Einführung in:

Arthur Engelbert

Realtà e finzione - Realität und Fiktion, page 7 - 12

Il mondo di Nino Indaimo - Die Welt des Nino Indaimo

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3855-0, ISBN online: 978-3-8288-6585-3, https://doi.org/10.5771/9783828865853-7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 EINFÜHRUNG Dieses Buch handelt von Begegnungen, die die gewohnte Lebensbahn verändern. Solche Zusammenstöße ereignen sich nicht oft im eigenen Leben. Es sind ganz besondere Situationen. Dabei fängt alles ganz einfach an. Man trifft jemanden und auf einmal wird alles anders als vorher. Das kann auf der Straße, im Grunde genommen überall geschehen. Ein Passant geht eiligen Schrittes vorüber. Wo will er hin? Was hat er Dringliches zu tun? Und dann kippt von einem Moment zum nächsten die Situation. Bin ich das nicht selbst? Wie aber kann das sein? Sehe ich diesem Passanten nicht zum Verwechseln ähnlich? Aber ist es wirklich die äußere Erscheinung? Ist es nicht viel eher eine innere Verwandtschaft? Niemand würde Nino mit mir verwechseln. Wir sind zu verschieden. Sehen ganz anders aus. Er spricht italienisch. Ich deutsch. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Dennoch geschieht von Augenblick zu Augenblick etwas Ähnliches. In diesen Momentaufnahmen gleichen wir uns. Aber in jedem Augenblick sind wir auch nur wir selbst. Kommt es zu einer Überschneidung zweier Momentaufnahmen, 8 geraten wir durcheinander. Dann überlappen sich zwei Momente. Ein anderer durchkreuzt die eigene Lebenslinie. Wir stehen dort, wo der andere sich aufhält. In diesem Moment, der so schnell vorbeigeht, liegt unsere Existenz beschlossen. Ich habe noch ein Foto von dieser Begegnung. Schaue ich auf dieses Foto, erkenne ich Nino. Er steht auf der Bühne und macht eine Ansage. Ich bin gar nicht zu sehen, weil ich das Foto gemacht habe. Ich stehe vor der Bühne und höre zu, verstehe aber nichts, weil Nino italienisch spricht. Noch immer habe ich diese Sprache nicht richtig gelernt. Ich stehe dort, wo Nino steht. Wir leben in fotografischen Augenblicken. Deshalb ist die Kamera unser bester Freund. Sie schaut mit uns auf die bildlich festgehaltene Situation. Da ist jemand zu sehen, der genau das macht, was man selbst auch tut, aber doch ganz anders. Nino und ich durchkreuzen das Bild, das wir uns vom Leben machen. Wir stehen für einen Augenblick an der Stelle, wo der andere sich aufhält. Das Geheimnis des Lebens ist in diesem Moment zum Greifen nahe. Wir können unmöglich den Platz des anderen einnehmen, aber uns verbindet eine ähnliche Aufgabe. Denn wir nehmen eine vergleichbare Position ein. Wir wissen darüber nicht viel zu sagen. Aber die Begegnung legt 9 offen, dass wir etwas Gemeinsames verfolgen. Schon im nächsten Moment sind wir aber wieder mit uns selbst beschäftigt. Die Begegnung zwingt uns, die Verschiedenheit, die eigentlich keine ist, anzuerkennen. Wir gehen auf einander zu und wissen, dass wir ähnliche Motive und Interessen haben. Obwohl Nino ein Tänzer und ich ein Autor bin, arbeiten wir an den gleichen, unsere Kultur übergreifenden Ideen. Wir transportieren unsere Lieder und Geschichten von einem Land ins andere und entdecken dabei, wo unser Platz ist. Die Wanderungen von Ort zu Ort führen uns zu unserer Herkunft zurück. Diese kurz aufleuchtenden Einsichten sind bereits in der ersten Begegnung enthalten und wiederholen sich im Laufe der Zeit, wenn aus der Begegnung ein Interesse für den anderen erwächst. Verstehen können wir uns selbst nur auf Umwegen. Wir brauchen den anderen, der uns den Spiegel vorhält. Ich kann ja auf das Foto schauen und sehen, wie unsere Freundschaft ihren Anfang genommen hat. Aber was ist schon mit dem Wort Freundschaft gemeint? Meine Antwort ist, dass es eine gemeinsame Lesbarkeit von den Unterschieden gibt, die wir uns nicht aussuchen, wenn wir unser Leben gestalten. Weil der Sprung von der Selbstgleichheit hin zur Verwandlung unmöglich ist, lösen 10 wir für einen Moment das Band der Dauer. In diesen Augenblicken liegt eine Ahnung von einer möglichen Verwandlung. Denn ich könnte das gleiche wie Nino tun. Was wir sind und wie wir handeln, verantwortet jeder auf seine Weise. Wir unterscheiden uns der Form nach. Aber wir suchen in unserer Arbeit die Transformation. Dies liegt nicht allein in unseren Händen, sondern in der Gegenwart begründet, in der wir leben. Damit diese Perspektive, die in der ersten Begegnung liegt, deutlicher wird, beschreibe ich mit meinen Worten das Phantastische im Leben von Nino. Ich anerkenne die Realität, die von Augenblick zu Augenblick voranschreitet und suche auch die Fiktion, die in jedem Augenblick aufbrechen könnte. Also verbinde ich Realität und Fiktion und erzähle eine andere Geschichte von Nino. Vielleicht ist es meine eigene Geschichte. Das aber spielt keine Rolle. Denn Nino gewinnt dadurch in den Augen der Leser, für die dieses Buch geschrieben ist, an poetischer Kontur. Damit dieser Umriss einer Person klarer wird, habe ich das Motiv der Begegnung und deren Folgen auf zwei andere Situationen übertragen. Zwei Fabeln ergänzen die gerade angesprochenen Techniken der Übertragung. Anhand dieser Tiergeschichten vereinfacht sich die Frage nach der Identität. Denn 11 diese vermenschlichten Tiere zeigen, wie der Prozess der Formauflösung zustande kommen kann. Tiere können in Fabeln nicht nur unsere Gestalt annehmen und so sprechen wie wir, sondern sie haben auch die Verpflichtung, an unserer Stelle Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu geben. Selbstgleichheit ist unerbittlich, weil sie auf Dauer festgelegt ist. Die Verwandlung ist eine Chance, dieses Band zu durchtrennen. Auch wenn das in der Realität nicht möglich ist, weil die physikalischen Bedingungen festlegen, in welchen Kontexten Lebewesen existieren müssen, können jedoch in der Phantasie Transformationen vorgestellt werden. Die Bühne ist für mich ein Gestell und zeigt alles drum herum, was auf dem Foto unserer ersten Begegnung zu sehen ist. In den Fabeln kann ich mir ausdenken, was ich auf die Bühne bringen möchte. Ich kann Stellen einrichten und Stellung beziehen. Kurz, ich bin als Autor frei. Ich mache die Fabeln zu Lehrbeispielen der Fiktion. Die fiktionale Seite gewinnt gegenüber der realen die Überhand. So kann ich hin- und herstellen, bis die Vorstellung die Umwandlung der für uns handelnden Tiere akzeptiert. Die Tiere in den beiden Fabeln brauchen sich nicht verstellen, um 12 den Wechsel von der Möglichkeit zur Unmöglichkeit zu transformieren. Als Autor verrate ich, was ich anstelle, um die Geschichte von Nino und mir auf eine ganz andere Weise zu verfolgen. Dabei verlasse ich unsere Begegnung und versuche Ideen zu gestalten, die letztlich in unseren Gedanken real und fiktional schon eingeschrieben sind.

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Zusammenfassung

Dieses Buch handelt von Begegnungen, die die gewohnte Lebensbahn verändern. Das kann auf der Straße, im Grunde genommen überall geschehen. Ein Passant geht eiligen Schrittes vorüber. Wo will er hin? Was hat er Dringliches zu tun? Und dann kippt von einem Moment zum nächsten die Situation. Bin ich das nicht selbst? Niemand würde Nino mit mir verwechseln. Wir sind zu verschieden. Sehen ganz anders aus. Er spricht italienisch. Ich deutsch. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Dennoch geschieht von Augenblick zu Augenblick etwas Ähnliches. Obwohl Nino Tänzer ist und ich ein Autor bin, arbeiten wir an den gleichen, unsere Kultur übergreifenden Ideen. Wir transportieren unsere Lieder und Geschichten von einem Land ins andere und entdecken dabei, wo unser Platz ist. Verstehen können wir uns selbst nur auf Umwegen. Wir brauchen den anderen, der uns den Spiegel vorhält.