I Realität und Fiktion. Die Welt des Nino Indaimo in:

Arthur Engelbert

Realtà e finzione - Realität und Fiktion, page 19 - 43

Il mondo di Nino Indaimo - Die Welt des Nino Indaimo

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3855-0, ISBN online: 978-3-8288-6585-3, https://doi.org/10.5771/9783828865853-19

Tectum, Baden-Baden
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19 DIE WELT DES NINO INDAIMO Die Nachricht Schlägt man die Zeitung auf, fällt der Blick selten auf etwas Besonderes, vielleicht auf ein Detail, das einen anspricht. Eine nicht weiter bedeutende Nachricht. So eine hatte ich morgens gelesen. Italienische Wochen in Dortmund. Ein Kulturprogramm mit folkloristischen Auftritten auf dem Alten Markt und im Westfalenpark. Eigentlich bemerkte ich ihn anfangs nicht. Dafür waren meine Augen zu sehr mit den jungen Sizilianerinnen beschäftigt. Im Mai 1981 riss mich etwas aus der gewohnten Bahn. Dieses Phänomen hat einen Namen. Er heißt Nino und ist 28 Jahre alt. Nino ist in der Form seines Lebens, seine Energie ist ansteckend und überträgt sich auf alle Anwesenden. Es erwischte mich auch. Seine Ankündigungen der Lieder und Tänze auf Bühne waren knapp, zwischendurch ein Auflachen und dann steigerte sich die Abfolge der Lieder und Tänze, mitreißend und hinreißend schön, obwohl der Zeitgeist andere Töne und Schrittfolgen verlangte. Uralt und zugleich erfrischend lebenslustig. Nino gab das Tempo vor. Die Wucht eines Kome- 20 ten traf mich, nur merkte ich nichts davon. Eigentlich suchte ich Maria, die die Übersetzung für die sizilianische Gruppe machte. Die Symptome der sizilianischen Krankheit zeigten sich nicht sogleich. Sie durchmischten ganz allmählich meine Art zu leben und stellten einige Prinzipien auf den Kopf. Anfang der achtziger Jahre waren alle Meldungen, die man sonst in den Zeitungen lesen konnte, schon ein Hinweis auf einen Strudel der kommenden Ereignisse, die zu Ende jenes Jahrzehntes die Welt neu ordnen würden. 1981 war noch ein großes Jahr der europäischen Friedensbewegung, ein Jahr später war Helmut Kohl Kanzler in Deutschland und blieb sechzehn nicht enden wollende Jahre an der Macht. Mit meiner Büchertasche ging ich auf Nino zu, lud ihn ein, hielt seine Hand. Damit begann meine Reise zu den Dingen selbst, wie Nino es nannte. Ninos Vitalität schrieb in Büchern Geschichte. Ich las und lebte. Alle aus der Gruppe waren zu uns gekommen. Und blieben bis die letzten Funken ausgebrannt waren. Spaghetti aglio, olio e peperoncino. Ein Fest, von dem noch heute erzählt wird. Es zählt nur das Individuum. Und die Gemeinschaft, wie Nino behauptete. Das Gemeinschaftliche in der Gemeinschaft zu entdecken, ist nicht einfach. Dazu muss der Einzelne 21 sich auf die Suche machen. Wir nahmen Ninos Einladung nach Sizilien an. Nach unserer Rückkehr vom Peleponnes, machten wir einen Abstecher nach Rom, dort entschlossen die beiden Freundinnen und ich weiter nach Sizilien zu fahren. Es bedurfte schon eines langen Umweges, bis wir am Autobahnausgang von Capo d‘Orlando Nino wiedertrafen. Was in den Jahren danach geschah, spiegelt sich in den vielen Reisen, die Nino mit seiner Gruppe unternahm. Es gab kaum einen Fleck auf der Erde, den er nicht aufsuchte, jedenfalls ist die Liste der Orte unglaublich lang. Von überall kamen Einladungen. Nino reiste über die Weltoberfläche wie seinerzeit die Entdecker der Romantik. Sein musikalischer Blick hielt den blauen Augen des Planeten stand, als wäre sein ganzes Dorf für eine Zeitlang woanders zu Gast. Der Einzelne lebt in der Gruppe auf, findet dort seine Abschussrampe, die ihn hinführt, wohin er will, sagte Nino zu mir. Nicht alles ist verständlich, in Worten fassbar. Wahrscheinlich ist das das Phänomen Nino. Er nimmt an allen Geschehnissen im Dorf teil. Jeder, den er trifft, sagt ihm etwas. Das steht dann in der Zeitung. Gemeinschaften wissen vieles über sich selbst. Sie haben einen gemeinschaftlichen Kern, der 22 in der Gruppe zeichenhaft stark wird. Auch das ist ein Aspekt, der auffällig ist, seine Fähigkeit zur Kommunikation, im Grunde genommen ganz selbstverständlich. Nino geht auf jeden zu, wenn er die Runde im Dorf macht. Man muss nur wissen, was man will. Wie aber kann man das? Als Einzelner und Phrasendrescher. Man muss auf die Lieder hören, sehen wie die Leute gehen und tanzen, altes und neues nicht als Gegensatz begreifen, erläuterte Nino, als ich ihn skeptisch anschaute. Die Hinwendung zur Tradition des Liedgutes ist in unseren Breitengraden ungewöhnlich, unzeitgemäß, aber völlig naheliegend. Kennt man die eigenen Lieder, kann man auch das Radio einschalten. Andere Musik auf Reisen hören, wo auch immer. Den Geschmack der Zeit aufgreifen. Die eigene Herkunft zu begreifen, ist nicht einfach, erklärte Nino einmal. Lies in deinen Büchern und Du wirst mich verstehen, setzte er hinzu. Man muss anderen zeigen können, was sie vielleicht überhören, nicht richtig einordnen, schließlich ging es unseren Vorfahren, als sie die Lieder und Gedichte schrieben, doch nicht viel besser als uns. Aber sie strengten sich an. Holten ein Körnchen Wahrheit aus ihren nicht einfachen Leben. Wenn auch vieles im Refrain sich 23 verliert. Ganz allmählich entdeckte ich, dass Nino eine Methode hat. Aber worin bestand diese? Ich weiß es, nicht genau zu sagen, aber dieser kleine Essay will darauf eine Antwort geben. Die Methode Nino redet und entwickelt beim Sprechen eine Idee. Unsere Methode ist die Gruppe. Jeder kennt seinen Part und dann üben wir, zweimal die Woche. Hier in Ficarra. Wir leben in den Nebrodi, einem einzigartigen Gebirgsmassiv. Es ist entgegen dem Wellenschlag des Meeres gefaltet. Auf einer dieser Wellenspitzen ist unser Dorf gebaut. Für immer. Das Meer ist nicht weit; wir können von oben aus sogar die äolischen Inseln sehen. Mal ist das Meer ruhig, mal ist es bewegt. Die Falten der Nebrodi verkörpern das unruhige Meer. Steingeworden. Die ruhige, sanfte Seite des Meeres gibt es aber auch. Im Sommer ist die spiegelglatte Küste großartig. Sie lädt zum Schwimmen ein, aber nicht nur das. Etwas zwischen dem Gebirge und dem Meer stimmt uns freundlich. Das Meer strahlt sowohl Ruhe als auch Bewegung aus. Wir haben diese uralten Kräfte in uns. Die Kultur ist die geologische Erinnerung unserer Vorschichte. Das 24 meine ich mit Methode. Die Struktur dieser Methode hat in unserem Körper ihre Sprache gefunden. Auf der einen Seite gibt es die Zusammensetzung der Gruppe. Jeder hat seinen Platz in dem Gefüge. Das lernen die Musiker oder die Tanzpaare nach und nach kennen. Wir üben nie alles. Eine optimale Besetzung ist ebenso möglich wie die minimale. Jeder weiß das, kennt seine Aufgabe. Übungen und Aufführungen sind also zweierlei. Auf der anderen Seite muss man unsere nicht sichtbaren Begleiter berücksichtigen: Die Nebrodi, unsere Berge tanzen und musizieren mit. Das ist unser Geheimnis, denn wir kommunizieren mit unserer eigenen Geschichte. Versteht man das, hat man auch die Methode, die ich angesprochen habe, im Blick. Die Geschichte gibt und nimmt uns alles. Ehe wir uns versehen, verlieren wir den Kopf, werden irre oder fallen hin und können nicht mehr laufen, bis unsere Seele uns wieder aufrichtet und unseren Gang korrigiert. Die Methode liegt also nicht völlig in unserer Hand. Das sage ich als ein moderner Mensch, als jemand der hier und heute lebt. Die Lebenszeit können wir uns nicht aussuchen. Sizilien ragt in das Mittelmeer hinein. Unsere Küsten sind von den umliegenden Ländern gut erreichbar. Für Flüchtlinge, Einwande- 25 rer, Gäste und Eroberer. Die sizilianische Kultur ist hybrid. Seit zweieinhalb Jahrtausend. Auch das fließt in unsere Methode ein. Aus mir spricht sowohl ein stoischer als auch vernünftiger Römer, man hört aber auch die Stimmen der antiken Griechen, mittelalterlichen Flüche und Segenssprüche der Normannen und Araber oder den konzilianten Ton der Franzosen. Alles zugleich bilde ich mir ein. Wahrscheinlich bin ich ganz einfach nur ein Italiener, der eine folkloristische Gruppe trainiert. Was denn sonst? Lassen wir die Vergangenheit. Wir sprechen über unsere eigene Geschichte sowieso nur aus der Perspektive Gegenwart. Mehr wissen wir nicht. Eine Mischung, eine Überkreuzung vieler Kulturen, die uns einiges hinterlassen hat, kann sein. Eine Ahnung jedoch, wie es ehemals war, ist kaum noch möglich. Dafür sind wir zu gradlinig. Die von mir angesprochene Methode kreist darum, ist auf ihre Weise dadurch gewachsen; sie hat historische Schichten konstruiert. Annahmen sonst nichts. Das möchte ich deutlich machen. Darüber spreche ich in der Gruppe, bei unseren Übungen. Manchmal finde ich die richtigen Worte, manchmal auch nicht. Obwohl ich immer die gleiche Geschichte erzähle. Dann sage ich zu den Jüngeren, hört mal, in unseren Bergen wohnt noch immer der griechische 26 Gott Apoll und im Meer sein Widerpart Poseidon. Die alten Heroen leben noch, nur dass sie in unserer Zeit von Hollywood Schauspielern verkörpert werden. Weil ich nicht über die Macht des Kinos verfüge, bin ich erfinderisch, lasse meinen Gedanken freien Lauf und schweife ab, um die Gefahren unserer Kunst zu schildern. Die Kraft der Imagination wird durch unsere Energie bezeugt. Das ist die sizilianische Krankheit, mein Lieber. Darauf lenke ich immer wieder hin. Und auf Hephaistos, einem anderen griechischen Gott, der Klumpen ins Meer warf, woraufhin die äolischen Inseln entstanden. Dieser griechische Gott ist unser Schutzpatron. Er schmiedet nicht nur Waffen, sondern auch Pläne. Die Unruhe in uns ist auf ihn zurückzuführen. Man sagt, er hinke. Das ist komisch und lebensnah, nicht so perfekt, wie so viele technische Dinge um uns herum. Hören die Jüngeren mir zu, lasse ich mich mitreißen, dann spiele ich den Gott Dionysos. Ich spreche von dem Rausch durch Lieder und Tanz, den wir auf die Bühne bringen. Meine Rolle in der Gruppe ist klar. Der Rhythmus der Schritte und der Stimmen ist ein uralter Antrieb in uns. Wir müssen über uns selbst hinausgehen. Uns zerfetzen. Solche Sätze werden gemocht, nutzen sich aber auch schnell ab. Denn die 27 Sprache der Worte ist ein wenig hohl. Deshalb greifen wir andere Ausdrucksmöglichkeiten auf. In den Aufführungen sind wir mehr präsent, als wir glauben. Manchmal, aber nicht immer sind wir überzeugend. Wie viele Lieder wir bereits einstudiert und wie viele Schrittfolgen wir kennengelernt haben. Daraus haben wir ein Programm zusammengestellt. Das Programm verändern wir, je nach dem Stand unserer Studien, den Aufführungsorten und der Stimmung unseres Publikums. Wir üben solange, bis jeder Schritt sitzt und alle Strophen auswendig gesungen werden. Das sind eure Entfaltungsmöglichkeiten, gebe ich zu bedenken. Mehr ist aus der Methode selbst nicht herauszuholen. Begeistern wir uns selbst. Das wird unser Publikum beeindrucken. Unsere Gesichter sind Masken und unsere Körper stecken in Kostümen, die wir pflegen. Am Schwierigsten ist diese Stelle, wenn ich auf Masken und Kostüme näher eingehe. Denn bei unseren Auftritten zeigen wir unser wahres Gesicht, das hinter jeder Maske verborgen liegt. Unser Erfolg ist, dass wir dem Publikum unsere Gesichter hinter den Masken zeigen, die heutzutage alle tragen und über Displays kommunizieren. Das ist ungewöhnlich. Denn eigentlich sind wir – trotz der Kostüme – nackt. Kinder 28 unserer Zeit. Deren Begeisterung in der Bewegung der Körper und im Klang der Stimmen liegt. Unsere Aufführungen kehren die Verhältnisse um, geben der Zeit ein Gesicht und einen Klang, den unsere dahinrasenden Füße und Stimmen verursachen. Wenn es ganz gut läuft, sage ich noch: Auf der Bühne drücken wir Emotionen aus. Sind wir auf der Höhe der Zeit. Was uns fehlt, ist nicht eine andere Methode, denn die ist richtig, sondern eine noch zu erfindende Technik, um die Gegenwart zum Sprechen zu bringen. Immerhin haben wir schon ein paar Tricks, die wir ganz gut beherrschen. Kultureller Austausch Auf unseren Reisen praktizieren wir eine Grundidee, die uns immer wieder aufs Neue fordert: Vitalität. Ihr habt es raus, heißt es meistens, wenn wir eingeladen werden. Wir brauchen also nichts anderes zu tun, als zu warten, bis sich jemand meldet, der die Kultur Siziliens bzw. Italien mit Geschäften verknüpfen möchte. So spricht der Organisator Nino zu mir. Er nimmt mich beiseite und erklärt mir den Erfolg der Gruppe. Nimm das mit den Tricks nicht zu wörtlich. Wir verstehen uns auf bestens vorbereitete Kunst- 29 stücke, fügt er hinzu. Als ich die folkloristische Arbeit begann, stand die Frage an, wohin soll ich mich wenden? Über das Verhältnis von unserer Tradition zur Gegenwartskultur, von unserer verschachtelten Über lieferung, habe ich schon gesprochen. Sizilien trägt eine Vielzahl von Einflüssen in sich. Will das heu tige Sizilien verstehen, auch den Aufstieg der Mafia nach dem zweiten Weltkrieg, sollte man die Vergangenheit kennen. Das ist aber längst noch nicht alles, wovon wir tangiert werden. Was geht in der Welt vor? Wohin entwickelt sich diese? Ist es unsere Aufgabe, dabei mitzuspielen? Solche Fragen stellte ich mir und entdecke, dass viele andere Menschen in Europa und in anderen Erdteilen, ähnliche Fragen haben. Uns ist gemeinsam, dass wir auf ein und den gleichen Trabanten leben, dessen Belastungsgrenze erreicht ist. Deshalb suchen wir nach Alternativen. Das Kunststück war, unsere Reisen unter dem Aspekt des kulturellen Austausches zu konzipieren. Kultureller Austausch ist kein neuer Gedanke; er gehört zur hybriden Kultur in Sizilien von Anfang an dazu. Aber ich sah, dass vor allem nach dem Fall des eisernen Vorhangs, die Welt eine andere geworden war. Schon vor dieser großen historischen Zäsur haben 30 wir andere Kulturen besucht. Danach habe ich diese Idee weiter ausgebaut. Die historischen Räume rund um das Mittelmeer scheinen nur eine Vorgeschichte des neuen Empires zu sein, welches wir nun bereisten. Die Globalisierung hat unseren Reisen sozusagen die Richtung gewiesen. Seit 1989 sind wir in vielen Ländern gewesen, haben dorthin unsere Kultur und Lebensfreude gebracht (Australien, Frankreich, Tunesien, Tschechien, Rumänien, Portugal, Frankreich, Süd Afrika, England, Spanien, Bulgarien, USA, Polen, Uganda, Australien, Schweiz, Ungarn, Kolumbien, Malediven, Japan, Venezuela und mehrfach in Deutschland). Uganda möchte ich herausgreifen. Denn dieses Land hat mir vieles bewusst gemacht, weltpolitisch und weltkulturell. Fünf Jahre nach dem Völkermord in dem Nachbarland Ruanda waren wir dort, haben die Natur und Kultur dieses Landes kennengelernt. Erstmals haben wir transkulturelle Initiativen ergriffen und beispielsweise Kinder aus Uganda nach Sizilien geholt. Nie werde ich das Hände-Theater zu Vollmond an einem dieser mystischen Abende in Uganda vergessen. Es war ein uraltes Fangspiel mit den Händen. Der Dorfspielplatz hatte die Größe des Himmels an- 31 genommen. Wir warfen uns den Mond zu. Hin und Her. Lag der Mond in unseren Händen, gaben wir ihn nicht sogleich her. Er fühlte sich so vertraut an. Für einen Moment gehörte er uns allein. Wir würden gern mehr tun und haben noch längst nicht alles verarbeitet. Man stelle sich einmal eine sin gende und tanzende Folkloregruppe in einem afri kanischen Dorf vor. Wir haben getan, was wir immer getan haben und damit Begeisterung ausgelöst. Durch Gestaltungskraft. Das heißt, wir konnten mit der Lebensenergie in Uganda Schritt halten. Das hat uns nachdenklich gestimmt. Denn es steht gegenwärtig die Frage an, wie wir unsere Arbeit fortsetzen. Der kulturelle Austausch mit den Menschen in Afrika und anderswo hat uns auf uns selbst zurückgeworfen. Wer sind wir, was ist unsere Aufgabe, haben wir unsere Möglichkeiten wirklich erkannt? Unsere Kunststücke, um darauf wieder zurückzukommen, sind keine Feuerwerke, die am abendlichen Himmel abgebrannt werden und dann ist es mit dem schönen Zauber bei Licht besehen vorbei. Zumindest ist das mein Anspruch. Mir gefällt nicht, dass kulturelle Formen verwertbar gemacht werden. Unsere Aktie in dem globalen Spiel hat einen Namen: Vitali- 32 tät, trotz aller Beschränkungen der Umwelt, die anzuführen sind und trotz aller Probleme um uns herum, die uns im Alltag drangsalieren. Gern setzen wir unsere Lebensenergie unter den Bedingungen anderer Kulturen ein. Es ist eine Change mehr zu wollen und zugleich eine Niederlage, weniger zu erreichen, als wir vermögen. Wir möchten den kulturellen Austausch nutzen, etwas dazu beitragen, dass wir anders wahrgenommen werden. Folklore ist keine buchbare Safari, sondern lebt sozusagen von der Steigerung der Ausdruckskraft. Das haben wir praktiziert, das ist die Story der Nebrodis. Die Frage aber ist, welche Form wir zukünftig dafür finden werden. Eine innere Stimme hilft uns dabei. Sie lenkt uns, aber es liegt an uns, diese Figur auch zu erkennen. In der Summe der Figuren gibt es eine, die auch alle anderen umfasst, ich meine den Marionettenspieler, der ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Die Gestalt des Marionettenspielers verlangt eine Modifikation. Eine vage Vorstellung schlummert noch in uns. Besser gesagt, sie geistert in uns, aber begeistert uns nicht mehr, treibt ihren Spuk in unserem Gehäuse, fasziniert unser Bewusstsein, wogegen wir wehrlos sind, wie bei Gespenstern, die nach Mitternacht in einem verwunschenen Schloss ihr Unwesen veranstalten. Die Frage 33 also ist, ob wir vorankommen, wenn wir die Kulturen übergreifende Metapher des Marionettenspielers für unsere Zwecke tauglich machen. Deshalb bauen wir die schon skizzierte Methode in Ficarra weiter aus, notwendigerweise. Der kulturelle Austausch hilft uns dabei. Es bedarf zunächst einer systematischen Aufarbeitung aller unserer zurückliegenden Erfahrungen. Wir müssen uns erinnern. Nur so können wir einen kritischen Diskurs beginnen und hierzu andere, die sicherlich ähnliche Sichtweisen haben, einladen, mit uns zusammen neue Vorstellungen zu entwickeln. Das ist nach den vielen Reisen und Auftritten mein größter Wunsch. Man kann es auch direkt aussprechen: der Folklorist in uns muss kulturell bereichert, auf eine andere Stufe gehoben werden. Der Marionettenspieler oder die Zukunf t der Bühne Vor drei Jahren las ich morgens in der Zeitung, dass es in Sizilien ein Fest der Marionetten gehen soll. Ich rief sogleich Nino an und fragte ihn, ob er davon gehört habe. Nein, das stimme so nicht. Es gäbe Überlegungen für ein internationales Marionettentheater. Egal, was sich in diesem Sommer tun wird, die Figur 34 des Marionettenspielers sei interessant. Lass uns darüber sprechen, komm hierher. Ich nahm die Einladung an und verbrachte zwei Wochen im August in Ficarra. Dass ich einem dieser sagenumwobenen Marionettenspieler wirklich begegnen würde, schloss ich aus, als ich mich auf den Weg machte. Aber ich freute mich auf ein Wiedersehen. Nino war in den ersten Tagen nirgends zu finden, niemand schien ihn gesehen zu haben. Plötzlich stand er vor mir. Er habe ihn gefunden, meinte er nur. Wen? Wollte ich wissen. Das wirst du gleich selbst sehen. Es sei nicht ganz einfach gewesen, einen wirklichen Marionettenspieler zu finden, dabei leben sie unter uns, seien aber scheu geworden und man sähe ihnen ihre Profession nicht mehr an. Ich folgte Nino bis ans Ende des Dorfes. Wir setzen uns hin. Viel dürfen wir von einem Zusammentreffen mit einem Marionettenspieler nicht erwarten. Mahnte Nino. Er führe uns an der Nase herum. So sei das nun einmal mit den Strippenziehern, die auf eine Vorzeit zurückblicken können, die wir längst aus den Augen verloren haben. Er glaube nicht, dass ein Marionettenspieler helfe, unsere Idee von Kultur zu fördern. Aber ihm sei jedes Mittel recht, dass uns in unserem Verständnis einer modifizierbaren Tradition voranbringe. Es war heiß, 35 wir hatten Zeit und ahnten schon die kommende Begegnung voraus. Wir schauten auf die nächsten Hügel, dämmerten vor uns hin und bemühten uns, die Augen aufzuhalten. Unser Erdball hängt an kaum noch sichtbaren Fäden. Und doch sind wir es selbst, die die Umwelt belasten. Man müsste die Fäden neu spinnen, den Spinnen der großen Netzwerke das Tanzen und Musizieren nahe bringen. Wir verloren uns in Gedanken und sahen alles nur noch verschwommen, als zöge die Gedankenschärfe ihre Kraft aus der zunehmenden Unschärfe der Umwelt. Ganz vorsichtig kommt der Marionettenspieler auf uns zu. Seine Bewegungen sind elegant. Man sagt, dass er auch tanze, wenn niemand zuschaut – gegen Abend. Er liebt Puppen und Automaten. Wenn er Zeit hat, repariert er die Mechanik der Puppen, tauscht alte gegen neue Kleider aus und wechselt die Fäden. Er beherrscht die Kunst des Gleichgewichts. Es ist gar nicht so einfach, den Schwerpunkt bis zu dem Punkt zu verlagern, wo es leicht fällt, die Schritte in ein Muster zu überführen. Der Marionettenspieler zeichnet diese Formen auf. Schrittfolgen, Tanzschritte, ganze Choreographien. Man sieht ihn entweder in perfekter Selbstbeherrschung gehen oder in konzentrierter 36 Ruhe zeichnen. Nach dem Zeichnen zerreißt er das Blatt. Bis nur Schnipsel übrigbleiben. Diese fasst er dann mit einer Hand und wirft sie in die Luft. Papier regnet auf die Erde nieder. Was wäre, denkt er, wenn ich nicht nur meine schönen Zeichnungen, sondern die vielen Buchseiten, auf denen meine Lieblingsideen stehen, nach und nach in die Lüfte würfe? Was das wohl für ein Bild ergäbe? Der Marionettenspieler fing an, zu sich selbst zu sprechen. Er fragt sich, was ihn aus dem Konzept gebracht hat. Und schaut sich um. Ist niemand da, der ihn zuhört? Kontinuierlich haben die Stimmen in ihm zugenommen. Seitdem er seine eigene Stimme nicht mehr den Puppen leiht, weiß er nicht, mit wem er reden soll. Still. Es ist Mittag. Zu dieser Zeit fällt es kaum auf, wenn er seine Puppen aufsucht und die Tür öffnet. Die eine oder andere Marionette aufhebt und frei in der Luft hängen lässt. Einige Fäden müssen gestrafft werden, sonst baumeln die Glieder leblos herum. Es fällt ihm schwer, etwas zu sagen. Ist nicht schon alles gesagt worden? Alle Geschichten, hat er durchgespielt. Nun fällt ihm nichts mehr ein. Seine Stimme versagt. Sprechautomaten. Das würde ihm gefallen. Die würden von allein sprechen. Er brauchte nichts tun. Nur zuzuhören. Das wünscht er 37 sich insgeheim. Dass seine Puppen selbstständig den Mund aufmachen und ihn unterhalten. Warum seid ihr nur so stumm? Fragt er und schaut auf den taumelnden Ritter unter seinen Händen. Es prickelt in seinen Fingerspitzen. Ruckartig bewegen sich seine Hände. Die Bewegungen gehen nicht vom Marionettenspieler aus. Etwa von dem Ritter, der sich anschickt für ein Duell? Der Marionettenspieler schaut besorgt. Was geht hier vor? Ich habe ihn doch entwaffnet. Wo kommt auf einmal sein Ehrgeiz her? Er hat doch nichts in der Hand, mit dem er auf eine andere Figur zuschlagen könnte. Was ist denn das? Sehe ich richtig? Ist er gerade dabei, mit einer Hand eine Faust zu machen? Gegen wen ist diese Faust gerichtet? Der Marionettenspieler blickt in die Runde. Die anderen Puppen liegen ohne die lebensspendende Kraft der Fäden wie tot am Boden. Ist die Faust gegen ihn gerichtet? Warum droht ihm diese Puppe? Oder will sie ihm sagen, dass er sich selbst bedrohe, ohne es zu merken. Warum kannst du nicht sprechen? Wo hast du nur dein Sprechwerkzeug gelassen? Die Stimme des Marionettenspielers erhebt sich, nur ein einzelner Ton ist vernehmbar und dieser treibt 38 ein Spiel mit ihm, hallt im Raum nach, immer wieder. Stopp. Es gibt doch nur mich, denkt der Puppenspieler. Ich spreche zu mir selbst. Meine Worte führen eine Klage gegen mich selbst. Und da ist diese Faust, die dies in Worte, besser gesagt in eine Geste fasst. Was will ich mir selbst damit sagen? Habe ich mir überhaupt etwas zu sagen? Bislang habe ich doch nur einen Monolog geführt und die stumme Geste der Faust gespürt. Meine Worte sind Schläge, die mich treffen wollen, sie führen Befehle aus. Die Androhung der Gewalt irritiert mich. Ich bin doch ein Marionettenspieler und kein Boxer. Ich will mich mit niemanden schlagen, außer mit mir selbst, obwohl ich manchmal dazu Lust verspüre. Vielleicht fehlt mir einfach das Publikum? Dann könnte die Faust der Puppe eine dramatische Wendung nehmen und den Fortgang auf der Bühne bestimmen. Auf einmal kommt ihm ein Gedanke. Die Puppe will nicht mehr unter seinen Händen sein. Ich soll sie loslassen. Das Zeichen der Faust ist unmissverständlich. Lass mich endlich frei! Wie aber das? Lass ich dich los, fällst du herab und liegst leblos wie die anderen am Boden. Der Marionettenspieler bemerkt jetzt, dass er die Puppe angesprochen hat. Er hat sie sogar geduzt. Könnte sie reden, hätte sie ihm geantwortet. 39 Vielleicht spricht sie eine Sprache, die er nicht kennt oder hören kann? Aus der Geste der Faust spricht eine Klage, die er allmählich besser versteht. Ich lasse dich los, sagt der Marionettenspieler, entwaffnend. Jedes Spiel hat einen Anfang und ein Ende. Auch ein Endspiel. Wahrscheinlich hatte der Marionettenspieler geglaubt, er könne ewig sein Spiel mit ihm machen. Der Ritter blickt an sich herab. Es zupft nun nicht mehr. Niemand befiehlt ihm. Geh hierhin, geh dorthin, bleib stehen, heb den rechten Arm. Wie er das gehasst hat. Er braucht keine Fäden, die ihn aufrichten. Alle Regungen kommen nun von ihm selbst. Er kann allein viel besser zurechtkommen. Sehr gut sogar. Die ruckartigen Bewegungen gehören endgültig der Vergangenheit an. Er fühlt, wie eine elastische Spannkraft seinen Puppenkörper durchzieht und strafft. Toll. Er dreht sich, musiziert mit der Flöte und übermütig, wie er sich gerade fühlt, sieht er seinen von Marionette zu Marionette wandernden Körper. Frei sein heißt, die Herrschaft über den eigenen Körper aufzugeben. Was ist schon der Körper einer Marionette? Habe ich erst meine Sprache gefunden, werdet ihr staunen, sagt er laut vor sich hin. Worüber nur? Er werde aussagen. Vor allen Zuschauern. Er 40 hält sein Faustpfand hoch, öffnet die Hand und betrachtet den leuchtenden Mond. Das silberne Licht Siziliens. Das Seelenlicht der Puppe. Als den Marionettenspieler die Kräfte verließen, und er vor lauter Müdigkeit zu Boden fiel, purzelte aus seinen Taschen das Alphabet, mit dem er ihn immer drangsalierte, Buchstabe über Buchstabe stürzte zur Erde. Während der Marionettenspieler einschläft, stehen die anderen Puppen schon am Ausgang. Sie alle haben Applaus verdient. Der Schluss und eine Idee für das Danach Wir reiben uns den Traum aus Augen und applaudieren mit. Im tosenden Beifall verbeugen sich die Marionetten. Wir sind gerührt. Dann wird es ruhiger. Vor uns liegt die Gebirgslandschaft der Nebrodi. Der Marionettenspieler mit seinen Puppen ist nirgends zu sehen. War er überhaupt da? Dass wir eingenickt sind, hat uns sichtlich gut getan. Wir fühlen uns nun frischer. Nino fragt, was ich geträumt habe. Jeder habe doch seinen eigenen Traum. Die Welt der Träume sei sehr persönlich. Noch. Wir erleben die Welt mit geschlossenen Augen anders. Wachen wir auf, sind die Dinge 41 schön geordnet und hängen an Fäden, die wir für unsere Realität halten. Die Fäden um uns herum sollten aber nicht in unseren Schlaf eindringen. Zum ersten Mal hat Nino ein Wort für die Bereicherung der Kultur. Was droht uns? Aus welchem Traum sind wir aufgewacht? Werden Puppen beiseite gelegt oder Maschinen ausgeschaltet, liegt das in unserer Hand. Wir legen den Hebel um. Wir schalten ein und aus. Sind wir müde, schlafen wir ein, haben wir ausgeschlafen, wachen wir auf. Das ist der Gang der Dinge. Dieser Wechsel bestimmt seit je unseren Rhythmus. Mit dieser Gemütlichkeit scheint es aber für immer vorbei sein. Ein für allemal. Haben wir wirklich nur geträumt? War das Marionettenspiel ein Gleichnis, damit wir endlich aufwachen? Sollen wir diesen Traum ernst nehmen? Dürfen wir ihn deuten? Was aber besagt er? Hat uns der Traum die schon bald anstehende Programmierung nächtlicher Lebensressourcen bewusst gemacht? Wir werden die Ausbeutung der Schlafs, die Verkürzung und Vereinheitlichung der Traumzeiten nicht verhindern können. Der Mond in unseren Händen schützt uns davor nicht mehr. Er hat uns ein letztes Mal gewarnt. Vor unseren Betten stehen bereits 42 Traummaschinen. Das sind Marionetten, Automaten, Traumfahrzeuge. Nenn es, wie du willst, meint Nino. Schau genau hin. Ihnen fehlen nur die Fäden. Im Schlafsaal der Zukunft träumt niemand mehr für sich allein. Die Traummaschinen werden in unsere Körper hineinspazieren. Marionetten brauchen keinen Schlaf. Die Trennung von Nacht und Tag gehört einer vergangenen Zeit an. Eine neue Geschäftsidee hat den Kreislauf des Lebens erfasst. Der Marionettenspieler hat es weit gebracht und wird unglaublich viel verdienen. Die Bereicherung der Kultur hat aber mitgehalten. Folklore ist dem Marionettenspieler turmhoch überlegen. Folklore ist die Kunst der Erinnerung. Unser Publikum darf träumen, wenn wir tanzen und musizieren. Und ein paar Überraschungen gibt es in Zukunft auch noch, fügt Nino hinzu. 43

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Zusammenfassung

Dieses Buch handelt von Begegnungen, die die gewohnte Lebensbahn verändern. Das kann auf der Straße, im Grunde genommen überall geschehen. Ein Passant geht eiligen Schrittes vorüber. Wo will er hin? Was hat er Dringliches zu tun? Und dann kippt von einem Moment zum nächsten die Situation. Bin ich das nicht selbst? Niemand würde Nino mit mir verwechseln. Wir sind zu verschieden. Sehen ganz anders aus. Er spricht italienisch. Ich deutsch. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Kulturen. Dennoch geschieht von Augenblick zu Augenblick etwas Ähnliches. Obwohl Nino Tänzer ist und ich ein Autor bin, arbeiten wir an den gleichen, unsere Kultur übergreifenden Ideen. Wir transportieren unsere Lieder und Geschichten von einem Land ins andere und entdecken dabei, wo unser Platz ist. Verstehen können wir uns selbst nur auf Umwegen. Wir brauchen den anderen, der uns den Spiegel vorhält.