabmal der Priesterbrüder Neuß (Kat.-Nr. 54) brachte er einen Kruzifixus an. Ein Monument auf dem Golzheimer Friedhof soll noch besonders hervorgehoben werden, da es sich um die Ruhestätte des Direktors der Kunstakademie Friedrich Wilhelm von Schadow-Godenhausen (Abb. 20), einem der prominentesten Düsseldorfer handelt, der dort 1862 zu Grabe getragen wurde.175 Mit der Anfertigung des schlichten 172 Den Hinweis auf dieses Objekt verdanke ich Herrn Wolfgang Funken aus Düsseldorf. 173 K. Meurer, 1900, S. 40. 174 Nach einer Quelle aus dem 19. Jahrhundert heißt es auch, dass seine Arbeiten einen „[…]  häufigen Aufenthalt in Amsterdam, Den Haag usw. notwendig.“ machten (Stadtarchiv Düsseldorf, Akte 0-1-22-577.000). Leider konnten in den Archiven Amsterdams und Den Haags keine Werke mehr eruiert werden. 175 Inge Zacher und Claus Lange schreiben zu dem Grabmal, das sich auf dem Feld II des Golzheimer Friedhofs befindet, dass die liegende Grabplatte, die charakteristisch für den Adel sei, „[…] mehr den Stand des Nobilitierten als seine Bedeutung als Künstler hervor- (hob) […]“ (I. Zacher/C. Lange, 2011, S. 26 f.). Schadow war im Jahre 1845 in den Adelsstand erhoben worden (M.-S. Dumoulin, 1992, S. 13). 40 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Grabmals, zu dem bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Studenten pilgerten, um dort an seinem Todestag Kränze niederzulegen,176 muss Reiss beauftragt gewesen sein. Die Ausfertigung überließ er aber einem damals noch sehr jungen Mann, seinem Schüler Jacobus Leisten (1844 – 1918 – Abb. 21 und 22), den er 1862 bei sich zur Ausbildung aufgenommen hatte. Seine Signatur erhielt sich noch bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts,177 ist aber heute nicht mehr zu erkennen. Er war der Sohn des Bildhauers Peter Josef Leisten (1813 – 1859).178 Jacobus Leisten konnte nach Alexander Iven und Hermann Nolte als dritter Schüler Reiss’ ermittelt werden. Er blieb aber nur bis 1863 bei Reiss, um sich dann ganz der Malerei zu widmen.179 180 Offensichtlich um Reiss’ Bescheidenheit zu betonen, wurde er kurz nach seinem Tod als ein Künstler beschrieben, der nicht die Öffentlichkeit suchte.181 Der Verfasser des Nachrufs muss auf einen Artikel zurückgegriffen haben, der schon viele Jahre zuvor über den Künstler geschrieben worden war, in dem es ebenfalls hieß, dass er die „[…] Öffentlichkeit aus eigenem Antrieb niemals aufgesucht hat.“182 Wenn er auch ein genügsamer Mensch gewesen sein mag, so war er doch ganz im Gegenteil zu dieser Aussage eine Persönlichkeit, die vollkommen in das gesellschaftliche Leben ihrer Stadt integriert war. Reiss’ Mitgliedschaft im Künstlerverein „Malkasten“, im „Verein für Geschichts- und Alterthumskunde von Düsseldorf und Umgebung“,183 im „Vincenzverein“,184 im „St. Lambertus-Verein“185 und in einem Verein des Marienhospitals186 sprechen dafür, dass er mit fast allen einflussreichen Persönlichkeiten der Stadt in Verbindung stand, die auch als mögliche Auftraggeber in Betracht kamen. Er beherrschte sozusagen die ganze Klaviatur eines Systems, die anzuschlagen ist, um ein Beziehungsgeflecht zu knüpfen, das zur Sicherung des Lebensunterhalts eines selbstständig arbeitenden Künstlers erforderlich ist. Im unmittelbaren Zusammenhang mit Auftragsvergaben ist beispielsweise seine Mitgliedschaft im „St. Lambertus-Verein“ zu sehen, da er für diese Kirche das Nordund das Südportal (Kat.-Nr. 27 und 21) sowie den Kalvarienberg (Kat.-Nr. 59) gestaltete. Als geschäftsfördernd erwies sich sicherlich auch, dass er 1864 dem Verein des Marienhospitals beitrat, der im selben Jahr mit dem Ziel gegründet worden war, eine 176 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte Grabmal Schadow, 0-1-23-424.0000). 177 I. Zacher, 1982, S. 151. 178 A. Boode, 1905, S. 306. 179 S. Weiß, 1998, S. 322. 180 Vielleicht unterstützte Jacobus Leisten aber Reiss noch weiter bei Arbeitsüberlastung, denn eine von Leisten signierte Arbeit befindet sich am Grab des erst 1866 verstorbenen Gottfried Ludwig Guthke (F. Frechen, 1990, Sp. 123). 181 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 182 Ebd. 183 Anonymus, 1882, S. 32. 184 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000, Totenzettel Reiss). 185 Dem St. Lambertus-Verein gehörte er von 1868 – 1891 an. Um einige der in dieser Biografie genannten Künstler anzuführen, die ebenfalls Mitglied waren, seien die Gebrüder Achenbach, Andreas Müller, Karl Müller, Ernst Deger und der Bildhauer Joseph Bayerle genannt (Kirchenarchiv St. Lambertus, Akte 401). 186 H. Stöcker, 1970, S. 12. 41 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Krankenanstalt zu bauen „[…]  zur Verpflegung heilbarer und unheilbarer Kranken und womöglich auch zur Verpflegung altersschwacher Personen, ohne Rücksicht auf religiöses Bekenntniß“.187 Das Hospital erwarb 1872 von ihm das Modell der Immaculata, die Bestandteil der auf dem Maxplatz aufgestellten Mariensäule (Kat.-Nr. 8) war. Sie wurde „[…] in der Mitte des Hospitals […]“ aufgestellt.188 In dieser Krankenanstalt tauchen auf einmal auch Namen auf, die man später an von Reiss auf Düsseldorfer Friedhöfen gestalteten Grabdenkmälern wiederfindet. Das sind die von Dr. Ludwig Sträter und Rudolph Lupp. An der Grabstätte des Ludwig Sträter, der „[…] Arzt im Marienhospital, […]“189 war, brachte er seine einzige Bronzearbeit an (Kat.-Nr. 52) an und am Grab des Fabrikbesitzers190 und Handelskammerpräsidenten Kommerzienrat Rudolph Lupp, der im Verwaltungsrat des Hospitals saß,191 ein Pietà-Relief (Kat.-Nr. 65). Im selben Verwaltungsrat saß auch Eberhard Westhofen, der Erbauer des 1884 errichteten neuen Düsseldorfer Rathauses, für das Reiss die bereits erwähnten vier Skulpturen (Kat. Nr. 61) herstellte. Nicht im Zusammenhang mit einem Verein, sondern mit seiner Angehörigkeit zur Mariengemeinde, in deren Kirchenvorstand Reiss Mitglied war, sind Aufträge für die Notkirche in Süd-Pempelfort zu sehen (Kat.-Nr. 71 und 72). Auch nachdem aus dieser Behelfskirche die St. Mariä Empfängnis-Kirche hervorgegangen war, deren Vorstandsmitglied im Gemeinderat Reiss immer noch war, wurde er mit der Gestaltung von Teilen der Kirchenausstattung beauftragt (Kat.-Nr. 83 und 84).192 193 Als selbstständiger Unternehmer musste er sogar die Öffentlichkeit suchen. Ein Zeugnis seiner vielfältigen Aktivitäten ist die Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen, die überwiegend in Düsseldorf stattfanden, aber auch in Berlin. Sie mussten mit Kundengesprächen und Verhandlungen gepaart gewesen sein. Weitere Begründungen dafür, dass er alles andere als ein in sich gekehrter Mensch war, sondern Präsenz zeigte, wann immer es nötig war, können noch mit nachfolgenden Begebenheiten dokumentiert werden: Aus der Ablichtung eines Theaterzettels (Abb. 25) ist ersichtlich, dass er sich nicht scheute, anlässlich der Einweihung des „Malkasten“-Vereinshauses am 30.  März 1867 bei einer Aufführung als „Schauspieler“ vor einem großen Publikum aufzutreten. Im Übrigen war ihm offensichtlich auch durchaus bewusst, wie wichtig die Teilnahme an Karnevalsveranstaltungen war, bei denen jeder, der im Geschäft bleiben wollte, sich sehen lassen musste. Einer Quelle konnte entnommen werden, dass er im Februar 1878 den Oberbürgermeister Duisburgs sowie dessen Stadtbaumeister samt Ehefrau zu einem Künstlerball im „Malkasten“ einlud.194 Heute würde man ihn als gut vernetzten Künstler und Geschäftsmann bezeichnen. 187 H. Stöcker, 1970, S. 12. 188 B. Bockholt, 1922, S. 34. 189 W. Haberling, 1936, S. 31. 190 Anonymus, o. J., S. 18. 191 H. Stöcker, 1970, S. 38. 192 Historisches Archiv des Erzbistums Köln (Akte: St. Mariä Empfängnis (Düsseldorf), Dek. 56, Vol. I und Vol. II, 1). 193 Weiterer, zu damaliger Zeit prominenter Gemeindevertreter war Franz Müller, der in Krefeld-Hüls zusammen mit Reiss an der Gestaltung der Altäre gewirkt hat (Kat.-Nr. 38, 58 und 73). 194 Stadtarchiv Duisburg (Akte Mercator-Denkmal, 10/4825 A). 42 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Zu einer Zeit, als er zwar noch Arbeiten für die Kirche St. Mariä Empfängnis in Düsseldorf ausführte, hatte er aber schon seinen Wohnsitz in ein Krankenhaus verlegt, da er offensichtlich seine Kräfte im Schwinden begriffen sah. Als er 1898 ins Marienhospital (Abb. 26) zog, „[…] schenkte er demselben alle in seiner Werkstatt vorhandenen Modelle. Dieselben fanden Aufstellung in der Kirche, im Schwesternchor, in der Sakristei und draußen am Leichenhaus. Eine Zierde der Kirche bildete vor allem die herrliche Pietà.“195 Leider sind alle Modelle bei mehreren Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Typisch für sein ungebrochenes gesellschaftliches Engagement ist, dass er sich im Hospital sogleich ehrenamtlich an administrative Aufgaben im Verwaltungsrat machte.196 Ein Jahr nach dem Tod einer seiner beiden Schwestern, von der es heißt, er habe sein Leben mit ihr zusammen verbracht, erlitt Reiss mehrere Schlaganfälle.197 Er starb am 1.  Februar 1900, morgens um 3.00 Uhr, im Alter von 64 Jahren.198 199Aus dem Totenzettel, der für ihn verfasst wurde, ergibt sich, dass Reiss nicht nur Werke schuf, die religiösen Themen gewidmet waren, sondern dass er als gläubiger Katholik auch ein Leben geführt hatte, das als ein gottgefälliges bezeichnet werden kann, denn außer den nahestehenden Verwandten, die hier aufgeführt sind, wurde auch der Personenkreis erwähnt, der sich seines sozialen Engagements erinnern wird: „Seine Familie, der er immer eine aufopferungsvolle Stütze gewesen,200 seine vielen Freunde und Verehrer, die Armen und Nothleidenden, welchen er als Mitglied des St. Vincenz-Vereines, ein treuer Helfer war […]“.201 Aus diesen Angaben wird ersichtlich, dass er ein sozial eingestellter Philanthrop war, der nicht nur von seinen Einnahmen gut leben, sondern auch teilen konnte. Sein Engagement galt außer den auf dem Totenzettel Genannten auch seinen Kollegen, die er durch seinen Beitritt im „Verein zur Förderung der Bildhauerkunst im Rheinland und Westfalen“ ab dem Jahre 1896 unterstützte.202 Obwohl ihm seine Mitgliedschaft im Verein des Marienhospitals sicherlich auch beruflich nützlich war, kann doch davon ausgegangen werden, dass er sich auch in diese Gemeinschaft mit einem größeren Betrag einbrachte, denn das Haus konnte nur alleine „[…] durch Beiträge von Katholiken […]“203 erbaut werden. 195 B. Bockholt, 1922, S. 34. 196 H. Stöcker, 1970, S. 12. 197 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000). 198 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000, Totenzettel Reiss). 199 In der zeitgenössischen Presse wurde sein Todestag manchmal auch mit dem 31.  Januar 1900 angegeben (z. B.: Anonymus, 1900, Sp. 250). 200 Seine beiden Schwestern lebten ab den 1890er Jahren wieder mit ihm zusammen. 201 Stadtarchiv Düsseldorf (Akte 0-1-22-577.000, Totenzettel Reiss). 202 W. Funken, 2012, Bd. 1, S. 107. 203 L. Küpper, 1888, S. 101. 43 3 Biografie und künstlerischer Werdegang Als Reiss aus dem Leben trat, hinterließ er aus seiner engsten Familie nur noch eine Schwester204 und zwei Großneffen.205 Wie seine beiden Schwestern war er zeitlebens ehe- und kinderlos geblieben. Vielleicht hängt seine Ehelosigkeit damit zusammen, dass er sein Leben nur der Kunst widmen wollte, da er, wie viele gläubige Künstler früherer Epochen, seine Begabung als ein Geschenk, aber auch als eine Berufung Gottes ansah, der ohne Einschränkung nachzugehen war.206 Das umfangreiche Oeuvre, das er hinterließ, zeugt von seiner unermüdlichen Schaffenskraft, die selbst dann noch nicht nachließ, nachdem er sich für einen dauernden Aufenthalt im Marienhospital entschlossen hatte. Sein vermutlich letztes Werk ist die IV. Kreuzwegstation in der Kirche St. Mariä Himmelfahrt, die mit seinem Namen und der Jahreszahl 1899 versehen ist. Das Gesicht einer an der rechten Seite stehenden Figur, die sich am Rücken Christi stützt, als suche sie dort Halt (Abb. Kat.-Nr. 83.31), spiegelt möglicherweise idealisierende Züge des Künstlers in seinem letzten Lebensjahr wider, der sein weltliches Ende vor Augen hatte. Reiss wurde auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof zur letzten Ruhe gebettet.207 Sein Grab, dessen Gestaltung nicht überliefert ist, existiert heute nicht mehr. 204 Obwohl eine seiner Schwestern, Christine, bereits 1899 starb, waren für das Jahr 1901 noch beide im Adressbuch der Stadt Düsseldorf in der Klosterstraße 128 verzeichnet. Aus der Angabe der Nachnamen ist ersichtlich, dass Luise und Christine, wie ihr Bruder Josef, unverheiratet geblieben waren. Spätestens 1902 scheint auch Luise gestorben zu sein, denn ab 1902 tauchte sie im Adressbuch der Stadt Düsseldorf nicht mehr auf (Stadtarchiv Düsseldorf). 205 Aus einem im Stadtarchiv Düsseldorf befindlichen anonymen Artikel, der weder ein Datum noch den Erscheinungsort enthält, ergibt sich, dass Reiss noch zwei Großneffen namens Manger hinterließ (Inhalt der Akte 0-1-22-577.000). Ein Mitglied der Familie Manger hat in den 1960er Jahren dem Stadtarchiv verschiedene Unterlagen über Reiss zur Verfügung gestellt. 206 Von Reiss’ Zeitgenossen und Bildhauerkollegen Theodor Wilhelm Achtermann ist beispielsweise überliefert, dass er eine solche Haltung mit dem folgenden Ausspruch begründete: „[…], damit ich, wenn Gott mich zum Künstlerberufe bestimme, in Ehelosigkeit einzig der christlichen Kunst meine Zeit widmen könne“. (D. Kaiser, S. 40, 1984). Nicht nur ehelos, sondern darüber hinaus auch keusch bleiben zu wollen, war schon das Credo der Nazarener der ersten Stunde, das sie sich nach der Gründung des Lukasbunds „[…] im Sinne einer neuen Menschlichkeit und sittlichen Erhöhung.“ (U. Voß, 1990, S. 89) auferlegten. 207 Die Einsicht in das vom 1. 1. 1900 bis zum 6. 5. 1907 geführte Alphabetische Beerdigungsregister der Verwaltung des Nordfriedhofs Düsseldorf am 7. 6. 2013 ergab, dass Reiss unter der Grab-Nummer 35/50 und unter der Registernummer 25402 eingetragen wurde.

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References

Zusammenfassung

Anton Josef Reiss, geboren 1835 in Düsseldorf, war einer der berühmtesten und produktivsten Bildhauer seiner Zeit. Seine Skulpturen fertigte er nicht nur für die katholische Kirche an – auch Adelsfamilien und sogar das Kaiserhaus zählten zu den Auftraggebern des begabten Künstlers. Reiss gehörte zum engen Kreis der Spätnazarener Ernst Deger, Franz Ittenbach, Karl und Andreas Müller. Der durchweg hohen Qualität seiner Bildwerke ist es zu verdanken, dass viele von ihnen auch die großen ikonoklastischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die Kunst des Historismus und insbesondere gegen die Werke der Nazarener richteten, überdauerten.

Helga Becker stellt Leben und Werk des bedeutenden Bildhauers nun erstmals mit zahlreichen Abbildungen einer breiten Öffentlichkeit vor.